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Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit

Die Liebe wacht

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Es ist doch nicht gut, ... dachte ich im Theater während der Vorstellung ..., wenn die Pracht von »Haben Sie nichts zu verzollen?« mit »Weißes-Rößl«-Komik für den Mittelstand sich amalgamieren will ... Ein Nachthemd ist immerhin ein Nachthemd, und lustig. Was aber lernen wir aus diesem (jetzt sage ich's schon) miserablen Stück? Zum Beispiel, es tritt ein junges Mädchen auf und legt Karten. Die Gouvernante kommt dazu, zankt sie aus, dann dreht sie sich selbst um, fängt ihre Patience an. Ein Abbé tritt auf ... mein Freund und ich im Publikum, wir lachen schon, wollen ihn durch Gebärden abhalten ... es nützt nichts, es bleibt dem Abbé nicht erspart, sich lächerlich zu machen, indem er die Gouvernante auszankt und dann (beiseite) seine Patience anfängt ... Ist darin eine Moral, so ist sie mindestens sehr langweilig! Und plattgedrückt von dieser ausdrücklichen, wie mit Humor akzentuierten Langeweile kriecht das Stück über die dreiaktige Bühne, nein vieraktige sogar! Schließlich wirkt diese Öde verwirrend, wie eine große Stille, diese Selbstverständlichkeit wird unverständlich; man gähnt, um sich mit etwas zu amüsieren ...

Doch merkwürdig, jetzt zu Hause hat auf einmal dieses unaufmerksam gehörte Spiel eine Einheit für mich bekommen ... Ein Gelehrter kommt darin vor, schreibt über etwas Uninteressantes, Kleines aus dem Mittelalter, liebt eine Frau, ist schüchtern, ungeschickt, mit Mißlingen von oben bis unten bekleidet. Und dann, in dem Moment, wo er glaubt, diese Frau liebe ihn doch, schmeißt er seine Bücher weg, verschmäht eine Freundschaft, tanzt und bestellt Champagner (genau Champagner!). Da erstaune ich. Und weiß: dieser Gelehrte ist nichts Reales, er ist ein Gelehrter, wie sich die Autoren vorstellen, daß eine Frau sich ihn vorstellt ... Daher seine vernachlässigte Tracht! Daher sein Vorname, den er betrauert: Auguste! Daher die schlimmen Ibsen-Symbole das ganze Stück entlang! Daher das ganze Stück!... Das ganze Stück stellt ein Gehirn einer mittelmäßigen Frau im Sinne mittelmäßiger Autoren dar. Es ist gleichsam ein inwendiges Stück, ein Kapitel Physiologie, ein Blick in die arbeitenden Gedankenzellen des Fräulein Jacqueline. Deshalb muß ihr begünstigter Liebhaber ein Lebemann und ziemlich untreu, schlagfertig, eifersüchtig, im Grunde edelmütig sein; der Gelehrte aber nebst allem Unglück auch unehrlich, zappelnd, zum Auslachen, ohne eine Spur von Tesmans Tragikomik einfach zum Auslachen. – Auch bei andern Dichtern gibt es diesen Geistigen, der den Kürzern zieht. Aber konnte ein einziger bisher sich zurückhalten, innerlich diesem Geistigen wenigstens ein bißchen recht zu geben, ein bißchen ironisch auf die siegende Eleganz zu seitenblicken? Ibsen, Hamsuns Nagel, Shakespeares Hamlet ... In diese Galerie unterliegender Gelehrter führen nun die Herren G. A. de Caillavet und Robert de Flers (Ritter aus den Kreuzzügen, Autoren von »Die Liebe wacht«) ihren Auguste, als den einzigen, der gänzlich unterliegt, gänzlich unrecht hat und dem wir´s gönnen (im Sinne des erwähnten Zentralgehirns der kleinen Jacqueline) ...

Und in diesem Sinne auch wünschen wir ungebrochene Erfolge weiterhin über alle Bühnen Deutschlands diesem physiologisch-inwendigen, originellen Stück. –

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