Njetotschka Neswanowa
E. K. Rahsin translation
I.
Meinen Vater habe ich nicht gekannt. Er starb, als ich zwei Jahre alt war. Dann heiratete meine Mutter zum zweitenmal. Diese zweite Ehe brachte ihr viel Leid, obgleich es eine Liebesheirat war. Mein Stiefvater war Musiker. Er hatte ein sehr merkwürdiges Schicksal, und überhaupt war er der seltsamste und wunderlichste Mensch, den ich bisher kennen gelernt habe. Sein Einfluß auf mich war groß und die Eindrücke, die ich von ihm empfing, waren so stark, daß ich sie mein Leben lang nicht vergessen werde. Doch muß ich zunächst, damit meine Erzählung verständlicher sei, seine Lebensgeschichte wiedergeben. Alles was sich auf dieselbe bezieht, habe ich von dem berühmten Geigenvirtuosen B. erfahren, der in seiner Jugend ein guter Freund meines Stiefvaters gewesen ist.
Der Familienname meines Stiefvaters lautete Jefimoff. Geboren wurde er auf dem Gute eines reichen Großgrundbesitzers als Sohn eines armen Musikers, der nach langen Irrfahrten sich dort niedergelassen hatte und in das Orchester des Gutsherrn eingetreten war. Sein Brotherr lebte auf großem Fuß und liebte Musik bis zur Leidenschaft. Man erzählte von ihm, daß er, der sich nie von seinem Gute rührte und nicht einmal nach Moskau fuhr, sich plötzlich aufgemacht habe und ins Ausland gereist sei, in irgendeinen Kurort, nur um einen berühmten Geigenvirtuosen zu hören, der dort, wie die Zeitungen berichteten, drei Konzerte geben sollte. Auf seinem Gut unterhielt er ein großes Orchester und gab fast seine ganzen Einkünfte für die Besoldung und den Unterhalt der Musiker aus. In dieses Orchester nun trat mein Stiefvater als Klarinettist ein. Als er zweiundzwanzig Jahre alt war, machte er die Bekanntschaft eines eigenartigen Menschen. In demselben Gouvernementskreise lebte ein reicher Graf, der sich durch den Unterhalt eines Haustheaters ruinierte. Dieser Graf hatte den Kapellmeister seines Orchesters, einen Italiener, wegen seiner schlechten Aufführung entlassen. Der Kapellmeister war in der Tat ein schlechter Mensch. Als er seine Stellung verloren, kam er bald ganz herunter, trieb sich in den Dorfschenken umher, betrank sich, ja er bettelte sogar, und da hatte natürlich niemand mehr Lust, ihm eine Anstellung zu geben. Mit diesem Menschen befreundete sich nun mein Stiefvater. Ihre Freundschaft war aber von einer ganz besonderen Art, denn niemand konnte behaupten, daß der Jüngere sich durch diesen Umgang irgendwie zu seinem Nachteil veränderte, und selbst der Gutsbesitzer, der ihm anfangs verboten hatte, mit dem Italiener zu verkehren, ließ schließlich diese sonderbare Freundschaft gewähren. Da starb plötzlich der Italiener. Bauern fanden ihn eines Morgens im Graben an einem Zaun liegen. Eine Untersuchung wurde eingeleitet und ergab, daß er am Herzschlage gestorben war. Sein ganzes Hab und Gut befand sich bei meinem Stiefvater, der sogleich an der Hand von Dokumenten nachwies, daß er das volle Recht hatte, die Sachen zu behalten: er besaß ein eigenhändiges Schreiben des Verstorbenen, in dem dieser Jefimoff zu seinem Erben erklärte, falls er, der Italiener, früher sterben sollte, als Jefimoff. Die Hinterlassenschaft bestand aus einem schwarzen Frack, den er sorgfältig aufbewahrt hatte, in der Hoffnung, doch noch einmal eine Anstellung zu finden, und einer Geige, an der nichts Sonderliches auffiel. Dieses Erbe machte denn auch niemand dem Klarinettisten streitig. Da erschien nach einiger Zeit ein Musiker, der im Orchester des Grafen die erste Geige spielte, bei dem Gutsbesitzer und überreichte ihm einen Brief vom Grafen. In diesem Brief bat der Graf den Gutsbesitzer, seinen Klarinettisten Jefimoff zu bereden, ihm, dem Grafen, die Geige des verstorbenen Italieners zu verkaufen. Er bot für dieselbe dreitausend Rubel und schrieb, daß er den Jegor Jefimoff schon mehrmals zu sich habe bitten lassen, um den Kauf persönlich abzuschließen, doch dieser Mensch sei leider zu nichts zu bewegen. Der Graf schloß seinen Brief mit der Bemerkung, daß er für die Geige das biete, was sie wert sei: deshalb sehe er in der hartnäckigen Weigerung Jefimoffs, sie ihm dafür abzutreten, den beleidigenden Verdacht, er, der Graf, wolle bei diesem Kauf die Unkenntnis des Klarinettisten ausnutzen. Aus diesem Grunde bäte er jetzt um seine, des Gutsbesitzers, Vermittelung.
Dieser ließ Jefimoff sogleich zu sich rufen.
„Weshalb willst du die Geige nicht verkaufen?“ fragte er ihn, „du brauchst sie doch nicht. Man bietet dir dreitausend Rubel, gerade so viel, wie sie wert ist, und du irrst dich, wenn du glaubst, daß dir jemand mehr für sie zahlen wird. Der Graf will dich doch nicht übervorteilen.“
Jefimoff erwiderte, daß er aus freien Stücken zu dem Grafen nicht gehen werde, doch wenn man ihn zwingen wolle, so müsse er sich eben dem Willen seines Herrn fügen. Dem Grafen werde er aber die Geige nicht verkaufen, und wenn man sie ihm mit Gewalt nehmen werde, so hinge auch das wiederum nur von dem Willen seines Herrn ab.
