VORBEMERKUNG. (continued 2)
Reading edition
Ich macht ihm deutlich, daß das Leben Zum Leben eigentlich gegeben. So lang man lebt, sei man lebendig![171]
Allein wenn auch Faust sich zunächst in schwerer Schuld verstrickte, so gewann er doch wieder im Leben, wo er sie allein gewinnen konnte, die Kraft zu einem höheren Leben. Aus der kummervollen Sphäre des ersten Teils, ähnlich der, die der junge Dichter selbst durchlebt, erhob er sich zu höheren Regionen in würdigere Verhältnisse[172]: Goethe wußte daher wohl, was er sagte, wenn er kurz vor seinem Tode an Humboldt schrieb (am 17. März 1832): Es sind über sechzig Jahre her, daß die Conception des Faust bei mir jugendlich von vornherein klar, die ganze Reihenfolge der Scenen hingegen weniger ausführlich vorlag.[173]
Es bleibt nun noch eine Frage zu beantworten: Weshalb erscheint der Erdgeist in widerlicher Gestalt? Im Fragment ist zwar bereits diese scenarische Bezeichnung getilgt, aber nicht Fausts Entsetzen. »Schreckliches Gesicht« ruft er auch hier sich abwendend aus, nicht minder das: »Weh, ich ertrag dich nicht.« Knüpfen wir zunächst an das letztere an, so ist es klar, daß das Ungeheuere der Erscheinung auf Faust einen niederdrückenden Einfluß ausüben mußte. Goethe selbst erklärt, wie in seiner Jugend das Erhabene, das sein Gefühl formlos oder zu unfaßlichen Formen gebildet hervorbrachte, ihn mit einer Größe umgeben mußte, der er nicht gewachsen war[174]. Überhaupt lag es in seiner Natur, daß er alle Eindrücke zu stark empfand, daher er sich bemühen mußte, sich von dem Drang und Druck des Allzuernsten und Mächtigen zu befreien, das in ihm fortwaltete[175]. In diesem gesteigerten Empfindungsvermögen lag eben die Stärke und Schwäche seiner dichterischen wie menschlichen Natur. Werther erliegt aus diesem Grunde unter der Gewalt der Herrlichkeit der Natur, die ihm erschienen ist[176]. Ähnliches konnte er auf der Sommerreise 1774 von Fritz Jacobi erfahren, was er gewiß damals als etwas, das ihn auf das heftigste erschüttert hatte, dem neuen Freunde nicht vorenthielt. Er schreibt darüber später: »Es war nämlich jenes Sonderbare, eine von allen religiösen Begriffen ganz unabhängige Vorstellung endloser Fortdauer, welche mich in dem angezeigten Alter, (im achten oder neunten Jahre) bei dem Nachgrübeln über die Ewigkeit a parte ante, unversehens mit einer Klarheit anwandelte, und mit einer Gewalt ergriff, daß ich mit einem lauten Schrei auffuhr und in eine Art von Ohnmacht versank.———«
»Der Gedanke der Vernichtigung, der mir immer gräßlich gewesen war, wurde mir nun noch gräßlicher; und ebensowenig konnte ich die Aussicht einer ewig dauernden Fortdauer ertragen.———Ohngefähr von meinem siebenzehnten bis in mein dreiundzwanzigstes hatte ich mich in diesem letzteren Zustande befunden, (er glaubte, die Erscheinung habe für ihn das Fürchterliche verloren) als auf einmal die alte Erscheinung wieder vor mich trat. Ich erkannte ihre eigene gräßliche Gestalt, war aber standhaft genug, sie festzuhalten für einen zweiten Blick, und wußte nun mit Gewißheit, sie war! Sie war, und hatte ein in dem Maße objectives Wesen, daß sie jede menschliche Seele, in welcher sie Dasein erhielt, gerade so wie die meinige afficieren müßte.———Seitdem hat diese Vorstellung, ohngeachtet der Sorgfalt, die ich beständig anwende, sie zu vermeiden, mich noch oft ergriffen. Ich habe Grund zu vermuten, daß ich sie zu jeder Zeit willkürlich in mir erregen könnte, und glaube, es stände in meiner Macht, wenn ich sie einige Male hinter einander wiederholte, mir in wenig Minuten dadurch das Leben zu nehmen[177]«.
Es ist also einmal das Ungeheuere der Erscheinung, das Faust niederdrückt und ihm dabei das Gefühl der eigenen Kleinheit gibt[178]. Damit aber verbindet sich, insofern dem Menschen enthüllt wird, was ihm verborgen bleiben soll, das Schreckliche, Gräßliche. Es ist ein uralter Glaube, daß die Erkenntnis des dem Menschen Verbotenen ihn mit Abscheu, Schrecken, Widerwillen erfüllt. Der erste Mensch, der gegen Gottes Gebot von dem Baum der Erkenntnis gekostet, scheut sich vor seiner eigenen Blöße. Der Jüngling von Sais bleibt von Entsetzen gepackt, da er den Schleier der Gottheit gelüftet[179]. Darum warnt Goethe selbst in dem Gedichte »Genius die Büste der Natur enthüllend.«
Bleibe das Geheimnis teuer! Laß' den Augen nicht gelüsten! Sphynxnatur, ein Ungeheuer, Schreckt sie dich mit hundert Brüsten.
Dazu der gute Rat, der auch Faust gilt:
Suche nicht verborgene Weihe! Unterm Schleier laß das Starre! Willst Du leben, guter Narre, Sieh nur hinter dich ins Freie![180]
Dazu kommt endlich noch, daß für den Künstler Goethe des Ungeheuere auch ein ästhetisches Unbehagen erzeugt. »Soll das Ungeheure«—meint er später—nicht erschrecken; so muß es eine unnatürliche, scheinbar unmögliche Verbindung eingehen, es muß sich das Angenehme zugesellen[181]. Aus diesen Gründen also erscheint der Erdgeist, da ihn Faust mit unnatürlichen, verbotenen Mitteln Gestalt anzunehmen gezwungen hat, um ungeduldig eine Erkenntnis vorweg zu nehmen, die ihm erst im Lebensgange erwachsen sollte, in schrecklicher, widerlicher Gestalt[182].
Sobald aber der Geist verschwunden ist und Faust nicht mehr unmittelbar unter dem Banne des Schrecklichen steht, endlich gar sich sein Famulus Wagner angekündigt, denkt er nur noch daran, daß er gewürdigt worden ist, den Geist zu schauen, daß bei der Erscheinung, wenn er sie auch nicht völlig fassen konnte, ihm doch eine Fülle von Erschautem zu Teil geworden ist. Daher fühlt er sich auch, da Wagner sich naht, noch tiefer niedergedrückt wie durch des Geists Erscheinen[183]. Keineswegs ergreift ihn das Gefühl der Überlegenheit über ihn, sondern nur das, daß er durch ihn wieder zum Kleinlichsten und Beschränktesten der Menschennatur herabgezogen werde in einem Augenblicke da er sich in der Fülle dessen, was er gesehen hatte, zu verlieren sehnte.
Mit Recht konnte daher auch Faust die Erscheinung des Erdgeistes als sein höchstes Glück bezeichnen[184], vor allem aber wegen des danach erfolgenden Bundes mit dem Teufel. Der Widerwille des Dichters gegen diese ihm von der Sage gebotene Weiterführung des Dramas drückt sich aufs deutlichste in dieser bereits im Fragment mit V. 166 = 519 vorgenommenen Änderung aus[185]. Die Wendung des Motivs dahin, daß sich Faust an Wagners Kleinheit[186] aufrichtet, gehört der Ausgabe von 1808 an. Der Übergang aber von der alten zur neuen Fassung dieses Motivs ist noch deutlich. Das ursprüngliche Gefühl bricht durch in den Versen (606 f.):
Darf eine solche Menschenstimme hier. Wo Geisterfülle mich umgab, ertönen?
Danach folgt der Übergang zu dem neuen, worauf sich dann das weitere aufbaut:
Doch ach für diesmal dank ich dir, Dem Ärmlichsten von allen Erdensöhnen.
Die Entstehungszeit des ersten Monologs und der Erdgeistscene.
