Der erste Akt des Schauspiels: das Donauweib. 1808.
Reading edition
Erster Akt.
Erste Scene.
(Saal.)
Herzbold tritt mit Christoph und andern Dienern auf.
Herzbold.
Nun rührt Euch, rührt Euch, daß es einmal wird, Der Junker schilt, daß Ihr so lange trentelt.
Erster Diener.
Man kann nicht hier und allenthalben sein.
Herzbold.
Ich will Dir Beine machen, Tagedieb! Und nichts vergessen, was zum Putz gehört, Geschirre für die Pferde, denn zur Hochzeit gehn wir; Ich muß nachher nach allem selber sehn.
Diener ab.
Christoph.
Ihr thut so groß, und wenn nun endlich alles In Ordnung ist, wird’s erst an Euch gebrechen.
Herzbold.
Hans Dampf! Du klug Dich Dünker! Meister Christoph! — Hast Recht; geh fort, mein Sohn, pass’ auf: zum Glück Hat keiner von den Schlingeln Dich gehört. —
Christoph ab, Jakob tritt auf.
Da kommt mein lieber Kellermeister her; Freund Jakob, habt Ihr noch ein Glas vom Guten?
Jakob.
Da, trink, wir steigen wohl nachher zum Keller, Noch zum Valet den Unger zu versuchen. — Doch warum nun so schnell, warum nicht lieber Noch etwas Ruhe? Ein’ge Tage später Würd’ ihm das Herz nicht abgestoßen haben.
Herzbold.
Du kennst ja wohl die Jugend, alter Graubart, Das treibt, das ängstet sich, zu eng ist’s ihm, Er denkt, er träumt, er athmet nur die Braut; Da hat er sich im Krieg etwas getummelt, Sich hie und da von Böhm’schen Schwertern Hiebe Geholt, die Trennung von dem Vaterlande Hat nun die Gluth im Herzen mehr geschürt, — Je nun, da’s sein soll, ist es gut, recht bald: Er ist und bleibt doch ein verdorbner Mensch.
Jakob.
Wie so?
Herzbold.
Was nützt dem Rittersmann das Weib? Er ist entzwei gebrochen, unbrauchbar, Wie die geknickte Lanze, hin der Muth, Die Jugendfrische: nein, ich dacht’ es nicht, Daß er so bald des eignen Glückes satt sei; Da rennt er in sein Joch; ade nun Schwert
Und Lanze, Abentheuer, Krieg und Jagd, Nun hängt er an dem Halse seines Weibes, Verzehrt sein Leben in langweil’gen Mauern, Zeugt fromme Kinder und erzieht sie still, Küßt eins und putzt dem andern seine Nase, Lehrt sie Gebete und moral’sche Flausen, Dünkt sich so wichtig wie der Großsultan, Wenn er dem ruft: stich dich nicht mit dem Messer! Um Gotteswillen Kaspar, Konrad, fallt Vom Schemel nicht! Franz, du liegst ja im Quark! — Verflucht die matte, freudenleere Trägheit, Die sanfte Zärtlichkeit, die recht im Mark, Im Innersten des Mannes zehrt, mit Wehmuth Und Leid und Liebe ihm sein Herz zerfrißt!
Jakob.
Nun, nun, es hat die Ehe auch ihr Gutes, Dächt’ jeder so wie Du, die Welt stürb’ aus.
Herzbold.
Warum denn das? Ich hasse nicht die Weiber. Da draus im Orient hab’ ich’s wohl gesehn, Wie man sie halten muß; was Leben heißt. Der Mah’med, sonst vielleicht ein böser Schelm, Hat hierin doch das Wahre recht getroffen; Da haben sie drei, vier der schmucken Weiber, Und Sklavinnen, so viel nur jeder mag, Die sitzen all und warten auf den Herrn, Und mucksen nicht, und sprechen in nichts mit; Da macht er seine Runde, bald zur braunen, Zur weißen dann, zur dicken und zur schlanken Trägt er sein Herz, und jede bleibt ihm neu; Doch ein’ und immer ein, das taugt nichts, Freunde;
Dann weiß auch so ein Türk nichts vom Erziehn Und Kindern, das wächst auf wie junge Böcke, Und hat er mal die Laun’, so pfeift er nur, Da springen zwölf ihm an den Vaterhals.
Jakob.
Du bleibst ein wilder Kauz, Freund.
Herzbold.
Was da, wild! Du zahmes Huhn! komm in den Keller jetzt, Da taugst Du was, da nur bist Du zu Hause, Das Bischen hier hat mir App’tit gemacht; Nachher hab’ ich zu thun, ist doch des Teufels Gepäck und Flitterstaat, und fehlt dann was, So fällt doch alle Schuld auf mich. Komm’ nur, Ich höre schon den jungen gnäd’gen Herrn, Duck’ unter! schnell! daß mir nicht Redensarten, Verliebter Unsinn in den Hals gerathen.
Beide ab.
Albrecht und Ulrich treten herein.
Albrecht.
So bist Du wieder da? Ich halte Dich Und meine Hedewig im Arm, die Liebe Und holde Freundschaft; ist dann noch ein Wunsch In diesem Leben übrig? Mögen andre suchen Nach fernem Glück, nach Reichthum und nach Ruhm, Mir ward hier alles, alles ist geendigt, Wonach wohl sonst in kind’schen Jugendträumen Des Herzens Arme griffen, und nun fängt Der Frühling meines neuen Lebens an.
Ulrich.
