Front matter (continued 2)
Anna Herbst translation
Ludwig und Agnes gingen voraus. Der Pfad durch den Wald war nicht sehr eben, hier und da sogar recht ungebahnt. Es dauerte denn auch nicht lange, so bot der junge Leutnant seiner Dame den Arm. An einer Stelle, wo große, knorrige Wurzeln und ein ganzer Baumstamm den Weg sperrten, legte er den Arm um die Taille des jungen Mädchens und half ihr über die Hindernisse hinweg. Irma folgte mit Hans, behielt aber Karl an ihrer Seite und nahm keine Notiz von ihrem Anbeter. Des Morgens im Wagen war sie ganz freundlich zu ihm gewesen, hatte ihn zwar geneckt, sich jedoch seine etwas ungeschickten, aber gut gemeinten Huldigungen gern gefallen lassen. Nun würdigte sie ihn kaum einer Antwort, beschäftigte sich nur mit Karl und sprang ausgelassen mit diesem über die Baumwurzeln. Hans seufzte. Vom ersten Augenblick an, als er in Irmas strahlende Augen geschaut, hatte das verwöhnte, von allen verhätschelte Kind sein Herz im Sturm erobert. Er kämpfte dagegen, sagte sich, daß es eine Torheit sei, sich so plötzlich zu verlieben, aber trotz seiner ernsten Natur konnte er nicht anders. Er fühlte, daß er Irma wahrhaft liebte und daß es keine Tändelei, sondern eine ernste, tiefe Zuneigung war, die unzerstörbar in seinem Herzen lebte. Daher tat es ihm weh, sie jetzt so launisch und flatterhaft zu sehen. Ein bitteres Gefühl bemächtigte sich seiner bei dem Gedanken an den glänzenden Studenten, der Irma erröten gemacht und den sie mit einem Blick angesehen hatte, wie ihn, Hans, noch keiner getroffen, auch wohl nie einer treffen würde. Trotz seiner Verliebtheit aber war er kein Narr; er bewahrte seine Würde und ließ Irma ganz unbehelligt.
Er wollte sich Flora und Gustav anschließen, die den Nachtrab bildeten. Doch auch ihnen schien seine Gesellschaft nicht erwünscht zu sein. Der sonst so verträumte Gustav warf ihm einen unzufriedenen Blick zu, und endlich bat ihn Flora, ob er nicht nach dem Wirtshause gehen und ihren vergessenen Spitzenshawl holen möchte. Sie fände es kalt und wolle ihn dort mit Gustav auf jener Bank erwarten. Gutmütig erfüllte Hans ihren Wunsch, aber als er mit dem Shawl zurückkam, fand er das junge Paar nicht mehr; er nahm auf dem aus unbehauenen Stämmen errichteten Sitze Platz und verlor sich in Betrachtungen über die Torheit verliebter Leute.
In der Zwischenzeit hatten die Übrigen die Ruine des ehemaligen Klosters erreicht und schweiften zwischen den Mauerresten, Treppen, Spitzbogen und Gewölben umher. Durch die Öffnungen und Spalten, durch die klaffenden Risse blickten überall der wolkenlos blaue Himmel und die dunklen Wälder herein. Die grauen, von der Zeit geschwärzten Mauern waren ganz mit Efeu, Schlingpflanzen und wilden Blumen bewachsen; hier und da erhoben sich zwischen den moosbedeckten Steinen einige kleine Fichten- und Tannenbäumchen. Im Grase verstreut lagen noch einzelne Grabsteine, deren Inschriften der Zahn der Zeit fast verwischt hatte; einige freilich waren noch lesbar und trugen die Namen längst verstorbener Mönche und Abte. Totenstille herrschte, und die ganze Umgebung atmete die Romantik des Verfalls und zeugte von vergangener Größe. Sogar Irma fühlte sich davon bewegt; ruhig setzte sie sich in die Nische eines verwitterten Bogenfensters und schaute träumerisch vor sich hin. Karl, zu lebhaft, um still zu sitzen, hatte ein paar Eichhörnchen entdeckt, deren lustige, flinke Sprünge ihn tiefer in den Wald lockten; die andern beiden Paare wählten sich auch ein ihnen zusagendes Ruheplätzchen, und so war Irma allein. Sie bot ein entzückendes Bild, von der Fensternische wie von einem breiten Rahmen umgeben. Sie nahm die Rosen aus ihrem Gürtel und atmete ihren süßen Duft ein, dann, einer plötzlichen Aufwallung nachgebend, drückte sie ihre Lippen auf die feinen Blättchen. In demselben Augenblick hörte sie einen raschen Schritt, fühlte sie, wie das Blut ihr in die Wangen schoß und Baron von Hochstein stand vor ihr.

Er tat, als habe er nichts gesehen, grüßte höchst ehrerbietig, schien erst vorüberschreiten zu wollen und blieb dann plötzlich stehen.
„Hat die romantische Schönheit dieses Ortes Sie auch verlockt, hier etwas zu ruhen, gnädiges Fräulein?“ fragte er.
„Ja, mein Herr,“ stammelte Irma verlegen; gleichzeitig erhob sie sich, um weiter zu gehen.
„Ich bitte Sie,“ rief er erschrocken, „lassen Sie sich durch mich doch nicht stören. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich die Ursache wäre, daß Sie dies herrliche Fleckchen Erde verließen. Soll ich gehen?“
Sie überwand ihre Schüchternheit und sah ihn an. Auf seinem Antlitz las sie eine so unverhohlene Bewunderung, daß ihr der Mut wuchs.
„Dies Reich gehört mir nicht,“ entgegnete sie lächelnd, „folglich habe ich nichts zu befehlen.“
„Dann darf ich also einen Moment verweilen? Kommen Sie oft hierher?“
„Nein, im vorigen Jahr machten wir zuletzt die Fahrt. Es ist von F. immer eine ganze Reise nach hier.“
„Sie wohnen in F.?“
„Ja, bei meiner Großmutter.“
„Welch ein Glück!“
„Warum?“
„Weil F. kaum zwanzig Minuten mit der Eisenbahn von unserer Universität I. entfernt ist.“
Wieder wurde Irma rot. „Es wird Zeit, daß ich meine Gesellschaft aufsuche,“ sagte sie, sich erhebend, „Karl, wo bist du?“ rief sie laut.
„La, la, la, la,“ ließ sich die lachende Jungenstimme aus der Ferne vernehmen. Mit einer Verbeugung verabschiedete sie sich und schritt dem Knaben entgegen, bevor er merkte, daß sie nicht allein gewesen war.
Ludwig und Agnes ließen nicht lange auf sich warten. Als letztere Irma sah, flog sie ihr ausgelassen entgegen.
„Wo hast du gesessen?“ fragte sie. „Wir haben dich überall gesucht.“
„Wer's glaubt!“ lautete die scherzende Antwort. „Ihr überlaßt mich ruhig meinem Schicksal.“
„Ich glaubte, Hans sei bei Ihnen,“ entschuldigte sich Ludwig.
„Hans!“ Irma lachte laut auf. „Nein, der hat mich auch im Stich gelassen.“
„Sicher nicht freiwillig,“ meinte Agnes. „Armer Hans.“ Sie schob ihren Arm durch den ihrer Cousine und flüsterte:
„Liebling, ich bin so unendlich glücklich.“
Irma wußte selbst nicht, warum ihr eignes Herzchen so heftig klopfte, warum ihr so leicht, so selig zu Mute war. Doch nur um Agnes willen, dachte sie.
„Hat .... hat Ludwig sich erklärt?“ fragte sie leise.
„O Irma, ich glaube wirklich, er liebt mich,“ versetzte Agnes, und ihr heiteres Gesichtchen war eitel Sonnenschein.
Zu weiteren vertraulichen Mitteilungen blieb keine Zeit, denn Gustav und Flora tauchten eben auf. Der jugendliche Künstler sah sehr ernst aus; er ging Hand in Hand mit Flora und schien es nicht zu bemerken, daß die andern sich vielsagend anschauten.
Gemeinsam kehrten sie nach dem Wirtshause zurück. Im Stillen wunderte sich Irma, daß Agnes so heiter war und tat, als sei nichts vorgefallen. Und doch war ihr etwas ganz Besonderes widerfahren. Ludwig hatte ihr seine Liebe erklärt. Irma blickte den Leutnant von der Seite an. Wie hatte sie ihn nur jemals hübsch finden können! Nein, er war gar nicht hübsch, wenn sie ihn mit dem Baron von Hochstein verglich.
Im Garten fanden sie die ganze Gesellschaft beisammen. Onkel Heinz und Hans waren an einem abgesonderten Tisch mit der Bereitung einer Riesenbowle beschäftigt. Verschiedene Flaschen Rheinwein, ein paar Flaschen Champagner, Teller mit Erdbeeren, Pfirsichen und andern Früchten, standen vor ihnen. Die Damen umringten den Professor und wollten ihm einige Anweisungen geben, er aber erklärte, er sei stets wegen seiner Bowlen berühmt gewesen und könne ohne Hilfe fertig werden. Trinken dürften sie davon, um die Zubereitung brauchten sie sich aber nicht zu kümmern. Tante Elisabeth sagte mit saurer Miene, daß sie es ganz unpassend fände, wenn junge Leute so viel tränken, worauf ihr Bruder Fritz lachend erwiderte, sie habe ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht, wenn sie annähme, daß sie allein etwas davon bekäme.
Am andern Ende des Gartens saßen die Studenten. Irma konnte nicht anders; sie mußte dann und wann verstohlen hinsehen, und ihr Herz begann ungestümer zu schlagen, als sie Hochstein aufstehen und von einigen seiner Kommilitonen gefolgt auf sie zutreten sah.
Er näherte sich Frau Gontrau, verbeugte sich ehrfurchtsvoll und begann:
„Haben Sie etwas dagegen, gnädige Frau, wenn wir die jungen Damen und Herren Ihrer Gesellschaft einladen, an einem improvisierten Balle teilzunehmen?“
Aus dem Speisesaal des Hauses erklangen heitere Tanzweisen, und beim Schein der mittlerweile angezündeten Lampen drehten sich verschiedene Paare fröhlich im Kreise.
„Habt ihr Lust, Kinder?“ fragte Ilse freundlich.
„Ach ja, Großmama!“ rief daß junge Volk entzückt. Selbst Floras Augen glänzten, aber sie schlug sie nieder und fragte Gustav sittsam, ob er gern tanze.
Nachdem die gegenseitigen Vorstellungen stattgefunden, bot Baron Hochstein Irma den Arm, und die junge, fröhliche Schar wollte sich entfernen, als der Professor rief:
„Das ist alles gut und schön, aber nach dem Tanze kommen Sie her, meiner Bowle Ehre zu erweisen, ich lade die Herren Studenten zu einem altmodischen Rundgesang ein, an dem wir alle teilnehmen wollen.“
Ein ohrzerreißendes „Vivat“, dann stürmten die jungen Leute in den Saal.
Fritz Müller, der mit seiner Frau dem Tanz zusehen wollte, blieb vor Tante Elisabeth stehen und sagte, ihr lachend den Arm bietend:
„Komm, Schwesterlein mein, wollen wir mal probieren, ob wir das Walzen noch nicht verlernt haben?“
„Du tätest besser, dich nicht so verdreht anzustellen,“ versetzte die alte Jungfer giftig. „Sieh lieber, was deine Töchter treiben; ich für mein Teil finde es mehr als unpassend, die jungen Mädchen mit unbekannten Studenten tanzen zu lassen und noch dazu Maud, die Braut sein will.“
Fritz wurde dunkelrot; die sanfte Marianne schaute ihre Schwägerin vorwurfsvoll an, Großmutter Ilse aber kam beiden zuvor:
„Sie sollten sich schämen, Elisabeth,“ rief sie heftig. „Daß Sie selbst sich nicht amüsieren können und alles verurteilen, was einfache, schlichte Menschen nett finden und gern mögen, ist Ihre Sache, aber ich verbitte mir ernstlich, daß Sie gegen einen meiner Gäste gehässige Bemerkungen machen. Ich hab' es gut geheißen, daß die jungen Mädchen tanzen — nehmen Sie daran Anstoß, so behalten Sie Ihre Bedenken für sich, wir werden uns jedenfalls nicht daran kehren.“
Erschrocken schwieg Elisabeth. Sie fürchtete sich ein bißchen vor Frau Gontrau, die ihr noch immer am höflichsten und freundlichsten entgegenkam. Die Augen der alten Dame blitzten vor Zorn und für einen Moment lebte die alte, aufbrausende Ilse wieder auf.
„Ich darf doch wohl sagen, was ich für unpassend finde,“ stammelte Elisabeth, in ihrem Innern noch viel zu entrüstet, um nachzugeben.
„Nicht, wenn keiner danach fragt,“ entgegnete Ilse. „Sie haben schon mehr als zuviel Kritik geübt. Geh nur mit Marianne, Fritz. Ruth und Heinrich haben auch die Absicht, sich in den Saal zu begeben. Wer weiß, wenn die Bowle ganz fertig ist, kommen Onkel Heinz und ich vielleicht auch auf ein Weilchen und gucken zu. Was meinen Sie, Herr Professor?“
„Vortrefflich, Frau Ilse! Wenn mein dummes Bein mir nicht so aufspielte, würde ich Ihnen allen einen Hornpipe(1) vortanzen, daß Sie Ihr blaues Wunder erleben sollten.“
Heiter gingen die andern ins Haus. Ilse widmete ihre Aufmerksamkeit einen Augenblick der Bowle und schaute dann nach Fräulein Müller. Steif und kerzengerade saß diese auf ihrem Stuhl. Frau Gontrau, die ebenso rasch versöhnt war, wie sie heftig werden konnte, fürchtete, die alte Jungfer doch zu hart angefahren zu haben, und hatte schon wieder Mitleid mit dem einsamen Wesen, das so unglücklich in seiner Ecke saß, während alle andern sich gut unterhielten. Der Professor schüttelte den Kopf, als sie sich zu ihr wendete und freundlich sagte:
„Sie müssen nicht böse sein, Elisabeth, weil ich zornig war. Sie sind mein Gast, und es würde mir leid tun, wenn ich Sie gekränkt hätte.“
Fräulein Müllers Mienen wurden nicht sanfter, als sie in sauersüßem Tone erwiderte:
„Ach, Frau Gontrau, mir gegenüber brauchen Sie sich wirklich nicht zu entschuldigen. Auf mich kommt's nicht an. Jeder darf mich ungestraft beleidigen. Wenn die Mädchen mich auslachen und Karl frech zu mir ist und mich zum Gespött macht, haben alle ihre Freude dran. Um mich kümmert sich niemand, und Sie brauchen es auch nicht zu tun.“
Der Groll und der gekränkte Stolz, die aus diesen Worten sprachen, taten Ilse weh und sie näherte sich Elisabeth.
