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Tom Sawyers Neue Abenteuer

Tom Sawyer im Luftballon. (continued 2)

Reading edition

Wir waren da unten zwei Stunden lang in der sengenden Hitze gewesen und hatten einen fürchterlichen Durst, als wir wieder an Bord gingen. Wir stürzten uns auf unser Wasserfaß, aber das Wasser war schlecht geworden und bitter und außerdem recht hübsch heiß, so daß es uns beinahe den Mund verbrannte. Wir konnten es nicht trinken. Es war Mississippiwasser – ›das beste der Welt‹ – und wir rührten den Bodensatz auf, um mal zu sehen, ob das nicht vielleicht hülfe – aber nein, der Schlamm machte das Wasser auch nicht besser!

Na, so übermäßig durstig waren wir vorher, solange uns das Schicksal jener verirrten Menschen interessierte, eigentlich nicht gewesen – aber nun waren wir’s, und sobald wir sahen, daß wir nichts zu trinken haben konnten, da waren wir fünfunddreißigmal so durstig als ’ne Viertelminute zuvor. Wahrhaftig, es dauerte nicht lange, so sperrten wir vor Durst den Mund auf und keuchten wie Hunde.

Tom sagte, wir müßten nur nach allen Himmelsrichtungen recht scharfen Ausguck halten, denn jedenfalls würden wir ’ne Oase finden oder es würde uns sonst irgendwas Merkwürdiges passieren. Das taten wir denn auch. Die ganze Zeit bestrichen wir mit den Ferngläsern den Horizont, bis unsere Arme so lahm waren, daß wir die Dinger nicht mehr halten konnten. So vergingen zwei Stunden – drei Stunden – wir guckten und guckten: aber da war nichts als Sand, Sand, Sand, und der flimmernde heiße Dunst zitterte über dem Erdboden. O je, o je! was es heißt, sich so recht hundeelend zu fühlen, das weiß man erst, wenn man fortwährend einen fürchterlichen Durst hat und dabei denkt, man wird überhaupt niemals mehr Wasser zu sehen kriegen. Zuletzt konnte ich’s nicht mehr aushalten, immerzu auf diese backofenheiße Ebene zu gucken; ich gab es auf und streckte mich auf der Bank aus.

Auf einmal aber stößt Tom ’nen Jauchzer aus – und richtig, da war das Wasser! Ein großer glänzender See, von schläfrig wiegenden Palmen umsäumt, die sich ganz wunderbar zart und fein im Wasser spiegelten. Es war eine tüchtige Entfernung bis zu dem See; aber was machte das uns aus? Wir zogen einfach den Knopf der Hundertmeilengeschwindigkeit, sodaß wir nach unserer Berechnung in sieben Minuten dort sein mußten. Der See blieb aber immerzu in derselben Entfernung; wir vermochten ihm nicht um Haaresbreite näherzukommen; auf mein Wort: er blieb immer glänzend und fern vor uns liegen wie ein Traumbild. Aber näher kamen wir nicht; und auf einmal – war der See verschwunden!

Tom riß die Augen ganz weit auf und rief:

»Jungens, es war ’ne Fata Morgana!«

Er sagte das, als ob’s ihn riesig freute; ich sah aber durchaus nichts, worüber er sich hätte freuen können und sagte:

»Kann sein. Wie der See heißt, ist mir ganz schnuppe. Aber eins möchte ich wohl wissen: wo ist er hingekommen?«

Jim schlotterte an allen Gliedern und hatte solchen Schreck gekriegt, daß er kein Wort sprechen konnte; aber ich sah ihm an, daß er genau dasselbe fragen wollte wie ich.

»Wo er hingekommen ist?« rief Tom. »Na, ihr seht doch selber, daß er verschwunden ist!«

»Na, das weiß ich. Aber wohin ist er verschwunden?«

Tom sieht mich von oben bis unten an und sagt:

»Na, Huck Finn, wo sollte er denn wohl hingekommen sein? Weißt du denn nicht, was ’ne Fata Morgana ist?«

»Nee. Was ist es denn für’n Ding?«

»Nichts als Einbildung. ’s ist überhaupt nichts Reelles dran.«

Es fuchste mich ein bißchen, daß er so ’nen Unsinn redete, und ich sagte:

»Wie kannst du bloß so quatschen, Tom Sawyer? Hab’ ich denn nicht den See gesehen?«

»Ja – du glaubtest, du sähest ihn.«

»Geglaubt hab’ ich ganz und gar nichts. Ich hab’ ihn gesehen!«

»Ich sage dir, du hast ganz und gar nichts gesehen – denn es war überhaupt nichts da.«

Jim war ganz verblüfft, Tom so reden zu hören; er konnte nicht länger den Mund halten und sagte traurig und in flehendem Ton:

»Massa Tom, bitte, bitte – sagen nix so ’ne Sach’ in so ’ne schröcklicher Zeit wie nu! Sie riskier nix bloß ihr eigenes Haut, sonnern auch unsern sein – grad wie Anna Nias un Siffira. Die See waren da – ich sahen ihm ganz genau so wie ich in diese Minuten Ihnen un Huck sehn tu!«

»Was willst du denn, Jim?« ruf ich. »Tom sah ihn ja selber! Er war ja der Allererste, der ihn zu allererst sah! Na, also!«

»Ja, Massa Tom, das is so – Sie könn’ es nix leugnen. Wir sahen ihm alle, un das beweisen, ihm war da!«

»Beweist? Wieso beweist es das?«

»So wie vor die Gerichte un überall, Massa Tom! Eine Mensch könnten betrunken sein oder was träumen oder in Dussel, un könnten sich irren – un auch zwei könnten. Aber ich will Sie was sagen, Massa Tom: wenn drei ein Ding sehen, un sie sind nüchtern oder betrunken, denn is es so. Da kann Sie nix gegen sagen, Massa Tom, un das weiß Sie wohl!«

»Ich weiß von nichts. Früher haben vierzigtausend Millionen Menschen existiert, die alle sahen, daß Tag für Tag die Sonne von der einen Seite des Himmels nach der anderen ’rüberwanderte. Bewies das, daß die Sonne sich wirklich bewegte?«

»Natürlich bewiesen es! Un was brauchte das erst bewiesen zu sein? Wenn eine Mensch eine kleine bißchen Grips hat, wie kann sie zweifeln? Gucke Sie, Massa Tom – da segeln sie über das Himmel, wie sie jeden lieben Tag tun!«

Da dreht Tom sich nach mir um und sagt:

»Und was sagst du dazu – steht die Sonne still?«

»Tom Sawyer, was hat’s für’n Zweck, so ’ne quatschige Frage zu tun? Jeder, der nicht blind ist, kann sehen, daß die Sonne nicht still steht!«

»Na ja!« ruft Tom. »Da segle ich nun hoch im Himmel herum mit zwei dummen Biestern, die von diesen Geschichten nicht mehr wissen als vor drei- oder vierhundert Jahren ein Universitätsrektor.«

Das war nicht schön von Tom, daß er so was sagte, und ich gab ihm das auch zu verstehen. Ich sagte:

»Mit Schimpfereien beweist du nichts, Tom Sawyer.«

»O meine himmlische Güte! O meine gütige Barmherzigkeit! Das is das See wieder!« kreischt Jim gerade in diesem Augenblick. »Nu, Massa Tom, was will Sie nu sagen?«

Jawohl, das war der See wieder! ganz fern hinten am Rand der Wüste, vollkommen deutlich mit Palmen und allem anderen, genau wie vorher. Ich sage:

»Ich denke, nun bist du überzeugt, Tom Sawyer!«

Aber er antwortete vollständig ruhig:

»Ja, überzeugt, daß kein See da ist.«

Da ruft Jim:

»O, sprech Sie nix so, Massa Tom – ich kriegen die Zitter, wenn Sie so reden. Es is so heiß un Sie haben so große Durst, daß Sie nix ganz wohl sein, Massa Tom. O, wie sieht doch das See schön aus! Ich können es gar nix mehr abwarten, daß wir da sein. Ich haben so fürchterliche Durst!«

»Nu, du wirst eben warten müssen; und du wirst an dem See nicht viel Freude haben, denn ich sage dir: es ist gar kein See da!«

»Jim!« sage ich; »laß den See nur nicht aus dem Auge; ich werde ebenfalls scharf hingucken, damit wir ihn nicht wieder verlieren.«

»O, wie werden ich weggucken! Un wenn ich auch wollen, ich konnten es ja gar nix!«

Wir flogen mit aller Geschwindigkeit auf den See zu, Meile auf Meile, wie wenn’s gar nichts gewesen wäre. Aber nicht um einen Zoll kamen wir ihm näher, und auf einmal – da war er wieder weg! Jim schwankte auf den Füßen und wäre beinahe umgefallen. Als er endlich wieder zu Atem kam, schnappte er wie ein Fisch nach Luft und sagte:

»Massa Tom – es is ein Gespenst! Das is diese See, un ich hoffen zu die liebe Gott, wir sehen ihm nu nix mehr! Eine See waren da un mit die See is was passieren un sie is tot geblieben un wir sahen seine Geist von diese See; wir sahen ihm zweimal un das is eine Beweis. Der Wüste is behext, ganz gewiß sein ihm behext! O, Massa Tom, laß uns fort. Lieber wollen ich sterben, als daß die Nacht uns überfallen in diese Wüste, un der Gespenst und das See kommen un packen uns wenn wir in Schlaf liegen un gar nix wissen, daß wir in eine Gefahr sein!«

»Ein Gespenst, du Gänserich! Es ist weiter nichts als Luft und Hitze und die Einbildungskraft von ’nem Menschen, der großen Durst leidet. Wenn ich – gib mir mal das Fernrohr!«

Er nahm das Glas und fing aufmerksam an, nach rechts vor uns den Horizont zu beobachten. Schließlich sagte er:

»Es ist ein Vogelschwarm; er fliegt nach Sonnenuntergang zu und wird unsern Kurs in gerader Linie kreuzen. Sie haben es eilig und fliegen nicht zu ihrem Vergnügen – vielleicht suchen sie Nahrung oder Wasser oder beides zugleich. Steuerbord, Huck! Einen Schlag herum! So! Halt’ ein bißchen ’ran! Nun ist’s recht, – vorwärts, geradeaus!«

Wir mäßigten die Fahrgeschwindigkeit ein bißchen, um nicht bei den Vögeln vorbeizusegeln, und fuhren immer ein paar hundert Meter hinter ihnen her. Als wir anderthalb Stunden so gesegelt waren, wurden wir immer mutloser und unser Durst war rein unerträglich geworden. Da sagt Tom auf einmal:

»Nehme mal einer von euch das Fernrohr und sehe, was da gerade vor den Vögeln ist!«

Jim sah zuerst durch und plumpste halb ohnmächtig auf die Bank nieder. Ganz weinerlich schrie er:

»Das is sie wieder, Massa Tom! Da is diese See, un nu wissen ich, ich müssen sterben, denn wenn eine Mensch einen Gespenst das dritte Mal sehen tun, dann sein es alles aus! O! Wenn ich doch nie un nie in diese Ballone gekommen wäre! O, nie un nie!«

Er wollte gar nicht mehr durchs Fernrohr gucken, und seine Worte machten mir ebenfalls Angst, denn ich wußte, er hatte ganz recht; genau so geht es mit Gespenstern immer zu. Und darum wollte ich auch nicht durchgucken. Wir baten beide Tom, er möchte doch abstoppen und in ’ner anderen Richtung segeln, aber das wollte er nicht; er sagte sogar, wir seien alle beide unwissende, abergläubische Windbeutel. Jawohl! dachte ich bei mir selber, das wird ihm recht bald schlecht bekommen; daß er Geister auf solche Weise beleidigt. ’ne Zeitlang sehen sie’s vielleicht geduldig mit an, aber immer lassen sie sich es nicht gefallen; denn wer auch bloß ein bißchen mit Geistern Bescheid weiß, der weiß, wie empfindlich und leicht beleidigt und wie rachsüchtig sie sind.

So waren wir denn alle drei ruhig und still: Jim und ich, hatten Angst, und Tom machte sich mit dem Steuerapparat zu schaffen. Nach ’ner kleinen Weile ließ er das Luftschiff ganz stillstehen und sagte:

»Na, nun mal den Kopf hoch und euch umgeschaut, ihr Wasserköpfe!«

Wir taten’s, und richtig – da war Wasser gerade unter uns! Klar und blau und kalt und tief, und von einer leichten Brise gekräuselt – der reizendste Anblick, den man sich nur denken kann. Die Ufer waren ringsherum mit Gras und Blumen bewachsen, mit schattigen Wäldchen von großen Bäumen bestanden, zwischen denen sich Weinreben rankten. Und alles sah so friedlich und so gemütlich aus – so wunderschön, daß man hätte geradezu laut herausweinen mögen.

Jim weinte wirklich und tanzte dazu und heulte dann wieder, so dankbar war er und vor Freuden ganz außer sich. Ich hatte die Wache und mußte daher an Bord bleiben; aber Tom und Jim kletterten runter und tranken jeder ein Faßvoll und ließen mir auch was zukommen, und ich habe in meinem Leben Manches genossen, was gut schmeckte, aber nichts, was sich mit diesem Wasser auch nur annähernd vergleichen ließe!

Dann gingen Tom und Jim ins Wasser und schwammen ein Stückchen; hierauf kam Tom an Bord und löste mich ab, und ich schwamm mit Jim in den See hinaus. Dann löste Jim wieder Tom ab, und ich und Tom veranstalteten einen Wettlauf und ein kleines Boxen. Und ich glaube, so wohlig hab’ ich mich in meinem ganzen Leben nicht gefühlt. Die Hitze war gar nicht so übermäßig, weil es schon auf den Abend zuging; außerdem hatten wir nicht ein einziges Stück Zeug an. Kleider sind ja ganz schön und gut in der Schule und in Städten und meinetwegen auch auf Bällen, aber es wäre ja gar kein Sinn und Verstand drin, Kleider zu tragen, wenn keine Zivilisation mit all ihrem Getue und Genörgele in der Nähe ist.

