← Table of contents
Semper der Jüngling

Arbeit und Kampf (continued 2)

Reading edition

»Ja aber, Herr Belly, soll man sich denn das gefallen lassen?«

»Also mal: wollen Sie sich jetzt setzen?«

»Yes, mister« sagte Stelling und ging an seinen Platz.

»Also mal: Sie sagen: »Yes, mister!« Heißt es so?«

»Yes, gentleman!«

»Also mal: Sie wollen es nicht richtig sagen! Sie sind also ein Heuchler!«

»Herr Belly,« sagte Stelling kaltblütig, »ich nehme an, daß Sie die wahre Bedeutung dieses Wortes gar nicht kennen, sonst würde ich Sie fordern.«

»Aber, Herr Belly,« riefen jetzt viele durcheinander, »wie konnten Sie so etwas sagen: das ist ja eine tödliche Beleidigung!«

»Also mal: ich habe Sie nicht beleidigen wollen,« lenkte Belly ein, es heißt also mal: Yes, Sir!«

»Na ja, wenn einem das in Güte und Freundlichkeit gesagt wird ....«

Inzwischen war aber in Mr. Bellys Kopfe etwas wie Morgendämmerung angebrochen, und als das Klopfen wieder ertönte, belauerte er den Übeltäter und sah ihn schnell etwas unter den Tisch legen.

Nun ging er ruhigen Schrittes auf Stellings Platz zu, klappte den Tischdeckel hoch, nahm den Hammer, ging damit wieder nach vorn, legte ihn auf’s Pult und sagte: »Lesen Sie weiter, Müller.« Er tat das alles ohne jedes Zeichen der Erregung, nur mit dem Ausdruck einer stoischen Geringschätzung, ja, einer leisen Verachtung im Gesicht. Und diese Art, dergleichen Bubenstreiche abzutun wie Dinge, die an die Würde eines Gentleman nicht heranreichen, diese Art, die der guten englischen Erziehungsregel: Be a gentleman! entspringt, nahm Asmus doch immer wieder für ihn ein. Man sah es dem guten Belly an, daß solche Ruchlosigkeiten ihm weh taten, daß sie ihm aber zu kindisch waren für seinen Zorn, und das ging nicht nur Asmus, es ging schließlich auch anderen Jünglingen zu Herzen. In einer Pause fand eine feierliche Beratung statt mit dem Ergebnis: Da Mr. Belly nicht imstande sei, Disziplin zu halten, so müsse man selbst für Disziplin sorgen, und von nun an wolle man sich vernünftig benehmen. Das ging auch einige Stunden ganz gut. Als aber ein Seminarist einen Stiefel ausgezogen hatte, weil er ihn drückte, und sein Nachbar diesen Stiefel mit einem kräftigen Stoß nach vorn befördert hatte, Mr. Belly den Stiefel als corpus delicti konfiszierte und damit die Klasse verließ, der Einstiefler, der von Natur eine rote Nase hatte, ihm protestierend nachhumpelte und Mr. Belly endlich sagte: »Also mal: Sie verfolgen mich: Sie haben eine rote Nase, also Sie sind ein Nihilist!« da brachen ob dieser rätselhaften Ideenverbindung alle Dämme der guten Zucht zusammen, und der jugendliche Übermut nahm wieder freien Lauf.

XXVII. Kapitel.

Handelt von würdigen und unwürdigen Kollegen Mister Bellys.

Es gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die noch untauglicher waren als Mr. Belly; aber sie waren höchstens für eine satirische Beleuchtung amüsant. Zu einer solchen Betrachtung zwang Asmussen wider seinen Willen der Herr Pastor Dinnebeil, der eine Zeitlang den Religionsunterricht erteilte.

Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebeil! Das war wie David Friedrich Strauß und Hengstenberg. Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen wußte. Er plätscherte unaufhörlich im laulichen Wasser jener fürchterlichen Traktätchen-Terminologie, die in drei Sekunden mit sieben Synonymen hantiert, nach Art der Jongleure, die mit Teller, Ei und Schnupftuch so geschwinde Fangball spielen, daß man nicht mehr weiß, was Teller, was Ei und was Schnupftuch ist. Diesen Hamburger Jünglingen, diesen Schülern des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor Dinnebeil die abgelagertsten Dogmen einreden, wollte er eine Art Christentum für Papuas beibringen. Er versuchte es in einem Tone, der aus Huld und Würde lieblich gemenget war. Anfangs hörten die verblüfften Seminaristen diesem Phrasenschwall, der wie ein Landregen von Schmalz und Honig niederging, mit offenem Munde zu; aber schon nach der dritten Stunde war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen, daß man beschloß, sich einen Spaß zu machen und auf die Fragen des Mannes immer abwechselnd zu antworten: »Der Glaube« und »Die Liebe«.

Das geschah denn auch und paßte fast immer, und wenn es nicht paßte, so nahm es Pastor Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis eines frommen Sinnes. Nur zwei machten sich dem Späherauge Dinnebeils verdächtig: Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend Zweifel und Einwürfe ins Dunkel seiner Brust hinabgeduckt; als aber Dinnebeil allen Ernstes die Worte im Matthäus 28, 19: »Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes« als Beweis für die Dreieinigkeit ausgab, da hielt es Asmussen doch nicht länger, und als er gerade am Wort war, sprach er:

»Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht ein späterer, tendenziöser Zusatz?«

»Was? Wieso?« fragte Hochwürden indigniert.

»Nun, die Jünger vertraten doch noch auf dem Jerusalemer Apostel-Konvent im Jahre 52 Paulus gegenüber den Grundsatz, daß nur den Juden das Evangelium gepredigt werden dürfe; das wäre doch ausgeschlossen, wenn Christus denselben Jüngern befohlen hätte, alle Völker zu seinen Jüngern zu machen. Ferner wurde bis zur Mitte des zweiten Jahrhunderts doch nur auf den Namen Jesu getauft; es ist da undenkbar, daß die Jünger den Befehl empfangen hätten, auf drei Namen zu taufen. Und da das Evangelium nach Matthäus im letzten Viertel des ersten Jahrhunderts geschrieben wurde, so werden die Worte 28, 19 ein späterer Zusatz sein; sie ...«

»Ach was, klauben Sie mir nicht immer an der Bibel herum!« rief Dinnebeil sittlich entrüstet. »Fahren Sie fort, Seybold!«

Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte bis dahin geglaubt, ein Lehrer müsse sich freuen, wenn es seinen Schülern ernst sei um ihre Überzeugung; aber dieser wurde gereizt, wenn man nachdachte und forschte. Er ließ einfach »fortfahren«. Fortfahren war allerdings das Leichteste. Von nun an »klaubte« Asmus nicht mehr; aber er »glaubte« noch weniger, zum mindesten dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die Sache humoristisch und ließ die Sermones des jungen Mannes über sich ergehen wie das Geräusch einer Wasserleitung, und wenn Herr Dinnebeil ihn durch eine Frage aufschreckte, so rief er: »Der Glaube!!« oder »Die Liebe!!«

Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer, ein anderer Mann! Der war auch fromm, köhlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch. Sie hatten einer am andern einen Narren gefressen, Bruhn und Semper, ja, Meister Bruhn begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, und zu dieser Verehrung war Asmus so billig wie nur möglich gekommen. Die Hochachtung des Lehrers gründete sich auf Asmussens Zuverlässigkeit und auf sein Wissen. Mit der Zuverlässigkeit hatte es folgende Bewandtnis.

Alljährlich veranstalteten die Seminaristen mit hohem direktorialen Privilegio eine Konzert- und Theater-Aufführung, und vor dem Konzert hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms zusammen studiert und dessen Kompositionen Liszt und Rubinstein zu spielen für wert gefunden hatten, regelmäßig ein Lampenfieber von mindestens vierzig Grad. Er ordnete deshalb an, daß alle Mitspielenden zwei Stunden vor Beginn der Aufführung da sein möchten, damit er selbst alle Instrumente wiederholt durchstimmen könne. Man lächelte über diese Ängstlichkeit, auch Asmus lächelte; aber weil er den alten Herrn lieb hatte und ihn nicht ängstigen wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn lief schon erregt auf und ab und trocknete sich mit immer neuen Taschentüchern den Todesschweiß.

»Nu seh’n Se, lieber Semper!« rief er, »die Uhr is sechs und Sie sind der Einz’che! Sie sind der einz’che Zuverläß’che von der kanzen Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.«

Er fuhr mit dem Bogen darüber und sagte: »Nu ja, se stimmt. Aber das is immer so: die’s nich nöt’ch haben, die kommen; aber die’s nöt’ch haben, die kommen nich.« Und er legte väterlich den Arm um Semper und sagte:

»Mein lieber Semper, klauben Sie’s mir: darauf kommt’s an im Leben: auf Zuverläß’chkeit. Sie sind ä zuverläß’cher Mensch.«

Das war also billig. Aber noch viel billiger war es, bei Bruhn in den Ruf der Gelehrsamkeit zu kommen, und da er in den Konferenzen natürlich vernommen hatte, daß Asmus Semper zu den Begabteren gehöre, so hielt er ihn für eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister Bruhn pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich die schwierige Hälfte der Antwort selbst zu geben, etwa so:

»Nun, Semper, welcher Ton muß also hier folchen? Gi – gi –?«

»Gis«, antwortete Asmus, und dann rief Meister Bruhn: »Der weiß alles!«

Diese Meinung teilte Asmus nun freilich nicht; aber doch ward es ihm wohl und warm bei Meister Bruhn und seinen Sonnabendstunden, die im Winter bis in das Dunkel des Abends hineinreichten.

Dem »Musiksaale« gegenüber lag ein Haus mit einer Schneiderinnenstube, und die Seminaristen stellten sich gern ans Fenster, warfen schwärmende Blicke hinüber zu den Mädchen und strichen so gefühlvoll dazu die Saiten wie der Geiger von Gmünd vor dem Marienbilde. Und die fünf oder sechs Marien nickten so fleißig herüber, als hätten sie gern einen Schuh und mehr dahingegeben. Wenn Meister Bruhn das sah, dann lächelte er mild-ironisch und sagte: »Müller, sehn Se beim Spielen hierher; die nehmen doch lieber Keld als Muszik.« Und das ernüchterte.

XXVIII. Kapitel.

Ein Kapitel, in dem aber auch rein gar nichts geschieht und das der gewöhnliche Leser wütend überschlagen wird.

Asmus Semper hatte nicht das Geringste gegen hübsche Schneidermamsellen; aber ob sie hübsch waren, eben das konnte er nicht feststellen, weil seine Augen für eine so große Entfernung nicht ausreichten. So schützte, wie es wohl öfter kommen mag, die Kurzsichtigkeit seine Tugend. Aber wenn er auch die Schneiderinnen deutlich hätte erkennen können, würde er wohl wenig nach ihnen ausgeschaut haben, weil es innerhalb des düsteren, kahlen Musiksaales weit Schöneres zu sehen gab. In diesem Musiksaal wurden alle Volkslieder gesungen und gegeigt, die je von deutschem Kindermund erklungen sind; denn was sie die Kinder lehren sollten, das mußten die künftigen Lehrer selber spielen und singen können. Wenn er diese Lieder hörte, stützte Asmus den Ellenbogen aufs Knie und den Kopf in die Hand und sah in einen dunklen Winkel des Saales, und seine kurzsichtigen Augen wurden fernsichtig.

Da sah er hinein in jahrtausendtiefen Wald und hörte aus einem fernen Jahrhundert den dämmergrünen Grund herauf ein fröhliches Blasen:

Ein Jäger aus Kurpfalz, Der reitet durch den grünen Wald, Er schießt das Wild daher, Gleichwie es ihm gefallt. Ju ja, Ju ja gar lustig ist die Jägerei Allhier auf grüner Heid’.