„Wollen Sie nicht ein wenig mit mir im Garten spazieren gehen?“ fragte sie. „Ich habe schon so lange gesessen. Der Professor ist noch mit seiner Bowle beschäftigt.“
Wider Willen geschmeichelt, daß Frau Gontrau sich so um sie bemühte, stand Fräulein Müller auf. Ilse nahm ihren Arm.
Der Abend war hereingebrochen. Die Kellner zündeten die Laternen im Garten an; überall leuchteten bunte Lampions zwischen dem Grün auf. Aus dem Tanzsaal erschallte Musik und heiteres Stimmengesumme. Mit Absicht schlug Frau Gontrau einen Seitenpfad ein und begann milde:
„Liebe Elisabeth, ich war eine Freundin Ihrer Mutter und habe Sie und Fritz von Geburt an gekannt. Da darf ich mir doch wohl herausnehmen, Ihnen einen Rat zu geben.“
Elisabeth warf den Kopf in den Nacken:
„Natürlich, Frau Gontrau.“
„Sie beklagen sich, daß die Menschen nicht lieb zu Ihnen sind; daß die jungen Mädchen Sie unfreundlich behandeln und gerne necken. Vielleicht haben Sie recht, aber denken Sie einmal nach, und sagen mir ehrlich und aufrichtig, ob Sie daran wirklich ganz unschuldig sind.“
„Ich weiß nicht, was Sie wollen,“ entgegnete Tante Müller steif. Ilse aber ließ sich nicht abschrecken.
„Wenn Sie sich bemühten, es den Leuten in Ihrem Hause etwas behaglicher zu machen,“ fuhr sie herzlich fort, „würden Sie selbst viel glücklicher sein. Was haben Sie von all den Zimmern, die niemals eines Menschen Fuß betritt, in denen nie ein Fenster geöffnet wird, aus Furcht vor Staub, wo stets alles gleich tadellos und dadurch so kalt und ungemütlich ist? Wenn es regnet und jemand kommt zu Ihnen, lautet Ihre erste Frage, ob er sich auch gut die Füße abgewischt hat, und ich glaube, Sie würden sich totunglücklich fühlen, wenn etwas Schmutz und Nässe die Fliesen Ihres Flurs befleckte. Das ermutigt die Leute nicht; sie fühlen, daß sie nicht willkommen sind und bleiben lieber fort.“
„Mich besucht doch niemand,“ versetzte Elisabeth, die ganz böse werden wollte, aber in Frau Gontraus warmem, teilnehmendem Ton lag etwas Besänftigendes. „Übrigens begreife ich eigentlich nicht, was Sie das angeht.“
„Machen Sie doch einmal den Versuch,“ fuhr Ilse, die letzten Worte nicht beachtend, fort. „Machen Sie Ihr Haus etwas heller und fröhlicher. Laden Sie das junge Volk einmal ein, bewirten Sie es einfach, aber gastlich und herzlich. Ärgern Sie sich nicht, wenn es lustig und ausgelassen zugeht, und vor allem, legen Sie nicht so großes Gewicht auf nichtige, kleinliche Dinge. Sorgen Sie, daß in Ihrem einsamen Herzen kein Platz für düstere Stimmung und Mißgunst bleibt. Ich halte viel von Ihnen, Elisabeth, habe Sie gern, und wenn Sie sich so benehmen, daß andere das auch tun, dann würden Sie viel glücklicher sein als bisher. Liebe ist das einzige, wahrhaft Nötige auf der Welt.“
„Sie haben gut reden,“ sagte die alte Jungfer, die sich am meisten über sich selbst wunderte, daß sie nicht böse wurde. „Sie sind ihr ganzes Leben lang von allen angebetet und verwöhnt worden, während ich ....“
„Ich weiß,“ fiel Großmutter Ilse ihr ins Wort, „Sie haben vieles entbehren müssen, aber das kann noch gut gemacht werden. Der Anfang ist freilich nicht leicht, doch glauben Sie mir, der einzige Weg, Liebe zu ernten, ist Liebe zu säen.“
„Ja, für unglückliche, zu kurz gekommene Wesen wie ich vielleicht, aber nicht für die Glücklichen, die vom Schicksal Bevorzugten.“
„Wenn andre wirklich bevorzugt sind, ist es weise, sich darüber nicht zu ärgern, sondern sich zu bemühen, durch eigene Verdienste das zu erwerben, was jenen mühelos in den Schoß fällt.“
„Frau Ilse, wo bleiben Sie?“ ließ sich plötzlich die Stimme des Professors vernehmen. „Meine Bowle ist fertig. Ich habe dem Kellner den Auftrag gegeben, alles in Ordnung zu bringen. Nun wollen wir einen Blick in den Tanzsaal werfen.“
„Gern, Onkel Heinz. Kommen Sie, Elisabeth.“
Fräulein Müller wußte nicht, ob sie ja oder nein sagen sollte, und Professor Fuchs machte ein verdutztes Gesicht, als Ilse seinen Arm nahm und ihm einen Wink gab, Elisabeth den andern zu bieten.
Er brummte etwas, aber ebenso wie Elisabeth konnte er doch nicht gut anders, als der Großmutter gehorchen. Fritz, Ruth und Marianne zeigten nicht wenig erstaunte Mienen, als sie die drei eintreten sahen. Fritz, der den boshaften Ausfall seiner Schwester noch nicht vergessen hatte, kam gerade mit spöttischem Gesicht auf sie zu, als Ilse ihm winkte, ihm etwas ins Ohr flüsterte, und schnell unterdrückte er eine unfreundliche Bemerkung.
Im Ballsaal herrschte die fröhlichste Stimmung, und über eine Stunde schauten die älteren Leute dem lustigen Treiben zu. Tante Elisabeth wollte etwas Gehässiges sagen, als ihr Bruder und seine Frau sich erst an einer Quadrille und dann an einer Polka, ja sogar an einem Walzer beteiligten, aber sie preßte die Lippen zusammen und schwieg. Sie äußerte auch keine Mißbilligung, als sie den ernsten Heinrich von Holten mit Ruth und dann auch mit Maud tanzen sah. Kerzengerade saß sie neben Ilse und bemühte sich redlich, sich über das Courmachen und das eitle Getue der jungen Mädchen zu ärgern.
„Wie sich Irma amüsiert,“ sagte Ilse froh zu Ruth, „und wie wunderbar lieblich sie aussieht.“
Ruth beugte sich zu ihrer Mutter und entgegnete leise:
„Ich finde, daß sie zu viel mit dem Baron tanzt, Mama. Das ist nun schon das viertemal, und sie ist so aufgeregt.“
„Ach was, das hat doch nichts zu sagen! Nach dem heutigen Abend sieht sie ihn vielleicht nie wieder. Überdies sind Ludwig und Agnes auch fast unzertrennlich.“
„Das ist etwas andres. Jetzt sehe ich sie überhaupt nicht mehr. Ob sie hinausgegangen sind?“
„Vielleicht für einen Moment. Es ist arg heiß im Saal. Das machen die vielen Menschen. Laß Irma nur nicht merken, daß du unruhig bist, Ruth; wirklich, das wäre nicht richtig. Da sind sie schon wieder.“
In der Tat kehrten Irma und ihr Kavalier in den Saal zurück. Der Ball näherte sich seinem Ende. In einer Ecke, hinter einer Gruppe hochstämmiger grüner Blattpflanzen und Rosen konnten sie ungestört plaudern.
„Dies ist der seligste Abend meines Lebens,“ begann Hochstein. „Es ist beinahe zu schön für einen gewöhnlichen Sterblichen: mir ist, als weilte ich unter den Göttern des Olymps.“
Irma lachte. „Wie mag Ihnen da wohl zu Mute sein?“
„Ich möchte die ganze Welt ans Herz drücken, mir ist, als ob das Leben all seine Schönheit und Herrlichkeit über mich ausschüttete, als ob alles, was ich je geträumt, Wirklichkeit würde, so daß ich mein Glück kaum fassen kann!“
Die Musik, die eine Pause gemacht, begann aufs neue. Irma stand auf.
„Das ist der letzte Walzer,“ erklärte sie, „den hab' ich versprochen.“
Schon legte der Baron ihren Arm in den seinen.
„Mir?“ bat er flehend.
„Nein, nein, Hans Reicher,“ stammelte sie.
Er fing an zu lachen.
„O, das ist wohl der Herr mit dem wütenden Gesicht, der uns, so oft wir vorbeitanzten, ansah, als wollte er uns fressen?“
Irma lächelte; sie konnte sich Hans schwer mit einem wütenden Gesicht vorstellen. Leise aber sagte sie:
„Ich hab's ihm versprochen.“
„Nun gut, er kann mich fordern, wenn er will. Ein Duell um Ihretwillen wird ihm wie mir etwas Göttliches sein!“
Irma schaute entsetzt auf. Hochsteins samtschwarze Augen strahlten, unwillkürlich senkte sie die ihren.
Da schlang er den Arm um sie; sie fühlte sich emporgehoben, ihr war, als schwebte sie. Schneller und immer schneller ward das Tempo. So hatte sie noch nie getanzt. Sie vergaß alles: Hans, der sie, die Lippen zusammengepreßt, mit einem tieftraurigen Ausdruck in seinen treuen Augen ansah; ihre Herzensangst, als der Baron vom Duellieren sprach — sie fühlte nur, wie schön das Leben war, entzückend. Mit geschlossenen Augen und halb geöffneten Lippen gab sie sich dem Zauber dieser Stunde hin und fühlte sich von seligem Traum umfangen.
„Irma, mein Kind, es ist genug, du machst dich zu müde.“
Es war die Stimme ihrer Mutter, die sie zur Besinnung brachte. Noch ganz schwindlig schaute sie sich um, während Hochstein sie zu einem Stuhl führte.
„Gnädige Frau, dies war der letzte Tanz. Die Musik geht schon fort.“
„Um so besser,“ versetzte Ruth, „komm Irma!“
„Auf Wiedersehen, meine Damen.“
Der Baron entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung.
„Es ist mir gar nicht lieb, daß Onkel Heinz die jungen Leute zur Bowle eingeladen hat,“ sagte Ruth.
„Weshalb, Mama?“
„Weil ich finde, daß du dich zu viel mit jenem jungen Manne unterhältst. Das fällt auf.“
„Aber Mama, wir haben ein paarmal zusammen getanzt. Was tut denn das?“
„Nichts, doch du hättest auch mit andern tanzen können, mit Hans zum Beispiel.“
Irma schwieg und schwebte auf den Professor zu, der mit einigen Studenten plauderte.
„Onkel, nun kommt deine Einladung an die Reihe.“
„Ja, kleiner Schelm,“ und er kniff ihr in die glühenden Wangen. „Heute ist unser Kind in seinem Element, was?“
Irma wurde rot, weil der alte Herr sie in Gegenwart der jungen Leute so behandelte, aber sie war doch zu glücklich, um etwas anderes zu tun, als lächelnd zu nicken.
Professor Fuchs zog ihren Arm in den seinen.
„Darf ich die Damen und Herren bitten!“ rief er und eröffnete den Zug; paarweise folgten die übrigen. Die Kellner hatten im Garten eine lange Tafel hergerichtet. Auf der blau und rot karrierten Tischdecke prangte die Riesenbowle, umgeben von den goldschimmernden Gläsern, rechts und links flankiert von zwei großen Blumensträußen.
Wie es zuging, wußte sie selbst nicht, aber wieder fand Irma ihren Platz neben Hochstein. Bald schallte fröhlicher Gesang und Gelächter durch den Garten. Unter ohrbetäubendem Jubel stimmte Professor Fuchs das alte Studentenlied an:
Hochgesang und Rebensaft Lieben wir ja alle! Darum trinken wir mit Kraft Schäumende Pokale!
Und da Ilse neben ihm saß, stieß er mit ihr an und fragte:
„Schwester, Dein Geliebter heißt?“ worauf sie lachend versetzte: „Heinrich“ und alle im Chor:
Heinrich, er soll leben! Soll leben, soll leben! Heinrich, er soll leben! Er lebe hoch!!
Das „Hoch“ wurde lange ausgehalten, und nun ging's weiter die ganze Tafelrunde durch, unter Necken und Scherzen. Die jungen Leute trieben es fast zu toll. Ludwig und Agnes flüsterten miteinander, und dann nannten beide einen fremden Namen, den niemand je gehört. Gustav und Flora gaben sich einfacher, aber das junge Mädchen wurde verlegen und stammelte so schüchtern: „Gustav,“ daß sie den Namen noch zweimal wiederholen mußte. Die größte Heiterkeit erregte Tante Elisabeth, die erst erklärte, sich mit solchen Narrenspossen nicht abzugeben und auf dem Punkt stand böse zu werden, als ihr Bruder Fritz ausrief:
„Unsinn, Elisabeth, in deinem zehnten Jahr warst du sterblich verliebt in den Küster unserer Kirche; er schielte und hieß Georg.“
Alle jubelten und lachten. „Georg, er soll leben!“ schallte es hell durch die Abendluft. Vielleicht war es der Einfluß der Bowle, aber so viel steht fest, daß die alte Jungfer ihren Ärger vergaß und mitlachte.
Baron von Hochstein sah Irma tief in die Augen und rief dann: „Maria!“
Einen Augenblick vorher hatte er sie gefragt, wie sie hieße, und sie hatte geantwortet:
„Irma Maria.“
Während des nun folgenden Gesangs löste er, ohne daß es in der dämmerigen Beleuchtung außer ihr jemand bemerkt hätte, gewandt eine der hellblauen Schleifen, mit denen ihr Kleid verziert war, drückte einen Kuß darauf und ließ sie in der Tasche verschwinden.
„Das ist nicht erlaubt,“ flüsterte sie; aber sie fühlte mehr als sie sah, wie flehend er sie anschaute, und schwieg.
Endlich mußte doch an die Rückfahrt gedacht werden. Es war höchste Zeit. Als die älteren Damen hörten, wie spät es schon war, erschraken sie. Der Befehl zum Anspannen wurde gegeben. Das ganz aus Rand und Band geratene junge Volk schlug vor, wieder den Weg zu Fuß über den Wasserfall zu machen und erst an den Stallungen einzusteigen; das würde eine entzückende Mondscheinpromenade sein.
Verschiedene Ausrufe wie: „Ach ja! Das wollen wir! Himmlisch! Bitte, Großmama!“ ließen sich hören; Fritz aber erklärte kurz und bündig:
„Daraus wird nichts; wir fahren den andern Weg, der ist um eine gute Stunde kürzer!“
Hochstein half Irma in den Wagen und flüsterte ihr zu, wie scheußlich er es fände, daß er und seine Freunde nicht mitfahren könnten.
„Adieu, adieu! Herzlichen Dank, Herr Professor!“ klang es von allen Seiten, dann setzten die Fuhrwerke sich in Bewegung. Das letzte, was Irma zu unterscheiden vermochte, war die schlanke Gestalt ihres Anbeters, der sein Cerevis schwenkte und sie, sie allein, grüßte.
