Die Reisenden. Novelle. (continued 2)
Reading edition
Sie gaben einige Male ein schlechtes Beispiel, sagte der Director; denn Sie lachten auf der Kanzel selbst aus vollem Halse.
Der ernsthafteste Mann hätte es nicht unterlassen können, sagte der Prediger, von Neuem laut lachend. Denken Sie, Herr Graf, wir hatten hier in unserm Hause einen jungen Mann, der ein Baukünstler gewesen war; er hatte aber eine so heftige Liebesleidenschaft zur Tochter eines Perückenmachers gefaßt, daß er darüber sein Studium verließ, und das Handwerk des Meisters ergriff; da ihm aber das Mädchen untreu wurde, mit Erlaubniß von Ihnen, so zu sagen, überschnappte. Nun bestand seine Grille darin, sich und alle Menschen, die er dazu bewegen konnte, auf die sonderbarste Weise zu frisiren. An jedem Tage hatte er eine neue wunderliche Kopfverzierung ersonnen, und ich glaube, daß ihn bei diesen mannigfaltigen Erfindungen sein ehemaliges Studium der Baukunst sehr unterstützte. Ich predige hier an einem Pfingsttage, und sehe die liebe Gemeinde unter mir. Der Verwilderte hatte sich furchtbar à la Herisson frisirt, so daß ihm die Haare wie Borsten vom Kopfe weit weg abstanden; sieben oder acht seiner Freunde standen und saßen neben ihm mit hochaufgewirbelten Papillotten, ein Anblick, der schon sonderbar genug war, weil viele Papierbündel wirklich wie aufgerichtete Krämerdüten auf den Köpfen leuchteten. Nun nahm aber er einen nach dem andern von seinen Anhängern zwischen die Knie, und frisirte ihn während meiner Predigt eben so fantastisch, wie er selbst sich trug, so daß gegen das Ende der Rede ein Theil meiner Andächtigen wie eben so viele wilde Teufel aussahen, und ich des Lachens wegen, das mich befiel, früher schließen mußte, als ich mir vorgesetzt hatte.
Friedrich wollte sich ausschütten vor Lachen, und der Director erwiederte: so wie der Verstand, so hat die Narrheit des Menschen keine Gränzen. Jetzt ist ein Mann bei uns, der sich immer mit einem Maaßstabe herumtreibt und ihn unablässig betrachtet und rechnet. Dieser Mensch ist ziemlich wohlhabend und besitzt in der Stadt drüben ein mittelmäßiges Haus. Es verdroß ihn aber, daß, wenn er so manche größere Häuser des Ortes betrachtete, ihm sein ererbter Wohnsitz nur winzig und unbedeutend erscheinen mußte. Mit diesem Verdrusse schleppte er sich Tag und Nacht, und wußte doch kein Mittel, dem Uebelstande abzuhelfen. Endlich, weil er vor Hochmuth weder mehr schlafen noch essen konnte, faßte er einen seiner Thorheit würdigen Entschluß. An einem schönen Sommertage geht er aus, miethet auf dem Markte vier der stärksten Tagelöhner, und nimmt sie mit in seine Wohnung. Hier führt er sie in sein größtes Zimmer; jeder von ihnen muß sich gegen eine Wand stemmen und mit allen Kräften dagegen drücken, bis er ihnen Halt zuruft. Sie empfangen ihren Lohn, ohne zu begreifen, was sie gearbeitet haben. Am folgenden Tage wird derselbe Versuch wiederholt; sie müssen streben und drängen, daß ihnen der Schweiß herab fließt, genau auf sein Commandowort achten, und in demselben Augenblick alle zugleich zu drücken aufhören, wie sie in demselben begonnen haben. So treibt er es den ganzen Sommer; er erweitert nach und nach alle Zimmer seines Hauses, die Gänge, die Treppen, den Hof; und nachdem er so eine bedeutende Summe ausgegeben hat, ist er fest überzeugt, sein Haus sei das größeste in der ganzen Stadt. Er spaziert Stunden lang mit hoher Verehrung vor demselben auf und nieder, er zeigt erstaunten Fremden seine unermeßlichen Säle, er fängt an, sich selbst den Grafentitel beizulegen, hängt ein gemaltes Wappen über seine Hausthür, und ist auf einige Zeit unser Gast geworden, um sich wieder auf die Wahrheit besinnen zu lernen. Sehn Sie, lieber junger Herr Graf, so sonderbare Verirrungen fallen vor, daß dieser Mann sogar den sichtlichen Raum seines Hauses nicht mehr hat wahrnehmen können.
Sie beweisen mir heute ein so schönes Vertrauen, erwiederte Wolfsberg, daß ich es wohl wagen darf, noch einmal das Wort zu wiederholen, mit welchem ich Ihr Haus zuerst betrat, daß ich nämlich durchaus nicht der bin, für welchen Sie mich halten, und daß Sie, wenn Sie mich nur einer ruhigen Prüfung würdigen wollen, mich eben so wenig des Verstandes beraubt finden werden, als den Herrn Prediger, oder als Sie es selber sind.
Der Director winkte mit dem allerfinstersten Blicke, und Friedrich, welcher jede seiner Mienen verstand, nahm schnell den Wein vor Wolfsberg weg, und stellte ihm ein großes Wasserglas hin. Es geht nicht, rief der Director, so mit Ihnen zu leben, wie ich wünsche. Da Sie jetzt so abgefallen und fast miserabel aussehen, da Ihr Blick so demüthig ist; so glaubte ich wirklich, Sie hätten in sich geschlagen, und ich dürfte Sie durch bessere Speise und Wein erquicken. Aber an Ihnen ist Hopfen und Malz verloren. Wie, Sie wollen wirklich streiten, daß Sie der Graf Birken, einer der confusesten jungen Männer sind? daß Sie schon tausend Händel angezettelt, und dafür drei oder vier Mal ansehnliche Schläge empfangen haben? daß Sie es zu guter Letzt gewagt, sich mehrmals in das Haus des Barons von Halden einzuschleichen, und das Unglück seiner sinnverwirrten Tochter durch Liebesbriefe und mündliche Betheuerungen erhöht, ja sie endlich beredet haben, sich von Ihnen entführen zu lassen? Hier ist die Klage des Barons, hier sind Ihre kläglichen Briefe, hier ist die Ordre vom Minister, Sie gefangen zu halten. Wollen Sie aber dieser Graf Birken nicht seyn, so zeigen Sie uns Pässe, oder Schriften, durch welche Sie sich ausweisen können; stellen Sie angesehene Bürgen! Aber man hat Sie dort im Hause nur zu gut erkannt, und Sie zu oft aus- und einschleichen sehn, Sie auch zuletzt im Zimmer der Tochter selber ergriffen. Und nun kein Wort mehr über die Abgeschmacktheit, wenn Sie nicht bei Wasser und Brod in Ihrem Zimmer wollen eingesperrt seyn.
Wolfsberg las die Papiere mit Aufmerksamkeit durch, und wagte es nicht, noch ein einziges Wort zu seiner Rechtfertigung zu erwiedern. Friedrich sah ihn tröstend an und warf heimlich höhnische Blicke auf den Director; der aufmerksame Herr Kranich aber war schnell mit der kleinen Peitsche bei der Hand, um die bösen Geister von Wolfsbergs Schultern zu verjagen. Der Director wurde noch zorniger und rief: stecken Sie die verdammte Peitsche ein! Ich glaubte, Sie würden doch wenigstens mein Vertrauen und mein Zimmer so weit ehren, das Zeichen Ihres Aberwitzes in Ihrer Klause zu lassen.
Der Rothrock steckte zwar die Peitsche wieder ein, machte aber ein zorniges Gesicht, sah den Director mit großen Augen unverwandt an und sprach dann laut: Aberwitz, mein Herr? Dieses Worts sollen Sie sich jetzt und Ihre Lebenszeit hindurch schämen! Ich kam an Ihren Tisch in dem festen Vertrauen, daß Sie doch so viel Vernunft haben würden, mich nicht mit den mancherlei Gecken, von denen heut Mittag die Rede gewesen ist, in eine Classe zu werfen, und mich nicht mit dem Gezücht vergleichen zu wollen, was da unten im Saale sein Gaukelwesen treibt. Ich brauche, dem Himmel sei Dank, nicht curirt zu werden; auch will ich niemals curirt seyn; denn meine Vernunft, Herr, ist probefest, und auf die Dauer gearbeitet, und ich bin noch niemals, wie Sie von sich vorher zugestanden haben, in Gefahr gerathen, mit Närrischen närrisch zu werden. Wer wären Sie denn, wenn ich nicht das Geschmeiß der Pygmäen immer wieder aus Ihrem Hause vertriebe? Ich will diese liebe Peitsche nur kurze Zeit ruhen lassen, und Sie werden es an sich erfahren, daß Sie ein ruinirter Mann sind, daß Sie überschnappen, daß Sie zum Kinderspott werden. Wie? Was? Es gäbe wohl am Ende gar keine Pygmäen? Haben sie nicht schon die alten Griechen erkannt, aber nach ihrer dummen Weise darüber gefabelt. Sogar von mir und meinem großen Einfluß auf sie hat man in uralten Zeiten dunkle Legenden und Ahndungen gehabt; aber man dichtete, daß die Pygmäen ein wirkliches Volk seien, so klein, daß die Kraniche Krieg mit ihnen führten. So erbärmlich hat man die Sache und meinen Kampf mit ihnen entstellt. Heut zu Tage nennen sie’s das böse Princip. Nicht wahr, da ist mehr Verstand drin! Nein, da lobe ich mir meine süße, liebe Peitsche; und wo ich bin, muß diese auch seyn. Dixi.
Der Geistliche sagte: nicht so übel! aber der Director fuhr auf: wenn Sie so großen Geschmack an Narren finden, ehrwürdiger Herr, so mögen Sie es haben. Er verließ das Zimmer; die Uebrigen folgten ihm nach.
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Was machen Sie nur? fragte der Rath den Arzt, als der sandigere Weg wieder ein Gespräch erlaubte. Wir sollten lieber hier noch verweilen, vorzüglich Ihretwegen, da Sie doch nun Ihren theuern Grafen gefunden haben; und Sie selbst ziehen mich wie mit Gewalt in den Wagen, und erklären, Sie wollten niemals wieder hieher zurück kommen.
O mein bester Rath, sagte der Arzt halb lachend; für einen Rechtsgelehrten sind Sie mir doch etwas zu treuherzig und für einen Inquisitor und Nachspürer gar zu arglos. Der Birken ist entlaufen, Vater und Tochter sind mir entgegen. Vermuthen diese, ich komme wieder, so finde ich meinen Entsprungenen niemals und es geschieht, was ich verhindern will; kann ich sie aber sicher machen, daß ich nicht zurück kehre, so überrasche ich den vollständigen Familienkreis wohl in Kurzem. Mit Ihrem lieben Pankraz ist es derselbe Fall; er hat sich unsichtbar gemacht, und zeigt sich nur, wenn er uns entfernt weiß.
Was hat der ehrliche alte Mensch mit dieser Sache, ja mit irgend einer zu thun? antwortete der Rath. Er hat damals genug gelitten, als seine Unvorsichtigkeit dem armen Raimund so theuer zu stehen kam; der Mensch mußte sogleich den Dienst verlassen und dem Zorn des alten Barons entfliehn.
