Musikalische Leiden und Freuden. Novelle.
Reading edition
Zwei Freunde stiegen vor der Stadt vom Wagen, um zu Fuß durch die Gassen zu wandeln und den Fragen am Thor auszuweichen. Es war noch ganz früh am Morgen und ein Herbstnebel verdeckte die Landschaft. Etwas entfernt vom Wege bemerkten sie ein kleines Häuschen, aus welchem schon früh vor Tage eine herrliche Frauenstimme erklang. Sie gingen näher, erstaunt über den unvergleichlichen Diskant, wie über die ungewöhnliche Stunde. Einige Träger brachten Lauten und viele Notenbücher, die kleine Thüre öffnete sich, und neugierig gemacht, fragte der ältere Reisende einen von den Tagelöhnern: hier, mein Freund! wohnt wohl ein Musikus und eine Sängerin? Der Teufel und seine Großmutter wohnt hier! erscholl eine krächzende Stimme von oben aus dem offnen Fenster, und zugleich fiel ein Lauten-Futteral dem Fragenden auf den Kopf. In diesem Augenblick hörte der Gesang auf, und der Frager sah im Fenster ein kleines greises Männchen stehn, welches die zornigsten Geberden machte, und dessen funkelnde schwarze Augen aus tausend Runzeln hervor grimmige Blicke herunter schossen. Der Reisende wußte nicht, ob er lachen oder schelten sollte, doch sprach ihm aus dem greisen Kopfe etwas so Wunderliches an, daß er in Verlegenheit den Hut zog, und sich mit einer höflichen Verbeugung stumm entfernte.
Was war das, Herr Kapellmeister? sagte der jüngere Reisende, als sie das kleine Häuschen schon im Rücken hatten. Ich weiß nicht, erwiederte jener, vielleicht ein wahnsinniger alter Mann, vielleicht gar dort in der Einsamkeit, in der Nähe des Tannenwäldchens, eine Spukgestalt.
Sie scherzen, sagte der Sänger; ich begreife jetzt selber nicht, wie wir so gelassen seyn konnten, dem Alten auf seine Grobheit nichts zu erwiedern.
Lassen wir es gut seyn, sagte der Kapellmeister, indem sie schon die noch ruhige Straße der Residenz hinunter gingen: in dem Ton der Sängerin war etwas so Wunderbares, daß es mich tief ergriffen hat; ich war wie im Traum, und darum konnte mir auch der alte Thor keinen Zorn abgewinnen.
Wieder die alte Schwärmerei und Güte! rief der Sänger lachend aus; denn erstens haben wir so gut wie nichts gehört, und zweitens war in dem Wenigen noch weniger Besonderes zu vernehmen, es war weder Methode noch Schule in dem traurigen Gesange.
Als sie jetzt um die Ecke nach dem Gasthofe zu bogen, hörten sie aus einem obern Stock ein Lied pfeifen; ein rundes, junges Gesicht kuckte mit der Schlafmütze aus dem Fenster, und so wie er die Fußgänger gewahr wurde, schrie er: Haltet, Freunde! einen Augenblick! ich bin gleich unten! Gott im Himmel! das ist eine Erscheinung! Er zog den Kopf so schnell zurück, daß er ihn heftig an das niedere Fenster stieß und die Bekleidung des Hauptes langsam schwebend zu den Füßen des Kapellmeisters nieder sank.
Wunderbar! rief dieser, indem er die Zipfelmütze aufhob; sagen diese sonderbaren Vorbedeutungen uns etwas Gutes oder Schlimmes voraus?
Es ist unser Enthusiast Kellermann, erwiederte der Sänger: hören Sie, er rasselt schon mit dem Hausschlüssel.
In diesem Augenblick stürzte der Bewunderer im Schlafrock heraus und umarmte die beiden Künstler mit theatralischer Herzlichkeit; er wurde es nicht müde, jedem wieder von Neuem an die Brust zu stürzen, ihn zu drücken und dann die Arme verwundernd in die Höhe zu strecken, bis der Sänger endlich sagte: Laßt es nun gut seyn, Hasenfuß! Ihr habt das Ding jetzt hinlänglich getrieben. Ein Glück, daß noch kein Mensch auf der Straße ist, sonst würden Eure Bockssprünge in dem saffrangelben Schlafrock alle Gassenjungen aufregen.
Also Ihr seid nun wirklich da, Ihr goldnen Menschenkinder? rief der Enthusiast aus; was würde es mich kümmern, wenn der vollständige Magistratus an meinem Entzücken Aergerniß oder Theil nehmen wollte? Habe ich doch seit drei Monaten nicht begreifen können, wozu diese Gasse eigentlich gebaut sei, noch weniger, warum sie so viele Fenster zum Auf- und Zuschieben habe, bis nun endlich ihre Bestimmung erfüllt ist; Ihr kommt durch dieselbe hergegangen, und ich kucke da oben mit meiner verlornen Mütze heraus, um Euch im Namen der Nachwelt zu begrüßen. Also nun wird Eure Oper doch gegeben werden, ausbündigster Mann?
Sind denn Sänger und Sängerinnen auch noch alle gesund? fragte der lebhafte Kapellmeister.
So, so, erwiederte jener, wie es die Laune mit sich bringt; genau genommen, existirt das Volk gar nicht, sondern lebt nur wie im Traum; die Zugabe, die an die Kehle mit Arm und Bein gewachsen ist, macht es oft schwer, sie nur zu ertragen, der unnatürliche Geschwulst aber oben, den sie Kopf tituliren, ist wie ein Dampfkolben, um in diesem Recipienten die unbegreiflichsten Verrücktheiten aufzunehmen. In so weit sind sie alle gesund, als es ihnen bis jetzt so gefällt, ist aber die und jene Arie ihnen nicht recht, hat der eine zu viel, die andre zu wenig zu singen, geht die Arie aus As moll, wenn sie Gis seyn sollte, so fallen sie vielleicht binnen drei Tagen wie die Fliegen hin.
Zieht Euch an, sagte der Sänger, und kommt zu uns in den Gasthof hier drüben, so können wir mehr sprechen, auch sollt Ihr uns auf den Besuchen begleiten.
Ohne Antwort sprang Kellermann in sein Haus, und die Reisenden begaben sich in das Hotel, wo sie ihren Wagen schon fanden.
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Im Hause des Barons Fernow war am Abend große Gesellschaft versammelt. Der Ruf, daß der beliebte Kapellmeister und sein erster Tenorist endlich angekommen seien, hatte in die Wohnung des Musikfreundes alles getrieben, was sich für die neue Oper interessirte. Man hoffte, einige der vorzüglichsten Partien vorgetragen zu hören, und viele drängten sich hinzu, um wenigstens nachher in andern Gesellschaften darüber sprechen zu können.
In diesem Getümmel, welches der Hausherr, seine Frau und eine Tochter mit Klugheit beherrschten, schwamm der behende Enthusiast wie in einem Strome herum, um Jedem von der Herrlichkeit der neuen Composition begeisterte Worte, über die große Manier, die lieblichen Melodieen und den vortrefflichen Ausdruck in das Ohr zu raunen, obgleich er selbst noch keine Note davon gehört hatte. Sein rundes geröthetes Gesicht schob sich wie eine Kugel von einem zuhörenden Kopf zum andern, und die meisten Gesichter zogen jene nichtssagende Miene, die in Gesellschaften geistreiche Aufmerksamkeit bedeuten muß. Jetzt wurde ein Theil der Versammlung auf einen andern Gegenstand hingerichtet, denn in einfacher, höchstsauberer Kleidung trat ein junges Mädchen herein, von so glänzender Schönheit, daß man ihren unbedeutenden Anzug über den edlen und ausdrucksvollen Kopf, über die vornehme Geberde, den feinen Anstand gänzlich vergaß, und die Nahestehenden sie mit Ehrfurcht begrüßten. Die Tochter des Hauses eilte auf sie zu, indem sie ausrief: o meine theuerste Julie! wie glücklich machen Sie mich, daß Sie meinen Bitten doch noch nachgegeben haben! Aber Ihr Vater? — Sie wissen ja, erwiederte die Schöne, wie menschenscheu er ist, wie wenig er mit seiner Melancholie und Kränklichkeit in die Gesellschaft paßt; und ich gestehe, ich würde auch nicht gekommen seyn, wenn ich einen so großen Cirkel hätte vermuthen können.
Die Umgebung sprach über die außerordentliche Schönheit dieses Wesens, und man erfuhr, daß sie die Tochter eines armen Musikers sei, die aus einer entfernten Stadt dem Fräulein des Hauses einen Brief einer Freundin überbracht hatte. Immer noch hatte der Kapellmeister mit seinen Sängern keines der Stücke vorgetragen, weil der Wirth noch einen jungen Grafen erwartete, der einer der größten Enthusiasten für Musik seyn sollte. Denken Sie sich, sagte der Baron zum Kapellmeister, den sonderbarsten, unruhigsten aller Menschen, nichts interessirt ihn als Musik, er läuft von einem Concert in’s andre, er reis’t von einer Stadt zur andern, um Sänger und Compositionen zu hören, er vermeidet allen andern Umgang, er spricht und denkt nur über diese Kunst, und selten ist er doch ruhig genug, ein Musikstück ganz und mit völliger Aufmerksamkeit anzuhören, denn er ist eben so zerstreut als überspannt. Dazu scheint er den eigensinnigsten und eingeschränktesten Geschmack zu haben, so daß ihm selten ein Kunstwerk zusagt, eben so wenig ist er mit dem Vortrag zufrieden, und dennoch bleibt er Enthusiast. Er ist von großer Familie und reich, war eine Zeit lang in diplomatischen Geschäften an einem angesehenen Hofe, hat aber Alles der Musik wegen, die er doch oft nach seinen Reden zu verabscheuen scheint, aufgegeben.
Die nähern Freunde des Barons waren nach dieser Schilderung sehr begierig, einen Mann zu sehen, der wie von bösen und guten Geistern geplagt und verfolgt wurde. Als daher Graf Alten eintrat, sahen ihm alle mit großer Neugier entgegen. Er begrüßte die Gesellschaft hastig und sein dunkles Auge durchlief sie eilig; dann senkte er den Blick und setzte sein Gespräch mit einem alten, hagern und eingeschrumpften Italiener fort, welcher mit ihm gekommen war. Doch plötzlich brach er ab und rief halb vernehmlich: Himmel! was ist das? Er stand unmittelbar hinter Julien. Jetzt sang der Tenorist eine Arie der neuen Oper, und Alles schien begeistert, der Graf war in tiefen Gedanken. Nun, Eccellenza, fragte der Italiener am Schlusse, sein Sie contentirt? Ich habe keinen Ton gehört, antwortete der Graf, indem er den Kopf erhob und die schwarzen Locken aus der denkenden melancholischen Stirne strich.
Er benutzte die Pause, in welcher sich Alles lobend und bewundernd um den Kapellmeister drängte, vorzutreten und sich neben Julien zu setzen. Er wollte sie anreden, aber indem sie höflich das Antlitz zu ihm wandte, fuhr er wie erschreckt zurück. Nein, wahrlich, dergleichen hatte ich nicht erwartet! sagte er für sich. Das junge Mädchen war erstaunt und verlegen. Verzeihen Sie, redete der Graf sie heiterer an, Sie werden mich sonderbar finden; als ich vorher hinter Ihnen stand, mußte ich glauben, eine ehemalige Bekanntschaft zu erneuen, und jetzt bin ich von Ihrer mehr als wunderbaren Schönheit so geblendet worden, daß ich Zeit haben muß, um mich zu fassen. Die wahre ächte Schönheit kann wohl erschrecken, denn etwas Uebermenschliches kündigt sich unsern Sinnen und dem Gemüthe an. Himmel! wie müssen Sie singen!
Ich singe gar nicht, Herr Graf, und habe weder Stimme noch Kenntniß der Musik, erwiederte sie mit angenehmem Ton.
Der Graf sah sie prüfend an, schüttelte dann zweifelnd den Kopf und murrete unverständliche Worte verdrossen vor sich hin. Jetzt wurde ein Duett vorgetragen, und Alles war aufmerksam, nur der Graf betrachtete unverwandt seine Nachbarin. Das Duett war schwierig und die erste Sängerin äußerte ihren Verdruß, der Kapellmeister wurde empfindlich, wies zurecht, half nach, Alles vergebens; man mußte abbrechen, indem die Virtuosin behauptete, die Passage müsse geändert werden, weil sie ihrer Stimme ganz entgegen sei; der Componist meinte, er dürfe Ausdruck und Kraft nicht dem Eigenwillen aufopfern, denn die vortreffliche Künstlerin könne dies und noch schwierigere Sachen leisten, wenn sie sich nur bemühen wolle. Darüber aber wurde der Gesang völlig unterbrochen, und indem der Kapellmeister ein anderes Musikstück anordnen wollte, sagte der Graf zu Julien: ich wette, Sie können diese schwierige Stelle ohne Anstoß vom Blatte singen, wenn Sie nur wollen. Als Julie zu leugnen fortfuhr, sagte jener: Ihre Röthe, Ihr Auge widerspricht! Wie? dieser gewölbte Mund sollte in der Mitte der Lippen diese sanfte, seelenvolle Erhöhung von selbst haben, und nicht von den reinen vollen Tönen, die so oft über diesen Hügel schwebten? Denn nur der Ton, wenn er stark und lieblich die rothe Straße befährt, darüber klingend weht, bildet diese ausdrucksvolle Erhebung; ganz im Gegensatz jener gefurchten Mundwinkel, die jene berühmte Sängerin dort hat, die mit breitgedrückten und in die Länge gequetschten Lippen den armen kreischenden Ton hervor preßt. Sie versündigen sich, meine Schöne, daß Sie Ihr großes Talent verleugnen wollen.
Sie sind zu scharfsichtig, erwiederte Julie; um so trauriger, daß Sie dennoch irren.
Sie sprechen auch ganz wie eine Sängerin, fuhr jener fort, es ist ein lieblicher aber unterdrückter Ton in der Rede, der seine Fittige nicht auszufalten wagt. Wenn Sie doch nur wenigstens einen einzigen Ton anschlagen wollten! das Glück meines Lebens hängt davon ab, daß Sie singen können.
Sie quälen mich, Herr Graf, antwortete die Verlegne empfindlich; ich versichere Sie auf das Theuerste, ich werde nicht singen, weil mir diese herrliche Gabe von der Natur versagt wurde.
Gnaden, sagte der braune kleine Italiener, sollen Alles zu Virtuosen haben: kann aber nicht Alles singen, was hübsch und feinen Mund hat. Conträr! haben oft göttliche Prima Donna vor pur himmlisch Gesang und forzirt Schreien eine Schnautz wie Signor Cerberus, der die Talent hat, dreistimmige Sach solo durchzuführen.
