Inhalt. (continued 2)
Reading edition
Besiedelung.
Ganze Dorfschaften sowohl als auch Einzelngehöfte lagern vorzugsweise an dem sonnseitigen Abhang der Thäler. Denn da kommt nicht bloß der Lenz früher, auch der Tag ist länger mit seinem Sonnenschein. Darum findet man bei allen in ostwestlicher Richtung sich dehnenden Thälern die nach Süden geneigten Thalwände besiedelt, wenn es die Steilheit der Hänge erlaubt, während die nach Nord schauende, also südlich liegende Thalwand, dem finsteren Wald überlassen bleibt. In den von Nord nach Süd streichenden Thälern dagegen setzt sich die Ansiedelung dorthin, wo das sanfteste Gehänge ist oder wo der Thalgrund zu kleinen Ebenen sich ausweitet. Das ist zumeist dort der Fall, wo in ein größeres Thal Seitenthäler münden. Und auch das einzelne Haus liebt es, seine Vorderfront nach Süden zu kehren, wenn das irgendwie angeht. In der Regel suchen die Ansiedelungen die Thalsohle auf; ist diese aber versumpft, so streben die Gehöfte an die Berglehnen hin und um so höher an diesen empor, je sanfter, sonniger und fruchtbarer das Gehänge, die Neigung der Berglehnen sich erweist. In manchen Thälern sieht man darum Dörfer und Einzelnhöfe stundenweit über der Thalsohle liegen, in welcher der Thalbach entweder durch sumpfige Erlenniederung fließt oder durch Schluchten sich ein wildes Bett gebahnt hat; und wenn unten schon lange die Schatten des Abends liegen, glänzen hoch oben die Dörfer mit ihren Kirchen noch im Sonnenlichte. Nicht ungern haben sich auch die Ansiedelungen auf jene flachen Schuttkegel hingelegt, die in längstvergangener Zeit dort entstanden, wo aus den Seitenschluchten verheerende Schlammströme hervordrangen und ihren festen Bestand im Hauptthale ablagerten.

Abb. 70. Berliner Hütte, gegen den Waxeck-Gletscher. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Bauweise.
Die Bauweise wird um so steinerner, je weiter man nach Süden kommt. Zugleich streben die Häuser mehr in die Höhe. Aber auch in Welschtirol besteht ein starker Unterschied zwischen den ladinischen und den italienischen Thälern. Die Häuser in den ladinischen Thälern unterscheiden sich nicht wesentlich von denen im mittleren und nördlichen Tirol; nur der Holzverbrauch daran ist geringer. In den italienischen Dörfern sehen auch die Häuser italienisch aus; mehrstöckig steigen sie auf, schmutzig und verwahrlost. So sieht man sie namentlich in Judicarien. Solange die Seidenzucht blühte, gehörte hier das oberste Stockwerk den Seidenwürmern, die man da droben verpflegte. Jetzt, nachdem dieser Betriebszweig stark zurückgegangen ist, füllen die Judicarier auch die obersten Stockwerke mit zweibeinigen Würmern an; aus allen Fenstern kreischen zerzauste Italienerinnen und kleine, schwarze, schmutzige Italiener.
Eigenartig wie die Bauart der ländlichen Häuser ist auch jene in den Städten, soweit sie alt ist. Man kann in Tiroler Städten heute noch zahllose Häuser finden, die viel eher als kleine Ritterburgen, Miniaturklöster oder erweiterte Hexenküchen wie als bewohnbare Häuser erscheinen. Ja, manche Städte, wie Rattenberg, Sterzing, Klausen, sind fast nur aus solchen Häusern zusammengesetzt. Die Eingangsthüren dieser Häuser sind meist mit marmornen Bogen überwölbt; dann geht es aber hinab, statt hinauf, in ein finsteres, kerkerartiges Gewölbe, das als Vestibül dient. Finster ist auch die steinerne Stiege, die in irgend einem Winkel in die Höhe führt. Die alten Tiroler Baumeister scheinen das Ideal des Hauses in der Unregelmäßigkeit gesehen zu haben; wo es immer möglich war, wichen sie von der wagrechten und senkrechten Linie ab. Fluren, Zimmerböden, die Decken der Gänge und der Zimmer heben und senken sich nach Willkür. Zimmer und Gänge liegen häufig in ungleichen Höhen; es geht beständig treppauf, treppab. Manche Zimmer erhalten ihr Licht durch ein Loch aus einem höher gelegenen Zimmer oder Flur, und man würde sich nicht wundern, einmal in einem Raum zu stehen, der das Fenster im Boden und die Thüre im Plafond hat. Malerisch aber sind alle diese Häuser, von denen manches an seiner Außenseite die Spuren verblichener Freskomalerei trägt; und so auch die Gäßchen, wo verirrte Sonnenstrahlen zwischen Schattenwinkeln umherhuschen und die roten Nelkenköpfchen hinter den Gitterfenstern küssen.

Abb. 71. Jenbach, vom Burgeck gesehen. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Bauern und Hirten.
Die ländlichen Bestandteile des Tiroler Volkes sind Bauern und Hirten. Der Arbeit des Bauern sind die Thaltiefen und die bewohnbaren niedrigeren und sanfter abgedachten Berghänge überlassen; jener des Hirten die höher gelegenen Hänge und Mulden des Gebirges. Diese verschiedenen Arbeitsfelder gehen ineinander über; so auch die Volksklassen, die darauf leben. Im Winter muß auch das Hirtenvolk zum Bauernvolk werden (Abb. 48 bis 50).
Die bäuerliche Bevölkerung wohnt, je nachdem es die Ansiedelungsflächen gestatten und nötig machen, bald in Dörfern, bald in Einödhöfen. In den Dörfern drängt sich Wohlhabendes und Ärmeres zusammen; da wohnen neben den Bauern auch manche Kleinhäusler. Die einzeln liegenden Gehöfte gehören meist wohlhabenderen Bauern. Da sitzt der Bauer auf seinem Hofe oft mit 10–12 Ehehalten (Dienstboten), die alle an seinem Tische essen und unter seiner Leitung arbeiten. Jener Teil des Jahres, der nicht von der Feldbestellung und von den Erntearbeiten beansprucht ist, gehört den Arbeiten im Walde und auf der Viehweide. Zu jedem ordentlichen Bauernanwesen gehört auch ein ansehnliches Stück Wald und Almländereien; wichtige Winterarbeiten sind der Transport von Holz und Streu aus den Wäldern, von Heu aus den Heustädeln der höher gelegenen Bergwiesen nach den Gehöften.
Im Frühjahr wandert ein Teil des Gesindes mit dem Vieh nach den Höhen, um bis zum Herbste als Hirtenvolk droben zu leben. Bloß in einzelnen Teilen Nordtirols werden die Almen von Sennerinnen bezogen; im größten Teile des Landes von Männern, die entweder Senner (Melcher) oder Ochsner sind. Senner und Sennerinnen haben die Milchkühe zu versorgen, Milch, Butter, Schmalz und Käse zu gewinnen, und, was sie davon nicht selber verbrauchen, ihrem Bauer ins Thal hinabzutragen. Die Ochsner hüten jene Herden von Jungvieh, welches, zur Handelsware bestimmt, im Frühsommer auf die Almen getrieben wird, um sich droben mit den kräftigen Gräsern und Kräutern des Hochgebirges zu nähren. Die Arbeit der Senner verlangt mehr Kenntnis und Sorgfalt, auch größere Reinlichkeit. Darum sind die Hütten der Senner, und ganz besonders der Sennerinnen, wohnlicher und sauberer; jene der Ochsenhirten und noch mehr der Schafhirten dagegen erscheinen als die denkbar urwüchsigsten menschlichen Behausungen, ohne Spur von Bequemlichkeit; nur ein Heulager und eine oft nicht einmal über den Erdboden emporragende Feuerstätte unter einem Dache und zwischen Wänden, durch die der Bergsturm heult. Wege freilich müssen zu all’ diesen Hütten führen; aber bloß um der Tiere, nicht um der Menschen willen.
Eine eigentümliche Art von Wanderung veranlaßt auch die Zeit der Heumahd auf den Alpenwiesen. Jene großen ergiebigen Grasflächen, welche nicht als Weideland benützt werden, sondern deren Heu man in die Gehöfte herabbringen will, um es als Winterfutter zu benützen, können, wenn sie von den Dörfern entfernt liegen, nicht an einem Arbeitstage gemäht werden, sondern verlangen mehrtägige Arbeit. Da wandert denn ein großer Teil der Dorfbevölkerung mit Sensen, Rechen und Heugabeln nach den Höhen hinauf; auch Kochgeschirr und Nahrungsmittel werden mitgenommen, und es beginnt eine Zeit froher Arbeit unter blauem Himmel, angesichts der prachtvollen Bergwelt. Dabei kommen allerlei Übermut, Scherz und Gesang und auch die Liebe zu ihrem Recht; übernachtet wird auf duftendem Heulager.

Abb. 72. Achensee, gegen die Pertisau. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Technisch sind die Tiroler erfinderische Köpfe. Man kann in ganz abgelegenen Thälern sehen, wie der Erfindungsgeist mit der rauhen Natur kämpft und ihre Kräfte dienstbar zu machen sucht. Der Hirt, dem der Gletscherbach den Steg zu seiner Hütte fortgerissen hat, muß sich eine neue Brücke bauen; er muß sein eigener Ingenieur sein. Als Naturkraft ist überall das fließende Wasser zu haben. Man nützt es aus, indem man durch kleine Mühlrädchen Butterfässer und Drehbänke, ja selbst Kinderwiegen in Bewegung setzt. Kleine, mit Dünger beladene Wagen werden auf steile Bergwiesen durch ein Seil hinaufgezogen, das über eine von einem Mühlrad getriebene Welle läuft. So braucht man überall die Bergbäche zum Betrieb von Mühlen, Hammerwerken, Sägen und dergleichen.
Industrie, Handel und Verkehr.
Die industrielle Thätigkeit des Tiroler Volkes ist weit vielseitiger, als der Reisende, der das Land nur auf Dampfesflügeln durcheilt, anzunehmen geneigt ist. Für ihn verschwindet sie nur im Vergleich zu der kolossalen Natur, unter deren Riesengebilden die Gestaltungen des menschlichen Gewerbfleißes notgedrungen etwas zwerghaft erscheinen müssen. Die mineralische Rohproduktion entringt den Eingeweiden der Erde Eisen, Kupfer, Blei, Zink und Braunkohlen. Wichtiger als all’ dies zusammen ist das in den Salinen von Hall gewonnene Salz. Hochachtbar ist ferner die Erzeugung von Cement und hydraulischem Kalk in der Umgebung von Kufstein und Kirchbichel; die Produkte derselben gehen nach Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien und den Donautiefländern. Auch die Marmorbrüche von Trient und Laas führen einen Teil ihres Erzeugnisses aus. Die Metallindustrie ist von alters her eine blühende im Unterinnthale, namentlich für landwirtschaftliche Werkzeuge, Sensen, Sicheln, auch Äxte, Sägen und dergleichen. Die Nahrungsmittelindustrie liefert konservierte Gemüse und Früchte; letztere in unerreichter Güte; große kaiserliche Tabakfabriken arbeiten in Schwaz und Sacco (Etschthal). Die Baumwollindustrie ist in Vorarlberg mit glänzenden Erfolgen und in großen Etablissements thätig; sie umfaßt Spinnereien, Webereien, Kattundruckereien, chemische Bleichen und Färbereien (Türkischrot). Im Innthale werden neben Baumwollwaren auch Leinen- und Schafwollwaren erzeugt; eine Specialität ist der unverwüstliche Tiroler Lodenstoff. An die Stelle dieser Zweige der Textilindustrie tritt in Südtirol, von Bozen abwärts, die Seidenindustrie, mit dem Centrum Rovereto; leider in starkem Rückgange wegen der Seidenraupenkrankheit; so daß 1886 noch 1500000 kg Rohseide erzeugt wurden, 1892 nur mehr 662500. Fabriken für Seidenstoffe arbeiten zu Ala und Rovereto. Die Holzschnitzerei ist als Hausindustrie im Grödener Thal verbreitet und genießt eines vortrefflichen Rufes.
Die Lage Tirols zwischen Deutschland und Italien machte das Land schon im Mittelalter zu einem wichtigen Durchzugsgebiet und weckte bei den Anwohnern der Hauptverkehrswege einen gewissen Handelsgeist. Aber bei der Armut und der Einfachheit der Bedürfnisse, die in den abgelegeneren Thälern herrscht, konnte von einer lebhafteren Entwickelung des Binnenhandels nicht die Rede sein; Bozen ist die einzige Handelsstadt; die übrigen Plätze beschränken sich meist auf Specialitäten. Die, namentlich früher, recht unvollkommenen Verkehrsgelegenheiten mußten dem Hausierhandel eine erhöhte Bedeutung zuweisen; so stellten denn die Tiroler einen ansehnlichen Beitrag zum internationalen Hausiergewerbe und waren vordem als Teppichhändler überall in Deutschland und Oesterreich gesehen. Diese Teppichhändler kamen zumeist aus dem Defferegger Thale; aus dem Zillerthale die Handschuh- und Viehhändler; mit Holzschnitzereien wanderten die Grödener, mit Südfrüchten die Passeirer und Vintschgauer. Die Bewohner anderer Thäler unternehmen als Arbeiter Wanderungen nach Deutschland, Österreich und Italien. So findet man allenthalben in diesen Ländern Tiroler als Maurer, Steinmetzen und Stuckateure, Ziegelarbeiter, Hausknechte, Holzarbeiter. Glänzende Reichtümer werden selten heimgebracht; doch sind einzelne Leute in ihr heimisches Thal mit ansehnlichen Vermögen zurückgekehrt; und alle diese Wanderarbeiter verdienen in der Fremde mehr, als sie daheim erwerben könnten.

