Das rothe Band oder die Civilehe. (continued 2)
Reading edition
– Treffen Sie keine Vorbereitungen, Herr Valentin!
– Und warum nicht?
– Weil eine stille Feier den Umständen angemessen ist.
– Aber das Haus meines Neffen, das so reizend am Saume des Waldes liegt, werden Sie doch beziehen.
– Ich werde thun, was als Gattin meine Pflicht ist!
Marie grüßte und ging in ihr Schlafzimmer, dessen Thür sich in dem Stübchen öffnete.
Vetter und Neffe verließen das Haus und theilten sich unterwegs ihre Besorgnisse wegen Mariens Absichten mit.
– Der Contract ist nach allen Formen richtig abgeschlossen – meinte der Richter – will Deine Frau die eingegangenen Verpflichtungen nicht erfüllen, wird sie das Gesetz schon dazu anhalten.
Der Abend fand Eberhard und Graff in dem Wirthshause wieder beisammen, wo sie auf das völlige Gelingen ihres Planes eine Flasche um die andere leerten und die Civilehe hoch leben ließen.
7.
Während Marie einsam in ihrem Stübchen weinte und sich von aller Welt absonderte, bewohnte Konrad ein Zimmer auf dem Schlosse seines Gutsherrn. Röschen, der die Besorgung der kleinen Wirthschaft ihres Bruders allein oblag, besuchte ihn jeden Tag und berichtete, was man im Dorfe über den Vorfall sprach.
– O mein Gott, rief er aus, hätte mich Marie auf die schändlichste Art von der Welt betrogen, ich würde mich zu trösten wissen und sie mit Verachtung bestrafen, wie sie es in diesem Falle verdiente – so aber ist sie selbst ein Opfer ihrer Liebe zu mir geworden und ich habe ein treues Mädchen verloren!
Der Graf, dem das Geschick des armen Konrad tief zu Herzen ging, hatte vergebens sich bemüht, ihn zu einem Antrage auf gerichtliche Untersuchung und Aufhebung des erzwungenen Ehecontracts zu bewegen; er hatte sich aber stets entschieden dagegen ausgesprochen, da er Marien nicht in eine Untersuchung verwickeln wollte. Im Grunde des Herzens hoffte er indeß, Marie selbst würde Schritte thun, ihre Freiheit wieder zu erlangen, und in dieser Voraussetzung, die mit jedem Tage mehr zur Gewißheit wurde, lebte er wie ein Einsiedler unthätig im Schlosse; als er aber von Röschen hörte, daß am Sonntage die kirchliche Trauung stattfinden sollte, schwand sein letzter Hoffnungsstrahl, er kündigte dem Grafen an, daß er nach Amerika auswandern würde. Obgleich der Umstand, daß Konrads Hut in den Ruinen gefunden sei, den Grafen ein vorbereitetes Bubenstück ahnen ließ, so stand er dennoch von einer gerichtlichen Untersuchung ab und fügte sich Konrads dringendem Wunsche, zumal da jede Vermuthung des Thäters ihm fehlte. Heimlich aber hatte er dennoch bei dem Landrathe Anzeige von dem Angriffe auf seine Person gemacht und auf genaue Vigilirung in der Gegend angetragen.
Denselben Sonntag, den Valentin zur Trauung seines Neffen mit Marien erwartete, hatte auch der Baron zur Verbindung seiner Mündel Emma mit dem jungen Grafen festgesetzt und es wurden die Vorbereitungen dazu auf das Eifrigste betrieben. Dies gab dem gräflichen Bräutigam Veranlassung, öfter den Edelhof des Barons zu besuchen und seinen Freund Konrad sich selbst zu überlassen, der am folgenden Tage die Gegend und das Land meiden wollte. Er fürchtete des Grafen Zureden, deshalb faßte er den festen Entschluß, heimlich seine Reise anzutreten.
Der Donnerstag hatte sein Ziel erreicht und die Nacht lag auf der Erde, als Konrad das Schloß verließ und langsam dem Dorfe zuging. Er wollte von seiner Schwester Abschied nehmen. Unbekümmert um den Weg, den er eingeschlagen, stand er plötzlich still und faßte seine Umgebung in's Auge – er befand sich an Mariens Gartenthür, neben welcher die Laube lag, wo er im Frühling Abschied von ihr genommen, als er in den Krieg zog. Unwillkührlich trat er an den Zaun und sah sinnend durch die Blätter, die ein leichter Abendwind von Zeit zu Zeit leise rauschen ließ.
