Inhalt. (continued 3)
Reading edition

Abb. 136. Hölle im Pflerschthal. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Schnalser Thal. Etschthal. Meran.
Das Etschthal zeigt von der Mündung des Schnalser Thals abwärts schon fast südliche Fülle und Schönheit. Über prachtvollen Kastanien und Nußbäumen trotzen die Burgen von Hochnaturns und Tarantsberg; Reben umranken jedes Haus, üppiges Schlinggewächs jeden Fels. Noch einmal verengt sich das Thal zu einer merkwürdigen Schlucht, der „Töll“, durch welche sich die Etsch über eine Höhe von fast 200 m hinunterdrängt in die Tiefe. Dem Wanderer aber erschließt sich plötzlich ein weiter wunderbarer Blick in einen offenen Thalgrund, mit blinkenden Ortschaften, Kirchen und Burgen; eine entzückende, lachende Gartenlandschaft: das gesegnete Burggrafenamt von Meran.

Abb. 137. Straße in Sterzing. (Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Meran selber (Abb. 120), vordem die Hauptstadt von Tirol, liegt in üppigem Weingelände, am Ufer der Passer, die sich eine Viertelstunde weiter in die Etsch ergießt. Sie hat heute 7200 Einwohner. Obwohl weder als Industrie- noch als Handelsplatz thätig, ist die kleine Stadt weltberühmt wegen ihres unvergleichlichen Klimas, das sie seit etwa sechzig Jahren zu einem Kurort ersten Ranges erblühen ließ. Um die Gasthöfe, Pensionen, Heilstätten und Krankenpromenaden dreht sich das ganze Leben der Stadt. Aber so frisch auch die Quellen von den Bergen rieseln, so üppig jeder Weg und jeder Stein von Blüten überrankt erscheint, so kühl der Schatten der prächtigen Kastanien, so entzückend der Blick auf die riesigen Berge der Umgebung, auf die weite Thalebene, die Rebengelände und die prächtigen alten Burgen an den Hügelsäumen ist: der gesunde Mensch flieht Meran; hier ist zu viel des Leidens und Sterbens, das wehmütig stimmt — gerade bei dieser Vollpracht der Natur.

Abb. 138. Sterzing. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Schloß Tirol. Passeier Thal.
Ja — man flieht aus den sauberen und sonnigen Straßen Merans und seiner Nachbarorte Ober- und Untermais; hinauf nach dem Schloß Tirol (Abb. 122), dem alten Felsenneste, wo einst die Grafen von Tirol saßen und aus dem alten Kaisersaale der entzückte Blick meilenweit durch das Etschthal hinunterschweift und hinauf bis zu den Laaser Fernern. Oder nach dem schönen Schloß Lebenberg mit seinem Schatze von mittelalterlichen Erinnerungen; nach Schloß Schönna (Abb. 123) oder der trotzigen Fragsburg. Oder noch weiter in eins der großen Hochgebirgsthäler, die bei Meran in das Etschthal münden: in das Passeier- oder das Ultenthal.

Abb. 139. Gilfenklamm (Ridnaun).
Das Passeier, eins der meistgenannten Tiroler Seitenthäler, erstreckt sich über 30 km lang von Meran nordwärts bis zur Gletscherwelt der Stubaier und Ötzthaler Gruppe, von der eisfrischen Passer durchströmt. Nur der unterste Teil des Thales zeigt noch den üppigen Landschaftscharakter von Meran (Abb. 124). Die zerstörungslustige Passer mit ihren häufigen Überschwemmungen hat die Ansiedelungen genötigt, mehr nach den Thalwänden hinaufzusteigen. Von der Kellerlahn, einem brüchigen Berghang an der Ostseite des Thales, wälzen sich nach jedem Regengusse verheerende Schlammströme herab, um dann von der Passer thalauswärts gerissen zu werden. Hinter dem Dorf Sankt Martin, etwas rechts von der Straße, liegt das Sandwirtshaus (Abb. 125), aus dem Andreas Hofer hervorging, um seine kurze glänzende Heldenlaufbahn und seinen frühen Tod zu finden. Nicht ohne Rührung schaut der Wanderer hinüber zu dem schlichten weißen Hause. Hauptort des Thales ist Sankt Leonhard, unter den Ruinen der Jaufenburg. Hier spaltet sich das Thal; ein Ast zieht nordöstlich gegen den einst viel begangenen Jaufenpaß, über den ein Saumweg nach Sterzing führt. Der Hauptast aber wendet sich nach Westen. Die Straße wird zum Saumpfad. Bei Moos zweigt sich abermals ein Seitenthal ab: Pfelders. In ihm liegt, schon 1628 m hoch, noch die kleine Ortschaft Plan, eins der echtesten und ärmsten Hochgebirgsdörfer Tirols mit seinen wettergebräunten Hütten. Gletschersteige führen von hier über den Ötzthaler Kamm nach Gurgl. Das Passeier aber wendet sich von Moos wieder nach Norden. Man betritt das Hinterpasseier; eine der unwegsamsten weltentlegensten Gegenden Tirols. Der zum schlechten Steig gewordene Weg leitet noch zu den kleinen Ansiedelungen Seehaus, Rabenstein und Schönau; hier ist das Passeier zu Ende. Nach links führt ein kaum mehr erkennbarer Jochpfad zum Timbler Joch, zwischen der Ötzthaler und Stubaier Gruppe; nach rechts steigt man aufwärts zum ehedem erzreichen Grubengebiet des Schneeberges, das geographisch zum Passeier gehört, obwohl sein Verkehr nach anderer Richtung, nach Ridnaun und Sterzing hin gerichtet ist.

Abb. 140. Becher mit Kaiserin Elisabeth-Haus. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 141. Brixen ums Jahr 1575. (Nach dem gleichzeitigen Stich von Braun & Hogenberg.)
Ultenthal.
Ein anderes großes Seitenthal des Etschthals, auch bei Meran sich öffnend, ist Ulten, durch das die Valschauer fließt. Es zieht in südwestlicher Richtung hinan zur Ortlergruppe. Der Eingang in das Thal führt durch einen schönen, mit alten Kastanien geschmückten Naturpark und durch Rebengärten an den alten Schlössern Braunsberg und Eschenloh vorüber, durch deren Gemäuer sagenhafte Schatten schwanken und über denen in den granitenen Thalwänden die Ultner Sage Hexenschwärme sich umtreiben läßt. Weiter einwärts findet man Thonschiefer- und Porphyrbildungen; dort liegt als Hauptort von Ulten Sankt Pankraz und hoch darüber auf luftiger Berghalde Sankt Helena. In einer Enge zeigt sich weiterhin das viel besuchte Mitterbad (946 m), ein vitriolhaltiger Eisenquell. Nun steigt der Weg steiler im Thalgrund hinan; es folgen noch ein paar kleine Ortschaften; endlich als letzte Sankt Gertrud (1470 m). Von hier laufen noch Jochsteige in die Nachbarthäler: nordwestlich über einen vergletscherten Grat ins Martellthal; südwestlich am einsamen Corvosee vorüber zu den vielbesuchten Bädern von Rabbi im Val di Sole (Sulzberg). Das ganze Ultner Thal ist durchaus deutsch, neben welscher Nachbarschaft; nur ihre alten Volkstrachten hat die Bevölkerung gegen die wohlfeilen Italienerkittel vertauscht, trotz ihrer Wohlhabenheit. Allgemein gelten die Ultner als das lustigste Völkchen in Südtirol.

Abb. 142. Brixen. (Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)

Abb. 143. Kreuzgang im Dom zu Brixen.
Bozener Thalkessel.
Von Meran abwärts ändert die Etsch plötzlich ihre Richtung; sie fließt nunmehr nach Südsüdosten bis in den Bozener Thalkessel, von wo sie eine rein südliche Richtung einschlägt. Das Etschthal von Meran bis Bozen heißt auch das Mutterländchen; es ist der Kern, an den das übrige Tirol nach und nach hinzugewachsen ist. Hier breitet die Natur schon jenen üppigen Segen aus, der sich dann durch das ganze übrige Etschland fortsetzt. Das Thal ist offen, mit flacher Sohle; Leben und Bevölkerung haben sich aber, diese Ebene vermeidend, an ihren beiden Seiten zu den Thalgehängen hingezogen. Hier liegt eine ganze Reihe von malerischen, wohlhabenden, rebenumrankten Ortschaften, überragt von prächtigen alten Burgen. Die Bahn und die Etsch drängen mehr nach der linksseitigen Thalwand hin, wo auch die Poststraße läuft, an den alten Burgen von Gargazon und Maultasch und dem rebengesegneten Terlan vorüber, und längs der roten Porphyrwände, von denen aus luftiger Höhe auch die Burgtrümmer von Greifenstein herunterleuchten. Am rechten, südwestlichen Thalgehänge ist das Gestein anfangs Granit, später auch Porphyr, von steilen Schluchten durchschnitten; auch Sandstein und vorgedrängtes Dolomitgeröll. An dieser Thalwand ragen die Schlösser Lebenberg und Helmsdorf, Thurn, die epheuumsponnene Maienburg und Brandis; dazwischen Bergschluchten, Weingärten und Haine von Edelkastanien und wiederum alte Burgen: Leonburg, Fahlburg, Katzenzungen, Wehrburg, Schwanburg und Nalsburg und viele andere. Man wird wohl kaum auf einem anderen Fleck Erde so viel Naturschönheit, mittelalterliche Romantik und gesundes Volkstum vereint finden, wie hier. Dabei wohnt in den sonnigen Dörfern eine rein deutsche Bevölkerung, hoch gewachsen und schön, treuherzig und an alter Sitte hangend.

Abb. 144. Klausen und Kloster Säben.

Abb. 145. Fürstenzimmer im Schloß Feldthurns. (Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)
X. Sillthal, Brenner und Bozen.
Sillthal oder Wippthal.
Wir kehren wieder zur Landeshauptstadt zurück, um jenen merkwürdigen Thalspalt kennen zu lernen, der von Innsbruck aus durch das Sillthal, über den Brenner und das Eisackthal bis in den Bozener Kessel zieht. Heute tragen uns die Züge der Brennerbahn durch diesen Thalspalt dem sonnigen Süden zu. Gleich hinter dem Bahnhofe Innsbruck und dem ehrwürdigen Stift Wilten beginnen die mächtigen Bauwerke dieser Bahn, wo uns jene finstere Felsenpforte entgegengähnt, die den Berg Isel durchbohrt. Hoch über uns türmt der einst so viel umkämpfte Bergwall sich empor, dessen blutgetränktem Boden jetzt fröhlich grünender Wald entsproßt. Dahinter nimmt uns das einsame Sillthal auf, an dessen östlicher Thalwand die Bahn bergan steigt. Kaum hat dieselbe den Iseltunnel verlassen, so erscheint gegenüber eine von einem kühnen Brückenbogen überspannte Thalöffnung. Es ist der Eingang ins Stubaithal.
Stubaithal.
Das Stubaithal zieht sich, in seiner unteren Hälfte offen, bevölkert und wohlangebaut, im oberen Teil in almenreiche Hochthäler gespalten, hinauf zur Kette der Stubaier und Lisenzer Ferner. Die charakteristischen Bergformen des Kalkes und des Thon- und Glimmerschiefers treffen hier zusammen und schaffen ein reiches und großartiges Landschaftsgesicht, das sich schon am Eingang des Thales zeigt. In diesem liegt zu unterst das lebhafte Dorf Mieders (Abb. 126); von der jenseitigen grünen Höhe schauen freundlich die weißen Häuser von Telfes herab. Weiter thaleinwärts führt das Sträßchen nach dem bevölkertsten Orte des Thals: Vulpmes (Abb. 127), wo ein lebhaftes Eisengewerbe blüht. Mit Sensen, Sicheln, Äxten und anderen groben Eisenwaren versorgt das Stubaier Schmiedehandwerk einen weiten Umkreis. Das letzte Dorf in dem nur wenig ansteigenden Thal ist Neustift (Abb. 128). Hier verzweigt das Thal sich in zwei große Äste. Einer von ihnen, das Oberbergthal, wendet sich mehr westwärts in die großartige Wildnis der Alpeiner Alp empor, wo um die mächtigen firnumkleideten Felsriesen des „Wilden Turmes“, des Schrankogl und der Ruderhofspitze ein Eismeer sich ausdehnt, dessen nordöstliche Abdachung als „Alpeiner Ferner“ in das Thal niedersteigt. Das Hauptthal aber, Unterbergthal genannt, zieht noch fünf Stunden weit bis zu jenem Kranz gigantischer Eisberge, die man schon am Eingange des Stubaithals den Thalschluß mit leuchtendem Glanze überdachen sieht. Hier erheben sich neben dem 3511 m hohen „Zuckerhütl“, in dem die Gruppe kulminiert, der wilde Pfaff, die Sonklarspitze, die Schaufelspitze, der Botzer, der wilde Freiger, die Wildspitze, der Daunkogl und andere über 3000 m erhabene Gipfelhöhen aus einem weit gedehnten Eismeer, das zahlreiche prächtige Gletscherzungen in die obersten Verzweigungen des Thals herabhängen läßt. Zahlreiche vergletscherte Joche, unter denen das Bildstöckeljoch am meisten begangen ist, führen in die benachbarten Thäler, in das Ötzthal, ins Pflersch- und Ridnaunthal, selbst bis in die fernen obersten Gründe von Passeier.