Natürlich verletzte er mit einer solchen Antwort die empfindlichste Charakterseite des Gutsbesitzers. Dieser pflegte nämlich immer mit Stolz von sich zu sagen, daß er wisse, wie er mit seinen Musikern umzugehen habe, denn sie seien alle bis auf den letzten wirkliche Künstler, und deshalb sei sein Orchester nicht nur besser als dasjenige des Grafen, sondern besser sogar als eines in der Hauptstadt!
„Nun, schön,“ entgegnete der Gutsbesitzer, „ich werde dem Grafen schreiben, daß du die Geige nicht verkaufen willst, weil du eben nicht – willst ... basta! weil du das volle Recht hast, sie zu verkaufen oder nicht zu verkaufen, wie es dir beliebt, hast du mich verstanden? Aber ich frage dich jetzt selber: was machst du mit der Geige? Dein Instrument ist die Klarinette, die du leider noch recht mittelmäßig spielst. Verkauf’ die Geige mir. Ich gebe dir dreitausend.“ (Wer wußte denn, daß es ein solches Instrument war!)
Jefimoff lächelte.
„Nein, Herr, ich werde sie Ihnen nicht verkaufen,“ sagte er, „aber versteht sich, wenn Sie mit Gewalt ...“
„Ja, zwinge ich dich denn, will ich dir denn Gewalt antun!“ rief der Gutsbesitzer empört – um so mehr empört, als es sich in Gegenwart des gräflichen Musikers zutrug und dieser nach solchen Antworten eine recht unvorteilhafte Vorstellung von der Stellung der Musiker des Gutsbesitzers gewinnen mußte. „Mach’, daß du fortkommst, du Undankbarer! Geh mir aus den Augen! Was würdest du ohne mich überhaupt anfangen mit deiner Klarinette, auf der du nicht einmal zu spielen verstehst? Bei mir aber wirst du satt, wirst du bekleidet und erhältst dein Gehalt; du lebst hier in einem vornehmen Hause, spielst nur hier die Rolle eines Künstlers, aber du willst das nicht einsehen! Geh mir aus den Augen und reiz’ mich nicht durch deine Anwesenheit!“
Der Gutsbesitzer pflegte denjenigen immer fortzuschicken, über den er sich ärgerte, denn er fürchtete seine eigene Heftigkeit. Mit einem „Künstler“, wie er seine Musiker nannte, wollte er aber unter keinen Umständen streng ins Gericht gehen.
Der Kauf kam nicht zustande und damit schien die Sache abgetan zu sein – als plötzlich, etwa einen Monat nach jener Auseinandersetzung, der erste Violinist des Grafen etwas Unerhörtes angab: auf eigene Verantwortung nämlich reichte er eine Anzeige ein, nach der Jefimoff die Schuld am Tode des Italieners trug, den er umgebracht habe, um in den Besitz der Hinterlassenschaft zu gelangen. Ferner beschuldigte er ihn, jenes Schriftstück, in dem der Italiener Jefimoff zu seinem Erben einsetzte, mit List und Gewalt dem Verstorbenen abgerungen zu haben, was er durch Zeugen beweisen zu können vorgab. Weder die Bitten des Gutsbesitzers, der für Jefimoff eintrat, noch die Vorhaltungen des Grafen konnten ihn von seinem Vorhaben abbringen. Man gab ihm zu bedenken, daß gegen die ärztliche Untersuchung der Leiche sich nichts einwenden lasse, daß er gegen sein Gewissen handle, vielleicht aus persönlicher Rache, weil jener ihm das kostbare Instrument nicht abgetreten hatte. Der Musiker blieb aber bei seiner Behauptung, schwur sogar, daß er im Recht sei und der Herzschlag nicht infolge des Trunkes eingetreten wäre, sondern als Folge einer Vergiftung, weshalb er eine nochmalige Untersuchung der Leiche verlangte. Auf den ersten Blick konnte man seine Beweise sehr wohl ernst nehmen. Natürlich wurde das Verfahren sogleich eingeleitet. Jefimoff wurde verhaftet und nach dem Stadtgefängnis abgeführt. Die Gerichtsverhandlungen, die das ganze Gouvernement mit Spannung verfolgte, nahmen einen sehr schnellen Verlauf und endeten damit, daß der Musiker der falschen Anklage überführt wurde. Man verurteilte ihn zu einer gerechten Strafe, ungeachtet dessen, daß er bei seiner Behauptung beharrte. Endlich gestand er, daß er zwar keine positiven Beweise besaß und die angeführten selbst erfunden hatte, jedoch habe er sich dabei von seinen Vermutungen leiten lassen, die schließlich zu seiner festen Überzeugung geworden seien, und deshalb bliebe er auch jetzt – nachdem die Unschuld Jefimoffs vom Gericht bereits unzweifelhaft festgestellt worden war – bei seiner Überzeugung, daß die Ursache des Todes jenes italienischen Kapellmeisters einzig und allein Jefimoff gewesen, der ihn, wenn nicht gerade vergiftet, dann eben auf irgendeine andere Weise umgebracht habe. Es blieb ihm übrigens erspart, seine Strafe abzubüßen: er erkrankte plötzlich an einer Gehirnentzündung, verfiel in Wahnsinn und starb im Krankenhause.