Der Arzt lachte laut auf. Wenn meine Menschenkenntniß mich nicht ganz trügt, sagte er endlich, so ist dieser gute alte Pankraz ein durchtriebener Schurke, und jener braun- und blauäugige Baron nichts Geringeres.
Sie schwärmen, lieber Freund.
Und Sie schlagen selbst etwas in die Farben, in denen Sie mir Ihren Raimund gezeichnet haben. Haben Sie denn nicht bemerkt, wie verlegen das Pankraziengesicht wurde, als es Sie erblickte? Schon vorher wurde er blaß, als ich ihn nach Blanka fragte. Er weiß uns Raimunds Aufenthalt gewiß zu entdecken. Können Sie sich in der Stadt durch Freunde oder Autorität eine Vollmacht verschaffen, um den Schurken, wenn Sie ihn wieder ansichtig werden, zu verhaften, ihn zu erschrecken; so erfahren wir gewiß Alles, und der Zweck Ihrer Reise ist erfüllt.
Wenn Sie Recht hätten! sagte der Rath. — Er befahl dem Kutscher nach der Stadt zu fahren.
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Bei der Gesellschaft im Saale waren einige Veränderungen vorgegangen. Die beiden Redner hatten sich immer noch nicht versöhnt und jeder vermied den andern; die Schachspielenden schienen auch weniger einig, als sonst, und der Mann mit dem Maaßstabe war unruhiger, und lief hastig hin und wieder. Wolfsberg gesellte sich zu diesem, und fragte, was ihm fehle. Ach, mein Herr, sagte dieser heftig bewegt, Sie haben gewiß auch von meinem großen Hause gehört, welches ich durch meine Geschicklichkeit so ansehnlich gemacht hatte. Das konnte mir der Neid nie vergeben, daß ich durch Wissenschaft Besitzer eines der größten Paläste in der Stadt seyn sollte. Bald hieß es, durch die übermäßige Ausdehnung habe der Bau eine so zarte Constitution erhalten, daß er bei der nächsten Veranlassung, wenn etwa Truppen marschirten und die Trommel gerührt würde, erschreckend, wie in einem Nervenfieber zusammen stürzen müsse. Andre meinten gar, ich hätte die Stadt dadurch verengt, und die nahestehenden Häuser und Gassen litten darunter: als wenn der unendliche Raum etwas so Beschränktes wäre, daß man die Welt so leicht verderben könnte. Ich erbot mich, die ganze Stadt durch Beobachtung des Tactes auszudehnen, und sie, wenn wir Geld und Zeit genug hätten, größer als London oder Nanking zu machen. Aber die Bosheit hörte auf nichts; ich mußte mich hieher in die Einsamkeit zurück ziehn. Und was ist nun im Werke? Sollten Sie’s glauben, daß die Verderbtheit der Menschen so weit gehen könne! Eine ganze Schiffsladung von Gummi elasticum läßt man mit Erlaubniß des Parlaments von England kommen. Fünfhundert Menschen zerren das Zeug aus einander; man practizirt es so, nach allen Seiten ausgedehnt, unter meinen Palast, und auf ein Zeichen von dem nahestehenden Kirchthurm (denn auch die Religion wird dazu gemißbraucht) lassen alle fünfhundert Bösewichter in einem und demselben Augenblicke die Gummifetzen los; das unglückselige Zeug schnappt zusammen, und nimmt unwiderstehlich Breite und Länge meines Palastes mit sich, der durch dieses höllische Kunststück wieder zu einem gewöhnlichen Hause zusammenschrumpft. Denn das giebt die Vernunft, daß, da das elastische Unwesen sich nun in der Grundlage an das Gebäude anklemmt, keine menschliche Kraft, keine Wissenschaft, kein noch so gut observirter Tact dazu hinreicht, es aus den Gummi-Klauen zu retten und wieder aus einander zu dehnen.
Wolfsberg mußte dem Klagenden Recht geben; doch wurde jetzt seine Aufmerksamkeit auf einen jungen Menschen gerichtet, der zum Saale herein schlich, und den er bisher noch niemals gesehen hatte. Methusalem kommt einmal wieder! riefen Einige, und über die blassen Wangen des kranken Jünglings lief ein leichtes Roth. Wie nennen Sie ihn? fragte der Baron. O er heißt nur so, antwortete Sokrates, der eben vorüber ging, weil das Gespenst schon so außerordentlich bei Jahren ist, daß, gegen ihn gerechnet, Methusalem selbst noch in den Kinderschuhen steckt.
Die Gestalt und das Wesen des Jünglings waren so wunderbar und von Allem, was sich in diesem Hause zeigte, so verschieden, daß sich Wolfsberg wie gezwungen fühlte, sich ihm langsam und mit Blödigkeit zu nähern. Der Jüngling war schlank und mager, seine Geberde ruhig und edel, sein Gesicht schön, aber blaß und abgefallen; die Augen glänzten so überirdisch, daß man vor ihnen erschrecken konnte, wenn nicht eine süße Schwermuth ihr Feuer wieder gemildert hätte. Der junge Mensch schritt dem Baron entgegen, vielleicht, weil ihm auch dessen Gestalt und Wesen, als ein milderes, auffiel. Wolfsberg war um Worte verlegen, mit welchen er das Gespräch eröffnen könne; aber der Kranke kam ihm zuvor, nahm ihn bei der Hand und sagte mit der lieblichsten Stimme: was fehlt Ihnen?
Meine Vergehungen, sagte der Baron in einem fast zerknirschten Tone, haben mich hieher geführt. Aber woran leiden Sie?
Ach! klagte der Jüngling, daß ich so gar übermäßig alt bin; die große Menge der Jahre drückt mich zu Boden. Wie alt schätzen Sie mich?
Höchstens drei und zwanzig Jahre, sagte der Baron.
Des Jünglings Gesicht ward noch wehmüthiger und zwei große Thränen fielen aus den Augen. Sie sehn, sagte er mit seiner lieblichen Stimme, wie ich lachen muß. Nun bin ich gerade sechstausend dreihundert und vier und neunzig Jahre alt. Gestern Nachmittag hatte ich nur sechstausend und vier und neunzig: und denken Sie, in der kurzen Zeit bin ich schon wieder um die dreihundert Jahre älter geworden.
Sie setzen mich in Erstaunen, sagte Wolfsberg.
Wissen Sie denn, was die Zeit ist? klagte jener weiter. O Lieber, mancher Achtzigjährige geht zu Grabe, und hat vielleicht nicht zwanzig Jahre, nicht zehn gelebt. Vielleicht giebt es Menschen, die von der Geburt an bis zum Greisenalter nicht zur Zeit erwachen, und erst jenseit die erste Stunde müssen kennen lernen. In der Gleichgültigkeit ist kein Strom; weder Vergangenheit, noch Zukunft, auch keine Gegenwart. Freude, Jubel und Glück sind rasende Kinder, die tobend umher springen und das zarte Stundenglas zerbrechen; hinter ihnen steht Tod und Nichtsein, — der Himmel gab uns dafür keine Sinne. Aber im Schmerz, im Schmerz! Wie durch diesen Wunderbalsam die Secunde, die das Auge kaum unterscheidet, aufschwillt und mit der Ewigkeit schwanger wird! Ja, mein junger Zeitgenosse, ich habe Tage erlebt, in denen Jahrhunderte eingewickelt waren; sie lösten sie aus ihren Schleiern und legten sich mir um die Seele. Dann kam eine Stunde, eigentlich nur ein Augenblick; da sprang die ganze aufschwellende Knospe entzwei, in der mir die Zeit in duftenden Blättern aus einander blühen sollte, und ein Alles und Nichts, ein großer ewiger Tod, in dessen finsterm Herzen kindisch das süßeste Leben lächelte, brach mit Gewitternacht über mich ein. Da waren die Jahrtausende verlebt, dieselben, an denen das Menschengeschlecht, ohne sie nur zu kosten, vorüber kriecht. Schmerz, Herz, Scherz: nicht wahr, im Schmerz ist Alles, was die Andern nur einzeln aussprechen? Leben Sie wohl, und hüten Sie sich, so alt zu werden! Ich gehe wieder auf mein Zimmer, denn wenn diese großen Minuten mich besuchen wollen, müssen sie mich wach finden. Adieu, junger Mann, vielleicht bin ich schon acht oder zehntausend Jahre, wenn wir uns wiedersehn. Er wankte hinaus, und keiner von den Gegenwärtigen achtete auf ihn.
Die Uebrigen umringten Wolfsberg, und Sokrates, der den Sprecher im Namen Aller zu machen schien, sagte: junger Herr, wir Alle sind es nun endlich überdrüssig, Sie noch länger diese triviale Rolle spielen zu sehn, mit der Sie uns Allen herzliche Langeweile machen. Nicht der Unbedeutendste hier, der nicht sein Pfund wuchern ließe; und Sie wollen immer noch als leutseliger Beobachter sich herum treiben? Fordert die Menschheit nicht auch Ihre Kraft und Ihren Entschluß? Sie sollen nicht länger der Niemand seyn, mit dem Keiner von uns etwas anzufangen weiß.
Meine Herren, sagte Wolfsberg in einer sonderbaren Stimmung, die aus Schmerz und toller Laune gemischt war: da Sie mich Alle mit einem so gütigen Zuruf und schmeichelnden Zutrauen beehren, und da ich sehe, daß uns hier eine so glückliche Republik umfaßt, in der uns weder Gesetze der Zeit noch des Raumes tyrannisiren, und eine so freie Verfassung unsre Kräfte erhebt, daß auch selbst das Unmögliche möglich wird: so will ich denn auch nicht länger hinter dem Berge halten, mich Ihnen entdecken und Ihren herrlichen Bestrebungen anschließen. Wissen Sie also, daß ich das Eigne an mir habe, daß ich schon öfters gelebt habe, vielerlei Zustände erfahren, und mein dermaliges Leben nur als die hundertste Wiederholung in einer etwas veränderten Modification aufführe.
Wie meinen Sie das, Trivialer? fragte der Leser.
Dieselben geruhen, antwortete Wolfsberg, mit Ihrer unvergleichlichen Stupidität nicht zu capiren. Ich war mit Einem Wort, genau nach der Lehre des Pythagoras, schon in vielfachen Gestalten im Leben. Ich war König, Kaiser, Bettler, Vater, Sohn, lasterhaft, zur Tugend geneigt, glücklich und elend.
O, sagte der Indianische Schachspieler, Sie fangen an interessant zu werden, Männchen; fahren Sie nur so fort, so können Sie noch was leisten.
Können Sie uns nicht etwas Bestimmteres von Ihren frühern Verhältnissen mittheilen? fragte Sokrates.
Gern, erwiederte der Baron mit geläufiger Zunge, ich war z. B. zugegen, als Cäsar ermordet wurde.
Trefflich! rief der Leser; wer waren Sie denn dazumal?
Wer anders, als der berühmte Cassius, antwortete Wolfsberg.
Halt! schrie der aufgedunsene Redner, der noch immer mit der Zinnschnalle paradirte, halt! rief seine krächzende Stimme; das ist nur Windbeutelei! Denn wenn ich damals hätte leben können, so würde ich Cassius gewesen seyn: also ist es pur unmöglich, daß du selbiger gewesen!
