Front matter (continued 3)
Anna Herbst translation
„Wenn du nach dem Mittagessen alles an einen bestimmten Platz stellen ließest, Flora.“
„O, liebste Irma, hier im Hause hat nichts seinen bestimmten Platz.“
„Du mußt meinem kleinen Liebling keinen Schreck einjagen, Schwesterchen,“ sagte Gustav. „Sie bemüht sich nach Kräften, und ich habe ein bißchen geniale Unordnung gern.“
„Aber auf diese Weise seid ihr bald bettelarm.“
„Ach nein, wir besitzen noch einen großen Haufen Geld, und wenn das alle ist, komponiere ich meine neue Oper; mir stecken ja so viel Ideen und Melodien im Kopf. Und dann werden wir wieder reich, gelt, Florchen?“
Beide lachten so sorglos und herzlich, daß Irma, die von Natur wahrhaftig nicht ernst angelegt war, lustig mit einstimmte.
Ein paar Tage später wurde sogar Gustav aus seiner behaglichen Gleichgültigkeit wachgerüttelt. Seine Frau war mit Irma spazieren gegangen. Als er nach Hause kam, stand ein Haufen Menschen vor der Türe der kleinen Villa, und über dem Dach schwebte eine dichte schwarze Rauchwolke.
„Es brennt,“ rief es von allen Seiten, und bei seinem Eintritt schlug ihm ein erstickender Qualm entgegen. Es war ein Schornsteinbrand, und in der Küche saß die gefürchtete Lisa mit dem Kopf auf dem Tisch und schnarchte, während eine geleerte Kognakflasche und ein Glas daneben deutlich erkennen ließen, woher sie so zur Unzeit ein Bedürfnis nach Ruhe überkommen hatte.
Fremde Leute drangen ins Haus; die Feuerwehr und die Polizei wurden alarmiert. Gustav war später außer Stande zu erzählen, wie alles sich zugetragen hatte; aber als Flora und Irma heimkehrten, fanden sie in der Küche eine fürchterliche Unordnung, und Lisa war von der heiligen Hermandad mit Sack und Pack aus dem Hause geschafft worden. Nur in höchst unzusammenhängender Weise vermochte Gustav ihnen das Geschehene zu erklären; dann standen sie alle drei und schauten sich bestürzt an, bis Flora endlich erleichtert aufatmete und Gott dankte, daß Lisa fort war, denn sie würde nie den Mut gefunden haben, ihr zu kündigen.
An diesem Mittag speisten sie in einem Restaurant und unterhielten sich köstlich. Am folgenden Morgen machten Irma und Flora die Betten und lachten sich über ihre Ungeschicklichkeit gegenseitig aus. Während ihnen bei ihrer ungewohnten Beschäftigung die Stunden im Fluge vergingen, waren sie ausgelassen lustig, wie zwei Kinder, die das Wirtschaften als Spiel betreiben, bis Gustav heimkehrte und ihnen erzählte, daß des Abends eine Anzahl Herren zum Musizieren kommen und zum Nachtessen bleiben würden.
Irma prustete los, aber Flora machte ein ganz entsetztes Gesicht.
„Männchen, wie konntest du sie heute einladen? Wir haben doch noch kein Mädchen, es ist unmöglich.“
„Daran hab' ich nicht gedacht,“ versetzte Gustav ganz geknickt. „Aber absagen kann ich nicht. Dr. Schweinfurt und der Direktor des Konservatoriums, Raabe, wollten so gern deine Bekanntschaft machen; sie bringen beide ihre Frauen mit.“
„Wie soll das nur werden?“
„Das weiß ich nicht, Kindchen, denke dir etwas Gescheites aus.“ Doch Flora war nicht erfinderisch. Hülflos schaute sie sich um, und das Weinen war ihr näher als das Lachen.
„Bist du ängstlich,“ rief Irma, „deshalb gleich den Kopf hängen zu lassen. Weißt du was, ich werde mich als Magd verkleiden, den Gästen aufmachen und sie bedienen. Das kann einen köstlichen Spaß geben. Wir wollen uns gleich an die Arbeit machen.“
Gustav stimmte diesem Plane freudig zu, und die beiden jungen Damen begaben sich an die Ausführung. Er sollte im Musikzimmer aufräumen, aber als nach einer Stunde Irma einmal sehen wollte, was er eigentlich trieb, fand sie ihn auf der Erde sitzend und in einer interessanten Partitur blätternd, die er unter den Notenheften gefunden hatte. Darüber hatte er natürlich alles vergessen, auch die ihm aufgetragene Arbeit.
Irma zupfte ihn an den Ohren und rief Flora herbei. Zuerst bekam er tüchtig Schelte, dann wurde im Rat der Frauen beschlossen, ihn auszuschicken, um die Einkäufe zu besorgen, denn hier im Hause würde er den Wirrwarr doch nur vergrößern. Sie gaben ihm einen Zettel, auf dem alles, was sie zum Abendessen brauchten, verzeichnet stand, und er ging willig fort, mit dem Versprechen, nichts zu vergessen.
Nun machte Irma sich mit vollem Ernst ans Werk, und Flora half tapfer. Das Musikzimmer und der Salon wurden aufgeräumt, das heißt, alles was nicht hinein gehörte, hinter die großen Möbelstücke gepackt. Als der Berg von Büchern, Zigarrenkisten und andern Gegenständen so mächtig anwuchs, daß er drohte, über den Flügel und das Sofa hinauszuragen, warf Irma mit anmutiger Nachlässigkeit einen bunten Teppich darüber, der nach Floras maßgebender Meinung in der Ecke eine sehr hübsche Wirkung hervorbrachte. Inzwischen kehrte Gustav heim, gefolgt von einem kleinen Jungen, der einen Korb mit allerhand guten Sachen trug; der Hausherr wurde gelobt und abermals ausgeschickt, um einige Blumen zu besorgen. Er kam mit einer Menge von lila und weißem Flieder, duftenden Maiglöckchen und großen Büscheln Goldregen zurück, die er selbst, höchst künstlerisch, in den schlanken Vasen ordnete. Es sah wirklich alles sehr hübsch aus. Im Eßzimmer wurde die Tafel gedeckt. Flora wußte von keinem Geschirr, wo es seinen Platz hatte; die Champagnergläser fanden sich im Wäscheschrank, und das blaue Porzellan stand unter dem Bett; auch entdeckten die jungen Eheleute bei dieser Gelegenheit, daß schon vieles fehlte und verschiedene Dinge zerbrochen waren, aber das regte sie weiter nicht auf. In der Küche herrschte solch ein Durcheinander, daß Irma erklärte, sie wollten nur die Türe zulassen und gar nicht hinein sehen, sonst müßten sie verzweifeln. Nach unendlich vielem Suchen, Lachen und Hin- und Herlaufen war die Tafel gedeckt, und wenn sie auch nicht so aussah, daß eine perfekte Hausfrau damit zufrieden gewesen wäre, die Gäste mußten eben vorlieb nehmen. Da es nur Künstler unter sich waren, kam es ja nicht so genau darauf an. Gustav erklärte es für höchst gemütlich und sehr hübsch.
Nun wurde die Kostümfrage für Irma beraten. In dieser Beziehung war die Kleine geschickt, und sie überraschte Flora durch ihre ungewöhnliche Findigkeit.
Ihre eigene Garderobe sowie die ihrer Schwägerin wurden eingehend durchgesehen, wobei ein einfaches rosa und weiß gestreiftes Kattunkleid mit kurzen Ärmeln aus Floras Mädchenzeit zum Vorschein kam. Irma zog weiße Strümpfe und schwarze Lackschuhe mit Kreuzbändern an, über den gestreiften Rock band sie eine Leinenschürze, mit roten Borten gestickt; ihr schönes, blondes Haar legte sie in dicken Flechten um den Kopf, und aus einem Spitzenschlips verfertigte sie mit Hilfe einiger Nadeln ein Häubchen. In diesem Anzug zeigte sie sich dem jungen Ehepaare, das vor Entzücken in die Hände klatschte. Sie hatte nichts von einem Dienstmädchen an sich, sondern sah aus wie ein Zöfchen aus einem französischen Lustspiel; aber sie war so reizend, daß Gustav sie einige Augenblicke sprachlos anstarrte, und dann erklärte, es sei ein Genuß, sie anzusehen; wenn er nur solch ein Dienstmädchen bekommen könnte, dann möchte sie in Gottes Namen radeln, stehlen, trinken, ja sogar Brand stiften. Flora hatte ihr gewöhnliches weißes Hauskleid mit einem ähnlichen Gewande von schmiegsamem Stoff und unbestimmter zartlila Farbe vertauscht, das am Halse ein wenig ausgeschnitten und mit echten Spitzen garniert war. Sie sah in dem durch seidene Lampenschirme etwas gedämpften Licht des Musikzimmers, das manche Unordnung mitleidig verhüllte, wirklich reizend poetisch aus. Gustav meinte nämlich, ein mattes Dämmerlicht erhöhe die Stimmung. Er war sehr zufrieden, da nun alles so recht nach seinem Wunsche ging; hätte er einen von den abscheulichen Küchendragonern im Hause gehabt, so wäre nie ein so wohltuendes Ganzes zustande gekommen.
Während Irma das junge Paar zum Schluß noch ermahnte, nicht zu lachen, sondern ernst zu bleiben, wenn sie bei Tisch bediente, klingelte es. Voll Jubel über die Rolle, die sie spielte, lief sie hinaus und öffnete.
Ein langer, hagerer Herr mit einer goldenen Brille trat ein. Sein kahles Haupt, das nur im Nacken einen Kranz langer Haare zeigte, erinnerte Irma lebhaft an eine Billardkugel mit Fransen. Ihm zur Seite schritt sein alter ego, eine sehr stattliche Dame mit lauter Stimme. Sie trug ein schwarzes Atlaskleid und eine schwere, dreifache Goldkette um den Hals. Ihre kleinen, gutmütigen Augen schauten mit großem Staunen auf Irma, und noch bevor sie den Salon erreichten, flüsterte sie ihrem Gatten zu, sie hätte nie geglaubt, daß in I. solch ein Dienstmädchen zu finden sei.
Irma meldete Herrn und Frau Dr. Raabe. Gustav, der die Verkleidung schon längst wieder vergessen hatte, benahm sich angemessen, aber Flora preßte die Lippen auf einander, um nicht laut loszuprusten. Dann kam ein junger Mann, der, während Irma ihm half seinen Überzieher ablegen, sie unters Kinn faßte und ihr zuflüsterte, daß sie ein paar Prachtaugen habe. Das war weniger angenehm, aber ihre Rolle mußte sie durchführen, so schaute sie ihn nur entrüstet an und drehte ihm den Rücken. Nach und nach erschienen alle Gäste, und dieser Teil des Programms verlief ohne irgend ein Unglück. Flora schenkte den Tee ein, den Irma herumreichte, und die beiden vergnügten sich dabei göttlich. Frau Schweinfurt, eine schmachtende Dame mittleren Alters in himmelblauer Seide, starrte Irma beharrlich an und machte die anderen flüsternd auf ihre weißen Händchen und anmutigen Bewegungen aufmerksam. Schließlich fragte sie Flora, woher sie das Mädchen habe, und diese rettete sich aus ihrer Verlegenheit durch den Einfall, es sei ihre Milchschwester, die ihr aus der Heimat gefolgt wäre. Gustav mußte sich abwenden, um sich nicht zu verraten, und Irma flüchtete ins Eßzimmer, wo sie einen solchen Lachanfall bekam, daß sie in den nächsten fünf Minuten nicht imstande war, den Salon wieder zu betreten.

Nun setzte der Gastgeber sich an den Flügel, und sobald die ersten Akkorde erklangen, wurden alle still und lauschten andächtig dem meisterhaften Spiel. Hinter der Türe horchte Irma auf das Spiel ihres Bruders; sie vergaß alles, die Rolle, die sie zu spielen hatte, und auch das angenehme Gefühl befriedigter Eitelkeit über ihr reizendes Aussehen. Tränen traten ihr in die Augen, eine große Sehnsucht nach Otto ergriff sie, und ihr war, als wäre ihr Herz zu klein, um alle Gefühle der Liebe, des Glückes und der Wehmut, die auf sie einstürmten, zu fassen. Als die letzten Töne verhallten und die Gäste noch immer den gewaltigen Eindruck der herrlichen Musik in sich nachwirken ließen, und zu ergriffen waren, um in lautes Beifallklatschen auszubrechen, zeigte sich Irma als das echte Kind aus einer Familie von Künstlern. Einer augenblicklichen Eingebung folgend, flog sie auf ihren Bruder zu, umarmte ihn, und rief:
„O Gustav, das war himmlisch!“
„Aber Irma,“ schrie Flora entsetzt; die andern, plötzlich aus ihrer Verzückung erwachend, schauten mit erstaunten, halb spöttischen, halb entrüsteten Mienen das vermeintliche Dienstmädchen an.
Einen Augenblick war es Irma, als müsse die Erde sich öffnen und sie verschlingen; sie wünschte sich meilenweit fort; dann aber tat sie das klügste, was sie tun konnte, und fing herzlich an zu lachen.
„Ja, nun bleibt uns nichts übrig, als alles zu verraten,“ rief sie, und sie und Flora erzählten abwechselnd ihre Abenteuer mit Lisa. Weit entfernt, daß die gute Laune dadurch getrübt worden wäre, begann es nun erst recht nett und gemütlich zu werden. Natürlich hatte jeder sofort gemerkt, daß es mit diesem Dienstmädchen eine ganz eigene Bewandtnis haben müsse. Ungesucht wurde sie die Heldin des Abends. Alle wollten beim Bedienen helfen; einige Herren rannten nach der Küche, und die dort herrschende Unordnung war in Gefahr verraten zu werden, aber Irma hatte die Geistesgegenwart, das Gas schnell auszudrehen. Große Verwirrung und heller Jubel! Der junge Mann, der beim Kommen schon galant gegen das schöne Dienstmädchen gewesen war, stolperte über einen Eimer. Zum Glück tat er sich nicht weh; Irma hatte auch nicht das geringste Mitleid mit ihm und erklärte lachend, daß er nur seinen verdienten Lohn ernte.
Frau Schweinfurt, die sich ärgerte, daß man soviel Wesens von dem koketten Ding machte, wie sie Irma später benannte, erhob sich und gab ihrem Gatten einen Wink, sich ans Klavier zu setzen und sie zu begleiten. Für eine Weile zog ihr dünner Sopran die Aufmerksamkeit von der kleinen Holten ab. Das Konzert wurde hierauf fortgesetzt und nur dann und wann durch einige Scherze unterbrochen. Beim Souper erst erreichte die allgemeine Heiterkeit ihren Höhepunkt.
