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Segen der Erde

Zweiter Teil (continued 3)

Pauline Klaiber translation

Er setzte sich in den Gerichtssaal, um beizeiten da zu sein. Seine geheime Macht kitzelte ihn wohl sehr: er wußte von einem gewissen abgeschnittenen Hemd, in dem — Besenreis geholt werden sollte, und von einer Kindsleiche, die einmal im Stadthafen herumtrieb; er konnte das Gericht aufsitzen lassen, ein Wort von ihm würde so gut sein wie tausend Schwerter. Aber Geißler hatte gewiß nicht im Sinn, dieses Wort jetzt auszusprechen, wenn es nicht notwendig wurde. Das war ja ausgezeichnet, sogar der öffentliche Ankläger stand auf seiten der Angeklagten!

Der Saal füllte sich, und das Gericht trat wieder zusammen.

Das wurde eine reizende Komödie in der kleinen Stadt, der ermahnende Ernst des Staatsanwalts, des Verteidigers rührselige Beredsamkeit. Die Geschworenen saßen da und horchten zu, was sie wohl über Barbro und den Tod ihres Kindes zu denken hätten.

Allerdings, so ganz einfach war es nun doch nicht, das herauszufinden. Der Staatsanwalt war ein schöner Mann von Ansehen, und er war gewiß auch ein guter Mensch, aber etwas mußte ihn ganz kürzlich erst geärgert haben, oder vielleicht war ihm eingefallen, daß er in der norwegischen Rechtspflege einen Standpunkt aufrechtzuerhalten habe, wer weiß! Es war unbegreiflich, aber er war nicht mehr so zugänglich wie am Vormittag, er rügte die Missetat, falls sie geschehen sei, scharf, sagte, es sei ein dunkles Blatt, wenn mit Bestimmtheit gesagt werden könne, daß die Sache wirklich so dunkel sei, wie man nach einzelnen Zeugenaussagen glauben und meinen könne. Darüber hätten die Gerichtsbeisitzer zu entscheiden. Er selbst möchte die Aufmerksamkeit auf drei Punkte lenken: der erste Punkt sei der, ob hier eine Geburt im geheimen vorliege, ob diese Frage den Herren Richtern klar sei? Hier machte er einige persönliche Bemerkungen. Der zweite Punkt sei das Kleidungsstück, das halbe Hemd, wozu die Angeklagte das mitgenommen habe? Ob sie eine Ahnung gehabt habe, daß sie es brauchen werde? Er entwickelte diesen Punkt noch weiter. Der dritte Punkt sei das sehr verdächtige heimliche Begräbnis, ohne den Todesfall dem Geistlichen und dem Lensmann zu melden. Hierbei sei der hier anwesende Mann die Hauptperson gewesen, und es sei von der größten Wichtigkeit für die Geschworenen, sich hier die richtige Ansicht zu bilden. Denn es sei ja doch einleuchtend, daß der Mann Mitwisser sei, und wenn er das Begräbnis auf eigene Hand vorgenommen hatte, so mußte sein Dienstmädchen eine Missetat begangen haben, deren Mitwisser er geworden war.

Hm! ertönte es im Saale.

Axel Ström merkte, daß er wieder in Gefahr war; er begegnete, als er aufsah, nicht einem einzigen Blick, aller Augen hingen an dem Redner. Aber ganz hinten im Saale saß Geißler wieder, er sah äußerst überlegen aus, als ob er platzen wolle vor Hochmut, mit seiner vorgeschobenen Unterlippe und mit gen Himmel gewandtem Gesicht. Diese ungeheure Gleichgültigkeit gegen den Ernst des Gerichtes, dieses laute gen Himmel gesandte Hm wirkte ermunternd auf Axel, er fühlte sich wieder der ganzen Welt gegenüber nicht mehr allein.

Und nun kam endlich die Sache ins Blei, dieser Staatsanwalt schien endlich zu der Einsicht zu kommen, daß es nun genug sei, er hatte so viel Bosheit und Verdacht gegen Axel verbreitet, als irgend möglich war, nun hielt er inne. Ja, der Herr Staatsanwalt machte gewissermaßen vollkommen kehrt, er beantragte nicht einmal Barbros Verurteilung. Er sagte zum Schluß geradeheraus, daß er selbst nach den vorliegenden Zeugenaussagen nicht die Verurteilung der Angeklagten beantragen könne.

Das ist ja sehr gut, dachte Axel. Dann hat die Geschichte ein Ende.

Nun legte sich der Verteidiger ins Zeug, ein junger Mann, der die Juristerei studiert hatte und dem nun in diesem prächtigen Fall die Verteidigung anvertraut worden war. Es war auch nachher nur eine Stimme darüber, noch niemals sei ein Mann so sicher gewesen, eine Unschuldige zu verteidigen. Im Grunde war ihm diese Frau Lensmann Heyerdahl zuvorgekommen, sie hatte ihm am Vormittag verschiedene Argumente gestohlen, er war sehr unzufrieden damit, daß sie die Gesellschaft ausgenützt hatte. — Oh, die Gesellschaft hatte auch bei ihm sehr viel auf dem Kerbholz! Er war ärgerlich auf den Vorsitzenden, daß er Frau Heyerdahl das Wort nicht entzogen hatte. Das war ja eine ganz richtige Verteidigungsrede gewesen, die sie gehalten hatte; was blieb da ihm noch übrig?

Er fing mit dem allerersten Anfang von Barbro Bredes Lebenslauf an; sie stammte aus kleinen Verhältnissen, übrigens von strebsamen und achtungswerten Eltern, sie sei frühzeitig in den Dienst gekommen, und zwar zuerst zu dem Lensmann. Wir haben heute die Ansicht gehört, die ihre Dienstherrin, Frau Heyerdahl, von ihr hatte, sie könnte nicht strahlender sein. Dann sei Barbro nach Bergen gekommen. Der Verteidiger verbreitet sich eingehend über das sehr wohlmeinende Zeugnis, das ihr von den beiden Kontoristen in Bergen, bei denen sie eine Vertrauensstellung eingenommen hatte, ausgestellt worden war. Dann sei Barbro wieder heimgekommen, als Haushälterin bei einem Junggesellen draußen im Ödland. Hier habe ihr Unglück angefangen.

Von diesem Junggesellen habe sie ein Kind unter dem Herzen getragen. Der geehrte Herr Staatsanwalt habe — übrigens auf die allertaktvollste und schonendste Weise — die Möglichkeit einer Geburt im geheimen angedeutet. Ob Barbro ihren Zustand verborgen, ob sie ihn verhehlt habe? Die beiden Zeuginnen, Mädchen aus ihrem Heimatdorf, hatten gemeint, daß sie guter Hoffnung sei, und als sie sie fragten, leugnete sie durchaus nicht, sie ging nur kurz darüber weg. So machten es junge Mädchen in diesen Fällen, sie gingen kurz darüber weg. Sonst sei Barbro überhaupt von niemand gefragt worden. Ob sie zu ihrer Frau gegangen sei und ihr gebeichtet habe? Sie habe keine Frau gehabt, sie sei selbst die Frau gewesen. Einen Hausherrn habe sie allerdings gehabt; aber so ein junges Mädchen gehe mit einem solchen Geheimnis nicht zu ihrem Herrn, sie trage ihr Kreuz allein, sie spreche nicht davon, sie flüstere nicht einmal, sie sei eine Trappistin. Sie verstecke sich nicht, aber sie halte sich in der Einsamkeit.

Das Kind werde geboren, es sei ein ausgetragener und wohlgebildeter Junge, er habe nach der Geburt gelebt und geatmet, aber er sei erstickt. Das Schwurgericht kenne die näheren Umstände bei dieser Geburt, sie sei im Wasser vor sich gegangen, die Mutter sei im Bach gestürzt und habe dort geboren, sie sei nicht imstande gewesen, das Kind zu retten, sie habe liegenbleiben müssen und sich selbst erst nachher ans Land retten können. Nun gut, an dem Kinde sei keine Spur von ihm angetaner Gewalt zu entdecken gewesen, es trage keine Spuren davon an seinem Leibe, niemand habe seinen Tod gewollt, es sei im Wasser erstickt. Es sei gar nicht möglich, eine natürlichere Erklärung für seinen Tod zu finden.

Der geehrte Herr Staatsanwalt habe auf ein Kleidungsstück hingedeutet: es sei ein dunkler Punkt, daß sie dieses halbe Hemd mit auf ihren Gang genommen habe. Aber nichts sei klarer als diese Dunkelheit; sie habe den Lappen mitgenommen, um Wacholderreis darein zu sammeln. Sie hätte ja auch — sagen wir einmal — einen Kissenbezug mitnehmen können, aber sie habe nun einmal das Stück Hemd mitgenommen; etwas habe sie ja doch haben müssen, sie hätte das Wacholderreis nicht in den Händen heimtragen können. Nein, hierüber könne sich das Gericht vollständig beruhigen.

Aber es gäbe da noch einen anderen Punkt, der nicht ganz so klar sei. Ist der Angeklagten die Unterstützung und die Sorgfalt zuteil geworden, die ihr Zustand zu jener Zeit verlangte? Wurde sie von ihrem Hausherrn mit Schonung behandelt? Schön, wenn er es getan hat. Das Mädchen habe hier während des Verhörs mit Anerkennung von ihrem Hausherrn gesprochen, das deute auf eine gute und edle Gesinnung von ihr. Der Mann selbst, Axel Ström, habe in seinen Aussagen die Beklagte durchaus nicht belastet — und darin habe er auch ganz recht getan, um nicht zu sagen klug, denn mit ihr würde auch er freigesprochen werden. Möglichst viel Schuld auf sie zu werfen, würde ja, wenn es zu ihrer Verurteilung führte, ihn selbst mit ins Verderben reißen.

Es sei unmöglich, sich in der vorliegenden Sache in die Akten zu vertiefen, ohne vom innigsten Mitleid mit diesem Mädchen und ihrer Verlassenheit ergriffen zu werden. Und dennoch habe sie nicht nötig, die Barmherzigkeit anzurufen, sie wende sich nur an die Gerechtigkeit und das Verständnis. Sie und ihr Hausherr seien gewissermaßen verlobt miteinander, aber Uneinigkeit und entgegengesetzte Interessen schlössen die Ehe aus. Bei diesem Mann könne dieses Mädchen in der Zukunft nicht das Glück finden. Es sei nicht angenehm, davon zu reden, aber um noch einmal auf das mitgenommene Kleidungsstück zu kommen, wenn man der Sache nähertrete, so habe das Mädchen nicht eines von ihren eigenen, sondern eines von den Hemden ihres Hausherrn mitgenommen. Wir haben uns selbst gleich zu Anfang gefragt: War ihr dieses Hemd von ihm zur Verfügung gestellt worden? sagte der Verteidiger. Hier, meinten wir, könnte eine Möglichkeit bestehen, daß der Mann Axel die Hand mit im Spiel gehabt habe.

Hm! machte es hinten im Saale. Das klang so hart und laut, daß der Redner innehielt, aller Augen suchten nach dem Urheber dieser Unterbrechung, und der Vorsitzende schleuderte einen scharfen Blick in jene Richtung.

Aber, fuhr der Verteidiger fort, nachdem er sich wieder gefaßt hatte, auch über diesen Punkt können wir völlig beruhigt sein, dank der Angeklagten selbst. Obgleich es in ihrem Vorteil gelegen hätte, hier die Hälfte der Schuld von sich abzuwälzen, hat sie das doch nicht getan. Sie hat auf das bestimmteste Axel Ström von dem Verdacht freigesprochen, er habe etwas davon gewußt, daß sie sein Hemd statt des ihrigen an den Bach mitgenommen hatte — ich meine, mit in den Wald, um Wacholderreis zu holen. Es liegt nicht der mindeste Grund vor, an den Worten der Angeklagten zu zweifeln; diese haben überall Stich gehalten und halten auch hier Stich. Hätte sie das Hemd aus des Mannes Hand entgegengenommen, so würde das den vollendeten Kindsmord voraussetzen, und die Angeklagte mit ihrer Wahrheitsliebe will nicht dazu beitragen, den Mann zu einem Verbrecher zu stempeln, der er gar nicht ist. Im ganzen genommen macht sie redliche und offene Aussagen und hat nicht versucht, irgendwelche Schuld auf andere zu schieben. Dieser schöne Zug, gegen andere gut zu sein, zeigt sich überall bei ihr, so hat sie zum Beispiel die kleine Leiche auf die beste Art und mit großer Sorgfalt eingehüllt. In diesem Zustand hat sie der Lensmann im Grabe gefunden.

Der Vorsitzende will — der Ordnung halber — darauf hinweisen, daß es das Grab Nummer zwei war, das der Lensmann fand, und in das habe ja Axel das Kind gelegt.

Jawohl, das ist so, und ich danke dem Herrn Vorsitzenden! sagt der Verteidiger mit all der Ehrerbietung, die man der Justiz schuldig ist. Jawohl, das ist so. Aber nun hat doch Axel selbst ausgesagt, er habe die Leiche nur in das neue Grab hinübergehoben und sie darein gebettet. Und es ist doch unzweifelhaft, daß eine Frau ein Kind besser einzuhüllen versteht als ein Mann. Und wer hüllt es am allerbesten ein? Doch eine Mutter mit ihren liebevollen Händen!

Der Vorsitzende nickt beifällig.

Übrigens hätte nicht das Mädchen — wenn es wirklich zu der Sorte gehört hätte — das Kind einfach nackt begraben können? Ich will so weit gehen, zu sagen, sie hätte es in einen Kehrichteimer legen können. Sie hätte es über der Erde unter einem Baum liegenlassen können, daß es hätte erfrieren müssen — das heißt, wenn es nicht schon tot gewesen wäre. Sie hätte es in einem unbewachten Augenblick in den Ofen stecken und verbrennen können. Sie hätte es an den Bach von Sellanraa tragen und es dort hineinwerfen können. Aber von dem allem hat diese Mutter nichts getan, sie hat das Kind sorgfältig eingehüllt und begraben. Und wenn es so schön und gut eingewickelt war, wie es gefunden wurde, so ist es von einer Frau eingehüllt worden und nicht von einem Mann.