Beglückter Freund, der Du vom Himmel selbst Dein Loos als freundliches Geschenk empfingst, Der Du zu sagen weißt: dies wollt’ ich haben! Und dem nun ungetrübt ward, was er wollte. Nicht finstre Tage, Sorge nicht, nicht Kummer, Kein Vorwurf Deines Herzens, noch Gewalt Hat Dir Dein Glück im schweren Kampf errungen, Nichts trübt den Glanz des Kleinods; wie ein Lächeln Geht Dir die Zeit vorüber. O mein Albrecht, Wär’ ich rein, so froh, so einfach doch Im Leben nur wie Du, in allen Wünschen! Doch fernhin dehnt sich ungewisse Zukunft, Ich spiele mit Verzweifeln und mit Hoffen, Die Liebe scherzt mit losem leichten Finger Auf allen Saiten meines Herzens, oft Tönt Wahnsinn aus der Tiefe, fremde Räthsel Erzeugen sich wie Wolkenbilder, fliehend Ist Sonnenschein und Nacht im irren Wechsel.
Albrecht.
Kann denn der Dichter wohl das Leben haschen? Ist etwas ihm ein Wahres? Soll sein Träumen, Das ihm die Nacht und die Gestirne senden, Des Wahnsinns leichtes goldenes Gespinnst, Das Liebe von der raschen Spindel dreht, Dem Ird’schen weichen? O beglückter Freund, Wer hat die Wahrheit? Wer besitzt das Leben? Entweder greifen wir mit Wünschen weit aus, Und finden niemals, niemals was wir suchten, Oder beschränken uns einfach in Demuth, Und wollen nicht was uns unmöglich ist,
Empfangen, wie der Bettler, auch mit Dank Die karge Gabe, träumen nur von Glück, Darben in Gegenwart, vergessen was Vergangen, denken nur gering von Zukunft, Und sterben so gleichgültig hin, uns selbst Vergessend.
Ulrich.
Das kannst Du nicht sagen, Du machst es wie der Reiche, der sich arm stellt, Um seinen Reichthum mehr nur zu empfinden, Und andre daran prahlend zu erinnern: Du liebst und wirst geliebt; die schönste Braut Harrt Dein in Sehnsucht, Du bist jung, wie sie —
Albrecht.
Was mehr als alles, sie ist meine erste Und einz’ge Liebe: Freund, ich lästerte Den Himmel, denn mein Leben ist der Himmel: Ich fühl’ es ja, aus Tausenden erlesen Und hoch beglückt bin ich, der Kette los Armsel’ger Aengstlichkeit, die alle fesselt; In Glück ward nun der Böhmenkrieg geendigt, Mit Ruhm zwar nicht gekränzet, doch geehrt, Geliebt von meinem Fürsten kehr’ ich heim, Nun heim zu ihr, die ich seit zweien Jahren Nicht sah. Wie sie wird anders sein, Wie jungfräulich, wie sich bewußt der Liebe, Die in ihr schlief im schönsten Himmelsbette Und Lächeln träumte; wie wir Engel sehen Im Schlaf zuweilen, Unschuld halb, halb Schalkheit, Daß sich die rosenrothen Lippen fragen, Was sie denn meinen? Und die klaren Augen, Die sanften Geisterbrunnen, denen Gruß Und Blick entsteigen, wie die holden Feen Aus ihrem Bad die schönen Glieder heben! O Liebste! Und Du Liebster! Jugendfreund! Du meine Seele! laß uns Lieder singen Durch alle grünen Thäler lustberauscht.
Ulrich.
Wer ganz beglückt, wie Du, wird nimmer dichten, Die Liebe gab mir freilich das Geschoß Des Reims und süßen Tons, doch nur im Unglück: Ruht’ ich an ihrer Brust, in sel’ger Ruhe, Im Kuß wollt’ ich die Melodie auslöschen, Die jetzt aus meinem Herzen zehrend brennt.
Albrecht.
Doch sollst Du mir oft Deine Lieder singen, Denn keiner liebt sie so als ich, es spiegelt Mein Herz sich drein, und alles, was ich je Versucht, war doch nur schwacher Widerhall Von Deinem Ton. Weißt Du, wie ich einst sang? O Augen! wohin führen mich die süßen Scheine? Ich meine, daß ich nur zu büßen ein muß saugen Der Augen lieblich Grüßen; wie ich freudig weine Und mich der Deine fühl’ im Küssen, fragen mich die Augen Mit sanftem Schimmer: wird auch immer dieses Glück mir lachen? Sie machen, Daß die Freuden Leiden gleich mir sind: — O liebstes Kind, Laß Dieses Fragen, sagen kann ich’s nie und weint’ ich mich auch blind.
Herzbold tritt taumelnd herein.
Herzbold.
Die Pferd’ sind da und stampfen ungeduldig. Wird’s bald, Herr Ritter? Erst die Angst und Noth: Mach schnell, und: eile Dich! ei, spute Dich! Und wenn nun alles da und fix und fertig —
Albrecht.
Geh nur voran, gleich schwingen wir uns auf. — Komm, Liebster! nun dem schönsten Glück entgegen, Umarme mich noch einmal: Du bist mein, Ich fühl’ in mir des Himmels reinsten Segen, Und trete in des Paradieses Schein.
Sie gehn ab.
Zweite Scene.
(Am Strom.)
Hans und Peter.
Hans.
Die Arbeit wird Dir wieder sauer, nun die Sonne ein wenig scheint. Das reckt und dehnt die faulen Glieder und kann nicht aus der Stelle.
Peter.
Wir haben aber auch noch wenig gefangen, es ist heut ein unglücklicher Tag.
Hans.
Weißt Du, Schlingel, warum es ein unglücklicher Tag ist? Weil Du die Sinne nicht beisammen hast, weil Du nichts als die Grethe denkst und siehst; die Fische könnten zu Hunderten kommen, und Du würdest sie mit Deinen Kalbsaugen nicht einmal gewahr werden. Wie wird es mit der Hochzeit dort oben aussehn, wenn wir keine Fische liefern.
Peter.
Ihr sprecht von der Hochzeit. Wann wird sie denn sein?
Hans.
Je nu, morgen oder übermorgen; was schiert’s mich weiter?
Peter.
Ach, ich dank’ Euch, lieber Vater, daß Ihr endlich Euer Einwilligung gegeben habt.
Hans.