Wann sind nun der erste Monolog und die Erdgeistscene gedichtet? Diese Frage darf jetzt, da ihre Einheit erwiesen ist, für die ganze erste Hauptmasse gestellt werden. Denn gerade das, was man als sich widersprechend nachweisen wollte, deutet auf die innere Einheit im Geiste des Dichters hin. »In der Poesie gibt es keine Widersprüche«[187]. Wie sich für den Schöpfer in der von ihm geschaffenen Welt nichts widerspricht, so auch im Geiste des Dichters. In ihn sich zu versetzen, ihn zu erkennen, ist die Aufgabe des, der seine Werke verstehen will. In dem Dichter, in dem, was er gelebt, empfunden, erschaut, geahnt, ersehnt hat, liegt auch der Schlüssel für das Verständnis seiner Dichtung. In dem ersten Monolog und der Erdgeistscene ist keine Zeile, die der junge Goethe nicht erlebt hätte, die nicht aus seinem lebendigen Gefühle geflossen wäre, natürlich auch keine so, wie er sie erlebt hatte[188]. Wenn auch dem Sohne des aufgeklärten Zeitalters, dessen Auswüchse er selbst bekämpft hatte, und dem er dennoch angehörte, auf Schritt und Tritt die alte Sage widerstrebte, so kehrt doch der Dichter immer wieder zu ihr zurück, und er ist so glücklich, aus seinem eigenen Leben den Stoff nehmen zu können, womit er die alte Form erfülle, wie es scheinen möchte, in dem Geiste der Überlieferung, in der That aber, indem er mit seinem Geiste das Alte neu belebte. War das nicht mehr möglich, dann brach die Dichtung ab. Denn Charakter und Thaten seiner Helden mußten sich mit Charakter und Thaten in ihm amalgamieren, wenn ein Werk sich völlig ausgestalten sollte[189].
Daher fragt es sich bei einem Werke Goethes immer: Wann waren diese Gefühle bei dem Dichter in dieser Weise lebendig, daß sie zu Motiven seiner Dichtung werden konnten? Wann rang er sich aus dem »Wirrwarr des Gefühls« mehr und mehr zur Klarheit durch, um endlich durch die Darstellung sich von allem Druck zu befreien und zu vollständiger Gewißheit über das, was ihn bewegte, zu gelangen. Äußerliche, zufällig überlieferte Entstehungsangaben fördern uns hier nicht viel; den Spuren seiner Motive muß nachgegangen werden[190]. Dabei hilft uns, was wir vom Leben des Dichters sicher und verbürgt wissen, vor allem aber seine gleichzeitige Dichtung. Sie muß herangezogen werden, daß wir durch sie einen sicheren Boden gewinnen; sie gibt uns die Entstehung, Entwicklung und Ausbildung der Motive, die der Dichter immer wieder von neuem aus seinem Inneren holt, um sie für seine Dichtung fruchtbar zu machen. Dann können wir mit Bestimmtheit erklären: Um diese Zeit hat der Dichter diese Anschauung in sich in dieser Weise ausgebildet. Die Stelle ist also damals geschrieben. Das, was er geschaffen, ist das lebendige Kleid des dichterischen Geistes, das er sich selbst immer von neuem wirkt. Aus dem wechselnden Gewand müssen wir auf den Geist des Dichters schließen und in die Tiefen seiner Entwicklung eindringen.
Da nun im vorigen Schritt für Schritt die Entstehungsmotive aufgedeckt sind und sich aus dem von selbst sich aufdrängenden Vergleich mit der übrigen Dichtung des jungen Goethe, zumal da wir über ihre Entstehung besser unterrichtet sind, ein bestimmter Anhalt gewinnen ließ, so ist die Frage über die Entstehung der ersten Hauptmasse schon beantwortet.
Vor allem sprang uns der charakteristische Zusammenhang mit Werthers Leiden in die Augen. Wir wissen, daß dieser Roman schon Ende 1773 geplant war, daß er aber erst Anfang 1774, als die eigentümlichen Lebensumstände des Dichters selbst dafür sorgten, zur Ausführung kam[191]. Auch bei Werther erscheint der Unendlichkeitsdrang, aber nur als ein ungeheurer Hintergrund; auch er will sich Gott gleich heben, um Schaffenslust zu genießen; aber für ihn ist dies Streben eine Zeit, die hinter ihm liegt. Ihm ist von vornherein nicht die Kraft gegeben, es zu verwirklichen. Er fühlt den titanischen Drang des Übermenschen in sich, aber nicht seine Stärke. Er, dessen Geist nach dem Unendlichen griff, wird von einer Leidenschaft gepackt, die ihn ganz ausfüllt, die ebenso endlos werden muß, wie sein früheres Streben. Und auch jetzt wird ihm keine Befriedigung. Ein Versuch, sich durch Thätigkeit zu befreien, mißlingt in der Enge des bürgerlichen Lebens, schneidet ihm dies Rettungsmittel ab und vermehrt noch den Druck der Einschränkung. Er befreit sich durch den Tod. Der geniale, nach dem Höchsten ringende Mensch stellt sich hier im bürgerlichen Kleide des 18. Jahrhunderts dar; allein er sollte nicht einmal in dem kleinen Leben die Befriedigung finden, die es sonst seinen Angehörigen, so seinem glücklichen Nebenbuhler, gab. Zugleich wird ihm die Enge dieses Lebens beschämend dargethan;—auch ein bürgerliches Drama. Vielleicht hat auch Goethe ursprünglich die Absicht gehabt, eines daraus zu machen[192]. Zunächst hatte er aber überhaupt nicht die Idee aus dem Sujet ein einzelnes Ganze zu machen. Seine Absicht war also den Grundgedanken des Werther, unendliches Streben im Kampfe mit menschlicher Einschränkung und seine Folgen, im Faust darzustellen, der ihn ja, wie wir aus Gotters Versen wissen, in jener kritischen Zeit beschäftigte. Das Leben brachte es anders; es schuf den unglücklichen Bruder Fausts, der frühe zu Grunde ging. Es war das ein großer Vorteil für den Dichter; was er im Werther weitläufig dargestellt hatte, brauchte hier nur, insofern sie wesensgleich waren, angedeutet zu werden. Allein Fausts Lebensgang sollte weitergeführt werden. Sein unendlicher Drang, der nach Befriedigung verlangte, durfte nicht nur als Hintergrund seines Lebens erscheinen: er durfte nicht völlig etwa in einer Leidenschaft aufgehen; er mußte der Faden der Handlung bleiben, selbst da, wo er verloren gegangen zu sein schien. Faust durfte nicht im kleinen Leben untergehen, er mußte hinaus in die Welt, ins Leben! Auch ihn faßt das Gefühl der Unbefriedigung und der kläglichen Enge seines Lebens; er verwünscht sein Leben, aber nicht das Leben überhaupt; er ist von gesünderer Konstitution als sein unglücklicher Bruder. Ihm schwindet nie die innere Kraft, wenn er sie auch nicht immer, im dunklen tappend, anzuwenden weiß. Er fühlt den Mut zum Leben!
Aus alledem darf der Schluß gezogen werden, daß die erste Hauptmasse des Faust nach dem Werther gedichtet ist, daß gerade der Werther die innere Arbeit am Faust unterbrach, die erst nach seiner Vollendung wieder aufgenommen ward. Die erste Hauptmasse ist also frühestens im Jahr 1774 gedichtet.