Nun sagte der Verteidiger, jetzt hätten die Geschworenen darüber abzuurteilen, was von Schuld an dem Mädchen Barbro übrigbleibe, nach des Verteidigers Meinung bleibe keine übrig. Es könnte höchstens sein, daß die Geschworenen sie deshalb verurteilen wollten, weil sie den Todesfall nicht angezeigt habe. Aber das Kind sei nun einmal tot gewesen, es sei weit draußen im Ödland und viele Meilen zum Pfarrer und Lensmann, es habe seinen ewigen Schlaf in einem schönen Grabe im Walde schlafen dürfen. Wenn es ein Verbrechen sei, es so begraben zu haben, so teile die Beklagte dieses Verbrechen mit dem Vater des Kindes, aber dieses Verbrechen sei in jedem Fall verzeihlich. Man sei immer mehr davon abgekommen, die Verbrecher zu bestrafen, man suche sie zu bessern. In alten Zeiten sei man für alles mögliche gestraft worden, das sei nach dem Gesetz der Rache im Alten Testament gegangen: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nein, das sei nicht mehr der Geist, der jetzt in der Gesetzgebung walte; die moderne Rechtspflege sei menschlich; sie suche sich dem Grad der verbrecherischen Gesinnung anzupassen, die die Betreffenden bewiesen hätten.

Darum verurteilt dieses Mädchen nicht! rief der Verteidiger. Es handelt sich hier nicht darum, einen Verbrecher mehr zu fassen, nein, es handelt sich darum, der menschlichen Gesellschaft ein gutes und nützliches Mitglied zurückzugeben! Der Verteidiger deutete darauf hin, daß der Angeklagten nun in einer neuen Stelle, die ihr angeboten sei, die sorgfältigste Aufsicht zuteil werden würde. Frau Lensmann Heyerdahl habe aus reicher mütterlicher Erfahrung und weil sie Barbro seit vielen Jahren kenne, dieser ihr Haus weit aufgetan. Das Gericht möge nun im Vollgefühl seiner Verantwortung das Mädchen verurteilen oder freisprechen. Zum Schluß dankte der Verteidiger dem Staatsanwalt, daß er keine Verurteilung beantragt habe. Daran erkenne man sein tiefes menschliches Verständnis.

Der Verteidiger setzte sich.

Der Rest der Verhandlung nahm nicht mehr viel Zeit in Anspruch. Das Referat wiederholte dasselbe, von zwei Seiten gesehen, noch einmal, es gab eine kurze Übersicht über den ganzen Vorgang, trocken, langweilig und würdevoll. Es war alles sehr trefflich gegangen, sowohl der Staatsanwalt als der Verteidiger hatten in das Gebiet des Vorsitzenden hinübergegriffen, sie hatten ihm sein Amt leicht gemacht.

Es wurde Licht angesteckt, zwei Hängelampen brannten und gaben ein erbärmliches Licht, bei dem der Vorsitzende kaum seine Anmerkungen lesen konnte. Er tadelte äußerst scharf, daß der Tod des Kindes den Behörden nicht gemeldet worden war; aber, sagte er, das wäre unter den vorliegenden Umständen weit eher dem Kindsvater zugekommen als der Mutter, da sie zu schwach dazu gewesen sei. Nun hätten also die Geschworenen zu entscheiden, ob Geburt im geheimen und Kindsmord vorliege. Alles wurde noch einmal von Anfang bis zu Ende erklärt. Darauf folgte die gebräuchliche Ermahnung, der Verantwortung eingedenk zu sein, warum das Gericht eingesetzt sei, und endlich der bekannte Rat, im Zweifelsfalle zugunsten der Angeklagten zu entscheiden.

Nun war alles klar.

Die Geschworenen verließen den Saal und zogen sich zurück. Sie sollten sich über den Fragebogen beraten, der dem einen von ihnen mitgegeben worden war. Fünf Minuten waren sie weg, dann traten sie wieder ein mit einem Nein auf alle Fragen.

Nein, das Mädchen Barbro hatte ihr Kind nicht getötet.

Nun redete der Vorsitzende noch einige Worte und erklärte, das Mädchen Barbro sei frei.

Die Zuhörer verließen den Saal. Die Komödie war zu Ende ...

Irgend jemand ergreift Axel am Arm, es ist Geißler. Er sagt: So, nun bist du also die Geschichte los. — Ja, sagte Axel. — Und sie haben dich ganz unnötig vorgeladen. — Ja, sagte Axel wieder. Aber inzwischen hatte er sich etwas gefaßt und fuhr fort: Ich bin aber doch recht froh, daß ich so davongekommen bin. — Das hätte auch gerade noch gefehlt! rief Geißler, und er betonte jedes Wort nachdrücklich. — Davon bekam Axel den Eindruck, daß Geißler die Hand im Spiel gehabt, daß er eingegriffen habe. Gott mochte wissen, ob nicht am Ende Geißler das Gericht gelenkt und den Erfolg, den er selbst gewollt, herbeigeführt hatte. Das war dunkel.

Allein so viel begriff Axel doch, daß Geißler den ganzen Tag über auf seiner Seite gestanden hatte. Ja, ich danke Euch vielmals, sagte er und wollte Geißler die Hand drücken. — Wofür? fragte Geißler. — Für — ja für alles miteinander. — Geißler wies ihn kurz ab. Ich hatte gar nicht im Sinn, etwas zu tun, es war nicht der Mühe wert. — Aber Geißler hatte darum doch vielleicht nichts gegen diesen Dank einzuwenden, es war, als hätte er darauf gewartet und hätte ihn nun erhalten. Ich habe keine Zeit, mich gerade jetzt noch länger mit dir zu unterhalten, sagte er. Gehst du morgen wieder nach Hause? Das ist gut. Leb wohl und auf Wiedersehen! Geißler ging die Straße hinunter ...

Auf der Heimfahrt traf Axel auf dem Dampfschiff den Lensmann und seine Frau, Barbro und die zwei Mädchen, die als Zeuginnen vorgeladen gewesen waren. Nun, bist du nicht froh über den Ausgang der Sache? fragte die Frau Lensmann. — Doch, erwiderte Axel, er sei sehr froh, daß die Geschichte zu Ende sei. Auch der Lensmann ergriff das Wort und sagte: Das ist nun der zweite Kindsmordprozeß, den ich in der Gegend gehabt habe, der erste galt Inger von Sellanraa, jetzt bin ich auch den zweiten los. Nein, man darf solche Fälle nicht nur so hingehen lassen, dem Recht muß Genüge geschehen.

Aber die Frau Lensmann begriff wohl, daß Axel ihr, wegen ihrer Aussagen gestern, nicht wohlgeneigt sein konnte, jetzt wollte sie das verwischen, wollte es wieder gutmachen. Du hast doch gestern begriffen, warum ich gegen dich gesprochen habe? sagte sie. — Ja, jawohl, erwiderte Axel. — Ja, du hast es gewiß eingesehen. Du hast doch sicher nicht gemeint, ich wolle dir schaden? Dich habe ich jederzeit für einen prächtigen Mann gehalten, das kann ich dir wohl sagen. — So! war alles, was Axel sagte, allein er war froh und gerührt. — Jawohl, das habe ich, sagte die Frau Lensmann. Aber ich war genötigt, dir einen kleinen Teil von der Schuld zuzuschieben, sonst wäre Barbro verurteilt worden, und du mit ihr. Es geschah meinerseits in der besten Absicht. — Jawohl, ja, und ich danke Euch bestens. — Ich bin es gewesen und sonst niemand anders, die in der Stadt von Herodes zu Pilatus gelaufen ist und für euch beide gewirkt hat. Und du hast doch wohl begriffen, daß wir alle, wie wir es vor Gericht getan haben, einen Teil Schuld auf dich laden mußten, um euch beide frei zu bekommen! — Ja, sagte Axel. — Und du hast doch wohl keinen Augenblick geglaubt, daß ich gegen dich sei, nicht wahr? Ich gegen dich sein, wo ich dich doch für so einen ausgezeichneten Mann halte!

Wie tat das gut nach all den Demütigungen! Axel war jetzt jedenfalls so gerührt, daß er wahrhaftig der Frau Lensmann etwas schenken wollte, irgend etwas, um ihr seine Dankbarkeit zu beweisen, vielleicht ein Stück Schlachtvieh im Herbst. Er hatte einen jungen Ochsen.

Die Frau Lensmann Heyerdahl hielt Wort: sie nahm Barbro zu sich. Auch schon hier auf dem Schiff nahm sie sich ihrer an und ließ sie weder frieren noch hungern, und sie duldete auch nicht, daß Barbro mit dem bergenschen Steuermann schäkerte. Als es das erstemal geschah, sagte Frau Heyerdahl nichts darüber, sie rief nur Barbro zu sich. Aber siehe da, bald stand Barbro wieder bei dem Steuermann und schäkerte mit ihm, sie machte einen schiefen Kopf, sprach bergenschen Dialekt und lächelte hold; da rief Frau Heyerdahl sie abermals zu sich und sagte: Es will mir nicht gefallen, Barbro, daß du dich jetzt auf Unterhaltungen mit Mannsleuten einläßt. Denk doch daran, was du durchgemacht hast und wo du herkommst. — Ich habe nur gehört, daß er aus Bergen ist, und deshalb ein paar Worte mit ihm gesprochen, erwiderte Barbro.

Axel sprach nicht mit ihr. Er bemerkte aber, daß ihre Haut fein und blaß war und daß sie schöne Zähne bekommen hatte. Seine Ringe trug sie nicht an den Fingern.

Und nun schreitet Axel also wieder durchs Ödland hinauf. Es stürmt und regnet zwar, aber er ist seelenvergnügt, er hat die Mähmaschine und den Reolpflug am Landungsplatz gesehen. Ach, dieser Geißler! Kein Wort hat er in der Stadt von dieser Sendung verlauten lassen. Er war ein merkwürdiger Herr.

8

Axel hatte daheim keine lange Ruhezeit; mit den Herbststürmen begann eine persönliche Mühe und ein großer Verdruß, den er sich selbst zugezogen hatte: Der Telegraph an seiner Wand meldete, daß die Linie in Unordnung sei.

Ach, er war zu gierig nach dem baren Geld gewesen, als er diesen Posten übernommen hatte! Alles war von Anfang an unangenehm gewesen, Brede Olsen hatte ihm gewissermaßen gedroht, als er die Telegraphensachen und das Werkzeug bei ihm abholte; er hatte gesagt: Du denkst wohl nicht mehr daran, daß ich dir im Winter das Leben gerettet habe? — Oline hat mir das Leben gerettet, erwiderte Axel. — So, habe ich dich nicht auf meinem eigenen armen Rücken nach Hause getragen? Und außerdem hast du im Sommer nur darauf gepaßt, mir meinen Hof abzukaufen und mich für den Winter heimatlos zu machen. Ja, Brede war tief gekränkt, er sagte: Nimm du nur den Telegraphen und das ganze Zeug mit dir. Ich und meine Familie, wir lassen uns im Dorf nieder und fangen etwas an; was es ist, weißt du nicht, aber es ist etwas mit einem Hotel und einem Platz, wo die Leute Kaffee trinken können. Oh, meinst du, wir werden nicht durchkommen? Meine Frau kann alle Arten von Lebensmitteln verkaufen, und ich selbst kann Geschäfte machen und viel mehr dabei verdienen als du. Aber ich will dir nur sagen, Axel, ich könnte dir allerlei Possen spielen, da ich den ganzen Telegraphen sehr gut kenne; ich könnte Stangen umwerfen und Drähte abreißen. Dann müßtest du mitten in der dringendsten Arbeit hinaus. Das will ich dir nur sagen, und du kannst es dir hinter die Ohren schreiben ...

Jetzt aber hätte Axel notwendig die Maschinen vom Landungsplatz heraufholen sollen — ach, jede davon war so schön vergoldet und bunt bemalt wie ein Bild, er hätte sie heute haben und sie besehen und sich genau in ihrem Gebrauch unterrichten können — jetzt mußten sie stehenbleiben. Es war nicht gut, wenn er wegen der Telegraphenlinie wichtige Arbeit versäumen mußte. Aber es brachte doch Geld ein.

Oben auf dem Berg trifft er Aronsen. Der Kaufmann Aronsen steht da und schaut in den Sturm hinaus, ja, er stand da wie eine Erscheinung. Was wollte er da oben? Er hatte wohl keine Ruhe mehr gehabt und war in die Berge gegangen, um selbst die Gruben zu untersuchen. Seht, das tat der Kaufmann Aronsen aus reiner Besorgnis für sich und seine Zukunft. Nun steht er da auf dem verlassenen Berg vor lauter Elend und Zerstörung: verrostete Maschinen, Handwerkszeug, Fuhrwerke, vieles davon unter freiem Himmel, alles ganz trostlos. An verschiedenen Stellen waren an den Wänden der Baracken geschriebene Zettel angeheftet, die verboten, die Gebäude, Gerätschaften und Wagen der Gesellschaft zu beschädigen oder etwas davon mitzunehmen.

Axel fängt ein Gespräch mit dem zornigen Krämer an und fragt: Seid Ihr auf der Jagd? — Ja, wenn ich ihn nur getroffen hätte! antwortete Aronsen. — Wen hättet Ihr denn gerne getroffen? — Wen denn sonst, als den Mann, der mich und alle hier herum ins Verderben bringt? Den Mann, der seinen Berg nicht verkaufen will und weder Bewegung, noch Handel, noch Geld unter die Leute kommen läßt. — Meint Ihr den Geißler? — Ja, gerade den Kerl meine ich. Er müßte erschossen werden! — Axel lacht und sagt: Der Geißler war jetzt vor wenigen Tagen in der Stadt, da hättet Ihr ihn treffen können. Aber nach meiner geringen Meinung glaube ich nicht, daß Ihr den Mann dafür verantwortlich machen solltet. — Warum nicht? fragte Aronsen wütend. — Ich fürchte, er wäre etwas zu unergründlich und zu hochangesehen für Euch. — Sie stritten eine Weile darüber, und Aronsen wurde immer heftiger. Zum Schluß fragte Axel im Scherz: Na, Ihr werdet uns hier im Ödland doch nicht stecken lassen und ganz von hier fortziehen wollen? — Meinst du etwa, ich wolle hier in euren Sümpfen verfaulen und nicht einmal den Tabak für meine Pfeife verdienen? rief Aronsen ärgerlich. Wenn du mir einen Käufer verschaffst, so verkaufe ich auf der Stelle. — Einen Käufer? rief Axel. Auf Eurem Grundstück ist guter Boden, wenn Ihr ihn bebauen wolltet. Bei der Größe des Grundstücks nährt es seinen Mann. — Du hörst doch, daß ich nicht in der Erde graben mag! rief Aronsen wieder in den Sturm hinaus. Ich kann etwas Besseres tun. — Axel meinte, ein Käufer werde wohl zu finden sein, aber Aronsen verhöhnte den bloßen Gedanken daran. Im ganzen Ödland ist kein einziger Mann, der mich auszahlen könnte. — Nein, nicht gerade hier im Ödland. Aber es gibt noch andere. — Ach, hier ist nichts als Armut und Elend! rief Aronsen wütend. — Ja, das mag sein. Aber der Isak auf Sellanraa könnte Euch jeden Tag auszahlen, sagte Axel beleidigt. — Das glaube ich nicht, entgegnete Aronsen. — Es ist mir gleichgültig, was Ihr glaubt, sagte Axel und wollte weitergehen. — Aber Aronsen rief ihm nach: Wart doch einen Augenblick! Meinst du wirklich, Isak könnte mich von Storborg befreien? — Ja, erwidert Axel. Von fünf Storborg, was das Geld und die Mittel anbelangt.

