Thekla, oder die Flucht nach der Türkei.
Reading edition
1.
In einer der lebhaftesten Straßen Semlin's prangte an einem freundlichen einstöckigen Wohnhause ein blaues Schild, auf welchem mit großen goldenen Buchstaben die Worte standen »Löwen-Apotheke.« Neben der großen Glasthür, die in das Innere des Hauses führte, stand auf einem weißen Piedestal von Holz die Illustration zu dem Texte im blauen Schilde, nämlich ein kleiner gelber Löwe mit einer Krone, der in seinen Vordertatzen ein dunkelrothes Herz hielt, auf welchem abermals das Wort »Apotheke« in Goldbuchstaben zu lesen war.
Das Erdgeschoß dieses Hauses enthielt außer dem Verkaufslocale und dem Laboratorium noch die Wohnzimmer des Besitzers, deren freundliche mit feinen weißen Gardinen geschmückten Fenster einen scharfen Contrast gegen die dunkeln, unfreundlichen Nachbarhäuser bildeten, die fast alle von Handwerkern und Krämern bewohnt wurden.
Das erste und einzige Stockwerk, obgleich es nur von einem jungen unverheiratheten Advokaten bewohnt ward, stand an Eleganz und Sauberkeit dem Erdgeschosse nicht nach, es zeichnete sich vielmehr durch einen Flor ausgewählter Blumen in den reinlichen Fensterbrüstungen vor demselben aus.
Der Besitzer dieser Niederlage von Heilmitteln war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren und nannte sich Istvan Czabo. Sein Haupthaar war bereits stark ergraut, aber die Lebendigkeit seiner Bewegungen, das Feuer der großen Augen und die mäßige Korpulenz seiner hochgewachsenen Gestalt schienen einem kräftigen Manne von vierzig Jahren anzugehören.
Herr Czabo war seit längerer Zeit schon Wittwer, seine Lebensgefährtin hatte vor zehn Jahren die Cholera hinweggerafft, die damals mit großer Gewalt in der armen Stadt gehaus't. Netti, seine einzige Tochter, zählte bei dem Tode der Mutter nur erst elf Jahre, so daß in ihr eine Stütze für die Wirthschaft nicht zu finden war; der betrübte Wittwer war daher gezwungen, eine Haushälterin zu nehmen, der er die Sorge für die Oekonomie unumschränkt übertrug.
Die Wahl dieser Person war eine glückliche gewesen, denn Meta, eine kinderlose Wittwe, ersetzte vollkommen die waltende Hand der geschiedenen Gattin und half durch Sparsamkeit den Wohlstand ihres Herrn erhöhen.
Netti reifte indeß zu einer blühenden, schönen Jungfrau heran, auf die mehr als ein Dutzend junger Leute aus dem mittlern und höhern Bürgerstande der Stadt sehnsüchtige Blicke warfen. Die Jungfrau hatte auch bald gewählt, der Advokat Ferenz, der den ersten Stock des Hauses bewohnte, war der Auserkorene, beide liebten sich mit dem ersten Feuer der Jugend und der Vater billigte diese Liebe, da Ferenz einer der tüchtigsten Advokaten der Stadt war und ein jährliches Einkommen erwarb, das ihm ein gutes Haus zu führen erlaubte.
Schon seit länger als einem Jahre hatte Herr Czabo die Verlobung seiner Tochter mit dem jungen Advokaten angesetzt, die unglückliche Revolution der Ungarn, die auch Semlin, die äußerste Grenzstadt in steter Gährung erhielt, war dem sorglichen Vater indeß ein Stein des Anstoßes gewesen und die Liebenden mußten sich in Geduld fügen, das Ende der Volkserhebung zu erwarten.
Ferenz liebte aus voller Seele seine junge Braut, er brachte aber die verzögerte Verbindung mit ihr dem Vaterlande gern zum Opfer, da er nicht minder für die Freiheit des Volkes erglühte und ein eifriger Anhänger der Kossuth-Parthei war. Seine Gesinnung durch die That zu bewähren unterließ er aber aus dem Grunde, da er die Abneigung seines künftigen Schwiegervaters gegen den Umsturz des Bestehenden kannte und seine politische Meinung ihm verbergen wollte, zumal Netti ihn mit Thränen in den Augen darum gebeten hatte.
Oesterreich hatte mit Hülfe der russischen Waffen die großartige Erhebung der heldenmüthigen Ungarn unterdrückt, in allen Städten flatterte die schwarz-gelbe Fahne von den Thürmen und die Führer der Volksparthei wurden verfolgt und im Falle man ihrer habhaft ward, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen oder erhängt.
Die Rachsucht des Siegers erstreckte sich vorzüglich auf den Adel Ungarns, der, nur mit wenigen Ausnahmen, Leben und Gut der Sache der Freiheit geopfert und überall als Vorkämpfer in den Reihen der vaterländischen Armeen gestanden hatte.
Mit der Uebergabe des Görgey'schen Corps fiel eine große Anzahl junger ungarischer Edelleute in die Hände der übermüthigen Sieger, und alle, die als höhere Officiere dem Vaterlande gedient, wurden als gemeine Soldaten in die Reihen der österreichischen Truppen gestellt, um so als willenlose Werkzeuge der Verfolgung benutzt zu werden.
Aber nicht allein den Männern der Revolution galt diese Verfolgung, sondern auch den Frauen, die durch anfeuernde Worte und Geldsummen in dem großen Befreiungskampfe mitgewirkt hatten. Zu diesen Frauen gehörte vor allen die junge Gräfin Thekla Andrasy, die als Herrin eines großen Vermögens die hervorragendste Rolle gespielt hatte. Der große Sieger proscribirte die junge Gräfin und setzte einen Preis von dreitausend Ducaten auf ihren schönen, und wie viele versichern, reizenden Kopf, da sie sich durch die Flucht dem Schicksale ihrer Gesinnungsgenossen entzogen hatte, während ihre Güter der Krone Oesterreichs anheimfielen.
Um dieselbe Zeit, als die Proclamationen des neuen Gouverneurs von Ungarn die Städte erfüllten und eine genaue Personalbeschreibung der flüchtigen Gräfin lieferten, die das Mitleid und die Segenswünsche aller Ungarn begleiteten, verbreitete sich in Semlin das Gerücht, Thekla Andrasy habe sich hierher gewendet, um bei günstiger Gelegenheit auf türkisches Gebiet zu entkommen, das ein großer Theil politischer Flüchtlinge vor Absperrung der Grenze bereits erreicht hatte.
In dem Hause des Apothekers ward nur oberflächlich dieses Gerüchtes erwähnt, da seit der Wendung der Dinge Herr Czabo mit seinen schwarz-gelben Gesinnungen förmlich prahlte und alles zum Henker wünschte, was die unglückliche Revolutionsparthei bedauerte. Außerdem auch hatte ihn ein Zufall betroffen, der eine Störung in seinem Hauswesen herbeigeführt, dessen regelmäßiger Gang ihm ebenfalls so sehr am Herzen lag, als die Regelmäßigkeit der alten Staatsmaschine.
Die alte Meta, seine Haushälterin, die schon längere Zeit an einem Augenübel litt, stand auf dem Punkte blind zu werden, und der Arzt, der einer Augenheilanstalt vorstand, hatte erklärt, daß die Sehkraft der treuen Dienerin noch zu retten sei, wenn sie unverweilt sich einer Kur in der Anstalt unterzöge, die freilich einige Monate dauern könne.
Meta hatte also das Haus verlassen und ein Stübchen in der Anstalt bezogen, die auf einer freundlichen Wiese neben der Stadt lag.
Ein alter Fischer der Save, Namens Lajos, den zufällig ein Geschäft in das Haus des Apothekers führte, als Meta sich anschickte, es zu verlassen, bot Herrn Czabo seine Nichte zum Dienste an; sie sei, hatte er hinzugefügt, ein schmuckes Mädchen von zweiundzwanzig Jahren und eigens nach der Stadt gekommen, um sich eine Herrschaft zu suchen, da ihre vorige aus politischen Gründen flüchtig geworden wäre.
Kathi, so hieß die Nichte des Fischers, stand also seit zwei Tagen im Dienste des Herrn Czabo, der, beiläufig gesagt, die schmucke Dienstmagd gern sah, obgleich ihr die Arbeit nicht flink genug von der Hand wollte und Netti sich mehr als sonst der Sorge um die Wirthschaft unterziehen mußte.
Es war an demselben Tage, an dem die Ausschreibung des Preises auf den Kopf der Gräfin Andrasy an den Ecken der Straßen von Semlin aushing, als der Advokat Ferenz, erschüttert von der neuen Tyrannei der Sieger, sein Zimmer betrat und sich mißmuthig in den Sessel vor seinem Arbeitstische warf. Wohl eine Viertelstunde sah der junge Mann starr vor sich hin und sein Geist schien dem Orte entrückt zu sein, wo der Körper sich befand. Plötzlich griff er in die Seitentasche seines Rockes und holte ein zierlich gesticktes Taschenbuch, ein Geschenk seiner Netti, daraus hervor. Ohne Säumen zog er den Stift, der die Blätter zusammenhielt, aus den feinen goldenen Oesen, öffnete und las mit halb lauter Stimme, aber mit großer Begeisterung, folgende Verse:
Und in den Straßen wogte das Gedränge Des wuthentbrannten Volkes, das empört In unabsehbar, fürchterlicher Menge, Den Tigern gleich, die Durst nach Blut verzehrt, Das Stadthaus droh'nden Blicks umschlossen hielt – Und Schrecken, überall, wohin man sah – Der Ausbruch eines Bürgerkriegs war da! Noch fehlte nur ein Führer, der mit Kraft Den rechten Geist im rohen Volke schafft – Da stand urplötzlich eine hohe Frau – – –
– Herrlich, vortrefflich! unterbrach sich der Leser. O wenn ich in dieser Begeisterung vollenden könnte, wenn sie nur heute nicht durch Nebenumstände unterbrochen würde! Es ist auch wahrhaftig nicht leicht, eine Heldin wie die Gräfin Thekla Andrasy zu besingen, den großen Charakter dieser Jungfrau zu malen, die den Muth eines Generals entwickelt, ohne die eigenthümliche Grazie ihres Geschlechtes zu verletzen. Aber eben diese Schwierigkeit verdoppelt meine Kräfte und ich besinge sie. Soviel steht fest, fuhr er mit Begeisterung fort, daß mein Gedicht unter den obwaltenden Verhältnissen ein kühnes Unternehmen ist, denn wie viele mußten in der jüngsten Zeit ähnliche Wagnisse mit dem Leben büßen – Und wenn man entdeckte, daß ich, ein einfacher Advokat von Semlin, es wagte, den Ruhm einer edeln Verbannten zu besingen, die von der Regierung für eine Hochverrätherin und von trägen, filzigen Philistern für ein überspanntes Weib gehalten wird – was würde man denken? Und vor allen mein künftiger Schwiegervater? Er ist zwar ein respektabler Apotheker, ein herzensguter Mann – aber ein Feind des Fortschrittes, ein Feind der Freiheit und Unabhängigkeit. Ich muß indeß seine Schwachheit ehren, denn bald, fügte er mit einem zärtlichen Blicke auf das Taschenbuch hinzu, bald werde ich sein Schwiegersohn. Ach, Netti, Du wirst meine poetische Begeisterung würdigen und mein Werk verstehen, Du wirst stolz darauf sein, daß ich für eine so edle, unglückliche Jungfrau meine Stimme erhebe, denn alle scheinen sie verlassen zu haben, selbst ihr Oheim, der jetzt kaiserlicher Minister ist. Ihre Freunde sind theils geflüchtet, theils gefangen, theils durch ein Kriegsgericht zum Schweigen gebracht – und sie, das zarte, edle Mädchen, irrt in dem eigenen Vaterlande flüchtig durch die Steppen, verfolgt von fremden Soldatenhorden, welche die österreichische Ohnmacht zu Hülfe rief.