Abb. 73. Eng-Alpe (Hinterriß). (Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)
Die denkbar schroffsten Gegensätze weist in Tirol das Verkehrswesen auf. Durch das Innthal, über den Brenner, durchs Puster- und Brixenthal, über den Arlberg, und durch die Veroneser Klause donnern die Eilzüge mit ihren bequemen Schlafwagen. Aber von manchen Stationen dieser Bahnen führt keine Straße mehr weiter, sondern nur Saumwege. Und aus dem Fenster des dröhnenden Eisenbahnwagens sieht man gegenüber an den Felswänden Steige, die nur der schwindelfreie Älpler zu begehen vermag. Die Tiroler Poststraßen sind fast durchgängig vortrefflich, einzelne von ihnen wahre Meisterwerke des Straßenbaus, wie etwa die Straße von Landeck über Finstermünz und die Malser Heide nach Mals, die Stilfser Jochstraße, der kühne Straßenzug über die Mendel, der Fernpaß und andere. So wie man jedoch die Poststraßen verläßt, werden die Wege dürftig. Die kurzen Anfangsstrecken, die in die Seitenthäler hineinführen, sind noch zur Not fahrbar; oft hört aber bei der ersten Thalstufe schon der Wagenverkehr auf; die Saumpfade beginnen und die letzten Verzweigungen der Wege sind schwindlige Fußsteige, an Abgründen entlang führend und zuletzt in Fels- und Eiswüsten endend. Und nicht bloß Fußsteige und Saumwege; auch Fahrstraßen werden oft genug im Frühjahr durch Lawinen, im Sommer durch Gewitterregen streckenweise ungangbar gemacht, zerrissen, mit Schlamm- und Steinströmen überschüttet. So ist der Verkehr zwischen den hoch gelegenen Gebirgsdörfern und den tieferen Thallandschaften schon in der guten Jahreszeit oft erschwert, im Winter wochenlang unmöglich, bis durch den tiefen Neuschnee Bahn geschaffen ist.
Tiroler Kunst.
Der stark ausgeprägte künstlerische Sinn des Tirolers bethätigt sich zunächst in seiner Architektur. Daß das Tiroler Bauernhaus weit interessanter und mannigfaltiger in seiner Erscheinung ist, als das fränkische oder niedersächsische, hat seine guten Gründe. Die von der Natur aufgenötigte Verschiedenheit des Baumaterials, die Unebenheit des Bodens, das Streben nach der Sonnenseite und nach der Front des Thalwegs: alle diese Bedingungen wiesen den Tiroler Baumeister seit den ältesten Zeiten auf eine Mannigfaltigkeit der Bauformen hin, die eben in der Ebene nicht notwendig ist und sich deshalb auch nicht ausbildet. Zu diesen natürlichen Bedingungen der Entwickelung des Kunstsinns kamen noch geschichtliche Verhältnisse: die Einflüsse der römischen Kunst in den Zeiten der Römerherrschaft, der Anregungen aus Italien seit dem Mittelalter. Der Bau des Bauernhauses mußte wieder auf den Bau der Kirchen einwirken, womit dann weiter deren innere Ausschmückung, Plastik und Malerei, zusammenhängen. Frühzeitig mußten die Tiroler zu der Empfindung kommen, daß ihre Häuser, Kirchen, ja die ganzen Ortschaften nicht bloß architektonisch, sondern auch landschaftlich wirkten. Die Plastik, für kirchlichen Schmuck und für die kleinen Heiligtümer des Hauses arbeitend, konnte namentlich auf Holzbildhauerei sich werfen; die Malerei, ebenfalls zumeist für kirchliche Zwecke schaffend, ward mit Vorliebe Heiligen- und Historienmalerei. Der berühmteste unter den Tiroler Malern ist Franz von Defregger geworden, ein Bauernsohn aus dem Pusterthale, dessen künstlerische Kraft sich aus den Stoffen und Zuständen seiner Heimat unerschöpfliche Jugend sammelt. Neben ihm steht würdig Mathias Schmid aus Paznaun (Abb. 51 und 53). Daß die Künstler Tirols ihre Werkstätten nach auswärts verlegten, hat seinen guten Grund; die Kunst bedarf jenes geistigen Luftzuges, der durch die große Welt, nicht durch die engen Thäler weht. Darum hat auch die Dichtkunst keine rechte Heimstätte in Tirol gefunden. Wohl rühmt sich das Land, daß des edlen Minnesängers Walther von der Vogelweide Heimathaus auf luftiger Höhe über dem Eisack steht (Abb. 52); aber auf die neuere und neueste Entwickelung deutscher Sprache und Dichtung hat Tirol keinen Einfluß genommen. Das liegt indessen nicht am Volke, sondern an seinen bisherigen Erziehern, die der Freiheit des Denkens und Empfindens nicht jenen Spielraum ließen, dessen sie zu litterarischen Großthaten bedurft hätte. Der Tiroler wird in seinen Thälern wohl zu einem frommen und patriotischen Empfinden erzogen, aber nicht zu jener Weltumschau und geistigen Flugkraft, die man vom modernen Schriftsteller verlangt. Beda Weber und Hermann von Gilm sind die hervorragendsten Dichter Tirols aus diesem Jahrhundert; aber sie sind außerhalb Tirols kaum genannt. Das Land muß seinen Klassiker noch gebären; aber daß es ihn aus seinem Felsenboden hervortreten lassen wird, ist sicher bei einem Volke, dessen Phantasie dereinst die glanzvollen Gestalten des deutsch-langobardischen Sagenkreises schuf und von dessen Burgen so reich der Minnesang erklungen ist.

Abb. 74. Schwaz. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Gesang und Dichtung. Wohlstand.
Der künstlerische Sinn des Volks zeigt sich auch im Volksgesang. Es ist aber merkwürdig, wie ungleichartig die Freude am Singen verbreitet ist. Die klingende jauchzende Heimat des Tiroler Volksliedes ist das Zillerthal mit seinen grünen Matten und seinen schneidigen lebensfrohen Menschen. Hier schallt aus jeder Hütte das zur Musik gewordene Denken und Fühlen des Volks. Von hier aus hat die sangeskundige Familie der Rainer ihre Liederfahrten um die Welt gemacht und sich Ehren und Reichtum erworben, ohne ihrer Tiroler Heimat darüber zu vergessen. Es ist freilich nicht mehr alles, was man im Zillerthale hört, reiner Volksgesang; verführt vom Beifall der großen Welt, haben die Tiroler sich zu ihren alten Liedern manches hinzugesungen und hinzukomponieren lassen, was nicht echt ist. Aber echt ist ihre Freude am Gesang, echt ihr Talent. Außer dem Zillerthal singt man auch gern im ganzen Unterinnthal und in all’ den Thälern, die an die almenreichen bayerischen Berge angrenzen. Auch im Pusterthale wird gesungen; aber da mischen sich in den jauchzenden übermütigen Klang der Lieder jene eigentümlichen schwermütigen Motive, die dem Kärntner Volkslied eigen sind und wohl südslavischen Gesängen entstammen oder nachempfunden wurden. In den übrigen Thälern Tirols singt man nur, wenn der Wein die Zungen löst — ausgenommen im liederfrohen Ultner Thale.
Der Gesang verbindet sich entweder mit dem Trinken oder mit der Liebe. In den Nordtiroler Wirtshäusern wird gesungen, wenn sich die Bursche, jeweils auch Bursche und Mädchen an Sonntagen versammeln. Dann lösen Gesang und Tanz sich ab. Auch in den Almhütten beim Herdfeuer und auf den Bergwiesen bei der Heumahd wird gern gesungen. Seine trutzigsten Lieder singt der junge Tiroler, wenn er vom „Gasselgehen“ heimkehrt. Das Gasselgehen ist der Gang an Liebchens Fenster, ein Gang, der in allen Alpenländern und auch anderwärts vorkommt. Führt er den jugendlichen Wagehals in ein fremdes Dorf, so ist er nicht ganz gefahrlos; denn es kann dem Eindringling leicht begegnen, daß er von eifersüchtigen Gegnern „heimgescheitert“, d. h. mit Baumästen, Holzscheiten und Zaunpfählen während seines Rückzugs geworfen wird, wobei schon mancher feurige Liebhaber auf dem Platze geblieben sein soll. — Eine durchaus bodenständige Kunst, aber merkwürdigerweise nur im Unterinnthal und dessen Nachbarschaft, ist das volkstümliche Drama. Man muß die Bauerntheater in Thiersee, in Brixlegg, in Erl gesehen haben, um darüber zu staunen, mit welchem sicheren künstlerischen Bewußtsein eine kleine bäuerliche Dorfbevölkerung sich einen Tempel dramatischer Muse schafft, ihn mit Gestalten belebt und ihn mit herzlicher Zuneigung zur Blüte ihres Genußlebens macht. Auf den Tiroler Bauerntheatern werden, durchwegs von Bauern, Stücke gespielt, deren Inhalt der Leidensgeschichte Christi, aber auch der christlichen Legende, der deutschen Volkssage, der Geschichte des romantischen Mittelalters, dem Tiroler Freiheitskriege und dem bäuerlichen Leben der Gegenwart entnommen ist.
Daß das Schwergewicht nationaler Bedeutung für Tirol in den Dörfern, nicht in den Städten liegt, erklärt sich leicht. In den Städten hat man, seit sie bestanden, behaglich gelebt; den stählenden Kampf ums Dasein mußte seit Jahrhunderten der Bauer führen. Er mußte sein Besitztum und seine Arbeitsfrucht ununterbrochen einer erbarmungslosen Natur aus den Felsenzähnen reißen, während der Städter, von seinen Mauern und Thoren geschirmt, unter schützenden schattigen Lauben gefahrlosen Erwerbs sich freute, den der lebhafte Verkehr an den alten Welthandelsstraßen reichlich bot. Bozen mußte bei seinem milden Klima und seiner an Blüten und Früchten reichen Umgebung schon im Mittelalter eine Stadt des Wohlstands und des Genusses sein, die von der Natur mehr begünstigt war, als irgend eine andere Stadt im deutschen Sprachbereich. Und daß auch Innsbruck und die kleineren Tiroler Städte gern manches vom heiteren Lebensgenuß des Mutterländchens annahmen — wen möchte das wundern? So finden wir in den Tiroler Städten nicht jene stahlklirrende Arbeitshast, jene nervenzerstörende Unrast, jenen freudlosen Erwerbseifer, wie in vielen gleich großen deutschen Städten. Man nimmt sich Zeit zum Leben hier in den alten behäbigen Bürgerhäusern; in den Amts- und Ratsstuben, wo gemütliche, nichts übereilende Würdenträger hausen; in den sauber getäfelten, zum langen Sitzen so geeigneten Speisezimmern der Gasthäuser, wo es so zarte Backhühner und so feurigen Kalterer Specialwein gibt!

Abb. 75. Hall bei Innsbruck. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
VI. Das Unterinnthal und seine Nachbarschaft.
Unter den von Norden her nach Tirol führenden Zugängen ist bei weitem der wichtigste jenes breite Felsenthor, das sich der Innstrom zum Ausgang aus Tirol durch die nördlichen Kalkalpen gesucht hat. Wer auf der München-Innsbrucker Bahnlinie sich diesem Felsenthore nähert, sieht schon von der bayerischen Hochebene aus seine dunkel bewaldeten Eckpfeiler und hinter ihnen die Tiroler Berge: die bizarre Zackenmauer des Wilden Kaisers und die blinkende Schneepyramide des Großvenedigers. Die Bahn läuft, nachdem sie von der Hochebene in die Alpen eingetreten ist, noch eine Zeitlang auf dem linken, bayerischen Innufer stromaufwärts, während drüben auf dem rechten Ufer unter den waldigen Hängen des Grenzhorns schon das erste Tirolerdorf, Erl, sich zeigt.

Abb. 76. Dorf und Schloß Ambras. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Walchsee.
Gleich darauf, bei der bayerischen Bahnstation Oberaudorf, erschließt sich nach Osten hin das erste Seitenthal des Innthals: die freundliche Hügellandschaft der Sewi. Es ist offenbar ein vormaliges Seebecken, durch welches der Inn hier seine Fluten träge zwischen Erlenauen hinwälzt. Eine geräumige Mulde zwischen den bis zum Gipfel hinauf grün bematteten bayerisch-tirolischen Grenzgebirgen und dem schrofferen Felsenbau des Wilden Kaisers läßt hier Raum für mehrere Dörfer und zahlreiche Einzelnhöfe. Wer etwa in Oberaudorf dem Bahnzuge entsteigt und sich über den Inn setzen läßt, kommt in eine hügelige Ebene mit wohlhabenden Dörfern und stattlichen Gehöften. Den Mittelpunkt dieser Landschaft bildet das runde liebliche Becken des Walchsees. Nur die finstere Felsenburg des Kaisergebirgs, das im Süden sich aufbaut, mahnt hier daran, daß man sich in einem Hochgebirgslande befindet; sonst sind alle Höhen grün und sanft geschwungen.

Abb. 77. Waffensaal in Schloß Ambras. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 78. Spanischer Saal in Schloß Ambras. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Kitzbühler Ache.
Das Thal setzt sich nach Osten fort; aber die Wasser, die vorher zum Inn flossen, suchen sich jetzt einen anderen Weg. Man hat unversehens eine niedrige Wasserscheide überschritten und gelangt in ein von Nord nach Süden führendes Thal. Es ist das der Großache, auch Kitzbühler Ache genannt. Dieser Bergstrom entspringt an der Grenze von Tirol und dem salzburgischen Pinzgau auf der sumpfigen Höhe von Paß Thurn und ergießt sich nach einem Laufe von 70 km in das weite Becken des bayerischen Chiemsees. Wo er am sagenumwehten Engpaß bei Klobenstein das Grenzgebirge durchbricht, ist der östlichste Zugang aus Bayern nach Tirol. Das Großachenthal enthält eine Reihe einsamer waldreicher Landschaften. Von seinem nördlichen Ende im Chiemseebecken zieht es durch das Kalkgebirge bis nach Kitzbühel; von hier aufwärts bis zum Ursprung der Ache durch Thonschiefer. Der nördlichste Tiroler Ort im Großachenthal ist Kössen, ein Straßenknotenpunkt, von wald- und almenreichen Hügeln umgeben. Rauchende Schlote verkünden gewerbliches Leben; sie gehören zu einem großen Eisenhüttenwerk.

Abb. 79. Innsbruck im Jahre 1575. (Nach dem gleichzeitigen Bilde von Braun & Hogenberg.)
Großachenthal. Loferer Steinberge.
Kössen ist ein Knotenpunkt, von welchem fünf Straßen nach verschiedenen Richtungen hin ausstrahlen: nach Norden und Osten zu über die Landesgrenze ins Bayerische; westwärts über Walchsee zum Inn; südlich durch einsame Waldthäler nach Sankt Johann und Kitzbühel. Bleiben wir im Hauptthal der Ache, um ihr Gebiet kennen zu lernen, so nimmt uns zunächst einförmige Landschaft auf; in einer Erstreckung von 10 km finden sich hier nur ein paar Bauernhöfe. Sonst nichts als Wald und abermals Wald. Erst in der Nähe von Erpfendorf wird die Gegend offener. Hier zieht sich eine für den Verkehr von Nordtirol nach den salzburgischen Landen wichtige Thallandschaft nach Osten hin. Bei Waidring gabelt sich dieses Thal; während ein Ast desselben sich nach Süden wendet, wo unter den weißgrauen Steilabstürzen des Loferer Steingebirgs der weltvergessene Pillersee in träumerischer Stille ruht, zieht sich ein anderer Ast nach Osten. Dahin fließen nunmehr auch die Wasser der Strubache. Die Landschaft gewinnt einen mächtigen Zug, den ihr die Abhänge der Loferer Steinberge verleihen. Dieser bedeutende, durch kühne Formen seiner treppenförmig ansteigenden Gipfel ausgezeichnete Gebirgszug bildet den nordwestlichsten Grenzpfeiler Tirols gegen Salzburg und erreicht im Birnhorn eine Höhe von 2634 m. Das Thal der Strubache aber verengt sich zum felsummauerten Paß Strub, in dessen Tiefe eine einsame granitene Säule von jenen blutigen Kämpfen, die einst um den Grenzpaß tobten, Zeugnis gibt.