Aber das zweite »Ju ja« hallte leise aus wunderbaren Fernen her.

Und langsam schritt er tiefer in den Wald hinein, dorthin, wo im ewigen Dunkel zwischen Moos und Stein ein Waldelf sitzt und seit hunderttausend Jahren in die Quelle starrt, um ihr Geheimnis zu ergründen. Und Asmus neigte das Ohr und horchte dem murmelnden Selbstgespräch der Quelle, und immer war’s ihm, nun müßt’ er’s gleich verstehen, und verstand es doch nie. Und wie er noch lauschte, winkte ihm aus tauigem Dunkel ein purpurner Schein.

Ein Männlein steht im Walde Ganz still und stumm, Es hat von lauter Purpur Ein Mäntlein um.

Das Lied hatte ihn sogleich angelacht wie ein rotwangiger Apfel, da er’s in früher Kindheit zum ersten Male gehört. Nun aber strahlte durch die braunen Stämme ein goldener Glanz; er ging darauf zu und wußte nicht: ist es goldene Sonne, oder goldenes Korn? Und als er am Feldrain stand, war es goldenes Korn in goldener Sonne.

Horch, wie schallt’s dorten so lieblich hervor! Fürchte Gott! Fürchte Gott! Ruft mir die Wachtel ins Ohr. Sitzend im Grünen, von Halmen umhüllt, Mahnt sie den Horcher am Saatengefild: Liebe Gott! Liebe Gott! Er ist so gütig und mild!

Die Hitze hatte drohende Wolken gebraut, und die fernsten Ähren standen schon in graublauer Luft.

Schreckt dich im Wetter der Herr der Natur: Bitte Gott! Bitte Gott! Und er verschonet die Flur. Machen die künftigen Tage dir bang, Tröste dich wieder der Wachtel Gesang: Traue Gott! Traue Gott! Deutet ihr lieblicher Klang.

Was war das für eine Zeit gewesen, da die Menschen mit solchen Empfindungen durch die Felder gingen? Lichte Zeit? Dunkle Zeit? Eine heimelnde Zeit gewiß. War sie je gewesen? Würde sie jemals sein? Er grübelte nach, da klang aus dem verlassenen Walde her ein zauberischer Schall.

Wie lieblich schallt Durch Busch und Wald Des Waldhorns süßer Klang! Der Widerhall Im Eichental Hallt’s nach so lang – so lang!

Ja, wahrlich, – himmelsfern und himmelsleise klang der Widerhall aus einem Tal, das seine Augen nicht sahen – das keine Augen jemals sehen. Lange, lange klang der Widerhall, bis in die Abendröte hinein, in deren Glut er sich verlor.

Goldne Abendsonne, Wie bist du so schön! Nie kann ohne Wonne Deinen Glanz ich seh’n. Schon in früher Jugend Sah ich gern nach dir, Und der Trieb zur Tugend Glühte mehr in mir.

Das hatten wohl schon die Urgroßeltern gesungen, und doch war es noch immer so: unendlich groß und unendlich gut müßte ein Herz sein, um solcher heiligen Schönheit wert zu sein! Und es möchte groß sein, das Herz, groß wie der Glanz der Abendsonne, und es schwillt auf und drängt und tut weh. Da ist es fast Erlösung, ist es Friede, wenn sie sinkt und graue Dämmerung aus den Feldern steigt.

Willkommen, o seliger Abend Dem Herzen, das froh dich genießt! Du bist so erquickend, so labend, Drum sei uns recht herzlich gegrüßt!

Das Lied kam aus jener Zeit, da es noch einen Abend gab und die Menschen am Tagesende sich fanden in Ruhe, Sammlung und Genügen. Damals war der Mond noch ein Hausfreund der Menschen, der sich zu ihnen gesellte, wenn sie am Abend plaudernd vor der Tür ihrer Hütte saßen.

Guter Mond, du gehst so stille Durch die Abendwolken hin, Labest nach des Tages Schwüle Durch dein freundlich Licht den Sinn. Leuchte freundlich jedem Müden In das stille Kämmerlein! Und dein Schimmer gieße Frieden Ins bedrängte Herz hinein!

Damals waren überall noch Wiesen, wo jetzt Häuser stehen; auf allen Wiesen gingen weidende Herden, und auch der Mond war ein Schäfer. Das war, als die Mütter noch sangen.

Wer hat die schönsten Schäfchen? Die hat der goldne Mond, Der hinter unsern Bäumen, Bäumen, Am Himmel droben wohnt.

Und bei dem »Bäumen-Bäumen« hörte Asmus eine Wiege gehn und sah er ein Händchen nach den Schäflein des Mondes greifen. Das Kind tastete noch auf dem Deckkissen nach den Schäflein, als es schon schlief, und die Leute traten fröstelnd ins Haus zurück, und es war Nacht. Asmus stand wieder allein und schaute über Felder und Äcker hinaus nach anderen Äckern, wo ihm Freund und Bruder lagen.

Ein getreues Herze wissen Hat des höchsten Schatzes Preis; Der ist selig zu begrüßen, Der ein solches Kleinod weiß. Mir ist wohl bei höchstem Schmerz; Denn ich weiß ein treues Herz.

Wußte er solch ein Herz? Er hatte Eltern und Geschwister; aber das war angeborener Besitz, kein erworbener. Ein Mensch muß ein erworbenes Herz wissen, sonst ist er dennoch einsam. Eines hatte er gewußt; aber das war tot. Gewiß: es waren ihm manche Herzen freundlich gesinnt; aber:

Ein getreues Herz hilft streiten Wider alles, was ist feind.

solch ein Herz war nicht darunter. Ja, wenn die schlanke, braune Hilde Chavonne – – ach, die stand hoch über menschlichen Wünschen. Da hörte er hinter einer Wand von dreizehn Jahren eine holde Jugendweise:

Der beste Freund ist in dem Himmel, Auf Erden sind nicht Freunde viel, Und in dem falschen Weltgetümmel Ist Redlichkeit oft auf dem Spiel. Drum hab’ ich’s immer so gemeint: Im Himmel ist der beste Freund.

Er sah die Dorfschule, in der er gesessen, sah seinen ersten Lehrer, wie er die Geige unter den braunen Bart schob, sah sich selbst als siebenjährigen Knaben, wie er das Lied sang und dabei mit staunenden Augen auf die Geige wie auf ein Wunder starrte. Was das Lied versicherte, glaubte er ja nicht. Er glaubte, daß es auf dieser Erde nie Größeres und Schöneres gegeben habe als Jesus von Nazareth; aber er glaubte nicht an seine Göttlichkeit; er glaubte überhaupt an keinen »Freund im Himmel«. Aber an dies Lied glaubte er und an den Glauben seines Sängers. Denn einen ebensolchen Glauben hatte er ja selbst, nicht denselben Glauben, aber einen ebensolchen. Und er hatte den Freund, den besten Freund: nicht Jesus hieß er – er hatte keinen Namen – nicht im Himmel war er – er war überall. Er sehnte sich nach einem menschlichen Freunde; aber den großen, übermenschlichen Freund hatte er längst, hatte er immer. Wer hätte ihn sonst ermuntert und erquickt in seinen Kämpfen, ihm über die Schulter so freundlich zugeflüstert in seinen Mühen und Sorgen: »Halt aus, du siegst!?« Dies treue Lied hatte grüne Tage seiner Kindheit umklungen, darum war es ihm ewig verknüpft mit allem Frühen und Morgendlichen, mit allem Keimen und Hoffen.

»Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele –«

wie dem lebenssatten Faust, so hätte ihm dieses Lied den Todesbecher mit Gewalt vom Munde gezogen.

»Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!«

so rief auch Faust, – aber doch zog ihn das Lied vom Tod ins Leben zurück.

Und die Nacht, die Asmus umgeben hatte, bei diesem Lied aus Morgentagen hatte sie sich im Osten leise gelichtet. Und er sah, wie das weite Feld, in dem er noch immer stand, ein wundersames Leben erfüllte: er sah – undeutlich – menschliche Gestalten wie Nebelriesen um düstre Lagerfeuer liegen und stehen, hörte Stampfen und Klirren und sah Pferde den weißen Hauch in die Kühle des Herbstmorgens schnauben, und von einem fernen Lagerfeuer her hörte er ein Lied wie Sieges- und Todesgewißheit: Ein Morgen des Sieges wird kommen; aber wir werden ihn nicht mehr sehen.

Erhebt euch von der Erde, Ihr Schläfer, aus der Ruh! Schon wiehern uns die Pferde Den guten Morgen zu. Die lieben Waffen glänzen So hell im Morgenrot; Man träumt von Siegeskränzen, Man denkt auch an den Tod. – – Ein Morgen soll noch kommen, Ein Morgen mild und klar; Sein harren alle Frommen, Ihn schaut der Engel Schar. Bald scheint er sonder Hülle Auf jeden deutschen Mann: O brich, du Tag der Fülle, Du Freiheitstag, brich an!

Diese Zeit des deutschen Leides, wie groß, wie heilig und rein mußte sie gewesen sein! Und als nun von einem Lagerfeuer die Stimme Meister Bruhns erklang:

»Nun, Semper, was wollen Sie uns denn heute vorspielen?« da schnellte Asmus hoch, schob die Geige unters Kinn und strich die Saiten mit Wucht und Sturm:

Freiheit, die ich meine, Die mein Herz erfüllt, Komm mit deinem Scheine, Süßes Engelsbild! Magst du nie dich zeigen Der bedrängten Welt? Führest deinen Reigen Nur am Sternenzelt?

Asmus Semper betete. Er wollte die Freiheit vom Himmel herabbeten: aber er dachte unter Freiheit nicht nur die Erlösung von fremden und heimischen Tyrannen, von Pfaffen und Geldsäcken; er dachte unter Freiheit alles Große und Herrliche, das sehnenden Menschenseelen in künftigen Welten aufgehoben ist für jenen Tag, der kommen wird. Sein Geigenspiel war ein Gebet aus bebendem, glühendem Herzen, und jener Lederhändler, der die bei Tische nicht betenden Mitmenschen zu den »Öchslein und Eselein« stellte, würde seltsame Augen gemacht haben, wenn er in diesem Augenblick in das semperische Herz geblickt hätte.

Im deutschen Liede sah er das deutsche Land. Er hatte ja mit leiblichen Augen nichts davon gesehen als seine engere Heimat; aber – o, was für ein Land mußte das sein! Jahre, bevor er nach Amerika ging, war sein Bruder Johannes durch Deutschland und die Schweiz gewandert, hatte Briefe und Bilder von Burgen und Bergen und Trauben vom Rhein geschickt; aber das Schönste, was er dann mit nach Hause gebracht, war ein Lied gewesen, das Asmus damals noch nicht kannte.

An der Saale hellem Strande Stehen Burgen stolz und kühn. Ihre Dächer sind zerfallen, Und der Wind streicht durch die Hallen; Wolken ziehen drüber hin.

Auch dieses Lied spielte Asmus; denn er hörte alles darin, was der Deutsche ist oder was er von Herzen gern sein möchte: tapfer und mild, erfindungsreich und träumerisch, zärtlich und gedankenvoll. Dies Lied kam aus einem Land voll großer Geschichte und tiefsinniger Sage, aus einem Land der singenden Wälder und klingenden Ströme. Daß man solch ein Land liebte – nicht, wie Mutter oder Bruder, nicht wie ein Mädchen – nein, mit einer Liebe, die es nur einmal gibt, die seltsam und ganz eigen ist – das war ja selbstverständlich. Daß man für ein Land, dem solche Lieder entblühen, freudig sterben kann, das war ihm selbstverständlich.