Der frohe leichte Geist der Musiker war gestört, der Kapellmeister verstimmt, und die erste Sängerin mehr als verdrießlich. Der Enthusiast war in der Klemme, weil er es mit keinem verderben und doch keinen stummen gleichgültigen Zuschauer abgeben wollte. Da man sah, daß für diesen Abend nichts Bedeutendes mehr geschehen würde, so entfernten sich nach und nach die Fremden, auch die Musiker gingen, und nur der Kapellmeister blieb, dem sich der Enthusiast, ohne eine nähere Einladung abzuwarten, anschloß; der gedankenvolle Graf und sein Italiener verweilten ebenfalls, um mit der Familie des Barons beim Glase Wein und einem leichten Abendessen sich zu erheitern.
So ist es nun wieder wie fast immer ergangen, fing der Kapellmeister an, als sie um den runden Tisch saßen; man arbeitet sich ab, man studirt, man quält, und endlich freut man sich auch, wenn das Werk vollendet ist und gelungen scheint, und dann muß es diesen elenden, verdorbenen Handwerkern übergeben werden, die nichts gelernt haben, und mit dem Wenigen, was sie wissen, noch wie mit Wunderwerken hinter dem Berge halten wollen. Kann es einen traurigern Beruf, als den eines musikalischen Componisten geben? Denn endlich nun, wenn auch dieser Jammer durch Bitten, Drohen, Scherzen, Vergötterung, Lüge und Falschheit, durch kleine Aenderungen, Zusätze und Wegnahme überwunden ist, wird das gemarterte Werk der Laune des Publikums, und dem blinden Zufall, seinem allmächtigen Beherrscher übergeben. Nun muß es aber weder zu heiß, noch zu kalt, das Haus muß weder zu voll noch zu leer seyn, keine große politische Neuigkeit darf sich eben haben hören, ja keine Seiltänzer und Springer anmelden lassen, um das so nothwendige Klatschen und mit diesem armen Beifall einigen Enthusiasmus zu erregen. Und doch kann man es nicht lassen, sich wieder in der Vorstellung zu erhitzen, um eine neue undankbare Arbeit zu beginnen.
Wo ist die Dame geblieben? fuhr der Graf plötzlich auf.
Neben der Sie lange saßen? fragte die Tochter. Diese ist längst fort und von einer Magd abgeholt worden, denn sie wohnt entlegen, in einer fernen, unbekannten Gasse.
Die sollte ihre treffliche Arbeit singen, sagte der Graf, da würden wir etwas anders hören.
Sie irren, berichtigte die Tochter, ich weiß, daß das junge Frauenzimmer durchaus nicht musikalisch ist. Sie ist aber sonst in weiblichen Arbeiten sehr geschickt, auch hat ihr Vater, ein alter, verarmter Musikus, sie etwas zeichnen lernen lassen.
O du alter Sünder! rief der junge Graf im höchsten Verdruß: und keinen Gesang diesen Lippen, keinen Ton diesem schwellenden Munde! Ist es nicht, als wenn man der Rose den Duft rauben wollte, den die Natur ihr gleich im Erblühen mitgegeben hat?
Die Tochter war etwas empfindlich, denn sie glaubte auch eine Sängerin zu seyn, da aber der Kapellmeister in seiner Klage fortfuhr, so blieb ihre gespitzte Antwort unbeantwortet. Abgesehn aber, fuhr der Kapellmeister fort, von diesen armseligen Zufälligkeiten, so verkündigen sich auch erst am Kunstwerke selbst bei der öffentlichen Darstellung Mängel, welche sich der Componist vorher auf seinem Zimmer nicht hat träumen lassen. Denn mögen wir ein Werk noch so oft durchsingen, genau kennen, von allen Seiten prüfen, das Urtheil aller Freunde und Kenner vernehmen, so bleibt Manches, und oft das Beste, zurück und das Schlimmste zeigt sich bei der Aufführung erst. Und überhaupt — die Bestimmung des Künstlers! Ist sie nicht eine traurige? Ich setze mich zu keinem neuen Werke nieder, ohne innig überzeugt zu seyn, daß ich nun etwas ganz und durchaus Treffliches, Vollendetes erschaffen werde, das meine großen Vorgänger erreicht, und sie selbst hie und da übertreffen möchte. Diese himmlische Ruhe und Sicherheit verschwindet aber bald während der Arbeit; mein Entzücken an meiner Hervorbringung wechselt mit den bittersten Zweifeln. Dann fühl’ ich oft recht innig, daß ganz, ganz nahe an dem, was ich schreibe, das Wahre und Himmlische liegt, daß meine Noten anklopfen und den Wandnachbar, den unbekannten, begrüßen: mir ist, ich dürfte nur den Kopf so oder so wenden, so müßte mir der Genius sichtbarlich entgegen treten, — und immer, immer wieder erscheint er nicht! Mein Geist quält sich, um außen, weit ab, die Bahn anzutreffen — und so im Jammer, im Resigniren, arbeite ich weiter. Es gemuthet mir wie der Affe mit seiner traurigen Unruhe und dem fatalen Gesichterschneiden: vielleicht hat er jeden Moment dunkler oder deutlicher eine Ahndung von der Vernunft, will sie nun, die nah Erreichbare, und nun wieder haschen und sich dann besinnen, und findet sich immer wieder in seinem widerwärtigen Zustand eingeriegelt.
Jetzt trat noch ein Mann reifen Alters zur Gesellschaft, ein Gelehrter und Hausfreund des Barons, der sich fast täglich einfand, aber gern die größeren Versammlungen vermied. Sie haben wieder, redete ihn der Wirth an, unser Concert, wie Sie es gewöhnlich machen, nicht mit anhören wollen. Ich bin zu sehr Laie, erwiederte der Freund, und darum mag ich mich nicht unter die Kenner drängen; soll der Unmusikalische den Gebildeten durch seine trockne Gegenwart ihren Genuß verkümmern?
Wir kennen diesen Schalk schon, rief ihm der Kapellmeister zu, indem er den alten Bekannten begrüßte. Sie haben recht gethan, denn unsre Sängerinnen haben wieder den alten Spuk getrieben, schlecht gesungen, sich zu vornehm gedünkt, die Musik kritisirt, und endlich damit beschlossen, alle Musik in Verstimmung und Eigensinn zu beerdigen.
Sie sind also wirklich unmusikalisch? fragte der Enthusiast; und Sie machen auch kein Hehl daraus?
Warum sollte ich es? antwortete der Laie; kein Mensch kann alle Talente in sich vereinigen, oder alle seine schlummernden Anlagen erwecken und ausbilden.
Viel Charakter, es so dreist zu bekennen, erwiederte der junge Mann, der durch vieles Schwatzen während der Musik und dem hastigen Genuß des starken Weines in eine Laune erhitzt gerathen war, deren Sonderbarkeit er selber nicht zu bemerken schien: sehn Sie, fuhr er fort, daraus ist schon viel Unheil für mich entstanden, daß ich mich zu solchem Muthe nicht habe entschließen können. Ich war anfangs (und wie es schien, von Natur so geschaffen) gar kein Musikfreund, ich hatte kein Ohr, ich konnte keine Melodie behalten; darum vermied ich auch Concerte und Opern, und in Gesellschaften, wenn Lieder gesungen, wenn Cantaten aufgeführt wurden, sprach ich entweder, oder suchte eines Buches habhaft zu werden. Denn gewiß, nichts verschließt unser Ohr so sicher vor all den herein und durch einander fahrenden Tönen, als ein tüchtiges und vorhaltendes Gespräch über Stadtneuigkeiten oder einige interessante Verleumdungen. Sehe man nur den Stock! ertönte es nun von allen Seiten: hat die dicke Figur wohl eine menschliche Seele in seinen weitläufigen Fleischanlagen sitzen? Von der Musik, der göttlichsten aller Künste, nichts zu verstehn! Ist wohl ein Block, ein Stein, der nicht gewissermaßen von der himmlischen Harmonie gerührt werden müßte? — Nun gefiel mir dazumal auf mehr als gewöhnliche Weise ein gewisses Frauenzimmer: diese pflegte, so wie gesungen wurde, vor übermäßiger Empfindung herzlich zu weinen. Dieser nun war ich mit meinem kalten Herzen gradezu ein Abscheu. Wie? sagte sie, lieben wollen Sie, der Sie nicht einmal eine Ahndung jener Wonne haben, die aus dem Himmel stammt, und mit der Liebe so nah verwandt ist? — Da, Freunde! faßte ich nun den großen Entschluß, umzusatteln, und von der Musik gehörig begeistert zu werden. Alle meine Freunde und Bekannten erstaunten, als ihnen meine neugeprägte blanke Entzückung in die Augen strahlte. Da war nun auch gar kein Halten mehr, ich übertraf Alles in der Begeisterung, was ich nur je in den Gesellschaften hatte beobachten können; Alles zappelte an mir vor Freude, so wie nur das Clavier angeschlagen wurde, die Beine trommelten, die Arme schlenkerten, die Augen wackelten, ja ich nahm die Zunge zu Hülfe, und leckte mir zuweilen die vor Erstaunen weitgeöffneten Lippen. Dann mußten die Hände klatschen, die Augen, wenn es irgend möglich zu machen war, weinen, die ausgestreckten Arme Bekannt und Unbekannt an dies stürmische Herz schließen, das mit mächtigen Schlägen im wildesten Enthusiasmus klopfte. Ja, wenn ich nachher in mein einsames Zimmer trat, war ich so müde und matt, so mürbe und zerschlagen, daß ich zuweilen Kunst und Künstler, Liebe und Harmonie, so wie alle die bezaubernden Gefühle zum Satan wünschte.
Aber empfanden Sie nun wirklich recht viel? fragte der Laie lachend.
Das ist eine bedenkliche Frage, erwiederte der Enthusiast; was der Mensch so stürmisch will, davon muß wohl etwas auch wirklich in sein Wesen übergehn; es wäre unbegreiflich, wenn durch das vorsätzliche Nachspielen nicht hie und da ein Gefühl in unsrer Brust wiederklingen sollte. Aber um doch ganz aufrichtig zu seyn, so war mir bei all diesem Bewundrungsbemühen oft unerträglich nüchtern zu Muthe, so recht, was der Haufe langweilig nennt, und wenn ich nicht so stark mit Händen und Füßen gearbeitet hätte, so wäre mir wohl oft ein herzliches Gähnen angekommen. Das Schlimmste aber ist, ich habe doch nichts dabei gewonnen; denn meine boshaften Freunde meinten, ich hätte den Ansatz zu hoch genommen, und sei von der andern Seite vom Pferde wieder hinunter gefallen. Sei ich erst wie ein verstocktes dumpfes Thier gewesen, so erscheine ich jetzt wie ein verwilderter Hasenfuß, mein Enthusiasmus träte als ein verzerrender Krampf auf, man müsse fast glauben, mein Arzt habe mir diese übertriebene Motion nur empfohlen, um sie gegen mein Fettwerden zu gebrauchen. Ach! und die Musiker! Von denen habe ich das Meiste gelitten. Vor acht Monaten war es, als hier im Saal die beiden berühmten Compositeurs ihre Sachen aufführten. Wie der erste geendigt hatte, konnte ich ihm richtig mit fließenden Thränen an seinen Hals fallen, und der Mann klopfte mir selber über mein Entzücken gerührt mit aller Freundschaft auf den Rücken, wir drückten uns recht herzlich zusammen, und er sagte ganz laut, er habe noch keinen so gründlichen Kenner in allen Reichen der musikalischen Welt angetroffen. Nun brannte der andere Mann aber auch sein Kunststück los. Thränen hatte ich nicht mehr, es meldete sich aber ein großartiges Schluchzen, was noch höher lag als die Thräne, — und ein ganz stummer Druck, ein Vergehen, Aufgelöstseyn, fast sterbend in die Arme des zweiten Hinfallen, ja ein reelles Abstehn mußte diesen großen Meister belohnen. Der grobe Schelm ließ mich aber geradezu auf das Parket hinschlagen, ohne mir seine dankbare Brust unterzustemmen, und sagte, wie ich in der Kunstohnmacht lag, höhnisch zu mir: bleiben Sie in des Himmels Namen liegen, denn wer über die Stümperei jenes Menschen dort weinen kann, verdient gar nicht, einen Ton von mir mit seinen Ohren aufzufassen. So erhob ich mich, um Trost bei meinem großen Freunde zu suchen, dessen allergrößter Kenner ich war. Er sprang aber auch vor meinem Ausruf weg, so daß ich mit der Nase fast an die Wand stieß, unter dem nichtigen Vorwande, daß wer so wenig ächtes Gefühl besitze, daß er das Armselige wie das Edle so übermäßig bewundern könne, für die Kunst ein mißgeschaffenes Ungeheuer sei. Wie ich nun bei meiner Geliebten Hülfe suchen wollte, war sie ebenfalls gegen mich empört, denn ich hatte bei ganz unrechten Stellen geweint und da am lebhaftesten empfunden, wo grade die wenigste Empfindung hingehörte. O Theuerste, Verehrteste, möchte man nicht fast veranlaßt seyn, den Schwur zu thun, daß man bei Arioso und Cavatine, Finale und Ouvertüre, Adagio und Presto nur mit ruhig gekretschten Beinen dasitzen und höchstens zuweilen den Tact schlagen wolle; denn wenn all dies Hämmern und Puffen, dies Abarbeiten unsers irdischen entzückten Herzens, diese weissagende rinnende Thräne, die den Wiederschein der Unsichtbarkeit abspiegelt; wenn alles dies nichts fruchtet, sag’ ich noch einmal, und statt paradiesischer Sympathie nur die infernalische Antipathie erregt, so wünschte man ja lieber Balgentreter oder Schmiedegesell, als ächter Enthusiast zu werden. Darum wundert Euch nicht, wenn ich der undankbaren Kunst wieder einmal den Rücken wende.
Als man über diese Geständnisse lachte, sagte der Laie im frohen Muth: in meinem Leben gehören die Leiden der Musik auch zu den empfindlichsten. Nicht der zu starke Enthusiasmus hat mir geschadet, wohl aber sind meine Kinder- und frühen Jugendjahre mir durch Musik verbittert worden. Lächerlichkeiten, an die ich noch jetzt mit einigem Schrecken denken muß.
Sprechen Sie, alter Freund, rief der Kapellmeister, habe ich doch auch schon erst mein Leiden geklagt, was Sie freilich nicht mit angehört haben.