Abb. 80. Innsbruck, gegen Norden gesehen. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
St. Johann. Kitzbühel. Kaisergebirge.
Von Erpfendorf aufwärts, im Hauptthal der Ache, wird das Gelände offener; die Straße führt nach Sankt Johann „in Tirol“ zum Unterschied von anderen gleichnamigen Orten (Abb. 54). Hier ist ein natürlicher Verkehrsmittelpunkt; Thäler öffnen sich nach vier Seiten; durch zwei derselben zieht der Eisenpfad der Giselabahn. Nach Südosten thut sich ein weiter grünender Thalgrund auf, der von Pramau, durch den in starker Steigung die Bahn aufwärts strebt nach Fieberbrunn und Hochfilzen. Bei letzterem, hart am Fuße des Leoganger Steingebirgs, erreicht sie die Wasserscheide zwischen Inn und Salzach, um in wilder und einsamer Landschaft beim Paß Griesen die salzburgische Grenze zu überschreiten. Im Südwesten von Sankt Johann hat der frühere Reichtum des Thonschiefergebirgs an silberhaltigen Kupfererzen einen merkwürdigen Bergbau entstehen lassen: die Gruben am Röhrerbühl, in denen ein Schacht gegen 1000 m unter die Erdoberfläche hinabstieg, als einer der tiefsten Schächte Europas. Der Metallreichtum, der nach der Sage drei Bauern im Traum erschienen sein soll, ward seit 1540 ausgebeutet, versiegte aber nach hundert Jahren allmählich.
Von Sankt Johann läuft im breiten Achenthal die Giselabahn nach dem anmutig und großartig gelegenen Städtchen Kitzbühel (Abb. 55). Dasselbe ist heute noch der wichtigste Platz im Achenthal, ehedem bedeutender wegen des Handelszugs über die Tauernpässe und nach Italien und wegen des Bergbaues auf Silber- und Kupfererze. Südlich von Kitzbühel zieht das Achenthal noch 14 km aufwärts in das einförmige Thonschiefergebirge und endet in einem Hochmoor bei Paß Thurn an der Grenze des salzburgischen Pinzgau.
Wir wenden uns wieder zurück an den Eingang des Innthals.
In schauerlicher Wildheit bauen sich unmittelbar über Kufstein die Kalkschroffen des Kaisergebirgs empor. Wir durchwandern von Kufstein aus, um in das Innere dieses Bergzuges einzudringen, eine Viertelstunde lang eine kleine grüne Fläche; dann stehen wir an einer schattigen Felsschlucht, durch welche der aus dem Kaiserthale kommende Kaiserbach herabschäumt. Von hier führt kein Fahrweg mehr in das Thal; nur ein treppenartig ansteigender Saumpfad. Sind wir aber eine Viertelstunde auf diesem emporgestiegen, so erschließt sich das Kaiserthal, grün und einsam, nur von sechs Bauernhöfen, den Kaiserhöfen, und von den in der Höhe droben sich sonnenden Almen belebt. So ist das Kaiserthal eine kleine Welt für sich, gegen Norden von der Welt abgeschnitten durch den massiven plateauartigen Aufbau des „Zahmen“ Kaisers; während im Süden der Wilde Kaiser seine lange, viel mächtigere Felsenmauer emportürmt. Die Kaiserhöfe liegen alle auf den schönen Matten der Sonnenseite, die hier, durch lichten Wald unterbrochen, allmählich ansteigen bis zur Hochfläche des Zahmen Kaisers. Immer großartiger und wilder wird die Landschaft, je weiter wir in das Thal eindringen; schroffer und unbezwinglicher erscheinen die gezackten Türme, die im Süden aufragen.
Hinter dem sechsten und letzten Kaiserhofe hört das Thal auf, dauernd bewohnt zu sein. Ein gut gebahnter Steig führt noch 1½ Stunde weiter zu einer reizenden Heimstätte für Alpenwanderer: dem Hinterbärenbad (Abb. 56). Diese Herberge ist nur im Sommer bewirtschaftet, weil sie nur als Standquartier für Bergfahrten dient. Gegen Süden erschließen sich hier jene grauenhaft öden schutterfüllten Felsmulden, aus denen lotrecht die zerrissenen Wände und Türme des Sonnenecks, des Treffauer Kaisers, der Karlspitzen, der Haltspitzen, der Ackerlspitze und Maukspitze sich erheben. Seinen Höhepunkt erreicht das Gebirge in der 2344 m hohen Elmauer Haltspitze. Zu ihr führt ein nur schwindelfreien Kletterern zugänglicher Steig, der an den bedenklichsten Stellen durch Eisenstifte, die man in den Fels getrieben hat, gangbar gemacht ist. Oben auf der schrecklichen Pyramide dieses Hochgipfels heulen die Stürme rüttelnd um einen winzigen Bretterbau, eine Zuflucht für Bergsteiger, die hier etwa von einem Hochgewitter überrascht werden.
Thiersee.
Einen sonnigen lachenden Gegensatz zur düsteren Größe des Kaiserthals bildet das Thal von Thiersee, in das westlich von Kufstein aus dem Innthal ein Sträßchen über den Rücken des Thierbergs führt. Die Thierseer Ache fließt aus zahlreichen Bergbächen zusammen, welche teils auf dem Tiroler, teils auf dem bayerischen Grenzgebirge entspringen, und ergießt sich etwas nördlich von Kufstein, bei der bayerischen Bahnstation Kiefersfelden in den Inn. Das Thal hat mehr den Charakter einer Hügellandschaft, als einer Hochgebirgsgegend: üppig grünende, sanft geschwungene Berghänge, die in den höheren Lagen bewaldet sind, klare Bäche und überall stattliche wohlhabende Gehöfte, nicht so nahe aufeinander gerückt, daß sie sich gegenseitig beengen könnten, und doch nahe genug zu allenfallsiger gegenseitiger Hilfeleistung. Man wird kaum eine Gegend in der Welt finden, wo sich die Lichtseiten einer freien unvermischten Bauernbevölkerung unverfälschter beobachten lassen, als in diesem Thierseer Thale. Das Herz der Landschaft ist Vorderthiersee, ein Dorf mit ziemlich zerstreuten Gehöften, in der Nähe des Thiersees, eines stillen, wiesenumrandeten Gewässers, um dessen Ufer die Glocken weidender Kühe und der im Bergwald rauschende Wind eine überaus friedliche Stimmung erklingen lassen (Abb. 57). Das war nicht immer so. Im Jahre 1703, und später wieder 1805 und 1809 zeigten die Thierseer den eindringenden Bayern und Franzosen den ganzen todverachtenden Mut der Tiroler Freiheitskämpfer; und Jakob Sieberer, ein Volksheld aus dem Thierseer Thale, wird rühmlich neben Hofer und Speckbacher genannt. Auch darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Bauern von Thiersee den Musen keineswegs abhold sind. Gesungen wird im Thierseethale, wie in dem benachbarten lebensfrohen Bayerisch-Zell; außerdem haben aber die Thierseer ihr eigenes Theater, einen ansehnlichen Bretterbau, in welchem während der Sommermonate allsonntäglich von bäuerlichen Liebhabern dramatischer Kunst gespielt wird.

Abb. 81. Inneres der Hofkirche in Innsbruck. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 82. Theresienstraße in Innsbruck. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Thiersee. Kufstein.
Die Bauern von Thiersee besitzen ein so ausgedehntes Gebiet an Bergweiden, daß dasselbe im Sommer nicht bloß ihre eigenen Rinder, sondern auch große von auswärts zugetriebene Herden ernährt. So zieht sich denn während der schönen Jahreszeit ein großer Teil des Lebens der Bevölkerung nach den Almen hinauf. Und die Mädchen von Thiersee, die als Senninnen droben auf den Almen hausen, sind berühmt wegen ihrer Schönheit. Auf diesen Almen kann man neben frohmütigem lachenden und blonden Weibervolk wohl auch jene dunklen rätselhaften Schönheiten sehen, bei deren Anblick man eher vermuten möchte, sie seien verkappte Berggeister. Alle aber verstehen sie’s, ihre hellstimmigen Jauchzer hinüberzusenden über des Landes Grenze zu den benachbarten bayerischen Almen, von wo die übermütige Antwort wiederklingt.

Abb. 83. Oberinnthaler. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Zwei Ortschaften liegen noch höher droben im Thale: Hinterthiersee und Landl. Westwärts wird es dann ganz einsam und still; die grauen Wände des „Hinteren Sonnwendjochs“ umdüstern die Landschaft. Das einzige Sträßchen, welches das Thal durchzieht, wendet sich nordwärts, um durch waldige Schluchten, in denen noch die Erinnerungen längstvergangener Kämpfe geistern, hinaus nach dem lustigen Bayerisch-Zell zu ziehen, über das der liederreiche Wendelstein sein Felsenhaupt erhebt.

Abb. 84. Scharnitzer. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Erst nachdem wir diese, dem Haupteingang Tirols nebenliegenden Gebiete kennen gelernt haben, betrachten wir uns die Eingangspforte selber: das alte Grenzstädtchen Kufstein (1900 Einw.; Abb. 60) mit seiner ragenden Feste. Eingekeilt liegt es zwischen dem Innstrom und den Ausläufern des Kaisergebirges, beherrscht von der auf einem isolierten Felsklotz erbauten Festung. Stadt und Feste waren im früheren Mittelalter bayerischer Besitz; im Jahre 1503 aber, gelegentlich eines bayerischen Erbfolgestreites, gerieten sie in die Hände des Kaisers Max I., der damals eigenhändig seine schwersten Geschütze gegen sie richtete und ihren ungehorsamen, aber tapferen Befehlshaber Pienzenauer enthaupten ließ. Seit jener Zeit gehörte Kufstein zu Tirol. Während des Krieges von 1703 ward es von den Bayern vorübergehend genommen; ebenso wieder 1809. Damals ward es von seiner bayerischen Besatzung mit zäher Tapferkeit gehalten, obwohl der kühne Speckbacher selber seine ganze List und Verwegenheit daran setzte, die Feste zu gewinnen.
Die Lage von Kufstein ist reizend. Das Flachland selber sieht man von hier nicht mehr, wohl aber die tiefe Einsattelung der nördlichen Kalkkette, hinter der es liegt. Im Osten streben die Felsenpfeiler des Kaisergebirges empor; im Westen die klotzige Pyramide des Pentlings; nach Südwesten schweift der Blick weit, weit thalaufwärts, bis zu den im Fernduft verschwindenden Stubaier Fernern.
Unterinnthal.
Von Kufstein aufwärts bis Innsbruck erstreckt sich das Unterinnthal, wohl die wichtigste Lebensader des ganzen Tirolerlandes. Seine Natur steht zwar an Üppigkeit und Freigebigkeit zurück hinter jener des unteren Etschlandes. Aber seine Bevölkerung ist gleichartig und von kraftvollem Schlage (Abb. 58 bis 62), den Bestrebungen der Aufklärung und des Fortschrittes nicht abhold, in lebhafterer Berührung mit dem stammverwandten Deutschland, angeregt von der großen Weltverkehrsader, von der das Thal durchzogen wird. Dabei hat dieses auf seiner breiteren Sohle und den sanfteren seiner Gehänge Raum zwar nicht für größere Städte, wohl aber für wohlhabende kleinere Orte und zahlreiche zerstreute Sitze eines freien Bauernstandes, der mit der Gemütlichkeit und schneidigen Kraft des Altbayern, dem er zunächst verwandt ist, einiges von der geschäftlicheren Gewandtheit des Alemannen verbindet. Ist doch der Typus des Unterinnthalers in Speckbacher zu suchen, dem kühnen und umsichtigen Generalstabschef Andreas Hofers, dem leitenden Geiste des großen Tiroler Volkskrieges. Die Unterinnthaler wären schon für sich allein, mit den Einwohnerschaften ihrer Seitenthäler, ein durchaus charakteristisches fertiges Völkchen, kraftvoll genug, um ein eigenes Staatswesen zu bilden und eine eigene Geschichte zu haben, wie vordem die Bevölkerungen der Schweizer Kantone sie hatten.

Abb. 85. Lechthalerin. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Wir setzen unsere Wanderung durch das Innthal, von Kufstein aufwärts, fort. Hat man die Strecke, wo der Innstrom den Zug der nördlichen Kalkalpen quer durchbricht, hinter sich, so verliert das Thal auf eine Länge von fast 20 km seine romantische Größe; seine beiden Umwallungen sind ziemlich einförmige, nicht schärfer charakterisierte Berglinien. Zwei Straßen laufen thalaufwärts, eine rechts und eine links vom Innstrom; zwischen beiden die Bahnlinie. Das Thal, das ziemlich eng erscheint, solange noch von Osten her die Felsenburg des Kaisergebirges hereindroht, erweitert sich allmählich. Seine Südostseite wird zu einer Terrassenlandschaft, welcher die Steinkohlengruben von Häring und die berühmten Cementwerke bei Kirchbichl einen stark industriellen Zug verleihen. Ländlicher ist die nordwestliche Thalwand geblieben. Hier hat sich, auf eine Ausdehnung von etwa 15 km, von Langkampfen bis Brixlegg, zwischen das Strombett und die nordwestliche Thalwand ein Mittelgebirge eingelagert: eine niedrige Trümmerlandschaft, teils bewaldet, teils zu sanften Mulden ausgeweitet, in denen grüne Matten, kleine Waldteiche, Eichengruppen und schöne Bauernhöfe anmutige Landschaftsbilder bieten. Hier liegt auch der berühmte Wallfahrtsort Mariastein in idyllischer Stille. Es ist eine alte Ritterburg, durch ein wunderthätiges Marienbild, welches, mehrmals weggebracht, hartnäckig hierher zurückkehrte, zum Wunderplatze gefeit.

Abb. 86. Die Martinswand. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Brixenthal. Wildschönau. Rattenberg.
Auf der anderen Thalseite ist es lebhafter. Dort, bei der Station Wörgl, mündet in die Innthaler Bahnlinie, von Osten her kommend, die Giselabahn; das Thal hat sich zu einem breiten Wiesengrunde erweitert. In ihn öffnen sich zwei Thalspalten. Durch die nördliche derselben, das Sölland genannt, führt die wichtige Kaiserstraße unter dem Südabsturz des wilden Kaisers nach Sankt Johann. Dieser Straßenzug bezeichnet die geologische Scheide zwischen dem Kalkgebirge im Norden und dem Thonschiefer im Süden. Wichtiger für den Verkehr ist aber in neuerer Zeit die südlichere dieser Thalspalten geworden: das Brixenthal, durch welches die Giselabahn nach Kitzbühel und weiterhin nach Zell am See und Salzburg führt. Das Brixenthal hat zwar nur eine schmale Sohle, aber geringere Neigung seiner Thalwände, als die meisten anderen Thäler. Prächtige Matten erstrecken sich bis zu den Gipfeln der Berge hinauf, mit unzähligen braunen Heustädeln besetzt. Die Wälder aber sind, wenigstens in den unteren Lagen, schlecht und arg mißhandelt. Das Thal, in welchem die ansehnlichen Ortschaften Hopfgarten und Brixen und, schon jenseits der niedrigen Wasserscheide, Kirchberg liegen, empfängt seine Wasserzuflüsse aus langen einförmigen Seitengründen, die von den Thonschieferbergen im Süden herabziehen. Seine nördliche Vorlage bildet die hohe Salve, eine aussichtsreiche grünbemattete Kuppe, die jedoch, abgesehen von ihrer berühmten Rundsicht, als Berg an sich kein Interesse bietet.
Auf dem nur spärlich bevölkerten und teilweise versumpften rechten Innufer trägt uns die Bahn thalaufwärts nach Kundl. Der Ort soll seinen Namen von der heiligen Kunigunde, der Gemahlin Kaiser Heinrichs II., haben. Sicher ist, daß Kaiser Heinrich im Jahre 1012 die einsam an der Landstraße liegende Sankt Leonhardskirche erbaute. Hier öffnet sich nach Süden zu ein weltfremdes Thal, die Wildschönau, dessen Einwohnerschaft, in merkwürdiger Abgeschlossenheit dahinlebend, alte Sitten und Rechtsbräuche vielleicht am treuesten in ganz Tirol festgehalten hat. Uralte Bergbaue in dem einst erzreichen Gebirge der Wildschönau haben aufgehört; der Name des „Schatzbergs“, der sich 1898 m hoch über der Wildschönau erhebt, kündet noch von dem einstigen Silbersegen.

Abb. 87. Zirl, mit Ruine Fragenstein. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Reicher und bevölkerter wird das Innthal von Rattenberg aufwärts. Rattenberg selber zwar, das alte Schifferstädtchen (Abb. 63), unter dessen Burgtrümmern die Bahn in einem Tunnel hinzieht, macht mit seinen hart über dem Innstrom hängenden grauen Häusern den Eindruck des Verfalles. Solange die Schiffahrt auf dem Inn in Blüte stand, war hier starker Verkehr; seit die Lokomotive das Innthal durcheilt, hat dies aufgehört. Die bei Rattenberg und dem benachbarten Brixlegg (Abb. 64) von Norden und von Süden ins Innthal mündenden Thäler, das von Brandenberg und das Alpbachthal, haben für den Verkehr keine Bedeutung. Brixlegg selbst, wo sich, in eine Felswand gemeißelt, ein schönes Denkmal des um die Erschließung von Tirol verdienten Schriftstellers Dr. Steub findet, ist eine viel besuchte Sommerfrische; dabei ein kaiserliches Hüttenwerk und die alte Burg „Matzen“.
Zillerthal.
Von Rattenberg an entfaltet das Unterinnthal seine ganze Pracht. Breit und wohnlich liegt es vor uns da, mit den gigantischen Bergen, die es im Norden einschließen, mit dem Ausblick auf die Stubaier Ferner im Westen, mit seinen Städten, Burgen und Klöstern. Schon bei Brixlegg, auf welches von Norden die breit und charaktervoll vortretende Berggruppe des Sonnwendjochs niederschaut, ragen aus dem Stromthal umbüschte alte Ritterburgen empor. Und dann öffnet sich nach Süden zu eines der schönsten Seitenthäler Tirols: das berggewaltige liederreiche Zillerthal.
Offen und sonnig, bewacht von den riesigen Türmen der alten Feste Kropfsberg, erschließt sich der Eingang dieses Thales. Fünf Stunden lang fährt man auf fast ebener Landstraße thaleinwärts, ohne eine Ahnung von der wilden Größe des Thales zu erhalten, an dessen grüner Sonnenseite man bis hoch hinauf die Gehöfte leuchten sieht. Man fährt durch das freundliche Fügen (Abb. 65), aus dem einst die Sängerfamilie Rainer auszog, um den Tiroler Jodler jenseits des Oceans und in den großen europäischen Hauptstädten erklingen zu lassen und dann, reich an Ruhm und Gold, wieder in ihre Bergheimat zurückzukehren.

