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Semper der Jüngling

* (continued 2)

Reading edition

Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage besuchte, hörte er, daß sein Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause geschleppt habe. »Ich werde den Weg nicht wieder machen können,« sagte Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« rief Asmus, »dann holen wir euch einfach in der Droschke; wir haben’s ja!« Und er dachte sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten« im Triumph einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaar! Und noch einmal ging er beruhigt heim.

Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er konnte nicht mehr arbeiten, saß in seinem alten Lehnstuhl und mochte nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den größten Teil des Tages. Sein Appetit war nicht zurückgekehrt.

Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal –? Nein, einen so harten Zoll konnt’ es nicht fordern; so grausam konnt’ es sein Glück nicht verkürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-, neunzigjähriger Greis wäre, dann müßte man sich mit der Notwendigkeit versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte das Schicksal diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig fremde Menschen mußten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus vor nicht langer Zeit im Lehrerverein geredet und die Kunst als Erzieherin proklamiert hatte und auch sein Vater als Gast zugegen gewesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht. Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen: »Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der unserm Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.« Und dann hatte er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Versammlung ihm zugestimmt. Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte gesehen, wie er sich freute, und daß dieser Mann, der sein ganzes reiches Pfund in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal vor aller Welt die Ehren genoß, die ihm gebührten, das war doch von allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen.

Und sollte das die letzte große Freude im Leben Ludwig Sempers gewesen sein? Nein, nicht die letzte.

Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde und die kleine Isolde mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saß er schlafend im Lehnstuhl; er erwachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete. Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach, öffnete der Kranke die Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so groß und freundlich waren wie in seinen besten Tagen.

»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte er leise, mit frohem Staunen.

Sie sagten ihm, daß es ja Isolde sei, Asmussens und Hildens Kind und seine eigene Enkelin.

Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze Gesicht des Leidenden das große, unerschöpflich gütige Lächeln, das über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne geleuchtet hatte, und dann schlossen sich die Augen wieder, und der Kranke war wieder entschlummert.

Die Besucher schlichen hinaus, und draußen nahm Asmus seine Mutter auf die Seite und fragte: »Was sagt denn der Arzt?«

Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: laut jammernd rief sie: »Ach Gott, der schreckliche Mensch sagt, es wäre vielleicht Magenkrebs, – ich werd’ ja verrückt, wenn ich bloß daran denke!«

Das machte Asmus vom Kopf bis zu den Füßen erstarren. Über all seine Befürchtungen hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es werde vorübergehen. Dieser Schlag betäubte ihn. Aber nur für einen Augenblick. Er schickte Hilden und das Kind nach Hause und rannte zum Arzt.

»Ja,« sagte der, »alle Anzeichen sprechen dafür. Ich habe keine Magensäure gefunden, das ist das sicherste Symptom.«

»Herr Doktor,« stammelte Asmus, »Sie dürfen mir nicht zürnen, – Sie sind ja auch nur ein Mensch, – Sie müssen sich in meine Lage versetzen, – es ist mein Vater, – würden Sie es mir übelnehmen, wenn ich noch einen zweiten Arzt befragte?«

»Durchaus nicht,« versetzte der Arzt, »Sie machen sich freilich unnötige Kosten; aber wenn es Sie beruhigt –«

Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der ihm als besonders tüchtig empfohlen war. Der ließ ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandle?

Der Doktor Soundso.

Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er wisse nicht, was er da solle.

Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen.

»Nun ja, ich kann ja hinkommen.«

Und Asmus ging mit neuer Hoffnung: Der wird vielleicht zu einem anderen Ergebnis kommen.