Gewiß waren andere Länder ebenso schön oder schöner; aber ein zweites Deutschland gab es dennoch nicht. Gewiß hatte kein Land solche Weihnachtslieder wie Deutschland. Da war ein Lied, das war klein und groß, wie eine deutsche Hütte, darin eine Mutter mit ihrem Kinde liegt. Da kommen die Töne behutsam herein auf leisesten Sohlen und knien wie Kinder vor der Wiege in stumm zitternder Seligkeit, und halten den Atem, halten den Schlag des Herzens an, das zerspringen will vor heiliger Erwartung, weil es das Kindlein sehen soll!

Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all, Zur Krippe her kommet in Betlehems Stall Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht Der Vater im Himmel für Freude euch macht!

»Das ist doch eigentlich ein ziemlich triviales Lied,« meinte der Seminarist Gärtner.

»Mein lieber Kärtner,« versetzte Meister Bruhn mit seinem mild-ironischen Lächeln, »mein lieber Kärtner, wenn ich das Lied k’macht hätte, denn kuckt’ ich Sie karnicht an!«

»Das ist das feinste, lieblichste Weihnachtslied, das ich kenne!« rief Asmus begeistert.

»Ja, ja, mein lieber Semper, awer solche Sachen macht man heutz’tache nich mehr.«

»Warum nicht?« forschte Asmus begierig.

»Weil man den Klauben haben muß, um so was machen zu können; die jetz’che Zeit hat awer keinen Klauben mehr.«

»O!« machte Semper.

»Ja ja, lieber Freund, Se können’s mir klauben. In einer Zeit, wo David Friedrich Strauß herrscht, da macht man solche Lieder nich.«

»Haben Sie Strauß gelesen?« rief Asmus.

»Nee, nee!« rief Bruhn ängstlich und flüchtete sich in die Musik, indem er auf dem »Klafier« zu präludieren begann.

»Ja, David Strauß ist mein Mann!« rief Asmus.

Bruhn sah ihn erschrocken von der Seite an und präludierte ängstlicher.

»Aber darum hab’ ich doch all diese herrlichen Lieder gern, auch die frommen, die wunderschönen Choräle, z. B. »Befiehl du deine Wege« und »Ein feste Burg« und »Wachet auf, ruft uns die Stimme« und »In allen meinen Taten« und »Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’«. Er hätte noch lange fortfahren können; aber Bruhn starrte ihn immer hilfloser an und spielte jetzt bereits forte. Aber dann brach er ab.

»Nee, lieber Semper, es ist so,« sprach er, »wenn der kalte, mathemat’sche Verstand dazukommt, denn is es mit’m Klauben und mit der Kunst vorbei.«

»Das wäre ja schrecklich!« rief Asmus. »Aber es ist ja gar nicht so! Der Verstand ist ja gar nicht kalt! Und die Mathematik ebensowenig!« Er mußte an die Stunden denken, da er zu Hause über mathematischen Aufgaben gesessen hatte. Aufgesprungen war er oft, durchs Zimmer war er getanzt und den Fensterpfosten hatte er umarmt, so wohl und warm war ihm gewesen. Eine warme, fröhliche Sonnenklarheit war um ihn her gewesen!

Er wurde immer eifriger, und er suchte nach Worten; denn was er meinte, war schwer zu sagen. Plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke.

»Das ist, wie ich es mal in einem Theater gesehen habe!« rief er. »Da gingen immer neue Vorhänge hoch, immer einer nach dem andern, und es wurde immer heller, und jedesmal bekam man Neues zu sehen, und das Neue bildete mit dem Alten zusammen immer schönere Bilder. Nur daß es auf dem Theater ein Ende hatte; in der Welt hat es kein Ende.«

Bruhn, der sich inzwischen wieder in ein forte fortissimo hineingespielt hatte, brach wiederum ab und sah den Jüngling lange mit forschenden Blicken an. Dann sagte er: »Nu’ ja, es mag ja sein – aber nu müssen wir weiter.« Und der Unterricht nahm seinen Fortgang.

Auf dem ganzen Heimweg verließ ihn das Problem nicht. Das hatte er nun so oft gehört: ein ungehemmter, schrankenloser Gebrauch des Verstandes vernichte die Blüten des Herzens. Und immer hatte ihn diese Behauptung gequält, geschmerzt, geärgert, ja erzürnt; denn er hatte das Gegenteil erfahren. Je mehr sich sein Wissen und sein Gedankenkreis erweitert hatten, ein desto heißeres Glühen hatte sich in seiner Brust entzündet. Wie, weil man alte Irrtümer und alte Dogmen überwand und abtat, deshalb sollte das Herz veröden? Nein, und tausendmal nein! Gedanken können Gedanken töten, niemals aber unsterbliche Lieder und Gestalten. Und selbst wenn die Lieder und Träume vergangener Zeiten erfrieren müßten in der kalten Gipfelluft verwegenster Gedanken, das Herz wird immer wieder blühen, sonst wär’ es kein Herz. Aber sie erfrieren nicht, die alten Blüten und Früchte! Wie innig liebte er diese alten, frommen Lieder mit ihrer lieblichen Einfalt, ihrem rührenden Vertrauen, ihrem seligen Frieden. Warum sollte er sie nicht lieben? Der Glaube vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte war so schön und so köstlich wie aller Glaube kommender Zeiten, weil er Glaube war. Warum sollte er ihn nicht lieben?

Durch ein anderes Erlebnis sollte seine Überzeugung bald darauf eine tiefe Befestigung erfahren.

XXIX. Kapitel.

Asmus hört eine feierliche Messe und zieht mit den Juden durch die Wüste, und Rebekka Semper hält Kant für überflüssig.

Doch im letzten Seminarjahr bekam Asmus einen anderen Direktor; Dr. Korn war zum Schulrat ernannt worden – »ich habe mich nie um ein Amt beworben,« konnte er mit Stolz in seiner Abschiedsrede sagen – und an seine Stelle war Herr Murow getreten, ein breiter, hünenhafter Mann und liberaler Theologe, der in seiner Antrittsrede seine Heimat sehr deutlich verriet, als er erklärte, daß »das Wark des Lahrers nur jäde–ihen könne, wenn das Harz dabei wäre.«

Murow und Semper waren nach wenigen Wochen Freunde, und eines Morgens winkte der Direktor den Jüngling mit heimlichem Lächeln auf die Seite.

»Hier hab’ ich ’n Konzartbillet – Missa solemnis von Cherubini – sahr jute Musik – haben Sie Lust?« Und er reichte ihm die Karte hin.

Ob Asmus Lust hatte! Er wußte gar nicht, was er sagen sollte, und stammelte etwas hervor, was ein Dank sein sollte.

Am Abend saß er in der Petrikirche in Hamburg, auf einem Platze, wo er weder Sänger, noch Orgel, noch Orchester sehen konnte. Das war’s, was er brauchte. Denn seine Musik kam von andern Orten her, als dorther, wo sie erzeugt wurde. Sein Theater und sein Konzert war immer noch anderswo als auf der Bühne und auf dem Podium – über einem Baumwipfel des Hintergrundes, in einem Winkel des Saales, im Lichtkreis einer einsamen Lampe sah er weit hinter dem Geschehen der Bühne, hörte er hoch über den Klängen der Musik Erlebtes und – nie Erlebtes, fühlte er ein Leben – ach, das man nur in solchen Stunden erleben kann, das man nie in Wirklichkeit erleben wird. Wo, in welchen nie geahnten Kammern seiner Seele hatten diese Bilder geschlummert, die für Sekunden erwachten und dann verschwanden, um niemals wieder zu erscheinen? Waren es Erinnerungen aus einem vergangenen Leben – Ahnungen eines künftigen Seins? War es das Unentwickelte, Unerwachte, das in der Welt ist und das aus dem Traume sprach? .....

Und es kam ein Orgelbrausen und ein Frauengesang, der ging über alle Winkel und Lichter der Kirchenhalle hinaus, das war ein Strom, für den die Gewölbe des Hauses zu niedrig waren; wie ein ungeheurer Flammenstrom fuhr er durch alle Schranken von Stein und Erz hinauf in den unendlichen Himmel. Da betete Asmus Semper abermals. Er betete, daß er einst, wenn er wirklich ein Dichter werde, eine Dichtung schaffen wolle, deren Held ein König des Verstandes sein solle. Vor der klaren Schärfe seines Verstandes sollte verjährter Wahn und Glaube zergehen wie Nebel vor der Sonne. Und die Menge sollte ihn hassen, verfolgen, ihn steinigen, weil er ihre Welt entgöttert habe. Und das würde das tragische Schicksal dieses Zertrümmerers sein: die andern würden nicht wissen, nicht ahnen, daß er ein Mensch war, der beim Klingen einer Quelle lachen und weinen konnte, daß seine Brust ein Dom war, der von tausend Orgel- und Engelstimmen klang und hinter dessen bunten Fenstern alle süßen Farben und alle heiligen Dämmerungen des Lebens wohnten; niemand sollte es verstehen, daß er das zarteste Herz von allen besaß.

Als Asmus unter einem klaren, sternenreichen Winterhimmel nach Hause ging, war er sich klar darüber, daß es nichts sei mit Meister Bruhns Anschauungen über Verstand und Gemüt. Aber trotz dieser und noch weit größer Meinungsverschiedenheiten schauten sie einander doch mit Freundschaft und Liebe in die Augen an jenen wahren Sonnabenden, da die Sonne des Abends aufs Klavier schien und der Meister zu Asmussens Geige die Begleitung spielte oder – die strenge Pflicht auf eine Weile vergessend – ganz von selbst in einen Beethoven oder Bach überging.

Der Weg nach Hause führte Asmus regelmäßig durch einen Stadtteil, der stark, wenn nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und wenn er nun von den sonnabendlichen Feierstunden bei Meister Bruhn heimkehrte, paßte es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung, wenn ihm die Juden in Festtagskleidung begegneten und in ihrem Gang und ihren Mienen den Sabbath erkennen ließen. Er fand es schön, den Feiertag am Abend zu beginnen mit dem Blick in ein heiliges »Morgen«; auch sein Sonntag begann immer am Samstagabend, begann oft schon in der Musikstunde, wenn er deutsche Lieder hörte, begann manchmal schon mit der Vorfreude auf diese Stunde. Aber nicht fand er es schön, wie es die Juden taten, den Feiertag auch am Abend mit Sonnenuntergang zu beschließen. Er wenigstens konnte aus den heiligen Geheimnissen des Sabbats nicht zurückfinden in den Alltag, wenn nicht ein langer, tiefer Schlaf dazwischen lag. Immer und immer riefen ihm diese festlich gekleideten Juden die Kindheit zurück, die unvergeßliche Zeit, da er mitten im verschneiten Winter das sonnige Land Abrahams gesehen und mit Elieser um Rebekka geworben hatte, am Brunnen der Stadt Nahors. Wenn er sie aber gar am Laubhüttenfest mit dem Paradiesapfel und mit Myrten, Palmen und Weiden nach der Synagoge wandeln sah, dann verwandelte sich der Weg nach Oldensund in die vierzigjährige Wüstenwanderung vom bitteren Wasser zu Mara und der Oase Elim bis zu dem Tage, da Jericho fiel unterm Hall der Posaunen, dann sah er die ährensammelnde Ruth auf dem Acker des Boas und sah die Harfe Israels hangen an den Weiden Babylons.

Schön wie die Kindheit war nun nach allen Sorgen und Kämpfen die Zeit des Seminarbesuchs geworden, als sie sich ihrem Ende zuneigte. Ludwig Sempers Verdienst hatte sich ein wenig erhöht; Asmussens Stipendium war auf zweihundertundvierzig Mark im Jahre gestiegen; ein paar gute Privatstunden taten ein übriges, eine Zeitschrift hatte ein paar Gedichte von Asmus Semper angenommen, und aus Amerika kamen gute Nachrichten.

