V. Hongkong.
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Die Hitze, die wir bisher in der frischen Seeluft nicht gespürt hatten, machte sich schon recht bemerkbar, als unser stolzer »König Albert« am 16. April vormittags in den Hafen von Hongkong eindampfte. Hongkong, d. h. der »duftende Hafen«, liegt südöstlich von Kanton hart an der Grenze der tropischen Zone und ist eine kleine Insel von kaum 15 km Länge und 7-8 km Breite, welche durch einen schmalen Meeresarm vom Festlande, der Halbinsel Kowloon, getrennt wird. Sie ist seit dem Frieden von Nankin im Jahre 1842 an die Engländer abgetreten worden und bedeutet jetzt eine Perle der britischen Kolonieen. Die Bewohner, ca. 300 000, sind meist Chinesen neben etlichen tausend Indiern; unter den Europäern, deren Anzahl nur ein Dreißigstel der Gesamtbevölkerung ausmacht, sind die Portugiesen am meisten vertreten, ihnen folgen die Engländer mit ein paar tausend Mann Garnison. An der Nordküste der Insel liegt die Stadt Viktoria, die amphitheatralisch angelegt ist und im Schmuck ihrer hell leuchtenden Häuser und grünen Bäume, namentlich vom Meer aus, einen herrlichen Anblick gewährt. Was aber die Augen des Reisenden am meisten anzieht, ist das Treiben im Hafen.

Hongkong (Hafen und Europäisches Viertel).
Fahrzeuge aller Art und aller Nationen erblickt man dort: mächtige Kriegsschiffe, insbesondere britische, welche dem chinesischen Geschwader angehören, große und kleine Postdampfer, schwerbeladene Handelsschiffe, zahllose Dschunken, Boote u. s. w. Hier läuft ein Schiff ein, dort sticht ein anderes in See, in dicken Säulen steigt der Rauch aus den Schornsteinen empor, überall ein Tuten, Pfeifen, Rasseln, Klirren, daß einem von all dem Geräusch fast die Sinne benommen werden. Und wie es im Hafen von Menschen wimmelt! Schwere Kisten werden auf- und abgeladen, Fässer werden gerollt, Ballen gewälzt, Gepäck geschleppt, Karren mit Pferden fahren hin und her, Lastträger mit Tonnen drängen sich ächzend durch die Menge – kurz, alles ist in regster Bewegung. Daß Hongkong als Handelsplatz und als Seehafen des Weltverkehrs an der ganzen ostasiatischen Küste tatsächlich eine große Rolle spielt, ist schon daraus ersichtlich, daß fast alle Handelsstaaten hier Konsulate haben; Tee, Seide, Opium, Zucker, Öl, Salz, Baumwolle, Elfenbein, Nahrungsmittel der verschiedensten Art sind die wesentlichsten Gegenstände des Handels.
Der reiche Mitsui, der auch hier seine Firma besitzt, holte uns mit seinem Dampfboot ab, und unter der sicheren Führung eines seiner Beamten betraten wir nun die Stadt. Wir besuchten zuerst Queen's Road, die schönste und belebteste Straße. An beiden Seiten reihen sich chinesische und europäische Verkaufsläden in buntem Gemisch aneinander; das Stadthaus, das Theater, mehrere Banken, Konsulatsgebäude u. s. w. befinden sich hier. Die nicht eben hohen, aber doch stattlich aussehenden Gebäude sind meist in europäischem Stil aufgeführt. Die Straßen sind ziemlich sauber, aber leider ein bißchen eng, was jedoch die Lebendigkeit des Straßenlebens bedeutend erhöht. Zum Fahren dienen zierliche Rollstühle, auch den Chinesen eigentümliche Tragsessel werden viel gebraucht; Equipagen und Droschken sieht man verhältnismäßig wenig, da die bergige Lage und die enge unregelmäßige Straße es nicht erlauben. Das Straßenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewürfelten Bevölkerung große Ähnlichkeit mit jenem Shanghais.