Der Wagen bog um die Ecke, und plötzlich schien es ihr, als sei alles dunkel und trübe geworden. Jetzt bemerkte sie erst, daß sie neben Hans Reicher saß. Sie fühlte sich so glücklich, daß es ihr leid tat, den armen Jungen unfreundlich behandelt zu haben.
„Sind Sie mir böse?“ fragte sie sanft.
„Weshalb?“
„Weil, nun weil ich den letzten Walzer nicht mit Ihnen tanzte, wie ich versprochen hatte.“
Er tat, als müsse er sich erst besinnen. „Ach ja, richtig, den letzten Walzer? Nein, durchaus nicht. Ich war froh über Ihr Vergessen, weil ich eine andere junge Dame engagiert hatte.“
Hans log. Er war still hinausgegangen, um seine Enttäuschung und seinen Ärger niederzukämpfen, doch sein Stolz verbot ihm, Irma zu zeigen, wie tief sie ihn verletzt hatte.
Im vordersten Wagen schlief Tante Elisabeth und ärgerte den Professor, weil sie schnarchte; schnarchende Frauen konnte er nicht ausstehen. Großmutter Ilse war müde und lehnte sich schweigend, mit geschlossenen Augen, zurück. Ruth und Marianne unterhielten sich leise und schauten dazwischen nach Flora und Gustav, die auf der vordersten Bank Hand in Hand saßen, aber kein Wort sprachen. Onkel Heinz blickte auf die prachtvolle, mondbeglänzte Landschaft und verkürzte sich die Zeit mit Rauchen. Im zweiten Wagen saß Maud neben ihrem Vater. Ludwig und Agnes waren so in ihr Geflüster vertieft, daß sie nicht einmal hörten, wenn jemand sie anredete. Irma drehte Hans den Rücken. Was bildete der Bauer sich ein? Sie wollte ihm freundlich entgegenkommen, und er wagte es, ihr solche Antwort zu geben! Ihr eitles Herzchen schwoll vor Entrüstung. Nun wollte sie sich nie mehr um ihn kümmern; sie hatte an Angenehmeres zu denken.

Onkel Heinz war schlecht gelaunt. Mit grimmigem Gesicht ging er umher und erklärte, sich in den nächsten Tagen weder bei Müllers, noch bei Ilse Gontrau blicken zu lassen. Das ewige Einerlei und die endlosen Beratungen fingen an ihn zu langweilen. Immer bekam er dasselbe zu hören, von Verliebtsein, Verlobungen und Ratschlägen der Eltern. Es herrschte allseitig große Rührung, und der Professor, der bei seinen vielen guten Eigenschaften doch nicht frei von Egoismus war, konnte es nicht leiden, daß die Jugend jetzt ganz in den Vordergrund trat und ihm und seinen Interessen weniger Beachtung geschenkt wurde.
Am Morgen nach der Landpartie war Ludwig Reicher zu Fritz Müller und seiner Frau gekommen, hatte ihnen gesagt, daß er ihre Tochter Agnes unaussprechlich liebe und um ihre Hand bitte.
Sehr erstaunt waren die Eltern nicht, denn sie hatten es kommen sehen. Agnes wurde hereingerufen und die Sache ruhig und praktisch besprochen. Ohne Tränen oder Sentimentalität erklärte das junge Mädchen, daß es Ludwig liebe; sie wären freilich beide noch ein bißchen jung, aber in dieser Hinsicht glaubten sie doch alt genug zu sein, um zu wissen, was sie wollten. Bevor Ludwigs Mutter ihre Einwilligung gegeben, könne natürlich von einer öffentlichen Verlobung keine Rede sein. Fritz Müller betonte, daß seine Tochter kein Vermögen habe, wenigstens nicht, solange ihre Eltern lebten. Er sei der Ansicht, daß ein junger Mann, wenn er sich um ein Mädchen bewerbe, unabhängig sein müsse und für seine Familie sorgen könne. Ludwig teilte diese Ansicht, aber da er in einigen Monaten mündig wurde und dann sein väterliches Erbteil zu freier Verfügung bekam, bildete der Geldpunkt in seinen Augen kein Hindernis. Trotzdem machte Vater Müller, der jeden Pfennig, den er besaß, durch die Arbeit seines Kopfes und seiner Hände erworben hatte, noch immer ein bedenkliches Gesicht. Ein Erbteil, na ja, das war schon gut, aber ein Mann mußte von dem leben können, was er selbst verdiente. Auf die eigne Kraft könne man vertrauen; ein Vermögen, das in Gütern und Papieren bestände, sei nie sicher. Ludwig äußerte etwas von amerikanischer Auffassung, Agnes aber fand, daß ihr Papa recht habe. Sie könnten noch ein wenig Geduld haben, in zwei Jahren wurde der junge Offizier Oberleutnant, so lange wollten sie mit der Hochzeit warten. Nach dieser Entscheidung des Familienrates verließen Agnes und Ludwig mit strahlenden Mienen das Zimmer der Eltern, um die Glückwünsche von Maud, Hans und Karl in Empfang zu nehmen.
Aber als Fritz und Marianne zu ihrer Mutter gingen, um ihr als erster diese wichtige Neuigkeit mitzuteilen, waren sie nicht wenig erstaunt, dort die Familie in ähnlichen Beratungen anzutreffen.
Gustav war noch nie verliebt gewesen, sondern stets allen Mädchen aus dem Wege gegangen, und oft hatte Irma ihn mit seiner Schüchternheit geneckt. In Floras Gegenwart hatte er sich sofort frei und unbefangen gefühlt. Das war eine Frau, wie er sie sich erträumte, sanft, still und fügsam, voll Bewunderung für ihn und die Seinen. Auch Ruth und Heinrich von Holten fühlten sich zu dem bescheidenen Mädchen hingezogen, wenn erstere für ihren Sohn auch eine glänzendere Partie gewünscht hätte. Solche Bedenken, wie Fritz Müller geäußert, wurden daher hier nicht erhoben. Das Künstlerpaar lachte darüber; es würde schon alles recht werden, um Geldangelegenheiten machten sie sich keine Sorge. Wenn die jungen Leute sich liebten, so war das die Hauptsache. Frau Reicher mußte natürlich in Kenntnis gesetzt werden, dann war alles in Ordnung. Sie schrieb denn auch, daß sie mit ihrer Mutter, Frau Flora Werner, kommen wolle, um die Bekanntschaft der Familie zu machen, und es wurde beschlossen, daß Holtens ihre Abreise aus diesem Grunde noch um einige Tage verschieben sollten.
„Sei nicht so brummig, Onkel Heinz,“ sagte Irma, sich unter dem großen Lindenbaum im Garten neben ihm niederlassend, „es ist wirklich kein Grund dazu vorhanden.“
„Kein Grund! Die Leute hier sind alle mit einander verrückt. Verliebte sind nie recht bei Trost, das ist nun mal so. Ich hatte Agnes für verständiger gehalten und auf ihre amerikanische Nüchternheit gerechnet, aber sie ist genau so wie alle andern.“
Irma schaute den alten Herrn spottend an, er aber fuhr, dadurch in Harnisch gebracht, fort:
„Du brauchst nicht zu lachen. Da hast Du nun Gustav und Flora! Die tun nichts als sich anschauen, so schmachtend und sentimental, daß einem gewöhnlichen Menschen davon übel werden kann. Das Ärgerlichste aber ist, daß die Eltern, dein Onkel und deine Tante, ja deine Großmutter dem noch Vorschub leisten. Sie reden über nichts als über die Kinder, ihr Glück, ihre schöne junge Liebe, die ihnen ihre eigene Jugend wieder in Erinnerung bringe. Bah, nichts als Unsinn, Gefühlsduselei, Überspanntheit.“
„Pfui, Onkel Heinz, du solltest dich schämen!“
„Du solltest dich schämen, kleine, freche Hexe. Willst du etwa diesem schönen Beispiel folgen? Vielleicht gar mit Hans? Na ja, warum auch nicht, dann ist das Spiel komplett.“
„Hans,“ rief Irma, verächtlich die Achseln zuckend.
„Na,“ fuhr der Professor fort, plötzlich wieder ins andere Extrem umschlagend, „er wäre der Schlechteste nicht; in jedem Fall viel besser als der Gigerl von Offizier. Du brauchst seinetwegen nicht so die Nase zu rümpfen. Glaubst du denn, daß noch ein Prinz für dich kommen wird?“
Der alte Herr schaute sie unter seinen buschigen Augenbrauen durchdringend an, und Irma errötete unter diesem scharfen Blick.
„Wie kommst du mir heut nur vor, Onkel Heinz?“ fragte sie. „Erst bist du bös, weil die Andern sich verliebt haben und sich verloben, und nun ich sage, daß ich an so etwas nicht denke, ist's auch nicht recht.“
„Bös, das ist nicht wahr. Es bringt mich nur um meine Laune, weil sie sich so verdreht anstellen und weil ich von nichts anderem mehr höre; aber sie haben recht, wenn sie heiraten. Menschen, die unverheiratet bleiben, na — du siehst ja, was daraus entsteht. Ein alter, brummiger Neidhammel wie ich, oder so ein Exemplar wie Tante Elisabeth. Darum, kleines Jungfräulein, wenn ein braver, ehrlicher Mann dir zeigt, daß er dich lieb hat, denk lieber zweimal nach, bevor du ihm 'nen Korb gibst, um irgend einem goldbeschwingten Schmetterling nachzujagen, den du doch nicht fängst.“
Bei diesen Worten stand Professor Fuchs auf und humpelte davon. Er hatte zur Zeit viel von der Gicht zu leiden und stampfte nun ungewöhnlich laut mit seinem Stock auf.
Glühend vor Entrüstung sah Irma ihm nach. Zum erstenmal in ihrem Leben war sie ernstlich böse auf Onkel Heinz. Was bedeutete das? Um was kümmerte er sich? Was mochte er beobachtet haben? Sie begriff nur zu gut, daß er auf Baron von Hochstein anspielte. Was ging ihn das an? Sie hätte nie gedacht, daß er, Onkel Heinz, solche Dinge überhaupt bemerke! Er brauchte sie wahrlich nicht zu warnen, sie sollte ihre Erwartungen nicht zu hoch spannen. O, wenn er wüßte!
Irma schaute sich im Garten um, ob auch niemand in der Nähe sei; nein, das Terrain war sicher. Nun zog sie aus ihrem Kleide ein zierliches Briefchen hervor und las es, wohl schon zum hundertstenmale. Sie wußte es Wort für Wort auswendig, aber es war ihr ein Genuß, sich immer wieder von seinem Inhalt zu überzeugen.
Mein gnädiges Fräulein!
Vor zwei Tagen kannte ich Sie noch nicht; ahnte ich nicht, daß es etwas so unbeschreiblich Schönes auf der Welt gäbe. Erst seit zwei Tagen lebe ich, fühle ich wenigstens, daß das Leben wert ist, gelebt zu werden. Irma, ich liebe Sie und ich muß Ihnen das sagen, auf die Gefahr hin, daß Sie mich für meine Kühnheit strafen. Denn es ist ein Vorzug, etwas so Vollkommenes, so wunderbar Schönes anzubeten. Haben Sie ein wenig Mitleid mit mir? Ich bitte nicht um Erwiderung meiner Gefühle. Das wäre zu anmaßend. Möchte die Darbietung meiner erfurchtsvollen, meiner unermeßlichen, meiner ewigen Liebe Ihnen nur nicht zuwider sein. Das ist alles, um was ich Sie anzuflehen wage. Dienstag Nachmittag zwischen vier und fünf Uhr werde ich an Ihrem Hause vorübergehen. Wenn ich Sie dann an einem der Fenster oder im Garten sehe und Sie tragen eine rote Rose im Gürtel, machen Sie mich zum glücklichsten der Sterblichen, wenn nicht — ich wage es nicht auszusprechen, welcher Verzweiflung ich dann anheimfallen würde.
Ich ersuche Sie um strengste Geheimhaltung; mir ist, als würde meine Liebe entweiht, wenn jemand auch nur eine Ahnung davon hätte.
Ihr ewig getreuer Otto von Hochstein.
Arme kleine Irma, sie verstand nicht das Geschraubte und zugleich Triviale dieses Briefes. Sie war buchstäblich begeistert, und ihr eitles Herzchen klopfte vor freudigem Stolz.
„Irma, Baronin von Hochstein,“ sprach sie immer wieder leise vor sich hin. Natürlich fiel es ihr gar nicht ein, jemand Mitteilung von ihrem köstlichen Geheimnis zu machen, aber es kostete sie doch einen Kampf, Agnes gegenüber ganz zu schweigen. Das Mädchen war strahlend glücklich und sprach mit wahrer Begeisterung von Ludwig. Irma schaute sie fast mitleidig an; was war der junge Leutnant im Vergleich zu Otto? Es schien ihr, als ob die Beiden gar nicht in einem Atemzug genannt werden könnten; Agnes war zudem so von ihrem Verlobten erfüllt, daß sie keine Augen für Irma hatte und gewiß nicht mit dem richtigen Interesse ihrer wichtigen Mitteilung Gehör schenken würde.
Und so verhielt es sich mit allen. Die zwei großen Ereignisse im Familienkreise nahmen die Gedanken so in Anspruch, daß keiner auf Irma acht gab. Selbst Großmutter Ilse und Ruth, die sich sonst so viel mit ihrem Liebling beschäftigten, sahen nicht, wie erregt und geheimnisvoll sich das junge Mädchen benahm, wie sie ohne jede Veranlassung die Farbe wechselte, die Einsamkeit suchte und oft ganz gegen ihre Gewohnheit in sich versunken, dann wieder ausgelassen lustig sein konnte. Sie widmete ihrem Äußern noch mehr Sorgfalt als früher. Ihre Züge zeigten einen Ausdruck, der sie vielleicht noch schöner machte, aber doch von der kindlichen Unschuld, mit der sie früher die Vergißmeinnichtaugen aufschlug, himmelweit verschieden war.
Onkel Heinz, der vielmehr beobachtete, als man vermutete, und der das Kind aufs zärtlichste liebte, kam zu der Ansicht, daß etwas im Werk sei, und machte sich seine Gedanken darüber. Da er aber nichts Gewisses wußte, hütete er sich wohl, seine Nase in Dinge zu stecken, die einen alten Junggesellen nichts angingen. Er begnügte sich, der Kleinen anzudeuten, daß er ein wachsames Auge auf sie habe.
Der zweite, der etwas merkte, aber nichts sagen durfte, war Hans Reicher. Seit der schöne Student mit den bestechenden Manieren auf der Bildfläche erschienen war und Irmas liebliches aber eitles Köpfchen mit seinen Schmeicheleien erfüllte, wußte Hans, daß er nichts mehr zu hoffen hatte. Obgleich ihm das bitter wehtat, würde er sich doch darein ergeben haben, weil seine Liebe großmütig und frei von Selbstsucht war. Irmas Glück stellte er weit über das seine, und er fürchtete, daß der Baron von Hochstein nicht die Persönlichkeit sei, der ein junges Mädchen vertrauensvoll seine Liebe schenken könne. Sein Auftreten war zu übermütig, zu dreist. Etwas Bestimmtes wußte Hans jedoch nicht, auch hatte er kein Recht, sich nach Hochstein zu erkundigen; so blieb ihm denn nichts anderes übrig, als mit Angst und Trauer im Herzen abzuwarten, was aus der Sache werden würde.