Während dieser ganzen Zeit sorgte der Gutsbesitzer für Jefimoff wie ein Vater für seinen Sohn. Er, der sonst nie sein Gut verließ, fuhr mehrmals in die Stadt, um den Armen im Gefängnis zu besuchen und ihn zu trösten; er schenkte ihm Geld, und als er erfuhr, daß Jefimoff gern rauchte, brachte er ihm die besten Zigaretten; und als dann mein Stiefvater endlich freigesprochen wurde, veranstaltete er für sein ganzes Orchester ein großes Freudenfest. Er betrachtete die gegen Jefimoff erhobene Anklage als etwas, was sein gesamtes Orchester anging, denn auf die gute Aufführung seiner Musiker legte er wenn nicht mehr, so doch ebensoviel Wert, wie auf ihr musikalisches Können.
Es verging ein Jahr, als man eines Tages auf dem Gute erfuhr, daß in der Gouvernementsstadt ein bekannter französischer Violinvirtuose eingetroffen sei und daselbst konzertieren werde. Als der Gutsbesitzer dies hörte, bot er sogleich alles auf, um diesen Künstler als Gast bei sich auf dem Gute zu sehen. Zu seiner Freude nahm der Franzose die Einladung an. Schon war alles zu seinem Empfang bereit, die ganze Gesellschaft der Umgegend eingeladen, als plötzlich etwas Überraschendes geschah.
Eines Morgens wurde dem Gutsbesitzer gemeldet, Jefimoff sei nirgends zu finden. Man suchte, forschte, schickte Boten aus – er war und blieb spurlos verschwunden. Das Orchester befand sich in einer verzweifelten Lage: der Klarinettist fehlte, was tun? Da erhielt der Gutsbesitzer am dritten Tage nach der Flucht Jefimoffs einen Brief von dem Franzosen, in dem dieser mit verletzendem Hochmut absagte und hinzufügte, er werde hinfort sehr vorsichtig sein müssen mit solchen Herren, die ein eigenes Orchester hielten: es sei so „deprimierend“, ein großes Talent im Dienst eines Menschen zu sehen, der es nicht zu schätzen wisse. Er brauche als Beispiel nur Jefimoff zu nennen, den genialsten Künstler und besten Violinisten, den er in Rußland gehört habe!
Der Gutsbesitzer las den Brief mit wachsender Verwunderung. Wie? Jefimoff, derselbe Jefimoff, um den er sich so gesorgt hatte, dem er soviel Gutes erwiesen, derselbe Jefimoff hatte es fertiggebracht, ihn so gewissenlos, so unverschämt zu verleumden, und das noch bei einem berühmten Künstler, auf dessen gute Meinung von seinem Orchester er soviel Wert legte! Und dann – der Brief enthielt noch ein anderes Rätsel: der Franzose nannte Jefimoff den genialsten Künstler und besten Violinisten, den er in Rußland gehört, und aus seiner Schlußbemerkung ging hervor, daß er dachte, man wolle Jefimoffs Talent nicht anerkennen, und zwinge ihn, ein anderes Instrument zu spielen, als dasjenige, welches ihm zukam. Dies überraschte den Gutsbesitzer dermaßen, daß er beschloß, sogleich in die Stadt zu fahren, um mündlich mit dem Franzosen zu sprechen. Da traf kurz vor seiner Abfahrt ein Schreiben vom Grafen ein, in dem dieser ihn zu sich aufforderte und ihm mitteilte, daß der französische Künstler und Jefimoff beide bei ihm seien und der Franzose ihm den Fall erzählt habe. Er, der Graf, sei über die Frechheit der Verleumdung Jefimoffs so empört, daß er ihn vorläufig nicht aus dem Hause lasse, und außerdem sei die Anwesenheit des Gutsbesitzers auch deshalb notwendig, weil die Verleumdungen Jefimoffs auch ihn, den Grafen selbst, beträfen. Kurz, man müsse in der Sache Klarheit schaffen, und zwar je eher, desto besser.
Da begab sich denn der Gutsbesitzer unverzüglich zum Grafen, ließ sich dem Franzosen vorstellen und erklärte ihm den Sachverhalt. Er sagte, er habe es nicht geahnt, daß in Jefimoff ein so großes Talent stecke: er kenne ihn nur als einen recht mittelmäßigen Klarinettisten – daß der Mensch auch die Geige spiele, habe er erst aus dem Brief erfahren. Außerdem, fügte er hinzu, sei Jefimoff ein freier Mensch gewesen und hätte ihn zu jeder Zeit verlassen können, wenn er wirklich so unzulässig behandelt worden wäre. Der Franzose war sehr verwundert. Man ließ Jefimoff kommen. Der war aber in seinem Benehmen kaum wiederzuerkennen: hochmütig trat er ein, antwortete spöttisch und hatte die Frechheit, zu behaupten, daß alles wahr sei, was er dem Franzosen gesagt. Diese Unverschämtheit ärgerte den Grafen dermaßen, daß er meinem Stiefvater ins Gesicht sagte, er sei ein Lump und Lügner und habe verdient, daß man ihn schonungslos bestrafe.