Auf einmal schreit Jim:

»Löwen! Löwen kommen! Schnell, Massa Tom! Lauf was du kannst, Huck!«

O, wie rannten wir! Wir hielten uns nicht mal damit auf, unsere Kleider aufzunehmen, sondern walzten, hast du nicht gesehen!, auf die Strickleiter los. Jim verlor völlig den Kopf – das geht ihm nämlich immer so, wenn er in Aufregung und Angst gerät. Anstatt den Ballon ein kleines bißchen höher steigen zu lassen, so daß die Bestien die Leiter nicht mehr erreichen konnten, ließ er die ganze Kraft los, und hoch in den Himmel sausten wir hinauf, an unserer Strickleiter baumelnd! Zum Glück merkte er sofort, was für einen Unsinn er gemacht hatte. Er stoppte also ab; nun hatte er aber völlig vergessen, was er zunächst zu tun hatte – und da hingen wir denn oben in der Luft, so hoch, daß die Löwen wie Schoßhündchen aussahen, und trieben vor dem Winde.

Aber Tom kletterte an Bord, stellte den Steuerapparat wieder richtig und ließ den Ballon langsam zur Erde hinunter und zwar wieder nach dem See zurück, wo ’ne Menge Bestien versammelt waren, wie wenn sie da Biwak halten wollten. Ich dachte, er hätte gerade wie Jim seinen Kopf verloren, denn er wußte doch, daß ich vor Angst nicht die Strickleiter ’raufklettern konnte. Er wollte mich doch nicht etwa mitten zwischen den Löwen und Tigern auf den Erdboden setzen?

Aber nein – in seinem Kopf war alles richtig, er wußte ganz genau, was er wollte. Er ließ den Ballon nieder, bis er ungefähr dreißig oder vierzig Fuß über dem Wasserspiegel schwebte und genau über der Mitte hielt er still und rief:

»Laß los und hops’ hinein!«

Das tat ich; mit den Füßen voran schoß ich ins Wasser, und es kam mir vor, als tauchte ich ’ne Meile, bis ich auf den Grund kam; und als ich wieder nach oben kam, sagte Tom:

»Nun leg’ dich auf den Rücken und laß dich treiben, bis du dich ausgeruht und wieder deine ganze Schneid beisammen hast; dann will ich die Leiter bis ins Wasser ’runterlassen, und du kannst an Bord klettern.«

So machte ich es denn. Na, und diese Strategik war riesig schlau von Tom; denn wenn er nach irgend ’ner anderen Stelle gesegelt wäre und mich da auf den Sand gesetzt hätte, so wäre die ganze Menagerie ebenfalls dahin gelaufen, und so hätten sie uns vielleicht nach einer sicheren Stelle herumsuchen lassen, bis ich schließlich schwindlig geworden und von der Leiter gefallen wäre.

Und während dieser ganzen Zeit stritten die Löwen und Tiger sich um unsere Kleider, und versuchten sich so darin zu teilen, daß jeder von ihnen etwas kriegte; aber es gab fortwährend Meinungsverschiedenheiten unter ihnen, indem alle Augenblicke irgend eine Bestie sich mehr anzueignen versuchte, als auf ihren Anteil kam. Es dauerte nicht lange, so gab es wieder Aufruhr, und so etwas wie diesen Anblick hat die Welt noch nicht erlebt! Es müssen ihrer ein Stücker fünfzig gewesen sein, alle in einem wilden Kuddelmuddel, fauchend, brüllend, schnappend, beißend, kratzend – Beine und Schwänze hoch in die Luft, und man konnte die einzelnen Biester nicht mehr unterscheiden, und rings um sie herum stoben Haare und Sand. Und als sie fertig waren, da lagen mehrere tot da, andere humpelten verwundet davon und die übrigen saßen auf dem Schlachtfeld ’rum. Die einen beleckten ihre Wunden, die anderen guckten zu uns empor, als ob sie uns einladen wollten, wir möchten doch ’runterkommen und den Spaß ein bißchen mitmachen. Aber wir dankten für den Spaß – wir brauchten keinen.

Von Kleidern war nichts, aber auch rein gar nichts mehr vorhanden. Die Bestien hatten sie bis auf den letzten Fetzen verschlungen; und ich glaube, sie dürften ihnen nicht sonderlich gut bekommen sein, denn es waren eine beträchtliche Menge Messingknöpfe dran, und in den Taschen befanden sich Messer, Rauchtabak, Nägel, Kreide, Marmeln, Angelhaken und andere solche Sachen. Aber mir war’s einerlei. Nur das machte mich ein bißchen nachdenklich, daß wir jetzt bloß des Professors Kleider hatten. Die Auswahl war ja allerdings reich genug, aber die einzelnen Stücke waren nicht gerade danach gemacht, um mit ihnen in Gesellschaft zu gehen – für den Fall, daß wir einer begegnet wären. Denn die Hosen waren so lang wie Eisenbahntunnel und die Röcke usw. dementsprechend. Schließlich brauchten wir aber doch bloß ’nen Schneider, um das alles in Ordnung zu bringen, und Jim hatte so ’nen kleinen Begriff von der Schneiderkunst, und er sagte, er könnte uns wohl ein paar Anzüge zurecht machen, die uns einstweilen genügen würden.

Neuntes Kapitel.

Ehe wir weiter segelten, hatten wir aber noch ein kleines Geschäftchen zu besorgen, und zu diesem Zweck mußten wir doch mal den Löwen und Tigern ’nen Besuch abstatten. Der größere Teil von des Professors Mundvorrat bestand in Büchsenkonserven von einer gerade damals erfundenen neuen Art; der Rest war frisches Fleisch. Nun, wenn man Missouribeefsteak nach der Großen Sahara mitnimmt, so muß man ein bißchen vorsichtig damit umgehen und sich in den kühleren Luftschichten halten. Wir dachten daher bei uns selber, es wäre am besten, wenn wir die Löwenversammlung besuchten und mal sähen, was da zu machen wäre.

Wir zogen die Strickleiter ein und ließen das Luftschiff sinken, bis wir gerade über den Bestien waren; dann ließen wir ein Tau mit ’ner Schlinge nieder und haspelten einen toten Löwen an Bord, einen kleinen zarten, und außer diesem noch einen jungen Tiger. Wir mußten die Versammlung mit dem Revolver in respektvoller Entfernung halten, sonst hätten die verehrlichen Tiere sich an dem Spaß beteiligt und uns ein bißchen geholfen.

Wir schnitten uns von den beiden Tieren einen guten Vorrat herunter, zogen ihnen die Felle ab und warfen den Rest über Bord. Dann versahen wir einige von des Professors Angelhaken mit Ködern von dem frischen Fleisch und fingen an zu fischen. Wir schwebten gerade in der richtigen Entfernung über dem Seespiegel und fingen eine Menge von den reizendsten Fischen, die man sich nur denken kann. Nachher hatten wir ein ganz großartiges Abendessen: Löwensteak, Tigerschnitzel, gebackene Fische und warme Maiskuchen. Was Besseres verlange ich meiner Lebtage nicht.

Zum Nachtisch hatten wir Obst. Dieses kriegten wir aus der Krone eines riesengroßen Baumes. Es war ein sehr schlanker Baum, der vom Fuß bis zum Wipfel nicht ’nen einzigen Ast hatte; oben aber brach er auseinander wie ein Flederwisch. Natürlich war’s ein Palmbaum; ’nen Palmbaum kennt jedermann in der ersten Minute, wo er ihn sieht, nach den Abbildungen. Wir suchten in diesem Palmenwipfel nach Kokosnüssen – aber ’s gab keine, sondern da waren bloß große Bündel von ’ner Art von überlebensgroßen Weintrauben, aber es waren auch keine Trauben, sondern Datteln, wie Tom uns erklärte; denn die Beschreibungen in Tausend und einer Nacht und in den anderen Büchern, sagte er, paßten ganz genau auf sie. Natürlich konnten wir nicht wissen, ob’s wirklich welche waren; sie konnten ja auch giftig sein. Darum mußten wir denn ein Weilchen warten und aufpassen, ob die Vögel von diesen Früchten äßen. Sie taten’s, und darum taten wir’s auch und sie schmeckten über alle Maßen gut.

Inzwischen waren riesengroße Vögel herangekommen und hatten sich auf den toten Bestien niedergelassen. Es waren freche Geschöpfe; sie zerrten ganz munter am einen Ende von ’nem toten Löwen, an dessen anderem ein andrer Löwe nagte. Wenn der Löwe den Vogel wegjagte, nützte ihm das auch nicht viel; sobald der Löwe wieder am Knabbern war, war auch der Vogel an seinem Ende schon wieder da.

Es war seltsam und unnatürlich anzusehen, wie Löwen Löwenfleisch fraßen; wir dachten, vielleicht wären sie nicht miteinander verwandt, aber Jim sagte, das machte keinen Unterschied. Eine Sau, sagte er, fräße auch mit Vorliebe ihre eigenen Kinder, und ’ne Spinne machte es gerade so; und er meinte, vielleicht wäre auch ein Löwe annähernd ebenso grundsatzlos, wenn auch nicht ganz so schlimm. Ein Löwe würde wahrscheinlich nicht seinen eigenen Vater fressen – vorausgesetzt, daß er ihn erkannt hätte, – aber seinen Schwager z. B. würde er doch wohl verspeisen, wenn er ganz besonders hungrig wäre, und seine Schwiegermutter würde unter allen Umständen dran glauben müssen. Aber das alles waren Mutmaßungen, mit denen nichts bewiesen wurde. Man kann die Zeit berechnen, wann die Kuh nach Hause kommen muß – aber ob sie wirklich kommt, das ist ’ne andere Frage. Darum gaben wir’s denn auch auf und zerbrachen uns nicht länger den Kopf darüber.

Für gewöhnlich war’s sehr still in diesen Wüstennächten, aber diesmal hatten wir Musik. Eine ganze Schar von anderen Tieren kam zum Mahl; schleichende Kläffer, die, wie Tom uns erklärte, Schakale waren, und andere, bucklige: Hyänen. Und diese ganze Gesellschaft unterhielt ein unaufhörliches Gebell. In dem Mondschein boten sie einen ganz eigenartigen Anblick. Wir hatten unser Luftschiff mit einem Seil an einem Baumwipfel festgemacht und brauchten deshalb keine Wache zu halten, sondern legten uns alle zum Schlafen hin. Aber zwei- oder dreimal war ich auf, um mir die Biester anzusehen und ihre Musik anzuhören. Ich saß sozusagen mit ’nem Freibillet auf dem ersten Rang in ’ner Menagerie. Sowas war mir in meinem Leben noch nie passiert, und deshalb wäre es ja ’ne Dummheit gewesen zu schlafen und die Gelegenheit nicht nach Möglichkeit auszunutzen; denn wer konnte wissen, ob sie sich mir jemals wieder bieten würde?

Mit dem Morgengrauen fingen wir wieder Fische; nachher faulenzten wir den ganzen Tag im tiefen Schatten einer Insel; indessen hielten wir abwechselnd Wache, damit nicht irgend ’ne Bestie uns auf den Hals käme und sich ’nen Erronauter zum Mittagessen holte. Wir hatten die Absicht, den nächsten Tag weiter zu fahren, konnten’s dann aber doch nicht übers Herz bringen – es war zu reizend!

Als wir endlich am dritten Tag himmelwärts flogen und nach Osten davonsegelten, konnten wir die Augen nicht von dem lieblichen Ort wenden, bis er nur noch als ein kleines Fleckchen in der Wüste erschien, und ich kann versichern, uns war gerade so zu Mute, wie wenn wir auf Nimmerwiedersehen von einem lieben Freunde Abschied nähmen.

Jim hatte schon ’ne Zeitlang nachdenklich vor sich hingeguckt; zuletzt sagte er:

»Massa Tom, wir sein nu bald an die Ende von die Wüste, denken ich.«

»Warum?«

»Nu, das sagen uns doch bissel Vernunft! Sie weiß, wie lange wir schon über sie gondeln tun. Muß aus lauter Sand gemachen sein. Sand müssen ein Ende nehmen, denn wo sollen die viele Sand herkommen?«

»Unsinn! ’s gibt Sand genug auf der Welt – darum brauchst du keine Sorgen zu haben!«

»O, habben ich keine Sorgen nix, Massa Tom. Aber ich wundere mir. Die liebe Gott haben viele Sand, daran zweifle ich nix; aber ihm werden doch gewiß seine Sand nix verschwenden! Un ich sagen: dies Wüste is nu viel groß genug, so wie sie sein, un größer können sie nix werden, wenn nix liebe Gott seine Sand verschwenden.«

»O, laß dich begraben! Wir sind auf unserer Reise über die Wüste kaum erst ein hübsches Stück über den Anfang weg. Die Vereinigten Staaten sind ein recht tüchtig großes Land, nicht wahr? Nicht wahr, Huck?«

»Ja,« sag’ ich, »größere Länder gibt’s überhaupt nicht, so viel ich weiß.«

»Na, diese Wüste ist ungefähr so groß wie die Vereinigten Staaten, und wenn du sie oben auf unser Land legtest, so wäre von diesem nichts mehr zu sehen – gerad’ wie wenn du ’n Tuch drübergedeckt hättest. Ein kleines Eckchen würde da oben bei Maine ’rausgucken und auch im Nordwesten eins, und Florida würde herausragen wie’n Schildkrötenschwanz – aber das wäre alles. Vor’n paar Jahren haben wir ja Kalifornien den Mexikanern abgenommen; dieser Teil von der Pazifikküste ist also jetzt auch unser, und wenn ihr die Große Sahara so hinlegtet, daß ihr Rand genau am Stillen Ozean entlang liefe, so würde sie die ganzen Vereinigten Staaten bis New York bedecken und noch ein sechshundert Meilen breites Stück vom Altlantischen Ozean obendrein!«