Als er andern Tages ins Elternhaus kam, war der zweite Arzt noch nicht dagewesen. Der Kranke aber delirierte und konnte nur mit größter Mühe im Bette festgehalten werden. Da kam Asmussen der Gedanke: Ins Krankenhaus. Hier, in diesen ärmlichen, beschränkten Verhältnissen konnte ja der Vater nicht gepflegt werden wie im Krankenhause, und wenn eine Operation nötig war, mußte er doch dorthin. Und dort waren die besten Ärzte. Er besorgte die Aufnahme ins Krankenhaus, nahm eine Droschke und fuhr vors Elternhaus. Nun holte er seinen Vater in der Droschke! Aber nicht im Triumph, ach Gott, nicht im Triumph! Ohnmächtig lag ihm sein Vater im Arm wie ein Kind, und als er so mit seinem Vater im Wagen allein war, rannen seine Tränen unaufhörlich. Als er den Vater endlich wohlgebettet sah, eilte er zum Arzt des Krankenhauses und erstattete ihm Bericht über den Kranken. Dieser Arzt war ein feiner und milder Mann; er hörte den Sohn, aus dessen Worten er wohl die fliegende Angst des Herzens vernahm, mit großer Teilnahme an und entließ ihn mit neuer Hoffnung. Nun kann noch alles gut werden, dachte Asmus. Dieser Arzt ist ein vortrefflicher Mann, und im Krankenhause hat man alles zur Hand, was man zur Pflege eines schwer Erkrankten braucht.

Andern Mittags, als er aus der Schule heimkam, war sein erstes Wort:

»Ist Nachricht vom Krankenhause da?«

»Ja,« sagte Hilde ernst, »der Bote war hier.«

»Und?« rief er begierig.

»Du weißt es doch schon, nicht wahr?« sprach Hilde sanft. Er starrte sie an. »Ist er –?« Er brachte das Wort nicht heraus.

Sie nickte stumm und legte den Arm um seinen Hals. Er aber fiel mit einem einzigen, lauten Aufschluchzen in die Sofaecke.

Das also hatte er mit allen Mühen und Ängsten erreicht, daß sein Vater nun einsam gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war nach dem Bericht der Wärter nicht wieder zum Bewußtsein erwacht, und morgens um zwei Uhr war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch einen lichten Augenblick gehabt und wenn er Weib und Kinder gesucht hatte – mit diesem Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz, während er durch die Straßen rannte und die Formalitäten für die Bestattung erledigte. Dabei lief er oft stundenlang durch Gegenden, in denen er nichts zu suchen hatte; er wußte nicht, womit er sonst seine Zeit ausfüllen sollte.

Als er dann an der Bahre seines Vaters stand und den starren, tränenlosen Blick auf das weiße Haupt des Toten heftete, da mußte er unaufhörlich denken: König Lear – König Lear. Dieser Mann hatte nicht aus Torheit ein Kind verstoßen, war kein Tyrann gewesen – und war seine Liebe vergolten worden, wie sie’s verdiente? Die Liebe eines Vaters kann man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist ein König Lear. Und als er seine arme, gebeugte Mutter sah, als er daran dachte, daß ihre Kinder von ihr gegangen waren und das beste Teil ihres Herzens an andere gegeben hatten, da fügte er hinzu: und jede Mutter ist eine Niobe.

Er riß sich gewaltsam empor aus seinem Brüten und sah sich um. Von seinen Freunden war nur einer erschienen: Dr. Rosenberg. Und das war die erste Freude in all diesem Leid.

Als er am Grabe stand, war es wieder wie immer; er konnte nicht weinen. Er dachte, was müssen die Menschen von dir denken, daß du am Grabe deines Vaters ohne eine Träne stehst. Aber als er das dachte, konnte er um so weniger weinen. Er hatte seit jenem Aufschluchzen in Hildens Armen nicht geweint; auch als er heimgekommen war, weinte er nicht. Erst am Abend des folgenden Tages, als Hilde zu einer Besorgung das Haus verlassen hatte und er allein an seinem Schreibtisch saß, legte er den Kopf in den Sessel zurück und weinte, weinte unaufhaltsam wie ein kleines Kind, das im Gewühl und Gedränge der Menschen die Hand des Vaters verloren hat.

LVIII. und letztes Kapitel.

Asmus bekommt einen Preis, einen Wolfram und eine Weltanschauung, und da dies dem Verfasser genug dünkt, übrigens auch die Weltanschauung den Mann macht, so schließt er diese Geschichte eines Jünglings.