Dieser leere Wunsch, und die etwanige Möglichkeit, sagte Wolfsberg spitzfindig, schließt doch wohl meine wirklich erlebte Wirklichkeit nicht aus?
Leerer Wunsch? schrie der aufgebrachte Dichter, in meinem ganzen großen Leibe und noch größerem Geiste ist kein einziger Wunsch, den man als leer verlästern dürfte! Leer! Ei, den ausgelernten Lehrer! Mit diesen Worten schlug er auf den jungen Baron ein. Sokrates wollte seinen ehemaligen Schüler zurechtweisen: da dieser aber, noch ergrollt, ihn ebenfalls nicht schonte, so verließ auch diesen die sokratische Ruhe. Doch, wie es auch wohl bei Vernünftigern zu geschehen pflegt, vergaß er den Beginn des Zanks, und sein thätiger Unwille wandte sich nach wenigen Augenblicken gegen Wolfsberg. Die Schachspieler, Melchior, der Baukünstler, ja Alle im Saale schienen plötzlich von der Ueberzeugung begeistert, daß es nothwendig sei, denjenigen, der schon als Cassius und in andern Zuständen Vieles gelitten, auch in diesem Momente mit empfindlichen Leiden zu überhäufen. Am grausamsten aber wüthete die Peitsche des Pygmäen-Bezwingers, dessen Seherkraft auf Rücken und Schultern des Armen Myriaden seiner kleinen Gegner erblicken mußte, weil er, unbarmherzig gegen sich und den Geschlagenen, in die Geister mit der Anstrengung aller Kräfte hinein arbeitete. Entsetzt stürzte Friedrich, der seinen fleißigen Arbeiter und Schatzheber unterliegen sah, mit fürchterlichem Geschrei zum Director, dessen Autorität und starkes Wort den armen, erschöpften Baron auch wirklich frei machte, der sich verdrießlich und zerschlagen nach seinem Zimmer begab, und den der Trost, welchen ihm Friedrich noch in der Thür zuraunte, daß die nun kommende Nacht die letzte und entscheidende sei, in diesem Augenblick nicht sonderlich erheben konnte.
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Als Friedrich seinen nächtlichen Schatzgräber abrief, fand er ihn sehr übel gelaunt. Die Arbeit wird mir zu schwer, sagte er verdrießlich; meine Kräfte nehmen ab, und ich muß fürchten, daß diese ganze ungeheure Anstrengung vergeblich gewesen ist; denn nach so manchen Wochen, nach so vieler herausgegrabenen Erde, da wir doch schon tief genug gekommen sind, zeigte sich noch immer nichts. Es wird auch fast unmöglich, die Erde aus der Tiefe noch höher herauf zu schaffen, da ich Alles allein verrichten muß.
Nur heut noch, flüsterte Friedrich; ich gebe Ihnen mein Wort, heut ist die letzte und entscheidende Nacht! Wir müssen nur Anstalt treffen, das viele Gold aufzubewahren, ohne daß man es bei uns bemerkt. Und noch Eins, verehrter Freund, in der letzten Nacht zeigt sich gewiß etwas Sonderbares oder Gespenstisches. Lassen Sie sich nicht überraschen; erschrecken Sie nicht, wenn Sie Stimmen hören, ein wunderliches Gepolter, Geschrei; wenn Lichter und Geister kommen, und uns das so sauer Errungene wieder zu entreißen streben. Denn das ist ihre Art, den Glücklichen noch zuletzt zu ängstigen, damit sie ihm seine Beute wieder entziehen. Darum hüten Sie sich heute besonders vor jedem Zweifel oder gottlosen Wort und Fluch; denn sonst versinkt unser Schatz gleich wieder so viele Klaftern tiefer, daß alsdann unsre Arbeit von Neuem und viel beschwerlicher anfangen müßte. Heut müssen wir besonders still seyn, und uns eine feierliche Manns- und Heldenstimmung geben.
Sie gingen langsam hinunter. Sie flüsterten unterwegs, was sie mit den Schätzen beginnen, welche Unternehmungen sie ausführen wollten, wie die Welt vor den ungeheuren Dingen erstaunen sollte, die alsdann auftreten würden. Wolfsberg sprach davon, wie er sich sein eignes Theater in seinem großen Palaste anlegen wolle, und nur den vorzüglichsten Künstlern gestatten, bei ihm aufzutreten; Friedrich dachte mehr darauf, den Director zu kränken, seinem Hause gegenüber ein anderes, noch größeres aufzuführen, und alle Menschen dort kostbar zu bewirthen die sein Gebieter nicht leiden könne.
Als sie unten waren, stellte Wolfsberg die Laterne wieder neben sich, und fing an seufzend zu graben, da ihm Arme und Rücken, ermüdet, wie sie waren, fast den Dienst versagten. Friedrich stand oben auf der lockern Erde, und konnte kaum seine heisern anordnenden Worte hinab gelangen lassen, so tief hatte sich Wolfsberg schon unter die Fundamente eingegraben. Eine schauerliche Stille umgab sie; ganz dumpf und fern hörten sie jetzt die große Uhr zwölf schlagen. Wolfsberg dachte nicht ohne Grausen daran, daß sich nach seines kleinen Freundes Voraussagung nun wohl etwas zeigen könne, und suchte seine Angst durch emsigere Arbeit zu betäuben. Friedrich stand hoch über ihm und zitterte an allen Gliedern; er wagte es nicht mehr hinab zu sehn; die Erdschollen, wie sie von unten aufgeworfen wurden, erklangen ihm fürchterlich, weil er in jedem Wurf Schritt und Tritt eines Geistes zu hören glaubte. In der größeren Anstrengung warf Wolfsberg die Laterne um, die nur ein dämmerndes Licht in der ausgegrabenen Kluft schimmern ließ; Friedrich stieß einen leisen Ausruf des Entsetzens aus, und als sich jetzt ein seltsames Gepolter vernehmen ließ, ein dumpfes, brausendes Murren, von dem man nicht unterscheiden konnte, woher es komme, setzte sich Wolfsberg in höchster Angst nieder, ein Geisterheer und furchtbare Erscheinungen erwartend. Sein Haar sträubte sich, als das Getöse zunahm; und jetzt fiel plötzlich mit schwerem Fall ein Wesen um seinen Hals, schlang sich zitternd und weinend an ihn fest und schien ihn erdrücken zu wollen. Als Wolfsberg sich etwas besann, erkannte er Friedrich, der von oben zu ihm herab gekugelt war, vom Schreck hinunter geworfen. Was wird aus uns werden? schluchzte dieser. Aber nur Muth, Muth, mein Leidensgefährte! Jetzt vernahm man etwas Bestimmteres, wie Reden, Schreien durch einander. Es kam näher; aber nicht aus dem Boden, sondern von dem Eingange des Kellers her; Lichtschimmer fingen an sich zu verbreiten. Aber da muß das heilige Donnerwetter drein schlagen! brüllte jetzt eine Stimme, und der Kleine ließ jetzt den Baron fahren, richtete sich auf, und sagte: Gott Lob! es ist nichts, es ist nur unser Herr Director.
Mordelement! schrie dieser von oben, wie sieht das hier in den Kellergeschossen aus, da müssen wenigstens zwanzig verrückte Spitzbuben dran gearbeitet haben. Gewiß ist der Schuft, der Friedrich, wieder auf seine alten Tollheiten verfallen, und hat ein Rudel Dummköpfe zu Gehülfen genommen. An dir aber will ich ein Exempel statuiren!
Herr Director, Barmherzigkeit! winselte der Kleine von unten hinauf.
Leuchtet! schrie der zornige Mann. Die Diener kamen mit den Lichtern näher, stiegen auf die Erdhügel, und man sah jetzt beim Schein die armen Sünder, bleich und aufgelöst in Angst, unten stehn.
Wie? schrie der Director, der verrückte Graf ist da unten bei dir? Herauf ihr verdammten Kerle!
Langsam und mit Mühe krochen die Verbrecher aus ihrer Grube. Wißt ihr wohl, Patrone, eiferte der wüthende Medicinalrath, daß durch eure sauberen Bemühungen das Fundament hier gesunken ist, daß die äußere Mauer nach Westen einen Riß bekommen hat? daß ich das Recht habe, euch in Ketten zu schlagen und an die Wand zu schmieden? Ich erschrecke, wie ich heut Nachmittag den Sprung in der Mauer wahrnehme; aber das laß ich mir doch nicht träumen, daß der dumme Schatzgräber, der doch seine ehemalige Strafe nicht sollte vergessen haben, seine Streiche von Neuem angefangen hat. Sprich, wo sind die übrigen Verschwornen?
Der Graf, wie Sie ihn nennen, antwortete der zitternde Friedrich, hat Alles ganz allein gemacht.
Was? rief der Director erstaunt; das Kerlchen ganz allein? Allen diesen Schutt aufgeworfen? sich wohl vier Klaftern tief eingegraben? die Erde in die Gewölbe herauf gefahren und dort abgeladen? Das ist kaum menschenmöglich! Und wie lange treibt ihr die Teufeleien?
Seit vier oder fünf Wochen, klagte Friedrich.
Kein Wunder denn, sagte der Director, daß der Unkluge so verfiel und zum Jammerbilde wurde. Aber wie konnten Sie nur, Graf, ein solcher Dummkopf seyn, und sich von diesem armseligen Schaafe verführen lassen? Merkten Sie es denn gar nicht, da Sie doch manchmal Funken von Vernunft zeigen, daß er auch zu den Tollen gehört?
Also ist unser Herr Friedrich auch unklug? fragte Wolfsberg.
Was anders? erwiederte der Director: nur weil er anstelliger ist, als die Andern, wird er zum Aufwärter, ja Aufseher gebraucht. Nun hat sich das Ding freilich geändert. Hätten die Satans nicht uns Narren insgesammt den alten Kasten auf die Köpfe schmeißen können!
Mir fiel es oft ein, sagte Wolfsberg kleinlaut, daß hier keine Schätze liegen möchten, daß Friedrich vielleicht nicht gesunde Einsichten habe; aber weil ich doch einmal die tolle Arbeit angefangen hatte, weil er mich so zu lieben, auch ganz zu kennen schien, mehr als Alle, so — —
Ja, winselte Friedrich, ich mußte dem Narren gleich gut seyn, so wie ich ihn ankommen sah; denn betrachten Sie ihn nur, wie er dem berühmten Herzog Marlbrough ähnlich sieht, der vor einem halben Jahre bei uns saß, und mit dem ich damals auch die große Freundschaft errichtete. Aber da er nun doch ein recht verrätherischer Narr ist, will ich Ihnen auch sagen, wer er eigentlich ist; denn Sie kennen ihn Alle nicht.
Nun? sagte der Director.
Er ist, fuhr Friedrich trotzig fort, der durch die ganze Welt berüchtigte Cartouche, das können Sie mir auf mein Wort glauben.
Scheert Euch beide auf Eure Stuben, rief der Director, und nehmt da auf vier Wochen mit Wasser und Brod vorlieb, das ist Eure gelindeste Strafe! Die Maurer werden hier wohl eben so lange zu thun finden, ehe das Haus wieder fest steht und Alles in Ordnung ist.
Sie gingen Alle hinauf, und die beiden armen Sünder mußten sich seufzend in ihre Strafe fügen, die noch härter hätte ausfallen können.