Ich mochte zwölf Jahr alt seyn, fing der Laie an, es ging mir gut, in der Schule rückte ich schnell hinauf, meine Lehrer so wie meine Aeltern waren mit mir zufrieden, als ein böser Geist, dieser Behaglichkeit und Harmonie zürnend, sein Unkraut unter den aufwachsenden Waizen säete. Mein Vater, ein strenger, aber heiterer Mann, ließ mir frei, meine Bestimmung zu wählen, er war ein Freund der Musik, aber ohne alles Talent. An einem Nachmittag fragt er mich, ob ich vielleicht Lust hätte, ein Instrument zu spielen. Mir war der Gedanke noch niemals gekommen; ich solle es mir überlegen, er verlange es nicht, aber wenn ich mich entschließe, müsse ich auch Ernst machen. Darauf kannte ich ihn, ich wußte, daß er sich nicht wundern würde, im Fall ich keine Musik triebe, aber einmal angefangen, durfte ich die Sache niemals wieder fallen lassen. Mir war, weil mein Ohr noch schlief, bis dahin alle Musik höchst gleichgültig und langweilig vorgekommen. Die Opern haßte ich geradezu, weil bei den Arien und Duetten, von denen ich nichts vernahm, die Handlung, die mich einzig interessirte, stehen blieb. Nie war in unserm Hausbedarf von Musik etwas vorgekommen, außer in den Stunden bei dem Tanzmeister, zu dessen vorzüglichsten Scholaren ich gehörte, der es mir aber nie hatte deutlich machen können, daß die Musik seiner Geige mit zum Tanz gehöre. Traf ich daher gleich anfangs den Tact, so tanzte ich meine Menuet, Cosak, oder was es war, trefflich hindurch. Fehlte es mir aber, so half kein Aufkratzen, Anhalten, Beschleunigen, mich wieder in den verlornen Tact zu werfen. Ich hielt es auch geradezu für Aberglauben, daß man herkömmlich zum Tanzen aufspiele. Konnte mich schon hier die Musik ängstigen, so brachte sie mich in der Kirche, die mir schon nicht erfreulich war, fast zur Verzweiflung. Meine Nerven waren schwach, und die losbrausende Orgel mit ihren schmetternden Tremulanten verwirrte mein Gehirn und unerträglich fiel mir der unisone kreischende Gesang der Gemeine. Mit beiden habe ich mich auch noch nicht vertragen lernen: die Orgel, sei sie eine erhabene Erfindung, erschreckt und ängstigt sie mich in der Nähe, und dieser Choralgesang, der sich so demüthig, wie gefesselte reuige Verbrecher, auf dem Boden hinschleppt, nimmt mir, so oft ich ihn auch gut vorgetragen höre, allen Muth, alle Poesie und Musik erlischt bis auf das letzte Fünkchen in meinem Gemüth, und ein nüchterner Lebensüberdruß bemächtigt sich meines Geistes.
Darüber ließe sich viel sagen, meinte der Kapellmeister, doch komme auch wohl eine seltne Eigenthümlichkeit des Laien hinzu.
So fern, begann dieser wieder, war ich aller Musik, und keine Spur eines Talents hatte sich gezeigt, als der böse Geist es mir in den Kopf setzte, in mir sei vielleicht ein großer Violinspieler verborgen. Die Geige wurde angeschafft, ein Lehrer angenommen. Es hatten sich aber nun der seltsamste Scholar und der wunderlichste Meister zusammen gefunden, denn dieser unterrichtete mich eigentlich so, als wenn ich schon seit Jahren ein nicht unwissender Violinspieler gewesen wäre. In der ersten Stunde ließ er mich nur die Geige anstreichen, was mir bei meinen zarten Nerven keine Freude verursachte. Zur folgenden hatte er mir schon ein Buch gemacht, und einige leichte Lieder hinein geschrieben. Dies Stück, sagte er, geht aus D dur; es war: Blühe, liebes Veilchen. Ich bekümmerte mich nicht weiter darum, was die beiden Kreuze oder D dur zu bedeuten hatten, ob es eine oder mehrere Tonarten gäbe, was die Tactabtheilung, oder die Striche an den Noten bedeuteten, sondern wir spielten nun wohlgemuth das Lied durch, und ich ihm nach, Fingersetzung und Alles aus dem Gedächtniß. So ging es beim zweiten und dritten Liede, welches aus C dur ging. Ich sah wohl, daß nun die Kreuze fehlten, und er nannte jedesmal die Tonart, wenn ich falsch griff, fand es aber gar nicht nothwendig, weitere Erklärung hierüber, oder über die Dauer der Noten hinzu zu fügen. Es klingt märchenhaft, aber eben so wahr ist es, daß ich in dieser Manier sechs bis sieben Jahr die Geige gestrichen habe, ohne daß der Trieb in mir erwachte, der Sache näher auf den Grund zu kommen, oder daß er es nothwendig geachtet hätte, unsrer practischen Kunst einige Theorie anzuhängen. Uebrigens kann man sich vorstellen, wie es lautete. Da ich Länge und Kürze der Töne, ihre Abweichung in Moll und Alles, was die Musik ausmacht, ohne jedes Verständniß, nur aus dem Gedächtniß spielte, (denn ich kannte nur die Note an sich selbst, so wie sie auf der Linie stand, und nichts weiter) da ich überdieß gar kein Gehör hatte, den Bogen schlecht führte, und in der Fingersetzung häufig irrte, so begreift sich’s, was ich für ein Charivari hervor brachte. Mein Meister, der wirklich geschickt im Spiel war, klagte in jeder Stunde über seine Ohren. Ich selbst litt, so oft ich die Violine unters Kinn nahm, wahre Höllenpein. Dies Schnarren, Pfeifen, Mauzen und Girren war mir unerträglich: selbst der beste Geiger hat, wenn man ihn zu nahe hört, einen Nebenton, die stark angestrichene Saite, besonders in der Applicatur, überschreit sich zuweilen, aber bei mir thaten sich fast nur die abscheulichsten Mißtöne hervor. Da meine Nerven so stark afficirt wurden, so zeigte sich mein Widerwille gegen das Geheul und Schnarzen, welches meine Finger so dicht vor meiner Nase erregten, auch deutlich in meinen Gesichtsmuskeln, der Mund und die Wangen begleiteten mit widerlichen Verzerrungen die hohen und tiefen Töne, die Augen klemmten sich zu und rissen sich auf, und ich fühlte deutlich, daß manche neue Falten und Lineamente sich formirten, die ursprünglich nicht für ein gewöhnliches Menschengesicht berechnet waren. Mein tiefsinniger Meister schüttelte oft sein Haupt, und meinte, so wenig Talent als ich habe keiner seiner Scholaren. Mir begegneten aber auch in der That mehr Unglücksfälle, als ich sonst bei ausübenden Künstlern wahrgenommen hatte. Kamen wir so recht in Eifer und lieferten, nachdem ich schon länger studirt hatte, die raschen muthigen Passagen: so rutschte im Allegro mein Bogen über den Steg, und im Entsetzen ließ mein Lehrer die Geige sinken, denn welcher Ton alsdann im heftigen Streichen aufquikt, weiß nur der, dem dieses Abenteuer begegnet ist. Mehr wie einmal fiel der Steg selber um, wie aus Mitgefühl, und ein heftiger Knall endigte mit Macht ein schmachtendes Largho mitten in der Note. Einmal sogar, und ich dachte der Tod ergriffe mich, brach der Knopf ab, der unten das Saitenbrett festhält, und sprang unbarmherzig gegen meine Nase. Für diese Stunde war denn unsre Harmonie zu Ende, und das Instrument mußte erst wieder hergestellt werden. Nach einem Zeitraum war denn auch mein Vater so neugierig zu hören, wie ich mich applicire. Ich trug ihm einige der Lieder vor, die ich am besten inne zu haben glaubte. Er erschrak über das, was er hörte, und erstaunte noch mehr über das, was er sah. Er meinte nämlich, in der Kunst, Gesichter zu schneiden, sei ich unbegreiflich weit vorgeschritten, und meine Musik könne doch von Nutzen seyn, Ratten und Mäuse zu vertreiben; er warnte mich nur zum Beschluß, den Ausdruck meiner musikalischen Physiognomie doch etwas zu beschränken, weil ich außerdem auf dem graden Wege zum Affen sei. Das war mein Lohn dafür, daß ich das damals populäre rührende Lied: Hier schlummern meine Kinder &c. ihm nicht ganz ohne Glück vorgetragen hatte, denn dies war gradezu meine Lieblings-Arie, in der ich firm zu seyn glaubte, die auch in den Mitteltönen mit melancholischer Gesetztheit verweilte, und nicht in den Discant oder gar in die Applicatur hinauf stieg, die ich ein- für allemal verabscheute.
Hatten Sie denn aber gar keinen Ersatz für diese mannigfaltigen Leiden? fragte der Kapellmeister launig.
Wenig, erwiederte der Laie: als mein Lehrer es nöthig fand, wegen des Ausdrucks für mich ein Sordin zu kaufen, den ich mit Freuden aufsteckte, weil es doch einmal einen andern Ton gab, die Dämpfung auch wie ein spanischer Reiter es dem reißenden Bogen unmöglich machte, wieder jenseit dem Steg zu springen. Auch machte es mir innige Freude, als wir erst weiter vorgerückt waren, in den Ouvertüren die Vierundsechszigtel als eine und dieselbe Note dreißigmal abzuspielen, welche meistentheils gegen Ende des Stücks, kurz vor dem Aufzug der Gardine, vorkommen. Diese wiederholte ich gern in der Einsamkeit, weil in diesen Passagen keine große Schwierigkeit ist, mir auch der so oft wiederholte Ton die Empfindung gab, als wenn ich in meinem geliebten Theater säße.
Aber damals, fragte der Kapellmeister, hatten Sie doch wohl einige klare Begriffe von der Musik?
So wenige, antwortete der Laie, wie in der allerersten Stunde; Tact, Vorzeichnung, Tonart, nichts von alle dem begriff ich, sondern spielte Sonaten und Symphonieen so pur aus dem Gedächtniß hin, wie ich es von meinem Lehrer hörte! auch vernahm ich keine Melodie, keinen musikalischen Gedanken; hie und da führten mir wohl ein paar Tacte eine Art von Verständniß herbei, das ich aber nie weiter verfolgen konnte. So fern war ich allem Begreifen, daß ich mir einmal einbildete, weil g, h, a und b vorkommen, daß das ganze Alphabet wohl in den Noten enthalten sei, und daß man bei der Composition eines Liedes nichts zu thun habe, als die Noten zu nehmen, die die Buchstaben eines Wortes bezeichneten, und sie dann schneller oder langsamer abzuspielen. Wie ich nun meinen Lehrer fragte, wo denn das m, r oder p stecke, wurde ich zwar von diesem sehr verlacht, aber doch nicht besser belehrt, denn er erstaunte nur immer von Neuem über meine ungeheure Einfalt, daß ich das alles nicht wisse, was sich doch von selbst verstehe. Eben da mir alle Musik nur wie ein Charivari vorkam, so ließ ich mir beigehn, auch selbst einmal zu componiren. Der Tact schien mir gleich ein Vorurtheil, eine Tonart brauchte ich noch weniger, und nie werde ich die Freude vergessen, die ich meinem Meister machte, als ich meine wild zusammen gewürfelten Noten ihm als meinen ersten dichtenden Versuch überbrachte. Er wollte sich ausschütten vor Lachen, und konnte nicht müde werden, sich unter Lust und Freude meine Phantasie vorzuspielen. Mir klang sie wie jede andere Musik.
Der braune alte Italiener erfreute sich sehr über diese Erzählung, und selbst der finstere Graf lächelte. Es ist unbegreiflich, sagte der Baron, daß Sie so lange ausgehalten haben. Ich mußte wohl, erwiederte der Erzähler, meines strengen Vaters wegen, da ich das Ungethüm einmal begonnen hatte. Sonst bekümmerte er sich nicht weiter um meine Kunst, weil er einigemal, da ich ihm Sonntags Nachmittags einen Zeitvertreib machen sollte, von meinem Spiel, wie er behauptete, Zahnschmerzen bekommen hatte. Einmal widerfuhr mir als ausübenden Künstler eine ausgezeichnete Demüthigung. Die Besitzerin des Hauses, in welchem wir wohnten, hatte zum Geburtstage ihrer erwachsenen Tochter eine große Anzahl hübscher Mädchen gebeten. Um das Fest unerwartet fröhlich zu machen, hatte die gute Dame mit meiner Mutter die Abrede getroffen, ich sollte heimlich mit meiner Geige hinauf kommen, im Nebenzimmer plötzlich stimmen, und den überraschten schönen Kindern dann einige englische Tänze aufspielen, damit sie einmal im Saale recht wohlgemuth herumspringen könnten. Ich wurde in das Nebenzimmer mit allem Geheimniß geführt: ich sah durch den Vorhang in die allerliebste Versammlung hinein, — aber nun, — die Geige stimmen! Wie gemein! Ich hatte es auch in meinem Leben nie versucht, weil mein Meister das besorgte, ich hörte auch niemals einen Unterschied, wenn sie nach seiner Meinung im Stande war, und wenn sie nicht jetzt schon richtig stimmte, so konnte ich auf jeden Fall nur Uebel ärger machen. Es schien mir edler sowohl wie vorsichtiger, mit meiner Lieblings-Arie mich anzukündigen, und so ließ ich dann plötzlich das: „Hier schlummern meine Kinder“ anmuthig ertönen. Die Freude dieser Nicht-Schlummernden war unbeschreiblich, mit Jubel ward ich in den Saal gezogen, wo ich wie geblendet stand, da ich noch niemals so viele reizende Wesen beisammen gesehen hatte. Das war ein Fragen und ein Bestellen; ich zeigte ihnen die englischen Tänze, die mir mein guter Meister in mein Notenbuch geschrieben hatte, ich spielte einen auf, aber er wollte nicht passen. Sie fragten nach der Anzahl der Touren und dergleichen, was mir alles unverständlich war. Ich sollte ihnen den Tanz und die Musik dazu arrangiren. Ich versuchte noch eine Anglaise und eben so die dritte, nun war meine Kunst zu Ende, und da auch diese nicht paßten und wir uns gar nicht verständigen konnten, so mußte ich, den sie im Triumph eingeholt hatten, mit der größten Beschämung wieder abziehen, und sie endigten ihren Nachmittag in Verdruß, der ihnen ohne die plötzliche unerwartete Freude heiter verflossen wäre. Meiner Mutter, die mich ausfragte, erzählte ich, die Mädchen hätten eigentlich gar nicht tanzen können; und so kam es mir auch vor, da sie sich aus meinem Spiel nicht zu vernehmen wußten. — Mein Meister wurde endlich zu einer auswärtigen Kapelle verschrieben, und nun glaubte ich, meiner Qual los zu seyn: mein consequenter Vater aber hatte schon wieder einen neuen Lehrmeister bei der Hand, der, als ich ihm meine Künste vorgespielt hatte, die Sache gründlich wieder von vorne anfing. Ich, der ich schon Symphonieen und die schwierigsten Sachen vorgetragen hatte, mußte jetzt jene mir verhaßten Choräle und Kirchenmelodieen einlernen, lauter Noten aus halben oder ganzen Tacten, weil mein neuer Meister behauptete, ich hätte weder Strich noch Fingersetzung. Dieser hatte ein so delikates Ohr, daß er bei meinen Mißtönen fast ärgere Gesichter schnitt, als ich selber, er lachte auch niemals über meine Ungeschicklichkeit und Mangel an Talent, wie der erste, sondern nahm sich die Sache sehr empfindsam zu Herzen, und war manchmal fast dem Weinen nahe. Zum Glück dauerte diese neue Schererei etwa nur ein halbes Jahr, worauf ich zur Universität abging, und seitdem kein Instrument wieder angerührt habe. Diese Bekenntnisse, meine Herren, schildern nur kurz den geringsten Theil meiner musikalischen Leiden, denn wenn ich sie ganz hätte darstellen wollen, würde mir Zeit und Ihnen die Geduld ermangeln.