Wohlan denn, mögen alle sie verlassen und verdammen, ich allein will es wagen, sie zu besingen, – ja, sie soll die Heldin meiner Verse sein! Ich kenne sie nur nach einem unvollkommenen Gemälde, das ich in der Gallerie eines ihrer Schlösser sah – aber noch glaube ich den sanften und doch so stolzen Blick zu sehen, noch schwebt mir die anmuthgeschmückte Stirn vor den Blicken. Wenn der Maler das Urbild nicht erreichen konnte, soll es der Dichter – ich will das Gemälde vollenden, beseelen!
Der junge Mann nahm den Stift wieder zur Hand, stützte den Kopf auf den linken Arm, sann einige Augenblicke nach und begann zu schreiben:
– Da stand urplötzlich eine hohe Frau, Wie einst Johanna d'Arc im Volksgewühl, Die Menge ward begeistert – –
Ein Klopfen an der Thür unterbrach den Dichter. Rasch verbarg er das Buch in seiner Tasche und rief »herein!«
Herr Czabo trat ein.
Der Apotheker trug einen schwarzen Frack, schwarze lange Beinkleider, eine weiße Weste und ein weißes Halstuch. Eine feine goldene Brille, die er nur dann auf die Nase herabrückte, wenn er ein Recept zu lesen hatte, lag vor der hohen, glänzenden Stirn. In dieser Kleidung sah man ihn täglich in der Apotheke.
– Guten Tag, lieber Sohn! rief freundlich der Greis – störe ich?
– O nein, Herr Czabo, sagte Ferenz, indem er aufstand und dem Ankommenden entgegentrat – der Vater meiner Netti stört nie, selbst bei den dringendsten Geschäften.
Die beiden Männer gingen in dem Zimmer auf und ab.
– Geschäfte gehen allem vor, sagte der Apotheker im Tone des Vorwurfs, selbst der Braut und dem Schwiegervater.
– Sie kennen ja doch die allgemeine Stockung der Geschäfte, antwortete lächelnd der Advokat – wenn ich mich nicht mit Privatarbeiten beschäftigte, hätte ich jetzt Langeweile.
– Ein fürchterlicher Wurm, der tödtet! rief der Apotheker. Ich habe eine Arbeit für Dich.
– Einen Proceß?
– O nein; ich hatte nur einen Proceß in meinem Leben, den Du mir so glorreich gewinnen halfst – aber trotzdem ich ihn gewonnen, möchte ich um die Welt keinen zweiten wieder erleben, ich hasse die Processe, wie die Langeweile.
– Nun, was ist es denn?
– Niklas, mein Zögling und Provisor hat seit einiger Zeit meine Bücher dergestalt vernachlässigt, daß sie einer gründlichen Durchsicht bedürfen. Willst Du Dich nach Tische diesem Geschäfte unterziehen?
– Gern, bester Vater. Wie kommt es nur, daß der sonst so pünktliche junge Mann – –
– Soll ich es Dir sagen, Ferenz? sagte lächelnd Herr Czabo.
– Nun?
– Ich glaube, Deine Heirath mit meiner Netti, die bei der Wiederkehr des Friedens in naher Aussicht steht, hat dem armen Menschen den Kopf etwas verdreht. Er ist ein guter Junge, weiß seine Medicamente zu präpariren – ich muß aber aufrichtig bekennen, daß es mir lieb ist, ihn durch Dich ausgestochen zu sehen, weil Niklas kein Mann für meine Tochter ist.
– Bester Vater, rief der Advokat, ich werde Ihr Zutrauen zu rechtfertigen wissen, ich fühle, daß ich Kenntnisse und Kraft besitze, eine gute Carriere zu machen, und wem steht ein glänzenderer Weg offen, als einem Rechtsgelehrten?
Der Apotheker blieb stehen und sah seinen künftigen Schwiegersohn mit großen Augen an.
– Wie, rief er erstaunt aus, willst Du vielleicht einen ähnlichen Weg einschlagen, wie jener Kossuth, der nichts Geringeres beabsichtigte, als durch eine Revolution gegen das angestammte Kaiserhaus sich zum Könige von Ungarn zu machen? Mensch, nimm Dir sein Schicksal zur Warnung, jetzt irrt er als Vagabond durch die Länder – das wäre mein König!
– Bester Vater, er war doch ein muthiger Mann, wandte der Advokat ein.
– Ein Schreihals, ein verdrehter Kopf war er, den man glücklicherweise beseitigt hat. O mein Gott, was hat dieser Mensch für Unglück angerichtet! Und wer schloß sich ihm an? Nur Leute, die nicht wußten, was sie wollten – lüderliche Menschen, die keine Lust zur Arbeit hatten und keine Steuern bezahlen wollten. Der gute Bürger, mein Freund, muß immer zahlen, ohne widerspenstig zu sein, vorzüglich, was er dem Staate schuldet, dann leben wir in Ruhe und Frieden und die Geschäfte gedeihen. Gott sei Dank, rief er aus und hob sein schwarzes Käppchen empor – Gott sei Dank, daß der Herr Generalfeldzeugmeister Herr im Lande geblieben ist und die verwünschten Rebellen verjagt hat! Ich hoffe, er wird sie noch alle erwischen, damit jeder Keim zur Empörung ausgerottet wird. Wenn er nur so glücklich wäre, die Gräfin Andrasy dahin zu bringen, wohin sie gehört.
– In diesem Falle müßte er doch ihrer erst habhaft werden, sagte lächelnd der Advokat.
– Allerdings! Das weiß ich auch! Sie entschlüpft ihm aus der Hand wie ein Aal – doch nur Geduld, wenn sie es jemals wagen sollte, nach Semlin zu kommen, sollen ihre Abenteuer bald zu Ende sein, denn wir sind alle dem rechtmäßigen Kaiser mit Leib und Seele ergeben. Selbst Niklas ist schwarz-gelb gesinnt, er ist in politischer Beziehung stets meiner Meinung und um dem Kaiser zu dienen, sind wir zu allem fähig. Und vorzüglich jetzt muß ich doppelten Eifer beweisen – –
– Jetzt – warum jetzt? fragte der Advokat.
– Weil ich heute bei der neu errichteten Schutzwache unserer Stadt zum Kommandanten gewählt worden bin!
– Ah, ich gratulire, mein bester Czabo!
– Danke! antwortete stolz der Apotheker, indem er würdevoll sein schwarzes Käppchen mit zwei Fingern emporhob. Morgen ist die erste Parade, bei der ich in vollem Glanze erscheinen werde – ich habe heute noch soviel zu besorgen, daß ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht.
– Ihre Bücher werde ich nach Tische berichtigen, machen Sie sich deshalb keine Sorgen – und was das Hauswesen anbetrifft, so wird Netti – –
– Ach ja, die hilft soviel sie kann, sie ist meine kleine Haushälterin – wird aber nun bald die Deinige werden. Ach, wenn ich doch meine alte Meta noch hätte! Kathi, die seit zwei Tagen in meinen Diensten steht, ist ein Landmädchen, ein sehr hübsch gewachsenes Landmädchen – ich habe auch sonst nichts auf sie zu sagen; aber sie kann und weiß nichts. Ihr Vetter Lajos, der Fischer, auf dessen Empfehlung ich sie genommen habe, hat mir es vorhergesagt – da fällt mir etwas ein!
– Nun? fragte der Advokat, der eine wichtige Neuigkeit erwartete.
– Dieser Lajos ist so schwarz-gelb, daß ich mich recht innig über den alten Mann gefreut habe.
– Wie, ein Fischer kaiserlich gesinnt?
– Kaiserlich durch und durch! Deshalb habe ich ihm auch erlaubt, daß er in dem Arme der Save, der meinen Garten hinter dem Hause begrenzt, nach Gefallen fischen kann, denn die Strecke des Flusses an meinem Grundstücke ist mein Eigenthum. Wenn er nun einen Hecht oder einen schlanken Aal erwischt, so bringt er sie mir – doch nun komm, mein Freund, es wird Zeit zum Mittagessen sein – vorher will ich noch einmal in der Küche nachsehen, ob Kathi keine Dummheiten begangen hat.
Die beiden Männer stiegen die Treppe hinab und traten in das freundliche Wohnzimmer, wo Netti beschäftigt war, den Tisch zu decken.
Die Tochter des Apothekers war ein schönes, blühendes Mädchen von ein und zwanzig Jahren. Ihre Gestalt war schlank, nicht üppig, aber wohlgeformt. Ihr dunkelbraunes Haar hing in zwei langen Flechten über den Rücken herab, während es auf der weißen Stirn sich in einem einfachen Scheitel theilte. Das große blaue Auge, von dunkeln Augenbrauen bedeckt, strahlte freundliche, milde Blicke und verrieth einen nicht gewöhnlichen Grad weiblicher Bildung. Ihre Wangen, die bei jeder Bewegung der frischen Lippen niedliche Grübchen zeigten, waren von einer leichten Röthe gefärbt, die zu dem weißen Teint des zarten ovalen Gesichts einen lieblichen Kontrast bildeten. Ein einfaches dunkelblaues Kleid umschloß die schlanke Taille der Braut des jungen Advokaten.
– Netti, sagte Ferenz zärtlich, indem er ihre Hand ergriff und sie an seine Lippen zog – es kostet Mühe, Sie heute zu sehen!
– Sie haben Recht, antwortete das junge Mädchen mit einer weichen, wohlklingenden Stimme – mein guter Vater hat heute soviel Geschäfte, daß ich ihm ein wenig helfen muß.
– Netti, rief Herr Czabo im Tone des Vorwurfs – Du läßt Kathi allein in der Küche, die von der edeln Kochkunst so wenig versteht – Du hast ihr doch gesagt, daß der Braten – –
Das junge Mädchen trat zu dem Vater und ergriff seine Hand, als ob sie seinen aufkeimenden Unwillen rasch besänftigen wollte.
– Gewiß, lieber Vater! sagte sie bittend – Kathi ist noch unerfahren und an unsere Hausarbeit nicht gewöhnt – haben Sie ein wenig Nachsicht mit ihr – bitte, mein guter Vater! Es ist nicht ihre Schuld – sie ist nicht einen Augenblick aus der Küche gekommen.
– Wie, rief aufbrausend der Apotheker, ist etwas mit dem Braten vorgefallen?
– Wenn ich nicht darauf geachtet hätte – er wollte anbrennen!
– Ach, mein Gott, wie ist doch ein armer Wittwer zu beklagen! Ein so herrlicher Braten, bei dem ich heute Mittag mein Avancement zum Kommandanten der Schutzmannschaft feiern wollte! Warum mußte auch meine alte Meta blind werden, die hätte es gewiß nicht geschehen lassen! Nein, das ist unverzeihlich, ich werde auf der Stelle – –
– Vater, sagte Netti schmeichelnd, indem sie ihn sanft bei der Hand zurückhielt, wollen Sie mir etwas versprechen?