———
Vor der Stadt lustwandelten die beiden Freunde Walther und Anselm. Sie billigen es also, sprach der Letztere, daß ich dem alten Grafen Birken Alles, was seinen wilden Sohn betrifft, geschrieben habe, und daß er nun, wenn es ihm wichtig genug dünkt, selber kommen und ihn aufsuchen mag; denn ich kann meine Zeit nicht länger mit diesen Nachforschungen verlieren. Sie wissen, daß mit jedem Posttag die vortheilhafteste Anstellung ankommen kann, die ich nicht zurück weisen darf.
Ich bin in allen Dingen Ihrer Meinung, erwiederte Walther, nur darin nicht, daß Sie nicht zum Hause des Predigers Kilian zurück kehren wollen, wo, wie ich immer noch glaube, wir Alle antreffen würden. Was nützt mir nun die Vollmacht, die ich bei mir trage, wenn wir den guten Pankraz niemals wieder zu Gesichte bekommen?
Ein Auflauf störte die Unterredung, denn ein Rudel von Jugend war hinter der seltsamsten Erscheinung her, die ihnen zu entlaufen suchte. Eine lange Gestalt im rothen Tressenrocke, kleinem goldbesetzten Hut und großem Haarbeutel, einem feinen Degen mit Porzellan-Griff an der Seite, in aufgewickelten seidenen Strümpfen und Corduan-Schuhen mit rothen Absätzen, stolperte ihnen unbehülflich entgegen, und bat mit kläglicher Stimme um Hülfe gegen die ausgelassene Jugend. Sie halfen dem alten Manne in ihren Gasthof, vor dem sie eben standen, und als sie im Zimmer dem Geschrei und Lärmen des nachfolgenden Haufens entgangen waren, erkannten die Freunde zu ihrem Erstaunen an dem hochauffrisirten und gepuderten Kopf das Gesicht des verdächtigen Pankraz. Wie bin ich Ihnen verbunden, meine werthen Herren, sagte er, den Rath von der Seite betrachtend, daß Sie mich gerettet haben!
Der Arzt, welcher fürchten mochte, daß bei der Milde seines Freundes vielleicht die Sache nicht die rechte Wendung nehmen könnte, bemächtigte sich gleich des Gespräches, indem er mit barschem Tone sagte: wir kennen Euch recht gut, alter Narr Pankraz; wie seid Ihr in diesen Habit gekommen, und was hat die Posse zu bedeuten?
Ach, mein Herr, sagte der Diener, wir sind schon einige Zeit von unserm Prediger entfernt —
Das wissen wir, unterbrach ihn der Arzt, und auch den saubern Grund, weil der gute Pankraz uns nicht gern dort treffen wollte. Doch das wird sich Alles finden!
Nun kann ich meinen Herrn, fuhr der Diener fort, nachdem er den Arzt ein Weilchen mißtrauisch angesehn hatte, so ziemlich regieren; er folgt mir in wichtigen Sachen immer, wenn er auch murrt, und hat mehr Respect und Furcht vor mir, als vor dem Herrn Prediger selbst; aber an einem einzigen Tage im Jahr ist er durchaus nicht zu bezwingen; an seinem Geburtstage nämlich; da muß ich ihm in allen Dingen seinen Willen thun, wenn ich ihn nicht wüthig machen soll. Heut ist der Unglückstag, und da faßte er schon vorige Woche den Gedanken, ich müßte heut als Herr angeputzt seyn, und er wollte meinen Bedienten vorstellen. Ich bat und flehte; aber umsonst. Ich wollte wenigstens den Spaß auf dem Lande treiben; half nichts. Er staffirt mich also aus, und lehnt das Zeug dazu von Juden und Christen zusammen; er selber tritt in einer engen hechtblauen Livree hinter mir her, und da sich die Jungen versammeln, fängt der böse Mensch zuerst an, mich auszulachen, und schreit hinter mir drein, ich sei der ewige Jude. So bin ich durch die halbe Stadt verfolgt worden, und hoffe nun durch Sie den Habit los zu werden, und sicher nach unserm Wirthshause zu kommen.
Das wird alles nicht nöthig seyn, sagte der Arzt kaltblütig, der gute Pankraz wird wohl anderswo ein Unterkommen finden. Seht, der Herr Rath Walther hat sich zu Eurem Besten vom Gerichtspräsidenten hier in der Stadt, der sein naher Verwandter ist, diese Vollmacht geben lassen, Euch zu greifen, wo Ihr Euch betreffen ließet, und den Gerichten zu überliefern; wo Euch dann das Zuchthaus wenigstens gewiß ist, wenn Euch nicht, wie ich glaube, Kette und Karren auf dem Vestungsbau erwartet.
Mein Himmel, sagte der Alte zitternd, indem er einen schnellen Blick in das große Blatt warf, wodurch denn — dieser Verdacht — ach! Herr Rath — ich weiß nicht —
Freilich, fuhr der Arzt kalt und bestimmt fort, könnt Ihr Eurem Schicksal selbst eine bessere Wendung geben, wenn Ihr in unsrer und einiger Zeugen Gegenwart ganz aufrichtig seid.
Ich weiß ja nicht, winselte Pankraz, was ich gestehen soll.
Die Sache ist übrigens schon klar, sagte der Arzt, und kann auch ohne Euch ausgemittelt werden; nur bewegt uns das Mitleid mit Eurem Alter dazu, Euch das harte Schicksal zu ersparen, das Euch nothwendig treffen muß. Vertraut Ihr Euch uns gutwillig an, so haben wir den alten Baron Eberhard so in der Hand, daß er künftig für Euch sorgen muß, und noch besser, als er bisher gethan hat. Wir wollen als Eure Freunde für Euch handeln, wenn Ihr aufrichtig seid, und Euch als Feinde verfolgen, wenn Ihr läugnet.
Lieber Himmel, stotterte der Alte, wenn ich doch nur gleich recht viel wüßte, um Ihnen durch meine Bereitwilligkeit meinen Diensteifer und meine Liebe zu beweisen.
Wir verlangen nur Weniges von Euch, sprach Anselm.
Ach! das ist ja recht Schade, seufzte Pankraz; wollte der Himmel, ich hätte Ihnen recht Vieles zu erzählen!
Daß Ihr sonst den jungen Raimund bedientet, fuhr der Arzt fort, daß Ihr einen Spion bei ihm abgabt, daß Ihr es nicht ehrlich mit ihm meintet, sondern Alles dem alten Herrn Baron zutrugt, wissen wir schon längst. Es ist uns auch bekannt, daß sich der alte Herr Baron über die Schwächlichkeit seines Neffen freute, weil er ihn zu beerben hoffte; daß ihm deßhalb die Verbindung mit Fräulein Blanka sehr zuwider war, die er auch nur unter den einfältigsten Vorwänden zu hindern suchte; daß er darum ihre tödtliche Krankheit so gern sah, und Euch alten Spitzbuben mit der Nachricht ihres Todes zu dem zerstörten jungen Manne schickte, als ob Ihr Euch einen rührenden und dummen Spaß mit ihm machtet. Als dieser Todesschlag die Sinne des Unglücklichen verwirrte, jagte der alte Unmensch Euch zum Scheine aus dem Dienst, wie es schon vorher unter Euch abgekartet war, und hat Euch seitdem eine gute Versorgung gegeben, und für die Zukunft eine noch bessere versprochen. Nicht wahr, so hat sich Alles begeben? Jetzt sagt nur noch, wo habt Ihr den armen Jüngling hingeschafft? Gesteht es lieber uns, als dort vor Gericht, wo keine Gnade mehr für Euch zu hoffen ist; auch thut Ihr so Eurem alten Beschützer den besten Dienst, der nur auf diesem Wege einem schimpflichen Prozesse entgeht.
Ach! meine Herren, heulte Pankraz, meinen Sie es denn auch ehrlich mit mir? Wenn ich mich doch nur Ihrem edlen Herzen so recht gutmüthig vertrauen könnte! Wenn Sie es doch einzurichten wüßten, daß ich nichts mehr mit dem Herrn Theophil zu thun hätte, sondern das, was ich von dem Baron fordern kann, in ungestörter Ruhe genösse.
Das soll geschehen, sagte der Arzt. Nur schnell! wo ist Raimund?
Sehn Sie, fuhr der Diener fort, wie soll ein armer bedrängter Domestik ehrlich bleiben, wenn es die vornehmen Herrschaften bei allem ihrem Ueberflusse nicht einmal sind? Der alte Herr glaubte immer, er würde das Vermögen besser brauchen können, als sein junger Neffe, der niemals so ganz seinen Verstand hatte; darum dachte er auch, das feine Wesen sollte mit Tode abgehn, weil die Leute immer sagen, solche Kinder und junge Leute wären zu gut für diese Welt. Wie er nun doch schon confus war, so meinte der Baron, der Tod des Fräulein Blanka, die auch besser für den Himmel paßte, würde den jungen Herrn auch dahin verhelfen; darum sollte ich ihn erschrecken, daß er nur recht schnell und ohne lange Leiden hinüber führe; und das alles wußte mir der Herr Baron ganz christlich vorzuschwatzen. Aber der junge Mensch hatte doch noch mehr Courage und Kraft, als wir ihm zugetraut hatten; er wurde freilich ein bissel lamentabel, und sein Verstand verfiel noch mehr, aber er blieb frisch weg am Leben. Da gab ihm der alte Herr einen andern Namen, schrieb Certificate, eine ganze lange Geschichte, die ich mir auch merken mußte; und das arme kranke Lamm ließ sich auch Alles gefallen; ob er so hieß, oder so, war ihm ganz gleich. Er wurde mir heimlich übergeben und ich brachte ihn ganz in der Stille auf das Haus da drüben über den Fluß, wo sie ihn gut verpflegen, und er sich, seit Fräulein Blanka für ihn todt ist, um nichts mehr kümmert. Ich bezahle vierteljährig seine Pension, die ich von einem Banquier erhebe, und so ist Alles in Ordnung.
Was ist das für ein Haus? fragte Walther.
Das berühmte Narrenhaus da drüben, antwortete Pankraz.
Entsetzlich! rief der Rath; Du wirst uns nun Deine Papiere ausliefern, Dein Geständniß noch ein Mal wiederholen, und es unterschreiben, und so lange, bis Alles entschieden ist, im leichten Arrest bleiben. Doch noch eins: wer ist denn dieser Theophil?
Der, sagte Pankraz, ist ein natürlicher Sohn unsers alten frommen Barons. Er schämt sich seiner, weil er ein Narr ist, und hat ihn bisher bald da, bald dort untergebracht.
Man hörte den Theophil draußen lärmen. Er trat als Bedienter gekleidet in das Zimmer. Ich will meinen Pankraz haben, rief er aus.
Ach, jammerte der Diener, ich bin zum armen Sünder geworden, und gegenwärtig im Arrest.
O das ist herrlich! jubelte Theophil; schöner konnte ich meinen Geburtstag gar nicht feiern, als dadurch, daß sie den alten Kater zum armen Sünder gemacht haben! Das muß ich gleich draußen dem Herrn Kilian und Görge erzählen. Das wird ein Jubel im ganzen Lande seyn. Pankraz im Arrest! der weise Salomon, der schnurrende altfränkische Solon mit seiner Cato-Physiognomie und dem herrlichen Haarbeutel im Nacken ein armer Sünder! — Er stürmte fort und hörte nicht auf die Einreden der beiden Freunde, oder die kläglichen Bitten seines alten Dieners.