Jetzt ist die Reihe an Ihnen, sagte der Baron Fernow, indem er sich zum alten Italiener wandte, Sie haben bei diesen Erzählungen eine besondere Freude gezeigt, und es ist wohl billig, daß Sie uns auch einige Ihrer Leiden mittheilen, die Ihnen wohl, als einem alten Virtuosen, nicht gefehlt haben können.
Ach! meine Herren, sagte der Alte mit einem sonderbaren Gesicht, meine Leiden seyn zu tragisch, um Plaisir zu machen, auch kann meine welsche Zunge nicht in die Landstraße von der deutsch Idiom recht fortkommen, muß daher um Nachsicht anfleh, wenn meine Confession etwas mit Confusion verschwägert seyn sollte. Ich war von Jugend auf geübt im Sang, fertig im Clavierspiel und guter Tenor, frisch auf Theatern mit Glück in Napoli gesungen, und brav beklatscht und e viva! mich zugerufen. Ging nach Rom, gefiel nicht so ausnehmend, denn die Herren Romani seyn kritischer Natur, bilden sich ein, die feinste Ohreinrichtung in den ganzen Italia zu haben. Ach! aber hier sah ich im Carneval eine junge Demoiselle, die Stunde bei mich nahm, um nachher in Firenza zu singen, auch auf das Theater. Ach! welcher Ton! welche Talente! welche Augen! Nun das war ein cara mia, amor und mio cour, bis wir, eh’ wir uns das Ding versahn, mitsammen davon gelaufen waren, und singen nun in Firenza auf Theater aus Leibesmacht als Mann und Frau. Hatten viel Zärtlichkeit in der Eh, aber auch manchen Verdruß, denn cara mia war der Jalousie ergeben, und meine Wenigkeit war dazumal ein gar hübscher Giovine und die Frauenzimmer rührten leicht mein Herz. Doch Alles ging gut, bis wir in eine deutsche Residenz engagirt wurden. Da lebte ein Compositeur, ein Maestro, so recht ein Theoretiko, voll Prätension, aber gescheidt, dabei ein hübsch wohlgewachsen Männel. Der Hortensio gefiel meiner Cara, und sie wollte nun seine Schülerin vorstellen, in edel große Manier singen, mit Seele, wie Hortensio sagte, nicht mehr aus Hals und Kehle, sondern so wie die Deutsche meinen, aus das Gemüth heraus. Gemüth! eine extra deutsche Erfindung, die alle andern Natione gar nicht kennen. Bis dahin hatte die Gute ihren schönen Ton gehabt, grausame Höhe hell wie Glas, spitz, laut, mochte Compositeur componiren wie er wollte, brachte er seinen hohen Ton, flugs hatten wir ihn weg, richtig mußte er in seine Passage und Cadenz hinein, hinaufgeschroben, höher und immer höher, da oben dann umgeschwenkt, und wieder hinab gegurgelt, und brava! brava! bravissima! aus den Logen heraus geschrieen, mit Fächern und Händchen geklopft, mia cara sich verneigt, Arme kreuzweis vor der Brust, und keinem Menschen wars eingefallen, daß monsieur Compositeur da hatte Gedanken, aparte Fühlungen hinein drechseln wollen. Aber Hortensio! Hortensio! bestia maladetta! denk’ ich, der Schlag soll mich rühren, wie ich zum ersten Mal die seelische Manier in mein Ohr hinein hör! Keine Passage, keine Uebergänge, keine Triller, singt daher wie ein Kalb, das geschlacht werden soll, pur ohne Manier und Methode. Ich war der primo nomo, konnte aber nicht lassen, meine prima donna im Liebesduett rechtschaffen in den runden Arm zu zwicken. Schreit sie auf gefährlich: meinen die Leut, das soll auch große neue Manier seyn, und fangen an zu lachen. Von dem Tage Zwietracht unter uns, kein Beifall vom Publikum mehr. Hortensio war großer Theoretiker und Enthusiast, wollte aber keinen Amanten abgeben, war verheirathet an eine gute Frau, die nach deutscher Manier ganz Seele war. Nun steigt in meiner zarten Isabelle die Bosheit immer höher. Sie will retour in alte brillante Manier, verflucht Seele und Gemüth, aber war nicht anders, als wenn die Töne wie Besessene durch einander schrieen, kochte und zwirbelte oft in der Gurgel, murrte und pfiff, als wenn Satansbrut in dem kleinen Hals mit einander auf Gabel und Besenstiel wie zum Schornstein hinaus auf die liebe Blocksberg fahren und rutschen wollten. So war das Elend komplett, fehlte nur noch, daß sie mir alle Schuld gab, und das that sie denn auch redlich: ich sänge so schlecht, wäre rückwärts gegangen: enfin, wir kriegten beide unsern Abschied mit kleine Pension. Zogen durch alle Provinz, den wohlfeilsten Ort anzutreffen und fanden immer die allertheuersten, gaben Concert, ich Privatstund im Singen. Die cara Isabella konnte aber Musik nicht aufgeben, und je ärger es wurde, je lieber sie sang, als kein Mensch mehr zuhören wollte, trieben wir das Spektakel privatissime auf unserer Stube. Ja, da mußte ich ganzer Mann seyn, um mit meine Heroismus das Schlachtgeschrei auszuhalten, und oftmals dachte ich, es müßte gesterben werden. Wir hatten großen mächtigen Kater, der lag immer auf das Clavier: sehn Sie, das Kerl fürchtete sich weder vor Ratz noch Maus, lief vor keine noch so große Hund, und hatte sich mal mit einem allmächtigen Bullenbeißer gekratzt: aber so wie meine Gemalin nur den Deckel aufmachte, um die Harmonie loszulassen, so lief das Katz was es konnte bis auf den allerobersten Boden. Wir tobten so gewaltig, daß uns kein Wirth mehr zum Miethsmann einnehmen wollte. Natürlich mochte nun kein Mensch mehr unser Concert hören, denn die menschliche Ohr seyn meistentheils etwas zart construirt und sehr viel Menschen haben fast natürlichen Widerwillen gegen Detoniren und widerwärtigen Gesang.
An einem Tage sagte mir die Gattin, ich solle meine beste Kleid anziehn, es sei große reputirliche Gesellschaft von Zuhörer gebeten. Wir sangen und tobten, es war aber kein Mensch da. Wie ich in der Nacht darüber mit ihr redte, sagte sie, die gewöhnliche Menschheit sei zu platt und grob organisirt, ihre Kunst zu fassen, darum habe sie Ueberirdische invitirt, die klagten niemals über Dissonanz, ich aber sei ein Gesell, zu plump, um die feinen Creaturen mit meine dumme Augen zu sehn. Nun gings immer so fort mit die Engelssocietäten, und sie erzählte mich viel von dem großen Beifall, den ihr Vortrag bei die Kenner fände. Am andern Abend, als wieder große Geisterassamblée bei uns war, und wir beide gnug schrieen, sagte sie zu mir plötzlich, ich sänge entsetzlich falsch, es sei nicht auszuhalten, und König David, der gewiß ein Kenner in Musiken sei, wolle gar nicht wieder kommen, wenn ich nicht richtiger und mit mehr Respect sänge. Ich sollte gleich hin, und Majesté um Verzeihung bitten. Wo sitzt er denn? Da, nahe am Ofen, denn der alte Herr hätte etwas kalt. Ich trug meine submisse Devotion in höfliche Redensart vor und wurde pardonirt.
Armer Mensch! sagte der Kapellmeister gerührt, und wie lange lebte die Wahnsinnige noch?
Bitte sehr um Verzeihung, erwiederte der Italiener, meine selige Gattin nicht zu lästern, war nichts weniger wie etwa toll im Kopf, dachte es auch erst, sah aber bald meinen Irrthum. Denn als es noch kälter wurde, die Tage immer kürzer, die Selige mich auch tüchtig tribulirt hatte und ich mir fast den Hals entzwei gesungen, weil diesmal alle Maccabäer uns die Ehre erzeigten, da sah ich, wie ich Licht hereinbrachte, die ganze Stube voll unsichtbarer Menschen, will sagen, verstorbene Geister. Seitdem mir nun die Binde von meine Augen herunter gefallen war, habe ich manche interessante Bekanntschaft unter die Abgeschiedenen gemacht, und hatte nun gar nicht mehr nöthig, viel mit die sterbliche Menschen umzugehn.
Das glaub’ ich, sagte der Baron, indem er den Erzählenden mit einem prüfenden Blicke anstarrte; die Tochter rückte etwas weiter von ihm weg, der Enthusiast war erstaunt, der Laie lachte, und nur der Graf, welcher ihn schon kannte, blieb ruhig. Wir sahen ein, fuhr der Alte fort, daß die zu weit ausgebreitete Bekanntschaft mit die ganzen Vorzeit etwas lästig werden könnte, und beschränkten uns nachher fast nur auf die berühmte Musiker. Ja, meine Herren, da habe ich nachher erst Dinge über Contrapunct, Wirkung, Ausbeugung und über Charakter von die Tonarten erfahren, die in keinem Buche stehen. Aber meine liebe Frau starb bald, und seitdem habe ich den Umgang auch nicht fortsetzen können, denn alle die Herren haben sich mich allein, da Cara mia nicht zugegen, seitdem mir nicht wieder gezeigt.
Der Baron fragte den Grafen nach einer Pause, ob er nicht auch vielleicht einige musikalische Leiden vorzutragen habe, und dieser, der bis jetzt geschwiegen hatte, fing so an: Ihre Klagen, meine Herren, waren zum Theil darüber, daß sie mit der Musik in Verbindung kamen, ohne eigentliche Lust oder scharfen Sinn für diese Kunst zu besitzen. Mein Elend kommt von der entgegengesetzten Seite. Von frühester Jugend war meine Freude an Musik, mein Trieb zu ihr überreizt zu nennen, auch machte er meinen Eltern und Erziehern gnug zu schaffen. Ich wollte nichts anders lernen, und verwünschte oft meinen Stand, der mich hinderte, ein ausübender Künstler zu werden. Wo nur ein Ton erklang, wo nur Gesang sich hören ließ, da war ich gleich mit ganzer Seele, und vergaß alle meine Geschäfte. Mein Vater, ein ernster, heftiger Mann, zürnte über meinen Enthusiasmus, der allen seinen Absichten feindlich zu werden drohte. Da ich auch zu leidenschaftlich war, und im jugendlichen Eifer wähnte, ich könnte meine Kunst nicht fanatisch gnug vertheidigen, so verletzte und kränkte ich oft meinen Vater auf ungeziemende Weise, und dieser Kampf, diese Reue und Zerknirschung über meine Hitze, Verstimmung gegen die Welt und mich, dies traurige, zerrissene Wesen verdarb mir völlig die Heiterkeit meiner Jugend, denn der gewaltsam errungene Genuß meiner Kunst war doch nicht im Stande, mir alles das zu ersetzen, was ich einbüßen mußte. Ja, sei es nun, daß meine Erwartungen zu hoch gespannt waren, daß meine Ahndung für das Höchste zu sehr meine Forderungen stimmte, genug, es wurden mir auch die Werke der Kunst selbst, so gut wie ihr Vortrag, oft allzusehr verkümmert. Denn ich glaubte nicht selten wahrzunehmen, daß man so vieles in die Musik aufgenommen habe, was dieser Kunst ganz fremd bleiben müsse, daß sie meistentheils zu sehr zum Zeitvertreibe herab gesunken sei, daß sie um Effecte buhle, die ihrer unwürdig sind, und daß die wenigsten Sänger nur wissen, was Vortrag und Gefühl zu bedeuten habe. Eine tiefe Schwermuth konnte sich meiner bemeistern, daß fast nirgend in der Welt die Stimmung angetroffen werde, die ich für nothwendig hielt, wenn diese hohe Kunst ihr Element finden sollte. Ich mußte denn endlich meinem Vater doch nachgeben und an den Geschäften Theil nehmen. Die Arbeit wurde mir leichter als ich mir vorgestellt hatte, und mein Vater, der mich wegen meiner Kunstliebe für fast blödsinnig gehalten, war so mit mir zufrieden, daß seine ehemalige Zärtlichkeit gegen mich erwachte. Nach einigen Jahren ward ich in diplomatischen bedeutenden Geschäften an einen großen Hof gesendet. Seit lange hatte ich die neuen Sänger und Sängerinnen beobachtet, und war fast mit allen unzufrieden. Wenn die Stimme das Gefühl, den Enthusiasmus der Leidenschaft ausdrücken soll, so muß sie sich großartig erheben, mächtig anschwellen, und die Höhe nur deswegen suchen, um die stärkste Lichtregion und Kraft zu gewinnen. In dieser Gegend ist es, wo Componist und Sängerin das Uebermenschliche der Liebe, der Klage, der Andacht und jeder Regung der Seele ausdrücken können: und doch fand ich fast immer, daß der Wohllaut, die Wollust dieser Klänge nur gebraucht wurden, um eine kleine Künstlichkeit, eine Art Springerei anzubringen, eine Virtuosität, die wohl ganz nahe an die Seiltänzer grenzt, und von der ächten Kunst ganz ausgeschlossen seyn sollte. Noch schlimmer fast erschienen mir diejenigen, die nach einer ziemlich verbreiteten neuen Manier den Ausdruck anbringen wollten. Kein Crescendo, kein Portament der Stimme, sondern ein plötzlicher Aufschrei, wie ein Angst- oder Hülferuf, dann ein eben so plötzliches Verhauchen, ein unmotivirtes Sinkenlassen des Gesanges, ein dumpfer Seufzer statt des Tons, und so fort in diesem schroffen eckigen Wechsel, so daß ich jetzt nichts hörte, und jetzt wieder von grellen Tönen erschreckt wurde, ein Unfug, den oft ein ganzes Publikum bewunderte, und der mir noch jenseit dem Anfange der Schule zu liegen schien, oder mir vielmehr wie der rohe unmusikalische Gegensatz alles Gesanges vorkam. Von dem neuesten Geschmack der Opern will ich schweigen, denn hier fände ich meinen Klageliedern kein Ende.