Warum suchte denn Asmus in diesen schweren Tagen nicht Trost bei seiner Hilde? Wer am Schlusse dieses Buches noch so fragen würde, der würde das Wesen von Ludwig Sempers Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie dieser Asmus können den Trost nicht bei anderen, sondern immer nur in sich selbst finden, und wenn sie auf den Trost anderer hören, so ist es, weil sie ihn schon in sich selbst gefunden haben. Zunächst suchte er auch keinen Trost; er wühlte vielmehr in seiner Wunde. Nicht alle Menschen rufen im Schmerze sofort nach Linderung wie das Kind nach dem Schnuller. Er fand es recht und gut, daß er litt, wo sein Vater so schwer und so lange geduldet hatte; er bildete sich nicht ein, ein Anrecht auf ein schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen litten. Dann aber, als er sich recht in Ruhe und Einsamkeit sattgeweint hatte, trat seine angeborene Philosophie wieder in ihr Recht: Mit unabänderlichen Tatsachen nicht zu hadern und den Kampf des Lebens in Hoffnung und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War es doch inzwischen eine Hoffnung und ein Vertrauen geworden, die weit über den Kreis eines Einzeldaseins hinausreichten.

So oft er auch an den frühen Hingang seines Vaters mit Schmerzen gedenken mochte – er konnte dessen auch in weit, weit späteren Jahren nur mit tiefer Wehmut gedenken – dieser Verlust gehörte, als er mit ihm abgeschlossen hatte, nicht mehr zu den Dingen, die sein Wirken und seine Entwicklung hemmen konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder einmal den Fluch und den Segen der Armut. Er hatte schließlich doch einsehen müssen, daß 1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten, wenn man Eltern davon unterstützen und außerdem drei Menschen erhalten wollte, von denen zwei doch etwas mehr verlangten als Stillung des Hungers. Und seine Schriftstellerei war noch ein völlig unsicheres Brot; Arbeiten, die ihm später mit Kußhand abgenommen wurden, mußte er in diesen Jahren wie saures Bier an Dutzende von Blättern vergeblich ausbieten. Dazu stand die Geburt des zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg, der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht lesen mochte, hatte ihm in zartester Weise seine Hilfe angeboten; »ich verdiene weit mehr, als ich brauche,« hatte er gesagt, »und ich bin froh, wenn ich mein Geld so gut anwenden kann.« Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und Rührung abgelehnt. Er wußte, daß dieser Mann ihn niemals drängen würde; aber er hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie waren das einzige gewesen, das die heiter gütige Seele seines Vaters verbittern konnte. So griff er denn zu einer Häufung der Privatstunden; er bereitete Lehrer und Lehrerinnen auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Was tun denn die jungen Damen immer bei Herrn Semper?« Dann sagte der Hauswirt: »Sie lernen bei ihm das Dichten.«

Es war ein Glück, daß ihm in seiner regelmäßigen Tätigkeit eine große Wohltat geschehen war. Er war nun schließlich doch versetzt worden, und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte Asmus so recht, wie unsere Worte und Handlungen das Gesicht der Persönlichkeit tragen, aus der sie fließen. Auch dieser Chef legte zuweilen auf kleine Dinge einen Wert, der ihnen nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman, der in seinen Kollegen bis zum Beweise des Gegenteils Gentlemen erblickte, und so bedeuteten alle Kleinigkeiten nichts auf dem großen Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein Mißton trübte das Verhältnis zwischen diesem Manne und dem renitenten Herrn Semper.

Und als er eines Mittags von diesem freieren und froheren Dienste nach Hause kam, da sah er an Hildens Gesicht, daß etwas Ähnliches geschehen sein müsse, wie damals mit den hundert Mark vom »Leuchtturm«, aber etwas noch weit Froheres. Auf ihrem schönen Gesicht, das ihm einst nur für den Ernst und die Trauer geschaffen schien, zuckten tausend Lichter des Frohsinns, und in ihrer Hand hatte sie einen Brief.

»Du darfst nicht böse sein!« rief sie, »ich konnt’ es nicht aushalten – ich hab’ ihn geöffnet, als ich sah, woher er kam! Da lies selbst!«

Er las, und als er gelesen hatte, wollt’ er sie wieder umarmen und mit ihr tanzen; aber nein – das durfte sie ja nicht! Da drückte er ihr Gesicht mit beiden Händen und zerknüllte dabei den Brief und dessen Inhalt vollständig und küßte sie, bis ihr der Atem verging; aber er mußte doch tanzen, er mußte tanzen, und er umarmte einen Stuhl und tanzte mit dem durch beide Zimmer.

