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Und die ihr alle meine Brüder seid

Das rote Buch.

Reading edition

Ich hatte es längst vergessen gehabt.

Aber dann war es mir ergangen wie dem Sonntagskind, das zu gesegneter Stunde des Weges kommt, und plötzlich öffnet sich zu seinen Füßen die Erde, und es taucht mit geheimnisvollem Leuchten ein Schatz empor, der lange Jahre in der tiefsten Tiefe geruht. Also war, vom Zauber einer Stunde geweckt, aus der tiefsten Tiefe meiner Erinnerung das rote Buch emporgetaucht und mit ihm eine längst versunkene Welt, die voller Fragen und Wunder, voller Grauen und Süße gewesen.

Und plötzlich war Tante Ursula vor mich getreten, so klar und deutlich, daß ich für einen Augenblick meine ganze Umgebung vergaß. Sie saß, wie ich sie meist gesehen, in einem tiefen Stuhl und hielt das schmale, zarte Gesicht ein wenig geneigt. Silbern flimmerte das weiche Haar, das in so wunderschöner Linie die Stirn umrahmte. Die kleinen Hände hielten ein Strickzeug – ich meinte tatsächlich das leise Klappern der Nadeln zu hören. Aber dann verschwand das Bild so schnell wie es gekommen, denn mein Nachbar zur Linken streifte seine Zigarrenasche ab und fragte: „Sie sind wohl müde?“

Nein, natürlich war ich nicht müde. Meine Gedanken waren nur ungehörigerweise ein wenig abgeirrt. Und aufs neue wandte ich meine ganze Aufmerksamkeit dem Kreise plaudernder und rauchender Menschen zu, in deren Mitte mich dieser Abend geführt.

Aber nachher, auf dem Nachhauseweg, und vollends als ich in meinem mondlichtgefüllten Zimmer saß, tat ich die Tore meiner Seele weit auf, um all den Geistern Einlaß zu gewähren, die lachend und drohend dem roten Buch entstiegen.

Wie war es nur gekommen, daß ich seiner gedacht? Ach ja, der Hausherr hatte ein altes Buch gezeigt, in dessen Besitz er durch einen glücklichen Zufall geraten. In Schweinsleder war es gebunden. Den bräunlichen, mit schnörkeligen Buchstaben bedeckten Blättern entstieg ein modriges Düftlein, aber die illustrierenden Holzschnitte atmeten Leben, ein köstliches, triumphierendes, trotz der Tränen lachendes Leben.

Ich hatte das Buch durchblättert mit einem Gefühl, das seltsam gemischt war aus Ehrfurcht und Erwartung, aus Liebe und Grauen. Und plötzlich wußte ich: das hast du schon einmal erlebt, ach, nicht nur einmal, hundertmal, unzählige Male … Und siehe da! das rote Buch war lebendig geworden, und ich hatte Tante Ursulas Gesicht einen einzigen Augenblick gesehen.

Sie und das rote Buch sind ja so eng verbunden, daß ich keines vom andern lösen kann. Und als drittes gehört dazu die kleine Stube, in der Tante Ursula gewohnt hat, und die ich nie mit der gleichgültigen Selbstverständlichkeit betrat, mit der ich in unsere Zimmer ging. Die gute Stube zwar, ja, die betrat ich auch nicht selbstverständlich. Aber ich haßte sie geradezu. Das Sofa und die Lehnstühle und all die blankpolierten Tische und Schränke sahen so unendlich hochmütig auf das kleine Mädchen herab. Im ganzen großen Zimmer war kein Plätzchen, das einem zugerufen hätte: hier kannst du für dich sitzen und spielen und träumen. Es gab darin nur einen Anziehungspunkt, und der ging von dem Glasschrank aus, in dem schön geordnet hundert seltsame Dinge lagen und standen: Spangen aus farbigem Glas und Ketten aus glänzenden Münzen, hölzerne Näpfe und Töpfe, mit leuchtenden Farben bemalt. Da waren zierliche braune Gestalten, in bunte Stoffe gehüllt, und daneben aus tiefschwarzem Holz geschnitzte Elefanten. Und mitten drin erhob sich ein weißes Märchenschloß mit Türmen und Pfeilern, von Palmen überschattet. Das ganze, unglaublich leichte Gebilde war aus Pflanzenmark geschnitten und schien mir von allem Wunderbaren das Köstlichste zu sein. Einmal, als meine Mutter den Schrank säuberte, hatte ich es in vor Seligkeit zitternden Händen gehalten. Das hatte mir zwar einen Klapps eingetragen, den ich aber im Übermaß meiner Freude kaum spürte. Ich ärgerte mich nur über die dumm und hämisch glotzenden Möbel, die meine Demütigung mitangesehen, und dann ging ich von der scheltenden Mutter weg und stieg die zwei Treppen zu Tante Ursula hinauf.