Aronsen war beim Aufstieg um Sellanraa herumgegangen, er hatte sich nicht sehen lassen wollen, jetzt auf dem Heimweg ging er hinein und hatte eine Unterredung mit Isak. Nein, sagte Isak und schüttelte nur den Kopf. Daran habe ich noch nie gedacht und habe es auch nicht im Sinn. —

Aber als Eleseus zu Weihnachten nach Hause kam, war Isak nicht mehr ganz so ablehnend. Er selbst hatte jedenfalls noch nie so etwas Verrücktes gehört, wie Storborg zu kaufen, dieser Einfall wäre ihm jedenfalls nicht selbst gekommen, wenn aber Eleseus meinte, das Geschäft sei etwas für ihn, dann konnte man sich die Sache ja überlegen.

Eleseus selbst schwankte. Er war nicht dafür, aber auch auch nicht dagegen. Blieb er jetzt zu Hause, so war es gewissermaßen mit ihm aus und vorbei; das Ödland war nicht die Stadt.

Im Herbst, als die Leute aus der Gegend zu dem großen Verhör in der Stadt vorgeladen waren, vermied er es, sich zu zeigen, er hatte keine Lust, mit diesen Dörflern zusammenzutreffen, sie gehörten einer anderen Welt an. Und sollte er nun selbst in diese Welt zurückkehren?

Seine Mutter wollte, man solle kaufen. Sivert wollte auch, daß gekauft werde; die beiden taten sich mit Eleseus zusammen, und eines schönen Tages fuhren alle drei nach Storborg hinunter, um sich dort die Herrlichkeit zu beschauen.

Aber mit der Aussicht, sein Gut loszuwerden, wurde Aronsen sofort ein ganz anderer: er habe nicht nötig, zu verkaufen! Wenn er von hier fortgehe, so könne der Hof einfach liegenbleiben, der Hof sei bom konstant, ein prächtiges Gut, er könne es jeden Tag verkaufen. Ihr zahlt mir doch nicht, was ich dafür haben will, behauptete Aronsen. — Sie gingen durch alle Räume, waren im Stall, im Vorratshaus, sie besahen sich die armseligen Reste von Waren: einige Mundharmoniken, Uhrketten, Schachteln mit rosa Papier, Hängelampen mit Prismen, lauter bei den Ansiedlern unverkäufliche Sachen. Außerdem war noch ein Rest Baumwollstoffe vorhanden und einige Kisten mit Nägeln.

Eleseus spielte sich auf und beschaute alles mit Sachkenntnis. Für diese Art Waren hab' ich keine Verwendung, sagte er. — Ihr braucht sie ja nicht zu kaufen, erwiderte Aronsen. — Aber ich biete Euch fünfzehnhundert Kronen für den Hof, so wie er dasteht, mit Waren und Viehstand und allem zusammen, sagte Eleseus. Oh, es war ihm sehr gleichgültig, sein Angebot war nur ein Spott, er wollte sich aufspielen.

Dann fuhren sie wieder nach Hause. Nein, es wurde nichts aus dem Geschäft. Eleseus hatte Aronsen ein Schandangebot gemacht und ihn damit beleidigt: Ich höre überhaupt gar nicht hin, was du sagst, erklärte Aronsen und duzte ihn, duzte diesen städtischen Springinsfeld, der den Kaufmann Aronsen über Waren belehren wollte. — Soviel ich weiß, habe ich nicht Brüderschaft mit dir getrunken, sagte Eleseus ebenso erzürnt. Oh, das mußte eine lebenslängliche Feindschaft geben!

Aber warum war Aronsen vom ersten Augenblick an so aufgeblasen gewesen und hatte getan, wie wenn er nicht zum Verkaufen genötigt wäre? Das hatte seinen Grund, Aronsen hatte nämlich wieder eine Art Hoffnung.

Im Dorf unten war eine Versammlung abgehalten worden, um den Zustand zu besprechen, der dadurch eingetreten war, daß Geißler seinen Berg nicht verkaufen wollte. Nicht nur das Ödland litt darunter, der ganze Bezirk kämpfte mit dem Tode. Aber warum konnten denn die Menschen jetzt nicht mehr ebenso gut oder schlecht leben wie damals, bevor der Versuchsbetrieb in Angriff genommen war? Nein, das konnten die Menschen nicht! Sie hatten sich jetzt an weiße Grütze gewöhnt und an weißes Brot, an gekaufte Kleiderstoffe, hohe Löhne, ein flottes Leben, ja, die Menschen hatten sich daran gewöhnt, viel Geld zu haben. Doch nun war der Geldstrom versiegt, wie ein Heringszug war er wieder im Meer verschwunden; lieber Gott, was war das für eine Not, was ließ sich da machen?

Es war kein Zweifel, der ehemalige Lensmann Geißler wollte sich am Dorfe rächen, weil es dem Amtmann beigestanden hatte, ihn abzusetzen, und es war auch gar kein Zweifel, daß das Dorf diesen Mann unterschätzt hatte. Er war nicht so dumm. Mit dem ganz einfachen Mittel, eine schamlose Viertelmillion für ein Stück Berg zu verlangen, hielt er die ganze Entwicklung der Gemeinde auf. War er nicht mächtig? Axel Ström von Maaneland konnte hier mitreden, er hatte Geißler zuletzt gesprochen. Barbro, Bredes Tochter, war in der Stadt vor Gericht geladen gewesen und freigesprochen wieder nach Hause gekommen, und da war Geißler während der ganzen Verhandlung zugegen gewesen! Und wer etwa meinte, der Geißler habe abgewirtschaftet und liege danieder wie irgendein armer Schlucker, der brauchte ja nur die teuren Maschinen zu betrachten, die er Axel zum Geschenk gemacht hatte!

Dieser Mann hielt also das Geschick des Bezirks in seiner Hand, und man mußte sich mit ihm abfinden. Um wieviel würde Geißler wohl im allerletzten Fall seinen Berg verkaufen? Darüber mußte man ins reine kommen. Die Schweden hatten ihm fünfundzwanzigtausend geboten, das hatte Geißler abgelehnt. Aber wie, wenn nun das Dorf, wenn die Gemeinde den Rest zuschoß, damit das Geschäft zustande kam? Wenn es nicht eine gar zu ungereimte Summe war, würde es sich lohnen. Sowohl der Kaufmann unten an der Küste, als auch der Kaufmann Aronsen auf Storborg würden ganz in der Stille und in aller Heimlichkeit einen Beitrag geben; eine solche jetzt gemachte Auslage würde ihnen mit der Zeit wieder hereinkommen.

Schließlich waren zwei Mann beauftragt worden, zu Geißler zu reisen und mit ihm zu reden. Und die wurden nun bald zurückerwartet.

Seht, darum hatte Aronsen wieder Hoffnung gefaßt und glaubte, einen Mann, der Storborg kaufen wollte, hochfahrend behandeln zu können. Aber er sollte nicht lange hochfahrend bleiben.

Nach einer Woche kamen die zwei Abgesandten mit einer unbedingten Ablehnung heim. Ach, das schlimme an der Sache war schon von Anfang an, daß einer der beiden Abgesandten Brede Olsen war — weil er so gut Zeit hatte. Die Männer hatten Geißler ganz richtig aufgefunden, aber Geißler hatte nur den Kopf geschüttelt und gelacht. Reist nur wieder nach Hause! hatte er gesagt; aber er hatte ihnen die Heimreise bezahlt.

Und so mußte nun also der ganze Bezirk untergehen!

Nachdem Aronsen eine Zeitlang getobt hatte und allmählich immer ratloser geworden war, ging er eines Tages hinauf nach Sellanraa und schloß den Handel ab. Ja, das tat Aronsen. Eleseus bekam, was er haben wollte, einen Hof mit Gebäuden und Vieh und Waren für fünfzehnhundert Kronen. Allerdings zeigte es sich bei der Übernahme, daß Aronsens Frau den größten Teil des Baumwollzeugs an sich genommen hatte; um solche Kleinigkeiten kümmerte sich jedoch ein Mann wie Eleseus nicht. Man darf nicht kleinlich sein! sagte er.

Aber im ganzen genommen war Eleseus nichts weniger als entzückt. Nun war sein Lebenslauf also besiegelt, das Ödland würde sein Grab werden. Er mußte alle seine großen Pläne fahren lassen; Büroschreiber war er nicht mehr, Lensmann konnte er nicht werden, nein, er war nicht einmal ein städtischer Herr. Seinem Vater und den andern daheim gegenüber tat er ein wenig groß damit, daß er Storborg genau um den Preis, den er geboten, auch bekommen hatte, da konnten sie sehen, daß er sich auf die Sache verstand! Aber dieser kleine Triumph reichte nicht weit. Er hatte auch die Befriedigung, den Ladendiener Andresen mit übernehmen zu können, der ging gewissermaßen bei dem Handel mit drein, Aronsen brauchte ihn nicht mehr, solange er kein neues Geschäft hatte. Es kitzelte Eleseus ganz eigenartig, als Andresen kam und fragte, ob er nicht bleiben dürfe; da war er nun zum erstenmal Herr und Meister. Du kannst bleiben! sagte er. Ich muß hier am Platz einen Stellvertreter haben, wenn ich meine Geschäftsreisen mache und Handelsverbindungen mit Bergen und Drontheim anknüpfe, sagte er.

Und Andresen war kein schlechter Stellvertreter, das sah er gleich; er war fleißig und hielt gute Aufsicht, während der Herr und Meister Eleseus abwesend war. Nur im Anfang hatte der Ladendiener Andresen hier im Ödland den großen und feinen Herrn herausgekehrt, und daran war sein Herr, Aronsen, schuld gewesen. Jetzt war es anders geworden. Als im Frühjahr die Moore etwas aufgetaut waren, kam Sivert von Sellanraa nach Storborg hinunter und fing an, bei seinem Bruder Gräben zu ziehen — und da ging wahrhaftig auch der Ladendiener Andresen hinaus aufs Moor und half Gräben ziehen aus was für einem Grunde es auch geschehen mochte, da er es eigentlich nicht nötig hatte; aber ein Mann von solcher Art war er. Der Boden war noch so wenig aufgetaut, daß sie lange nicht tief genug graben konnten, aber sie taten einstweilen wenigstens die halbe Arbeit, und das war schon viel getan. Es war des alten Isaks Gedanke, auf Storborg die Moore zu entwässern und Ackerbau zu treiben, der kleine Kramhandel sollte nur so nebenbei betrieben werden, daß die Leute im Ödland nicht nötig hatten, ins Dorf zu gehen, wenn sie eine Rolle Faden brauchten.

So zogen also Sivert und Andresen Gräben und verschnauften sich zuweilen und führten eine muntere Unterhaltung. Andresen war auf irgendeine Weise in den Besitz eines goldenen Zwanzigkronenstücks gekommen, und nach diesem blitzblanken Goldstück verspürte Sivert großes Gelüste; aber Andresen wollte sich nicht davon trennen, er wickelte es in Seidenpapier und verwahrte es in seiner Truhe. Sivert schlug vor, sie wollten um das Geldstück losen, sie wollten darum kämpfen, aber darauf wagte Andresen sich nicht einzulassen. Sivert bot ihm dann zwanzig Kronen in Papier, und außerdem wollte er das ganze Moor allein entwässern, wenn er das Geldstück bekomme. Aber da war der Ladendiener Andresen beleidigt und sagte: So, damit du deinen Leuten zu Hause erzählen könntest, ich brächte es nicht fertig, im Moor zu arbeiten! Zuletzt einigten sie sich über fünfundzwanzig Kronen in Papier für das Goldstück, und Sivert lief in der Nacht nach Sellanraa und bekam das Papiergeld von seinem Vater.

Ein jugendlicher Einfall, ein Einfall der wackeren, lebenskräftigen Jugend! Eine durchwachte Nacht, eine Meile hin, eine Meile her, den Tag darauf wieder die volle Arbeit — das war nichts für den kräftigen jungen Mann, und es war ein schönes Goldstück. Es war nicht ausgeschlossen, daß sich Andresen wegen dieses guten Handels ein wenig über ihn lustig machte; aber da wußte Sivert guten Rat, er brauchte nur ein Wort von Leopoldine verlauten zu lassen, etwa: Ach ja, das ist wahr, ich sollte dich von Leopoldine grüßen! so hörte Andresen sofort auf und wurde dunkelrot.

Es waren vergnügliche Tage für die beiden, während sie im Moor arbeiteten und sich zum Spaß stritten, wieder arbeiteten und wieder stritten. Zuweilen kam Eleseus zu ihnen heraus und half mit, aber er wurde rasch müde, er hatte weder einen starken Körper noch einen starken Willen, aber er war der liebenswürdigste Mensch. — Da kommt die Oline! konnte der Schäker Sivert sagen. Nun mußt du heimgehen und ihr wieder ein halbes Pfund Kaffee verkaufen! Und das tat Eleseus gerne. Er ging hin und verkaufte Oline irgendeine Kleinigkeit. Solange brauchte er doch keine Schollen umzukehren.