Die tollsten Dinge wurden getrieben; die Herren machten Kappen aus ihren Servietten und liefen mit den Tellern und Schüsseln in langem Zuge durchs Haus, der größte voraus, der kleinste zum Schluß, unter Absingung eines bekannten Marsches aus einer Operette. Alle tollten durcheinander, um noch etwas Vergessenes zu suchen. Flora und Gustav, ohne sich irgendwie verstimmt und verlegen zu fühlen, lärmten mit. Alle Räume wurden festlich beleuchtet, und was unten nicht zu finden war, kam im Schlafzimmer aus dem einen oder andern Schrank zum Vorschein. Ein jeder beteiligte sich beim Bedienen, schnitt vor oder schenkte ein. Leute, die sich bisher nur wenig gekannt hatten, streiften alle Förmlichkeit ab und benahmen sich mit einer Ungezwungenheit, als ob sie seit Jahren im engsten Verkehr mit einander gestanden hätten.
Das Fest dauerte bis spät in die Nacht hinein, und alle waren ausgelassen wie Kinder, die das ganze Haus auf den Kopf stellen, wenn Papa und Mama verreist sind. Nur die gutmütige, dicke Frau Raabe fühlte endlich Mitleid mit der jugendlichen Gastgeberin und ihrer reizenden Schwägerin, namentlich wenn sie an das Durcheinander dachte, das am nächsten Morgen in Ordnung gebracht werden mußte. Als es ihr an der Zeit zu sein schien, stand sie, ihr Sektglas in der Hand, auf, brachte das Wohl der drei Holtens aus und fügte das Versprechen hinzu, für ein tüchtiges Dienstmädchen zu sorgen, das alle schlechten Streiche der Vorgängerinnen durch seine vortrefflichen Leistungen gut machen sollte.
Unter allgemeiner Zustimmung nahmen die Gäste Abschied, nachdem sie noch ein wenig beim Aufräumen geholfen hatten, und Irma und Flora konnten sich übermüdet, wie sie waren, gleich zur Ruhe begeben.
Frau Direktor Raabe hielt Wort. Sie kam am folgenden Morgen selber, um zu helfen, und verrichtete in ein paar Stunden wahre Wunderdinge, wobei ihr Frau von Holten und ihre Schwägerin tapfer beistanden. Unter ihren praktischen, aufmunternden Anweisungen zeigten sie erstaunliches Geschick und griffen überall wacker selbst mit an. Sie sorgte auch für ein gutes Mädchen, das in wenig Tagen den ganzen Haushalt wie durch Zauberei umgestaltete und Ordnung und Sauberkeit einführte, ohne die Ansprüche und Untugenden ihrer Vorgängerinnen zu besitzen. Gustavs Schönheitssinn befriedigte sie zwar nicht — sie war eine einfache Person mittleren Alters und von ganz gewöhnlichem Aussehen, sauber und anspruchslos gekleidet — aber es gefiel ihm, Ordnung und Nettigkeit, wenn sie nicht in kleinliche Pedanterie ausarteten, um sich zu sehen. Es berührte ihn sehr angenehm, bei seiner Heimkehr die Mahlzeiten zierlich aufgetragen und schmackhaft bereitet zu finden, und von seinem kleinen Frauchen keine Klagen und Seufzer, sondern nur lebhafte Lobpreisungen des Mädchens zu hören. Da auch in seinen Ausgaben sich der Unterschied sehr bemerkbar machte, war er der guten Frau seines Direktors aufrichtig dankbar.
Irma blieb noch einige Wochen bei dem jungen Paar, und unterhielt sich ausgezeichnet. Es war ein Genuß für sie, mit dem Bruder, den sie eigentlich so wenig kannte, einmal länger zusammen zu sein. Sie lernte seine guten Eigenschaften, seine Herzlichkeit, seine Milde schätzen und verzieh ihm dafür gern seine Zerstreutheit, sein träumerisches und ein bißchen überspanntes Wesen, das er ja mit vielen Künstlern gemein hatte. Auch Flora war ihr sehr lieb geworden, aber ihr Geheimnis Otto betreffend verriet sie nicht; daß sie es nicht tat, nicht einmal die Versuchung fühlte, war ihr selbst auffallend. Schon früher hatte sie den Baron Hochstein flehentlich gebeten, eine passende Gelegenheit zu suchen und ihrem Bruder seinen Besuch zu machen; von der Landpartie her kannte er doch Gustav und seine kleine Frau. Sie hätte einen Verkehr Ottos mit ihrer Familie doch schon wie eine halbe Erfüllung ihrer Zukunftshoffnungen angesehen. Von der Hand gewiesen hatte der junge Baron diesen Plan auch nicht, ja er hatte ihn sogar recht vernünftig gefunden, aber zur Ausführung war er trotzdem nicht gekommen. Als Irma nun bei Holtens zu Besuch weilte und in den ersten Tagen ihres Aufenthaltes in I. eine Gelegenheit fand, Otto auf der Straße zu sprechen, drang sie ernstlich in ihn einen Vorwand zu ersinnen und endlich seinen Besuch zu machen. Sie könne es dann leicht einrichten, daß Flora ihn einmal zum Essen einlüde, und fände es himmlisch, auf diese Weise sich öfter sehen und sprechen zu können. Otto sagte, daß er das von Herzen gern tun möchte, aber jetzt so viel zum Examen zu arbeiten hätte, daß es ihm wirklich an Zeit fehle. Sie beruhigte sich und dachte, wie gut und lieb es von ihrem Anbeter wäre, sich um ihretwillen derartig anzustrengen.
Otto vermied es sogar, ihr zu begegnen, wenn sie mit Flora oder Gustav ausging. Die arme Irma hatte sich eingebildet, sie werde ihn während ihres Aufenthaltes in I. häufig zu sehen bekommen, und die Enttäuschung, daß es nicht geschah, war groß; traf sie ihn aber dann und wann einmal zufällig auf einige Minuten, so blieb er sich in seinen zärtlichen und leidenschaftlichen Liebesbeteuerungen immer gleich. Die trübe Zeit der Heimlichkeit würde ja nun bald vorüber sein; in vier bis fünf Monaten — ein Monat war schon wieder verstrichen — machte er sein Examen, dann begann ihr Glück, dessen war sie sicher. Sie ließ sich immer wieder durch die schönen Zukunftsbilder, die er ihr vorspiegelte, täuschen; sie glaubte und vertraute — eher würde sie an den Untergang der Welt gedacht haben, als daran, daß Otto von Hochstein kein ehrliches Spiel mit ihr triebe.

An einem der seltenen Märztage, welche die Hoffnung erwecken, daß der Lenz nun wirklich seinen Einzug halten will, an denen die Sonne schon köstlich wärmt und kleine Sträußchen von Märzveilchen und Schneeglöckchen angeboten werden, saß Ilse mit Onkel Heinz im eichengetäfelten Wohnzimmer beim Schach. Im Kamin knisterte, trotz der Wärme draußen, ein lustiges Feuer, und leise tickte die große, altmodische Standuhr. Irma, die sich mit ihrer Stickerei in die Fensternische zurückgezogen hatte, dachte, wenn sie ab und zu nach den beiden Alten guckte, daß diese, so in ihr Spiel vertieft, ein wunderhübsches Bild abgäben.
Der Professor spielte mit unerschütterlichem Ernst; es war eine seiner Schwächen, sich zu ärgern, wenn er verlor beim Schachspiel — selbst wenn seine Gegenpartei eine Dame war. Ilse, die das wußte, und der es noch immer, wie in alten Zeiten, das größte Vergnügen bereitete, ihn in Harnisch zu bringen, spannte alle ihre Kräfte an. Auch hatte sie ihn schon ziemlich in die Enge getrieben. Seine Königin und seine beiden Türme waren genommen, und nun focht er verzweifelt mit einem Läufer, einem Springer und einigen Bauern.
Es klingelte.
„Da kommt Besuch,“ sagte Irma, ihr Näschen an den Scheiben platt drückend, „ich sehe eine Dame, kann aber nicht erkennen, wer es ist.“
„Wie schade,“ meinte Ilse, „noch ein paar Züge und Sie wären schachmatt gewesen, Onkel Heinz.“
„Ach was,“ brummte der alte Herr. „Lassen Sie nur das Brett stehen, Frau Gontrau, und ich wette um alles, was Sie wollen, daß ich doch noch die Partie gewinne.“
Das Mädchen trat ein und meldete: „Fräulein Elisabeth Müller wünscht die gnädige Frau zu sprechen.“
„O weh!“ rief Irma, ihre Handarbeit zusammenpackend, „dann geh ich nach oben, Großmama; wenn sie nach mir fragt, bin ich nicht zu Hause.“
„Bleib hier, Kindchen,“ wandte Ilse ein, aber schon war Irma verschwunden.
„Der kleine Taugenichts hat recht,“ meinte Onkel Heinz, „wenn ich nur könnte und von der verflixten Gicht nicht so geplagt wäre, würde ich mich auch auf die Beine machen.“
„Seien Sie doch still,“ bat Ilse, ein bißchen böse; dann stand sie auf, um Fräulein Müller zu empfangen.
Tante Elisabeth ging immer einfach gekleidet; heute aber hatte ihre Erscheinung etwas entschieden Quäkerhaftes an sich. Ihr eisengraues, glattes Kleid konnte nicht strenger sein als ihr Antlitz. Ilse fand plötzlich, daß sie ihrer Mutter, der Pfarrerin, sprechend ähnlich sah, wenn diese einmal ganz besonders tugendhaft oder unangenehm sein wollte.
„Ich hoffe, ich störe Sie nicht, Frau Gontrau,“ begann sie mit einem Seitenblick auf Professor Fuchs, in dessen Gesellschaft sie sich nie behaglich fühlte.
Ilse schob ihr einen bequemen Sessel hin.
„Sehr nett, daß Sie sich mal sehen lassen, Elisabeth,“ begann sie freundlich, „ich habe Ihnen schon oft gesagt, daß Sie viel zu selten kommen.“
„Ach, ich mag mich nicht aufdrängen; heute aber habe ich etwas Besonderes mit Ihnen zu besprechen.“
Onkel Heinz stand auf. „Dann wünschen Sie gewiß mit Frau Gontrau allein zu sein; ich gehe so lange in den Garten und will mal sehen, ob die Märzsonne gut für meine Gicht ist.“
Aber Ilse winkte ihm zu bleiben: „Wollen Sie mit mir über etwas sprechen, Elisabeth, was Sie selber angeht?“
„Nein, Frau Gontrau, die Sache betrifft ausschließlich Sie.“
„Dann bleiben Sie nur ruhig sitzen, Herr Professor,“ nahm Ilse wieder das Wort.
Es gab ja nichts in ihrem Leben, was ihr alter Freund nicht wissen durfte, und sie freute sich heimlich darüber, daß er der Gesellschaft der alten Jungfer nicht entrinnen konnte. „Vor Ihnen haben wir keine Geheimnisse.“
„Das müssen Sie am besten wissen, gnädige Frau; was ich Ihnen mitzuteilen habe, betrifft Ihre Enkelin Irma.“
Professor Fuchs spitzte die Ohren, und Ilse sagte absichtlich begütigend:
„Wirklich? Ich hoffe, die Kleine hat nichts getan, worüber Sie sich zu beklagen haben.“
„Ich nicht,“ entgegnete Fräulein Müller, mit verdrießlich herabgezogenen Mundwinkeln; „aber ich halte es für meine Pflicht, Ihnen über das Betragen des jungen Mädchens die Augen zu öffnen.“
„Ei was,“ meinte Ilse, halb ärgerlich. „Die Kleine hat wohl etwas gesagt oder getan, was nicht ganz ehrerbietig und passend ist? Ich werde sie nachher darüber zur Rede stellen, aber wirklich, Elisabeth, so ernst dürfen Sie das nicht nehmen, von der Jugend müssen wir uns manches gefallen lassen und gegen ihre kleinen Sünden nachsichtig sein.“
„Ich weiß nicht, ob Sie es eine kleine Sünde nennen, wenn ein junges Mädchen wie Irma an einem abgelegenen Platz heimliche Zusammenkünfte mit einem Studenten hat,“ sagte Fräulein Müller mit nur mühsam unterdrückter Schadenfreude.
Großmutter Gontrau wurde totenbleich. Onkel Heinz, der mit einem förmlichen Schreckensruf aufsprang, sah, wie sie krampfhaft die Stuhllehnen umklammerte und nach Selbstbeherrschung rang; ihre Stimme bebte, und ihre dunklen Augen blitzten wie früher, als sie fragte:
„Was meinen Sie damit, Elisabeth? Wer von einem jungen Mädchen solche Dinge sagt, muß sie auch beweisen können.“
„Das kann ich. Jeden Mittwoch Nachmittag hat Irma ein Stelldichein mit dem schönen Studenten, der ihr damals auf der Landpartie den Hof machte. Sie treffen sich in dem Wäldchen an der Chaussee, in der Nähe der Kaserne.“
„Wie wissen Sie das?“ stammelte Ilse.
„Vor vierzehn Tagen habe ich sie mit meinen eignen Augen gesehen. Im Frühjahr mache ich nemlich gern dahinaus meine Spaziergänge. Erst konnte ich es nicht glauben, daß es wirklich Irma sei, aber gestern habe ich sie ganz deutlich erkannt; ich ging hinter ihr her und habe sie genau beobachtet.“
Frau Gontrau schwieg. Allerlei Wahrnehmungen kamen ihr in den Sinn. Es fiel ihr ein, daß Irma in den letzten Monaten viel allein auszugehen pflegte und häufig ein sonderbares Benehmen zeigte. Zweifel und Angst beschlichen sie, weil sie für das Kind den Eltern gegenüber verantwortlich war, vor allem aber bemächtigte sich ihrer tiefe Betrübnis darüber, daß ihre Enkelin, die sie so innig liebte, sie betrogen und hintergangen hatte. Onkel Heinz zog die buschigen Brauen zusammen, drehte seinen weißen Schnauzbart zu einer ganz besonders feinen Spitze und unterdrückte einen Fluch, weil er plötzlich einen heftigen Stich in seinem linken Fuß verspürte.
„Darf ich fragen, wie es kam, daß Irma Sie nicht gleich das erste Mal sah?“ forschte er, sich ziemlich barsch an Tante Elisabeth wendend.
„Das ging ganz natürlich zu. Ich verbarg mich hinter den Sträuchern, bis sie das Wäldchen wieder verlassen hatten.“
„Sie spionierten also!“
„Spionieren!“ wiederholte Elisabeth beleidigt. „Wenn Sie's so nennen wollen — ich mußte mich doch von der Wahrheit überzeugen.“
„Ja, und nachdem Sie das getan, gingen Sie noch einmal hin und versteckten sich wahrscheinlich wieder. Das finde ich nicht ehrlich; Sie hätten offen auftreten sollen. Ihr Erscheinen hätte die jungen Leute gewarnt.“
„Mir schien das nicht wünschenswert. Ich hielt es für meine Pflicht, Frau Gontrau zu unterrichten.“
Tante Elisabeth zeigte in diesem Augenblick eine so dünkelhafte, siegesgewisse Miene, daß der Professor sich vergaß und heftig aufbrauste.