Als ich dem fremden Hofe mich vorgestellt hatte, empfing ich bald darauf den Bescheid, daß ich mit einem wichtigen Auftrage schnell in mein Vaterland zurück müsse. Am Abend war beim Bruder des regierenden Fürsten Concert, und eine fremde Sängerin wollte sich zum ersten Mal hören lassen. Ich begab mich in den Concertsaal. Nur der Sängerin Nacken, dessen blendende Weiße von einem wunderlich gekräuselten braunen Löckchen erhöht wurde, konnte ich wahrnehmen, so wie einen Theil des feingerundeten Ohres, so dicht war das Gedränge. Aber jetzt erhob das Mädchen den Ton, und ging in einen zweiten über, und strahlte den dritten aus, so mächtig, edel, rein, voll und lieblich zugleich, daß ich wie bezaubert stand, denn das war es, wie ich es mir immer gedacht, ja es war mehr, wie ich gewünscht hatte. Dieser reine, himmlische Discant war Liebe, Hoheit, zarte Kraft und Fülle der edelsten, der überirdischen Empfindung. Da hörte ich nicht den spitzen, blendenden Glaston, der noch die Harmonika überschleift, nicht die Betäubung in der letzten, schwindelnden Höhe, die wie mit Spitzen das Ohr verletzt und durchbohrt, nicht die Ohnmacht an der Grenze der Stimme, die erst ein Mitleidsgefühl in uns erregt, und von diesem dann Hülfe und Beifall bettelt: nein, es war die Sicherheit selbst, die Wahrheit, die Liebe. Nun begriff ich erst, wie Hasse hatte wagen können, zuweilen in seinen Arien durch viele Tacte den Sopran auf ein und zwei Sylben trillern, sich senken und wieder steigen zu lassen. Ich war so entzückt, daß ich mich und Alles vergaß, ich legte in diesem höchsten Augenblick meines Lebens das sonderbare Gelübde mir selber heimlich ab, daß nur dieses Wesen mit dieser Wunderstimme, oder keins, meine Gattin werden sollte. Der Rath und der Laufer des Fürsten hatten mich schon zwei-, dreimal erinnert. Ich ging zum regierenden Herrn in das Schloß hinüber. Es ward mir schwer, meine Lebensgeister zu dem sehr bedeutenden Gespräche zu sammeln. Nach der Audienz mußte ich mich in stürmischer Nacht in den Wagen werfen. Kein Diener, am wenigsten der alte Rath, mein Begleiter, wußten mir von der Sängerin etwas zu sagen. In meinem Vaterlande angekommen, erwarteten meiner dringende Arbeiten, die mich selbst in den Nächten beschäftigten, ich konnte meinen Vater, der auf dem Krankenbette lag, nur wenig sehn. Als ich fertig war und meinem leidenden Vater jetzt meinen Trost und Dienst widmen wollte, konnte ich ihm nur noch die Augen zudrücken. Jetzt wußte ich erst, wie theuer mir der edle Mann gewesen war, doch war es mir jetzt erlaubt, meiner Neigung zu folgen; ich entzog mich den Staatsdiensten. Sobald es meine geordneten Geschäfte zuließen, reisete ich nach jener Residenz zurück, — aber — und wie ist dies zu begreifen? Kein Mensch, kein Musiker, Niemand am Hofe wollte von jener Sängerin, oder jenem Abend, den ich beschrieb, etwas wissen, als sei diese einzige, himmlische Stimme eine der gewöhnlichsten Erscheinungen, die man kaum bemerkt und dann vergißt, oder als sei ich in Wahnsinn und Bezauberung, daß ich mir Alles nur eingebildet habe.
Als jede Nachforschung vergeblich war, suchte ich auf Reisen jenes Wunder wieder anzutreffen. Darum versäumte ich kein Concert und keine Oper, suchte jede musikalische Versammlung auf, und immer vergebens. Seit zwei Jahren führe ich dies unruhige traurige Leben, und heut Abend dacht’ ich thöricht zu werden, denn in der fremden Dame glaubte ich meine Unbekannte gefunden zu haben, dieselbe Locke im Nacken, derselbe feine Contour des Ohrs; und Mund und Physiognomie schienen mir ganz wie die einer Sängerin.
Die Tochter des Hauses versicherte noch einmal, daß der Graf sich durchaus irre, und daß seine Bemerkungen über Gesang fast eben so einseitig als fein zu nennen wären. Denken Sie denn Ihr sonderbares Gelübde zu halten? fragte hierauf der Baron.
Ich muß wohl, erwiederte der Graf, denn mögen Sie auch lächeln und es unbegreiflich finden, jener wunderbare süße Ton hat mir Liebe, wahre Liebe eingeflößt. Warum soll denn unser Auge der einzige Sinn seyn, der uns dies Gefühl, diesen enthusiastischen Taumel zuführt? Ich träume von dieser Engelsstimme, immer vernehme ich sie, Alles erinnert mich an diesen Ton: o Himmel! wenn er verschwunden, wenn sie gestorben seyn sollte! Ich mag mir die Unermeßlichkeit dieses Elends gar nicht vorstellen.
Die Uebrigen, den Laien abgerechnet, schienen diese Leidenschaft nicht begreifen zu können, oder an sie glauben zu wollen. Da es spät war, trennte man sich, und der Italiener begleitete den Grafen, in dessen Hause er wohnte.
Eccellenza, fing er in einer einsamen Straße an, thut mir die Gefälligkeit, mich übermorgen vor das Thor da in den Tannenwald zu begleiten, da will ich mir umbringen.
Narr! sagte der Graf, was fällt Euch einmal wieder ein? Habe ich nicht versprochen, für Euren Lebensunterhalt zu sorgen?
Alles recht schön, sagte jener, danke auch für die Großmuth; aber ich bin mein Leben völlig satt, so sehne ich mir nach meiner abgeschiedenen Hälfte.
Damit Ihr auch jenseit, fragte der Graf, Euer Katzenkonzert wieder fortsetzen könnt?
Nicht blos deswegen, erwiederte der Alte, bin aber mit Isabellen so gewohnt gewesen, mit Palestrina, Durante, Bach und alle große Leute, den königlichen Kapellmeister David mit eingerechnet, zu leben, daß ich es mit so ordinären Menschen nicht mehr aushalten kann. Wie rathen mich, Eccellenza, daß ich mir umbringen soll, hängen, schießen oder ersaufen?
Ich werde den Narren einsperren lassen, sagte der Graf.
Hat jedes etwas für sich, fuhr der Italiener fort, ohne sich stören zu lassen: Luft, Feuer, Wasser; jedes ein ganz gutes Element. Ein einziges Ding könnte mich mein Leben versüßen, so daß ich wieder in die Lebenslust einbisse.
Nun, und was?
Daß ich den Herrn Hortensio nochmal anträfe.
Und weshalb?
Daß ich ihn so recht abwamsen, durchdreschen könnte, daß er dazumal meiner Cara die Gesangmethode so verdorben hat.
Phantast! sagte der Graf, indem sie durch die Thür schritten. — Und was ist Eccellenza? murmelte der Alte, indem die Diener ihnen entgegen kamen.
———
Der Kapellmeister war in Verzweiflung. Es war ganz so gekommen, wie er gefürchtet hatte. Die erste Sängerin zeigte sich mehr als empfindlich, sie fühlte sich beleidiget, und sogleich war auf einen Wink von ihr eine recht schwere Krankheit da, die ihr es unmöglich machte, einen Ton zu singen, ja nur ihr Zimmer zu verlassen. Der Enthusiast wandelte und rannte hin und her, aber seine Vermittlung machte die Sache eher ärger als besser, denn da er treuherzig wieder erzählte, was jede der Parteien geäußert hatte, so wurde der Kapellmeister immer mehr erbittert, und die Sängerin ging am Ende so weit, daß sie verlangte, statt der beiden Haupt-Arien sollten zwei ganz neue gesetzt werden, und das Duo im letzten Acte müsse in den ersten und zwar gleich in den Anfang verlegt seyn, auch forderte sie noch für sich die große Arie der zweiten Sängerin, ohne welche Bewilligungen an keinen Friedensschluß zu denken sei. Ueber diese ungeheure Forderungen gerieth der Kapellmeister so außer sich, daß er schwur, sie solle nun in seiner Oper gar nicht singen, ob er gleich noch nicht wußte, wie er seiner Verlegenheit abhelfen sollte. Wenn nur meine Cara noch lebte! rief der alte Italiener aus, der an den Berathschlagungen Theil nahm, und jetzt die Verzweiflung des Kapellmeisters sah; ach! wie brillant könnte die Selige zum Theater wieder auferstehn! Die Rolle ist ganz und gar für sie geschrieben.
Könnt Ihr sie nicht vielleicht selbst übernehmen? fragte der Kapellmeister in tragischer Bosheit.
Signor si! rief der Alte, wenn Ihr kein ander Subject findet, ich kann zum Entsetzen einen hohen Sopran durch die Fistel singen.
Es kommt wirklich fast auf eins hinaus, rief der Componist in seiner Verzweiflung, ob man so oder so parodirt wird; wenigstens würde doch kein Liebhaber bei einer unpassenden Gelegenheit klatschen, und kein Eifersüchtiger oder der Bewunderer der zweiten Dame aus Neid pochen und zischen. Unternehmt Ihr, Alter, aber auch liebenswürdig zu erscheinen?
Was der Mensch leisten kann, antwortete jener, der es für Ernst hielt: vor dreißig Jahren war ich zum Malen hübsch, und wenn ich mal auf Carneval in Weibskleidern ging, lief mir alles junge Mannsvolk nach.
Die Prima Donna hätten wir also, sagte der Enthusiast, und wenn die Oper nur Nacht und Verfinsterung des Theaters erforderte, und kein Mensch die Sache erführe, so käme es wohl auf den Versuch an, welche Wirkung der alte Freund machen würde.
Wenn ich nicht vor der Aufführung todt bin, warf der Italiener ein, so wie das andere Subject krank ist, so möchte ich wohl in das Sterben gerathen.
Ich sehe schon, beschloß der Kapellmeister, ich bin vergeblich hergereist, ich habe umsonst alle Anstalten getroffen. So lange es unmöglich bleibt, von Obrigkeits wegen einen solchen Eigensinn zu bestrafen und zu hindern, so lange das Publikum selbst nicht eine solche Frechheit und Verachtung seiner so ahndet, daß kein zweiter dieselbe Vergehung wieder wagt, so lange bleiben wir das Opfer dieser Caprice von unwissenden Menschen, die für ihr mäßiges Talent viel zu sehr belohnt und von den Directionen und allen Zuhörern verzogen werden. Ich werde wieder einpacken.
Der Enthusiast weinte vor Schmerz, der Italiener aber sagte: Ihr habt ganz recht; nicht wahr, das Leben mit all den Mühseligkeiten ist nicht die Rede werth?
Ich bin es wenigstens völlig satt, antwortete der Componist.
Nun, so kommt mit mich, leistet mir Gesellschaft, sagte der Alte sehr freundlich, indem er sich an ihn schmiegte.
Wohin?
Nach jenseit, nach dem weiten großen Raum, wo man Ellenbogen-Freiheit nach Herzenslust hat. Sagt, Mann, wollen wir uns lieber ins Wasser schmeißen, oder frisch den Kopf abschießen, wie dem Vogel von der Stange?
Geht, rief der Musiker, Ihr seid schon am frühen Morgen trunken.
Nein, sagte jener, ich habe einmal einen heiligen Schwur gethan, mir aus dieser Welt hier fortzuschaffen, wenn ich nicht etwa den lieben Signor Hortensio wieder antreffen thäte: das würde natürlich die ganze Sache verändern. Aber wenn mir die Freude nicht arrivirt, sagt nur selbst, was ist denn das für ein lumpiges Leben hier unten? Da sitzt Ihr immer, närrischer Maestro, und klimpert auf das Clavier, und schreibt Eure Eingebungen auf, und ängstigt Euch um Invention, Charakter, Melodie, Styl, Originalität, und wie man Kunstwesen alles nennt: und wer dankt es Euch? Wer merkt es nur ein bissel? Laßt uns doch mal als vernünftige Männer in Tag hinein reden: ist es denn nicht spaßhafter, sich aus dem Staub zu machen? Ja, Ruhm, Nachwelt! Wollen der lieben Nachwelt ein bissel entgegen gehn, und mal hinter den Vorhang gucken, ob es solches Gethier überhaupt nur giebt. Uebermorgen, Freundchen, seid von der Parthie, ich bring’ auch Pistol mit: Ihr müßtet denn lieber baumeln wollen; ist aber jetzt windiges und garstiges Wetter.
Laßt die Narrenspossen, sagte der Musikus sehr ernst, es wird noch dahin kommen, alter Thor, daß Ihr nach dem Tollhause wandert.
Und wohnen da nicht auch Leute? sagte der Italiener grinsend; Ihr habt Vernunft noch nicht viel gebraucht, junger Mann, da ist sie noch ein bissel frisch! wer sie aber so wie ich strapazirt hat, da ist sie mürbe und matt; mir kommt’s gar nicht so sehr auf Ambition an, daß mich Eures gleichen für vernünftig, oder Weisen aus Griechenland hält. Ich habe wohl andern Umgang gehabt, als Ihr, Ihr armer, gegenwärtiger, kurzsichtiger Mensch! und wenn Nestor, oder Phidias und Praxiteles, mit die ich so oft konversirt habe, mich so etwas gesagt hätten, so hätte ich jeden einen Schlag an die Gegend von das Ohr gegeben.
Er lief wüthend fort, und der Kapellmeister setzte sich melancholisch nieder; auch der geschwätzige Enthusiast mußte ihn verlassen, damit er seinem Kummer recht ungestört nachhängen könne.
———
Nein, sagte am Abend der Laie zum Baron Fernow, ich habe dazumal einen Schwur gethan, niemals eine Geige wieder anzurühren, und darum verschonen Sie mich. Der Vater und die Tochter wünschten nämlich, er möchte ihnen nur etwas, das kleinste Liedchen vorspielen, um zu sehen, wie er sich in der Jugend mit seinem Instrumente ausgenommen habe.
Man sollte wohl nichts verschwören, sagte der Baron, am wenigsten die Ausübung einer so edeln Kunst.