»O du himmlische Güte!« ruf’ ich. »Hast du das schwarz auf weiß gesehen, Tom Sawyer?«

»Jawohl, ich kann’s dir sogar schwarz auf weiß zeigen. Sieh’ selber in diesem Buch nach. Mit der Wüste könntest du jeden Quadratzoll von den Vereinigten Staaten zudecken und unter den überschießenden Teil könntest du England, Schottland, Irland, Frankreich, Dänemark und Deutschland ’reinstopfen. Jawoll! Die Heimat der Braven und all die anderen Länder könntest du mit der Großen Sahara zudecken und hättest noch ’ne hübsche Menge Quadratmeilen reinen Sand über!«

Wir unterhielten uns noch lange über die Ausdehnung der Wüste, und je mehr wir sie mit diesem und jenem und sonst ’nem Ding verglichen, desto nobler und gewaltiger und großartiger kam sie uns vor. Schließlich fand Tom aus seinen Zahlentabellen ’raus, daß sie genau so groß ist wie das chinesische Reich. Dann zeigte er uns, was für ’nen großen Raum das Kaiserreich China auf der Landkarte einnimmt und was für ein großes Stück von der ganzen Welt chinesisch ist. Man konnte sich’s wirklich kaum vorstellen, und ich rief unwillkürlich:

»Ich hab’ ja von dieser Saharawüste schon oft sprechen hören, aber nie hab’ ich ’ne Ahnung gehabt, wie bedeutend sie ist!«

»Bedeutend?« sagte Tom. »Die Sahara bedeutend! Ja, so reden die Leute! Wenn etwas groß ist, ist es bedeutend! Danach beurteilen sie alles; sie sehen immer bloß den Umfang. Nun, sieh dir mal England an. Das ist das allerbedeutendste Land auf der Welt; und dies Land könntest du in Chinas Westentasche stecken und nicht nur das – du würdest es in dieser Westentasche ’ne verflixt lange Zeit zu suchen haben, wenn du’s das nächste Mal brauchtest. Nun sieh dir auch mal Rußland an. Das dehnt sich nach allen Seiten aus und hat trotzdem auf dieser Welt nicht mehr zu bedeuten als Rhode Island, und du findest in ganz Rußland nicht halb so viel wie in Rhode Island, was des Suchens wert ist.«

In der Ferne erblickten wir jetzt einen kleinen Hügel, der gerade am Ende der Welt stand. Tom unterbrach sich, griff ganz aufgeregt nach dem Fernrohr, sah hindurch und rief:

»Das ist er – das ist ganz bestimmt gerade der, nach dem ich schon lange ausgeschaut habe! Ganz gewiß ist das der Berg, in den der Derwisch den Mann hineinführte, um ihm all die Schätze zu zeigen.«

Wir guckten natürlich uns den Berg ganz genau an, und Tom begann uns die Geschichte davon zu erzählen, wie sie in Tausend und einer Nacht steht.

Zehntes Kapitel.

Tom sagte, die Sache hätte sich folgendermaßen zugetragen:

»Ein Derwisch wanderte durch die Wüste; es war ein sengend heißer Tag und er ging zu Fuß und hatte schon seine tausend Meilen hinter sich und war sehr arm und hungrig und abgerissen und müde, und hier in der Gegend, wo wir jetzt sind, begegnete er einem Kameltreiber mit hundert Kamelen und bat ihn um ein Almosen. Der Kameltreiber sagte aber, er möchte ihn entschuldigen, leider könnte er ihm nichts geben.

»›Gehören dir denn nicht diese Kamele?‹ fragte der Derwisch.

»›Ja, sie gehören mir.‹

»›Hast du Schulden?‹

»›Wer – ich? Nein!‹

»›Nun, ein Mann, der hundert Kamele besitzt und keine Schulden hat, der ist reich – und nicht nur reich, sondern sogar sehr reich. Nicht wahr?‹

»Der Kameltreiber räumte ein, dies sei richtig. Da sagte der Derwisch:

»›Gott hat dich reich gemacht und Er hat mich arm gemacht. Er hat Seine Gründe und sie sind weise – gesegnet sei Sein Name! Aber Er hat befohlen, daß Seine Reichen Seinen Armen helfen und du hast dich von mir, deinem Bruder, in seiner Not abgewandt; Er wird dir das gedenken und es wird zu deinem Schaden sein.‹

»Dem Kameltreiber wurde unbehaglich zumute, als er diese Worte hörte; er war aber von Natur gewaltig aufs Geld erpicht und mochte nicht einen Cent missen. So begann er denn zu winseln und allerlei Entschuldigungen vorzubringen: es seien harte Zeiten, er habe zwar eine volle Ladung nach Balsora zu befördern, und bekomme dafür ein schönes Stück Geld, aber er könne in Balsora keine Rückfracht erhalten und darum werde seine Reise ihm nichts Rechtes einbringen. So machte denn der Derwisch sich wieder auf seinen Weg und sagte zum Abschied bloß:

»›Na, meinetwegen – wenn du’s riskieren willst. Aber ich glaube, diesmal hast du ’nen Irrtum gemacht und ’ne gute Gelegenheit verpaßt.‹

»Natürlich wollte nun der Kameltreiber wissen, was für ’ne Gelegenheit er verpaßt hätte, denn es hätte ja Geld dabei zu verdienen sein können. Er lief daher dem Derwisch nach und bat ihn so lange und so inständig, er möchte doch Mitleid mit ihm haben, daß der Derwisch zuletzt nachgab und sagte:

»›Siehst du den Berg dort hinten? In jenem Berge sind alle Schätze der Erde, und ich suchte gerade einen Mann mit einem recht guten milden Herzen und einem edlen hochsinnigen Charakter; denn wenn ich so einen Mann finden könnte, so hab’ ich hier ’ne Salbe bei mir, die ich auf seine Augen streichen würde; er könnte dann alle Schätze sehen und sie aus dem Berge hervorholen.‹

»Da kam der Kameltreiber in riesige Aufregung; er weinte und bat und ließ nicht nach, warf sich auf seine Kniee nieder und rief, er sei gerade so ein Mann, wie ihn der Derwisch suche, und er könne tausend Zeugen beibringen, die alle bestätigen würden, daß die Beschreibung ganz über alle Maßen genau auf ihn zutreffe.

»›Nun, dann meinetwegen!‹ sagte der Derwisch. ›Wenn wir deine hundert Kamele beladen, kann ich dann die Hälfte von ihnen abbekommen?‹

»Der Kameltreiber war so vergnügt, daß er kaum an sich halten konnte; und er rief:

»›Das soll ein Wort sein!‹

»Sie schüttelten sich also zur Bekräftigung des Handels die Hände, und der Derwisch holte seine Büchse heraus und rieb dem Kameltreiber mit der Salbe das rechte Auge ein: Da tat sich der Berg auf und er ging hinein, und richtig – da lagen Haufen neben Haufen, Goldstücke und Juwelen, die funkelten, wie wenn alle Sterne vom Himmel heruntergefallen wären.

»Der Derwisch und der Kameltreiber machten sich nun fix an die Arbeit und beluden jedes Kamel mit einer Last, so schwer es sie nur zu tragen vermochte; dann nahmen sie Abschied von einander und jeder von ihnen zog mit seinen fünfzig von dannen. Aber es dauerte nur einen ganz kleinen Augenblick, da kam der Kameltreiber dem Derwisch nachgelaufen, holte ihn ein und sagte:

»›Du lebst ja doch eigentlich nicht unter den Menschen und darum brauchst du wirklich nicht all die Schätze, die du gekriegt hast. Willst du nicht so gut sein, mir zehn von deinen Kamelen abzulassen?‹

»›Na,‹ sagt der Derwisch, ›was du da sagst, ist ja ganz vernünftig; dagegen kann ich nichts einwenden.‹

»Er tat es also; sie nahmen wiederum Abschied, und der Derwisch zog mit seinen vierzig weiter. Aber gleich darauf läuft der Kameltreiber wieder mit Halloh hinter ihm her und fängt an zu winseln und zu betteln, er möchte ihm doch noch zehn Kamele geben, denn mit dreißig Kamelladungen Gold und Juwelen könnte ein Derwisch sich ganz gut durchs Leben schlagen. Bekanntlich leben ja die Derwische sehr einfach und haben keine eigene Wohnung, sondern ziehen in der Welt ’rum und quartieren sich bald hier bald dort ein.

»Aber damit war’s noch nicht zu Ende. Der gemeine Hund kam immer und immer wieder, bis er sich alle Kamele zusammengebettelt hatte und die sämtlichen hundert besaß. Dann war er zufrieden und sogar riesig dankbar und sagte, er wollte es dem Derwisch sein Lebenlang nicht vergessen, und niemand sei je zuvor so gut gegen ihn gewesen und so freigebig; so schüttelten sie sich denn die Hände, sagten sich Lebewohl und gingen auseinander, der eine hierhin und der andere dorthin.

»Aber wißt ihr – es waren noch keine zehn Minuten verstrichen, da war der Kameltreiber schon wieder unzufrieden – er war das allergemeinste Reptil in sieben Grafschaften – und kam wieder hinter dem Derwisch hergerannt. Und diesmal wünschte er, der Derwisch solle ihm auch auf sein anderes Auge ein bißchen von der Salbe streichen.

»›Warum?‹ fragte der Derwisch.

»›O! Du weißt schon!‹ antwortete der Kameltreiber.

»›Was denn?‹

»›Na, mir kannst du nichts weismachen!‹ sagt der andere. ›Du möchtest mir irgendwas verheimlichen, das weißt du selber recht gut. Ich denke mir aber, wenn ich die Salbe auch auf dem anderen Auge hätte, so könnte ich ’ne ganze Menge noch viel wertvollere Sachen sehn. Also bitte – streich’ sie mir auf!‹

»Sagt der Derwisch:

»›Ich habe dir nicht das allergeringste verhehlt. Aber ich will dir sagen, was dir geschehen würde, wenn ich dir die Salbe auf das linke Auge striche: du würdest niemals wieder sehen können – du wärest stockblind bis ans Ende deiner Tage.‹

»Aber, versteht ihr, das Biest wollte ihm nicht glauben. Nein, er bettelte und bettelte und winselte und flennte, bis zuguterletzt der Derwisch seine Büchse aufmachte und ihm sagte, er möchte sich die Salbe selbst aufstreichen, wenn er’s durchaus wollte. Der Mann tat es und richtig – in Zeit von ’ner Minute war er so blind wie ’n Maulwurf.

»Da lachte der Derwisch ihn aus und verhöhnte ihn und sagte:

»›Leb wohl! Ein Blinder braucht kein Gold und keine Juwelen.‹

»Dann machte er sich mit seinen hundert Kamelen davon und der Blinde mußte arm und elend und hilflos bis an sein Lebensende in der Wüste umherirren.«

Jim sagte, er wollte wetten, das wäre ’ne gute Lehre für ihn gewesen.

»Ja,« sagte Tom, »und ’ne Lehre, wie’s die allermeisten sind, die man kriegt. Sie nützen einem nichts, weil derselbe Vorfall einem niemals wieder passieren wird, ja gar nicht passieren kann. Als damals Hen Scovil den Schornstein ’runterfiel und sich das Rückgrat brach, daß er für immer krumm blieb, da sagte ein jeder, es würde ’ne Lehre für ihn sein. Was für ’ne Lehre denn? Was konnte er mit der Lehre anfangen? Er konnte nicht mehr in Schornsteine ’raufkriechen und hatte kein Rückgrat mehr zu brechen.«

»Aber einerlei, Massa Tom, es sein doch was Wahres dran, daß eine von die Erfahrung klug werden. In die Gute Buch stehen: die gebrannte Kind tun den Feuer scheuen.«

»Nu ja, ich leugne ja nicht, daß etwas ’ne gute Lehre sein kann, wenn’s was ist, was zweimal passieren kann. Es gibt ’ne Masse solche Sachen, und dadurch gerade wird ’n Mensch erzogen, wie Onkel Abner immer zu sagen pflegte; aber es gibt vierzig Millionen Sachen von der andern Sorte – Sachen, die nie sich zweimal auf dieselbe Weise zutragen – und die haben absolut keinen reellen Wert, die lehren einen Menschen genau so wenig, wie wenn er die Pocken kriegt. Wenn man sie mal erst hat, so nützt es einem nichts, daß es einem klar wird, man hätte sich sollen impfen lassen; und sich nachträglich impfen zu lassen, hat auch keinen Zweck, weil man die Pocken bloß einmal kriegt. Andererseits, sagte Onkel Abner, lernt einer, der mal ’nen Bullen an den Schwanz gefaßt hat, sechzig- oder siebzigmal so viel wie einer, der das nicht getan hat, und einer, der mal ’ne Katze am Schwanz nach Hause gezerrt hätte, sagte Onkel Abner, der lernte dadurch allerlei, was ihm mal von Nutzen sein würde und was sich nie in seiner Erinnerung verwischen würde. Aber ich kann dir sagen, Jim: auf die Leute, die aus allem immer ’ne Lehre ziehen wollen, auf die war Onkel Abner nicht gut zu sprechen; denn es wäre doch nicht einerlei, ob …«

Aber Jim war eingeschlafen. Tom guckte ein bißchen verlegen drein, denn es ist ja immer ein unangenehmes Gefühl, wenn man etwas ganz besonders Schönes sagt und wenn man denkt, der andere hört ganz andächtig und bewundernd zu, und wenn dann der andere ganz mir nichts dir nichts einschläft. Natürlich hätte er nicht einschlafen sollen – denn das ist schäbig; aber je schöner jemand redet, desto sicherer schläfert er den anderen damit ein, und wenn man sich die Sache richtig überlegt, so hat eigentlich keiner von ihnen schuld – oder sie haben alle beide schuld.