„Na ja, das ist so recht was für Sie! Wer sagt Ihnen denn aber, daß etwas Böses dahinter steckt? Die jungen Leute können sich wohl mal was zu erzählen haben. Daraus brauchen Sie nicht gleich so 'ne Staatsaktion zu machen. Aber das ist gerade Wasser auf die Mühle einer neidischen alten Jungfer, wenn sie einem Nebenmenschen etwas anhängen kann.“
Feuerrot erhob sich Fräulein Müller von ihrem Sitz und sagte mit einer, vor Zorn und Aufregung heiseren Stimme:
„Wenn Sie meine gute Absicht so auslegen und mich obendrein beleidigen, dann gehe ich und setze nie wieder einen Fuß über diese Schwelle.“
Ilse schaute den Professor zürnend an.
„Nein, nein, seien Sie nicht böse, liebe Elisabeth,“ rief sie. „Ich bin Ihnen dankbar, und dem Professor Fuchs müssen Sie seine Heftigkeit verzeihen. Er hat Irma so unendlich lieb, daß er außer sich gerät, wenn über sie nachteilig geurteilt wird. Ist's nicht so, Herr Professor?“
„Jawohl,“ brummte Onkel Heinz, der einsah, daß er zu weit gegangen war.
„Und er bittet für seine Unhöflichkeit um Entschuldigung,“ beharrte Ilse, mit einem strengen Blick auf Onkel Heinz.
Dem Professor war fast so zu Mute wie einem Schuljungen, der eine Strafpredigt erhält. Er hätte am liebsten mit einem: „Scheren Sie sich zum Teufel,“ das Zimmer verlassen; aber dem eigenartigen Ausdruck in den dunklen Augen seiner alten Freundin war er nicht gewachsen.
„Jawohl,“ brummte er abermals, mit abgewendetem Gesicht, „natürlich meinte ich es nicht so; nehmen Sie's nicht übel, Fräulein Müller.“
Tante Elisabeth verneigte sich, war aber doch tief gekränkt und stand auf.
„Nun ich Ihnen berichtet habe, was ich weiß, Frau Gontrau,“ nahm sie in spitzem Ton abermals das Wort, „ist's an Ihnen, aus meiner Mitteilung Nutzen zu ziehen. Ich werde mich um die ganze Geschichte nicht mehr kümmern.“
„Einen Augenblick, bitte,“ sagte Ilse. „Was Sie gesehen haben, Elisabeth, ist ganz gewiß nicht passend, aber bevor Irma mir den Zusammenhang erklärt hat, kann ich mir kein Urteil erlauben. Möglich, daß gar nichts dahinter steckt. Die jungen Leute von heutzutage sind anders und freier in ihrem Umgang, als wir in unsrer Jugend — das dürfen wir nicht vergessen.“
Fräulein Müller ließ ein spöttisches Lachen hören.
„Ich muß Sie freundlichst ersuchen,“ fuhr Ilse fort, „über diese Geschichte zu niemand, wer es auch sei, ein Wort zu verlieren, auch nicht zu unsren Amerikanern.“
„Ganz wie Sie wünschen, Frau Gontrau.“
„Ich erbitte mir das als eine große Gunst von Ihnen und baue fest auf Ihre Verschwiegenheit.“
Großmutter Ilse streckte Tante Elisabeth die Hand entgegen, und diese las auf dem schönen, alten Gesicht eine so ängstlich flehende Bitte, daß sie, wider Willen gerührt, versetzte:
„Das können Sie, Frau Gontrau.“
Dann ging sie nach einer sehr förmlichen Verbeugung vor Onkel Heinz.
Ilse ließ sich erschöpft in ihren Sessel sinken und schaute in schweren Gedanken vor sich hin.
Der Professor aber humpelte in großer Erregung hin und her.
„Schöne Geschichte das,“ rief er endlich, „bald weiß die ganze Stadt von diesem Klatsch, denn Fräulein Müller wird mit wahrer Wonne für Weiterverbreitung sorgen. Das ist was so recht nach ihrem Sinn.“
„Das glaube ich nicht,“ versetzte Ilse, „sie wird schweigen, weil ich sie darum gebeten habe. Sie waren unverzeihlich grob gegen sie, Onkel Heinz; aber viel Worte darüber zu verlieren hilft nichts. Was sollen wir tun?“
„Nun,“ nahm der alte Herr heftig das Wort, „dem Jungfräulein tüchtig den Kopf waschen und ihr für die Zukunft solche Streiche verleiden; mit dem jungen Menschen aber werde ich Abrechnung halten, das können Sie getrost mir überlassen, ich will's ihm ordentlich geben.“
„Und damit, glauben Sie, ist alles getan?“ fragte die Großmutter mit trübem Lächeln.
„Was wollen Sie denn noch mehr? Natürlich hat der junge Taugenichts allein schuld; wenn Sie's verlangen, Frau Ilse, will ich ihn lendenlahm prügeln — das hat er wahrlich verdient.“
„Onkel Heinz, Onkel Heinz! Da sieht man wieder, daß Sie ein einseitiger, unverbesserlicher Junggeselle sind, der von zarten Herzensangelegenheiten auch nicht das mindeste versteht.“
Der Professor hielt in seinem Auf- und Abhumpeln inne; solch ein Ausfall von Ilse Gontrau ärgerte ihn noch immer und trieb ihm trotz seiner mehr als siebzig Jahre das Blut in die Wangen.
„So,“ sagte er unwirsch, „Sie haben mit den Jahren noch immer nicht verlernt, heftig zu sein, Frau Ilse.“
„Und Sie haben die Jahre nicht klüger gemacht,“ versetzte sie hitzig. „Sehen Sie denn nicht ein, daß wir durch herrisches und rücksichtsloses Auftreten die Sache nur verschlimmern würden? Wenn Irma und der junge Mann sich lieben oder sich zu lieben einbilden, können einige Scheltworte von uns die Liebe nicht aus ihren Herzen reißen.“
„Da mögen Sie wohl recht haben,“ meinte Onkel Heinz, ziemlich abgekühlt. „Aber was wollen Sie denn tun?“
„Das weiß ich nicht. Zuerst und vor allen Dingen mit Irma sprechen und hören, was sie zu sagen hat.“
„Natürlich, und da sie nun wohl bald herunterkommen wird und Sie diese Unterredung nicht aufschieben werden, will ich gehen.“
„Das ist nicht nötig; Sie wissen nun alles, und ich kann mit Irma in Ihrem Beisein sprechen.“
„Nein, Frau Gontrau, bin ich auch nur ein alter, einseitiger, unverbesserlicher Junggeselle, soviel Takt und Verständnis besitze ich denn doch noch, um herauszufühlen, daß ein junges Mädchen eine derartige Beichte doch lieber Ihnen allein ablegt.“
Ilse reichte ihm die Hand.
„Verzeihen Sie,“ bat sie sanft, „ich war heftig und ungerecht, ich meinte es aber nicht böse.“
Er schaute sie unter seinen buschigen Brauen freundlich an, drückte fest ihre Hand und ging.
Einen Augenblick später steckte Irma ihr Köpfchen zur Tür herein.
„Ist sie fort?“ fragte sie mit schelmischem Ausdruck. „Was, und Onkel Heinz hat dich auch schon verlassen, Großmama? Weshalb ist er so früh fortgegangen?“
Sie erhielt keine Antwort, und als sie fröhlich näher trat, bemerkte sie, daß die Großmutter mit ernster, bekümmerter Miene nach ihr schaute.
„Was ist denn los?“ forschte sie, die alte Frau zärtlich umarmend; „hat das verschrobene Fräulein Müller etwas gesagt, was dich ärgert?“
Großmutter Ilse schlang ihre Arme um das junge Mädchen und zog es auf ihren Schoß.
„Irma,“ sagte sie ohne Umschweife, „du hast mich belogen, als ich dich neulich fragte, ob zwischen dir und dem Baron von Hochstein keinerlei Beziehungen beständen.“
Irma wurde totenbleich und wollte aufspringen, doch mit sanftem Zwang hielt die alte Dame sie zurück. Entsetzt schaute das junge Mädchen sie an und las auf dem geliebten alten Gesicht einen so schmerzlichen, traurigen Vorwurf, daß es plötzlich in leidenschaftliches Schluchzen ausbrach.
Ilse streichelte das blondgelockte Köpfchen, sprach aber kein Wort.
„Großmama,“ schluchzte Irma, „bist du mir böse?“
„Ich bin betrübt, Kindchen, weil du kein Vertrauen zu mir hattest. Erzähle mir nun alles.“
„Ich darf nicht,“ stammelte Irma, „er hat es mir verboten.“
„Wer?“
„Otto.“
„Dann hat er sehr unrecht gehandelt, aber da das Geheimnis nun doch herausgekommen ist, siehst du wohl ein, daß du dein Versprechen nicht halten kannst.“
„Aber woher weißt du's denn, Großmama? Hat Agnes es dir erzählt?“
„Agnes? Nein. Fräulein Müller hat dich mehrmals mit ihm gesehen.“
Irma bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen und weinte bitterlich.
„Siehst du nun ein, Kind,“ fuhr Ilse in mildem und doch festem Ton fort, „daß es das beste ist, mir zu vertrauen und alles zu erzählen? Vielleicht finde ich dann noch eine Entschuldigung für dich; beharrst du bei deinem Schweigen, so ist mir das unmöglich.“
Da verbarg Irma ihr Köpfchen in Großmamas Schoß und beichtete alles. Sie erzählte, wie schrecklich es ihr anfangs gewesen sei, so heimlich zu Werke zu gehen, wie Otto aber gesagt habe, das sei nötig, um seine Eltern allmählich zu gewinnen; wie angestrengt er nun arbeite und wie er ihr die Versicherung gegeben habe, daß bald alles zu gutem Ende kommen würde. Sie erhob Otto bis in den Himmel und konnte nicht unterlassen, ein bißchen auf Agnes zu sticheln, der sie es nicht verzeihen konnte, daß sie nicht das gleiche schrankenlose Vertrauen in den Baron von Hochstein setzte.
Als sie geendet hatte, schwieg die Großmutter eine Weile. In Gedanken versunken streichelte sie das goldschimmernde Haar ihrer Enkelin. Das legte sich Irma als ein günstiges Vorzeichen aus, und ein wenig ermutigt, fragte sie leise:
„Bist du sehr böse, Großmama?“
„Nein, mein Kind, aber du hast ein großes Unrecht getan; wie unpassend und unbesonnen du gehandelt hast, begreifst du bei deiner großen Jugend wohl selbst noch nicht, aber unter allen Umständen muß jetzt sofort ein Ende gemacht werden.“
„O, Großmama, ich sterbe, wenn ich ihn aufgeben muß.“
„Das brauchst du nicht, Kindchen, wenigstens nicht, wenn es sich herausstellt, daß er es ernst mit dir meint.“
„Wie kannst du nur daran zweifeln,“ schluchzte Irma, „er hat mir doch Beweise genug gegeben.“
„In meinen Augen noch nicht einen — aber wir werden ja sehen.“
„Was willst du denn tun?“ fragte angstvoll das junge Mädchen, das sich durch Ilses Ruhe immer beklommener fühlte. „Hast du die Absicht, an Papa und Mama zu schreiben?“
„Nein, Irma, denn dann würdest du dem Baron sofort entsagen müssen. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, ihnen vorläufig die Sache noch zu verschweigen, aber ich habe Mitleid mit dir und will erst erforschen, was für eine Art Persönlichkeit dein Baron ist.“
„Du bist ein Engel, Großmama. Aber warum glaubst du, daß Mama so streng mit mir ins Gericht gehen würde? Sie ist eine Künstlerin und würde sich wohl in meine Lage hineinversetzen können.“
Ilse fühlte ihre alte Heftigkeit in sich aufsteigen.
„Gerade weil deine Eltern Künstler sind, Irma,“ erwiderte sie, mit vor Erregung funkelnden Augen, „und durch ihr Talent und ihre Leistungen so unendlich hoch über den eingebildeten Adlichen stehen, die sich durch ihre Geburt und ihr Geld für bevorrechtet halten, würde ihr Stolz nie gestatten, daß ihre Tochter in eine Familie einträte, die hochmütig auf sie herabsieht. Es tut mir weh, Kind, daß von diesem echten, edlen Stolze sich nichts in deinem Charakter zu finden scheint. Selbst angenommen, daß dieser Baron von Hochstein dir treu bleibt, sollte dich der Gedanke abschrecken, daß seine Eltern dich nur dulden, nie aber mit wahrer Liebe aufnehmen würden.“
„Was gehen mich seine Eltern an, wenn er mich nur liebt!“ sagte Irma.
Ilse seufzte. „So würde ich nicht gedacht haben, selbst als ich so jung war wie du, mein Kind. Doch, je älter wir werden, desto mehr sehen wir ein, daß wir andere Menschen nicht nach uns beurteilen dürfen. Wenn du den Stolz, von dem ich sprach, nicht besitzest, kannst du auch nicht fühlen, was ich meine.“
Irma empfand diese Worte als einen Tadel, fühlte auch unklar und unbestimmt, daß Großmama recht hatte, aber sie wollte jetzt lieber nicht darüber nachdenken. Sie ergriff schüchtern Ilses Hand, streichelte sie und wiederholte ihre Frage:
„Was willst du tun, Großmama?“
„Wann hast du die nächste Zusammenkunft mit dem jungen Manne verabredet?“
„Mittwoch in acht Tagen.“
„Gut. Schreibt ihr euch?“
„Ab und zu.“
„Dann tust du es jetzt nicht. Verstehe mich recht, Irma! Wenn in dieser Zwischenzeit ein Brief von ihm kommt, so beantwortest du ihn nicht. An dem verabredeten Tage bleibst du zu Hause, und ich gehe an deiner Stelle.“
„Großmutter!“ rief Irma entsetzt.
„Warum erschrickst du so davor? Ist das etwas so Fürchterliches? Ich will selbst mit dem jungen Menschen reden und danach meine Entscheidung treffen.“
„O, aber er wird so böse auf mich sein, wird mir das nie verzeihen.“
„Er hat dir nichts zu verzeihen. Ich werde ihm erzählen, wie der Hergang gewesen ist. Du brauchst nichts zu fürchten.“
„Laß mich ihm wenigstens noch einmal schreiben, Großmama, damit er vorbereitet ist.“
„Unter keinen Umständen, Irma. Du hast mich belogen und betrogen, als ich dein Vertrauen zu gewinnen suchte. Trotzdem will ich dir Glauben schenken, wenn du mir jetzt versprichst, gehorsam zu sein, und will dir das Geschehene verzeihen. Ich will dir alle Freiheit lassen, dir nicht nachspüren, aber befolgst du jetzt nicht gewissenhaft, was ich sage, so werde ich dir nie mehr vertrauen. Dann ist alles aus, und du kannst nicht mehr auf meine Liebe und Verzeihung rechnen.“
Einen so strengen, unerbittlichen Ausdruck hatte die Kleine noch nie in Großmutters Augen gesehen. Sie fühlte, daß kein Schmeicheln, kein Flehen helfen würde.