Dazu stimmt auch völlig, was, wie wir gesehen haben, von religiöser und künstlerischer Anschauung und überhaupt von seiner Lebensanschauung hier dichterischen Ausdruck gefunden hat. In seinem Verhältnis zu dem Göttlichen offenbart sich die Erkenntnis, daß eine unmittelbare Annäherung unmöglich, dem Schmachtenden nicht vergönnt sei, aus dem Urquell des Lebens selbst sich schöpferische Kraft zu holen. Darum wendet er sich unwillig von der Gottheit ab. Der Zusammenhang mit der Gefühlswelt, der der Prometheus entsprungen ist, ist hier deutlich. Auch er wendet sich im heftigen Unwillen von den Göttern ab, da er sieht, daß sie ihm nichts geben können; aber er sucht alsdann in seinem Stolz alles in sich. Das thut Faust nicht. Der prometheische Trotz erscheint also hier schon überwunden. Auch in dem Drama Prometheus, das Ende 1773 gedichtet ist[193], ist der schließliche Sieg der Gottheit über den Empörer im voraus angedeutet. Mag sich daher auch Faust in prometheischem Unwillen abwenden, so erhebt er sich doch nicht in prometheischem Trotz gegen das Göttliche. Daß sich aber diese übermütige Aufwallung, die sich in stolzer Konzentration in sich gegen die Gottheit verschloß, so bald gelegt hatte, dazu trug nicht zum geringsten bei, daß der junge Goethe von neuem an die Grenzen menschlichen Vermögens erinnert worden war, bei seinen Versuchen auf dem Gebiete der bildenden Kunst, mit der er sich ernstlicher in den Jahren 1773/74 beschäftigte, einer Zeit, da das Dichten und Bilden unaufhaltsam mit einander ging[194]. Wir wissen, wie er in eigentümlicher Verkennung seiner Fähigkeiten daran glaubte, zum bildenden Künstler geschaffen zu sein. Damals schlägt ihm das Herz, da er zum ersten Mal in Öl zu malen beginnt: »Mit welcher Beugung, Andacht und Hoffnung, drück ich nicht aus, das Schicksal meines Lebens hängt sehr an dem Augenblick[195].«
Die nach Schöpfungskraft verlangenden Kunstgedichte dieser Zeit drücken dieselbe Sehnsucht im besondren Fall aus, die im Faust ins allgemeine gezogen ist; im einzelnen haben wir eine innere Übereinstimmung gefunden mit der wohl erst 1775 niedergeschriebenen kleinen Abhandlung: Nach Falkonet und über Falkonet. Endlich weist uns die Weltanschauung, wie sie der Dichter in dem Verhältnis des Erdgeistes zum Weltgeist und im Wesen des ersteren selbst geoffenbart hat, auf eine Zeit reiferer, nach und nach im Lebensgange gewonnener Erkenntnis hin. Es ist der Gedanke, daß das unbedingte Streben des Menschen innerhalb des Lebens auf dieser Erde in zielbewußter Thätigkeit das Höchste zu leisten versuche und nicht etwa in thörichtem Ansturm gegen die Schranken menschlicher Bedingtheit seine Kräfte unnütz verbrauche, womit sich denn für das Gedicht eine unendliche Perspektive eröffnete.
Ferner ist wohl nicht an der Thatsache zu zweifeln, daß Goethe das Zeichen des Makrokosmus Herdersche Gedanken der ältesten Urkunde an die Hand gaben und es ihm ermöglichten, alchemistische Anschauungen seinem Denken gemäß darzustellen. Das Buch Herders, für das Goethe wie Merck die größte Teilnahme zeigten, ist Ostern 1774 erschienen[196]. An eine spätere Einschiebung der Verse 86-93 = 439-446 darf natürlich nicht mit Scherer bei dem gerade hier ganz eigentümlichen Zusammenhang in den Versen 77-93 = 430-446 gedacht werden. Von einem Sichwiederholen in der schönen Gedankenfolge ist ebenfalls keine Rede[197]. Scherer ist übrigens nur zu dieser Annahme gekommen, weil er eine spätre Mitteilung Goethes zu stark gepreßt hat. Er schreibt am 11. Mai 1820 an Zelter über Satyros: »Er fällt mir ein, da er eben ganz gleichzeitig mit diesem Prometheus in der Erinnerung vor mir aufersteht, wie du gleich fühlen wirst, sobald du ihn mit Intention betrachtest. Ich enthalte mich aller Vergleichung; nur bemerke, daß auch ein wichtiger Teil des Faust in diese Zeit fällt«. Daß zu diesem wichtigen Teil des Faust vor allem die erste Hauptmasse zu rechnen sei, hat man mit Recht angenommen.
Prometheus ist nun allerdings im Jahre 1773 gedichtet, aber Satyros gehört in seiner endgültigen Fassung, wie er in Goethes Werken steht, sicher erst in den Sommer 1774. Denn der Satyros oder der vergötterte Waldteufel, diese Satire auf die Geniefrechheit, ist zugleich auch ein Spott auf die prometheische Überhebung. Er steht also zeitlich dem Faust näher als Prometheus, wofür sich auch im weitren noch Anzeichen finden werden. Goethe selbst behauptete zwar in einem Gespräche mit der Fahlmer, er sei schon vor ihrer Abreise fertig gewesen[198]; es ist aber offenbar auch hier der Fall, was ein günstiges Geschick so oft bei seinen Schöpfungen eintreten ließ, daß im Fortgang des Lebens seinen dichterischen Plänen immer reicherer Stoff dargebracht wurde. So hat unbedingt die Bekanntschaft mit Basedow im Sommer 1774, auf den und nicht etwa gar auf Herder Satyros gedeutet werden muß, den Anlaß zu einem lebenswahreren Bilde des Helden und damit zur eigentlichen Vollendung des Werkes gegeben. Prometheus war der tiefernste Erguß eines sich mächtig erhebenden Gefühls nach Zeiten schweren Drucks. Auf demselben Boden wurzelt auch Faust. Satyros dagegen ist der Spott über genialische Anmaßung überhaupt, die aus der Tendenz nach unmittelbarer Natur entstehen mußte, ein Spott, der um so stärker in ihm rege ward, wenn er sich umschaute und sah, wie sein eignes Streben sich in andren ihm verzerrt entgegenstellte. Das Drama ist also aufzufassen als die Satire über das Genietreiben der Zeit, das sich auf verschiedene Weise in verschiedenen offenbarte. Individuelle Züge bot ihm das Leben dazu in Fülle, die er jedoch nie so benutzte, daß etwa seine Gestalten gar portraitartige Abbilder derer geworden wären, die ihm dazu gestanden hatten. Genie kämpft hier mit sich selbst[199]. Daher bricht auch durch das Zerrbild das reine Bild wahrer Genialität öfters in ergreifender Weise durch; denn das Genie selbst hat die Satire geschrieben, nicht Nicolai.
Nach alledem darf also angenommen werden, daß der erste Monolog und die Erdgeistscene im Jahre 1774 gedichtet sind, nach dem Werther, nach dem Erscheinen der ältesten Urkunde, nach der Rheinreise und der Bekanntschaft mit Jacobi. Am 13. August war Goethe wieder heimgekehrt.