Plötzlich glaubte er Schritte zu vernehmen – er verdoppelte seine Aufmerksamkeit – er hatte sich nicht getäuscht – die Schritte kamen näher und knisterten zuletzt leise im Sande der Laube.
– O mein Gott, dachte Konrad, wenn es Marie wäre!
Er hatte Mühe, bei diesem Gedanken den Ausbruch seiner Bewegung zu verhindern. Mit angehaltenem Athem blieb er stehen und sah starr nach der dunkeln Laube, von der ihn nur die Blätter des Zaunes trennten. Noch war er unschlüssig, ob er bleiben oder gehen sollte, als ein lautes Weinen an sein Ohr schlug. Ein Laut genügte, um ihn Mariens Stimme erkennen zu lassen. Auch dem jungen Manne traten die Thränen in die Augen und die kaum erlangte Fassung verscheuchte der heftigste Schmerz um das geliebte Mädchen.
– Die Kraft verläßt mich – hörte er Marien mit sich selbst reden – ich kann des Försters Frau nicht werden – und Konrad flieht mich – er unternimmt nichts für sein Mädchen, giebt es dem Schmerze und der Verzweiflung preis – o mein Gott, mein Gott!
– Marie! Marie! rief Konrad unwillkührlich und sank zitternd auf die Knie in das bethaute Gras nieder.
– Himmel! rief die Stimme in der Laube – wer ruft mich?
– Marie, nur ein Wort, ehe ich von Dir scheide!
– Konrad, Du kommst zu mir, zu dem Mädchen, das Du hassen solltest, denn es hielt Dich fähig, ein Verbrechen zu begehen –?
Als ob ihn eine unsichtbare Gewalt dazu antriebe, raffte sich der junge Mann empor, riß die Gartenthür auf und stürzte in die Laube, in der Marie weinend am Boden lag.
– Konrad, rief sie ihm entgegen, ich bin ein elendes, unglückliches Geschöpf! Kannst Du mir verzeihen? Wirst Du mich nicht hassen?
– Nein, Marie, ich beklage Dich und liebe Dich immer noch mit der ganzen Kraft meines Herzens.
Sanft zog er das bebende Mädchen empor und drückte einen innigen, langen Kuß auf ihre glühende Stirn.
– Marie, Dein Schicksal betrübt mich mehr, als das meinige, denn Du mußt den Jugendfreund vergessen, und die Liebe, welche das Glück Deines Lebens machen sollte, wird Dir zur bittersten Qual.
– Konrad! Konrad!
– Sieh, fuhr Konrad fort, indem er seinen Arm um ihren Hals schlang – ich bin glücklicher, als Du, denn mein Herz ist frei, es kann Dir treu bleiben und Dich lieben – mich fesselt kein anderes Band, ich kann meinen letzten Seufzer zu Dir senden, ich kann sterben mit Deinem Namen auf den Lippen – darum weine nicht über mich – ich bin ja weniger zu beklagen, als Du!
Mit bebenden Armen klammerte sich Marie an Konrad und hielt ihn krampfhaft einige Minuten umschlungen.
– Jetzt fasse Dich, sagte Konrad, ich scheide, um Dir die Erfüllung Deiner Pflicht nicht zu erschweren.
– O mein Gott, laß mich sterben, denn das Leben macht mich elend!
– Komm, Marie, in Dein Haus, ehe uns ein Späherauge belauscht – ich begleite Dich bis zur Schwelle, dann lebe wohl!
Langsam gingen beide durch den vom Sternenlichte erhellten Garten. Als sie an der Thür des Hauses waren, drückte Konrad schweigend den letzten Kuß auf Mariens Lippen, entwand sich ihren Armen und eilte in die Nacht hinaus. Ohne eine bestimmte Absicht zu haben, folgte er dem Fußwege, den er betreten, sein Kopf glühte in Fieberhitze, und je mehr er sich von Mariens Wohnung entfernte, je mehr steigerte sich sein Schmerz zum Lebensüberdruß.
Wohl eine Viertelstunde war er durch Gebüsche und Felder geirrt, als ihm plötzlich eine weite Fläche entgegenblinkte. Es war der Teich, dessen Wasser Philipp's Mühle trieb. Mit einem unheimlichen Lächeln blieb er stehen und sah auf den ruhigen Spiegel des schilfbedeckten Weihers. Der Abend war still, nichts regte sich in der schweigenden Natur, das ferne monotone Geklapper der Mühle, deren erleuchtetes Fenster wie ein Stern flimmerte, war das einzige Geräusch, das an das Ohr des unglücklichen Konrad schlug.