Auf einmal fing Jim an zu schnarchen – zuerst sanft und süß, dann ein langes Sägen, hierauf ein noch stärkeres und dann ein halbes Dutzend ganz fürchterliche Schnarcher, wie wenn in ’ner Badewanne der letzte Rest Wasser in das Abflußloch hineingesaugt wird – hierauf dieses letzte halbe Dutzend noch einmal, aber noch stärker und mit etlichen Schnörkeln verziert, wie wenn ’ne Kuh in den letzten Zügen liegt – und wenn ein Mensch so schnarcht, so hat er den Höhepunkt der Leistung erreicht und kann einen aufwecken, der in der nächsten Straße mit ’nem Eimer voll Opium im Leibe schläft, aber er selber wacht nicht auf, obwohl der ganze gräßliche Spektakel keine drei Zoll von seinen Ohren entfernt ist. Und das ist, wie mich dünkt, das Allersonderbarste dabei. Aber reibe ein Streichholz an, um das Licht anzuzünden, und dieses leise Geräusch wird ihm in die Glieder fahren! Ich möchte wohl wissen, was der Grund hiervon ist, aber der läßt sich, wie’s scheint, nicht feststellen.

Unser Jim schnarchte also, daß er die ganze Wüste in Aufruhr brachte; auf Meilen in der Runde stürzten die wilden Tiere aus ihren Schlupfwinkeln hervor, um zu sehen, was denn da oben in der Luft los sei; kein Mensch und kein Tier und kein Ding war dem Lärm so nahe wie Jim selber, und doch war er in der ganzen Gegend das einzige Geschöpf, das sich nicht dadurch stören ließ. Wir schrieen und brüllten ihn an – nützte alles nichts; aber sowie ein leises ungewohntes Geräusch gemacht wurde, da wachte er auf. Wahrhaftig, ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen und Tom auch, aber wir haben’s nicht herausbringen können, warum ein Schnarcher sich nicht schnarchen hört.

Jim sagte, er habe nicht geschlafen; er habe bloß die Augen zugemacht, um besser zuhören zu können.

Tom sagte, ihm hätte ja niemand einen Vorwurf gemacht.

Da machte Jim ein Gesicht, wie wenn er wünschte, er hätte lieber gar nichts gesagt. Und ich glaube, er wollte die Unterhaltung auf was anderes bringen, denn auf einmal fing er an, über den Kameltreiber herzuziehen. Er ließ kein gutes Haar an ihm, und ich mußte ihm recht geben; und den Derwisch erhob er bis in den siebenten Himmel, und auch darin mußte ich ihm beistimmen. Tom aber sagte:

»Das weiß ich denn doch nicht so gewiß. Ihr nennt den Derwisch so fürchterlich freigebig und gut und selbstlos – aber ich bin davon nicht so ganz überzeugt. Er suchte in der Wüste nicht nach ’nem andern armen Derwisch, nicht wahr? Oder? Nee, fiel ihm gar nicht ein. Wenn er so selbstlos war – warum ging er nicht einfach selber in den Berg, nahm ’ne Tasche voll Juwelen ’raus und ging damit zufrieden weiter? Aber nein – was er suchte, das war ein Mann mit hundert Kamelen. Er wollte so viele Schätze fortschleppen, wie er nur irgend konnte.«

»Abers, Massa Tom, ihm wollten doch teilen – ehrliche halb und halb! ihm wollten bloß fufzig Kamele haben!«

»Weil er wußte, daß er sie schließlich doch alle hundert kriegen würde.«

»Massa Tom, er sagten abers zu die Mann, das Salbe täte ihm blind machen tun!«

»Ja, weil er den Charakter des Mannes kannte. Es war gerade die Sorte von ’nem Mann, wonach er gesucht hatte – ein Mann, der nie an eines andern Wort oder Ehrlichkeit glaubt, weil er selber gar nicht weiß, was ein wahres ehrliches Wort ist. Ich glaube, es gibt viele Leute, die’s genau so machen, wie dieser Derwisch. Sie gaunern nach rechts und nach links, aber richten es immer so ein, daß es so aussieht, als ob gerade der andere der Gauner sei. Sie bleiben stets innerhalb des Buchstabens der Gesetze, und darum kann man sie nie erwischen. Sie legen nicht die Salbe auf – o nein! Das wäre ja Sünde! Aber sie wissen den anderen so an der Nase zu führen, daß er sich selber damit beschmiert – und dann hat er sich eben selber blind gemacht. Ich glaube, der Derwisch und der Kameltreiber waren ein edles Brüderpaar: ein schlauer, gerissener, verschmitzter Schurke und ein plumper, roher, unwissender – aber Schurken alle beide, der eine wie der andere!«

»Massa Tom, glauben Sie, daß es auf diese Welt noch so ein Salben geben tun?«

»Ja, Onkel Abner sagt, es gibt welche. In New York, sagt er, haben sie sie und sie schmieren sie dem Landvolk auf die Augen und zeigen ihnen alle Eisenbahnen von der Welt und sie fallen drauf ’rein und schaffen sie ’ran; und dann reiben sie sich auch das andere Auge mit der Salbe ein und der kluge Mann sagt ihnen Adieu und geht mit ihren Eisenbahnen ab. Na, hier sind wir beim Schatzberg! Tiefer mit dem Ballon!«

Wir landeten, aber es war nicht so interessant, wie ich erwartet hatte, weil wir nämlich die Stelle nicht finden konnten, wo sie ’reingegangen waren, um die Schätze zu holen. Immerhin war es noch sehr interessant, auch nur den Berg zu sehen, wo eine so wunderbare Geschichte sich zugetragen hatte. Jim sagte, er hätte nicht für drei Dollars bei dem Berg vorbeifahren mögen, ohne sich ihn näher anzusehen, und ich war ganz derselben Meinung.

Aber das Allerwundervollste war für mich und Jim, wie Tom in so’n großes fremdes Land kam wie dies und einfach geradeswegs auf so ’nen kleinen Steinhaufen lossegeln und ihn in ’ner Minute aus ’ner Million von anderen geradeso aussehenden Bergen ’rauskennen konnte, und ohne irgend welche fremde Hilfe, bloß durch sein eigenes Wissen und seine eigene Schläue. Wir besprachen das lange Zeit, konnten aber nicht ’rausbringen, wie er’s anfing. Er hatte den besten Kopf, den ich je gesehen, und ihm fehlte weiter nichts als das richtige Alter, um sich ’nen Namen zu machen wie Kapitän Kidd, der große Seeräuber, oder George Washington. Ich will wetten, die wären alle beide in ’ner häßlichen Verlegenheit gewesen – trotz all ihrer Klugheit – wenn sie den Berg hätten ausfindig machen sollen. Aber für Tom Sawyer war das ganz und gar nichts; der ging quer über die Sahara drauf los und tippte ihn mit dem Finger an – so leicht, wie man ’nen Nigger aus ’nem Haufen Engelein ’rauskennen würde.

Ganz in der Nähe fanden wir einen Salzwasserteich, von dessen Rändern wir einen Vorrat Salz einsammelten; damit rieben wir die Löwen- und die Tigerhaut ein, so daß sie sich halten konnten, bis Jim Zeit kriegte, sie richtig zu gerben.

Elftes Kapitel.

Einen Tag oder zwei strolchten wir nach unserem Behagen in den Lüften herum, und dann, gerade als der Vollmond den Erdboden auf der anderen Seite der Wüste berührte, sahen wir eine Reihe von kleinen schwarzen Gestalten quer an der großen silberglänzenden Scheibe vorüberziehen. Man sah sie so deutlich, wie wenn sie mit Tinte auf den Mond aufgezeichnet gewesen wären. Es war wieder ’ne Karawane. Wir stellten unseren Apparat auf mäßige Geschwindigkeit und fuhren hinter ihr her, bloß um ein bißchen Gesellschaft zu haben, obwohl wir dadurch eigentlich von unserem Wege abkamen. Diese Karawane war ein ganz mächtig großes Ding und ein großartiger Anblick war’s am andern Morgen, als die Sonne flammend über die Wüste schien und die langen Schatten der Kamele langbeinig-knickebeinig in Prozession über den goldenen Sand hinmarschierten. Wir kamen der Karawane niemals ganz nahe, weil wir mit solchen Sachen jetzt besser Bescheid wußten und nicht mehr friedfertigen Leuten die Kamele bange machen und ihre Karawane in Unordnung bringen wollten. Es war der bunteste lustigste Zug, den man sich nur denken kann, alles in reichen Gewändern und fein herausgeputzt. Einige von den Häuptlingen ritten auf Dromedaren; es waren die ersten, die wir je in unserem Leben sahen, und mächtig große Viecher, die wie auf Stelzen gehen und den Mann, der auf ihnen sitzt, beträchtlich schütteln und ihm das Essen, das er im Leibe hat, ganz gehörig durcheinander rütteln; aber sie reiten ein ganz famoses Tempo und ein Kamel kann es an Schnelligkeit auch nicht annähernd mit ihnen aufnehmen.

Den mittleren Teil des Tages über hielt die Karawane Lagerruhe; in den Nachmittagsstunden zog sie weiter. Es dauerte nicht lange, so fing die Sonne an, ganz merkwürdig auszusehen – erst wie Messing, dann wie Kupfer und schließlich wie eine blutrote Kugel; die Luft wurde heiß und beklemmend und im Nu war der ganze westliche Himmel verdunkelt und dunstig, daß es ganz fürchterlich anzusehen war – so wie wenn man ihn durch ’nen roten Glasscherben ansieht. Wir sahen ’runter und bemerkten, daß in der Karawane ein großer Wirrwarr herrschte, ein Hin- und Herlaufen, wie wenn die Leute eine entsetzliche Angst hätten. Und auf einmal warfen Menschen und Tiere sich platt auf den Boden nieder und lagen da vollständig still.

Gleich darauf sahen wir etwas herankommen. das sah aus wie eine riesig hohe Wand, und reichte von der Wüste in den Himmel empor, daß die Sonne dahinter verschwand, und es kam heran wie ein heiliges Donnerwetter. Dann wehte eine ganz schwache Brise uns an, dann wurde der Wind stärker und auf einmal flogen Sandkörner uns in’s Gesicht, die brannten uns wie Feuerfunken, und Tom schrie auf:

»’s ist ein Sandsturm – dreht ihm den Rücken zu!«

Das taten wir; und ’ne Minute später blies es uns an wie ein Orkan und der Sand flog wie mit Schaufeln geworfen gegen uns an, und die Luft war so dick, daß wir überhaupt nichts mehr sehen konnten. Binnen fünf Minuten war unser Luftschiff bis an den Rand voll, und wir saßen auf unseren Bänken, bis ans Knie in Sand begraben, und bloß unsere Köpfe guckten oben ’raus und wir konnten kaum noch Luft kriegen.

Dann wurde der Sturm schwächer und der Sand dünner und wir sahen, daß die ungeheure Wand quer über die Wüste weitersegelte – und es war fürchterlich anzusehen, das kann man mir wohl glauben! Wir wühlten uns aus dem Sand ’raus und sahen nach der Erde hinunter – und an der Stelle, wo vorher die Karawane gewesen war, da war jetzt gar nichts mehr als bloß der Sandozean, und alles war still und ruhig. All die Menschen und Kamele waren erstickt und tot und begraben – begraben unter einer Sandschicht, die nach unserer Schätzung zehn Fuß tief sein mußte, und Tom meinte, es könnte Jahre dauern, ehe der Wind sie wieder bloßlegte, und all die Zeit über würden ihre Freunde nicht wissen, was aus der Karawane geworden wäre. Und Tom sagte:

»Jetzt wissen wir auch, was den Leuten passiert war, denen wir die Säbel und Pistolen abnahmen.«

Ja, so verhielt sich’s ganz genau – das war uns jetzt so klar wie der helle Tag. Sie wurden in einem Sandsturm begraben, und die wilden Tiere konnten nicht an sie ’rankommen, und der Wind deckte sie nicht eher wieder auf, als bis sie zu lederartigen Mumien vertrocknet und nicht mehr zu essen waren. Mir war’s damals so vorgekommen, als sei uns das Schicksal jener armen Menschen so tief zu Herzen gegangen und habe uns so traurig gemacht, wie sich’s nur denken läßt – aber das war ein Irrtum von uns: der Untergang dieser zweiten Karawane ging uns tiefer zu Herzen, viel tiefer! Nun, das kam davon, daß die andern eben völlige Fremde für uns gewesen waren; so hatten wir denn gar nicht das Gefühl gehabt, als seien wir überhaupt mit ihnen bekannt gewesen – ausgenommen vielleicht ein bißchen mit dem Mann, der das Mädchen in seinen Armen zu schützen gesucht hatte. Aber mit dieser letzten Karawane war es ganz was anderes! Wir hatten eine ganze Nacht und beinahe einen vollen Tag um sie herumgeschwebt, und da hatten wir ein wirklich freundschaftliches Gefühl für sie gefaßt; sie waren für uns Bekannte geworden. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß es kein besseres Mittel gibt, herauszufinden, ob Leute einem lieb oder zuwider sind, als daß man mit ihnen zusammen eine Reise macht. Genau so ging es uns mit diesen. Sie gefielen uns eigentlich gleich von Anfang an, und im Verlauf der Reise gewannen wir sie wirklich lieb. Je länger die Reise dauerte, und je mehr wir mit ihren Manieren vertraut wurden, desto besser gefielen sie uns und desto größer wurde unsere Freude, daß wir sie getroffen hatten. Einige von ihnen kannten wir bald so genau, daß wir sie bei ihren Namen nannten, wenn wir von ihnen sprachen, und wir gingen schließlich so vertraulich mit ihnen um, daß wir sogar das ›Herr‹ oder ›Fräulein‹ fortließen und einfach ihre Namen nannten, wenn wir von ihnen sprachen; und das klang ganz und gar nicht unhöflich, sondern im Gegenteil ganz natürlich. Selbstverständlich waren es nicht ihre richtigen Namen, sondern die Namen, die wir ihnen beigelegt hatten. Da war Herr Alexander Robinson und Fräulein Adaline Robinson, Oberst Jacob Mc Dougal und Fräulein Harriet Mc Dougal und Richter Jeremiah Butler und der junge Buschrod Butler, und diese Herrschaften waren meistens große Häuptlinge mit prachtvollen großen Turbanen und Handscharen, und angezogen wie der Groß-Mogul, nebst ihren Familienmitgliedern. Aber sobald wir sie recht kannten, und sie so gern hatten, da gab’s für uns kein ›Herr‹, ›Richter‹ oder dergleichen mehr, sondern bloß Alex und Addy und Jake und Nattie, Jerry, Buck usw.