– Was?
– Zürnen Sie der armen Kathi nicht, sie ist so ängstlich, daß sie kaum noch weiß, was sie thut.
– Sie ist ängstlich?
– Ja, vor Ihrem Unwillen!
Der Apotheker sah seine Tochter einen Augenblick an.
– Gut, antwortete er plötzlich beruhigt, ich will diesmal noch schweigen, wenn es aber wieder geschieht –
– Es wird nicht wieder geschehen!
– Kathi ist noch jung – glaubst Du, daß wir sie für unsern Haushalt werden bilden können?
– Gewiß, mein Vater, versicherte Netti.
– Gut, Netti, besorge Du den Tisch, ich werde in die Küche gehen, um das arme Mädchen zu beruhigen.
Herr Czabo schob seine goldene Brille von der Stirn auf die Nase herab und verließ still lächelnd das Zimmer.
Er schlug den Weg nach seiner Küche ein.
Als Netti sich nach ihrem Bräutigam umsah, saß er in einer Ecke des Sopha's, hielt sein Taschenbuch in der Hand und war in tiefes Nachsinnen versunken. Der junge Mann schien von der ganzen Unterhaltung zwischen Vater und Tochter nicht ein Wort gehört zu haben.
– Nun, fragte Netti lächelnd, woran denken Sie, lieber Ferenz?
Der Angeredete fuhr empor und verbarg sein Taschenbuch.
– Verzeihung, Netti, ich dachte an Sie, an unser Glück!
– Oder vielmehr an das, was Sie so oft beschäftigt – fügte sie sanft hinzu – an Ihre Verse. Habe ich Recht?
– Netti! rief der Advokat.
– Es soll kein Vorwurf sein, lieber Ferenz – fuhr Netti mit einer unbeschreiblichen Anmuth fort – ich bin weit entfernt, mich darüber zu beklagen. Sie besitzen Geist und Talent und Ihre schönen Verse haben mich oft erfreut – vernachlässigen Sie die edle Dichtkunst nicht; doch denken Sie dabei auch an Ihre Netti.
– Immer, immer, meine geliebte Braut! rief feurig der junge Mann, indem er sanft seinen Arm um ihre Taille schlang und einen zarten Kuß auf ihre weiße, schöne Stirn drückte.
– Ferenz, lispelte Netti, ich werde stolz sein, Ihre Frau zu heißen!
– Und ich der glücklichste der Menschen, Ihr Mann zu sein!
Beide vollendeten jetzt das Arrangement des Mittagstisches.
2.
Herr Czabo war indeß in die Küche gegangen.
Der Apotheker schien etwas mehr zu beabsichtigen, als die neue Köchin wegen des angebrannten Bratens beruhigen zu wollen.
Leise öffnete er die Thür, aus der ihm ein Duft entgegenquoll, der das erste Zeugniß von Kathi's Versehen ablegte. Herr Czabo rümpfte die Nase, aber er schwieg.
Kathi stand an dem Heerde und fachte mit einem Blasebalge das Feuer an, daß es laut knisterte. In den Töpfen, die auf dem Heerde standen, rauschte und zischte es, als ob Wasser mit siedendem Oele gemengt sei. Die Köchin bemerkte den Eintritt ihres Herrn nicht sogleich, der ruhig an der Thür stand und mit einem gewissen Wohlgefallen das junge Mädchen beobachtete.
– Kathi, sagte er nach einer Minute, wie steht es mit dem Mittagessen?
Das junge Mädchen hing den Blasebalg an einen Nagel in der weißen Wand.
– Es kann angerichtet werden, Herr, antwortete sie in einem Tone, der umsonst einen leichten Schreck zu verbergen suchte.
Herr Czabo sah durch seine Brille auf die hübsche Köchin, als ob er ein Recept lesen wollte. Dann holte er eine kleine silberne Dose aus der Tasche und nahm behaglich eine Prise.
Die Köchin des Apothekers war auch in der That von einer auffallenden Schönheit. Sie trug einen kurzen rothen Friesrock mit schwarzem Bande besetzt, ein hellgraues wollenes Mieder mit kleinen runden Zinnknöpfen und ein kleines blaues Tuch, das den schlanken runden Nacken und den üppigen Busen nicht völlig bedecken konnte. Das starke, glänzend schwarze Haar vermochte die braune Mütze kaum zu fesseln, es fiel aufgelös't an beiden Schläfen herab und bedeckte wie ein spielender Schatten die Theile des schneeweißen Busens und der glänzenden Schultern, die das Tuch nicht zu verhüllen vermochte. Das feine, blühende Gesicht, etwas von Ruß geschwärzt, erglühte hochroth von der Hitze des Feuers, das die zwar schwarzen, aber wohlgeformten kleinen Hände zu unterhalten suchten. Die kurzen Aermeln des Mieders lagen so fest um den vollen runden Arm, daß sie bei jeder Bewegung zu zersprengen drohten. Weiße Strümpfe und schwarze Schuhe bekleideten ein Paar Füße, die an Zierlichkeit und Elasticität denen einer Tänzerin zu vergleichen waren. Kurz, die ganze Gestalt der Köchin war von der Natur mit einer Ueppigkeit ausgestattet, daß man sich über Herrn Czabo nicht wundern konnte, wenn er seinen angebrannten Braten darüber vergaß.
Kathi war eine zweite Aschenbrödel, die unter dem rußigen Küchengewande eine seltene Schönheit verbarg. Und was den Reiz noch erhöhte war der Umstand, daß Kathi sich ihrer körperlichen Vorzüge kaum bewußt zu sein schien.
– Kathi, begann der Apotheker, indem er auf seiner Dose trommelte – weißt Du, daß heute ein wichtiger Tag für mich ist?
– Nein, Herr Czabo! antwortete im Dialect der Landleute die Angeredete, ohne sich in ihrer Beschäftigung unterbrechen zu lassen.
– Es hat sich seit einigen Tagen eine Schutzmannschaft in unserer Stadt gebildet, um den flüchtigen Rebellen entgegenzutreten, die jetzt häufig Semlin passiren, die nahe türkische Grenze zu erreichen. Mich hat man zum Kommandanten für dieses Stadtviertel ernannt.
Kathi sah mit ihren großen, seelenvollen Augen den Apotheker an, wie es schien erschreckt.
– Wundert Dich das? fragte Herr Czabo.
– Nein.
– Und doch scheint es so?
– Ich freue mich, daß der junge Kaiser in Semlin so treue Unterthanen hat.
– Wahrhaftig? So sind wir von gleicher politischen Farbe. Gefällt es Dir in meinem Hause?
– Gewiß, Herr Czabo. Sie sind sehr freundlich und Ihre Tochter ist die Güte selbst. Was kann eine arme Dienstmagd von ihrer Herrschaft mehr verlangen?
– Eine arme Dienstmagd? Ich meine, Du besitzest genug, um nicht für arm zu gelten.
– Ich bin so arm, lieber Herr, daß ich es kaum zu sagen vermag.
Der Apotheker trat dem jungen Mädchen näher und faßte sie scharf, aber freundlich in's Auge.
Kathi wich betroffen einen Schritt zurück und wandte sich rasch zu den Töpfen auf dem Heerde.
– Fürchtest Du Dich vor mir, Kathi?
– Der Braten, Herr – –
Kathi bückte sich, um ein Stück Holz aufzuheben. Das Tuch verschob sich durch diese Bewegung und Herr Czabo sah die nackte, schöne Schulter der Köchin.
– Kathi!
– Herr Czabo!
– Sieh' mich an, ich meine es gut mit Dir.
Bei diesen Worten ergriff er den Arm des jungen Mädchens, so daß es ihn ansehen mußte. Des Apothekers Gesicht schwamm in einem Meere von Freundlichkeit.
– Kathi, sei offen – was fehlt Dir? Aengstigt Dich etwas?
– O nein.
– Und doch glaube ich es zu errathen.
– Sie, Herr Czabo?
– Dein Vetter Lajos ist ein alter Bekannter – –
– Lajos – war er bei Ihnen?
– Ich meine nur, er kann es mir sagen.
– Das glaube ich nicht, sagte Kathi mit einem schmerzlichen Lächeln.
– Und wenn er es mir schon so halb und halb gesagt hätte?
Aus Kathi's Augen blitzte ein seltsamer Strahl und ihr Kopf hob sich hoch empor.
– Lajos, rief sie, unmöglich!
Herr Czabo wunderte sich einen Augenblick über den Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden.
– Ei, mein Kind, sagte er mit einem feinen Lächeln, fürchtest Du, daß Dein Geheimniß verrathen werde?
Der Köchin Gesicht nahm den vorigen Ausdruck wieder an.
– Herr, ich habe keine Geheimnisse.
– Du liebst – nicht wahr? Unglücklich?
– Sie haben Recht, Herr Czabo, sagte Kathi lächelnd, indem sie zu ihren kleinen Füßen hinabsah.
– Und wer ist denn dieser glückliche Mann?
– Das kann ich nicht sagen.
– Ist er jung?
– Sehr jung.
– Reich?
– Sehr reich.
– Soldat?
– Von hohem Range.
– Ah, ich verstehe! rief Herr Czabo. Er diente wohl im Heere der Rebellen und ist jetzt flüchtig oder gar erschossen oder erhängt? Mein Kind, mit einem Rebellen mußt Du es nicht halten, diese Leute haben alle keinen guten Charakter.
– Sie irren, Herr Czabo, er ist kein Rebell.
– Nun, so sage es endlich, wer ist es?
– Unser junger Kaiser!
– Mädchen, rief erstaunt der Apotheker, bist Du toll? Doch es freut mich, daß Du nicht zu den sinnverwirrten Frauenzimmern gehörst, die sich an Rebellen und schlechte Mannsbilder hangen. Du bist ein loyales Mädchen und sollst so lange in meinem Hause bleiben, als es Dir gefällt.
– Ich danke, Herr Czabo!
– Hier nimm, fügte er hinzu, indem er eine Börse mit Geld aus seiner Tasche zog – es ist Dein halbjähriger Lohn im Voraus – kaufe Dir Kleider, oder was Du sonst gebrauchst, ich habe es gern, wenn meine Domestiken hübsch gekleidet gehen.
Ohne sich länger zu besinnen, ergriff Kathi die Börse.
In diesem Augenblicke ertönte ein Marsch von Trommeln durch die Straße. Als ob der kriegerische Schall sie wie ein Blitzstrahl berührt hätte, ließ Kathi die kaum empfangene Börse mit einem leisen Schrei des Schreckens zu Boden fallen, wobei sich ihre Blicke starr auf das Fenster hefteten, das nach der Straße hinaus ging.
Der Apotheker war selbst auf einen Augenblick verblüfft, er schob seine Brille vor die Stirn und starrte ebenfalls nach dem Fenster.
Ein Regiment österreichischer Infanterie in weißen Uniformen, blauen Hosen und großen Bärenmützen marschirte an dem Hause des Apothekers vorüber.