Da oben wurde immer alles gut, was unten verkehrt gewesen und geschmerzt hatte. Da oben gab es keinen Spott und keine Schläge, keine Mahnreden und kein Schelten. Und wenn ich auch mit sehr traurigen oder sehr rebellischen Gedanken die Treppe hinaufstieg, ich brachte sie gar nicht mehr alle in Tante Ursulas Stube hinein. Sie fingen an von mir abzufallen, noch ehe ich auf der obersten Treppenstufe stand und den Apfelgeruch atmete, der den kleinen Vorplatz erfüllte. Und wenn ich geklopft hatte und, das „Herein“ erwartend, die Klinke ergriff, war mir schon ganz froh zumute.

Freilich, es gab auch schwere Fälle. Da saß dann auf der Treppenstufe ein kleines Mädchen, das sich sehnlichst in das Friedensreich hineinwünschte und es doch nicht wagte weiterzugehen, weil es ganz eingehüllt war in böse, anklagende Gedanken. Aber mit einem Male tat sich eine Türe auf, daß der dämmerige Vorplatz voller Licht wurde, und Tante Ursulas Stimme sagte: „Du, Vroneli, wir haben so lange nicht mehr das rote Buch beschaut. Komm' doch herein, ich habe es schon heruntergeholt.“

Und siehe, das Kind wanderte durch den Lichtschein in Tante Ursulas Stube, und alles war wieder gut, was verkehrt und schlecht gewesen.

Tante Ursula verstand alles, Tante Ursula hatte immer Zeit. Und ihr ganzes Zimmer war voller Köstlichkeiten, die ich wieder und wieder bestaunte, und über die wir uns immer aufs neue unterhielten. Alle Alltagsgeräte, die drunten bei uns nüchtern und seelenlos dreinsahen, hatten hier oben ein Gesicht, erzählten eine Geschichte, und ich war fest überzeugt, daß dies einzig und allein von Tante Ursulas Einfluß herrühre. Der „Ofentapper“ drohte als große schwarze Hand hinter dem Ofen hervor, die Zündhölzer kamen in einem Schlitten angefahren. Auf dem Stuhlkissen stolzierten sieben schwarze Raben, die trugen goldene Kronen auf dem Kopf, und aus dem Fußschemel blühten Rosen und Vergißmeinnicht. Auf dem Rouleau war ein See, drauf schwammen weiße Schwäne, deren einer sicher das häßliche junge Entlein gewesen. Ganz herrlich aber war Tante Ursulas Lampenschirm. Eine ganze Stadt sah man da mit hellerleuchteten Fenstern. Einige Häuser hatten grüne oder rote, andere goldgelbe Scheiben. Es war wunderschön, rund um den Tisch zu gehen und sich auszumalen, wer in den Häusern wohnen und was er dort treiben könnte.

Tante Ursulas Stube war die behaglichste der Welt. Ich habe wenigstens seither keine finden können, die ihr gleichgekommen wäre. Es lag ja nicht an der Gruppierung der alten dunkeln Möbel, nicht an der Übereinstimmung der Farben und Bilder, nicht an den Blumen und Büchern – dies alles habe ich später wiedergefunden. Aber den köstlichen Liebeshauch, der diese ganze kleine Welt erfüllte, ihn habe ich mit Tante Ursula verloren.

Woher das rote Buch eigentlich stammte, kann ich nicht sagen. Es wird ja wohl einen Titel, einen Verfasser und Verleger gehabt haben – all dies hat mich damals nicht interessiert. Der Name „rotes Buch“ rührte von der leuchtend roten Einbanddecke her.

Und nun, was stand darin? Alles, einfach alles. Und mehr kann man wahrlich nicht von einem Buch verlangen. Vorne drin war das Bild vom breiten und schmalen Weg. Wir beide hätten es ein wenig anders gemalt, denn der schmale Weg sah denn doch gar zu freudenarm und düster drein. Und es seien doch, meinte Tante Ursula, just die schmalen, stillen Wege, auf denen die Freude blühe.