Und die arme Oline, sie mußte von Zeit zu Zeit ein paar Kaffeebohnen haben, ob sie nun ein seltenes Mal das Geld dazu von Axel bekam oder sich die Bohnen für einen kleinen Ziegenkäse eintauschte. Oline war nicht mehr so ganz unverändert, der Dienst auf Maaneland war im Grunde zu schwer für dies alte Weib und hatte an ihr gezehrt, aber doch nicht so sehr, daß sie ihr Alter oder ihre Hinfälligkeit zugegeben hätte, hoho, sie hätte ihre Meinung ordentlich gesagt, wenn ihr aufgekündigt worden wäre! Sie war zäh und nicht unterzukriegen, tat ihre Arbeit und fand noch Zeit, zu den Nachbarn zu wandern und einen kleinen, unendlich angenehmen Schwatz zu halten, den sie daheim vermissen mußte, denn Axel war kein Redner.

Sie war unzufrieden mit der Gerichtsverhandlung, enttäuscht von dem Ausfall der Verhandlung, dem Freispruch auf der ganzen Linie. Daß Barbro, Bredes Tochter, ohne Strafe davonkam, wenn Inger auf Sellanraa acht Jahre bekommen hatte, das konnte Oline nicht fassen und begreifen, sie nahm ein ganz unchristliches Ärgernis daran, daß man gegen eine andere „so gütig gewesen war”. — Aber der Allmächtige hat seine Meinung noch nicht kundgetan! sagte Oline und nickte mit dem Kopfe. Sie stellte damit ein mögliches späteres himmlisches Strafgericht in Aussicht. Natürlich war Oline außerstande, ihr Mißvergnügen über die Sache bei sich zu behalten; besonders wenn sie mit ihrem Hausherrn über das eine oder andere uneinig wurde, machte sie auf ihre Weise Andeutungen und wurde äußerst spitzig: Ja, ich weiß nicht, wie das Gesetz jetzt gegen die Sünder von Sodom und Gomorra geworden ist. Ich aber halte mich an Gottes Wort, so einfältig bin ich.

Ach, Axel war seiner Haushälterin mehr als überdrüssig und wünschte sie dahin, wo der Pfeffer wächst. Nun kam das Frühjahr wieder, und er mußte wieder alle Feldarbeit allein verrichten. Dann kam die Heuernte, und er war verraten und verkauft. Das waren Aussichten! Seine Schwägerin auf Breidablick hatte heim nach Helgeland geschrieben und versucht, eine ordentliche weibliche Hilfskraft für ihn aufzutreiben, aber bis jetzt war es ihr noch nicht geglückt. Und jedenfalls hätte er dann das Reisegeld bezahlen müssen.

Nein, das war eine böse und schlechte Tat von Barbro gewesen, das kleine Kind auf die Seite zu schaffen und selbst auf und davon zu gehen. Zwei Winter und einen Sommer hatte er sich nun mit Oline behelfen müssen, und es sah ganz so aus, als ob es noch länger so bleiben müßte. Aber nahm sich Barbro, die schlechte Person, dies irgendwie zu Herzen? Er hatte einmal während des Winters drunten im Dorf einige Worte mit ihr gesprochen, aber keine Träne war ihr langsam heruntergerollt und da festgefroren. — Was ist aus den Ringen geworden, die ich dir gegeben habe? fragte er. — Ringe? sagte sie. — Ja, Ringe. — Die hab' ich nicht mehr. — So, du hast sie nicht mehr? — Zwischen uns war ja alles aus, sagte sie, da konnte ich doch die Ringe nicht mehr tragen. Das ist nicht der Brauch, wenn doch alles aus ist. — Ich möchte nur wissen, was du damit angefangen hast. — Willst du sie wiederhaben? fragte sie. Ich hätte dich nicht für so gemein gehalten. — Axel überlegte einen Augenblick, dann sagte er: Ich hätte dich dafür entschädigen können. Du hättest sie nicht umsonst hergeben müssen.

Aber nichts da, Barbro hatte die Ringe abgelegt und gab Axel nicht einmal Gelegenheit, um einen billigen Preis zu einem goldenen und einem silbernen Ring zu kommen.

Übrigens war Barbro nicht roh und häßlich, nein, das war sie keineswegs. Sie trug eine lange Schürze mit Trägern und Falten, und um ihren Hals stand ein weißer Streifen in die Höhe, das war hübsch. Die Leute behaupteten, sie habe sich im Dorf bereits wieder einen Schatz angeschafft, aber das war vielleicht nur Gerede; die Frau Lensmann hielt sie jedenfalls gut im Zaum und ließ sie in diesem Jahr durchaus nicht zum Weihnachtstanz gehen.

Na, diese Frau Lensmann paßte wahrlich gut auf; während Axel auf der Straße mit seiner früheren Magd über zwei Ringe verhandelte, trat die Frau Lensmann plötzlich dazwischen und sagte: Du solltest mir doch etwas aus dem Laden holen, Barbro! — Barbro lief davon. Nun wandte sich die Frau an Axel und sagte: Könntest du mir nicht irgendein Stück Schlachtvieh verkaufen? — Hm! war alles, was Axel erwiderte, und er grüßte höflich.

Es war ja gerade diese Frau Lensmann gewesen, die ihn im Herbst als einen ausgezeichneten, ja als einen der allerausgezeichnetsten Menschen gelobt und gepriesen hatte, das verdiente wohl ein Entgegenkommen. Axel kannte von früher her die ländliche Art des Benehmens, den großen Herren und der Obrigkeit gegenüber, und es hatte ihm ja auch gleich ein Stück Schlachtvieh, ein junges Rind, das er opfern könnte, vorgeschwebt. Aber es verging ein Tag um den andern, der ganze Herbst verging und ein Monat nach dem andern, und er sparte das Rind. Es sah nicht danach aus, als ob irgend etwas Schlimmes geschehen würde, wenn er es ganz behielte; er wäre jedenfalls um so viel ärmer, wenn er es weggäbe, und es war ein Staatsrind.

Hm. Guten Tag! Nein, sagte Axel und schüttelte den Kopf, er habe kein Schlachtvieh. — Es war, als ob die Frau seine innersten Gedanken erriete, denn sie sagte: Ich habe gehört, du habest ein junges Rind. — Jawohl, das hab' ich, erwiderte er. — Willst du es aufziehen? — Ja, ich will es aufziehen. — So, sagte die Frau Lensmann. Und hast du nicht einen Hammel? — Nein, jetzt nicht. Ich habe nämlich nicht mehr Vieh behalten, als ich großziehen will. — Nun ja, dann ist es eben nichts, sagte die Frau Lensmann, nickte ihm zu und ging.

Axel fuhr nach Hause, aber er dachte weiter über diese Unterredung nach, und er fürchtete, er habe sich am Ende dumm benommen. Die Frau Lensmann war doch einmal eine wichtige Zeugin gewesen, für ihn und gegen ihn, aber eine wichtige Zeugin. Man hatte ihm ja allerlei nachgesagt, aber er war doch aus einer schwierigen und unheimlichen Geschichte mit einer Kindsleiche in seinem Walde glatt herausgekommen. Er mußte am Ende doch einen Hammel opfern.

Übrigens merkwürdig, dieser Gedanke stand in einem fernen Zusammenhang mit Barbro. Wenn er mit einem Hammel zu ihrer Herrin kam, mußte Barbro doch einen gewissen Eindruck von ihm bekommen.

Aber wieder verging ein Tag um den andern, und es geschah nichts Schlimmes durch den Aufschub. Als er wieder ins Dorf hinunterfuhr, nahm er keinen Hammel mit, nein; das tat er nicht. Aber im letzten Augenblick nahm er ein Lamm mit. Es war übrigens ein großes Lamm, also kein geringes Tier, und als er damit ankam, sagte er: Die Hammel haben ein zähes Fleisch, ich wollte Ihnen etwas wirklich Gutes bringen. — Aber die Frau Lensmann wollte nichts von einem Geschenk hören. Sag, was du für das Lamm haben willst, sagte sie. Diese Dame hielt etwas auf öffentliche Ordnung. Nein, danke, sie nahm keine Geschenke von den Leuten entgegen. Und die Sache lief wahrhaftig darauf hinaus, daß Axel sein Lamm gut bezahlt bekam.

Barbro bekam er nicht zu Gesicht. Die Frau Lensmann hatte ihn wohl kommen sehen und Barbro aus dem Wege geschafft. Na, Glück zu, Barbro hatte ihn anderthalb Jahre lang um seine weibliche Hilfskraft betrogen!

9

Im Frühjahr ereignete sich etwas höchst Unerwartetes und dabei sehr Bedeutungsvolles: der Betrieb in den Kupfergruben sollte wieder aufgenommen werden, Geißler hatte seinen Berg verkauft. War das Unglaubliche geschehen? Ach, dieser Geißler war nun einmal ein unergründlicher Herr, er konnte tun und konnte lassen, verneinend den Kopf schütteln und bejahend nicken. Er konnte ein ganzes Dorf wieder zum Lächeln bringen.

Hatte ihm am Ende doch das Gewissen geschlagen und wollte er den Bezirk, in dem er Lensmann gewesen war, nicht länger mit selbstgebauter Grütze und mit Geldmangel strafen? Oder hatte er gar seine Viertelmillion bekommen? Oder war vielleicht die Sache so, daß Geißler selbst Geld brauchte und den Berg für das, was er eben dafür bekam, verkaufen mußte? Fünfundzwanzigtausend oder fünfzigtausend sind ja schließlich auch ein schönes Geld. Es wurde übrigens behauptet, sein Sohn habe in seinem Namen das Geschäft abgeschlossen.

Jedenfalls aber wurde der Betrieb wieder aufgenommen; derselbe Ingenieur mit verschiedener Arbeiterschaft kehrte zurück, und dieselbe Arbeit fing wieder an. Dieselbe Arbeit, ja, aber auf eine ganz andere Weise als früher, gerade umgekehrt.

Alles schien ganz in Ordnung zu sein; die Schweden kamen mit Leuten und Dynamit und Geld, was konnte da noch fehlen? Und auch Aronsen kam wieder, der Kaufmann Aronsen, und wollte durchaus Storborg wieder kaufen. — Nein, erklärte Eleseus, ich verkaufe nicht. — Ihr werdet doch gewiß verkaufen, wenn Ihr Geld genug bekommt? — Nein.

Nein, Eleseus wollte Storborg nicht verkaufen. Die Sache war die, sein Dasein als Kaufmann auf dem Ödland kam ihm nicht mehr gar so elend vor; er hatte eine schöne Veranda mit bunten Glasscheiben, er hatte einen Ladendiener, der die Arbeit tat, er selbst konnte auf Reisen sein. Ja, reisen auf dem ersten Platz, zusammen mit vornehmen Leuten. Wenn er nur einmal ganz bis nach Amerika kommen könnte, daran hatte er schon oft gedacht. Schon allein von diesen Geschäftsreisen in die Städte im Süden, um Verbindungen anzuknüpfen, konnte er nachher immer noch lange zehren. Nicht, als ob er üppig gelebt hätte, mit eigenem Dampfschiff gefahren wäre und Orgien gefeiert hätte. Er und Orgien! Er war eigentlich ein sonderbarer Mensch, um Mädchen bekümmerte er sich gar nicht mehr, er ließ sie links liegen, hatte alles Herz für sie verloren. Nein, aber natürlich war er der Sohn des Markgrafen, der auf dem ersten Platz fuhr und vielerlei Waren kaufte. Er selbst kam jedesmal von seinen Ausflügen ein wenig feiner und vornehmer nach Hause, das letztemal kam er mit Galoschen an den Füßen zurück. Trägst du zwei Paar Schuhe? wurde er gefragt. — Ja, ich leide an kalten Füßen, erklärte Eleseus. Und da hatte man herzliches Mitleid mit seinen kalten Füßen.

Glückselige Tage, ein Herrenleben und Müßiggang! Nein, er wollte Storborg nicht verkaufen. Sollte er wieder in das Städtchen zurückkehren, von neuem in dem kleinen Bauernkramladen stehen und keinen Ladendiener unter sich haben? Übrigens hoffte er auch darauf, es werde sich von nun an ein ungeheurer Betrieb auf Storborg entwickeln; die Schweden waren zurückgekehrt und würden die Gegend mit Geld überschwemmen, er wäre ein Narr, wenn er verkaufen würde. Aronsen mußte einmal ums andere mit einer Absage seines Weges ziehen und entsetzte sich immer mehr über seine eigene Dummheit, das Ödland verlassen zu haben.

Ach, Aronsen hätte mit seinen Selbstvorwürfen Maß halten und ebenso hätte Eleseus seine großen Erwartungen einschränken dürfen; aber vor allen Dingen hätten die Ansiedler und die Dorfbewohner weniger große Hoffnungen hegen und nicht lächeln und sich die Hände reiben sollen, wie es die Englein tun, weil sie selig sind; nein, das hätten die Ansiedler und Dorfbewohner durchaus nicht tun sollen, denn nun wurde die Enttäuschung gewaltig. Sollte man es glauben: die Grubenarbeit begann zwar ganz richtig, aber sie begann auf der andern Seite des Berges, zwei Meilen weit entfernt, am südlichen Ende von Geißlers Gebiet, weit drinnen in einem anderen Kirchspiel, das die diesseitigen Bewohner nichts anging. Von da aus sollte sich die Arbeit langsam nach Norden zu durchfressen, bis zu der ersten Fundstelle des Kupfers, bis zu Isaks Fundstelle, und ein Segen für das Ödland und das Dorf werden. Das würde im besten Fall viele Jahre dauern, vielleicht Menschenalter.

Diese Erkenntnis kam und wirkte wie die ärgste Dynamitsprengung mit Bewußtlosigkeit und Taubheit. Die Dorfbewohner versanken in Kummer und Sorgen. Einige schimpften auf Geißler: dieser verfluchte Geißler habe ihnen wieder einen Possen gespielt; andere krochen zu einer Versammlung zusammen und schickten eine neue Gesandtschaft von Vertrauensmännern aus, diesmal zu der Grubengesellschaft, zu dem Ingenieur. Dieser Schritt führte zu gar nichts; der Ingenieur setzte ihnen auseinander, daß er mit der Arbeit auf der Südseite beginnen müsse, weil es von dort näher zum Meere sei, dort brauche man keine Luftbahn, dort sei fast gar kein Transport nötig. Nein, die Arbeit müsse auf der Südseite anfangen. Damit basta!