– Kaiserliche Soldaten! rief Herr Czabo, öffnete ein Fenster und sah mit großem Interesse dem kriegerischen Schauspiele zu. Jeder Andere würde sich über die hinkenden Teufel geärgert oder sie bemitleidet haben – Herr Czabo aber rief entzückt aus:
– Wie herrlich! Da kommen die Helden, die das Land erhalten! Ihr edeln Krieger, die Ihr muthig Euer Blut verspritzt für die gerechte Sache, für das milde, gerechte angestammte Kaiserhaus, für Ruhe und Ordnung im Lande – seid willkommen! Es lebe der Kaiser! Der Vater des Vaterlandes! Der hoffnungsvolle Jüngling!
Und rechts und links in der Straße fanden des Apothekers Ausrufungen ein lebhaftes Echo, man sah selbst weiße Tücher aus den Fenstern flattern, geschwungen von alten Weibern mit Hornbrillen auf den zusammengeschrumpften Nasen und Hunde oder Katzen zärtlich an ihre Brust drückend.
– Gott sei Dank, rief der Apotheker, daß wir endlich wieder Soldaten in unsern Mauern haben, nun kann man sich doch ruhig zu Bett legen und ruhig wieder aufstehen. Es lebe der Kaiser!
Kathi schien die Begeisterung ihres Herrn für das angestammte Kaiserhaus nicht zu theilen, der Anblick der Soldaten schien einen tiefen Eindruck auf sie ausgeübt zu haben.
Unbeweglich stand sie an der Seite des Fensters und sah mit schmerzlichen Blicken die weißen Krieger vorüberziehen.
Die Straße war nicht breit, so daß die äußern Rotten des Regimentes dicht an den Häusern marschirten.
Ein junger Mann mit gebräuntem Gesichte und einem großen vollen Barte sah das hübsche Mädchengesicht – rasch trat er einen Schritt seitwärts aus dem Gliede, streckte die Hand aus und trommelte eine Secunde mit den Fingern an der Stelle der Fensterscheibe, wo sich Kathi's Gesicht zeigte.
Mit einem unterdrückten Schrei der höchsten Ueberraschung oder des Schreckens fuhr die Köchin zurück und verbarg sich hinter der Wand.
In demselben Augenblicke mußte der junge Soldat seinen Scherz büßen: ein Korporal hob seinen langen Stock und führte einige derbe Schläge auf die Beine des Kriegers, der für seinen Kaiser in die Schlacht zog, um ihm den Thron zu erhalten.
Diese Aufrechterhaltung strenger Mannszucht sahen die beiden Personen in der Küche nicht mehr, nur die Hunde und alten Weiber in den Fenstern der Häuser hatten Gelegenheit, sich darüber zu wundern.
– Kathi, rief Herr Czabo, Du zitterst ja am ganzen Körper!
– Es ist nichts, Herr, der übermüthige Soldat hat mich ein wenig erschreckt.
Der Apotheker trat mitleidig zu seiner Köchin und streichelte ihr sanft die Wangen. Fast wäre er in laute Bewunderung ausgebrochen über die Zartheit der weichen Haut, das hatte er nicht erwartet.
– Sei nur ruhig, sagte er fast stammelnd, ich bin ja Kommandant dieses Stadtviertels, es soll Dir niemand etwas zu Leide thun. Und wenn ich meine Sorge für Dich etwas mehr ausdehne, als ich sonst für meine Mägde gethan, so bedenke, daß ich Wittwer bin und niemandem Rechnung von meinen Handlungen schulde. Hörst Du, Kathi, vergiß nicht, daß ich Wittwer bin!
Noch einen freundlichen Blick warf er auf die erschreckte und erstaunte Magd, dann verließ er die Küche.
Nach einer Viertelstunde hatte Netti mit Kathi's Hülfe die Speisen aufgetragen und Herr Czabo setzte sich mit seiner kleinen Familie zu Tische.
Kathi saß in der Küche auf einer Bank und hielt sinnend ihren Kopf in der Hand.
3.
Es war drei Uhr Nachmittags.
Ferenz war in seinem Zimmer mit dem Ordnen der Rechnungsbücher beschäftigt und Herr Czabo befand sich in dem Verkaufslocale, weil um diese Zeit Niklas, der Apothekergehülfe, die Geschäfte in dem Laboratorium besorgte.
Netti saß in dem Wohnzimmer und arbeitete an einer Stickerei, wobei sie dann und wann einen Blick in die Straße warf, in welcher Soldaten mit Zetteln in der Hand auf und abgingen, ihre Quartiere zu suchen.
Plötzlich ließ sich ein leises Klopfen an der Thür vernehmen. Das junge Mädchen mochte es nicht gehört haben, denn sie sah nur dann erst von ihrer Arbeit auf, als die Thür sich öffnete und ein langer, magerer Mann eintrat.
Man denke sich eine ungewöhnlich lange Gestalt mit bleichem Gesicht, dessen Backenknochen hoch emporragen, mit einer fast durchsichtigen großen Adlernase, großen grauen Augen, hellblondem Haare, mit breiten, langen Händen und Füßen, einem linkischen Benehmen, wie es Leuten von dieser Körperbildung eigen zu sein pflegt – angethan mit abgetragenen bürgerlichen Kleidern, die nicht mehr passen, und einer grünen wollenen Schürze, so hat man ungefähr ein Bild von dem Gehülfen des Herrn Czabo, der zu Netti in das Zimmer trat.
Unter verlegenem Lächeln stammelte der Eingetretene einige unverständliche Worte, die, wie es schien, einen Gruß bedeuten sollten.
Netti kannte die zarten Gefühle des langen Niklas und bedauerte ihn von Herzen – deshalb sah sie ihn freundlich an und fragte in einem sanften, fast bewegten Tone:
– Was meinen Sie, lieber Herr Niklas?
Die freundlichen Worte des jungen Mädchens hatten dem Schüchternen Muth eingeflößt.
– Was ich meine? fragte er laut.
– Nun ja!
– Soll ich es Ihnen offen bekennen, liebe Netti?
– Ich bitte darum, wenn Sie anders gekommen sind, mit mir zu reden.
Als ob die Verzweiflung seinen Muth noch erhöhte, holte er tief Athem und sagte in einem weinerlichen Tone:
– Ich meine, daß ich nicht mehr weiß, was ich meine, noch was ich thue. Ich dachte so eben über Pferde-Arznei-Kunde nach, denn ich stand im Begriffe, acht Gran Brechpulver anstatt vier in ein Paket zu thun. Ich zittere, wenn ich an die Wirkung denke! So kann das nicht mehr gehen, liebe Mamsell Netti, ich muß Abschied von Ihnen nehmen!
Niklas ließ den Kopf sinken und trocknete sich mit der grünen Schürze die Stirn, als ob ihm dieses Geständniß blutsauer geworden wäre.
– Himmel, rief Netti erschreckt, was fällt Ihnen ein? Sie wollen unser Haus verlassen?
– Glauben Sie denn, daß ein Apotheker kein Herz im Leibe hat? Im Gegentheil, dieses Organ des menschlichen Körpers ist bei ihm sehr gefühlvoll – dies ist wenigstens die Meinung Ihres Herrn Vaters, denn er erlaubte mir, sanfte Gefühle zu hegen, die, die – –
Niklas konnte keine Worte mehr finden, er ergriff abermals seine Schürze und trocknete sich die schweißtriefende Stirn.
– Mein Gott, was ist Ihnen denn? fragte Netti theilnehmend. Sind Sie krank?
– O nein, ich stampfte vorhin Senf in dem Laboratorium und dieses beißende Gewürz ist mir in die Nase gefahren – das ist alles, nun ist es schon vorbei.
– Das freut mich, lieber Herr Niklas.
– Darf ich fortfahren, Mamsell Netti?
– Ich bitte darum!
– Vor einer Stunde sprach ich einen Korporal von den kaiserlichen Soldaten, welche diesen Vormittag hier eingerückt sind.
– Nun? fragte Netti, die ihre Arbeit wieder ergriffen hatte.
– Der Korporal suchte Rekruten!
– In unserer Stadt?
– Ja! Korporal, sagte ich zu ihm, ich muß Ihnen gestehen, daß ich mich nicht mehr kenne – Korporal, wollen Sie mich?
Netti blickte von ihrem Stickrahmen auf und sah den Apothekergehülfen verwundert an. Dieser schien mit großer Spannung eine Antwort zu erwarten.
Eine Pause von einigen Secunden trat ein. Netti antwortete nicht.
– Herr Korporal, rief Niklas verzweiflungsvoll, ich will Soldat werden!
Netti schwieg immer noch.
– Herr Korporal, fuhr Niklas fort, ich will mich morden, das heißt, mit in die Schlacht ziehen, denn das ist eben so gut wie ein Selbstmord!
– Herr Niklas, rief Netti ängstlich, Sie wollen Soldat werden – was fällt Ihnen ein?
– Netti, rief der lange Mann, indem er seine Arme ausstreckte, Sie wollen mich zurückhalten?
– Das nun eben nicht, indeß – –
– Sie hält mich nicht zurück, flüsterte Niklas vor sich hin – das hätte ich nicht erwartet! Leben Sie wohl, Mamsell Netti, der Korporal hat mir sein Wort gegeben, ich bin angeworben!
Mit Thränen in den Augen verließ der verliebte und verzweifelnde Niklas das Zimmer. Noch hatte sich Netti von dem Schrecken über diese Scene nicht erholt, als sich plötzlich die Thür wieder öffnete und der Apothekergehülfe mit einem Korporal in weißer Uniform eintrat.
– Kommen Sie, Herr Korporal, rief er mit glühenden Augen, hier ist die Tochter des Hauses, wenden Sie sich an diese!
Ein junger, schön gewachsener Soldat mit einem vollen braunen Barte und feurigen schwarzen Augen stand vor der erstaunten Netti und hielt ein Quartierbillet in seiner Hand.
– Heil und Ehre den Schönen! sagte er mit einer wohlklingenden Stimme, indem er militairisch grüßte. Ein allerliebstes Kind! flüsterte er dem langen Niklas zu.
– Eine gefährliche Einquartierung, dachte Niklas, indem er den schönen Soldaten vom Kopfe bis zu den Füßen betrachtete.
Netti hatte ihren Platz verlassen.
– Verzeihung, mein Herr, – darf ich wissen wen ich die Ehre habe – –?
– Janos Esthi, mein schönes Kind, kaiserlicher Korporal im zwanzigsten Infanterie-Regimente. Es lebe der Kaiser! Es leben die Schönen! Es lebe der Krieg!
Mit einem Anstande, der den österreichischen Korporalen in der Regel nicht eigen zu sein pflegt, ergriff Janos Esthi Netti's weiche Hand und drückte ehrfurchtsvoll einen Kuß darauf, ohne daß es das junge Mädchen zu verhindern vermochte. Nicht ein Korporal, ein Officier höhern Ranges schien sich in dem Zimmer zu befinden.
– Herr Korporal! rief Niklas, der sich ärgerte, ihn bei Netti eingeführt zu haben.
– Ah, mein Rekrut! Ich sehe, mein junger Freund, Sie haben einen unbedingten Beruf für das Heldenhandwerk. Liebesgram – es ist klar! fügte er mit einem Seitenblicke auf Netti hinzu. O der kleine Gott mit der Binde vor den Augen ist der glücklichste Werber in allen Armeen der Welt!
– Herr Korporal, was sagen Sie da?