Auch konnten wir nicht glauben, daß ihn nur so wenige Menschen gefunden, während sie sich auf dem breiten Weg drängten. „Weißt du, Herzkind,“ sagte Tante Ursula, „man hätte überhaupt statt des einen schmalen Weges viele schmale Weglein machen sollen, die alle zu Gottes Haus hinführen. Schmal sind sie ja wohl und vor allem still, denn sonst können wir nicht in uns hineinhorchen, und doch hören wir dort am deutlichsten die Stimme, die uns den rechten Weg zeigt.“ –

Von den Tieren wußte das rote Buch eine Menge zu erzählen, ja, es war darin geradezu unerschöpflich, denn Tante Ursula entdeckte immer wieder etwas, das sie noch nie zuvor gelesen.

So kam es, daß ich keinem Tierlein ein Leides tun konnte und wenn ich ein totes fand, es mit Tränen in die Erde bettete. Aber näher als die Tierwelt stand meinem Herzen die der Blumen. Ich sprach mit ihnen, in leisestem Flüsterton, denn dies schien mir die Sprache der Blumen zu sein.

Das rote Buch hatte mich gelehrt, auf einer jeden Geschichte zu lauschen. Königskerzen … die waren erstmals aus der Erde emporgestiegen und hatten stolz und leuchtend zu beiden Seiten des Weges gestanden, als das verratene Königskind aus der Heimat wandern mußte. Rittersporn … der muß die goldenen Ähren schützen und steht darum am Ackerrand. Aber die rote Mohnblume hat sich zu ihm gesellt. Sie breitet ihr seiden Gewand in die Sonne und freut sich, daß der liebe Gott sie also geschaffen.

Schwertlilie … sie hat die seltsamste Geschichte von allen. Ich konnte mich lange, lange lautlos dem geheimnisvollen Zauber hingeben, der aus ihren wundersam gebogenen Blättern, der herrlichen Farbe, dem starken Duft zu strömen schien. So weiß ich nicht, ob ich ihr Märchen aus ihr selbst oder aus dem roten Buch gehört.

… Einmal stand im Wald hoch über den rauschenden Bäumen eine Burg. Drin lebte mitten unter den rauhen Kriegsgesellen des Ritters Töchterlein. Die war holdselig wie ein junges Bäumlein, über dem der erste Blütenschnee liegt, und hatte warme Augen voll ruhigen Glanzes. Doch schöner noch als die Rosen ihrer Wangen blühten die Gedanken ihres Herzens.

Alle die Ritter und Knappen, die Dienstmannen bis hinab zum jüngsten Knechtlein liebten sie, wie sie das Bild Unserer Lieben Frauen in der kleinen Kapelle liebten.

Aber einmal kam ein junger Rittersmann, der bog sein Knie vor der Holden und bat sie, ihm zu folgen nach seiner Väter Burg als sein trautes Ehgemahl. Und sie gab ihm ihr Jawort, und die Hochzeit sollte gefeiert werden. Aber in der Nacht vor dem Fest brach ein Feind in die Burg ein, überwältigte die schlafenden Mannen, und bald loderte weithin sichtbar eine steile Flamme empor. Dem jungen Ritter war es jedoch gelungen, mit der Holden zu entfliehen. Er hoffte sie in seine eigene schützende Burg zu bringen. Aber als der Morgen graute, sahen sich die beiden, die, um Ausschau zu halten, auf einen kleinen Hügel gestiegen, rings von den Feinden umzingelt. „Mein die herrliche Beute!“ rief einer der Verfolger und teilte mit starken Armen die Büsche, um rascher zur Höhe zu gelangen. Da schrie die Holde in ihres Herzens Not zu allen Heiligen um Beistand, während der Ritter sein breites Schwert aus der Scheide riß, daß es weithin einen blitzenden Schein warf.

Immer näher rückten die Verfolger. Da – mit einem Male blieben sie stehen wie gebannt. Wo waren die Jungfrau und der Ritter? Eben noch hatten sie da oben gestanden, sie in einem blaßfarbenen Gewand, über das silberhelles Haar floß, er das blitzende Schwert in der Faust. Und nun, wo waren sie hingeraten?

Die Verfolger suchten und suchten, aber sie fanden nirgends ein Versteck, darein sich die beiden hätten bergen können. Enttäuscht und mißmutig gingen sie endlich davon. Nur einer, dessen Augen still und nachdenklich schauten, stieg, als sich die andern zerstreut, langsam zur Höhe. Und da er sie erreicht, erblickte er, warm beschienen vom Licht der Sonne, eine Blume, wie er noch keine zuvor gesehen.

Sie reckte sich hoch und schlank, in einen wundersamen Duft gehüllt. Ihr Kelch war geschlossen, als hüte sie ein seliges Geheimnis, und war doch geöffnet, als biete sie allen das Wunder ihrer zartgeäderten bläulichen Blätter …

Der fremde Ritter neigte sich tiefer und tiefer. Glich diese wundersame Blume nicht dem Frauenbild, das er vor kurzem hier oben geschaut? Glich sie nicht dem Frauenbild, das er ersehnend im Herzen trug?