– Nein, flüsterte er endlich vor sich hin – ich will die Last des Lebens wenigstens hier nicht von mir werfen, daß Marie sich meinen Tod nicht zum Vorwurf machen kann, sie ist ja schon unglücklich genug. Fort, rief er aus, indem er abwehrend die Hände gegen den Weiher streckte – fort, daß mich der Dämon nicht erfaßt – überall wüthet der Krieg, er nehme mich als sein Opfer, dann sterbe ich einen Tod, den die öffentliche Meinung nicht zum Verbrechen stempelt!
Rasch wandte er dem Ufer den Rücken und eilte einem Gehölze zu, dessen Umrisse sich von dem gelben Stoppelfelde in phantastischen Gestalten absonderten. Das Feld war durchschritten und Konrad stand an einer lebendigen Hecke, die ein freundliches Jägerhaus umschloß. Aus einem Fenster des Erdgeschosses, das bis zur Hälfte von den Blättern und Ranken des Zaunes bedeckt ward, schimmerte ihm ein Licht entgegen.
– Himmel, flüsterte Konrad überrascht – ist das nicht das Haus des Försters Eberhard, des Mannes der unglücklichen Marie? Führt mich der Zufall hierher, oder hat mich die Hand des Schicksals geleitet? Ha, Bube, rief er aus und drohete mit der geballten Faust dem Fenster zu – Du bist der Teufel, der zwei Menschen unglücklich macht, Du trägst die Schuld, daß Marie weint und ich von Verzweiflung getrieben die Welt durchirren muß! Herr Gott im Himmel, hast Du mich hierhergeführt, daß ich Mariens Bande brechen soll, o so gieb mir ein Zeichen und mache mich zum Werkzeuge Deiner Vorsehung!
Ein lautes Klopfen an des Hauses Thür, die sich auf der entgegengesetzten Seite befand, gab dem jungen Manne Antwort auf diese Frage, die ihm die Verzweiflung erpreßt. Lauschend blieb er stehen.
– Wer klopft? fragte Eberhard's Stimme in dem Hause.
– Ich – Graff! war die Antwort an der Thür.
– Wer es auch sei, ich öffne um diese Stunde nicht!
– Eberhard, öffne die Thür!
– Komm morgen wieder!
– Oeffne, ich muß Dich sprechen in Deinem Interesse!
Das Gespräch schwieg. Statt seiner hörte Konrad das Oeffnen der Thüren und Schritte im Innern des Hauses. Von einer Ahnung getrieben, als ob er ein wichtiges für sein Leben entscheidendes Geheimniß entdecken würde, bog er leise die Zweige und Blätter zurück und steckte den Kopf durch eine Oeffnung des Zaunes, daß er durch das Fenster das beleuchtete Zimmer völlig übersehen konnte. Kaum hatte er diese Stellung eingenommen, als er Eberhard und Graff durch die Thür eintreten sah. Eberhard trug einen schlichten Hausrock, Graff war mit Gewehr und Hirschfänger bewaffnet.
Konrad hörte deutlich folgendes Gespräch, das sich zwischen den beiden Jägern entspann.
– Nun, sagte Graff eintretend, Du bist wohl in Deinem Glücke so übermüthig geworden, daß Du den Freund und Genossen im Hofe warten läßt, als ob er Dein Treibjunge wäre? Ich dächte, wenn ich komme, müßten alle Thüren offen stehen!
– Was willst Du? Was führt Dich zu mir? fragte verdrießlich der Revierförster.
– Unsere Sicherheit, und mehr noch ein gutes Geschäft.
– Ein gutes Geschäft – was soll das heißen?
– Du weißt doch, daß der junge Graf Rudolph die Gräfin Emma von Linden heirathet und daß die Braut dem Bräutigam ein beträchtliches Vermögen zubringt?
– Nun? fragte Eberhard.
– Nun, Herr Compagnon, habe ich diesen Nachmittag in Erfahrung gebracht, daß der Graf diese Nacht das Schloß des Barons von H. verläßt und zwanzigtausend Thaler in Golde mit sich führt – dieses Sümmchen soll der Braut den Weg in das Haus des Gemahls bahnen – er will vor der Hochzeit noch einige Wechsel damit einfangen, damit man ihn nicht fängt.
– Was kümmert das mich? sagte Eberhard gleichgültig.