– Ich sage, daß Sie eine edle, kriegerische Physiognomie besitzen, daß Sie für den Ruhm geschaffen sind. Wahrhaftig, ich glaube in Ihnen den Kriegsgott zu erblicken, wie er für das Regiment angeworben wird. Nur eins ist mir unerklärlich, fügte der Korporal lächelnd hinzu.
– Und was? fragte Niklas.
– Daß ein so liebenswürdiger junger Mann Unglück in der Liebe haben kann. Bei Gott, man ist hier sehr difficil!
In Niklas Augen glänzte ein Hoffnungsstrahl, er hielt die Ironie des fröhlichen Korporals für Wahrheit.
– Wahrhaftig, sagte er vorwurfsvoll, ich begreife es auch nicht!
– Um den Schönen zu gefallen, fuhr Janos Esthi mit Galanterie fort, bedarf es nur einer Uniform und vorzüglich der meines Regimentes. Wenn man einmal darin steckt, hat man ununterbrochen Glück bei dem schönen Geschlecht.
– Ach, Herr Korporal, so haben Sie doch die Güte und stecken Sie mich hinein! rief eifrig der lange Mann.
– In die Uniform? Gut, verabredet und beschlossen. Ich habe Ihr Wort, alles Uebrige ist unnütz. Freuen Sie sich, junger Held, in dem Regimente der Ehemänner wären Sie vielleicht ein schlechter Soldat geworden, aber in dem meinigen werden Sie ein verführerischer Grenadier werden.
– Ich wäre doch lieber in das andere Regiment eingetreten, flüsterte Niklas vor sich hin und stieß einen tiefen Seufzer aus.
– Herr Niklas, sagte Netti, die ruhig in einer Fenstervertiefung gestanden und dem Gespräche der beiden Männer zugehört hatte – gehen Sie in die Apotheke und bitten Sie meinen Vater, daß er komme.
Niklas entfernte sich. Nach einigen Minuten trat Herr Czabo ein.
– Was wünschen Sie? fragte er grüßend den Korporal.
– Mein Herr, war die artige Antwort, hier ist mein Einquartierungsbillet. Es lebe der Kaiser!
Der Apotheker hob sein schwarzes Käppchen mit der linken Hand empor und reichte die rechte dem Soldaten.
– Bei diesem erhabenen Namen seien Sie mir willkommen! Ja, es lebe der Kaiser! Sie sind hier bei einem seiner wärmsten Anhänger und einem Soldaten, wie Sie – ich habe die Ehre, Kommandant der hiesigen Schutzwehr zu sein.
– Doppelter Grund, uns näher kennen zu lernen. Ihr Name, mein Herr?
– Istvan Czabo, Apotheker.
– Ein herrliches Geschäft! rief der Korporal. Nun, Herr Istvan Czabo, ist mein Quartier in Ordnung?
– Versteht sich. Sie sollen bei mir vollkommen zufrieden sein.
– Ich zweifle nicht einen Augenblick daran, sagte der Soldat mit einer nachlässigen Verbeugung. Gleich bei dem Eintritte wird das Riechorgan durch einen angenehmen Geruch gekitzelt, ohne die angenehmen Gegenstände zu berücksichtigen, die das Auge erfreuen.
– Ein galanter Soldat! dachte Herr Czabo.
– Fräulein Tochter? fragte der Sohn des Mars mit einer Protectormiene, die zugleich auch den Kenner verrieth.
– Ja, mein Herr!
Der Korporal wandte sich mit großer Unbefangenheit zu Netti.
– Fräulein Czabo ist der Inbegriff aller Vorzüge des schönen Geschlechts. Ich mache Ihnen mein Compliment!
Die Ungezwungenheit des Gastes schien dem Apotheker nicht zu behagen, er trat rasch zu seiner Tochter und sagte in einem unwilligen Tone:
– Herr Korporal, meine einzige Tochter Netti!
– Bei Gott, ein schöner Name! Aber noch schöner ist das Gesicht – –!
– Bitte, mein Herr, fuhr Czabo rasch fort – ich muß Ihnen bemerken, daß meine Tochter Braut ist und vielleicht in einigen Tagen schon ihre Verlobung feiert – mit einem braven jungen Manne. Sind Sie noch im Orte, so lade ich Sie hiermit dazu ein.
– Ich nehme die Einladung an. Wir trinken dann auf das Wohl des Kaisers.
– Und des wackern Generals Görgey! rief der Apotheker.
– Das Eine geht nicht ohne das Andere. Ich sehe, daß Sie – –
– Daß ich als Ungar eben so gut kaiserlich gesinnt bin, als Sie?
– Dazu gehört nicht viel! lachte der Korporal vor sich hin.
– Kathi, Kathi! rief der Apotheker durch die halbgeöffnete Thür.
– Gleich, Herr Czabo, gleich! hörte man die Stimme der Köchin im Hause rufen.
Der Korporal war zu Netti getreten und unterhielt sich halb leise mit ihr.
Kathi, die nach Tische ihre Toilette gemacht und den Ruß aus dem Gesichte und von den Händen gewaschen hatte, trat ein. Als sie den Korporal sah, der ihr den Rücken zuwandte, schwand auf einen Augenblick die Röthe ihres Gesichts, sie behielt jedoch äußerlich ihre Fassung.
– Kathi, befahl der Apotheker, hier ist der Schlüssel zu dem Garten und hier der zu dem Gartenhause. Arrangire sogleich das Zimmer darin und führe dann den Herrn dorthin, er wird es bewohnen.
– Kathi, rief Netti, ich werde Dich begleiten!
Der Korporal wandte sich und sah die Köchin, die zitternd an der Thür stand.
Als ob ein jäher Schlag alle seine Glieder gelähmt, stand er wie Lot's Salzsäule in der Mitte des Zimmers und starrte mit großen Augen die bebende Magd an. Kathi's Blicke hafteten eben so starr auf dem Soldaten. Sie fuhr mit der Hand über die Augen, als ob sie eine Wolke verwischen wollte.
– Thekla! flüsterte der Soldat.
– Himmel, er ist's! flüsterte das junge Mädchen.
Der gegenseitige Anblick der beiden Personen hatte einen tiefen Eindruck der Freude und des Schreckens hervorgebracht, sie behaupteten indeß mit großer Anstrengung dergestalt ihre Fassung, daß Herr Czabo und Netti nichts davon bemerkten.
Kathi und Netti verließen das Zimmer, um das Gartenhaus zum Empfange des Gastes vorzubereiten.
– Was ist Ihnen, Herr Korporal? fragte der Apotheker. – Sie sind ja plötzlich wie umgewandelt!
– Das bin ich, antwortete ernst der junge Mann.
– Und der Grund?
– Ihre liebenswürdige Tochter erinnert mich an eine Person, die meinem Herzen über alles geht.
– Haben Sie vielleicht eine Geliebte in der Heimath zurückgelassen?
– Sie haben Recht!
– Nun, tröstete Herr Czabo, so beruhigen Sie sich, der Krieg ist zu Ende, Sie werden sie gewiß bald wiedersehen!
Nach einer halben Stunde berichtete Netti, daß das Gartenhaus in Ordnung sei. Herr Czabo führte seinen Gast selbst dorthin. Ein freundliches Stübchen empfing den müden Krieger, ausgestattet mit allen Bequemlichkeiten. Der Abend begann zu dämmern, als der Apotheker den Korporal verließ.
Obgleich ermüdet von dem Marsche, litt es den jungen Mann dennoch nicht in dem Zimmer. Nachdenkend verließ er das Häuschen und begann durch die Wege des Gartens zu gehen, die der Herbst bereits mit gelbem Laube bedeckt hatte. Plötzlich hörte der Spaziergänger das Rauschen eines Flusses. Er durchschritt eine kleine Baumgruppe und eine ziemlich breite Wasserfläche blinkte ihm durch die Abenddämmerung entgegen. Das Ufer war flach ohne Gesträuch und mit Rasen bewachsen. Sinnend blieb der junge Mann stehen und gab sein glühendes Gesicht dem Luftzuge preis, der schneidend über die Wasserfläche kam. Nach und nach senkte sich ein dichter Nebel auf den Fluß und das Gesträuch des jenseitigen Ufers zeigte sich in phantastischen Gestalten, bis es endlich völlig verschwand.
Schon stand der Soldat im Begriffe, in sein Zimmer zurückzukehren, als sich Ruderschläge und das Rauschen eines Kahnes, der von dem entgegengesetzten Ufer zu kommen schien, anfangs leise und dann immer stärker vernehmen ließen.
Janos zog sich in die Baumgruppe zurück, die ungefähr zehn Schritte hinter ihm lag. Noch waren nicht fünf Minuten verflossen, als ein Kahn sich der Stelle des Ufers näherte, die er so eben verlassen hatte.
Ein Mann stieg aus. Vorsichtig befestigte er das Fahrzeug und nachdem er sich noch einmal überzeugt, daß der Strom es nicht losreißen konnte, schlug er den Weg nach der Baumgruppe ein. Erschreckt blieb der Mann stehen, als er die weiße Uniform erblickte.
– Wohin? fragte der Soldat.
– Zu Herrn Czabo, mit dem ich Geschäfte habe, war die Antwort.
Der Mann wollte seinen Weg fortsetzen.
– Halt! rief Janos.
– Was wollen Sie? fragte fest der Mann.
– Ich bin ein kaiserlicher Soldat.
– Das sehe ich. Es lebe der Kaiser!
– Doch wer sind Sie, der Sie in der Dunkelheit auf diesem ungewöhnlichen Wege zu meinem Wirthe wollen.
– Ich bin der Fischer Lajos, dessen Nichte bei Herrn Czabo als Köchin dient. Dies ist mein gewöhnlicher Weg, wenn ich sie nach vollbrachtem Tagewerk besuchen will – der Besitzer hat ihn mir gestattet.
– Lajos, sagen Sie? rief erstaunt der junge Mann. Wenn ich nicht irre, standen Sie vor zwei Jahren im Dienste der Gräfin Thekla Andrasy?
Dem Fischer schien vor Schrecken die Sprache vergangen zu sein.
– Und wenn es wäre? fragte er nach einer Pause.
– Dann würde ich Dir, mein alter Lajos als einem Freunde die Hand reichen. Kennst Du meine Stimme nicht mehr?
– Mein Gott, stammelte der Fischer, bei dem Namen der Gräfin steigt eine Erinnerung in mir empor – doch nein, ich kann es nicht glauben, – es ist nicht möglich! Ein Graf Esthi – –
– Steckt in der Uniform eines österreichischen Korporals, es ist die volle Wahrheit. Du weißt, ich diente als Oberst im Görgey'schen Corps –?
– Görgey! Görgey! knirschte der Fischer und hob beide Fäuste zum Himmel empor, als ob sie ein Krampf durchzuckte.
– Wir wurden verrathen und mußten die Waffen strecken, dann degradirte man uns zu gemeinen Soldaten und wir wurden den österreichischen Regimentern einverleibt. Seit drei Tagen hat man mich zum Korporal avancirt, weil mein Eifer im Dienst, den Du Dir bei der Bestimmung unseres Regimentes leicht erklären kannst, eine Belohnung erhalten sollte. Doch wir verplaudern die Zeit und denken nicht an das Wichtigste – – folge mir in das Gartenhaus, man könnte uns hier belauschen.
