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Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit

König Wenzel IV.

Reading edition

Im Prager Tschechischen Theater findet jetzt die Tragödie eines neuen Dichters vielen Beifall. Das Haus ist ausverkauft. Ein Teil der Presse spricht von einer nationalen Tat, ein andrer lacht tadelnd. »König Wenzel der Vierte« von Ernst Dvorak.

Der Theaterzettel, beinahe länger als beim Medardus, gibt schon manchen Grund zu träumerischem Nachdenken. Neben dem König, der Königin, der hohen Geistlichkeit tritt der hohe Adel auf, jene »böhmischen Herren« von Bilin, Douba und Hohenstein, Rosenberg, die jetzt verschollen sind – und die jetzt so blühenden Adelsgeschlechter der Lobkowitze, zum Beispiel, figurieren als niedere neue Namen. Sofort denkt man an die Umwälzungen, die unser Heimatland betroffen haben. Und liest man nun gar unter den Personen nach: Johann Hus, Zizka von Trocnov, den päpstlichen Nuntius, Jost von Mähren, schlichte Bürgersleute, Bauern, einen Bettelmönch, einen Hofnarren ... so ist man von der richtigen historischen Atmosphäre schon durchdampft. Freilich möchte man gern noch den Dichter, obwohl er ja sichtlich vor schönen Taten steht, gern noch an die Schwierigkeiten erinnern, möchte ihn warnen, am Ärmel zurückhalten: Was ist denn das? Jeder Akt spielt in einer andern Stadt, und immer nach zehn Jahren – in Beraun, Wien, Prag, Kuttenberg, Kunratitz? Wirst du das bewältigen?... Doch das Stück ist ja schon geschrieben, und mit einem Seufzer beendet man das nichtige Studium des Theaterzettels.

Meine Sorgen steigerten sich, als ich vor dem Abend meine Kenntnisse der vaterländischen Geschichte aus einigen Büchern auffrischte – ach, aus Büchern, die meiner Kindheit Spielzeug waren, in denen ich jedes Wort und jede Vignette als unendliches Kunstwerk einst bewundert habe. Da fiel mir auf, daß ich die Wirren unter Wenzel dem Vierten eigentlich immer überschlagen hatte, weil ich in ihrem planlosen Hin und Her ohne Frucht und ohne Höhe nichts Interessantes finden konnte ... Ein schwacher König, um das Deutsche Reich wenig besorgt und also »der Faule« benannt, das tschechische Volk liebend, von ihm geliebt, in ewigem Streit mit dem Prager Erzbischof, mit dem frondierenden Adel, bald für Hus, bald gegen Hus, schwankend Verratner und Verräter, Säufer, allgemeine Unordnung, das Jahr 1411 mit drei Kaisern und drei Päpsten, zum Schluß von einem Schlaganfall getötet, während das Volk seinen Palast stürmt. Was ist aus all dem andres zu ersehen als die Grausamkeit und Zwecklosigkeit alles Menschlichen, sofern es nicht geistig-logische Richtungen nimmt?

Nun wurden aber meine Bedenken durch das aufgeführte Drama auf die schönste Weise zerstreut. Und deshalb schreibe ich. Ein Trauerspiel ist geschaffen, voll von Patriotismus, den ich, wo nicht als Patriotismus, doch mindestens als Begeisterung zitternd mitfühle – die Tragödie eines Königs, der sein Volk liebt und mißversteht. Wenn irgendwo, so ist hier das, was die Älteren »tragische Schuld« nannten, in herzlichster Vollendung gegeben.