Flora Werner und ihre Tochter, Thusnelda Reicher, trafen ein, und nun wurde die Doppelverlobung durch ein großes Familienfest gefeiert.
Flora war eine alte Frau geworden, aber ihr fehlte die vornehme Würde, die Ilse auszeichnete. Selbst jetzt hatte sie ihrer Sucht sich zu putzen nicht widerstehen können. Sie trug sich jugendlicher und auffallender als ihre Tochter und sah mit ihrem nach der neuesten Mode frisierten Haar geradezu lächerlich aus. Heinrich von Holten und Fritz Müller nannten sie eine alte Kokette und verspürten Lust, sie ein bißchen zum Narren zu haben, aber sie überlegten, daß dies nicht angebracht sei bei der Jugendfreundin ihrer Schwiegermutter und der künftigen Mutter ihrer eigenen Kinder. Frau Reicher, früher ein leicht errötendes, aber kerngesundes, kräftiges junges Mädchen war nun ein kleines, rundliches Frauchen, sehr verlegen, besonders in Ruths Gesellschaft, deren fürstliche Grazie ihr riesig imponierte. Sie war ganz glücklich über die Wahl ihrer Kinder und gleich vertraut mit Agnes; zu Gustav aber wagte sie kaum ein Wort zu reden. Die alte Flora fühlte sich im siebenten Himmel. Die Verlobung ihres Großsohnes mit Agnes ließ sie ziemlich gleichgültig; sie fand sie ganz passend, aber es war nichts außergewöhnliches dabei; daß aber ihre Enkelin einen Künstler heiraten sollte, den Sohn des berühmten Ehepaares von Holten, darüber war sie ganz aus dem Häuschen.
„Siehst du, liebste Ilse,“ sagte sie zu ihrer alten Freundin, „das versöhnt mich mit dem Leben. Du weißt, welch dichterisches Talent ich besaß; wie ich sozusagen zu großen und schönen Dingen vorherbestimmt war und wie meine Seele durch die Prosa meines Lebens gelitten hat. Ich habe mich gefügt; als ich meine Schwingen nicht so entfalten durfte, wie ich ersehnte, habe ich sie kampfesmüde eingezogen. Meinem guten, prosaischen Manne war ich eine treue Gefährtin. Ich erfüllte meine Pflicht, und nun werde ich belohnt. Mein Liebling, das Kind, das meinen Namen trägt, in dessen jugendlicher Seele meine Dichternatur wieder aufblüht, wird sich mit einem Künstler verbinden, einem nach hohen Idealen strebenden, schöpferischen Genie. Nun kann ich ruhig sterben — ich habe nicht umsonst gelebt!“
Ilse hielt es nicht für nötig, auf diesen Wortschwall viel zu erwidern noch Flora daran zu erinnern, daß Gustav bis jetzt noch kein schöpferisches Genie genannt werden konnte. Sie lachte nur bei dem Gedanken, wie wenig ihre alte Pensionsfreundin sich im Grunde doch verändert hatte, trotzdem das grausame Leben sie gezwungen hatte, auf alle Dummheiten zu verzichten und einfach mit der Wirklichkeit zu rechnen. Letzteres hatte sie aber auch so gut getan, daß man ihre übertriebenen Ausdrücke und poetischen Sentimentalitäten ihr verzeihen konnte.
Thusnelda klagte Ilse, daß die kleine Flora noch so viel zu lernen habe, da sei es gut, wenn die jungen Leute noch nicht gleich heirateten, denn die Kleine sei, besonders in allem, was den Haushalt beträfe, noch sehr unwissend. Aber Ilse, die selbst nie mit besonderer Lust und Liebe gewirtschaftet hatte, fand diese Sorge unwichtig.
„Die Führung des Haushaltes lernt sich von selbst,“ sagte sie, „und wozu sind denn die Dienstboten da?“
Bescheiden schwieg Thusnelda. Sie wagte nicht, Frau Gontrau zu widersprechen, aber in ihrem Herzen dachte sie, daß Ilse neben einer gut gefüllten Börse immer Glück mit ihren Dienstboten gehabt haben müsse, — dann konnte sie wohl so reden.
Die Familie Reicher und Flora Werner reisten zuerst ab. Agnes und Ludwig benahmen sich tadellos bei der Trennung. Der Ort, wo der junge Leutnant in Garnison stand, war nicht weit von F. entfernt, so daß er sicher jeden Monat einmal herüberkommen konnte. Die kleine Flora dagegen zerfloß in Tränen, so daß Onkel Heinz ihr spottend vorschlug, sich bei der städtischen Wasserversorgung anstellen zu lassen. Hundertmal fragte sie Gustav, ob er sie auch nicht vergessen werde; und als sie sich endlich aus seinen Armen lösen mußte und die Coupétüre geschlossen wurde, fiel sie schluchzend Großmutter Werner um den Hals. Diese allein verstand sie und bemühte sich, sie mit leise gemurmelten Worten zu trösten. Der einzige, der sich freute, wieder an seine Arbeit gehen zu können, war Hans. Er besaß keine sentimentale Natur, und wenn er auch wußte, daß es ihm nie gelingen würde, Irma zu vergessen, da er doch nun einmal nicht anders konnte, als das kleine, kokette Ding lieben, so war es doch nicht seine Sache, sich feige und weich seinem Kummer hinzugeben. Er sehnte sich nach dem einzigen Mittel, seine Enttäuschung zu überwinden, nach ernster, rastloser Arbeit.
Mit heitern Mienen hatte er von allen Abschied genommen. Als die Reihe an Irma kam, drückte er ihr Händchen so kräftig in seiner großen Faust, daß er ihr weh tat, und sagte mit eigentümlich bebender Stimme:
„Sie wissen, Irma, was ich gehofft habe. Es hat nicht sollen sein, und ich muß trachten, mich darein zu ergeben. Aber um eins will ich Sie bitten. Denken Sie ab und zu daran, daß Ihnen ein treuer Freund lebt, der alles opfern würde, um Sie glücklich zu machen.“
Sie waren einen Augenblick allein. Schnell, bevor sie es hindern konnte, legte er den Arm um sie und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Dann ließ er sie los und begab sich zu den andern. Irma wollte entrüstet auffahren, vermochte es aber nicht; zu ihrem großen Ärger fühlte sie ein Weh in ihrem Herzen, und das unbestimmte Gefühl, als habe sie etwas sehr Kostbares verspielt, bemächtigte sich ihrer. Freilich nur einen Augenblick, dann tastete sie mit der Hand in ihr Kleid, wo zwischen weichen Spitzen ein rosa Briefchen verborgen lag, und mit stolz erhobenem Haupte und leuchtenden Augen schaute sie Hans nach.
Am nächsten Tage reisten auch Holtens ab, und nun fing für Ilse und Irma wieder das alte ruhige Leben an, das sie vor der Ankunft der amerikanischen Familie geführt hatten.

Es war Oktober geworden. In Ilses kleinem, an den großen Eßsaal grenzenden Wohnzimmer brannte schon ab und zu ein lustiges Feuerchen, denn die Nachmittage wurden kalt. Die alte Dame saß gern mit ihrem Buch am Kamin und wenn sie aufgehört hatte zu lesen, starrte sie in die züngelnden Flammen und ließ die Bilder der Vergangenheit an ihrem Geiste vorüberziehen.
An solch einem traulichen Nachmittagsstündchen trat Irma ein, um der Großmama adieu zu sagen. Sie sah bildschön aus in dem dunkelblauen Tuchkostüm, das ihre Elfengestalt knapp umschloß, und dem hübschen, an einer Seite umgeschlagenen Hut mit der weißen Feder auf dem goldblonden Haar.
„Gehst du aus, Kind?“
„Ja, Großmama, wenn du's erlaubst.“
„Wohin?“
„Ach, ich weiß nicht, ein bißchen spazieren.“
Die Großmutter schaute sie an. „Und dafür hast du dich so schön gemacht?“
Das junge Mädchen wurde rot. „Ach, bei diesem köstlichen Herbstwetter wollte ich mein neues Kostüm doch mal an die Luft bringen.“
Ilse drohte mit dem Finger „Jungfer Eitelkeit,“ neckte sie. „Na, lauf' du nur. Aber es ist doch besser, du holst Agnes oder Maud zum Spazierengehen ab. Allein finde ich's nicht ganz passend.“
„Ich weiß nicht, ob sie zu Hause sein werden,“ murmelte Irma und lief dann, um weiteren Einwendungen zuvorzukommen, mit einem hastigen: „Auf Wiedersehen, Großmama,“ rasch zur Türe hinaus.
Auf der Straße tat sie einen tiefen Atemzug, schlug aber nicht den Weg nach dem Hause Onkel Müllers ein. So rasch sie konnte, ging sie, sich ab und zu scheu umsehend, durch einige Gassen, bis sie die Stadt im Rücken und die große Landstraße vor sich hatte. Hier war es still. Nur das Sausen des Oktoberwindes in den hohen Bäumen ließ sich hören und das Gerassel des dürren Laubes. Von dem schnellen Gehen ermüdet, verlangsamte Irma ihren Schritt. Ängstlich spähte sie umher. Was sie tat, war nicht recht, das wußte sie, aber ihr blieb keine Zeit darüber nachzudenken, denn dort, aus einem Gebüsch am Wege, sah sie die schlanke, biegsame Gestalt Hochsteins hervortreten und eilig näher kommen.

In der ersten Verwirrung wollte sie fortlaufen; aber als ob er ihre Gedanken erriete, war er mit ein paar raschen Sprüngen neben ihr und ergriff ihre Hand. Mit glühenden Wangen und niedergeschlagenen Augen stand sie vor ihm.
Otto von Hochstein betrachtete sie, und ein Gefühl des Stolzes erfüllte ihn, daß dieses wunderschöne junge Geschöpfchen endlich eingewilligt hatte, ihm heimlich hier draußen an diesem einsamen Ort ein Stelldichein zu gewähren.
„Meine teuerste Irma,“ flüsterte er, „wie soll ich dir danken, daß du gekommen bist!“
„Ich tue es nie wieder,“ stöhnte sie. „Ich hab' Großmama belügen müssen, und das ist schändlich.“
„Aber du tatest es doch um meinetwillen? ... Du hast mich doch ein ganz klein wenig lieb, nicht wahr?“
Er schaute sie mit seinen samtschwarzen Augen so flehend an, daß sie nicht anders konnte als leise stammeln:
„Ja, sehr lieb.“
Aber als er den Arm um sie schlingen und sie entzückt ans Herz ziehen wollte, entwand sie sich ihm.
„Warum darf ich dir denn nicht einmal einen Kuß geben, Irma, wenn du mich doch liebst und meine Braut bist?“
„Nicht eher, als bis wir wirklich verlobt sind und jeder es weiß,“ erwiderte sie. „Warum kann ich denn nicht, wie Agnes und Flora es taten, der Großmama und meinen Eltern alles erzählen?“
„Mein Liebling, hast du mir nicht selbst geschrieben, daß du gerade dies süße Geheimnis, um das nur wir zwei beide wissen, so herrlich fändest?“
„Ja, aber nun finde ich es nicht mehr herrlich,“ schmollte Irma. „Es ist nicht recht, das fühle ich. Ich weiß, Großmama würde es nicht billigen, und ich will nicht mehr in dieser heimlichen Weise mit dir zusammenkommen.“
Ottos dunkle Augen funkelten unheilverkündend, und er biß sich auf die Lippen, um seinen Ärger zu verbergen. Aber er verstand es meisterhaft, sich zu beherrschen, und erwiderte niedergeschlagen:
„Dann machst du mich tief unglücklich.“
„Laß mich der Großmama alles sagen. Du kennst sie nicht, sie ist nicht streng, und ich kann von ihr erlangen, was ich will.“
Er schüttelte den Kopf; dann schob er seinen Arm durch den ihren und zwang sie so, mit ihm auf und ab zu gehen.
„Hör' mal zu, Liebste,“ begann er. „Du zwingst mich, Dinge zu sagen, die mir peinlich sind. Frau Gontrau würde niemals ihre Einwilligung zu einer heimlichen Verlobung zwischen uns geben.“
„Wenn ich sie darum bitte, tut sie es doch.“
„Aber sie würde darauf bestehen, daß ich meinen Eltern Mitteilung davon mache.“
„Natürlich, warum willst du das denn nicht?“
„Das ist es ja gerade, Irma. Sie würden ihre Zustimmung nicht geben und sich auf jede mögliche Weise bemühen, uns zu trennen.“
Stolz hob Irma ihr reizendes Köpfchen und schaute ihn herausfordernd an.
„Aus welchem Grunde? Bin ich ihnen nicht gut genug?“
„Irma!“ rief er leidenschaftlich. „Du bist das schönste, das entzückendste Wesen von der Welt. Und für mich wirst du das ewig bleiben. Aber ich wünschte, ich wäre an Stelle des Barons von Hochstein ein armer Teufel, zu dem du dich herablassen müßtest.“
Sie schaute ihn fragend und tief errötend an.
„Meine Eltern sind sehr stolz,“ fuhr er fort. „Unser Stammbaum reicht zurück bis in die Zeit vor den Kreuzzügen. Die Glieder meiner Familie haben sich immer nur mit dem allerältesten Adel verbunden; der Schlag würde meine Eltern vor Schreck rühren, wenn sie erführen, daß ich mich mit einem Mädchen verloben will, das nicht zum Hochadel gehört. Sie haben mir bereits eine steinreiche Erbtochter aus einem Geschlechte bestimmt, das eben so vornehm ist wie das unsere.“
„Und du?“ fragte Irma atemlos.
„O, ich geb' auf das alles nichts und werde das häßliche Freifräulein von Staufenberg nie heiraten, das verspreche ich dir.“
„Aber dann wird aus unsrer Verlobung nichts!“ seufzte Irma, „deine Eltern werden nie ihre Einwilligung geben.“
Er nahm ihre kleinen Hände in die seinen und streichelte sie.
„Das werden sie sicher nicht, geliebte Irma, wenn wir sie ohne weiteres mit dem fait accompli überfallen und erschrecken. Ich muß sie ganz allmählich darauf vorbereiten, und dann werden sie ohne Zweifel nachgeben. Wir müssen warten, das ist alles, um was ich dich bitte. Hast du mich nicht so lieb, um etwas Geduld zu haben?“
„Aber meine Eltern und Großmama,“ stammelte Irma.