Talk! Talk! was spricht der Lümmel? Kannst die Ohren nicht aufthun? Von Deiner Hochzeit ist Gottlob noch nicht die Rede. Von des Fräuleins Ehrentage, vom alten Grafen da droben. Nein, so lange ich lebe, oder der alte Müller, der krausköpfige Brand, kann aus der Sache nichts werden. — Die Sonne kommt schon über die Berge, sing und breite die Netze aus.
Peter.
Es war einmal ein Junggesell, Der thät hin fischen gehn, Die Wasser schienen klar und hell, Die Sonne gar so schön, Er schaut wohl in die nasse Fluth, Er denkt an sie und klagt und fühlt den Liebes-Muth. Und willst Du mich mit Netzen stehlen? So singt es aus dem Fluß: Zum Liebsten wollt’ ich Dich erwählen, Komm her, komm her zum Kuß! Er zieht das Netz mit großer Pein, Und schau! da zappelt und lacht die Liebste drein.
Da fällt sie ihm an seinen Mund, Und halst und drückt ihn sehr, Da war er froh und ganz gesund, Und klagte nimmer mehr, Sankt’ Peter segnet’ ihm den Zug, Er hat mit seinem lieben Fisch der Lust und Freude überg’nug.
Hans.
Alberner Junge, nichts als skandalöse unvernünftige Lieder hat er im Kopf! — Die Netze da oben müssen in den Strom gezogen werden; komm hinunter in den Kahn. — Man hört Jagdhörner. — Da jagen sie schon so früh im Walde.
Peter.
Die haben’s besser, als wir, und wie herrlich das Horn die Felswand hinab klingt und widerhallt, ich wette, daß sie es unten in der Mühle hören. Heut Abend darf ich doch in die Mühle?
Hans.
Komm, Hasenfuß, Liebesnarr, Dummkopf! der Donaustrom könnte Dir wohl unter den Beinen weglaufen, und Du würdest es doch nicht gewahr werden. —
Gehn ab.
Christoph kömmt blasend.
Wo mein Herr nur geblieben ist, und die ganze Gesellschaft. Den tollen Herzbold hab’ ich sehn vom Pferde fallen, aber ich konnt’ ihn nicht erreiten. Er bläst. Sie müssen sich doch zusammen finden. Das heiß’ ich Lust und Liebe zur Jagd, daß man die Bären nicht in Ruhe lassen kann, wenn man zur Hochzeit reitet. Holla! Er bläßt. Da oben ragt schon den Wald das alte Felsenschloß herüber; je nun, ich kann den Weg ohne sie, sie können ihn ohne mich finden.
Er bläst und geht in den Wald zurück.
Albrecht,
aus dem Walde mit einem Jagdspieß.
Hier war das Blasen, doch ich sehe Niemand. — Ha! seid gegrüßt, gegrüßt ihr alten Mauern, Gesegnet seid da droben, liebe Steine, Die mir mein Theuerstes, die sie umschließen! Seh ich euch wieder nach so manchen Tagen? Dort ist ihr Fenster, in der Sonne glänzend: Nun schaut sie wohl hernieder, schaut die Donau Und späht nach mir: oder sie geht im Gärtchen, Pflückt Rosen, hebt sich auf den zarten Füßchen, Beugt sich die Brustwehr über weit, seufzt: Albrecht!
Eine Stimme.
Albrecht!
Albrecht.
Wie, war es nicht, als wenn es aus dem Strome, Vom Felsen drüben meinen Namen riefe? Es war nicht ihre Stimme!
Gesang.
Auf Bergen nicht und nicht im Thal Wohnt Liebesglück, Von Thal und Bergen treibt die Quaal Dich bald zurück, Die Heimath weicht, die Ruhe flieht Wie Sehnsucht dich in ihre weiten sanften Kreise zieht.
Albrecht.
Welch Tönen! Wasser, Berg und Wald erklingen, Mein ganzes Herz hallt wieder, und dies Echo Ruft laut im Innersten die Träume wach. So tönt nicht ihre Stimme; nein, die Wölbung Des Himmels und die Luft und Erd’ und alles Ein Zaubersang! O voller Donaustrom, Du rauschest drein und jede Woge hüpft In Wollust und Entzücken.
Gesang.
Sehnsucht hat ein Thor erbaut, Drinnen lacht das Lachen, schmachten Süße Blicke, dir entgegen schaut Der Kuß, die Arme dir entgegen trachten, O komm zum Schloß, auf Bergen nicht und nicht im grünen Thal, O endlich, endlich komm zum trauten Kämmerlein einmal.
Albrecht.
Was weil’ ich? Immer heller wird der Strom, Als wollten Blumen alle Wellen werden, Als strebte zu mir her das süße Wort, Mit Flüstern es dem Herzen zu verkünden, Was es entbehrt, und längst gesucht, gewünscht, Und doch den Wunsch, sich selber nicht erkannte.
Gesang.
Rubinen glänzen in dem Saal, Dir winkt das Hochzeitbette, O küßt’ ich dich ein einzigmal, O daß ich dich in Armen hätte, Dir in die lieben Augen tief zu sehn, Und Kuß auf Kuß in Wollust zu vergehn.
Albrecht.
Ich will, ich muß hinweg, sie ist es nicht, Ich kenne wohl die zarten Laute Hedewigs, Das Schloß verbergen dort mir Wetterwolken, Sie ziehn zum Felsen oben dicht und dichter. O Hedwig! Will gehen.
Stimme.
Albrecht! Albrecht!
Albrecht.
Es ruft! Mich täuscht kein Irrthum. — Wer? Hier bin ich! — Weit und breit kein Mensch — Ich bin allein, einsam ein Klaggeschrei Im Wald, die Felsen hallen wieder Gebrochne Töne von der Woge, Grauen Ergreift mich, greift durch Mark mir und Gebein.
Siglinde erscheint auf dem Wasser.