———
Kaum war der Stubenarrest und die sehr dürftige Kost dem armen Wolfsberg noch nöthig, um ganz sein Inneres zu erkennen, und alle seine Thorheiten und die Verderbniß seines Lebens einzusehn. In demüthiger Unterwerfung ergab er sich seinem Schicksal, und war kaum erfreut, als man ihm ankündigte, daß seine wohlverdiente Strafe ihm früher erlassen sei. Jetzt durfte er wieder den Saal betreten, und der Director, den er bis dahin so wenig wie Friedrich, seinen Verführer, gesehn hatte, ließ ihn sogar dahin einladen.
Wolfsberg fand alle Thoren dort versammelt, und den Director mit dem Hut auf dem Kopfe sitzend. Dieser hielt ein Papier in den Händen, und seine Miene schien sehr verändert; doch konnte man nicht sagen, daß er heiterer, als gewöhnlich, aussah. Meine Freunde, fing er im Rednerton, aber mit einer weichen Stimme an, wir haben lange mit einander gelebt, viel mit einander ertragen; aber heut ist der Tag, an welchem wir von einander scheiden sollen. Man hat endlich meinen vielfältigen Gesuchen, mich in Ruhestand zu versetzen, nachgegeben, und der Mann, der nun als Vorsteher meine Anstalt übernehmen wird, soll noch heut Mittag eintreffen. Möge sein Verstand erleuchteter, als der meinige, und sein Sinn nicht unfreundlicher seyn!
Die Thür ging auf, und Görge trat mit großer Dreistigkeit herein. Was giebt’s, Bursche? fuhr der Director auf ihn los.
Ich kann’s nicht mehr zu Hause aushalten, sagte Görge ganz unbefangen. Sehn Sie, Herr Director, seit ich neulich ’mal hier war, bin ich wie ein verwandelter Mensch; mein Verstand ist aufgeklärter, und ich kann nun meinen lieben Aeltern nicht mehr so in Allem folgen, wie ehedem. Wenn ich das nicht recht mache, und jenes versehe, ’mal so spreche oder morgen anders denke, wie es zu Hause bei mir Mode ist; so wird die Mama immer sehr böse, und droht mir, mich in das Narrenhaus hier einsperren zu lassen. Gestern nun habe ich unserm Herrn Kilian wohl zwanzig Fledermäuse in die Stube geworfen: da hat er mich verklagt, und sie hat mir wieder gedroht, mich hieher zu schicken; da bin ich nun heute früh lieber gleich von selbst herüber gelaufen, und bitte, daß Sie mich eine Weile hier behalten; so könnte ich auch bei dem rothnasigen Herrn dort noch etwas lernen und mich ausbilden.
Sokrates machte sich sogleich herbei, und faßte die Hand des lehrbegierigen Jünglings. Der Director lächelte und sagte mit sonderbarer Miene: wenn Strafe selber zum Lohn wird, so ist der Mensch gewiß am glücklichsten. — Ich bin in meiner Abschiedsrede von Euch, meine Freunde, unterbrochen worden, fuhr er hierauf in verändertem Tone fort. Ich habe dies Haus nun sechszehn Jahre bewacht; viele Gäste empfangen, viele gebessert entlassen. Ihr seid die letzten; und da ich Eure Besserung durch Pflege und Aufsicht nicht lange genug habe abwarten können, so will ich sie hiermit durch ein Machtwort veranstalten, und erkläre Euch nun hiermit für frei, hergestellt und gesund. Wie? Diese Gewalt wenigstens sollte mir nicht einmal geblieben seyn? Thut der Staat, der Fürst, die Universität denn etwas anders, wenn sie Doctorhüte, Titel und Würden austheilen? Da sehn wir ja täglich, wie Menschen plötzlich Verdienste und Tugenden haben und glänzen lassen, die kurz vorher nur wenig taugten, oder kaum über Vier hinaus zählen konnten. Alle Thore, meine theuern, so lange gehegten und gepflegten Freunde, sind offen; die Thürhüter haben den Befehl, Niemanden am Ausgehen zu verhindern. Diese letzte Wohlthat ist es, wozu ich noch heute meine Macht gebrauchen will. Ich kann meinem Amte nicht länger vorstehn; denn, wie mancher der Märtyrer oder Wunderthäter jener frühern Jahrhunderte die Sünden ihrer Mitbrüder, so habe ich mit Liebe und Mitleid alle Eure Gebrechen in meine Seele aufgenommen: und Viele sind dadurch geheilt, die Bösartigkeit Andrer ist dadurch gemildert worden. Aber Ihr könnt wohl selbst ermessen, dankbare Freunde, daß das keine Kleinigkeit für einen sterblichen Mann ist, in seinem engen Busen so hundert Narrheiten zu tragen und zu hegen, an deren einer schon jeder von Euch genug zu schleppen hat. Freilich war ich auch dadurch nur Monarch und Herrscher, in welchem sich alle Kräfte und Vorzüge centralisiren. Nicht wahr, ihr guten, lieben Unterthanen und Einfaltspinsel? Geht nun zurück in die Welt, und gewöhnt Euch doch endlich als gesetzte Männer die kindische Aufrichtigkeit ab, mit der Ihr Euch vor jedem Narren Eure Narrheit habt merken lassen. Schaut um Euch! Von Allen, die hier vorbei fahren und gehen, die auf dem Flusse schiffen, die in der Stadt dort wandeln und auf ihren Zimmern sitzen, gehören, wenn man die Strenge brauchen wollte, wenigstens zwei Drittheil hieher. Warum wollt Ihr nun so weichherzig seyn, jedem Eure Brust zu öffnen, und in die curiose Structur Eures Innern hinein schauen zu lassen? Ist es denn so etwas Schweres, die gewöhnlichen Redensarten der Vernünftigen zu gebrauchen, ihre Geschäfte zu treiben, trivialen Spaß zu machen, und ihnen ihre ganze Ehrwürdigkeit abzusehn und nachzuspielen? Kinder, glaubt mir doch, es gehört weit mehr Genie dazu, ein Narr zu seyn! Daher mag es auch Mangel an Muth seyn, wodurch sich die Meisten abhalten lassen, zu uns überzugehn. Denn ein trivialer Narr ist wirklich etwas recht Triviales. Wann nun der neue Herr Director ankommt, seht, Kinder, so wird er hier das leere Nest finden. Das glaube ich, wenn der sich so recht in die Fülle, wie in eine vollständige Haushaltung hinein setzen könnte, das wäre ein Jubel für ihn; Alles eingemacht, vollgesackt, geschlachtet und gepökelt für Herbst und Winter; die ganze Ernte, die ich so mühselig seit manchem Jahre habe sammeln müssen! Nein, er mag auch säen und pflanzen, die junge Zucht auffüttern, die alten Gänse nudeln und stopfen. Zehre er von seiner eignen Arbeit! — Lebt nun wohl und reicht mir Eure Hand, ehrwürdiger Sokrates! Geht und nehmt den jungen Alcibiades, den lieben Görge, mit Euch; bildet ihn, daß er Galimathias sprechen lerne, aber mit Maaßen, damit er nicht verkannt werde, wenn er das, was auf einen Monat ausreichen sollte, in einem Tage an den Mann bringt. Fahrt wohl, Ihr beiden Redner; übt Euch dort vor dem Volke, und rührt und erbaut die Welt durch Liebe und erhabene Gesinnung! Indianer, großgesinnte Menschen mit edeln Inspirations-Gaben versehn, errichtet dort eine Akademie, um die trockne Welt geheimnißvoller zu machen und sie mit tiefer Mystik zu nähren! Begleitet diese Edeln, Ihr Lesender; und wenn Ihr unserm Jahrhundert Alles rücklings lesen und stellen könnt, so werdet Ihr Euch vielen Dank verdienen: ja der bloße Versuch wird Euch schon glänzend belohnt werden. Ihr Baukünstler, bezieht wieder Euer Haus, das Ihr als aufgeblühte Schönheit verließet, und das nun zu einem alten Mütterchen zusammen geschrumpft ist! Pygmäenfeind, geht und vertreibt die bösen Geister! Ihr, Graf Birken, macht Euch davon, und laßt nun Weiber und Mädchen in Ruhe! Herr von Linden, oder Methusalem, wie sie Euch hier nennen, verschwindet in Eil: denn Ihr macht hier nur theure Zeit, da Ihr sie so entsetzlich consumirt. Wie? wenn ich Euch nun die Zehrungskosten nebst Zinsen für die hundert tausend Jahre abfordern wollte, die Ihr hier, Eurem eignen Geständnisse nach, zugebracht habt? Meilen weit hier herum kann das Kind im Mutterleibe keine Zeit zum Wachsen finden, da Ihr Alles in Euch schlingt. — Friedrich, lebt wohl, und grabt keine Schätze mehr, sonst grabt Ihr Euch selber die Grube, in die Ihr hinein fallt!
Jeder mußte ihm, indem er vorüber ging, die Hand reichen. Alle verließen das Haus; nur Friedrich erklärte, daß er niemals weichen wolle. Sieh, rief der Director, am Fenster stehend, wie sie sich verbreiten und dahin ziehen, die lieben Pilgersleute! Sie werden es doch vielleicht nicht wieder so gut finden, als hier. Mancher wird sich zurück sehnen!
Ein Wagen fuhr in den Hof, und der Mann, welcher herausstieg, war sehr verwundert, alle Thore offen zu finden. Noch mehr erstaunte er aber, als er sich dem zeitherigen Director näherte, und erkannte, daß dieser plötzlich ein Kranker seiner eignen Anstalt geworden sei. Er gab sich ihm als Doctor Anselm zu erkennen, welchem die Regierung diesen Posten anvertraut habe: doch jener antwortete bloß: ja, bester Mann, Sie finden mich ganz allein hier, als Stock und Stamm, der wohl wieder Früchte tragen mag, doch aber jetzt abgelaubt ist. Für etwas, wenn auch nicht für viel, kann mein Friedrich gelten.
Anselm ließ sogleich einige Diener zu Pferde ausreiten, um, wo möglich, noch einige der Flüchtlinge einzuholen.
———
Görge ging mit seinem neu erworbenen Sokrates seiner Heimath zu. Sie müssen sich nur nicht Sokrates nennen, machte er ihm begreiflich; denn das klingt so heidnisch: so können Sie gewiß in unserm Hause bleiben, und mir Unterricht geben. Der Papa suchte schon seit lange einen Lehrer: er hilft Ihnen gewiß durch, und thut, als wenn er Sie dort oben nicht gesehn hätte; meine Schwester darf nichts ausplaudern, sonst verrathe ich ihre schwärmerische Liebe zu dem Windbeutel Theophil; bloß die Mama müssen wir betrügen, und Sie müssen sich nur hübsch klug und weise stellen.
Ich brauche mich nicht so zu stellen, antwortete Sokrates; das ist meine wahre Natur.