Abb. 88. Ötz. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Weiter thaleinwärts liegt Zell am Ziller, der Hauptort des Zillerthales (Abb. 66). Näher ist hier schon der gewaltige Thalhintergrund getreten: die Gerloswand, der Tristenspitz und das vergletscherte Ingentkar. Aber immer noch erscheint die Landschaft freundlich und sonnig; um Zell gedeihen noch Weizen und Mais. Die vielen Herbergen, die Häuser der Kleingewerbsleute im Dorfe wie die umliegenden Bauernhöfe zeugen von Wohlhabenheit und Lebensfreude. Davon zeugt aber auch der mächtige Wuchs des Zillerthaler Volkes und seine Freude an Gesang und Zitherspiel, an der Liebe und am Raufen.
Bei Zell fängt das Zillerthal, welches bis hierher ohne nennenswerte Seitenthäler blieb, an, einen anderen Charakter zu gewinnen; die bisher sanft ansteigenden Thalgehänge verwandeln sich in dräuende Steilwände; die ganze Landschaft wird ernster, dunkler. Ein steiles Fahrsträßchen führt am Hainzenberge, dessen Goldgruben jetzt verlassen stehen, vorüber zu dem hochgelegenen Alpendorfe Gerlos und von dort hinab in den salzburgischen Pinzgau. Bleibt man im Zillerthale, so gelangt man nach einstündiger Fahrt in den herrlichen grünen Thalkessel, wo Mayrhofen (Abb. 67) liegt und alles Weitere wie vermauert scheint. In der That ist das eigentliche Zillerthal hier zu Ende, aber seine bedeutendste Hochgebirgsschönheit beginnt erst. Denn das Thal spaltet sich in vier schluchtenartige Gründe, die sich noch viele Stunden weit in das Innerste der Centralalpenkette hinauf erstrecken und aus denen nur beschwerliche, nicht mehr fahrbare Jochsteige weiterführen.
Der östlichste dieser Gründe ist der mit seinen Ausläufern über 20 km lange Zillergrund, dessen letzte Ausläufer sich in den Eiswüsten der Reichenspitzgruppe verlieren. Langwierige und mühsame Jochpfade führen aus diesem nur spärlich bevölkerten Hochthale hinüber in das jenseitige Ahrnthal. Fast völlig unbewohnt ist die ebenfalls bei Mayrhofen mündende Schlucht der Stillup, die in einer Längenerstreckung von 16 km nur mehr ein paar Alpenhütten und ein Jagdhaus herbergt und deren südliches Ende vom Eiskranz der Zillerthaler Hauptkette verschlossen ist.

Abb. 89. Stuibenfall. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Am bevölkertsten und wohnlichsten unter diesen Seitengründen ist das von Mayrhofen ostwärts hinaufziehende Tuxer Thal. Mit einer Längenerstreckung von 20 km windet sich dieses in großem Bogen um die eisbedeckte Kette des Tuxer Kammes. Es ist ein prächtiger grüner Alpengrund, der eine Reihe von kleinen Hochgebirgsdörfern mit braunen Holzhäusern enthält. Das höchst gelegene derselben ist Hintertux (Abb. 68), schon 1475 m über dem Meere, überragt vom schönen Eisgebilde der „Gefrorenen Wand“. Das Thal ist arm; von Bodenfrüchten gedeiht nur wenig mehr in solcher Höhe, aber dafür sind die Tuxer doch ein prächtiges, schönes und lebensfrohes Völkchen, das jauchzend und lachend seine mühsame Arbeit und den schweren Transport seiner Molkereiprodukte besorgt. Man rühmt ihnen auch nach, daß sie den reinsten verständlichsten Dialekt im Lande Tirol sprächen. Ein viel begangener Jochsteig führt von Mayrhofen über Hintertux und das Tuxer Joch in das Schmirnthal und an die Brennerstraße.

Abb. 90. Sölden. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Zemmgrund.
Das bedeutendste unter den Zweigthälern des Zillerthales ist aber das Zemmthal, das sich von Mayrhofen an in die großartigste Wildnis der Centralalpenkette 25 km lang hinaufzieht. Schon wer hinter Mayrhofen die felsentief eingerissene Zugangsschlucht, durch welche der Zemmbach seine eisigen Fluten wirft, betritt, muß ahnen, welche Züge die Landschaft haben wird, durch die er hier zu wandern hat. Es ist eine ununterbrochene Folge grandioser Hochlandsbilder. Das zwischen dem Tuxer Kamme und dem Zillerthaler Hauptkamm entlang ziehende Zemmthal ist wohl diejenige Landschaft, wo weniger menschliche Ansiedelungen auf gleichem Flächenraume sich finden, als sonst irgendwo in Tirol. Kaum irgendwo sonst sind die Thalwände so steil, die Bergbäche so wild, die in Schluchten verlorene Einsamkeit so düster und groß wie hier. Nur zweimal, bei dem Alpendörfchen Ginzling (Abb. 69), drei Wegstunden hinter Mayrhofen, und abermals zwei Stunden weiter, bei den paar Hütten von Breitlahner, öffnet sich diese gigantische Schluchtenwelt zu kleinen grünen Thalkesseln. Dann gabelt sie sich in zwei Äste. Einer von ihnen, der Zemm- oder Schwarzensteingrund, führt nach Südosten in einen wundervollen Cirkus von eisgepanzerten Felshörnern und zerklüfteten Gletschern. Hier, wo ewige Eisluft weht, auf den höchsten Matten, bietet noch die Berliner Hütte (Abb. 70) einer schaulustigen Schar von Bergfreunden ihre schirmende Unterkunft. Noch höher droben, wo die Eislawinen vom Thurnerkamp und Greiner niederdonnern, oder wo der märchenhafte Schwarzsee zwischen Schneefeldern liegt, sieht man wohl mitunter noch einen verwegenen Edelsteinsucher — Granatenklauber nennt man sie hier —, der mit seinem Hammer an den vielfarbigen Felswänden hinklettert, um nach kostbaren Mineralien zu suchen, die hier in geheimen Spalten und Höhlungen funkeln. — Der südwestliche Zweig des Zemmthales, Zamser Grund genannt, steigt als trümmererfüllte Schlucht von der Wegteilung bei Breitlahner noch vier bis fünf Wegstunden empor, immer höher und wilder. An der gastlichen Dominicushütte und dem Eingange des vergletscherten Schlegeisthales vorüber klettert der Felsensteig empor zu der öden Schuttwüste des Pfitscher Joches, wo bei drei kleinen eisigen Seen noch eine Unterkunftshütte steht. Zu den Füßen des Wanderers liegt der grüne Thalgrund von Pfitsch und weit von Westen her grüßt ihn der Eispalast des Ortlers.

Abb. 91. Ötzthaler. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Achensee. Tratzberg.
Wir aber kehren zurück an den Eingang des Zillerthales, um die Wanderung durch das Innthal fortzusetzen, dessen nördliche Thalwand immer großartigere Formen gewinnt. Das nächste Seitenthal ist das bei Jenbach (Abb. 71) sich öffnende Thal des Achensees (Abb. 72). In prachtvollem Blau liegt er zwischen dem Gebirgsstocke des Sonnwendjochs und den östlichen Ausläufern der Karwendelketten eingebettet, ein märchenschönes Landschaftsbild, dem allerdings während der Sommermonate der allzu lebhafte, von Zahnradbahn und Dampferfahrt geförderte Fremdenverkehr die Poesie der Einsamkeit genommen hat. Aber er ist trotzdem noch entzückend schön, der träumerische Seewinkel an der Pertisau, wo über der erfrischend plätschernden Seefläche die seltsamen Felshörner des Sonnwendjoches mit ihren grünen Matten aufzacken und im Westen verborgene Steige in die Bergwelt des Karwendelgebirges sich verlieren (Abb. 73)! Der Achensee wirft sein Wasser nicht in den benachbarten Inn. Der Weg dahin ist ihm in unvordenklichen Zeiten durch einen ungeheuren Bergsturz zugeschüttet worden; so ward er gezwungen, sich durch seinen Abfluß, die Walchen, in nordwestlicher Richtung auf bayerisches Gebiet und in die Isar zu wenden.

Abb. 92. Ötzthalerin. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Wir lassen das fleißige und heitere Jenbach hinter uns und fahren im Innthal weiter. Zur Rechten über der Straße leuchtet Schloß Tratzberg (vgl. Abb. 44 bis 46); weiterhin gähnt die schluchtartige Tiefe des Stallenthales mit dem hochgelegenen Kloster St. Georgenberg; dann zeigt sich auf der Thalsohle das ausgedehnte Gemäuer des reichen Stiftes von Viecht. Und am jenseitigen, südöstlichen Innufer, malerisch auf dem ansteigenden Thalhang hingelagert, das alte Bergstädtchen Schwaz (Abb. 74).
Schwaz. Hall.
Dieses Städtchen, römischen Ursprunges, hat mannigfache, nicht immer frohe Schicksale gesehen. Als im Jahre 1409 die reichen Silber- und Kupferschätze des Schwazer Erzberges aufgeschlossen wurden, nahm der Ort einen fast beispiellosen Aufschwung. Es gab Zeiten, in denen in den Schwazer Gruben 30000 Bergleute arbeiteten. Diese Schwazer Grubenleute waren weit berühmt; im Jahre 1529 schützten sie als Minengräber Wien gegen die türkischen Belagerer. Eine Zeitlang war Schwaz die reichste Ortschaft in Tirol. Aber der Segen nahm ein trauriges Ende. Religiöse Kämpfe während der Reformationszeit, Pest und Erdbeben, endlich im Jahre 1809 der Einbruch der bayerischen Armee, suchten die unglückliche Stadt heim. Mancher Bau, namentlich die schöne Pfarrkirche, zeugt noch vom einstigen Reichtum. Aber heute sind die Silbergruben erschöpft, nur Eisen- und Kupfergruben noch in Betrieb. Über dem Orte erhebt sich der alte Turm von Freundsberg, das Stammschloß Georgs von Freundsberg, des Siegers in der Schlacht von Pavia. Gegenüber von Schwaz mündet, aus dem Karwendelgebirge herabziehend, das Vomper Thal; es ist das finsterste und wildeste unter den Thälern der nördlichen Kalkalpen, umstarrt von den Riesenwänden der Bettelwurfspitze, Grubenkarspitze und des Hochglück.

Abb. 93. Gurgl, gegen den Ötzthaler Ferner. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Der eilende Bahnzug trägt uns an diesem sonnenlosen Felsschlunde, der wie ein Aufenthalt von Drachen und bösen Geistern blauschattig herübergähnt, vorbei, im offenen Innthale aufwärts. Wieder liegt eine Stadt vor uns, deren schöne alte Türme mit grünem Edelroste bedeckt sind und um deren Mauern, Balkone und lauschige Winkelgärtchen Epheuranken sich schlingen: es ist das freundliche Hall (Abb. 75). Wie in Schwaz Kupfer und Silber, so war es hier das schon im VIII. Jahrhundert aus dem Felsenbauche des Haller Salzberges gewonnene Salz, das der Stadt zu schnellem Ruhm und Reichtum verhalf. Aber zermalmende Schicksalsschläge warfen sich auch auf das schöne Hall. Schon im XIV. Jahrhundert waren die Bürger zu schweren Kämpfen wider die bayerischen Herzöge genötigt; 1447 zerstörte eine Feuersbrunst einen Teil der Stadt. Dann kamen religiöse Zwistigkeiten, wiederholte Pestseuchen, in den Jahren 1670–1672 langdauernde Erderschütterungen. Während des spanischen Erbfolgekrieges ward die von den Bayern besetzte Stadt durch die Tiroler Bauern erstürmt; später wüteten wiederholt schwere Schadenfeuer und endlich der große Krieg von 1809, während dessen Hall dreimal von den Bayern und dreimal von Speckbachers Tirolern erobert ward.
Innsbruck.
Aber an der schicksalsreichen Stadt werden wir heute im Fluge vorübergetragen. Immer mächtiger steigen vor uns die schneebedeckten Gipfel der Stubaier Alpen empor. Durch eine grünende Aue geht es eilend hin; im Süden zeigen sich auf bewaldeter Höhe die Türme des stolzen Schlosses Ambras (Abb. 76 bis 78); zur Rechten türmt sich über waldigen Vorbergen die weiße Zackenmauer des Solstein empor. Der Schienenweg überschreitet den Inn, und vor uns liegt, in ihren weiten prachtvollen Hochgebirgskessel eingebettet, Innsbruck, die Landeshauptstadt von Tirol (Abb. 79, 80, 82).

Abb. 94. Hochjoch-Hospiz, gegen die Wildspitze. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Innsbruck, das heute 30000 Einwohner zählt, füllt mit seinen Vorstädten die ganze Breite des Innthales aus. Die günstige geschützte Lage in einer der geräumigsten Weitungen des Innthales, am nördlichen Ausgang eines der gangbarsten Alpenpässe, veranlaßte schon die Römer nach der Eroberung der Alpenprovinzen, hier eine Pflanzstadt, Veldidenum, anzulegen, von der heute noch Stift und Vorstadt Wilten den Namen haben. Schattenhafte Erinnerungen aus römischer Zeit wie aus den Tagen des großen Gotenkönigs Theodorich durchgeistern die Stadt und mit ihnen die Romantik des Mittelalters, getragen durch die Gestalten Friedrichs mit der leeren Tasche, Kaiser Maximilians I., der schönen Philippine Welserin; und dazwischen meint man den Schlachtenlärm aus den Tagen der Reformationskriege, des spanischen Erbfolgekrieges und des großen Tiroler Freiheitskampfes zu vernehmen. Aber all das ist lange vorüber; nur in halb verklungenen Lauten, in schönen Bauten und ehrwürdigen Denkmälern sprechen noch jene Erinnerungen zur Gegenwart, die Innsbruck in eine hübsche, moderne und thätige Stadt verwandelt hat.
Aber man empfindet diesen Zauber voll und ganz, sobald man in das hervorragendste Bauwerk der Stadt eintritt, in die Franziskaner- oder Hofkirche (Abb. 81), deren Inneres vollständig beherrscht wird durch ein weltberühmtes Kunstwerk: das Grabdenkmal Kaiser Maximilians. Wer diesen marmornen Aufbau mit seinen zahlreichen Erztafeln und Erzfiguren betrachtet, erstaunt ebensosehr über die freie, edle und graziöse Erfindung, wie über die vollendete Technik, in der das Grabmal selber und seine 28 überlebensgroßen ehernen Wächter ausgeführt sind.

Abb. 95. Weißkugel, von der Kreuzspitze gesehen. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Außer dem Kaiserdenkmal haben auch die Gräber der Tiroler Freiheitshelden, Andreas Hofers, Speckbachers und Haspingers, eine Stätte in der Hofkirche gefunden. Und treten wir aus ihrer schweigenden Halle hinaus in die sauberen und heiteren Straßen, so sehen wir fast allerwärts über den Enden derselben die riesenhaften Bauwerke emporragen, die hier die Meisterin Natur aufgetürmt hat. Über das „goldene Dachl“, jenen zierlichen Erker mit dem Golddach, den Herzog Friedrich aus Trotz gegen die Spötter seiner Armut erbaute, hängt der Solstein herein und von der stolzen Fensterfront der kaiserlichen Hofburg aus schweift der Blick das weite Innthal hinab in duftige Fernen. Während wir durch die Hauptstraße der Stadt, die Maria-Theresiastraße, wandern, findet unser Auge an der stattlichen Triumphpforte, die zu Ehren der Kaiserin hier errichtet ward, vorübergleitend, den viel umkämpften Iselberg und die schöne Felspyramide der Waldrasterspitze.