Welch Frauenbild dort lächelnd in der Fluth? Die tiefen dunkeln Augen! Wehend weit Ihr Schleier — und sie winkt — wo bin ich, Himmel?
Siglinde.
Albrecht! mein Albrecht! komm zu meinem Schlosse!
Albrecht.
Wohin?
Siglinde.
Tief unten, wo kein Neid Dich findet, Kein Argwohn —
Albrecht.
Weh!
Siglinde.
Kein Ueberdruß, Ermatten.
Albrecht.
Zu Dir? — Siglinde versinkt. Wo bleibst du Bild? Versank das Augenpaar? Ward in der Fluth dies Lächeln ausgelöscht? Spiegeln herauf nicht die Korallenlippen? Jetzt will ich gehn, — wie mich das Wasser ruft — Wie mich der Strom anschaut, wie heißbedrängt Die Wellen meines Bluts die Wogen grüßen, Und Kühlung, Kühlung suchen, — fort! O Hedwig! — Bist du gestorben? du im Strom versunken? Hinauf zum Wald! hinauf in ihre Arme! Es donnert fern, — im Donner ihre Stimme, Mein Herz erschütternd.
Siglinde schwebt auf dem Wasser, ein Kind in den Armen.
Siglinde.
O mein Albrecht!
Albrecht.
Wieder!
Siglinde.
Du gehst?
Albrecht.
Ein Kind! das winkt und nach mir greift, Wie Gold die Locken.
Kind.
Willst mich nicht küssen, mit mir spielen, Vater?
Albrecht.
Welch Wort!
Siglinde.
Albrecht! Leb wohl! vergiß uns nicht! —
Versinken.
Albrecht.
Wie? Vater? — Albrecht schallt’ es hier? — Wohin, Wohin sind sie gekommen? Wo ist die Erde? Wo bin ich denn? Mir wankt der Fuß, Die Sinne schwindeln, alles läßt mich los Und bricht und stürzt in, außer mir zusammen, Und hülflos ich!
Ulrich kommt.
Ulrich.
Wo weilst Du, Freund? Schon lange such’ ich Dich.
Albrecht.
Ha! Freund sagst Du? Mein Freund? Wie? War’s nicht so? Du bist mein Freund? Du willst mein Bruder sein? Du lebst und bist mir nah? Ich kann Dich halten, Und nimmer wirst Du in den Strom versinken, Dich nimmt die Fluth nicht mit wie einen Gedanken, Den wir nicht wieder finden, der nun fort ist, Versunken, eingeschlungen in das Chaos, Das in uns ruht?
Ulrich.
Was ist Dir, Liebster? Deine Augen glühen, Die Wange brennt, was klammerst Du so ängstlich Mich an?
Albrecht.
Und wie der Schleier wehte, Als schon die Augen tief, tief eingesunken!
Ulrich.
Besinne Dich, Geliebter, fasse Dich; Was widerfuhr Dir?
Albrecht.
Laß mich.
Ulrich.
Komm zum Schlosse, Es harrt Dein die Geliebte.
Albrecht.
Laß mich, — nur sammeln, — nur —
Geht an das Wasser.
O holder Strom! Ich weiß, — ich kenne dich, — nur gieb mir wieder Mich selbst. —
Steht in tiefen Gedanken.
Ulrich.
Was kann ihm sein? So sah ich ihn noch nie. Ist die Gesundheit unsers Leibes nur Der Elemente Spiel, des Zufalls Gunst, Und so des Geistes Kraft? — Wie starr er steht Und in die Wogen schaut. — O mein Geliebter, Du thust mir weh, besinne Dich, mein Albrecht.
Albrecht.
Bist Du hier, Ulrich? Kommst Du von der Jagd? Ich suchte Dich.
Ulrich.
Schon lange weil’ ich hier —
Albrecht.
O Freund, nur Dir, nur Dir kann ich’s vertraun, Wem sonst? Nie darf es meine Hedwig wissen, Ha! sie zuletzt! — Kannst Du es denken, träumen, ahnden nur — O ich weiß nicht, noch hab’ ich meine Sprache Noch wieder nicht gefunden, keine Worte. — Du weißt, Geliebtester, wie ich schon früh Hieher zum Schlosse kam, als meine Eltern Gestorben, kaum nur war ich funfzehn Jahr, Hedwig um ein’ge Jahre jünger, froh Und heiter floß mein spielend Leben hin, Nur Krieg und Ruhm war mein Gedanke, kühn Träumt’ ich mich als der Abentheuer Helden. — Nun, — o vergieb, nur was Du weißt, erzähl’ ich — Nun kam die Zeit, — o wonnevolle Tage, Als ich in Hedwigs Blick war neu geboren, Dem unschuldvollen Lächeln flohn die Träume, Nur Liebe dacht’ ich: nun las ich die Bücher, Die unsre deutschen Meister einst gedichtet, Nun sang ich Liebesreime, ruhte nicht Bis ich Dich kennen lernte, — meine Jugend Verknüpfte sich der Deinen, Du mein Freund, Dein Bruder ich — drei Jahr verschwanden so — Darauf —
Ulrich.
Du zögerst jetzt, o sprich, Geliebter.
Albrecht.