In einer süddeutschen Stadt gab es eine Schillerstiftung, die von Zeit zu Zeit an Versdichter einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte. Dieser Preis war nun den »Gedichten von Asmus Semper« zuerkannt worden.

Als er den Brief noch einmal gelesen und die beiden Hundertmarkscheine geglättet und genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen wären, da drehte er sich auf einem Beine mehrmals um sich selbst. Aber plötzlich hielt er inne, ließ sich auf einen Stuhl fallen und wurde tiefernst. Und Hilde kniete zu ihm nieder und sagte:

»Ich weiß, was du denkst!«

»Ja, Hilde? Weißt du das? – Hilde! Wenn er das noch erlebt hätte! Mein Gott, wenn er das noch erlebt hätte! Das wäre ihm wie eine Krönung seines Lebens gewesen.« – – –

So wenig sich Frau Hilde in den Gedanken ihres Mannes verrechnet hatte, so sehr hatte sie sich in der Zeit ihrer Erwartung verrechnet. Einen vollen Monat später, als sie gehofft, erschien das zweite Kind; dafür aber war es ein richtiger Junge. Der junge Herr Wolfram schrie genau so kraftvoll wie seine Schwester.

Als Asmus seinem Freunde Rosenberg die Nachricht brachte, da rief der: »Nun, da muß man wahrhaftig sagen: Ein volles Glück! Mensch, Sie sind ein Liebling der Götter! Sie haben ein herrliches Weib, eine Tochter, einen Sohn und alle sind gesund, und Sie haben Glück und Freude an Ihrer Kunst und in Ihrer Kunst! Bei Gott, ein volles Glück, ein volles Glück!«

Er sprach es ohne Neid, obwohl ihm selbst eine frühe Hoffnung verhagelt war.

Und doch ahnte der Freund bei weitem nicht den ganzen Umfang von Sempers Glück; er konnt’ es nicht kennen in seiner ganzen Fülle. Asmus hatte in den letzten Monden Kämpfe durchgerungen, von denen niemand wissen konnte. Er hatte für seinen frohen, hoffenden Glauben an das Leben nach einem tieferen und festeren Grunde gesucht und hatte ihn gefunden, für viele Jahre wenigstens gefunden.

Wenn selbst ein Faust ausrief:

O glücklich, wer noch hoffen kann, Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!

und wenn Asmus dennoch hoffte, so fragte er sich: »Bin ich ein Wagner?« Nein, ein Wagner war er nicht, das durfte er sich zuerkennen. Nur in halbkindlichen Jahren hatte er geglaubt, daß ein Mensch viel wisse und daß er alles wissen könne. Auch war er nie so gemein gewesen, die Welt für vortrefflich zu halten, weil es ihm gut erging. Aber doch hatte er sich die Harmonie der Welt schon in engeren Kreisen, ach, schon im Bezirk eines Einzellebens vollendet gedacht. Daran war er irre geworden und hatte nun die Landmarken seiner Hoffnung weiter gesteckt, in die Jahrhunderttausende, in die Jahrmillionen hinein. Auf diesem langen Wege bedurft’ es eines starken Glaubens, nein, eines starken Wissens, und das hatte er gefunden. Nicht nur die unmittelbare Gewißheit des Sittengesetzes war ihm aufgegangen, er fühlte auch unmittelbare Gewißheit im Denken und im Schaffen, und er nannte dies Gefühl, das die Entwicklung des Menschen begleitet, das Richtungsgefühl. Trotz aller Schuld, alles Irrtums und alles Mißlings weiß der Mensch, in welcher Richtung Ausgang und Ende des Entwicklungsstromes liegen; in seiner Brust ist ein Magnet, der trotz allen Zitterns und allen Abirrens den Weg zur Vollendung weist.