„Beunruhigen Sie sich nicht, Herr Graf,“ versetzte mein Stiefvater höhnisch, „dank Ew. Gnaden bin ich nur mit genauer Not der Strafe für ein Kriminalverbrechen entgangen. Ich weiß ja doch nur zu gut, auf wessen Veranlassung hin Alexei Nikiforytsch, Ihr ehemaliger Musiker, die Anzeige gegen mich erstattet hat.“
Das war zu viel für den Grafen. Er geriet außer sich vor Wut über diese empörende Beschuldigung. Nur mit Mühe konnte er sich beherrschen. Und ein Polizeibeamter, der sich gleichfalls im Saal befand und wegen einer Rücksprache mit dem Grafen kurz zuvor eingetroffen war, erklärte hierauf, daß die beleidigende Frechheit Jefimoffs eine böswillige Verleumdung sei, weshalb er höflichst um die Erlaubnis bäte, ihn sogleich und ohne weiteres hier im Hause des Grafen arretieren zu dürfen. Auch der Franzose äußerte seinen größten Unwillen und sagte, eine solche Undankbarkeit hätte er nie für möglich gehalten. Da brauste mein Stiefvater jähzornig auf und rief aus, selbst Gefängnishaft unter dem Verdacht eines Kriminalverbrechens und alle Gerichtsverhandlungen der Welt ziehe er jenem Leben vor, das er bisher erduldet, da er als Musiker im Orchester des Gutsbesitzers sein Brot habe verdienen müssen und in seiner Armut keine Mittel und folglich keine Möglichkeit gehabt habe, sich früher freizumachen. Er wurde aus dem Saal geführt. Man schloß ihn in einem entlegenen Zimmer ein und sagte ihm, daß man ihn am nächsten Tage nach der Stadt bringen werde.
Gegen Mitternacht öffnete sich die Tür des Zimmers, in dem Jefimoff gefangen saß. Es war der Gutsbesitzer. Er war im Schlafrock und in Morgenschuhen und hielt eine brennende Laterne in der Hand. Offenbar hatte er nicht einschlafen können, hatte wach gelegen, bis er schließlich, um den quälenden Gedanken ein Ende zu machen, trotz der späten Stunde wieder aufgestanden war. Jefimoff schlief nicht: mit Verwunderung sah er den späten Gast eintreten. Der stellte die Laterne auf den Tisch und setzte sich in schwerer Erregung ihm gegenüber auf einen Stuhl.
„Jegor,“ sagte er, „warum hast du mir das angetan?“
Jefimoff antwortete nicht. Der Gutsbesitzer wiederholte die Frage und ein seltsam tiefes Gefühl, ein seltsamer Kummer klang aus seinen Worten.
„Ja, das mag Gott wissen, warum!“ entgegnete endlich mein Stiefvater und wandte das Gesicht fort. „Da muß schon der Teufel seine Hand im Spiel gehabt haben! Ich weiß es selber nicht, wer mich zu all dem treibt! Nun ja, ich kann nicht mehr bei Ihnen bleiben, ich kann nicht ... Der Teufel sitzt mir auf dem Halse!“
„Jegor!“ hub der Gutsbesitzer an, „komm zu mir zurück! Ich werde alles vergessen, werde dir alles verzeihen. Höre: du wirst der Erste unter meinen Musikern sein, ich werde dich unvergleichlich besser stellen ...“
„Nein, Herr, nein, reden Sie nicht weiter – ich gehöre nicht mehr zu Ihnen! Ich sagte Ihnen schon, der Teufel sitzt mir auf dem Halse. Ich würde Ihr Haus anzünden, wenn ich bliebe. Es kommt so über mich – und zuweilen ist es solch eine Qual, daß es besser wäre, ich wär’ nicht geboren! Jetzt kann ich nicht mehr für mich einstehen, also lassen Sie mich schon lieber in Ruh, Herr. Das ist alles über mich gekommen, seitdem dieser Teufel mit mir Freundschaft schloß ...“
„Wer das?“ fragte der Gutsbesitzer.
„Nun, jener doch, der dort wie ein Hund am Zaun krepierte, von dem keiner mehr was wissen wollte, der Italiener!“
„Hat er dich, Jegoruschka, im Geigenspiel unterrichtet?“
„Ja. Er. Vieles habe ich von ihm gelernt – zu meinem Verderben. Hätt’ ich ihn doch lieber nie gesehn!“
„Aber spielte er denn auch so meisterhaft die Geige, Jegoruschka?“
„Nein, er selbst spielte schlecht, aber er unterrichtete gut. Gelernt habe ich allein, er hat mich nur geleitet – und eher könnte mir die Hand verdorren, als daß ich diese Kunst verlernte! Ich weiß jetzt selbst nicht, was ich will. Versuchen Sie es, fragen Sie mich: ‚Jegorka! was willst du? Ich kann dir alles geben!‘ – Ich würde gewiß, so wahr ich lebe, Ihnen kein Wort zu antworten wissen, denn ich weiß selbst nicht, was ich will. Nein, Herr, lassen Sie mich lieber in Ruh. Ich werde doch unbedingt so etwas mit mir anstellen, daß man mich ... etwas weiter fortschickt, und damit Punktum!“
„Jegor!“ begann der Gutsbesitzer nach einer Weile wieder, „so ohne weiteres werde ich dich nicht verlassen. Willst du nicht bei mir bleiben, dann geh; du bist ein freier Mensch, halten kann ich dich nicht. So einfach aber werde ich jetzt doch nicht von dir fortgehen, Jegor. Spiel’ mir etwas vor, auf deiner Geige, tu mir den Gefallen, Jegor. Ich bitte dich, spiel’! – um Christi willen! Ich befehle dir nicht, verstehe mich nicht falsch, ich will dich nicht zwingen; aber ich bitte dich von Herzen: spiel’ mir, Jegoruschka, spiel’ mir das vor, was du dem Franzosen vorgespielt hast! Erleichtere mein Herz! Du bist halsstarrig – gut, ich bin’s auch. Du siehst, ich habe gleichfalls meinen Dickschädel, Jegoruschka. Ich kann dir nachfühlen, so fühl’ auch du, wie ich fühle. Ich will nicht leben, wenn du mir nicht aus eigenem freiem Willen das vorspielst, was du dem Franzosen vorgespielt hast!“