Abb. 146. Waidbruck.
Brenner. Gossensaß.
Kehren wir zur Brennerbahn zurück. Sie erreicht die erste größere Ortschaft des Sillthales, das lang an der Straße hingestreckte Matrei (Abb. 129). Das Thal wird auch Wippthal genannt, der Name kommt von Vipitenum, wie einst Sterzing genannt ward. Unter dem alten Schloß, das Matrei überragt, führt in einem Tunnel die Bahn, dann in ebenem Gelände fort bis zu dem malerischen Steinach (Abb. 130), Geburtsort Martin Knollers, des bedeutendsten Tiroler Malers — vor Defregger. Von hier beginnt die eigentliche Steigung der Bahn. Diese hebt sich an der östlichen Thalwand höher und höher empor und biegt, weil sie auf gerader Linie die Steigung nicht bewältigen kann, weit in das Schmirner und Valser Seitenthal (Abb. 131) ein, indem sie in halbkreisförmigem Tunnel einen Berg durchbricht. Tief unter ihr liegt nun die Thalsohle und das letzte Dorf im Wippthale, Gries, über welches der Blick des Reisenden in ein stilles Seitenthal, das Obernbergthal, hinüberschweift. Noch eine letzte Steigung an kahler Felswand überwindet die Lokomotive keuchend und stöhnend; dann schlingt sich der Eisenpfad um einen grünen träumerisch zwischen Bergwäldern schlafenden See und erreicht die Paßhöhe.
Zwischen den östlichsten Ausläufern der Stubaier Gebirgsgruppe und dem Westabfall der Zillerthaler Gruppe ist, 1362 m über dem Meere, ein grünes Hochthal eingeschnitten: der Brenner. Als geräumige, alte, sturmfeste Herberge für Wanderer und Fuhrleute steht hier das stattliche Haus der Brenner Post, auf der Wasserscheide zwischen dem Schwarzen Meer und der Adria, an einer der wichtigsten Heer- und Völkerstraßen Europas.

Abb. 147. Kastelruther. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Minutenlang rasten hier die mächtigen Lokomotiven, die keuchend ihre Züge heraufgeschleppt haben bis zur kühlen Paßhöhe. Aber es ist nicht viel zu sehen auf der berühmten Thälerscheide: den Ausblick in die höhere Gebirgswelt verdeckend schiebt sich von Westen her dunkles Waldgehäng, während man nach Osten zu auch nur grün bewachsene unscheinbare Bergrücken erblickt, die sich vom Tuxer Kamme herabziehen. Wer vom Süden heraufkam, nimmt hier Abschied von einer sonnigeren Welt; wen aber der Bahnzug oder das leichte Stahlrad — andere Fahrzeuge sieht man hier nicht mehr — von Innsbruck hergeführt hat, der kann wohl oft genug, wenn im Norden graue Nebel die Berge umrauchen, hoffnungsfreudig nach Süden schauen, wo durch ein Eckchen im Thalspalt jener wärmere Himmel blau aufglänzt, der ihn erwartet.
Hinter dem Brennerposthause stäubt durch den Bergwald ein zierlicher Wasserfall herab. Es ist der Ursprung des Eisack (Abb. 132). Und dann laufen sie, zunächst vorüber am stillen Wildbad Brenner (Abb. 133 u. 134), durch das stundenlange Wiesenthal friedlich nebeneinander her: die Eisenlinie der Brennerbahn, die alte Heerstraße und der krystallklare Eisack. Aber bei der Station Schelleberg gewinnt die Landschaft rasch ein anderes Gesicht. Das Thal öffnet sich weit; steil zieht die Heerstraße hinab nach Gossensaß; in wilden Sprüngen wirft sich neben ihr der Eisack in die Tiefe, und die Bahnlinie schwenkt nach rechts ab, um mittels eines langen Umweges durch das seitliche Pflerschthal die Tiefe von Gossensaß zu gewinnen. Nur ein bewunderungswürdiger Bau hat ihr dies möglich gemacht. Hoch oben zieht sie sich an der nördlichen Thalwand von Pflersch in das Thal hinein, bohrt sich ein tiefes gekrümmtes Loch in die Bergwand, um Raum zur Umkehr zu finden und zieht dann an demselben Hang absteigend nach Gossensaß hinaus (Abb. 135).

Abb. 148. St. Ulrich (Grödener Thal). (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Gossensaß — der Sitz der Goten! War’s ein Wachtposten, den der große Theodorich hier zurückgelassen hatte, als er in die italischen Gefilde mit Heeresmacht hinabgestiegen war, um auf den Trümmern der römischen Weltmacht sein Gotenreich zu begründen? Oder war’s ein Rest versprengter Helden, die nach König Tejas tragischem Schlachtentod hier eine Zuflucht fanden? Heut ist Gossensaß eine der besuchtesten Sommerfrischen Tirols, mit vorzüglichen stattlichen Gasthäusern; nur durch seinen Namen klingt noch ein Ton wie Schwertergeklirr und Heerruf herauf aus den Tagen der Völkerwanderung.

Abb. 149. Fischburg, gegen die Geislerspitzen. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Pflerschthal.
Bei Gossensaß erschließt sich das Pflerschthal, das gegen Westen hinanzieht zu den Stubaier Fernern, die hier am weitesten gegen die Thalfurche des Brenners vortreten. Berühmt wegen seines, trotz seiner hohen Lage und seiner eisigen Umwallung milden Klimas, ist das kurze Thal reich an landschaftlicher Schönheit (Abb. 136). Diese wird ihm verliehen durch die unbeschreiblich finstere und trotzige Berggestalt des Tribulaun, der seine braunen zerhackten Dolomitwände zwischen dem Pflersch- und Gschnitzthale aufbaut; sowie durch den schönen Feuersteingletscher, der, schon von der Bahn aus sichtbar, von den eisbedeckten Gipfeln der Feuersteine tief in das Thal herabzieht. Der Bergbau, der einst auf silberhaltige Bleierze im Thal betrieben ward und gegen 300 Knappen beschäftigte, ist eingegangen; nur das Eis der Gletscher schimmert noch in Mondnächten silbern aus den Höhen. Gletschersteige führen hinüber nach Stubai, Gschnitz und Ridnaun und in das ferne Ötzthal.
Sterzing. Ridnaunthal.
Von Gossensaß zieht sich Bahn und Straße durch eine enge Schlucht hinab nach Sterzing. Von der Höhe links schauen die Reste der Ruine Straßberg; zur Rechten sieht man ein Meisterwerk der Ingenieurkunst: einen Felsentunnel, den man für den wildschäumenden Eisack brechen mußte, weil der Schienenstrang durch das vormalige Bett des Stromes geleitet ward. Weit öffnet sich dann der sonnige Thalkessel von Sterzing (Abb. 137 u. 138).

Abb. 150. Seis, mit dem Schlern. (Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Sterzing, das Vipitenum der Römer, liegt 948 m hoch an einem Punkte, wo von Ost und von West große Seitenthäler in das Eisackthal münden. Eine offene Thalebene hat sich hier gebildet, das Sterzinger Moos, von den alten, aber erhaltenen Schlössern Thumburg, Sprechenstein und Reifenstein überragt. Am Nordende dieser Ebene liegt Sterzing, das eigentliche Herz von Tirol. Altertümlich sind seine Gassen; winkelig die Häuser mit den tiefen dämmrigen Thorbogen. Die Quellen des Wohlstands dieser Stadt waren einst der reiche Bergbau der Nachbarschaft und ein überaus lebhafter Fuhrwerksverkehr.
Zwei Seitenthäler münden hier ins Eisackthal. Nach Westen zu erschließt sich das Ridnaunthal (Abb. 139), das sich etwa 20 km lang in die Eisgefilde der Stubaier Gebirgsgruppe hinaufzieht. Wo ihm, von der stolzen Firnpyramide der Sonklarspitze herabsteigend, der Übelthalferner mit seinem breiten Eisgeklüft entgegentritt, gabeln sich die letzten, kaum mehr sichtbaren Steige. Einer derselben führt empor zu einer der höchsten Schutzherbergen der Alpen, dem „Kaiserin Elisabeth-Haus“ auf dem Becher (3173 m), von wo aus man auf Gletscherpfaden ins Ötzthal, nach Stubai oder Passeier wandern kann (Abb. 140). Aus Ridnaun steigt man auch hinauf zu dem merkwürdigen Bergwerksgebiete des Schneeberges (2356 m). Hier liegt noch die kleine Kirche von Sankt Martin. Der einst sehr reiche Bergsegen (silberhaltige Blei- und Kupfererze) ist heute sehr gering.

Abb. 151. Eggenthal. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Pfitscher Thal.
Bei Sterzing, gegenüber dem Ridnaunthal, mündet auch das Pfitscherthal, in nordöstlicher Richtung zur Zillerthaler Berggruppe hinaufziehend. Durch eine schauerliche, zertrümmerte Felsengasse gelangt man in das eigentliche Thal, das sich eben und wohnlich, von hohen Glimmerschieferhörnern umrahmt, in deren Lücken Eiszungen sichtbar sind, erstreckt. Bei den letzten Häusern des Thales trennen sich die Steige; in nördlicher Richtung leitet der meist begangene von ihnen zum Pfitscherjoche und ins Zillerthal; die anderen verlieren sich in den Gletscherwildnissen, die zur Eisburg des Hochfeilers hinanziehen. In keinem anderen Thale Tirols hat die Natur einen größeren Schatz kostbarer Mineralien in den Bergklüften verborgen, als hier in Pfitsch.

Abb. 152. Karersee, gegen Latemar. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Franzensfeste.
Brennerbahn und Brennerstraße führen, von Sterzing abwärts, durch sehr einsame Waldgegend über Freienfeld und Mittewald neben dem Eisack dahin. Schon meint man, die enge Waldschlucht nehme kein Ende; da zeigt sich plötzlich die Station Franzensfeste mit ihrem für Minuten erwachenden internationalen Fremdentreiben; und dann, etwas tiefer, die weißgrauen Granitmauern der gleichnamigen Festung, deren Feuerschlünde das Thal absperren. Die Bahn aber zieht auf luftigem Brückenbau mitten durch die Festung. Und dann ändert sich wie mit einem Schlage die Natur. Statt in enger Waldschlucht sich beängstigt zu fühlen, führt der Blick in ein weites, offenes Thal; lauer wehen hier die Lüfte; Rebengärten erscheinen an den sonnigen Thalhängen; dazwischen die dunklen Kronen der Edelkastanie und das hellere Laub der Nußbäume; überall schimmernde Häuser. Da ist der sonnige Süden, und vor uns liegt mit ihren Türmen die Stadt der Fürstbischöfe von Brixen (Abb. 141 bis 143).

Abb. 153. Karerseehôtel, gegen Rote Wand (Rosengarten). (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Brixen. Klausen.
Brixen, am Zusammenflusse der Rienz und des Eisack gelegen, mit 5500 Einwohnern, erscheint schon in karolingischer Zeit; Kaiser Ludwig das Kind schenkte hier ein Gehöft dem Bischof von Säben. Seitdem ward Brixen ein Hauptsitz geistlichen Wesens, aber auch von manchen Streitigkeiten zwischen geistlichen und weltlichen Mächten berührt. Die Stadt ist reizvoll gelegen, von zahlreichen kirchlichen Bauten und Kunstwerken geschmückt, erfüllt von klösterlicher Ruhe.