– Gegen Mitternacht wird er in seinem Jagdwagen allein nach Hause zurückkehren – sein Weg führt ihn an den Steinbrüchen vorbei –
– Himmel, rief der Förster, solltest Du vielleicht noch einmal auf den Gedanken kommen – –
– Ah, verstehst Du mich endlich? rief Graff mit heiserm Lachen – Nicht wahr, es wäre doch jammerschade, wenn die schöne Summe mit in den Steinbrüchen begraben würde. Das Geschäft ist von doppeltem Nutzen: wir entledigen uns eines gefährlichen Menschen, der unsere Püffe in den Ruinen der Abtei nicht vergessen kann, und werden auf einmal reich – Du freilich sitzest schon in der Wolle, denn Du heirathest ein niedliches Mädchen und eine eben so niedliche Meierei – aber ich mit meiner Fratze kann an Heirathen nicht denken, ich muß auf ein anderes Mittel sinnen, mir ein Vermögen zu erwerben – und siehe da, meinem Scharfsinn ist es gelungen – Du bist mein Freund, Eberhard, Du sollst von diesem Geschäfte den dritten Theil erhalten, mehr gebrauchst Du nicht, um für einen wohlhabenden Mann zu gelten – ich lade Dich hiermit feierlichst dazu ein.
Dem Lauscher am Fenster erstarrte das Blut in den Adern, ihm war, als ob ein Traum seine Sinne umnebelte. Mit aller Kraft, die ihm zu Gebote stand, behauptete er seine Stellung, um den Ausgang des Gesprächs zu erfahren, denn so viel war ihm trotz seines Zustandes klar, daß eine bloße Anzeige ohne Beweise nicht nur ohne Nutzen, sondern selbst von Nachtheil für ihn sein könnte. Der Gedanke, Marie ist durch die Civilehe an einen Raubmörder gekettet, gab ihm Kraft zur Ausdauer.
– Ich folge Dir nicht, hörte er Eberhard sprechen. Du hast mich einmal zu einem Verbrechen verleitet, aber nie wird es wieder geschehen!
– Beim Himmel, rief Graff, die Civilehe scheint Dein Gewissen sehr zart gemacht zu haben!
– Nicht die Ehe, sondern das geraubte Geld – dort liegt es im Schranke – ich mag es nicht berühren! Könnte ich mit der Zurückgabe desselben meine Ruhe wieder erkaufen, ich würde mich ohne Bedauern davon trennen. O, daß ich Deinen Worten Gehör gegeben habe! Fliehe, Du bist der Teufel, der mein Leben vergiftet!
– Sieh, mein Bürschchen, wie klug Du redest! Das Geld verachtest Du jetzt, weil Du ein reiches Mädchen geheirathet hast – wie aber, mein wackerer Freund, wenn ich nicht auf den Gedanken gekommen wäre, durch die Zurücklassung des Hutes in den Ruinen den Bräutigam Marien's zu verdächtigen, daß sie ihm den Abschied geben und aus Angst Dich heirathen mußte – wie aber, frage ich, stände es jetzt mit Dir? Glaubst Du denn, daß Marie den Konrad hätte fahren lassen, nur um Dir den Vorzug zu geben? Hätte mein Scharfsinn das Netz nicht gewebt, Du hättest sicher den Vogel nicht gefangen, der Dich stolz und Dein Gewissen zart macht – Du säßest jetzt im Schuldgefängnisse und sähest durch die Eisenstäbe Deines Fensters, wie andere Leute sich des Lebens freuen.
– Laß' mich Graff, ich will künftig als rechtlicher Mann leben!
– Ha, ha, ha! lachte der Jäger – glaubst Du denn, daß man nach Belieben aufhören kann, wenn man einmal angefangen hat – das wäre sehr bequem – Nein, mein Junge, ich brauche Dich, und Du mußt mitgehen, oder – –
– Oder? wiederholte Eberhard.
– Oder ich beweise Dir, sagte der Jäger in einem drohenden Tone – daß Du mir Gehorsam schuldig bist!
– Mensch, rief der Förster, laß mich in Ruhe!
– Wenn Du Deine Pflicht gegen mich erfüllt hast!
– So nimm das Geld aus dem Schranke und geh'!
– Wie, den Freund willst Du mit Geld abkaufen?
– Du bist nicht mein Freund, ich schäme mich Deiner!
– Nicht Dein Freund? Oho, wer bin ich denn? fragte Graff mit wutherstickter Stimme.
– Mein Teufel bist Du!
– Aber doch Dein guter Teufel?
– Geh' aus meinem Hause! rief Eberhard, den die Ironie des Jägers fast zur Verzweiflung brachte.