„Nun gut, es sei!“ sagte Jefimoff. „Ich hatte mir wohl geschworen, Ihnen niemals vorzuspielen, gerade Ihnen nicht, aber mein Herz entbindet mich jetzt von meinem Schwur. Ich werde Ihnen vorspielen, doch, damit Sie’s wissen, zum ersten und zum letzten Mal, Herr, Sie sollen mich nie wieder hören, niemals, und sollten Sie mir auch – tausend Rubel bieten.“
Er nahm seine Geige und begann, seine Variationen russischer Lieder zu spielen. B. sagte mir, nichts habe er mit solcher Leidenschaft und so wundervoll gespielt, wie diese Variationen – sie wären sein erstes und bestes Können gewesen. Dem Gutsbesitzer, der ohnehin Musik nicht gleichmütig anhören konnte, rannen die hellen Tränen über die Wangen. Als das Spiel zu Ende war, stand er auf, nahm dreihundert Rubel aus seiner Brieftasche, reichte sie meinem Stiefvater und sagte:
„Jetzt geh, Jegor. Ich werde dich von hier hinauslassen, und deine Beleidigung des Grafen – auch das laß meine Sorge sein: ich werde alles beilegen. Aber nun höre: komme mir nie wieder in den Weg. Die Welt steht dir offen, und wenn wir uns begegnen sollten, so wird es sowohl mir wie dir peinlich sein. Nun, leb’ wohl! ... Wart’! Noch einen Rat gebe ich dir auf den Weg, nur einen: trink nicht und lerne, lerne unermüdlich. Auch bilde dir nicht zu viel ein! Das sage ich dir, sage es dir wie dein leiblicher Vater es dir sagen würde. Also gib acht, ich wiederhole es: lerne und rühre das Glas nicht an, greifst du aber einmal nach ihm und trinkst einen Schluck aus Kummer (und den wirst du reichlich kennen lernen!) – dann ist alles verloren, das wisse, dann geht dir alles zum Teufel und dann wirst auch du vielleicht genau so, wie dein Italiener, irgendwo in einem Graben verrecken. Jetzt lebe wohl! ... wart’, küss’ mich.“
Sie küßten sich, und darauf erhielt er seine Freiheit.
Doch kaum war er frei, da begann er damit, daß er in der nächsten Kreisstadt seine dreihundert Rubel verjubelte, und zwar in Gesellschaft heruntergekommener, ganz verwahrloster Menschen, worauf er sich gezwungen sah, in das jämmerliche Orchester einer wandernden Theatertruppe einzutreten, wo er die erste und wahrscheinlich einzige Geige spielte. Das stimmte nun freilich nicht ganz überein mit seinen anfänglichen Absichten: so bald als möglich nach Petersburg zu fahren, dort in ein gutes Orchester einzutreten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und die übrige Zeit des Tages ausschließlich dazu zu benutzen, um sich zu einem vollendeten Künstler auszubilden. In jener kleinen Musikkapelle hielt er es denn auch nicht lange aus: er geriet mit dem Unternehmer in Streit, kündigte ihm und verließ die Gesellschaft. Dann brach für ihn eine Zeit an, in der er schließlich seinen Mut so weit verlor, daß er sich zu einer verzweifelten Tat entschloß, die seinen Stolz tief erniedrigte. Er schrieb an den Gutsbesitzer, seinen früheren Brotherrn, schilderte seine Lage und bat um Geld. Der Brief war noch in ziemlich selbstbewußtem Tone geschrieben, eine Antwort aber erhielt er auf ihn nicht. Dann schrieb er einen zweiten, diesmal einen erniedrigend schmeichelhaften Brief, in dem er den Gutsbesitzer seinen Wohltäter und einen wirklichen Kunstkenner nannte, um ihn zum Schluß wieder um eine Unterstützung zu bitten. Auf diesen Brief erhielt er endlich eine Antwort. Der Gutsbesitzer sandte ihm hundert Rubel mit ein paar von der Hand seines Kammerdieners geschriebenen Zeilen, in denen er erklärte, daß er hinfort mit Ähnlichem verschont zu bleiben wünsche. Nach Empfang dieses Geldes wollte mein Stiefvater sogleich nach Petersburg reisen, als er aber seine Schulden bezahlt hatte, blieb ihm nur noch so wenig von dem Gelde übrig, daß er an die Ausführung der geplanten Reise nicht mehr denken konnte. Er blieb also in der Provinz, trat wieder in irgendeine Musikkapelle ein, geriet dort wieder in Streit mit den anderen, und indem er sich so durchschlug, immer in der Hoffnung, bald nach Petersburg reisen zu können, verlebte er ganze sechs Jahre in der Provinz – bis ihn eines Tages Entsetzen erfaßte. Mit Verzweiflung sah er ein, wie viel seine Kunst durch dieses bedrückende und ungeordnete Bettlerleben bereits eingebüßt hatte. So ließ er eines Morgens seine Kapelle im Stich, nahm seine Geige und machte sich auf den Weg nach Petersburg, wo er nahezu als Strolch ankam. Er mietete sich irgendwo in einer elenden Dachkammer ein: und dort traf er zum erstenmal mit B. zusammen, der damals gerade erst aus Deutschland herübergekommen war und gleichfalls hier Karriere machen wollte. Sie schlossen