Die Stimmung der dieser Reise folgenden Zeit, in der auf die Tage toller, überschäumender Lebenslust wieder ein Rückschlag eintrat, paßt vortrefflich zu dem eigentümlichen wehmütigen Tone jener ersten Scenen. Selbst aus den satirischen Hervorbringungen dieser Zeit weht ein andrer Hauch als aus den Keckheiten der Fastnachtspiele von 1773. Die empfindsame Grundstimmung kommt wieder mehr zum Vorschein, denn auch mit Werther war sie nicht ganz beseitigt; nur ihre schlimmsten Folgen waren zu eigener Warnung geschildert. Sie kehrte periodisch wieder; gehörte sie ja doch zu der inner eigensten Natur des Dichters[200]. Ebenso zeigt sich damals das Zurückkommen vom Überschwang des Titanismus. Auf beides weisen uns die Briefe jener Tage. Am Tage der Heimkehr schon schreibt er an Jacobi: »Ich schwebe im Rauschtaumel, nicht im Wogensturm, doch ists nicht eins, welcher uns an Stein schmettert? Wohl denen, die Thränen haben[201].« In einer solchen Stimmung hätte auch ihn der Erdgeist verschmäht. Daß der prometheische Trotz der Konzentration auf sich allein gewichen ist, zeigen die folgenden Worte aus einem Briefe an Jacobi vom 21. August: »daß zwar herrlich ist selbstständig Gefühl, daß aber antwortend Gefühl wirkender macht, ist ewig wahr, und so dank deinem guten Geist und so wohl unsern Geistern, daß sie sich gleichen[202]. In diesem Gefühle zog sich sein Faust nicht auf sich selbst zurück, sondern wandte sich dem Erdgeist zu, im Glauben, ihm zu gleichen. Am 24. August schreibt er an Sophie La Roche: »Was ist das Herz des Menschen? sind der wirklichen Übel nicht genug? Muß es sich auch noch aus sich selbst phantastische schaffen! Doch was klag ich! Die Unruhe und Ungewißheit sind unser Teil und lassen Sie uns die tragen mit Mut, wie ein braver Sohn, der die Schulden seines Vaters übernommen hat[203].«
Am 31. August richtet er an Jacobi die schönen Worte, wie der Mensch sich nicht schweifenden Geistes an den Schöpfungen anderer genügen lassen dürfe, sondern selbst für seinen Teil thätig sein müsse »in herzlich wirkender Beschränkung[204]«. Am 15.(?) September klagt er wieder der Freundin: »ich muß die Welt lassen, wie sie ist, und dem heiligen Sebastian gleich, an meinen Baum gebunden, die Pfeile in den Nerven, Gott loben und preisen[205]. Was wird aus mir werden?« ruft er aus[206]. »Ich bin stürmisch, verworren, und hafte doch nur auf wenig Ideen.« schreibt er am Anfang des October[207]. Am 10. October ist nach seiner Angabe die schöne Allegorie an Schwager Kronos gedichtet. Die Zeit, die im Prometheus als allmächtige Gottheit, als Herr der Götter und Menschen erscheint, wie sie auch Pindar den Herrn aller nennt, die seinem Erdgeist der sausende Webstuhl ist, an dem er das Kleid der Schöpfung wirkt, ist ihm hier Führer des Lebenswagens. Rasch ins Leben hinein! ruft er ihm zu; aber der Gedanke an den Untergang drängt sich ihm auch hier auf. Er fühlt Mut zum Leben und zum Sterben, wie sein Faust. Am 15. Oktober aber berichtet bereits Boie: »Sein Dr. Faust ist fast fertig und scheint mir das Größte und Eigentümlichste von allem.« Bald danach hält er wieder Einkehr in sich, wie später seine Iphigenie in der höchsten Gefahr[208]: »Ich lag zeither stumm in mich gekehrt und ahndete in meiner Seele auf und nieder, ob eine Kraft in mir läge, all das zu tragen, was das eherne Schicksal künftig noch mir und den meinigen zugedacht hat; ob ich einen Fels fände, wohin ich im letzten Notfall mich mit meiner Habe flüchtete[209].« Das Schicksal kam ihm am Ende des Jahres von selbst zu Hülfe. Seit dem 11. Dezember 1774 richtete sich sein Blick mehr und mehr nach Weimar. Sollte es ihm gelingen, aus seiner kleinen Welt hinauszukommen in eine größere?
Über die Sprache der ersten Hauptmasse kann hier im einzelnen nicht abgehandelt werden; im allgemeinen ist es, da sie großenteils ein unmittelbarer lyrischer Erguß gegenwärtiger Gefühle Fausts ist, auch die Sprache lebendiger Empfindung, wie sie sich besonders in der Frankfurter Zeit unter dem Einfluß von Klopstocks und Herders Empfindungssprache entwickelte und ihren Höhepunkt in Werthers Leiden erreichte: Sie ist reich an bestimmten Wendungen, Lieblingsausdrücken, Attributen, durch deren Gebrauch sie ihr eigentümliches, selbst formelhaftes Gepräge erhält. Hier sei nur auf einzelne Eigentümlichkeiten hingewiesen, die grade für die Entstehungszeit der ersten Scenen bemerkenswert sind. Es ist dies die Anwendung des Wörtchens »all« in unflektierter Form, das grade in Werthers Leiden in überreichem Maße angebracht ist. Goethe hat es hier wie dort bei der ersten Herausgabe seiner Werke teils getilgt, teils durch die flektierte Form oder anderswie ersetzt. Sechsmal hat es der Dichter im Anfang des Faust verwertet: V. 17 = 370 »all Freud«, später »alle Freud'«—V. 43 = 396 »von all dem Wissensqualm« (von allem).—V. 49 = 402 »von all dem Bücherhauf« (mit [von] diesem Bücherhauf). V. 61 = 414 besonders charakteristisch: »statt all der lebenden Natur« (statt der lebendigen Natur).—V. 82 = 435 »all das innere Toben« (das i. T.)—V. 112 = 462 »All Erden Weh und all ihr Glück« (der Erde Weh, der Erde Glück).
Erwähnenswert ist auch das Zeitwort »erwühlen« in V. 127 = 479. Das zusammengesetzte Wort kommt in übertragener Bedeutung nur hier beim jungen Goethe vor[210]. Das einfache ist dagegen ein Lieblingswort des Dichters auch noch in späterer Zeit; aber vor dem Jahre 1774 läßt es sich bei ihm nicht nachweisen, während das Substantivum Gewühl sich schon in den Mitschuldigen findet[211]. In den Briefen erscheint es erst seit 1775: Br. 2. N. 286 an Gräfin Stolberg vom Januar 1775. S. 230: »wenn das Bild des Unendlichen in uns wühlt;« und in Nr. 363 vom 26. October an dieselbe das Compositum durchwühlen; dagegen lesen wir es öfters in den Gedichten von 1774: »hingewühlt« d.j.G. 3. 161. wühlen 3. 162. durchwühlend. 3. 170.—in Erwin (1775) wühlenden. 3. 512.—ebenda: Wühlen 3. 521. in Stella (1775) durchwühlen. 3. 640.—Zu »eratmend« V. 134 = 186 vergl. d.j.G. 3. 159. (3. 180. wohler atmend?)—zur Erklärung: Br. 2. Nr. 83. S. 8. 20 ff.—
Leben.
Der Verfasser dieser Abhandlung, Josef Collin, ist am 2. Februar 1864 zu Mainz geboren; er besuchte in den Jahren 1873-1881 das Gymnasium seiner Vaterstadt und bezog alsdann die Universität Gießen, um sich dem Studium der alten Sprachen, des Deutschen und der Geschichte zu widmen. Seine Gießener Studienzeit, die nur durch einen Aufenthalt an der Berliner Hochschule im Sommersemester 1883 unterbrochen wurde, schloß Anfang 1886 mit bestandener Lehramtsprüfung ab. Nachdem er hierauf am Gymnasium zu Mainz sein Probejahr beendet und danach seiner militärischen Dienstpflicht genügt hatte, fand er an dem Gymnasium zu Darmstadt und später für längere Zeit an dem zu Laubach Verwendung. Herbst 1891 ward ihm auf sein Nachsuchen ein halbjähriger Urlaub zur Fortsetzung seiner Studien in der deutschen Sprache und Litteraturgeschichte auf der Landesuniversität gewährt, nach dessen Ablauf er am Realgymnasium zu Gießen verwendet ward. Daselbst ward er Dez. 1892 fest angestellt. Gern benutzt er die Gelegenheit, da er zum ersten Mal mit einer wissenschaftlichen Arbeit vor die Öffentlichkeit tritt, seiner verehrten Lehrer, der Herren Professoren Bratuscheck, Braune, Clemm, Kirchhoff, Oncken, Paulsen, Philippi, Roediger, Schiller, Schmidt, Siebeck dankbaren Sinns zu gedenken und zuletzt Herrn Prof. Behaghel für die ihm während seines Urlaubs erwiesene Teilnahme und Förderung seinen Dank auszusprechen.
Collin.
FUSSNOTEN
[1]
Vergl. Düntzer. Neue Beiträge zur Goetheforschung 1891. S. 153 ff.
[2]
Werke Bd. 14.—G. F. in ursprünglicher Gestalt nach der Göchhausenschen Abschrift herausgegeben von E. Schmidt. Zweiter Abdruck. Weimar, Böhlau 1888.
[3]
W. Bd. 14. S. 290 ff.
[4]
F. ein Fragment von Goethe, herausgegeben von W.L. Holland. Freiburg. 2. Aufl. 1882, und v. B. Seuffert, D. Litteraturdenkmale des 18. u. 19. Jahrh. N. 5.—W. Bd. 14.
[5]
Das Volksbuch von Dr. Faust (1587). Neudrucke deutscher Litteraturwerke des 16. und 17. Jahrh. N. 7 u. 8.—Das Faustbuch des christl. Meinenden. D. Litteraturdenkmale. N. 39.
[6]
Herausgeg. von Engel.
[7]
W. Bd. 11.
[8]
Br. 2. N. 148. S. 85.
[9]
D.j.G. 2. S. 28 ff.
[10]
Vergl. z.B. Sauer in der Einleitung zu »Stürmer und Dränger« (Deutsche Nationallitteratur, herausgegeben von J. Kürschner, Bd. 79 1. S. 29 f.)