Da reiste Aronsen sofort hinüber auf das neue Arbeitsfeld zu der neuen Goldgrube. Er wollte auch den Ladendiener Andresen mitnehmen. Wozu willst du hier im Ödland bleiben? sagte er. Es ist viel besser für dich, wenn du mit mir gehst. — Aber der Ladendiener Andresen wollte das Ödland nicht verlassen, es war unbegreiflich, aber es war gerade, als ob ihn etwas hier fesselte; es schien ihm hier zu gefallen, er war hier festgewurzelt. Andresen selbst mußte sich verändert haben, das Ödland hatte sich nicht geändert. Hier waren die Leute und die Verhältnisse noch genau so wie früher: der Bergwerksbetrieb war zwar aus der Gegend verschwunden, aber keiner der Ödlandbewohner hatte darüber den Kopf verloren, sie hatten ihre Landwirtschaft, ihre Ernten und ihren Viehbestand. Bares Geld gab es allerdings nicht so viel bei ihnen, sie hatten alle Lebensbedürfnisse, einfach alle. Nicht einmal Eleseus verzweifelte darüber, daß der Geldstrom an ihm vorüberfloß; das schlimmste war, daß er in der ersten Begeisterung eine Menge unverkäuflicher Waren angeschafft hatte. Nun, die mußten eben vorläufig lagern bleiben, sie putzten den Laden heraus und dienten ihm zur Ehre.

Nein, der Ödlandbauer verlor den Kopf nicht. Er fand die Luft nicht ungesund, hatte Bewunderer genug für seine neuen Kleider, er vermißte die Diamanten nicht, und Wein kannte er nur von der Hochzeit zu Kanaan. Der Ödlandbewohner quälte sich nicht wegen der Herrlichkeiten, auf die er verzichten mußte: Kunst, Zeitungen, Luxus, Politik waren gerade soviel wert, als die Menschen dafür bezahlen wollten, nicht mehr. Der Erntesegen aber mußte erarbeitet werden um jeden Preis, das war der Ursprung, die Quelle von allem und jedem.

Was, das Leben des Ödlandbewohners öde und traurig? Hoho, nichts dergleichen! Er hatte seine höheren Mächte, seine Träume, sein Liebesleben, seinen reichen Aberglauben. Eines Abends geht Sivert den Fluß entlang und bleibt plötzlich stehen: im Wasser liegen zwei Wildenten, Ente und Enterich. Sie haben ihn entdeckt, haben den Menschen gesehen und sind scheu geworden, einer der Vögel sagt etwas, er stößt einen kurzen Laut aus, eine Melodie in drei Tönen, und der andere antwortet gleichlautend. Im selben Augenblick heben sie die Flügel und sausen wie zwei kleine Räder einen Steinwurf weit den Fluß hinauf, wo sie sich wieder aufs Wasser niederlassen. Da sagt der eine wieder etwas, und der andere antwortet; es ist dieselbe Sprache, wie das erstemal, aber so innig befreit, daß es eine kleine Seligkeit ist: die Töne sind zwei Oktaven höher gestimmt. Sivert steht da und betrachtet die Vögel, sieht an ihnen vorbei und weit ins Land der Träume hinein. Ein Laut ist in ihm erklungen, eine Süßigkeit in ihm aufgestiegen, er stand da mit einer zarten, feinen Erinnerung an etwas Wildes und Schönes, etwas früher Erlebtes, von dem die Erinnerung in ihm erloschen ist. Stille geht er nach Hause, er spricht nicht davon, plaudert nicht darüber, irdische Worte reichten dazu nicht aus. Es war Sivert von Sellanraa, jung und durchschnittlich ging er eines Tages aus und hatte dieses Erlebnis.

Und das war nicht sein einziges Abenteuer, er erlebte noch andere. Aber er mußte auch das Abenteuer erleben, daß Jensine Sellanraa verließ. Das brachte große Unordnung in Siverts Gemütsleben.

Ja, es kam wirklich so weit, daß Jensine fortging, sie wollte selbst gehen. Ach, Jensine war nicht die erste beste, das konnte niemand behaupten! Sivert hatte ihr einmal angeboten, sie wieder nach Hause zu fahren; bei der Gelegenheit hatte sie leider geweint, später aber hatten ihre Tränen sie gereut, und sie zeigte, daß sie bereute, sie kündigte. Jawohl, in aller Ordnung.

Und nichts auf der Welt wäre Inger auf Sellanraa erwünschter gewesen, als daß Jensine ging; Inger hatte angefangen, unzufrieden mit ihrer Magd zu sein. Das war merkwürdig, denn sie hatte nichts an ihr auszusetzen, aber sie schien sie nur mit Überwindung ansehen und ihre Anwesenheit auf dem Hofe kaum noch ertragen zu können. Das hing wohl mit Ingers Gemütszustand zusammen: sie war den ganzen Winter über schwermütig und fromm gewesen und kam nicht darüber hinweg. Du willst gehen? Jawohl, geh nur, sagte Inger. Das war ein Segen, eine Erhörung nächtlicher Gebete. Es blieben trotzdem noch zwei erwachsene weibliche Personen auf dem Hofe, was sollte diese lebensfrische und mannbare Jensine hier? Mit Unwillen betrachtete Inger diese Mannbarkeit, und sie dachte wohl: gerade wie ich damals!

Ihre große Frömmigkeit ließ nicht nach. Sie war nicht an sich lasterhaft, sie hatte gekostet, jawohl, sie hatte genippt, aber sie hatte nicht im Sinn, das bis ins Alter zu treiben, keine Rede davon. Inger wies diesen Gedanken mit Entsetzen von sich. Der Grubenbetrieb hörte auf, und alle Arbeiter verschwanden — lieber Gott, nichts hätte besser sein können! Die Tugend war nicht nur erträglich, sie war notwendig, ein notwendiges Gut, eine Gnade.

Allein die Welt war schlecht. Seht, da war nun Leopoldine, die kleine Leopoldine, ein Fruchtkeim, ein kleines Kind, und war zum Überfließen voll Gesundheit und Sünde. Wenn sich ihr ein Arm um die Mitte legte, so würde sie zusammensinken, pfui! Sie hatte Finnen im Gesicht bekommen, das deutete auf Wildheit im Blute, ach, die Mutter erinnerte sich wohl daran, damit begann die Wildheit im Blute. Die Mutter verdammte die Tochter durchaus nicht wegen dieser Finnen im Gesicht, aber sie wollte ihnen ein Ende machen. Leopoldine sollte damit aufhören. Was hatte auch dieser Ladendiener Andresen an den Sonntagen nach Sellanraa heraufzukommen und mit Isak von der Landwirtschaft zu schwatzen? Bildeten sich denn diese beiden Mannsleute ein, daß die kleine Leopoldine gar nichts merke? Oh, die Jugend war schon früher verrückt gewesen, vor dreißig, vierzig Jahren, aber jetzt war sie schlimmer geworden.

Ja, wie es nun auch geht! sagte Isak, als sie davon sprachen. Jetzt ist das Frühjahr da, und Jensine ist fort, und wen können wir für die Sommerarbeit bekommen? — Die Leopoldine und ich werden arbeiten, erklärte Inger. Lieber will ich Tag und Nacht arbeiten! rief sie erregt und dem Weinen nahe. — Isak konnte sich diesen heftigen Ausbruch nicht erklären, aber er hatte seine eigenen Ansichten, deshalb ging er mit Hacke und Spaten an den Waldrand und fing an, einen Stein zu bearbeiten. Nein, wahrhaftig, Isak konnte nicht verstehen, daß die Magd Jensine fortgegangen war, sie war doch ein tüchtiges Mädchen gewesen. Er verstand im ganzen nur das Nächstliegende, die Arbeit, gesetzliches und natürliches Tun. Er war von rundem und gewaltigem Körperbau, niemand war weniger astral wie er, er aß wie ein rechter Mann, und es bekam ihm gut, deshalb kam er auch höchst selten aus dem Gleichgewicht.

Da war nun also dieser Stein. Es waren noch viele andere Steine da, aber mit einem mußte er nun einmal anfangen. Isak sieht den Tag kommen, da er hier ein Häuschen bauen muß, eine Heimstätte für sich und Inger. Er will den Bauplatz ein wenig ebnen, während Sivert drunten auf Storborg ist, sonst muß er seinem Sohn eine Erklärung geben, und das möchte er vermeiden. Natürlich wird der Tag kommen, wo Sivert alle Gebäude auf dem Hofe für sich selbst braucht, dann müssen die Eltern eine Wohnung haben. Sie kamen ja mit dem Bauen auf Sellanraa niemals zu Ende, der große Futterboden auf dem steinernen Stall war auch noch nicht gebaut. Aber die Balken und die Bretter dazu lagen fertig da.

Also da war nun dieser Stein. Was davon aus der Erde hervorragte, sah nicht besonders groß aus, aber er rührte und regte sich nicht, er mußte also doch ein gewaltiger Brocken sein. Isak grub rund darum herum und machte einen Versuch mit dem Spaten, aber der Stein rührte sich nicht. Er grub noch tiefer und versuchte es wieder — nein. Nun mußte Isak nach Hause und eine Schaufel holen, um die lose Erde wegzuschaffen. Dann grub er wieder und probierte — nein. Das ist einmal ein Block! dachte Isak in all seiner Geduld. Er grub nun schon eine gute Weile, der Stein reichte immer tiefer in die Erde hinunter, und er konnte ihn nirgends richtig anpacken. Es wäre doch recht ärgerlich, wenn er genötigt wäre, den Stein zu sprengen. Dann wären die Schläge, um das Bohrloch zu machen, weithin zu hören und würden alle Hausbewohner herbeirufen. Isak grub weiter, aber dann holte er eine Hebestange und versuchte es damit — nein. Er grub wieder. Nun fing Isak doch allmählich an, etwas ärgerlich auf den Stein zu werden; er runzelte die Stirn und schaute ihn an, wie wenn er eben nur gekommen wäre, um die Steine hier ein wenig zu beaufsichtigen, und wie wenn gerade dieser Stein hier besonders dumm wäre. Er kritisierte ihn, er war so rund und dumm, er war nirgends zu fassen, ja, er meinte beinahe, er habe eine ganz verkehrte Form. Sollte er ihn sprengen? Keine Rede davon, wozu auch noch Pulver an ihn verschwenden! Oder sollte er ihn aufgeben, sollte er eine Art von Furcht zeigen, der Stein könnte ihm überlegen sein?

Isak grub. Er mühte sich im Schweiße seines Angesichts, aber was war der Erfolg? Endlich bekam er die Spitze der Hebestange darunter und machte einen Versuch — der Stein rührte sich nicht. Sachgemäß war an seinem Vorgehen nichts auszusetzen, aber es hatte keinen Erfolg. Was war denn das? Hatte er denn nicht auch sonst schon Steine ausgebrochen? War er alt geworden? Komisch, hehe! Lächerlich. Er hatte ja wohl neulich einmal Anzeichen von abnehmender Kraft bemerkt, das heißt, er hatte es nicht bemerkt, er hatte sich nicht darum gekümmert, es war Einbildung gewesen. Und nun geht er wieder an den Stein, völlig entschlossen, ihn zu heben.

Oh, das war keine Kleinigkeit, wenn Isak sich über eine Hebestange legte und sich schwer machte! Da liegt er vorgebeugt und hebt und hebt, zyklopisch und mit außerordentlicher Kraft, mit einem Oberkörper, der bis zu den Knien zu reichen scheint. Es war ein gewisser Pomp und eine Pracht über ihm, sein Äquator war ungeheuer.

Allein der Stein rührte sich nicht.

Es half alles nichts, er mußte noch tiefer graben. Sollte er den Stein sprengen? Schweig still! Nein, aber er mußte noch tiefer graben. Er wurde sehr eifrig. Der Stein mußte und sollte heraus! Man konnte nicht sagen, es sei in diesem Trieb von seiten Isaks etwas Perverses gewesen; es war die alte Liebe des Ackerbauern zur Urbarmachung des Bodens, aber gänzlich ohne Zärtlichkeit. Es sah ganz närrisch aus, erst umkreiste er den Stein von allen Seiten, ehe er sich dranmachte, dann grub er ringsherum und betastete ihn und schaufelte die Erde mit den bloßen Händen weg, ja, das tat er. Aber das alles waren keine Liebkosungen. Es war ihm heiß geworden, aber heiß vor Eifer. Wie, wenn er es jetzt wieder mit der Hebestange versuchte? Er setzte sie da an, wo er sich am meisten Erfolg versprach — nein. War das einmal ein merkwürdiger Trotz und Eigensinn von einem Stein! Aber jetzt schien es zu gehen. Isak versucht es noch einmal und bekommt Hoffnung, der Erdarbeiter hatte es im Gefühl, daß der Stein nicht mehr unüberwindlich war. Da glitt die Hebestange ab und warf Isak zu Boden. Verdammt! sagte er. Das fuhr ihm so heraus. Seine Mütze hatte zu gleicher Zeit einen Schupps gekriegt und saß nun so schief, daß er ganz spanisch, ganz räubermäßig aussah. Er spuckte aus.

Da kommt Inger dahergegangen. Du mußt jetzt zum Essen kommen, Isak, sagt sie ganz lieb und freundlich. — Ja, gibt er zur Antwort, aber er will nicht, daß sie näher herankommt, und er will kein Gerede. Ach, diese Inger, sie merkte gar nichts, sie kam näher. Was hast du dir jetzt wieder ausgedacht? fragt sie, denn sie möchte ihm damit schmeicheln, daß er sich fast jeden Tag etwas Neues und Großartiges ausdenkt. — Aber Isak ist sehr grimmig, fürchterlich grimmig ist er, er erwidert: Das weiß ich nicht. — Und Inger ihrerseits ist sehr töricht, sie fragt ihn und plaudert ihm noch allerlei vor und geht nicht. — Da du es nun doch einmal gesehen hast, ich will diesen Stein herausheben, sagt er. — So, du willst ihn herausheben? fragt sie. — Ja. — Ich kann dir wohl nicht helfen? — Isak schüttelt den Kopf. Aber es war doch ein hübscher Zug von Inger, daß sie ihm helfen wollte, und er konnte sie nicht länger zurückweisen. Wenn du ein klein wenig warten willst, sagt er und läuft nach Hause, um den Schmiedehammer und einen Meißel zu holen.