Da gewahrte er plötzlich rings um die Blume hohe grüne Blätter. Die sahen drein wie spitze, drohend gezückte Schwerter. Der Ritter trat zurück.

„Nimmer wird meine Hand dich berühren, Schwert – Lilie du! Hat nicht ein Wunder dich geboren und in unsre rauhe Welt gestellt?“ –

Es waren in dem Buche auch drei in den feinsten Farben gemalte Bilder, von einem Kranz tanzender Buchstaben umrahmt, die die Worte ergaben: die grüne, die silberne und die goldene Hochzeit.

Das erste Bild zeigte ein jugendliches Paar, das über eine Frühlingswiese schritt, gefolgt von einem fröhlich durcheinanderwogenden Zug festlicher Menschen.

Auf dem zweiten Bild lachte eine schön geschmückte und reich besetzte Tafel. Die Gäste hatten sich eben erhoben und scharten sich, jeder ein hohes, blitzendes Glas in der Hand, um ein älteres, zufrieden lächelndes Paar.

Auf dem dritten Bild saß ein altes Paar, auf einem niedern Kanapee aneinandergelehnt, und schlief. Durch das freundlich umrankte Fenster glitt ein Sonnenstrahl just über die weißen Häupter hin und ließ sie silbern aufleuchten.

Deshalb fand ich die Unterschriften der Bilder falsch. Dies Bild sollte silberne Hochzeit heißen. Das andere Bild, wo der Wein wie Gold in den Gläsern glänzte, wo die Frauen goldene Ketten trugen und die Braut gar ein goldenschimmerndes Kleid – das mochte den Namen goldene Hochzeit tragen.

Einmal, als Tante Ursula das Buch mit mir beschaute, trug ich ihr meine Ansicht vor. Sie lächelte, strich mir die Haare aus der Stirn und sagte: „Manchmal hat ja mein Kind ganz gute Einfälle. Aber diesmal, nein diesmal hast du doch nicht recht. Erst silbern, dann golden.“

Ich stützte meine Hände auf ihr Knie. „Tante Ursula, warum sagt man grün und silbern und golden?“

„Warum? Man könnte es sich vielleicht so denken … Am ersten Hochzeitstag, wenn die Welt wie lauter Frühling dreinsieht, da schenkt der liebe Gott dem jungen Paar ein wunderschönes zartes, frischgrünes Zweiglein. Habt wohl acht dazu, sagt er, daß es nicht verdorrt und kein Blättlein verloren geht.“

„Ja, Tante Ursula, kann denn ein Zweiglein immer grün bleiben? Weißt du, im Winter –“

„Nein, grün bleibt das Zweiglein nicht, das ist nicht möglich. Aber höre nur weiter. Wenn das junge Paar das Zweiglein sorglich hütet, dann geschieht etwas Wunderbares damit: es wird immer glänzender, und am silbernen Hochzeitstag – ja, da ist's ein silbernes Zweiglein, das das Paar in den Händen hält.“

„Aber Tante Ursula, wie ist es denn ein silbernes Zweiglein geworden?“

„Von den Sonnenstrahlen, die es berührten, Herzkind, und von den lieben Blicken, die drüber gingen und – ja, auch von den Tränen, die drauf fielen. Das verstehst du noch nicht, aber glaub' mir's nur, es ist so.“

„Und dann, Tante Ursula, wie geht's weiter mit dem Zweiglein?“

„Du willst wissen, wie aus dem silbernen ein goldenes wird? Ja, das ist viel schwerer, denn, weißt du, wenn die Menschen älter werden, werden sie oft auch müder und kälter und härter. Das Zweiglein kann aber nur unter ganz guten und ganz warmen Augen zu einem goldenen werden … Ach, eigentlich kriegen wir Menschen alle, nicht erst und nicht nur am Hochzeitstag, ein solches Zweiglein in die Hand.“

„Ich auch, Tante Ursula, ich auch?“

„Du auch, Herzkind, ganz gewiß. Wenn du ein wenig älter bist, wirst du es sehen, und dann sieh zu, daß du es sorglich hütest.“ –

Eine Geschichte handelte von dem Manne, der zur Himmelspforte wanderte. Er zog die Glocke, und der heilige Petrus fragte durchs Schiebefensterchen nach seinem Begehr. Da bat der Mann um ein Schloß, um Dienerschaft und um ein weiches Bett, um gut Essen und Trinken – genau um das, was er all die Jahre auf Erden gerne gehabt hätte, und um das er die Reichen immer beneidet hatte. Und er kriegte das Schloß und kriegte alle Tage Bratwurst und Kartoffelsalat und hintennach kandierte Früchte und Backwerk. Aber nach einigen Wochen war ihm alles entleidet.