An einem köstlich milden Septemberabend, als er mit der froh genesenen Hilde am Fenster saß und noch ein letzter Hauch der Sonne auf den Bäumen lag, sprach er zu ihr:

»Ich hab’ was geschrieben – willst du’s hören?«

Mit der Freude eines Kindes ergriff sie seine Hand und drückte sie an ihr Herz und ließ sich dann zu seinen Füßen nieder. Er entfaltete ein Blatt und las:

Chidhr. Ein wunderbarer Traum hat mich besucht. Ich saß an eines Berges Hang und schaute. In einer flüchtigen Minute Raum Gedrängt, den Daseinswechsel langer Zeiten. Im Tal zu meinen Füßen sah ich Blumen Auf Blumen sich erschließen und vergehn, Sah’ Bäum’ und Sträucher keimen ich und sprossen Und wachsen, blühen, welken und vermodern, Und sah ich Menschen von der Wiege bis Zum Sarg des Lebens kurzen Tag durchwandeln. Ich sah sie lachen, weinen – weinen, lachen, Sah sie verzweifeln, hoffen und – verzweifeln, Sah, wie das Glück dem Unglück reicht die Rechte, Wie Unglück seine Rechte reicht dem Glück In ewiger Kette. Namenlose Trauer Sank mir mit schweren Schatten in die Seele. »Wann endlich,« dacht’ ich, »sinnlos-blödes Spiel, Wirst du dich enden? Auf und ab und auf Wiegt seit Äonen sich die Lebensschaukel – Auf einer Seite staunend sitzt das Leben, Und auf der andern grinsend wippt der Tod – Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die Wippe Durch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott, Den dieses grause Einerlei vergnügt? Der ärmste Menschengeist, er hätte längst Voll Überdruß und Ekel dieses Spielzeug Zertrümmert –!« Wie ich also bei mir dachte, Sah ich am Boden plötzlich einen Schatten – Ich hob den Blick, und einen Jüngling sah ich Mit himmelsheit’rer Stirn, wie junge Rosen Der frohe Mund, das Auge sonnentief. Er hob den Arm und winkte freundlich »Komm!« »Wer bist du?« rief ich. Er drauf: »Chidhr bin ich, Der Grüne, Ewigjunge, der im Lande Der Finsternis des Lebens Quellen hütet. Komm, folge mir.« Und Falterflug des Traumes Entführte mich auf lautlos dunklen Schwingen In eine schreckendüstre Felsenwelt. Doch sieh, aus tiefem Spalt granit’ner Berge Sprang bläulich silbern einer Quelle Strahl, Der wie ein ewig junges Lachen klang. Und Chidhr sprach: »In hundert Jahren furcht Der ruhlos rege Quell sein hartes Bette Um eines Fingers Breite. Alexander, Den bis nach Indien trug der Siegeswagen, Stand einst wie du an diesem Lebensquell. Seit jenem Tage grub der Silberstrang Um einen Fuß sich tiefer ins Gestein. Und einst wird diese Quelle im Verein Mit ihren Schwestern diese Felsen wandeln In ein begrüntes Tal, wie du’s verlassen. Hier maß der göttergleiche Alexander Sein Werk und seinen Ruhm am Maß der Welt Und ging von diesem Ort zerstörten Herzens. Und du, der schwach und klein ist bei den Menschen, Kannst, wenn du willst, ein Gott von hinnen geh’n. Wohl ihm, dem Freude sprüht aus dieser Quelle, Wohl ihm, der ihr geheimes Lied versteht. Wohl bleichen ihm die Lichtlein, die den Pfad Ihm durch ein enges Leben schwach erhellten, Die Lichtlein Ruhm, Unsterblichkeit und Macht. Doch hinter weltenweiten Finsternissen Geht eine Sonn’ ihm auf, die alle Sonnen Und Sonnenchöre selig überstrahlt. Er fühlt, wie klein der Mensch, und fühlt, wie groß, Wie unbegreiflich schön, wie über alles Verdienst und Ahnen göttlich sein Beruf, Und aus dem Klang der Quelle trinkt sein Herz Zwei Kräfte wundersam: Geduld und Sehnsucht. Geduld, die heiß und tief verlangt, und Sehnsucht, Die sich am Glanz des Zieles still getröstet. O Menschen, habt Geduld, und tut es nicht Den Kindlein gleich, die in den Boden kaum Den Samen senkten und nach Blumen schon Und reifen Früchten späh’n! Taucht die Gedanken Ins märchengraue Alter dieser Welt Und steigt empor dann und erkennt, daß gestern Der Mörder Kain seinen Bruder schlug. Du dachtest recht, mein Freund: wär’ diese Welt Ein Einerlei, die Macht, die sie erschaffen, Sie hätte längst zerstört ihr blödes Spiel. Doch sieh, soweit in diesem Reich des Lebens Die Wasser wandern, hat noch nie ein Quell, Noch nie ein Strom den Weg zurückgenommen – So glaube: auch der Strom des Lebens nicht. »Vorwärts zum Licht!« das ist der Sinn der Quellen, »Vorwärts zum Licht!« das ist der Ströme Sinn, Die deine Seele, deinen Leib durchrinnen. Er, der die Welt gewollt und dessen Namen Kein endlich Wesen nennen darf noch kann, Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s wißt!« So sprach der Ewigjunge. Oder sprach’s Der Quell? Im Silberklange rann zusammen, Was Chidhr sprach und was die Quelle sang. Und Falterflug des Traumes hob mich lautlos Von dannen, und vom Tageslicht geblendet, Erwacht’ ich jäh. Am Waldesrand erwacht’ ich, Wo singend aus dem Fels die Quelle springt, Wo Morgenlicht von tausend Himmeln floß.