In einiger Entfernung hinter diesen schlich Wolfsberg; er ging nur langsam, und sehnte sich nach einer Erquickung. In dem großen Dorfe, wo der Junker ihm mit seinem Mentor aus den Augen verschwand, ließ er sich in dem Gasthofe ein Zimmer geben, und bestellte sich Essen und Wein. Er legte sich indessen auf das Bett, um etwas zu schlafen; aber kein Schlummer befiel sein Auge, denn tausend gute Vorsätze, Lebensplane und Erinnerungen besuchten ihn jetzt, da er sich nun endlich der Freiheit zurück gegeben sah, die er sich seit so mancher Woche vergeblich gewünscht hatte. Die heitre frische Herbstluft zog durch das offne Fenster, und stärkte seine Sinne. Wie ist mir wohl! sagte er zu sich selbst: warum habe ich denn so manches Jahr diese Empfindungen verschmäht, die mich jetzt besuchen, und die doch das theuerste Leben meines Lebens sind?
Ein sonderbares Gezänk, das draußen vorfiel, erregte erst seine Aufmerksamkeit und zog ihn dann ans Fenster. Ein alter Mann stritt mit einem jungen, und sagte jetzt eben: nein, Sie müssen mit uns gehen, und daß ich Ihnen Ihre Baarschaft oder Ihre Wechsel jemals wieder geben sollte, darauf machen Sie nur sich keine Rechnung; denn wenn ich nicht als ein kluger Mann Ihre Capitalien in Verwahrung genommen hätte, so hätte es wohl so kommen können, wie uns der fremde Herr wahrsagte, daß mein altes Auge Sie nie wieder sah, und meine arme Tochter sich der Verzweiflung ergeben mußte.
Wolfsberg sah sich hier wieder einen Spiegel vorgehalten, der ihm die Scene noch weit interessanter machte. Aber, Herr Kilian, es ist doch mein Geld, sagte der junge Mensch.
Was, Kilian? schrie der Alte; Herr Schwiegervater müssen Sie zu mir sagen, so wie ich Sie auch lieber hochgeborner Herr Schwiegersohn, als Graf von Birken tituliren werde.
Wie? sagte Wolfsberg zu sich selbst, dies also ist der junge verkehrte Mensch, für den ich so lange habe leiden müssen? — Seine Aufmerksamkeit hatte den höchsten Grad erreicht, und weil er dem Gespräche so eifrig zuhörte, bemerkte er nicht, daß zwei fremde Menschen durch den Baumgarten herbei kamen. Kommen Sie, ohne Umstände, rief der Pfarrer jetzt von Neuem, oder ich lasse Sie aus meiner Machtvollkommenheit als Mädchenverführer und Jungfrauenräuber arretiren.
Einen solchen suchen wir eben, sagte der eine Fremde, einen jungen Grafen Birken, der ein Verbrecher und Narr zugleich seyn soll. Alle Thörichten haben sich heut aus dem Narrenhause befreit, und das ganze Land ist nun im Aufruhr, sie wieder einzufangen.
Wolfsberg erschrak; er wollte schnell den Kopf zurück ziehn, aber man hatte ihn schon bemerkt. Er sammelte sich und rief von oben herab: Sie suchen den Grafen Birken? Der dort ist es, der mit dem alten Manne spricht.
Der Graf erschrak, der Geistliche sammelte sich aber bald. Schwiegersohn oder Arrestant? fragte er den jungen Mann schnell und leise. „Ach! Schwiegersohn!“ wimmerte dieser kläglich, und der Geistliche sagte mit fester Stimme: meine Herren, ich bin der Pastor dieses Orts; dieser mein Herr Schwiegersohn wohnt schon seit vierzehn Tagen in meinem Hause; aber dem Menschen da oben sieht ja der Vagabunde und der Narr obenein aus den Augen heraus. Ich gebe Ihnen mein Wort, er ist der entsprungene Graf Birken!
Er nahm seinen Schwiegersohn unter den Arm und führte ihn mit starker Hand davon. Die Fremden bemächtigten sich des unglücklichen Wolfsberg, erlaubten ihm kaum, sein bestelltes Mittagsessen zu genießen, und schleppten ihn wieder in seine alte Haft zurück.
———
Der Rath Walther war im Begriff, in schnellster Eile nach der Stadt zu fahren. Nur auf eine halbe Stunde wollte er in dem Dorfe beim Pfarrer Kilian einsprechen, und scheute deßhalb den Umweg nicht, weil er doch vielleicht irgend eine Nachricht durch ihn erhalten könnte. Als er nach dem Dorfe einbeugte, sah er seitwärts neben den Bergen auf einer grünen Wiese den Fluß entlang eine Gestalt gedankenvoll wandeln, die sein entzücktes Auge bald als seinen geliebten Raimund zu erkennen glaubte. Er ließ halten und wollte über die kleine Brücke dem Wasser zueilen, als er Schalmeien, Clarinetten und Waldhörner vernahm, und einen langen Zug geputzter Bauern und Bäuerinnen sich entgegen kommen sah. Alles jubelte, und in der Mitte gingen neben dem Pfarrer zwei wunderlich geschmückte Gestalten, die er für Graf Birken und die Tochter des Pfarrers erkannte, deren grüner Kranz in den brandrothen Haaren sie deutlich als Braut ankündigte.
Da der Rath wußte, wie wichtig es seinem Freunde, dem Arzte seyn mußte, daß die Trauung nicht vor sich ginge, so begab er sich, statt nach jener Wiese, in die Mitte des Brautzuges. Er wollte sprechen; aber die lärmende Musik ließ ihn nicht zu Worte kommen; besonders da der Pfarrer die Musikanten zum Blasen und das junge Volk zum Schreien ermunterte, um nur den lästigen Besuch zu übertäuben und zu verscheuchen. Des Rathes Anstrengungen wären auch für jetzt vergeblich gewesen, wenn nicht einige Reiter herbei gesprengt wären, die dem Zuge Halt geboten. Die Musik verstummte, und diesen Augenblick der Ruhe benutzte Walther, um seinen Einspruch gegen die Feierlichkeit vorzutragen und zu erklären, daß der junge Graf noch nicht mündig, außerdem auch thöricht im Haupte sei. Des Pfarrers bemeisterte sich ein erhabener Zorn. Ich weiß nicht, rief er aus, warum sich alle Welt in Bosheit gegen meinen verehrten Schwiegersohn und meine geliebte Tochter verschworen hat! Er thöricht im Haupte? Wissen Sie, unbekannter Freund, was das sagen will?
Die Reiter begehrten ebenfalls angehört zu werden. Sind Ihnen sonst keine Narren begegnet, fragte der erste sehr eifrig: das ganze Narrenhaus hat sich frei gemacht, wir sind alle in den Dörfern aufgeboten, sie wieder einzufangen. Jeder Reisende ist jetzt verdächtig; man prüft alle Welt sehr scharf, und selbst der Vernünftigste muß sich in Acht nehmen, nicht aufgegriffen zu werden; denn Narren müssen sie nun doch einmal dort oben wieder haben.
Sind Ihnen Verdächtige vorgekommen, Herr Pastor? fragte der zweite.
Ich untersage hiermit diese Hochzeit! rief der Rath im höchsten Unwillen.
Der Pfarrer, welcher das Grafthum seiner kleinen Tochter von Neuem in Gefahr sah, dessen Vaterliebe Alles daran setzte, sich diesen Schwiegersohn zu sichern, und dem mit Wolfsberg schon der kühne Streich gelungen war, rief jetzt laut: hier, meine Herren, sehn Sie einen solchen Wüthigen vor sich, der sogar die heilige Ceremonie durch seine Raserei stören will!
Was? rief Walther aus; ich ein Rasender?
Sehn Sie nur, sagte der Pfarrer gesetzt, wie ihm die Augen wie zwei Feuerräder im Kopfe herum gehn! Er ist toll; wir erkennen ihn Alle dafür an.
Ja, schrieen die Musikanten, und am lautesten der Graf: es ist der tolle Mensch, der schon seit acht Tagen hier herum läuft.
Geben Sie Acht, was Sie thun, sagte der Rath etwas besänftigt; ich wollte eben nach der Stadt; ich bekleide dort jetzt die Stelle des Gerichtspräsidenten.
Vor Hochmuth ist er übergeschnappt, rief der Pfarrer; allons! fort mit ihm! — Fort mit ihm, schrie der ganze Haufe. Die Reiter hatten schon ein drittes, lediges Pferd herbei geschafft; Walther ward hinauf gepackt, und ehe er noch sagen konnte, daß sein Wagen vor dem Dorfe halte, trabten seine Begleiter mit ihm fort: denn das Singen und Schreien der Menge, die betäubende Musik, und die Glocken, welche die Ceremonie einläuteten, machten für jetzt jede Erörterung unmöglich. Walther mußte gezwungen den Weg zur neuen Behausung seines Freundes antreten; der Pfarrer aber schleppte als Sieger seinen mühsam errungenen Schwiegersohn in die Kirche, mit dem Vorsatz, sich späterhin lieber jeder Verantwortung zu unterziehn, als das Horoskop Lügen zu strafen!
———
Der neue Director Anselm hatte sich indessen um seinen kranken Collegen bemüht, und es war ihm auch gelungen, den alten Mann wieder ziemlich zu beruhigen. Dieser sah seinen Zustand ein, und fühlte sich beschämt, daß er so leicht jenem Gelüste nachgegeben, welches ihm noch kürzlich der Prediger als so gefährlich geschildert hatte. Er besaß in der Nähe ein Landhaus, auf welches er sich verfügte, und Anselm sah ihn gern abreisen, weil er überzeugt war, daß die schnell erzeugte Unpäßlichkeit in einigen Tagen auf immer verschwinden müßte.
Jetzt ward eine Gesellschaft von Reisenden gemeldet, die das Haus besehn wollten. Anselm ging ihnen entgegen, sie zu bewillkommen, und zugleich zu entschuldigen, daß ihre Neugier sich diesmal mit einem einzigen Vernünftigen begnügen müsse. Voran in den Saal trat ein langer alter Herr, dem die Uebrigen große Verehrung bezeigten; er führte an seinem Arm ein phantastisch geschmücktes Frauenzimmer, die dem Arzte bekannt schien, obwohl er sich ihrer nicht gleich erinnern konnte. Ein breitschultriger junger Mann folgte, und als letzte Begleiterin schlich ein blasses, krankes Mädchen nach, die Strickkorb und Tuch ihrer lachenden und übermüthigen Gebieterin demüthig trug.
Wir kommen, sagte der angesehene Mann, Ihre Anstalt zu betrachten; meine junge Gemahlin hat dergleichen noch niemals gesehn, und der Bruder meiner Frau hat noch andere philosophische und künstlerische Absichten bei dieser Reise.
Sind die Narren aber auch nicht fürchterlich? fragte die junge Dame; ist man nicht auch in Gefahr angesteckt zu werden?
Anselm erzählte ihnen die unglückliche und doch lächerliche Begebenheit, worauf der alte Herr sehr betreten und erblaßt zurück fuhr und ausrief: wie? Alle entlaufen? Schrecklich! Und auch ein gewisser Baron Linden unter den Geflüchteten?
Ja wohl; leider, sagte der Arzt, indem er den Sprechenden näher ins Auge faßte.