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Nachdem wir die Straßen durchwandert, die Sehenswürdigkeiten in Augenschein genommen und auch einige Einkäufe, wie z. B. Tropenhüte u. dgl., gemacht hatten, wollten wir zum Viktoria-Park, von dem die Reisenden nicht genug zu erzählen wissen, hinansteigen. Die große Hitze jedoch und die spärlich bemessene Zeit nötigten uns von dem Vorhaben abzustehen und wir benutzten die Drahtseilbahn, die uns schnell auf den Gipfel führte. In ungefähr einer Viertelstunde waren wir am Ziel. Aber in diesem Augenblick kam leider der Nebel, eine sehr häufige und unangenehme Erscheinung dieser Gegend, heraufgezogen, und ehe wir uns versahen, bedeckte er mit seinem Schleier den ganzen Berg. Nicht zehn Schritte konnte man vor sich schauen, man hätte ihn mit einem Messer durchschneiden können – so dick war er! Von der großartigen Aussicht nach dem Hafen war nun keine Rede mehr und es blieb uns nichts weiter übrig, als geduldig die Zeit abzuwarten, bis der Nebel sich gesenkt hatte. Wir kehrten deshalb im Wirtshaus Peak-Hotel ein, ließen uns die englische Küche gut schmecken und sahen zu, ob nicht durch die flatternden Nebelgespinste sich irgend etwas unsern Blicken darböte. Und sieh! Nach ungefähr einer Stunde teilte sich der Nebel und auf einmal lagen zu unseren Füßen Stadt, Hafen und weiter hinten die Halbinsel Kowloon. Wir standen in stiller Bewunderung da, die Operngläser vor den Augen haltend. Da unser Standpunkt nicht allzu hoch war, so konnte man die Form und Farbe eines jeden Gegenstandes noch deutlich unterscheiden. Ein entzückendes Panorama! An den Abhängen sieht man übereinander aufsteigende Höfe von tropischen grünen Baumgruppen umgeben und prächtige Villen mit herrlichen Gartenanlagen; aus den Straßen der Stadt erheben sich große, stattliche, wie Paläste und Schlösser aussehende Gebäude, darunter mischen sich die schwarzen Kuppeln und die rötlichen Türme der Kirchen und Kapellen. Hinter dem Halbkreis des Hafens dehnt sich der unendliche Ocean aus, auf dessen blauem Spiegel hunderte von Schiffen wie weiße Schwäne umherschwimmen. Auf der anderen Seite des Berges sieht man in einer talförmigen Vertiefung ein großes Wasserbecken, das im hellen Sonnenschein wie ein smaragdner See leuchtet; hier wird das Regenwasser sorgfältig gesammelt und mittelst Röhren in die Stadt geleitet, wo man es zum Trinkwasser verwendet.

Hongkong (Chinesisches Viertel).
Aus dem einförmigen Leben auf dem Schiff in die Mitte dieses schönen, erhebenden Anblickes versetzt, fühlten wir uns so erquickt und blickten wie gebannt immer und immer wieder in die weite Natur hinaus, als wollten wir alle diese Schönheiten in unsere Brust einsaugen. Da fällt aber mit einem Male der Vorhang vor unseren Augen: mit dem wiederkehrenden Nebel ändert sich die Szene, und in einem Augenblick ist von all dem Gebotenen nichts mehr zu sehen. Mit der Drahtbahn rollten wir nun wieder mit haarsträubender Schnelligkeit den steilen Abhang hinab bis zu der Station, die am Fuße des Berges liegt, dann folgten wir der freundlichen Einladung der Firma Mitsui, stiegen einen gewundenen Weg hinauf und gelangten bald in eine schöne Villa, die der Firma gehört. Von dem Umherlaufen des langen Tages und von der Hitze im unheimlichen Nebelkreise müde, lehnte ich mich an das Geländer der Veranda und schaute in den Garten hinab, der mit den prächtigen bunten Blumen, wie sie der tropischen Zone eigen sind, geschmückt war; ein wenig unterhalb befand sich ein geräumiger Tennisplatz. Hier sah ich ein paar kleine japanische Mädchen von sechs bis sieben Jahren, die sich mit Spiel und Blumenpflücken vergnügten – liebliche Erscheinungen sondergleichen, die ich schon jahrelang vermißt zu haben glaubte. Unverwandt ruhten meine Augen auf ihnen... was für eine Gestalt schwebt dir vor und woran denkst Du?...
Bei der Tafel wurden uns einige Herren und Damen von der Firma vorgestellt und nun langten wir tüchtig zu; zu unserer großen Überraschung und Freude bekamen wir hier japanische Kost vorgesetzt. Kein Wunder, daß deshalb bei Tisch die heiterste Laune herrschte; ja, man konnte bei der gemütlichen Unterhaltung fast wähnen, daß man sich daheim im trauten Kreise der Freunde befände. Nach dem Essen spielte Herr Musiklehrer Taki Klavier; er gab manch japanisches Stück zum besten und trug dadurch wesentlich zur Erhöhung der Stimmung bei. Vom Fenster aus sahen wir tausende von Lichtern, die wie gesäete Sternlein auf dem Meere funkelten und feenhaft das Wasser beleuchteten.