Abb. 96. Mittelberg. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Außer der Hofkirche sind sehenswert die Jesuitenkirche mit ihrer bedeutenden Kuppel und Gemälden von Albrecht Dürer und anderen Meistern; die durch Erdbeben verwüstete und dann wieder aufgebaute Pfarrkirche, das alte Kapuzinerkloster mit seinem schönen Garten, das Servitenkloster und andere kirchliche und klösterliche Bauten. Ein schöner Renaissancebau beherbergt die Sammlungen des Landesmuseums; hier sind ansehnliche Schätze von Altertümern, Kunstwerken und Naturgegenständen vereinigt, welche die Natur, die Geschichte und Kultur des Tiroler Landes spiegeln: vorrömische und römische Altertümer, ethnographisch und kulturgeschichtlich wichtige Dinge, Erinnerungen und Trophäen aus den Tiroler Volkskriegen, Handschriften, Bücherschätze, Skulpturen, Modelle und Werke der Kleinkunst, Metallarbeiten und Münzen, Gemälde von älteren und modernen, namentlich Tiroler Meistern; Kupferstiche und Handzeichnungen, sowie Naturaliensammlungen. Wer seine Anschauungen über die Natur des Tirolerlandes vervollständigen will, darf aber auch den Besuch des mehr als 600 Alpenpflanzen enthaltenden botanischen Gartens nicht versäumen, ebensowenig den des Gartens im Pädagogium, wo eine 90 qm große Reliefkarte von Tirol, unter freiem Himmel aus den entsprechenden Gesteinsarten aufgebaut, einen ganz eigenartigen Einblick in die Orographie und Hydrographie des Landes bietet.
Innsbruck ist kaum als Industrie- und Handelsstadt zu bezeichnen. Es ist politischer und geistiger Mittelpunkt eines spärlich bevölkerten und keineswegs reichen Landes und muß als solcher beurteilt werden. An Handelsbedeutung ist ihm Bozen von altersher überlegen. Als Sitz der obersten Landesbehörden, einer achtungswerten Universität und ansehnlicher Garnison drängt es immerhin mannigfache Interessen in sich zusammen, wenn es auch keinerlei bodenständige Großindustrie hat, sondern mit den Produkten seines Kleingewerbes nur die eigene Einwohnerschaft und das benachbarte Nordtirol versorgt. Mit dem lebhaften Fremdenverkehr hängt auch mancherlei Erwerbsthätigkeit zusammen, namentlich das Geschäft der im Sommer oft überfüllten Gasthöfe. So macht die Stadt entschieden den Eindruck des Aufschwungs, zu welchem das Zusammentreffen der wichtigsten Tiroler Bahnlinien am meisten beitragen mochte. Diesen Aufschwung beweisen die vielen stattlichen Neubauten, welche die Stadt in den letzten Jahrzehnten bereicherten, und die Verdoppelung der Bevölkerung, welche sie seit einem Menschenalter erfuhr. Dabei gibt es in Innsbruck keine armen verkommenen Stadtteile, wie sie in anderen Städten von gleicher Volkszahl so oft zu finden sind; das Leben und Treiben der Bevölkerung ist ein behäbiges und gemütliches, zumal in ihr die städtischen und ländlichen Elemente sich reichlich durchdringen. Das zeigt schon ein Blick in die Gassen, in denen zwischen den Trachten der Städter und den schmucken Gestalten der Kaiserjäger sehr zahlreich noch die Gewänder der Landbewohner aus dem oberen und unteren Innthal, aber auch manches Etschländers und Pusterthalers erscheinen (Abb. 83 bis 85).
VII. Nordwesttirol.
Innsbruck. Oberinnthal.
Von Innsbruck stromaufwärts reicht das Oberinnthal bis zur Schweizer Grenze beim Finstermünzpaß. Wie dieser Thalabschnitt landschaftlich ernster, enger, düsterer ist, als das Unterinnthal, so sind auch seine Bewohner verschlossener, weniger frohmütig und weniger aufgeklärt.
Gleich hinter Innsbruck erweitert sich zwar die Gegend in der Höttinger Au nochmals. Aber dann tritt die Martinswand (Abb. 86), in deren Höhlung ein Kreuz die Stelle weist, wo einst Kaiser Max bei der Gemsjagd sich verstieg, scharf gegen die südliche Thalumwallung vor; und von nun an behält das Thal fortwährend den Charakter düsterer Größe.
Gegenüber der Martinswand erschließt sich nach Süden hin zwischen waldigen Vorbergen das Thal Selrain. Es sind sanft gerundete Glimmerschieferberge, in denen es emporzieht. Nach einigen Stunden, bei dem Dorfe Gries, gabelt sich das Thal und verliert seinen Namen. Ein westlicher Thalast, das Grieser Thal, verästelt sich vielfach; wenig begangene Jochsteige führen aus ihm ins Ötzthal. Ein anderer Ast, das Melachthal, streckt sich direkt nach Süden in die Gletschergebiete der Lisenzer oder Alpeiner Ferner, deren weiße Kämme und Spitzen hinausleuchten bis nach München, von wo sie an klaren Tagen noch sichtbar sind. Über dem prächtigen Eisgebilde des Lisenzer Ferners erhebt der Fernerkogl sein 3300 m hohes Haupt.

Abb. 97. Imst. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Der nächste größere Ort im Innthal aufwärts ist Zirl (Abb. 87), von wo ein wichtiger und alter Straßenzug steil über den Zirler oder Seefelder Berg hinanführt, an den Trümmern von Schloß Fragenstein vorbei auf die Hochfläche von Seefeld. Hierher aber werden wir auf anderem Wege gelangen. Einstweilen lassen wir uns vom Bahnzuge durch das Innthal weitertragen. Dieses scheint sich verflachen zu wollen; die Kette der nördlichen Kalkalpen wird zum Hügelland. Aber es ist bloß eine breite Lücke, die in ihren Zug hier eingerissen ist; bald steigt sie wieder um so trotziger empor, und läßt über dem freundlichen gewerbfleißigen Telfs die „Hohe Munde“ als riesigen kahlen Kalkklotz 2661 m hoch anssteigen. Von Telfs aufwärts ändert sich das Landschaftsbild. Zwischen die Kette der Hochkalkalpen und die tiefe Innfurche hat sich ein niedriges Hügelland, der Achberg, und weiter westlich ein isolierter lang gestreckter Berg, der Tschürgant, eingelagert. Dadurch sind zwei Parallelthäler entstanden: südlich das Innthal und nördlich von ihm die von der Poststraße durchzogene waldige Thalweitung, in welcher die Ortschaften Miemingen, Obsteig, Nassereit und Tarrenz liegen.
Die Bahnlinie bleibt im Innthale. An den südlichen Berghang lehnt sich ein ehrwürdiger, weitläufiger Klosterbau: das Cisterzienser-Stift Stams, das im Jahre 1271 von Elisabeth, der Mutter des letzten Hohenstaufen Konradin, im tiefen Schmerz über den Tod ihres Sohnes gegründet ward. Es ist die letzte Ruhestätte seiner Stifterin und der meisten Fürsten Tirols geworden; hier empfing auch Kaiser Max die Gesandtschaft des Sultans Bajazet, die um die Prinzessin Kunigunde, des Kaisers Schwester, zu werben gekommen war. Von dem uralten Eichenwalde, der einst das Kloster umgab, sind nur noch Reste vorhanden. Weiter stromaufwärts sieht man auf einem Felsenhügel die zerfallenen Mauern der alten Burg Petersberg oder Welfenberg. Und dann, aufwärts von Silz, zieht sich die Bahn durch jenes öde aussichtslose Trümmergebiet, welches den Ausgang des Ötzthales bezeichnet.
Ötzthal.
Hier müssen wir den Schienenpfad verlassen, um das Ötzthal kennen zu lernen. Es ist das größte Seitenthal des Innthales, von seinem Eingange bei Ötz bis zu seinem Ende auf dem Hochjoch gegen 65 km lang. Eine stundenbreite Schuttlandschaft, mit Moos und breitästigen Kiefern bewachsen, zeigt, welche riesige Trümmermassen von vorgeschichtlichen Gletschern und ungeheuren Fluten aus dem Thale herausgewälzt wurden. Hat man diese Schuttlandschaft hinter sich, so erreicht man eine freundliche Thalweitung, in der das anmutige Dorf Ötz (Abb. 88) sich ausgebreitet hat. Die reiche Vegetation überrascht; man sieht prächtige Nußbäume, Felder mit Mais und Weinreben an den Häusern. Rasch ändert sich die Scenerie hinter Ötz; die Straße windet sich steil über eine Thalstufe, das „Gsteig“, empor, über das die Ötzthaler Ache sich in wildem Sturze niederwirft. Dann erreicht man wieder einen Thalkessel: den von Umhausen. Zur Linken der Straße drängt sich die sagenumgeisterte Engelswand, eine lotrechte Glimmerschiefermasse, dräuend in das Thal hinein. Etwa 5 km lang erstreckt sich dieser Kessel, dessen Bodenfläche durch alte und neuere Schuttströme, welche von den mächtigen und steilen Thalhängen herabgekommen sind, uneben gemacht wird. Am oberen Ende des Kessels liegt das freundliche Dorf Umhausen, schon 1036 m über der Meeresfläche, in dessen Nähe einer der schönsten Wasserfälle Tirols, der Stuibenfall, seine mächtige Wassermasse über eine dunkle Hornblendeschieferwand herabwirft (Abb. 89). Hinter Umhausen verläßt man das Gebiet dieser Gesteinsart und tritt in eine aus verwittertem Gneis geschaffene Landschaft, das sogenannte Maurach. Es ist eine Gegend, die an schauerlicher Wildheit ihresgleichen sucht: eine riesenhafte Moräne aus wild durcheinander geworfenen Blöcken, zwischen brüchigen, weißgrauen Wänden; und über dieses Trümmerfeld wirft die Ache ihre rasenden, zischenden Wirbel. Mühsam bahnt sich die Straße durch diese Wüste. Dann aber gelangen wir plötzlich wieder in einen 7 km langen, prächtig grünen Thalgrund. Es ist der von Längenfeld, berühmt durch seinen ausgedehnten Flachsbau. Diese ganze Gegend duftet unangenehm nach Leinöl; sie liegt schon 1164 m hoch. Abermals folgt eine, wenn auch nicht so düstere Enge; die Straße steigt stark an und leitet uns dann wieder in den grünen Thalkessel von Sölden. Hier sind wir abermals um 240 m höher; noch sehen wir zwar Getreidefelder und Kartoffeläcker; aber hart über ihnen zeigt sich nur mehr ein spärlicher Saum von Wald, über dem die nackten, zerfurchten Felswände, von zahlreichen Gletscherbächen überrauscht, emporragen.

Abb. 98. Nassereit. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 99. Fernsteiner See. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
In Sölden (Abb. 90 bis 92), 1401 m über dem Meere, endet die zuletzt schon recht beschwerlich gewordene Fahrstraße; nur Fußsteige führen noch im Thale weiter. Es folgt wieder eine enge und lange Schlucht, in der man höher und höher emporsteigt. Tief, tief unter den Füßen des Wanderers gurgelt und braust die Ache durch lichtlose Schlünde, hoch über sich und gegenüber sieht er brüchige Wände aufragen; mancherlei Gedenktäfelchen am Wege sagen von Unfällen, die vordem hier sich zutrugen. Eine Stunde lang steigt man auf diesem einsamen Steinpfad hinan; dann erschließt sich wieder eine kleine grüne Fläche mit den wenigen Häusern von Zwieselstein.

Abb. 100. Landeck, von Stanz gesehen. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Hier gabelt sich das Thal. Ein einziger unvergletscherter Steig führt noch in südöstlicher Richtung zum Timblerjoche und über dasselbe ins hinterste Passeier Thal. Sonst läuft das Ötzthal von hier aufwärts nur mehr in eisumschlossene Hochthäler aus. Gerade nach Süden zieht sich der Thalast von Gurgl hinan, wo man bei 1900 m Seehöhe das höchst gelegene Dorf Tirols, Gurgl erreicht (Abb. 93). Grün bemattet ziehen sich noch die Berghänge hinan; aber überall zeigen sich schon zwischen und über ihnen weiße, dick beeiste Hochgipfel. Die Häuser des Dorfes sind arme braune Holzhütten; etwas thaleinwärts sieht man noch einen kleinen dunklen Zirbenhain: die letzten Bäume. Hinter denselben nur mehr einsame Hochgebirgswildnis. Die menschlichen Ansiedelungen haben ein Ende; nur dann und wann erblickt man noch die niedere Steinhütte eines Schafhirten. Im Hintergrunde des Gurgler Thales steigt mit blauen Klüften und Spalten ein 10 km langer Eisstrom, der Gurgler oder Ötzthaler Ferner, in das Thal herab. Seine Zunge verschließt dem benachbarten Langthaler Ferner den Abfluß; letzterer staut sich, und so entsteht alljährlich hier zur Zeit der Schneeschmelze ein 1500 m langer See, der Langthaler Eissee, auch Gurgler Lake genannt. Er ist eines der wunderbarsten Gewässer in der ganzen Alpenwelt, von blauen Eiswänden umgeben, mit seltsam geformten Eisinseln. Alljährlich um die Zeit der Sonnenwende sucht sich die Wassermasse einen Abfluß unter dem Eise des Gurgler Ferners hindurch. So unwirtbar die Landschaft der Gurgler Eiswelt erscheint, führen doch noch Gletscherpässe von hier über das 3050 m hohe Langthaler Joch in das Pfeldersthal und nach Hinterpasseier; und über das Gurgler Joch, 3300 m hoch, ins Schnalser Thal und zum Vintschgau. Mehr begangen ist der Übergang über das aussichtreiche Ramoljoch; aber all diese Eispfade können nur im Sommer, bei gutem Wetter und unter Leitung der tüchtigen Ötzthaler Führer begangen werden.

Abb. 101. St. Jakob am Arlberg. (Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Venter Thal.
Eine der berühmtesten Alpenlandschaften ist der westliche Ast des obersten Ötzthales geworden: das Venter Thal. Dieses führt ins Innerste einer ganz großartigen Eiswelt; in einer Längenerstreckung von etwa 26 km enthält es mehr als zwanzig Gletscher. Seine untere Hälfte ist ziemlich einförmig. Der Baumwuchs ist hier fast zu Ende; an steinigen Graslehnen führt der Weg empor zu dem Alpendorfe Vent, 1892 m hoch gelegen. Die letzten Getreidefelder hat man schon zwei Stunden vorher hinter sich gelassen. Nur eine dürftige Ahnung erhält man hier von den riesenhaften Eisgipfeln, welche das Thal umstarren und unter denen die Wildspitze, 3776 m, mit ihrer schlanken Doppelspitze als Königin der Ötzthaler Berge sich aus der prachtvollen Wildnis des Mittelbergferners erhebt.