[11]
D.W. T. 2. B. 10. W. Bd. 27 S. 321.
[12]
W. Bd. 4 S. 347.
[13]
Vergl. auch Minor u. Sauer, Studien zur Goethephilologie S. 77.
[14]
D.W. T. 2. B. 8. W. Bd. 27. S. 203 ff. und Ende des 8. Buches.
[15]
Noch kräftiger drückt sich der gleichzeitige Satyros aus: Kein Mensch ist so weis' und klug als ich. (D.j.G. III. 477.)
[16]
W. Bd. 2. S. 1. ff.
[17]
Br. 2. N. 85. an Herder. Ende 1771. (S. 11.)
[18]
Vorzüglich auf das Motiv der äusseren Beschränkung gründet sich die zur Zeit der dritten Faustbeschäftigung gedichtete Ballade »Der Schatzgräber«. Es ist überhaupt zu beachten, wie sich auch damals die Arbeit am F. in der übrigen Poesie abspiegelt.
[19]
D.j.G. 3. S. 242 f.
[20]
a.a.O. 3. S. 198 ff.
[21]
Br. 2. X. 208. S. 147 f.
[22]
Gespr. Bd. 7. S. 10.
[23]
D.j.G. 3. 690.
[24]
Vergl. auch Goethe in Lavaters Physiognomik: Und so begierig der Mensch zu sein scheint, die wahre Beschaffenheit eines Dings und die Ursachen seiner Wirkungen zu erkennen, so selten wirds doch bei ihm unüberwindliches Bedürfnis. (V.d.H. S. 40.)
[25]
D.j.G. 3. 157. In eine Zeichenmappe. An Merck.
[26]
Dazu das spätere Epigramm: Problem. W. 2. 272.
[27]
Aufsätze über Goethe S. 315. G. I. 6. (1885.)
[28]
Scherer a.a.O. S. 315.
[29]
D.j.G. 3. 327.
[30]
Man vergl. Goethe in Lavaters Phys. 1. Zugabe: (v.d.H. S. 83.) Was den Menschen umgibt, wirkt nicht allein auf ihn, er wirkt auch wieder zurück auf selbiges, und indem er sich modificieren läßt, modificiert er wieder rings um sich her. So lassen Kleider und Hausrat eines Mannes sicher auf dessen Charakter schliessen. Die Natur bildet den Menschen, er bildet sich um, und diese Umbildung ist doch wieder natürlich; er, der sich in die große, weite Welt gesetzt sieht, umzäunt, ummauert sich eine kleine drein und staffiert sie aus nach seinem Bilde.—(Das ist deine Welt, das heißt eine Welt!)—Herder W. 1. 249. von dem Kritiker: als ein zweiter Pluto bewacht er altes angeerbtes Gerät und ehrwürdigen Auskehricht der Litteratur: u.s.w.—vergl. auch noch D.j.G. 3. 690.—
[31]
Durchaus nicht beachtet hat ihn z.B. Gwinner, Goethes Faustidee u.s.w. Frankfurt a.M. 1892. Er hält gerade das für die Grundidee des Goethischen Faust, was viel eher die des F. der Sage zu nennen wäre!
[32]
Neue Faustkommentare; in d. Aufs. über G. S. 278.
[33]
F. 2. Teil. V. 11404 ff. (Bd. 15. 1. S. 307.)
[34]
Dies übersieht z.B. K. Fischer. (Goethes Faust nach seiner Entstehung, Idee und Komposition; 2. Aufl. Stuttg. 1887.) Er läßt die Sage zu wenig zu ihrem Recht kommen und betont allzu stark und zu formelhaft den Grundgedanken dieser doch episodischen zweiten Partie. (S. 430 ff.) Von hier aus allein darf aber Fausts Charakter nicht aufgefaßt werden, wenn sie auch zur Charakteristik des Dichters besonders wertvoll ist.
[35]
Betrachtungen über Faust a.a.O. S. 311 ff.
[36]
A.a.O. S. 323.
[37]
Die neue Ausgabe des Faust von Calvin Thomas, (Boston, 1892) der sich in seiner Einleitung ebenfalls gegen Scherer wendet, konnte hier noch nicht benutzt werden. (Vergl. Geigers Anzeige in der Beilage zur Allgem. Zeitg. 1892. N. 253.)
[38]
So faßt es auch z.B. noch Graffunder, Preuß. Jahrb. 68. S. 717.
[39]
Vergl. Minor u. Sauer, Studien zur Goethephilologie S. 77 ff.
[40]
D.j.G. 2. 11.
[41]
a.a.O. 2. 29.
[42]
F. V. 1141 f. = 3449 f.—S. 82. Z. 55 f.—S. 227. Z. 68.
[43]
D.j.G. 2. 4.
[44]
a.a.O. 3. 434.
[45]
a.a.O. 3. 237.
[46]
a.a.O. 3. 298. 373.
[47]
a.a.O. 3. 629.
[48]
a.a.O. S. 310 f.—
[49]
Wagner. 2. 9.
[50]
D.j.G. 3. 690., man vergleiche auch die sinnverwandte Stelle in Stella 3. 665.—es ist so licht, so offen um mich her, und ich freue mich des!—Er ist wieder da! Und in einem Wink steht rings um mich die Schöpfung lebevoll und ich bin ganz Leben—
[51]
D.j.G. 3. 169.—Br. 2. 266 a vom 4. Dez. 1774.—
[52]
D.j.G. 3. 689.
[53]
W. 6. 193 ff.
[54]
Br. 2. 231. S. 172 f. vergl. auch 2. 228. S. 169 vom 16. Juni 1774.
[55]
Aus Goethes Frühzeit; Q. F. 34. S. 71 ff.
[56]
W. 6. S. 258.
[57]
a.a.O. S. 267.
[58]
a.a.O. S. 269.
[59]
a.a.O. S. 293.
[60]
Wagner. 1. S. 10. vom Oktober 1770.
[61]
W. 6. 298.
[62]
a.a.O. S. 298.
[63]
a.a.O. S. 339.
[64]
a.a.O. S. 340 f.
[65]
a.a.O. S. 351.
[66]
a.a.O. S. 471. 484.
[67]
Man vergl. hierzu aus Künstlers Erdewallen die Verse:
Aurora, wie neukräftig liegt die Erd um Dich, Und dieses Herz fühlt wieder jugendlich, Und mein Auge, wie selig Dir entgegen zu weinen.
D.j.G. 3. 198. Jacobi in seinem Allwill macht diese zur Mode gewordene Verehrung der Morgenröte auch mit. Br. vom 8. März; Ausg. v. 1812. Bd. 1. S. 25 f.—Was den Weisen betrifft, so ist natürlich an keine bestimmte Person zu denken, nicht etwa an Herder, wie Scherer thut. Was bei Goethe der Weise ist, ist bei Herder Gott selbst. Es ist nur eine Wendung, wie sie auch Goethe sonst gebraucht; vergl. d.j.G. 3. 487. Der Weise sagt:—Der Weise war nicht klein—Nichts scheinen, aber alles sein.
[68]
Vergl. D.u.W. 2. T. B. 8. (Werke 27. 204 f.): Mir wollte besonders die Aurea Catena Homori gefallen, wodurch die Natur, wenn auch vielleicht auf phantastische Weise, in einer schönen Verknüpfung dargestellt wird;——
[69]
W. 6. 380.
[70]
W. 27. 204.
[71]
Graffunder: Der Erdgeist und Mephistopheles in Goethes Faust. (Preuß. Jahrb. 68. S. 705.)
[72]
Mit Unrecht wirft ihm Scherer Mangel an malerischer Anschaulichkeit vor; er hat übersehen, daß hier nicht, wie in den vorhergehenden Versen, von dem Weltall selbst, sondern nur von einer bildlichen Darstellung seiner Harmonien die Rede ist. (Herder im Faust. Aus G. Frühzeit S. 74.)
[73]
a.a.O. S. 73.
[74]
D.j.G. 3. 483 f.
[75]
Den Gegensatz, dessen sich Faust hier bewußt wird, bezeichnet der Goethe geistesverwandte Herder so:—aber das ist doch alles nur totes Bild. Witz einer schönen Vergleichung—wenns Leben, Anschauen, unmittelbares Gefühl der allwirkenden Gottheit sein konnte. W. 6. S. 221.