„Glaube mir, Liebling. Durch zu frühes Reden würden wir alles verderben. Wenn du mich liebst, so gelobe mir zu schweigen.“
Irma war sich innerlich bewußt, daß sie nicht recht tat, aber sie vermochte nicht, seinem heißen Drängen zu widerstehen; sie war von den äußeren blendenden Eigenschaften des jungen Barons so betört, daß sie ihm schließlich alles versprach, sogar ein Stelldichein in der nächsten Woche.
Solange sie bei ihm war, vergaß sie ihre Bedenken und gab sich dem Glück des Augenblicks hin, aber als sie allein nach der Stadt zurückkehrte, konnte sie sich eines Gefühls der Furcht und Beklommenheit nicht erwehren. Zum erstenmal in ihrem Leben tat sie etwas Heimliches, Unaufrichtiges, etwas, was die Ihrigen niemals gutheißen würden.
Heftig erschrak sie, als in der Nähe ihrer Wohnung Agnes plötzlich auf sie zutrat.
„Wo kommst du her, Irma? Ich war bei Großmama, die sagte mir, du hättest mich zu einem Spaziergang abholen wollen. Wie ein Hase lief ich nach Hause, dort hatte dich aber niemand gesehen.“
„Ich bin spazieren gegangen,“ murmelte Irma.
Sie wurde furchtbar rot, und Agnes schaute sie verwundert und forschend an.
„Allein?“ fragte sie. „Und du sagst Großmama, daß du mich abholen wolltest.“
„Ich ... ich bekam plötzlich Lust, allein zu gehen.“
„Wie komisch du bist! Was hast du? Was bedeutet das? Ich verstehe dich nicht.“
„Mach doch nicht so 'nen Sums daraus,“ rief Irma, in ihrer Verlegenheit plötzlich sehr reizbar werdend und nicht mehr wissend, wie sie sich herausziehen sollte. „Geht's dich was an, wenn ich mal allein spazieren gehen will? Dir hab' ich doch keine Rechenschaft abzulegen.“
„Aber Irma!“ sagte Agnes, im höchsten Grade erstaunt und gekränkt.
Schweigend schritten sie nebeneinander her. Agnes war zu entrüstet, um zu sprechen, aber als sie eine Weile später verstohlen nach ihrer Cousine schaute, sah sie, daß diese bebte und ihr die Augen voll Tränen standen. Sofort fühlte sie ihren Zorn schwinden.
„Irmachen,“ begann sie freundlich. „Sag mir doch, warum du so betrübt bist. Ich bin deine Freundin, mir kannst du vertrauen.“
Zum Glück befanden sie sich in einer stillen Straße, denn Irma konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.
„Ich kann nicht, Agnes,“ stammelte sie fast schluchzend, „frag mich nicht.“
Die Andere forschte nicht weiter. „Komm mit zu mir,“ bat sie. „Die Eltern und Maud sind ausgegangen. Auf unsrem Zimmer kannst du dich erholen.“
Irma folgte willig. Als sie in dem gemütlichen, hellen Mädchenstübchen saßen, küßte Agnes ihre Cousine und fragte noch einmal teilnehmend:
„Kannst du mir wirklich nicht sagen, was dir fehlt, Liebling?“
„Ich kann nicht, ich darf nicht.“
Agnes schwieg.
„Gelobst du mir bei allem, was dir heilig ist, keinem Menschen ein Sterbenswörtchen zu sagen?“ flüsterte Irma.
„Das versteht sich wohl von selbst, ich bin doch deine Freundin.“
„Auch Ludwig nicht?“
Agnes zögerte. „Ist's etwas, was mich gar nichts angeht, Irma?“
„O gewiß, es geht einzig und allein mich an.“
„Nun, dann werde ich auch Ludwig nichts sagen.“
Irma legte ihr Köpfchen an Agnes' Schulter und begann flüsternd ihre Erzählung, wie sie schon bei der Landpartie gemerkt habe, daß Baron von Hochstein sie sehr reizend finde, wie er einige Tage später an sie geschrieben und ihr seine Liebe bekannt, und wie sie nach Verabredung eine rote Rose im Gürtel, am Fenster stehend, ihm ihre Gegenliebe verraten habe. Auf sein wiederholtes Schreiben und dringendes Bitten habe sie nach schwerem Gewissenskampf in ein Stelldichein gewilligt und ihn heute nachmittag auf der Chaussee im Walde getroffen.
Agnes' Gesicht verdüsterte sich immer mehr, aber sie sagte nichts. Erst als sie hörte, was die Liebenden heute beschlossen hatten, rief sie entrüstet:
„Aber Irma, wie konntest du das tun?“
„O, ich weiß, daß es schlecht war,“ schluchzte das arme, kleine Ding. „Aber ich hab' Otto so lieb. Du liebst Ludwig doch auch und mußt daher mit mir fühlen können. Hättest du denn nicht ebenso gehandelt?“
„Ich!“ rief Agnes. „Wahrscheinlich hätte ich ihm eine Ohrfeige gegeben, ganz gewiß aber ihm den Rücken gekehrt. Was bildet er sich ein? Wie darf er's wagen, dir geradezu zu sagen, daß du ihm nicht ebenbürtig bist!“
„Aber bedenke doch, die Barone von Hochstein! So ein altadliges Geschlecht! Noch nie ist in seiner Familie eine Mesalliance vorgekommen. Er steht weit über mir!“
„Welch ein Unsinn!“ entgegnete Agnes heftig. „Laß ihn mit seinem altadeligen Geschlecht nach dem Monde gehen. Welcher verständige Mensch legt in unsern Tagen Wert auf so etwas? Damit sollte er uns in Amerika kommen! Er über dir stehen! Du bist im Gegenteil unendlich erhaben über ihn, du, das Kind so genialer Eltern. Was haben seine Eltern wohl je geleistet?“
„Er denkt gewiß ebenso. Wirklich, Otto ist nicht vorurteilsvoll, aber seine Eltern sind doch nun einmal so furchtbar stolz.“
„Sprich mir nicht von Stolz! An deiner Stelle wäre ich viel zu stolz, mich in eine Familie einzudrängen, die es wagte, auf mich herabzusehen!“
Irma seufzte; sie hatte gehofft, Agnes würde die Sache ganz anders auffassen, mehr mit ihr übereinstimmen und sich wohl gar geschmeichelt fühlen, daß ein Baron ihrer Cousine seine Liebe gestanden hatte. Die nüchterne, praktische Art, mit der die Amerikanerin diesen für Irma doch so hochinteressanten Fall behandelte, enttäuschte sie sehr. Nirgends sah sie Hilfe, nirgends einen Ausweg, und sie fing wieder an bitterlich zu weinen.
Tränen waren etwas so Ungewohntes bei der sonnigen, lustigen kleinen Irma, die immer lachte und von jedem auf den Händen getragen wurde, daß Agnes plötzlich ein großes Mitleid mit dem armen Kinde fühlte.
„Weine nicht, Liebling,“ sagte sie zärtlich. „Ich sehe ein, daß es hart für dich ist, aber so kann die Sache nicht weitergehen. Du mußt ihm schreiben, daß du keine heimlichen Zusammenkünfte mehr mit ihm haben willst. Es ist unverzeihlich, daß du es schon einmal getan hast, aber geschehene Dinge sind nicht mehr ungeschehen zu machen. Es ist seine Pflicht gegen dich, sofort deinen wie seinen Eltern ein offenes Geständnis abzulegen. Will er das nicht, so muß zwischen euch alles aus und zu Ende sein.“
„Nein, um nichts in der Welt,“ schluchzte Irma. „Ich liebe ihn, und er liebt mich.“
„Seine Forderung beweist das Gegenteil,“ versetzte Agnes entrüstet. „Ich bitte dich, du wirst ihm doch kein Stelldichein mehr geben! Versprich mir das.“
Irma schwieg.
„Du darfst es nicht. Und tust du es doch, so sag' ich's der Großmama.“
„Das wäre garstig von dir; du hast mir versprochen, es keiner Menschenseele zu verraten.“
„Ja, das ist wahr, na, ich werd's auch nicht tun, du kannst mir vertrauen, aber Irma, du handelst sehr unbesonnen.“
„Es wird schon alles recht werden,“ sagte das junge Mädchen, in dem Wunsche, ihren Otto und sich zu verteidigen. „Er sagt, die Heimlichkeit würde nicht lange dauern, und er ist so edel, so feinfühlig. Du mußt doch zugeben, Agnes, daß ich mein Wort nicht brechen kann, ich hab's doch versprochen.“
Agnes war durchaus nicht einverstanden, merkte aber, daß Irma nicht zu überzeugen war. Auch überlegte sie, daß, wenn sie ihrer Empörung über Otto von Hochsteins Verhalten zu sehr Luft machte, Irma ihr das Vertrauen entziehen würde. Und es war doch besser, daß jemand um die unvorsichtigen Handlungen des kleinen Lieblings wußte, um ihn warnen und überwachen zu können. Daher tröstete sie ihr Bäschen so gut es ging, und gelobte aufs neue, das Geheimnis treu zu bewahren. Etwas erleichtert und beruhigt ging Irma nach Hause, wo sie in ihrem Leichtsinn sich einredete, keine Unwahrheit zu sprechen, als sie auf Ilses Frage, ob sie bei Müllers gewesen sei, um Agnes abzuholen, mit einem „ja, Großmama,“ antwortete.
Einige Tage später kam Nachricht von Holtens aus München. Gustav, dessen Name immer bekannter wurde, hatte sich um den Posten eines Lehrers am Konservatorium in I. beworben und die Stelle erhalten. Das war für einen jungen Mann von dreiundzwanzig Jahren ein großes Glück. In sechs Wochen mußte er das Lehramt bereits antreten, und seine Hochzeit sollte so bald wie möglich stattfinden, denn er wollte nicht ohne Flora das neue Leben beginnen.
Großmutter Ilse schüttelte den Kopf.
„Sie sind ja beide noch Kinder. Die sollen schon heiraten? So unerfahren, wie sie sind!“
„Aber du warst doch auch sehr jung, als du heiratetest, Großmama,“ wandte Irma ein.
„Ja, mein Kind, aber dein Großvater war ein anderer Mann als Gustav, der ganz in seiner Kunst aufgeht und vom praktischen Leben keinen Schimmer hat. Und Flora?“
„Es wird schon gehen,“ meinte Irma, die über die Nachricht sehr glücklich war. Die Aussicht, daß ihr Bruder in I. wohnen und sie dadurch Gelegenheit haben würde, oft nach der Universitätsstadt zu fahren, war himmlisch. Auf diese Weise würde es viel leichter sein, Otto öfter zu sehen. Als sie Agnes ganz aufgeregt von diesem Glücksfall Mitteilung machte, schüttelte das praktische, kluge Mädchen sein weises Köpfchen.
„Es ist und bleibt verkehrt, und überdies, wenn Gustav in I. wohnt, wird er bald etwas merken.“
„Gustav! der merkt nichts. Du weißt doch, wie verträumt er immer ist. Glaubst du, daß er überhaupt noch an etwas anderes denken kann, als an seine Musik und an Flora?“ —
Die junge Braut kam nun wieder mit ihrer Mutter zu Gontraus auf Besuch, um alles für ihre Aussteuer zu besorgen. Irma ging oft mit nach I., und fand dann ab und zu Gelegenheit, Hochstein zu sehen. So geschah es, daß die Kleine, — bisher die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit selbst — Schritt für Schritt weiter in den Irrgarten der Lüge und des Betrugs hinein geriet. — Es kostete ihr keine große Mühe mehr, ihre aufsteigenden Zweifel und Gewissensbisse zu beschwichtigen und mit sich selbst Frieden zu schließen. Auch gab Otto ihr immer von neuem die Versicherung, daß sie durchaus nichts Unrechtes tue, indem sie vor ihrer Großmutter und ihren Eltern etwas verbarg. Er verstand es, sehr besorgt und schön über Frau Gontrau zu reden, die doch schon alt sei und sich ganz unnütze Sorgen machen würde, wenn sie wüßte, daß der Baron und die Baronin von Hochstein noch nicht ihre Einwilligung zur Verlobung gegeben hätten. Und Irmas Eltern, die so fern von ihr weilten, würden sich auch nur unnötig aufregen. Es war doch viel besser zu schweigen, bis die Geschichte ganz in Ordnung käme, und daß dies bald geschähe, daran brauchte Irma doch nicht zu zweifeln. So beruhigte sie sich immer wieder und fuhr fort, wissentlich Unrecht zu tun, wobei sie sich trotzdem glückselig fühlte. —
Flora und Gustav sollten kurz vor Weihnachten heiraten. Die ganze Familie begab sich zu dem Feste nach dem Landgut, auf dem Flora Werner wohnte.
Ilse war wehmütig bewegt, als sie das Haus wieder betrat, wo sie vor vielen Jahren als junge Frau mit Nellie zu Gaste gewesen war. Wie anders sah jetzt alles aus als damals! Die Besitzung hatte sich in den letzten Jahren unter der Oberleitung von Hans ganz außerordentlich gehoben und verschönt, und Flora, wenn sie auch nicht mehr so tätig war wie früher, stand auch jetzt noch, wo sie konnte, den Dorfbewohnern mit Rat und Tat bei. Ab und zu schrieb sie auch noch Verse, und am Hochzeitsmorgen überraschte sie die junge Braut mit einem langen Gedicht, das sie in der Nacht verfaßt hatte.
Es kam darin viel vor von Liebe und Kunst und herrlichem Beruf, von Lorbeeren, die der Künstler ernte, und die er seinem angebeteten Weibe zu Füßen lege. Die kleine Flora verstand zwar nicht viel davon, fand es aber doch sehr schön.
In vollstem Glanze stieg die Wintersonne an dem Hochzeitstag des jungen Paares empor. Die enge Dorfstraße, die der Festzug passieren mußte, wimmelte von Menschen. Fast aus jedem Hause wehte eine Fahne, und hier und da waren Ehrenpforten errichtet aus Tannengewinden, mit bunten Papierrosen verziert. Bäume, Felder und Wiesen hatten sich in ein fleckenloses Brautgewand gehüllt; die goldenen Sonnenstrahlen spielten auf dem Schnee und streuten glitzernde Diamanten darüber aus. An den funkelnden Farben, die sich über die blendend weiße Welt ergossen, konnte das Auge sich nicht satt sehen. Das Innere der kleinen Dorfkirche im Lichterglanz und Blumenschmuck war wie ein Feenmärchen. Fast noch die reinen Kinder standen Gustav und Flora vor dem Altar. Die junge Braut in einem einfachen weißen Kleide, die grüne Myrtenkrone auf den goldschimmernden Flechten, und der schlanke Bräutigam mit dem verzückten Blick und dem träumerischen, ernsten Antlitz.
Die Freunde und Verwandten erschienen als gute Feen und Beschützer — alle beseelt von dem innigsten Wunsch, das junge, eben verbundene Paar möge so glücklich werden, wie es zwei Menschen, die sich lieben, hier auf Erden nur sein können.