Abb. 102. St. Anton am Arlberg. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Gleich hinter Vent, das heutzutage während der Sommerzeit einer der besuchtesten Standplätze für Hochgebirgswanderer ist, spaltet sich das Thal abermals in zwei Äste. Nach Süden steigt das Niederthal hinan in einen mächtigen Eiscirkus, wo die zerklüfteten Eismassen von vier großen Gletschern einen wunderbaren Thalschluß bilden und der vereiste Jochsteig über das Niederjoch ins Schnalser Thal führt. Noch weit ausgedehnter sind die Eislandschaften des südwestlichen Thalastes. In ihm liegen noch, 2004 m hoch, die Höfe von Rofen, die höchsten, dauernd bewohnten Ansiedelungen Tirols, in deren bergumfriedeter Sicherheit einst Herzog Friedrich mit der leeren Tasche schützende Zuflucht fand. Höher und höher steigt der Bergpfad empor über die Moräne des verderbendräuenden Vernagtgletschers, der schon wiederholt mit seinem Eise die von anderen Gletschern herabkommenden Wildwasser zum See aufstaute, der dann, seinen Eisdamm durchbrechend, grauenhafte Verwüstungen im ganzen Ötzthal anrichtete. Und noch eine Stunde zieht der schmale Steig hinan bis zur letzten sommerlichen Zufluchtstätte: dem Hochjochhospiz (Abb. 94), von wo über den breiten Eishang des Hochjochferners ein viel begangener Übergang in das jenseitige Schnalserthal hinüberleitet, während im Westen der lang gedehnte Hintereisferner niedersteigt vom schimmernden Eispalaste der Weißkugel (3776 m), die dort in weltferner Wildnis groß und schweigend erglänzt (Abb. 95).

Abb. 103. Reschensee. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Pitzthal.
Wir lenken den Wanderschritt zurück, dahin, wo die Ötzthaler Ache in das Innthal mündet, das nun zur engen Schlucht wird, und suchen uns den Weg in diesem weiter stromaufwärts. Erst bei der Station Imst wird die Landschaft wieder offener; hier münden zwei Thäler. Nach Süden zu zieht sich das Pitzthal, parallel mit dem Ötzthale, zu den Ötzthaler Fernern empor. Zwei Stunden von dem schluchtartigen Thaleingange liegt, noch in wohlangebauter offener Gegend, der Hauptort Wenns. Das Pitzthal weist nicht jene schauerlich wilden Scenerien auf, wie das benachbarte Ötzthal, zeigt auch nicht dessen stufenförmige Absätze, sondern steigt allmählich, aber stetig an. Bei dem letzten bewohnten Hofe, Mittelberg (1733 m, elf Wegstunden von Imst, Abb. 96) wird das Thal durch den riesigen, vielfach zerklüfteten Eiswall des Mittelbergferners abgeschlossen, welcher von den Schultern der Wildspitze niedergeht. Er ist wohl der schönste Gletscher Tirols neben seinem Nachbarn, dem Taschachferner, zu welchem eine westliche Seitenschlucht führt.

Abb. 104. Lermoos, gegen den Wetterstein. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Imst. Fernpaß. Landeck.
Gegenüber der Mündung des Pitzthales dehnt sich eine wohlangebaute Terrassenlandschaft zu den Gehängen der nördlichen Kalkalpen. Hier lagert, eine halbe Stunde vom Inn entfernt, der schöne Markt Imst (Abb. 97), im Mittelalter durch den von Augsburg nach Italien über den Fernpaß führenden Handelsweg reich und blühend geworden. Auch Bergbau ward in der Umgebung getrieben; ein ganz eigentümlicher Industriezweig der Imster wurde die Zucht von Kanarienvögeln, die von hier aus nach allen europäischen Ländern ausgeführt wurden. Die Innthaler- und Brennerbahn ließ den Fernpaß veröden; darunter mußte auch Imst erheblich leiden, nachdem es schon durch die Franzosenkriege und durch einen fürchterlichen Brand im Jahre 1822 fast völlig vernichtet worden war.

Abb. 105. Plansee. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Hinter Imst zieht sich die uralte Paßstraße durch ein breites Thal zwischen dem Tschürgant und dem Zuge der Hochkalkalpen aufwärts nach dem romantischen Nassereit (Abb. 98); und von da, an dem prächtigen kleinen Fernsteinsee (Abb. 99), in dessen grünem Gewässer sich die Trümmer der Sigmundsburg spiegeln, vorüber in kühnen Windungen zur Höhe des Fernpasses.
Das Innthal wird von Imst aufwärts wieder breiter und bevölkerter und erweitert sich bei Landeck zu einem prächtigen grünen Thalkessel, in den von Norden her neben ihren bedeutenden Nachbarn die Parseierspitze als stolzeste 3038 m hohe Erhebung der nördlichen Kalkalpen niederschaut, während sich im Westen das Arlbergthal aufthut. Landeck selber (Abb. 100) liegt unmittelbar am Inn, bewacht von der alten, aber noch erhaltenen Feste Landeck.
Von hier müssen wir, ehe wir dem Innthale weiterfolgen, zunächst in die westlichen Gebiete des Paznaun- und Stanzer Thales eindringen.
Von Landeck aus zieht die Arlbergbahn mit einer Reihe kühner Bauten westwärts, indem sie das Innthal verläßt und in das engere Thal der Sanna einbiegt. Wo an der Mündung des Paznaunthales die Sanna aus der Rosanna und Trisanna zusammenfließt, wird die letztere auf einem 86 m hohen, sehr merkwürdigen Viadukt von der Bahn überschritten.

Abb. 106. Reutte. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
In das Hochthal Paznaun führt von der schönen Arlbergstraße ab ein Sträßchen bis nach Galtür. Nur die unterste Stufe des Thales duldet noch Ackerbau; die oberen Stufen sind bloß Weidelandschaften, aber offen, sonnig und grün. Daher bildet auch die Viehzucht so ziemlich den einzigen Erwerb der außerdem zu mancherlei Wandererwerb genötigten Bevölkerung. Die oberen südwärts sich abzweigenden Seitenschluchten des Paznaunthales, das Timberthal, Larainthal, Jamthal und Vermuntthal steigen in die Region des ewigen Eises empor; sie sind umschlossen von den wild zerzackten Glimmerschieferhörnern und Gneiswänden der Silvrettagruppe (Abb. 2) oder Jamthaler Ferner, und von deren ausgedehnten Firnfeldern und Gletschern. Durch diese Thäler steigt man empor zu den Hochgipfeln des Piz Linard (3414 m), des Verstanklahorns (3301 m), des Piz Buin (3312 m) und des lange wegen seiner Gefahren berüchtigt gewesenen Fluchthorns (3408 m). Westwärts führen aus dem obersten Paznaun viel begangene Pässe über das Zeynesjoch und durch die Vermuntthäler nach Montafun; südlich kann man über dick vereiste Kämme nach dem schweizerischen Engadin oder dem Prättigau gelangen.

Abb. 107. Bregenz, von Wrangel erobert. (Nach einem Stiche von Bodenehr v. J. 1720.)
Arlberg.
Im Parallelthal von Paznaun, dem Stanzer Thale, läuft neben der alten Poststraße her eine der schönsten und vielgestaltigsten Strecken der Alpenbahnen, zum Arlberge. Sie hat im Norden die schön geformten Gipfel der Hochkalkalpen, im Süden die aus krystallinischen Schiefern bestehenden zerrissenen Berggestalten der Fervallgruppe, deren kleine steile Gletscher fast über die Bahn hereinhangen und die in der Kuchenspitze (3170 m) kulminiert. Mehrmals den durch das Thal herabschäumenden Gletscherstrom, die Rosanna, überschreitend, erreicht die Bahnlinie über Flirsch, Pettneu und Sankt Jakob (Abb. 101) das letzte Dorf des Rosannathales, Sankt Anton (1302 m, Abb. 102). Für den Eisenbahnreisenden ist hier Tirol zu Ende; er fährt in den 10 km langen Arlbergtunnel ein und verläßt denselben erst wieder jenseits der Wasserscheide, in Vorarlberg.

Abb. 108. Bregenz, vom Gebhardsberg gesehen. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Für den Bergwanderer erschließen sich von Sankt Anton aus das Moos- und das Fervallthal, letzteres nochmals gespalten durch den stolzen Felsenobelisk der eisgepanzerten Patteriolspitze. Beide Thäler erstrecken sich ins Innerste der Fervallgruppe. Die alte Poststraße aus Tirol nach Vorarlberg aber zieht sich über dem Tunnel noch hoch empor in eine grüne Thalmulde, wo, überragt von grauen kahlen Kalkzinnen, das Hospiz Sankt Christoph liegt. Dasselbe verdankt seine Entstehung einem armen Hirtenknaben. Dieser, Heinrich das Findelkind genannt, stand im XIV. Jahrhundert als Hirt im Dienste eines Stanzer Bauern; tief ergriffen durch die Unfälle, die sich während des Winters auf dem Arlbergwege so häufig zutrugen, erbettelte er sich die Mittel zur Erbauung einer Schutzherberge, aus der das jetzige Hospiz hervorgegangen ist. Von diesem zieht sich die Straße noch einige Minuten empor und erreicht in dem dürren Hochthale des Arlberges bei 1802 m Seehöhe die Wasserscheide zwischen der Donau und dem Rhein. Heutzutage ist die einst so wichtige Straße unbeschreiblich einsam; der große Verkehr donnert und dröhnt weit unter ihr durch die Felsenhöhlung, die moderne Technik ihm durch den Paß gebohrt hat.

Abb. 109. Bregenzerwälderin. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 110. Feldkirch. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Kaunser Thal. Oberinnthal.
Wir wandern nun in der Tiefe des Innthales weiter, um eine der prachtvollsten Alpenstraßen kennen zu lernen: die von Landeck nach dem Reschen-Scheideck. Zwei Stunden hinter Landeck durchbricht der Innstrom eine einsame Felsenenge; hier spannt sich über ihn die berühmte Pontlatzer Brücke, um die in den Jahren 1703 und 1809 die erbittertsten Kämpfe zwischen Tirolern und Bayern gefochten wurden. Damals wiederhallten die braunen Felswände von Schüssen und der Strom wälzte die blutigen Toten thalabwärts. Bald erweitert sich das Thal wieder. Hoch droben an der westlichen Thalwand liegen die Trümmer der Burg Laudeck; noch höher die heilkräftigen Quellen des viel besuchten Bades Obladis. In der Thaltiefe vor uns aber zeigt sich das Dorf Prutz, am Eingange des Kaunser Thales. Dieses zieht sich erst zwei Stunden weit nach Osten, dann sechs Wegstunden lang, parallel mit dem Ötz- und Pitzthale, nach Süden, in die Eispaläste der Ötzthaler Ferner hinauf. Die Bevölkerung des Thales lebt in vielen zerstreuten Gehöften; Bannwälder an den steilen Gehängen gewähren ihr nur einen spärlichen Schutz gegen die in diesem Thale besonders häufigen Lawinen. Getreidebau und Ansiedelung enden bei den Häusern von See. Das Ende des Thales wird beherrscht von der größten Gletschermasse Tirols, dem 11 km langen Gepatschferner. So ausgedehnt diese Eiswüste ist, führen doch nach allen Richtungen Gletschersteige über sie hinweg.

Abb. 111. Bludenz im Jahre 1650. (Nach dem gleichzeitigen Stich von Merian.)

Abb. 112. Brand, gegen die Scesaplana. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 113. Montafunerin. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Die Oberinnthaler Straße bleibt noch in der Tiefe am Inn bis zum Dorfe Pfunds, wo das kurze Radurschelthal sich nach Südosten hin abzweigt. Dann überschreitet sie den Strom und steigt an den lotrechten Schieferwänden höher und höher empor, mehrfach mittels Tunnels den Fels durchbrechend. Immer großartiger wird die Landschaft, immer gewaltiger der Abgrund an der Seite der Straße, bis bei dem Gasthause von Hoch-Finstermünz (1106 m) der schönste Punkt des Straßenzuges erreicht wird. In schwindelnder Tiefe sieht man hier unter sich den grauen Turm des Passes von Alt-Finstermünz; und nach Südwesten gleitet der Blick hinein in die geheimnisvolle waldumrauschte Ferne des schweizerischen Engadin (s. Abb. 3).
Hier verlassen wir den Inn. Unsere Kunststraße windet sich durch eine enge Schlucht empor, an einer kleinen Bergfestung vorüber und erreicht in großen Schlangenwindungen das Dorf Nauders (1362 m) mit der alten Burg Naudersberg. Das Dorf, das 1880 durch einen Brand völlig verwüstet ward, liegt fast an der Grenze des Getreidebaus; auf seinem kleinen Hauptplatze tummeln sich die österreichischen und schweizerischen Postwagen; denn eine musterhafte Kunststraße führt von hier in mannigfachen Windungen einen Bergrücken hinauf zur nahen Schweizergrenze und von dort hinab nach Martinsbruck im Engadin.
Die flache Einsenkung, in welcher Nauders liegt, zieht sich mit fast unmerklicher Steigung noch anderthalb Stunden aufwärts zur Paßhöhe von Reschen-Scheideck (1494 m, Abb. 103). Hier müssen wir unsere Wanderung unterbrechen; denn was wir vor uns sehen, ist der Vintschgau — Südtirol. Das zu schildern gehört späteren Blättern an. Wir haben hier noch eines Grenzgebiets zu gedenken, das sich als nördliche Vorlage des Innthales nach Bayern zu abdacht.
Zwei bayerische Bergströme, die Isar mit ihrem Zufluß, der Loisach, und der Lech, empfangen ihre größten Wassermengen aus Quellbächen, die in Tirol entspringen. Auch diese kleinen Stromgebiete sind des Durchwanderns wert.

Abb. 114. Schruns. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Hinterriß. Isarthal.
Das Tiroler Stromgebiet der Isar reicht vom Achensee im Osten bis westwärts zum obersten Leutaschthale. Es gehört durchaus der Zone der Hochkalkalpen an. Ihren östlichsten Zufluß aus Tirol erhält die Isar in der Walchen, die aus dem Nordende des Achensees fließt, und durch einsame Waldthäler ihren Weg sucht. Höher aufwärts nimmt die Isar einen anderen Quellfluß auf: die Riß. Das Thal der Riß, nur in seinem untersten Verlauf zu Bayern, sonst zu Tirol gehörend, ist wohl das ödeste unter allen Thälern Tirols, da es bei einer Längenerstreckung von ungefähr 25 km nur ein paar Jagdschlösser und Unterkunftshäuser, außerdem bloß Alm- und Jagdhütten und ein kleines Franziskanerklösterchen enthält. Das Ganze ist eine prachtvolle Hochgebirgslandschaft, ein riesiges und sorgsam gehegtes Jagdgebiet, auf dessen grüne Matten (vgl. Abb. 73) und schöne Waldbestände in schauerlichen Felsabstürzen die zerrissenen Hochgipfel des Karwendelgebirges herniederdrohen.

Abb. 115. Glurns, gegen den Ortler. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Im Isarthal selbst betritt man, vom letzten bayerischen Orte Mittenwald aufwärts wandernd, den Boden von Tirol beim Felsenpaß von Scharnitz, einem uralten und viel umkämpften Eingangsthor von Norden her. In Römertagen hieß der Paß Scarbia; Herzogin Claudia von Tirol legte hier umfangreiche Festungswerke an, die jetzt in Trümmern liegen. In und bei der kleinen Ortschaft Scharnitz fließen verschiedene Quellbäche der Isar zusammen; nach Osten öffnen sich hier unbewohnte, in großartige Waldgefilde und Steinwüsten hinaufziehende Hochthäler: das Karwendel-, Hinterau- und Gleirschthal. Im Hinterauthal entspringt die Isar auf den grünen Matten des Hallerangers. Die alte Völker- und Heerstraße zieht von Scharnitz in einsamer Waldlandschaft noch hinan bis zum Sattel von Seefeld, wo die Wasserscheide zwischen Isar und Inn liegt, und dann hinab über den Zirler Berg ins Innthal. Seefeld liegt auf einer kleinen aussichtsreichen Hochebene (1176 m). Seitenwege führen von hier in das große tirolische Leutaschthal, ein prächtiges, weites, waldreiches, von zwei Ortschaften bevölkertes Thal, das im Norden von der Wettersteinkette, im Südwesten von turmartigen Felskolossen der Mieminger Kette eingerahmt ist und dessen Wasser bei Mittenwald in die Isar fließen.