„Du hast mich doch verstanden?“ fuhr Ilse fort. „Bis Mittwoch in acht Tagen suchst du keine Gelegenheit, Hochstein zu sehen, und schreibst ihm keine Zeile.“
„Ja, Großmama.“
„Gut, dann reden wir bis dahin auch kein Wort mehr darüber. Gib mir einen Kuß, Kind, und geh auf dein Zimmer. Ich möchte ein Stündchen allein sein.“
Traurig und niedergeschlagen verbrachte Irma die nächsten Tage. Oft nahte sich ihr die Versuchung, trotz dem gegebenen Versprechen Otto heimlich von dem Vorgefallenen zu unterrichten. Aber ihr besseres Ich trug den Sieg davon. Wenn sie bedachte, daß die Großmutter sie weder beaufsichtigte, noch jemals fragte, wohin sie wolle, wenn sie sich zum Ausgehen rüstete, noch ihre Briefe nachsah, dann fühlte sie, daß sie sich verachten müßte, daß sie nie mehr wagen würde, die Augen aufzuschlagen, wenn sie sich dieses Vertrauens unwert zeigte.
Sie war zu Agnes gegangen, hatte ihr unter Tränen ihr Herz ausgeschüttet, und ihrem Zorn über Fräulein Müller in den kräftigsten Ausdrücken Luft gemacht. Aber obwohl Agnes gerne zugab, daß Tante Elisabeth auch jetzt wieder, wie immer, unausstehlich gewesen war, fand Irma weiter keinen Trost bei ihr, denn sie verhehlte ihre Freude nicht, daß die Geschichte endlich herausgekommen war. Jetzt würde es sich zeigen, ob der glänzende Otto von Hochstein es aufrichtig meinte, oder ob all seine schöne Reden nicht nur hohle Phrasen waren. Agnes frohlockte innerlich geradezu über diese Wendung und wäre nur zu gern mit Ilse gegangen, um das Gesicht des jungen Herrn zu sehen, wenn er an Stelle der lieblichen, unschuldigen Enkelin die strenge, ehrwürdige Großmama erblicken würde. Dennoch enthielt sie sich des Spottes, als sie sah, wie tief betrübt die Kleine war, und bemühte sich redlich, sie aufzumuntern.
Irma hatte bisher ein unerschütterliches Vertrauen in Otto gesetzt; aber während sie ihn in warmen Worten rühmte und behauptete, Großmama und Agnes würden bald einsehen, wie unrecht sie ihm durch ihre Zweifel taten, nagte doch die Unruhe an ihrem armen Seelchen, und sie weinte in der Stille heiße Tränen bei dem Gedanken, ihr angebeteter Held könne die Probe vielleicht nicht mit Glanz bestehen. Was dann geschehen würde, wußte sie nicht und wagte auch gar nicht, danach zu fragen, denn sie bildete sich ein, sicher vor Gram zu sterben, wenn sie gezwungen würde, von ihm abzulassen.
Ilse bemerkte wohl, was in der Seele ihrer Enkelin vorging. Sie hatte Mitleid mit ihr und suchte ihr Zerstreuung zu verschaffen; aber obgleich Irma nie darüber sprach, war sie doch so erfüllt von ihrem Kummer, daß alles andere sie gleichgültig ließ. Onkel Heinz konnte es nicht mit ansehen, wie sein kleiner Liebling sich in Angst verzehrte, und tat alles, um sie aufzuheitern. Irma wußte, daß er bei Fräulein Müllers Besuch zugegen gewesen war, und als sie ihn danach zum erstenmal wiedersah, geriet sie in die peinlichste Verlegenheit. Der Professor aber machte es ihr leicht, er strich ihr liebevoll über den hübschen Krauskopf, murmelte etwas von „alles zurechtkommen, und der garstigen alten Jungfer mal 'ne gute Lehre geben“, so daß Irma ihn mit Tränen in den Augen dankbar anlächelte, ihm einen Kuß gab und ihm zuflüsterte:
„Onkel Heinz, du bist der Beste, und dich hab' ich auch am allerliebsten.“ —
Es war ein herrlicher Frühlingstag, alles blühte und duftete. Flieder und Goldregen fingen an zu knospen, wie riesige Hochzeitsbuketts leuchteten die Obstbäume, überall zeigte das frische, junge Grün seine immer von neuem entzückende Schönheit.
In heiterster Stimmung, die leuchtende Pracht um ihn her in vollen Zügen genießend, angeregt und gehoben durch das überall ausschlagende, junge, muntere Leben, schritt Otto von Hochstein durch das Wäldchen, in dem er schon so oft Irma erwartet hatte. Er freute sich auf ihr Erscheinen, sah im Geiste schon voraus, wie sie binnen wenigen Minuten vor ihm stehen würde, liebreizend anzuschauen in dem neuen, schönen Frühjahrskostüm, von dem sie ihm letztmals erzählt hatte, wie sie ihn mit den wunderbar tiefen Blauaugen unter holdem Erröten ansehen, wie er mit ihr so freundlich und überzeugend reden würde, daß sie alles glaubte, was er ihr erzählte, und wie er endlich wagen dürfte, einen Kuß auf die kirschroten Lippen zu drücken, die so schelmisch und bezaubernd lächeln konnten.
Aber wo blieb sie nur? Sonst ließ sie nicht so lange auf sich warten, ja, es kam sogar vor, daß sie die Erste am Platze war. Der junge Mann lächelte selbstgefällig in dem Gedanken, wie unwiderstehlich das schöne Mädchen ihn eigentlich finden mußte. Allmählich ergriff ihn eine sonderbare Unruhe, und er trat aus dem Wäldchen heraus, um die Straße zu überschauen. Nein, Irma ließ sich nicht blicken, nur eine hochgewachsene Dame näherte sich eiligen Schrittes. Da hielt er es für richtiger, sich zurückzuziehen und hinter dem hoch aufgeschossenen Buschwerk zu verbergen. Ungeduldig eine Melodie summend, ging er hin und her; er wollte sie ein bißchen abkanzeln. Was bildete sich die Kleine denn ein, ihn so lange warten zu lassen!
Plötzlich vernahm er dicht hinter sich das Rauschen eines Kleides. Fröhlich drehte er sich um, ein Scherzwort auf den Lippen, blieb aber wie versteinert stehen, als er in der vornehm in schwarz gekleideten Dame Frau Gontrau erkannte.

Ein paar Augenblicke weidete sich Ilse offenbar an dem unverkennbaren Entsetzen des jungen Mannes, dann aber mußte sie unwillkürlich anerkennen, daß die elegante, geschmeidige Gestalt vor ihr, das schöne übermütige Antlitz mit den blitzenden Augen und den feinen Zügen wohl etwas besonders Anziehendes für ein junges Mädchen haben müsse. Als liebende und etwas schwache Großmutter war sie nur zu geneigt, Irmas Betragen nicht verzeihlich, aber doch begreiflich zu finden.
Ottos Verlegenheit hielt nur einen Moment an, er sah sofort ein, daß etwas nicht in Ordnung war. Zuerst schaute er Frau Gontrau mit einem Blick an, als erkenne er sie nicht sogleich; dann, als ob sein Gedächtnis ihm zu Hilfe käme, verbeugte er sich und wollte mit ehrfurchtsvollem Gruß vorübergehen. Doch Ilses Blick zwang ihn stehen zu bleiben.
„Herr Baron, ich möchte eine kleine Unterredung mit Ihnen haben,“ begann sie.
„Das wird mir eine große Ehre sein, gnädige Frau. Bin ich so glücklich, Ihnen einen Dienst erweisen zu können?“
Er tat vollkommen unbefangen, was Ilse reizte.
„Sie brauchen mir gegenüber keine Komödie zu spielen, junger Mann,“ herrschte sie ihn an. „Sie wissen sehr gut, weshalb ich hier bin.“
„In der Tat, gnädige Frau, ich bedaure ...“
„Mit solchen Ausflüchten verschlechtern Sie nur die Sache,“ fuhr Ilse, deren Augen vor Zorn funkelten, fort. „Ich würde besser von Ihnen denken, wenn Sie mir offen und ehrlich sagten, mit welchen Absichten Sie sich meiner Enkelin zu nahen wagten.“
„Ich hatte Fräulein Irma ersucht, vorläufig noch Schweigen über unser Verhältnis zu bewahren,“ entgegnete Otto, noch sehr höflich, obwohl im Innern wütend auf Irma, weil sie seiner Meinung nach doch nicht den Mund gehalten hatte.
„Und sie war unverständig genug, sich an dies Versprechen gebunden zu halten,“ erwiderte Ilse. Dann erzählte sie ihm in wenig Worten, wie das Geheimnis an den Tag gekommen war.
Hochstein biß sich auf die Lippen. Er verzieh es Irma nicht, daß sie alles gestanden hatte; in der ersten Entrüstung hielt er sie sogar für fähig, die ganze Geschichte erfunden zu haben, weil sie nicht länger zu schweigen vermochte; aber als er Ilse ins Gesicht schaute, sah er sofort ein, daß sie die Wahrheit gesprochen hatte. Es erschien ihm also klüger, einen demütigeren Ton anzuschlagen.
„Wenn Irma Ihnen alles mitgeteilt hat, gnädige Frau, dann werden Sie wohl auch vollkommen begreifen, warum ich die Sache — zu meinem Leidwesen — vorläufig noch geheim halten muß.“
„Nein, Herr Baron, das begreife ich nicht. Ich begreife durchaus nicht, wie ein feingebildeter Mann ein junges, unerfahrenes Mädchen zu überreden suchen kann, ihre Familie zu hintergehen und ihren guten Namen aufs Spiel zu setzen. Irma ist ein Kind, das nicht weiß, was es tut; ich segne den Zufall, der mich von dem Vorgefallenen in Kenntnis gesetzt hat. Nach dem, was ich von Ihnen gehört und gesehen habe, will ich noch nicht urteilen, aber ich verlange, daß Sie, wenn Sie es ehrlich und gut mit dem Mädchen meinen, das Ihnen seine Liebe geschenkt hat, noch heute Ihren Eltern von Ihren Absichten Mitteilung machen.“
„Es tut mir leid, gnädige Frau, aber das kann ich nicht, und ich habe Irma auch die Gründe auseinandergesetzt.“
„Ja, und sie war damit zufrieden; ich aber bin es nicht. Hören Sie, Herr von Hochstein, wenn Sie meine Enkelin wirklich lieben, dann durften Sie sie nicht bloßstellen, sondern mußten erst mit Ihren Eltern sprechen, um ihr eine etwaige Enttäuschung zu ersparen.“
„Ich habe ihr stets gesagt, daß ich nach bestandenem Examen mich bemühen will, die Einwilligung meiner Eltern zu erhalten.“
„Sehr schön, bis dahin darf aber dann zwischen Ihnen und Irma nicht das geringste Einverständnis mehr bestehen. Ihre Eltern mögen stolz sein; wir sind es nicht minder und — mit gleichem Recht.“
„So wollen Sie der Sache mit Gewalt ein Ende machen und uns unerbittlich auseinanderreißen, gnädige Frau?“
„Durchaus nicht. An dem Tage, an dem Ihr Herr Vater mich ehrerbietig um die Hand meiner Enkelin ersucht, will ich um Irmas willen bei meinem Schwiegersohn, dem berühmten Künstler, ein gutes Wort für Sie einlegen. Ich glaube nämlich nicht, daß Irmas Eltern von ihrer Wahl sehr eingenommen sein werden.“
„Irma hat auch noch ein Wörtchen mitzureden,“ rief Otto, der sich kaum mehr beherrschen konnte, „und ich zweifle nicht, daß sie sich Ihrer Grausamkeit widersetzen wird.“
„So viel Stolz und Taktgefühl werde ich meiner Enkelin wohl noch einflößen können, als sie zu der Erkenntnis nötig hat, daß sie mit einem jungen Manne, dessen Eltern sich so hoch erhaben über sie dünken, keine Zusammenkünfte mehr haben darf. Da ich nun weiß, wie ich handeln muß, fürchte ich Ihren Einfluß auf Irma nicht mehr.“
„Ist das Ihr letztes Wort, Frau Gontrau?“
„Mein letztes, bis Ihr Vater, der Baron von Hochstein, sich an mich oder an Irmas Eltern wendet und unsere Einwilligung zu der Verlobung erbittet.“
„Dann hoffe ich Sie in nicht zu langer Zeit wiederzusehen,“ sagte Otto mit verbissener Wut, indem er sich zum Abschied mit tadelloser Höflichkeit verbeugte.
„Das wird mir eine wahre Freude sein,“ versetzte Ilse und entfernte sich. —
So schnell sie konnte, eilte sie nach Hause, sie wußte ja, mit welcher Ungeduld Irma sie erwartete. Und doch hätte sie gewünscht, einen recht weiten Weg vor sich zu haben, denn sie brachte schlechte Nachricht für das arme Kind.
Das junge Mädchen kam ihr auch bereits im Flur entgegen. Auf Großmutters Antlitz las sie sofort ihr Urteil. Ohne etwas zu sagen, wartete sie, bis Ilse Hut und Mantel abgelegt hatte und sie zu sich rief.
„Irma,“ begann die alte Dame sehr sanft, „du bist doch wohl überzeugt, daß ich dich von ganzem Herzen lieb habe und alles tun möchte, um dir Kummer zu ersparen, nicht wahr?“
„Ja, Großmama.“
„So höre mich an, Kindchen. Ich glaube, du wirst dir die Geschichte mit Hochstein aus dem Sinn schlagen müssen; denn ich fürchte, er hat mit deinem hingebenden Vertrauen schändlichen Mißbrauch getrieben, und es hat nie in seiner Absicht gelegen, sich mit dir zu verloben und dich zu seiner Frau zu machen.“
„Du fürchtest nur, Großmama, bist also doch nicht fest davon überzeugt. Was hat er denn gesagt?“
„Aus seiner ganzen Haltung, seinem Wesen, seinem Tun und Handeln ist mir das, was ich fürchtete, zur Gewißheit geworden. Ich habe ihm gesagt, daß sein Vater entweder bei mir oder bei deinen Eltern um deine Hand für seinen Sohn anhalten muß. Wenn das geschieht, reden wir weiter darüber. Aber bis dahin dürft ihr keinerlei Verkehr miteinander haben.“
Irma schwieg.
„Ihr dürft euch weder sehen, noch schreiben. Ich erwarte beinahe mit Bestimmtheit, daß der junge Mensch durch leidenschaftliche Briefe versuchen wird, dich zum Ungehorsam zu verleiten. Wenn er dir schreibt, darfst du seine Briefe nicht lesen, sondern mußt sie mir geben.“
„Großmama!“
„Ich werde sie nicht lesen, sondern ihm uneröffnet zurücksenden.“
„Nein, Großmama, das tue ich nicht,“ rief Irma, ihre Ruhe verlierend. „Er würde denken, daß ich nichts mehr von ihm wissen will. Du hast nicht das Recht, ihn so zu behandeln. Warten wir, bis er sein Examen gemacht hat. Wenn er dann nicht mit seinen Eltern spricht und nicht tut, was er mir gelobt hat, und worauf ich fest vertraue, dann magst du ihn verurteilen.“
Ilse wurde über den nichts weniger als ehrerbietigen Ton, in dem ihre Enkelin mit ihr sprach, nicht böse, sondern nahm die Hände des Mädchens sanft in die ihrigen und sagte ernst:
„Ich habe ihm verboten, irgend welche Beziehungen mit dir zu unterhalten. Handelt er meinem ausdrücklichen Wunsch zuwider, so zeigt er, daß er kein Ehrenmann ist. Überdies wird er sehr wohl begreifen, daß nicht du, sondern ich seine Briefe zurücksende. Gottlob wird's ja nicht lange dauern, bis wir vollkommene Klarheit haben. Er hat gelogen, als er sagte, daß er in drei bis vier Monaten sein Examen mache. Onkel Heinz weiß, daß es in eben so viel Wochen stattfindet.“
„Er hat mich überraschen wollen,“ rief Irma mit bebenden Lippen, und bemühte sich tapfer, ihre Tränen zurückzudrängen.