Als sie ihr Lager aufschlugen, da hielten auch wir unmittelbar über ihnen still, tausend oder zwölfhundert Fuß hoch in der Luft. Als sie ihre Mahlzeit verzehrten, da speisten wir auch, und es war wirklich ein behagliches Gefühl, uns dabei in ihrer Gesellschaft zu wissen. Während der Nacht feierten sie eine Hochzeit, und Buck und Addy wurden miteinander verheiratet; da putzten wir uns zur Feier dieses festlichen Anlasses mit des Professors schönsten Kleidern heraus, und als bei ihnen das Tanzen losging, da schwangen wir oben in unserer Höhe auch ein bißchen das Tanzbein.

Aber am allernächsten werden die Menschen doch durch Kummer und Leid zusammengebracht, und so ging es auch uns, als sie am nächsten Morgen in der ersten Dämmerung einen begruben. Wir wußten nicht, wer der Abgeschiedene war, und er war ja nicht mit uns verwandt, aber das machte gar keinen Unterschied; er gehörte zur Karawane – das genügte, und es wurden keine aufrichtigeren Tränen über seinem Grabe vergossen, als die unsrigen, die aus einer Höhe von elfhundert Fuß herabfielen.

Ja, der Abschied auf ewig, den wir von dieser Karawane nahmen, war viel bitterer, als der Abschied von jenen anderen Toten, die im Vergleich mit diesen nur Fremde für uns waren, und die zudem schon so lange tot waren. Aber diese hatten wir bei Lebzeiten gekannt und hatten sie gern gehabt – und nun kam der grimmige Tod und riß sie vor unsern Augen weg und wir blieben mitten in der großen Wüste so einsam und verwaist – das tat uns so weh und wir wünschten, wir möchten auf unserer Reise lieber gar keine Freunde mehr gewinnen, wenn wir sie auf solche Art wieder verlieren sollten.

Als wir am nächsten Morgen erwachten, war’s uns ein bißchen fröhlicher ums Herz; denn wir hatten großartig gut geschlafen, weil Sand das allerbequemste Bett auf der ganzen Welt ist, und ich begreife nicht, warum Leute, die’s haben können, sich nicht eine solche Ruhestatt leisten. Außerdem ist Sand auch ein schrecklich guter Ballast; unser Ballon war nie zuvor so ruhig gesegelt wie jetzt.

Tom meinte, wir hätten wohl zwanzig Tonnen Sand an Bord, und dachte darüber nach, was wir wohl am besten damit anfangen könnten; es war guter Sand und es schien uns unvernünftig zu sein, ihn fortzuschmeißen. Da sagte Jim:

»Massa Tom, können wir nix mit ihm zu Hause nehmen un die Sand verkaufen? Wie große Zeit brauchen wir zu die Reise?«

»Das kommt auf den Weg an, den wir fahren.«

»Nu, Massa Tom, die Sand is zu Haus mehr als eine Viertel Dollar for die Wagenladung wert, un ich glauben, wir haben zu ’s allermindeste zwanzig Wagenladungen. Wieviel würden die machen?«

»Fünf Dollars.«

»Bei Jingo, Massa Tom, laß Sie uns auf die Stelle zu Haus reisen! Das machen ja mehr als annerthalb Dollars auf jede von unsere drei Köpf – nich?«

»Ja.«

»Na! Das is doch so leicht Geld verdient, wie ich in meine Leben nie nix erleben tun! Die Sand is ja bloß so ’reingeregnet – kost uns nix ’n bissel Arbeit. Laß Sie uns gleich hinfahren, Massa Tom!«

Aber Tom dachte nach und rechnete so eifrig und so aufgeregt, wie ich ihn nie gesehen habe. Und nach ’nem kleinen Augenblick sagte er:

»Fünf Dollars – pah! Hört mal zu: dieser Sand ist wert … wert … na, er ist ’n ganz kolossalen Haufen Geld wert!«

»Wie denn, Massa Tom? Erzähl Sie, süßes Herrchen, erzähl Sie!«

»Na – sobald die Leute wissen, ’s ist echter Sand aus der echten Wüste Sahara, da werden sie sich sofort in den Kopf setzen, sich ein bißchen davon zu verschaffen und es als Kuriosität in ’ner Phiole mit ’nem Zettel dran auf den Nippstisch zu stellen. Wir brauchen nichts weiter zu tun, als ihn in Phiolen zu füllen, über den ganzen Vereinigten Staaten ’rumzugondeln und ihn zu zehn Cents das Stück zu verhökern. Wir haben in unserem Schiff für mindestens zehntausend Dollars Sand!«

Ich und Jim sprangen vor Freuden beinahe in Stücke und sangen: »Hupjamborihu!« und Tom sagte:

»Und wir brauchen ja bloß wieder zurückzusegeln und neuen Sand zu holen und das immer fortzusetzen, bis wir zuletzt die ganze Wüste ’rübergeschafft und phiolenweise verkauft haben; und Konkurrenz brauchen wir nicht zu befürchten, denn wir lassen uns einfach ein Patent darauf geben.«

»Himmlische Güte!« rief ich. »Wir werden ja so reich sein wie Kreosot – was, Tom?«

»Ja – wie Kresus, meinst du. Hört mal – der Derwisch suchte in jenem kleinen Berg nach den Schätzen der ganzen Welt und wußte nicht, daß er tausend Meilen weit auf lauter wirklichen Schätzen gegangen war. Er war blinder als der Kameltreiber durch ihn wurde!«

»Massa Tom – wie sehr reich, mein’ Sie, daß wir werden tun?«

»Ja, das weiß ich noch nicht. Das muß erst ausgerechnet werden – und das ist gar nicht so leicht, denn es sind mehr als vier Millionen Quadratmeilen Sand zu zehn Cents die Phiole.«

Jim war fürchterlich aufgeregt, aber diese letzte Bemerkung gab ihm einen beträchtlichen Dämpfer. Er schüttelte den Kopf und sagte:

»Massa Tom – all die Violen können wir nix beschaffen – kein König nix hat so viele Violen. Wir mussen lieber nix die ganze Wüste wollen haben – Massa Tom, die Violen wer’n uns zu Grunden richten, warraftig!«

Toms Erregung ließ jetzt ebenfalls bedeutend nach und ich dachte, es sei von wegen der Phiolen – aber nein. Er saß da und dachte, und sein Gesicht wurde immer saurer und finsterer, und zuletzt sagte er:

»Jungens – die Sache wird nicht gehen. Wir müssen sie aufgeben!«

»Warum denn, Tom?«

»Wegen der Zollgebühren. So oft man über eine Grenze kommt – ’ne Grenze ist der Rand von einem Lande, wie ihr wohl wißt – so findet man dort ein Zollamt; und dann kommen die Zollbeamten heran und wühlen einem in den Sachen herum und erheben eine hohe Gebühr davon – und wenn wir nicht die Gebühr bezahlen, so beschummeln sie uns um unsern Sand. Sie nennen das ›konfiszieren‹ – aber damit können sie keinem Menschen was weismachen – es ist ganz einfach beschummeln. Wenn wir nun versuchen, den Sand auf dem Wege heimzubringen, auf dem wir jetzt sind, so müssen wir über so viele Grenzen wegsteigen, daß wir bald müde sein werden – denn da kommt Grenze hinter Grenze: Aegypten, Arabien, Hindustan usw., und an jeder stehen sie mit ihrer Zollgebühr bereit. Ihr seht also klar und deutlich: diesen Weg können wir nicht segeln!«

»Nu, Tom,« sagte ich, »wir können doch einfach über ihre ollen Grenzen wegsegeln. Wie sollten die uns daran hindern?«

Er sah mich betrübt an und sagte ganz ernst:

»Huck Finn – meinst du, daß das ehrlich sein würde?«

Derartige Unterbrechungen hasse ich, darum erwiderte ich gar nichts darauf, und Tom fuhr fort:

»Na, der andere Weg ist uns ja ebenfalls versperrt. Wenn wir den Weg zurücksegeln, den wir gekommen sind, so ist da das New Yorker Zollamt, und das ist schlimmer als alle anderen zusammen, von wegen der Fracht, die wir führen.«

»Warum?«

»Ja, Saharasand können sie in Amerika natürlich nicht produzieren; und auf alles, was dort nicht produziert werden kann, beträgt die Zollgebühr vierzehntausend Prozent, wenn man versucht, es aus dem Ursprungsland einzuführen.«

»Da liegt ja gar kein Sinn und Verstand drin, Tom Sawyer!«

»Wer hat denn das behauptet? Wie kannst du so zu mir sprechen, Huck Finn? Warte doch ab, bis ich sage, es sei Sinn und Verstand drin, ehe du solche Beschuldigungen gegen mich erhebst!«

»Schon gut, Tom! Nimm an, ich bereue und beweine meinen Fehler. Weiter!«

Da sagt Jim:

»Massa Tom – packen Sie diese Gebühre auf alle Dinge, wo nix in Amerrika waxen un mach Sie gar nix keine Unterschied nix?«

»Nee, das tun sie nicht.«

»Massa Tom – is nix die Segen von liebe Herrgott die wertvölligste Ding auf diese Welt?«

»Ja, das ist er.«

»Stehen nix das Preddiger auf die Kanzel un ruf die Segen nieder auf die Volk?«

»Ja.«

»Wo kommen die Segen her?«

»Vom Himmel.«

»Jawoll – da hab Sie ganz recht – ganz recht, mein süßes Herrchen – die Segen komm’ von die Himmel un die Himmel is eine fremde Land. Nu – nehm’ sie auch Zollgebühr von die Segen?«

»Nein, das tun sie nicht.«

»Natürlich tu’ sie nix! Un so is es klar, daß Sie sich tun irren, Massa Tom! Sie nehm’ doch ganz gewiß nix Gebühr von armselige Sand, die keine Mensch zu haben brauchen un lassen die beste Ding, wo niemand ohne sein können, frei von die Gebühr!«

Da saß Tom Sawyer fest! Er sah auch wohl selber ein, daß Jim ihn gefaßt hatte und daß er sich nicht rühren konnte. Allerdings versuchte er sich herauszuwinden, indem er sagte, sie hätten bloß vergessen, auch darauf eine Abgabe zu legen, aber ganz gewiß würden sie bei der nächsten Kongreßtagung daran denken und sie nachträglich einführen – aber das war nur eine armselige lahme Ausrede, und Tom wußte es ganz gut. Er sagte, es gäbe außer diesem einzigen nichts Ausländisches, was nicht mit ’ner Zollgebühr belegt wäre, und darum müßten sie diese Abgabe ebenfalls festsetzen, denn sonst wären sie nicht konsistent oder konsequent, und Konsistenz wäre die erste Regel in der Politik. Er blieb dabei, sie hätten’s bloß aus Versehen ausgelassen und würden sich ganz gewiß beeilen, dies Versehen wieder gut zu machen, ehe man sie darob ertappte und auslachte.

Aber ich hatte für seine Auseinandersetzungen kein Interesse mehr, da wir nun doch mal mit unserem Sand nichts mehr anfangen konnten; denn das machte mich ganz niedergeschlagen und Jim auch. Tom versuchte uns wieder aufzuheitern, indem er sagte, er wollte eine andere Spekulation ausdenken, die für uns gerade so gut und noch besser wäre – aber das half nichts, denn wir konnten nicht glauben, daß irgend eine andere so großartig sein könnte. Es war wirklich sehr hart für uns: vor einer ganz kleinen Weile noch waren wir so reich, hätten uns ein ganzes Land kaufen und ’n Königreich drin einrichten können – und jetzt waren wir wieder so arm und so ordinär und saßen da mit all unserm Sand. Vorher hatte der Sand so reizend ausgesehen, wie lauter Gold und Diamanten, und er war so weich und so seidig und so angenehm anzufühlen gewesen – aber jetzt konnte ich nicht mal seinen Anblick mehr ertragen; es machte mich ganz krank, ihn bloß zu sehen, und ich wußte, mir würde nicht eher wieder wohl sein, als bis wir den Krempel los wären, der uns fortwährend daran erinnerte, was wir hätten sein können und nun nicht mehr waren. Den andern beiden war ganz genau so zumute wie mir. Das merkte ich ihnen an und sie wurden auf einmal ganz lustig, als ich ihnen sagte: »Laßt uns das ganze Zeug über Bord werfen!«

Na, das war ja nun ’ne ganz tüchtige Arbeit, und darum teilte Tom sie im Verhältnis zu unserer verschiedenen Stärke ein. Er sagte, er und ich sollten jeder ein Fünftel von dem Sand über Bord schaffen und Jim die andern drei Fünftel. Dem Jim gefiel diese Einteilung aber nicht recht und er sagte:

»Natürlich sein ich die Stärkste un will auch meine Teil größer mach’ – abber bei Jingo: Sie lad’ ein bissel zu viel auf alte Jims Buckel – tu’ Sie nix, Massa Tom?«

»Na, das glaub’ ich eigentlich nicht, Jim; aber du kannst ja selber sagen, wie die Arbeit verteilt werden soll und nachher können wir dann sehen.«

Jim meinte nun, es sei nicht mehr als recht und billig, wenn Tom und ich jeder ein Zehntel von der Arbeit täten. Tom drehte sich um und verzog seinen Mund zu einem Grinsen, das sich nach Westen zu über die ganze Sahara bis an den Atlantischen Ozean erstreckte. Dann wandte er sich wieder zu Jim und sagte, die Einteilung sei ganz schön und gut und er sei ganz damit einverstanden, wenn sie Jim ebenfalls recht sei. Jim war sie recht.