Drauf, o mein Freund, was ist der schwache Mensch? — Von Liebe trunken, in des Frühlings Blüthe, Als Blumen auf die üpp’ge Flur gegossen, Als so wie jetzt die Nachtigall zerfloß In Liebesklagen und den Hain mit Feuer Und schmelzendem Gesang durchrieselte, — Hier, eben hier, als eben so die Donau Erklang, den Busen voll von Liebesfeuer, — Schon hatten wir die Sehnsucht uns gestanden, Schon hatt’ ich ihren süßen Kuß gekostet, — Da führte mich mein Glück, mein Unstern, Schicksal, An dieses Ufer, und ein Lied zu dichten Schaut’ ich die Fluth mit brünstgen Augen an, — Ich bog hier um die Felsenecke, — Augen! Was saht ihr? Glanz und Licht die Blumen all, Ein Frauenbild, wie aus dem Himmel selbst, So groß, so klar und leuchtend, saß in Schöne, In übermenschlicher, an diesem Stein, Vom reichen leuchtenden Gewand umflossen, — Sie redete mich an, — ich nahm die Hand Die zarte, sah den üpp’gen weißen Busen, Mein Auge wurzelte auf ihren Lippen, — Im Walde waren wir, in eine Hütte Eintretend schwand mir rings die weite Welt In ihren Armen, und zum erstenmal Lernt’ ich des Weibes hohe Schönheit kennen, Und trank zum erstenmal den Rausch des Wahnsinns Wild aus dem Wollustbecher, alles Holde Und Schauerliche, Mährchen, Sehnsucht, Wonne, Zog Feind und Freund bunthin durch mein Gemüth — Ich kam zum Schloß zurück, noch klang der Wald, Das Wasser rauschte noch, die Stimme tönte Empfindlich rührend noch im Ohr, ich mied mit Angst Die Blicke Hedwigs, — drauf sucht’ ich bald alles Was mir geschehen zu vergessen, wagte Zu sprechen, sie zu küssen, anzublicken, Und aus der Unschuld blauen Kinderaugen Goß sanfter Schein Verzeihung auf mich hin, Mein Geist ward in dem Blicke neu geläutert, — Ich mied den Ort, wo ich die Fremde fand, — Gespenster schienen mir an dieser Stätte Zu hausen, da vergaß ich ihn, und endlich Nach langer Zeit verirrt’ ich mich hieher, Ein Grauen hielt mich fest, ich kehrte wieder, Nur fragen wollt’ ich sie, ihr zürnen, fluchen, — Und nichts, nichts ließ sich sehn, — dann rief der Krieg mich. — — Und nun nach langen mühevoll durchlebten Vier Jahren tret’ ich aus dem Wald hieher, — Und wie ein heimlich Feuer plötzlich aufschlägt, Und rings das ganze Dach die Flamme frißt; Wie die Lauwine plötzlich nieder schmettert; Wie ungesehn die Wasser aus der Tiefe Oft springen und die Wiesen all’ ertränken, Eh noch der Schnitter nur den Quell bemerkt, Wie sie die Dämme nieder reißen, Städte, Dörfer, Pallast und Kirchen in den Wogensturz Krachend begraben, — so, auf einmal ganz Den Sinn umfangend nahm es meine Seele, Nur sie glaubt’ ich zu hören und zu sehn, — Als wäre jenes Schloß dort ein Gefängniß, Hedwig wildfremd und kalt und überlästig, Als müßt’ ich suchen jenes einz’ge Glück, Mich werfen in den Strudel fremder Wunder- Begebenheiten, als sei sie die Göttin Des Schicksals, Leben, Blume, Schönheit, Reichthum, Und ew’ges, inn’ges Glück, als — o mein Freund, Was Du in Liedern sangst, was Dichter suchten, Was Heiden von dem Wunderland der Götter Gefabelt, und von Venus und Cupido, Als sei es hier bei jener Unbekannten, Als lebe Hedwig nicht, als sei die Liebe Zu ihr nur Phantasie und Heuchelei, — O komm! hör nicht die gift’gen Wogen rauschen, O komm, daß wir hier auf der Erde bleiben, Hinauf zum Felsenschloß, den Wolken näher, Den Wald hinein, daß alle grünen Blätter Im Sturm und im Gewitter brausen mögen, Daß wir den Wellenklang nicht mehr vernehmen!
Er zieht ihn mit sich fort.
Herzbold kömmt betrunken.
Holla! kein Mensch hört, und das Waldhorn hab’ ich auch verloren. — Kann sein, daß sie auch schon alle oben auf mich warten. — Das war ja des Teufels Reiterei! — Aber auch nur einem hasenfüßigen Verliebten, und einem Poeten, der an sich schon verrückt ist, ohne alle Ursache, kann es einfallen, wenn sie auf die Hochzeit reiten, sich mit Bären einzulassen, und so im Walde auf und ab, bald zu Fuß, bald zu Pferde. Ich, der ich mich noch zuvor mit einigen Flaschen guten Ungarschen Wein gestärkt hatte, verliere unversehens die Bügel, darauf verliert das Pferd unversehens mich und schmeißt mich mit dem Kopf gegen eine ziemlich harte Eiche, daß ich im ersten Augenblick, mein Seel, nicht wußte, ob ich fluchen oder in Ohnmacht fallen sollte. Wie ich wieder ein weniges zu mir komme, war ich in der einsamsten Einsamkeit, ohne Weg und Steg. Nun, Gottlob, bin ich doch wieder an das Tageslicht gekommen, und sehe dort oben unsre Herberge. Wenn ich nur erst droben wäre, denn ich bin so grausam durstig, daß mir die Zunge am Gaumen klebt; ich wäre im Stande Wasser zu trinken; ein gutes frisches Quellenwasser ist unter gewissen Umständen nicht ganz zu verachten. — Nun wird da droben bald Hochzeit in aller Frömmigkeit und Einträchtigkeit gehalten werden, und mein junger Herr wird sich im Himmel dünken, denn er hat ein so stilles und kühles Blut, daß ich wohl darauf schwören möchte, er ist noch ein Junggesell.
Lautes Gelächter vom Strom.
Wer lacht denn? Was hört’ ich denn? Irgend ein unverschämter, naseweiser Gelbschnabel! — Ich sage, ja, er ist noch ein Junggesell, denn ich habe ihn schon als einen kleinen Jungen gekannt, und er war nie hinter die Mädchen drein, er war immer eine weichgeschaffne stille Seele, die sich schämte, wenn ihn die jungen Weiber nur anredeten, oder gar küssen wollten; nun wird er aber die alten Frauen nicht mehr so gern haben, wie damals.
Noch lauteres Gelächter.