Ilse schlang die Arme um sie und küßte sie.
„Mein armes, liebes Kind,“ sagte sie gerührt. „Es klingt hart, und doch muß ich es aussprechen. Sei nicht zu hoffnungsvoll, sondern bereite dich auf eine Enttäuschung vor. Ich fürchte, daß dir großes Leid bevorsteht, ein Kummer, den wir alle, die wir dich lieb haben, mit unsrer Sorge und Teilnahme dir nicht ersparen, nicht erleichtern können, den du ganz allein durchkämpfen mußt.“
Sie ging hinaus und ließ das junge Mädchen allein. Irma begab sich auf ihr Zimmer. Allerhand romantische Ideen gingen ihr im Kopf herum. Sie empfand Zorn und Bitterkeit gegen ihre Großmutter. Wie kam diese nur dazu, sich unberufen in Dinge zu mischen, die im Grund nur sie, Irma, angingen. Sie war doch schließlich nicht ihre Mutter. Und die Kleine überlegte, ob es nicht das Klügste wäre, ganz heimlich nach München abzudampfen, ihren Eltern alles zu erzählen und ihre Entscheidung anzurufen; aber erstens bangte ihr davor, die weite Reise allein zu unternehmen, zweitens fehlte ihr das nötige Geld, und endlich sagte ihr eine geheime Stimme in ihrem Innern, daß ihre Eltern der Großmama recht geben, ja vielleicht noch strenger auftreten würden — das war also nichts. Dann dachte sie daran, Gustav zu Hilfe zu rufen. Aber so, wie sie ihren Bruder kannte, sah sie ein, daß er ihr nicht helfen könne. Von Agnes war auch nichts zu erwarten. Endlich kam sie auf die verzweifelte Idee, allem und allen zu trotzen, zu Otto zu gehen und ihm zu sagen, daß sie ihn liebe, ihm vertraue und ohne ihn nicht leben könne. Wußte auch er keinen Ausweg, so wollten sie zusammen auf und davon gehen — alles war besser, als voneinander zu lassen.
Nachdem sie wohl eine Stunde mit solchen abenteuerlichen Plänen sich beschäftigt hatte, wurde sie ruhiger und fing an einzusehen, daß ihr nichts übrig blieb, als sich vorläufig zu fügen. Aber sie tat es mit einem Herzen voll Groll, denn sie fühlte sich tief gekränkt und fand, daß ihr bitteres Unrecht geschah. Ihr Gehorsam wurde überdies auf eine schwere Probe gestellt. Zwei Tage später, als sie mit Großmama beim Frühstück saß und das Dienstmädchen die Postsachen hereinbrachte, bemerkte sie, daß ein Brief von Otto an ihre Adresse darunter war. Auch Ilse war dies nicht entgangen, aber sie stellte sich ganz unbefangen und tat, als sei sie völlig in ihre Zeitung vertieft. An allen Gliedern bebend ergriff Irma den Brief, es war, als brenne das Papier in ihrer Hand, als könne sie die flehenden, leidenschaftlichen Worte durch den Umschlag hindurch lesen — dann warf sie einen verstohlenen Blick nach der scheinbar ahnungslosen Großmama; hätte diese nur wenigstens gezeigt, daß sie wußte, von wem dies Schreiben war, aber auch jetzt vertraute sie Irmas Gehorsam vollkommen.
Plötzlich warf das junge Mädchen den Brief vor die alte Dame auf den Tisch und rief mit erstickter Stimme:
„Da hast du ihn! Aber du handelst schlecht, du tötest mich!“
Und leidenschaftlich schluchzend ging sie hinaus.
Peinlich berührt schaute Ilse ihr nach. Sie vermochte das Kind nicht zu verdammen, denn in diesem heftigen Ausbruch erkannte sie sich selbst wieder, wie sie vor vielen Jahren gewesen war. Sie fragte sich, wie sie in Irmas Alter unter denselben Verhältnissen gehandelt haben würde, und kam zu der Einsicht, daß „der Trotzkopf“ von damals vielleicht noch viel trotziger, eigensinniger und ungehorsamer gewesen wäre. Doch diese Selbsterkenntnis machte sie in ihrem Entschluß nicht wankend; wie groß ihr Mitleid mit dem Kinde auch war, sie mußte fest bleiben und durfte sich nicht von ihrem Gefühle beherrschen lassen.
So nahm sie denn den Brief mit einem Seufzer auf, veränderte die Adresse und sandte ihn zurück.
Noch nie war das Verhältnis zwischen Enkelin und Großmutter so unfreundlich gewesen, wie in den Tagen und Wochen, die nun folgten. Schweigend, mit einem Ausdruck, der ihr reizendes Gesichtchen entstellte, saß Irma bei den Mahlzeiten; sie sprach kaum ein Wort, und all die kleinen Vertraulichkeiten, die lieblichen Neckereien und Aufmerksamkeiten, die das Leben der beiden so gemütlich und fröhlich gemacht, hatten ein Ende. Ilse beklagte sich darüber nicht. So viel sie konnte, tat sie, als bemerke sie die Veränderung nicht, sondern bemühte sich unbefangen und liebevoll wie gewöhnlich zu sein. Sie fühlte Mitleid mit dem Kinde und schaute es nur dann traurig und vorwurfsvoll an, wenn sie auf eine freundliche Anrede eine schnippische und ungezogene Antwort bekam.
Arme, kleine Irma! Sie konnte sich nicht aufraffen; bisher war ihr Leben ein sonniges und ungetrübtes gewesen. Kummer und Enttäuschung waren ihr unbekannte Gäste, mit denen sie sich nicht abzufinden wußte. Am meisten verletzte es sie, daß sie gar so wenig Verständnis fand, wenn sie ihr Leid klagen wollte. Der Großmutter stand sie direkt feindlich gegenüber, und Agnes schalt darüber, daß sie sich so abscheulich benahm. Der Einzige, bei dem sie, wenn auch keinen Trost, so doch zärtliche Anteilnahme fand, war Onkel Heinz. Er teilte vollständig die Ansicht seiner alten Freundin Ilse, das wußte Irma, und in seiner Gegenwart legte sie ihrer Ungezogenheit und schlechten Laune Zügel an. Andrerseits aber bemühte er sich nach Kräften, sie aufzuheitern, indem er allerlei nette Pläne ausheckte, ihr häufig etwas mitbrachte, und sie überhaupt mehr verhätschelte denn je.
Eines Abends, etwa drei Wochen nach den erzählten Vorfällen, zeigte er dem jungen Mädchen eine Zeitungsnotiz des Inhalts, daß Baron von Hochstein sein Referendarexamen gemacht habe. Mit dunkelrotem Gesichtchen und glänzenden Augen schaute sie zu ihm auf, nahm ihm dann das Blatt aus der Hand und ging damit zur Großmutter. Ilse las; auch sie war angenehm überrascht.
„Na, Irma,“ sagte sie freundlich, „nun hoffe ich von Herzen, daß dein Freund unsrer Spannung rasch ein Ende macht; niemand wäre froher als ich, wenn er beweisen kann, daß ich ihn falsch beurteilt habe.“
„Das wird er sicher können, Großmama,“ versetzte Irma triumphierend.
Die nächsten Tage verbrachte sie in fieberhafter Erregung, die sich noch steigerte, so oft sie den Postboten erwartete. Sie sprach wieder und wieder mit der Großmama über die Möglichkeit, ja Gewißheit, daß sie von dem alten Baron oder von Otto Nachricht bekommen würden, sie hielt an ihren alten Illusionen fest und wollte das Angstgefühl, das sie oft beschlich, nicht aufkommen lassen. Tage, Wochen vergingen, keine Nachricht kam. Da flehte sie, an ihn schreiben zu dürfen, um anzufragen, ob er mit seinem Vater gesprochen habe. Ilse weigerte sich entschieden, diese Erlaubnis zu geben.
„Ich tue es doch,“ rief Irma, „ich muß Gewißheit haben. So kann ich nicht weiter leben.“
„Du mußt wissen, was du tust,“ entgegnete die Großmutter ruhig. „Wenn du dich so erniedrigst, deine weibliche Würde mit Füßen trittst und mir ungehorsam bist, schreibe ich noch heute an deine Eltern, dann ist hier kein Platz mehr für dich.“
Vor Aufregung bebend blickte das junge Mädchen die alte Dame an, aber in den ernsten, dunklen Augen war nur unbeugsame Festigkeit zu lesen. Zornig mit den Füßen stampfend wandte Irma sich ab.
Die Versuchung, ungehorsam zu sein und ihrer Sehnsucht nachzugeben, wäre vielleicht doch übermächtig geworden, da kam endlich die erwartete Entscheidung, wenn auch in ganz anderer Weise, als sie sich eingebildet hatte.
Einige Tage nach dem geschilderten Ausbruch nämlich reichte Ilse ihrer Enkelin einen offenen Brief, der in der wohlbekannten Hand ihre Adresse trug.
Das Blut stieg Irma ungestüm in die Wangen, dann wurde sie totenblaß und öffnete zitternd das Blatt.
Es war eine gedruckte Anzeige der Verlobung des Barons Otto von Hochstein mit der Freiin Laura von Staufenberg.
Einige Sekunden starrte Irma wie geistesabwesend auf den verhängnisvollen Bogen, der all ihre Hoffnungen zerstörte, allem Liebesglück und Vertrauen ein jähes und grausames Ende bereitete. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, stand auf und wollte der Großmama die Verlobungsanzeige geben, aber plötzlich drehte sich das ganze Zimmer mit ihr im Kreise, sie schwankte und brach mit einem dumpfen Wehlaut zusammen.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie in ihrem Zimmer auf der Chaiselongue. Über sie gebeugt stand die Großmama, die ihr Stirn und Schläfen mit kölnischem Wasser badete und sie so unendlich liebevoll und zärtlich besorgt anschaute, daß Irma die Arme um den Hals der alten Dame schlang und in ein fassungsloses, leidenschaftliches Schluchzen ausbrach.
Kein Wort des Tadels oder Vorwurfs kam über Frau Gontraus Lippen. Sie küßte das Kind, preßte es an sich und suchte es zu beruhigen.
Irma weinte und weinte, als sollte ihr das Herz brechen.
„Es ist furchtbar hart,“ flüsterte Ilse endlich, „aber du mußt darüber hinwegkommen, Liebling, du mußt.“
„Ich kann nicht, er war mein ein und mein alles, Großmama, und mein Vertrauen zu ihm war grenzenlos.“
„Armes Kind, fühlst du denn nicht, wie furchtbar er dich beleidigt, wie schändlich er dich behandelt hat?“
„Ich weiß nicht,“ stöhnte die Kleine, „ich fühle nur, daß ich ihn liebe.“
Ilse seufzte, aber sie sah ein, daß Trostesworte vorläufig noch wirkungslos blieben. Nur allmählich konnte es gelingen, bei Irma das Gefühl der Gekränktheit und des beleidigten Stolzes wachzurufen, das ihr über diese erste bittere Enttäuschung hinweghelfen würde.
Als Professor Fuchs das Vorgefallene erfuhr, wurde er wütend, und ein heftiger Gichtanfall packte ihn. Er entwarf die wahnsinnigsten Pläne, wollte Hochsteins Handlungsweise überall verkünden und ihn dadurch bei seinen Korpsbrüdern unmöglich machen, wollte ihn fordern oder ihm wenigstens auf die Bude rücken und ihm die schöne Visage zerbläuen.
Nur mit Mühe gelang es seiner alten Freundin, ihn zur Vernunft zu bringen und ihm klar zu machen, daß stolzes Schweigen das Beste und Würdigste sei.
Während der nächsten Wochen schien es, als sei Irma durch diesen Schlag vollständig geknickt. Mit beunruhigend blassem Gesichtchen und mattem Lächeln ging sie umher, und eine große Mutlosigkeit hatte sich ihrer bemächtigt. Ihre schelmische Munterkeit, ihr kecker Übermut waren vollständig verschwunden. Ein freundliches Wort, eine Liebkosung trieb ihr Tränen in die Augen, und alle Pläne Ilses, ihr eine Zerstreuung zu verschaffen, beantwortete sie mit einem gleichgültigen: „Nein, lieber nicht, Großmama.“
Selbst ihre Toilette machte ihr keine Freude, und das war ein böses Zeichen. Das kleine, eitle Geschöpf, das sonst mit einem Ernst, als gälte es die wichtigsten Dinge, über eine hübsche Bluse oder einen neuen Anzug zu reden pflegte, zog des Morgens das erste beste an, was ihr unter die Hände kam; das prachtvolle Haar wurde nicht wie früher sorgfältig frisiert, sondern nachlässig und lose aufgesteckt, ohne daß Irma den Spiegel zu Rate zog. Am liebsten saß sie ganze Tage allein auf ihrem Zimmer, und nur mit Mühe ließ sie sich überreden, hinunter zu kommen. Ilse litt es freilich nicht, daß sie sich ganz absonderte, und zwang sie im Familienkreise zu erscheinen.
Onkel Fritz und Tante Marianne wußten zwar nicht genau, was vorgefallen war, aber so weit waren sie doch eingeweiht, daß sie sich Irmas verändertes Wesen erklären konnten. Sie sowohl wie Maud spielten mit keiner Silbe auf die Veranlassung an, sondern taten im Gegenteil, als merkten sie nichts. Beide hegten großes Mitleid für die Kleine und bemühten sich in ungesuchter Weise, sie etwas aufzuheitern.
Onkel Heinz war durch einen heftigen Anfall seines alten Leidens ans Haus gebunden. Der Zorn über Baron Hochstein, der Ärger, daß er ihn nicht zur Verantwortung ziehen durfte und die ganze Wut hinunterschlucken mußte, verschlimmerten das Übel in hohem Grade. Aber, während der Professor sich sonst unter ähnlichen Umständen ganz ungenießbar zeigte, und jeden, der es wagte, ihn zu besuchen, durch seine schlechte Laune und seine bissigen Ausfälle fortgraulte, schrieb er jetzt humoristische Briefchen an Irma und bat sie, zu ihm zu kommen. Als sie seiner Einladung folgte, erzählte er ihr die lustigsten Schnurren und verstand es so meisterlich sie aufzuheitern, daß sie lachen mußte und ihr Leid, wenigstens für kurze Zeit, vergaß.

Müllers rüsteten allmählich zu Mauds Hochzeit. Nur noch einige Wochen, dann kam John, um seine Braut zu holen; erst wollten sie eine schöne Hochzeitsreise durch Europa machen und sich dann in San Francisko niederlassen.