Aber unter alledem war noch nicht das Beste. Das, was die ganze Welt so heilig und schön machte, war das Studium. Nicht das Studium fürs Seminar; bei dem war immer noch nicht viel Freude zu holen. Nein, das Studium, das niemand von ihm verlangte als er selbst. Und darum war der Sonnabend so unaussprechlich schön, weil er nun den ganzen Sonntag über studieren konnte, was er wollte. Freilich hatte Frau Rebekka ihre Bedenken. Das Examen nahte wieder heran, und ob Kant und Spinoza und Gedichtemachen und Hamletdeklamieren dazu nötig sei, darüber hegte sie schüchterne Zweifel. Sie gab diesen Zweifeln auch Ausdruck und meinte, ob er sich nicht zu sehr zersplittere.

»Ich hab’ da neulich in so’n Buch von Kant hineingeguckt, – das ist ja’n fürchterlicher Schnack; daraus wird ja kein Deubel klug.«

»Ja, mitunter ist es sehr schwer,« sagte Asmus.

»Ja, ist denn das notwendig, daß du das lernst?«

»Ja, Mutter, das ist sehr notwendig.«

»Wenigstens solltest du das Dichten aufschieben, bis du mehr Zeit hast, das strengt dich doch auch an.«

»Na ja, wenn es mich anstrengt, werd ich es aufgeben«, versicherte Asmus und lächelte nach innen.

XXX. Kapitel.

Das unlesbarste Kapitel des ganzen Buches: Asmus prügelt sich mit Kant und Spinoza und verrenkt sich mehrere Hüften.

»Jung, du verschmierst ja all die schönen Bücher!« rief Frau Rebekka eines anderen Tages erschrocken, als sie ihm über die Schulter in die »Kritik der reinen Vernunft« hineinblickte.

Ja, das tat er freilich. Wenn er ein Buch wirklich las, so durchackerte er es mit dem Bleistift und warf jede Scholle herum und erquickte sich an dem frischen Ackerduft, der dann emporstieg; alle Bedenken, alle Zweifel, alle Widersprüche, die ihm aufstiegen, schrieb er an den Rand, und das gab einen wunderlichen Buchschmuck. Gar oft ging es ihm wie seinem geliebten Faust:

»Hier stock ich schon und kann nicht weiter fort; Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, Ich muß es anders übersetzen, Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin ...«

und das war immer der schlimmste Zweifel: ob er vom Geiste recht erleuchtet war. Er balgte sich mit dem dürren Königsberger Männchen wie wahnsinnig; aber er wußte wohl, daß er mit einem Gottessohne rang wie Jakob an der Stätte Pniel, und daß man sich dabei die Hüfte verrenken konnte. Er verrenkte sie sich mehr als einmal und mußte manchmal einsehen, daß er nur deshalb widersprochen hatte, weil er nicht richtig verstanden hatte; das beschämte ihn wohl, aber hielt ihn von immer erneutem Ringen nicht ab. Nichts lag ihm ferner als Überhebung; seine Pietät gegen das Genie war eher zu groß als zu klein, und selbst solche Sätze wie:

»Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer Vernunfterkenntnis a priori«

konnten in ihm nicht den Verdacht erwecken, daß es dem »Alleszermalmer« denn doch wohl hin und wieder recht sehr an der Fähigkeit gemangelt habe, seine Gedanken gut und klar zum Ausdruck zu bringen. Es war einige Jahre später, daß er bei Schopenhauer an den Rand schrieb: Ach, hätte doch der Kant so schreiben können wie der Schopenhauer! Selbst, wo er für den Augenblick das sichere Gefühl hatte, gegen Kant oder Spinoza im Recht zu sein, zweifelte er nicht, daß ein späterer Tag ihm die Einsicht seines Irrtums bringen werde. Einstweilen war er überzeugt – und er blieb es auch später – daß der Monismus Spinozas kein Monismus sei; der Parallelismus von Bewegungs- und Bewußtseinsvorgängen war nur ein umschriebener Dualismus. Denn warum und wozu war diese Maschine »Mensch« so gebaut, daß ihr derselbe Vorgang als »Ausdehnung« und »Denken« erschien? Der Dualismus war in den Menschen verlegt – das war alles. Und Körper und Seele aus der Welt schaffen, indem man sie einfach als Attribute einer Substanz auffasste – was war damit getan? Das Verfahren konnte man bei jedem unbequemen Gegensatze anwenden, und die »Substanz« war wie »das Ding an sich« ein Nichts, aus dem man alles machen konnte.

Sein Denken wurzelte fest im Empirischen, und so gern seine Seele ihr Haupt in transzendenten Lüften wiegte – ihren Boden wollte sie nicht ohne Not verlassen. So hatte er die Ideenlehre Platos wunderschön gefunden; aber sogleich hatte er sich gesagt: das ist Dichtung, ist Glaube, nicht Erkennen.

Gegen den strengen Gedanken von der Notwendigkeit alles Geschehens, dem der Mann sich unterwarf, lehnte der Jüngling sich auf. Sein die Arme reckender und streckender Wille verlangte nach Willensfreiheit, und doch schien ihm die transzendentale Willensfreiheit Kants nur eine Ausflucht. Gegen diesen Immanuel Kant, dessen Leben er mehr bewunderte als liebte, hatte er noch gar manches auf dem Herzen.

Da stand:

»daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne assizieren ...«

und an anderer Stelle hieß es:

»Daß es nun dergleichen notwendige und im strengsten Sinne allgemeine, mithin reine Urteile a priori im menschlichen Erkenntnis wirklich gebe, ist leicht zu zeigen ...«

und wiederum:

»Von den Erkenntnissen a priori heißen aber diejenigen rein, denen gar nichts Empirisches beigemischt ist ...«

War das nicht unreimbarer Widerspruch? Und wenn es dann gar hieß:

»So ist z. B. der Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache, ein Satz a priori, allein nicht rein, weil Veränderung ein Begriff ist, der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann«.

Was sollte man dazu sagen? Der Begriff der Ursache war entweder genau so gut aus der Erfahrung gezogen wie der der Veränderung oder sie waren beide gleich »rein«. Unzweifelhaft hatten sie aber beide »empirische Beimischung«. Und was sollte es heißen, wenn nun Kant als ein Beispiel für »dergleichen notwendige und im strengsten Sinne allgemeine, mithin reine Urteile a priori« die Mathematik aufführte? Die Mathematik war doch menschlich konstruierte Realität, nicht von der Natur gegeben, wie Kant in der Einleitung an dem »ersten Demonstrator des gleichschenkligen Dreiecks« selbst zugegeben hatte. So waren die Sätze der Mathematik zwar allgemein und notwendig (daß das zweierlei sei, wollte Sempern auch nicht in den Sinn); aber sie waren auch für die Erkenntnis des Weltwesens vollkommen wertlos, wenn man sich nicht zu den Pythagoreern gesellte. Und was sollte man endlich gar dazu sagen, wenn Kant, ganz im Widerspruch zu dem Vorhergehenden, fortfuhr:

»will man ein Beispiel aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so kann der Satz, daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse, dazu dienen ...«

und dann gegen Hume polemisierte, der diesen Satz

»von einer öfteren Beigesellung dessen, was geschieht, mit dem, was vorhergeht, und einer daraus entspringenden Gewohnheit, Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte.«

Asmus hielt es ganz entschieden mit Hume und war der Überzeugung, daß jedes Naturgesetz der empirischen Wissenschaften genau so »allgemein und notwendig, mithin rein a priori« oder genau so bloß komparativ allgemein und a posteriori sei wie der Satz von der Veränderung und ihrer Ursache.

Ach, schon diese Einteilung der Urteile in analytische und synthetische! Asmussens Bleistift wurde temperamentvoll und machte schwungvolle Fragezeichen und wuchtige Ausrufungszeichen! Warum sollte denn das Urteil »Alle Körper sind ausgedehnt« analytisch und dagegen das andere »Alle Körper sind schwer« synthetisch sein? Das Merkmal der Schwere war doch für den Körper genau so wesentlich wie das der Ausdehnung und war also genau so gut wie dieses im Begriff des Körpers schon gegeben! Wieso bedurfte es da der Synthese? Und gesetzt: man entdeckte ein wesentliches Merkmal eines Begriffes, das man bisher nicht gekannt hatte, so konnte man im Augenblick der Entdeckung allenfalls von einer »Synthese« sprechen und konnte das neue Urteil ein synthetisches nennen; aber sobald man wußte, daß das neue Merkmal zum Wesen des Begriffes gehöre, war es doch auch mit diesem Begriff gegeben, und das Urteil war so »analytisch« wie irgend ein anderes. O, wenn Asmus damals gewußt hätte, daß auch andere Leute, und zwar höchst gelehrte und gescheite Männer diese Unterscheidung für verworren und zwecklos hielten! So aber sagte er sich: »Daß Kant so unklar gedacht habe, ist ausgeschlossen; also tappe ich im Dunkeln, also ist mit dieser Unterscheidung noch etwas andres gemeint, das ich nicht verstehe« – und das setzte ihm zu mit harter Pein.

Und endlich dieses berühmte »Ding an sich«. Man könne es nicht erkennen, hieß es. Aber es »affizierte« uns durch Erscheinungen, stand also in Beziehung zu uns, machte uns Mitteilungen! Wozu machte es uns diese Mitteilungen? Nur um uns zu foppen? Dann war freilich alles Denken und Leben Unfug. Oder verrieten uns diese Mitteilungen, wie es jede Mitteilung tut, etwas vom Wesen des Mitteilenden? Doch wohl; Kant verwahrte sich ja auch selbst dagegen, daß man die »Erscheinung« als »Schein« verstehe. Warum nun affizierte uns das Ding an sich so, wie es uns affiziert, und nicht anders. Es mußte zu seinem Wesen gehören, uns so zu affizieren und nicht anders. Dann aber wußten wir etwas von seinem Wesen, und wenn wir etwas wußten, warum sollten wir dann nicht mehr wissen können? »Hier ist ein Wirbel«, sagte sich Asmus. Sein Bleistift fragte in aller Bescheidenheit: Was nötigt uns, hinter der »schönen grünen Weide« der Erscheinungen ein unerkennbares Ding an sich anzunehmen, und wer hat etwas von diesem Ding an sich? Die Beschränktheit menschlicher Erkenntnis leuchtet auch so ein. Daß wir nicht Zentrum der Welt sind, daß der Mensch, der kleine Fußsoldat, unmöglich den Plan kennen kann, nach dem der »Herr der Heerscharen« die Weltenschlacht schlagen läßt, – das wissen wir seit Kopernikus auch so. Also warum soll der Pfahl, an dem ich mir die Nase blutig stoße, durchaus Erscheinung und nicht Ding an sich sein? Und warum setzen wir diese Skepsis nicht ins Grenzenlose fort? Es setzte Sempern in großes Erstaunen, als er las:

»Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich ... haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als unsere Art, sie wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch nicht notwendig jedem Wesen, obzwar jedem Menschen zukommen muß.«

Das »obzwar jedem Menschen« war es, was ihn in Staunen versetzte.

»Wirklich?« schrieb er an den Rand. »Könnte der Welturheber den Spaß dieses Sommernachtstraumes nicht noch weiter ausgedehnt haben und die Menschen Verschiedenes wahrnehmen lassen, wenn sie dasselbe nennen, und Verschiedenes nennen lassen, wenn sie dasselbe wahrnehmen?« Und er hatte eine herzliche Freude, als er später las, daß Fichte den kantischen Zweifel an der Dinglichkeit der Erscheinungswelt zu Ende geführt, das Ding an sich als widersinnig verworfen und erklärt habe: Außer mir gibt es nur Vorstellungen und sonst nichts. Mit einem wunderschön weichen, tiefschwarzen Bleistift schrieb Asmus in Riesenbuchstaben dazu:

»Gott sei Dank!! Das ist wenigstens konsequent!!«

XXXI. Kapitel.

Der Mensch ist ein fliegender Holländer, und Asmus bekommt das Lampenfieber.