In der Hauptfigur des Wenzel hat Dvorak eine so scharf individualisierte königliche Gestalt geschaffen, daß ich sie dicht neben Shakespeares Könige stelle. Ein gutes Herz, heiter und gesund, so tritt er, unter dem atemlosen, innigen Jubel des Volkes auf, im grünen Wams, mit Jägerhut und Armbrust, wie ihn das Bild im Römer zu Frankfurt zeigt. Alle sind so froh, ihm die Hand küssen zu dürfen. Ein Bauer bringt die Butter, die für den Markt vorbereitet war, einen schmackhaft aussehenden gelben Klumpen, für den geliebten König aufs Schloß. (An solchen volkstümlich-lustigen Zügen ist das im Innern trübe Stück äußerlich reich.) Alle lachen und trinken gern mit ihm. Doch schon hier zeigt sich der Konflikt. »Wir lieben dich sehr,« sagt ein Greis, »aber wir möchten auch, daß du unser Vorbild bist, ein Muster. Dein Vater Karl war so erhaben ...« Es hat etwas unter Komik Grausiges, wie das Volk immer von neuem diese Forderung gegen den Herrscher erhebt, von ihm das Höchste verlangt. Wenzel, der sie auf weltliche Art glücklich machen will, Steuern erläßt und freigebig Waldungen an die Gemeinden verschenkt, dieser Wenzel genügt ihnen nicht. Sie wollen ihn heilig, er ist ein Mensch. Man muß den Dichter bewundern, der diesen vielleicht historisch unrichtigen, aber so sympathischen, neuartigen, unglücklichen Regenten erfunden hat. Nicht wahr? Den Dramatiker ferner, der aus dem nun vorliegenden Material einen Aufbau und eine Einheit gestaltet hat. Wie er den Jähzorn des Königs, sein schnelles Dolchziehen benützt! Ja, er ist gut, aber an den Tod des Johann von Nepomuk darf man ihn nicht erinnern. Wie er ihn allen Frauen nachstellen, seine Geliebten unter den Dienstmädchen im Volke suchen (auch darin populär, beliebt, aber den höchsten moralischen Anforderungen des Volkes nicht gewachsen), ihn trotzdem zärtlich, mit großem Herzen an seiner Frau hängen, sie als »Moje kuratko« (»Mein armes Huhn«) sanft an sich reißen läßt, vor versammeltem Hofstaate familiär mit ihr ... Man fühlt: in jeder andern Zeit wäre er ein guter König gewesen. Aber »die Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram ....«. Hus ist aufgetreten, und der König, den eben die Hussiten aus seinem Kerker gerissen haben, versteht die neuen »Ketzer« nicht. Er versteht noch das Nationale ihrer Bewegung, hilft ihr gegen die Deutschen, aber das Metaphysische, Religiöse interessiert ihn einfach nicht ... Nun wirkt es erschütternd, wie er, der sich bewußt ist, stets das Beste seines Volkes gewollt zu haben, der auf die Zustimmung des Volkes stolz ist, plötzlich bemerkt, daß alle den Kelch über ihn stellen. »Gib uns den Kelch wieder,« heulen unten die Rebellen. Und im letzten Akt stellt sich die Rührung ein, mittelst einer vielfachen Perspektive, mittelst eines wahrhaft geschichtsphilosophischen Überblicks, der aber vom Dichter nirgends durch Theorien, nur durch Gestalten ausgedrückt wird. Natürlich so: Wenzel hat recht, wenn er das Volk irdisch beglücken will – unrecht, wenn er die Tiefe der religiösen Sehnsucht verkennt – und doch wieder recht, wenn er all das Elend, das infolge dieser Religionskämpfe über Böhmen hereinbrechen will, prophetisch ahnt – und doch vielleicht von einem höchsten Standpunkt, kraft dessen die geistige Freiheit dem Menschen wichtiger als alles leibliche Wohl und Wehe ist, wieder unrecht – und doch vielleicht zum Schluß recht, weil er ein Mensch ist, ein mystischer Rationalist, eine Art Goethe, der den Himmel auf der Erde sucht. Diese komplizierten Antithesen, von Akt zu Akt gesteigert, trotz der Uneinheit von Raum und Zeit zu einer innern Einheit erhoben durch Heroismus, Schönheit, blutige Aufwallungen, persönlich gemacht durch brennende Details – das ist eben das neue Drama dieses neuen Dichters!

Es wird vorzüglich aufgeführt, wie dies unter dem Dramaturgen des Nationaltheaters Kvapil nicht anders zu erwarten steht. In der Titelrolle leistet Schlaghammer Packendes, Sicheres, Springendes ... wie seine Augen glänzen, seine Rede melodisch dröhnt, wie er unstet-trotzig die Würden des Reiches dem einen nimmt, dem andern nach einem verwirrten Blicke in die Runde hinwirft, wie er voll schöner, jugendlicher Ideale in Blüten des Frühlings steht, sonnig, und schließlich im Feuerschein geplünderter Dörfer zusammenröchelt! Ich habe geweint ... Und neben ihm der Narr, vom Dichter zwar mit wenig Humor begabt, aber mit melancholischen treuen Bocksprüngen ausgestattet von Haschler. Zum Schluß nimmt er Gift aus einem Ring, sinkt lautlos am Fenster nieder, niemand kümmert sich um ihn, nicht einmal der König bemerkt, daß der einzige als Freund mit ihm zugleich stirbt. Ein rührender Zug ... Noch vieles andre hat mir gefallen. Hus allerdings nicht – Vojan spielt ihn mit feuchten Haaren, allzu schulmeisterlich. Aber daß ihn der König, als scheute er sich vor seinem für das Volk so suggestiven Namen, immer nur als »Hussinetzer« nach seiner Herkunft anspricht: wie gefällt euch das? Oder daß unter tausend Höflichkeitsformeln und Treuversicherungen, galant beinahe, ein König gefangen gesetzt wird, mit aller Etikette. Daß ein halbtauber Diener auftritt, dessen dunkelbraunes, altes Gesicht den Anschein erweckt, als verrammle ihm zu viel braunes, dickes Blut das Gehör. Daß er überdies kurzgeschorene, dichte, graue Haare hat, die man gern streichelt wie einen Hund, und die mit einem unsäglich einfältigen Eindruck in die Stirn hereinhängen. Daß jemand in einem Zimmer sitzt, und man weiß gar nicht, daß er hier gefangen ist, bis plötzlich die Türe sich öffnet, nur zufällig, eines Besuches wegen, und da sieht man draußen vor einem hellen, in den weißlichen Himmel verästelten gotischen Fenster unheimliche schwarze Wachtsoldaten stehen, die ein enges Vorzimmer ganz anfüllen, dunkel abgehoben vor dem weißen Licht. Sofort schließt sich die Türe wieder. Und so oft sie sich öffnet, derselbe unbewegliche Anblick.

Zum Schluß nach so viel Lob eine Einschränkung, mich selbst betreffend. Ich gehöre zu den Leuten, die Glockenklang hinter der Szene, Hochrufe des Volkes, jeder Lärm und alle Waffen auf der Bühne aufregen. Inwiefern es ferner zu meiner Rührung über dieses Stück beigetragen hat, daß Orte und Gassen der geliebten Heimat in einem bedeutenden Ton genannt werden, daß man vom uralten »Gasthaus zum grünen Frosch«, das ich kenne, und vom Teinhof mit Zuneigung spricht – das kann ich nicht feststellen und wünsche es auch gar nicht zu wissen.

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