So maß denn Tom unsere zwei Zehntel im Bug des Schiffes ab und den Rest bekam Jim. Und es überraschte den guten Jim sehr als er sah, wie groß der Unterschied war und was für eine fürchterliche Menge Sand auf seinen Anteil kam. Er sagte, er sei doch mächtig froh, daß er zur rechten Zeit den Mund aufgetan habe, und daß der erste Vorschlag abgeändert worden sei; denn selbst so wie’s jetzt sei, meinte er, möchte auf seinen Teil wohl mehr Sand als Vergnügen kommen.

Dann fingen wir an. Es war ’ne mächtig heiße Arbeit und dazu sehr langwierig; sie war tatsächlich so heiß, daß wir zu ’ner kühleren Luftschicht aufsteigen mußten, sonst hätten wir’s einfach nicht aushalten können. Tom und ich lösten uns ab, und der eine ruhte sich immer aus, während der andere arbeitete, aber niemand war da, um den armen Jim abzulösen, und er machte diesen ganzen Teil von Afrika naß, so schwitzte er. Wir konnten nicht recht arbeiten, weil wir fortwährend lachen mußten, und Jim wollte immerzu wissen, warum wir alle Augenblicke laut herausprusteten. Da mußten wir denn irgend einen Vorwand ersinnen, und unsere Vorwände waren wirklich recht kümmerlich, aber schließlich genügten sie, denn Jim glaubte uns. Als wir endlich mit unserem Teil fertig waren, da waren wir halb tot, aber nicht von der Arbeit, sondern vom Lachen. Jim war beinahe ganz tot, aber von der Arbeit; da lösten wir ihn denn abwechselnd ab, und er war uns dafür so dankbar, wie wir nur wünschen konnten; er setzte sich aufs Dollbord und trocknete sich den Schweiß ab und keuchte und schnaufte und sagte, wie gut wir doch zu ’nem armen alten Nigger wären und er wollt’s uns nie vergessen. Er war immer der dankbarste Nigger, den ich je gesehen habe, mochte man ihm auch nur die geringste Gefälligkeit erwiesen haben. Nigger war er überhaupt nur äußerlich – innerlich war er so weiß wie du und ich.

Zwölftes Kapitel.

Unsere nächsten Mahlzeiten waren recht sandig, aber das macht nichts aus, wenn man hungrig ist; und wenn man nicht hungrig ist, so hat man ja vom Essen doch keinen Genuß und nach meiner Meinung kommt’s auf so’n kleines Sandkörnchen im Essen überhaupt nicht an.

Endlich kamen wir an den Ostrand der großen Wüste, indem wir einen nordöstlichen Kurs einhielten. Fern am Rande des Sandes, in einem zarten rosenroten Licht, sahen wir drei kleine scharfe Dächer wie Zelte sich abheben und Tom sagte: »Das sind die ägyptischen Pyramiden!«

Da fing aber mein Herz an zu puppern! Ich hatte ja so manches, manches Bild von ihnen gesehen und hatte hundertmal von ihnen erzählen hören – aber als ich sie so ganz plötzlich vor mir sah und fand, daß sie wirklich existierten und nicht bloß in der Phantasie, da stand mir vor Ueberraschung beinahe der Atem still. Es ist sonderbar – je mehr man von ’nem großartigen Ding oder Menschen hört, desto mehr nimmt es sozusagen was Traumhaftes an und wird schließlich zu ’ner übergroßen verschwommenen Figur aus lauter Mondschein, aber ohne ’nen soliden Inhalt. Gerade so ist’s mit George Washington – und so ist’s auch mit den Pyramiden.

Außerdem war es mir immer so vorgekommen, als ob die Geschichten, die man von den Pyramiden erzählte, zum größten Teil ganz gewaltige Uebertreibungen seien. Da war mal einer, der kam zu uns in die Sonntagsschule und hatte ein Bild von ihnen und hielt ’ne Rede drüber und sagte, die größte Pyramide bedeckte eine Fläche von dreizehn Morgen und wäre beinahe fünfhundert Fuß hoch; sie wäre ein richtiger steiler Berg, aufgebaut aus lauter Steinblöcken, die so groß wären wie ’ne Kommode und in regelmäßigen Reihen lägen wie Treppenstufen. Na, dreizehn Morgen für ein einziges Gebäude – das ist ja ’ne Farm! Wär’ ich nicht in der Sonntagsschule gewesen, so hätte ich die Geschichte für ’ne Lüge gehalten; und sobald ich draußen war, hielt ich sie auch wirklich dafür. Und er sagte, in der Pyramide wäre ein Loch und man könnte mit Fackeln da hineingehen und dann immer einen langen schrägen Tunnel hinauf, bis man schließlich zu einem großen Raum mitten im Bauch dieses Berges käme und da fände man einen großen Steinkasten mit ’nem König drin – und der wär’ viertausend Jahre alt! Als ich das hörte, sagte ich bei mir selber: wenn das keine Lüge ist, will ich den König sehen, d. h. wenn er da ist; denn so alt war ja nicht mal Methusalem, und kein Mensch denkt daran, viertausend Jahre alt werden zu wollen.

Als wir ein bißchen näher herankamen, sahen wir auf einmal den gelben Sand mit einem langen graden Rand aufhören – ganz scharf abgeschnitten wie ein großes Tuch – und mit dem Rand an diesen Sand anstoßend ein weites Land von hellem Grün, durch das ein langer heller Streifen sich in Schlangenwindungen hindurchzog, und Tom sagte, das sei der Nil. Da fing mein Herz wieder an zu puppern, denn der Nil war auch so ein Ding, das ich eigentlich nie für Wirklichkeit gehalten hatte. Nun, so viel ist todsicher: wenn man über dreitausend Meilen gelben Sandes weggegondelt ist, wenn dieser Sand so von Hitze flimmert, daß einem vom bloßen Hinsehen das Wasser aus den Augen läuft, und wenn man beinahe ’ne ganze Woche über diesem Sand war – dann wird einem das grüne Land wie Heimat und Himmel erscheinen und es wird einem wieder das Wasser aus den Augen laufen.

So ging es mir und so ging’s auch Jim.

Und als Jim merkte, daß er wirklich auf Aegyptenland ’runterguckte, da wollte er nicht stehend in dieses Land hineinsegeln, sondern er warf sich auf seine Kniee und nahm den Hut ab, denn für einen armen alten Nigger, sagte er, schicke es sich nicht, anders in ein Land zu kommen, wo Moses und Joseph und Pharao und die andern Propheten gelebt hätten. Jim war Presbyterianer und hatte einen sehr tiefen Respekt vor Moses, der, wie er sagte, ebenfalls ein Presbyterianer gewesen war. Er war ganz aus dem Häuschen und rief:

»Das is die Aegyptenland, die Aegyptenland! – un ich dürfen sie mit meine eigene Augen ansehn! Un da is die Fluß, das zu Blut wurden, un ich sehen auf dieselbige Stellen ’runter, wo die Pest un die Läusen un die Froschen un die Hauschrecken un die Hagel gewesen sein tun – un wo die Türpfosten gezeichnet war un die Engel des Herrn kam un schlugen allen Erstgeburt in ganze Aegyptenland. Alte Jim is nix würdig, diesen Tag zu sehn!«

Und dann warf er sich hin und weinte vor lauter Dankbarkeit. Da gab es denn zwischen ihm und Tom ein langes Gespräch: Jim war aufgeregt, weil das Land so voll von Weltgeschichte war: von Joseph und seinen Brüdern, von Moses in den Binsen, von Jakob, der nach Aegypten kam, um Korn zu kaufen, vom silbernen Becher im Sack und von all den anderen interessanten Sachen. Und Tom war gerade so aufgeregt, weil das Land so voll von Weltgeschichte war, die in sein Fach schlug: von Nurreddin und Bedreddin und ähnlichen ungeheuren Riesen, bei deren Beschreibung Jims Wollhaar zu Berge stand, und von ’ner ganzen Menge anderer Leute aus Tausend und einer Nacht, die nach meiner Meinung nicht die Hälfte von all dem getan haben, was sie getan haben wollen!

Dann erlebten wir eine Enttäuschung, denn es erhob sich ein Frühnebel und wir durften nicht über ihn hinwegsegeln, weil wir sonst gewiß auch über ganz Aegypten weggesegelt wären. Wir hielten’s daher für das beste, nach dem Kompaß in geradem Kurs auf die inzwischen immer mehr im Dunst verschwindenden Pyramiden zuzuhalten, so dicht wie möglich über dem Boden hinzufahren und scharf Ausguck zu halten. Tom nahm das Steuer, ich stand neben ihm, um, wenn’s nötig wäre, den Anker auszuwerfen, und Jim hockte auf dem Bug, um mit den Augen durch den Nebel zu bohren und etwaige Gefahren rechtzeitig zu bemerken. Wir fuhren ein stetiges Tempo, aber nicht sehr schnell, und der Nebel wurde dicker und dicker – so dick zuletzt, daß von Jim nur noch schwache Umrisse zu erkennen waren. Es war beängstigend still und wir sprachen leise und waren aufgeregt. Ab und zu rief Jim:

»Eine Strich höcher ’rauf, Massa Tom, eine Strich höcher!« und dann ließ Tom das Schiff ein paar Fuß höher steigen, und wir fuhren scharf über das flache Dach einer Lehmhütte weg und über die Leute, die gerade eben aufgestanden waren und noch gähnten und sich streckten. Einmal hatte ein Bursche sich auf seinen Hinterbeinen so recht hoch aufgerichtet, um besser gähnen und sich strecken zu können; der bekam von unserer Gondel einen Puff in den Rücken, daß er auf den Bauch fiel. So verging ungefähr eine Stunde; alles war totenstill und wir spitzten unsere Ohren und hielten den Atem an, damit uns kein Laut entginge; da, ganz auf einmal wurde der Nebel ein bißchen dünner, und Jim schrie in fürchterlicher Angst:

»O, um die liebe Heiland willen, steuer Sie rückwärts, Massa Tom! Hier is die größte Riese aus die Tausendste Nacht un kommen auf uns los!«

Und damit fiel er rücklings in die Gondel hinein.

Tom stürzte sich auf einen Hebel und gab dem Schiff Gegenkraft, und als wir infolgedessen plötzlich stillstanden – da guckte ein Menschengesicht so groß wie unser Haus daheim in unsere Gondel und ich fiel um und war tot. Denn ich muß wirklich ’ne Minute lang oder so tot gewesen sein. Schließlich kam ich wieder zu mir und da hatte Tom ’nen Bootshaken in die Unterlippe des Riesen eingehakt und hielt damit den Ballon fest, und dabei hatte er den Kopf hintenübergelegt und sah mit einem langen festen Blick das fürchterliche Riesenantlitz an.

Jim lag auf den Knieen und sah mit gefalteten Händen das Ding an und bewegte betend die Lippen, konnte aber keinen Ton hervorbringen. Ich warf bloß einen Blick auf den Riesenkopf und wollte gerade wieder in Ohnmacht fallen, da sagte Tom:

»Es ist ja gar nicht lebendig, ihr Narren! Es ist die Sphinx.«

Nie hab’ ich Tom so klein gesehen – er sah wahrhaftig nicht größer aus als ’ne Fliege, aber das kam davon, daß der Riesenkopf so schrecklich groß war. Groß und schrecklich, ja, das war er – aber er machte einem doch keine Angst mehr, denn man konnte wohl sehen, daß es ein edles, beinahe trauriges Antlitz war und daß es gar nicht an uns Menschlein dachte, sondern an was Anderes, Größeres. Es war aus Stein, rötlichem Stein, und Nase und Ohren waren verstümmelt, so sah es aus, als ob es mißhandelt sei, und das tat einem unwillkürlich in der Seele weh.

Wir hielten ein Stück von dem Bildwerk ab und segelten rund darum herum und dann darüber weg, und es war einfach großartig. Es war der Kopf eines Mannes oder vielleicht auch einer Frau, auf einem hundertfünfundzwanzig Fuß langen Tigerleib, und zwischen seinen Vorderpranken stand ein süßer kleiner Tempel. Viele hundert Jahre lang – vielleicht Tausende – war das ganze Bildwerk mit Ausnahme des Hauptes unter dem Sand begraben gewesen; aber gerade vor ganz kurzer Zeit hatten sie den Sand weggeräumt und den kleinen Tempel gefunden. Es war jedenfalls ’ne mächtige Masse Sand nötig, um so ’ne Kreatur zu begraben – wohl mindestens so viel wie um ein Dampfschiff zu begraben.

Wir setzten Jim oben auf dem Kopf der Sphinx ab, nachdem wir ihm, da wir im Ausland waren, zum Schutz ’ne amerikanische Flagge gegeben hatten. Dann segelten wir ab und besahen uns das Werk bald aus dieser, bald aus jener Entfernung; das war, wie Tom sagte, nötig, um die richtigen Effekte und Perspektiven und Proportionen herauszukriegen. Und Jim tat wirklich sein Bestes, indem er die allerverschiedensten Stellungen einnahm, die er sich nur ausdenken konnte; am besten gefiel er uns aber, als er auf dem Kopf stand und wie ein Frosch mit den Beinen spaddelte. Je weiter wir wegsegelten, desto kleiner wurde Jim und desto großartiger die Sphinx, bis er zuletzt sozusagen wie ’ne Stecknadel auf einem Dome aussah. Auf diese Weise bringt die Perspektive die richtigen Proportionen zuwege, sagte Tom; er sagte, Cäsars Nigger hätten nicht gewußt, wie groß er war, weil sie zu nahebei gewesen wären.

Dann segelten wir immer weiter und weiter weg, bis wir Jim überhaupt nicht mehr sehen konnten, und da machte die große Figur den edelsten Eindruck – so still und feierlich und einsam blickte sie über das Niltal herüber, und all die schäbigen kleinen Hütten und Menschenwerklein, die rings um sie herum zerstreut waren, sie waren völlig verschwunden und rund um sie herum nur noch eine weiche große Decke von gelbem Sammet, nämlich der Wüstensand.