In diesen Sonntagsstudien gab es Minuten, Stunden, Tage der Klarheit, die er für nichts auf der Welt dahingegeben hätte.

»Das ist ein Augenblick der Seligkeit, Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt, Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke! Da wähnt das Aug, es sähe groß und klar Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln; Aufatmend spricht das Herz: Ich bin getrost; Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.«

Aber oft währte die Klarheit nicht von einem Sonntag zum andern, manchmal nicht von einer Minute zur andern. Stellt ein Glas voll reinsten Quellwassers hin, das durchsichtiger ist als Kristall – mit jeder Stunde schwindet von selbst seine Klarheit dahin. Hängt einen Spiegel auf so rein und eben, wie ihr ihn finden mögt – in wenig Stund wird er sich trüben vom Anhauch des Lebens.

»Gewißheit – schöner Wahn des Augenblicks! Bald wieder wird der alte Zweifel nagen; Der feste Boden weicht – dir schwindelt – weit Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen. Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre, Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt, Daß er der Heimat festen Grund gewahre. Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen: Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt, So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.«

In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm die Geschichte von Herkules wieder auf, der die Hydra schlug. Wenn man triumphierend einem Zweifel den Kopf abschlug, so wuchsen zwei wieder aus dem Rumpf hervor. Und eine sonderbare Beobachtung glaubte er zu machen. Wenn er sich einer Wahrheit recht nah fühlte und ihr nun mit starrenden Augen immer näher auf den Leib rückte, dann sah er förmlich, wie sie plötzlich zurückwich und dichte Nebelschleier um sich schlug, wie ein Weib, das nicht gesehen sein wollte! Noch eben jetzt hatte er sie klar zu sehen vermeint, und plötzlich stand er in lauter Nebeln. Und seltsam: weibliche Gestalten mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen und Gedanken; ja, es war, als hätten diese Gedanken und Vorstellungen selbst etwas von weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und alles, was er suchte, suchte er mit unerklärlicher leiser Wonne und mit leisem Schmerz. Auf dem Wege zum Seminar gab es Läden, in denen Bilder von weiblichen Schönheiten in halber oder nahezu ganzer Enthüllung ausgestellt waren. Vier Jahre lang und darüber war er an diesen Läden ohne jegliches Interesse vorübergegangen; seit einiger Zeit sah er diese Bilder mit anderen Augen an, und er verweilte mit seiner Betrachtung auch bei solchen, von denen er sich sagen konnte, daß sie nicht gerade in künstlerischer und überhaupt nicht in der allerbesten Absicht dorthin gelegt seien. Und als er in dieser Zeit von der höchsten Galerie des Theaters den »Lohengrin« hörte und als Elsa mit wundersüßer Stimme und ergreifendem Glauben sang:

»Kehr’ bei mir ein! Laß mich dich lehren, Wie süß die Wonne reinster Treu! Laß zu dem Glauben dich bekehren: Es gibt ein Glück, das ohne Reu!«

da brach in seiner Brust ein Damm von einer langgestauten Flut, da entstürzten Tränen seinen Augen; denn sie hatte nicht nur die holde Schönheit weiblichen Wesens, hatte nicht nur das Glück der Liebe gesungen; sie hatte von allem Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte ihm gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es gibt ein Leben ohne Haß, es gibt eine Welt ohne Leid.

Und wenn er auch jenen Versen die Überschrift »Menschenlos« gegeben und wenn er sie auch mit den verzweifelten Worten gekrönt hatte:

»Und dies bleibt immer deines Denkens Los: Wenn dich ein Strahl aus höchstem Himmel grüßte, Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht, Wie die Morgana schwindet in der Wüste.«

so war es ihm damit nur auf Stunden ernst, und es war darin ein gut Teil von jenem wunderlichen Komödiantentum der Jugend, das sich bei roten Wangen in düsteren Gebärden gefällt und nicht nur die Ansprüche, sondern auch die Resignation der reifen Jahre vorwegzunehmen liebt. Hatte er doch auch gesungen:

»Dich hieß ich wie kein andres Weib willkommen; Laut schlug mein Herz – du hast es nicht vernommen.«

und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht und war doch um so weniger berechtigt, dem guten Mädchen daraus einen Vorwurf zu machen, als er selbst nicht genau wußte, ob sein Herz für Hilde oder für das Weib im allgemeinen schlug. Nein, mochten seine »Gewißheiten« zuweilen nur ein Minutenleben haben, seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur Sekunden; auf dem Grunde seiner Natur mußte eine Feder sein, die mit unversiegbarer Kraft wieder emporschnellte, wenn der schwerste Druck nur einen Augenblick nachließ. Die Absolutheit der Sittengesetze, der doch die menschliche Schwäche in diesem Leben nicht genügen konnte, erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der Seele. Dann war also auch das Leben nach dem Tode ein Entwicklungsgang; denn es hätte keinen Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach als vollkommene Wesen erwachten. Und wenn die Unbefriedigung unseres Gewissens ein künftiges Leben verlangte, so verlangte die immer strebende Unbefriedigung des Geistes ein Gleiches. Wo Fortschritt der Sittlichkeit möglich war, da mußte auch Fortschritt der Erkenntnis möglich sein, und wenn in einem künftigen Leben, so auch im gegenwärtigen.

Und er glaubte an den Fortschritt mit aller Gewalt seiner sehnenden Seele; er glaubte nicht an die ewig gleich geartete Seligkeit des Kirchenhimmels; er konnte sie sich nicht vorstellen; aber er glaubte an die ewig wachsende Seligkeit des Werdens und sich Vollendens; die begriff er, die hatte er in Stunden unnennbarer Weihe selber gefühlt. Und in wenigen Monaten sollte er nun ein Führer werden auf solchen Wegen des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun, der ihn Hunderte, Tausende von jungen Seelen die rechten Wege zur Vervollkommnung weisen hieß. Er ein Führer! Er, der es wußte, wie sehr er selbst noch der Führung bedurfte! Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde ihm, er wußte selbst nicht, wie. Eine hohe, berauschende Freude überlief ihn; aber gleich darauf überfiel ihn immer ein herzstockendes Bangen; es war wohl höhere Freude, aber auch tieferes Bangen als damals, da er vor der Klassentür gestanden und den erkrankten Herrn Dohrmann hatte vertreten sollen. Denn er war reifer und klüger geworden und verstand tiefer als damals, um was es sich handle.

Bevor er jedoch diesen Beruf ergriff, lernte er schnell noch einen anderen kennen, nämlich den des Schauspielers.

XXXII. Kapitel.

Semper der Jüngling als Heldenvater und Liebhaber.

Kurz nach Weihnachten sollte wieder Konzert und Theater sein, und zwar sollte Gutzkows »Zopf und Schwert« gegeben werden. Obwohl Asmus im Seminar weder als Mime noch als Regisseur jemals irgend einen Posten bekleidet hatte, war man doch einstimmig der Meinung, daß er den König Friedrich Wilhelm I. geben und die Regie führen müsse. Man glaubte, Rezitieren und Komödie spielen sei dasselbe.

Die Proben im Musiksaal begannen, und Asmus stürzte sich mit Begeisterung in seinen neuen Beruf. Er hatte harte Arbeit; denn unter den Mitwirkenden gab es einige übertriebene Talentlosigkeiten. Da war einer, der die Prinzessin geben sollte, – denn auch die weiblichen Rollen mußten der Feuersicherheit wegen von Jünglingen gespielt werden, ein Zopf, den der neue Direktor im Jahre darauf mit einem Schwertstreich abhieb, – und dieser Prinzessinnendarsteller hatte offenbar beim Spielen das Gefühl, daß er mindestens acht Hände habe, von denen er dann immer zwei in die Hosentaschen steckte.

»Mensch,« rief Asmus, »bedenk doch, daß du als Prinzessin nicht die Hände in die Hosentaschen stecken kannst!«

Und dann zog Lau, so hieß er, die Hände wieder heraus; aber beim nächsten Satze staken sie schon wieder drin. Asmus gab ihm endlich eine kleinere Rolle und dann eine noch kleinere; aber es half nichts; Laus starke Persönlichkeit brach sich durch jede Rolle Bahn; er war ein penetrantes Talent.

Aber es waren auch zweifellose Begabungen darunter, und im ganzen fühlte sich Asmus in dieser ganz ungewohnten Tätigkeit unbeschreiblich wohl. Er hätte seinen Zustand mit einem Champagnerrausch vergleichen können, wenn er die für diesen Vergleich erforderlichen Kenntnisse gehabt hätte. Als der Abend der Aufführung herangekommen war, ging es ihm genau wie Meister Bruhn: er war zwei Stunden vor Beginn zur Stelle und hatte nach zehn Minuten schon auf sämtlichen Stühlen gesessen, aber auf keinem länger als zwei Sekunden; er mußte gehen, gehen wie immer, wenn er erregt war, immer auf und ab, wie der Tiger des Zoologischen Gartens im Käfig. Dabei hatte er das Gefühl, daß er fest auftreten müsse, damit ihn nicht ein Lufthauch davontrage. Und wog doch gewiß seine 120 Pfund. Er war nervös wie ein sichernder Hirsch, der ein Knacken im Gezweig vernommen hat; aber es war eine wohlige, prickelnde Nervosität. Der König hat seinen ersten Auftritt hinter der Szene zu sprechen, und das war gut; denn wenn er an das Auditorium dachte, dann war es, als ob plötzlich etwas furchtbar Schweres furchtbar tief in seinen Leib hinunterfiele und ein Emporfliegen war dann nicht mehr zu fürchten.

Der Vorhang ging endlich auf, und schon nach den ersten Szenen war der Erfolg des ersten Aktes gesichert; denn der Darsteller der Königin hatte in der Erregung unter den königlichen Kleidern seine männlichen Dessous und seine Zugstiefeletten anbehalten, und das genügte für den 1. Akt. Jedesmal, wenn die hohe Frau sich setzte und ihr Reifrock sich hob, brauste ein Sturm des Entzückens durch das vollbesetzte Haus. Asmus lief wie besessen hinter der Szene auf und ab.

»Was hat das Publikum? Was hat das Publikum?« flüsterte er. Stelling, der hinter der ersten Kulisse stand, rief:

»Kneist hat die Stiefeletten anbehalten« und wollte bersten vor Lachen. Er konnte lachen; über dies schwere Unglück konnte er lachen. Asmus war außer sich, und als Ihre Majestät die Bühne verlassen hatte und ihm in den Wurf kam, da fluchte er wie ein altgedienter Oberregisseur.

»Eine Schlamperei ist das einfach, eine skandalöse Schlamperei!« flüsterte er; denn laut durfte er ja nicht werden; aber er flüsterte sehr vehement.

»Gott, was ist denn dabei?« versetzte Kneist, die Königin, mit bewundernswerter Ruhe. »Das Ganze ist doch nur ’n Spaß.« Das verschlug Asmussen die Rede allerdings gründlich. Gegen eine so bodenlos frivole Auffassung von der Kunst war er nicht gewappnet. Er war so verstört ob dieser Antwort, daß er fast seinen Auftritt versäumt hätte. Als er dann mit seinen Worten beim Publikum Heiterkeit erweckte, sagte er sich: Gott sei Dank, deinem Aussehen kann das nicht gelten; sie sehen dich ja gar nicht.