Aber nein, das klingt ja wie eine ganze Spinnstube voll schäkernder Mädchen, die sich erzählen, was der und der zu jener gesagt hat, wenn sie sich Nachts besuchen. — Was Satan! bin ich blind? — Nein, ich sehe zu viel! Der ganze Strom voll Mädchen, nackt und wiegend und tanzend. — Sind wir etwa unwissend in Mahomeds Paradies gekommen? — Alle lachen und tauchen unter. Weg! — o Herzbold! Herzbold! nun seh’ ich, daß du alt wirst! Mach dich nur auf eine rothe Nase und zitternde Kniee gefaßt, denn noch niemals haben drei oder vier Kannen dein Gehirn so betäuben können; armer Mensch, dein Lauf ist vollendet! Oder hat es etwa der Fall gegen die Eiche gemacht, daß dir solche Hirngespinste aufsteigen? Die Doktores sagen, daß heftige Erschütterungen, oder selbst Gemüthsbewegungen, den Menschen zum Narren machen können. Auch giebt es wohl Fälle, daß durch dergleichen Anstoß sich neue seelische Kräfte aufthun, und der Geist einen Blick in das verborgene Reich der Wahrheit versucht. So hab ich mir von einem erzählen lassen, der, als er eine hohe Treppe herunter geworfen wurde, unten auf einmal griechisch sprechen konnte, als er wieder aufgestanden war, oben konnt’ er kaum deutsch; ein andrer, dem man einen tüchtigen Hieb über den Schedel maß, war durch den Kloben mit einemmale Musicus geworden; und so könnt’ ich jener Eiche auch vielleicht als meinen aufmunternden Schulmeister zu verdanken haben, Blicke in das Reich der Natur zu thun, und da Weiber und Mädchen zu sehn, wo andre kaum Fische und Krebse finden. Ein Weiser oder ein Narr muß ich auf jeden Fall sein, der Mittelstand verträgt sich mit solchen Gesichten nicht. Scherzweise habe ich vorher vom Wasser gesprochen, und hier springt eine allerliebste Quelle aus dem Felsen, ich will jetzt im Ernst davon schöpfen, um die Phantasien zu vertreiben. — Er schöpft in seinem Huthe, und so wie er trinkt, tritt das Kind aus dem Berge und stellt sich an ihn. Ha! das thut gut! Nun sind mir die Augen heller als erst, — aber was Kuckuk! Ei! ei! so hat Frau Fortuna noch nicht mit mir Armen Versteckens gespielt, als heute; — immer besser! bist Du ein kreatürliches Wesen, — eine wirkliche Figur, — ein gebornes Geschöpf, so sprich, Du kleine Krabbe!
Das Kind weint.
Herzbold.
Warum weinst Du denn, Du schmuckes Thierchen? — Sprich, kleines allerliebstes Mädchen. Wein’ nicht, mir wird so bang um’s Herz. Hast Du Hunger?
Kind weinend.
Ich habe keine Eltern, beide todt, ich komm’ aus dem Gebirge schon weit her.
Herzbold.
Armes Wurm! Was die kleine Kröte schon hat erleben müssen. Was willst Du denn?
Kind.
Einen Vater, eine Mutter möcht’ ich haben?
Herzbold.
Wie alt bist Du denn?
Kind.
Drei Jahr und zwölf Wochen. Bring mich zu Fräulein Hedwig; will sie bitten, daß sie meine Mutter wird.
Herzbold.
Ja, mein Engel, schon gut, aber die denkt jetzt auf eigne Kinder.
Kind.
Die sollen meine Brüder und Schwestern sein.
Herzbold.
Das geht nicht so schnell, Du hast keine Erfahrung, Du kennst die Welt nicht. Was so verliebtes Volk Kinder in die Welt setzt, und läßt sie dann auf gut Glück im wüsten Gebirge herum laufen, andern zur Last zu fallen.
Kind.
Bist Du nie verliebt gewesen?
Herzbold.
Nein, Gott hat mich in Gnaden davor bewahrt; ich habe immer mehr zu thun gehabt.
Kind.
Ja, Du Spitzbube, Du hast es eben gemacht, wie so mancher andre Taugenichts; gelt? Armen Mädchen etwas vorgeschwatzt und gelogen, und sie dann mit ihrem Jammer sitzen lassen, und nachher noch obendrein hübsch männlich gethan mit dem starken Herzen? So sind wir armen Mädchen immer die Betrogenen. Und Du, Herzbold, hast ganz die Miene dazu.
Herzbold.
Ha! wie? Was? bin ich verhext? da nur stehn kann ich und das Maul aufsperren, nichts sagen, nichts denken. Das wird ein Zeitalter werden, in dem die dreijährigen Kinder schon so räsonniren: das heiß’ ich Fortschritte in Kultur und Bildung. Dagegen sind wir nur Backfische gewesen. Und der Kobold weiß meinen Namen. Bald fürcht’ ich mich, so klein dies Ding ist. Um Gottes Willen, bist Du ein Kind, oder ein Rind, oder der Satan selber, der mich narren will?
Das Kind lacht.
Herzbold.
Und ich träume es doch nicht; nein, es hat seine Richtigkeit.
Kind weinend.
O führe mich auf das Schloß, mich hungert sehr. Erbarme Dich einer armen Waise.
Herzbold.
Komm, Wahrsager, Zigeuner, ich mag Dir nichts abschlagen. Mögen die droben sehn, wie sie mit Dir fertig werden. Was geht’s mich an? darf ich mir die Hand ausbitten?
Kind.
Hier, mein Lieber. Ach, Du bist doch nicht so böse.
Herzbold.
Fahre nur fort in Deiner geistreichen Unterhaltung, und wenn Du manchmal zu hoch sprechen solltest, so laß Dich herab, die dunkeln Stellen einigermaßen zu erläutern. Sie gehn ab.
Hans und Peter kommen zurück.
Hans.
Nichts gefangen. Da, nimm die Netze auf den Buckel, es ist schon Mittag.