Auch Irma befand sich als Brautjungfer mit im Zuge. Ihr Brautführer war ein junger Rechtsgelehrter, ein Freund der beiden Reichers. Eigentlich hätte Hans sie führen müssen, aber seit Irmas Ankunft hatte er nicht den geringsten Versuch gemacht, sich ihr zu nähern. Er war sehr heiter, was sie mit Staunen wahrnahm, während sie in ihrer unbewußten Eitelkeit geglaubt hatte, den armen Hans bedauern zu müssen, weil er hoffnungslos in sie verliebt wäre. Er behandelte sie höflich und freundlich, aber von der Verehrung, die er ihr noch vor kurzer Zeit bewiesen, konnte sie nichts mehr entdecken. Sie behauptete zwar, daß ihr das ganz gleichgültig sei, aber im Grunde fühlte sie sich doch verletzt und ärgerte sich. Die Kleine, von allen verwöhnt und bewundert, wußte, daß sie auffallend hübsch war — ihre Umgebung hatte ihr das nur zu oft gezeigt — aber bis jetzt hatte das noch keinen schlechten Einfluß auf ihren Charakter gehabt. Ihre Koketterie war unschuldiger Art, seit jedoch Baron Hochstein ihr eitles Köpfchen mit seinen Redensarten und Schmeicheleien verdrehte, bildete sie sich ein, etwas ganz Besonderes zu sein, und fand es daher nicht mehr wie recht und billig, daß Hans Reicher ihr Sklave und Anbeter bliebe, vielleicht gar an seiner unglücklichen Liebe zu Grunde ginge. Wäre er ihr mit einer Liebeserklärung lästig gefallen, würde sie ihn jedenfalls ausgelacht haben, aber geschmeichelt hätte sie sich dadurch doch gefühlt. Nun er ihr zeigte, daß er ohne sie leben konnte, grollte sie ihm.
Hans war in seinen Gefühlen kein anderer geworden; er begriff jedoch, daß die einzige Möglichkeit, auf ein Wesen wie Irma Eindruck zu machen, darin bestand, ihr zu imponieren. Von Herzen gern wäre er zu ihr gegangen und hätte sie beschworen, ihm gut zu sein, aber als er ihr reizendes Gesichtchen erblickte, aus dem die kindliche, unbefangene Lieblichkeit verschwunden war, kam ihm sein Stolz zu Hilfe, er erwiderte ihre Spöttereien mit kühler Höflichkeit und wendete sich zu Maud, in deren Gesellschaft er sich jetzt am glücklichsten fühlte. —
„Hans ist einer der tüchtigsten jungen Leute, die ich je gesehen habe,“ sagte Maud, als sie alle wieder in F. waren. „Er ist ein ganzer Mann, klug und bedächtig, einer, der weiß, was er will, wie mein John auch. Damals im Sommer glaubte ich, er sei ernstlich in dich verliebt, Irma. Wenn du ihn durch deine Koketterie abgeschreckt haben solltest, würdest du mir leid tun, denn nicht jedes Mädchen findet einen solchen Mann.“
Doch vor Irmas Seele tauchte in diesem Augenblick eine hohe, aristokratische Gestalt auf, vornehm und elegant, mit der verglichen Hans ihr wie ein Bauer erschien. Sie zuckte nur geringschätzig die Achseln, als ob sie sagen wollte:
„Ich kann doch wohl noch etwas Besseres bekommen.“
„Kennst du das Märchen vom Schweinehirten, Irma?“ fragte Onkel Heinz.
„Nein,“ versetzte die Kleine, und da sie auf dem Antlitz des Professors einen spöttischen Ausdruck sah, vor dem ihr unwillkürlich bange ward, fügte sie hinzu:
„Und ich will es auch nicht kennen.“
„Aber ich,“ fiel Agnes ein, „ich liebe Märchen über alles; als wir Kinder waren, wollte Vater jedoch nicht, daß wir Märchen lesen oder hören sollten; „das ist nur unpraktisches Zeug,“ meinte er, „das euch einen ganz falschen Begriff vom Leben gibt. Märchen, Balladen, Legenden — in Deutschland mögen sie am Platze sein, für Amerika passen sie nicht.“
„Komm her, Irma,“ nahm Onkel Heinz von neuem das Wort, „und hör' zu.“ Er ergriff ihr widerstrebendes Händchen und zog sie näher zu sich heran. Die andern lachten über ihr böses Gesicht. Das kleine Fräulein war in letzter Zeit oft so reizbar; aber hier gab es doch wirklich keinen Grund, zornig zu werden.
„Es war einmal,“ begann Onkel Heinz.
„Wie abgeschmackt,“ schmollte Irma.
„Es war einmal ein armer Prinz(2), er besaß ein Königreich, welches ganz klein war, aber doch groß genug, um sich darauf zu verheiraten, und verheiraten wollte er sich.
Freilich schien es etwas keck von ihm, daß er zur Tochter des Kaisers sagte: ‚Willst du mich haben?‘ Aber er wagte es doch, denn sein Name war weit und breit berühmt; es gab hundert Prinzessinnen, die gern ja gesagt hätten, — ob sie es tat?
Auf dem Grabe seines Vaters wuchs ein Rosenstrauch, der blühte nur jedes fünfte Jahr und trug dann auch nur eine einzige Blume, aber diese eine Rose duftete so süß, daß jeder, der daran roch, allen Kummer und alle Sorge vergaß. Der Prinz hatte auch eine Nachtigall, die konnte singen, als ob alle schönen Melodien in ihrer Kehle säßen. Diese Rose und diese Nachtigall sollte die Prinzessin haben, und deshalb wurden sie beide in große silberne Behälter gesetzt und ihr zugesandt.
Der Kaiser und der ganze Hof waren bei der Ankunft der Geschenke zugegen; aber die Prinzessin war dumm, sie glaubte, es seien eine künstliche Rose und Nachtigall, und als sie sah, daß es natürliche waren, fand sie nichts Besonderes daran; sie zertrat die Rose und ließ die Nachtigall fliegen und wollte nicht gestatten, daß der Prinz käme.
Dieser ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Er bemalte sich das Antlitz schwärzlich, zog die Mütze tief über die Augen, klopfte an die Türe des kaiserlichen Palastes und fragte, ob er nicht auf dem Schlosse einen Dienst bekommen könne.
Jawohl, er konnte die Schweine hüten. Er bekam eine jämmerlich kleine Kammer, und da saß er nun den ganzen Tag und arbeitete, und als es Abend war, hatte er einen niedlichen kleinen Topf gemacht; rings um denselben waren Schellen, und sobald der Topf kochte, klingelten sie schön und spielten die alte Melodie:
Ach, du lieber Augustin, Alles ist weg, weg, weg!
„Das Stück kann ich auch spielen,“ sagte die Prinzessin, die des Abends mit ihren Hofdamen spazieren ging. „Fragt mal den Schweinehirten, wieviel der Topf kostet.“
„Ich will zehn Küsse von der Prinzessin haben, für weniger tu ich's nicht.“
Das war ein Schreck, es wurde gehandelt und gebettelt, aber der Schweinehirt bestand auf seiner Forderung.
„In Gottes Namen,“ sagte die Prinzessin zu ihren Begleiterinnen, „aber ihr müßt dicht um mich herumstehen, damit mich wenigstens niemand sieht.“
Die Hofdamen umringten sie, breiteten ihre Kleider aus, der Schweinehirt bekam zehn Küsse, und sie erhielt den Topf.
Nun machte der geschickte Jüngling eine Spieldose, wenn die aufgezogen wurde, spielte sie alle Walzer und Polkas, die auf der Welt existieren.
„Das ist ja superbe,“ rief die Prinzessin, „fragt ihn, was er dafür haben will, aber küssen tu ich ihn nicht wieder.“
Der Schweinehirt verlangte hundert Küsse; da ging die Kaisertochter böse fort.
Aber die Spieldose war doch zu wundervoll, und als die Prinzessin einsah, daß der Schweinehirt sie nicht anders hergab, mußten die Hofdamen wieder einen Kreis schließen, und sie ließ sich küssen.
„Was mag das wohl für ein Auflauf beim Schweinestall sein?“ dachte der Kaiser, der verwundert sah, wie alle Hofdamen auf einem Klümpchen beisammen standen, und trotzdem er noch in Pantoffeln war, lief er eilig hinunter, um zu sehen, was es gäbe.
Sobald er den Hof betrat, ging er ganz leise, und die Hofdamen hatten so viel zu tun, die Küsse zu zählen, daß sie seine Anwesenheit nicht bemerkten. Er erhob sich auf den Zehen und wurde so wütend, als er sah, wie sich seine Tochter von dem Schweinehirten küssen ließ, daß er beiden die Pantoffeln um die Ohren schlug und sie vom Hof herunterjagte.
Da standen sie nun in Regen und Kälte, die Prinzessin weinte, und der Schweinehirt fluchte.
„Ach, ich unglückliches Geschöpf,“ schluchzte sie, „hätte ich doch den Prinzen genommen und die Rose und die Nachtigall nicht fortgeworfen; wie dumm bin ich gewesen!“
Der Schweinehirt ging hinter einen Baum, wischte sich das Schwarze aus dem Gesicht, warf die schlechten Kleider von sich und trat nun im fürstlichen Gewande hervor, so schön, daß die Kaisertochter sich verneigen mußte.
„Ich will nichts mit dir zu schaffen haben,“ sagte er. „Du wolltest keinen ehrlichen Prinzen heiraten; die Rose und Nachtigall hast du verachtet, aber den Schweinehirten konntest du um einer Spielerei küssen. Das hast du nun davon!“
Dann ging er in sein kleines Königreich und schlug ihr die Türe vor der Nase zu. Da konnte sie draußen stehen und singen:
„Ach, du lieber Augustin, Alles ist weg, weg, weg!“
„Das war sehr hübsch,“ meinte Irma mit erzwungenem Lächeln, „ich sehe nur nicht ein, was dies Märchen mit mir oder Hans Reicher zu schaffen hat.“
„Dann bist du gerade so dumm wie die Prinzessin,“ versetzte der alte Herr trocken, sie von sich weg schiebend.
Agnes blickte Irma vielsagend an, aber an diesem Abend fand sie keine Gelegenheit, ihre Cousine allein zu sprechen.
Wußte Onkel Heinz am Ende gar, daß sie mit Otto von Hochstein im geheimen Briefe wechselte, ihn auch mitunter an einem vorher verabredeten Platze traf? Irma erbebte bei diesem Gedanken; sie fragte Agnes, was sie davon dächte, aber diese meinte, Onkel Heinz ahne nichts; denn wäre das der Fall, so würde er sicher mit der Großmama darüber gesprochen haben; er sei doch nicht der Mann, so etwas zu verschweigen. Nein, er zog nur seine Schlüsse aus Irmas Benehmen gegen Hans und aus dem, was er bei der bewußten Landpartie beobachtet hatte.
Trotzdem riet Agnes ihr, vorsichtig zu sein, und nahm gleichzeitig nochmals die Gelegenheit wahr, ihr das Unrecht vorzuhalten. Sie bemühte sich, Irma zu überzeugen, daß Otto es unmöglich gut mit ihr meinen könne, wenn er fortfuhr zu verlangen, daß sie ihre nächsten Angehörigen so hintergehen solle. Anfangs hatte er doch nur von einigen Wochen gesprochen, bis es so weit sein werde, daß sie ihrer Großmutter alles erzählen könne; nun waren bereits Monate ins Land gezogen, und noch immer gebot er ihr Schweigen.
Unter Tränen und Seufzen mußte Irma zugeben, daß die Cousine recht hätte; aber sie liebte Otto zu sehr, sie könnte nicht von ihm lassen, sie würde sterben, wenn alles aus sein müßte.
„Unsinn,“ wandte Agnes ein, „daß du großen Kummer haben würdest, will ich glauben, aber an so etwas stirbt man nicht.“
„Wie kannst du so reden? Versetz' dich doch an meine Stelle. Würdest du nicht sterben, wenn du Ludwig entsagen müßtest?“
„Nein. Ich würde sehr unglücklich sein; aber ich würde mich bemühen, daran zu denken, daß es noch so viele gibt, die mich lieben: Eltern, Geschwister, Freunde, und daß ich daher nicht das Recht hätte, mich so ganz und gar meinem Schmerz hinzugeben.“
„Ach du,“ nahm die Kleine wieder das Wort, „du bist verlobt und bist doch so kalt, so scheußlich praktisch — du weißt ja gar nicht, was Liebe ist.“
„Möglich,“ versetzte Agnes, „eins aber weiß ich wohl. Wenn Ludwig mich überreden wollte, etwas Unredliches und Schlechtes zu tun, dann würde ich ihn laufen lassen, und wissen, daß er nicht der ist, für den ich ihn hielt. Die Versicherung gebe ich dir — und meinen Kummer würde ich überwinden.“
Irma schwieg. Die widersprechendsten Gedanken stritten sich in ihrem Köpfchen. Sie besaß genug gesunden Verstand, um sich bei ruhiger Überlegung zu sagen, daß Agnes recht habe. Aber Otto war so schön, so unwiderstehlich, er hatte ihr Herz ganz mit Beschlag belegt, und sie, sie glaubte ihn wahrhaft zu lieben. Wie sehr sie auch an Großmama, den Eltern und den andern hing, wenn sie Otto aufgeben müßte, würde deren Liebe sie nicht zu trösten vermögen, und dann ... der Gedanke, Baronin von Hochstein zu werden, war ihr in letzter Zeit immer lieber und vertrauter geworden. Manchmal stellte sie sich bereits vor, wie es sein würde, wenn sie als Ottos Frau ihren Platz in den glänzenden Sälen des Schlosses seiner Ahnen, von dem er ihr solche Wunder erzählte, einnehmen würde. Sie sah sich als Braut in der Familienkapelle vor dem Altar, nicht in einfachem, weißem Nesseltuch wie Flora, sondern in einem Kleide von Silberbrokat, mit funkelnden Diamanten bestreut, und in ihrer Nähe, außer den eigenen Verwandten, einen weiten Kranz hochadliger Damen und Herren, vornehme Offiziere und Minister, die Brust mit Orden bedeckt. Ja, wer weiß, vielleicht ließ sich der Kaiser gar durch einen seiner Adjutanten vertreten, denn am Hof würde sie dann natürlich schon vorgestellt sein.
Es war hart, all diesen schönen Aussichten Lebewohl zu sagen, noch härter aber, ihren glänzenden Studenten aufzugeben. Und doch, wenn sie sich aus ihren Träumen in die Wirklichkeit zurück versetzte, vernahm sie eine Stimme in ihrem Innern, die ihr zurief, daß ihr nichts andres übrig bleiben werde. Sie seufzte tief und brach aufs neue in Tränen aus.
„Aber was willst du denn? Was soll ich tun?“ fragte sie endlich, als Agnes sie in ihre Arme zog und sich bemühte, sie zu trösten.