Der Kapellmeister trat herein, und erzählte eine sonderbare Anmuthung, die ihm vom Grafen geschehen sei. Dieser habe ihn nehmlich besucht und gebeten, am heutigen Abend mit ihm und dem alten Italiener in den Wald vor die Stadt zu gehn, wo sich der Sänger erschießen wolle; der Graf wünsche wenigstens einen rechtlichen Mann zum Zeugen, der es nachher bewähren könne, daß der alte Thor sich selber umgebracht habe. Der Baron war der Meinung, man müsse den alten Verrückten sogleich fest nehmen und einstecken; die Uebrigen fielen bei, nur der Laie äußerte den Zweifel, ob nicht Jedem das Recht zustehen müsse, über sein Leben zu entscheiden, wie es ihm am besten dünkte. Hierüber entspann sich ein Streit, ob es dem Staate, oder den übrigen Menschen erlaubt sei, über irgend wen eine solche beschränkende Aufsicht zu führen, welches der Baron uneingeschränkt behauptete, da ein solcher durchaus, der einen so unklugen Vorsatz fasse, als ein Wahnsinniger zu betrachten sei.
So muß man erst ermitteln, was Wahnsinn ist, warf der Laie ein; denn wir sehn es in der Geschichte, wie die Gesetze und ihre Vollstrecker nach den Umständen und herrschenden Gesinnungen bald dieses bald jenes zum todeswürdigen Verbrechen gestempelt haben, welches andere Zeitalter zu Tugenden erhoben, oder gleichgültig ansahen, ja selbst verlachten. Frei zu denken, von gewissen Meinungen abzuweichen, hat ehemals Manchen auf den Scheiterhaufen geführt; wegen Zauberei, wegen angeschuldigter Künste ist Manchem der Stab gebrochen worden, und jetzt, wo wir in diesen Punkten Freiheit gestatten, und es doch dulden müssen, wie Viele durch Uebermaaß und Ausschweifung sich vorsätzlich und sichtlich zu Grunde richten, begreife ich nicht, wie man es den Elenden und Verstörten mit Recht verwehren kann, das Leben wegzuwerfen, wenn sie diesen Entschluß wirklich ergreifen.
Sie sind paradox, rief der Baron; ich bin nicht Philosoph gnug, um Sie widerlegen zu können, allein aus den Ueberzeugungen der Religion müssen Sie es selber schon wissen, daß Sie eine böse Sache vertheidigen.
Ich habe versprochen, mit auszuwandern, sagte der Kapellmeister, denn ich kann mir nimmermehr vorstellen, daß der alte Thor Ernst machen wird. Uebrigens wäre es wahrlich nicht zu verwundern, wenn ein armer geplagter Kapellmeister diese Gelegenheit benutzte, und ihm Gesellschaft leistete.
Der Graf trat wie verstört und tiefsinnig herein. Man fragte ihn, ob etwas Neues begegnet sei; er äußerte aber, die Erinnerung an jene Stimme, die ihm durch die neuliche Erzählung wieder mit frischer Lebhaftigkeit in das Gedächtniß gekommen sei, sein rastloses Suchen, die Qual dieser Spannung und die Unruhe, die es seinem ganzen Wesen mittheile, mache ihn völlig elend, und er habe beschlossen, wenn sich der Italiener erst erschossen habe, weiter zu reisen.
So halten Sie es denn für Ernst? fragte der Baron erstaunt.
Wenn er nicht wirklich dazu thut, antwortete der Graf, so nehme ich den Narren wieder auf die Reise mit.
Der Italiener trat herein und schien aufgeräumter, als man ihn noch je gesehen hatte. Alle betrachteten ihn mit einer gewissen Scheu, er aber nahm keine Notiz von diesem veränderten Betragen, und als jetzt der Enthusiast und der Sänger die Gesellschaft vermehrten, wurden Alle in heitern Gesprächen von einer vergnüglichen Laune beherrscht, den Grafen ausgenommen, der seine trübe Miene nicht veränderte. Lassen Sie uns, sagte der Kapellmeister endlich, Einiges von unsern neulichen Erzählungen aufnehmen. Wie ist es möglich, (indem er sich zum Laien wandte) daß Sie nach ihren neuerlichen komischen Bekenntnissen ein so großer Freund der Musik haben werden können? Vielleicht dadurch um so mehr, erwiederte dieser, weil das Gefühl, als es reif in mir war, durch sich selbst und stark erwachte, daß ich nichts Angelerntes, Nachgesprochenes in meine Liebhaberei hinüber nahm. Ich hatte es endlich dahin gebracht, daß ich kleine einfache Lieder begriff, die mir auch wohl im Gedächtniß hängen blieben, die trefflichen von Schulz, zum Beispiel, in denen uns, ohne daß sie uns eben poetisch aufregen, so behaglich und wohl wird, die uns so klar blauen Himmel, grüne Landschaften, leichte Figuren und anmuthige Empfindungen hinmalen, waren mir oft gegenwärtig und verständlich. Nur die größeren Compositionen, am meisten aber die dramatische Musik, waren mir zuwider, wenn ich auch in der letztern manchmal mit Wohlgefallen eine kleine Arie hörte, die sich dem Ohr einschmeichelte. Auch der Harthörigste lernt am Ende die kleinen melodischen Sachen fühlen, wenn ihm auch der Zusammenhang großer musikalischer Dichtungen unverständlich bleibt. Als das erste Mal Don Juan von Mozart gegeben wurde, ließ ich mich bereden, das Theater zu besuchen. Es war unlängst componirt, und des großen Mannes Ruhm noch in Deutschland nicht so begründet, wie bald nachher, welches ich besonders an einem hochgeachteten Musiker wahrnahm, der während und nach der Aufführung nicht gnug über den falschen Geschmack des Werkes reden konnte. Mir aber war, als fiele mir schon während der Ouvertüre eine Binde von allen Sinnen. Ich kann die Empfindung nicht beschreiben, die mich zum ersten Mal überraschte, daß ich wahre Musik hörte und verstand. Mit dem Verlauf des Werkes steigerte sich mein Entzücken, die Absichten des Componisten wurden mir klar, und der große Geist, der unendliche Wohllaut, der Zauber des Wundervollen, die Mannigfaltigkeit der widersprechendsten Töne, die sich doch zu einem schöngeordneten Ganzen verbinden, der tiefe Ausdruck des Gefühls, das Bizarre und Grauenhafte, Freche und Liebevolle, Heitere und Tragische, alles dieses, was dieses Werk zu dem einzigen seiner Art macht, ging mir durch das Ohr in meiner Seele auf. Daß es so plötzlich geschah, vermehrte meine Begeisterung, und ich konnte nun kaum den Belmont desselben Meisters erwarten, dessen Leidenschaftlichkeit mich nicht weniger entzückte. Auch andere Componisten suchte ich zu begreifen, und Glucks großen Styl, seine edle Rhetorik, sein tiefes Gemüth rissen mich hin, ich erfreute mich an Paisiello und Martini, Cimarosa’s heller Geist leuchtete mir ein, und ich bestrebte mich, die Verschiedenheiten des musikalischen Styls, so wie verschiedenartige Dichter zu erfassen und mir anzueignen. Während meiner Universitäts-Jahre verlor ich diese Kunst wieder aus dem Gesichte, doch zurück gekehrt war mein Eifer für sie um so brennender, vorzüglich da einige vertraute Freunde mein Urtheil und Gefühl läuterten. Jetzt wurde ich mit dem wundervollen Genius des großen Sebastian Bach bekannt, in dem vielleicht schon alle Folgezeit der entwickelten Musik ruhte, der Alles kannte und Alles vermochte, und dessen Werke ich etwa nur mit den altdeutschen tiefsinnigen Münstern vergleichen möchte, wo Zier, Liebe und Ernst, das Mannigfaltige und Reizende in der höchsten Nothwendigkeit sich vereinigt, und in der Erhabenheit uns am faßlichsten das Bild ewiger und unerschöpflicher Kräfte vergegenwärtiget.
Der Componist sagte: gewiß, es könnte Schwindel erregen, wenn man überschaut, was Alles vorangehen mußte, bevor Bach seine Werke schreiben konnte; aber es gehört auch wahrlich viel dazu, einer solchen Fuge oder einem vielstimmigen Satz auf die rechte Weise zu folgen, und ihn zu verstehn, es ist gleichsam eine Allgegenwart des Geistes, die ich einem solchen Laien am wenigsten zugetraut hätte.
Nach mehreren Jahren, fing der Laie wieder an, wurde mir es so gut, in eine edle Familie eingeführt zu werden, deren Mitglieder, vorzüglich die weiblichen, auf eine entzückende Art die Musik ausübten. Die älteste Tochter sang einen Sopran, so voll und lieblich, so himmlisch klar, daß ich bei Ihrer neulichen Beschreibung des Gesangs Ihrer Unbekannten, werther Graf, an diese unvergleichliche Stimme denken mußte. Hier vernahm ich nun neben manchem Weltlichen vorzüglich die großen und ewigen Gedichte des erhabenen Palestrina, die herrlichen Compositionen eines Leo und Durante, die Zaubermelodieen des Pergolese, den ich mit den Lichtspielen des Correggio vergleichen mußte, die trefflichen Psalme Marcello’s, die großartige Heiterkeit unsers Hasse, und das dramatische Requiem Jomelli’s: Manches von Feo, die Miserere von Bai und Allegri ungerechnet. So rein, ungeziert, im großen einfachen Styl, ohne alle Manier vorgetragen wird man schwerlich je wieder die Meisterwerke hören. Diese glückliche Zeit versetzte meinen Geist in eine so erhöhte Stimmung, daß sie eine Epoche in meinem Leben macht. Nur in wenigen schwachen Gedichten habe ich versucht, meine Dankbarkeit auszusprechen. Meine Seele war so ganz in diesen göttlichen Tönen aufgegangen, daß ich dazumal nichts von weltlicher Musik wissen wollte, es schien mir eine Entadlung der Göttlichen, daß sie sich zu den menschlichen Leidenschaften erniedrigen sollte. Ich glaubte, es sei nur ihre wahre Bestimmung, sich zum Himmel aufzuschwingen, das Göttliche und den Glauben an ihn zu verkündigen.
Ein Beweis, sagte der Kapellmeister, daß Ihr ganzes Herz damals von der Glorie dieser Erscheinung durchdrungen war. Man thut auch Unrecht, dergleichen wahre Begeisterung Einseitigkeit zu schelten, denn unsre Seele, wenn sie wirklich auf so große Art ergriffen und erschüttert wird, fühlt dann in diesem ihr neuen Element die ganze Kraft und Ewigkeit ihres Wesens: sie findet dann die Schönheit, von der sie früher gerührt wurde, erhöht und vollendet in der neuen Erscheinung, und sieht mit Recht auf ihre frühern Zustände als auf etwas Geringeres hinab. In wessen Herz eine solche Vision nicht steigen und es ganz ausfüllen kann, der weiß überhaupt nicht, was ächte Begeisterung ist. Und gewiß ist die Kirchenmusik, welche freilich die Neueren meist auch so tief herab gezogen haben, die erhabenste und schönste Aufgabe unsrer Kunst. Ich bin aber überzeugt, daß Sie späterhin von selbst eben aus Ihrem Enthusiasmus wieder den Weg zu Ihrem geliebten Mozart und andern gefunden haben.
Natürlich, fuhr der Laie fort, denn die Liebe kann sich ja doch niemals in Haß umwandeln. Ich habe immer die Menschen gefürchtet, die mit ihren Gefühlen in den Extremen schwärmen, und heut übertrieben verehren, was sie in einiger Zeit mit Füßen treten. Unsre Bildung kann und soll nur eine Modification einer und derselben Kraft, einer und derselben Wahrheit seyn, kein unruhiger Austausch und Wechsel, und kein hungerndes Verlangen nach Neuem und Unerhörtem, welches doch niemals befriedigend gesättiget werden kann. Als es mir nachher so gut ward, in Rom von der päbstlichen Kapelle viele derselben Sachen vortragen zu hören, so fühlte ich wohl, daß hier ein eigener traditioneller Vortrag des alten Canto fermo Manches anders und noch einfacher gestalte, aber weder dort noch in den Theatern habe ich je diesen unbeschreiblichen Discant wieder vernommen, und Pergolese oder andere neuere Kirchenmusik ist mir auch niemals in dieser Vollendung wieder vorgetragen worden.
Aus Ihren Beschreibungen, fing der Sänger an, muß ich wohl abnehmen, daß Sie mit der neuen Sängermanier wohl selten zufrieden seyn mögen. Ich gestehe Ihnen aber, daß ich hierin nicht ganz Ihrer Meinung seyn kann: zu große, zu schlichte Einfalt würde mich zurück stoßen, ich will den Virtuosen vernehmen, der die Musik und seine Stimme beherrscht. Wie der Deklamator nicht blos ruhig ablesen soll, sondern durch Erhöhung und Senkung der Stimme, durch kleine Pausen, durch rollende Töne erst zum Schauspieler wird, und das zur Kunst erhöht, was der ganz gute Vorleser doch in der niedrigen Region stehen lassen muß.
Sie haben gewiß Recht, erwiederte der Laie, vorausgesetzt, daß es wirklich das sei, was ich Deklamation im Schauspiel, oder Vortrag des Gesanges nennen kann. Was uns der Graf aber neulich als falschen und schlechten Ausdruck schilderte, muß ich freilich auch als meine Meinung unterschreiben. Und ist es denn in unsern Schauspielen anders? Wie denn überhaupt wohl nie Gebrechen und Vorzüge eines Zeitalters einzeln stehn können, sondern jede Kunst wird eine Abspiegelung der andern seyn, und selbst Staat und Geschichte müssen ebenfalls alle Gesundheits- oder Krankheitsstoffe wieder in ihrem großen verschlungenen Gewebe nachweisen. Eben so wie der Sänger schreit und seufzt, und selten das Gefühl im Ganzen ausspricht, welches die Arie oder das Duo von ihm fordert, so auch der Schauspieler; dieser hilft sich auch durch einzelne übertriebene Accente, herausgehobene Worte, stark unterstrichene Stellen, und muß darüber den Sinn des Ganzen fallen lassen, wodurch die Scene wie die einzelnen Stellen für den Kenner nüchtern und trivial werden. Denn wo gibt es jetzt wohl noch Schauspieler, an deren Leidenschaft man glaubt, die uns täuschen und in ihrem hohlen abgepufften Ton nur irgend Wahrheit sprechen? Ja unser Freund Wolf, so wie seine Gattin machen hievon eine ehrenvolle Ausnahme, so sehr, daß sie fast schon einzeln in Deutschland da stehn, wenn auch hie und da ein Talent sich zeigt, das aber immer nur zu Zeiten jener Manier widersteht, die unser Theater beinah schon völlig zerstört hat. Nicht, daß sich nicht viele Schauspieler bemühten, aber es ist hier eben so wohl wie im Gesange eine falsche Schule entstanden, die Ausdruck, Empfindung durch Einzelheiten, die nicht in der Sache selbst liegen, erregen will, und darüber das Ganze verdunkelt, und wenn wir uns strenge ausdrücken wollen, die Absicht der Kunst, ja diese selber vernichtet.