Sie nahm Ihm leise das Blatt aus der Hand und suchte darin eine Stelle, und als sie sie gefunden hatte, sprach sie langsam und leise:

Er, der die Welt gewollt und dessen Namen Kein endlich Wesen nennen darf noch kann, Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen Zum Lichte geh’n – und gab euch, daß ihr’s wißt!

Wie immer hatte sie ihn verstanden. Und als sie nun die dunklen Augen in heiligem Ernste zu ihm erhob, und als sein froher Blick in diese Augen selig versank, da sprach Asmus Semper in seinem Herzen:

»Ein volles Glück – bei Gott, ein volles Glück.«

Ende.

Inhalt

Erstes Buch

I. Kapitel.

II. Kapitel.

III. Kapitel.

IV. Kapitel.

V. Kapitel.

VI. Kapitel.

VII. Kapitel.

VIII. Kapitel.

IX. Kapitel.

X. Kapitel.

XI. Kapitel.

XII. Kapitel.

XIII. Kapitel.

Zweites Buch

XIV. Kapitel.

XV. Kapitel.

XVI. Kapitel.

XVII. Kapitel.

XVIII. Kapitel.

XIX. Kapitel.

XX. Kapitel.

XXI. Kapitel.

XXII. Kapitel.

XXIII. Kapitel.

XXIV. Kapitel.

XXV. Kapitel.

XXVI. Kapitel.

XXVII. Kapitel.

XXVIII. Kapitel.

XXIX. Kapitel.

XXX. Kapitel.

XXXI. Kapitel.

XXXII. Kapitel.

XXXIII. Kapitel.

XXXIV. Kapitel.

XXXV. Kapitel.

Drittes Buch

XXXVI. Kapitel.

XXXVII. Kapitel.

XXXVIII. Kapitel.

XXXIX. Kapitel.

XL. Kapitel.

XLI. Kapitel.

XLII. Kapitel.

XLIII. Kapitel.

XLIV. Kapitel.

XLV. Kapitel.

XLVI. Kapitel.

XLVII. Kapitel.

XLVIII. Kapitel.

XLIX. Kapitel.

L. Kapitel.

LI. Kapitel.

LII. Kapitel.

LIII. Kapitel.

LIV. Kapitel.

LV. Kapitel.

LVI. Kapitel.

LVII. Kapitel.

LVIII. und letztes Kapitel.

Anmerkungen zur Transkription:

Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise ansonsten aber wie im Original belassen.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen in Antiqua (nicht in Fraktur) wurden folgendermaßen gekennzeichnet: Text

Das Inhaltsverzeichnis wurde der Transkription zur Leseerleichterung beigefügt.

Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 150: [Bindestrich entfernt] aus-dem Märchen --> aus dem Märchen

S. 281: In Amus wirbelte --> In Asmus wirbelte

S. 359: [Anführungszeichen nach ‘Sie’ ergänzt] »Meinetwegen sag’ ‘Sie’«

S. 371: [‘ durch » ersetzt] ‘Werter Herr Semper« --> »Werter Herr Semper«

S. 377: in Winter --> im Winter

S. 382: und lief ein groß Stück Weges vorauf. -> und lief ein groß Stück Weges voraus. [vorauf -> voraus]

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