„Ihn zum letzten Male fragen, ob du alles erzählen darfst, und wenn er es nicht zugeben will, unwiderruflich und für immer Abschied von ihm nehmen.“
„Ich kann nicht,“ stöhnte Irma, „er wird mir böse werden und mir vorwerfen, daß ich mein Versprechen nicht halte.“
„Wann hast du wieder eine Zusammenkunft mit ihm?“
„Morgen nachmittag.“
„Soll ich an deiner Stelle gehen und ihm sagen, wie der Hase läuft?“ fragte Agnes, mit einem streitlustigen Gesicht.
„Nein, ums Himmelswillen nicht! Er weiß nicht, daß du meine Vertraute bist. Er würde mir das nie verzeihen.“
Agnes zuckte ungeduldig die Achseln. Noch eine Weile weinte Irma, dann stand sie auf.
„Ich will es tun,“ sagte sie, „du hast recht, es ist furchtbar, so etwas vor Großmama geheim zu halten, aber verliere ich Otto, so sterbe ich ganz gewiß.“
„Es stirbt sich nicht so leicht,“ dachte Agnes, aber sie war klug genug, das nicht zu sagen. „Hör' mal,“ sagte sie laut, „ich will morgen mit dir kommen; hab' keine Angst, dein Baron soll mich nicht sehen, erst wenn eure Begegnung vorüber ist, wollen wir uns auf einem vorher verabredeten Platze treffen und zusammen nach Hause gehen.“
Am folgenden Tage goß es in Strömen, die Straßen waren naß und schmutzig, alles sah trostlos grau und düster aus. Eilig schritten die beiden Mädchen nebeneinander her, bis sie die Chaussee erreichten. Irma hatte fast kein Wort gesprochen und auf alles, was die Freundin sagte, nur einsilbig geantwortet. Besorgt schaute letztere ihre Cousine an. Selbst jetzt, in einem grauen Regenmantel gehüllt, ein einfaches Filzhütchen auf dem Goldhaar, war die Kleine bildhübsch. Um sie etwas aufzumuntern, scherzte Agnes:
„In meinem Regenmantel seh' ich aus, als ob ich in einem Sack steckte; deiner steht dir famos, wie alles, was du anziehst.“
Selbst diese Schmeichelei, für die sie sonst nicht unempfindlich gewesen wäre, lockte kein Lächeln auf Irmas Lippen. Ihre Mundwinkel bebten und sie kämpfte sichtlich mit den Tränen.
„Nur Mut, nicht verzagt!“ tröstete Agnes, „vielleicht läuft die Sache gut ab. Wenn du ihm gehörig ins Gewissen redest, sieht er wahrscheinlich selber ein, daß er nicht recht tut. Wer weiß, ob er dir nicht erlaubt, noch heute deinen Eltern zu schreiben und der Großmama alles zu sagen, dann wird in den nächsten Tagen deine Verlobung angezeigt, und du gehst mit deinem schönen Baron Arm in Arm einher!“
Irma antwortete nichts, der Ton, in dem Agnes über Otto sprach, ärgerte sie, aber sie fühlte sich zu unglücklich, um sich in ein Wortgefecht einzulassen.
Sie hatten schon ein gutes Stück Weges zurückgelegt. Kein Mensch ließ sich auf der Chaussee blicken; die kahlen Bäume tropften vor Nässe, der Boden war durchweicht und schlüpfrig. Agnes schaute umher und mußte leise lächeln. „Kein poetisches Wetter für ein Stelldichein,“ dachte sie, und hatte Lust, einige spöttische Bemerkungen zu machen, bezwang sich aber, blieb stehen und sagte nur:
„Ich kehre um, Irma, denn Baron von Hochstein kann jeden Augenblick erscheinen. Bei diesem Wetter hab' ich keine Lust, hier draußen auf dich zu warten. Ich geh' in die Konditorei von Bauer. Komm mir dahin nach, sobald du kannst.“
„Ja.“
„Wirst du's kurz machen?“
„Ja.“
„Und tapfer sein?“
„Ja.“
Agnes seufzte, gab ihrer Cousine einen Kuß und entfernte sich rasch, denn sie glaubte in der Ferne die hohe Gestalt Hochsteins zu erkennen. Nach einigen Minuten schaute sie sich um. Ein Gartenzaun entzog sie den Blicken der beiden, sie selbst aber konnte deutlich sehen, wie Irma und der Student unter einem Regenschirm zusammen weitergingen, bis sie im nahen Wäldchen verschwanden.
Bedrückten Gemüts begab Agnes sich in die Konditorei. Zum Glück waren keine Gäste dort. Sie setzte sich ans Fenster und bestellte Schokolade und Kuchen. Irma würde gewiß verfroren und betrübt ankommen und ein warmes Getränk ihr gut tun. Wenn sie jetzt nur tapfer war und fest blieb, dann nahm diese ganze elende Geschichte ein Ende. Agnes fühlte sich so zu sagen mitschuldig an dem Betrug, weil sie Schweigen gelobt hatte, und doch sah sie ein, daß sie ihr Wort nicht brechen durfte.
Während sie bei sich das für und wider überlegte, verging die Zeit. Sie sah nach der Uhr, eine halbe Stunde war schon verstrichen. Die Schokolade wurde kalt, sie wollte frische bestellen, wenn Irma kam. Himmel, wie lange dauerte das! Ob sie Abschied nahmen? Agnes fing an unruhig zu werden und stand im Begriff, sich nach dem Ort des Stelldicheins zu begeben. Da knarrte die Ladentür. Gott sei Dank, Irma trat ein mit strahlendem Gesicht, glühenden Wangen und glänzenden Augen. Agnes flog ihr entgegen.
„Ich brauche nicht zu fragen,“ rief sie, „alles ist gut?“
Irma nickte, setzte sich an den Tisch und nahm sofort von dem Kuchen.
Agnes freute sich aufrichtig, Otto stieg in ihrer Achtung, und sie bereute, daß sie ihm oft in ihren Gedanken unrecht getan hatte.
„Du mußt vergessen, daß ich an Otto zweifelte und sagte, er meine es nicht gut mit dir. Ich sehe, daß ich mich geirrt habe,“ sagte sie.
„Er ist ein Engel,“ versetzte Irma, „wenn du ihn später kennen lernst, wirst du das selber finden.“
„Na, das ist ja nicht gerade nötig, aber nun erzähle wie es war. Fand er's gleich in der Ordnung, daß die Heimlichkeit aufhören soll? Hat er wohl gar schon mit seinen Eltern gesprochen? Wann wird eure Verlobung veröffentlicht?“
Irma hatte den dritten Kuchen verzehrt, schob nun den Teller zurück und rührte nachdenklich in der Schokolade.
„Otto sieht sehr wohl ein, daß dieser Zustand auf die Dauer unhaltbar ist,“ begann sie, „daher begreift er auch, daß ein Ende damit gemacht werden muß.“
„Recht so. Ich fürchte nur, Irma, Großmama wird doch ein bißchen böse auf dich sein, aber du bist ihr Liebling, da wird sie's schon verzeihen. Du sagst es ihr doch natürlich noch heute?“
„Nein, heute nicht.“
„Was?“ Agnes fiel wie aus den Wolken.
„Nein,“ fuhr Irma etwas nervös und gereizt fort. „Du brauchst dich nicht gleich zu ereifern. So rasch geht das nicht. Otto muß erst eine günstige Gelegenheit abwarten, seine Eltern vorzubereiten.“
„Himmel, Irma, was hat er dir denn wieder vorgeflunkert? Das ist ja immer die alte Leier.“
„Die alte Leier. Hör' mal, du hast selbst gesagt, daß du Otto unrecht getan hast; nun fängst du schon wieder an.“
„Ich höre,“ versetzte Agnes, mit einem Gesicht, auf dem Ungeduld und Entrüstung deutlich zu lesen standen.
„In drei, höchstens vier Monaten macht Otto sein Examen. Daß er durchkommt, ist sicher, er ist ja so klug. Seine Eltern werden riesig erfreut sein, denn in den ersten Semestern hat er viel gekneipt und gebummelt, aber wenig studiert. Wenn er durchkommt, kann er von seinen Eltern verlangen, was er will — dann will er ihnen alles sagen, und es unterliegt keinem Zweifel, daß sie ihre Einwilligung geben.“
„Und in der Zwischenzeit?“
„Bleibt alles natürlich, wie es ist. Was bedeuten drei bis vier Monate? Nun wir wissen, daß es nur noch so kurze Zeit dauert, wäre es doch mehr als dumm, alles durch zu frühe Veröffentlichung aufs Spiel zu setzen.“
Agnes sagte nichts. Sie stand auf und bezahlte, was sie verzehrt hatten. Dann setzte sie sich noch einmal, schwieg aber.
„Warum sagst du nichts?“ fragte Irma endlich mit bedrückter Miene.
„Ach, du lieber Augustin, alles ist weg, weg, weg,“ sang die andere.
„Agnes,“ rief Irma zornig, „du bist unausstehlich!“
„Bin ich? So? Na, dann wollen wir nur nach Hause gehen, mein armes, dummes Prinzeßchen.“
Die Kleine war sehr böse. Mit stolz erhobenem Haupte schritt sie neben ihrer Cousine her und sagte ihr sehr kühl Lebewohl, als sie an ihrer Wohnung angelangt waren.
Einige Tage später erhielt Frau Gontrau einen Brief von ihrem Großsohn Gustav von Holten, mit der Bitte, ihm Irma doch einige Wochen nach I. auf Besuch zu schicken. Er selbst wäre durch seine rege Berufstätigkeit viel von Hause fort und sein noch so wenig an das Stadtleben und die neue Umgebung gewöhntes Frauchen fühle sich ein bißchen einsam. Es wäre daher herrlich, wenn sie für eine Zeitlang Gesellschaft bekäme.
Das Blut stieg Irma in die Wangen, und ihre Augen glänzten vor Freude. Wie entzückend in I. auf Besuch zu sein und dort vielleicht Otto häufig zu begegnen!
„Möchtest du gerne hin, Kindchen?“ fragte Ilse.
„Ach, wie gern, Großmama! Aber dann bist du so allein!“
„O, das tut nichts, ich kann mich schon beschäftigen, und seit Müllers hier wohnen, habe ich ja immer Gesellschaft.“
„Das ist wahr. Agnes und Maud können dich alle Tage besuchen.“
„Gewiß, mein Liebling, und dann ist noch Onkel Heinz da, so wird mir's an Unterhaltung nicht fehlen. Ich glaube, daß es auch für dich heilsam ist, einmal in andre Umgebung zu kommen, Irma, denn du siehst in der letzten Zeit nicht gut aus; auch hast du dich überhaupt sehr verändert.“
„Aber Großmama,“ sagte die Kleine mit erzwungenem Lächeln und klopfendem Herzen.
Ilse streichelte das blonde Gelock ihrer Enkelin und küßte sie. „Du hast doch nichts, was dich bekümmert?“
„Gewiß nicht, Großmama; wie kommst du nur darauf?“
„Ich beobachte dich, mein Liebling, und finde, daß du oft so sonderbar bist. Weißt du, was ich mir einbildete?“
„Nein, wie sollte ich das wissen?“
„Daß der schöne Student, der auf unsrer Landpartie so aufmerksam gegen dich war, tieferen Eindruck auf dich gemacht hat, und daß du dich unglücklich fühlst, weil er seitdem nichts mehr von sich hören ließ.“
Im Zimmer herrschte Dämmerung, und Irmas Köpfchen lag an Ilses Schulter. So konnte die Großmama die Schamröte nicht sehen, welche die Wangen der Enkelin bedeckte, als diese zögernd erwiderte:
„Aber Großmama, wie hast du dir nur so was in deinen lieben, alten Kopf setzen können?“
„Nicht wahr, Kindchen? Sie haben mir bange gemacht, Onkel Heinz und deine Mama, die in jedem Brief fragte, ob ich nichts von jenem Baron gesehen habe; und dann, wie ich schon erwähnte, warst du mitunter so sonderbar; aber ich glaubte, wenn etwas derartiges wäre, würde mein Kind mir's doch sagen, denn nicht wahr, Irma, du hast Vertrauen zu mir und läßt mich an deiner Freude, wie an deinem Kummer teilnehmen?“
„Natürlich, Großmama.“
„Also war's nur eine Aufwallung, eine vorübergehende Verliebtheit! In Wirklichkeit hast du dir nie etwas aus dem Baron gemacht?“
„Nein.“
„Ich bin so froh darüber und fühle mich nun ganz beruhigt. Daraus hätte doch nie etwas werden können. Die Barone von Hochstein halten sich ja für ganz besonders vornehm. Ich bin dankbar, mein Liebling, daß dieser Kummer dir erspart geblieben ist.“
Irma begab sich in ihr Zimmer, warf sich auf ihr Bett und schluchzte, als sollte ihr das Herz brechen. Sie kam sich so schlecht vor, so heuchlerisch und doppelsinnig, daß sie einen Ekel vor sich selber empfand und im Begriff stand, wieder hinunterzugehen und ihre Schuld zu gestehen. Aber dann fiel ihr ein, wie Otto gesagt hatte, daß dies unwiderruflich alles verderben würde. So beschwichtigte sie ihr Gewissen, indem sie sich vorhielt, es werde ja nur noch ein paar Monate dauern. Dann durfte sie alles beichten und um Verzeihung bitten, daß sie die Großmama in dieser Weise hatte hintergehen müssen.

Als Irma in I. aus dem Coupé stieg, schaute sie sich überall nach Gustav und Flora um, aber niemand war zu erblicken. Etwas enttäuscht nahm sie sich eine Droschke und ließ sich nach der kleinen, dicht vor der Stadt gelegenen Villa fahren, welche ihr Bruder bewohnte.
Es war ein schöner Tag zu Ende Februar; wie holde Frühlingsahnung zog es durch die Luft. Hier und da fingen einige geschützt stehende Büsche an zu knospen, und in dem Gärtchen vor dem Hause blühten gelbe und lila Krokus. Die Villa sah allerliebst aus; von dem hell gestrichenen Giebel hob sich der Fenster und Türen umrankende Efeu malerisch ab.
Irma klingelte, mußte aber lange warten; erst als sie zum zweiten Male die Glocke zog, wurde geöffnet, und eine mürrische Stimme brummte:
„Es wird doch wohl nich so 'ne Eile haben, ich komm schon.“
Eine dicke Dienstmagd in den fünfziger Jahren, mit aufgedunsenem, frechem Gesicht, pechschwarzem Haar und einem Anflug von Schnurrbart auf der Oberlippe ward sichtbar. Sie trug ein dunkles Wollkleid, aus dessen kurzen Puffärmeln die drallen, feuerroten Arme wie fest gestopfte Würste zum Vorschein kamen. Der Boden dröhnte unter ihren Schritten, und sie hatte ganz und gar das Aussehen eines verkleideten Dragoners.