Abb. 154. Bozen ums Jahr 1720. (Nach dem gleichzeitigen Stich von Kilian.)
Durch die gartenähnliche Umgebung von Brixen wälzt sich der, durch die Rienz bedeutend verstärkte Eisack, langsameren Laufes dahin. Nicht lange erfreut man sich des freundlichen Bildes; bald trägt uns die Bahn wieder in eine Stromenge, wo neben dem grollenden Strome Straße und Schienenweg kaum Platz finden.
Hier zieht sich nach Osten hin ein ansehnliches Seitenthal: das Villnösthal, in welches eine Fahrstraße bis nach Sankt Magdalena führt. Für die geologische Bildung des Landes ist es charakteristisch, weil hier jenes merkwürdige Gestein erscheint, der Porphyr, der mit seinen roten Felswänden weite wellige Plateauflächen bildet, aus welchen weiter östlich die schroffen Türme und Zähne des Dolomits aufragen, und der bald auch an der Westseite des Eisackthales sich zeigt. Im Hintergrunde des Villnösthales, aus welchem Jochpfade in die Thäler Enneberg und Gröden führen, ragen schon mächtige Dolomitgipfel: die Geislerspitzen und der Peitlerkofl.

Abb. 155. Bozen, gegen den Rosengarten. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Bald zeigt sich ein höchst romantisches Bild: das alte, eng zwischen der Thalwand und dem Strome eingekeilte Städtchen Klausen (Abb. 144) und hoch über ihm, auf schwindelnd steiler Felswand, die weithin leuchtenden Fronten und Türme von Kloster Säben, einer der ehrwürdigsten Orte Tirols. Schon vor der römischen Eroberung eine Bergfeste der alten Rhätier, ward es von den Römern Sabiona genannt und vom VIII. bis X. Jahrhundert Sitz der Bischöfe von Säben, bis dieselben ihre Residenz nach Brixen verlegten. Mancherlei römische Denkmale und Funde geben Aufschluß über diese Zeit. Säben kam in ostgotischen und langobardischen Besitz, ward späterhin zu einer trotzigen Ritterburg und seit 1685 zu einem Kloster der Benediktinerinnen. Als 1809 die Franzosen das Kloster einnahmen, warf sich eine der Nonnen, um dem gierigen Feinde zu entrinnen, in den schauerlichen Abgrund; noch zeugt von ihrem Heldensinn ein an einen Turm gemaltes riesiges Kreuz, das ihrem Andenken gewidmet ist. Herrschendes Gestein hier ist Thonschiefer mit Diorit; auf den höheren Wellenplateaus desselben finden sich wohlangebaute Landschaften mit zahlreichen Ansiedelungen, kaum bemerkt von dem Reisenden, der durch die enge Eisackschlucht dahingetragen wird. Auch von den stolzen Ritterburgen, die hoch droben thronen, sieht man nur eine oder die andere; eine der schönsten ist Schloß Feldthurns oder Velthurns mit gediegener Zimmerarchitektur (Abb. 145).

Abb. 156. Laubengasse in Bozen. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Grödener Thal.
Bei Waidbruck (Abb. 146) öffnet sich gegen Osten das Grödener Thal, 25 km lang, zum größten Teil von fahrbarer Straße durchzogen. Oberhalb Waidbruck leuchtet der Vogelweidhof (Abb. 52) herab, die Heimat Walthers von der Vogelweide. Die Straße ins Grödener Thal führt durch eine finstere Enge von brüchigem Glimmerschiefer und Porphyr; dann aber weitet sich plötzlich das Thal zu einer wohnlichen, herrlich begrünten Sandsteinfläche, auf welcher der Hauptort, Sankt Ulrich (Abb. 148), liegt. Die Einwohner des Grödener Thales sprechen ladinisch, aber auch deutsch und bezeichnen ihr Thal mit dem Namen Gardena. Zierliche, reinliche Häuser liegen auf den prächtigen Matten, über welche in imponierender Größe die Dolomite, die den östlichen Thalschluß bilden, hereinragen. Die fleißigen und erfinderischen Grödener warfen sich, da ihr Thal für den Getreidebau wenig geeignet ist, schon im Anfange des XVIII. Jahrhunderts auf die Holzschnitzerei, die heute neben der Spitzenklöppelei einen Haupterwerbszweig bildet (Abb. 34–37). Weiter einwärts im Thale, überragt von den gigantischen Dolomitwänden des Langkofel (Abb. 11), liegt in tiefer Einsamkeit die zerfallene Burg Wolkenstein, einst Sitz des Minnesängers Oswald von Wolkenstein. Zwischen den Felszinnen des Langkofels, dem Grödener Thale, dem Schlern und der Eisackschlucht, liegt die merkwürdige Seiser Alpe (Abb. 43), berühmt durch ihre unvergleichlichen Alpenwiesen wie durch die Mannigfaltigkeit ihrer geognostischen Erscheinungen. Ihre Höhe wechselt von 1800–2200 m; sie gehört größtenteils der Gemeinde Kastelruth (Abb. 147), welcher sie ein sehr bedeutendes Heuerträgnis liefert. Ihre Wasser fließen teils ins Grödener Thal ab, teils zum Eisack. Südwestlich grenzt sie an den mächtigen Dolomitwall des Schlern (2561 m, Abb. 8), der auf seiner Höhe über furchtbar steil abfallenden Wänden ein blütenreiches Grasplateau trägt. Das oberste Ende des Grödener Thales ist einsam und wild (Abb. 149); Jochsteige führen von ihm aus durch rätselhafte Felsengassen, an den wechselndsten Landschaftsbildern vorüber, in das Abteithal und in den obersten Teil des Fassathales.

Abb. 157. Denkmal Walthers von der Vogelweide.
Schlern. Eggenthal. Bozen.
Zu einer finsteren Schlucht treten nunmehr die Porphyrwände des Eisackthales zusammen; Leben und Ansiedelung haben sich nach der Höhe hinaufgezogen. In einem kleinen Nebenthale liegt hoch oben Seis (Abb. 150) und das kleine Bad Ratzes. Rasch eilen wir an den Stationen Atzwang und Kastelruth und an dem, in luftiger Höhe von der alten Ritterburg Prösels überragten Blumau vorbei. Dann wird die hohle Gasse etwas lichter. Auf schroffem Fels zeigt sich zur Linken droben die Burg Karneid, um deren Fuß die Straße ins Eggenthal (Abb. 151) und nach dem jetzt viel besuchten Karersee (Abb. 152 u. 153) sich windet. Von Blumau zieht sich das Tierser Thal hinauf bis in die Felswände der Rosengartengruppe, wo in einsamer Höhe die wohnliche Grasleitenhütte (Abb. 158) den Wanderer aufnimmt. Karneid aber schaut schon hinaus in den herrlichen weiten Thalboden von Bozen; die Bergwände zur Rechten treten ganz zurück; nach Süden und nach Westen hin wird der Ausblick frei; die Landschaft gewinnt mit ihrer reichen Fülle von Sonnenschein, mit ihrer üppigen Pflanzenwelt ein paradiesisches Gepräge; und vor uns liegen in einem weiten, blühenden Garten die Häusermassen und Türme von Bozen (Abb. 154 bis 157).
Bozen, mit 12000 Einwohnern, ist in den Winkel, den der Eisack und der Talferbach zusammenfließend bilden, gebaut. Durch die Eisackschlucht sieht man im Osten die Dolomitgestalt des Rosengarten aufragen; den Westhorizont verschließt der lang gestreckte Rücken der Mendel; nach Süden geht der Ausblick ungehindert durch das Etschthal hinaus; im Norden liegt die wellenförmige Landschaft des Sarnthales. Die ganze Lage der Stadt ist wunderbar geschützt gegen die Rauheiten des Alpenklimas.

Abb. 158. Grasleitenhütte, gegen den Kesselkogel. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 159. Erdpyramiden am Ritten. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Ritten. Gries. Sarnthal.
Bozen war schon römische Niederlassung; nach kurzer Herrschaft der Ostgoten und Langobarden war es bayerische Grenzfeste; dann lange Zeit ein Zankapfel zwischen den Trientiner Bischöfen und den Tiroler Rittergeschlechtern, bis es den Grafen von Tirol gelang, sie dauernd an sich zu reißen. Früh zur wohlhabenden Handelsstadt aufgeblüht, hat Bozen diese Stellung sich zu erhalten und zu befestigen gewußt. Die Häuser und Straßen der Stadt zeugen von Wohlstand, Geschmack und Sinn für Behaglichkeit; die Hauptstraße ist von belebten Bogengängen (Lauben) gesäumt, in denen die Kaufläden sich befinden; durch die älteren Straßen laufen Gräben mit fließendem Wasser. Sehenswert sind die alte gotische Pfarrkirche, einige prächtige Privatgärten; in der Umgebung der aussichtreiche Kalvarienberg. Überaus reich und mannigfaltig ist die Landschaft um Bozen. Nordöstlich erstreckt sich eine mit vielen Gehöften und Sommerfrischorten besetzte wellige Berglandschaft, der Ritten genannt (Abb. 159), wo die schönen Ortschaften Oberbozen und Klobenstein den Bozenern während der heißesten Jahreszeit zum Aufenthalte dienen. Jenseits der Talfer, unmittelbar an Bozen anstoßend, bietet der berühmte Kurort Gries den Kranken einen milden, sonnigen Aufenthalt. Auch im Nordwesten lagert eine freundliche Hügellandschaft, wo die Ortschaft Jenesien einen ähnlichen Charakter hat wie Oberbozen. Zwischen dem Ritten und den Hügeln von Jenesien strömt der Talferbach aus dem gerade nordwärts sich hinaufziehenden Sarnthal hervor. In diesem, elf Stunden (35 km) langen Thale verliert sich, namentlich in seinem unteren Teile, den Charakter der Hochgebirgslandschaft völlig. Es bildet eine abgeschlossene Welt, die eigentliche Mitte von Tirol, mit charakteristischer, durchaus deutscher Bevölkerung. Zahlreiche Burgen schmücken das Thal; der ganze Zauber mittelalterlicher Romantik durchweht heute noch die Mauern von Runkelstein (Abb. 160). Hauptort des Thales ist Sarnthein. Aus den obersten Thalgründen führen nur mehr Jochsteige westwärts in das Passeier, ostwärts nach Sterzing. Herrschende Gesteinsarten sind im Süden der Sarnthaler Berge der rote Porphyr; nördlicher folgen Glimmerschiefer und Gneis.

Abb. 160. Schloß Runkelstein. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
XI. Pusterthal und Tauern.
Wir wenden uns wieder ins Herz von Tirol zurück, nach Brixen. Es gilt, jenen großen Felsspalt kennen zu lernen, der ganz Osttirol in eine nördliche und eine südliche Hälfte scheidet: das Pusterthal.
Pusterthal.
Das Pusterthal besteht aus einem breiten, gerade in westöstlicher Richtung verlaufenden Einschnitt, dessen Sohle ihre höchste Erhebung im Toblacher Felde erreicht, von dem die Drau nach Osten, die Rienz nach Westen abläuft. Die Gebirgsarten des Thales sind an seiner Nordseite Granit und Schiefer; an der Südseite Thonschiefer, hinter dem die Dolomitberge aufragen, die an ein paar Stellen, beim Toblacher Feld und bei der Lienzer Klause, bis an das Thal heraustreten.