bald Freundschaft miteinander. B. denkt jetzt noch mit tiefer Rührung an jene Zeit. Sie waren beide jung, beide hatten sie dieselben Hoffnungen und dasselbe Ziel, dem sie zustrebten. Nur war B. noch jünger und hatte von Armut und Leid und Künstlerelend erst wenig erfahren: überdies war er vor allen Dingen Deutscher und strebte zu seinem Ziel gewissermaßen systematisch und starrköpfig hin, mit ganz objektiver Einschätzung seiner Begabung, nachdem er schon im voraus genau berechnet hatte, wie weit er es bringen würde. Sein neuer Freund dagegen war immerhin schon dreißig Jahre alt, hatte sich durch das Elend bereits ermüden lassen, hatte schon an Geduld und Spannkraft verloren und seine ersten Kräfte eingebüßt, da er ganze sieben Jahre für sein täglich Brot in Provinztheatern und kleinen Orchestern auf verschiedenen Gütern hatte fiedeln müssen. Was ihn in dieser Zeit aufrechterhalten, war der ewige unverrückbare Gedanke, sich endlich aus seiner Misere herauszuarbeiten, Geld zu sparen und dann nach Petersburg zu reisen. Aber der Gedanke war unklar, dunkel, fast nur wie ein innerliches „Sich zu etwas berufen fühlen“, so daß er denn auch mit den Jahren viel von der anfänglichen Klarheit verlor. Als er nun endlich in Petersburg eintraf, da war eigentlich alles gleichsam unbewußt geschehen, wie aus einer alten Gewohnheit an einen ewigen Wunsch und ein ewiges Sichausmalen dieser Reise, so daß er beinahe selbst nicht mehr wußte, was er hier eigentlich suchte. Sein Enthusiasmus war konvulsivisch, sprunghaft, oft mit geradezu galliger Bitterkeit gepaart, oft sinnverwirrend, als wollte er mit diesem Enthusiasmus sich selbst betrügen und glauben machen, daß seine Kraft noch ungebrochen, daß seine erste Glut, seine erste Begeisterung noch ungeschwächt seien. Diese immerwährende Begeisterung machte auf den kühlen, mehr wissenschaftlich veranlagten B. den größten Eindruck. Sie blendete ihn und er sah in meinem Stiefvater geradezu ein zukünftiges Weltgenie. Anders konnte er sich die Zukunft seines Gefährten gar nicht vorstellen. Doch bald wurden ihm die Augen geöffnet und er erkannte, mit wem er es zu tun hatte. Er sah und begriff, daß diese ganze gewaltsame Begeisterung, diese Hitze und Ungeduld nichts anderes waren, als eine unbewußte Verzweiflung in der Erinnerung an die verlorene Zeit, in der er seine Begabung nicht auszuentwickeln vermocht hatte, begriff, daß schließlich sogar das Talent an sich, vielleicht sogar auch in den Anfangsjahren, gar nicht so groß gewesen war, fühlte heraus, daß da viel Verblendung mitspielte, unnützes Selbstgefühl, ursprünglicher Ehrgeiz und eine unausgesetzt arbeitende Phantasie, die sich immer nur mit dem eigenen Genie beschäftigt hatte.
„Aber trotzdem,“ erzählte B., „muß ich die eigenartige Natur meines Freundes immer wieder bewundern. Vor meinen Augen spielte sich ein steter Kampf ab – der verzweifelte, fieberhafte Kampf eines krampfhaft angespannten Willens mit einer inneren Kraftlosigkeit. Der Unglückliche hatte sich bis dahin ganze sieben Jahre mit den bloßen Gedanken an seinen zukünftigen Ruhm begnügt und über diesen Zukunftsträumen gar nicht bemerkt, wie ihm mit der Zeit die Grundlage der Kunst immer mehr abhanden kam, wie er nach und nach seine Technik verlor und damit das Werkzeug seiner Kunst. Währenddessen aber entstanden in seiner wirren Phantasie jeden Augenblick die großartigsten Zukunftspläne. Er wollte nicht etwa nur ein erstklassiges Genie sein, der größte aller Violinvirtuosen der Welt, für den er sich bereits allen Ernstes hielt, – nein, er wollte überdies noch Komponist werden, – ohne vom Kontrapunkt auch nur eine Ahnung zu haben. Am meisten jedoch wunderte mich,“ fuhr B. fort, „daß dieser Mensch bei seinen geringen Kenntnissen von der Theorie der Kunst ein so tiefes, klares und man kann wohl sagen instinktives Kunstverständnis hatte. Er erfaßte und fühlte die Kunst so tief, daß es schließlich kein Wunder war, wenn er sich in seiner Selbsterkenntnis verirrte und sich, anstatt für einen tief nachempfindenden Kunstkritiker zu halten, für einen Kunstschöpfer, für ein Genie hielt. Zuweilen konnte er in seiner ungeschliffenen einfachen Ausdrucksweise, ohne, wie gesagt, etwas von einer Theorie oder Musikwissenschaft zu ahnen, so tiefe Wahrheiten sagen, daß ich ihn ganz verblüfft ansah und nicht begriff, wie er das alles erraten hatte, er, der nie etwas las, nie etwas lernte! Ich verdanke ihm viel,“ gestand B. freimütig, „denn er hat mit seinen Ratschlägen mir nicht wenig bei meiner Selbstvervollkommnung geholfen. Was nun mich betrifft,“ fuhr B. fort, „so war ich über meine Zukunft ganz ruhig. Auch ich liebte meine Kunst leidenschaftlich, obwohl ich von Anfang an wußte, was aus mir werden konnte, eben, daß ich im Grunde doch nur so etwas wie ein Handwerker in der Kunst bleiben würde.
Ich bin aber doch stolz darauf, daß ich das, was die Natur mir gegeben, nicht wie ein fauler Knecht verscharrt, sondern hundertfältig vergrößert habe. Und wenn man jetzt die Reinheit meines Spiels hervorhebt und meine ausgearbeitete Technik bewundert, so verdanke ich das nur meiner ununterbrochenen, unermüdlichen Arbeit, der vollen Erkenntnis, d. h. der sachlichen Einschätzung meiner Kräfte, meiner freiwilligen Selbstverleugnung und meinem ewigen Kampf gegen Eigendünkel, gegen Zufriedenheit mit dem eigenen Können, gegen die Faulheit, der natürlichen Folge dieser Zufriedenheit.“
B. hatte dann versucht, auch seinerseits auf den Gefährten einzuwirken, nachdem er sich ihm anfangs ganz untergeordnet, aber sein gutgemeinter Rat hatte den anderen nur geärgert. Die Folge davon war eine langsam zunehmende Entfremdung. Bald bemerkte B., daß sein Genosse sich immer häufiger einer gewissen Apathie hingab, verstimmt und gelangweilt war, daß die Ausbrüche seiner Begeisterung immer seltener wurden, und sich statt dessen eine trostlose Mutlosigkeit bemerkbar machte. Zu guter Letzt schien Jefimoff auch seine Geige zu vergessen und rührte sie oft wochenlang nicht an. Da war es denn nicht mehr weit bis zum endgültigen Verkommen – und bald gab der Arme sich allen Lastern hin. Wovor ihn der Gutsbesitzer gewarnt hatte, gerade das geschah: er ergab sich dem Trunk. B. beobachtete ihn mit Entsetzen. Raterteilen und Zureden half nichts, das wußte er, und übrigens getraute er sich kaum noch, dem anderen ein Wort zu sagen. Allmählich verfiel Jefimoff in den größten Zynismus und verlor offenbar jedes Ehrgefühl. So, zum Beispiel, schämte er sich nicht im geringsten, auf B.s Kosten zu leben, und zwar tat er das in einer Art, als habe er das volle Recht dazu. Dabei waren die Mittel knapp. B. schlug sich noch irgendwie durch, erteilte Unterricht, spielte bei Kaufleuten, Deutschen und geringeren Beamten, wenn diese ihre Kränzchen und Tanzabende hatten, bekam dafür zwar nicht viel, aber immerhin genug, nun, um sich eben durchzuschlagen. Jefimoff dagegen wollte, wie es schien, die Notlage seines Freundes überhaupt nicht bemerken. Er nahm nicht die geringste Rücksicht auf ihn, sprach mit ihm in strengem Tone oder würdigte ihn mehrere Tage lang keines Wortes. Einmal äußerte B. mit aller Rücksicht und Vorsicht zugleich, daß es nicht schlecht wäre, wenn er sein Geigenspiel nicht gar zu sehr vernachlässigte, da er sonst ganz aus der Übung kommen könnte. Darüber ärgerte sich Jefimoff sehr und erklärte, er werde seine Geige hinfort überhaupt nicht mehr anrühren, – ganz als erwartete er, daß jemand ihn kniefällig darum bitte. Ein anderes Mal forderte B. ihn auf, mit ihm auf einem jener Bälle zu spielen: es sei ein größeres Fest, eine Geige genüge nicht. Diese Aufforderung versetzte Jefimoff in helle Wut. Empört erklärte er, er sei kein Straßenfiedler und könne nicht so gemein sein wie B. und die edle Kunst dermaßen erniedrigen, daß er simplen Spießbürgern, die von seinem Spiel und Talent doch nichts begriffen, zum Tanze aufspielte. B. erwiderte darauf kein Wort, Jefimoff aber begann in der Abwesenheit des Genossen, der fortgegangen war, um zu spielen, über den Zwischenfall nachzudenken und kam zu dem Schluß, B. habe ihm damit nur sagen wollen, daß er, Jefimoff, auf seine Rechnung lebe, und mit dieser Andeutung habe er ihm den Gedanken nahelegen wollen, gleichfalls Geld zu verdienen. Als B. zurückkehrte, begann Jefimoff plötzlich, ihm wegen seiner gemeinen Handlungsweise Vorwürfe zu machen, und schloß damit, daß er keine Minute länger mit ihm unter einem Dach bleiben werde. Er verschwand auch wirklich auf zwei Tage, am dritten aber erschien er wieder bei B., als wäre nichts geschehen, und setzte ruhig seine alte Lebensweise bei ihm fort.
Nur die frühere Freundschaft und die alte Gewohnheit, und überdies wohl auch noch das Mitleid, das B. mit dem verlorenen Menschen empfand, hielten ihn davon ab, dieser schmählichen Lebensweise ein Ende zu machen und sich endgültig von seinem Stubengenossen loszusagen. Schließlich trennten sie sich aber doch. B. hatte Glück: er gewann die Protektion eines hohen Würdenträgers und bald darauf gab er sein erstes Konzert, das glänzend ausfiel. Damals war er schon ein vorzüglicher Künstler und bald verschaffte ihm seine schnell zunehmende Berühmtheit eine Stellung im Orchester der Kaiserlichen Oper, wo er vollauf verdienten Erfolg errang. Beim Abschied gab er Jefimoff noch Geld und beschwor ihn, doch wieder auf den rechten Weg zurückzukehren. Auch jetzt kann B. nicht ohne ein inniges Mitgefühl an ihn zurückdenken. Seine Bekanntschaft mit Jefimoff ist eben eines der größten Erlebnisse seiner Jugend gewesen und hat den tiefsten Eindruck in ihm hinterlassen. Gemeinsam hatten sie das gleiche Ziel erreichen wollen, wie sollten sie sich da nicht einander anschließen. Einerseits kam es, wie es nicht anders kommen konnte; anderseits waren es vielleicht gerade die Seltsamkeiten und die gröbsten, unangenehmsten Mängel Jefimoffs, die B. noch mehr an ihn fesselten. B. begriff ihn vollkommen. Er durchschaute ihn völlig und ahnte, wie das ganze enden mußte. Beim Abschied umarmten sie sich und ihre Augen wurden feucht. Da sagte Jefimoff unter Tränen mit versagender Stimme, daß er ein verlorener Mensch sei, er wisse es ja schon längst, aber jetzt erst habe er die ganze Größe seines Elends erfaßt.