Peter.
Es ist heiß.
Hans.
Fort, Du Langsam. An Dir liegt alle Schuld. Sogar die unvernünftigen Fische, so stumm sie sind, haben gemerkt, daß Du ein verliebter Narr bist, und sind Dir mit Verachtung aus dem Wege gegangen. Der Bengel ist noch mein Unglück, er ruinirt mich. Auf den Abend wieder her, die Nacht muß einbringen was der Tag eingebüßt hat.
Peter.
So hat man denn gar keine freie Stunde.
Hans.
Wer hat Schuld als Du? Halt’s Maul! Fort, nach Hause, die Mutter wartet mit dem Essen!
Gehn ab.
Dritte Scene
(Zimmer.)
Ulrich, Hedwig.
Ulrich.
Mein schönes Fräulein, mein theure Freundin, Sogleich eilt Albrecht her in Eure Arme, Drum zürnet nicht, vergönnt ihm noch Erholung.
Hedwig.
O Gott! wie hab’ ich diesen Augenblick gewünscht, — Seht nur, ich kam fast ungeschmückt, mir war Jedweder Augenblick, der unsre Trennung Vermehrte, wie ein Tod, — und nun, — er liebt mich nicht, Er hat mich wohl vergessen. —
Ulrich.
Keine Thränen Geliebtes Kind, macht nicht die schönen Augen Mit Weinen roth, — er wird sogleich sich finden, Ihm war nicht wohl, nun sitzt im Hof er drunten Im Schatten jener Linde, schaut sich um, Erinnert sich der alten guten Zeit Und sammelt sein Gemüth.
Hedwig.
So laßt uns ihm Entgegen eilen, daß ich dort ihn frage, Daß ich ihm nur in seine Augen schaue, Dann ist ja alles gut.
Ulrich.
Hier kommt er selbst.
Er geht ab. Albrecht tritt ein und sinkt stumm in die Arme der Hedwig. Pause.
Hedwig.
Du weinst?
Albrecht.
O laß mich, laß mich, Süße, Dir Zu Füßen hin in Thränen, Seufzern rinnen, Es bricht mein Herz, — o zu gewaltsam, — Gott! —
Hedwig.
Wie ist Dir?
Albrecht.
Gut und wohl; — da sind wir wieder, Stehn wieder auf der alten Stelle! sieh doch Die alten Sessel da, — die Bank im Fenster, Von wo wir oft das Thal hinab geschaut, — Ha! noch der Einschnitt auf dem runden Tische, Die eingeschlungnen Namen Hedwig, Albrecht, — Gewiß, mein Herz, ich weiß nicht was ich sage, — Mir geht das Zimmer rund, — auch Du weinst, Hedwig?
Hedwig.
Ach, alles ist noch so, und Du, mein Albrecht, — Ach lieber Gott, was soll der Mensch doch wünschen — Ja, dieser Augenblick, er stand seit Jahren Verklärt vor meiner Seele wie ein Himmel, Da fliegst Du wie ein Engel her vom Himmel, Nahmst mich in Deinen Arm, in mir der Himmel — Und nun, — wie dunkle Schwermuth, Angst und Furcht, Welch Todesbangen zuckt durch meine Seele — Ah, sieh, da hast Du noch den lieben Ring An deinem Finger, hier die kleine goldne Kette, Die ich an jenem Abend Dir geschenkt, Als Du einmal so traurig warst, so fremd, — Ha! weißt Du noch? — Ach, liebster, liebster Albrecht! Kennst Du mich denn, liebst Du mich denn, wie sonst?
Albrecht.
So senk’ Dich denn mit aller Zärtlichkeit In dieses kranke Herz, so blühe denn In allen tiefen Schmerzen in mir auf, Du Liebste, Einz’ge, — lange war ich weg, Nun bin ich da, nun wollen wir nicht weinen. Hat denn Dein Mund das Küssen nicht verlernt? Wie diese Thrän’ aufgeht im hellen Auge Mit Lächeln ringend, glänzend schwillt, und hängt Wie ein Demant, nun fällt, nun fällt sie nieder, Entrinnt dem Käfig dieser schönen Wimper, Und so im Kuß verlösch ich Deinen Seufzer Der ihr will folgen, wie ein Vögelein Das andre sucht in freier Luft.
Hedwig.
Mein Albrecht!
Albrecht.
Wer kennt der Sehnenden Thränenden Freudvollen Schmerz? Ein bangender Scherz Spielt Freiheit ringend, In Seufzern klingend Durch’s bebende Herz. Ich kann mich nicht fassen, Mich dünket verlassen, Verstoßen zu sein; Nur Lieb’ hat empfunden, Wie innig verbunden Die Wonnen und Wunden Im sel’gen Verein.
Hedwig.
Das war Dein erstes Lied, das Du mir sangst.
Ulrich tritt ein mit dem Kaplan Johannes.
Ulrich.
Der Herr Kaplan sucht Euch im ganzen Hause.
Johannes.
Da seid ihr wieder, lieber gnäd’ger Herr! Der alte Graf wird auch sogleich erscheinen, Euch Willkomm sagen; Euch ist ja bekannt, Wie ernst und finster, und wie menschenscheu Er immer der Gesellschaft sich entzieht, Und diese Schwermuth hat noch zugenommen, Und ganz vorzüglich jetzt seit wen’gen Tagen. — Doch wie ist Euch? Mich dünkt, Ihr seid verändert, Ihr glüht, Euch ist doch wohl?
Albrecht.
Ich bin gesund. Du alter theurer Pfleger meiner Jugend, Doch diese Hitze, — ja der Tag ist heiß, — Wo ist denn Wolf? Lebt noch der alte Knecht?
Johannes.
Wolf! Wolf! Euch ruft der gnäd’ge Junker Albrecht.
Wolf kommt.
Albrecht.
Mir ist so heiß, bring’ schnell etwas zur Labung.