Abb. 161. Taufers-Sand. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Eine römische Heerstraße führte auch durch Pusterthal und verband Aquileja mit den norischen Ortschaften Loncium (Lienz) und Aguntum (Innichen). Heute ist die Bevölkerung des Thales deutsch; nur in dem großen südlichen Seitenthale Enneberg wird ladinisch gesprochen und im Flußgebiet der Drau erinnern vereinzelte Berg- und Wassernamen an die verdrängte slavische Bevölkerung. Das Klima ist bei der hohen Lage des Pusterthales ein fast rauhes; trotzdem haben Fleiß und Mäßigkeit den Pusterthalern zu ausreichendem Wohlstand verholfen; und in der Geschichte der Tiroler Heldenkämpfe stehen sie mit in erster Reihe.
Der moderne Weltverkehr strömt ins Pusterthal von der Station Franzensfeste an der Brennerbahn. Hier zweigt die Pusterthalbahn ab, indem sie, den Eisack auf luftiger Brücke überschreitend, nach Osten hin abbiegt, den Höhenzug, der vom untersten Laufe der Rienz den Eisack trennt, durchschneidet und den ersten Pusterthaler Ort Mühlbach erreicht. Der dem Pusterthal entfließende Bergstrom, die Rienz, mündet südlicher, bei Brixen, in den Eisack; sein unterster Lauf ist aber unwegsam. Die erste Ortschaft thaleinwärts ist Mühlbach, an der Mündung des granitischen Seitenthales Vals. Bis hierher reicht noch der Weinbau. Auf der gegenüber liegenden Seite des Rienzthales baut sich der Rodenecker Berg mit seinen Getreidefluren, die ihm den Namen des „Goldenen Berges“ verschafft haben, auf; an seinem äußersten Vorsprunge gegen die Rienzschlucht trägt er die stattliche Burg Rodeneck. Hat man, von Mühlbach thaleinwärts, die Engen der Mühlbacher Klause überwunden, so zeigt sich in einer Thalerweiterung Station und Dorf Vintl. Hier kommt das Pfundersthal von Norden herab, aus dessen einsamen Schluchten selten begangene Jochsteige nach dem Pfitscher- und Ahrnthale führen. Angesichts der Burgruine Baumgarten, des Schlosses Ehrenberg und der Trümmer von Sonnenburg zieht die Bahnlinie nach dem Marktflecken Lorenzen, wo einst das römische Litanum lag.

Abb. 162. Bruneck. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Gaderthal.
Südlich von Lorenzen öffnet sich eine schmale Bergpforte, aus welcher ein Bach, die Gader, strömt. Ein weit verzweigtes System von Thälern liegt hinter diesem unscheinbaren Eingang. Wir müssen dieses Thalsystem kennen lernen; denn seine Verzweigungen führen uns tief ins Innere jener merkwürdigen Bergwelt, die man als die südtiroler Dolomite bezeichnet.

Abb. 163. Bergführer Joh. Niederwieser (Stabeler-Hansl) in Taufers. (Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Das Gaderthal erstreckt sich, etwa 30 km lang, gerade nach Süden, anfangs in einer Enge zwischen Glimmerschieferbergen. Dann spaltet sich das Thal in zwei Äste. Von diesen heißt der nach Südosten führende Enneberg, mit dem Hauptort Sankt Vigil, in reizvoller Lage. Hier wird schon überall die grüne Mattenlandschaft von mächtigen steil aufgerichteten Dolomitzacken überragt. Der Boden um Sankt Vigil ist ein gefährlicher; verheerende Bergstürze haben hier mehrmals gehaust. Noch höher oben führt dieser Thalast den Namen Rauhthal; die Ortschaften hören auf; vereinsamte Fußsteige nur führen durch ausgedehnte Weidegebiete nach den Paßhöhen, über welche man ins Pragser und Ampezzothal gelangt.
Viel bedeutender und belebter ist der gerade nach Süden sich erstreckende Hauptast des Gaderthales. Wandern wir in ihm aufwärts, so gelangen wir allmählich aus der Region des Glimmerschiefers in die des Dolomits, der uns in der imponierenden Gestalt des Peitlerkofels begrüßt. Das Thal führt in seinem weiteren Verlaufe den Namen Abteithal. An den Ortschaften Picolein und Sankt Martin mit der Burg Thurn, an die sich blutige Erinnerungen aus der Zeit des Faustrechtes knüpfen, führt die Straße vorbei. Kurze Seitenthäler öffnen sich zur Rechten und zur Linken der Straße; am spärlichen Häuserhaufen von Pederoa vorüber zieht sich diese bis zum Hauptorte des Thales, Sankt Leonhard, auch Abtei oder, mit italienischem Namen, Badia genannt. Mit lotrechten Wänden hängt der Kreuzkofel über die grüne Thalfläche herein. Überaus reich ist die Kalk- und Sandsteinkruste der Erde hier an Versteinerungen. Noch zwei Stunden über dem Dorfe, unter den Schroffen des Kreuzkofels, liegt die Wallfahrtskirche Heiligkreuz (2038 m). In dieser Wildnis büßte ein Graf Otwin von Pusterthal einst seine Sünden als Eremit. Bald hinter Sankt Leonhard spaltet sich das Thal abermals. Nach Südosten zweigt sich der versteinerungsreiche Thalast von Sankt Cassian ab, von wo höchst interessante und eigenartige Jochübergänge nach der Ampezzaner Straße und nach Buchenstein führen. Im Hauptthale dagegen läuft das Sträßchen stets ansteigend nach den obersten Ortschaften Corvara und Colfuschg (1643 m). Hier ist man in einem der innersten Heiligtümer der Dolomitgebirge. Trotz der hohen Lage wird noch Getreide gebaut; lohnender ist die Viehzucht auf den prächtigen Alpenmatten. Den großartigen Thalschluß des obersten Gaderthales bildet der ausgedehnte Felsenbau der Sellagruppe (vgl. Abb. 10), die in der Boëspitze (3152 m) gipfelt. Durch die märchenhaften und einsamen Trümmergassen dieser unbegreiflichen, farbenreichen und formenschönen, versteinerten Welt führen, auf- und niedersteigend, halb verlorene Wege nach Buchenstein, Fassa und Gröden. Wer einen dieser Wege geht, der erstaunt über die Mannigfaltigkeit der Bilder, die sich da erschließen; über diese, wie aus der grünen Thalwelt hervorgezauberten, in allen Farben leuchtenden Felspaläste, deren jeder für sich der Sitz eines Reiches von Berggeistern zu sein scheint.

Abb. 164. Kletterei am hinteren Umbalthörl. (Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Bruneck. Ahrnthal.
Lassen wir uns von diesen Geistern wieder nach dem Norden zurückversetzen ins kühle, grüne Pusterthal. Die Bahn führt uns eine Station weiter nach Bruneck (Abb. 162), mit seinem ragenden Schlosse, das, einst durch die Macht der Brixener Bischöfe erbaut, jetzt als Gefängnis dient. Die Landschaft hier ist weit, offen, gut angebaut; Edelsitze liegen um die Stadt, in deren Umgebung der Tiroler Aufstand des Jahres 1809 ausbrach und erlosch.

Abb. 165. Pragser Wildsee. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 166. Bad Prags. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Taufers.
Durch einen breiten Thalspalt fliegt von Bruneck aus der Blick nach Norden, zu den eisbedeckten Gipfeln der Centralalpen. Es ist eines der größten Seitenthäler des Pusterthales, das sich hier erschließt: das etwa 45 km lange Ahrnthal. Aus ihm ziehen zwei sehr ansehnliche Nebenthäler nach entgegengesetzten Richtungen; und eine Anzahl von kleinen Seitenschluchten steigen, reich an den großartigsten Naturbildern, in die Eiswelt der Zillerthaler-, Venediger- und Rieserfernergruppe hinauf. Der Eingang des Ahrnthales ist ungewöhnlich breit; zwischen Getreidefeldern und Obstbaumhainen liegen hier, am Rande der Bergwälder, anmutige Dörfer und Edelsitze; dazwischen zeigen sich die Spuren alter Überschwemmungen und Schlammbrüche. Randgestein des unteren Thales ist Granit, der später in Glimmerschiefer übergeht. Am nördlichen Ende des untersten Thalbodens liegt dessen Hauptort, Sand, mit schönen Marmorbrüchen; unweit davon, am Anfang einer Thalenge, die überaus malerische Burg Taufers (Abb. 161). Einem Dornröschenschlosse gleich ragt das alte Gemäuer grau und gespenstig aus der Waldnacht; über ihm steht, im Hintergrunde des Thales, die blinkende Eispyramide des Schwarzenstein, zur Zillerthaler Gruppe gehörig. Die Ritter von Taufers erscheinen schon im Harnischglanz des XII. Jahrhunderts, starben aber 1340 aus. Wie das Ortlergebiet und das Ampezzothal ist Taufers eine wichtige Stätte für Heranbildung erprobter Bergführer (Abb. 163).

Abb. 167. Niederdorf. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Mühlwaldthal. Reinthal.
Unweit von Taufers münden die zwei größten Seitenthäler des Ahrnthales: das Mühlwaldthal und das Reinthal. Das Mühlwaldthal zieht in einem Bogen erst westlich, dann nördlich. Sein schmaler und steiler Zugang schließt es vom Verkehr ab; der schlechte Fahrweg, der hineinführt, endet schon in dem ansehnlichen Dorfe Mühlbach. Höher droben liegt noch die Berggemeinde Lappach; über ihr ein ausgedehntes Alpengebiet, wo die Thalbäche aus den Abflüssen des mächtigen Neveserferners und von den Eishängen des Hochfeilers her zusammenfließen. Nur geübte Gletscherwanderer mögen sich hier noch die Pfade über vereiste Grathöhen nach dem Pfitscherthale und nach dem Zillerthale suchen.

Abb. 168. Toblach. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Das Reinthal steigt von Taufers nach Osten zu in die Rieserfernergruppe hinan. Die Zugänge zum Thale sind wild und beschwerlich; stundenlang führt der Pfad steil neben den stürzenden und tobenden Wasserfällen des Thalbaches aufwärts zwischen brüchigen Wänden. Es ist ein düsterer, unheimlicher Steig. Hoch droben an der nördlichen Thalwand liegt ein Gehöft, beim Kofler genannt, zu dem man aus der Schlucht nur über Felsentreppen und Leitern gelangt. Drei Stunden einwärts von Taufers spaltet sich das Thal; hier liegt die einzige Ortschaft: Rein oder Sankt Wolfgang, aus wenigen zerstreut liegenden braunen Hütten bestehend, 1596 m hoch. Im Osten umstarrt das Thal ein leuchtendes Amphitheater von Eisbergen; hier erheben sich der Schnebige Nock oder Ruthner-Horn (3360 m), der Hochgall (3440 m) und der Wildgall (3272 m). Die letztgenannten beiden Berge gehören zu den schroffsten Eisgipfeln Tirols; als die ersten Versuche zu ihrer Ersteigung gemacht wurden, behaupteten die Leute von Rein, man könne auf den Wildgall nur, wenn man sich Steigeisen an die Kniee und an die Ellenbogen bände. Zwischen dem Reinthal und dem Ahrnthal streicht eine Kette von finsteren zertrümmerten Felsbergen entlang, an deren Fuß man durch das unbeschreiblich öde Knuttenthal in die obersten Gebiete des Defereggenthales gelangt. Die Namen dieser Berge lauten zumeist auf Nock aus: Mostnock, Hirbanock, Zintnock, Klausnock.

Abb. 169. Cortina, gegen Tofana. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 170. Fischeleinthal. (Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Ahrnthal.
Das Ahrnthal wird für eine halbe Stunde zur engen Waldschlucht, nach Nordwesten gewandt, erweitert sich aber bei Luttach, um sich nunmehr nach Nordosten zu wenden. Seine südliche Wand bilden die vorhin genannten Trümmerberge; die nördliche besteht aus dem Zillerthaler Hauptkamm, zu welchem zwölf kurze, steile Seitenthäler hinansteigen. An den untersten Hängen dieser nördlichen Thalwandung liegen, da sie die Sonnenseite hat, die Gehöfte stundenweit zerstreut über der Thalsohle; man hat sich hier sorgsam bemüht, das Wasser der Wildbäche zum Teil in kleine Bewässerungskanäle abzuleiten und dadurch nutzbar zu machen. Über dieser Zone anmutiger Ansiedelungen, die fast alle weit ins Thal hinabschauen, beginnen steile Bergwälder; dann Felswände und furchtbare Trümmerfelder, endlich die meist steil abfallenden Gletscher und Firnfelder.
Bei Luttach steigt gegen Westen das Weißenbachthal mit seinen Seitenschluchten zu den ausgedehntesten Gletschergebieten der Zillerthalerferner empor. Im Ahrnthale, das von hier auf eine Ausdehnung von drei Stunden seinen ebenen und bevölkerten Charakter beibehält, gelangt man auf guter Straße weiter nach Sankt Martin und Steinhaus. Letzteres ist oberhalb Taufers der wichtigste Ort des Thales, mit weithin leuchtender Kirche. Jedes der nördlichen Seitenthäler gewährt einen Einblick in die Eiswelt.