Das war die richtige Stelle, um Halt zu machen, und das taten wir auch. Eine halbe Stunde lang hielten wir da und guckten und dachten und keiner von uns sagte ein Wort, denn uns wurde so ruhig und feierlich zu Mute, wenn wir daran dachten, daß die Sphinx schon seit Jahrtausenden gerade so über das Tal hinübergeschaut und ihre majestätischen Gedanken so ganz für sich gedacht hatte – ihre Gedanken, von denen kein Mensch sagen kann, was sie sind.

Zuletzt nahm ich das Fernrohr zur Hand und da sah ich mehrere kleine schwarze Dinger auf dem Sammetteppich herumspringen und andere, die auf den Rücken der Sphinx hinaufkletterten, und dann sah ich zwei oder drei weiße Rauchwölkchen aufpuffen, und ich sagte Tom, er möchte auch mal hinsehen. Er tat das und sagte:

»Das sind Käfer. Nein – wart’ mal; sie – wahrhaftig, ich glaube, es sind Menschen. Ja, es sind Menschen – Menschen und auch Pferde. Sie legen gerade ’ne lange Leiter an den Rücken der Sphinx an – ist das aber komisch! Und nun versuchen sie, die Leiter hinaufzuziehen – da sind auch wieder Rauchwölkchen – das sind Flinten! Huck, sie machen Jagd auf Jim!«

Wir ließen die ganze Kraft los und segelten wie das heilige Donnerwetter auf die Sphinx zu. Im Nu waren wir da und sausten mitten unter die Menschen hinein, daß sie nach allen Seiten auseinanderstoben, und ein paar von denen, die die Leiter hinaufkletterten, um Jim zu fangen, verloren den Halt und fielen herunter. Wir sausten hinauf und fanden Jim keuchend und beinahe besinnungslos auf dem Kopf der Sphinx liegen. Er hatte eine lange Belagerung ausgehalten – eine Woche, sagte er, aber das war nicht wahr; sie war ihm nur so lang vorgekommen, weil ihm die Leute so nahe auf den Leib gerückt waren. Sie hatten auf ihn geschossen und der Kugelregen war um ihn herumgerasselt, aber getroffen war er nicht; und als sie merkten, daß er nicht mehr aufstand, und daß ihre Kugeln ihn nicht mehr treffen konnten, wenn er auf dem Bauch lag, da holten sie die Leiter, und da wußte er, daß es mit ihm aus wäre, wenn wir nicht sehr bald kämen. Tom war höchst entrüstet und fragte ihn, warum er denn nicht die Flagge gezeigt und im Namen der Vereinigten Staaten ihnen befohlen hätte, Frieden zu halten? Jim sagte, das hätte er ja getan, sie hätten sich aber gar nicht darum gekümmert. Tom sagte, er wollte dafür sorgen, daß diese Sache in Washington in die Hand genommen würde.

»Und ihr sollt sehen,« rief Tom, »sie werden sich wegen Insultierung der Flagge zu entschuldigen haben und werden obendrein noch ’ne Indemnität bezahlen müssen!«

Sagt Jim:

»Was is ein Indemmität, Massa Tom?«

»Bares Geld ist’s!«

»Un wer kriegen es, Massa Tom?«

»Na, natürlich wir!«

»Un wer kriegen die Entschuldigung?«

»Die Vereinigten Staaten. Oder wir können sie auch nehmen, wenn wir wollen. Wenn uns die Entschuldigung besser gefällt, können wir die nehmen, und die Regierung kriegt dann das Geld.«

»Wie viele Geld werden es sein, Massa Tom?«

»Na, in einem Fall wie dieser, wo erschwerende Umstände dabei sind, mindestens drei Dollars pro Kopf und möglicherweise sogar noch mehr.«

»Nu, denn wolle wir die Geld nehm’, Massa Tom; zum Kuckuck mit die Entschuldigung! Meinen Sie nix auch, Massa Tom? Un du auch, Huck?«

Wir besprachen die Sache ein bißchen und kamen zum Schluß, es wäre gar nicht so übel, wenn wir’s so machten; also wurden wir uns einig, wir wollten das Geld nehmen. Für mich war das ’ne ganz neue Geschichte und ich fragte Tom, ob Staaten immer sich entschuldigen, wenn sie was Unrechtes getan hätten, und er antwortete:

»Ja, die kleinen tun’s.«

Wir segelten nun herum und sahen uns die Pyramiden an und ließen uns schließlich auf der abgeplatteten Spitze der größten von ihnen nieder; und wir fanden, daß alles genau so war, wie der Mann in der Sonntagsschule gesagt hatte. Das Ding sah aus wie vier Treppenfluchten, die, am Boden breit, immer enger werdend schräg aufsteigen und sich oben in einer Spitze treffen. Nur konnte man diese Treppenstufen nicht hinaufsteigen wie irgend ’ne andere Treppe – denn jede Stufe war so hoch, daß sie ’nem gewöhnlichen Menschen bis ans Kinn reichte, und man mußte sich von hinten hinaufheben lassen. Die beiden andern Pyramiden waren nicht weit von der unsrigen entfernt, und die Leute, die zwischen den Pyramiden sich auf dem Sand bewegten, sahen aus wie krabbelnde Käfer, so hoch waren wir über ihnen.

Tom war gar nicht mehr zu halten vor lauter Freude und Erstaunen, daß er an so ’nem berühmten Ort wäre, und er schwitzte sozusagen Weltgeschichte aus jeder Pore – wenigstens kam es mir so vor. Er sagte, er könnte es kaum glauben, daß er genau auf demselben Platz stände, von dem der Prinz auf dem Bronzepferde aufgeflogen wäre. Die Geschichte stände in Tausend und einer Nacht, sagte er. Irgend einer gab dem Prinzen ein bronzenes Pferd mit ’nem Zapfen in der Schulter; und er konnte sich auf dies Pferd setzen und durch die Luft fliegen wie ein Vogel und die ganze Welt bereisen, und er konnte es steuern, indem er den Zapfen drehte, und konnte hoch und niedrig fliegen und landen, wo er nur wollte.

Als Tom die Geschichte zu Ende erzählt hatte, da entstand ein Schweigen – jenes bekannte Schweigen, das sich einstellt, wenn jemand einen Unsinn erzählt hat und wenn den Zuhörern das leid tut und sie gerne das Gespräch auf ein anderes Thema bringen möchten, aber nicht wissen, wie sie das anfangen sollen, und ehe sie sich richtig besonnen haben, da ist das Schweigen schon da und macht die Stimmung unbehaglich. Ich war verlegen, Jim war verlegen und keiner von uns konnte ein Wort herausbringen. Tom sah mich ’ne Minute lang an und sagte dann:

»Na, heraus damit! Was denkst du?«

Ich sage:

»Tom Sawyer, du glaubst die Geschichte doch selber nicht?«

»Warum sollte ich nicht? Was könnte mich daran hindern?«

»Hindern kann dich nur eins: sie kann nicht passiert sein – weiter nichts.«

»Und warum kann sie nicht passiert sein?«

»Sag’ du mir doch, warum sie passiert sein kann?«

»Unser Ballon ist ein ganz guter Beweis dafür, sollt’ ich meinen.«

»Wieso?«

»Wieso? So ’nen Idioten hab’ ich nie gesehen! Sind denn nicht dieses Luftschiff und das bronzene Pferd genau das gleiche, nur unter verschiedenen Namen?«

»Nein, das sind sie nicht. Das eine ist ’n Luftballon und das andere ist ’n Pferd. Das ist ein großer Unterschied. Nächstens wirst du wohl gar sagen, ein Pferd und ’ne Kuh seien ein und dasselbe.«

»Bei Jackson! Da hat Huck ihm wieder fest! Da könn’ Sie nix um ’rumkommen, Massa Tom!«

»Halt den Mund, Jim! Du weißt nicht, was du redest! Und Huck auch nicht. Hör’ mal zu, Huck, ich will euch beiden die Sache klar machen, und dann werdet ihr mich verstehen. Seht mal: wenn man von zwei Dingen sagt, sie seien sich ähnlich oder unähnlich, so kommt es dabei nicht bloß auf ihre Form an, sondern vor allem auf ihr Wesen; und das Wesen ist in beiden das gleiche. Versteht ihr mich jetzt?«

Ich bedachte mir seine Worte bei mir selber und sagte dann:

»Tom, das zieht nicht! So ’n Wesen ist ja recht schön und gut, aber damit kommen wir nicht um die eine große Tatsache herum: wenn ein Luftballon etwas machen kann, so ist das absolut noch kein Beweis, daß ein Pferd dasselbe machen kann.«

»Quatsch, Huck! Du hast die ganze Geschichte noch gar nicht begriffen! Nun hör’ mal ’ne Minute zu – es ist alles vollkommen einfach! Fliegen wir nicht durch die Luft?«

»Ja.«

»Schön! Fliegen wir nicht hoch oder niedrig, grad’ wie wir Lust haben?«

»Ja.«

»Steuern wir nicht, wohin wir wollen?«

»Ja.«

»Und landen wir nicht, wann und wo es uns Spaß macht?«

»Ja.«

»Wie bewegen und steuern wir unser Luftschiff?«

»Indem wir auf die Knöpfe drücken.«

»Na, jetzt denke ich, wird die Geschichte dir endlich klar sein. Bei dem Pferde geschah die Bewegung und Steuerung, indem ein Zapfen gedreht wurde. Wir drücken auf einen Knopf, der Prinz drehte ’nen Zapfen. Du siehst, es ist kein Atom von ’nem Unterschied vorhanden. Ich wußte wohl, ich würde dir’s in den Schädel trichtern, wenn ich mir nur Mühe gäbe!«

Und Tom fühlte sich so glücklich, daß er zu pfeifen begann. Aber ich und Jim blieben still; und so brach Tom überrascht sein Pfeifen ab und sagte:

»Höre mal, Huck Finn, siehst du’s immer noch nicht ein?«

»Tom Sawyer,« antwortete ich, »ich möchte ’ne Frage an dich richten.«

»Nur zu!« sagt er; und ich sehe, wie Jim ein ganz helles Gesicht macht und mächtig aufhorcht.

»Wenn ich die Sache recht verstehe,« sag’ ich, »so kommt es bei dem ganzen Ding nur auf die Knöpfe und den Zapfen an – der Rest ist Nebensache. Ein Knopf sieht anders aus als ein Zapfen – aber darauf kommt es wohl nicht an?«

»Nein, darauf kommt es ganz und gar nicht an, wenn nur beiden dieselbe Kraft innewohnt.«

»Schön! Was ist die Kraft, die ’ner Kerze und ’nem Streichholz innewohnt?«

»Das Feuer.«

»Diese Kraft ist also in beiden die gleiche?«

»Ja, ganz genau die gleiche in beiden.«

»Schön! Angenommen, ich zünde mit einem Streichholz ’ne Tischlerwerkstatt an – was wird damit passieren?«

»Sie wird aufbrennen.«

»Und angenommen, ich zünde mit ’ner Kerze diese Pyramide an – wird sie auch aufbrennen?«

»Natürlich nicht!«

»Schön! Nun ist aber doch beidemale das Feuer das gleiche. Warum brennt denn also die Tischlerwerkstatt, und die Pyramide nicht?«

»Weil die Pyramide nicht brennen kann.«

»Aha! Und ein Pferd kann nicht fliegen!!!«

»O du meine liebe Heiland! Da haben Huck ihm wieder! Diesmal haben Huck ihm richtig auf die Sand gesetzt – Junge, Junge! Un …«

Aber Jim mußte so furchtbar lachen, daß er beinahe erstickte und nicht weiter sprechen konnte, und Tom fuhr beinahe aus der Haut, als er sah, wie elegant ich ihn abgeführt hatte, indem ich seine eigene Beweisführung gegen ihn wandte und sie in Stückchen und Fetzen zerpflückte. Und er wußte nichts weiter zu sagen, als daß er jedesmal, wenn er Jim oder mich disputieren hörte, sich des Menschengeschlechts schämte. Ich sagte gar nichts mehr, aber ich war innerlich sehr mit mir zufrieden. Wenn ich jemandem auf solche Weise heimgeleuchtet habe, so ist es nicht meine Art ’rumzugehen und zu krähen, wie’s manche Leute machen, denn ich glaube, wenn er an meiner Stelle wäre, so wär’s mir auch nicht angenehm, wenn er über mich krähte. Es ist besser, man ist edel und hochherzig – das ist meine Meinung.

Dreizehntes Kapitel.

Nach einem Weilchen ließen wir Jim im Luftschiff allein in der Nähe der Pyramiden herumgondeln und wir selber kletterten bis zu dem Loch hinunter, durch das man in den engen Gang kommt. Wir nahmen einige Araber und Kerzen mit, und mitten in der Pyramide da fanden wir ein Gemach und einen großen Steinkasten drin, worin sie den König aufbewahrt hatten – genau wie der Mann in der Sonntagsschule es uns erzählte. Aber er war jetzt nicht mehr da; irgend einer hatte ihn mitgenommen. Ich hatte aber kein rechtes Vergnügen in dieser Kammer, denn es konnten ja natürlich Geister drin hausen – wenn auch gerade keine neuen, aber ich mag mit Geistern überhaupt nichts zu tun haben.

Wir gingen also wieder hinaus und mieteten uns ein paar kleine Esel und ritten ein Stück; dann fuhren wir ein Stück in ’nem Boot auf dem Nil, dann ritten wir wieder auf Eseln und so kamen wir nach Kairo. Und der ganze Weg war so wunderschön glatt und eben, wie ich nur je in meinem Leben einen Weg gesehen habe; auf beiden Seiten der Straße wuchsen große Dattelpalmen, und überall krochen nackte Kinder herum und die Menschen waren so rot wie Kupfer und feingebaut, kräftig und schön. Und die Stadt war ’ne Sehenswürdigkeit. Diese engen Straßen – es waren wahrhaftig nur Gäßchen – dicht gefüllt mit beturbanten Männern und verschleierten Weibern und alles in hellen, bunten Gewändern! Und man wunderte sich, wie die Kamele und Menschen in solchen engen Gäßchen beieinander vorbeikommen konnten – aber es ging. Aber zusammenpressen mußten sie sich wie Pökelheringe und dabei machten sie alle einen Heidenlärm. Die Läden waren nicht so groß, daß man in sie hineingehen konnte, aber das war auch gar nicht nötig: der Verkäufer saß mit übergeschlagenen Beinen nach Schneiderart auf seinem Ladentisch, rauchte seine lange Pfeife mit dem Schlangenschlauch und hatte all seine Sachen in Reichweite um sich herum.