Am 17. mittags wurden die Anker gelichtet. Ich stand auf dem Verdeck, sah vor mir die schöne Insel und konnte nicht umhin, an die geschichtlichen Tatsachen zurückzudenken, wie und warum die Chinesen genötigt wurden, den Engländern dieses Eiland abzutreten. Daß der chinesische Kaiser Süan die Auslieferung alles in den englischen Schiffen und Magazinen befindlichen Opiums, dieses wichtigsten und gewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr, forderte, um dem Opiumhandel mit einem Mal ein Ende zu machen und daß er die ausgelieferten 20 000 Kisten im Wert von 4 Mill. Pfd. Sterling verbrannte, daß Streitigkeiten darauf erfolgten, daß England am Ende den Krieg erklärte u. s. w., ist einem jeden zu bekannt, um hier wiederholt zu werden. Zwar ist die Insel im Vergleich zu dem ungeheuer großen Reich der Mitte ein kleines Stückchen Land, aber ein harter Verlust ist und bleibt es doch für die Chinesen, zumal wenn man bedenkt, daß ihnen seit der Zeit ein Stückchen Land nach dem andern verloren ging. Wehe ihnen, wenn sie am Ende gar noch die Mandschurei einbüßen sollten! Im großen und ganzen ist aber die Abtretung Hongkongs für den Weltverkehr ein wahrer Segen gewesen, denn in den Händen der Chinesen wäre die Insel bei weitem nicht zu ihrer jetzigen Blüte gelangt. Die Menge an Kapital, Arbeit und Fleiß, die die Engländer aufgewendet haben, um die Insel zu dem zu machen, was sie heute ist, ist der höchsten Anerkennung wert. Die großartigen Quai- und Dockanlagen sind ihr Werk, ebenso die mühevolle Bepflanzung des Peak, den der Viktoria-Park schmückt.

Chinesische Kaufmannsfamilie in Festtracht.
Auch Gewerbe und Industrie verdanken ihren Aufschwung wesentlich den Engländern. Fabriken und Werkstätten der verschiedensten Art, wie z. B. Zuckerfabriken, Sägewerke, Seilereien, Ziegeleien, Zündholzfabriken, Fabriken für Maschinen- und Bootsbau, Glasereien, Färbereien u. a. m., sind meist von den Engländern angelegt oder angeregt worden. Kurz, ihnen gebührt mit Recht das Verdienst, Hongkong den Namen eines ausgezeichneten Stapelplatzes und eines vorzüglichen Freihafens gegeben zu haben.
Nach allem, was ich in Shanghai und Hongkong gesehen habe, kann ich meinen jungen Landsleuten nur den Rat erteilen: macht euch auf und besucht diese Städte! Dort erblickt ihr eine ganze fremde Welt, andere Einrichtungen, Sitten und Gebräuche! Wer die beschwerliche und kostspielige Reise nach Europa sparen will, findet in diesen beiden Städten, die nur zwei Tage Dampferfahrt von Nagasaki entfernt liegen, hinreichend Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu erweitern. Insbesondere seien diese wichtigen Handelsplätze den jungen Japanern empfohlen, die kaufmännisch sich vervollkommnen wollen. Es ist entschieden gescheiter, die Sommerferien auf diese Weise zu einer Studienreise auszunützen, als sie im Gebirge oder in den Seebädern zu verbummeln!
Leider war mein Aufenthalt in Hongkong nicht ungetrübt. Denn als ich mich nach einem meiner ehemaligen Schüler und Freunde, Herrn Dr. Okoshi, erkundigte, erfuhr ich zu meinem großen Schmerz, daß jener kurz vor meiner Ankunft am Typhus gestorben war. Mit wehen Gefühlen betrachtete ich das Bild des teuren Toten, der vielen noch als treues und tätiges Mitglied des bekannten Vereins an der Adelsakademie, Hojinkai, in Erinnerung sein dürfte. Fern von den Seinen und der geliebten Heimat ist er in einem Alter dahingeschieden, wo er erst anfangen sollte, seine Kenntnisse und Erfahrungen recht ordentlich anzuwenden. Ich bat mir die Photographie seines Leichenzuges aus und schickte sie nach Japan an unsere Schule; dort soll sie zum bleibenden Andenken an diesen Braven aufbewahrt werden.
Noch ein anderes trauriges Ereignis war der Tod eines Passagiers auf unserm »König Albert«. Ein Engländer war mit Weib und Kind von Yokohama an unser Reisegefährte gewesen. Wie ich hörte, soll er an Lungenschwindsucht gelitten und in der guten Hoffnung, die frische Seeluft möge heilsam auf ihn wirken, seine Reise angetreten haben. Der herzzerreißende Jammer der unglücklichen Hinterbliebenen ist gar nicht zu beschreiben; alle Passagiere trauerten mit ihnen, die Schiffskapelle stellte die Musik ein. Doch war es ein Trost für die Trostlosen, daß die sterblichen Überreste des Dahingeschiedenen in Hongkong beigesetzt wurden, sonst hätte er ein nasses Grab gefunden in dem unendlichen Meer, wo weder Hügel noch Stein die Ruhestätte anzeigen.