Wenn er den Stein an der richtigen Stelle etwas uneben machte, indem er einen Splitter abschlug, so bekam die Hebestange einen besseren Halt. Inger hält den Meißel, und Isak schlägt zu. Ja, es gelingt, ein Splitter fällt ab. — Ich danke dir für die Hilfe, sagt Isak. Und du sollst vorerst mit dem Essen nicht auf mich warten, ich will erst diesen Stein heraus haben.

Allein Inger geht nicht, und im Grunde genommen ist es Isak auch lieb, daß sie stehenbleibt und ihm bei seiner Arbeit zuschaut, das hatte er schon in jungen Tagen gern gehabt. Und siehe da, er findet einen prächtigen Halt für die Hebestange und hebt — der Stein bewegt sich! — Er bewegt sich! sagt Inger. — Du willst mich doch nicht foppen? fragt Isak. — Ich foppen! Er bewegt sich!

Soweit war er gekommen, wahrhaftig, der Stein bewegte sich, er hatte den Stein für die Sache gewonnen, jetzt arbeiteten sie zusammen. Isak hebt und wiegt die Stange hin und her, und der Stein bewegt sich ein wenig, aber nicht mehr. Isak macht eine Weile so weiter, allein es führt zu nichts. Plötzlich sieht er ein, daß es sich nicht darum handelt, ob sein Körpergewicht zureicht, er hat nicht mehr die alte Kraft, das ist die Sache, er hat die zähe Biegsamkeit des Körpers eingebüßt. Körpergewicht? Es wäre ja gar nichts gewesen, sich über die schwere Stange zu legen und sie abzubrechen. Aber er hatte an Kraft verloren, so sah es aus. Das erfüllte den duldsamen Mann mit Bitterkeit; wenn nur wenigstens nicht Inger dabeigestanden und zugeschaut hätte!

Plötzlich läßt er die Stange fahren und ergreift den Schmiedehammer. Der Zorn hatte ihn erfaßt, er war in der Stimmung, Gewalt zu gebrauchen. Seht, er hat immer noch die Mütze auf dem Ohre sitzen und sieht räubermäßig aus, jetzt läuft er mit gewaltigen Schritten rund um den Stein herum, als ob er sich selbst dem Stein gegenüber in das richtige Licht setzen wollte, ho, es sah aus, als ob er jetzt diesen Stein als eine Ruine hinter sich zurücklassen wollte. Warum sollte er das nicht tun? Einen Stein, den man tödlich haßt, zu zerschmettern, das ist nur Formsache. Und wenn der Stein Widerstand leistete, wenn er sich nicht zerschmettern ließ? Oh, es würde sich schon zeigen, wer von ihnen beiden der Überlebende sein würde!

Aber jetzt redet Inger ein wenig ängstlich, denn sie merkt wohl, was in dem Manne gärt, sie sagt: Wie wär's, wenn wir uns beide auf den Balken da legten? und mit dem Balken meinte sie die Hebestange. — Nein! rief Isak rasend. Aber nach einem Augenblick des Nachdenkens sagt er: ja, wenn du doch schon einmal da bist, aber ich begreife nicht, warum du nicht nach Hause gehst. Wir wollen's einmal versuchen!

Und nun gelingt es ihnen, den Stein auf die Kante zu drehen. Es glückt. Puh! sagt Isak.

Allein nun offenbart sich vor ihren Augen etwas Unerwartetes: die Unterseite des Steines ist eine Fläche, eine große schöne Fläche, eben, glatt wie der Fußboden. Der Stein ist also nur die Hälfte eines Steines, die andere Hälfte muß irgendwo in der Nähe liegen. Isak wußte wohl, daß die beiden Hälften eines Steines sehr gut eine verschiedene Lage in der Erde haben konnten, es war wohl der Frost gewesen, der sie im Laufe langer Zeiträume voneinander entfernt hatte. Aber dieser ganze Fund freut ihn außerordentlich. Oh, dieser Stein ist brauchbar, er gibt eine prächtige Türschwelle. Selbst eine größere Geldsumme würde das Herz des Ödlandbewohners nicht mit solcher Befriedigung erfüllt haben. Das ist eine feine Türschwelle, sagt er stolz, und Inger bricht im guten Glauben in die Worte aus: Ich begreife nur nicht, wie du das hast wissen können! — Hm! sagt Isak. Meinst du, ich hätte für nichts hier in der Erde gegraben?

Sie gehen zusammen nach Hause, Isak hat sich eine unverdiente Bewunderung erschlichen; die schmeckt aber nicht viel anders als die verdiente. Er setzt auseinander, daß er die ganze Zeit über auf der Jagd nach einer ordentlichen Türschwelle gewesen sei, jetzt habe er eine gefunden. Von jetzt an war es auch nicht mehr verdächtig, wenn er auf dem Bauplatz arbeitete, er konnte dort unter dem Vorwand nach der zweiten Hälfte der Türschwelle zu suchen, roden, soviel er wollte. Und als Sivert nach Hause kam, ließ sich Isak sogar von dem Sohne helfen.

Aber wenn es so weit gekommen war, daß er nicht mehr allein hingehen und einen Stein aus der Erde brechen konnte, dann hatte sich viel geändert, dann sah es gefährlich aus, dann eilte es mit dem Bauplatz. Das Alter hatte Isak eingeholt, er fing an, für die Ausdingstube reif zu werden. Der Triumph, den er sich angeeignet hatte, als er die Türschwelle fand, verglühte im Laufe der Tage, er war unecht und undauerhaft gewesen. Isak fing an, etwas gebeugt zu gehen.

War er denn nicht einstmals in seinem Leben aufmerksam und hellhörig geworden, sobald nur jemand Stein oder Graben zu ihm gesagt hatte? Das war noch gar nicht lange her, nur einige Jahre. Und damals mußte sich ja einer, der ein trocken gelegtes Moor nur mit einem schiefen Blick ansah, vor ihm in acht nehmen. Jetzt fing er so langsam und allmählich an, derartiges mit mehr Ruhe aufzufassen, ach ja, Herrgott im Himmel! Nichts war mehr so wie früher, das ganze Ödland hatte sich verändert, dieser breite Telegraphenweg durch den Wald war früher nicht da, die Berge droben am Wasser waren früher nicht gesprengt und durchwühlt gewesen. Und die Menschen? Sagten sie noch Grüß Gott! wenn sie kamen, und Behüt dich Gott! wenn sie gingen? Sie nickten nur, und oft das nicht einmal.

Aber früher hatte es auch kein Sellanraa gegeben, nur eine Torfgamme; aber was war es jetzt? Und dann war auch früher kein Markgraf dagewesen.

Ja, und was war der Markgraf jetzt! Nichts als ein trauriger und vertrockneter alter Mann. Was nützte es zu essen und gute Gedärme zu haben, wenn das keine Kraft mehr gab? Jetzt war es Sivert, der Kräfte hatte, und gottlob, daß er sie hatte; aber wie, wenn auch Isak selbst sie gehabt hätte! Wozu sollte es gut sein, daß sein Rad anfing sich langsamer zu drehen? Er hatte geschafft wie ein rechter Mann, sein Rücken hatte die Lasten eines Lasttiers getragen, jetzt sollte er Ausdauer darin zeigen, auf einem Hocker herumzusitzen.

Isak ist mißvergnügt, Isak ist schwermütig.

Da liegt ein alter Südwester auf dem Hügel und vermodert. Der Sturm hat ihn hierher an den Waldessaum geweht, oder vielleicht haben ihn auch die Kinder dorthin gebracht, als sie noch klein waren. Da liegt er nun ein Jahr ums andere und vermodert immer mehr, und er war doch einmal ein neuer Südwester gewesen, ein schöner gelber Südwester. Isak erinnert sich noch, wie er damit vom Kaufmann nach Hause kam, und wie Inger sagte, das sei ein schöner Südwester. Ein paar Jahre später ging er damit zum Maler ins Dorf hinunter und ließ ihn glänzend schwarz lackieren und den Schirm daran grün malen. Als er damit nach Hause kam, sagte Inger, er sei jetzt schöner als je. Inger gefiel immer alles ausgezeichnet, ach, das war eine schöne Zeit; er schlug Klafterholz, und Inger sah ihm zu, das war seine beste Zeit im Leben gewesen. Und wenn der März und April kam, dann wurden er und Inger verliebt, gerade wie die Vögel und Tiere des Waldes, und wenn der Mai kam, dann säte er Korn und legte Kartoffeln und arbeitete Tag und Nacht. Es gab Schlaf und Arbeit, Liebe und Träumerei, er war wie sein erster großer Stier, und der war ein Wundertier gewesen, groß und glänzend wie ein König, wenn er in seiner Pracht einherschritt. Aber einen solchen Mai bringen die Jahre jetzt nicht mehr, das gibt es nicht mehr.

Einige Tage lang war Isak niedergeschlagen. Das waren dunkle Tage. Er fühlte weder Lust noch Kraft in sich, mit dem Aufbau des Futterspeichers zu beginnen. Das wird einmal Siverts Sache sein, jetzt galt es, das Ausdinghäuschen fertigzustellen. Auf die Dauer konnte er es nicht vor Sivert verborgen halten, daß es ein Bauplatz war, den er hier am Waldrand rodete, und eines Tages offenbarte er die Sache: Das da ist ein guter Stein, wenn wir einmal wieder etwas mauern wollen, sagte er. — Und das da ist auch ein guter Stein, sagte er. — Sivert verzog keine Miene, er erwiderte: Prächtige Grundsteine. — Ja, was meinst du? sagt der Vater. Wir haben nun hier so lange nach der zweiten Türschwelle gegraben, daß ein ganz schöner Bauplatz entstanden ist. Aber ich weiß nicht. — Das wäre wirklich kein dummer Bauplatz, sagte Sivert und läßt seinen Blick über den Platz hingleiten. — So, meinst du? Wir könnten ja hier ein kleines Häuschen bauen für Besuche, wenn jemand kommt. — Ja. — Es müßte wohl eine Stube und eine Kammer sein? Du hast ja gesehen, wie es war, als die schwedischen Herren das letztemal hier waren, und jetzt haben wir keinen Neubau für sie. Aber was meinst du, eine kleine Küche müßte doch auch dabei sein, falls sie kochen wollten? — Ja, ohne eine kleine Küche könnten sie nicht sein, sie müßten uns ja auslachen, sagt Sivert. — So, meinst du?

Der Vater schwieg. Aber der Sivert war doch ein wunderbarer Junge, wie schnell er begriff und einsah, was schwedische Herren alles notwendig brauchten; nicht eine einzige Frage stellte er, er sagte nur: Wenn ich du wäre, so würde ich an die Nordwand eine kleine Scheune anbauen. Es wäre sehr bequem für sie, wenn sie eine Scheune hätten, falls sie einmal nasse Kleider zum Trocknen aufhängen wollten.

Der Vater fällt sofort ein: Da hast du recht!

Nun schweigen beide und arbeiten an ihren Steinen weiter. Nach einer Weile fragt der Vater: Ist Eleseus noch nicht heimgekommen? — Sivert erwidert ausweichend: Er kommt jetzt bald.

Die Sache mit Eleseus war die, er war sehr häufig fort, wollte beständig reisen. Hätte er denn die Waren nicht auch schriftlich bestellen können, statt selbst hinzureisen und sie einzukaufen? Er bekam sie allerdings viel billiger, aber wieviel kosteten die Reisen! Er hatte eine so merkwürdige Art zu denken. Und was wollte er denn mit noch mehr Baumwollstoff und seidenen Bändern für Taufhäubchen und schwarzen und weißen Strohhüten und langen Tabakspfeifen? Derartiges kaufte doch kein Ödlandbewohner, und die Kunden aus dem Dorf kamen nur nach Storborg herauf, wenn sie kein Geld hatten. Eleseus war in seiner Art recht tüchtig, oh, man mußte nur einmal sehen, wie geschickt er auf Papier schrieb oder mit der Kreide rechnete! Wenn ich nur deinen Kopf hätte! sagten die Leute bei solchen Gelegenheiten. Das alles war ganz richtig, aber er hatte zuviel Geld ausstehen. Diese Dorfleute bezahlten ja niemals, was sie schuldig waren, und selbst so ein Bettelmann wie Brede Olsen war im Winter nach Storborg gekommen und hatte Baumwollstoff und Kaffee und Sirup und Kerzen auf Borg erhalten.

Isak hat ja nun schon sehr viel Geld für Eleseus und sein Geschäft und seine Reisen ausgegeben, und so sehr viel von dem Reichtum, den er für den Kupferberg erhalten hat, ist nicht mehr übrig, und was dann? — Wie glaubst du, daß das mit Eleseus weitergehen wird? fragt Isak plötzlich. — Weitergehen? fragt Sivert zurück, um Zeit zu gewinnen. — Es sieht nicht aus, als ob es gehen wollte. — Er selbst ist voll der besten Hoffnung, sagt Sivert. — So, hast du mit ihm darüber gesprochen? — Nein, Andresen hat es gesagt. — Der Vater denkt darüber nach und schüttelt den Kopf: Nein, es geht nicht, sagt er. Aber es ist schade um Eleseus!

Und der Vater wird immer finsterer und war doch schon vorher nicht allzu leichten Sinnes gewesen.

Da rückt Sivert mit einer Neuigkeit heraus: Es kommen jetzt noch mehr Ansiedler ins Ödland. — Wieso? — Ja, zwei neue Ansiedler. Sie haben sich noch weiter oben als wir angekauft. — Isak bleibt mit dem Spaten in der Hand stehen, das war eine große Neuigkeit und eine gute Neuigkeit, eine von den besten. Dann sind wir zehn Ödlandbauern, sagt er. Isak bekommt nähere Auskunft, wo sich die neuen Ansiedler angekauft haben, er hat die ganze Geographie im Kopf und nickt: Ja, da haben sie recht getan, dort haben sie einen guten Wald für Brennholz und auch Hochstämme. Das Grundstück neigt sich gegen Südosten.

Nein, nichts konnte die Ansiedler zurückhalten; es kamen immer mehr neue Leute her. Der Bergwerksbetrieb hörte allerdings auf, aber das war ja nur zum Nutzen der Landwirtschaft, es war nicht wahr, daß das Ödland tot dalag, im Gegenteil, es wimmelte da von Leben, zwei neue Ansiedler mehr, vier Hände mehr, Äcker, Wiesen und Häuser. Ach, die freien, grünen Halden im Walde, Hütten und Quellen, Kinder und Tiere! Korn wächst auf den Mooren, wo zuvor nur Schachtelhalme gestanden hatten, blaue Glockenblumen nicken von den Hügeln, Sonnengold leuchtet auf dem blühenden Hornklee vor den Häusern. Und Menschen sind da und sprechen und denken und sind eins mit Himmel und Erde.