„Ist die gnädige Frau zu Hause?“ fragte Irma erschreckt und kleinlaut beim Anblick dieser martialischen Erscheinung.
„Jawohl.“
„Sagen Sie ihr, daß ich angekommen bin, Fräulein von Holten, die Schwester des Herrn.“
„Nicht nötig,“ damit deutete sie auf eine Tür am Ende des Korridors. Diesem gebieterischen Winke gehorchend, beeilte Irma sich an die bezeichnete Türe zu klopfen. Kein „Herein“ ertönte; sie schaute sich hilflos um, aber das Mannweib war verschwunden. Irma öffnete, prallte indes sofort zurück, denn das ganze Zimmer war mit Rauch erfüllt, der Qualm trieb ihr Tränen in die Augen und reizte sie zum Husten. Als sie nach einigen Augenblicken zögernd eintrat, konnte sie ein geräumiges Gemach unterscheiden, mit eleganten, ganz modernen Möbeln. Sie sah Vorhänge und Wandbekleidungen von hellgrüner Seide, mit stilisierten Blumen durchwirkt, überall in künstlerischer Unordnung durch den ganzen Raum verstreut Büsten, Bilder und Kunstwerke jeder Art. Was Irma aber am meisten in Erstaunen setzte, war Flora selbst, die in einem lose hängenden, weißen Gewande vor dem Ofen kniete und augenscheinlich die verzweifeltsten Anstrengungen machte, das Feuer anzuzünden; es wollte nicht brennen, dicke blaue Rauchwolken stiegen aus den Steinkohlen in die Höhe und hüllten die junge Frau vollständig ein.
„Mein Himmel, Flora, was treibst du da?“ rief Irma.
Die Angerufene kehrte sich um, ganz entsetzt beim Anblick ihrer Schwägerin.
„Ach Gott, ist's schon so spät? Ich wollte dich von der Bahn abholen und habe gar nicht auf die Zeit geachtet. Was soll ich nun machen? Das eklige Feuer will und will nicht brennen.“
„Eine nette Begrüßung,“ meinte Irma lachend. „Komm aber wenigstens mal her und gib mir einen Kuß, und dann wollen wir das Fenster aufreißen, denn in diesem Rauch ersticken wir ja.“
„Wenn ein Luftzug hereinkommt, werden die Kohlen erst recht nicht anbrennen.“ Und sofort kehrte Flora zum Ofen zurück.
„Aber Kind, warum rufst du nicht das Mädchen?“
„Ach, Irma, ich getraue mich nicht. Vor ein paar Stunden brannte das Feuer ganz gut; ich habe vergessen danach zu sehen, und nun wage ich nicht, sie noch einmal zu bemühen. Sie würde böse werden, und ich hab' solche Angst vor ihr.“
„Wenn es das Wesen ist, das mir aufmachte, dann glaube ich dir's. Die sah ja aus wie ein Mann. Wie konntest du nur so ein Mädchen nehmen, Flora?“
„Ach, sprich nicht davon; wir sind zwei Monate verheiratet, und dies ist schon die Fünfte.“
„So? Wie kommt denn das?“
„Ich weiß es nicht,“ klagte Flora, immer noch das Feuer anblasend. „Ich glaube, ich verstehe nicht mit ihnen umzugehen. Die erste, die wir hatten, radelte leidenschaftlich und wollte nicht kochen; dann kam eine, die stahl wie ein Rabe, in zwei Tagen war das Wirtschaftsgeld alle, ohne daß ich es ausgegeben hätte; die dritte ging in einem meiner Kleider und mit meinem Hut spazieren; die vierte hatte eines Tages ihren Schatz und noch fünf oder sechs Soldaten in der Küche. Von dieser glaube ich, daß sie trinkt, denn sie flucht entsetzlich, und ich habe schreckliche Furcht vor ihr.“
„Und Gustav?“ fragte Irma, die trotz allem lachen mußte.
„Ach, du siehst doch wohl ein, daß ich ihm mit dieser häuslichen Misere nicht lästig fallen kann. Er findet es so wie so schon merkwürdig, alle Augenblicke ein andres Gesicht zu sehen. Der Haushalt und das Mädchen gehören doch zu meinem Wirkungskreis.“
Das offenstehende Fenster schien dem Feuer bekömmlich zu sein; der Rauch verzog sich, und die Kohlen fingen an zu brennen. Mit einem Seufzer der Erleichterung stand Flora auf.
„Gott sei Dank,“ sagte sie. „Es ist ja sehr schönes Wetter, aber ohne Feuer geht es doch noch nicht.“
„Warum hast du keine Füll- oder Gasöfen?“ fragte Irma, „dann brauchtest du dich gar nicht darum zu kümmern.“
„Ach, die mag Gustav nicht. Er sagt, das sind häßliche, unkünstlerische Dinger; er will das Feuer und die Flammen sehen, das bringt ihn auf gute Gedanken und regt ihn an.“
„So! Aber sag' mal, Flora, du siehst eigentlich sonderbar aus. Gehst du immer in solch einem weißen Kleide?“
Floras Toilette war in der Tat höchst eigenartig. Ihr langes, schleppendes, weißes Gewand, am Halse ein wenig ausgeschnitten, mit weiten, hängenden Ärmeln, und ihr blondes, aufgelöstes Haar, das nur von einem schmalen, goldnen Bande zusammengehalten wurde, erinnerten sehr an Theater oder Maskenball.
„Findest du es nicht schön?“ fragte sie, indem sie sich um sich selbst drehte, damit Irma sie von allen Seiten bewundern könne.
„Ja, es steht dir sehr gut, aber es ist doch ein bißchen komisch, sich so zu kleiden; ich finde es geziert und auffallend.“
„Gustav hat's gern, wenn ich mich so kleide und das Haar aufgelöst trage; dann bin ich in seinen Augen Elsa.“
„Wird er nun bald als Schwanenritter erscheinen?“ fragte Irma spottend.
„Nein, das geht natürlich nicht, aber Gustav sagt, die Menschen, die alles, was ein bißchen vom Althergebrachten abweiche, geziert fänden, seien eben ganz und gar nicht künstlerisch veranlagt.“
Irma schaute ihre junge Schwägerin erstaunt an; aber sie sah sofort ein, daß Flora nicht beabsichtigt hatte, ihr etwas Anzügliches zu sagen. Sie wiederholte nur die Worte ihres Gatten wie eine auswendig gelernte Aufgabe.
Sie gingen jetzt zusammen nach oben, und Irma mußte das ganze Haus bewundern. Die Einrichtung war wirklich höchst geschmackvoll, aber sämtliche Zimmer und Schränke zeigten die Spuren weitgehendster Unordnung. Die mit hellen Seidenstoffen bezogenen Sessel und Sofas waren voll Flecken, und die unglaublichsten Dinge lagen überall umher. Im Schlafzimmer waren Notenbücher über den Boden verstreut, und auf dem ungemachten Bett mit herunterhängender Spitzendecke lagen Schreibmaterialien neben einem halb beschriebenen Notenblatt. Gustav hatte beim Ankleiden eine Eingebung gehabt und sofort seine Gedanken zu Papier gebracht, dann aber keine Zeit gefunden, die Arbeit durchzusehen. Nun durfte niemand daran rühren, ehe er heimkehrte. Irma war gewiß keine vollendete Haushälterin, aber bei Großmama Gontrau herrschte eine so tadellose Ordnung und anheimelnde Gemütlichkeit, daß sie sich unwillkürlich über dies tolle Durcheinander ärgerte.
„Wie kommt es, Flora, daß deine schönen Stühle schon so arg schmutzig sind?“ fragte sie, als sie wieder unten waren.
„O, das haben die abscheulichen Mägde getan,“ versetzte Flora. „Sag mal, Irma,“ fuhr sie, ihre Schwägerin mit großen, erschrockenen Augen ansehend, fort, „findest du es hier nicht nett?“
„Na, um der Wahrheit die Ehre zu geben, wenn ich erst so kurze Zeit verheiratet wäre und so viele schöne Sachen hätte, würde ich sie doch mehr in acht nehmen.“
„Ich tue, was ich kann,“ sagte Flora ernst, „aber es ist so schwer. Gustav meint, es käme darauf nicht an. Er selbst ist so zerstreut, er denkt nur an seine Musik, ist nie bei der Sache. Gestern z. B. goß er den Wein auf die Teller statt in die Gläser; er nimmt allerhand Dinge mit nach oben, die nicht in die Schlafstube gehören, und vergißt sie an ihren Platz zurückzustellen; ich will gern alles in Ordnung halten, aber ich bin so nervös, mache häufig Flecken, und zerbreche viel.“
„Das ist sehr schade,“ meinte Irma.
„Das ärgste aber von allem sind die Dienstmädchen. Ich glaube, diese Lisa ist die fürchterlichste, die ich noch gehabt habe. Stelle dir vor, morgens tritt sie bei mir an und fragt mich allerlei, was ich nicht weiß. Ich habe doch keine blasse Ahnung, wieviel Fleisch oder Fisch oder Gemüse oder Butter ich brauche, und die Preise kenne ich erst recht nicht. Verstehst du das alles?“
„Alles nicht, aber so 'ne schwache Idee habe ich doch davon.“
„Ich nicht. Großmama Flora sagte immer, der Haushalt ginge von selbst, den brauchte man nicht zu lernen. Mama hat zwar in letzter Zeit versucht, mir einiges zu zeigen, aber ich war so von meiner Liebe zu Gustav erfüllt, daß ich nicht aufpaßte. Nun tut mir das leid. Jetzt, wo du hier bist, kannst du mich belehren, ja?“
„Viel wird das nicht sein; aber so gut ich kann, will ich dir gern helfen.“
„Wirst du dich auch vor Lisa fürchten?“
„Nein, sie ist doch nur die Magd.“
In diesem Augenblick trat die, von der sie soeben gesprochen, ins Zimmer.
„Es ist Zeit, den Tisch zu decken,“ sagte sie barsch, und dann fuhr sie, zu Flora gewendet, fort:
„Geben Sie mir die Schlüssel zum Wäscheschrank und zum Weinkeller.“
Irma gab ihrer Schwägerin einen Wink, daß sie es verkehrt finde, dem Mädchen die Schlüssel zu überlassen, wandte sich aber verlegen ab und betrachtete aufmerksam einen Kupferstich an der Wand, als Lisa sie mit herausforderndem Blick ansah, und die Hände in die Seiten stemmte.
Die Magd füllte die ganze Stube mit ihren schwerfälligen, plumpen Bewegungen und ihrer Riesengestalt aus. Dröhnend ging sie hin und her und schaute immer wieder so drohend nach der Türe, daß den beiden Kindern angst und bange wurde, und sie, der gleichen Empfindung folgend, zusammen das Zimmer verließen.
Gustav kam nach Hause. Er hatte sich, seit Irma ihn zuletzt gesehen, wenig verändert. Seine träumerischen Augen starrten wie immer ins Blaue hinein. Sein Haar war gewachsen und ringelte sich bis in den Nacken. Er trug eine kurze Samtjoppe, einen Umlegekragen und eine breite, flatternde Krawatte. Als er eintrat, flog Flora ihm entgegen, und ohne von seiner Schwester die geringste Notiz zu nehmen, schloß er sein Weibchen in die Arme und küßte es. Diese Umarmung dauerte mindestens fünf Minuten. Irma vernahm alle möglichen Ausrufe, wie: „Mein blondgelockter Engel! Meine Elsa! Meine reine, weiße Lilie!“ — und: „Mein Held! Mein Künstler! Mein liebes Männchen!“ &c. Ihr wurde ganz schwach, und endlich rief sie:
„Hört mal, ich bin auch noch da!“
Nun hieß Gustav sie herzlich willkommen und ging dann in sein Zimmer. Auch hier herrschte eine geniale Unordnung. Stöße von Musikheften bedeckten den Flügel sowie sämtliche Stühle und selbst die Erde, sodaß es eine Kunst war, einen Weg durch dies Chaos zu finden.
Die gefürchtete Lisa meldete, daß das Essen fertig sei.
„Ich will nicht, daß alles kalt wird,“ fügte sie hinzu; „sagen Sie also dem Herren, er soll gleich kommen.“
Gehorsam ging Flora, um ihren Mann zu rufen; er saß am Flügel und spielte. In den ersten zehn Minuten gab er auf die Bitte seiner jungen Frau überhaupt keine Antwort.
Endlich, als sie es wagte, leise näher zu treten und ihn auf ihre Anwesenheit aufmerksam zu machen, stand er träumerisch auf, fuhr mit der Hand durch sein langes Haar und folgte ihr.
Lisa brachte das Essen herein und bediente mit einem Gesicht wie eine dräuende Gewitterwolke. Das Mahl war gut zubereitet, aber es wurde in solchen Mengen aufgetragen, daß noch mindestens zehn Personen hätten mitspeisen können. Irma machte ein sehr erstauntes Gesicht.
„Was für ein kolossaler Rinderbraten, der würde für ein Waisenhaus genügen,“ sagte sie, als Lisa das Riesenstück auf den Tisch stellte.
Das Mädchen warf ihr unter gerunzelten Brauen einen wütenden Blick zu, und Flora winkte ihr erschrocken, sie möchte schweigen.
„Aber Kind,“ begann Irma, als das Schreckgespenst das Zimmer verlassen hatte, „warum bestellst du solche Riesenbraten? Nun müssen wir die ganze Woche von kaltem Fleisch leben.“
„O nein, davon ist morgen nichts mehr übrig.“
„Was!“ rief Irma, mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen.
„Ja, wo es hinkommt, weiß ich nicht.“
„Aber das ist doch unmöglich. Wir drei zu Hause essen nicht den zehnten Teil von dem, was hier aufgetischt wird; wo bleiben denn die Reste?“
„Auf den Tisch kommt nichts mehr davon.“
„Aber dann bringt Lisa sie beiseite.“
„Ums Himmels willen, sei doch still. Wenn sie das hörte!“
„Na, es ihr ins Gesicht zu sagen, würde ich freilich nicht wagen. Aber Gustav, du, der Herr des Hauses, solltest doch das Mädchen zur Rede stellen.“
„Um was handelt sich's denn?“ fragte Gustav, der in seiner zerstreuten Art aß, auf nichts achtete, was um ihn her geschah, und nicht hörte, was gesprochen wurde.
Irma legte ihm den Fall vor.
Er schaute ebenso hilflos drein, wie sein kleines Frauchen, und sagte freundlich:
„Meine liebe Irma, was können wir da machen?“
„Nun, aufpassen und wenn nötig, sie ins Verhör nehmen.“
„O nein, das Frauenzimmer würde heulen, schreien und fluchen. Ich finde sie schon schrecklich genug, mit ihrer lauten Stimme und ihren unschönen Bewegungen. Ich möchte so gern ein Mädchen haben, das mit Floras poetischer Erscheinung mehr im Einklang stände. Was sie aber mit dem übriggebliebenen Essen macht, kann mir doch ganz egal sein.“