Abb. 171. Innichen. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Ahrnthal. Pusterthal.
Bei Sankt Peter gewinnt das Thal einen anderen Charakter; es verengert sich zu einem düsteren brüchigen Schlunde, durch den die Straße zum letzten Thalboden ansteigt, der die Prettau genannt wird. Hier liegen noch in einer Hochgebirgslandschaft, in die von Osten schon die eisigen Ausläufer der Venedigergruppe herüberglänzen, die Ortschaften Sankt Valentin und Kasern. Bei Sankt Valentin endet der Fahrweg; hier zeigt sich auf einmal, völlig fremd anmutend, industrielles Leben: das Kupferwerk der Ahrner Gewerkschaft. In den Chloritschiefern, welche die Kupfererze dieser Gruben führen, finden sich auch sehr schöne Quarzkrystalle und Magneteisen. Kasern, der letzte Ort des Ahrnthales, liegt schon 1624 m hoch; ein altes sturmfestes Tauernhaus bietet hier eine bescheidene, aber mit echter Tiroler Liebenswürdigkeit gereichte Unterkunft. Und das ist wohl notwendig; denn die Wege, die von hier noch weiterführen, sind lang und anstrengend, in der schlechteren Jahreszeit von todbringenden Gefahren umdroht. Es sind die Jochsteige über das Merbjoch nach Defereggen; über das Heiligengeistjöchl in den Zillergrund; über den Krimmler Tauern oder über die Birnlücke nach Krimml im Pinzgau und über das vergletscherte Umbalthörl (Abb. 164) in die schweigsamen Einöden des Umbalthales. Auf dem zuletzt genannten Wege ging einst ein ganzer Wallfahrerzug im Eise verloren. So erzählt uns ein greiser Führer droben auf der eisigen Paßhöhe.
Setzen wir aber die Fahrt durchs Pusterthal fort. Von Bruneck aufwärts überwindet die Bahn durch kunstvolle Bauten die Hindernisse, die das verengerte felsige Stromthal ihr bot. Mehrmals die Rienz überschreitend, gelangt sie nach Olang. Hier sind wir am Eingange des Antholzerthales, das nach Norden zu in die Rieserfernergruppe hinansteigt, und in dessen Innerem in träumerischer Bergeinsamkeit einer der schönsten Seen Tirols, der Antholzersee, sich eingebettet hat. Über sein klar blaugrünes Wasser hängt schweigsam eine bleiche Gletscherzunge herein.

Abb. 172. Windisch-Matrei. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Pusterthal.
Weiterhin im Pusterthale zeigen sich über der Station Welsberg das Schloß Welsberg und die Burgtrümmer von Thurn; dann die Mündung des Pragserthales. Dieses besteht aus zwei Ästen. In dem westlicheren derselben schuf der von den Wänden des Seekofel überragte dunkelgrüne Pragser Wildsee (1496 m, Abb. 165) eine der prächtigsten Dolomitlandschaften; im östlichen Thalaste liegt das lebhaft besuchte Bad Alt-Prags (Abb. 166) in einem Rahmen mächtiger Dolomitberge. Ein aussichtsreicher und bequemer Jochpfad führt von Prags über die Plätzwiesen nach der Ampezzaner Straße.

Abb. 173. Groß-Venediger, vom Wege zum Gschlöß gesehen. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Unmerklich hebt sich die Sohle des Pusterthales höher und höher; die Bahn berührt noch den stattlichen Markt Niederdorf (Abb. 167) und erreicht endlich bei der Station Toblach (Abb. 168) auf dem Toblacher Felde die Wasserscheide zwischen Drau und Etsch (1204 m). Hier, wo von Süden her die Kalkberge mit ihren gewaltigen Stirnwänden bis ins Pusterthal hervortreten, klafft ein für den Völkerverkehr wichtiger Spalt des Gebirges im Süden auf, durch den der Ampezzaner Straßenzug nach Italien leitet. Hier war es auch, wo im VII. Jahrhundert die deutsche Schwertgewalt entschied, daß Tirol nicht den eingedrungenen Südslaven gehören sollte, sondern den Einwanderern bajuwarischen Stammes. Und nicht bloß über Tirol fiel damals die Entscheidung, auch über Kärnten und Steiermark. Denn mit jenem Siege begann das Zurückdrängen der Slaven.
Ein riesiges modernes Hotel steht breit am Zugang zur Ampezzaner Straße. Wir müssen, ehe wir die Fahrt durch das Pusterthal fortsetzen, auch diesen Straßenzug kennen lernen; denn er führt uns in das Quellgebiet der Rienz hinauf. Dieses Thal ist ganz anders geartet als die meisten anderen Tiroler Thäler. So trotzig und gewaltig auch die steilsten Felsberge gleich an seinem Eingang aufragen: sein Hintergrund ist nicht durch Gletscher oder Felskämme verschlossen, sondern offen, und über eine niedrige Wasserscheide führt eine ausgezeichnete Straße in die italienischen Gefilde. Dieser Thalspalt ist, von Toblach bis zur italienischen Grenze, 37 km lang und weist in stetem Wechsel eine Reihe der großartigsten Landschaftsbilder auf. Zunächst dem Pusterthale führt er den Namen Höhlensteinerthal. Hier durchfließt die Rienz den ernsten, dunkelgrünen Toblacher See. Kaum merkbar steigt die Straße an bis zum Posthause von Höhlenstein, italienisch Landro. Nach Südosten öffnet sich die Rimbiancoschlucht, durch welche die „Schwarze Rienz“ herabstürzt. Im Hintergrunde dieser schattigen Enge erscheinen, wie ein Märchengebilde, die „Drei Zinnen“. Eine der merkwürdigsten Schöpfungen dieser Kalkwelt, 3003 m hoch, sind sie mit ihren turmartigen Formen zu einem der bekanntesten Landschaftsbilder der ganzen Alpen geworden (Abb. 15). Gleich hinter Höhlenstein zeigt sich dann in der Thaltiefe der manchmal während der Herbstzeit völlig austrocknende hellgrüne Dürrensee, in dem der schöne Monte Cristallo mit seinem Gletscher und seinen Zacken sich spiegelt (3199 m, Abb. 14). Eine halbe Stunde weiter erreicht die Straße die wenigen Häuser von Schluderbach, einer der berühmtesten Sommerfrischen Tirols, in prachtvoller Lage, und steigt dann noch 2 km sacht an bis zur Wasserscheide „auf dem Gemärk“ (1544 m). Von hier ab fließen die Gewässer zur Piave, nach Süden. Ueber das schön gelegene Ospitale erreicht die Straße den Felsen des gänzlich zertrümmerten Schlosses Peutelstein, steigt in Windungen in die Thaltiefe und wendet sich dann südlich, wo sich allmählich der prachtvolle Thalkessel von Cortina d’Ampezzo (Abb. 169) erschließt. Aber dieser nach dem Venetianischen gewandten Abdachung der Tiroler Alpen soll an anderer Stelle noch ausführlicher gedacht werden. Wir wenden uns zurück zur Wasserscheide des Toblacher Feldes, um den letzten Teil des Pusterthales, soweit es zu Tirol gehört, kennen zu lernen.

Abb. 174. Simonyspitzen, Groß-Venediger und Groß-Glockner; von der Dreiherrnspitze gesehen. (Nach einer Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Innichen.
Auf dem Toblacher Felde, wo dasselbe schon gegen Osten sich neigt, entspringt die Drau aus einem Felsen des Rohrwalds. Ihr Lauf geht nach Osten; wir folgen ihm und gelangen zunächst nach Innichen (Abb. 171). Hier thut sich im Süden das Thal von Sexten auf, nicht bloß durch seine Heilquellen (Schwefelwasser und anderes) bekannt, sondern auch durch die riesigen Kalkschroffen, welche seinen Hintergrund bilden, und in deren Felsenburgen begrünte Thäler führen; darunter besonders schön das Fischeleinthal (Abb. 170). Unter ihnen nimmt die Dreischusterspitze (3162 m) die erste Stelle ein. Innichen selber, einst Pflanzstadt der Römer, ist ein alter und ehrwürdiger Platz, schon zur Zeit des Frankenreiches wichtiges Bollwerk gegen die südslavischen Wanderhorden. Seine Handelsbedeutung hat es freilich schon lange verloren.

Abb. 175. Kals. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 176. Schloß Sigmundskron. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 177. Haselburg, mit Blick auf Bozen und Gries. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Lienz.
Von Innichen ostwärts treten die Kalkschroffen der Südseite wieder in den Hintergrund; beide Thalwände sind wiederum Schiefer; und damit wird die Landschaft grün und abgeflacht. Die Bahn trägt uns, stärker abfallend, über Sillian und Abfaltersbach, an wenig besuchten Seitenthälern vorüber in eine ganz einsame Waldlandschaft. Die Kalkberge der südlichen Thalwand sind wieder näher getreten. Hinter Station Mittewald wird das Thal völlig düster und menschenleer; die Drau und die Bahn treten in die enge Lienzer Klause, die auch im Jahre 1809 blutige Kämpfe sah. Wo sie sich öffnet, liegt in weitem lachenden Thalgrunde Lienz.

Abb. 178. Mendelstraße.
Tauern.
Dieses schöne, wenn auch etwas stille Städtchen, der wichtigste Platz im Osten von Tirol, liegt nur mehr 673 m über dem Meere. Die Drau nimmt hier die weit stärkere Isel auf, die von Nordwesten aus den Tauern herabströmt. Wir haben im Drauthale nichts mehr zu suchen; denn die Grenze von Kärnten ist ganz nahe. Aber ein merkwürdiges und landschaftlich hoch interessantes Gebiet erschließt sich noch im Norden: die Tiroler Seite der Tauernkette.
Wir lassen das friedliche Lienz hinter uns mit seinen zerrissenen Kalkschroffen und wenden uns nach Nordwesten, in ein zunächst einförmiges Thal, aus dem uns die eisige Isel entgegenbraust. Nach etwa drei Stunden führt unser Sträßchen an der Mündung des Defereggenthales vorüber, das zwölf Stunden lang ohne besondere Landschaftsreize zwischen grünen Rücken in gerade westlicher Richtung sich erstreckt. Wir bleiben im Thale der Isel und erreichen nach weiteren drei Stunden das prächtig gelegene Windisch-Matrei (Abb. 172). Hier endet die Fahrstraße. Nach Norden zieht sich in engem, immer großartiger werdendem Thale der uralte Saumpfad zum Matreier Tauernhause und von da steil hinan zum Velber Tauern (2545 m), an der Grenze Tirols gegen den Salzburgischen Pinzgau. Weit großartiger ist das Wandern vom Tauernhause westwärts in das Hochthal von Gschlöß (Abb. 173), wo der zerklüftete Schlatengletscher seinen mächtigen Eisstrom niederwälzt und der Großvenediger (3660 m) seine blanke Eispyramide über seinen granitenen Unterbau erhebt (Abb. 174).

Abb. 179. Hôtel am Mendelpaß. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Das Hauptthal der Isel, nunmehr Virgenthal genannt, wendet sich von Matrei an gegen Westen. Auf kaum mehr fahrbarem Wege erreicht man hier noch das schlichte Alpendorf Prägraten und damit den letzten Ort im Iselthal. Vergletscherte Übergänge führen von hier noch ins Ahrnthal oder über das Massiv des Venedigers in den Pinzgau.
Groß-Glockner. Etschthal.
Das Iselthal hat ein nach Norden abzweigendes Seitenthal, das uns noch zu einem anderen großartigen Grenzsteine Tirols leitet: das Thal von Kals. Hier liegt Kals (1322 m, Abb. 175), eines der berühmtesten Hochgebirgsdörfer, am Fuße des Großglockners. Nicht leicht mag man das Leben und Volkstum eines Tiroler Hochgebirgsdorfes schärfer ausgeprägt finden, als in den schlichten Hütten von Kals, hinter deren Mauern doch so athletische und kühne Männer wachsen können, wie es die Kalser Führer sind. Scharf und mit zerrissenen Gräten, an allen Seiten von steil abfallenden Gletschern umhangen, hebt sich der gewaltige Bau des Glockners (3798 m, Abb. 1) über die grünen Matten von Kals empor. Aber die Begeisterung der Alpenfreunde hat auch seine wilden Höhen gangbar gemacht. So hoch überragt sein scharfes Gipfelhorn die ganzen Ostalpen, daß seine Rundschau von der Berninagruppe bis zum Triglav und vom Böhmerwalde bis zur Adria reicht. Dafür hat auch mehr als einer von denen, die ihre Kraft an ihm versuchten, hier einen jähen Bergtod gefunden. Aber man muß nicht einmal auf den Glockner steigen, um dieser Gefahr ins starre Auge zu schauen; auch um die Tauernpässe, die über seine Schultern führen, geistern die Schatten Verunglückter durch die eisigen Höhen.