Nach einigen Minuten befanden sich die beiden Männer in dem Zimmer. Der Korporal zündete ein Licht an, das auf dem Tische stand.
– Ja, bei Gott, rief Lajos, als er das Gesicht des Soldaten sehen konnte – Sie sind es, Herr Graf! Ach, ich muß weinen, daß wir uns unter so traurigen Umständen wiedersehen!
Der Greis trocknete sich die nassen Augen. Der junge Mann schloß ihn gerührt an seine Brust.
– Lajos, ich weiß bereits alles – ich habe sie erkannt. O meine Thekla – sie dient als Köchin bei dem Apotheker! Eine Gräfin Andrasy ist Magd! Furchtbares Schicksal!
– Und doch blieb ihr weiter nichts übrig, sagte der Fischer. Unter welcher Maske sollte sie sich anders hier aufhalten? So lange die Russen die Grenze besetzt hielten, war an eine Ueberschreitung derselben nicht zu denken. Was sollten wir nun beginnen? Ich benutzte meine Bekanntschaft, die ich seit einem Jahre mir erworben und brachte meine frühere Herrin zu dem Apotheker.
– Wie aber ist Thekla zu Dir gekommen?
– Mein Sohn, der sie auf der Flucht begleitete, brachte sie vor drei Tagen in mein Häuschen, das dort unten am Ufer der Save steht. Ich konnte sie nicht bei mir behalten, weil die Grenzpatrouillen täglich bei meiner Wohnung vorbeipassiren. Zum Glück fand ich diesen Dienst für sie. Doch, Herr Graf, die Gefahr hat den höchsten Gipfel erreicht, wenn die junge Gräfin diesen Abend Semlin nicht verläßt, ist sie verloren.
– Lajos, was ist's?!
– Wie ich von einer Magistratsperson gehört, in deren Haus ich heute Mittag Fische brachte, soll diese Nacht in der ganzen Stadt Haussuchung gehalten werden, weil man wissen will, daß sich mehrere Führer der Revolution, und unter ihnen unsere arme Gräfin, hier befinden sollen. Um Mitternacht soll das Regiment unter die Waffen treten. Sehen Sie, aus diesem Grunde muß ich in die Apotheke.
– Und hast Du einen Rettungsplan ersonnen? rief eifrig der junge Graf. O, so sage ihn mir, daß ich Dich unterstützen kann! Ich begleite meine Thekla, meine geliebte Braut, und wenn es sein muß, in den Tod!
– Hören Sie mich an, flüsterte der Fischer. Dort liegt mein Boot. Es ist zwar nur ein Fahrzeug für die Save, das darf uns aber nicht abhalten, uns ihm anzuvertrauen, um eine halbe Stunde unter der Stadt in die Donau auszulaufen und das gegenseitige Ufer zu gewinnen. Erreichen wir es glücklich, so sind wir gerettet, denn wir befinden uns dort auf türkischem Boden, wo den Flüchtlingen eine gastfreie Aufnahme zu Theil wird.
– Du hast Recht, Lajos, es ist besser in den Wellen zu sterben, als einen schimpflichen Tod von feilen Knechten zu erleiden.
– So will ich gehen und die Gräfin vorbereiten.
– Nein, bleibe. Es ist besser, Du hütest den Kahn, unser einziges Rettungsmittel; ich schreibe an Thekla und stecke ihr heimlich das Briefchen zu. Auch fürchte ich, daß Deine Anwesenheit im Hause Verdacht erregen könnte. Geh, und bewache unser Rettungswerkzeug!
Lajos kehrte an das Ufer zurück.
Auf einem Tische befand sich Schreibzeug und Papier. Der Soldat setzte sich zum Schreiben. Seine Hand zitterte, als er die Feder ergriff.
4.
Während der Apotheker sich im Gartenhause befand und der Korporal seinen Spaziergang machte und mit dem Fischer die Flucht der Gräfin Andrasy berieth, hatte die arme Kathi eine neue Ueberraschung zu erfahren, die nicht minder erschütternd auf sie einwirkte, als der Anblick des kaiserlichen Soldaten.
Niklas, des Apothekers Gehülfe, hatte mit der schönen Köchin eine Unterredung angeknüpft, um seinen Gram verschmähter Liebe etwas zu mildern. Als Einleitung dazu hatte er die Neuigkeit erzählt, daß die Regierung einen Preis von dreitausend Ducaten auf den Kopf der flüchtigen Gräfin Andrasy gesetzt habe und daß sie sich in der Umgegend oder in der Stadt selbst befinden solle.
In einer fieberhaften Aufregung und kämpfend mit der Angst vor Verrath, stieg sie um vier Uhr die Treppe hinan, um nach der Hausordnung dem Advokaten Ferenz den Kaffee auf das Zimmer zu bringen, den sie auf einem Präsentirteller in den zitternden Händen trug. Leise trat sie in das Arbeitszimmer des jungen Mannes. Ruhig blieb sie an der Thür stehen, denn Ferenz saß an seinem Arbeitstische, die Fortsetzung des Gedichtes, an welchem er, statt an den Büchern des Herrn Czabo, gearbeitet hatte, mit lauter Stimme lesend:
Da stand urplötzlich eine hohe Frau, Wie einst Johanna d'Arc, im Volksgewühl – Die Menge ward begeistert, denn so schön War selbst die gottgesandte Jungfrau nicht!
– Ein Dichter! dachte Kathi und hielt sich ganz still, denn es war das erste Mal seit langer Zeit, daß sie wieder Verse hörte, sie, die selbst als Dichterin bekannt war.
Der Advokat fuhr mit erhöhter Stimme fort, da er sich allein wähnte:
Du bist die Gottgesandte, hohe Tochter Des würdigen Andrasy, denn dich schmückt Das Attribut der höchsten Majestät. Im Kampfe groß und nach dem Siege mild Bist du es, die die Thränen Armer stillt – Du trägst mit Würde der Verbannung Schmerz, Vertrauend blickt dein Auge himmelwärts – Vom Glorienlicht der Hoffnung mild umzogen, Stehst eine Heldin du in Sturmeswogen.
Das arme Mädchen zitterte, als sie vernommen, daß die Verse an sie gerichtet waren, ein heller Thränenstrom entstürzte ihren schönen Augen.
Und herrlich hat die Gottheit dich geweiht, Mit Stolz verbindest du Bescheidenheit – Der Frauen höchste Schöne strahlt darin, Mein Ideal, du, meine Königin!
Mit großer Selbstzufriedenheit legte der Advokat sein Taschenbuch auf den Tisch. Da hörte er das laute Schluchzen der Jungfrau, die das überströmende Gefühl in ihrer wogenden Brust nicht mehr verschließen konnte.
Ferenz wandte sich erschreckt nach der Thür.
– Kathi, Kathi! rief er, was ist geschehen?
– Ach, Herr Advokat, diese Verse – o wie schön, wie groß, eine verbannte, verfolgte Frau zu besingen!
Ferenz starrte die Köchin an – diese Worte waren nicht in dem gewöhnlichen Dialecte der Landleute gesprochen. – Und welche Empfindung verriethen sie! –
Die Gräfin Thekla Andrasy hatte ihre Maske vergessen. Doch schon im nächsten Augenblicke erinnerte sie sich wieder daran. Rasch trat sie zum Tische und setzte das Kaffee-Serviçe nieder, dann wollte sie sich entfernen. Doch ehe sie noch die Thür erreicht hatte, ließ sich ein Trommelwirbel in der Straße vernehmen. Thekla mußte sich an dem nahestehenden Stuhle halten, um nicht zu Boden zu sinken.
– Diese Angst, diese Verwirrung! rief Ferenz. Wer bist Du – Wer sind Sie? fügte er rasch hinzu.
– Lassen Sie mich! lassen Sie mich! Ein augenblicklicher Schwindel – er ist vorüber.
– Allmächtiger Gott, Sie zittern vor diesem Geräusch – Und diese Züge, die ich schon im Bilde gesehen – Nein, nein, Sie sind nicht, was Sie scheinen – Sie sind die Gräfin Thekla Andrasy!
Die Gräfin erhob sich wieder. Angst und Besorgniß schienen plötzlich verschwunden zu sein, denn aus ihren Augen strahlte das Feuer des Muthes, der große Geist, der Gefahren trotzt – die Schwäche der Frau war besiegt.
– Ja, ich bin es, sagte sie stolz. Ihre Hand, mein Herr, dem Dichter darf ich mich vertrauen – ich bin die flüchtige Thekla, auf deren Kopf man dreitausend Ducaten gesetzt hat.
– O mein Gott, rief Ferenz, dies ist der schönste Lohn, der je einen Dichter krönen konnte! Bauen Sie fest darauf, daß ich mit meinem Leben bereit bin, Sie den Verfolgungen Ihrer rachsüchtigen Feinde zu entziehen!
– Wissen Sie, was der Trommelwirbel bedeutet?
– Er ruft die Schutzmannschaft zum Appell, deren Kommandant Herr Czabo ist. Sie haben für diesen Augenblick nichts zu fürchten.
– Und was habe ich von dem Dichter zu hoffen? fragte sie mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke.
– Daß er mehr thun als Verse schreiben – daß er Sie retten wird!
Auf der Hausflur des Erdgeschosses ließ sich Herrn Czabo's Stimme vernehmen, der nach seiner Köchin rief.
– Mein Schwiegervater! flüsterte Ferenz. Tragen Sie Sorge, daß er Ihren wahren Stand nicht entdeckt, er ist zwar gut, aber schwach – leicht könnte er eine Unbesonnenheit begehen, um sich als Kommandant zu zeigen, die Sie in's Unglück stürzt.
– Kathi, Kathi! rief der Apotheker mit stets lauterer Stimme – Kathi!
– Mein Herr, sagte Thekla, daß Sie an meinem Schicksale Theil nehmen, ist ein schöner Trost, der mich an meiner Rettung nicht verzweifeln läßt. So darf ich im Augenblicke der Gefahr fest auf Ihre Hülfe zählen?
– So wahr ich hoffe, daß der Sieg der Tyranney kein ewiger ist! Noch diesen Abend werden Sie von mir hören! Beugen Sie sich nur heute noch in das Joch der Köchin.
– Ich eile, um keinen Verdacht zu erwecken.
Als Thekla die Hausflur betrat, war sie ganz wieder Köchin.
Herr Czabo, ein Licht in der Hand tragend – denn es begann zu dunkeln – kam ihr aus der Küche entgegen. Er war mit einer blauen Uniform bekleidet und mit einem mächtigen Säbel bewaffnet. Auf den Schultern erglänzten große Epauletts mit silbernen Candillen.
– Kathi, sagte der Kommandant sich in die Brust werfend, ich verlasse auf eine Stunde das Haus, weil meine Mannschaft auf dem Sammelplatze zusammentritt – es ist etwas Wichtiges im Werke. Wahre die Küche und besorge unserm Gaste das Abendessen. Sobald es völlig dunkel geworden, schließe die Fensterladen und bleibe ruhig in deinem Zimmer neben der Küche. Adieu, Kathi, sagte freundlich der Apotheker und gab der Köchin das Licht, wobei er die Finger ihrer niedlichen Hand drückte, als ob es absichtslos geschehen sei.