Das ist ein Jammer, rief der robuste junge Mensch aus; so bin ich denn vergebens hieher gereiset? Mir fallen jetzt bei unserm Theater die wichtigen Rollen des Macbeth und Lear zu, und für diese möchte ich so gern hier meine Studien machen; denn seit unser Großprahler, der Adlerfels, so ganz verschollen ist, und man nirgend von ihm hört (Schade um den übrigens guten Künstler!), so muß ich doch nothwendig die Lücke ausfüllen, die mit seinem Verlust bei uns entstanden ist.
Du solltest ihn nicht nennen, mon frère, sagte die Dame: sieh nur, wie Fanny wieder von Erinnerung ergriffen wird.
Auf den großen Mann, sagte der Bruder, hätte sich das Köpfchen ja doch niemals Rechnung machen dürfen.
Friedrich, der auch zugegen war, sagte: es ist außer mir Niemand im Hause, als der berüchtigte Graf Birken; den haben sie vor Kurzem mit Gewalt wieder zurück geschleppt.
Graf Birken? rief der Arzt höchst erfreut aus; o diesen führe sogleich zu mir, guter Mann. Zugleich winkte er den Baron in ein Fenster, um im Geheimen mit ihm zu sprechen: ich habe die Ehre, fing er an, den Herrn Baron Eberhard vor mir zu sehn. Jener verbeugte sich. Wenn Ihr Neffe, fuhr der Arzt fort, jetzt sich wieder fände, würden Sie gewiß seiner Verbindung mit Fräulein Blanka nichts mehr in den Weg legen. — Wenn er noch lebte, der liebe Jüngling, sagte jener süßlich, und sie den Verstand wieder gefunden hätte, — doch scheinen das unmögliche Dinge zu seyn! — „Doch nicht viel unmöglicher, sagte Anselm, als daß dieser nämliche Neffe lange als Baron Linden hier im Hause gelebt hat.“ — „„Ei! was Sie mir sagen!““ — „Sie mußten es doch wohl wissen, da Sie sich gleich so angelegentlich nach dem jungen Linden erkundigten.“ — „„Ich? Ja, sehn Sie einmal, — daß ich nicht wüßte,““ — stotterte jener.
Sie sind ein so berühmter Christ, fuhr Anselm fort, Ihre Frömmigkeit und Menschenliebe sind so exemplarisch, daß Sie ganz gewiß in alle meine Bitten und Vorschläge willigen werden, da ich es gleich gut mit Ihnen, wie mit Ihrem Neffen meine.
Je, du mein Himmel, ächzte der Baron, wir sind ja alle gute Menschen. Wann ich nur erst wüßte, wodurch ich die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu seyn.
Die arge Welt könnte glauben, fuhr Anselm leise im sanftmüthigsten Tone fort, Sie hätten es auf das Vermögen Ihres lieben Neffen angesehn, besonders weil ein alter Schuft sich nicht entblödet, auszusagen, ein gewisser Pankraz —
O der Galgenschwengel! rief der Baron: was sagt er aus? der soll mir Alles bezahlen!
Sehn Sie einmal, indem Anselm die Bogen aus einander faltete, diese weitläuftige Anklage, vor Zeugen ausgesagt und unterschrieben. Es ist entsetzlich! Was gewinnt aber ein frommes Herz, wie das Ihrige, dabei, einen solchen Menschen zu bestrafen? Nein; sammeln Sie feurige Kohlen auf sein Haupt; belohnen Sie ihn großmüthig und übermäßig, daß er in sich geht, und an Ihrem Edelmuth hinauf staunend, an Tugend glauben lernt. Sie könnten ihm wohl ein Häuschen, ein kleines Capital, eine mäßige Wiese und einige Aecker schenken, wie ihm ein sonderbarer Mann, der seit gestern Gerichtspräsident hier drüben in der Stadt ist, etwas voreilig in Ihrem Namen schon versprochen hat: ein gewisser Walther, er hat auch die Ehre, mit Ihnen verwandt zu seyn, und denkt Ihnen auch die Mühe abzunehmen, künftig noch des Vermögens wegen, das Ihrem Neffen zusteht, Sorge zu tragen.
Je du mein Gott, ja, — Alles herzlich gern! seufzte der Alte kaum hörbar.
Wie wäre es denn nun noch zuletzt, theuerster Mann, den ich immer mehr verehren muß, wenn Sie auch Ihren armen Sohn, den Theophil, legitimirten, und ihm ein anständiges Auskommen gewährten. Würde Ihr Herz darüber nicht eine unbeschreibliche Freude empfinden?
Ach ja, sagte jener, eine unbeschreibliche Freude, und da Sie es wünschen — und Sie eine gewisse Art zu bitten, — und zum Herzen zu sprechen haben, — o Himmel! die Thränen stehn mir in den Augen, daß ich eine solche Bekanntschaft gemacht habe.
Ich bin im Innersten gerührt, erwiederte Anselm. Sie umarmten sich herzlich, und der Baron wischte sich die Tropfen des kalten Angstschweißes von der Stirn; lange bin ich nicht so bewegt gewesen, seufzte er, und blickte zum Himmel. Und ich, erwiederte Anselm, habe auch, so lange ich lebe, an keinem so großen Herzen gelegen.
Der Baron trat zur schäkernden Gattin. Sie werden, sagte er fromm, in diesen Tagen einen Sohn von mir kennen lernen: auch ist mein Neffe wieder gefunden, und ein alter Diener Pankraz wird das kleine Gütchen Liebendorf erhalten, welches Sie dem Pachter verkaufen wollten.
Das ist ja viel in einer kleinen Viertelstunde, sagte sie, und maaß den Director mit großen Augen.
Es geht fast zu, wie im Lustspiel, sagte dieser.
Ja, sagte der Baron, der Herr Director haben mir Eröffnungen gemacht, und auf eine Art —
Hier kommt Graf Birken, schrie Friedrich; er wollte sich erst gar nicht dazu bequemen.
Wolfsberg trat herein; der Arzt ging ihm entgegen, aber beide fuhren in demselben Augenblicke vor einander zurück. Sie, Herr von Wolfsberg hier? unter diesem Namen? Und so verwandelt? so abgefallen? So drückte mit wiederholten Ausrufungen der Arzt sein Erstaunen aus. Die Uebrigen im Saale waren nicht ruhiger. Fanny lag in Ohnmacht, und Wolfsberg, der jetzt erst die Gruppe sah, machte sich aus den Armen des umhalsenden jungen Mannes, der einmal über das andre: mein Adlerfels! rief, los und eilte der Niedergesunkenen zu Hülfe. Er kniete zu ihr nieder, er legte ihr Köpfchen auf seinen Schooß: o meine geliebte, meine theuerste, meine einzige Franziska! rief er in den zärtlichsten Tönen; entziehe Dich mir jetzt nicht wegen meiner Missethat, entfliehe mir nicht, denn ich bin kein Herzloser mehr: ich kehre zu Dir zurück, wenn Du mich noch würdigest, mich Dein zu nennen! Ich bin ja aus meinem tiefen Elende zu mir selber erwacht; o so erwache denn auch Du zu diesem Leben wieder!
Franziska schlug die ermatteten, aber schönen Augen auf. Sie konnte an ihr Glück nicht glauben, daß sie in dessen Armen lag, der sie mit so grausamem Hochmuthe von sich gestoßen hatte. Du mein? stammelte sie; gewiß?
Ja, mein süßes Herz, erwiederte Wolfsberg, der sich nun als Adlerfels ausgewiesen hatte; ja ich kehre mit Dir zurück, Du wirst meine Gattin, und alle Schmerzen, allen Hohn, den Du um meinetwillen ertragen hast, will ich Dir vergüten, wenn ich es vermag. Und unser Kind, das arme Würmchen, lebt es denn noch?
Die liebe Bertha, sagte die Entzückte, ist zu Hause, bei meiner Schwester. Gott! wie wird sich Alles freuen!
Ich gratulire, Fanny, sagte die gnädige Frau: nun gieb mir nur Strickkorb und Shawl her, daß ich es selber trage.
Bruder, rief der andre Schauspieler, wie wird das Publikum sich freuen, Dich in Deinen Effect-Rollen wieder auftreten zu sehn.
So eben, rief Friedrich herein springend, haben sie noch einen ganz neuen Narren eingefangen. Das geht scharf her.
Walther trat lachend ein und man verständigte sich sogleich. Anselm stellte ihn dem Baron vor und sagte ihm kurz, daß das edle Herz des frommen alten Herrn in Alles gewilligt habe, was er nur irgend als Mensch oder Rechtsgelehrter von ihm fordern könne. So laßt uns denn, rief Walther, nach dem Dorfe zurück kehren, von dem ich eben herkomme, denn wenn meine Augen nicht ganz zu Lügnern geworden sind, so haben sie dort meinen geliebten Raimund erblickt.
Wirklich war es Raimund gewesen, den Walther erst erspäht hatte. Stumm und in sich gekehrt hatte der Jüngling das Haus verlassen. Er begriff nicht, was ihm geschah; er wußte auch nicht, wo er hin wollte. So ging er dem Fußsteige nach, der ihn bald in den Wald führte. Er sann seinem verschwundenen Leben nach, und ihm ward fromm und heilig zu Sinne. War es doch, als fielen verhüllende Schleier von seinem Gemüthe und Herzen herunter. Er kam an einen grünen runden Platz im Walde, wo er sich unendlich bewegt fühlte. Er sah sich um, um sich zu erkennen, und eine alte Birke, in welcher noch die Namenszüge, die er einst eingegraben, fast unkenntlich verwachsen waren, erinnerte ihn an Alles. Er war noch ein Kind gewesen, als er hier einmal von seiner theuren Mutter Abschied genommen hatte; bis hieher hatte er sie begleiten dürfen, und von dieser Stelle kehrte er mit seinem Vater wieder nach dem Schlosse zurück. Er ahndete damals nicht, daß er nach einem Jahre schon beide Aeltern beweinen sollte. Das Gut wurde nachher vom Oheime vortheilhaft verkauft, und Raimund hatte seit seiner Kindheit diese Gegend nicht wieder gesehn. So wie er jetzt zu diesen Erinnerungen immer deutlicher erwachte, wie die Sehnsucht nach den Scenen seiner Kindheit, nach dem Kirchhofe, wo seine Aeltern ruhten, in ihm wuchs; so empfand er es, wie jene dumpfe Angst immer mehr verschwand, die bis dahin seinen Geist wie in einem finstern Kerker eingefangen hielt. Er verließ den Wald, da lag der kleine Fluß vor ihm, der vom Wohnsitze seiner Kindheit herströmte. Alle Wogen schienen ihn zu grüßen, jede Blume am Ufer ihm einen kindlichen Gruß zuzunicken. Da fand er schon die Mühle im engen Thal, die ihm als Knaben mit ihren rauschenden Rädern so wunderbar erschienen war. Sie ist ja jetzt nicht weniger wundervoll, sagte er zu sich, wenn ich gleich weiß, was und wozu sie da ist. Er ging vorüber, und wollüstige erleichternde Thränen strömten aus seinen Augen. Da war der Bergschacht, der ihm so entsetzlich vorgekommen war; er ging dicht hinan, und erinnerte sich der grauenvollen Sagen, die von ihm im Lande umgingen. Nun sah er schon den wohlbekannten Berg seines Geburtsortes, die rothe hohe Felswand und die von oben herabhangenden Bäume. Da schimmerte auch schon das Dach des Schlosses herüber. Es schmerzte ihn, daß er nicht in das Thor vertraut eintreten dürfe, daß fremde Menschen, die er nur wenig kannte, in den Zimmern wohnten, wo seine Wiege gestanden, wo sein Vater ihm vorgelesen, wo seine Mutter ihn in einer Krankheit auf ihrem Schooße eingesungen hatte. Auf dem Kirchhofe kniete er mit Andacht an der Gruft. Er nahm sich nun fest vor, seine Freunde wieder aufzusuchen, und nachzuforschen, wer ihm das Schicksal bereitet haben könne, das ihm erst jetzt seltsam erschien. Doch mußte er, ehe er weiter ging, die einsame Wiese hinter des Pfarrers Garten besuchen, den Spielplatz seiner Kindheit, wo er unter der hohen Linde so manchmal im grünen Grase halb eingeschlummert war, auf das Säuseln der Blätter, das Summen der Bienen, und das Plätschern des nahen Baches horchend, wo Alles wie süßer Geistergesang ihn anredete, und er noch lieblicher aus seinen Träumen Antwort gab. Nun stand er wieder unter dem Baume, und eine himmlische Müdigkeit ergriff ihn, wie damals; er tauchte die brennenden, thränennassen, jetzt so bleichen Wangen in das kühle grüne Gras, und die Bienen schwärmten im Baum, die Blätter schwatzten mit ihnen, das Flüßchen erzählte sich selbst eine alte Geschichte, und er entschlief wieder, wie in der Kindheit. — —
Ein Wagen hielt am Dorfe. „Willst du ruhen, mein Kind?“ — fragte die Mutter. — „„Ja, aber im Freien.““ — „Bist du auch wohl genug?“ — „„O Sie sorgsame, treue, mütterliche Pflegerin, antwortete die Tochter, Sie sehn ja, wie es mit meiner Gesundheit mit jedem Tage besser wird. Vertrauen Sie mir nur mehr, damit ich mir auch selber wieder vertraue. Nein, Geliebteste, jene trübe Zeit wird niemals wieder kehren; aber ich fühle es, durch diesen fürchterlichen Zustand mußte sich meine Krankheit arbeiten, damit ich wieder genesen konnte.““ — Bist du dessen so gewiß, meine Tochter? Dann möchte ich Gott mit Thränen für die Verzweiflung danken, durch welche er mich damals geprüft hat.
Gewiß, liebe Mutter, sagte die reizende Tochter. Kenne ich doch nun mein ganzes Unglück; es ist mir kein düstres Geheimniß mehr. Wenn ich an die Ewigkeit der Liebe glaube, warum sollte ich denn jemals verzweifeln? Hier ist er geboren! O hätte ich ihn doch als Kind gekannt! Eine Welt voll Glück wäre mehr in meinem Besitz! Hier ist er auch wohl gewandelt; alle diese Gegenstände hat sein frisches Auge, wie oft, begrüßt. Nur über die Wiese will ich gehn, ein Viertelstündchen am Bache ruhn, so recht an ihn denken; dann komm’ ich zurück und wir reisen weiter. Aber allein müssen Sie mich lassen! — Sie umarmte die Mutter, und schritt über die kleine hölzerne Brücke. — —
Raimund träumte indessen einen seltsamen Traum. Der Wahnsinn war die Wahrheit, und was die Menschen Vernunft nannten, nur ein dämmernder Schimmer. Auch kein Raum war da, und keine Zeit. So wie auf den alten Stammbäumen es abgebildet ist, sah er sich aus dem Herzen eine hohe Blume wachsen; sie wurde von seinem Herzblut getränkt, und ihr rother Glanz ward immer mehr zum goldnen Purpur. Da sang es im wiegenden Kelch, er that sich süßflötend auf, und Blanka schaukelte sich drin hin und wieder, wie in einem durchsichtigen Kahn. Da blickte er über sich, und ihr blaues Auge ging in das seine; da zitterte sein Herz und mit ihm die Blume. Warte, rief sie, jetzt stirbt mein Blumenhaus ab, ich komme draußen in der Wirklichkeit zu dir! Sie schlüpfte auf den Rasen und stellte sich unter die Linde. — Gott im Himmel, hörte er sagen, das ist Raimund! Er schlug die Augen auf, und Blanka’s blaues Auge ging in das seine. Er kannte sie gleich. Sie umschlossen sich, als wenn die Arme sich nie wieder los lassen wollten. Auf den lauten Freudenschrei eilte die Mutter herbei, und fand das unvermuthete Glück, das sie noch nicht begriff. Auch Walther und Anselm kamen. Walther war so entzückt und berauscht, als wenn er selbst der Bräutigam wäre.
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Im Hause des Pfarrers tobte indessen ein lautes Getümmel. Die Hochzeitgäste waren so lustig, daß es die Glücklichen endlich auch auf der Wiese hörten. Der alte Baron hatte indessen schon seinen Sohn Theophilus heraus gesucht und ihm unter Umarmungen seine Vaterschaft erklärt. Ich habe nun auch einen Vater! rief Theophilus im Hause lärmend umher, und schlug laut lachend mit den Beinen aus, als der Pfarrer ihm dazu vernünftig Glück wünschen wollte. Wolfsberg machte es mit dem Pfarrer ab, daß er ihn in den nächsten Tagen mit seiner überglücklichen Franziska verbinden sollte. Der Gerichtspräsident Walther konnte in der Leidenschaft des Glücks nicht so mit dem Geistlichen sprechen, wie dieser es wohl verdient hätte; auch wurden alle Unterhandlungen durch ein laut schmetterndes Posthorn unterbrochen. Eine glänzende Equipage hielt, viele zierlich gekleidete Diener beeiferten sich, einen ansehnlichen Mann, der auf dem Rocke einen großen Stern trug, aus dem Wagen zu heben. Die Dorfleute befiel ein stilles Grauen, und als Anselm ausrief: der alte Graf Birken! so fing der Pfarrer an zu zittern.
Wo ist mein ungerathener Sohn? schrie der alte Graf, als er in das mit Menschen überfüllte Zimmer trat. Die Braut heulte laut, und die anwesenden Weiber aus dem Dorfe stimmten in denselben Ton ein. Wo ist Caspar Birken? schrie der Alte noch einmal. Hier, winselte der junge Graf, der sich hinter einen großen eichenen Tisch verschanzt hatte. — Und wo ist der unverschämte Pfaff, der es gewagt hat, den dummen Laffen mit seiner Tochter zu verkuppeln? — Hier! rief der Pfarrer, der sich indessen wieder gesammelt hatte; aber keine Verkuppelung, sondern eine ächte christliche Ehe, wie unsre Kirche sie vorschreibt. — „Die wird wieder geschieden!“ — „„Die wird nicht geschieden!““ — „Sie ist nicht gültig, so gewiß da oben auf den Ebreschenbäumen keine Aprikosen wachsen.“ — „„Sie bleibt so lange gültig, bis da oben die rothe Felsenwand ein Mensch hinauf klettern kann, und von den nämlichen Ebreschenbäumen sein Veto in das Thal zu uns herunter schreit.““ — „Und wenn ich Blut und Leben, wenn ich mein Vermögen lassen muß, und wenn ich der Mörder meines eigenen Sohnes werden sollte, so gebe ich zu dem Unsinn nie meine Einwilligung.“ — „„Und wenn ich, schrie der Pfarrer entgegen, prozessiren müßte, bis ich keinen Groschen mehr hätte, und wenn ich zur Fortsetzung des Prozesses von dem Junker Görge, oder einem noch Einfältigern, das Geld betteln müßte, so lasse ich die Sache nicht ruhn. Mein Kind muß glücklich und Gemahlin des Grafen, Ihres Sohnes, bleiben. Wissen Sie, was ein Horoskop ist?““ — „Nein.“ „„Nun, dann können Sie auch gar nicht mit sprechen. Sehn Sie dies Papier; in der Geburtsstunde meiner Tochter habe ich alle ihre Sterne beobachtet, und schon damals mit Gewißheit prophezeiht, daß sie eine Gräfin werden müsse. Was können Sie gegen alle Sterne ausrichten? He?““
Der Graf sah das Papier eine Weile mit staunenden Blicken an. He! Caspar! schrie er von Neuem. Heraus aus Deinem Winkel, Du Satansbrut! Komm her, Spitzbube, ich will Dir ja meinen väterlichen Segen geben, weil es denn also doch einmal nicht anders seyn kann.
Der junge Birken hüpfte herbei, er legte die Hand des Sohnes in die seiner Braut und küßte das kleine dicke Mädchen dann recht herzlich auf den Mund. Nun, Spaß bei Seite, sagte hierauf der alte Herr bedächtlich, im Grunde ist es mir ganz lieb, daß die Sache so gekommen ist, denn der Junge hätte einmal noch ärger anlaufen können; er kommt somit in eine ziemlich reputirliche Familie; der Mosje Caspar muß nun aber seine dummen Teufeleien lassen, die ihm einmal den Hals hätten kosten mögen; der Schwiegerpapa ist ein resoluter Kerl, der wird ihm wohl den Daumen aufs Auge halten. Aber nun kriegt Dein jüngerer Bruder die großen Güter, und Du, Hasenfuß, trittst in seine Rechte, wie es auch eigentlich viel vernünftiger ist.
Alles war zufrieden und glücklich. Walther und Raimund waren indeß mit der geliebten Blanka zum Hause des Edelmanns gewallfahrtet. Es war vorläufig davon die Rede gewesen, den Jugendwohnsitz Raimunds wieder zu kaufen; auch zeigte sich die Möglichkeit einer Verbindung zwischen der empfindsamen Baronesse und Theophilus, da dieser jetzt von seinem Vater anerkannt wurde.
Alle gingen selig, in Gefühlen und Hoffnungen schwelgend, sprechend und scherzend die grüne Wiese hinunter. Kilian unterhielt sich mit Sokrates. Gnädige Frau, sagte er nachher zu Görges Mutter; der Mann kann Ihrem Sohne auf die Beine helfen; ich habe ihm auf den Zahn gefühlt, ich habe mit ihm disputirt, einen solchen Gelehrten bekommen Sie niemals wieder. Indem man noch sprach, hörte man von oben, die Felswand herunter ein lautes Veto! rufen. Alle sahen hinauf und schwindelten, denn von der steilsten Höhe hing der alte Graf Birken reitend auf einem Ebreschenbaum. Veto! rief er noch einmal; aber nun kommt schnell zu Hülfe, oder ich breche den Hals! Widerrufen Sie erst Ihr Veto! schrie der Pfarrer hinauf. Ich widerrufe, tönte es herab, aber ich werde doch den Hals brechen. Die Bedienten liefen: die Leute aus dem Dorfe holten Stangen, Leitern und Stricke. Plötzlich brach der Baum, und der Graf stürzte herab; er kam aber noch ziemlich glücklich auf dem Boden, zur Freude Aller, an. — Wie ist er nur auf die steile Wand gekommen? rief der Pfarrer. Ja, Schwiegervater, antwortete der junge Graf Birken, Sie sehen, mein Papa ist noch toller, als ich!
Die Sonne sank und beschloß den seligsten Tag, den Walther, Blanka und Raimund noch erlebt hatten. Franziska schloß sich diesen an, und im gebesserten Herzen fühlte sich Adlerfels als den glücklichsten Menschen.