Ab und zu sauste ein Würdenträger in einer Kutsche vorbei; buntaufgeputzte Männer liefen laut rufend vor dem Wagen her und schlugen jeden, der nicht schnell auswich, mit einem langen Stecken. Nach einer Weile kam sogar der Sultan zu Pferde an der Spitze einer Prozession geritten und uns blieb beinahe der Atem stocken, als wir seine glänzenden Kleider sahen. Jeder warf sich platt auf die Erde nieder und blieb auf dem Bauch liegen, bis er vorüber war. Ich vergaß es, mich hinzuwerfen, aber da war einer, der mir daran zu denken half. Es war einer von denen, die mit ’nem langen Stecken vorausliefen.

Kirchen waren auch da, aber die Leute da sind noch zu dumm, um den Sonntag zu heiligen; sie heiligen den Freitag und schänden den Sabbath. Wenn man hineingeht, muß man die Schuhe abziehen. Ganze Haufen von Männern und Knaben waren in der Kirche, hockten in Gruppen auf dem Fußboden und machten einen endlosen Spektakel – Tom sagte, sie lernten was aus dem Koran auswendig, den sie für ’ne Bibel halten. Ich hatte in meinem Leben nicht so ’ne große Kirche gesehen; sie war ganz fürchterlich hoch, so daß einem schwindlig wurde, wenn man hinaufschaute; unsere Stadtkirche zu Hause ist gar nichts dagegen; man könnte sie in diese hineinstellen und die Leute würden denken, sie sei ’ne Putzwarenschachtel.

Was ich am meisten zu sehen wünschte, das war ein Derwisch, denn für Derwische interessierte ich mich wegen ihres Kollegen, der dem Kameltreiber den bösen Streich gespielt hatte. Wir fanden denn auch einen ganzen Haufen von ihnen in ’ner Kirche, und sie nannten sich Tanz-Derwische. Und tanzen taten sie, das muß ich sagen. So was hatte ich in meinem Leben nicht gesehen! Sie hatten zuckerhutförmige Mützen auf und leinene Unterröcke an, und sie wirbelten und wirbelten und wirbelten herum wie Kreisel und die Röcke standen ganz schräg von ihnen ab; es war riesig nett anzusehen, und ich wurde vom Hingucken wie betrunken. Sie waren alle Moslim, wie Tom mir erzählte, und als ich ihn fragte, was ein Moslim sei, da sagte er, das wäre einer, der nicht Presbyterianer wäre. Dann gibt’s also in Missouri sehr viele Moslim, obwohl ich davon bisher nichts wußte.

Wir sahen uns nicht die Hälfte von den Sehenswürdigkeiten von Kairo an, weil Tom so wild darauf versessen war, Oertlichkeiten aufzusuchen, die in der Weltgeschichte berühmt geworden sind. Wir hatten eine abscheuliche Mühe, den Speicher aufzufinden, worin Joseph vor der Hungersnot das Korn aufgespeichert hatte, und als wir ihn endlich fanden, war eigentlich gar nichts daran zu sehen, denn es war bloß ein altes, verfallenes Gerümpel. Aber Tom war sehr befriedigt und machte mehr Redensarten darüber, als ich Worte sagen würde, wenn ich mir ’nen Nagel in den Fuß getreten hätte. Wie er die Scheuer überhaupt herausfand, das ging über meinen Horizont; denn wir waren bei mehr als vierzig ganz gleichen schon vorbeigekommen und ich wäre mit jeder von diesen Scheunen zufrieden gewesen, aber er mußte natürlich durchaus die echte haben – anders tat er’s nicht. Ich habe nie einen Menschen gesehen, der in dieser Beziehung so heikel war wie Tom Sawyer. Sowie er die richtige sah, erkannte er sie sofort, so leicht wie ich mein anderes Hemd erkennen würde (wenn ich eins hätte), aber wie er das machte, das vermochte er mir so wenig zu erklären, wie er fliegen konnte. So sagte er selber.

Als wir zurück kamen, landete Jim, und wir stiegen ein. Bei dieser Gelegenheit lernten wir einen jungen Mann kennen mit ’nem roten betroddelten Fez und einer schönen seidenen Jacke und Sackhosen, mit ’nem Tuch um den Bauch und mit Pistolen in diesem Tuch. Er konnte englisch sprechen und bat uns, wir möchten ihn als Führer annehmen; er wollte uns nach Mekka und Medina und Zentralafrika und überallhin bringen und verlangte nur einen halben Dollar täglich nebst freier Verköstigung. Wir nahmen ihn an und fuhren mit voller Schnelligkeit los, und als wir mit unserem Mittagessen fertig waren, da schwebten wir gerade über der Stelle, wo die Israeliten durch das Rote Meer gezogen waren und wo Pharao sie eingeholt hatte und von den Gewässern ereilt wurde. Da machten wir denn natürlich Halt und guckten uns die Stelle ganz in aller Ruhe an, und Jim hatte seine Freude dran, sie zu sehen.

Hierauf fuhren wir weiter, so schnell wir konnten, und segelten um den Berg Sinai herum und sahen die Stellen, wo Moses die steinernen Tafeln zerbrach, und wo die Kinder Israels in der Ebene lagerten und das goldene Kalb anbeteten, und es war alles ungeheuer interessant und der Führer kannte jedes Plätzchen so genau, wie ich bei uns zu Hause im Ort Bescheid weiß.

Aber jetzt hatten wir einen Unfall, und der hemmte alle unsere Pläne. Toms alte ordinäre Maiskolbenpfeife war so alt und aufgeschwollen und krumm geworden, daß sie trotz allen Schnüren und Bindfäden, die er herumwickelte, nicht mehr zusammenhalten wollte, sondern in Stücke zerfiel. Tom wußte nun gar nicht, was er jetzt anfangen sollte. Des Professors Pfeife konnte ihm nichts nützen, denn die war bloß von Meerschaum; und jeder, der sich mal an Maiskolbenpfeifen gewöhnt hat, der weiß, daß sie himmelhoch über allen anderen Pfeifen der Welt stehen, und so einer läßt sich nicht dazu kriegen, ’ne andere Pfeife zu rauchen. Meine wollte Tom nicht nehmen, so sehr ich ihn auch zu überreden versuchte. So saß er denn da in der Patsche.

Er überlegte den Fall und sagte, wir müßten ’ne Rundfahrt machen und versuchen, ob wir nicht in Aegypten oder Arabien oder daherum eine auftreiben könnten, aber der Führer sagte, das hätte keinen Zweck, denn solche Pfeifen hätte man da nicht. Tom saß eine Weile recht verdrießlich da, plötzlich aber hellte sich sein Gesicht auf und er sagte, er hätte ’ne Idee und wüßte jetzt, wie die Sache gemacht werden müßte. Nämlich:

»Ich habe noch ’ne andere Maiskolbenpfeife, sogar ’ne ganz ausgezeichnete und beinahe neue. Sie liegt auf dem Wandbrettchen gerade über dem Küchenherd bei uns zu Hause. Jim – du und der Führer, ihr fahrt hin und holt sie, und ich und Huck kampieren hier auf dem Berge Sinai, bis ihr wieder hier seid.«

»Aber, Massa Tom, wir könnte nix finden die Städtchen. Ich könnten wohl die Pfeife finden, weil ich die Küche kennen tun, aber o du liebe Heiland: wir können niemals nix unser Stadt oder Sent Luis oder die andere Orte finden! Wir tun ja nix die Wegen kennen, Massa Tom!«

Das war ’ne unbestreitbare Tatsache, und Tom wußte ’ne Minute lang nichts zu erwidern. Dann sagte er aber:

»Hör’ mal zu: die Sache läßt sich trotz alledem machen, und ich will dir sagen, wie. Du nimmst die Richtung mit dem Kompaß und segelst gerade wie ein Pfeil immer westlich, bis du die Vereinigten Staaten findest. Ein Versehen ist dabei nicht möglich, denn es ist das erste Land, das du auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans antriffst. Wenn du bei Tage ankommst, so fährst du gleich weiter, direkt westlich vom oberen Teil der Küste von Florida und in eindreiviertel Stunden stößt du auf die Mündung des Mississippi – wenn du mit der Geschwindigkeit fährst, die ich dir vorschreiben werde. Du wirst so hoch oben in der Luft sein, daß dir die Erde sehr gekrümmt vorkommen wird – ungefähr wie ’ne umgestülpte Waschschüssel – und du siehst da unten ’ne Menge Flüsse durcheinander krabbeln, lange schon, ehe du in die tieferen Luftschichten herunter kommst; den Mississippi wirst du ohne jede Schwierigkeit dazwischen herausfinden, denn er ist bei weitem der größte von ihnen. Dann folgst du in beinahe nördlicher Richtung dem Lauf des Flusses, eindreiviertel Stunden lang, bis du den Ohio einmünden siehst; nun mußt du anfangen scharf aufzupassen, weil du jetzt schon in die Nähe kommst. Zu deiner Linken aufwärts siehst du einen anderen Strom einmünden, das ist der Missouri, ein bißchen oberhalb der Stadt St. Louis. Du steigst dann noch tiefer herab, damit du während der Fahrt die kleinen Städte dir ansehen kannst. In den nächsten Viertelstunden wirst du ungefähr bei fünfundzwanzig vorbeikommen, und du wirst unser Städtchen erkennen, sobald du’s siehst – und wenn du’s nicht erkennst, so brauchst du bloß ’runterzurufen und zu fragen.«

»Is das so leicht, Massa Tom, so denken ich, wir können es machen – jawoll, ich wissen, wir können.«

Der Führer war ebenfalls davon überzeugt und meinte, er würde es in einer ganz kleinen Weile lernen, seine Wache zu halten.

»Jim kann Euch die Geschichte in ’ner halben Stunde beibringen,« sagte Tom. »Der Luftballon ist so leicht zu handhaben wie ein Kanoe.«

Dann holte Tom die Karte hervor, zeichnete den Kurs hin und maß den Weg aus und sagte:

»Der westliche Weg ist der kürzeste, wie ihr seht. Es sind bloß etwa siebentausend Meilen. Wenn ihr östlich fahrt, so ist’s mehr als doppelt so weit.« Dann wandte er sich an den Führer und fuhr fort: »Ich wünschte, daß ihr alle beide während eurer Wache auf den Geschwindigkeitsanzeiger acht gebt, und wenn er nicht dreihundert Meilen in der Stunde angibt, so steigt ihr höher oder tiefer, bis ihr eine Orkanströmung findet, die in eurer Richtung weht. Der alte Kasten hier macht seine hundert Meilen in der Stunde, ohne daß man überhaupt den Wind zu Hilfe zu nehmen braucht. Zweihundert-Meilen-Stürme findet ihr, so oft ihr einen haben wollt. Manchmal werdet ihr ein paar Meilen hoch steigen müssen, und da oben wird es verflixt kalt sein; meistens aber werdet ihr euren Sturm ein gutes Stück tiefer finden. Wenn ihr nur ’nem Zyklon begegnen könntet – das wär’ für euch ein gefundenes Fressen. Ihr werdet aus des Professors Büchern sehen, daß sie in diesen Breiten westlich ziehen, und noch dazu in geringer Höhe.«

Hierauf rechnete Tom ein Weilchen und fuhr dann fort:

»Siebentausend Meilen – dreihundert Meilen in der Stunde – ihr könnt die Spazierfahrt in einem Tag, also vierundzwanzig Stunden, machen. Heute haben wir Donnerstag; ihr werdet also Samstag nachmittag wieder hier sein. So, nun packt mir ein paar Decken, Lebensmittel, Bücher und dergleichen für mich und Huck aus, und dann könnt ihr gleich abfahren. Von Rumtrödeln mag ich nichts wissen – ich muß meine Pfeife haben, und je schneller ihr sie mir bringt, desto besser.«

Alle Mann halfen beim Auspacken; binnen acht Minuten lagen unsere Sachen draußen und der Ballon war segelfertig für Amerika. Wir schüttelten uns also zum Abschied die Hände und Tom gab seine letzten Befehle:

»Jetzt ist es zehn Minuten vor zwei, Sinaizeit. In vierundzwanzig Stunden seid ihr zu Hause, das ist sechs Uhr früh nach dortiger Zeit. Ihr landet ein bißchen seitwärts vom Ort auf dem Gipfel des Hügels, im Walde, so daß man euch nicht sieht. Dann springst du in die Stadt, Jim, und steckst beim Posthaus diese Briefe in den Kasten, und wenn schon jemand auf den Beinen sein sollte, ziehst du dir den Schlapphut ins Gesicht; so wird man dich nicht erkennen. Dann schlüpfst du von hinten in unsere Küche hinein und nimmst die Pfeife und legst diesen Zettel auf den Küchentisch; leg’ irgend ’was drauf, damit er nicht ’runterfliegt. Dann schleiche dich hinaus und mach’ dich dünne und lass’ ja nicht Tante Polly oder sonst jemand dich zu Gesicht kriegen. Lauf so schnell du kannst nach dem Ballon und sause mit Dreihundertmeilen-Geschwindigkeit nach dem Berg Sinai zurück. Du wirst dich nicht länger als ’ne Stunde aufzuhalten haben. Um sieben oder acht, heimatliche Ortszeit, wirst du wieder abfahren und bist in vierundzwanzig Stunden zurück, kommst also um zwei oder drei Uhr nachmittags, Sinaizeit, hier an.«

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