Sie haben vollkommen Recht, rief der Kapellmeister: aber machen es denn meine Handwerksgenossen, die Componisten selbst, anders? Kaum ein Lied wissen sie mehr zu setzen, wo sie nicht jede Strophe neu componiren, gewaltsam accentuiren, innehalten, abbrechen und in gesuchte und fernliegende Tonarten übergehn, um nur, wo sie die Empfindung wahrnehmen, so starke Schlagschatten hinzumalen, daß man diese Stellen nun zwar nicht übersieht, aber auch gewissermaßen mehr Schwärze als Farbe gewahr wird. Als wenn es dem Sänger nicht müßte überlassen bleiben, auch im wiederkehrend Einfachen eine leise Variation anzubringen, oder als wenn das nicht eben das musikalische Gefühl in unserer Natur wäre, in diesen sich wiederholenden Klängen ohne Weiteres vermöge unsrer Liebe zu ihnen das Mannigfaltige zu empfinden.
Sehr wahr, fügte der Laie hinzu, aus demselben Unglauben fürchtet auch mancher geniale Musiker, wie der herrliche Beethoven, nicht neue Gedanken genug anbringen zu können, deshalb läßt er so selten einen zu unsrer Freude ruhig auswachsen, sondern reißt uns, ehe wir kaum den ersten vernommen, schon zum zweiten und dritten hin, und zerstört so, wie oft, selbst seine schönsten Wirkungen. Sehn wir sogar auf die Götheschen Lieder, die er gesetzt hat: welche Unruhe, welche scharfe Deklamation, welches Ueberspringen. Ich möchte diesem trefflichen Manne, so wie manchem Andern nicht gerne Unrecht thun, aber die Reichardschen Melodieen zu den meisten dieser herrlichen Gesänge haben sich mir so eingewohnt, daß ich mir diese Gedichte, vorzüglich die frühern, nicht anders denken und singen kann.
Wenn Sie so gesinnt, nahm die Tochter das Wort, und die übertriebene falsche Gelehrsamkeit verwerfen, den Ausdruck schelten, der sich vordrängt, und darüber Melodie und eigentlichen Gesang verdunkelt, so hätten Sie ja nun selbst meinen geliebten Rossini gerechtfertiget.
O divino maestro! o piu che divino Rossini! rief begeistert und mit verzerrtem Gesicht der alte Italiener. Eccolo il vero! den ausgemachten Wunderdoktor des Jahrhunderts, der uns verirrte Schaafe wieder auf die rechte Straße bringt, der alle die falsche deutsche Bestrebunge maustodt schlagt, der mit himmlische unerschöpfliche Genie Oper über Oper, Kunstwerk auf Kunstwerk häuft, und sich Pyramid oder Mausoleum erbaut, worunter nachher alle die ausdrucksvolle, gedankenreiche und seelenmäßige Klimperlinge auf ewig begraben liegen.
O wie wahr! rief der Enthusiast, ich habe mir schon oft vorgenommen, keinen andern Componisten mehr anzuhören, so entzückt hat mich jedes seiner Werke, es kam mir nur unbillig vor, da ich doch selber ein Deutscher bin, mich so feindlich meinen Landsleuten gegenüber zu stellen.
Was hat die Landsmannschaft damit zu thun? sagte der Laie: manche Italiener, die gern eine Partei formiren möchten, haben es freilich bequem, wenn sie den Mozart oder gar Gluck zu den ihrigen rechnen, und so gegen Bestrebungen zu Felde ziehn wollen, die ihnen im Wege stehn. Giebt es aber eine wahrhaft deutsche Oper, eine Musik, die wir uns als national durchaus aneignen müssen, so ist es eben die Mozartsche, und es ist sehr gleichgültig, daß der Don Juan ursprünglich für italienische Sänger geschrieben wurde. Italien hat auch deutlich gnug bewiesen, daß es diesen großen und reichen Geist nicht fassen und lieben konnte. Mozart, Gluck, Bach, Händel und Haydn sind ächte Deutsche, die wir uns niemals dürfen abdisputiren lassen, und ihre Compositionen sind, recht im Gegensatz gegen die Italienischen, wahrhaft deutsche zu nennen.
Und dann, fügte der Kapellmeister hinzu, kann man gern dem Rossini Talent und Melodie zugestehen, wenn der Lobpreisende auch uns zugiebt, daß ihm in seiner Eile alles das abgehe, was den Componisten erst zu einem dramatischen macht. Regellos, willkührlich ist er durchaus, und achtet weder Zusammenhang noch Charakter, ja ich fürchte, in diesem leichten und wilden Spiel bestehe sein Talent, so wie das mancher dramatischen Schriftsteller, und ihn zwingen wollen, consequent zu seyn, dem Charakter und Inhalt gemäß zu componiren, hieße nur, ihm das Componiren selbst untersagen.
Sein schneller Ruhm, sagte der Laie, ist wohl nur entstanden, weil eben der ächte Sinn für Musik unterzugehen droht. Denn wie kann man sich doch nur mit diesem völligen Mangel an Styl vertragen, der allen seinen Melodieen einen so niedrigen, geringen Charakter aufdrückt? Seine Sangstücke sind großentheils sangbar, ja recht bequem für unsere jetzigen Sänger geschrieben, aber sehr häufig setzt er auch nur, so vielen Andern ähnlich, wie für Instrumente, und wenn sein Beifall noch lange währt, so wird er auch noch dazu beitragen, die Sänger völlig zu verderben, ja auch wohl den guten und edlen Vortrag der Instrumente, weil er Alles so kleinlich und geringe behandelt. Der Sinn für Musik erwachte bei uns auf eine schöne Weise, er kräftigte sich und es war uns vergönnt, Gluck zu verstehn und uns völlig anzueignen, eine so große Erscheinung, wie Mozart, entstand und vollendete sich vor unsern Augen, Haydns tiefsinniger Humor in seinen Instrumental-Compositionen ergriff alle Freunde der Kunst, des großen Händels Werke wurden wieder studirt, und selbst die Dilettanten fühlten sich von seiner Kunst entzückt, die das Mächtige, Gewaltige erstrebt, jeden kleinlichen Reiz verschmähend; wir sahen Anstalten gedeihen, die auch die alte Kirchenmusik, die herrlichen Werke der verstorbenen großen Meister wieder ertönen ließen, es schien, daß auf immer der Geschmack am Großen und Edeln gerettet sei. Nur hatte sich indessen die Menge auch mit der Musik scheinbar vertraut gemacht, und diese kann, wenn sie sich eine edle Sache aneignet, immer nur bis auf eine gewisse Weite mitgehn, dann wird sie nothwendig das Ergriffene in etwas Geringeres verwandeln, das ihr zusagt. Ehemals hatten wir nur Kenner und oberflächliche Liebhaber in Deutschland, jetzt aber entstand eine Halbkennerschaft statt der Freunde, die sich unschuldig ergötzten. Diese anmaßlichen Kenner haben mit lauter schreienden Stimmen nach und nach das Wort der wahren Musikfreunde verdrängt, ja diese gelten den neuern Enthusiasten wohl gar für eigensinnige, oder gefühllose Kritiker, die aus Neid und Mißlaune die glänzenden Erscheinungen der neuesten Zeit nicht anerkennen wollen. Darum hat auch in meiner Vaterstadt, in Berlin, Rossini am meisten Widerspruch gefunden, weil durch des unvergeßlichen Fasch herrlichen Eifer dort die treffliche Musik-Akademie gegründet wurde, die unser Freund, der wackre Zelter, nach dessen Tode in demselben Sinne fortgeführt hat. Durch die Vergegenwärtigung der alten Meisterwerke, durch den einfachen, edlen Gesang, der dort bekannter ist, als anderswo, sind die zahlreichen Mitglieder zum Bessern verwöhnt, und können sich unmöglich dem zierlich Nüchternen hingeben.
Sie werden es mit meiner Tochter völlig verderben, sagte der Baron lachend, denn sie meint, wo nur Effect sei, da wäre es lächerlich zu fragen, ob die Wirkung auch statt finden dürfe.
Sie hat vollkommen Recht, antwortete der Laie, ich aber auch, wenn ich behaupte, die Wirkung müsse gar nicht eintreten. Um diesen Punkt dreht sich ja die Kritik in allen Künsten.
Darum ist es ein Glück zu nennen, antwortete der Baron, ja gewissermaßen eine weise Lenkung des Kunstgenius, daß ein großer Componist sich diesem kleinlichen Unwesen so mächtig gegenüber stellt, und das so ausgezeichnet besitzt, Styl nehmlich, was jenem ganz abgeht. Ich spreche von dem nicht genug zu lobenden Spontini. Es läßt sich hoffen, daß von dieser Seite durch mächtige Wirkungen der Sinn der Deutschen wird gehoben, und ihr Wohlgefallen an diesem Melodieenkitzel beseitigt werden.
Der Laie schien so in Eifer gerathen zu seyn, daß er allein das Wort führen wollte. Gewiß, sagte er lebhaft, wäre es lächerlich, wenn man diesem Manne ein ausgezeichnetes Talent absprechen wollte, und über die Verdienste seiner Vestalin läßt sich Vieles sagen und streiten. Aber daß er im Cortez und nachher noch gewaltiger ein Brausen und Lärmen der Instrumente, ein Ueberschreien der Stimmen, ein Aufkreischen, ein wildes Getümmel uns hat für Musik geben wollen, scheint mir ebenfalls ausgemacht. Man kann schwerlich im voraus bestimmen, wie viel oder wenig unser Ohr von Instrumental-Musik vertragen soll, denn Mozart hat die meisten seiner Vorgänger überboten, und es gab früherhin auch Kunstfreunde, die bei ihm über zu große Fülle klagten; und schon lange vor diesem hat der große Händel außerordentlich viele Instrumente in Anspruch genommen, um seine erhabenen Gedanken auszusprechen. Aber bei diesen war die Fülle der Töne doch Musik, ein Anschwellen, ein Heranbrausen, ein Abdämpfen und Zurücksinken in eine gewisse Stille und Ruhe, aber nicht dieses ununterbrochene, nie rastende Wüthen aller Kräfte ohne Vorbereitung, Inhalt und Bedeutung, welches nur betäuben kann, und dessen Macht und Gewaltsamkeit mehr erschreckt und ermüdet, als erhebt und erschüttert. Geht der berühmte neuere Componist hiebei nur gar zu oft auf leeren Effect und Schreckschuß aus, so wie manche Schauspieler und Schauspieldichter, wirkt er nur einzig und allein durch große Massen, so ist er zwar wohl nicht der Wandnachbar Rossini’s, aber sie reichen sich denn doch aus einer gewissen Entfernung befreundet die Hände und stehn sich nicht als feindliche Kräfte einander gegenüber. Wohl uns, daß unser hochgeehrter Maria Weber uns zu den schönsten Erwartungen berechtigt, der in dem, was er schon trefflich geleistet hat, so glänzend zeigt, wie viel er in Zukunft noch vermag.
Nun erhob sich die Tochter mit allen Tönen, und der Vater stand ihr bei, um den Laien in die Enge zu treiben, der ihre Lieblinge so keck angegriffen hatte, ohne doch vom Metier zu seyn, da er sein ehemaliges Violinspielen selber nicht in Anschlag zu bringen wage. Unter lautem Lachen wurde disputirt und behauptet, der Teufel sei ein- für allemal unmusikalisch, die Kugelgießerei und der Lärmen dabei schlimmer als was je auf dem Theater getobt, und der Musik, die ganz Deutschland wie verwirrt gemacht, fehle die Mannigfaltigkeit, ein heiteres Element, ja auch jene Ironie, wodurch Mozart erst seine ungeheure Dichtung des Don Juan zu diesem einzigen Werke gebildet habe, so daß bei diesem durch Gegensätze sich Inhalt und Behandlung rechtfertigen, was dort ganz aus der Acht gelassen sei.
Der Kapellmeister nahm sich des armen Laien, der hierauf wenig zu erwiedern wußte, oder den man vielmehr nicht zu Worte kommen ließ, freundlichst an, und meinte, eine Vergleichung auf diese Weise anzustellen, sei unbillig, weil das neue Kunstwerk gar nicht die Absicht habe, sich neben jenes ungeheure zu stellen. Ueberschreitet auch die angefochtene Scene, fuhr er fort, welche gerade die Menge herbei gelockt hat, die Gränzen der Musik, so ist doch übrigens des Vortrefflichen, des ächten Gesanges, des Neuen und Genialischen, vorzüglich aber des wahrhaft Deutschen, im besten Sinne, so viel, daß ich vollkommen in das Lob unsers unmusikalischen violinspielenden Laien einstimmen muß, der Manches wohl eben deswegen bestimmter empfindet und kecker ausspricht, weil er niemals vom Handwerk gewesen ist, und selbst nicht als Dilettant hinein gepfuscht hat, da er sich doch bescheidet, in die eigentlich grammatische Kritik einzugehn. Sollte keiner als nur Musiker mitsprechen dürfen, so würde ja auch für diese nur componirt, und das werden wir uns doch wohl, so wie alle Künstler, verbitten, nur für die Zunftgenossen zu arbeiten, um von ihnen empfunden und verstanden zu werden.
Könnte ich nur, fing der Laie wieder an, den sanften Genuß wieder haben, den mir ehemals die Lila des Martini gewährte. Diese idyllische, reine und heitere Musik wäre nach so manchem Ungethüm unsrer Theater eine wahre Erquickung. Wie würde ich mich freuen, Paisiello’s Barbier von Sevilla wieder zu vernehmen, und es kränkt mich innig, daß man eine solche Composition nicht als eine klassische verehrt, die nun einmal für allemal fertig ist, und an die sich keiner von Neuem wagen dürfte. Denn ist bei Rossini auch hier und da vielleicht ein Moment brillanter, so ist doch der dramatische Sinn des Ganzen, die Bedeutung untergegangen, und nichts gegeben, was sich dem Humor in der Rolle des Alten nur irgend vergleichen dürfte. Die Verwöhnung der gehäuften Instrumente läßt aber befürchten, daß man, wenn man auch einmal diese trefflichen alten Sachen geben möchte, Zusätze zur Begleitung macht, oder diese wenigstens verstärkt. Hier und da habe ich schon murmeln hören, daß Gluck dergleichen bedürfe. Mozarts Figaro ist schon in Violinen und andern Instrumenten doppelt so stark besetzt worden, als es der Componist vorgeschrieben hat, bei dieser heitern Musik um so unpassender, weil dadurch der Witz, das wundersam Leichte und Heitere des Gesanges gestört wird. Es ist, als wollte man treffliche Brillanten aus ihrer leichten Fassung nehmen, und sie, um sie zu ehren, in schweres Gold schmieden. Oder, als riefe man sich witzige und launige Einfälle durch ein Sprachrohr zu.