Abb. 116. Stilfser Joch, vom Wege zur Payerhütte gesehen. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Der bedeutendste Zufluß, den die Isar empfängt, die Loisach, kommt ebenfalls aus Tirol. Sie fließt aus drei Quellbächen zusammen in dem großartigen Thalkessel von Lermoos (Abb. 104), über dem in furchtbaren Steilwänden die Westfront der Zugspitze abbricht. Zauberhaft schöne kleine Seespiegel, der Seebensee, Drachensee, Weißensee und Blindsee, schmücken die Umgebung von Lermoos; zwischen den letztgenannten hindurch schlängelt sich der altehrwürdige Straßenzug langsam ansteigend zum Fernpaß. Es ist landschaftlich der schönste Zugang aus dem Norden nach Tirol, reich an mannigfaltigen und wechselnden Bildern. Die einsame Höhe des Fernpasses umwehen Sagen und die trauernden Erinnerungen an König Ludwig II. von Bayern, der sich in dem südlich des Passes gelegenen Schloß Fernstein eine Stätte stiller Träumerei schuf.

Abb. 117. Suldenthal (Januar 1895). (Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Lechthal.
Noch ein Gebiet von Nordtirol, ebenfalls dem Innthal nördlich vorgelagert, wollen wir flüchtig durchstreifen: das des Lechstromes. Bald hinter dem bayerischen Grenzstädtchen Füssen erreicht man, am Lech aufwärts wandernd, die Tiroler Grenze und nach ein paar Stunden den schönen Marktflecken Reutte (Abb. 106). Hier gehen nach mehreren Richtungen Straßenzüge auseinander. Nach Osten zu öffnet sich das Seitenthal des stillen, waldumrauschten Plansees (Abb. 105). Nach Südosten zieht am romantischen Trümmerwerk der alten Feste Ehrenberg und der Ehrenberger Klause vorüber die Straße nach Lermoos und zum Fernpaß. Gewaltige Schatten der Weltgeschichte hausen in diesen Trümmern, wo einst der Gotenkönig Theoderich Burg und Gerichtssitz begründet hatte. Während des schmalkaldischen Krieges nahm Schärtlein von Burtenbach die Feste; die Tiroler gewannen sie wieder. Zäh hielt sie sich gegen Kurfürst Moritz von Sachsen und im dreißigjährigen Kriege gegen Bernhard von Weimar und Wrangel. Erst im spanischen Erbfolgekriege ward sie wieder von bayerischen Truppen genommen, konnte aber nicht gehalten werden. Jetzt stehen die Trümmer, von Moos überwuchert, neben und über der Straße.
Das Lechthal wendet sich bei Reutte nach Südwesten. Der nächste Ort ist Weißenbach, wo sich gegen Südosten die abgelegenen Gründe des Rotlechthales aufthun, während nach Nordwesten hin der schmale Schluchtenweg von Paß Gacht in das offene, bevölkerte Thaunheimer Thal hinüberführt. Durch dieses fließt in großen Windungen die Vils, um sich, noch innerhalb Tirols, unweit von Füssen in den Lech zu werfen. Das Thal des Lech dagegen wird oberhalb Weißenbach still und öde; erst von der Mündung des von Westen her kommenden Hornthales aufwärts zeigen sich wieder häufigere Ansiedelungen; aber zur freundlichen, anmutigen Landschaft wird das Thal erst bei Elbigenalp. Höher und mächtiger wird die Umwallung des Thales: im Norden die Allgäuer Berge, im Süden die hohen Kalkschroffen, die hier die Wasserscheide bilden zwischen Lech und Inn und zu denen kurze, wilde Querthäler hinanziehen. Bei dem Dorfe Holzgau erreicht man den oberen Teil des Lechthales, bei Steg den höchst gelegenen Ort. Hier endet die Fahrstraße; aber das Thal zieht sich noch fünf Stunden weit gegen Westen hinan; aus seinen Seitenschluchten führen Jochsteige nördlich in das bayerische Allgäu, nordwestlich in den Bregenzer Wald, südlich zur Arlbergstraße.

Abb. 118. Sulden, gegen die Schöntaufspitze. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Das ganze Lechthal bietet trotz seiner ansehnlichen Ausdehnung dem Fleiße seiner Einwohner nur spärlichen Spielraum; das Klima ist rauh, die anbaufähigen Flächen gering. Die intelligente alemannische Bevölkerung aber ist durch Sparsamkeit und Handelsgeist dennoch wohlhabend geworden.
VIII. Vorarlberg.
Vorarlberg.
Das Ländchen Vorarlberg gehört politisch zu Tirol; geographisch und ethnographisch hat es mehr Verwandtschaft mit der benachbarten Schweiz. Denn seine Abdachung geht nach Westen; seine Wasser fließen zum Bodensee; von diesem aus ist die alemannische Bevölkerung in die Thäler hinaufgewandert und hat die keltische und rhätische Urbevölkerung zurückgedrängt. Römische Kultur hat im Vorarlbergischen festeren Fuß gefaßt als im übrigen Tirol.
Scharf abgegrenzt ist das Ländchen gegen Westen durch den Rhein, gegen Süden durch die hohe Kalkkette des Rhätikon, die es vom schweizerischen Prättigau scheidet. Die Nordgrenze Vorarlbergs gegen Bayern läuft durch die sanfteren Höhenzüge des Bregenzer Waldes; im Osten wird es durch die hohen Allgäuer und Arlberger Kalkgebirge von Bayern und Nordtirol, im Südosten durch die Samnaungruppe und die Silvrettagruppe von Tirol und der Schweiz geschieden. Das Klima ist milder als in Nordtirol, die anbaufähigen Bodenflächen verhältnismäßig ausgedehnter. Dies und angeborene Wirtschaftlichkeit haben bewirkt, daß Vorarlberg unter den österreichischen Alpenländern eine ausgezeichnete Stellung in Bezug auf Bodenanbau und Industrie sich erwarb, eine Stellung, die durch die günstigen Verkehrsverhältnisse nur noch gesteigert werden konnte. Durch die wichtige Spalte des Arlbergthales wird das Ländchen in eine nördliche und eine südliche Hälfte geschieden; die erstere ist wohnlicher, bevölkerter; die letztere durchaus großartige Hochgebirgslandschaft.

Abb. 119. Trafoi, gegen die Ferner. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 120. Meran, von Marling gesehen. (Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)
Bregenz. Bregenzer Wald.
Wir betreten Vorarlberg vom Verdeck des schönen Dampfers aus, der uns bei Bregenz in den Hafen gebracht hat. Hinter uns liegt der Bodensee mit seiner nach Westen zu scheinbar uferlosen Fläche. So klein Bregenz (Abb. 107 u. 108), zwischen dem Seeufer und den rot schimmernden Felswänden des Pfänder hingelagert, auch ist, besteht es doch aus drei Städten: einer modernen am See, wo die Schlote der Dampfer und der Lokomotiven qualmen, einer mittelalterlichen auf der Anhöhe, wo zwischen grauen Mauern und Thoren traumhafte Stille liegt, und einer uralten aus römischer Zeit, die unter dem Erdboden versunken ist und von den Römern Brigantia genannt ward.
Nach den Stürmen der Völkerwanderung erscheint die Stadt im Besitze der Grafen von Bregenz, später in dem des mächtigen Geschlechtes der Grafen von Montfort. Während des dreißigjährigen Krieges ward es von den Schweden erobert, die damals sogar eine kleine Kriegsflotte auf dem Bodensee unterhielten. Mannigfache Reste aus der Römerzeit werden im Vorarlberger Landesmuseum zu Bregenz aufbewahrt.

Abb. 121. Unser Frau (Schnalser Thal). (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Bregenzer Wald.
Der schöne Pfänderberg, der sich, 1064 m hoch, unmittelbar über Bregenz erhebt, ist der nordwestliche Eckpfeiler des Bregenzer Waldes. Aus diesem strömt in viel gewundenem Laufe die Bregenzer Ache hervor und ergießt sich, eine halbe Stunde westlich von Bregenz, in den Bodensee. Der Bregenzerwald ist in seiner nördlichen, gegen das Flachland vorgeschobenen Hälfte, eine eigentümliche, mehr als ein Mittelgebirge wie als Alpengegend erscheinende Landschaft: lang gestreckte, aus Molasse, Sandstein und Kreide aufgebaute, zu Hochebenen abgeplattete Hügel, in denen die Zuflüsse der Bregenzer Ache schmale Gräben sich eingewühlt haben. Dieser Teil, auch der Vordere oder Äußere Bregenzerwald, ist dicht bevölkert und wohl angebaut. Südlicher erhebt sich die Kreideformation zu höheren, oft steil abfallenden Bergen und steigt noch südlicher als Innerer Bregenzerwald zu den Hochkalkalpen hinan. Im Äußeren Walde liegen die Ansiedelungen meist auf der Höhe der abgeplatteten Hügel, im Inneren drängen sie sich in den Thalweitungen zusammen. Den ganzen Bregenzerwald schmücken prächtige Forsten und Alpenmatten; seine thätige und wohlhabende Bevölkerung treibt eifrig Viehzucht und Holzgeschäft, daneben auch Weberei, die Weiber (Abb. 109) Stickerei. Der Haupteingang in den Bregenzerwald führt nicht durch das enge Thal der Ache, sondern von Schwarzach über die Bergrücken. Der letzte Ort im Thale der Ache ist das hoch gelegene „Schrecken“ (1260 m), von wo noch Jochsteige über das Gebirge nach dem bayerischen Allgäu, nach dem tirolischen Lechthal und nach der Arlbergstraße führen.

Abb. 122. Schloß Tirol. (Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)
Rheinthal.
Ein mächtiges, 15 km breites Delta haben sich der Rhein und die Bregenzer Ache bei ihrer Mündung in den Bodensee geschaffen. Höher aufwärts wird das Rheinthal zwar schmaler, behält aber bis Feldkirch immer noch eine Breite von 8–10 km. An den beiderseitigen Thalhängen, dem österreichischen wie dem schweizerischen, laufen Bahnlinien thaleinwärts; zwischen ihnen sucht sich der Rhein in der weiten Thalebene mit großen Windungen seinen Weg.
Wenn wir auf der Vorarlberger Bahnlinie Bregenz verlassen, überschreiten wir bald die Bregenzer Ache und gelangen bei Lautrach, von wo eine Verbindungsbahn über Sankt Margareten nach Rorschach führt, ins Rheinthal, welches hier schon einen großen landschaftlichen Zug hat. Weit über die fruchtbare Thalniederung sieht man die teils bematteten, teils felsig kahlen Hänge der schweizerischen Thalseite, mit ihren fernen Ortschaften; hoch über ihnen im Südwesten die steil aufgerichteten Appenzeller Berge: Kamor und Säntis, und die zackigen Churfirsten. Höher aufwärts im Thale sieht man inselgleich waldige Felshöhen aufragen; manchmal tritt auch von der östlichen oder westlichen Thalwand ein steiler Vorsprung ins Thal heraus, der eine weithin schimmernde Wallfahrtskirche oder eine Ruine mit klangvollem Namen trägt.

Abb. 123. Dorf und Schloß Schönna.
Über Schwarzach, wo die Hauptstraße in den Bregenzerwald nach Osten hinaufführt, gelangen wir nach dem lang gestreckten, gewerbsfleißigen Dornbirn. Mit 9800 Einwohnern ist es der größte Ort Vorarlbergs, überaus thätig in Spinnerei, Weberei, Färberei. Auch Metall- und Holzindustrie ist hier vertreten. Auch von hier führt eine Straße in den Bregenzerwald. Bald hinter Dornbirn zeigt sich eine Ortschaft, die am Fuße eines mächtigen, lotrecht abfallenden Felsklotzes liegt. Es ist Hohenems; und auf dem Felsen droben sonnen sich die Trümmer der alten Burg Hohenems. Sie war der Stammsitz der Grafen von Hohenems, eines feudalen Geschlechts, das wie kaum ein zweites seinen Namen in die Ritterabenteuer und Schlachtengeschichten des Mittelalters eingezeichnet hat. Hinter Hohenems scheint das Thal bei Götzis sich verengen zu wollen; aber es ist nur ein Ausläufer der östlichen Thalwand, der sich hier wie eine Insel weit nach Westen vorschiebt, in vorgeschichtlicher Zeit vielleicht von den Wellen des Bodensees bespült, wie die Sage meldet. Um den Westabfall dieser Insel, des Kummenberges (663 m), rauscht der Rhein; aber auch auf seinem anderen Ufer steht solch’ ein verengender Inselberg. An den alten Schlössern Neuburg und Montfort vorüber zieht die Bahn, dann am gewerbfleißigen Rankweil vorbei, das äußerst anmutig an der Mündung des vom Bregenzerwalde niedersteigenden Laternser Thales liegt. Hinter Rankweil zeigen sich wieder Inseln in der Rheinebene: der Ardetzenberg und der Schellenberg. Wo die von Südosten aus dem Gebirge herabschäumende Ill mit ihren Gletscherwassern den Ardetzenberg, der sich ihr entgegenstellt, durchbrochen hat, liegt das Städtchen Feldkirch im Mittelpunkte von vier natürlichen Hohlgassen.

Abb. 124. Gilfanlage bei Meran. (Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)
Feldkirch. Bludenz.
Feldkirch, durch die Natur zur Festung gemacht, ist ein hübsches Städtchen mit 3600 Einwohnern und mancherlei alten Bauwerken, einer schönen gotischen Pfarrkirche, einem alten Bürgerspital und Ritterhause und einem berühmten Jesuitenstift. Industriell ist es nicht in dem Grade wie andere Orte Vorarlbergs. Im Laufe der Geschichte ist dieser „Schlüssel von Tirol“ vielfach umkämpft worden, und seine Lage als Grenzstadt und am Zugang zu einer wichtigen Alpenbahn sichert ihm dauernde Bedeutung (Abb. 110).
Bei Feldkirch mündet von Südosten her das Illthal. In seinem unteren Teile ist es, bis Bludenz aufwärts, breit und wohlangebaut und führt hier den Namen Wallgau. Zwischen Rebenhügeln und freundlichen Dörfern liegen alte zertrümmerte Burgen, aber auch die vielfenstrigen Burgen moderner Großindustrie: Baumwollspinnereien, Türkischrotfärbereien, Webereien, Kattundruckereien. Unbewohnte Thäler ziehen südlich aufwärts in die Hochalpenregionen der Rhätikonkette; im Hauptthal aber steigt die Arlbergbahn allmählich empor. Ein wichtiges Seitenthal ist das aus den Hochkalkalpen, die das oberste Lechthal umsäumen, herabkommende Walserthal, wo einst der heilige Gerold Christentum und Kultur in die jungfräuliche Wildnis trug. Jetzt arbeiten an seinem Eingange große Baumwollpaläste.
Hauptort des Illthales ist Bludenz, schön gelegen, mit 3300 Einwohnern. Es war eine alte Ansiedelung schon zu Kaiser Ottos I. Tagen (Abb. 111). Auch hier schauen sich alte Burgtrümmer und moderne Fabrikschlote seltsam an. Durch das benachbarte Brandnerthal führt ein Steig in die Wildnisse des Rhätikongebirges empor, das, aus Kalk und Schiefer aufgebaut, kühne und eigenartige Berggestalten aufweist, deren stolzeste, die Scesaplana, ihr 2969 m hohes Felsenhaupt aus einem Gletscher erhebt und hinunterschaut auf den romantischen Spiegel des Lünersees (Abb. 112).
Klosterthal. Montafun.
Bei Bludenz spaltet sich das Illthal. Sein nach Osten hinziehender Ast heißt nun das Klosterthal. In ihm steigt die Arlbergbahn empor, höher und höher, auf zahllosen Viadukten und durch viele Tunnels an der nördlichen Thalwand. In der Station Dalaas hat sie schon eine Höhe von 931 m erklettert; weit blickt der Reisende hier, rückwärts schauend, bis zum Säntis. Und immer höher klettert der erstaunliche Bau am schwindelnden Abgrund, bis zur Station Langen (1217 m). Hier verläßt die Bahn das einsam und rauh gewordene Klosterthal. Sie tritt in den 10240 m langen Arlbergtunnel ein, um jenseits der Wasserscheide, im Stromgebiet des Inn, wieder zum Vorschein zu kommen. Die alte Arlbergstraße dagegen windet sich aufwärts zu einem letzten kleinen Dorfe und dann zu der rauhen, öden Paßhöhe des Arlberges.
Hierher aber sind wir schon von Osten, aus dem Oberinnthal, angestiegen.