Aber auch als sie ihn sahen, hörten sie ihm freundlich und mit öfterem Lachen zu, und als er in der Szene des Tabakkollegiums zu den Worten gekommen war:

»Die Kreaturen zittern? – Ich will allein sein.«

da war das Auditorium eine einzige Stille, und als er dann im nächsten Akte wieder auftrat, bekam er einen großen Schreck; denn sie empfingen ihn mit stürmischem Händeklatschen. Ja, ein großer Schreck war es; aber es war der freudigste, den er empfangen hatte seit jenem Weihnachtabend, als er plötzlich vor dem Puppentheater, dem Geschenk seines Bruders Johannes, gestanden hatte. O ja, ja, es mußte herrlich sein, so jeden Abend, vom Beifall der Menge umbraust, auf der Bühne zu stehen! Der Beruf des Schauspielers war ihm immer in einem märchenhaften Glanze erschienen; jetzt war er tief davon überzeugt, daß es keinen freudenreicheren, verlockenderen gebe als ihn.

Er sollte auch für den Rest des Abends aus diesem kindlichen Wahne nicht aufgeschreckt werden. Murow, der Direktor, kam ihm mit beiden dargebotenen Händen entgegen und rief:

»Alle Watter, mein lieber Samper, harzlichen Glückwunsch! Sie sind ja der jäborne Haldenvater!«

»Na, dazu reicht doch wohl meine Länge nicht,« meinte Asmus zaghaft.

»Nu – es hat auch kleine Haldenväter jäjäben! Sie sind ’n Napoleon-Darstaller! Überhaupt, mein lieber Samper« – und dabei legte er seine mächtige Hand auf die Schulter des Jünglings – »Talant ersatzt jede Körperlänge.« Und mit behaglichem Lachen schritt er weiter, um auch den andern Darstellern freundliche Worte zu sagen; denn er war als preußischer Landtagsabgeordneter beim Reichskanzler und bei Hofe gewesen und verstand sich auf die Courtoisie eines Herrschers.

Als aber Asmus nun auf Flügeln des Triumphes weiter durch den Saal schritt, da erblickte er gar an einem Tische hinten im Winkel neben ihren Logisgebern Hilde Chavonne. Sie war also da! Sie hatte ihn spielen sehen! O, wenn er das gewußt hätte, dann hätte er noch ganz anders gespielt! Er bildete sich ein, daß er dann besser gespielt hätte; aber sehr wahrscheinlich würde er dann den Gamaschenkönig mit dem tanzenden Krückstock als Romeo gespielt haben. Er wußte noch immer nicht, ob er irgendein Mädchen auf der Welt »liebe«; er war noch ganz in jenem dunklen Vorstadium der Liebe, wo die Jünglinge den Jungfrauen im allgemeinen imponieren wollen und die Jungfrauen den Jünglingen im allgemeinen gefallen möchten. Dieser Hilde Chavonne zu imponieren, hielt er freilich für einen besonders berechtigten Ehrgeiz; denn sie war hübsch und vornehm und stellte hohe Ansprüche, die höchsten allerdings an sich selbst. Und dieser Asmus Semper, dieser unglaubliche Tölpel, merkte nichts, als ihm das Fräulein nun ein kleines Veilchenbukett, das sie im Haar getragen hatte, zum Geschenk machte und errötend hinzufügte: »Für den König!« Er nahm es für eine Ehre, der Dummkopf, für eine Ehre! Er freute sich unendlich über dieses Sträußchen; aber er hatte keine Ahnung davon, daß es eine hohe Gunst des Herzens ist, wenn ein Mädchen sich eines Blumenschmucks beraubt und ihn einem jungen Manne schenkt. So unheilbar beschränkt war er, daß er nicht einmal die Verstimmung merkte, die das Mädchen darüber empfand, daß seine Gabe nicht so aufgenommen wurde, wie sie es erwarten konnte. Du lieber Gott, was sollte Asmus von jungen Mädchen wissen! Seine beiden Schwestern waren schon bei fremden Leuten gewesen, als er noch auf dem Fußboden spielte und den hölzernen Schemel voll tausend Nägel schlug. Als größerer Knabe hatte er dann freilich öfters mit Mädchen gespielt, und jede, mit der er gespielt, hatte er auch geliebt, ja, jenes braune Kind, das er einst vor dem Wirtshause zwischen den Bahndämmen gefunden hatte, hatte er sogar mit schmerzlichem Sehnen geliebt; aber es war doch Kinderliebe gewesen. Und nun, als Präparand und Seminarist, hatte er fast ein mönchisches Dasein geführt. Gewiß: er hatte Präparandinnen und Lehrerinnen gesehen und hatte alle diese Leonoren, Lauren und Beatricen selbstverständlich geliebt; aber keiner einzigen war er gesellschaftlich näher getreten. Die Damen des Lehrberufs haben meistens keine den Mann ermunternden Gewohnheiten, und für Asmus war nun vollends alles Weibliche eine unnahbare Welt. Die germanische Ehrfurcht vor dem Weibe lag ihm tief im Blut, und seine Armut machte diese Ehrfurcht zur Schüchternheit. Wenn er aus den Liebesromanen sah, daß zur Anbahnung eines Liebesverhältnisses eine längere Liebeserklärung gehöre, noch dazu eine im schwierigeren Periodenbau, auf den er sich sonst wohl verstand, dann sagte er sich: »Das wird mir nie gelingen, nie; ich werde wohl Junggeselle bleiben.«

Zum Glück hatte Hilde Chavonne kein Gänseherz, sondern ein ganz echtes großes Mädchenherz, und so vergaß sie bald ihre Verstimmung und unterhielt sich mit Asmussen so lebhaft und gutherzig wie immer.

»Wissen Sie, was Sie von den andern unterschied?« sagte sie.

»Nun?«

»Sie spielten immer, auch wenn Sie nichts zu sprechen hatten; die andern spielten nur, während sie sprachen. Auch wenn Sie kein Glied rührten, sah man, daß Sie ununterbrochen mit der Handlung gingen. Ja, sogar, wenn Sie dem Publikum den Rücken kehrten, sah man, daß Sie innerlich spielten. Ich habe einmal von »durchsichtigen Schauspielern« gehört. Das Wort trifft auf Sie zu.«

Asmus war so glücklich, daß er nur eine ganz banale Bescheidenheitsphrase stottern konnte. Er war glücklich wegen der »Ehre«. Daß sie ihn sehr genau und sehr andauernd beobachtet haben müsse, darauf verfiel er nicht. Als sie noch sprachen, kam eilends ein Seminarist auf Sempern zu. »Du möchtest mal zu Herrn Doktor Kieselberg kommen.«

Doktor Kieselberg hatte den Literaturunterricht; bei ihm hatte Semper die längsten und schönsten Sachen rezitiert.

»Hören Sie, lieber Semper, wenn es Ihnen recht ist, schreib’ ich über Sie an Cheri Maurice. Maurice muß Sie kennen lernen. Sie müssen für die Bühne gerettet werden. Die Jungens unterrichten, das können schließlich viele andere Leute auch. Aber so spielen, das können nicht viele. Also soll ich ihm schreiben?«

»Wenn Sie die Güte haben wollen, dann bitte ich darum.«

»Gut. Meine Frau läßt Sie bitten, morgen mit uns zu speisen. Zwei Uhr, bitte. Sind Sie noch frei?«

Du lieber Gott! Ob er noch frei war! Für sämtliche Mittage seines Lebens war er noch frei.

Also Schauspieler! Bei der bekannten Geschwindigkeit, mit der er seine Schlösser baute, spielte er schon im nächsten Augenblick den »Faust« auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Und bei einem seiner Lehrer eingeladen zum Essen! Was konnte das Leben einem noch mehr bieten! Er schwamm in der vollen, naiven Freude eines ersten öffentlichen Erfolges. Ihm war, als ob alle Menschen aller Länder ihm hold gesinnt wären und ihm von Herzen das Beste wünschten. Er hatte nicht die leiseste Ahnung davon, daß Lau erzählte, Semper habe ihm die Rolle der Prinzessin nur aus Neid weggenommen, und wenn ihm jemand gesagt hätte, daß Lau das erzähle, so würde er gesagt haben: »Du lügst.«

Als er sich wieder dem Platze Hildens näherte, war sie nicht da. Er ließ die Blicke durch den Saal schweifen – da – sie tanzte! O weh, sie tanzte!

XXXIII. Kapitel.

Asmus gibt fernere Beweise von seiner Dummheit, baut ein Schloß und eine Kirche und landet schließlich in einer Zelle.

Merkwürdig, es war ihm nicht ganz recht, daß sie tanzte. Warum sollte sie nicht tanzen? Es war doch selbstverständlich, daß sie tanzte; sie hatte sich ja auch zum Tanze angekleidet, sehr geschmackvoll, wie immer, sehr einfach, und doch – so besonders. Er verstand nicht das Geringste von Frauengarderoben; aber daß sie mit ihren neunhundert Mark Gehalt keine kostbaren Gewänder kaufen konnte, war ihm klar. Und doch – sie hatte immer etwas Besonderes und Nobles in ihrer Erscheinung.

Tanzen! Ja, das war auch so eine Mauer, die ihn vom weiblichen Geschlechte trennte. Frauen wollen tanzen, und er konnte nicht tanzen. Die Semper konnten ihren Kindern keine Tanzstunden geben lassen. Nicht einmal Schlittschuhlaufen hatte er gelernt; denn als Knabe war er nie so reich gewesen, ein Paar Schlittschuhe erwerben zu können, und als Jüngling hatte er keine Zeit mehr dazu gefunden. Als Achtjähriger hatte er einmal getanzt, auf einem sogenannten »Kindergrün«, mit einer siebenjährigen Dame, fünf Stunden lang war er herumgesprungen wie ein Heupferdchen, immer mit derselben Dame, und es war herrlich gewesen. Er sah es so unendlich gern, wenn ein Paar sich mit Anmut im Tanze drehte. Nie glaubte er fester an eine schönere Welt, als wenn er Menschen in anmutiger Bewegung sah. Und Hilde Chavonne tanzte schön. Wenn er sie aufforderte....

Hahahahaaaa! Er wußte wohl eine ganze Reihe junger Leute, die ungeniert eine Dame aufforderten, obwohl sie nicht tanzen konnten, und dann so lange mit Todesverachtung herumhopsten, bis sie’s heraus hatten. Woher sie den Mut nahmen, einer Dame dergleichen zuzumuten, das blieb ihm ein Rätsel.

Sobald er sein Lehrergehalt bezog, wollte er tanzen lernen. Sein Lehrergehalt? Er wollte ja Schauspieler werden.....

»Tanzen Sie nicht?« fragte ihn Hilde.

»Ich kann nicht tanzen,« sagte er. Und er erzählte ihr, daß er Schauspieler werden solle. Sie war aber sehr dagegen; mit auffallender Lebhaftigkeit riet sie ihm ab. Was sie denn dagegen habe, fragte er verwundert. Da wurde sie rot und sehr verlegen. Schließlich sagte sie, sie habe immer gehört, daß auch das Los der größten und berühmtesten Bühnenkünstler nur ein glänzendes Elend sei. Überhaupt habe er doch noch ganz andere Fähigkeiten. Er müsse Dichter werden.

Jetzt machte er riesengroße Augen, und das Rotwerden war an ihm. »Woher wissen Sie denn, daß ich dichte?«

»Sie haben doch Fräulein Wieselin erlaubt daß sie sich Ihre Balladen abschrieb –«

»Und die haben Sie gelesen?« rief Asmus erschrocken.

»Die haben alle an der Schule gelesen –«

Asmus hätte in den Boden sinken mögen. »Das ist aber sehr unrecht von Fräulein Wieselin,« rief er.

»Warum?« fragte Hilde erstaunt. »Durfte sie sie nicht zeigen?«

»Aber ich bitte Sie! Diesen Schund! Diesen Unsinn! Das ist ja törichtes, kindisches Zeug –.«

Hilde schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das glaube ich nicht,« sagte sie. »Unreif mögen diese Gedichte sein, – aber es ist etwas drin.«

Als ein Tänzer kam und sich vor Hilde verbeugte, lehnte sie ab. Sie lehnte auch alle folgenden Einladungen ab, und bis zum Ende des Balles saßen sie beide an demselben Tisch und plauderten. Er fühlte sich wohl und glücklich; aber er merkte nichts.