[76]
Das Bild hat also durchaus nichts Widerwärtiges.
[77]
D.j.G. 3. 168.—Vergl. zu diesen Ausführungen auch Gwinner a.a.O. S. 182 f.—
[78]
D.j.G. 3. 173.
[79]
Br. 2. N. 266. vom 5. Dez. 1774.
[80]
D.j.G. 3. 291.
[81]
D.j.G. 3. 181.
[82]
D.j.G. 3. 331.
[83]
Br. 2. S. 266.
[84]
Paralipomena 1 (W. 14. 287.)—Vergl. Harnack, Vj.-schr. f. Littgesch. 4. 169.—Pniower, ebenda 5. 408 ff.
[85]
Hier ist die Grundlage des M. zu suchen, nicht wie Graffunder meint, in den alchemistischen Werken; (a.a.O. S. 704 f.) ihre Vorstellungen verbinden sich mit denen Goethes dann weiterhin um so besser, da sie ja auch dieselbe Quelle hatten.
[86]
D.j.G. 3. 695.
[87]
A.a.O. 3. 290 f.
[88]
Sehr bezeichnend ist für V. 438 die spätere Einschaltung: rings um mich her, während Faust ursprünglich so wenig wie Werther sich auf die rings umgebende Natur beschränkte, sondern ihr Blick von da aus weiterschweifte über das All der Schöpfung.
[89]
D.j.G. 3. 291.
[90]
Von deutscher Baukunst. D.j.G. 2. 209 f. Man vergl. auch in Künstlers Erdewallen den Künstler vor dem Bild der Venus Urania:
Meine Göttin, deiner Gegenwart Blick Überdrängt mich wie erstes Jugendglück, Die ich in Seel und Sinn, himmlische Gestalt, Dich umfasse mit Bräutigams Gewalt.
Bewerkenswert ist auch hier eine Stelle aus Jacobis Allwill, (Br. Nr. 16. vom 30. März. S. 147 f.) die offenbar nach Herderisch-Goethischer Vorlage geschaffen ist. Allwill begeistert sich hier am Anblick einer Linde:
Erquickendes Grün, die lieblichste Farbe im schönsten Wechsel, tanzend und spielend mit dem Lichte.—Das ist es—ja das, und weiter nichts, was deinen Blick an diese leise wehende Lindenkrone heftet; was mit sanftem Entzücken deinen Busen füllt; in dir alle Regungen der Liebe weckt, und dich begeistert! Das und weiter nichts?... Jener Leben und Liebe erweckende Schein, eine Schrift ohne Sinn und Sprache? Davon klopfte mir so das Herz, drängte mich so mein Geist, heiterte sich mein ganzes Wesen, daß ich leere Züge ohne Bedeutung anschaute?———du winkest mir aus deiner Herrlichkeit auf jene Blätter im Erstreben ihres höchsten Daseins, wie sie längs den saftvollen Ästen in jugendlicher, kraftvollster Gestalt sich brüsten—du winkest... O, höher schlägt mir das Herz, fröhlicher schwingt mein Geist seine Flügel. Ich sehe!—die ganze Fülle, die ganze Kraft des Wesens da; das war es, was mich ergriff, mich durchdrang, sich mir darstellte, als ich erkannte und nicht wußte vor Entzücken! Wohl uns! So bringt die Natur ihren gesamten Inhalt dem Menschen ans Herz und unterrichtet ihn auf die lieblichste Weise unmittelbar u.s.w.
[91]
Aber nicht: Weg mit dem Buche! wie Kuno Fischer, Goethes Faust u.s.w. S. 427 meint; denn Fausts Unwille gilt nicht ihm, sondern seiner Unfähigkeit, das Weltall zu umfassen.
[92]
Diese Beschwörung übersieht wieder Fischer a.a.O. S. 427 und 429 völlig und nimmt nur die erstere, die natürliche Magie des Geistes an. »Die Beschwörung geschieht nach keiner Vorschrift aus einem Buche der Magie, nach keiner kabbalistischen Formel, sie enthält nichts von Zauberkram;« damit ist jedoch die scenarische Zwischenbemerkung nach V. 129 = 481 völlig außer Acht gelassen. Allzu großen Wert legt Fischer ferner darauf, daß F. nicht die Hölle und ihre Geister, sondern die Erde anrufe. Allein damit macht der moderne Dichter nur vorübergehend seiner Empfindungsart ein Zugeständnis. Schließlich beschwört Faust doch den Teufel. Hierin liegt auch der Grund für Fischers verkehrte Ansicht. Mephistopheles sei ursprünglich nicht als Teufel gedacht.—Einen ähnlichen Fehler macht auch Gwinner a.a.O. S. 201, wenn er behauptet, F. bringe den E. durch die anhaltend gesteuerte Energie zur Erscheinung.
[93]
Betrachtungen über F. a.a.O. S. 322.
[94]
V. 136 = 488; 138 = 490.
[95]
D.j.G. 3. 450.
[96]
A.a.O. 3. 236.
[97]
D.W.T. 3. B. 12. W. 28. S. 149.
[98]
A.a.O. S. 322.
[99]
Paralip. 1. W. 14. S. 287.—Der Erdgeist wirkt also nicht etwa auf Fausts Wissensdrang ein; sondern ruft in ihm den Lebensdrang hervor. Mit jenes Erscheinen wird grade der Übergang zum eigentlichen Thema des F. gemacht: durch Lebenskenntnis zur schöpferischen That. Vergl. Vischer, Goethes Faust, Neue Beiträge zur Kritik des Gedichts S. 15.
[100]
Graffunder a.a.O. S. 706 f.
[101]
G. I. 7. (1886) S. 242.
[102]
F.G.A. N. 88. vom 3. Nov. 1772. (S. 582.)
[103]
Man vergl. Herders Recension über Kants Träume eines Geistersehers. (W. 1. S 125 f.)
[104]
D.j.G. 2. 10.
[105]
F.G.A. N. 70 vom 1. Sept. 1772.—S. 463.
[106]
D.j.G. 2. 7. ff.—vergl. auch W. Tischbeins Idyllen. W. 3. S. 122 N. 1.
[107]
F.G.A. N. 101. v. 1772. S. 666.
[108]
D.W. 1. Teil. B. 1. W. 26. S. 43.
[109]
Loepers Anmerkg. N. 36 zu dieser Stelle; S. 257.
[110]
D.W. a.a.O. S. 63.—vergl. auch den Schluß des 4. B. S. 255.
[111]
F.G.A. a.a.O. S. 667.
[112]
D.j.G. 3. 469 f.
[113]
D.j.G. 3. 292.
[114]
W. 26. s. 255.
[115]
de occulta philosophia, s. Graffunder a.a.O. S. 707.
[116]
Vergl. auch den Aufsatz »Die Natur« von 1782: Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff viel Leben zu haben. (Im Journal von Tiefurt; Schriften der Goethe-Gesellschaft Bd. 7. S. 260.)——Darüber auch Gwinner a.a.O. S. 128.
[117]
Auch das spätere Schema (Paralip. 1. W. 14. S. 287.) macht diesen Unterschied zwischen Lebensgenuß und dem Thatengenuß, dem bewußten wie dem unbewußten. Denn das »von außen gesehen« oder »nach außen« bezeichnet dort eben den unbewußten G. im Zustand der Dumpfheit, indem der Mensch noch nicht zu klaren Ideen durchgedrungen ist.—Falsch verstanden von Pniower, Vj. f. Littgesch. V. S. 409.
[118]
W. 27. S. 12.
[119]
Meine Göttin (W. 2. S. 59 f.).
[120]
D.W. T. 3. B. 12. W. 28. 108.
[121]
Br. 2, N. 88, Mitte Juli 1772 an Herder; S. 16.
[122]
D.j.G. 2. 101.
[123]
A.a.O. 2. 84.
[124]
A.a.O. 2. 103.
[125]
A.a.O. 3. 346.
[126]
A.a.O. 2. 26.