Abb. 125. Sandwirtshaus (Passeier). (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Das Hauptthal der Ill, von Bludenz aufwärts Montafun (Montavon) genannt, strebt in südöstlicher Richtung empor zu den Gletschern und Hochgipfeln der Silvrettagruppe. 40 km lang, mit mildem Klima, prächtigen Matten und Wäldern, ist es die Heimat einer freien Bauernschaft, die keine Zwingburgen duldete. Nur der unterste Teil des Thales gehört noch dem Kalkgebirge an; höher oben beginnen Schiefergesteine. Kurze, steile Seitenthäler ziehen in südlicher Richtung zu den Zackengipfeln der Rhätikongruppe hinauf; durch einige führen Jochsteige nach dem schweizerischen Prättigau. Hauptort des Montafun ist Schruns, ein stattliches, in den Sommermonaten von Städtern viel besuchtes Dorf, berühmt durch seine mächtigen Kirschbäume (Abb. 113 u. 114). Hier öffnet sich gegen Osten das gewundene, einst erzreiche Silberthal, mit Jochpfaden zum Arlberge, überragt von der schneidigen Patteriolspitze. Von Schruns aufwärts liegen im Thal noch die Orte Gallenkirch, Gaschurn und als letztes Dorf Patenen oder Parthennen. Hier beginnt die Almenregion. Nach Osten führt ein Steig über das viel begangene Zeinisjoch nach dem obersten Paznaun; das Illthal selber zieht in südlicher Richtung noch ansteigend fort bis zum großen Vermuntgletscher, aus dessen Eisschlünden die Ill hervorströmt. Von hier führen vergletscherte Jochpfade zum Prättigau und in das felsumschattete Engadin.

Abb. 126. Mieders. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
IX. Vintschgau.
Reschen-Scheideck.
Der oberste Thalgrund der Etsch ist der Vintschgau. Hier liegt auf der Paßhöhe des Reschen-Scheidecks der grüne Reschensee, aus dem die Etsch abfließt (Abb. 103). Das armselige Dörfchen Reschen am Nordende des Sees bezeichnet die Wasserscheide zwischen Inn und Etsch. Rauh und großartig ist die Landschaft hier oben. Bei dem Dorfe Graun, das ebenfalls noch am Reschensee liegt, öffnet sich ostwärts das Thal Langtaufers. Ein wilder Gletscherbach strömt aus ihm hervor; er ist der Abfluß des mächtigen Langtauferer Ferners, der im Hintergrunde des Thales herabsteigt, umstarrt von den eisigen Höhen der Weißseespitze, Vernagtwand, Weißkugel und Freibrunner Spitze. Aus dem Langtauferer Thale und seinen grünen Matten führen selten begangene Jochsteige und Gletscherpässe hinüber in die Nachbarthäler, nach Radurschel, ins Kaunserthal und ins Ötzthal. Unter diesen Pässen ist das Weißseejoch in der Kriegsgeschichte berühmt geworden dadurch, daß es 1799 vom österreichischen General Laudon mit einer Heeresabteilung überschritten ward.

Abb. 127. Vulpmes. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Der Langtauferer Bach wirft sich in einen zweiten kleinen See, den Mittersee, über welchem man im Süden die eisgepanzerte Berggestalt des Ortlers aufragen sieht. Am südlichen Ende dieses Sees liegen die alten Häuser von „Sankt Valentin auf der Heide“. Dies ist einer der eigenartigsten Plätze in Tirol, eine Landschaft, in den größten kühnsten Zügen gezeichnet. Im XII. Jahrhundert ward hier ein Hospiz begründet zur Aufnahme von hilfsbedürftigen Wanderern. Hier beginnt die berühmte Malser Heide. Noch liegt ein dritter See auf der Höhe, der Heidersee; dann senkt sich die Heide wie ein mächtiges Dach thalabwärts; ihr oberes Ende liegt um 400 m höher als das untere. Diese Heide ist ein riesiger Schuttkegel, gebildet durch Schlammströme, die aus den östlichen Seitenthälern Plawen und Planail einst hervordrangen. Über sie zieht in vielen Windungen die prächtige Jochstraße herab. Wer über die Heide herabsteigt, den grüßt von felsiger Höhe, am Westhang des Gebirges gelegen, das Benediktinerstift Marienberg. Es ist eine altehrwürdige Abtei, in deren Geschichte aber ein blutiger Griffel schrieb; denn im Jahre 1304 ward das Kloster von seinem eigenen Schirmvogt, einem der wilden Ritter von Matsch, überfallen und sein Abt erschlagen. Den Mörder fand man nachmals ermordet und verscharrte ihn in ungeweihter Erde.

Abb. 128. Neustift, gegen das Zuckerhütl. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Tiefer und tiefer senkt sich die Heide. Und je mehr man sich ihrem unteren Ende naht, um so belebter wird die Landschaft. Zur Rechten und zur Linken der Heide, wie an ihrem Fuße, erheben sich Burgen und Kirchtürme; vor sich sieht man den stattlichen Flecken Mals, überragt vom Eisbau des Ortlers. Mals ist ein uralter Ort römischen Ursprungs, mit ehrwürdigen Burgtrümmern, durchbraust von dem wilden Punibach, dessen Wasser in grauer Vorzeit die Schuttmassen der Malser Heide aus höheren Gebirgslagen herabgewälzt haben.
Ober-Vintschgau
Noch senkt sich auch unterhalb von Mals das Gelände stark nach abwärts. Aber der Charakter der Heide ist verschwunden; zahlreiche Ortschaften beleben das Thal; Burgen schauen von den Vorsprüngen der Berghänge; weiße Häuser schimmern unter Obstbäumen; überall zeigen sich die Spuren fleißiger Menschenhände. Noch ein halbes Stündchen tiefer, wo die Thalsohle ganz flach wird, liegt das uralte graue Städtchen Glurns (Abb. 115). Hier ist der Ober-Vintschgau zu Ende; der zahmere Unter-Vintschgau beginnt; die Landschaft wird, wenn auch aus der Höhe kahle Felsschroffen und Eisspitzen hineinragen, gartenähnlich; die Etsch, so wild sie auch über die Malser Heide herabtobte, wälzt sich hier in wohlgeregeltem Bette hin.
Glurns macht einen Eindruck, als sei es aus längst vergangenen Jahrhunderten gespensterhaft emporgestiegen in den Sonnenglanz des Vintschgaues. Bemooste Mauern und Türme pressen die kleine Häusermasse des Städtchens zusammen; die paar Gassen, die es enthält, sind wie ausgestorben. Im Jahre 1499 durch die Graubündener, 300 Jahre später durch die Franzosen völlig verwüstet, ist es noch wie ein malerischer Steinhaufen liegen geblieben im blühenden Thale.
Münsterthal. Matscher Thal.
Zwei Seitenthäler münden hier ins Etschthal. Nach Südwesten zieht sich das Münsterthal gegen die Schweizer Grenze hinauf. Sein Eingang ist ein viel umkämpftes Schlachtfeld; der letzte Tiroler Ort in seinem Inneren ist Taufers, geschmückt von den Trümmern der Burgen Rotund, Helfmirgott und Reichenberg. Vom Turm zu Helfmirgott sprang einst eine, von einem wüsten Ritter von Rotund bedrängte Jungfrau; im Sturze rief sie: „Helf mir Gott!“ und gelangte unversehrt zur Erde.

Abb. 129. Matrei (Brennerbahn). (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 130. Steinach (Brennerbahn). (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Eine Viertelstunde thalabwärts von Glurns, bei Schluders, mündet das Matscher Thal, das sich sechs Stunden lang gegen die Gletscher der Ötzthaler Gruppe in nordöstlicher Richtung hinaufzieht. Über dem wilden, schluchtartigen Ausgange des Thales liegen die zerfallenen Reste der Burgen Unter-Matsch und Ober-Matsch, einst Sitze der fehdelustigen und raubgierigen Grafen von Matsch, eines der mächtigsten Tiroler Rittergeschlechter. Gegenüber, am nördlichen Thalhang, sonnen sich zwischen grünen Matten die Häuser des Dorfes Matsch. Der Ort wird schon in langobardischer Zeit genannt; sein erster Pfarrer soll der heilige Florinus gewesen sein. Wer das Thal hinauf wandert, sieht, rückwärts gewendet, die Eiswelt des Ortlers riesenhaft aufsteigen. Zwischen herrlichen Matten zieht sich das Thal stundenlang eben dahin, bis es in einen wilden Schluchtencirkus endet, aus dem nur noch vereiste Kletterpfade in die Nachbarthäler führen, und über den als Königin die Weißkugel ihre eisgepanzerten Schultern hebt.

Abb. 131. Valsthal (Brennerbahn). (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 132. Eisack-Ursprung.
Stilfser Joch. Suldenthal.
Kehrt man aus dem Matscher Thale zurück ins Etschthal, so trifft man in Neu-Spondinig auf einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Das Thal wendet sich hier vollständig nach Osten und wird zum Unter-Vintschgau, dessen nördliche Umwallung durch die Gehänge der Ötzthaler Alpenwelt gebildet wird, während von Süden her die Abhänge der Ortleralpen ins Thal schauen, dessen Sonnenseite zunächst kahle, sonnverbrannte, pflanzenleere Steinmauern bilden, während auf der Schattenseite dunkle Waldung sich hoch emporzieht. Bei Neu-Spondinig zweigt von der Vintschgauer Straße die Stilfser Jochstraße ab und zieht heiß und sonnig quer durch das Thal, um bald darauf durch die Thalschlucht des Trafoibaches als kühnster Straßenbau der österreichischen Monarchie zum Stilfser Joch (Abb. 116) anzusteigen. Wie mächtig ihre Steigung ist, geht daraus hervor, daß Neuspondinig auf der Sohle des Etschthales nur 885 m, die Stilfser Jochhöhe dagegen 2760 m hoch liegt.
Ortler.
Zwei Stunden vom Eingange des Trafoithales, an dem die belebte Poststation Prad den Zugang bildet, spaltet sich das Thal bei der kleinen Gebirgsfestung Gomagoi. Der linke Thalast zieht hinauf in die Eiswelt des Ortlers. Es ist das Suldenthal — heut’ eine der vom Fremdenverkehr zumeist gesuchten Hochgebirgslandschaften (Abb. 117 u. 118). Was Zermatt oder Chamonix für die Schweiz, ist Sulden für Tirol. Seit ein paar Jahren erst ist die Fahrstraße in das Suldenthal vollendet, aber schon steht neben einigen kleineren ein riesenhaftes Hotel in dem ehemals weltverlorenen Bergdorf Sankt Gertrud. Ein schimmernder Kranz von Eisbergen umgibt das Thal: der gewaltige Ortler (Abb. 4), die geisterhaft schöne Königsspitze mit ihren Eiswänden (Abb. 5) und der Cevedale mit seinem makellos weißen Schneekleide. Sankt Gertrud ist nunmehr ganz Touristen- und Führerdorf geworden. Seit der kühne Passeirer Jäger Joseph Pichler im Jahre 1804 als erster die Spitze des Ortlers betreten hatte, sind mancherlei Wege auf diese höchste Zinne Österreichs, die sich 3902 m über den Meeresspiegel erhebt, gefunden worden. Die gangbarsten derselben führen von Sulden oder von Trafoi aus zur Payerhütte. die auf dem vom Ortler nach Norden ziehenden Tabarettakamm erbaut ist, und von hier über den oberen Ortlerferner zur Spitze. Der Berg selber ist eine aus Kalk bestehende massive Pyramide von kühnen, energischen Formen, aus der ganzen Gebirgsgruppe, der sie angehört, nach Norden zwischen die Thäler Sulden und Trafoi vortretend. Von seinen Schultern fließen der untere und obere Ortlerferner, der Marltferner, der Ende-der-Welt-Ferner und der mächtige Sulden-Ferner in die Tiefe.

Abb. 133. Wildbad Brenner. (Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Wandert man von Sankt Gertrud aus thaleinwärts, so gelangt man in einen großartigen Gletschercirkus, in dessen Innerstem die Schaubachhütte des Alpenvereines einen unvergleichlichen Ausgangspunkt für Alpenwanderungen bietet. Gletschersteige, nur für schwindelfreie und kniefeste Kletterer gangbar, führen von da auf die Hochgipfel des Ortlers, der Königsspitze und des Cevedale, sowie über vereiste Felsjoche nach den italienischen Thälern Val Zebru und Val Cedeh, und in das tirolische Martellthal.

Abb. 134. Brennerin. (Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Stilfser Joch.
Kürzer als das Suldenthal ist jenes von Trafoi (Abb. 119), in welchem die Stilfser Jochstraße mit ihren zahllosen Windungen zur tirol-italienischen Grenze hinansteigt. Prachtvoll ist der Einblick in die Eiswelt des Ortlers von Trafoi (Tres fontes) aus, wo in tiefster Bergeinsamkeit die „Heiligen drei Brunnen“ sprudeln, während hoch über ihnen die blaugezackten Gletschermassen des Trafoier und des Ortler Ferners hangen. Immer kühner wird der Straßenbau, immer fremdartiger und öder die Umgebung; der letzte dünne Wald bleibt zurück; die Straße zieht durch eine dürre Steinwüste so hoch hinauf, daß die Gletscher hart an sie herantreten, und erreicht endlich die Jochhöhe und die Grenze bei einer Steinsäule in einer Meereshöhe von 2760 m.

Abb. 135. Gossensaß, gegen das Pflerschthal. (Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)
Oberer Vintschgau.
Aber hier beginnt italienisches Gebiet; wir müssen zurück in die Tiefe des Etschthals. Dieses wird allmählich fruchtbarer; an den Trümmern zerfallener Ritterburgen vorüber wälzt sich der eisgraue Strom durch die Getreidefluren von Tschengels und Laas und dann um einen mächtigen Schuttkegel in eine tiefer gelegene Thalgegend. Hier nimmt er die starken Gletscherwasser auf, die ihm aus dem von den Ortleralpen herabziehenden Seitenthal Martell zufließen. Und immer reicher wird die Landschaft; auf den Glimmerschieferfelsen über dem Thale winken malerisch die Burgen von Schlandersberg und Annenberg, von Montan, Castelbell und Hochgalsaun; an den untersten Gehängen des Thals zeigen sich schon die prächtigen dunkelgrünen Haine der Edelkastanie zwischen kleinen Weingärten. Bei Staben mündet, von Norden herabziehend, wieder ein größeres Seitenthal: das Schnalser Thal. Hoch droben in diesem Thale liegt das ehemalige Kloster Kartaus, das, 1326 von König Heinrich von Böhmen gestiftet, späterhin wegen des unkirchlichen Lebenswandels seiner Mönche aufgehoben ward. Jetzt wohnen arme Leute in den ehemaligen Mönchszellen. Bei Kartaus gabelt sich das Thal. Nach Nordosten steigt das Pfossenthal hinauf, wild und mit jähen Wänden. Ein paar einsame Bauernhöfe liegen noch in ihm; vom höchsten und letzten derselben, dem Eishof, führen Gletscherpässe ostwärts nach dem Pfeldersthale und nordwärts über den großen Ötzthaler Ferner nach dem Ötzthale. Der Hauptast des Schnalser Thals wendet sich nach Nordwesten; höher oben in ihm liegt noch der Wallfahrtsort Unser-lieben-Frau (Abb. 121). Zwei, zwar vergletscherte, aber doch viel begangene Pässe leiten von da ins Ötzthal hinüber, dessen Gletscher an ihrem Südabhange meist in jähen Wänden abbrechen, während sie nach Norden mit langen Zungen hinabziehen. Diese Pässe sind das Hochjoch und das Niederjoch, zwischen denen die dick beeiste Finailspitze ihr blinkendes Haupt erhebt. Das Schnalser Thal ist eines der abgeschlossensten und deshalb echtesten Thäler Tirols, von etwa 1200 Seelen bewohnt, friedfertigen, treuherzigen und stattlichen Menschen, ohne jede Fahrstraße.