Hier steht nun der erste, der sich im Ödland niedergelassen hat. Als er kam, watete er bis an die Knie in Sumpf und Heide, er fand eine sonnige Halde und siedelte sich da an. Andere kamen nach ihm, sie traten einen Fußpfad durch die unbebaute Allmende, noch andere kamen, der Fußpfad wurde zu einem Fahrweg, nun fuhren sie mit Karren darauf. Isak muß sich zufrieden fühlen, Stolz muß ihn durchzucken, er hat den Grund zu dieser ganzen Ansiedlung gelegt, er ist der Markgraf.

Ja, ja, aber wir können nicht ewig hier auf diesem Bauplatz weiterroden, wenn wir in diesem Jahr noch den Futterspeicher aufrichten wollen, sagt er.

Und das sagte er wohl in einer plötzlichen frohen Laune, mit neuem Lebensmut.

10

Eine Frau wandert durch das Ödland hinauf. Es fällt ein milder Sommerregen, sie wird naß, aber darum kümmert sie sich nicht, sie hat anderes zu denken, sie ist sehr gespannt, ob — es ist Barbro, und keine andere, Barbro, Bredes Tochter. Jawohl, sie darf wohl gespannt sein, sie kann nicht wissen, wie dieses Abenteuer ablaufen wird, aber sie ist von der Frau Lensmann entlassen und ist fort aus dem Dorf. So steht es.

Sie macht einen Bogen um alle Ansiedlungen im Ödland herum, denn sie möchte alle Menschen vermeiden. Jedermann würde ja gleich erraten, wohin sie will, denn sie trägt ein Bündel mit Kleidern auf dem Rücken. Jawohl, sie will nach Maaneland und will wieder dort bleiben.

Zehn Monate lang hat sie bei der Frau Lensmann gedient, und das ist keine kurze Zeit, wenn man sie in Tage und Nächte umrechnet, aber wenn man den Zwang und alle die hinausziehenden Gedanken bedenkt, dann ist es eine Ewigkeit. Im Anfang ging alles wirklich gut; Frau Heyerdahl war sehr besorgt um Barbro und gab ihr Schürzen und putzte sie heraus, es war eine Freude, in so schönen Kleidern in den Kaufladen geschickt zu werden. Barbro war ja schon als Kind hier im Dorf gewesen, sie kannte alle Leute von der Zeit her, wo sie hier in die Schule gegangen war und die Jungen geküßt und mit Steinen und Muscheln allerlei Spiele gespielt hatte. Ein paar Monate ging alles gut. Aber dann umsorgte die Frau Heyerdahl sie immer noch mehr, und als die Weihnachtsvergnügungen angingen, wurde Frau Heyerdahl streng. Aber wozu das alles, doch nur um das gute Verhältnis zu stören! Barbro hätte es überhaupt nicht ausgehalten, wenn sie nicht gewisse Nachtstunden für sich gehabt hätte: von zwei Uhr an bis morgens um sechs konnte sie ziemlich sicher sein, und sie gestattete sich manche verstohlene Freuden in diesen Stunden. Aber was für ein Mädchen war denn die Köchin, daß sie Barbro nicht anzeigte? Sie war das ganz gewöhnliche Dienstmädchen und ging selbst unerlaubterweise aus. Die beiden hielten abwechselnd Wache.

Es verging auch eine recht lange Zeit, ehe sie entdeckt wurden. Barbro war keineswegs so leichtsinnig, daß ihr an die Stirn geschrieben gewesen wäre, an ihr sei nichts mehr zu verderben. Verderben? Sie widerstand so viel als nötig war. Wenn ein Bursche sie zum Weihnachtstanz einlud, so sagte sie das erstemal nein, das zweitemal auch, aber das drittemal sagte sie: Ich will sehen, ob ich von zwei bis sechs Uhr kommen kann. Seht, so antwortet ein anständiges Mädchen und macht sich nicht schlechter, als sie ist, und läßt keine Frechheit sehen. Sie war ein Dienstmädchen und diente die ganze Zeit und kannte kein anderes Vergnügen als Ausgelassenheit. Das war auch alles, was sie begehrte. Die Frau Lensmann hielt ihr lange Reden und borgte ihr Bücher — die Närrin! Barbro bildende Bücher leihen, die in Bergen gewesen war, Zeitungen gelesen und das Theater besucht hatte! Sie war doch nicht Gottes Wort vom Lande!

Aber die Frau Lensmann mußte doch Verdacht geschöpft haben, eines Morgens um drei Uhr steht sie vor der Mägdekammer und ruft: Barbro! — Ja, antwortet die Köchin. — Ist Barbro nicht da? Mach auf! — Die Köchin schließt auf und gibt die zuvor vereinbarte Erklärung: Barbro habe ganz notwendig auf der Stelle nach Hause laufen müssen. — Nach Hause, auf der Stelle? Es ist drei Uhr in der Nacht, sagt Frau Heyerdahl und hält mit ihrer Verwunderung darüber nicht zurück. Am anderen Morgen gab es ein großes Verhör; Brede wurde gerufen, und die Frau Lensmann fragte: Ist Barbro heute nacht um drei Uhr bei euch gewesen? — Brede war nicht vorbereitet, aber er sagt sofort ja. — Jawohl um drei Uhr in der Nacht. Wir waren sogar solange aufgeblieben, weil wir etwas Wichtiges zu besprechen hatten, antwortete Barbros Vater. — Darauf verkündet die Frau Lensmann feierlich: Barbro geht bei Nacht nicht mehr aus! — Nein, gewiß nicht, erwidert Brede. — Solange sie in meinem Hause ist wenigstens nicht. — Nein. Ja, da hörst du's, Barbro, ich habe es dir gleich gesagt! spricht der Vater. — Du kannst zuweilen vormittags zu deinen Eltern gehen, bestimmt die Frau Lensmann.

Aber die wachsame Frau Lensmann hat darum ihren Verdacht doch nicht ganz aufgegeben; sie läßt eine Woche verstreichen, dann macht sie um vier Uhr morgens eine Stichprobe. Barbro! rief sie. Oh, aber diesmal war die Köchin aus, Barbro war daheim, und die Mägdekammer glänzte in Unschuld. Die Frau mußte schnell einen Vorwand erfinden. Hast du die Wäsche gestern abend hereingeholt? — Ja! — Das ist gut, denn es fängt an zu stürmen. Gute Nacht.

Es war übrigens recht lästig für Frau Heyerdahl, sich von ihrem Mann in der Nacht wecken zu lassen und selbst zu den Mädchen hinüberzutappen, um nachzusehen, ob sie zu Hause seien! Geschehe, was da wolle, sie tat es nicht mehr.

Und wenn nun das Glück sie nicht im Stich gelassen hätte, so hätte es Barbro auf diese Weise das Jahr durch mit ihrer Herrin aushalten können. Aber vor einigen Tagen hatte es einen Krach zwischen ihnen gegeben.

Es war frühmorgens in der Küche. Zuerst hatte sich Barbro ein wenig mit der Köchin gezankt, ja, nicht nur so ganz wenig, sie sprachen lauter und lauter und vergaßen, daß Frau Heyerdahl kommen könnte. Die Köchin hatte sich schlecht benommen und hatte sich außer der Reihe fortgeschlichen, weil es Sonntagnacht gewesen war. Und womit entschuldigte sie sich? Sagte sie, sie habe fort müssen, um sich von einer teuren Schwester zu verabschieden, die nach Amerika reise? Keine Spur, sie entschuldigte sich gar nicht, sondern behauptete, sie habe diese Sonntagnacht gut gehabt. — Daß du auch gar keine Ehre und Wahrhaftigkeit im Leibe hast, du Canaille! rief Barbro.

Da stand Frau Heyerdahl unter der Tür.

Sie hatte sich vielleicht ursprünglich nur eine Erklärung für dieses laute Geschrei ausbitten wollen, erwiderte auch noch den Mädchen ihren Morgengruß, aber dann sah sie plötzlich Barbro scharf an, sah Barbros Brusttuch an, beugte sich vor und sah noch näher zu. Das fing an unheimlich zu werden. Und plötzlich stößt Frau Heyerdahl einen Schrei aus und weicht zur Tür zurück. Was in aller Welt ist das? denkt Barbro und schaut an sich herunter. Lieber Gott, nichts als eine Laus! Barbro muß ein wenig lächeln, und da es ihr nicht ungewohnt ist, auch in außerordentlichen Umständen zu wissen, was sie zu tun hat, knipst sie die Laus weg. — — Was, auf den Fußboden! schreit die Frau Lensmann. Bist du verrückt! Gleich nimm das Tier auf! — Ja, Barbro beginnt zu suchen und ist wieder rasch gefaßt, sie tut, als ob sie die Laus gefunden hätte und wirft sie großartig ins Küchenfeuer.

Wo hast du die her? fragt die Frau erregt. — Wo ich die her habe? antwortet Barbro. — Ja, ich will wissen, wo du gewesen bist und sie dir geholt hast. Antworte! — Nun machte Barbro den großen Fehler, daß sie nicht sagte: Im Kaufladen! Das wäre das einzig richtige gewesen. Nein, sie wußte nicht, wo sie die Laus aufgelesen haben könnte, aber sie deutete an, sie habe sie vielleicht durch die Köchin bekommen. Da fuhr die Köchin plötzlich hoch auf: Du von mir! Du bringst es für dich allein fertig, dir Läuse zu holen! — Aber du warst es doch, die heute nacht aus war!

Abermals ein großer Fehler, das hätte sie niemals sagen sollen. Nun hatte die Köchin auch keinen Grund mehr zu schweigen, und alles von den unglückseligen Nächten außer dem Hause kam an den Tag. Frau Heyerdahl ist in höchster Erregung; von der Köchin will sie nichts, ihre Erregung gilt Barbro, dem Mädchen, für das sie eingestanden ist. Und dennoch hätte vielleicht auch jetzt noch alles gerettet werden können, wenn Barbro ihr Haupt gebeugt hätte wie ein Schilfrohr, und zu Boden gesunken wäre und sich hoch und teuer verschworen hätte, es in Zukunft nie mehr zu tun. Aber nein, Frau Heyerdahl mußte schließlich ihr Kindermädchen daran erinnern, was sie alles für sie getan hatte, und da gab Barbro wahrhaftig Antwort, sie trumpfte auf, so dumm war sie. Ja, oder vielleicht war sie auch so klug, vielleicht wollte sie die Sache auf die Spitze treiben, um von da wegzukommen. Frau Heyerdahl sagte: Ich habe dich aus den Klauen des Löwen gerissen. — Was das betrifft, erwiderte Barbro, so wäre es mir ebenso lieb, wenn Ihr es nicht getan hättet. — Ist das der ganze Dank, den ich bekomme? rief Frau Heyerdahl. — Ach, was soll das Gerede! sagte Barbro. Vielleicht wäre ich verurteilt worden, aber mehr als ein paar Monate hätte man mir jedenfalls nicht gegeben, und dann wäre ich die Geschichte los! — Frau Heyerdahl ist einen Augenblick sprachlos, ja, eine Weile steht sie nur da, öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Das erste Wort, das sie herausbringt, ist die Kündigung. — Ja, ganz wie Ihr wollt, ist alles, was Barbro erwidert.

Während der Tage, die seither verflossen sind, hat sich Barbro bei ihren Eltern aufgehalten. Aber dort konnte sie nicht immer bleiben. Oh, es ging ihnen nicht schlecht, die Mutter trieb jetzt einen Kaffeeausschank, und es kamen immer viele Leute ins Haus; aber davon konnte Barbro nicht leben, und sie konnte ja auch andere gute Gründe haben, warum sie wieder in eine feste Stellung kommen wollte. So nahm sie also heute einen Sack mit Kleidern auf den Rücken und wanderte ins Ödland hinauf. Nun kam es darauf an, ob Axel Ström sie wieder aufnehmen würde! Aber sie hatte am letzten Sonntag das Aufgebot verkünden lassen.

Es regnet, der Weg ist schmutzig, aber Barbro geht weiter. Es wird Abend, und da der Sankt-Olafstag noch nicht gewesen ist, wird es nicht dunkel. Arme Barbro, sie schont sich nicht, sie hat eine bestimmte Absicht, sie hat ein Ziel, und so nimmt sie den ersten Kampf auf. Sie hat sich im Grunde niemals geschont, ist niemals träge gewesen, darum ist sie auch ein schönes und feines Geschöpf. Barbro hat eine leichte Auffassungsgabe, gebraucht sie jedoch oftmals zu ihrem eigenen Verderben. Was war auch anderes zu erwarten? Sie hat gelernt, sich von einer Not in die andere zu retten, aber sie hat verschiedene gute Eigenschaften behalten; der Tod eines Kindes ist ihr nichts, aber ein lebendes Kind könnte es gut bei ihr haben. Außerdem hat sie ein sehr musikalisches Ohr, sie klimpert weich und richtig auf der Gitarre und singt mit etwas heiserer Stimme dazu, was angenehm und etwas wehmütig anzuhören ist. Sich selbst schonen? Ho, so wenig, daß sie sich selbst völlig weggeworfen und den Verlust nicht einmal empfunden hatte. Dann und wann weinte sie, und das Herz wollte ihr über dies und jenes in ihrem Leben fast brechen; das gehört dazu, das kommt von den rührenden Liedern, die sie singt, das ist die Poesie und die süße Wonne der Wehmut in ihr, sie hat häufig sich selbst und andere damit angeführt. Hätte sie ihre Gitarre mit sich nehmen können, so hätte sie heute abend Axel etwas vorgeklimmpert.

Sie richtet sich so ein, daß sie spät anlangt, und auf Maaneland ist alles still, als sie den Hofraum betritt. Sieh, Axel hat schon in der Nähe des Hauses mit dem Mähen begonnen und wahrhaftig auch schon etwas trockenes Heu eingefahren! Nun überlegt sich Barbro, die alte Oline werde drinnen in der Schlafkammer schlafen und Axel in der Heuscheune, wo sie selbst früher geschlafen hatte. Wie ein Dieb in der Nacht schleicht sie auf die bekannte Tür zu, dann ruft sie leise: Axel! — Was gibt's? antwortet Axel sofort. — Ich bin's nur, sagt Barbro und tritt zu ihm ein. Kannst du mich über Nacht hierbehalten?

Axel schaut sie an, er ist etwas langsam, er sitzt in seinen Unterkleidern da und schaut sie an. So, du bist's? sagt er. Wo willst du hin? — Ja, das kommt nun zuerst darauf an, ob du eine Hilfe für die Sommerarbeit brauchst, erwidert sie. — Axel denkt darüber nach und fragt: Bleibst du nicht mehr dort, wo du gewesen bist? — Nein, bei Lensmanns hab' ich Schluß gemacht. — Ich könnte recht gut eine Hilfe für die Sommerzeit brauchen, sagt Axel. Aber was soll das heißen, willst du etwa wiederkommen? — Nein, du brauchst dich gar nicht um mich zu kümmern, wehrt Barbro ab. Morgen geh ich weiter, ich geh nach Sellanraa und über die Berge, dort hab' ich eine Stelle. — So, du hast dich verdingt? — Ja. — Ich könnte wohl eine Hilfe für den Sommer brauchen, wiederholt Axel.

Barbro ist ganz naß, sie hat Kleider in ihrem Bündel bei sich und muß sich umziehen. Kümmere dich gar nicht darum, daß ich hier bin, sagt Axel und weicht nur ein wenig nach der Tür zurück. Barbro zieht die nassen Kleider aus, und währenddessen sprechen sie miteinander, und Axel dreht öfters den Kopf nach ihr um. — Aber jetzt mußt du ein wenig hinausgehen, sagt Barbro. — Hinausgehen? fragt er. Und es war auch wirklich kein Wetter zum Hinausgehen. Er steht da und sieht zu, wie sie immer nackter wird, er kann kein Auge von ihr abwenden; und wie gedankenlos Barbro ist, sie hätte gut immer ein trockenes Stück anlegen können, wenn sie das nasse abzog, aber das tat sie nicht. Ihr Hemd ist ganz dünn und klebt an ihrem Körper, sie knöpft es auf der einen Achsel auf und wendet sich um, sie ist sehr geübt. In diesem Augenblick schweigt Axel bumsstill und sieht, daß sie nur einen Griff oder zwei braucht, um das Hemd abzuziehen. Das ist prachtvoll gemacht, denkt er. Und da bleibt sie nun ganz gedankenlos stehen.

Später liegen sie im Heu und unterhalten sich. Jawohl, er brauche eine Hilfe für den Sommer, das sei schon wahr. — Ja, so sagte man mir, stimmt Barbro bei. — Er habe auch in diesem Jahr wieder allein mit dem Mähen und Heumachen anfangen müssen, Barbro könne wohl verstehen, wie ratlos er sei. — Ja, Barbro verstand alles. — Andrerseits sei es doch gerade Barbro gewesen, die damals davongelaufen sei und ihn ohne weibliche Hilfe zurückgelassen habe; das könne er nicht vergessen, und die Ringe habe sie auch mitgenommen. Und zu aller Schmach sei auch noch ihre Zeitung immer weiter gekommen, diese Bergensche Zeitung, die er gar nicht loswerden konnte, und er habe sie hinterher noch für ein ganzes Jahr bezahlen müssen. — Das war ja ein schändliches Blatt, sagte Barbro und stellte sich die ganze Zeit auf seine Seite. Aber bei so großer Willfährigkeit konnte auch Axel kein Unmensch sein, er gab zu, daß Barbro Grund gehabt haben könnte, sich auch über ihn zu ärgern, weil er die Aufsicht über die Telegraphenlinie ihrem Vater weggenommen hatte. Übrigens kann dein Vater den Telegraphen wiederhaben, ich mache mir nichts daraus, es ist nur Zeitverlust. — Ja, sagte Barbro. — Axel überlegte eine Weile, dann fragte er geradezu: Ja, wie ist das, willst du nur den Sommer über bleiben? — Ach, das soll so werden, wie du es haben willst, entgegnete Barbro. — So, ist das deine aufrichtige Meinung? — Ja, genau was du willst, das will ich auch. Du brauchst nicht mehr an mir zu zweifeln. — So. — Nein. Und ich hab' uns auch in der Kirche aufbieten lassen.

So. Das war keine schlimme Kunde. Axel blieb ruhig liegen und überlegte. Wenn es diesmal Ernst war und nicht wieder ein schändlicher Verrat, so hatte er die eigene Frau im Hause, und es war ihm für alle Zeit geholfen. — Ich hätte eine Frau von daheim haben können, sagte er. Sie hat geschrieben, sie wolle mich haben. Aber ich hätte ihr die Rückreise von Amerika bezahlen müssen. — Barbro fragt: So, ist sie in Amerika? — Ja, sie ist voriges Jahr hingereist; aber es gefällt ihr nicht dort. — Nein, du mußt dich nicht um sie kümmern! erklärt Barbro. Was würde sonst aus mir? fragt sie und beginnt zu weinen. — Darum hab' ich es auch nicht fest mit ihr gemacht, sagt Axel.

Nun wollte Barbro aber auch nicht zurückstehen, sie bekannte, daß sie in Bergen einen Mann hätte haben können, er sei Bierführer bei einer gewaltig großen Brauerei, und ihm sei viel anvertraut. Und er grämt sich gewiß immer noch um mich, sagt Barbro schluchzend. Aber weißt du, wenn zwei Leute so viel miteinander gehabt haben wie du und ich, Axel, dann kann ich nicht vergessen, wenn du auch längst vergessen hast. — Wer, ich? erwidert Axel. Nein, darum brauchst du nicht zu weinen, ich habe dich niemals vergessen. — So.

Dieses Zugeständnis ist Barbro eine große Hilfe, und sie sagt: Unsinn, was willst du denn das viele Reisegeld ganz von Amerika herüber bezahlen, wenn du es doch nicht nötig hast. — Sie rät ihm von der ganzen Sache ab, es würde zu teuer, und er sei doch nicht dazu gezwungen. Barbro schien es sich in den Kopf gesetzt zu haben, sein Glück selbst zu begründen.

Im Lauf der Nacht werden sie einig. Sie waren einander ja nicht fremd und hatten schon oft alles miteinander besprochen. Auch die notwendige Trauung sollte noch vor dem Sankt-Olafstag und der Heuernte vor sich gehen, sie hatten nicht nötig, sich zu verstellen, und Barbro drängte jetzt selbst am eifrigsten. Axel stieß sich nicht daran, daß Barbro es jetzt so eilig hatte, und es erweckte auch keinen Verdacht in ihm, im Gegenteil, ihre Eile schmeichelte ihm und feuerte ihn an. Jawohl, er war ein Ödlandbewohner, ein wetterfester Mann, er nahm es nicht so genau, war wahrlich nicht überfein, er war zu allerlei genötigt, er sah auf den Nutzen. Dazu kam noch, daß ihm Barbro wieder ganz neu und schön erschien, beinahe reizender als zuvor. Sie war ein frischer Apfel, und er biß hinein. Sie waren ja bereits aufgeboten.

Über die Kindsleiche und die Gerichtsverhandlung schwiegen alle beide.

Dagegen redeten sie von Oline, und wie sie sie loswerden könnten? Ja, sie muß zum Hause hinaus, erklärte Barbro. Wir sind ihr keinen Dank schuldig. Sie ist nichts als ein Klatschweib voller Bosheit. — Aber es erwies sich als sehr schwierig, Oline loszuwerden.

Gleich am ersten Morgen, als Barbro zum Vorschein kam, ahnte Oline ihr Schicksal. Ihr wurde sofort schlimm zumute, aber sie verbarg das und nickte und bot Barbro einen Stuhl an. Es war doch auf Maaneland einen Tag nach dem andern gegangen. Axel hatte Wasser und Brennholz herbeigetragen und ihr die schwersten Arbeiten abgenommen, und den Rest hatte Oline fertiggebracht. Im Lauf der Zeit hatte sie sich entschlossen, bis zum Ende ihres Lebens auf der Ansiedlung zu bleiben, aber da kam diese Barbro und machte diesen Plan zunichte.

Wenn eine Kaffeebohne im Hause wäre, so hätte ich dir einen Kaffee gemacht, sagte sie zu Barbro. Willst du noch weiter hinauf in die Berge? — Nein, erwiderte Barbro. — So, du willst nicht weiter hinauf? — Nein. — Nun, mich geht es ja nichts an, sagte Oline. Willst du wieder hinunter? — Nein, auch das nicht, ich bleibe jetzt wieder hier. — So, du willst wieder hierbleiben? — Ja, so wird's wohl kommen.

Oline wartet eine Weile, sie gebraucht ihren alten Kopf, der steckt bereits voller Politik: Ja, sagt sie. Dann kann ich hier loskommen. Das freut mich sehr. — So, ist Axel ein so scharfer Herr gewesen? sagt Barbro im Scherz. — Scharf? Er? Geh doch und treibe nicht deinen Spaß mit einer alten Frau, die nur noch auf die Erlösung wartet. Er, der Axel ist wie ein Vater und eine höhere Fügung für mich gewesen, jeden Tag und jede Stunde, anders kann ich nicht sagen. Aber ich habe nun einmal niemand von den Meinigen hier in der Gegend, ich stehe einsam und verlassen auf anderer Leute Eigentum und habe alle meine Angehörigen auf der andern Seite des Gebirges.

Aber Oline blieb da. Sie war nicht eher als nach der Trauung zu entbehren, und Oline sträubte sich lange, sagte aber endlich ja, sie wolle ihnen die Gefälligkeit erweisen und das Haus hüten und für das Vieh sorgen, während sie getraut würden. Das nahm zwei Tage in Anspruch. Als aber die Neuverheirateten heimkamen, ging Oline doch nicht. Sie verschob es immer wieder, den einen Tag behauptete sie, es sei ihr nicht gut, den andern sah es aus, als ob es regnen wollte. Sie schmeichelte Barbro, es sei jetzt auf Maaneland mit der Kost ganz anders geworden und doch auch Kaffee im Hause! Oh, Oline scheute vor nichts zurück, sie fragte Barbro bei Dingen um Rat, die sie selbst viel besser wußte. Was meinst du, soll ich die Kühe nach der Reihe melken, wie sie im Stall stehen, oder soll ich Bordelin zuerst nehmen? — Das kannst du halten, wie du willst. — Ja, hab' ich es nicht gesagt! ruft Oline. Du bist draußen in der Welt unter hohen und vornehmen Leuten gewesen und hast alles gelernt. Mir armen Person ist's nicht so gut gegangen.

Nein, Oline scheute vor nichts zurück, sondern trieb Politik Tag und Nacht. Erzählte sie nicht Barbro, wie sehr gut Freund sie mit ihrem Vater, mit Brede Olsen, sei! Ho, sie habe manche vergnügte Stunde mit ihm verplaudert, er sei so ein netter und freundlicher Mann, der Brede, nie höre man ein unfreundliches Wort aus seinem Munde!

Aber es ging doch nicht auf die Dauer, weder Axel noch Barbro wollte Oline länger im Hause behalten, und Barbro nahm ihr alle Arbeit aus der Hand. Oline beklagte sich nicht, aber sie sagte mit einem gefährlichen Seitenblick auf die Hausfrau und mit leicht verändertem Tone: Ja, ihr seid jetzt große Leute, sagte sie. Der Axel hat letzten Herbst eine Reise in die Stadt gemacht, hast du ihn dort getroffen? Ach nein, du bist ja in den Bergen gewesen. Er hatte etwas in der Stadt zu besorgen, er hat eine Mähmaschine und einen Reolpflug gekauft. Was sind die auf Sellanraa gegen euch? Gar nicht zu vergleichen!

Oline versetzte kleine Nadelstiche, allein auch das half nichts, die Herrschaft fürchtete sich nicht vor ihr, Axel sagte ihr eines Tages geradeheraus, daß sie jetzt gehen müsse. — Gehen? fragte Oline. Wie denn? Muß ich kriechen? Sie weigerte sich zu gehen unter dem Vorwand, daß sie nicht recht gesund sei und die Beine nicht rühren könne. Und so schlimm mußte es wirklich gehen: als ihr die Arbeit abgenommen war und sie kein Feld der Tätigkeit mehr hatte, da fiel sie zusammen und wurde tatsächlich krank. Sie schleppte sich noch eine Woche lang umher, Axel schaute sie wütend an, aber Oline blieb aus lauter Bosheit, und zuletzt mußte sie sich zu Bett legen.

Aber nun lag sie keineswegs nur da und wartete auf ihre Erlösung, sie sprach im Gegenteil stundenlang davon, daß sie bald wieder gesund werde. Sie begehrte den Doktor, eine Großartigkeit, die im Ödland völlig unbekannt war. — Den Doktor? sagte Axel fragend. Bist du nicht bei Trost? — Wieso? fragte Oline sanft zurück und verstand rein gar nichts. Ja, sie war ganz sanft und mild und sprach sich so erfreut aus, daß sie niemand zur Last falle, sie könne den Doktor selbst bezahlen. — So, das kannst du? sagte Axel. — So, kann ich es vielleicht nicht? entgegnete Oline. Und außerdem werde ich doch nicht angesichts des Erlösers wie ein Tier hier verenden sollen? — Jetzt mischte sich Barbro ein und fragte unvorsichtigerweise: Was fehlt dir denn? Ich bringe dir doch deine Mahlzeiten. Aber den Kaffee habe ich dir in guter Absicht versagt. — Bist das du, Barbro? fragt Oline und dreht nur die Augen nach ihr hin. Sie ist sehr elend und sieht mit den verdrehten Augen ganz unheimlich aus. Es wird wohl so sein, wie du sagst, Barbro, daß ich von einem winzigen Tröpfchen Kaffee, einem Löffelchen voll Kaffee viel kränker würde. — Wenn du wärest wie ich, so hättest du jetzt an anderes zu denken als an Kaffee, sagte Barbro. — Habe ich es nicht gesagt? Du hast noch nie eines Menschen Tod gewollt, sondern daß er sich bekehre und lebe. Aber was — was sehe ich? Bist du denn in der Hoffnung, Barbro? — Ich! rief Barbro und fügte wütend hinzu: Du gehörst auf den Mist geworfen mit deinem Mundwerk!

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