Irma nahm an diesen festlichen Vorbereitungen nicht teil. Als Gustav und Flora sowie Reichers — denn auch Hans war eingeladen — ihre baldige Ankunft meldeten und Herr und Frau von Holten gleichfalls schrieben, daß sie kommen würden, bat sie unter Tränen Großmama Ilse, ob es nicht möglich sei, sie für diese Zeit fortzuschicken. Sie fühle sich außer stande, all die Festlichkeiten mitzumachen; sie würde zu viel an ihren eigenen Herzenskummer denken müssen und schwer darunter leiden.
Ilse schüttelte den Kopf:
„Hör' mal, Kindchen,“ sagte sie fest, „es wird Zeit, daß wir ein ernstes Wörtchen miteinander reden. Du mußt doch endlich einsehen, daß du dich deinem Schmerz nicht ausschließlich hingeben darfst. Hochstein ist für dich verloren, davon mußt du doch überzeugt sein.“
„Das bin ich ja,“ entgegnete Irma, „aber eben deshalb hat mein Leben keinen Wert mehr für mich.“
„Unsinn, du mußt einsehen lernen, daß der Mensch gar nicht wert ist, daß du so um ihn trauerst. Kommst du nicht auf Mauds Hochzeit, so weiß jeder, weshalb. Was ich dir jetzt sagen muß, Irma, ist hart, aber ein energisches Mittel ist bei dir wirklich nötig. Ein Mädchen, dem so mitgespielt wurde wie dir, findet wohl Teilnahme. Zeigt sie aber jedem, daß sie sich um solch unwürdigen Gecken grämt, so lacht man schließlich über ihre Rührseligkeit und Überspanntheit. Kannst du deine Enttäuschung noch nicht verwinden, so trage deinen Kummer wenigstens still und heimlich, damit du den Leuten nicht das Recht gibst, sich über dich lustig zu machen.“
Irma richtete sich auf; dunkle Röte färbte ihre Wangen; Großmutters Worte trafen sie wie Peitschenhiebe, und unwillkürlich zog sie ihre Hand zurück, als die alte Dame sie zärtlich streicheln wollte; aber sie weinte nicht mehr, und in der stillen Hoffnung, daß ihre Worte doch ihren Zweck erfüllen würden, zog sich Ilse zurück.
„Ich muß der Großmama beipflichten,“ sagte Agnes an demselben Nachmittag, als Irma ihr von dieser Unterredung erzählte, „es ist gerade so, als ob du keinen Stolz mehr besäßest.“
Wie gewöhnlich lag Irma auf ihrer Ruhebank, sie zeigte sich aber nicht mehr ganz so teilnahmlos und gleichgültig wie sonst, wenn sie auch nicht zugeben wollte, daß die Großmama recht hätte.
„Du verstehst mich nicht, Agnes,“ erwiderte sie. „Du bist verlobt und behauptest Ludwig zu lieben, aber du bist viel zu nüchtern und praktisch, um zu fühlen, was wahre Liebe ist.“
Agnes lachte. „Wenn wahre Liebe darin besteht, sich mit Füßen treten zu lassen und jemand nachzuträumen, der deutlich zeigte, daß er nur mit dir gespielt hat, dann — ja dann habe ich keinen Schimmer davon, denn so etwas ließe ich mir nicht bieten.“
„Agnes!“ rief Irma, im höchsten Grade erzürnt, „wenn Großmama mir solche Dinge sagt, mag das noch hingehen, von dir vertrage ich das nicht.“
„Und doch ist es die Wahrheit,“ fuhr die andere eifrig fort. „Komm' mal her,“ sie zog ihre widerstrebende Cousine vor den Spiegel, „schau dich mal an. Ist's nicht jammerschade, daß ein Mädchen wie du, so schön, mit solcher Gestalt, solchem Haar und solchen Augen, sich um dieses Menschen willen so häßlich macht! Du bist wirklich in letzter Zeit nicht hübscher geworden.“
„Was liegt mir daran?“ versetzte Irma. Aber sie schaute doch in den Spiegel, und ihr wurde angst, daß Agnes am Ende wohl recht haben könne.
Diese bemerkte ihren Vorteil und fuhr mit gesteigerter Wärme und Innigkeit fort:
„Liebstes Kind, du kannst für den einen hundert andere bekommen. Wäre ich so schön wie du, wahrlich ich würde ihm das Vergnügen nicht gönnen, mit spöttischem Mitleid über mich die Achseln zu zucken.“
„Das Vergnügen soll ihm nicht zu teil werden,“ rief Irma; „er braucht doch nicht zu wissen, daß ich mich um ihn gräme.“
„Als ob ihm das nicht zu Ohren kommen würde! Machst du Mauds Hochzeit nicht mit, so erfährt er das sicher. Es kommen mehrere Studenten und Offiziere, die ihn kennen. Soll er denn denken, daß du ohne ihn nicht leben kannst! Weißt du, was du tun müßtest?“
„Nein.“
„Auf die Hochzeit gehen, dich so schön wie möglich machen und so lustig sein, daß keine Seele etwas merkt. Glaube mir, ich kenne die Welt besser als du; wenn Hochstein denken muß, daß du dir's nicht zu Herzen nimmst, wird er sich ärgern, und das ist doch wohl die kleinste Strafe, die er verdient.“
Der matte, gleichgültige Ausdruck in Irmas Augen verschwand, ihre Wangen röteten sich, und mit einem schwachen, selbstzufriedenen Lächeln nickte sie ihrem Spiegelbilde zu.
„Vielleicht hast du recht,“ sagte sie, „ich will mich bemühen, deinem Rat zu folgen. Versprich mir nur eins — nie mehr über Otto zu reden.“
„An mir wird es nicht liegen, wenn's doch geschieht,“ entgegnete Agnes munter, „denn ein angenehmer Gesprächsstoff ist er für mich wirklich nie gewesen.“
Von nun an änderte sich Irma. Als ihre Eltern kamen, und Ruth, die von ihrer Mutter in alles eingeweiht wurde, sie schweigend, mit vielsagender Innigkeit umarmte, setzte ihr Töchterlein sie in Erstaunen, indem es lachend rief:
„Hör' mal, Mamachen, wenn du glaubst, mich bemitleiden zu müssen, bist du auf dem Holzwege. Großmama hätte dir die kindische Geschichte mit Baron Hochstein nicht zu erzählen brauchen. Ich habe sie längst vergessen.“
„Aber Kind, ich glaubte dich ganz niedergebeugt und traurig zu finden. Ich dachte, du liebest ihn.“
„Ach wo denn, ich bildete mir das nur ein. Jetzt weiß ich, daß es so ganz gut ist und habe es völlig überwunden.“
„Um so besser, mein Liebling,“ sagte Ruth erfreut. Aber als sie der Großmutter Irmas Worte wiederholte, schüttelte diese das alte, graue Haupt.
„Mamachen, du bist doch nie zufrieden,“ meinte Ruth etwas ärgerlich. „Was willst du denn mehr? Wir können doch wirklich froh sein, daß die Kleine die Geschichte so verständig auffaßt.“
„Liebe Ruth,“ versetzte Ilse nachdenklich. „Der Übergang ist mir zu schroff. Wir mußten Irma aus ihrer Teilnahmlosigkeit förmlich aufrütteln, indem wir ihren Stolz und ihre Eigenliebe zu Hilfe riefen, nun aber fürchte ich, daß ihre Eitelkeit den Sieg davontragen und sie zu irgend einem dummen Streich verleiten wird.“
Ungläubig schaute Ruth die Mutter an.
„Zum Beispiel,“ fuhr Großmutter leise fort, „aus Trotz den ersten besten Mann zu nehmen.“
Frau von Holten schwieg; an solch eine Möglichkeit hatte sie noch nicht gedacht.
„Ich glaube, du übertreibst, Mama,“ sagte sie endlich. „Irma ist in jeder Hinsicht noch das reine Kind.“
„Eben darum,“ behauptete Ilse, aber da ihre Enkelin gerade ins Zimmer trat, wurde das Gespräch nicht fortgesetzt. —
Der Bräutigam, John Forster, war angekommen und machte seinen neuen Verwandten einen sehr angenehmen Eindruck. Er war ein großer, stattlicher junger Mann, blond und breitschultrig, mit energischem Ausdruck in den stahlblauen Augen und großer Ruhe und Gelassenheit in seinem Auftreten. Er und Maud bildeten ein sehr gesetztes Paar; Flora, die mit ihrem Manne bei Großmutter Gontrau wohnte, wunderte sich im stillen, daß Braut und Bräutigam nach so langer Trennung einen ganzen Abend beisammen sein, sich mit jedem gemütlich unterhalten konnten, und nicht einzig und allein für einander Ohren und Augen hatten.
Als Flora schüchtern bemerkte, daß John und Maud nicht den Eindruck eines verliebten Paares machten, lachte die junge Braut so heiter und herzlich, und aus ihren hübschen, ernsten Augen strahlte ein so sonniges Glück, daß niemand an ihrer innigsten Liebe und Zuneigung für einander zweifeln konnte. —
Onkel Heinz, der mit Hilfe eines Stockes wieder umherhumpelte, setzte die ganze Familie, die ihn noch ans Zimmer gebunden glaubte, in Erstaunen, als er plötzlich eines Abends in ihrem Kreise erschien. Er unterhielt sich viel mit dem jungen Amerikaner; aber als Hans Reicher ankam, hätte der Professor leicht in den Verdacht der Unbeständigkeit und Launenhaftigkeit kommen können, denn nun zog er die Gesellschaft des jungen Gutsbesitzers jeder anderen vor und vertiefte sich mit ihm in alle möglichen Fragen des Ackerbaus und der Viehzucht. Hans verweilte gern bei dem alten Sonderling; Onkel Heinz hatte sich sofort angeboten, ihn als Logiergast aufzunehmen, und da bei Müllers wie bei Ilse Gontrau das Haus besetzt war, nahm Hans dies Anerbieten dankend an.
Große Hochzeitsfeierlichkeiten sollten nicht stattfinden, die Abende aber, die der heiligen Handlung vorangingen, verbrachte die Familie stets gemeinsam. Es wurde viel musiziert, mitunter auch getanzt, und das Zusammensein mit einem gemütlichen Abendessen beschlossen. Irma nahm so heiter an allem teil, daß jeder sich darüber wunderte. Als sie am ersten Abend erschien, anmutiger denn je, in einem hellgrünen, duftigen Kleide, schelmisch und ausgelassen wie früher mit der Jugend Unsinn trieb, die älteren Herren durch ihr Geplauder bezauberte, so daß sie bald wieder der Mittelpunkt war, um den sich alles drehte, schüttelte Maud ernst den Kopf und flüsterte ihrer Schwester zu:
„Die Irma ist doch wirklich eine arge Kokette; von ihr kann man auch sagen: Viel Lärm um Nichts!“
Agnes schwieg und schaute bekümmert nach Irma, die gerade auf dem Sofa saß. Vor ihr stand Hans Reicher und hörte mit ernster Miene ihrem Geplauder zu. Das Mädchen war bildschön, wenn möglich noch schöner als früher, aber ihrem Benehmen fehlte das reizend Kindliche, das sie so unwiderstehlich gemacht hatte. Mit ausgesprochener Gefallsucht streckte sie den kleinen Fuß vor, um dessen tadellose Form zur Geltung zu bringen; sie bemühte sich, während sie saß, die anmutigste Haltung anzunehmen, lehnte ihr blondlockiges Köpfchen an den Sessel, weil sie wußte, daß es sich von dem roten Plüsch besonders vorteilhaft abhob; sie lachte, um ihre Perlzähnchen zu zeigen, schlug die großen Vergißmeinnichtaugen bald schüchtern, bald wieder übermütig auf und bemerkte mit einem häßlichen Triumphgefühl befriedigter Eitelkeit, wie sie den guten Hans in Verwirrung brachte und bezauberte.
„Ob Hans weiß, was Irma durchgemacht hat?“ fragte Maud plötzlich ihre Schwester.
„Nein, wer sollte ihm das erzählt haben?“
„Ich dachte, du oder Ludwig.“
„Ich werde mich hüten. Wir haben das Recht nicht, Irmas Geheimnis an die große Glocke zu hängen — das wäre garstig.“
„Allerdings,“ gab Maud zu, „aber ich glaube, der arme Hans hat wieder Feuer gefangen, und siehst du denn nicht, wie furchtbar sie mit ihm kokettiert?“
„Gewiß, aber weil sie so stark aufträgt, wird er's wohl merken, und tut er das nicht, so ist er ein Schaf,“ entgegnete Agnes unwillig.
Hans Reicher war der Einladung zu Mauds Hochzeit mit schwerem Herzen gefolgt. Ihm bangte vor dem Wiedersehen mit Irma. Fern von ihr, in Anspruch genommen durch seinen Beruf und seine vielen Geschäfte, hatte er die Kraft besessen, seinen Kummer zu beherrschen, das Unvermeidliche zu tragen, ohne sich in Sehnsucht zu verzehren nach einem Glück, das ihm unerreichbar dünkte. In den ersten Wochen nach Gustavs und Floras Hochzeit hatte er täglich die Anzeige von Irmas Verlobung mit Hochstein erwartet, und als diese nicht kam, schließlich Ludwig ausgeforscht.
Aber der Bruder, der von seiner Braut nicht in Irmas Herzensgeheimnisse eingeweiht war, hatte nichts gewußt, und Hans zu stolz, um sich bedauern zu lassen, hatte nicht weiter geforscht und nicht widersprochen, als Ludwig eine Anspielung machte, daß seine Zuneigung für das schöne Mädchen rasch verflogen zu sein schiene.
Trotz aller Vernunftgründe, die dafür sprachen, die Einladung abzulehnen und Irma nicht wiederzusehen, um seine teuer erkaufte Ruhe nicht von neuem aufs Spiel zu setzen, war er doch zur Hochzeit gekommen, getrieben von seiner Sehnsucht nach der Geliebten. Er hatte sich aber fest vorgenommen, ihr kühl gegenüber zu treten und ja nie den unglücklich Liebenden zu spielen, um nicht ausgelacht zu werden.
Irma begrüßte ihn mit unerwarteter Herzlichkeit. Sie sprach so freundlich mit ihm, bewies plötzlich so viel Teilnahme an allem, was ihn betraf, schaute ihn so merkwürdig an, daß der arme Hans seine guten Vorsätze vergaß und seine Hoffnung, Irma dereinst doch die seine zu nennen, sich auf Riesenschwingen emporhob. Von Hochstein hörte er nichts, also war das doch nur ein vorübergehender Flirt gewesen. Seine Klugheit verließ ihn vollständig; er war wie mit Blindheit geschlagen, merkte die Gefallsucht des schönen Mädchens nicht, sondern sah dieses in dem Lichte, in dem er es sehen wollte, und so kam er zu dem Entschluß, nicht eher heimzukehren, als bis er Gewißheit hätte.