Und als das ganze »Künstlervolk« mit seinem Anhang nach dem letzten Tanze in ein Café schwärmte, – morgens um vier Uhr in ein Café! Asmus kam sich wie ein Roué vor, als er sich eine Schokolade bestellte, – da schienen es beide selbstverständlich zu finden, daß sie wieder beieinander saßen. Es war etwas Seltsames um ihre Unterhaltung. Sie sagten natürlich »Sie« zueinander und »Herr Semper« und »Fräulein Chavonne« (denn das »gnädige Fräulein« war damals noch nicht Mode), und was sie sprachen, hatte die höfliche und respektvolle Form, die unter wenig Bekannten zweierlei Geschlechts gebräuchlich ist; aber in ihren Herzen war ein Glauben und Vertrauen, von dem sie selbst noch nichts wußten; ihre Herzen sagten »Lieber Herr Semper« und »Liebes Fräulein Chavonne«, ohne daß sie selber es hörten, und dieser Gegensatz zwischen fremden Worten und vertrauter Meinung erfüllte Asmussens Herz mit jener wohligen Spannung, wie sie in frühen Knospen sein mag. Aber so dunkel, so wenig bewußt war dieses Gefühl, daß er sich keinen Augenblick nach seiner Ursache fragte, es vielmehr ohne Nachdenken genoß wie die Sonne eines Maientags.

Als er früh gegen sechs eine Stunde weit nach Hause ging, fühlte er nicht die leiseste Ermüdung; denn er war jung und war König. Aber als er die ruhigen Atemzüge seiner schlafenden Eltern hörte, und als er die Ärmlichkeit des elterlichen Hausrats betrachtete, da fiel es ihm schwer aufs Herz, daß er Schauspieler werden sollte.

Gleichwohl sprach er davon zu seinem Vater. Obwohl Ludwig Semper seit längerem wieder von seinem alten asthmatischen Leiden geplagt wurde, war doch seit Monaten Heiterkeit in all seinem Reden und Tun, ja selbst in seinen Hustenanfällen und Atemängsten gewesen; denn nun war seine zärtlichste Hoffnung der Erfüllung nah; in kurzem sollte Asmus Lehrer sein und das Geschlecht der Semper sollte wieder emporkommen. Wie die lächelnde Wehmut eines Sonnenunterganges ging es über Ludwig Sempers Gesicht, als er hörte, daß Asmus, nahe dem Ziele seiner Bahn, einen ganz neuen Weg voll jahrelangen Mühens betreten solle, und obwohl er fühlte, daß er dann den Aufstieg seines Sohnes nicht erleben werde, sagte er lächelnd:

»Ja, – wenn Du meinst, daß Du Schauspieler werden mußt, – ich habe nichts dagegen.«

Und in dem Lächeln des schönen Angesichts war ein Scheiden vom Liebsten und Letzten. Das Herz flog Asmus in den Hals, und er hatte Mühe, die Tränen zurückzudrängen, als er rief:

»Nicht doch, Vater, nicht doch! Ich werde ja nicht darauf eingehen! Ich denke ja nicht daran!«

Seiner Mutter sprach er nicht erst davon. Er mußte lächeln, wenn er sich ihr ökonomisches Entsetzen ausmalte. Und sie hatte ja recht.

Am Nachmittage sagte er es Dr. Kieselberg, seinem Wirte: »Meine Eltern haben mich fünf Jahre lang unter den größten Sorgen und Mühen erhalten, wenigstens zum großen Teil erhalten; jetzt ist es höchste Zeit, daß ich sie unterstütze. Als Lehrer bekomme ich ein Gehalt von 1200 oder 1300 Mark, dann kann ich ihnen helfen; als Schauspieler verdiente ich vorläufig wenig oder nichts. Ich würde die Hoffnung meiner Eltern vernichten, und das ist ausgeschlossen.«

»Nun, dagegen kann ich natürlich nichts sagen,« erwiderte Kieselberg. »Ich hatte das Gefühl einer Pflicht; ich glaubte ein Unrecht zu begehen, wenn ich Sie nicht auf den Weg zur Bühne wiese; aber wenn die Dinge so stehen – das ist natürlich etwas anderes.«

Als Asmus durch die wunderschönen Alleen vor dem Dammtor nach Hause ging, war der Bühnentraum erloschen; das Schloß aus Rampenlicht und Lorbeerduft war versunken, und an seiner Stelle ragte schon ein anderes. Ein Wort seines Lehrers hatte ihn gestern befremdet. Er hatte gesagt:

»Jungens unterrichten, das können die andern auch.«

War Unterrichten denn wirklich etwas, was jeder Beliebige konnte, wenn er nur nicht allzu dumm war? Waren Schulmeister nicht genau so gut Künstler wie Schauspieler? Konnte man nicht auch so unterrichten, daß man unersetzlich war, so unersetzlich wie ein Künstler? So wenigstens hatte er sich’s immer geträumt. Was war denn ein Lehrer, wenn er nicht ein Künstler war?

Und in den Wolken strahlte ein Schloß, das war aus Morgenlicht und Kinderlächeln gebaut.

Er blickte in die ragenden Bäume hinauf und dachte: Welch ein wunderschöner Tag! Ein wahrer Sonntag! Zuerst beim Lehrer zu Mittag gegessen – die fremde Küche hatte ihm zwar nicht geschmeckt, aber was sagte das? Es war herrlich gewesen! – Nun dieser Weg unter hohen, von weißem, weißem Schnee bedeckten Bäumen! Diese Kirche wird nur an seltensten Feiertagen geöffnet. Ihr Altar ist die sinkende Sonne, und ihr Gesang ist das Schweigen. Er dichtete im Gehen:

Ich weiß es nun gewiß: Es schwebt ein selig Leben Schon über dieser Welt Und ist uns schon gegeben. Ich weiß seit diesem Tag: Es tönt Gesang und Reigen Aus einer reinen Welt In jedes tiefe Schweigen.

Und endlich, wenn er zu Hause war, wollte er seinen Pestalozzi lesen. Er kam heim und schlug ihn auf bei der »Abendstunde eines Einsiedlers«.

»O, meine Zelle, Wonne um dich her!«

Das fügte sich gut zu dieser Stunde. Er schaute sich um in seiner Kammer und dachte:

O, meine Zelle, Wonne um dich her!

XXXIV. Kapitel.

Bewegt sich zwischen Pestalozzi und Herrn Quasebarth.

Und er vergrub den Kopf in beide Hände und versenkte sich in die heiligen Träumereien dieses unschuldsvollen Einsiedlers und Poeten, den er liebte, wie man sonst nur lebendige Menschen liebt. Ja, das war wahrhaftig ein Einsiedler unter den Tagesmenschen! Schon wiederholt hatte Asmus diese Schrift gelesen, und immer hatte ihn eine eigentümliche Scheu gehindert, tiefer in ihr Dunkel einzudringen, wie man sich scheut, in ein Dickicht einzudringen, aus dem die Nachtigall schlägt. Heute war die Nachtigall fortgeflogen, und er drang ein und fand hinter dem Rankengewirr eine köstliche Architektur, die die einfachen, großzügigen Grundlinien eines wunderbaren Baues zeigte. Da stand, daß Leben und Menschsein ganz dasselbe ist in der Hütte und auf dem Thron. Das aber haben die Menschen vergessen. Sie erziehen und unterrichten nach tausenderlei äußeren und Tagesbedürfnissen, nach Berufs- und Standesrücksichten, nach Eitelkeit und Vorteil. Und vergessen, daß ein Mensch zuvor zum Menschen gebildet sein muß, eh’ er etwas anderes wird. Aber zum Menschen kann man ihn nur von seiner Natur aus, von seiner Individualität aus machen, nicht von einer allgemeingültigen Schablone aus.

Das also war es: Nicht sollt ihr zum Kinde sagen: Das sollst Du werden und das will ich aus Dir machen wie aus allen Deinen Genossen, sondern ihr sollt fragen: Wer bist Du? Wie mach’ ich Dich zum Menschen? Welche Wege sind in Deiner Natur vorgezeichnet, die zu jenem Menschentum führen, das allen gemeinsam ist und aus dem alles andere von selbst entsprießt?

Das schälte sich heraus aus dem Aphorismengewirr des krausen und dennoch geraden Denkers, und in diesem Geiste wollte Asmus sein Amt führen. Im Geiste dieser Schrift wollte er wirken, dieser Schrift, die in einem innigen, treuen Gottesglauben gipfelte, der nicht der Gottesglaube der Semper war. An den sorgenden Vater glaubten die Semper nicht. Aber das hatte Asmus seit langem empfunden, daß alle Menschen an einen Gott glauben, wie verschieden sie ihn auch nennen.

Es sagen’s allerorten Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,

und Asmus hatte nie begriffen, warum man von den Atheisten glaubte, sie hätten keinen Gott und könnten nicht fromm sein.

So stellte er denn auch in dem bald beginnenden schriftlichen Examen seinen Aufsatz nicht auf die Basis theistischer Frömmigkeit, die sonst über so manche Prüfungen hinweghilft. Die jungen Leute sollten über das Thema schreiben:

»Vor jedem steht ein Bild dess’, das er werden soll; So lang’ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.«

und die meisten Jünglinge erklärten Jesus Christus für das Idealbild, das vor ihnen stehe. Nun gab es unter den Abiturienten gewiß keinen, der den natürlich erzeugten Gottessohn von Nazareth inniger liebte als er; aber den Ruf, daß er ein Jesus Christus oder etwas ihm Ähnliches werden solle, vernahm er in seinem Herzen nicht. Er glaubte nicht, daß die Welt durch Leiden erlöst werden könne; er fühlte wenigstens, wenn er sich ehrlich fragte, daß er nicht gemacht sei, ohne Widerstand zu leiden. Er knüpfte an die Ideenlehre Platos an und erklärte den Unfrieden des Menschen aus der Sehnsucht nach seiner »Idee«, und er setzte auseinander, was er für seine Idee, für die Idee des Menschen im allgemeinen und für die des Asmus Semper im besonderen halte. Er fand damit bei der vorurteilslosen Prüfungskommission nicht nur vollste Anerkennung, sondern er hatte noch den Erfolg, daß ein Mitglied dieser Kommission, ein alter Jurist, zu Beginn der mündlichen Prüfung die Brille aufsetzte und rief:

»Wo ist Herr Semper?«

»Das ist nämlich ein Philosoph!« rief er den andern Herren zu.

Asmus war hervorgetreten.

»Sie sind Herr Semper?«

»Jawohl!«

»Sie sind ein Philosoph, mein junger Freund; ich habe Ihre Arbeit mit herzlicher Freude gelesen; ich danke Ihnen.«

Im übrigen ging es ihm wie »auf der Fortuna ihrem Schiff«, will sagen: auf und ab. In der Lehrprobe vergriff er sich. Er sollte Ägypten behandeln, dasselbe Ägypten, das er als kleiner Junge für eine Wiese mit Störchen gehalten hatte. Und er verfuhr ganz nach der Regel: Geographische Lage, Grenzen, Gestalt, Größe, Einwohnerzahl usw. usw. Zum Nil kam er in der halben Stunde des praktischen Examens überhaupt nicht. Als er fertig war, nahm ihn Murow, der Riese, beiseite.