[127]
In diesem Sinne erhält später der Schatzgräber die Mahnung: Trinke Mut des reinen Lebens!—--Darauf baut sich ein thätiges und fröhliches Leben auf: Tagesarbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste!—W. 1. 182.—Ein dreifaches Leben nimmt G. auch in den Sprüchen an: Das Höchste, was wir von Gott empfangen haben, ist das Leben, die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst, welche weder Rast noch Ruhe kennt; der Trieb, das Leben zu hegen und zu pflegen, ist einem jedem unverwüstlich eingeboren, die Eigentümlichkeit desselben jedoch bleibt uns und anderen ein Geheimnis. Die zweite Gunst der von oben wirkenden Wesen ist das Erlebte, das Gewahrwerden, das Eingreifen der lebendig bewegten Monas in die Umgebungen der Außenwelt, wodurch sie sich selbst erst als innerlich Grenzenloses, als äußerlich Begrenztes gewahr wird... Als drittes entwickelt sich nun dasjenige, was wir als Handlung und That, als Wort und Schrift gegen die Außenwelt richten. (N. 1028-30.)—Danach wäre also der Erdgeist der Geist des Lebens an sich, des bewußten Lebens und des thätigen Lebens. Zu einseitig faßt ihn darum z.B. F.A. Mayer Ztschr. f. östr. Gymnas. XL. S. 298, als Geist der That, ebenso H. Schmidt als den der Geschichte (Preuß. Jahrb. 39. S. 375)—völlig verkehrt aber Rieger (G. Faust nach s. religiösen Gehalte), wenn er gar behauptet, er habe keinen Teil, an dem, was wirklich Leben heißt!
[128]
v. d. Hellen. S. 199 ff.
[129]
A.a.O. S. 186.
[130]
A.a.O. S. 201.
[131]
Br. 2. N. 148 vom 7. Mai 1773. S. 85.
[132]
Ethik. II. Zusatz zum 13. Lehrsatze.
[133]
Br. 2. N. 249, vom 15. September 1774. S. 196.
[134]
Br. 2. N. 88 aus Mitte Juli 1772. S. 16 mit Beziehung auf Herders Worte in seiner Recension über Denina vom 7. Juli 1772 in den F.G.A. S. 355. Z. 10. G. hatte also die Rec. schon gelesen, da er den Brief schrieb. Vergl. den Schluß des Briefes. S. 19. Dies hat Steig, Vj.-schr. V. S. 232. übersehen.
[135]
Br. 2. N. 88. S. 16.
[136]
A.a.O. S. 17.
[137]
Diese Pindarstelle ist aus Teilen zweier Oden zusammengesetzt. Olymp. 2. 94 ff. u. besonders Nem. 3. 41. ff. Vor allem in der letzteren ist das Schweifende in den verschiedensten Wendungen seinen Symptomen entsprechend ausgedrückt:—— ψεφεννὸς ἀνὴρ ἄλλοτ' ἄλλα πνέων οὔποτ' ἀτρεκέι κατέβα ποδί, μυριᾶν δ'ἀρετᾶν ἀτελεῖ νόῳ γεύεται (ein dunkler Mann, wandelt er dahin dorthin keuchend, unsicheren Schrittes, kostet von tausenderlei Gutem halben Sinnes).
[138]
Br. 2. N. 231 an Schönborn vom 8. Juni 1774. S. 174.
[139]
Br. 2. Nr. 843. v. 3. Aug. 1775 an G. Stolberg. S. 275.
[140]
D.W. Teil 3. B. 14. W. 28. S. 250.
[141]
D.j.G. 2. 184.
[142]
v.d.H. S. 199.
[143]
Man vergleiche für diese Auffassung Goethes spätere Äußerung in dem Aufsatze Shakespeare u. kein Ende: Shakespeare gesellt sich zum Weltgeist, er durchdringt die Welt wie jener (H. 28. S. 731).
[144]
Auch K. Fischer a.a.O. S. 431 hat nicht richtig erkannt, weshalb der Erdgeist Faust verschmähe, wenn er bemerkt: »Der Erdgeist sieht nur die Ohnmacht des Phantasierausches, der das Leben und dessen Mächte nicht kennt; u.s.w.———«
[145]
Briefe Goethes an S. v. La Roche u.s.w. herausgegeben von Loeper S. 56 (geschr. am 18. Juli 1774).
[146]
D.j.G. 3. 501 N. 7; vergl. auch 3. 489:
O Freund, der Mensch ist nur ein Thor, Stellt er sich Gott als seinesgleichen vor.
[147]
Br. 2. Nr. 363 v. 26. Oktober 1775. (S. 303.)
[148]
Vergl. Gespr. 2. S. 180 mit Riemer am 2. August 1807: »Alle Philosophie über die Natur bleibt doch nur Anthropomorphismus, d.h. der Mensch, eins mit sich selbst, teilt allem, was er nicht ist, diese Einheit mit, zieht es in die seinige herein, macht es mit sich selbst eins. Um die Natur zu erkennen, müßte er sie selbst sein. Was er von der Natur ausspricht, das ist etwas, d.h. es ist etwas Reales, es ist ein Wirkliches, nämlich in Bezug auf ihn. Aber was er ausspricht, das ist nicht alles, es ist nicht die ganze Natur, er spricht nicht die Totalität derselben aus.« So auch Faust nicht die Totalität des Erdgeistes. Er ist ihm also nicht wesensgleich, wie z.B. Vischer, Goethes Faust, Neue Beiträge zur Kritik des Gedichts S. 263, glaubt, sondern nur ein Teil von jenes Kraft; er hält sich auch keineswegs für gleich groß, worin Vischer die Ursache seiner Verschmähung sucht, sondern grade für wesensgleich oder doch wesensähnlich.
[149]
D.W. T. 2. B. G. W. 27. S. 276. Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden, u.s.w.; vergl. a.a.O. T. 3. B. 11. W. 28. S. 50.—
[150]
W. 3. S. 24.
[151]
D.W. T. 4. Bd. 20. S. 173.
[152]
D.j.G. 2. 3 ff.
[153]
Vergl. dazu Elisabets Ansicht über das Gebet in dem ältesten Götz; (D.j.G. 2. 99.) über Goethes Pelagianismus D.W. T. 3. B. 15. W. 28. S. 305.
[154]
D.j.G. 2. 28.
[155]
a.a.O. 2. 30.
[156]
a.a.O. 3. 181.—Auf diese Ode bezieht sich wohl die Stelle in dem Briefe an die Fahlmer vom 9. April 1773. (Br. 2. N. 74.) ------konnt ich Ihnen——länger nicht vorenthalten, warmer Jugend gute Frühlingsempfindungen, daran Sie sich denn erbauen werden, an dem heiligen Leben mehr als am heiligen Grabe, hoff ich.
[157]
D.W. T. 1. B. 5. W. 26. S. 320.
[158]
Über Goethe u. Spinoza vergl. z.B. Rößler, die Entstehung des F. Grenzboten. 1883. IV. S. 494.
[159]
Eins u. Alles. W. 3. 81. Vergl. auch, was er über das Gedicht »Weltseele« am 20. Mai 1826 an Zelter schrieb: »Das Gedicht stammt aus der Zeit her, wo ein reicher jugendlicher Mut sich noch mit dem Universum identificierte, es auszufüllen, ja, es in seinen Teilen wieder hervorzubringen glaubte.« Es gehört der Zeit der zweiten Jugend, der dritten Beschäftigung mit Faust an.
[160]
Die wahre Bedeutung der Erdgeistscene liegt also darin, daß der im Dunkeln wandelnde F. auf das Leben hingewiesen wird, nicht etwa in dem, worin sie Gwinner sucht S. 215, in der Veranschaulichung der mit der falschen Richtung und mit dem Mißbrauche des Erkenntnistriebes verbundenen Hochgefahr!! Die Scene steht also mit der Idee des F. in keiner Incongruenz (S. 214).—Die Mission des Erdgeists ist mit jenem Hinweis erfüllt; daher ist auch nicht mit Fischer S. 431 an eine nochmalige Erscheinung zu denken. Eine absteigende Linie ist es, die vom Makrokosmus zum Erdgeist zum Teufel führt, um aus der Hölle durch die Welt zum Himmel wieder aufzusteigen.
[161]
D. j. G. 2. 213 f.
[162]
A.a.O. 2. 241.
[163]
A.a.O. 3. 481 f.
[164]
A.a.O. 3. 159.
[165]
W. 2. S. 94 ff. (Hempel.)
[166]
W. 2. 83.
[167]
W. 2. 81 f.
[168]
W. 2. 86.
[169]
W. 14. V. 1660 ff.
[170]
W. 15. V. 11442 ff.
[171]
Maskenzug von 1818. Der junge Dichter hat bekanntlich vor dem Teufels-Bündnis Halt gemacht; erst später ist die die angedeutete Verknüpfung gelungen. Die älteste Dichtung führt uns bezeichnender Weise nur Faust vor und nach dem Bunde vor; und gerade dieser erste Teil, der uns Faust auf einer Höhe zeigt, die fast der gleichkommt, auf der sein Dichter stand, ist mit besonderer Liebe ausgemalt.
Faust und die Natur, der Makrokosmus, der Erdgeist, und endlich auch Faust und Wagner, lauter glänzende Bilder; aber nun Faust und der Teufel! Dazu konnte sich der junge Goethe noch nicht verstehen, obwohl er ja jene hellen Bilder gemalt hatte, um seinem eigenen Empfinden ein Zugeständnis zu machen und nicht sofort mit dem Dunkel beginnen zu müssen.
[172]
W. 15. 2. S. 199. Ankündigung des Zwischenspiels zu Faust
[173]
Bemerkenswerth für die Entstehung des Faust ist, wie G. sich die des Hamlet dachte: So kam Shakespearen der erste Gedanke zu seinem H., wo sich ihm der Geist des Ganzen als unerwarteter Eindruck vor die Seele stellte, und er die einzelnen Situationen, Charaktere und Ausgang des Ganzen in erhöhter Stimmung übersah, als ein reines Geschenk von oben, worauf er keinen unmittelbaren Einfluß gehabt hatte, obgleich die Möglichkeit, ein solches Aperçu zu haben, immer einen Geist wie den seinigen voraussetzte u.s.w. Gespr. 6. S. 283.
[174]
D.W. T. 2. B. 6. W. 27. S. 14.
[175]
A.a.O. T. 2. B. 9. W. 27. S. 258.
[176]
D.j.G. 3. 236.
[177]
Werke, Leipzig bei G. Fleischer 1819. IV. B. Beilage 3. S. 67 ff.
[178]
Vergl. in der zusammenfassenden und rückblickenden Stelle der ausgefüllten großen Lücke V. 612 f. u. 627.
[179]
Herder W. Bd. 6. S. 353 u. Schillers bekanntes Gedicht: Das verschleierte Bild zu Sais.
[180]
W. (Hempel) 3. 136.—Interessant zur Vergleichung mit der Erdgeistscene ist eine Stelle aus einem Gedicht Gisekes, das die Spinozistische Gottheit schildert:
»Die dem Bernis in seiner einsamen Grotte Schrecklich erschien, als sie schnell ein blasses Feuer erfüllte Und vor seinem bestürzten Auge die Welt zu vergehen schien. Gott, Du schenktest ihm Mut, die schreckliche Nacht zu ertragen! Plötzlich gab ihm den Tag ein Donnerschlag wieder und mit ihm Stieg aus den Trümmern der Erd' ein unermeßlicher Riese, Eine Welt an Größe, hervor; an Gestalt ein Kolossus, Schrecklich dem Aug und doch nach Ebenmaßen gebauet. Sein gewaltiges Haupt war ein Gebirge, die Haare Wälder, sein schreckendes Aug' ein entzündeter Feuerofen Oder ein flammender Abgrund. In einen Körper verwandelt Stand vor dem Dichter die Welt. In seinen kleinsten Gefäßen Flossen die Bäche gemächlich, und durch die schwellenden Adern Brauste das Weltmeer dahin. Sein Kleid war der Schleier der Lüfte. Also träumte Spinoza sich Gott.
(bei Herder in einer Rec. über G.—W. 4. S. 275 f.)
[181]
D.W. T. 2. B. 9. W. 27. S. 270.
[182]
Zum Sprachgebrauch von widerlich vergl. Herder erstes kritisches Wäldchen: (W. Bd. 3. S. 181.) »Nun gibts eine andere Widrigkeit, das Gefühl einer heterogenen Nervenanschauung, durch das zu Heftige, zu Gewaltsame«. (Vergl. auch S. 183, wo widrig und widerlich als gleichbedeutend gebraucht werden.)
[183]
Zu der Wendung: »O Tod« vergl. D.j.G. 1. 185, damit man nicht so törichte Schlüsse daraus ziehe, wie das Marbach in seiner Erklärung des Faust S. 49 thut.
[184]
Vergl. auch gegen Scherers Einwand Weltrich im Magazin für die Litt. des In- und Auslandes S. 219.
[185]
Vergl. V. 1577 f.
O war ich vor des hohen Geistes Kraft Entzückt, entseelt dahin gesunken!
[186]
Zu bemerken ist auch die Änderung des trockenen Schwärmers in den trockenen Schleicher. (V. 169 = 521.) Der Grund liegt wohl darin, daß das Wort in dem hier gebrauchten Sinne dem Dichter selbst nicht mehr geläufig war. Aufschluß gibt Herders im Novemberheft 1776 des Merkur erschienener Aufsatz Philosophei und Schwärmerei. Danach ist der Schwärmer der geistig unselbständige Mensch, der sich für Dinge und Ideen, die grade Mode sind, in eine Art kalter Begeisterung versetzen läßt. »Ein Mensch, der von gesundem Verstande ohne gesunden Verstand, von richtigen Begriffen ohne richtigen Begriff, von ewiger Toleranz mit möglichster Intoleranz spricht, welchen gelinderen Namen kann er sich versprechen als—Schwärmer?« (W. Hempel Bd. 17 S. 302.—)——Vor einigen Jahren redete man von Winckelmanns, Hagedorns, Lipperts Ideen, von Sachen, die man nie gesehen, von Abstractionen des Gefühls, die man nie empfunden;—(S. 103.)—In ähnlicher Weise beginnt nun auch Wagner zu reden.—
[187]
Gespr. 2. 71. mit Luden am 19. August 1806.—Vergl. auch E. Schmidt Aufgaben und Wege der Faustphilologie. (Beil. zur allgem. Zeitg. 1891. 119. 2.)
[188]
Gespr. 7. 218.
[189]
2. N. 243. S. 157.
[190]
Vergl. Rößler, die Entstehung des F. Grenzboten 1883. IV. S. 439.
[191]
Br. 2. N. 167. vom 15. Sept. 1773.—S. 106.—N. 208 Mitte Febr. 1774.—S. 147.
[192]
Br. 2. N. 162. vom Juli 1773. S. 97.
[193]
Schönborn an Gerstenberg am 12. Oktober 1773 berichtet über die Vorlesung der zwei ersten Akte; vergl. G.J. 1, 290 ff.
[194]
Br. 2. N. 180. Herbst 1773. S. 120.
[195]
A.a.O. 2. 261. v. 20. Nov. 1774. S. 205.
[196]
Br. 2. N. 228 u. 231. S. 172 ff.—Wagner 3. S. 110.
[197]
Aus Goethes Frühzeit S. 75.
[198]
Gespräche 1. N. 15. S. 25 ff; über die Satyrosfrage bei anderer Gelegenheit mehr; vergl. Scherer, aus Goethes Frühzeit S. 43 ff; eine Deutung auf Bahrdt von Spengler in der Zeitschr. f. östr. Gymnas. XII. S. 393.—Biedermann in seinen Goetheforschungen S. 9 f. 456 N.F. S. 13 ff.
[199]
D.W. T. 4. B. 18. W. 29. S. 84.
[200]
W. Bd. 28. S. 370. Taedium vitae. Wertherianism. Düstre Lebenslast. Periodisch wiederkehrend.
[201]
Br. 2. N. 238. S. 182.
[202]
Br. 2. N. 243. S. 188.
[203]
Br. 2. N. 244. S. 189.
[204]
Br. 2. N. 247. S. 194
[205]
N. 250. S. 197.
[206]
N. 252. S. 198.
[207]
N. 256. S. 201.
[208]
Ist keine Kraft in meiner Seele Tiefen? W. 10. V 1885.
[209]
Br. 2. N. 258 an S. La Roche vom 21. Oktober 1774. S. 212
[210]
in eigentlicher: D.j.G. 3. 584.
[211]
a.a.O. 1. 186.—auch 2. 36.—vergl. W. Bd. 9. S. 482.