Man sang zum Beschluß noch Einiges, und die Gesellschaft trennte sich. Beim Abschiede sagte der Baron zum alten Italiener: auf Wiedersehn! Doch dieser schüttelte den Kopf, und wies mit dem Finger nach oben. Der Laie ging nach seinem Hause, weil es schon spät war, und er in der kalten Nacht an einem Abenteuer, an welches er nicht glauben mochte, nicht Theil nehmen wollte. Der Kapellmeister und der Graf wandelten aber mit dem wunderlichen Alten durch die ruhige Stadt, ließen sich das Thor öffnen, und begaben sich nun nach dem Tannenwalde, wo der Lebensüberdrüssige seine Laufbahn eigenmächtig zu vollenden drohte. Als sie unter den finstern Bäumen standen, sagte der Graf: nun, Alter, seid Ihr wieder gescheidt geworden, wollt Ihr nun nicht lieber zu Bette gehn?
In die Ewigkeit thu ich mich hinein legen, sagte der Italiener, und das liebe Vergessen, Ruhe, tiefer, tiefer Schlaf, werden wie Flaumen eines Daunenbetts um mich zusammen schlagen. Adieu, Eccellenza! lebt wohl, thörichter Kapellmeister, der Ihr die schöne Gelegenheit nicht benutzt, allen Euren Jammer, Partituren, Noten, Pausen, Tonarten, Sänger und Sängerinnen los zu werden. Nun laßt mir ein bissel noch über meinen Zustand nachdenken, und dann rufe ich Euch wieder; Kapellmeister kommandirt Eins, Zwei, Drei, und beim Worte Drei, deutlich ausgesprochen, langsam, feierlich, laut, daß liebe Echo auch etwas davon abkriegt und mitspricht, schieß ich mich die ganze Pistole in meinen dummen Kopf hinein.
Ihr werdet doch nicht, sagte der Kapellmeister, so abgeschmackt wie der Hanswurst in der Kreuzerkomödie sterben wollen?
Gerade so muß es geschehen, sagte der Alte, und legte sich in einen Sandgraben nieder. Die beiden Begleiter gingen tiefer in den Wald, die Nacht war still, kein Wind wehte, ein ganz leiser Hauch rührte zuweilen die Zweige an, so daß die Nadeln der Tannen in sanften Tönen lispelten, das Flüstern fortlief, und indem sich dann der Wald in allen Stämmen bewegte, wie ferner Orgelton verhallte. Feierlich genug ist die Stunde, sagte der Musiker. Eine wundersame Empfindung, erwiederte leise der Graf, hat den ganzen Abend in mir fort geklungen: vielleicht bin ich dem Tode näher, als jener alte Wahnsinnige, denn noch nie war mir mein Dasein so abgestanden und leer, so jedes Reizes entkleidet. Ich glaube nun auch, daß jenes himmlische Wesen, welches ich schon lange suche, gestorben ist. — Still! rief jener: hörten Sie nicht Musik? — Vielleicht die fernen Glocken.
Nein, sagte der Kapellmeister gehend: ich höre es deutlicher: und nun erinnere ich mich, hier wohnt der unkluge Alte nicht fern, in dessen Häuschen ich bei meiner Ankunft schon Morgens um fünf Uhr einen herrlichen Discant vernahm.
Der Graf war tief bewegt. Jetzt kommt! kommt! schrie der Italiener, mein Ermorden soll ein bischen seinen Anfang nehmen! Schießt Euch todt, oder hängt Euch! rief der Graf zurück, wir haben jetzt etwas Besseres zu thun, als Eure Possen anzuhören.
Sie gingen weiter, drängten sich durch Baum und Strauch, und der neugierige Italiener hatte sich zu ihnen gesellt. Jetzt tönte ihnen schon bestimmter der Gesang entgegen, und der Graf zerriß sich Hände und Gesicht, um nur aus den Gesträuchen zu kommen, in denen er sich aus Eifer immer tiefer verwickelte. Er drängte endlich hindurch und stand in der Nähe des Häuschens, dessen kleine Fenster erleuchtet waren. Der treffliche Psalm Marcello’s „Qual anhelante“ tönte ihnen voll und rein entgegen, so einfach, so edel vorgetragen, daß der Kapellmeister erstaunt und hingerissen kaum athmete. Sie ist es! sie ist es! meine Einzige! rief der Graf in der größten Erschütterung aus, und wollte sich dem Hause nähern, aber der Kapellmeister hielt ihn fest, klemmte sich an ihn, und warf sich dann zu seinen Füßen nieder, die er umarmte, und rief: o bester, glücklichster Graf! Heirathen Sie sie also, wie Sie gelobt haben; aber gönnen Sie mir vorher das einzige Glück, daß sie erst die Geliebte in meiner ruinirten Oper singt; dann will ich gern sterben, denn eine solche Stimme giebt es auf Erden nicht mehr.
Der Graf strebte zum Hause hin, und der Kapellmeister ließ endlich sein ungeduldiges Bein los. So wie er auf die Wohnung losstürzte und an die kleine Thür klopfte, verstummte der Gesang. Macht nicht so viel Umstände, sagte der Italiener, der Sing-Sang ist nicht der Mühe werth, man sieht wohl, daß ihr meine Selige nicht gekannt habt. Der Kapellmeister, der jetzt eben so außer sich war, wie der Graf selbst, klopfte mit diesem wetteifernd an die Thür, und da sich beide in den Kräften überboten und das Tempo immer schneller nahmen, so entstand dadurch ein sonderbares Concert in der ruhigen Nacht. Im Hause war Alles still, endlich aber schien man drinnen doch die Geduld verloren zu haben, denn ein Fenster öffnete sich und eine leise, heisere Stimme sagte: was giebt’s da? Seid ihr betrunken? Laßt uns ein! rief der Graf: hinein müssen wir! schrie der Kapellmeister: wo ist die Sängerin? der Graf: ich habe sie schon am Morgen neulich gehört, der Kapellmeister, als Ihr mir sagtet, es sei des Teufels Großmutter: aber hinein müssen wir! vereinigten sich nun beide. Seid ihr rasend? rief die erhöhte Stimme des Alten, und in diesem Augenblick schrie der Italiener lauter als Alle: Hortensio! Hortensio! haben wir Euch endlich erwischt? Nun bleib’ ich am Leben! Mag sich umbringen, wer Lust hat, ich halte mich an Euch, altes Fell!
Ich bin der Graf Alten, schrie der Liebhaber; ich der Kapellmeister! rief sein Begleiter, laßt uns nur hinein, daß wir die Sängerin sehn: kommt herab! rief der Italiener, daß wir beide unsre Bekanntschaft erneuern können.
Mein Himmel! ächzte der Greis, so nach tiefer Mitternacht? Meine guten Herren, wenn Sie bei mir was zu suchen haben, so kommen Sie doch morgen, wenn der Tag scheint.
Gut, sagte der Graf beruhigter, morgen früh! der Kapellmeister fand sich auch in den Vorschlag, und als sie friedlich wieder fortgingen, sagte der Italiener: ich bleibe die Nacht hier draußen und passe ihm auf. Morgen früh machen wir Alle unsern Besuch. —
Wie erstaunten, erschraken am folgenden Tage der Graf und der Musiker, als sie das Haus verlassen und öde fanden; noch vor Tage, sagte die alte Aufwärterin, seien die beiden Bewohner ausgezogen und haben in größter Eil alle Sachen fortschaffen lassen. Auch der Italiener zeigte sich nirgend.
———
Ein schöner, heiterer Herbsttag war aufgegangen, die Sonne schien in dieser späten Jahreszeit noch so warm, wie im Sommer, und dies bestimmte den Laien mit seiner Tochter in das naheliegende Bergthal zu fahren. Auf einem kleinen Miethpferde sahen sie in der Entfernung den Enthusiasten auch mit nachflatterndem Kleide auf dieselbe Gegend zusprengen. Der Himmel verhüte nur, bemerkte der Laie zu seiner Tochter, daß der Schwätzer nicht ebenfalls in jenem Thale verweilt, weil er uns sonst mit seinen heftigen Reden und Schilderungen den Tag verderben würde.
Wir müssen uns schon darauf gefaßt machen, erwiederte die Tochter, denn er sagte mir neulich, daß er diese Gegend vorzüglich liebe und sie oft besuche.
Wie sind diese Menschen doch so lästig, fuhr der Laie fort, die eben, weil sie gar nichts empfinden, über Alles in Hitze gerathen können. Aber mehr noch, als bei Kunstwerken, stören sie mich in der Natur, die am meisten ein stilles Sinnen, ein liebliches Träumen erregt, in der ein vorüber schwebender Enthusiasmus und Behaglichkeit sich ablösen, und sie unsern Geist fast immer in eine beschauliche Ruhe versenken, in welcher Passivität und schaffende Thätigkeit eines und dasselbe werden: dazu der Anhauch einer großartigen Wehmuth in der Freude, so daß ich in der schönen Landschaft gegen diese beschreibenden Schwätzer oft schon recht intolerant gewesen bin.
Sie stören fast eben so sehr, wie die unerträgliche Musik, antwortete das Mädchen, da man so oft in der Nähe der Gebäude Tänze oder kreischende Arien vernehmen muß.
Als sie angekommen waren, sprang ihnen der berührige Enthusiast schon aus dem Hause entgegen. O wie schön, rief er aus, daß Sie diesen herrlichen Tag auch benutzen, der wahrscheinlich der letzte helle dieses Jahres ist. Lassen Sie uns nur gleich an den murmelnden Bach gehn, und dann von der Höhe des Berges das Thal überschauen. Es ist eine Wonne, die Schwingungen der Hügel, den kleinen Fluß, das herrliche Grün und dann die Beleuchtung zu sehn und zu fühlen. Giebt es wohl ein Entzücken, das diesem gleich oder nur nahe kommen kann?
Ich will mit Ihnen gehen, erwiederte der Laie, aber nur unter der Bedingung, daß Sie mich mit allen Schilderungen und begeisterten Redensarten verschonen. Wie können Sie überhaupt nur immer so vielen Enthusiasmus verbrauchen? Es ist nicht möglich, wie Sie auch neulich gestanden haben, daß Sie so viel empfinden.
Bei der Kunst, sagte der Enthusiast, setzt man freilich wohl hie und da, dem Künstler zu gefallen, etwas zu, aber in der himmlischen Natur — nein! da kann doch keine Zunge Worte genug finden, um nur einigermaßen das wiederzugeben, was im Herzen aufgeht. Ich habe es aber schon seit lange bemerkt, daß Sie kein großer Freund der Natur sind, denn wie konnten Sie nur sonst, wie ich schon so oft gesehen habe, daß Sie thun, beim schönsten Frühlingswetter in das dumpfe Theater kriechen, um eine Oper zu hören, oder sogar ein mittelmäßiges Schauspiel zu sehn, über welches Sie nachher selber Klage führen?
Weil es mir an solchem Tage, antwortete jener, darum zu thun ist, ein Schauspiel zu sehn, und ich dies mit dem Genusse der Natur dann nicht vereinigen kann und mag. Auch gestehe ich Ihnen, daß ich oft in der schönsten Natur bin, ohne sie mit den geschärften Jäger-Augen in mein Bewußtsein aufzunehmen, wenn mich ein heiteres Gespräch beschäftigt, oder ich auf einsamem Spaziergang etwas sinne, oder ein Buch meine Aufmerksamkeit fesselt. Glauben Sie nur, unbewußt, und oft um so erfreulicher, spielt und schimmert die romantische Umgebung doch in die Seele hinein. Wenn wir uns überhaupt immer so sehr von Allem Rechenschaft geben sollen, so verwandelt sich unser Leben in ein trübseliges Abzählen, und die feinsten und geistigsten Genüsse entschwinden.
Hm! Sie mögen nicht ganz Unrecht haben, sagte der Enthusiast nachsinnend: wenn ich nur nicht einmal den Charakter der Heftigkeit angenommen hätte und bei allen meinen Bekannten als ein Eiferer gölte, so wollte ich mir das Wesen wieder abzugewöhnen suchen. Es ist aber denn doch auch fatal, wenn man, so wie Sie, für einen Phlegmatiker gilt. Da Sie also nichts von Naturbegeisterung hören wollen, so will ich Ihnen lieber erzählen, daß ich schon vorhin, ehe Sie kamen, eine sonderbare Erscheinung hier bemerkt habe. Ein junges, wunderschönes Mädchen stand dort oben auf dem Hügel, sah immerdar auf den Weg hin, der zur Stadt führt, und weinte dann heftig. Sie erregte mein lebhaftestes Mitgefühl, ich ging zu ihr, aber so sehr ich auch in sie drang, so konnte ich sie doch nicht bewegen, mir eine vernünftige Antwort zu geben, oder mir zu erzählen, was sie hier mache, wie sie hergekommen sei und wen sie hier erwarte. Und ich war doch so ganz außerordentlich neugierig, vorzüglich, weil ich dies junge, außerordentlich reizende Frauenzimmer neulich schon bei unserm Baron in der Gesellschaft gesehen habe, wo sich der verwirrte melancholische Graf viel mit ihr zu schaffen machte. — Sehn Sie, sie steigt schon wieder den Hügel hinan, um ihre Beobachtungen anzustellen.
Mit Zierlichkeit und Grazie schwebte die Gestalt die grüne Anhöhe hinauf, und ihre vollen, braunen Locken, ihr leuchtendes Auge, das einfache Gewand und die Geberde wirkten mit unbeschreiblichem Zauber in der anmuthigen Landschaft. Die Tochter fühlte sich bewegt, als sie das schöne Wesen wieder weinen sah, die Thränen stiegen ihr selbst in die Augen, als die Unbekannte jetzt im Ausdruck des höchsten Schmerzes die Hände rang, und sich jammernd auf den Rasen niedersetzte. Lassen Sie uns hinauf steigen, sagte der Laie, das arme Wesen bedarf unsers Trostes und Beistandes, meine Tochter soll sie anreden, wir aber, Herr Kellermann, wollen uns fürs erste schweigend verhalten, und die Betrübte am wenigsten mit zudringlichen Fragen ängstigen. Die Tochter ging zu ihr, und die Fremde bekannte, daß sie ihren alten Vater aus der Stadt erwarte, und nicht begreife, wie er so lange zögern könne, da er ihr diesen Ort angewiesen habe, wo sie zusammen treffen wollten, um weiter zu reisen.