– Ich werde alles pünktlich besorgen, Herr, sagte Kathi und verschwand durch die halbgeöffnete Küchenthür, um ihre Bewegung zu verbergen.
– Ein reizendes, liebes Mädchen! flüsterte der Apotheker vor sich hin. Den Lohn hat sie auf ein halbes Jahr voraus erhalten – so lange ist sie gebunden – wer weiß, was dann geschieht!
Still lächelnd verließ er das Haus und eilte durch die halbdunkeln Straßen dem Marktplatze zu, wo sich die Schutzmänner bereits versammelt hatten.
5.
Thekla war so erschüttert von den Begebnissen dieses verhängnißvollen Tages, daß sie sich einige Augenblicke der Ruhe überlassen mußte. Sie setzte sich auf das Bett in ihrer Kammer neben der Küche und ließ das glühende Köpfchen in das weiße Kissen herabsinken.
– Janos, Graf Esthi als Korporal in einem kaiserlichen Regimente! flüsterte sie leise. Hätten ihn meine Augen nicht gesehen, ich würde es für ein Spiel meiner aufgeregten Phantasie halten – welch' ein Schicksal! der gräfliche Bräutigam Korporal und die gräfliche Braut die Köchin eines Apothekers in Semlin! Wahrhaftig, man könnte darüber lachen, wenn die Sache nicht zu ernst wäre, denn es handelt sich um Leben und Tod. Janos, rief sie aus, rette deine Braut, deine Thekla, nach deren Kopfe die Tyrannen trachten – man will sie morden, wie man das Vaterland gemordet hat!
Thekla hielt beide Hände vor das Gesicht, sie wollte den Thränenstrom ersticken, der aus ihren Augen stürzte.
Ein Knistern, als ob jemand durch die Küche schliche, ließ sich vernehmen.
Thekla fuhr empor, rasch ihre Thränen trocknend. Dann ergriff sie das Licht und trat unter lautem Herzklopfen in die Küche hinaus.
Der Schein des Lichtes fiel auf die weiße Uniform des Korporals.
– Thekla! rief mit unterdrückter Stimme der junge Mann.
– Janos! schluchzte das junge Mädchen.
Beide stürzten sich in die Arme und feierten durch einen innigen Kuß, den das Salz der Thränen würzte, das schmerzliche, verhängnißvolle Wiedersehen.
Der Graf gewann seine Fassung zuerst wieder, er wußte ja, welche Gefahr seiner geliebten Thekla bevorstand.
– Kein Wort mehr, – flüsterte er; – nimm dieses Papier, es wird Dir alles sagen.
Er drückte dem zitternden Mädchen ein Briefchen in die Hand, dann verließ er eben so leise und vorsichtig das Haus, als er es betreten hatte.
Die junge Gräfin zog sich in die Kammer zurück. Nachdem sie noch einmal sich überzeugt, daß der Laden des Fensters geschlossen sei, öffnete sie das Papier und las:
»Jede Stunde mehrt die Gefahr. Man weiß, daß Du Dich in der Stadt verborgen hältst. Ein Zufall führte mich mit Deinem treuen Lajos zusammen, wir haben gemeinschaftlich den Plan zur Flucht berathen, die diesen Abend noch ausgeführt werden muß. Am Ufer der Save, dort, wo die kleine Baumgruppe im Garten des Apothekers steht, liegt ein Kahn zu unserer Aufnahme bereit. Wir fahren in der Finsterniß die Save hinab, um die Donau und das jenseitige Ufer derselben zu gewinnen. Es ist ein kühnes Wagniß, da Lajos nur einen kleinen Kahn zu unserer Verfügung stellen kann. Ich ziehe es aber vor, in den Wellen zu sterben, als von der Hand blutdürstiger Tyrannen. Empfängt uns das rettende Ufer nicht, so wird der Schooß der Donau unser Brautbett. Sei vorsichtig und meines Winkes gewärtig.«
Noch einmal durchflog sie die Zeilen von geliebter Hand, dann drückte sie das Blatt an ihre Lippen und flüsterte, den Blick gen Himmel gewandt:
– Ja, mein Janos, mein geliebter Mann, entweder das rettende Ufer, oder an Deiner Seite den Tod in den Wellen der Donau!
Als ob mit diesem heroischen Entschlusse das Gemüth der jungen, unglücklichen Gräfin völlig beruhigt sei, unterzog sie sich, ohne längeres Zögern, der Hausarbeit, welche die Zeit des Tages mit sich brachte. Sie ging zunächst auf die Straße und schloß die Laden an den Fenstern des Erdgeschosses, die von außen angebracht waren.
Ein ungewöhnlich reges Treiben herrschte in der sonst, um diese Zeit, so stillen Gasse, Soldaten und Bürger gingen hin und wieder. Vor den Thüren standen Gruppen von Männern und Frauen und unterhielten sich lebhaft, ungeachtet des kühlen Herbstabends. Thekla kümmerte es nicht, die Nähe des Geliebten hatte ihr Herz mit Muth und Vertrauen erfüllt, sie ging ruhig in das Haus zurück.
Im Wohnzimmer traf sie Netti.
– Kathi, – sagte das junge Mädchen, – hast Du für unsern Gast das Abendessen besorgt?
– Nein, – antwortete die Magd; – ich dachte, es sei noch zu früh.
– So besorge es. Der Vater sagte mir, es sei möglich, daß das Regiment sich versammeln müsse, da diesen Abend oder diese Nacht eine allgemeine Haussuchung in der Stadt vorgenommen werden solle, man vermuthe die Anwesenheit wichtiger, politischer Flüchtlinge.
– Soll geschehen, – antwortete Kathi und verließ das Zimmer.
Thekla's Herz begann wieder zu pochen, so nahe hatte sie die Gefahr nicht geglaubt. Unschlüssig, ob sie in das Gartenhaus gehen und diese Nachricht dem Grafen mittheilen sollte, oder nicht, stand sie einen Augenblick auf der Hausflur, als der Advokat Ferenz eilig von der Straße hereintrat. Vorsichtig sah er sich um, dann trat er zu Thekla heran.
– Man scheint Sie verrathen zu haben, – flüsterte er eifrig, – ich komme vom Marktplatze, wo sich das Gerücht verbreitet hat, die Gräfin Andrasy halte sich in diesem Stadttheile verborgen. Wechseln Sie schnell die Kleidung, da man auf die Frauen ein besonderes Augenmerk richten wird – meine Garderobe steht zu Ihrer Verfügung. Eilen Sie auf mein Zimmer, ich werde Netti unterhalten und ihr sagen, ich habe Sie ausgeschickt. Verlieren Sie keine Zeit, man theilt schon die Patrouillen ab.
Der Advokat gab der bestürzten Gräfin den Schlüssel zu seinem Zimmer.
– Und dann? – fragte sie kaum hörbar.
– Bleiben Sie, bis ich zu Ihnen komme. Fort, fort!
Ferenz ging in das Zimmer zu Netti.
Mit dem Vorsatze, sobald die Umkleidung geschehen, in das Gartenhaus zu eilen, flog Thekla, deren Muth wieder erwacht war, die Treppe hinan und betrat das Zimmer des jungen Advokaten. Da ihr die Einrichtung desselben bekannt war, zündete sie ein Licht an, das auf einem Seitentischchen stand. Nach einer Minute hatte sie auch den Schrank, der die Kleider aufbewahrte, gefunden. Dann verschloß sie die Thür.
Während dieser Zeit erschien der Korporal auf der Hausflur. Vorsichtig schlich er zur Küche. Ein Lämpchen brannte auf dem Heerde, die Köchin war nicht zu erblicken. Der junge Mann sah in die Kammer – auch diese war leer.
– Mein Gott, – flüsterte er, – was bedeutet das? Wir dürfen nicht länger zögern – wo mag sie sein? Kathi, – rief er leise, – Kathi!
Alles blieb still.
Janos trat auf die Hausflur zurück und lauschte, – nichts regte sich. Plötzlich hörte er in dem Wohnzimmer sprechen. Ohne sich länger zu besinnen, klopfte er an die Thür, öffnete und trat ein.
Der Advokat und seine Braut waren die einzigen Personen im Zimmer.
– Auch hier nicht! – dachte er, und seine Besorgniß vermehrte sich.
Ferenz erschrack, als er den mit einem Säbel bewaffneten Korporal erblickte.
– Was wollen Sie? – fragte er, seine Fassung zusammennehmend.
Janos hatte bald einen Vorwand gefunden.
– Verzeihung, – antwortete er im Tone des Soldaten, – wenn ich störe. Ich suche überall die Köchin und kann sie nirgends finden. – –
– Was wollen Sie von unserer Köchin? – fragte rasch der Advokat und sein Gesicht verrieth den Eindruck, den die Worte des Korporals hervorgebracht.
Dem Soldaten entging die Bewegung des Fragenden nicht; er sah ihn einen Augenblick prüfend an. Er unterdrückte jedoch seine Befürchtung und sagte mit einem erzwungenen Lächeln:
– An wen soll sich anders ein Soldat, der bei einem Bürger im Quartier liegt, wenden, wenn er Hunger hat?
– Ah, Sie liegen hier im Quartier – das wußte ich nicht!
– Schon vor einiger Zeit, – sagte Netti, – habe ich ihr Auftrag ertheilt, unserm Gaste das Abendessen zu bereiten, ich begreife nicht, warum es nicht schon geschehen.
– Verzeihung, Netti, ich hatte vergessen, Ihnen zu sagen, daß ich Kathi zu einem meiner Kollegen geschickt habe, um mir ein Aktenstück holen zu lassen.
– In diesem Falle werde ich selbst die Vorbereitung treffen, – sagte das junge Mädchen und verließ das Zimmer.
– Sie sind Korporal in kaiserlichen Diensten? – fragte Ferenz, der durch ein gleichgültiges Gespräch den Soldaten auszuforschen suchen wollte.
– Wie Sie sehen, – antwortete der Graf, der wie auf Kohlen stand.
– Ein schöner, aber ein gefährlicher Stand.
– Ich läugne es nicht; aber die Gefahr, mein Herr, macht ihn zu dem, was er ist. Nur im Kriege lebt der Soldat, im Frieden ist er nur eine todte Puppe. Jetzt habe ich Ihnen gesagt, was ich bin, darf ich nun auch wissen – –?
– Wer ich bin? Ich bin Advokat und heiße Ferenz.
Der Soldat schien von dieser Antwort überrascht zu sein, er sah mit großen Augen den Advokaten an.
– Ferenz ist Ihr Name? – fragte er endlich.
– Ja. Wundert Sie das?
– Stehen Sie mit Pesth in Correspondenz?
– Ja.
– Und wer ist Ihr Correspondent, wenn ich fragen darf?
– Der Graf Janos Esthi, dessen Gut, das eine Stunde von Semlin entfernt liegt, ich verwaltet habe.
– Und Sie verwalten es aus dem Grunde nicht mehr, – fuhr sardonisch lächelnd der Korporal fort, weil es die Krone Oesterreichs an sich genommen hat, um den jungen Grafen für die Dienste zu belohnen, die er in der Armee des treuen, braven Görgey seinem Vaterlande geleistet?
– Ganz recht.
– Ihr letzter Brief, den Sie ihm nach Komorn sandten, enthielt eine Beileidsbezeigung für den Grafen und die Aufforderung, sich nach Semlin zu wenden, im Fall er gezwungen wäre, flüchtig zu werden – den Brief brachte ein Expresser.