Abb. 180. Trient in der Mitte des XVI. Jahrhunderts. (Nach dem gleichzeitigen Stich von Braun & Hogenberg.)
XII. Etschthal von Bozen bis Verona.
Breit und großartig wird das Etschthal von Bozen abwärts, bis zu den Engen der Veroneser Klause, wo es Tirol verläßt: ein fruchtbarer, von prächtigen Bergen umgebener Thalgrund mit zahllosen Ortschaften, einzelnen Häusern, Kirchtürmen und alten Schlössern (Abb. 176 u. 177). Die Berge zeigen nur mehr spärliche Waldbedeckung; schärfer und plastischer kommen ihre Formen zum Vorschein, als im Norden. Die Ebene, streckenweise versumpft, weist zwar die Spuren verheerender Überschwemmungen auf; ist aber dort, wo sie dagegen geschützt war, mit üppiger Pflanzenpracht bedeckt. Die Farben des Etschthals sind heiß und feurig: rötlich und gelblich schimmernde Bergwände mit tiefblauen Schatten. Die Gesteinsart ist noch bis gegen Neumarkt hin der rote Porphyr mit seinen grün bewachsenen rundlichen Kuppen und Schwellungen; aus ihm ragt an der Westseite das lang gestreckte Dolomitgerüst der Mendel empor. Auf dieser Strecke des Etschthales vernimmt der Reisende mehr und mehr italienische Laute; wir nähern uns der Sprachgrenze; die Tiroler Tracht verschwindet; an die Stelle des Holzbaues treten steinerne Häuser, an die des rauschenden Bergwalds niedriges Gestrüpp; statt der Wiesen und Getreidefelder sehen wir in der Tiefe Mais- und Maulbeerpflanzungen; alles verwelscht sich.

Abb. 181. Trient. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Überetsch. Mendel.
Das Thal ist so breit, daß sich zwischen seinem östlichen und westlichen Hang ein niedriges Mittelgebirg hineinlegen konnte, aus Porphyr bestehend, welches eine Hochebene trägt. So haben wir von Bozen bis zu dem 23 km entfernten Neumarkt einen doppelten Weg zur Auswahl: entweder den östlichen, der uns mit der Bahn durch das breite, von Kanälen durchschnittene Etschthal führt, oder einen westlicheren, wo eine schöne Straße über die Hochfläche von Eppan oder Kaltern zieht, welch’ letztere auch „Überetsch“ genannt wird. Dieser westliche Weg ist der interessantere. Die nördliche Ecke des im Etschthale liegenden Mittelgebirgs ist von der stolzen Feste Sigmundskron geschmückt, die von umbuschter Höhe ins Etschthal niederschaut. Hier stand schon eine Römerburg, Formicaria genannt; Sigmundskron ist die großartigste Ruine Tirols. An Sankt Pauls vorüber wendet sich die Straße auf der Hochfläche nach Sankt Michael oder Eppan. Die prachtvoll gelegene Ruine Hohen-Eppan, einst Sitz eines der mächtigsten Tiroler Adelsgeschlechter, liegt etwas seitab. In Eppan zweigt eine der schönsten neueren Kunststraßen ab: die Mendelstraße (Abb. 178). Sie steigt in vielen Windungen, mit glanzvollen Aussichtspunkten am steilen Ostabfall des Mendelgebirgs empor bis zur Höhe des Mendelpasses (1360 m). Köstliche, leicht erreichbare Aussichtspunkte haben den Mendelpaß und sein vorzügliches Hotel zu einer internationalen Berühmtheit erhoben (Abb. 179). Hier droben auf der sonnigen Höhe ist auch die Sprachgrenze; das jenseits absteigende Thal des Nonsbaches ist welsch.

Abb. 182. Dom zu Trient. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 183. Rovereto. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Etschthal. Trient.
Von Eppan gelangt man durch prächtige weinreiche Landschaft, die von teils erhaltenen, teils zerfallenen Burgen überragt und mit üppigen Kastanienwäldern geschmückt ist, nach Kaltern. Dabei überall lachende Zeugen des hiesigen Wohlstandes und entzückende landschaftliche Ausblicke. Unter Kaltern liegt das heitere Becken des Kalterer Sees, an dessen Ufern der edelste Tirolerwein wächst. Mit ihm vergleichbar ist nur der benachbarte von Tramin, das schon wieder in der Tiefe des Etschthals, am Abhang des Mendelgebirges sich zwischen seinen Rebengeländen ausbreitet. Aus Tramin gelangt man wieder durch die Etschebene nach der Bahn bei Neumarkt. Hier ist der Charakter der deutschen Ortschaft schon stark mit italienischen Elementen durchsetzt; eine höchst malerische Kunststraße zieht sich von Neumarkt in vielen Windungen, mit einer bis zum Ortler reichenden Rundsicht, nach einer Paßhöhe hinauf und von dort in das Thal des Avisio hinab. Die letzte deutsche Ortschaft am Ostufer der Etsch ist Salurn, 31 km von Bozen. Am westlichen Ufer reicht die deutsche Sprachgrenze etwas weiter nach Süden, bis nach Deutschmetz. das die Italiener Mezzo Tedesco nennen.

Abb. 184. Cavalese. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Die Bahn überschreitet den Nonsbach und dann die Etsch; bei San Michele ist sie schon in Welschtirol. Dann übersetzt sie bei Lavis den Avisio, der aus dem Fleimser- und Fassathal hervorströmt. Ortschaften und Menschen tragen hier schon die bezeichnenden Züge des Italienertums. Die Häuser sind hoch, steinern, aber schmutzig und verwahrlost und deshalb malerisch; zerlumpt und schäbig, aber lebhaft und intelligent sehen die Einwohner aus.
Durch das fruchtbare, mit Maulbeerbäumen und Reben bepflanzte Etschthal trägt uns im Fluge der Wagenzug dahin, während von den Berghängen zahlreiche Kirchen, Schlösser und Landhäuser schimmern. Dann sehen wir vor uns das ganze Thal von Häusermassen erfüllt, aus denen eine hohe Domkuppel und ein mächtiger Kastellbau emporragen: wir sind in Trient, der uralten Römer- und Bischofstadt (Abb. 180 bis 182).

Abb. 185. Predazzo. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Trient.
Trient, italienisch Trento, das mittelalterliche Tridentum, mit 21600 Einwohnern, liegt am linken Ufer der Etsch, in gartenähnlicher Landschaft. Wohl zeigt auch sie jene Spuren des Verfalls, die den meisten Städten italienischer Nation eigen sind; aber die vielen Türme und Paläste, die breiten gut gehaltenen Straßen machen doch einen stattlichen Eindruck. Die Stadt, die schon von den römischen Geographen genannt wird, soll etruskischen Ursprung haben und hat eine reiche Geschichte hinter sich. Auf die Herrschaft der alten Rhätier folgte hier jene der Römer; Theodorich der Große baute die Mauern der Stadt; um sie kämpften Goten, Langobarden und Franken, Trientiner und Venetianer. Hohes politisches Ansehen verschaffte der Stadt das in den Jahren 1545–1563 hier abgehaltene Tridentinische Konzil. Ehrwürdig ist der romanische Dom, an dessen mächtigem Bau durch vier Jahrhunderte gearbeitet ward, mit dem Grabmal des venetianischen Feldherrn Sanseverino, den die Trientiner in der Schlacht bei Calliano erschlugen; berühmt auch die Konzilskirche Santa Maria Maggiore mit einem großartigen Orgelwerk, dessen Meister nach der Vollendung geblendet worden sein soll, damit die Orgel einzig in ihrer Art bliebe. In der Peterskirche wird die Mumie eines heiligen Knaben, San Simonin gezeigt, der von Juden geschlachtet worden sein soll. Das hervorragendste weltliche Gebäude ist das Schloß Buon Consiglio; vormals fürstbischöfliche Residenz, jetzt Kaserne, überragt es mit feudalem Trotz die Stadt und die Landschaft. Aber auch in den Gassen selber ist mancher schöne alte Palast von aus langobardischen Geschlechtern abstammenden Trientiner Adelsfamilien eingebaut. Ein riesiger runder Turm soll römischen Ursprungs sein. Das heutige Trient ist immer noch eine wohlhabende Stadt, unter deren Gewerben die Gewinnung und Verarbeitung des berühmten Trientiner Marmors wohl in erster Linie genannt werden muß; daneben Zucker- und Branntweinindustrie. Vieles von dem, was als „Veroneser Salami“ in die Welt geht, hat seinen Ursprung in Trient. Eine östliche Straße führt von hier ins Valsugana (s. XIII); eine westliche über das Gebirge nach dem Tobliner See und dem Sarcathale (s. XIV).

Abb. 186. Campitello. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Von Trient thalabwärts heißt die Landschaft Val Lagarina (Lägerthal), die Etsch Adige. Bahn und Straße halten sich am linken Ufer des nun schiffbar gewordenen Stromes; die jurassischen Bergwände erscheinen größtenteils kahl. Über dem viel umkämpften Calliano erscheint am Berghang Schloß Beseno; in der Nähe die Riesentrümmer eines Bergsturzes. Der Höhenzug an der Westseite des Etschthales ist der durch seine außerordentlich reiche Flora berühmte „Garten Abrahams“; an seinem Fußgestell grüßen die Trümmer der Burg Nomi herüber; weiter Pomarolo mit dem ansehnlichen Schloß Castelbarco. Dann hält der Wagenzug in Rovereto.

Abb. 187. Perra, gegen die Vajolet-Türme. (Liebhaberaufnahme von Gust. Schulze in Leipzig.)
Rovereto.
Rovereto (Roveredo), ein lebhaftes Städtchen, mit 9000 Einwohnern, liegt am linken Etschufer in einer Thalweitung, an der Mündung des Lenothals (Abb. 183). Es ward nach dem Ende der Römerherrschaft Eigentum der Herren von Castelbarco; dann lange Zeit ein Zankapfel zwischen den Herrschern von Tirol und der venetianischen Republik. Im XVI. Jahrhundert wurde hier der Grund zur Südtiroler Seidenindustrie gelegt, deren Mittelpunkt jetzt Rovereto ist. Die von einem alten Kastell überragte Stadt enthält schöne Plätze mit plätschernden Brunnen und Palästen; an den Einwohnern von Rovereto rühmt man Eleganz der Sprache, Bildung und Liebenswürdigkeit. Die Umgebung ist eine üppige gartenähnliche Landschaft, aus deren Rebengeländen alte Burgen schauen. Zwischen dem helleren Grün der Weingärten, Maulbeerpflanzungen und Maisfelder zeigen sich schon ernst und dunkel vereinzelte schlanke Cypressen.
Die Bahn, immer am linken Etschufer bleibend, eilt weiter nach Mori, wo im Westen sich jener merkwürdige Thalspalt aufthut, durch den am einsamen Loppiosee vorüber die Straße und eine Zweigbahn nach dem Thale des Gardasees führen. Dann folgt San Marco mit den schauerlichen Resten jenes Bergsturzes, von welchen Dante im zwölften Gesang seiner Hölle sagt:
„Dem Erdfall bei Trient gleich, der die Bahn Der Etsch von einer Seite zugeschoben“ ...
Auf Schloß Lizzana bei San Marco verweilte Dante während seiner Verbannung aus Florenz; den gewaltigen Eindruck, den jene Landschaft auf den Dichter machte, hört man noch aus seiner großartigen Dichtung erklingen. Wahrscheinlich geschah der Bergsturz im Jahre 883; er soll eine ganze Stadt verschüttet haben.
Wir nähern uns der Grenze Tirols. Im Fluge noch folgt die zertrümmerte Sperrfeste Serravalle, dann noch das malerische Städtchen Ala, berühmt durch eine lebhafte Sammetindustrie. Die letzte österreichische Ortschaft ist Avio. Dann überschreitet die Bahn die italienische Grenze; die Thalwände senken sich, treten näher zusammen und bilden eine lange gewundene Felsengasse mit Steilwänden. Neben dem mächtig schäumenden Bergstrom windet sich die Bahn entlang: wir sind in der berühmten, seit grauen Tagen so oft umkämpften Veroneser Klause. Immer niedriger werden die Bergwände; plötzlich wird es licht und blau überall; der Bahnzug braust hinaus in offenes Hügelland. Wir haben die Alpen hinter uns; vor uns aber liegt mit seinen üppigen Gärten und gewaltigen Mauern das ehrwürdige Verona, die Stadt des Ostgotenkönigs Dietrich von Bern.
XIII. Die südlichen Thäler der Dolomit-Alpen.
Eine Reihe von Landschaften des Tirolerlandes unterscheidet sich geographisch und ethnographisch von den bisher kennen gelernten. Es sind jene Thäler, welche von ihrem Ursprung an nach Süden zu sich abdachen, der Osthälfte Tirols angehören und eine fast durchgängig romanische Bevölkerung haben. Zuflüsse der Etsch, der Brenta und der Piave sind es, welche aus diesen Thälern abströmen. Die Besiedelung dieser Thäler hat von Süden her stattgefunden; ihre Bevölkerung ist teils altromanisch, teils italienisch; nur in den nördlichsten Ausläufern mit deutschen Elementen durchsetzt.