»Nun, me–in lieber Samper, wann man Äjüpten behandeln will, womit fängt man dann wohl am basten an?«

Da wußte er’s sofort. »Mit dem Nil,« sagte er. Und er hätte sich ohrfeigen mögen, daß er, der die Schablone haßte, sich ihr so gedankenlos und träge unterworfen hatte. Der Nil! das war der Schöpfer des Landes, war eigentlich das Land selbst; der Nil war die Individualität Ägyptens, von der man ausgehen mußte, wenn man sich rühmte, ein Jünger Pestalozzis zu sein! Er empfand eine tiefe Scham darüber, daß er so ahnungslos in Ketten ging, deren er gespottet hatte.

Und im schriftlichen Chemie-Examen hatte er eine Arbeit von grotesker Unzulänglichkeit geliefert. Er hatte einst die Chemie mit allem Feuer der Jugend geliebt; aber Herrn Quasebarths Chemie hatte darin bestanden, daß er aus einem ehrwürdigen Heft ablas, dessen verblaßte Schrift er zuweilen selbst nicht mehr entziffern konnte. »Man nehme einen Probierzylinder und fülle ihn zur Hälfte mit Braunstein –« las Herr Quasebarth; aber er nahm keinen. Stelling, der Skrupellose, hatte ihm eines Tages einen furchtbaren Limburger Käse unter den Pultdeckel gelegt, so daß seine Nase jedesmal, wenn sie ins Heft tauchen wollte, entsetzt zurückfuhr. Nachdem er sich wiederholt vergeblich erkundigt hatte, woher der »abscheuliche Geruch« stamme, und Stelling bemerkt hatte, daß er ihn sich auch nicht erklären könne, »da hier doch nie experimentiert werde«, entdeckte er schließlich die Ursache; aber er ging ungeheilt von dannen.

So hatte denn Asmus seit langem nicht mehr zugehört, in der Chemiestunde lieber Gedichte gemacht und beim Examen einen fast unberührten weißen Bogen abgeliefert. Das war aber Herrn Quasebarth in die Glieder gefahren; denn er sagte sich, daß der chemische Durchfall eines Schülers wie Asmus Semper vom Prüfungs-Kollegium als ein Durchfall des Herrn Quasebarth empfunden werden müsse. Er beschwor also Sempern in einer vertraulichen Unterredung, doch ja bis zum mündlichen Examen noch »tüchtig zu repetieren«, damit er die Scharte auswetze. Semper genierte diese Scharte gar nicht; denn er hatte sich längst vorgenommen, später auf eigene Hand Chemie zu treiben; aber er versprach sein Möglichstes.

Und wiederum hob ihn das Schiff der Fortuna in der Mathematik so hoch, daß er die erste Zensur erwischte, während Mollwitz, der Magister Matheseos, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde: »das einseitige Prisma«, durch einen reinen Zufall nur den zweiten Grad errang. Dieses Erfolges konnte Asmus nicht recht froh werden; denn die Sache war nicht ganz in der Ordnung. Daß Glücksgüter vom Zufall verteilt wurden, das wußte er; aber auch geistige Ehren? Kam das auch sonst im Leben vor? Das sollte nicht vorkommen.

Aber er sollte noch was ganz anderes erleben. Am Abend vor der mündlichen Prüfung entschloß er sich nach schwerem Zögern, ein Lehrbuch der Chemie zur Hand zu nehmen, damit Quasebarth nicht wieder durchfalle. Er las auch das Kapitel von der Methylwasserstoffreihe, dann aber griff er energisch nach Zolas Conquête de Plassans, die er wesentlich anziehender fand. Denn sich ein Wortwissen ohne Anschauung und Übung in den Kopf zu pfropfen, das war ihm von jeher ein Greuel gewesen.

Die Stunde der chemischen Prüfung kam und mit ihr Herr Quasebarth, der an Leib und Seele immer denselben grauen Rock trug.

»Na, mein lieber Semper,« sagte er mit einem lockenden Lächeln, »erzählen Sie uns mal, was sie von den Methylwasserstoffen wissen!«

Und siehe da: Asmus Semper redete wie ein junger Liebig; denn heute wußte er noch sehr gut, was er gestern gelesen hatte.

XXXV. Kapitel.

Asmus wird im Examen gepufft und getreten und ist unzufrieden, aber sehr glücklich.

Und so kam er denn mit allen Ehren und ohne Schaden durch das Examen, wenn man von einigen blauen Flecken an seinem linken Fuße und in der linken Rippengegend absah. Diese Flecke rührten wieder von Seybold her, von demselben Seybold, der ihn als »Schäflein« wegen seiner »Inkollegialität« und seiner »Anmaßung« so bieder gehaßt hatte. Das mathematische Examen hatte Seybold sehr glatt bestanden. Seybold konnte nicht einmal ein Dreieck berechnen; aber während der schriftlichen Prüfung wandelte einen Freund von ihm ein Bedürfnis an, und der Freund ging hinunter und deponierte an einem dunklen Orte die Lösung aller Aufgaben. Nach einer halben Stunde hatte Seybold merkwürdigerweise auch ein Bedürfnis.

»Muß es denn sein?« fragte argwöhnisch der die Aufsicht führende Herr Rothgrün.

»Ja, ich hab’n Durchfall,« erklärte Seybold.

»Aber damit hätt’ es ja noch Zeit gehabt,« schmunzelte Herr Rothgrün wohlwollend. »Nun, gehen Sie nur.«

Seybold ging hinunter, »fand die Lösung«, dachte »Heureka«, beantwortete solchermaßen durch Vorspiegelungen der Verdauungsorgane Fragen, die eigentlich an das Gehirn gerichtet waren, und half sich mittels eines Durchfalls durchs Examen. Zunächst durchs mathematische.

Bei den Klausuraufsätzen saß Seybold wieder neben Semper, und als dieser gelegentlich einen Blick in die Papiere seines Nachbarn warf, sah er, daß dieser wörtlich von ihm abschrieb.

»Mensch, bist du des Teufels?« flüsterte Asmus. »Das muß ja herauskommen. Schreib’ wenigstens auch von anderen ab.«

Seybold sah das ein und schrieb die andere Hälfte der Arbeit von seinem Vordermann ab; denn er hatte einen weiten Blick.

»Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben,« hatte Korn gesagt.

Nur dies verdammte mündliche Examen! Da konnte man nicht sagen: »Erlauben Sie, daß ich austrete!« Und wenn Asmus blind und taub gewesen wäre, so würde er das Nahen des Examinators doch immer rechtzeitig erfahren haben; denn wenn dieser noch drei Schüler weit entfernt war, begann Seybold schon wie ein Räder-, Walzen- und Kolbenwerk zu treten, zu puffen und zu zischen: »Sag’ mir zu! Sag’ mir zu!« und so trug Asmus Semper Seyboldens Reifezeugnis auf dem Leibe davon.

Auch Seybold bestand wiederum das Examen, und der ganze praktische Unterschied bestand darin, daß er ein Anfangsgehalt von 1200 Mark, Asmus aber ein solches von 1300 Mark erhielt, worin Seybold eine große Ungerechtigkeit erblickte.

1300 Mark! Insofern war Asmus sehr zufrieden; denn unbegrenzte Möglichkeiten lagen in dieser Summe. Aber wenn er den verflossenen Lebensabschnitt überblickte – was rechtfertigte eigentlich das »glänzende Examen«, das er nach der allgemeinen Ansicht gemacht hatte? Die Kollegen hatten ihm erzählt, was der Schulrat Korn vor einer anderen Abteilung der Prüflinge über ihn gesagt hatte, und darüber freute er sich zwar von Herzen; aber eigentlich war ihm alles das ein großes Rätsel, ein Wunder: denn ihm waren diese verflossenen drei Jahre eine zerstörte Illusion. Was hatte er sich von diesen Jahren versprochen an geistigem Aufschwung! Und wie bitter-bitter-wenig hatte er vor sich gebracht. Er hatte überhaupt nicht das Gefühl, daß er geistig gewachsen wäre. Wiederum hatte er, wie schon öfter, die Empfindung, daß die Menschen merkwürdig wenig von ihm verlangten, viel, viel weniger, als er selbst von sich zu fordern pflegte.

Nur wenn er die beiden »Alten« betrachtete, war er ganz glücklich. Die solltens jetzt besser haben. Frau Rebekka lief mit ihren sechzigjährigen Beinen wie ein Wiesel immer von einem Zimmer ins andere und sang:

»Nach Sevilla, nach Sevilla! Wo die letzten Häuser stehen, Sich die Nachbarn freundlich grüßen, Mädchen aus dem Fenster sehen, Ihre Blumen zu begießen, Ach, da sehnt mein Herz sich hin!«

und wie in seiner früheren Kindheit sah Asmus bei dem Wort »Sevilla« einen freien Platz mit Häusern, auf den eine unendlich goldene Sonne und ein unendlich helles, unendlich stummes Feiertagsglück herabschien.

Und dabei dachte Rebekkens Herz gar nicht an Sevilla, was schon daraus hervorging, daß sie im nächsten Augenblick sang:

»Herr Junker, lat hee mit tofred’n, rudiridiridirallalla, Ick mutt min Swin to freten ge’m, rudiridiridirallalla!

Das war nämlich das Bruchstück eines Liedes, in dem ein Junker seiner Magd mit Liebesanträgen nachstellt, die diese dann mit der einleuchtenden Begründung zurückweist, daß sie ihren Schweinen zu fressen geben müsse. Die Schweine gehen vor, das mußte der Junker einsehen. Aber auch an Junker, Magd und Schweine dachte das singende Herz der Rebekka nicht; es dachte an den Triumph des Sohnes, an den leckeren Pfannkuchen, den sie ihm backen wollte, und an den besseren Rock, den ihr Gatte nun bekommen sollte; denn es gab ihr einen Stich ins Herz, wenn der stattliche Mann in abgetragenem Gewande ging. »Er fragt ja nichts danach,« klagte sie kopfschüttelnd.

Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal einen Extragenuß vergönnen. Heute war Dienstag, und am Freitag gab es »Lohengrin« im Theater. Diesmal wollte er wirklich hin.

»Aber nun tu’s auch!« riefen Asmus und Rebekka wie aus einem Munde.

»Ja, ja – natürlich!« beteuerte Ludwig.

Am Mittwoch sagten Asmus und seine Mutter wieder: »Geh nun aber auch wirklich hin!«

»Gewiß, gewiß!« sagte Ludwig.

Am Donnerstag sagten sie: »Wirst du nun auch nicht wieder sagen: ‘Ach, wozu soll ich hingehen?’«

»Nein, nein – wenn ich’s doch sage!«

Er war auch am Freitag mittag noch fest entschlossen und freute sich. Als er um sechs Uhr noch keine Miene zum Aufbruch machte, rief Frau Rebekka:

»Du, du – du mußt jetzt gehen.«

»Ach, ich hab mir’s anders überlegt,« sagte Ludwig. »Was soll ich da.«

Ja, was sollte er da.

Erstens war sein Asmus nun am Ziel, und das war ein Glück, das eigentlich für den Rest seines Lebens allein ausreichte und das er jedesmal neu genoß, wenn Asmus den Blick wegwandte und er ihn ungestört betrachten konnte.

Zweitens hatte er am Lohengrin schon so viel Vorfreude genossen, daß eine Steigerung nicht mehr denkbar war.

Und drittens tauchten auf der grauen Wand vor seinem Zigarrentische, sobald er befahl, alle Sagen der Vorwelt auf, nicht die vom Schwanenritter allein, und belebte sich der stauberfüllte Raum mit Klängen, die an kein irdisches Instrument und keine menschliche Schrift gebunden waren.

Frau Rebekka war gründlich böse und schalt. »Ich versteh den Mann nicht,« rief sie.

Asmus verstand ihn. Er dachte daran, daß er nun bald als Lehrer vor 60 Kindern stehen werde; er blickte von der Seite her in des Vaters Auge, in dem die Abendsonne liebend verweilte, und er verstand es, daß man selig sein kann im Glück seiner Träume.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings