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Segen der Erde

Zweiter Teil (continued 2)

Pauline Klaiber translation

Im Frühjahr kamen Ingenieure und Arbeiter aus Schweden; sie sollten Wege bauen, Baracken errichten, Grundstücke ausebnen, sprengen, Verbindungen mit Lebensmittellieferanten, mit Pferdebesitzern, mit Grundbesitzern an der See abschließen — wozu das alles? Sind wir denn nicht im Ödland, wo alles still und tot ist? Doch, aber jetzt sollte ein Versuchsbetrieb auf dem Kupferberg eröffnet werden.

So, nun wurde also doch etwas aus der Sache, Geißler hatte keine leeren Umtriebe gemacht.

Es waren nicht dieselben großen Herren wie das letztemal, der Landrat fehlte, der Grubenbesitzer fehlte, aber es war der alte Sachverständige und der alte Ingenieur. Sie kauften Isak alle seine gesägten Bretter ab, die er nur entbehren konnte, sie kauften Nahrungsmittel und Getränke und bezahlten gut, dann unterhielten sie sich und waren freundlich und sagten, Sellanraa gefalle ihnen. Eine Seilbahn! sagten sie. Eine Luftbahn vom Berggipfel hinunter an die See, sagten sie. — Über alle Moore weg? fragte Isak, denn er war schwach im Denken. — Ach, da mußten sie lachen! Auf der andern Seite, sagten sie, nicht auf dieser Seite, das würde ja viele Meilen weit sein. Nein, auf der andern Seite des Berges, gleich zum Meer hinunter, da ist starkes Gefälle und gar keine Entfernung. Wir lassen das Erz durch die Luft in eisernen Trögen hinunter, du wirst sehen, es wird großartig! Aber zum Anfang wird das Erz hinuntergefahren, wir bauen einen Weg und lassen es mit den Pferden hinunterfahren — oh, mit wenigstens fünfzig Pferden, auch das wird großartig. Und wir sind auch nicht nur so wenig Leute, wie du hier siehst. Was sind denn wir? Nichts! Von der andern Seite kommen noch mehr; ein ganzer Zug Arbeiter und fertige Baracken und Nahrungsmittel und alle Art von Gerätschaften, wir treffen oben auf der Höhe zusammen. Es kommt Zug in die Sache, Millionen, und das Erz kommt nach Südamerika. — Ist der Landrat nicht mit dabei? fragte Isak. — Was für ein Landrat? Ach der? Nein, der hat verkauft! — Und der Grubenbesitzer? — Der hat auch verkauft. So, du erinnerst dich an sie? Nein, die haben verkauft. Und die von ihnen abgekauft haben, haben wieder verkauft. Jetzt gehört der Kupferberg einer großen Gesellschaft, ungeheuer reichen Leuten. — Wo mag wohl Geißler sein? fragte Isak. — Geißler? Kenne ich nicht. — Der Lensmann Geißler, der damals den Kupferberg verkauft hat. — Ach der! Hat der Geißler geheißen? Gott weiß, wo er hingekommen ist. Erinnerst du dich an den auch noch?

Dann sprengten sie und arbeiteten in den Bergen mit vielen Leuten den ganzen Sommer über, es war ein großer Betrieb. Inger hatte einen ausgedehnten Handel mit Milch und Käse, und sie fand es recht unterhaltend, Handel zu treiben und viele Menschen kommen und gehen zu sehen. Isak schritt mit seinem dröhnenden Gang weit aus und bestellte sein Land, er ließ sich durch nichts stören. Die zwei Maurer und Sivert bauten den Stall. Es wurde ein großer Bau; aber es dauerte lange, bis er aufgerichtet war, es waren zu wenig Mann bei der Arbeit, und Sivert war außerdem oft nicht dabei, weil er bei der Feldarbeit helfen mußte. Jetzt war es gut, daß sie eine Mähmaschine hatten und drei flinke Frauenzimmer beim Heuwenden.

Alles war gut geworden, das Ödland war zum Leben erwacht, Geld blühte allenthalben.

Seht doch nur den Handelsplatz Storborg, war das nicht ein Geschäft im großen Stil? Dieser Aron mußte doch ein verfluchter Kerl sein, er mußte seinerzeit von der bevorstehenden Grubenarbeit Wind bekommen haben und war sofort heraufgezogen mit seinem Kramladen; er handelte, oh, er handelte wie eine Regierung, ja, wie ein König. Zuallererst verkaufte er allerlei Haushaltungsgegenstände und Arbeiteranzüge; aber die Grubenarbeiter, die Geld haben, sind nicht so sparsam damit, daß sie alle nur das Notwendige kaufen, nein, sie kaufen alles. Besonders an den Sonntagabenden wimmelte es auf dem Handelsplatz Storborg von Käufern, und Aron strich Geld ein; er hatte seinen Ladendiener und seine Frau zur Hilfe hinter dem Ladentisch und verkaufte selbst, was er vermochte, aber es wurde nicht leer in seinem Laden bis tief in die Nacht hinein. Und es zeigte sich, daß die Pferdebesitzer im Dorfe recht behielten, es gab einen gewaltigen Fuhrwerksbetrieb mit Waren hinauf nach Storborg, die Straße mußte an verschiedenen Stellen verlegt und ordentlich instand gesetzt werden, jetzt war es etwas ganz anderes als Isaks schmaler Fußweg durchs Ödland. Aron wurde der reine Wohltäter für die Gegend mit seinem Handel und seiner Straße. Er hieß übrigens nicht Aron, das war nur sein Taufname, er hieß Aronsen, so nannte er sich wenigstens selbst, und so hieß ihn seine Frau. Die Familie tat recht großartig und hielt zwei Dienstmägde und einen Knecht.

Der Grund und Boden auf Storborg blieb vorläufig unbebaut liegen, sie hatten keine Zeit für Landwirtschaft, wer hätte auch im Moor Gräben ziehen wollen! Dafür hatte Aronsen einen Garten mit einem Lattenzaun und mit Johannisbeerensträuchern und Astern und Ebereschen und anderen gepflanzten Bäumen, einen feinen Garten. Es war ein breiter Gang darin, auf dem Aronsen an den Sonntagen auf und ab gehen und eine lange Pfeife rauchen konnte. Im Hintergrund lag die Veranda des Hauses mit roten und gelben und blauen Scheiben. Storborg! Drei kleine hübsche Kinder liefen herum, das Mädchen sollte lernen, Haustochter eines Kaufmanns zu sein, die Söhne sollten selbst die Handelsschaft erlernen; oh, drei Kinder mit einer Zukunft vor sich!

Hätte Aronsen nicht an die Zukunft gedacht, so wäre er überhaupt nicht hierhergekommen. Er hätte bei seiner Fischerei bleiben, und wenn er Glück hatte, auch dabei viel Geld verdienen können; aber das war nicht so vornehm wie ein Handelsgeschäft, es brachte nicht so viel Hochachtung ein, die Hüte flogen da nicht vor einem von den Köpfen. Aronsen hatte seither gerudert, in Zukunft wollte er segeln. Er hatte eine Redensart: bom konstant. Seine Kinder sollten es mehr bom konstant haben, als er es gehabt hatte, sagte er, damit meinte er, sie sollten weniger hart arbeiten müssen.

Und siehe da, die Sache ließ sich gut an, er und seine Frau, ja sogar seine Kinder wurden höflich gegrüßt. Man durfte es nicht gering anschlagen, daß sogar die Kinder gegrüßt wurden. Die Grubenarbeiter kamen vom Berg herunter und hatten seit langer Zeit keine Kinder mehr gesehen. Aronsens Kinder liefen ihnen bis vor den Hof entgegen, und die Arbeiter redeten gleich so freundlich mit ihnen, als hätten sie drei Pudelhunde vor sich. Sie hätten den Kindern gerne Geld geschenkt, weil es aber die Kinder des Kaufmanns waren, spielten sie ihnen statt dessen auf der Mundharmonika vor. Gustaf kam, der junge Wildfang mit dem Hut auf einem Ohre und dem munteren Geplauder, ja er kam herbei und schäkerte eine gute Weile mit den Kindern. Die Kinder kannten ihn auch gleich, wenn er ankam, und liefen ihm entgegen, er lud sie sich alle drei auf den Rücken und tanzte mit ihnen herum. Ho! sagte Gustaf und tanzte. Dann nahm er seine Mundharmonika und blies Lieder und Weisen, so schön, daß die beiden Dienstmägde herauskamen und Gustafs Spiel mit nassen Augen zuhörten. Gustaf wußte, was er tat, der ausgelassene Kerl!

Nach einer Weile ging er in den Laden und klimperte mit seinem Geld und füllte seinen ganzen Rucksack mit den verschiedensten Sachen, und als er dann wieder heim in die Berge ging, hatte er einen ganzen kleinen Kramladen bei sich, den er auf Sellanraa auspackte und vorwies. Er hatte Briefpapier mit Blumen darauf und eine neue Pfeife und ein neues Hemd und ein Halstuch mit Fransen dran, hatte Süßigkeiten, die er an die Frauen austeilte; er hatte glänzende Sachen, eine Uhrkette mit einem Kompaß daran, ein Federmesser; ja, er hatte eine Menge Sachen, unter anderem auch Raketen, die er sich für den Sonntag gekauft hatte, um sich und andere damit zu unterhalten. Inger setzte ihm Milch zu trinken vor, und er spaßte mit Leopoldine und hob die kleine Rebekka hoch in die Luft. — Na, steht der Stall bald? fragte er seine Landsleute, die Maurer, und war auch mit diesen gut Freund. — Nein, sie hätten nicht Hilfe genug, sagten die Maurer. — Dann wolle er ihnen helfen, sagte Gustaf zum Spaß. — Das wäre sehr gut, meinte Inger, denn der Stall sollte bis zum Herbst fertig sein, wenn das Vieh nicht mehr draußen bleiben könne.

Nun ließ Gustaf eine Rakete steigen, und nachdem er einmal eine abgebrannt hatte, konnte er auch gleich alle sechse steigen lassen, und die Weiberleute und die Kinder hielten den Atem an vor lauter Verwunderung über dieses Hexenwerk und den Hexenmeister, der es gemacht hatte. Inger hatte noch niemals eine Rakete gesehen, aber dieser sonderbare Blitz erinnerte sie an die große Welt. Was wollte jetzt eine Nähmaschine bedeuten! Und als Gustaf schließlich auch noch die Mundharmonika spielte, wäre ihm Inger am liebsten nachgezogen vor lauter Rührung...

Die Grubenarbeit geht ihren Gang, und das Erz wird mit Pferden an die See hinuntergefahren; ein Dampfschiff ist schon damit beladen worden und nach Südamerika abgedampft, und dafür ist ein neues angekommen. Großer Betrieb. Jedermann, der überhaupt gehen kann, ist im Gebirge gewesen und hat sich die Wunder angeschaut, auch Brede Olsen ist mit seinen Gesteinsproben dort gewesen, ist jedoch abgewiesen worden, weil der Sachverständige wieder nach Schweden abgereist war. An den Sonntagen war große Völkerwanderung aus dem Dorfe, ja sogar Axel Ström, der keine Zeit zu verlieren hat, ist ein paarmal, als er die Linie nachsah, dagewesen. Jetzt gibt es bald niemand mehr, der die Wunder noch nicht gesehen hat. Da zieht wahrhaftig sogar Inger Sellanraa ihre schönen Kleider an, steckt den goldenen Ring an den Finger und geht in die Berge.

Was will sie dort?

Sie will eigentlich gar nichts, sie ist nicht einmal neugierig, zu sehen, wie der Berg geöffnet wird, sie will nur sich sehen lassen. Als Inger sah, daß andere Frauen in die Berge gingen, spürte sie, daß auch sie ihnen nach mußte. Sie hat eine entstellende Narbe an der Oberlippe und hat erwachsene Kinder, aber sie will den andern nach. Es ärgert sie, daß diese jung sind, aber sie will versuchen, es mit ihnen aufzunehmen; sie hat noch nicht angefangen, dick zu werden, sie ist groß und hübsch und sieht gut aus. Natürlich ist sie nicht mehr rot und weiß, und ihre zarte Pfirsichhaut ist schon längst vergangen, aber man würde schon sehen, sie kamen sicher, nickten und sagten: Die ist recht!

Die Arbeiter kommen ihr mit großer Freundlichkeit entgegen, sie haben von Inger manchen Topf Milch erhalten und kennen sie; sie führen sie in den Gruben, in den Baracken, in den Ställen, in der Küche, im Keller, im Vorratshaus umher, die dreistesten unter ihnen rücken ihr auf den Leib und nehmen sie ein wenig in den Arm; aber das macht Inger nichts, das tut ihr wohl. Wenn sie Stufen hinauf- oder hinuntergeht, hebt sie den Rock hoch auf und läßt ihre Waden sehen, aber sie ist ganz gelassen dabei und tut, als ob nichts geschehen wäre. Die ist recht! denken die Arbeiter.

Das alte Ding, sie ist trotz allem rührend: es war leicht zu merken, ein ihr zugeworfener Blick von diesen warmblütigen Mannsleuten kam ihr unerwartet, sie war dankbar dafür und vergalt ihn, es tat ihr ordentlich wohl, in Gefahr zu sein, sie war ein Frauenzimmer wie andere. Sie war wohl aus Mangel an Versuchung bisher ehrbar gewesen.

Das alte Ding!

Gustaf kam auch dazu. Er überließ zwei Mädchen aus dem Dorf einem Kameraden, nur um herbeikommen zu können. Gustaf wußte, was er tat; er schüttelte Inger mit überflüssiger Wärme die Hand zum Gruße, aber er drängte sich nicht auf. — Na, Gustaf, kommst du nicht bald und hilfst uns beim Stallbau? fragte Inger und wird dabei dunkelrot. — Gustaf antwortet, ja, nun komme er bald. Seine Kameraden hören das und sagen, sie kämen nun bald alle miteinander. — Ja, werdet ihr denn nicht den ganzen Winter hier in den Bergen bleiben? fragt Inger. Die Arbeiter antworten zurückhaltend, nein, es sehe nicht danach aus. Gustaf ist kecker, er sagt lachend, sie hätten nun bald alles vorhandene Kupfer herausgekratzt. — Das ist nicht dein Ernst! ruft Inger. — Nein, erwiderten die andern Arbeiter, Gustaf solle sich in acht nehmen, so etwas zu sagen.

Aber Gustaf nahm sich nicht in acht, er sagte lachend noch viel mehr, und was Inger betrifft, so gewann er sie für sich allein, obgleich er nicht zudringlich war. Ein anderer junger Mann spielte die Ziehharmonika, aber das war lange nicht dasselbe, wie wenn Gustaf die Mundharmonika blies. Ein dritter junger Mann, auch ein Tausendsassa, suchte dadurch die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, daß er auswendig ein Lied zur Ziehharmonika sang; aber es war auch das nichts Besonderes, obgleich er eine rollende Stimme hatte. Nach kurzer Zeit hatte Gustaf wahrhaftig Ingers goldenen Ring an seinem kleinen Finger stecken. Und wie war das zugegangen, da er sich doch nicht aufgedrängt hatte? Ei, er drängte sich genügend herzu, aber er machte es in aller Stille, gerade wie sie auch, es ging ohne Worte, sie tat, wie wenn sie es gar nicht merkte, als er sich mit ihrer Hand zu schaffen machte. Als sie dann später in der Barackenküche saß und Kaffee trank, hörte sie draußen etwas Lärm und Streit, und sie begriff, daß dies sozusagen ihr zu Ehren war. Das reizte sie auf, das alte Birkhuhn saß da und lauschte auf ein angenehmes Geräusch.

Wie Inger an jenem Sonntagabend von den Bergen nach Hause kam? Ho, ausgezeichnet, ebenso tugendhaft, wie sie gegangen war, nicht mehr und nicht minder. Viele Männer gaben ihr das Geleite, und die vielen Männer wollten nicht umkehren, solange Gustaf bei ihr war, sie gaben nicht nach, sie wollten nicht nachgeben! Nicht einmal draußen in der großen Welt hatte es Inger so unterhaltend gehabt. — Ob Inger nichts vermisse, fragten sie schließlich. — Vermissen, nein. — Den goldenen Ring! sagten sie. — Nun mußte Gustaf damit herausrücken, er hatte ein ganzes Heer gegen sich. — Es ist gut, daß du ihn gefunden hast, sagte Inger und beeilte sich, von ihrem Gefolge Abschied zu nehmen.

Sie näherte sich Sellanraa und sah die vielen Dächer, dort unten war ihr Heim. Sie erwachte wieder zu der tüchtigen Frau, die sie war; sie geht einen Fußweg am Sommerstall vorbei, um nach dem Vieh zu sehen, und auf dem Wege dahin kommt sie an einer Stelle vorbei, die sie gut kennt: hier lag einmal ein kleines Kind begraben, sie hatte die Erde mit den Händen zusammengescharrt und ein kleines Kreuz darauf gesteckt. Ach, wie lange war das her! Und gleich denkt sie weiter: Ob wohl die Mädchen gemolken und für den Abend alles in Ordnung gebracht haben!

Die Grubenarbeit geht weiter, jawohl, aber es wird gemunkelt, daß der Berg nicht halte, was er versprochen habe. Der Sachkundige, der nach Hause gereist war, kommt wieder und hat noch einen zweiten Sachkundigen bei sich, sie bohren und sprengen und untersuchen gründlich. Was ist denn nicht in Ordnung? Das Kupfer ist fein genug, daran fehlt es nicht, aber die Ader ist dünn, sie nimmt nach Süden an Dicke zu und fängt gerade da, wo die Grenzlinie der Gesellschaft geht, erst an, dick und herrlich zu werden, aber da ist die Allmende. Seht, die ersten Käufer hatten sich wohl nicht viel bei ihrem Kauf gedacht, es war ein Familienrat, Verwandte, die auf Spekulation kauften; sie hatten sich nicht den ganzen Berg gesichert, all die vielen Meilen bis zum nächsten Tale, nein, sie kauften ein Stückchen von Isak Sellanraa und Geißler und verkauften dann wieder.

Und was ist nun zu tun? Die Herren und die Vorarbeiter und die Sachkundigen wissen das sehr gut, sie müssen sofort mit dem Staat verhandeln. Sie schicken also eine Stafette nach Hause mit Briefschaften und Karten und reiten danach selbst zum Lensmann, um Beschlag auf den ganzen Bergzug auf der Südseite des Wassers zu legen. Aber jetzt treffen sie auf allerlei Schwierigkeiten. Das Gesetz steht ihnen im Weg, sie sind Ausländer, sie können nicht direkt kaufen. Das wissen sie wohl, da haben sie vorgesorgt. Allein die Südseite des Berges ist bereits verkauft, das haben sie nicht gewußt. — Verkauft? sagen die Herren. — Schon lange, schon seit mehreren Jahren. — Wer hat das Land gekauft? — Geißler. — Was für ein Geißler? Ach der? — Verbrieft und versiegelt, sagt der Lensmann. Es ist kahler Fels, er hat ihn beinahe für nichts bekommen. — Aber zum Kuckuck, was ist denn das für ein Geißler, von dem wir immer wieder hören! Wo ist er? — Gott weiß, wo er ist.

Die Herren mußten eine neue Stafette nach Schweden schicken. Und sie mußten ja auch versuchen, herauszubringen, wer dieser Geißler war. Vorläufig konnten sie nicht mehr mit voller Mannschaft weiterarbeiten lassen.

Nun kam Gustaf hinunter nach Sellanraa; er trug all sein irdisch Gut auf dem Rücken und sagte, nun komme er! Jawohl, Gustaf hatte den Dienst bei der Gesellschaft verlassen, das heißt, er hatte sich am letzten Sonntag etwas zu offenherzig über den Kupferberg geäußert, seine Worte waren dem Vorarbeiter und dem Ingenieur hinterbracht worden, und Gustaf hatte den Abschied erhalten. Glückliche Reise, und außerdem war es vielleicht gerade das, was er gewollt hatte: nun erweckte es keinen Verdacht, wenn er nach Sellanraa ging. Er bekam sofort Arbeit beim Stallbau.

Sie mauern und mauern, und als kurz darauf noch ein Mann von den Bergen kommt, findet auch er einen Platz bei der Arbeit; nun konnten zwei Schichten gemacht werden, und die Arbeit ging rasch von der Hand. Der Stall würde bis zum Herbst doch noch fertig werden.

Aber ein Arbeiter nach dem andern kam von den Bergen herunter, allen war aufgekündigt worden, und sie zogen wieder heim nach Schweden. Der Versuchsbetrieb sollte aufhören. Im Dorfe drunten ging es wie ein Seufzer durch alle Menschen; seht, sie waren so töricht, sie begriffen nicht, daß ein Probebetrieb ein Betrieb auf Probe ist, aber das war es. Mißmut und schlimme Ahnungen ergriffen die Menschen im Dorfe, das Geld wurde seltener, die Löhne wurden herabgesetzt, der Handelsplatz Storborg verödete. Was sollte das alles bedeuten? Nun war doch alles so schön im Gang, Aronsen hatte sich eine Flaggenstange und eine Flagge angeschafft, er hatte sich für den Winter ein Eisbärfell für seinen Familienschlitten gekauft und die ganze Familie mit großartigen Kleidern ausstaffiert. Das waren ja nur Kleinigkeiten, aber es waren auch große Dinge geschehen: zwei neue Ansiedler hatten sich Rodeland in der Gegend gekauft, hoch oben zwischen Maaneland und Sellanraa, das war keine unbedeutende Sache für diese kleine abgelegene Welt. Die beiden Ansiedler hatten ihre Gammen errichtet, hatten gerodet und Moore entwässert, es waren fleißige Leute, sie waren in kurzer Zeit weit gekommen. Den ganzen Sommer über hatten sie ihre Nahrungsmittel in Storborg gekauft, aber als sie das letztemal kamen, war fast nichts mehr zu haben. Waren — was sollte Aronsen mit Waren, wenn der Grubenbetrieb aufgehört hatte? Nun hatte er beinahe keine Waren mehr, er hatte nur Geld. Von allen Leuten in der Gegend war vielleicht Aronsen der mißmutigste; er hatte sich mit seinem Überschlag gar zu sehr verrechnet. Als ihm geraten wurde, sein Land zu bebauen und bis bessere Zeiten kämen, davon zu leben, antwortete er: Das Land bebauen? Dazu bin ich mit den Meinen nicht hierhergekommen.

Zuletzt hielt es Aronsen nicht mehr aus, er wollte selbst hinauf zu den Gruben und einmal nach der Sache sehen. Es war an einem Sonntag. Als er nach Sellanraa kam, wollte er Isak mit hinaufnehmen; aber Isak hatte noch keinen Fuß ins Gebirge gesetzt, seit dort der Betrieb angefangen hatte, er gedieh am besten auf seiner Halde. Inger mußte sich ins Mittel legen. Kannst du denn nicht mit Aronsen gehen, wenn er dich darum bittet, sagte sie. Sieh einmal an, Inger hatte wohl nichts dagegen, wenn Isak eine Weile von zu Hause weg war! Es war Sonntag, sie wollte ihn wohl gerne ein paar Stunden los sein. So ging Isak also mit.

Sie sahen allerlei Neues auf dem Berge, Isak kannte sich in dieser neuen Stadt von Baracken und Wagenschuppen und gähnenden Gruben gar nicht mehr aus. Der Ingenieur selbst führte sie herum. Vielleicht war dem guten Ingenieur zurzeit nicht so ganz leicht zumute, aber er versuchte, der schweren Stimmung, die auf der ganzen Gegend und auf der Gemeinde lastete, entgegenzuarbeiten. Da war nun eine gute Gelegenheit, der Markgraf von Sellanraa selbst und der Kaufmann von Storborg waren auf dem Platze.

Der Ingenieur erklärte die Gesteinsarten: Kies, Kupferkies, der enthielt Kupfer, Eisen und Schwefel. Ja, er wußte bis aufs Tüpfelchen, was der Berg enthielt, er enthielt sogar ein wenig Silber und Gold. Man trieb nicht Bergbau, ohne seine Sache zu können. Aber soll das nun aufhören? fragte Aronsen. — Aufhören? wiederholte der Ingenieur erstaunt. Damit wäre Südamerika nicht gedient. Mit dem Versuchsbetrieb würde nun eine Weile Schluß gemacht, sie hätten ja jetzt gesehen, was vorhanden war, jetzt würde erst die Luftbahn gebaut, und dann erst werde es in dem Gebirge nach Süden zu losgehen. Isak wisse wohl nicht, wo dieser Geißler hingekommen sei? — Nein. — Na, er werde schon zu finden sein. Dann gehe es erst recht im Ernst los. Was, aufhören!

Isak ist in Verwunderung und Bewegung geraten über eine kleine Maschine, die mit dem Fuß getreten wird; er erkennt sofort, was das ist; das ist ja eine kleine Schmiede, die auf einem Karren geführt und überall aufgestellt werden kann. — Was kostet eine solche Maschine? fragt Isak. — Diese? Die Feldesse? Oh, die kostet nicht viel. Sie hätten mehrere solche, aber sie hätten ganz andere Maschinen und Einrichtungen drunten an der See, ungeheure Maschinen. Isak werde wohl begreifen, daß man solchen tiefen Tälern und Abgründen in den Bergen nicht mit Nägeln zu Leibe gehen könne, hahaha.

Sie gehen weiter, und der Ingenieur erzählt, daß er in den nächsten Tagen nach Schweden abzureisen gedenke. — Aber Ihr kommt doch wieder? fragt Aronsen. — Natürlich. Der Ingenieur war sich nichts bewußt, weshalb ihn die Regierung oder die Polizei zu Hause festsetzen könnte. Isak richtete es so ein, daß sie noch einmal vor die kleine Schmiede zu stehen kamen. Wieviel kann solch eine Esse kosten? fragt er. — Kosten. Das wußte der Ingenieur wahrhaftig nicht mehr. Sie kostet ja wohl einiges Geld, aber bei einem so großen Betrieb kommt das gar nicht in Betracht. Der prächtige Ingenieur, vielleicht war ihm jetzt gerade nicht ganz leicht zu Sinn, aber er wahrte den Schein und tat großartig bis zuletzt. Ob Isak eine Feldesse brauchen könne? Dann solle er nur diese nehmen. Seine Gesellschaft sei mächtig genug, sie schenke ihm die Feldesse!

Eine Stunde später wandern Isak und Aronsen wieder nach Hause. Aronsen ist ruhiger geworden und hat ein wenig Hoffnung geschöpft, Isak schreitet den Berg hinunter mit der kostbaren Feldesse auf dem Rücken. Der alte Prahm war es gewöhnt, Lasten zu tragen! Der Ingenieur hatte angeboten, am nächsten Tag das Kleinod durch einen Mann nach Sellanraa zu schicken, aber Isak dankte und sagte, das sei nicht nötig. Er dachte, wie die zu Hause sich verwundern würden, wenn er mit einer Schmiede auf dem Rücken ankam!

Aber es war Isak, der sich verwundern mußte, als er heimkam.

Dort kam gerade ein Pferd mit einer ganz sonderbaren Wagenladung auf den Hof gefahren. Der Kutscher war ein Mann aus dem Dorfe, aber nebenher schritt ein Herr, den Isak verwundert anstarrte: es war Geißler.

5

Isak hätte sich auch sonst noch über das eine oder andere verwundern können, aber er war nicht dazu geschaffen, an viele Dinge auf einmal zu denken. Wo ist Inger? fragte er nur, als er an der Küchentür vorbeikam, denn er dachte daran, daß Geißler ordentlich bewirtet werden müsse.

Inger? Sie war in die Beeren gegangen, war in den Beeren gewesen, seit Isak auf den Berg gestiegen war, sie mit Gustaf, dem Schweden. Das alte Ding, sie war so toll und verliebt; es ging zwar dem Herbst und dem Winter zu, aber sie fühlte wieder Sommerhitze in sich, ihr Herz blühte! Komm und zeig mir, wo Multebeeren wachsen, sagte Gustaf. Wer hätte da widerstehen können! Sie lief in ihre Kammer und war einige Minuten lang ernst und fromm; aber er stand draußen und wartete, die Welt war ihr dicht auf den Fersen; sie ordnete ihre Haare, beschaute sich nach allen Seiten im Spiegel und ging dann wieder hinaus. Was weiter, wer hätte das auch nicht getan! Die Frauen können den einen Mann nicht von dem andern unterscheiden, nicht immer, nicht oft. —

Sie gehen also in die Beeren und pflücken, pflücken Multebeeren auf dem Moor, sie steigen von einem Erdhaufen auf den andern, sie hebt ihre Röcke in die Höhe und läßt ihre schönen Waden sehen. Rundum ist es still, das Schneehuhn hat schon große Junge und zischt nicht mehr, es gibt weiche Plätzchen im Gebüsch auf dem Moor. Sie sind noch nicht eine Stunde gegangen, und schon ruhen sie aus. Inger sagt: Bist du so einer! Ach, sie ist so schwach ihm gegenüber, sie lächelt verlegen, denn sie ist sehr verliebt; ach, wie ist doch Verliebtsein süß und bitter zugleich! Schick und Brauch verlangen wohl, sich zu wehren. Ja, um endlich doch nachzugeben. Inger ist sehr verliebt, sterblich und ohne Gnade verliebt, sie will ihm wohl und ist nur gut und herzlich gegen ihn.

Das alte Ding!

Wenn der Stall fertig ist, dann gehst du fort, sagt sie. — Nein, er gehe nicht fort. Natürlich müsse er einmal fortgehen, aber nicht schon in einer Woche. — Wollen wir nicht heimgehen? fragt sie. — Nein.

Sie pflücken Beeren, und nach einer Weile finden sie wieder weiche Plätzchen im Gebüsch, und Inger sagt: Du bist verrückt, Gustaf! Die Stunden vergehen, jetzt sind sie wohl im Gebüsch eingeschlafen. Sind sie eingeschlafen? Das ist ausgezeichnet, mitten im Ödland, in Eden. Da setzt sich Inger auf und horcht und sagt: Ich meine, ich höre weit drüben auf dem Weg einen Wagen fahren.

Die Sonne sinkt; während sie heimgehen, werden die Heidehügel im Schatten dunkler. Sie kommen noch an vielen geschützten Stellen vorbei, Gustaf sieht sie, und Inger sieht sie wohl auch, aber sie meint die ganze Zeit, es fahre jemand vor ihnen her. Aber sich auf dem ganzen Heimweg gegen einen närrischen hübschen Jungen wehren müssen? Inger ist sehr schwach, sie lächelt nur und sagt: Nein, so einen wie dich hab' ich doch noch nie gesehen!

Inger kommt allein nach Hause. Es ist gut, daß sie jetzt kommt, großartig ist es, eine Minute später wäre nicht so gut gewesen. Isak ist gerade mit seiner Schmiede und mit Aronsen in den Hof getreten, und ein Pferd mit einem Wagen hält auch eben vor der Tür.

Guten Tag! sagt Geißler und begrüßt dann auch Inger.

Da stehen diese Menschen und schauen einander an. Es könnte nicht besser passen.

Geißler ist wiedergekommen. Er ist einige Jahre weggewesen, aber jetzt ist er wieder da, etwas älter und grauer, aber lebhaft wie immer, und jetzt ist er fein gekleidet, trägt eine weiße Weste und eine goldene Kette. Der Teufel versteht diesen Mann!

Hat er Kunde erhalten, daß jetzt auf dem Kupferberg etwas vor sich ging, und wollte er die Sache untersuchen? Gut, hier war er. Er sieht hell wach aus, mustert Häuser und Felder, indem er den Kopf sachte hin und her dreht und die Blicke wandern läßt; er sieht große Veränderungen, der Markgraf hat seine Herrschaft erweitert. Geißler nickt befriedigt.

Was schleppst du denn da herbei? fragte er Isak. Das ist ja eine ganze Pferdelast! sagt er. — Eine Schmiedeesse, erklärt Isak. Die wird mir hier auf der Ansiedlung manches liebe Mal zugute kommen, sagt er und heißt Sellanraa immer noch eine Ansiedlung. — Wo hast du sie her? — Der Ingenieur droben auf dem Berg hat sie mir geschenkt. — Ist auf dem Berg ein Ingenieur? fragt Geißler, wie wenn er es nicht wüßte.

Sollte Geißler hinter dem Ingenieur auf dem Berg zurückstehen? Ich habe gehört, daß du dir eine Mähmaschine gekauft hast, jetzt habe ich dir dazu einen Heurechen mitgebracht, sagt er und deutet auf den Wagen. Da stand die Maschine, rot und blau, ein unmäßig großer Kamm, ein Heurechen, der von einem Pferd gezogen wurde. Sie hoben die Maschine vom Wagen und betrachteten sie, Isak spannte sich vor und versuchte sie auf der nackten Erde. Der Mund stand ihm offen vor Verwunderung. Ein Wunder nach dem andern war nach Sellanraa gekommen.

Sie sprachen über den Kupferberg, über das Bergwerk. Sie haben dort eifrig nach Euch gefragt, sagt Isak. — Wer hat gefragt? — Der Ingenieur und alle die Herren. Sie müßten Euch unbedingt auffinden, sagten sie. Ach, Isak machte sicher zuviel aus der Sache, Geißler vertrug das vielleicht nicht, er machte einen steifen Nacken und sagte: Da bin ich, wenn sie etwas von mir wollen.

Den Tag darauf kamen die beiden Stafetten aus Schweden zurück, und mit ihnen kamen zwei von den Eigentümern des Bergwerks; sie waren zu Pferd, vornehme, dicke Herren und allem Anschein nach steinreich. Sie hielten auf Sellanraa fast nicht an, sondern erkundigten sich nur vom Pferd aus nach dem Wege und ritten weiter nach dem Berge zu. Sie taten, als ob sie Geißler gar nicht sähen, obgleich er ganz in der Nähe stand. Die Stafetten mit den beladenen Packpferden ruhten eine Stunde aus, unterhielten sich mit den Maurern, die am Stall arbeiteten, erfuhren, daß der alte Herr mit der weißen Weste und der goldenen Kette Geißler sei, und dann zogen auch sie weiter. Aber die eine der Stafetten kam noch am selben Abend wieder auf den Hof herunter mit der mündlichen Botschaft, Geißler solle zu den Herren hinaufkommen. Hier bin ich, wenn sie etwas von mir wollen, ließ Geißler antworten.

Geißler war großartig geworden, er dachte vielleicht, er habe die ganze Welt in der Tasche, oder fand er eine mündliche Botschaft gar zu nachlässig? Aber wie ging es zu, daß er gerade in dem Augenblick nach Sellanraa kam, wo man ihn brauchte? War er denn allwissend? Na, als die Herren auf dem Berge diese Antwort bekamen, mußten sie sich wohl oder übel nach Sellanraa herabbemühen. Der Ingenieur und die beiden Sachverständigen kamen mit.

Aber es waren noch allerlei Wendungen und Winkelzüge notwendig, ehe die Zusammenkunft zustande kam. Das versprach nicht viel Gutes, Geißler tat ungeheuer großartig.

Die Herren waren jetzt recht höflich, sie baten Geißler, zu entschuldigen, daß sie gestern nach ihm geschickt hätten, sie seien von der Reise sehr ermüdet gewesen. Geißler war auch wieder höflich, er erwiderte, auch er sei von seiner Reise ermüdet gewesen, sonst wäre er hinaufgekommen. Ja, aber nun zur Sache: Ob er den Berg auf der Südseite des Wassers verkaufen wolle? — Sind die Herren selbst Käufer oder spreche ich mit Zwischenhändlern? — Das war die reine Bosheit von Geißlers Seite, er mußte doch sehen, daß diese vornehmen und dicken Herren keine Zwischenhändler sein konnten. Dann ging es weiter: Der Preis? fragten sie. — Ja, der Preis! sagte auch Geißler und überlegte. Zwei Millionen, sagte er dann. — Ach so, sagten die Herren und lächelten. — Aber Geißler lächelte nicht.

Der Ingenieur und die Sachverständigen hatten so obenhin den Berg untersucht, hatten einige Löcher gebohrt und gesprengt, und das Ergebnis lautete also: Das Vorkommen des Kupfers war auf Eruptionen zurückzuführen, die Kupferfunde waren sehr ungleich verteilt, nach der vorläufigen Untersuchung waren sie am mächtigsten an der Grenze zwischen dem Eigentum der Gesellschaft und dem von Geißler, weiterhin nahmen sie wieder ab. Auf der letzten halben Meile kam kein abbauwürdiger Kupferkies mehr vor.

Geißler hörte diesem Bericht mit der größten Gleichgültigkeit zu. Er zog einige Dokumente aus der Tasche, die er aufmerksam durchsah, aber es waren keine Karten, und Gott weiß, ob sie überhaupt den Kupferberg betrafen. — Es ist nur nicht tief genug gebohrt worden, sagte er, als ob er das aus seinen Papieren entnehme. Das gaben die Herren sofort zu; aber der Ingenieur fragte, wie Geißler das wissen könne, er habe ja überhaupt gar nicht gebohrt. — Da lächelte Geißler, als ob er mindestens ein paar hundert Meter tief in den Erdball hineingebohrt, aber dann die Bohrlöcher unkenntlich gemacht habe.

Bis Mittag redeten sie hin und her, dann schauten die Herren auf ihre Uhren. Geißler war mit seinen Ansprüchen bis auf eine Viertelmillion heruntergegangen, aber weiter herunter ging er nicht um Haaresbreite. Nein, sie mußten ihn ernstlich verletzt haben, sie gingen von der Anschauung aus, daß er gerne verkaufen würde, daß er genötigt sei zu verkaufen; aber das war er nicht, hoho, konnten sie denn nicht sehen, daß er beinahe ebenso vornehm und großartig war wie sie? — Fünfzehn- bis zwanzigtausend seien auch eine schöne Summe, meinten die Herren. — Geißler sagte: Dagegen sei nichts einzuwenden, wenn man das Geld gerade nötig habe, aber zweihundertundfünfzigtausend seien mehr. — Da sagte einer von den Herren, und er sagte das, um Geißler gleichsam niederzudrücken: Eben fällt mir ein, wir sollen Sie von Frau Geißlers Verwandten in Schweden grüßen. — Danke! sagte Geißler. — Apropos! sagte der andere Herr, da dies nichts genützt hatte. Eine Viertelmillion! Es ist doch aber kein Gold, sondern Kupferkies. — Geißler nickte. Ja, es ist Kupferkies.

Da wurden die Herren alle miteinander ungeduldig, fünf Uhrendeckel sprangen auf und klappten wieder zu, und jetzt war keine Zeit mehr zum Scherzen, jetzt war Mittag. Die Herren verlangten kein Essen auf Sellanraa, sie ritten zurück zu den Gruben und speisten dort ihr eigenes Essen.

So verlief diese Zusammenkunft.

Geißler blieb allein zurück.

Was waren das wohl für Überlegungen, die ihn bewegten? Vielleicht gar keine, vielleicht war es ihm gleichgültig, und er überlegte gar nicht. O nein, er überlegte, aber er ließ keinerlei Unruhe merken. Nach dem Mittagessen sagte er zu Isak: Ich wollte eigentlich einen weiten Gang über meinen Berg machen und hätte wie das letztemal Sivert gerne mitgenommen. — Isak sagte augenblicklich zu. — Nein, er hat anderes zu tun, erklärte Geißler. — Er soll sofort mit Euch gehen, sagte Isak und rief Sivert von seiner Maurerarbeit ab. — Aber Geißler hob die Hand und sagte kurz: Nein!

Er trieb sich auf dem ganzen Hof herum, kam auch mehrere Male wieder bei den Maurern vorbei und unterhielt sich da lebhaft mit ihnen. Daß er das konnte, wo ihn doch eben erst so etwas Wichtiges in Anspruch genommen hatte! Oh, vielleicht hatte er solange in unsicheren Verhältnissen gelebt, daß eigentlich für ihn gar nichts mehr auf dem Spiele zu stehen schien, einen schwindelnden Sturz würde er auf keinen Fall tun.

Hier stand er nun vor einem reinen Glücksfall. Nachdem er das kleine Grubenstück an die Verwandten seiner Frau verkauft hatte, ging er stracks hin und kaufte den ganzen übrigen Berg; warum hatte er das getan? Wollte er die jetzigen Eigentümer dadurch ärgern, daß er ihr nächster Nachbar wurde? Ursprünglich hatte er wohl nur auf der Südseite des Wassers, da, wohin die Grubenstadt kommen mußte, wenn je ein Bergwerk errichtet wurde, einen Streifen haben wollen; Eigentümer des ganzen Berges aber wurde er, weil ihn dies beinahe nichts kostete, und weil er sich die Mühe einer weitläufigen Grenzabsperrung sparen wollte. Er wurde Bergkönig aus Gleichgültigkeit, ein kleiner Bauplatz für Baracken und Maschinenschuppen wurde zu einem Reiche, das bis hinunter ans Meer ging.

In Schweden ging der erste kleine Grubenteil von Hand zu Hand, und Geißler hielt sich über dessen Schicksal stets unterrichtet. Natürlich hatten die ersten Besitzer dumm gekauft, verrückt dumm, der Familienrat war nicht sachverständig gewesen, und die Herren hatten sich kein genügend großes Stück des Berges gesichert, sie hatten nur einen gewissen Geißler abfinden und sich ihn vom Halse schaffen wollen. Aber die neuen Besitzer waren nicht weniger komische Leute, sie waren gewaltige Männer, die sich einen Scherz erlauben und nur so zum Vergnügen, etwa bei einem Gelage, kaufen konnten, wer weiß! Aber als es nun zu einem Versuchsbetrieb kam und Ernst aus der Sache wurde, standen sie plötzlich vor einer Mauer: Geißler.

Sie sind Kinder! dachte Geißler vielleicht von seiner Höhe herunter, er war sehr mutig und steifnackig geworden. Die Herren hatten allerdings versucht, ihn mit kaltem Wasser zu begießen, sie hatten geglaubt, vor einem Dürftigen zu stehen und deshalb ein Wörtlein von so fünfzehn bis zwanzigtausend fallen lassen. Sie waren Kinder, sie kannten Geißler nicht. Hier stand er.

Die Herren kamen an diesem Tage nicht mehr vom Berg herunter, sie meinten wohl, klug zu handeln, wenn sie sich nicht gar so eifrig zeigten. Am nächsten Morgen kamen sie indes doch, hatten ihr Packpferd bei sich und waren auf der Heimreise. Aber da war Geißler weggegangen.

War Geißler weggegangen?

Die Herren konnten unter diesen Umständen nichts vom Pferde aus abmachen, sie mußten absteigen und warten. Wohin war Geißler gegangen? Niemand wußte es, er ging überall herum, er interessierte sich für Sellanraa, zuletzt war er bei dem Sägewerk gesehen worden. Die Stafetten wurden ausgesandt, ihn zu suchen, aber er mußte wohl weit weggegangen sein, denn er gab keine Antwort, als er gerufen wurde. Die Herren schauten nach ihren Uhren und waren anfänglich sehr ärgerlich und sagten: Wir werden doch nicht die Narren sein und warten. Wenn Geißler verkaufen will, so soll er auch auf dem Platze sein! O ja, aber der große Ärger der Herren legte sich, sie warteten, ja, sie wurden scherzhaft, das war ja zum Verzweifeln, sie mußten hier an der Grenzscheide des Berges über Nacht bleiben. Das geht ja brillant, sagten sie. Unsere Angehörigen werden dereinst unsere gebleichten Gebeine finden!

Endlich kam Geißler. Er hatte sich auf dem ganzen Gute umgesehen, und jetzt kam er eben vom Sommerstall. Es kommt mir vor, als ob auch der Sommerstall für dich zu klein würde, sagte er zu Isak. Wieviel Stück Vieh hast du denn alles in allem da droben? — So konnte er sprechen, obgleich die Herren mit der Uhr in der Hand dastanden. Geißler hatte eine merkwürdige Röte im Gesicht, als ob er starke Getränke genossen hätte. Puh, ist mir von dem Gang warm geworden! sagte er.

Wir hatten einigermaßen erwartet, Sie würden auf dem Platze sein, sagte einer der Herren. — Darum hatten mich die Herren nicht gebeten, erwiderte Geißler. Sonst wäre ich auf dem Platze gewesen. — Na, und der Handel? Ob Geißler heute ein vernünftiges Gebot annehmen wolle? Es würden ihm doch wohl nicht jeden Tag fünfzehn- bis zwanzigtausend angeboten, oder doch? — Diese neue Andeutung verletzte Geißler bedeutend. War das auch eine Art? Und die Herren hätten sicherlich nicht so gesprochen, wenn sie nicht ärgerlich gewesen wären, und Geißler wäre nicht auf der Stelle blaß geworden, wenn er nicht vorher an einem einsamen Ort gewesen und rot geworden wäre. Jetzt erbleichte er und erwiderte kalt: Ich will nicht andeuten, was den Herren zu bezahlen vielleicht erschwinglich ist, dagegen weiß ich, was ich haben will. Ich will das Kindergeschwätz über den Berg nicht mehr hören. Mein Preis ist derselbe wie gestern. — Eine Viertelmillion Kronen? — Ja. —

Die Herren stiegen zu Pferd.

Jetzt will ich Ihnen etwas sagen, Geißler, begann der eine. Wir wollen bis auf fünfundzwanzigtausend gehen. — Sie sind immer noch scherzhaft aufgelegt, erwiderte Geißler. Ich will Ihnen einen ernsthaft gemeinten Gegenvorschlag machen: Wollen Sie mir Ihr kleines Grubenstückchen verkaufen? — Ja, das lasse sich überlegen, sagten die einigermaßen überrumpelten Herren. — Dann werde ich es kaufen, erklärte Geißler.

Oh, dieser Geißler! Der ganze Hof stand voller Menschen, die ihn reden hörten, alle Leute von Sellanraa und die Maurer und die Herren und die Stafetten; er konnte sich vielleicht überhaupt kein Geld zu einem solchen Geschäft verschaffen, aber Gott weiß, ob er es nicht am Ende doch konnte, wer verstand sich auf ihn! Auf jeden Fall brachte er mit seinen wenigen Worten eine kleine Revolution unter den Herren hervor. Wollte er ihnen ein Schnippchen schlagen? Meinte er, seinen Berg durch dieses Vorgehen wertvoller zu machen?

Die Herren überlegten wirklich, die Herren fingen an, leise miteinander darüber zu reden, sie stiegen wieder von den Pferden. Da mischte sich der Ingenieur in die Sache, sie kam ihm wohl zu erbärmlich vor, und er schien auch die Macht und die Gewalt dazu zu haben. Jetzt stand ja der ganze Hof voll von Leuten, die alle zuhörten. — Wir verkaufen nicht! erklärte er bestimmt. — Nicht? fragten die Herren. — Nein!

Sie flüsterten ein Weilchen zusammen, dann stiegen sie wirklich im Ernst zu Pferd. — Fünfundzwanzigtausend! rief einer der Herren. — Geißler gab keine Antwort, er drehte sich um und ging wieder zu den Maurern.

Und so verlief die letzte Zusammenkunft.

Geißler tat den Folgen gegenüber ganz gleichgültig, er ging hin und her und sprach von dem und jenem, jetzt war er ganz davon hingenommen, daß die Maurer eben gewaltig große Deckenbalken über den ganzen Stall legten. Sie wollten noch in dieser Woche mit dem Stall fertig werden, es sollte nur ein Notdach errichtet werden, später würde man noch einen Heuboden auf den Stall aufsetzen.

Isak hielt Sivert von der Arbeit am Stall zurück und ließ ihn nichts tun, damit Geißler zu jeder Zeit den jungen Mann zu einem Gang in die Berge bereit finde. Das war eine unnütze Vorsorge, Geißler hatte seine Absicht aufgegeben oder sie vielleicht auch vergessen. Nachdem er von Inger etwas Mundvorrat bekommen hatte, schlug er gegen Abend den Weg nach dem Dorf hinunter ein und blieb über das Abendessen fort.

Er kam an den beiden neuen Ansiedlungen unterhalb Sellanraa vorbei und sprach mit den Leuten dort, er kam bis nach Maaneland und wollte sehen, was Ström in den letzten Jahren ausgerichtet hatte. Es war mit ihm nicht so sehr vorwärtsgegangen, aber er hatte doch viel Land urbar gemacht. Geißler interessierte sich auch für diese Ansiedlung und fragt: Hast du ein Pferd? — Ja. — Unten, weiter südlich, habe ich eine Mähmaschine und einen Reolpflug stehen, neue Sachen, die will ich dir schicken. — Was! rief Axel und konnte sich eine solche Freigebigkeit gar nicht vorstellen; er dachte an Abzahlung. — Ich will dir die Geräte schenken, sagte Geißler. — Das ist doch nicht möglich! meinte Axel. — Aber du mußt deinen beiden Nachbarn helfen und ihnen ein Stück Neuland umbrechen, verlangte Geißler. — Das soll nicht fehlen, versprach Axel, aber er konnte den ganzen Geißler nicht verstehen. So, dann habt Ihr also Grundbesitz und Maschinen im Süden? fragte er. — Geißler antwortete: Ach, ich habe gar vielerlei. — Seht, das hatte Geißler vielleicht gar nicht, er hatte nicht vielerlei Geschäfte, aber er tat oft so. Diese Mähmaschine und diesen Reolpflug brauchte er ja nur in irgendeiner Stadt zu kaufen und heraufzuschicken.

Er hatte ein langes Gespräch mit Axel Ström über die andern Ansiedler in der Gegend, über das Handelshaus Storborg, über Axels Bruder, einen jung verheirateten Mann, der jetzt nach Breidablick gekommen war und angefangen hatte, die Moore zu entwässern. Axel beklagte sich darüber, daß keine weibliche Hilfe zu bekommen sei, er habe nur eine alte Frau namens Oline, sie sei nicht viel nütze, aber er müsse doch froh sein, solange er sie halten könne. Im Sommer habe er eine Zeitlang Tag und Nacht arbeiten müssen. Er hätte vielleicht eine weibliche Hilfe aus seinem Heimatort, aus Helgeland, bekommen können, aber dann hätte er ihr außer dem Lohn auch noch das Reisegeld bezahlen müssen. Er habe Ausgaben nach allen Seiten. Axel erzählte weiter, daß er die Aufsicht über die Telegraphenlinie übernommen habe, aber das reue ihn einigermaßen. — Das ist etwas für Leute wie Brede, sagte Geißler. — Ja, das ist sehr richtig gesagt, gab Axel zu. Aber es war wegen des Geldes. — Wie viele Kühe hast du? fragte Geißler. — Vier. Und einen jungen Stier. Es ist sehr weit bis nach Sellanraa zum Stier.

Aber eine viel wichtigere Sache, die er mit Geißler besprechen wollte, lag Axel Ström auf dem Herzen. Es war jetzt eine Untersuchung im Gang gegen Barbro. Ja, natürlich war die Sache herausgekommen. Barbro war guter Hoffnung gewesen, aber sie war frank und frei und ohne Kind von hier abgereist. Wie hing das zusammen? Als Geißler vernahm, um was es sich handelte, sagte er kurz und gut: Komm mit! und führte Axel weit von den Gebäuden weg. Dann setzte er eine äußerst wichtige Miene auf und benahm sich wie eine Art Obrigkeit. Sie ließen sich am Waldessaum nieder, und Geißler sagte: So, nun laß mich hören!

Natürlich war die Sache herausgekommen, wie hätte es auch anders gehen können! Die Gegend war nicht mehr menschenleer, und außerdem war Oline gekommen. Was hatte Oline mit der Sache zu tun? Oh, die! Und außerdem hatte sich Brede mit ihr verkracht. Jetzt war an Oline nicht mehr länger vorbeizukommen, sie wohnte an Ort und Stelle und konnte Axel selbst allmählich ausforschen; sie lebte ja für verdächtige Sachen, ja sie lebte zum Teil davon, da war also wieder etwas mit der richtigen Witterung! Eigentlich war Oline jetzt zu alt, um Haus und Vieh auf Maaneland zu versorgen, sie hätte es aufgeben sollen, aber konnte sie das? Hätte sie einen Ort, wo ein so großes Geheimnis verborgen lag, ruhig verlassen können? Sie brachte die Winterarbeit fertig, ja sie schindete sich auch noch den Sommer hindurch, es kostete sie große Anstrengung, und sie hielt sich nur durch die Aussicht aufrecht, einer Tochter von Brede etwas nachweisen zu können. Kaum fing im Frühjahr der Schnee an zu schmelzen, so schnupperte Oline bereits in der Gegend umher, sie fand den kleinen Hügel am Bach und erkannte sofort, daß der Rasen in Stücken aufgelegt war; sie hatte auch eines Tages das Glück gehabt, Axel zu treffen, wie er das kleine Grab festtrat und es ebnete. Axel wußte also auch von der Sache. Oline nickte mit ihrem grauen Kopf, jetzt war ihre Zeit gekommen.

Nicht Axels wegen. Axel war gar kein unguter Mann, um bei ihm zu sein, aber er war sehr genau und zählte seine Käse und wußte Bescheid von jedem Büschel Wolle. Oline hatte durchaus nicht freie Hand. Und bei der Rettung letztes Jahr, hatte sich Axel da als Herr gezeigt und sich freigebig erwiesen? Nein, im Gegenteil, er bestand auf seiner Teilung des Triumphes. Jawohl, sagte er, wäre Oline nicht gekommen, so hätte er in der Nacht erfrieren müssen, aber Brede sei ihm auf dem Heimweg auch eine gute Hilfe gewesen! Das war der Dank! Oline meinte, da müsse sich der Allmächtige über die Menschen empören! Hätte nicht Axel eine Kuh am Strick ergreifen, sie herausführen und sagen können: Das ist deine Kuh, Oline! Aber nein.

Jetzt kam's darauf an, ob es ihn nicht mehr kosten würde als eine Kuh.

Den Sommer über paßte Oline jeden einzelnen Menschen ab, der vorbeiging, sie flüsterte mit ihm und nickte und vertraute sich ihm an. Aber kein Wort weitersagen! gebot sie. Oline war auch ein paarmal drunten im Dorf. Und nun schwirrte es mit Gerüchten in der Gegend, die waren wie ein Nebel, der sich um die Gesichter legt und in die Ohren dringt, selbst die Kinder, die auf Breidablick in die Schule gingen, fingen an zu nicken und geheimnisvoll zu tun. Schließlich mußte sich auch der Lensmann rühren, mußte Bericht erstatten und seine Befehle entgegennehmen. Eines Tages kam er mit einem Begleiter und einem Protokoll nach Maaneland und untersuchte und schrieb und ging wieder heim. Aber drei Wochen danach kam er wieder und untersuchte und schrieb noch mehr, und diesmal öffnete er auch einen kleinen grünen Hügel am Bach und holte die Kindesleiche heraus. Oline war ihm dabei eine unentbehrliche Hilfe, und als Entgelt für ihre Mühe mußte er ihre vielen Fragen beantworten, und da sagte er unter anderem auch, ja, es könnte schon die Rede davon sein, Axel zu verhaften. Da schlug Oline die Hände zusammen über all die Schändlichkeit, in die sie hier hineingekommen sei, und wünschte sich weg, weit weg! Aber sie, die Barbro? flüsterte sie. — Das Mädchen Barbro sitzt verhaftet in Bergen, sagte der Lensmann. Die Gerechtigkeit muß ihren Gang gehen, sagte er. Dann nahm er die Leiche mit sich und fuhr wieder fort.

Es war also nicht verwunderlich, daß Axel in großer Spannung war. Er hatte dem Lensmann seine Aussagen gemacht und nichts geleugnet. Das Kind war sein, und er hatte ihm mit eigener Hand ein Grab gegraben. Nun erkundigte er sich bei Geißler, wie es wohl weitergehen werde. Er müsse wohl in die Stadt und ein viel schlimmeres Verhör und sonstige Widerwärtigkeiten erdulden?

Geißler war nicht mehr der gleiche wie zuvor, nein, die umständliche Erzählung hatte ihn ermüdet, er schien schläfrig zu werden — was nun auch der Grund sein mochte; ob vielleicht der Geist vom Morgen nicht mehr über ihm war? Er sah auf seine Uhr, stand auf und sagte: Das muß gründlich überlegt werden, ich will darüber nachdenken. Du sollst meine Antwort bekommen, ehe ich abreise.

Damit ging Geißler.

Gegen Abend kam er nach Sellanraa zurück, aß ein wenig und ging zu Bett. Er schlief bis tief in den Tag hinein, schlief und ruhte aus; er war wohl ermattet nach der Zusammenkunft mit den schwedischen Grubenbesitzern. Erst zwei Tage nachher machte er sich zur Abreise fertig. Da war er wieder großartig und überlegen, bezahlte reichlich und schenkte der kleinen Rebekka ein neues Kronenstück.

Isak hielt er eine Rede und sagte: Es ist ganz einerlei, daß es jetzt nicht zu einem Verkauf gekommen ist, das wird schon noch werden. Vorläufig lege ich den Betrieb dort oben lahm. Das waren rechte Kinder, sie meinten mich übers Ohr hauen zu können. Hast du gehört, daß sie mir fünfundzwanzigtausend boten? — Ja, sagte Isak. — Nun, erwiderte Geißler und scheuchte mit einer Kopfbewegung jede Art von Schandangebot und jegliches Staubkorn weit weg. Es schadet dem Bezirk hier oben gar nichts, wenn ich den Betrieb lahmlege, im Gegenteil, es wird die Leute veranlassen, ihr Land zu bebauen. Aber drunten im Dorf, da wird man's merken. Es ist ja im Sommer viel Geld unter die Leute gekommen, schöne Kleider und süßen Brei gab's für jedermann; damit ist es jetzt aus. Siehst du, das Dorf hätte wohl gut Freund mit mir sein können, dann wäre es vielleicht anders gegangen. Jetzt habe ich zu bestimmen.

Er sah nun allerdings nicht so aus, als habe er über viel zu gebieten; als er ging, trug er ein Päckchen mit Mundvorrat in der Hand, und seine Weste war nicht mehr blendend weiß. Vielleicht hatte ihn seine gute Frau mit dem Rest der vierzigtausend Kronen, die sie einmal erhalten hatte, für diese Reise ausgestattet, Gott weiß, ob das nicht der Fall war. Aber nun kommt er kahl heim!

Geißler vergaß nicht, auf dem Heimweg bei Axel Ström einzutreten und ihm Bescheid zu sagen. Ich habe darüber nachgedacht, die Sache ist nun einmal im Gang, du kannst jetzt nichts tun. Du wirst zu einem Verhör vorgeladen werden und mußt deine Aussagen machen ... Das war nur so ein Gerede, Geißler hatte vielleicht gar nicht mehr an die Sache gedacht. Und Axel sagte niedergeschlagen zu allem ja. Zum Schluß aber blies sich Geißler wieder zu einem gewaltigen Mann auf, er zog die Brauen hoch und sagte nachdenklich: Ob ich vielleicht in die Stadt kommen und bei der Verhandlung anwesend sein könnte? — Ach ja, wenn Ihr das könntet! rief Axel. — Im nächsten Augenblick entschied Geißler: Ich will sehen, ob ich nicht Zeit finden kann. Für heute leb wohl! Ich werde dir die Maschinen schicken.

Geißler ging.

Ob das nun wohl seine letzte Reise in die Gegend gewesen war?

6

Die letzte Gruppe von Arbeitern kommt vom Berg herunter, der Betrieb hat völlig aufgehört, jetzt liegt der Berg wieder verödet da. Auch der gemauerte Stall auf Sellanraa ist nun fertig. Er hat ein Notdach aus Rasenstücken für den Winter bekommen. Der große Raum ist in einzelne kleinere Räume eingeteilt, helle Räume, ein gewaltig großer Salon in der Mitte und große Kabinette an den beiden Enden, ja, es ist gerade wie für die Menschen. Isak hat einmal hier auf dem Platz mit einigen Geißen zusammen in einer Gamme gewohnt; jetzt ist auf Sellanraa keine Gamme mehr zu finden.

Der Stall wird mit Abteilungen, mit Ständen und Holzverschlägen eingerichtet. Damit das alles rasch fertig wird, sind die beiden Maurer immer noch da, aber Gustaf sagt, er verstehe nichts von der Holzarbeit, und will nun weiter. Gustaf hat sich bei der Maurerarbeit als sehr brauchbar erwiesen und hat Lasten gehoben wie ein Bär. Abends war er allen zur Freude und Aufmunterung gewesen; er hatte die Mundharmonika gespielt und hatte außerdem den Frauen geholfen, schwere Kufen hinunter an den Fluß und wieder heraufzutragen. Aber jetzt will er abreisen. Nein, die Holzarbeit verstehe er nicht, sagt er. Es ist gerade, als ob er durchaus fort wolle.

Du könntest wohl noch bis morgen bleiben, sagt Inger. — Nein, es gebe jetzt hier keine Arbeit mehr für ihn, und er habe auch in den letzten Grubenarbeitern Begleitung übers Gebirge. — Wer wird mir jetzt beim Wasserholen helfen? sagt Inger und lächelt wehmütig dabei. — Da weiß der flinke Gustaf sofort einen guten Rat; er nennt Hjalmar. — Hjalmar war der jüngste von den beiden Maurern, aber keiner von beiden war so jung wie Gustaf oder sonst im mindesten wie er. — Ach was, der Hjalmar! erwidert Inger verächtlich. Aber plötzlich faßt sie sich und will Gustaf reizen und sagt: Jawohl, der Hjalmar ist gar nicht so übel. Und draußen auf dem Felsblock singt er schön. — Ein Tausendsassa! sagt Gustaf, ohne sich reizen zu lassen. — Aber er könne doch die Nacht über noch bleiben, meint Inger. — Nein, dann ginge er der Begleitung verlustig.

Oh, nun war Gustaf der Sache überdrüssig geworden. Es war ja prächtig gewesen, sie den Kameraden vor der Nase wegzuschnappen und sie die paar Wochen über, die er da arbeitete, zu haben. Aber nun wollte er weiter, an andere Arbeit, vielleicht zu einer Liebsten daheim, das waren neue Aussichten. Sollte er sich Ingers wegen hier ohne Arbeit umhertreiben? Er hatte so gute Gründe, ein Ende zu machen, daß es Inger doch wohl einsehen mußte. Aber sie war so keck geworden, dachte an keine Verantwortung mehr und kümmerte sich um nichts. Sehr lange war es allerdings nicht so zwischen den beiden gewesen, aber doch so lange, als die Maurerarbeit währte.

Inger ist wirklich traurig, ja, sie geht in ihrer verirrten Treue so weit, daß sie sich grämt. Das ist nicht gut für sie, sie ist ohne Getue, einfach offen und ehrlich verliebt. Nein, sie schämt sich dessen nicht, sie ist ein kraftstrotzendes Weib voller Schwachheit, sie geht nur mit der Natur um sie her, sie ist voller Herbstglut. Während sie etwas Mundvorrat für Gustaf zusammenpackt, wogt ihr der Busen vor heftigen Gefühlen. Sie denkt nicht darüber nach, ob sie ein Recht dazu hat, oder ob Gefahr dabei sein könnte, sie gibt sich einfach hin, sie ist gierig geworden, zu schmecken, zu genießen. Isak könnte sie noch einmal bis an die Decke heben und sie dann wieder auf den Boden stoßen — jawohl, sie enthielte sich dennoch nicht.

Nun geht sie mit ihrem Mundvorrat hinaus und gibt ihn ab. Sie hatte neben der Treppe eine Kufe zurechtgestellt, die ihr Gustaf zum letztenmal an den Fluß hinuntertragen helfen sollte. Vielleicht wollte sie ihm noch etwas sagen, vielleicht ihm etwas zustecken, den goldenen Ring, Gott weiß, es ist ihr alles zuzutrauen. Aber das muß jetzt ein Ende haben, Gustaf dankt für den Mundvorrat, sagt Lebewohl und geht. Und geht.

Da steht sie.

Hjalmar! ruft sie laut, ganz unnötig laut. Es klingt wie ein trotziger Jubelruf, wie ein Notschrei.

Gustaf geht ...

Den Herbst über wird nun in der ganzen Gegend bis zum Dorf hinunter die gewöhnliche Arbeit getan; die Kartoffeln werden herausgehackt, das Korn hereingeschafft, die Kühe werden auf die Weide gelassen. Es sind acht Ansiedlungen, und überall drängt die Arbeit; aber auf dem Handelsplatz Storborg haben sie kein Vieh und kein bestelltes Land, sie haben nur einen Garten, und Handel haben sie auch keinen mehr, auf Storborg gibt's keine dringende Arbeit.

Auf Sellanraa haben sie eine neue Hackfrucht, die Turnips heißt, die steht grün und riesengroß da und weht mit den Blättern, und es ist ganz unmöglich, die Kühe davon fernzuhalten, diese brechen alle Gatter nieder und stürmen brüllend darauf zu. Darum müssen nun Leopoldine und die kleine Rebekka das Turnipsfeld hüten, die kleine Rebekka hat eine große Rute in der Hand und jagt die Kühe mit wütendem Eifer. Der Vater arbeitet in der Nähe, und von Zeit zu Zeit kommt er her, befühlt ihre Hände und Füße und fragt, ob sie nicht friere. Leopoldine, die groß und beinahe erwachsen ist, strickt beim Hüten Strümpfe und Socken für den Winter. Sie ist in Drontheim geboren und war fünf Jahre alt, als sie nach Sellanraa kam; die Erinnerung an eine große Stadt mit vielen Menschen und an eine weite Reise auf dem Dampfschiff gleitet bei ihr immer mehr in den Hintergrund, sie ist ein Landkind und kennt keine andere große Welt als das Dorf dort unten, wo sie einige Male in der Kirche gewesen und wo sie letztes Jahr konfirmiert worden ist ...

Jetzt kommen einige Nebenarbeiten an die Reihe, so der Weg abwärts, der an einigen Stellen kaum fahrbar ist. Da die Erde noch nicht gefroren ist, fangen Isak und Sivert eines schönen Tages an, an dem Wege Gräben zu ziehen. Es sind noch zwei Stücke Moorland da, die entwässert werden müssen.

Axel Ström hat versprochen, sich an dieser Arbeit zu beteiligen, weil auch er ein Pferd hat und den Weg braucht. Aber nun hat Axel ein dringendes Geschäft in der Stadt — was in aller Welt wollte er denn dort —, es sei eine ganz dringende Sache, sagte er. Statt seiner schickt er seinen Bruder von Breidablick zu dem Wegbau. Fredrik heißt er.

Dieser Mann war jung und neu verheiratet, ein leichtlebiger Kunde, der gerne sein Späßchen macht und trotzdem brauchbar ist. Er und Sivert sind einander recht ähnlich. Nun war Fredrik, als er morgens heraufkam, bei seinem nächsten Nachbarn Aronsen auf Storborg gewesen und noch ganz erfüllt von dem, was ihm der Kaufmann gesagt hatte. Es hatte damit angefangen, daß Fredrik eine Rolle Tabak verlangte. Ich werde dir eine Rolle Tabak verehren, wenn ich selbst eine habe, sagte Aronsen. — So, habt Ihr nicht einmal mehr Tabak? — Nein, und ich lasse auch keinen mehr kommen, es ist ja niemand mehr da, der ihn kauft. Was meinst du denn, daß ich an einer Rolle Tabak verdiene? Aronsen war in recht schlechter Laune gewesen, er war der Ansicht, die schwedische Grubengesellschaft habe ihn an der Nase herumgeführt. Nun hatte er sich hier in der Einöde niedergelassen, um Handel zu treiben, und da wurde der Grubenbetrieb eingestellt!

Fredrik lächelt behaglich über Aronsen und spottet über ihn: Nein, er hat gar kein Land bestellt und hat nicht einmal Futter für sein Vieh, das kauft er! Er ist bei mir gewesen und wollte Heu kaufen. Nein, ich hatte kein Heu zu verkaufen. So, du brauchst also kein Geld? fragte er, der Aronsen. Er meint, es sei alles, wenn man nur Geld habe, warf einen Hundertkronenschein auf den Tisch und sagte: Da ist Geld. — Ja, Geld ist etwas Schönes, sagte ich. — Das ist bom konstant, sagte er. Es ist gerade, als sei er ab und zu ein bißchen närrisch, und seine Frau läuft am hellen Werktag mit einer Taschenuhr umher — was das nur für eine wichtige Stunde sein mag, die sie nicht vergessen darf.

Sivert fragt: Hat der Aronsen nichts von einem Mann gesagt, der Geißler heißt? — Doch, das sei einer, der seinen Berganteil nicht verkaufen wolle, sagte er. Aronsen war rasend: Ein abgesetzter Lensmann, sagte er, der vielleicht keine fünf Kronen im Beutel hat, er sollte totgeschossen werden! — Ihr müßt nur ein wenig warten, sagte ich. Vielleicht verkauft er später. — Nein, sagte der Aronsen, das darfst du nicht glauben. Das begreife ich als Kaufmann ganz gut, wenn die eine Partei zweihundertfünfzigtausend verlangt und die andere fünfundzwanzigtausend bietet, dann steht zuviel zwischen ihnen, das gibt kein Geschäft. Aber Glück zu! sagte der Aronsen, wenn nur ich mit den Meinigen den Fuß niemals in dieses Loch gesetzt hätte. — Ja, denkt Ihr vielleicht daran, zu verkaufen? fragte ich. — Ja, sagte er, genau an das denke ich. Diese Moorsümpfe, dieses Loch und diese Einöde! Ich nehme ja keine Krone mehr am Tag ein, sagte er.

Die Männer lachten über Aronsen und hatten keinerlei Mitleid mit ihm. Glaubst du, daß er wirklich verkauft? fragte Isak. — Ja, er tat so. Und er hat auch schon den Knecht entlassen. Ja, der Aronsen ist ein komischer Kerl, das ist gewißlich wahr. Den Knecht entläßt er, der das Holz für den Winter schlagen und mit seinem eigenen Pferd Heu einführen könnte, aber den Ladendiener behält er. Es ist wohl wahr, er verkauft nicht für eine Krone am Tag, denn er hat keine Waren mehr in seinem Laden, aber wozu braucht er dann den Ladendiener? Ich glaube, es ist nur Hochmut, Großtuerei. Er muß einen Mann haben, der am Pult steht und in große Bücher schreibt. Hahaha, ja, es ist gerade, als ob der Aronsen ein ganz klein wenig verrückt wäre.

Die drei Männer arbeiten bis zur Mittagsstunde, verzehren dann ihr mitgebrachtes Essen und plaudern noch ein Weilchen. Sie haben ihre eigenen Angelegenheiten zu bereden, das Wohl und Wehe der Gegend und der Ansiedler, das sind keine Kleinigkeiten, aber sie behandeln sie mit Gelassenheit, sie sind gesetzte Männer, ihre Nerven sind unverbraucht und tun nicht, was sie nicht tun sollten. Nun kommt das Spätjahr, rundum im Wald ist es still geworden, die Berge stehen hier und die Sonne steht dort, am Abend kommen die Sterne und der Mond, das sind alles feste Verhältnisse, sie sind voller Freundlichkeit wie eine Umarmung. Hier haben die Menschen noch Zeit, sich im Heidekraut auszuruhen, mit dem einen Arm als Kopfkissen.

Fredrik spricht von Breidablick und daß er dort noch nicht viel habe ausrichten können. Doch, sagte Isak, du hast schon viel getan, das hab' ich gesehen, als ich drunten war. — Dieses Lob von dem ältesten Ansiedler in der Gegend, dem Riesen, tut Fredrik augenscheinlich wohl, er fragt ehrlich: Meint Ihr wirklich? Nein, es muß immer noch besser kommen. Ich bin in diesem Jahr sooft abgehalten worden. Das Wohnhaus mußte hergerichtet werden, es war nicht dicht und wurde immer schlimmer, und den Heuschuppen mußte ich einreißen und neu aufstellen. Die Stallgamme war zu klein, ich habe Kühe und Kälber, was der Brede zu seiner Zeit nicht gehabt hat, sagt Fredrik stolz. — Gefällt es dir hier? fragt Isak. — Ja, mir gefällt es, und meiner Frau gefällt es auch, warum sollte es uns nicht gefallen? Wir haben einen weiten Blick und sehen die Straße hinauf und hinunter. Das kleine Gehölz beim Hause ist nach unserer Meinung sehr hübsch, es sind Birken und Weiden darin, und wenn ich Zeit habe, will ich auf der andern Seite des Hofplatzes noch mehr Bäume pflanzen. Es ist großartig, wie trocken das Moor schon geworden ist, seit ich im Frühjahr Gräben gezogen habe. Nun wollen wir sehen, was heuer darauf wächst! Ob es uns gefällt? O ja, wenn doch meine Frau und ich Haus und Hof und Grund und Boden haben! — Na, wollt ihr immer nur zu zweit bleiben? fragt Sivert listig. — Nein, weißt du, es kann wohl sein, daß wir mehr werden, erwidert Fredrik munter. Und wenn wir schon davon reden, ob es uns hier gefällt, so habe ich meine Frau noch nie so gedeihlich gesehen wie jetzt.

Sie arbeiten bis zum Abend. Zuweilen richten sie sich auf und schwatzen miteinander. Du hast also keinen Tabak bekommen? fragt Sivert. — Nein, und das tat mir auch nicht leid. Ich rauche nicht, erwidert Fredrik. — Du rauchst nicht? — Nein. Ich bin zu dem Aronsen nur hingegangen, um zu hören, was er sagt. Da lachten die beiden Spitzbuben und freuten sich diebisch.

Auf dem Heimweg sind Vater und Sohn schweigsam wie gewöhnlich. Aber Isak muß sich etwas ausgedacht haben, denn er sagt: Du, Sivert? — Ja? erwidert Sivert. — Ach, nichts Besonderes, sagt Isak. — Sie gehen eine lange Strecke weiter, dann spricht der Vater wieder: Kann denn Aronsen Handel treiben, wenn er keine Waren mehr hat? — Nein, sagt Sivert. Aber es sind jetzt nicht mehr viele Menschen da, für die er Waren braucht. — So, meinst du? Ja, du kannst recht haben. — Sivert wundert sich ein wenig über diese Worte seines Vaters, und dieser fährt fort: Es sind jetzt allerdings nur acht Ansiedlungen hier, aber es können mehr und immer mehr werden. Wer weiß! — Sivert wundert sich noch mehr, woran denkt sein Vater? Oh, an nichts. Wieder gehen die beiden eine lange Strecke weiter und sind beinahe zu Hause. Da fragt der Alte: Hm. Was meinst du wohl, daß der Aronsen für den Hof haben will? — Ja, das kommt nun darauf an! antwortet Sivert. Willst du ihn kaufen? sagt er im Spaß. Aber plötzlich geht ihm ein Licht auf, wo sein Vater hinaus will: An Eleseus denkt der Alte. Oho, er hat ihn wohl nie vergessen gehabt, er hat ebenso getreulich an ihn gedacht wie die Mutter, nur auf seine eigene Weise, näher bei der Erde und auch näher bei Sellanraa. Da sagt Sivert: Der Preis wird wohl erschwinglich sein. Und als Sivert so viel gesagt hat, da merkt der Vater seinerseits, daß er verstanden worden ist, und wie wenn er Angst hätte, zu deutlich geworden zu sein, sagt er nun schnell ein paar Worte über den Wegbau und daß es gut sei, den hinter sich zu haben.

In den nächsten Tagen steckten Sivert und seine Mutter die Köpfe zusammen, sie ratschlagten und hatten viel zu flüstern, auch schrieben sie einen Brief, und als der Samstag kam, bezeigte Sivert Lust, ins Dorf zu gehen. — Was willst du denn schon wieder im Dorfe? du läufst nur unnötig deine Schuhe durch, sagte der Vater sehr ärgerlich, oh, viel grimmiger im Gesicht, als natürlich gewesen wäre; er merkte wohl, daß Sivert auf die Post wollte. — Ich will in die Kirche, sagte Sivert. — Einen besseren Grund fand er nicht, und der Vater sagte: Ja, wenn es nicht anders sein kann.

Aber wenn Sivert schon einmal in die Kirche wollte, dann konnte er auch einspannen und die kleine Rebekka mitnehmen. Der kleinen Rebekka konnte man doch wirklich zum erstenmal in ihrem Leben dieses Vergnügen machen, sie hatte ja so eifrig das Turnipsfeld gehütet und war im großen ganzen die Blüte und die Perle von allen auf dem Hofe; ja, das war sie. Es wurde also angespannt, und Rebekka bekam die Magd Jensine zur Begleitung mit — wogegen Sivert nichts einzuwenden hatte.

Während sie fort sind, geschieht es, daß der Ladendiener von Storborg daherkommt. Was nun? Ei, nichts Besonderes, nur daß ein Ladendiener, ein Mann namens Andresen daherkommt; er soll in die Berge hinauf, sein Herr schickt ihn. Weiter ist es nichts. Und dieses Geschehnis bringt auch keine große Aufregung auf Sellanraa hervor, es ist nicht wie in alten Tagen, wo ein Fremder ein seltener Anblick auf der Ansiedlung war und Inger sich mehr oder minder darüber aufregte. Nein, Inger ist wieder in sich gegangen und ist still und ruhig.

Ein merkwürdiges Ding, dieses Andachtsbuch, ein Führer, ja, ein Arm um den Hals! Als Inger sich selbst verloren hatte und in den Beeren irregegangen war, fand sie sich wieder beim Gedanken an ihre Kammer und an das Andachtsbuch, und zurzeit war sie wieder in sich versunken und gottesfürchtig. Sie gedenkt der längst verflossenen Jahre, als sie, wenn sie nähte und sich in den Finger stach, der Teufel auch! sagte. Das lernte sie von ihren Mitschwestern an dem großen Tisch in der Nähstube. Jetzt sticht sie sich mit der Nadel, daß es blutet, und saugt schweigsam das Blut aus. Es gehört nicht wenig Überwindung zu solcher Umkehr! Aber Inger ging noch weiter. Als der steinerne Stall fertiggebaut war und alle Arbeiter sich entfernt hatten und ganz Sellanraa wieder einsam und verlassen dalag, da hatte Inger eine Krisis und weinte viel und litt schwere Not. Sie bürdete niemand als sich selbst die Schuld dafür auf, und sie war tief demütig. Wenn sie nur mit Isak hätte reden und sich das Herz erleichtern können; aber auf Sellanraa sprach niemand von seinen Gefühlen, und niemand bekannte seine Fehler. So holte sie ihren Mann sehr fürsorglich zu den Mahlzeiten herein; sie ging dazu bis zu ihm hin und forderte ihn auf, statt nur unter der Haustür zu rufen, und abends sah sie seine Kleider durch und nähte die Knöpfe an. Ja, Inger ging sogar noch weiter. Eines Nachts stützte sie sich auf den Ellbogen und sagte: Du, Isak. — Was gibt's? fragt Isak. — So, wachst du? — Ja. — Ach, nichts Besonderes, sagt Inger. Aber ich bin nicht gewesen, wie ich hätte sein sollen. — Was? fragt Isak. Das entfuhr ihm, und auch er richtete sich auf den Ellbogen auf. Dann redeten sie weiter miteinander, sie ist nun eben doch eine prächtige Frau und hat das Herz voll. Ich bin nicht so gegen dich gewesen, wie ich hätte sein sollen, sagt sie. Das tut mir sehr leid. — Diese einfachen Worte rühren ihn, sie rühren den Mühlengeist, und er will Inger gerne trösten; er versteht zwar nichts von der Sache, versteht nur so viel, daß es keine mehr gibt wie sie. — Deshalb brauchst du nicht zu weinen, sagt Isak. Wir sind alle nicht, wie wir sein sollten. — Ach nein, sagt sie dankbar. Oh, Isak hatte eine gesunde Art, die Dinge zu behandeln, er richtete sie wieder auf, wenn sie umfallen wollten. Wer ist, wie er sein sollte! Er hatte recht; der Gott des Herzens selbst, der doch ein Gott ist, geht auf Abenteuer aus, und wir können es ihm ansehen, dem Wildfang: an einem Tag taucht er in einen Rosenreichtum unter und wiegt sich wohlig darin und leckt sich die Lippen, am anderen Tag hat er sich einen Dorn in den Fuß getreten und zieht ihn mit verzweifeltem Gesicht heraus. Stirbt er daran? Oh, keine Spur. Er ist so gesund wie vorher. Das wäre was Schönes, wenn er daran stürbe!

Auch mit Inger kam das alles wieder in die Reihe, sie überwindet es, aber sie bleibt bei ihren Andachtstunden und findet ihren Trost darin. Inger ist jeden Tag fleißig und geduldig und herzensgut, sie schätzt Isak vor allen Männern und wünscht sich keinen andern als ihn. Natürlich ist er dem äußeren Anschein nach kein Tausendsassa und Sänger, aber er ist schon recht, hoho, das wollte sie meinen! Und es bewahrheitete sich wieder, daß es ein großer Gewinn ist, gottesfürchtig und genügsam zu sein.

Und nun kam also dieser kleine Ladenjüngling von Storborg, dieser Andresen, er kam Sonntags nach Sellanraa, und Inger wurde darüber nicht erregt, durchaus nicht, sie wollte nicht einmal selbst mit einem Topf Milch zu ihm hineingehen, und da die Magd nicht zu Hause war, schickte sie Leopoldine mit der Milch. Und Leopoldine trug ja auch den Topf Milch recht nett hinein und sagte Bitte! und wurde rot, obgleich sie doch ihre Sonntagskleider trug und keinen Grund hatte sich zu schämen. — Danke, das ist allzuviel, sagte Andresen. Ist dein Vater zu Hause? fragte er. — Jawohl, er ist draußen irgendwo. — Andresen trank, wischte sich den Mund mit dem Taschentuch ab und sah nach der Uhr. Ist es weit bis zu den Gruben? fragte er. — Nein, es ist kaum eine Stunde. — Ich soll hinauf und sie mir für Aronsen, bei dem ich angestellt bin, ansehen. — So. — Ja, du kennst mich doch. Ich bin der Ladendiener bei Aronsen; du bist schon bei uns gewesen und hast eingekauft. — Ja. — Ich erinnere mich deiner ganz gut, du hast zweimal bei uns eingekauft. — Das ist mehr, als ich erwarten konnte, daß Ihr Euch meiner erinnert, sagte Leopoldine, dann aber waren ihre Kräfte erschöpft, und sie hielt sich an einem Stuhl fest. Andresen jedoch hatte noch Kräfte übrig, er fuhr fort: Warum sollte ich mich nicht mehr an dich erinnern? Und weiter fragte er: Kannst du nicht mit mir zu den Gruben hinaufgehen?

Allmählich wurde es Leopoldine ganz rot und sonderbar vor den Augen, der Fußboden schwankte unter ihr, und der Ladendiener Andresen sprach wie aus weiter Ferne: Hast du keine Zeit? — Nein, sagte sie. Gott weiß, wie sie wieder hinauskam in die Küche. Die Mutter sah sie an und fragte: Was fehlt dir denn? — Nichts.

Nichts, o nein! Aber seht, jetzt war Leopoldine an der Reihe, erregt zu werden, nun begann der Kreislauf bei ihr. Sie war ganz geeignet dazu, rund und hübsch und neukonfirmiert, sie gab ein schönes Opfer. Ein Vogel zwitschert in ihrer Brust, ihre langen Hände sind wie die ihrer Mutter voller Zärtlichkeit, voller Weiblichkeit. Konnte sie nicht tanzen? O doch. Es war ein Wunder, wo sie es lernten, aber sie lernten tanzen, auch auf Sellanraa, Sivert konnte es, Leopoldine konnte es, es war ein Tanz, im Ödland entstanden, ein bodenständiges Drehen und Wenden mit vielen Kräften, Schottisch, Mazurka, Rheinländer und Walzer. Und warum sollte Leopoldine nicht auch sich putzen und verliebt sein und mit offenen Augen träumen? Genau wie andere! Als sie konfirmiert wurde, lieh ihr die Mutter ihren goldenen Ring, es war kein sündiger Gedanke dabei, es war nur hübsch, und am nächsten Tag, als sie zum Abendmahl ging, steckte sie übrigens den Ring erst an, als alles überstanden war. Sie konnte wohl mit einem goldenen Ring am Finger vor dem Altar stehen, sie war die Tochter eines mächtigen Mannes, des Markgrafen.

Als der Ladendiener Andresen wieder vom Berg herunterkam, traf er Isak an und wurde ins Haus geladen. Er bekam Mittagessen und Kaffee. Alle Hausbewohner waren jetzt in der Stube versammelt und nahmen teil an der Unterhaltung. Der Ladendiener erklärte, Aronsen habe ihn hinaufgeschickt, er solle einmal untersuchen, wie es mit den Gruben stehe, ob Anzeichen zu sehen seien, daß der Betrieb und die Arbeit wieder aufgenommen werden würden. Gott weiß, der Ladendiener schwindelte vielleicht gewaltig, wenn er sagte, er sei geschickt worden, vielleicht hatte er den Gang auf eigene Rechnung gemacht, und jedenfalls konnte er in der kurzen Zeit, die er weggewesen war, nicht bis an die Gruben hinaufgekommen sein. — So von außen kann man nicht sehen, ob die Gesellschaft wieder anfangen will, sagte Isak. — Nein, das räumte der Ladendiener ein, aber Aronsen habe ihn nun einmal heraufgeschickt, und es sei ja auch wahr, vier Augen sähen mehr als zwei.

Aber nun konnte sich Inger nicht mehr halten, sie fragte: Ist es wahr, was die Leute sagen, daß der Aronsen verkaufen will? — Der Ladendiener antwortete: Er spricht davon. Und ein Mann wie er kann tun, was er will, er hat das Geld zu allem. — Na, hat er wirklich soviel Geld? — Ja, erwidert der Ladendiener und nickt, daran fehlt es nicht. — Wieder kann Inger nicht schweigen, sie fragt: Was will er wohl für das Gut? — Doch jetzt greift Isak ein, er ist vielleicht noch neugieriger als Inger, aber der Gedanke, Storborg zu kaufen, soll nun einmal durchaus nicht von ihm herrühren, und so tut er, als ob ihn das gar nichts anginge. Er sagt: Weshalb fragst du denn, Inger? — Ach, ich frage nur so, erwidert sie. — Beide sehen gespannt den Ladendiener an und warten. Endlich rückt er mit der Antwort heraus.

Er spricht sehr zurückhaltend, von dem Preis weiß er nichts, aber er weiß, was Aronsen selbst gesagt hat, daß Storborg ihn gekostet habe. — Und wieviel ist das? fragt Inger, denn sie vermag nicht zu schweigen und den Mund zu halten. — Sechzehnhundert Kronen, erwidert der Ladendiener. — Ach so! Inger schlägt sofort die Hände zusammen, denn wenn die Weiberleute etwas nicht haben, so ist es, in Beziehung auf Güterpreise, Witz und Verstand. Aber sechzehnhundert Kronen sind nun einmal keine kleine Summe hier im Ödland, und Inger hat nur eine Angst, daß sich nämlich Isak dadurch abschrecken lassen könnte. Aber Isak ist unerschütterlich wie ein Fels und sagt nur: Das machen die großen Häuser. — Ja, sagt auch der Ladendiener Andresen, das machen die gewaltig großen Häuser.

Kurz ehe der Ladendiener geht, hat sich Leopoldine zur Tür hinausgedrückt. Es ist höchst sonderbar, aber es kommt ihr ganz unmöglich vor, ihm die Hand zu geben. Sie hat indes einen guten Platz gefunden, sie steht in dem neuen Stall und schaut zu einem der Fenster hinaus. Sie trägt ein blauseidenes Band um den Hals, das hatte sie vorher nicht gehabt, und das merkwürdigste ist, daß sie Zeit gefunden hat, es umzubinden. Da geht er vorbei, er ist etwas klein und rund, mit flinken Beinen, hat einen blonden Vollbart und ist acht bis zehn Jahre älter als sie. Er ist ganz nett, sollte sie meinen.

Spät in der Nacht zwischen Sonntag und Montag kamen die Kirchgänger wieder zurück. Alles war gut gegangen, die kleine Rebekka hatte auf der Heimfahrt während der letzten Stunden geschlafen, und sie wurde auch schlafend aus dem Wagen gehoben und ins Haus getragen. Sivert hat viel Neues erfahren, aber als die Mutter fragt: Was gibt's denn Neues? sagt er nur: Oh, nichts Besonderes. Der Axel hat eine Mähmaschine und einen Reolpflug. — Was du sagst? ruft der Vater mit großem Interesse. Hast du sie gesehen? — Ja, ich habe sie gesehen, sie standen am Landungsplatz. — So, deshalb ist er also in der Stadt gewesen! sagt der Vater. Und Sivert sitzt dick geschwollen von besserem Wissen da, sagt aber kein Wort mehr.

Mochte der Vater glauben, Axel sei in die Stadt gefahren, um eine Mähmaschine und einen Reolpflug zu kaufen; auch die Mutter sollte das nur glauben. Ach, aber keines der beiden Eltern glaubte das wirklich, sie hatten auch munkeln hören, daß das mit einem neuen Kindsmord in der Gegend zusammenhing. — Geh du jetzt nur zu Bett! sagt der Vater schließlich.

Sivert, dick geschwollen von Wissen, geht und legt sich zu Bett. Axel ist zu einer Verhandlung vorgeladen, es war eine große Sache, der Lensmann ist mit ihm hingereist. Es war eine so große Sache, daß auch die Frau Lensmann, die wahrhaftig wieder ein Kleines hatte, ihr Kind verließ und mit in die Stadt reiste. Sie hatte gesagt, sie wolle ein Wort mit dem Gericht reden.

Nun schwirrten Klatsch und allerlei Gerüchte durchs Dorf, und Sivert merkte gut, daß auch wieder von einem älteren Kindsmord geflüstert wurde. Vor der Kirche stockte jede Unterhaltung, wenn er sich nahte, und wäre er nicht der gewesen, der er war, so hätten ihm die Leute vielleicht den Rücken gekehrt. Es war recht gut, Sivert zu sein, erstens einmal von einem großen Hof zu stammen, eines reichen Mannes Sohn zu sein und dann auch selbst für einen tüchtigen Kerl, für einen guten Arbeiter zu gelten. Er wurde von anderen geschätzt und hochgeachtet, und er hatte auch jederzeit die Volksgunst genossen. Wenn jetzt nur nicht Jensine zu viel hörte, ehe sie wieder nach Hause fuhren. Sivert hatte übrigens so seine eigenen Gründe zur Beängstigung, auch die Leute auf dem Ödland können erröten und erbleichen. Er sah, wie Jensine mit der kleinen Rebekka aus der Kirche trat, sie hatte auch ihn gesehen, war aber einfach vorbeigegangen. So wartet er eine Weile und fährt dann beim Schmied vor, um die beiden abzuholen.

Beim Schmied wird zu Mittag gegessen, das ganze Haus ist versammelt, und auch Sivert wird etwas zu essen angeboten, aber er hat schon gegessen und dankt. Sie wußten, daß er um diese Zeit kommen werde, sie hätten auch die kleine Weile auf ihn warten können, in Sellanraa hätte man das getan, aber hier tat man es nicht. — Ach nein, du bist es jedenfalls besser gewöhnt, sagt die Frau des Schmieds. — Hast du in der Kirche etwas Neues erfahren? fragte der Schmied, obgleich er selbst in der Kirche gewesen ist.

Als Jensine und die kleine Rebekka auf dem Wagen sitzen, sagt die Schmiedfrau zu ihrer Tochter: Ja, ja, Jensine, laß es nun nicht zu lange anstehen, bis du wieder nach Hause kommst. — Das kann man auf zwei Arten verstehen, dachte Sivert, aber er mischte sich nicht in die Sache. Wäre die Rede ein klein wenig bestimmter gewesen, so hätte er vielleicht Antwort gegeben. Er runzelt die Stirne und wartet — nein, nichts mehr.

Sie fahren heimwärts, und die kleine Rebekka ist die einzige, die etwas zu plaudern hat, sie ist erfüllt von dem Erlebnis ihres Kirchganges, von dem Geistlichen in seinem schwarzen Talar mit dem silbernen Kreuz, von dem Lichterglanz und dem Orgelschall. Nach einer langen Weile sagt Jensine: Das mit Barbro ist eine Schande! — Was hat deine Mutter damit gemeint, daß du bald wieder nach Hause kommen sollest? fragt Sivert. — Was sie damit meinte? — Willst du uns verlassen? — Einmal muß ich ja doch wieder nach Hause, sagt sie. — Prrr! ruft Sivert und hält das Pferd an. Soll ich jetzt gleich wieder mit dir umdrehen? fragt er. — Jensine sieht ihn an, er ist blaß wie der Tod. — Nein, erwidert sie, und gleich darauf fängt sie an zu weinen. Die kleine Rebekka sieht erstaunt von einem zum andern. Ach, die kleine Rebekka war sehr nützlich auf einer solchen Fahrt, sie ergriff Partei für Jensine, streichelte sie und brachte sie wieder dazu, daß sie lächelte. Und als die kleine Rebekka ihrem Bruder drohte, sie werde vom Wagen springen und sich einen Stecken für ihn suchen, da mußte auch Sivert lächeln. — Aber nun muß ich fragen, was du gemeint hast? sagt Jensine. — Sivert antwortet ohne Bedenken: Ich meinte, daß wir, wenn du uns verlassen wollest, eben sehen müßten, ohne dich fertig zu werden. — Lange Zeit darauf sagte Jensine: Jawohl, die Leopoldine ist ja nun erwachsen und kann meine Arbeit tun.

Es wurde eine wehmütige Heimfahrt.

7

Ein Mann geht übers Ödland hinauf. Es stürmt und regnet, die Herbstregen haben begonnen, aber darum kümmert sich dieser Mann nicht, er sieht froh aus und ist es auch; es ist Axel Ström, er kommt vom Verhör, wo er freigesprochen worden ist. Und er ist froh: erstens stehen eine Mähmaschine und ein Reolpflug für ihn drunten am Landungsplatz, und zweitens ist er freigesprochen. Er hat nicht geholfen, ein Kind zu ermorden. So kann es gehen!

Aber was für schwere Stunden hat er durchgemacht! Als er dastand und Zeugnis ablegte, hatte dieser sich in täglicher Arbeit abmühende Mann die schwerste Arbeit seines Lebens vor sich gehabt. Er hatte keinen Nutzen davon, Barbros Schuld zu vergrößern, deshalb nahm er sich in acht, ja nicht zuviel zu sagen, ja, er sagte nicht einmal alles, was er wußte, jedes Wort mußte aus ihm herausgefragt werden, und meistens antwortete er nur mit ja und nein. War das nicht genug? Sollte die Sache noch größer gemacht werden, als sie schon war? Ach, es sah häufig aus, als ob es Ernst werden wollte; die hohe Obrigkeit war gar so schwarz gekleidet und gefährlich, mit wenigen Worten hätte sie alles zum Schlimmsten wenden und ihn vielleicht gar verurteilen können. Aber es waren nette Leute, sie wollten seinen Untergang nicht. Und außerdem traf es sich auch noch so, daß mächtige Kräfte in Tätigkeit waren, um Barbro zu retten, und das gereichte auch ihm zum Nutzen.

Was in aller Welt konnte ihm nun noch geschehen?

Barbro selbst konnte doch wohl nicht auf die Gedanken kommen, Aussagen zu machen, die ihren gewesenen Hausherrn und Liebsten belastet hätten; er war im Besitz eines gar zu furchtbaren Wissens, sowohl um diese wie um eine frühere Kindsangelegenheit, so dumm war Barbro nicht. Oh, und sie war schlau genug, sie lobte Axel und sagte, er habe nicht das mindeste von ihrer Niederkunft gewußt, bis alles vorüber gewesen sei. Er sei ziemlich eigen, und sie stimmten nicht überein, aber er sei ein stiller Mann und ein ausgezeichneter Mensch. Nein, daß er ein neues Grab gegraben und die Leiche hineingetan habe, das sei viel später geschehen, und zwar nur deshalb, weil er meinte, das erste Grab sei nicht trocken genug; das sei es übrigens doch gewesen, nur sei Axel eben gar so eigen.

Was konnte also Axel geschehen, wenn Barbro so die ganze Schuld auf sich nahm? Und für Barbro selbst waren sehr mächtige Kräfte in Bewegung; die Frau Lensmann Heyerdahl war in Bewegung.

Sie ging zu Hoch und Nieder und schonte sich keineswegs, sie verlangte als Zeugin verhört zu werden und hielt vor Gericht eine große Rede. Als sie an die Reihe kam, stand sie vor den Schranken als recht vornehme Dame, sie erfaßte die Frage des Kindsmordes in ihrer ganzen Breite und hielt dem Gericht eine Vorlesung; man hätte meinen können, sie habe sich die Erlaubnis dazu im voraus erwirkt. Man konnte von der Frau Lensmann sonst denken, was man wollte, aber Reden halten konnte sie, und gelehrt in Politik und allen sozialen Fragen war sie. Es war nur ein Wunder, wo sie alle die Worte hernahm. Ab und zu hatte es den Anschein, als wolle der Vorsitzende versuchen, sie zu veranlassen, etwas mehr zur Sache zu kommen, aber er hatte augenscheinlich nicht das Herz, sie zu unterbrechen, und so ließ er sie weiterreden. Und zum Schluß förderte sie einige brauchbare Aufklärungen zutage und machte dem Gericht einen aufsehenerregenden Vorschlag.

Von rechtstechnischen Weitläufigkeiten abgesehen, ging die Geschichte zu wie folgt:

Wir Frauen, sagte die Frau Lensmann, wir sind die unglückliche und unterdrückte Hälfte der Menschheit. Die Männer machen die Gesetze, wir Frauen haben keinen Einfluß darauf. Aber kann sich nun etwa ein Mann hineinversetzen in das, was es für eine Frau heißt, ein Kind zu gebären? Hat er ihre Angst gefühlt, hat er die unsäglichen Schmerzen gefühlt, und hat er ihre Weheschreie ausgestoßen?

In dem Falle hier ist es ein Dienstmädchen, das ein Kind geboren hat. Sie ist unverheiratet, sie muß also die ganze Zeit ihrer Schwangerschaft über ihren Zustand zu verbergen suchen. Warum muß sie ihn verbergen? Der Vorurteile der menschlichen Gesellschaft wegen. Diese Gesellschaft verachtet die Ledige, die ein Kind unter dem Herzen trägt. Sie beschützt sie nicht allein nicht, nein, sie verfolgt sie auch noch mit Schande und Verachtung. Ist das nicht haarsträubend? Jawohl, und jeder Mensch mit einem Herz im Leibe muß sich darüber empören! Das Mädchen muß nicht nur ein Kind gebären, was an sich schon schlimm genug wäre, nein, es soll auch noch dafür als Verbrecherin gebrandmarkt werden. Ich kann nur sagen, für dieses Mädchen hier auf der Anklagebank war es ein Glück, daß ihr Kind durch einen unglücklichen Zufall im Bach zur Welt kam und sofort ersticken mußte. Es war ein Glück für sie und für das Kind. Solange die Gesellschaft so ist wie jetzt, müßte eine ledige Mutter straffrei ausgehen, und wenn sie auch ihr Kind absichtlich umbringt!

Hier läßt der Vorsitzende ein schwaches Murren hören.

Oder jedenfalls dürfte sie nur unbedeutend bestraft werden, sagt die Frau Lensmann. Selbstverständlich sind wir alle darüber einig, daß das Leben des Kindes erhalten bleiben muß, sagte sie, aber sollte denn von allen Gesetzen der Menschlichkeit gar kein einziges auch für die unglückliche Mutter gelten? Stellen Sie sich doch einmal vor, was sie alles während der Schwangerschaft durchgemacht hat, welche Qualen sie erduldet hat, um ihren Zustand zu verbergen, und wie sie keinen Ausweg mehr wußte weder für sich selbst, noch für ihr Kind. Darein kann sich überhaupt kein Mensch versetzen, sagte sie. Das Kind stirbt jedenfalls eines wohlgemeinten Todes. Die Mutter wünscht weder sich selbst noch diesem lieben Kinde etwas so Böses, daß es leben soll, die Schande ist ihr zu schwer zu tragen, und indessen reift der Plan in ihr, das Kind zu töten. So gebiert sie im geheimen, und vierundzwanzig Stunden lang ist sie so von Sinnen, daß sie bei der Tat unzurechnungsfähig ist. Sie hat sie sozusagen gar nicht wirklich verübt, so von Sinnen ist sie. Während ihr noch von der Niederkunft jeder Knochen und jeder Muskel im Leibe weh tut, muß sie das Kind umbringen und die Leiche wegschaffen — stellen Sie sich einmal die Willensanspannung vor, die zu dieser Arbeit gehört! Aber natürlich wünschen wir alle, daß die Kinder am Leben bleiben, und es ist schwer zu beklagen, daß das Leben von einigen ausgelöscht wird. Aber das ist einzig und allein die Schuld der menschlichen Gesellschaft, dieser hoffnungslosen, unbarmherzigen, verleumderischen, verfolgungswütigen, boshaften Gesellschaft, die allzeit auf der Wacht steht, um die ledige Mutter mit allen Mitteln zu erdrosseln!

Aber selbst nach dieser Behandlung seitens der Gesellschaft können sich die mißhandelten Mütter wieder erheben. Sehr oft fangen gerade diese Mädchen nach ihrem gesellschaftlichen Fehltritt an, ihre besten und edelsten Eigenschaften zu entwickeln. Das Gericht könnte sich ja einmal bei den Vorsteherinnen der Asyle, in denen Mutter und Kind aufgenommen werden, erkundigen, ob das nicht wahr ist! Und es ist erfahrungsgemäß erwiesen, daß gerade die Mädchen, die — ja, die von der Gesellschaft gezwungen worden sind, ihr Kind zu töten, ausgezeichnete Kindermädchen werden. Das sollte doch jedermann Stoff zum Nachdenken geben.

Eine andere Seite der Sache ist die: Warum soll der Mann straffrei ausgehen? Die Mutter, die einen Kindsmord begangen hat, wird gepeinigt und ins Gefängnis geworfen, er jedoch, der Vater des Kindes, der Verführer, dem geschieht nichts. Aber solange er der Urheber des Kindes ist, hat er auch teil an dem Morde, und zwar den größeren Anteil, ohne ihn wäre das Unglück überhaupt nicht geschehen. Warum geht er frank und frei aus? Weil die Gesetze von den Männern gemacht werden, das ist die Antwort. Man sollte laut den Himmel um Schutz gegen diese Männergesetze ausrufen! Und das wird niemals besser, solange wir Frauen nicht bei den Wahlen und in den gesetzgebenden Versammlungen ein Wort mitzureden haben.

Aber, sagt die Frau Lensmann, wenn nun dieses grausame Gesetz die schuldige — oder mehr oder minder schuldige — unverheiratete Mutter trifft, die einen Kindsmord begeht, was sollen wir dann von der unschuldigen sagen, die nur des Mordes verdächtigt wird und gar keinen Kindsmord begangen hat? Welche Genugtuung gibt die Gesellschaft diesem ihrem Opfer? Keinerlei Genugtuung! Ich bezeuge, daß ich das hier sitzende angeklagte Mädchen kenne, seit es ein Kind gewesen ist; sie war in meinen Diensten, ihr Vater ist meines Mannes Amtsdiener. Wir Frauen erlauben uns, gerade entgegengesetzt zu denken und zu fühlen als die Männer mit ihren Anklagen und Verfolgungen, wir erlauben uns, eine Ansicht über die Dinge zu haben. Das Mädchen hier ist verhaftet und ihrer Freiheit beraubt, verdächtigt, erstens einmal im geheimen geboren und zweitens ihr Kind umgebracht zu haben. Sie hat — daran zweifle ich durchaus nicht — beides nicht getan. Das Gericht wird selbst zu dieser sonnenklaren Schlußfolgerung kommen. Im geheimen? Sie hat am hellen Tag geboren. Wohl ist sie allein gewesen, aber wer hätte bei ihr sein sollen? Sie wohnte weit droben im Ödland, der einzige Mensch außer ihr selbst, der zur Stelle war, das war ein Mann; hätte sie einen solchen in diesem Augenblick zur Hilfe rufen sollen? Wir Frauen empören uns schon allein bei diesem Gedanken, wir schlagen schamvoll die Augen nieder. — Und dann soll sie das Kind getötet haben? Es wurde in einem Bach geboren, sie lag da in dem eiskalten Wasser, als sie gebar. Wie ist sie in den Bach gekommen? Sie ist ein Dienstmädchen, also eine Sklavin, sie hat ihre täglichen Pflichten zu erfüllen, sie wollte in den Wald, um Wacholder zum Scheuern ihres Melkeimers zu holen. Als sie durch den Bach watet, gleitet sie aus und fällt. Sie bleibt liegen, das Kind wird geboren und erstickt im Wasser.

Die Frau Lensmann hält inne. Sie konnte es den Richtern und den Zuhörern ansehen, daß sie wunderbar gut gesprochen hatte, es war mäuschenstill im Saal, und nur Barbro trocknete sich von Zeit zu Zeit die Augen vor Rührung. Dann schließt die Frau Lensmann: Wir Frauen haben ein Herz; ich habe meine eigenen Kinder fremden Händen anvertraut, um hierherreisen, um für das unglückliche Mädchen, das hier sitzt, Zeugnis ablegen zu können. Männergesetze können einer Frau nicht verbieten zu denken: ich denke, daß das Mädchen hier ausreichend dafür bestraft ist, überhaupt nichts Böses getan zu haben. Sprechen Sie die Angeklagte frei, dann werde ich sie mit nach Hause nehmen, und sie wird das ausgezeichnetste Kindermädchen werden, das ich je gehabt habe.

Die Frau Lensmann ist zu Ende.

Der Vorsitzende bemerkt: Ja, aber wären es nun nach der Rede der Frau Lensmann nicht eigentlich die Kindsmörderinnen, die die ausgezeichneten Kindermädchen geben sollen? Oh, aber der Vorsitzende war nicht uneinig mit Frau Lensmann Heyerdahl, ganz im Gegenteil, auch er fühlte menschlich, ganz priesterlich mild. Während der Staatsanwalt dann noch ein paar Fragen an die Frau Lensmann richtete, saß der Vorsitzende ruhig auf seinem Stuhl und schrieb sich Anmerkungen auf.

Es war nicht viel mehr als eine Vormittagsverhandlung, da nur sehr wenige Zeugen zu verhören waren und die Sache ja auch ganz klar lag. Axel Ström saß da und hoffte das Beste, da schienen sich indes plötzlich der Staatsanwalt und die Frau Lensmann zu vereinigen, um ihn in Ungelegenheiten zu bringen, weil er die Kindsleiche begraben hatte, statt den Todesfall zu melden. Er wurde mit Strenge verhört und hätte vielleicht diesen Punkt nicht allzu gut erklären können, wenn er nicht hinten im Saal Geißler wahrgenommen hätte. Ganz richtig, da saß Geißler! Das gab Axel eine Art Stütze, er fühlte sich nicht mehr einsam und verlassen der Obrigkeit gegenüber, die ihm zu Leibe wollte; Geißler nickte ihm zu.

Jawohl, Geißler war in die Stadt gekommen. Er hatte sich zwar nicht als Zeuge gemeldet, aber er war doch zur Stelle. Er hatte auch vor Beginn der Verhandlung einige Tage dazu verwendet, sich Einsicht in den Fall zu verschaffen und das aufzuschreiben, was er noch von Axels Bericht auf Maaneland wußte. Die meisten der vorliegenden Dokumente waren in Geißlers Augen nur Wische; dieser Lensmann Heyerdahl war ein sehr beschränkter Mensch, er hatte es bei seiner Untersuchung von Anfang an darauf angelegt, Axel zum Mitwisser an dem Kindsmord zu stempeln. Dieser Esel, dieser Dummkopf, er verstand nicht das mindeste vom Leben im Ödland, er sah nicht ein, daß dieses Kind gerade das Band war, das die weibliche Hilfskraft an Axels Hof fesseln sollte.

Geißler redete mit dem Staatsanwalt, aber er gewann den Eindruck, daß dies gar nicht nötig gewesen wäre. Er wollte Axel dazu verhelfen, daß er wieder auf seinen Hof im Ödland kam, aber Axel brauchte gar keine Hilfe. Nein, denn es sah ja sogar ganz vielversprechend für Barbro selbst aus, und wenn sie freigesprochen wurde, fiel Axels Mitschuld von selbst weg. Es kam nur noch auf die Zeugenaussagen an.

Nachdem die paar Zeugen verhört waren — Oline war nicht vorgeladen, aber der Lensmann, Axel, ein Sachverständiger und ein paar Mädchen aus der Gemeinde —, nachdem also diese verhört waren, wurde Mittagspause gemacht, und Geißler ging wieder zu dem Staatsanwalt hin. Nein, der Staatsanwalt hatte die Ansicht, daß es immer noch vielversprechend für Barbro aussehe. Frau Lensmann Heyerdahls Zeugnis war von großem Einfluß gewesen. Es komme auf die Geschworenen an.

Nehmen Sie besonderen Anteil an diesem Mädchen? erkundigte sich der Staatsanwalt. — Einigermaßen, erwiderte Geißler. Eigentlich nehme ich mehr Anteil an dem Manne. — Hat sie auch bei Ihnen gedient? — Nein, sie hat nicht bei mir gedient. — Ach so, an dem Manne also? Aber das Mädchen? Die Teilnahme des Gerichtes ist auf ihrer Seite. — Nein, sie hat nicht bei mir gedient. — Der Mann ist mehr verdächtig, sagt der Staatsanwalt. Er geht ganz allein hin und begräbt die Kindsleiche mitten im Wald. Das ist entschieden verdächtig. — Er wollte das Kind wohl nur richtig begraben, sagt Geißler, das war beim erstenmal nicht geschehen. — Nun, sie war eine Frau und hatte nicht die Kraft eines Mannes zum Graben, und in dem Zustand, in dem sie sich befand, vermochte sie es nicht. Im großen ganzen, sagt der Staatsanwalt, haben wir uns zu einer menschlicheren Ansicht über diese Kindsmorde durchgerungen. Ich möchte es als Richter nicht auf mich nehmen, dieses Mädchen zu verurteilen, und wie die Sache liegt, kann ich ihre Verurteilung nicht beantragen. — Das ist sehr erfreulich, sagte Geißler mit einer Verbeugung. — Der Staatsanwalt fuhr fort: Als Mensch und Privatmann würde ich sogar noch weitergehen: ich würde keine einzige ledige Mutter, die ihr Kind umbringt, zur Strafe verurteilen. — Es ist sehr interessant, daß der Herr Staatsanwalt und die Dame, die heute Zeugnis abgelegt hat, gleicher Ansicht sind. — Ach sie! Sie hat übrigens gut gesprochen. Aber wozu alle diese Verurteilungen? Eine ledige Mutter hat schon zum voraus so unerhörte Qualen erduldet und sie wird durch die Härte und Brutalität der Welt in allen menschlichen Verhältnissen so tief hinuntergedrückt, daß das Strafe genug ist. — Geißler erhob sich und sagte zum Schluß: Ja, aber die Kinder? — Allerdings, mit den Kindern ist es sehr traurig, erwiderte der Staatsanwalt. Aber schließlich ist es ja auch für die Kinder ein Segen. Und gerade solchen unehelichen Kindern, wie schlecht geht es ihnen gewöhnlich! Was wird aus ihnen? — Geißler wollte vielleicht diesen wohlgenährten Mann ein wenig reizen, oder vielleicht wollte er sich auch nur als tiefsinnig und geheimnisvoll aufspielen, er sagte: Erasmus war ein lediges Kind. — Erasmus? — Erasmus von Rotterdam. — Ach so. — Und Leonardo war ein lediges Kind. — Leonardo da Vinci? So. Ja, Ausnahmen kommen natürlich vor, sie bestätigen nur die Regel. Aber im großen und ganzen! — Wir schützen Vögel und Tiere, sagte Geißler, und es klingt etwas sonderbar, daß kleine Kinder nicht auch geschützt werden sollen. — Der Staatsanwalt griff langsam und würdevoll nach einigen Papieren, zum Zeichen, daß er jetzt abbrechen müsse. Ja, sagte er geistesabwesend, ja, jawohl. Geißler bedankte sich für die außerordentlich lehrreiche Unterredung, der er gewürdigt worden sei, und ging.

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