– Höre noch ein Wort, Freund Eberhard, ehe Du mich aus Deinem Hause jagst: Bist Du mit dem Schlage elf Uhr nicht in dem Wirthshause des alten Kaspar, um mich zu begleiten, so gehe ich morgen früh zu Marien und entdecke ihr das süße, unschuldige Geheimniß ihres Mannes – hast Du gehört?
– Allmächtiger Gott, das wolltest Du thun? Graff, nimm jenes Geld aus dem Schranke, es fehlt kein Thaler daran – nimm es, aber laß' mich in Ruhe! Geh, geh, Du fürchterlicher Mensch!
– Ohne Dich keinen Schritt!
– Bedenke, daß wir ein neues Verbrechen auf unsere Seele laden!
– Eins oder zwei – das ist ganz gleich! Feigling, lachte der Jäger, Du fürchtest Dich, ein kluger Mann zu sein?
– Du lachst noch? fragte Eberhard mit Schaudern.
– Ja, ich lache Freund, um Dir meine Achtung zu beweisen! Noch einmal wähle: willst Du zu dem Rendez-vous kommen, oder soll ich gehen – Du weißt wohin?
– Mensch, ist das Dein Ernst?
– Bei meiner Jägerehre, die ich nie verletzte!
– Noch einmal, Graff –!
– Nicht ein Wort – ja, oder nein?
Eine Pause trat ein. Die beiden Jäger in dem Zimmer standen sich einander gegenüber, Konrad am Fenster wagte nicht zu athmen, obgleich ihm ein unnennbares Gefühl die Brust zersprengen wollte.
– Gut, ich komme! sagte endlich Eberhard. Aber nur unter einer Bedingung.
– Nenne sie!
– Daß kein Blut vergossen wird.
– Narr, ein halbes Geschäft ist keins. Wenn uns der Graf nun erkennt? Sieh', ich bin auf Deinen Vortheil bedacht: ich mache mich aus dem Staube, so bald ich das Geld habe, das kannst Du nicht, Du mußt bei Deiner Frau bleiben – mir ist es ganz gleich, ob der Graf mit heiler Haut davon kommt oder nicht – Dir, dem Zurückbleibenden, muß alles daran liegen, die Zeugen bei Seite zu schaffen – also sei gescheit und folge mir!
– O furchtbar, furchtbar! Ich soll einen Mord auf mein Gewissen laden!
– Nein, das sollst Du nicht, das Außerwesentliche ist meine Sache – Du nimmst nur das Geld! Also Schlag elf Uhr an dem Wirthshause – auf der Bank, wo wir den verhängnißvollen Hut mit dem rothen Bande eroberten. Auf Wiedersehen, Kamerad!
Jetzt zog sich Konrad behutsam aus der Hecke zurück, sandte einen Blick des Dankes zum Himmel empor und lief mit einer solchen Schnelle den Weg über das Stoppelfeld zurück, daß er nach kaum zehn Minuten keuchend an Philipp's Mühle stand. Er traf den jungen Müller auf der Bank unter der Linde, wo er einem kleinen Kreise Zuhörer die Scene schilderte, wie Konrad das Leben des Gutsherrn gerettet hatte.
– Willkommen, Konrad! riefen alle, als sie ihn erkannten, und umringten ihn freudig, denn sie wußten um sein hartes, unverdientes Schicksal und beklagten ihn von Herzen.
– Philipp, flüsterte der Angekommene, ich muß Dich allein sprechen!
– Mein Gott, Konrad, Du bist außer Athem – was ist geschehen?
– Noch nichts; doch komm auf einen Augenblick in Dein Haus.
Die beiden jungen Leute verschwanden in der Mühle. Die Zurückgebliebenen unter der Linde äußerten laut ihre Befürchtungen, sie schlossen aus Konrads hastiger Ankunft, Mariens Verlust habe ihm den Verstand zerstört.
Die Uhr im Dorfe schlug zehn und der kleine Kreis der Nachbarn wollte sich eben trennen, als Konrad und Philipp eilig aus der Mühle traten. Letzterer trug die Uniform seines Regiments, einen alten Säbel an der Seite und ein Jagdgewehr auf der Schulter.
– Wohin? riefen die Leute erstaunt.
– Zum Appell! war die Antwort der eilenden Männer, die im nächsten Augenblicke schon in dem Dunkel verschwunden waren. Auf einem Platze im Dorfe trennten sie sich wieder, Konrad, um seine Uniform und Waffen anzulegen, Philipp, um den dritten Kameraden zu holen.
Röschen empfing den Bruder mit einem lauten Freudengeschrei. Dieser grüßte kaum und stürzte in seine Kammer. Die Schwester folgte ihm.