Abb. 188. Alleghe-See. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Diese Thäler sind, von Westen nach Osten gerechnet: das Fleimser- und Fassathal nebst seinem südlichen Nachbargebiet, dem Valsugana und dessen Seitenthälern, die Thäler von Canale und Primiero, das oberste Thal des Cordevole (Buchenstein) und das Ampezzothal. Fremdartig sind uns Deutschen die Landschaften, fremdartig die Orte und Häuser, fremdartig die Bewohner. Sagte es uns nicht die Karte, so wüßten wir nicht, ob wir in Tirol oder in Italien sind. Nur in den oberen Teilen dieser Thäler umrauscht uns noch der heimische Fichtenwald, grüßen uns noch deutsche Laute.

Abb. 189. Ampezzanerinnen. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 190. Misurina-See. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Avisiothal
Unter diesen Thälern ist das des Avisio das ausgedehnteste. Es mündet bei Lavis in das Etschthal und zieht, 75 km lang nach Nordosten, ins Herz der Dolomitalpen, im untersten Teile Val di Cembra (Zimmers), weiter aufwärts Val di Fiemme (Fleimserthal), im obersten Teile Fassathal genannt, berühmt durch seine merkwürdigen geologischen Erscheinungen und seine großartigen Landschaftsbilder. Bei seiner großen Längenerstreckung enthält es eine bedeutende Anzahl von Seitenthälern, von welchen die längeren und wichtigeren nach Süden und Osten ziehen. Die herrschenden Gesteinsarten sind roter Porphyr und Dolomit; aber man findet auch andere Kalksteinarten, ferner schwarzen Augitporphyr, Granit und Sandstein.

Abb. 191. Caprile, gegen Civetta. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Val di Cembra. Fleimserthal.
Den Namen der untersten Thalstufe, des Val di Cembra, hat man mitunter von den Cimbern abgeleitet; in der That trägt die Bevölkerung deutsche Züge, obgleich sie italienisch spricht. Hier herrscht in der Landschaft der rote Porphyr, durch den der Avisio sich in schluchtenartigem Bette schäumend und grollend hindurchzwängt. Hauptort dieser Thalstufe ist Cembra, auf sonniger Hochfläche. Dieser Teil des Thales sieht keinen Fremdenzug; letzterer zieht gewöhnlich die schöne Kunststraße vor, welche aus dem Etschthale bei Neumarkt gleich in den mittleren Teil des Thales, ins Fleimserthal führt.

Abb. 192. San Martino, gegen Cimon della Pala. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Fleimserthal. Fassathal.
Auch im Fleimserthale findet man deutsch aussehende Menschen; die Sprache ist italienisch. Diese Thalstrecke hat ein seltsam zusammengewürfeltes Gestein zur Unterlage: roten und schwarzen Porphyr, Granit und Sandstein; und auf dieser Unterlage ragen dann die Dolomitzacken empor. Hauptort von Fleims ist das stark bevölkerte Cavalese (Abb. 184) mit stattlicher gotischer Kirche. Die schöne Straße windet sich, von Cavalese thaleinwärts, an der nördlichen Thalwand hin, mit beständigem Ausblick auf den freundlichen grünen Thalboden und den Lauf des Avisio. So geht es über Tesero, Panchia und Ziano nach der fruchtbaren Thalweitung von Predazzo (Abb. 185). Dieses ist der geologisch merkwürdigste Punkt des ganzen Thales, mit einer ganz außerordentlichen Mischung von Gesteinsarten. Hier mündet von Osten her das Thal Paneveggio, fast völlig unbewohnt, aber mit einer hoch interessanten Jochstraße (Rollepaß) nach San Martino di Castrozza.

Abb. 193. Primiero. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 194. Limone (Gardasee). (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Das Fleimserthal wird von Predazzo aufwärts etwas enger und düsterer; in stundenweiten Entfernungen folgen die Ortschaften Forno und Moëna. Bei letzterer fängt das Thal an, den Namen Fassathal zu führen. Moëna ist wichtiger Knotenpunkt; ein Saumweg führt von hier westwärts über den Karerpaß (1758 m) zu dem jetzt vielgenannten Karersee, von wo durch das Eggenthal die Straße nach Bozen hinabläuft. Ein streckenweit zur Not fahrbares Sträßchen zieht sich ostwärts durch das Pellegrinothal bis zur Grenze Italiens. Das Fassathal selber ist im Westen überragt von den turmförmigen Dolomitzacken des Rosengartens, jenes märchenhaften Gebirgsstocks, in dessen Zaubergeheg der Sage nach einst Dietrich von Bern den Zwergkönig Laurin einfing. Klettergeübte Bergwanderer mögen wohl über einen der Rosengartenpässe hinübersteigen ins Tierserthal, das nach Blumau zum Eisack hinuntersteigt. Wer im Fassathale bleibt, erwandert noch die Orte Vigo und Perra (Abb. 187). Hier erschließt sich zur Rechten das kurze Monzonithal, in dessen trümmerreichem Felsenamphitheater die Natur eine Fülle verschiedenartiger Mineralien ausgeschüttet hat: Feldspatkrystalle und Turmaline, grüne Hornblende und braune Granaten und anderes mehr. Landschaftlich überaus reizvoll ist Campitello, der letzte größere Ort im Fassathale (Abb. 186). Ein prächtiger Ort für den Bergwanderer; die interessantesten Jochsteige führen von hier nach allen Seiten. Das Fassathal wendet sich nun nach Osten. Es folgen noch die kleinen Ortschaften Gries, Canazei, Alba und Penia; dann steigen wir an den obersten Quellbächen des Avisio hinauf in das grüne Hochthal von Fedaja, wo ein schweigsamer kleiner Hochsee liegt, gerade unter dem blinkenden Eisfelde der Marmolada (3360 m, Abb. 12), die als Königin der Dolomitberge unmittelbar über uns sich erhebt. Wer kniefest ist und schwindelfrei, mag wohl von dem Alpenwirtshause zu Fedaja aus die fünfstündige Wanderung antreten über den Gletscher und die Dolomitwände der Marmolada zu ihrem schneebedeckten Gipfel. Hier steht er auf einem der stolzesten Grenzpfeiler zwischen Tirol und Italien.

Abb. 195. Riva (Gardasee). (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Buchenstein. Cortina. Valsugana.
Wer aus diesem obersten Quellgebiet des Avisio nach dem östlich benachbarten Thale Buchenstein oder Livinallongo will, findet den schönsten Weg vom Fedajapaß durch ein Stück Italien. Drei Stunden wandert er vom Fedajapaß durch die Schlucht von Sottoguda bis in das oberste Thal des Cordevole, eines Zuflusses der Piave. Auf italienischem Gebiete ist durch einen Bergsturz 1772 der von mächtigen Felswänden umrahmte Alleghe-See entstanden (Abb. 188). Bei dem prachtvoll gelegenen Caprile (Abb. 191) erreicht der Wanderer wieder den Boden von Tirol. Durch ein furchtbares Trümmerfeld zieht sich der Pfad am Cordevole thalaufwärts in das Gebiet der obersten Quellbäche dieses Flusses. Dieses Gebiet besteht aus zwei auseinander gabelnden Thälern, führt den deutschen Namen Buchenstein und zeichnet sich, wie alle Hochthäler in den Dolomiten, durch merkwürdige Bodengestaltung aus. In dem nordwestlichen der beiden Buchensteiner Thäler liegt als Hauptort Pieve di Livinallongo (1475 m), von wo Jochsteige zum Fedajapaß, nach Gröden und in das oberste Abteithal ziehen. Im nordöstlichen Thalaste liegt die Ortschaft Andraz, höher droben noch das alte Kastell Andraz, das der Bergwanderer berührt, wenn er eine der hoch interessanten Paßhöhen überschreiten will, über die man aus dem grünen wohlangebauten Buchenstein nach dem Abteithale oder ostwärts nach Ampezzo gelangt. Es ist wohl eine der eigenartigsten Bergwanderungen, die aus Buchenstein durch den Falzaregopaß in den sonnigen Thalkessel von Cortina d’Ampezzo gemacht werden kann.
Cortina, dessen deutscher Name, Heiden, fast völlig verklungen ist, ist mit seinen 800 Einwohnern nicht bloß einer der malerischsten, sondern auch wohlhabendsten Orte Tirols (Abb. 169 u. 189). Wir haben ihn schon von anderer Seite her, aus dem Pusterthale erreicht. Die italienische Bevölkerung, die ihren Wohlstand hauptsächlich dem Holzhandel aus dem Pusterthal nach Venedig verdankt, ist ausreichend mit deutschen Elementen durchsetzt, um es auch dem Deutschen hier behaglich werden zu lassen. Riesenhafte, kühn geformte Berge umragen das Thal: der Monte Cristallo (3199 m); der Piz Popena (3143 m); die Tofanaspitzen (3241 m); die Sorapiß (3229 m) und der Antelao (3264 m), beide weithin sichtbar und sich spiegelnd im kleinen Misurina-See (Abb. 190). All’ diese mächtigen Kalkschroffen tragen kleine Gletscher; westlich von Cortina baut sich der unvergletscherte, aussichtreiche Nuvolau (2578 m) empor. Die Wege, die von Cortina nach Osten und nach Süden laufen, haben wir nicht mehr zu betreten; denn sie überschreiten nach wenigen Stunden schon die Grenze Italiens.
Versetzen wir uns zurück nach Trient. Es gilt, auch in die südlichsten Thäler von Osttirol noch einen Blick zu werfen.
Von Trient aus öffnet sich nach Osten das Valsugana. Durch den Schlund, welchen sich hier der Fersinabach in die Thalwand genagt hat, zieht ein kühner Straßenbau aufwärts nach Pergine. Von hier steigt das Fersinathal noch stundenweit ins Gebirge aufwärts, bemerkenswert durch einige deutsche Gemeinden, die sich hier mitten in einer italienischen Bevölkerung erhalten haben: Bruchstücke von Völkerschaften, deren Abstammung man heute nicht mehr zu enträtseln vermag. Die Gegend um Pergine ist heiter, wohlangebaut, von Rebengärten, Nußbäumen und Kastanienwäldern geschmückt. Das Valsugana wendet sich von hier gerade nach Süden und berührt, wie all’ diese Landschaften, recht mannigfache Bildungen der Erdrinde. Südlich von Pergine liegt der reizvollste landschaftliche Schmuck des Valsugana: zwei, durch einen Hügel getrennte Seebecken, der See von Caldonazzo und der von Levico. Ersterer wird als Quelle der Brenta angesehen. Südlich von diesem reizenden Seethal baut sich, zum Teil noch in Tirol, zum Teile schon in Italien, ein ausgedehntes bergiges Grenzgebirg empor, in welchem noch wie eine Insel fremden Volkstums, eine Anzahl von deutschen Gemeinden liegt, mit den Hauptorten Lusarn (Luserna) und Lafraun, in Höhen von 1200 bis 1300 m.
Palagruppe.
Von Levico zieht das Valsugana ostwärts. Dort liegt Borgo, der Hauptort des Thales, mit 3900 Einwohnern, umgeben von malerischen Burgen. Der letzte Ort im Tiroler Valsugana ist Grigno; hier verläßt die Brenta den Boden Österreichs. Wir wenden uns, um in Tirol zu bleiben, nach Nordosten. Weiter führen uns Jochsteige in das Thal von Canale San Bovo und nach Primör (Primiero) und San Martino di Castrozza (Abb. 192 und 193). Hier sind wir am Fuße einer der wildesten und großartigsten Gruppen des tirolisch-italienischen Grenzgebirges: der Palagruppe. In furchtbarer Steilheit ragen hier die Cima di Vezzana (3191 m), der Cimone della Pala (3186 m) und die Pala di San Martino (2996 m) empor, auf ihren Schultern Gletscher tragend; ein riesiges Korallenriff, das wohl in den Urzeiten der Erde auf dem Boden eines längst abgeflossenen Meeres emporwuchs und durch seine abenteuerliche Gestaltung heute die Kühnheit der verwegensten Felskletterer herausfordert. Von diesen Gipfeln aus schweift der Blick nordwärts durch die Zackengefilde der Dolomite, südwärts hinunter in die grünen Ebenen Venetiens und bis zur fernen blauen Adria. Diese seltsamen trotzigen Naturbauten sind nur zu bewältigen, indem der kundige Blick der Führer all’ jene zusammenhängenden Rinnen, Kamine, Wandstufen und Geröllbänder ausfindig macht, die eine Art von labyrinthisch gewundenen Felsenleitern bilden. Auf ihnen gelangt aber nur der schwindelfreie und kniefeste Bergwanderer zu diesen Gipfeln, die erst im Laufe der letzten Jahrzehnte bekannt geworden sind.