Da schickte er seinen Diener zum heiligen Petrus und ließ ihn zu sich bitten. Und als der heilige Petrus kam, tat der Mann sehr unwirsch und höhnte: „Das ist mir ein schöner Himmel, wo man's vor Langeweile kaum aushält!“

„Wer redet denn vom Himmel?“ sagte der heilige Petrus. „Guter Freund, du bist nicht im Himmel, du bist in der Hölle. Schau' nur durchs Fenster.“

Der heilige Petrus ging weg. Der Mann aber schlich mit schlotternden Knien ans Fenster und schaute hinaus. Aber er sah nichts, rein nichts. Er probierte ein Fenster nach dem andern, hinten und vorn, oben und unten – überall war dieselbe dicke Finsternis. Da zog der Mann die Vorhänge zu, aber das Furchtbare war: die Finsternis hatte Augen, tausend tote, schwarze Augen, die glotzten auch durch die Vorhänge.

Da fing der Mann an, sich nach dem Licht zu sehnen. Nicht nach dem künstlichen, das in seinen Zimmern brannte, nein, dieses haßte er, wie er die Finsternis vor seinen Fenstern haßte. Er wanderte ruhelos in seinem Schloß umher und suchte, suchte nach einem Lichtfunken. Da geriet er einmal in ein Dachkämmerchen, das hatte hoch oben ein kleines Fenster.

„Ach, dies Guckloch wird mir so wenig nützen wie alle die andern,“ seufzte der Mann. Aber er reckte sich doch auf die Zehen, um durch die kleine Scheibe zu spähen, und da stieß er einen Schrei aus, denn er sah Licht, Licht! Zwar war es nur ein schmaler Streifen, der durch eine Türritze quoll. Aber der Mann glaubte nie etwas Schöneres gesehen zu haben. Er starrte wie gebannt auf den Lichtstreifen und vergaß darüber sein Schloß und sein weiches Bett, vergaß seine Dienerschaft und Essen und Trinken. Nur wenn ihn sein mühsam gereckter Körper gar zu sehr schmerzte, setzte er sich auf eine Kiste, die im Dachkämmerchen stand. Aber er hielt es nie lange aus, seine Sehnsucht nach dem Lichtstreifen war zu groß.

Einmal, nach langer Zeit, sah der Mann, wie sich die Ritze ein wenig vergrößerte … der Lichterstrahl wurde breiter und goldener und warf einen blassen Widerschein in das Kämmerchen. In dem Glanze aber sah der Mann selige Gestalten wandeln. Er hörte Klänge, die waren von so leuchtender Schöne, daß sich seine Augen mit Tränen füllten. Und wie das Licht immer breiter und goldener quoll, erkannte der Mann, daß er in den Himmel blicke. –

Hier schloß die Geschichte in dem roten Buch, und ich war das erste Mal, als sie mir Tante Ursula vorgelesen, ganz verzweifelt. Aber Tante Ursula lächelte nur und sagte: „Die Geschichte geht nur hier im Buch zu Ende, Vroneli. Du mußt gar nicht traurig sein, denn nun erzählen wir sie uns weiter, du und ich. Und du wirst schon sehen, es kommt zu einem guten Ende. Denn das kannst du dir doch denken: wer so sehnsüchtig nach dem Lichte schaut, der hat auch einmal hineinwandeln dürfen. Das weiß ich ganz gewiß. Und heute nacht will ich ein wenig drüber nachdenken und es dir morgen sagen.“

Ich wischte mir die letzten Tränen von den Backen und sagte: „Ja … vielleicht ist das Licht auf einmal eine Brücke geworden, und dann hat er darauf hinübergehen können. Aber das kleine Fenster – da war er wohl zu dick. Wie ist er nur durchs Fenster gekommen, Tante Ursula?“

„Ich sage dir's morgen,“ tröstete Tante Ursula. „Es kommt alles zu einem guten Ende, ganz gewiß.“

So habe ich auch dieses aus dem roten Buch gelernt, daß man nicht ob des sichtbaren Endes, das eine Geschichte hat, verzweifeln muß, sondern sich des verborgenen guten Endes getrösten darf, das von einem „morgen“ enthüllt werden wird.

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