– Konrad, rief Röschen, deren Freude sich in Schreck verwandelt hatte – Du willst doch nicht wieder in den Krieg ziehen, daß Du die Uniform hervorsuchst?
– In den Krieg, war die rasche, freudige Antwort – in den Krieg, um mir meine Marie wieder zu erobern!
Röschen brach in ein lautes Schluchzen aus, denn sie glaubte, der Bruder sei wahnsinnig geworden.
– Bruder, ich lasse Dich nicht von der Stelle!
– Warum nicht? fragte Konrad lächelnd, indem er den Soldatenrock anzog.
– Wie Du glühst – Du bist krank!
– Du irrst, Schwester, ich war in meinem Leben nicht so gesund, als eben jetzt.
– Aber wo willst Du hin?
– In den Krieg!
– Konrad, Konrad, was soll ich glauben? Diese Antwort, – Deine funkelnden Blicke –!
Der junge Mann prüfte indeß den Inhalt einer Jagdtasche. Als er den nöthigen Schießbedarf darin vorgefunden, warf er sie über die Schulter, ergriff ein Gewehr, das an der Wand hing, und trat dann ruhig und freundlich zu seiner Schwester.
– Röschen, sagte er sanft, Du weinst und zweifelst vielleicht an meinem Verstande, weil ich von Dingen rede, die Dir sonderbar erscheinen; aber sei außer Sorge, der Gang, den ich jetzt zu machen gedenke, rettet unserm jungen Grafen das Leben, mir die schwer gekränkte Ehre und Marien die Freiheit. Begreifst Du nun meine plötzliche Umwandelung, liebe Schwester?
– Aber so erkläre mir doch –!
– Soll ich meinen Zweck nicht verfehlen, so laß mich ziehen – bald kehre ich zurück und Du wirst alles erfahren.
– Willst Du allein fort? fragte Röschen besorgt.
– Komm zurück in das Zimmer und Du wirst sehen, wer mich begleitet.
In demselben Augenblicke, als die Geschwister aus der Kammer eintraten, öffnete sich die Thür, die auf die Hausflur führte, und Philipp und ein anderer junger Mann in Uniform und bewaffnet erschienen auf der Schwelle.
– Willkommen, Christian! rief Konrad, beiden die Hand reichend. Siehst Du, wandte er sich zu Röschen, da stehen meine Begleiter – hast Du nun noch Angst? Jetzt bleibe wach, bis wir zurückkehren und sorge für ein gutes Frühstück, denn vor Mitternacht wird unser Geschäft nicht beendet sein. Doch laß kein Wort von unserm Ausmarsche laut werden, sonst ist alles verloren.
– Und Marie wird frei? fragte Röschen noch einmal.
– Frei, antwortete Konrad, um meine Frau zu werden. Adieu, Röschen!
Vorsichtig verließen die drei Soldaten das Haus und das Dorf. Röschen ging zur Küche, schürte Feuer an und begann das ihr aufgetragene Mahl zu bereiten.
8.
Der Jäger Graff hatte wahr gesprochen: Graf Rudolph bestieg in der That im Edelhofe des Barons gegen Mitternacht seinen Wagen, um nach seinem Schlosse zurückzukehren. Nur führte er nicht die Summe Gold mit sich, nach der Graff sich sehnte, die Kunde davon war nichts als ein Domestiken-Geschwätz, das dem wilden Waidmann durch einen Jäger des Barons in der Waldschenke zu Ohren gebracht worden. Der junge Graf, obgleich beglückt durch die Liebe eines schönen, reichen Mädchens, befand sich nicht in der heitersten Laune, Konrad's Unglück, zu dem er willenlos den Grund gelegt, ging ihm tief zu Herzen und erfüllte ihn um so mehr mit Mißmuth und innigem Bedauern, als er nicht im Stande war, durch irgend ein Mittel das Geschehene auszugleichen. Er hatte seiner Braut die Unglücksgeschichte mitgetheilt und diese hatte ihm unter Thränen den Vorschlag gemacht, dem armen Konrad ein kleines Gut als Eigenthum zu überweisen, das sie in der Gegend von B. besaß und durch einen Verwalter bewirthschaften ließ. Rudolph war freudig auf diesen Vorschlag eingegangen, daß er aber dem braven Manne mit der Verleihung der Glücksgüter nicht auch das Glück und die Ruhe des Herzens zurückgeben konnte, deren Verlust er noch vor Kurzem so schmerzlich empfunden, trübte die Freude, die ihm die Umgestaltung seines Geschickes bereitete.