Abb. 196. Castel Toblino. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 197. Arco. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
XIV. Nonsberg und Judicarien.
Das letzte Gebiet in Tirol, das wir kennen zu lernen haben, ist jenes, das im Norden von der Eiswelt der Ortlergruppe, im Osten vom Etschthal, im Westen und Süden von der italienischen Grenze umgeben ist. Seine beherrschenden Gebirgsmassen sind der Südabfall der Ortlergruppe, die Presanella, die Adamello- und die Brentagruppe im Westen; die lang gestreckte Mendel im Osten. Zwischen diesen Erhebungen ziehen sich zwei große Thäler herab; eines zur Etsch, das andere in den Gardasee mündend, beide zuerst von Südwest nach Nordost, dann nach Süden absteigend. Die Bevölkerung dieser Thäler ist bis auf wenige Gemeinden italienisch, italienisch auch die ganze Landschaft.

Abb. 198. Madonna di Campiglio. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Nonsberg.
Wir betreten das nördlichere dieser Thäler, das Nonsbergthal (Val di Non) bei Deutschmetz, dem südlichsten deutschen Orte an der Etsch, wo der Nonsbach (Noce) mündet. Die Straße führt durch eine romantische Schlucht, die Ronchetta, über die ein alter Römerturm hereinragt. Bald öffnet sich das Thal und zeigt einen ganz eigentümlichen Charakter, der es von den bisher kennen gelernten Thälern Tirols scharf unterscheidet. Das Thal ist sehr breit und die Thalwände steigen so allmählich an, daß sie bis hoch hinan mit wohlbebauten Fluren, mit Dörfern, Gehöften und Schlössern bedeckt sind. Durch dieses weite Gelände, das nur an seinen Rändern höher aufgerichtet ist, wälzt sich der Nonsbach in einer engen unwegsamen Schlucht herab, so daß er fast nirgends sichtbar wird. Herrschende Gesteinsart ist roter Sandstein, überragt von Dolomit. An beiden Seiten des Thales, über dem Nonsbach, laufen Straßen entlang. Der Hauptort des Thales, Cles, mit 2200 Einwohnern, liegt 25 km thaleinwärts, eine uralte Kulturstätte. In Römerzeiten stand hier ein Tempel des Saturnus, dessen Trümmer in eine christliche Kirche eingebaut wurden. Die Straße, die am Osthange des Thales führt, verzweigt sich gegenüber von Cles und steigt in nördlicher Richtung gegen die Thalumwallung empor zum Markte Fondo, von wo sie nach weiteren zwei Stunden den viel besuchten Mendelpaß erreicht. Von Fondo aus gelangt man auch zu den vereinzelt gelegenen deutschen Gemeinden des Nonsbachthales, Laurein, Proveis und anderen, schon in bedeutenden Höhen. 2 km hinter Cles wendet sich das Thal, erst nach Nordwesten, dann nach Südwesten. Diese Richtung behält es bei. Es verliert auch den Namen Nonsbachthal oder Nonsberg und heißt nun thalaufwärts Sulzberg (Val di Sole). Hier erhält es zugleich anderen Landschaftscharakter. Der Thalgrund wird schmäler, die Thalwände zeigen sich dunkel bewaldet, die Ortschaften sind spärlicher. Große Seitenthäler ziehen nach Norden und Nordwesten hinauf. Vier Wegstunden hinter Cles liegt der Hauptort des Sulzberg, Malé, am unteren Ausgange des großen Seitenthales von Rabbi, wo in einer Höhe von 1220 m das berühmteste Bad von Tirol, Rabbi, mit seinen kohlensäurehaltigen Brunnen liegt. Bis Rabbi führt eine Poststraße, weiter nur noch Jochsteige.

Abb. 199. Pinzolo. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Eine Stunde aufwärts von Malé liegt Dimaro, von wo eine einsame Waldstraße südlich nach Campiglio führt. Von Dimaro aus beginnt das Sulzbachthal ernste, finstere Hochgebirgslandschaft zu werden. Das Gestein wird ein anderes; im Südwesten erheben sich die Granitmassen der Presanella; die Thalwände selbst sind Glimmerschiefer und Thonschiefer. Die zu den Gletschern der Presanella nach Süden hinaufziehenden Waldschluchten sind überaus einsam und düster. Bei Cusiano spaltet sich das Thal. Nach Nordwesten zieht nun ein Thalast empor, aus welchem der Nonsbach hervorströmt; es ist das Thal von Pejo, das mit seinen Ausläufern in die Eiswüsten der Ortlergruppe hinaufsteigt. Nach Südwesten aber, durch das Vermigliothal, führt die Jochstraße aufwärts, im Angesichte der Presanellagletscher bis zur einsamen Höhe des Tonalepasses (1884 m), an die Grenze der Lomdardei.
Sulzberg. Riva. Arco.
Zwei hohe, vergletscherte Gebirgsmassen, die Presanella und die Brentagruppe, scheiden die Thäler Sulzberg und Nonsberg von einer südlicher gelegenen Landschaft, welche unter dem Namen Judicarien (Giudicaria) bekannt ist. Wir wollen auch dieses Gebiet kennen lernen, indem wir von seinen tiefst gelegenen Teilen, die zugleich Landesgrenze zwischen Tirol und Italien sind, hinaufsteigen zu den höheren, dem Laufe seiner Wasser entgegen.
Diese Wasser aber sind die der Sarca; und wo dieselbe auf österreichischem Gebiete endet, wirft sie sich rauschend und froh in den himmlischen blauen Spiegel des Gardasees.
In einer Länge von 55 km erstreckt sich dieses entzückende Gewässer aus der Ebene Oberitaliens bis nach Tirol (Abb. 194 und 195). Aber nur seine Nordspitze gehört noch zu Tirol; an ihr liegen noch die kleinen Hafenorte Riva und Torbole. Riva, mit 5000 Einwohnern, ist der bedeutendere. Hier hört man noch die österreichischen Offiziere, die Hotelwirte, auch einzelne Geschäftsleute deutsch reden; im benachbarten Torbole vernimmt man nur mehr italienische Laute. Und die Landschaft hat ein so südliches Gesicht, wie irgendwo an der Riviera. Die Seeufer fallen steil zur Tiefe ab; an ihnen spielt das wundersame blaue Wasser um große Felstrümmer. Mächtige Wellen schlägt der See hier, wenn ihn der Südwind seiner ganzen Länge nach aufwühlt. Hohe Kalkberge steigen an den Ufern empor; im Osten der lang von Nord nach Süd gestreckte Monte Baldo (2200 m); im Westen die Berggruppen, die unter dem Namen Trienter Alpen zusammengefaßt werden. Den schattigen deutschen Wald vermißt man an diesen Ufern; die Berge sind klippiger grauer Kalk, zwischen dessen Gräten und Wänden sich grüne Flächen von Rasen und niedrigem Gestrüpp hinanziehen. Auch die Thaltiefen sind schattenlos; an den staubigen Straßen stehen dünne Maulbeerbäume; an den untersten Berghängen kann man durch melancholische Ölbaumhaine wandern. Ab und zu belebt ein schwerfälliges schwarzes Frachtschiff, ein kleines Fischerboot oder ein Dampfer die Seefläche.
Durch eine stundenlange, fruchtbare Thalebene führt die Straße von Riva nach Arco (Abb. 197). Dieses Städtchen, mit 2400 Einwohnern, ist durch seine außerordentlich geschützte Lage und sein herrliches Klima zum weltberühmten Winterkurort geworden. Ueber dem Orte ragt auf steilem Fels die alte Burg Arco. Hinter Arco verengt sich das Thal der Sarca zwar, bleibt aber an seiner Sohle ein üppiger blühender Garten. Es führt hier den Namen Seethal und zieht als solches in nördlicher Richtung bis Alle Sarche, 20 km vom Gardasee. Hierher führt auch eine Straße von Trient, am reizenden Tobliner See (Abb. 196) vorüber, der unmittelbar bei Alle Sarche liegt und das alte Kastell Toblino umschließt. Im Angesichte von See und Burg windet sich die nach Judicarien führende Straße an der Thalwand empor; das Thal wendet sich nun westlich, wo die Sarca durch enge Schluchten herabschäumt. Bei Villa di Banale biegt sich das Sarcathal nach Südwesten, während zugleich gegen Nordosten ein Thalspalt sich aufthut, in dem eines der prächtigsten Kleinode der Südtiroler Landschaft verborgen liegt: der Lago di Molveno, über dessen blauem Spiegel die eisigen Zinnen der Cima di Brenta und Cima Tosa sich auftürmen.

Abb. 200. Bedole (Val di Genova). (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Sarcathal. Campiglio. Val di Genova. Brentagruppe.
Im Sarcathale steigt die Straße aufwärts nach dem schön gelegenen Stenico mit seiner, das ganze Vorderjudicarien überschauenden Bergfeste. Hauptort von Hinterjudicarien ist das drei Stunden thalaufwärts liegende Tione. Hier mündet in das Sarcathal ein Thalspalt, das Arnothal, durch das eine Straße nach Italien führt. Sie wird selten besucht. Der Fremde eilt durch Judicarien, das trotz seiner reizvollen und mannigfachen Landschaftsbilder wegen seiner Armut und Übervölkerung, mit seinen unsauberen verfallenden Häusern und verwahrlosten Menschen keinen anmutigen Eindruck macht. Anziehender ist der nördliche Teil von Hinterjudicarien, das Rendenathal, das, von der Sarca durchströmt, zwischen den großartigen Bergmassiven des Adamello und der Brentagruppe nach Norden ansteigt. Hier ist ein wichtiger Knotenplatz, denn in nordöstlicher Richtung zieht die Straße nach dem seit einigen Jahren hoch modern gewordenen Luftkurort Madonna di Campiglio (Abb. 198); nach Westen dagegen steigt das Thal der Sarca als Val di Genova hinan in eine Reihe der großartigsten Hochgebirgslandschaften zwischen dem trotzigen Granitbau der Presanella (3564 m) und den Gletschern des Adamello (3548 m). Der bequeme Reisende fährt von Pinzolo nach Madonna di Campiglio, das, einst ein Kloster, jetzt zum großen Vergnügungsort sich umgestaltet hat. Ein viel begangener Jochsteig führt von Campiglio oder von Pinzolo (Abb. 199) aus über die Bocca di Brenta an den Molvener See. Es ist eine lange und mühsame Wanderung, aber sie zeigt die ganze Pracht der dolomitischen Brentagruppe, die in der Cima Tosa (3176 m) gipfelt. Nur ausdauernde Bergwanderer mögen das oberste Gebiet des Sarcathales, das Val Genova, heimsuchen. An dessen Ende (Abb. 200) liegt, über den Mandronseen und dem mächtigen Mandrongletscher, 2441 m hoch, noch ein deutsches Wandererheim, die Leipziger Hütte, erbaut zur Erleichterung von Touren im Eismeer des Adamello und von Übergängen über die vergletscherten Hochpässe nach dem benachbarten Italien.
Hier ist unsere Wanderung durch Tirol zu Ende.