An dem Abend, an welchem Maud ihre Schwester auf Irmas leichtfertiges Betragen aufmerksam machte, fühlte Hans sich im siebenten Himmel. Er erzählte von seinem Schaffen und Streben, von den Verbesserungen, die er in den letzten Jahren eingeführt habe, und sie tat, als lauschte sie aufmerksam, klappte dabei ihren Fächer auf und zu, hielt ihn aber zum öftern vors Gesicht, um ihr unterdrücktes Gähnen zu verbergen, und sagte endlich:
„Trotz alledem ist's doch wohl ein bißchen langweilig, immer auf dem Lande zu sitzen, Hans, wie? Möchten Sie nicht lieber in einer großen Stadt wohnen?“
„Bisher habe ich mich noch nie danach gesehnt. Ich fühlte mich in meiner Umgebung und bei meiner Arbeit vollkommen glücklich.“
„Sie sprechen von ‚bisher‘, ist es denn jetzt nicht mehr so?“
„Jetzt bin ich nahe daran, mir einen Beruf zu wünschen, der mich mehr unter Menschen und in das Leben und Treiben der Großstadt führt.“
„Wie ist das möglich?“ fragte Irma mit der unschuldigsten Miene von der Welt. „Warum denn?“
Hans beugte sich zu ihr herab. Er sah bleich aus, und seine Lippen bebten als er ihr zuflüsterte:
„Weil ich es dann eher wagen würde, eine Bitte auszusprechen, deren Erfüllung mich zum glücklichsten aller Sterblichen machen würde. Verstehen Sie mich, Irma?“
„Hans!“ ertönte plötzlich die barsche Stimme von Professor Fuchs, „wir brauchen einen vierten Mann zum Whist. Von Ludwig kann natürlich keine Rede sein; als Bräutigam ist er verliebt und also nicht normal; kommen Sie nur mit, mein Junge.“
„Aber Onkel Heinz,“ schmollte Irma, „da ist doch noch Gustav und Papa.“
Der alte Herr fing an zu lachen. „Mit den beiden spiele ich nicht; ich glaube nicht, daß sie einen Buben von einem König unterscheiden können.“
„Ich habe keine Lust, meine Dame im Stich zu lassen, Herr Professor,“ wehrte sich Hans, „ich mache mir nichts aus Whist.“
„Der Mensch kann nicht immer tun, was er am liebsten mag; wenn ich den ganzen Abend das Getue und Geschwätz der Leute hier sehen und anhören muß, kriege ich einen neuen Gichtanfall. Also erbarmen Sie sich des alten Brummbären.“
Hans schaute Irma an; sie lachte ihm mit solch lieblichem Erröten und solcher Verheißung in den strahlenden Augen zu, daß ihm vor seliger Erwartung schwindelte. Er ergriff ihr Händchen, drückte es so kräftig und lange, bis es ihr förmlich weh tat, und folgte Onkel Heinz.
Irma seufzte und lächelte doch zugleich. Ihr gegenüber hing ein großer Spiegel; sie schaute hinein und dachte gerade, wie wunderhübsch sie doch eigentlich sei, als sie im Glase dem ernsten Blick der Großmama begegnete, welche sie ruhig und streng ansah. Das Mädchen wandte sich ab und wurde rot bis unter die Haarwurzeln. Aber sie befand sich in übermütiger Laune. Der Kummer, den sie erlitten, hatte sie zuerst fast zerschmettert; dann hatte die arge Niederlage ihrer Eitelkeit den Schmerz verdrängt, und das Gefühl des Unglücks und der Trauer hatte sich in Bitterkeit umgewandelt. Sie war an ihrem wundesten Punkt getroffen worden, nun raste sie weiter auf dem Wege, den sie einmal eingeschlagen hatte — und als Hans ihr an diesem Abend das Geleite gab und ihr beim Einsteigen in den Wagen zuflüsterte:
„Darf ich Ihnen morgen weitererzählen, Irma, was ich erbitten möchte, und was mich so unendlich glücklich machen würde?“ neigte sie ihr Köpfchen, zog die Hand zurück und lispelte kokett:
„Ich habe wirklich gar keine Ahnung, was das sein kann, aber wenn Sie mich zu Ihrer Vertrauten machen wollen, ist mir's recht.“
Nun stand sie in ihrem Schlafzimmer im weißen Unterröckchen vor dem Spiegel und bürstete ihr Goldhaar. Sie nahm die seidenen Locken in die Hände und streichelte sie liebkosend, wobei ihr einfiel, womit Otto von Hochstein sie so oft verglichen hatte: mit Kornähren, auf welche die Sonne schien, mit gesponnenen Sonnenstrahlen und flüssigem Gold. In einer bitteren Aufwallung wand sie ihre Locken plötzlich in einer dicken Flechte um den Kopf und tat dies so heftig und mit so harter Hand, daß verschiedene von den spinnwebenfeinen Goldfäden an ihren spitzen Fingerchen hängen blieben.
Da öffnete sich die Tür ihres Zimmers, und Ilse, bereits im Nachtgewand, das weiße Haar unter einer Haube verborgen, trat ein.
„Ist etwas geschehen, Großmama?“ fragte Irma erschreckt. „Ist dir nicht wohl?“
„Ich wollte noch mit dir sprechen, Kind.“
Irma schaute der Großmama in das feine Antlitz, das einen sehr strengen Ausdruck zeigte; und als ahne sie den Zweck dieser Unterredung, unterdrückte sie ein Gähnen, blickte nach der Wanduhr und sagte:
„Es ist schon so spät.“
„Das tut nichts. Ich finde keine Ruhe, bevor ich dich nicht gefragt habe, ob du die Absicht hast, Hans Reicher zu nehmen, wenn er sich um dich bewirbt?“
Irma wurde glühend rot.
„Ja,“ sagte sie, und fügte spottend hinzu:
„Findest du das nicht herrlich, solch guten Mann, auf den ihr alle so große Stücke haltet? Diesmal kannst du doch nichts gegen meine Wahl einwenden?“
„Liebst du Hans?“ fragte Ilse streng.
„Ich glaube. Und es ist schon sechs Wochen her, seit Hochstein seine Verlobung anzeigte. Da wird es hohe Zeit, daß er von mir Ähnliches hört.“
„Du willst Hans heiraten, ohne ihn zu lieben, nur aus Trotz und gekränkter Eitelkeit?“
„Warum nicht, Großmama? Du hast selbst gesagt, ich müsse meinen Kummer überwinden, ich würde für rührselig und verschroben gehalten werden, wenn ich fortführe zu trauern. Nun wird wenigstens keiner mehr über mich lachen.“
„Du solltest meine Worte nicht absichtlich verkehrt auslegen,“ erwiderte die Großmama, und ihre dunklen Augen schauten Irma so strafend an, daß sie die ihren niederschlug. „Du weißt ganz gut, was ich meinte. Du bist im Begriff, eine große Dummheit zu begehen, und eine Schlechtigkeit obendrein. Wem nützt es etwas, wenn du dich und Hans unglücklich machst? Glaubst du, daß Otto von Hochstein sich das zu Herzen nehmen würde?“
„Es wird ihn wenigstens ärgern, wenn er sieht, daß ich ihn so rasch vergessen habe.“
„Und um eines so armseligen Triumphes willen, dessen du überdies noch nicht einmal sicher bist, willst du dich erniedrigen, indem du einen Mann heiratest, den du nicht liebst! Das verbiete ich dir, Irma. Ich warne dich, ich will das nicht.“
„Aber ich will!“ rief Irma auffahrend und in einem Tone, den sie ihrer Großmutter gegenüber noch nie angeschlagen hatte. „Wenn Hans um mich anhält, nehme ich ihn; ich will doch sehen, wer mir das verbieten kann.“
Mit flammenden Augen stand sie vor der alten Dame.
Ilse blickte sie an und erkannte sich selbst in dem aufgeregten, überreizten Kinde wieder, das jedem Vernunftgrunde unzugänglich war und alles opfern wollte, um seinem trotzigen Sinne zu folgen. Die alte Frau fühlte ihren Zorn schwinden; sie begriff, daß der Kummer und die Enttäuschung, die Irma erfahren hatte, schlecht auf ihren Charakter wirkten, anstatt sie demütig und geduldig zu machen, den Geist des Widerstandes und gekränkten Stolzes in ihr weckten. Sie sah ein, daß mit Gewalt und Strenge hier nichts auszurichten war.
„Wirst du Hans sagen, was du erlebt hast?“ fragte sie ruhig.
„Nein, natürlich nicht.“
„So hast du also die Absicht, ihn zu betrügen?“
„Otto hat mich auch betrogen.“
„Ist das ein Grund? Mußt du ebenso schlecht sein wie er?“
„Das ist mir ganz egal,“ rief Irma heftig. „Du kannst stundenlang reden, Großmama. Ich will der Welt zeigen, daß Irma von Holten um einen neuen Anbeter nicht verlegen ist, wenn der alte sie im Stich gelassen hat.“
„Denke darüber nach, Kind, ich warne dich zum letzten Male.“
Aber Irma wandte sich ab und gab keine Antwort mehr.

Großmutter Gontrau verbrachte eine schlaflose Nacht, und als sie andern Tages am Frühstückstisch erschien, sah sie so angegriffen aus, daß es allen auffiel. Auf die Frage, was ihr fehle, erwiderte sie, daß sie nur ein wenig Kopfweh habe; sie sehne sich nach frischer Luft und wolle einen kleinen Spaziergang machen. Ruth erbot sich, die Mutter zu begleiten, doch Ilse wünschte allein zu gehen, dann brauche sie nicht zu reden. Irma und Flora sollten den Morgen benützen, um ihre Toiletten für das große Ereignis, die Hochzeit, in Ordnung zu bringen, auch die andern hätten gewiß noch manches zu besorgen, und sie wolle niemand stören.
Großmutter Ilse ging nicht weit. Das Gartentor von Müllers Villa stand offen, und in der Laube saßen Maud und John.
„Was, liebe Großmama, du hast dich so früh schon aufgemacht?“
„Ja, liebes Bräutchen, ich hatte ein paar Besorgungen zu machen und wollte mich hier ein Weilchen ausruhen. Du brauchst Mama nicht zu rufen, ich weiß, wieviel sie zu tun hat. Wo sind die jungen Leute?“
„Ludwig und Agnes sind spazieren gegangen. Natürlich, wenn die mal auskneifen können, tun sie's mehr wie gern. Hans war eben hier, jetzt ist er mit Papa hinten im Garten.“
„So will ich ihn aufsuchen, ich muß ihm etwas sagen. Nein, liebes Kind, nicht neugierig sein. Du weißt, in den Hochzeitstagen hat die Familie eine Menge Geheimnisse, von denen das Brautpaar nichts wissen darf.“
„O, ich bin nicht neugierig,“ erwiderte Maud und setzte sich ruhig wieder neben John, der ihr aus einer englischen Zeitung vorlas, während sie mit einer Handarbeit beschäftigt war.
Hans kam gerade um die Ecke und zeigte sich sehr erfreut, Ilse zu sehen.
„Schon so früh hier, gnädige Frau? Ich will Frau Müller rufen.“
„Nein,“ versetzte die alte Dame, „das ist nicht nötig. Eigentlich kam ich zu Ihnen, Reicher, denn ich erwartete Sie hier zu finden.“
„Zu mir, gnädige Frau? Kann ich etwas für Sie tun?“
„Ja,“ sagte Ilse. „Wollen Sie mich nach Hause begleiten?“
„Sehr gern. Ich stehe ganz zu Ihren Diensten.“
Sie verließen zusammen die Villa und plauderten einige Augenblicke über gleichgültige Dinge. Dann schlug Großmutter Gontrau einen Seitenweg ein, der durch einen kleinen Park nach ihrer Wohnung führte. Hier war es sehr still. Hans, der noch immer nicht wußte, was sie mit ihm zu besprechen hatte, schaute sie verwundert von der Seite an.
„Darf ich Ihnen eine unbescheidene Frage vorlegen, Reicher?“
Hans nickte ein wenig beklommen, er wußte selbst nicht warum.
„Lieben Sie meine Enkelin Irma?“
„Ja, gnädige Frau,“ sagte er schlicht, aber das genügte. Der ernste Ausdruck seiner grauen Augen, der tiefe, volle Klang seiner Stimme machten alle weiteren Beteuerungen überflüssig.
Ilse reichte ihm die Hand.
„Das freut mich,“ erwiderte sie, „ich glaube nicht, daß es auf der ganzen weiten Welt einen Mann gibt, dem ich sie lieber anvertrauen würde.“
„O, wie innig danke ich Ihnen, gnädige Frau,“ stammelte Hans entzückt.
„Und doch muß ich Ihnen abraten, ihr jetzt schon die große Frage zu stellen. Warten Sie noch.“
„Weshalb raten Sie mir das, gnädige Frau?“
„Irma ist noch so jung ...“ entgegnete Ilse zögernd, „so unbesonnen.“
„Ach, gnädige Frau, wenn das der einzige Grund ist, dann glaube ich, daß eine Liebe wie die meine, so warm, so treu und gut gemeint, sie reifer machen wird.“
„Es gibt noch einen andern Grund.“
„Und wenn es hundert gäbe, Frau Gontrau,“ rief Hans ungeduldig, weil die alte Dame nur in halben Andeutungen sprach, „ich kann nicht warten; gestern habe ich Irma gegenüber bereits angedeutet, daß ich heute diese wichtige Frage stellen werde. Warum sind Sie dagegen?“
„Weil Irma Sie zur Zeit noch nicht liebt, und wenn sie Ihren Antrag annimmt, es aus Trotz tut, aus gekränkter Eitelkeit, weil ein anderer mit ihr sein Spiel getrieben hat.“
Hans Reicher wurde totenbleich und schaute Ilse Gontrau entsetzt an. Über sein offenes, ehrliches Antlitz legte sich ein Ausdruck so tiefen Kummers, daß sie fühlte, wie ihre Augen feucht wurden. Ganz in der Nähe stand eine Bank unter einem Platanenbaum, der sie den Blicken Vorübergehender entzog. Sie nahm seine Hand und zwang ihn, sich neben sie zu setzen.
Dann erzählte sie ihm alles.
Er hörte ihr zu, gesenkten Hauptes und mit fest zusammengepreßten Lippen. Ilse hatte wohl einen Ausruf der Entrüstung, des Schmerzes erwartet, aber er schwieg.
„Reicher,“ begann sie endlich wieder, „Sie müssen doch einsehen, daß ich Ihnen das alles gesagt habe, weil es meine Pflicht ist, weil ich nicht anders konnte. Ich habe Irma gewarnt, doch sie hat nicht hören wollen. Möglich, daß ich zu schwach gegen sie war, aber ich habe sie so über alle Maßen lieb! Jetzt muß ich sie gegen ihr eigenes Ich zu schützen suchen. Sie braucht eine harte Lehre. Ist Ihre Liebe groß genug, um ihr diese zu erteilen?“
„Ja, gnädige Frau.“
„Für den Augenblick ist sie entschlossen, Ihnen ihr Jawort zu geben. Ist Ihre Liebe stark genug, um dasselbe jetzt nicht anzunehmen und sie zu hindern, daß sie etwas tut, was schlecht und ihrer nicht würdig ist?“
„Ja, gnädige Frau.“
Bewundernd drückte Ilse ihm die Hand.