Die Wächter der nahen Dörfer riefen die Mitternachtsstunde und ihre Hörner erklangen hell durch die stille Nacht, als der Graf die weißen Mündungen der Steinbrüche erblickte, an denen eine kurze Strecke seines Weges vorbeiführte. Das Passiren dieses Weges war völlig gefahrlos, da die Abgründe sich in einer Entfernung von mehr als hundert Schritten öffneten und selbst in der größten Dunkelheit sich durch einen weißen Schimmer des Gesteins zu erkennen gaben. Hinter den Steinbrüchen zu beiden Seiten liefen ziemlich hohe Bergrücken hin, welche ein langes, schmales Thal bildeten, das eine Biegung machte, um sich ostwärts fortzusetzen, der Weg aber zum Schlosse schied sich in dieser Biegung und führte südwärts durch einen tiefen Hohlweg wieder in das freie Feld.
Peter, der Kutscher, des Weges kundig, hieb lustig in die Pferde, daß der leichte offene Wagen wie ein Pfeil durch das Thal schwirrte. Als er an die Stelle kam, wo er in den Hohlweg einbiegen mußte, fuhr er vorsichtig etwas langsamer; doch kaum hatte er das tiefe Gleis erreicht, als aus einem an dem Abhange stehenden Haselbusche ein Schuß fiel und dem armen Burschen die Hand verwundete, mit der er die Peitsche schwang. In demselben Augenblicke stürzte ein Mann den Pferden in die Zügel.
Der Graf, seit seinem letzten Anfalle vorsichtig geworden, holte rasch ein Pistol aus der Wagentasche hervor, legte an, ein zweiter Schuß knallte durch das Thal und der Mann, der die sich bäumenden Pferde hielt, stürzte mit einem lauten Schrei zusammen. Die Hufe der scheu gewordenen Pferde zermalmten den tödtlich verwundeten Räuber. Peter behielt indeß so viel Geistesgegenwart, daß er mit der gesunden Hand die Zügel kräftig erfaßte und das Durchgehen der Rosse verhinderte.
Noch stand der Graf aufrecht im Wagen und hielt das abgeschossene Pistol in der Hand, als er von hinten mit einem Hirschfänger angegriffen wurde – ein zweiter Räuber hatte den Wagen erstiegen. Ohne ein Wort zu reden, vertheidigte sich der Angegriffene mit dem umgekehrten Pistol und es entspann sich ein Kampf in dem Wagen, der sich sicher zu Gunsten des stärkeren Banditen entschieden, wenn nicht ein paar kräftige Fäuste den Nichtswürdigen bei den Haaren ergriffen und ihn rücklings von dem Sitze herab in den Hohlweg geschleudert hätten. Unten standen noch zwei Männer und nahmen den wuthknirschenden Räuber mit ihren Gewehrkolben in Empfang.
Der Graf, in der Meinung, er habe den Angreifenden durch einen Schlag seiner Waffe kampfunfähig gemacht, suchte nach einem zweiten Pistol, das er aber nicht gleich erfassen konnte, da es aus der zerrissenen Tasche auf den Boden des Wagens gefallen war.
– Zurück, rief er emsig suchend, oder meine Kugel zerschmettert Euch Banditen den Schädel!
– Herr Graf, rief Konrad's Stimme, die Banditen können nicht mehr zurück, der eine ist todt, der andere geknebelt!
– Himmel – Kinder, wer seid Ihr?
Die drei Männer in ihrer Uniform mit den blinkenden Knöpfen traten heran, und der Mond, der in diesem Augenblicke hinter einer Wolke hervortrat, beschien ihre muthigen Gesichter.
– Soldaten Ihres Bataillons, antworteten sie und streckten dem Grafen die Arme entgegen, um ihm aussteigen zu helfen.
– Konrad, Philipp, Christian! rief fast weinend der Gerettete und schloß einen nach dem andern in seine Arme.
– Nun, rief Peter, wollt Ihr mir denn nicht auch helfen? Ich bin am Arme verwundet –!
Rasch sprang Christian zu den Pferden und Konrad und Philipp nahmen den Kutscher in Empfang.
– Wo bist Du verwundet? fragte theilnehmend der Graf.
– Am rechten Arme; es scheint jedoch nur ein Streifschuß zu sein, denn ich fühle keine Schmerzen.
Graf Rudolph zog sein Taschentuch hervor und verband den Arm des Kutschers, der glücklicher Weise nur leicht gestreift war.
– Wo sind die Räuber? fragte er dann.
– Hier ist der gefährlichste! rief Konrad und schleppte mit Philipps Hülfe den geknebelten Graff herbei, der wie ein zusammengerollter Igel am Boden lag. Es ist derselbe, der in den Ruinen der Abtei schon einmal die räuberische Hand nach Ihnen ausstreckte, derselbe, der meinen Hut mit dem rothen Bande stahl und ihn an dem Orte seines Verbrechens zurückließ, um den Verdacht auf mich zu wälzen – derselbe, der zwanzigtausend Thaler in Ihrem Wagen vermuthet und Sie morden und berauben wollte, um als ein reicher Mann sich aus dem Staube zu machen – ist es nicht so, Herr Graff? Jetzt theilen Sie doch mit Ihrem Kameraden – dort liegt er!
– Ich wollte, ich hätte mit ihm getheilt! murmelte der Geknebelte.
– Wer ist der Andere? fragte der Graf und trat zu dem Todten.
– Sehen Sie ihn an, sagte Philipp, er ist noch zu erkennen.
– Himmel, mein eigener Revierförster! O über den treuen Diener! Konrad, Du hast mir Dein Leben, Dein Glück geopfert – über der Leiche dieses Bösewichts gebe ich Dir Deine Marie zurück – Gott sei gelobet, der alles so gefügt!
– Herr Graf, rief Konrad jauchzend, Marie liebt mich noch, ich kann wieder glücklich werden!
– Wie Du es verdienst, mein braver, guter Konrad! – Kinder, wandte sich der Graf jetzt zu den Soldaten und freudige Rührung machte seine Stimme schwanken – Kinder, ich lade Euch zu meiner Hochzeit ein, die nächsten Sonntag auf dem Edelhofe des Barons gefeiert wird – werdet Ihr mich zu der Kirche begleiten und den Ehrenplatz an der Festtafel einnehmen?
– Herr Graf! riefen Philipp und Christian überrascht.
– Ihr müßt erscheinen, wenn Ihr mir meine Freude nicht stören wollt!
– Wir sind Bauern, sagte Philipp, wir passen nicht in vornehme Gesellschaft.
– Philipp, wo wäre ich und meine Hochzeit, wenn Ihr nicht gewesen wäret?
– Herr Graf, fiel Konrad ein, wenn Sie meine Kameraden einladen, was bleibt mir dann?
– Freund, rief der Graf, ist Deine Hochzeit nicht die meine? Oder soll Marie Deine Frau nicht werden?
– Ja, sie wird meine Frau! aber nicht durch eine Civilehe!
– Nun, Konrad, wir haben Unglückstage zusammen verlebt, wir wollen auch den höchsten Festtag unseres Lebens zusammen begehen, und unsere Kameraden sind unsere gemeinschaftlichen Gäste!
Jetzt warfen die jungen Leute den todten Revierförster in den Wagen, und banden dann den grimmigen Graff mit den Händen an die Hinterachse, daß er nur die Füße zum Gehen bewegen konnte. Peter bestieg seinen Sitz wieder und fuhr langsam dem Dorfe zu. Der Graf und die Soldaten folgten zu Fuß.
Ein weißer Wolkenstreif im Osten kündete den jungen Tag an, als der Zug vor dem Hause des Ortsrichters anhielt.
Wir übergehen den Schmerz des Richters Valentin – nicht über den Tod seines Neffen, sondern über das Geld, das er für ihn in der Stadt bezahlt, und über den Verlust der fetten Wiese; wir übergehen aber auch die Seligkeit Mariens, als der Graf mit dem Ortsrichter in ihr Zimmer trat und Letzterer ihr den Ehecontract mit der Anzeige zurückgab, sie sei frei und könne dem Manne ihrer Liebe die Hand reichen – wir berichten nur noch, daß Konrad und Marie denselben Tag in Gegenwart des jungen Grafen und des Richters Valentin einen neuen Contract für Zeit und Ewigkeit schlossen und daß am nächsten Sonntage in der mit Blumen und Kränzen geschmückten Dorfkirche unter dem Gesange der andächtigen Gemeinde zwei Brautpaare die Weihe des Priesters erhielten – es waren der Graf Rudolph und Emma, geführt von den adelichen Verwandten, und Konrad und Marie, begleitet von Röschen, Philipp und Christian.
Graff ward dem Arme der Gerechtigkeit übergeben und Eberhard in einem Winkel des Kirchhofs dem Schooße der Erde.
Acht Tage später hielt ein Reisewagen vor Mariens Meierei – er war bestimmt, das junge Ehepaar nach dem Gute zu führen, das die Gräfin dem Retter ihres Gatten als Eigenthum überwiesen hatte.