– Mein Gott, – rief der Advokat erstaunt, – woher wissen Sie das Alles?
– Weil der Graf mein Freund war.
– So können Sie mir auch wohl sagen, warum der Graf meiner Aufforderung nicht nachkam, da er doch meinen Eifer, ihm zu dienen, kannte?
– Er kannte auch aus Ihren Briefen, zwar nicht Ihre Person, mein Herr, aber Ihren Patriotismus, Ihren ehrenwerthen Charakter – und wenn er sich nicht zu Ihnen wendete, als der Freiheitskampf zu Ende war, so geschah es deshalb, weil man ihn zwang, die Uniform eines Korporals vom zwanzigsten kaiserlichen Infanterie-Regimente zu tragen.
– O Himmel, diese Sprache, dieser Anstand – –
– Gehört dem Korporal Janos Grafen Esthi!
– Welch' ein fürchterliches Geschick führt Sie in unsere Stadt! Herr Graf, die Uebertragung der Verwaltung Ihres bedeutenden Gutes gab meiner Subsistenz den ersten Stützpunkt. –
– Sie wurden mir durch den jetzt verstorbenen Dr. S. als einen zuverlässigen, tüchtigen Sachwalter empfohlen. –
– Ich mußte mich dankbar bezeigen – erinnern Sie sich des Schlußsatzes meines Briefes?
Der Soldat zog ein Taschenbuch aus der Brusttasche seiner Uniform und holte einen erbrochenen Brief daraus hervor, den er entfaltete.
– Ja, das ist mein Brief! rief freudig der Advokat.
– Sie sprechen darin von einer Eröffnung, die sie nur mündlich mir zu machen vermöchten, sagte der Graf, die Augen auf das Papier geheftet – ich bin bereit, sie zu hören, doch fassen Sie sich kurz, meine Zeit ist abgemessen.
– Ich habe Ihnen ein Kapital von hunderttausend Gulden gerettet, das zur Empfangnahme bereit liegt.
– Herr Ferenz, rief Janos, was sagen Sie?
– Die Wahrheit. Ich ahnte nach der unglücklichen Schlacht den Verlauf der Dinge, und da sich mir gerade eine günstige Gelegenheit bot, veräußerte ich vor der Confiscation des Gutes die Aecker und Wiesen jenseits der Save, sowie alles Mobile, was zu demselben gehörte. Der gerichtlich bestätigte Kauf gestattete keinen Widerruf – Herr Graf, nehmen Sie Ihr gerettetes Vermögen in Empfang!
Schweigend umarmten sich die beiden Männer.
– Freund, rief bewegt der Graf, Sie haben mir einen Dienst erwiesen, der mich so glücklich macht, daß ich ihn Ihnen nie vergelten kann! Als ersten Dank zolle ich Ihnen mein unbedingtes Vertrauen. Man verfolgt die Gräfin Andrasy, meine Braut.
– Thekla, Ihre Braut? Herr Graf, noch ist sie geborgen!
– Wie, Sie kennen Ihren Aufenthalt?
– Noch mehr: in diesem Augenblicke trifft sie die erste Vorbereitung zu ihrer Rettung, darum ist sie abwesend.
– Ich suchte sie in der Küche.
– Sie ist auf meinem Zimmer, um meine Kleider anzulegen.
– Sie unterstützen meinen Plan – am Ufer der Save im Garten liegt ein Kahn –
Die Schritte einer Patrouille ließen sich in der Straße vernehmen.
– Großer Gott! rief Ferenz. Gehen Sie an das Ufer, ich folge im Augenblicke mit der Gräfin.
– Edler Mann, der Himmel lohne Ihnen!
Der Soldat verließ eilig das Zimmer und stürzte in den Garten hinaus. Als Ferenz auf die Hausflur trat, hörte er, daß die Patrouille im Nachbarhause Nachsuchung hielt. Wie ein Pfeil flog er die Treppe hinan und klopfte leise an die Thür seines Zimmers.
– Ich bin es, Ferenz, flüsterte er dabei.
Die Thür ward von innen geöffnet und die Gräfin, als Mann gekleidet, erschien an der Schwelle. Das schöne Haar hatte sie unter einer Mütze verborgen, welche Ferenz auf seinen Reisen zu tragen pflegte.
Vorsichtig schloß er die Thür wieder. Thekla stand zitternd in der Mitte des Zimmers.
– Nehmen Sie meinen Mantel, flüsterte er, er hängt im Nebenzimmer dort, Sie werden seiner bedürfen.
Die Gräfin schwankte in das bezeichnete Zimmer, die Hast des jungen Advokaten ließ sie die höchste Gefahr ahnen. Ferenz erschloß rasch einen Secretair und holte einen großen, schweren Lederbeutel daraus hervor.
– Wo ist der Korporal, der das Gartenhaus bewohnt? fragte die zurückkehrende Gräfin.
– Er erwartet Sie am Ufer der Save.
– Sie haben mit ihm gesprochen und wissen, wer er ist?
– Er ist der Besitzer dieser Summe, die ich ihm gerettet habe. Fort, fort, man sucht schon in dem Nachbarhause!
Der Advokat löschte das Licht aus, dann ergriff er den Arm der Gräfin und zog sie mit sich fort. Vorsichtig verschloß er das Zimmer wieder, da er die Kleider der Köchin darin wußte. Auf der Hausflur trat ihnen Netti entgegen. Erschreckt blickte sie den jungen Mann im Mantel an.
– Netti, flüsterte Ferenz flüchtig, in zehn Minuten bin ich bei Ihnen, um Ihnen alles zu erklären – gehen Sie in das Wohnzimmer, es ist möglich, daß Sie Besuch erhalten.
Das junge Mädchen starrte den beiden Personen nach, die hastig aus dem Hause in den Garten stürzten. Am Ufer trafen sie den Soldaten und den Fischer.
– Herr Graf, sagte leise der Advokat, hier ist Ihre Braut und hier der Rest Ihres Vermögens, soviel ich davon in Golde vorräthig hatte. Die Hälfte davon besitze ich in Papieren, die in der Türkei ohne Werth sind; ich werde sie jedoch in klingende Münze umzusetzen suchen, daß sie stets zu Ihrer Verfügung stehen.
– Ich leiste Verzicht auf die Papiere, sie mögen der Lohn meines großmüthigen Advokaten sein.
– Herr Graf!
– Leben Sie wohl, vielleicht sehen wir uns wieder!
Hastig umarmte der Graf den jungen Mann, dann half er der Gräfin in das Boot, in welchem Lajos schon wartete, zuletzt sprang er selbst hinein.
Das Wasser rauschte und der Kahn verschwand in dem Nebel, der wie ein graues, undurchsichtiges Tuch auf dem Wasser ruhete.
Als ob er die Flucht des unglücklichen Paares segnen wollte, streckte Ferenz seine Arme ihm nach. Leichten Herzens kehrte er in die Wohnung des Apothekers zurück.
Die Patrouille hatte das Haus des Kommandanten der Schutzwehr übergangen, da man bei ihm einen Schlupfwinkel für Flüchtlinge unmöglich hielt. Der Advokat saß in dem freundlichen Zimmer und erzählte der staunenden Netti die Flucht der Gräfin Thekla Andrasy.
Es war zehn Uhr, als Herr Czabo an die Thür seines Hauses klopfte. Niklas öffnete ihm.
– Warum öffnet Kathi nicht? fragte der erhitzte Kommandant, dem das hübsche Gesicht und der schöne Arm der Köchin nicht mehr aus dem Sinne wollte.
– Sie ist nicht da, antwortete Niklas.
Nachdem der Apotheker in die finstere Küche gesehen, trat er in das Wohnzimmer.
– Wo ist Kathi? fragte er unmuthig, warum öffnet sie mir die Thür nicht?
– Vater, sagte Netti, wir haben eine fürchterliche Entdeckung gemacht. Die Gräfin Andrasy hatte sich in unserm Hause versteckt.
– Himmel, welche Frechheit, rief erstaunt der Apotheker.
– Doch, beruhigen Sie sich, lieber Vater, fügte der Advokat hinzu, sie ist schon seit einer Stunde nicht mehr unter Ihrem Dache. Niemand wird glauben, daß eine Gräfin als Köchin in Ihren Diensten gestanden hat.
– Wie, Kathi wäre –?
– Die Gräfin Andrasy! sagten lächelnd Ferenz und Netti.
Herr Czabo sank vernichtet auf einen Stuhl.
– Himmel, rief er plötzlich aus, wenn das bekannt wird, bin ich verloren, entehrt, man wird mich meines Postens als Kommandant entsetzen! O, diese Schlange! Nicht genug, daß sie im Lande Zwist und Hader veranlaßt, sie geht auch noch in die Häuser friedlicher Bürger, um Unglück anzurichten!
– Vater, sagte Ferenz tröstend, wenn Sie selbst über diesen sonderbaren Vorfall schweigen können, wird Niemand etwas davon erfahren, denn außer mir und Netti weiß keine Seele darum.
– Wohin hat sie sich gewendet?
– Wenn ihr kein Unglück begegnet, schwebt sie jetzt auf den Wellen der Donau, um das türkische Ufer zu erreichen.
– Kinder, rief Herr Czabo nach einer Pause, versprecht Ihr mir, zu schweigen, wie das Grab?
– Wir versprechen es! sagten feierlich die jungen Leute.
– Gut, dann mag die Gräfin mit den zwölf Gulden, die ich ihr im voraus bezahlt, in der Türkei ihr Glück versuchen – meine Reputation ist mir mehr werth, als diese elende Summe.
– Vater, sagte Netti, ich habe Ihre Börse in der Küche am Boden gefunden – wenn Sie sie vermissen – hier ist sie.
Herr Czabo steckte die Börse zu sich. Seine Hand zitterte, als er sie ergriff, denn er erinnerte sich des Augenblicks, wo er sie in die niedliche Hand legte, die ein Heirathsproject in dem Kopfe des Wittwers erzeugt hatte.
Eine Stunde später hatte sich alles in die Schlafzimmer zurückgezogen. Netti träumte von ihrer nahen Hochzeit – Ferenz sandte noch ein Gebet für die Rettung der Flüchtlinge zum Himmel empor, dann entschlief er – und der Apotheker lag wachend in seinem Bette, er hatte mit einer schwermüthigen Freude den Schluß aus der ganzen Sache gezogen, daß es für die Ruhe seines Wittwerherzens gut sei, daß es so und nicht anders gekommen wäre. Ein Mann, dachte er, der jeden Tag Bürgermeister von Semlin zu werden hofft, kann doch seine Köchin nicht heirathen, und ich hätte sie geheirathet, wenn sie Kathi Lajos geblieben wäre. Der Wille des Himmels sei gepriesen!
Mit einem tiefen Seufzer hüllte sich der Kommandant in seine Decke und entschlief.
Als nach Mitternacht der Mond hinter einer schwarzen Wolke hervortrat und die romantischen Gestade der Donau beleuchtete, knieten drei Gestalten an dem Ufer des rauschenden Flusses und verrichteten ein kurzes Gebet.
Es waren Janos, Thekla und der treue Fischer – sie hatten glücklich nach einer dreistündigen gefahrvollen Fahrt das rettende Ufer erreicht.