„Ich wußte wohl, daß ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe. Alles, was wir gesprochen haben, bleibt ein Geheimnis zwischen uns beiden. Es wird eine Zeit kommen, in der Irma ihr Unrecht einsieht.“
„Das glaube ich nicht, gnädige Frau, wage auch nicht, darauf zu hoffen. Ich werde Irma ewig lieben, weil ich nicht anders kann, weil ich gleich beim ersten Mal, als ich sie sah, fühlte, diese oder keine. Aber liebe ich sie auch noch so unendlich, mit mir spielen lasse ich nicht.“
Großmutter Gontrau zog sich, so bald sie wieder nach Hause gekommen war, ungesehen auf ihr Zimmer zurück. —
Zum Abend hatte Onkel Heinz die ganze Familie zu sich eingeladen; er wollte doch auch das Brautpaar durch eine Festlichkeit ehren. Schon seit Tagen hatte er mit Hansens Hilfe seine Zimmer ausgeräumt und die Leute, bei denen er wohnte, in Wut versetzt, weil er das ganze Haus von unterst zu oberst kehrte. In seinem Studierzimmer stand die große Tafel zum Abendessen gedeckt. Solche Unmengen hatte er von allem bestellt, daß seine Hauswirtin seufzend erklärte, es würde hinreichen, ein ganzes Regiment zu bewirten. Aber der alte Herr hatte sich nicht raten lassen.
Kalter Lendenbraten, zierlich geschnitten, mit Sülze belegt und von Petersilie eingefaßt, war zwischen Schüsseln mit Hühnern und Koteletts aufgestellt, die Beinchen und Knochen sauber in Papiermanschetten gesteckt; der polnische Salat wetteiferte in kunstreicher Anordnung und Farbenpracht mit den schönen gelben und rosa Torten. Knall-Bonbons in vergoldeten Hülsen, Schalen mit eingemachten Früchten, Puddings und Crêmes spiegelten sich wieder im Grün und Goldgelb der Rheinwein- und Champagnergläser. Das Allerschönste und Kunstvollste aber war das Mittelstück, ein hoher, aus Mandelteig gebackener, von einer sinnbildlichen Darstellung aus Zucker gekrönter Tempel.
Am Kamin stand, wie Soldaten in Reih und Glied, eine Batterie Flaschen, allerhand feine Marken. Die Sektflaschen mit ihren goldenen und silbernen Hälsen stellten die Offiziere inmitten der Gemeinen vor. Onkel Heinz' Schlafstube, der größte Raum der ganzen Wohnung, war in einen Tanzsaal verwandelt; alle Möbel waren entfernt und der Himmel weiß in welche Ecken und Winkel des Hauses gestopft worden. Er und Hans hatten schon die Nacht vorher in der guten Stube der Wirtsleute geschlafen. Um den Tanzsaal würdig auszustatten, hatte er Bänke und Diwans gemietet und längs den Wänden aufgestellt. Auch ein Klavier war herbeigeschafft worden, und da keiner der Gäste sich mit dem Ableiern der Tanzmusik abmühen sollte, erschien ein dünnes Menschlein, das für fünfzehn Mark den ganzen Abend aufspielen und schon während des Soupers etwas zum Besten geben sollte. Doch bevor sich dieser Künstler ans Klavier setzte, hatte der Professor ihn so mit allerhand guten Dingen vollgestopft und ihm so viel Burgunder zu trinken gegeben, daß es sehr fraglich war, ob er seine Aufgabe zur Zufriedenheit lösen würde.
Das Wohnzimmer diente zum Empfang der Gäste. Riesige Blumengruppen standen in den Ecken, die Türe war ausgehoben und an ihrer Stelle eine Art Ehrenpforte entstanden, unter der Maud und John durchgehen mußten. Aber als das Brautpaar mit seinem Gefolge eingetreten war, als der unglückliche Jüngling am Piano den Hochzeitsmarsch in rasendem Tempo abgespielt hatte, und jeder seiner Bewunderung und Freude über diesen festlichen Empfang Ausdruck gab, blieb es doch nicht ganz verborgen, daß es an der guten Laune des Gastgebers haperte, so sehr er sich auch bemühte, es nicht durchblicken zu lassen. Endlich gestand er, daß er wütend sei, weil Hans an diesem Nachmittag einen dringenden Brief von Hause erhalten habe, der seine schleunige Heimkehr nötig machte; schon am folgenden Tage müsse er abreisen. Ausrufe des Bedauerns, der Verwunderung und Neugier folgten. Blieb Hans denn nicht wenigstens bis zur Hochzeit? War seine Anwesenheit daheim so dringend erforderlich, daß er sie nicht um ein paar Tage verschieben konnte? Was mochte vorgefallen sein?
Freundlich, aber mit großer Entschiedenheit erklärte Reicher, daß sein Entschluß unwiderruflich feststehe; er könne nicht genau auseinandersetzen, warum seine Abreise so dringend nötig sei, denn es wäre kein Thema, das er auf einem Feste erörtern möchte. Die Freude und das Vergnügen dürfe dadurch in keiner Weise gestört werden. Alle schauten einander erstaunt an, wagten aber nicht weiter zu fragen; das Klügste, das fühlte jeder heraus, war, den Gegenstand fallen zu lassen. So taten denn alle ihr Bestes, die Störung vergessen zu machen, und bald ließ die Stimmung, was Fröhlichkeit und Ausgelassenheit betraf, nichts zu wünschen übrig.
Onkel Heinz jedoch konnte es noch immer nicht verwinden, und als das Fest in vollem Gange war, winkte er Irma, führte sie in ein abgelegenes Winkelchen und fragte ohne jede Einleitung ziemlich schroff:
„Nun sollst du mir mal ehrlich beichten, kleine Kröte, welchen Anteil du an Hans' plötzlicher Abreise hast?“
Irma war über diese Neuigkeit ebenso erstaunt gewesen wie die andern und hatte geglaubt, Hans würde zu ihr kommen und ihr sein bitteres Leid klagen, daß seine Pflicht ihn plötzlich abriefe. Nichts von alledem! Es schien, als vermeide der junge Mann, auch nur einen Augenblick mit ihr allein zu sein und vertraulich mit ihr zu reden.
Als sie wie alle andern ihrem Bedauern, daß er fort müsse, Ausdruck gab, hatte er sie einen Moment flüchtig angeschaut und dann lächelnd versichert, solches Interesse sei zu viel Ehre für ihn. Während des ganzen Abends fand sie bei ihm die kühle Höflichkeit und Gleichgültigkeit wieder, die er ihr auf Floras und Gustavs Hochzeitsfest erwiesen hatte, und nichts von der großen Liebe, den ehrerbietigen und doch so auffallenden Huldigungen der letzten Tage. Zuerst war Irma sehr erstaunt — Hans zeigte sich so heiter, so gut aufgelegt, so ruhig und absolut nicht reizbar oder erregt, daß sie diese plötzliche Umwandlung nicht begriff — dann wurde sie wütend. Was bildete er sich denn ein? Wagte auch er es, mit ihr zu spielen? Sie wollte ihn haben, um sich an Hochstein zu rächen; vereitelte er diesen Plan, so sollte er dafür büßen. Sie hätte vor Zorn weinen mögen und durfte sich doch nichts merken lassen, sondern mußte tun, als unterhielte sie sich herrlich. Sie hatte über den einfältigen Hans die Achseln gezuckt, der sich so rasch wieder einfangen ließ, der aufs neue ihr gehorsamer Sklave war, als sie ihn durch ihr gefallsüchtiges Betragen anlockte. Jetzt hätte sie ihn so gern ausgelacht, sich über ihn lustig gemacht, ihn zur Zielscheibe ihres Spottes gewählt, aber sie konnte nicht; es lag etwas in seiner Haltung, seinem Benehmen, was sie hinderte. Suchte sie ihn dennoch aufzuziehen, so ging niemand darauf ein — sie machte sich nur selbst lächerlich und hatte die größte Mühe, ihren Ärger zu unterdrücken.
Kein Wunder, daß sie nun auf Onkel Heinz' Frage auch heftig und böse antwortete:
„Ich habe nichts zu beichten. Ob Hans fortgeht oder bleibt, ist mir vollständig einerlei.“
„Ich glaubte doch ....“ nahm der Professor wieder das Wort, Irma aber, gereizt durch alle Vorfälle der letzten Zeit, fiel ihm mit der ganzen Frechheit eines verzogenen Kindes in die Rede:
„Du brauchst nichts zu glauben, Onkel Heinz. Zwischen dem Bauern und mir gibt's nichts. Ich will gar nichts mit ihm zu schaffen haben.“
Onkel Heinz wurde nicht böse.
„Dann ist's ja gut,“ sagte er ruhig, „denk' nur an das Märchen vom Schweinehirten, Kind.“
Tränen der Entrüstung und Wut in den Augen, wandte Irma sich ab. —
Das Fest war zu Ende, und die Wagen fuhren vor. Beim Abschiednehmen kam Flora von Holten auf den Einfall, daß es himmlisch sein müsse, nach Hause zu gehen. Es war Vollmond und die Luft so lind, daß es als wahre Erquickung erschien, nach der Hitze und dem Trubel des Festmahls eine Viertelstunde in der erfrischenden Nachtluft zu verbringen. Der Vorschlag der jungen Frau fand allgemeinen Beifall bei der Jugend. Der Weg führte durch den Park, der die Stadt mit dem Villenviertel, wo Onkel Heinz wohnte, verband, und bot daher für die Goldleder- und Lackschuhe der jungen Damen keine Schwierigkeit. Ilse und die älteren Herrschaften schüttelten über diesen tollen Einfall die Köpfe, aber unter lautem Jubel wurden sie in die Wagen befördert, und das junge Volk machte sich zu Fuß auf den Weg.
Ein schmucker Leutnant, ein Freund Ludwigs, wollte Irma gerade den Arm bieten, als Hans ihm zuvorkam mit den Worten:
„Ich darf Sie wohl nach Hause bringen, Irma.“
Der Ton seiner Stimme glich mehr einem Befehl als einer Bitte. Schon wollte Irma herausfordernd den Kopf in den Nacken werfen, und ohne etwas zu erwidern, den Arm des jungen Offiziers nehmen, als Hans sie ernst und streng anschaute. Ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, fühlte sie unwillkürlich seine Überlegenheit. Sie zürnte sich selbst, daß sie gehorchte, und nahm widerstrebend die Begleitung von Hans an.
Einige Minuten schritten sie schweigend neben einander her. Irma mit vor Erwartung und ein wenig auch vor Schuldbewußtsein klopfendem Herzen, denn sie fühlte heraus, daß nun die Erklärung für sein sonderbares Benehmen kommen werde; Hans mit dem Antrieb kämpfend, sie in seine Arme zu nehmen und ihr liebe zärtliche Worte ins Ohr zu flüstern. Denn sie sah im Mondenschein, mit einem seidenen Shawl um das goldgelockte Köpfchen, so entzückend aus, daß es ihm schwer wurde, ihr die harten, strengen Worte zu sagen, die er sich vorgenommen hatte. Doch der Gedanke, daß er, wenn er jetzt seinem Gefühl nachgäbe, sein ganzes künftiges Glück aufs Spiel setzen würde, stählte ihn. Er überwand alle Weichheit und begann:
„Irma, erinnern Sie sich noch, um was ich Sie bat, als ich das letzte Mal Abschied von Ihnen nahm?“
„Nein,“ versetzte sie, das Köpfchen abwendend.
„Ich sagte, ich wolle mich darein ergeben, daß Sie mich nicht zu lieben vermöchten, und bat Sie, eingedenk zu sein, daß Sie an mir einen treuen Freund hätten, der alles opfern würde, um Sie glücklich zu machen.“
„Und was soll das nun?“
„Ich habe Ihnen also meine Liebe nicht aufgedrängt und als einziges Recht von Ihnen gefordert, daß Sie mich als Freund betrachten.“
„Aber ich weiß nicht ....“ stammelte Irma, die nicht begriff, wohin er zielte und der gar nicht behaglich zu Mute war.
„Als ich jetzt wieder herkam, hatte ich nicht die geringste Hoffnung, daß Ihre Gefühle für mich eine Wandlung erfahren hätten. Meine Liebe zu Ihnen war unverändert geblieben, aber ich hatte gelernt, das Unvermeidliche mit Fassung zu tragen. Haben Sie nun wirklich angenommen, ich würde mich dazu gebrauchen lassen, der Welt zu zeigen, daß Sie um einen Mann nicht in Verlegenheit wären, nachdem der Baron von Hochstein Ihnen bewiesen hatte, daß er es mit Ihnen nicht ehrlich meinte?“
„Hans!“ rief Irma totenbleich und entrüstet. „Wie dürfen Sie sich herausnehmen, darauf anzuspielen? Wer hat Ihnen das erzählt?“
„Das gehört nicht zur Sache; hätte ich es jetzt nicht erfahren, so würde das später geschehen sein, und ich danke dem Himmel, daß ich noch zur rechten Zeit gewarnt wurde. Hören Sie, Irma. Sie haben mich schmachvoll behandelt, ich glaubte Ihnen, glaubte, daß Sie mich wirklich gern hätten, und Sie können es nicht begreifen, wie glücklich mich das machte. Jetzt weiß ich, daß Sie mich zum Narren hielten, daß Sie Komödie spielten und mit der großen, echten, ehrlichen Liebe eines Mannes Spott trieben. Wenn das alles ist, was Ihre eigene Liebe und die bittere Enttäuschung Sie gelehrt hat, dann kann ich nicht glauben, daß Sie sich je etwas aus diesem Hochstein gemacht haben.“
Irma schluchzte, und Hans bedurfte seiner ganzen Selbstbeherrschung, um gleich streng fortzufahren.
„Hätte ich Sie heute gebeten, meine Frau zu werden, so würden Sie ja gesagt und damit etwas Gemeines getan haben, denn es ist gemein von einem Mädchen, einen Mann zu heiraten, den es absolut nicht liebt, und nicht wahr, Sie lieben mich ganz und gar nicht?“
Er ergriff ihre Hand mit Gewalt und zwang sie, ihn anzusehen. Der Mond schien so hell, als ob es Tag wäre. Stolz aufgerichtet stand Hans da, nicht wie ein Bittender, nicht wie ihr Anbeter, sondern wie ihr Richter. Auf seinem klugen, energischen Antlitz, das sie stets für häßlich gehalten hatte, las sie plötzlich tiefen Ernst und männlichen Stolz. Was sie trotz aller Verliebtheit für Hochstein nie gefühlt hatte, Achtung vor seinem Charakter und die Erkenntnis seiner Überlegenheit, das empfand sie in diesem Augenblick für Hans. Sie schaute ihn unverwandt an, gab aber keine Antwort.
„Nicht wahr?“ wiederholte Reicher, „Sie machen sich nichts aus mir?“
Gewaltsam entriß sie sich dem Eindruck seiner Rede. Es ging doch nicht, einem Manne, der es wagte, ihr so den Text zu lesen, der so gegen sie auftrat, etwas anderes als nein zu sagen. Ihre Eitelkeit kam ihr zu Hilfe. Sie entzog ihm heftig ihre Hand.