Wolf geht.
Johannes.
Da kommt der Graf.
Graf Erhard tritt ein.
Erhard.
Laßt Euch umarmen, seid mir hoch begrüßt.
Albrecht.
Mein theurer Vater, nehmt mich gern zum Sohn.
Wolf kommt zurück.
Wolf.
Hier Wasser aus dem kühlen Felsenbronn.
Albrecht
setzt an, wirft den Becher weg.
Nein, Wasser kühlt nicht diesen heißen Durst, Gieb Wein mir, goldnen, glutherfüllten Wein, Mich schaut aus dem krystallnen kalten Naß Ein wildes Auge an mit Feuerblick.
Wolf.
Wie Ihr befehlt.
Johannes.
Ein Fieber plagt Euch, Ritter.
Erhard.
Die wilde Jugend, wie wir alle waren.
Trompeten.
Wolf.
Da hält der Zug des Herzogs vor der Burg.
Erhard.
Kommt ihm entgegen, unserm gnäd’gen Herrn.
Alle gehn ab.
Ulrich,
der zurück geblieben ist.
Sie ist es. Wie das bange Herz mir klopft. Sie steigt vom Pferde, nickt mit liebem Gruß Den Freunden zu; die hohen Federn schwanken Vom Huth ihr nieder über goldne Locken, Den edlen Leib deckt herrliches Gewand, Weit nach folgt dienend ihres Kleides Saum In Lieb’ um ihren schönen Fuß zu wallen. Was zögr’ ich noch? Ich geh’ ihr rasch entgegen, Und wenn ein sanfter Blick mich dann bemerkt Und freundlich unterscheidet, bin ich selig.
Geht ab.
Hedwig und Albrecht kommen zurück.
Hedwig.
Ja, nun kenn’ ich Dich wieder, nun erst bist Du Der alte, ja, das sind die treuen Augen, Das stille Lächeln um den kind’schen Mund: So lieb’ ich Dich, so solltest Du mir bleiben, Nicht klug, nicht fremd, — nicht — ach, ich schwatze so, Nun hab’ ich zu Dir so wie sonst Vertraun, — Nicht wie Du warst solltest Du jemals sein.
Albrecht.
Nur wie ein Fieber hat es mich befallen, Und so verlassen. Liebes, holdes Mägdlein, Dein bin ich doch in jeglichem Gedanken, Ja jeder Puls in mir klingt Dir nur Liebe. Wie war ich so verlassen ohne Dich, Wie ist mir wohl, wenn ich Dein Auge sehe.
Hedwig.
Der Vater ist seitdem recht schlimm geworden.
Albrecht.
Es ist die alte Krankheit, die ihn drückt, Er meint es immer gut mit Dir und mir. Doch müssen wir nicht zur Gesellschaft wieder?
Hedwig.
Ich schäme mich vor dieser hohen Frau, Der Herzogin, sie ist so schön, so groß, Sie sieht so mächtig drein und so verständig, Ich werde roth, wenn ich mit ihr muß sprechen. Ja, Albrecht, schon vorher fiel es mir ein, So eine solltest Du zur Frau Dir nehmen, Ich armes Kind bin Dir nicht schön genug.
Albrecht.
Du liebes Herz, mit Dir nur bin ich glücklich, Denn Deines Wesens holde Lieblichkeit Ist mehr als jener Herrlichkeit und Pracht.
Herzbold kommt mit dem Kinde.
Herzbold.
Nur herein, nur herein hier, Du kleines Unkraut, hier ist die Herrschaft. Gott grüß Euch, gnädiger Herr, und meine schöne, junge, schmucke Gräfin; hier bring’ ich Euch das Neuste vom Jahr, das ich draußen im Walde, wie eine Erdbeere, aufgelesen habe.
Hedwig.
Was will das Kind?
Herzbold.
Bei Euch bleiben, vor der Hand Euer eigen werden. Es ist eine arme verlassene Waise aus dem Gebirge.
Hedwig.
Komm zu mir, kleines Mädchen.
Kind.
Willst Du mich hegen, Mütterlich pflegen, Wird meinetwegen Des Himmels Segen Dir allerwegen An’s Herz sich legen.
Hedwig.
Ein hübscher Spruch. — Sieh, mein Albrecht, wie schön, wie klug, — ich nehme sie an, als mir vom Himmel gegeben.
Kind.
Ach Du liebes Fräulein! Du bist so schön, und dabei auch so gut.
Albrecht.
Wie heißest Du?
Kind.
Sie nannten mich Adelfriede.
Hedwig.
Herzbold, führe die Kleine in meine Kammer. — Komm, mein Albrecht, in den Saal zu dem Herzog, der Vater schmählt sonst. Beide ab.
Herzbold.
Siehst Du, kleine böse Sieben, nun hast Du Dein Glück gemacht, wenn Du hübsch artig und folgsam bist.
Kind.
Sorge Du nur für Dich selbst. Sie gehn ab.
Graf Erhard tritt ein.
Zu eng ist mir mein Haus; die stummen Wände Stehn mir wie Schwätzer da. — Du dunkles Nest, So muß aus dir ein Sammelplatz von Thoren Auf deine alten Tage werden, Lachen Und Neckerei, Gesang in dir sich tummeln? Und diese Fremden! Möcht’ ich doch, — he Wolf!
Wolf kommt.
Erhard.
Sind sind im Saale?
Wolf.
Ja.
Erhard.
Nun, ich muß hin. Nur diese sieben Tage, dann begrüß’ ich Die alte liebe Einsamkeit von neuem.
Ab.
Wolf.
Der alte Griesgram ist doch nie zufrieden. — Bin ich’s denn aber? Nein, die Knechtschaft hier, Das sauertöpfsche Leben, all der Zeter, Muß bald in helle Lust ausschlagen, ja, Ich halt’s nicht aus; dann will ich jubeln, schrein, Die alte Haut vor Lust und Wonne schütteln.
Geht ab.