„Ich habe kein Talent!“ stieß er hervor, totenblaß.
B. war erschüttert.
„Höre, Jegor Petrowitsch,“ begann er, „was machst du aus dir? Du richtest dich mit deiner Verzweiflung nur zugrunde, hab’ doch nur ein bißchen Ausdauer und Mannhaftigkeit! Jetzt sagst du in einer Anwandlung von Mutlosigkeit, du hättest kein Talent. Das ist aber doch nicht wahr! Du hast Talent, ich versichere dich! Gerade du hast es! Ich ersehe das schon daraus, wie du Kunst fühlst und begreifst. Und ein Beweis dafür ist auch schon dein ganzes früheres Leben. Du hast mir doch alles erzählt, und auch damals schon hat dich unbewußt dieselbe Verzweiflung ergriffen. Damals hat dein erster Lehrer, jener seltsame Mensch, von dem du mir so oft gesprochen hast, deine Liebe zur Kunst geweckt und dein Talent erraten. Du fühltest das damals ebenso stark und schwer, wie du es auch jetzt wieder fühlst. Damals wußtest du selbst nicht, was in dir vorging. Du hieltest es nicht aus bei deinem Gutsbesitzer und du wolltest fort von ihm, du wolltest etwas anderes, – aber was eigentlich, das wußtest du nicht. Dein Lehrer starb viel zu früh. Er ließ dich mit einem unklaren Streben zurück und vor allen Dingen erklärte er dir nicht dich selbst. Du fühltest, daß jener Weg nichts für dich war, du brauchtest einen anderen, einen breiteren, du fühltest, daß dir anderes zu erreichen bestimmt war, aber du begriffst nicht, wie dieses andere zu erreichen sei, und in deiner Sehnsucht und Qual ward dir deine ganze Umgebung zuwider und verhaßt. Deine sechs Jahre Armut und Elend hast du nicht umsonst durchgemacht: du hast in der Zeit gelernt, du hast gedacht, du hast dich selbst, hast deine Kraft erkannt. Jetzt kennst du die Kunst und zugleich deine Bestimmung. Mein Freund, glaub’ mir, jetzt tut dir nur noch Ausdauer und Mannhaftigkeit not. Dir steht Größeres bevor, als mir: du bist hundertmal mehr Künstler, als ich, doch gäbe Gott dir wenigstens ein Zehntel von meiner Ausdauer. Lerne und trink nicht, wie dir dein prächtiger alter Gutsbesitzer bereits sagte, und die Hauptsache – fange von neuem an, fang von Anfang an, fang mit dem Alphabet an, wenn du willst. Was quält dich denn jetzt? Armut? Hunger? Aber Armut und Hunger entwickeln doch den Künstler. Sie gehören zum Anfang, sind sogar untrennbar mit ihm verbunden. Vorläufig kennt dich noch niemand, und es will dich auch niemand kennen, so ist nun einmal die Welt. Das wird anders werden, sobald man erfährt, daß du Talent hast. Dann werden dich wieder Neid, kleinliche Gemeinheit, vor allem aber Dummheit viel mehr bedrücken, als Armut es je vermag. Ein Talent bedarf der Teilnahme, es will verstanden sein. Du aber wirst dann erst sehen, wie die Leute sind, die dich umgeben, sobald du nur annähernd etwas erreicht hast. Was sich in dir durch mühevolle Arbeit, Entbehrungen, Hunger und schlaflose Nächte herausgearbeitet hat, das werden sie geringschätzen, verachten oder überhaupt nicht beachten. Sie werden dich nicht ermutigen, dich nicht trösten, diese deine zukünftigen Freunde. Sie werden dir auch nicht sagen, was in dir gut und echt ist, wohl aber werden sie mit boshafter Freude deine Fehler hervorheben, werden gerade darauf hinweisen, was an dir schlecht ist, und darauf, worin du irrst, und unter dem äußeren Anschein der Kaltblütigkeit und der Gleichgültigkeit oder gar Verachtung deiner Person werden sie über jeden deiner Fehler frohlocken, als hätten sie ein Fest zu feiern – und Fehler hat doch wohl ein jeder! Du aber bist hochmütig, bist oft am unrechten Platz stolz, du könntest leicht einen dünkelhaften Wicht kränken, und dann wehe dir! Du bist allein und ein einziger, sie aber sind viele – sie werden dich mit Stecknadeln zu Tode quälen. Sogar ich fange schon an, das kennen zu lernen. So nimm dich doch jetzt endlich zusammen! Du bist noch längst nicht so arm, daß du nicht leben könntest, nur mißachte die Arbeit nicht, säge Holz, wie ich Holz gesägt habe bei den Bürgern und Beamten, wenn sie tanzten. Aber du bist ungeduldig, du bist krank vor Ungeduld, es ist zu wenig Einfachheit in dir, du verstellst dich zu viel, du denkst zu viel, du gibst deinem Kopf zu viel Arbeit. In Worten bist du dreist, sobald du aber den Violinbogen in die Hand nehmen mußt, wirst du mutlos. Du bist eigenliebig und es steckt in dir wenig Tapferkeit. So sei doch mutiger, warte ab, lerne, und wenn du auch deinen Kräften nicht traust, so arbeite nur. Es steckt Glut in dir, du hast etwas Elementares! Vielleicht erreichst du dein Ziel, oder wenn nicht, so laß es doch immerhin auf das Vielleicht ankommen. Verlieren kannst du dabei auf keinen Fall etwas, um so größer aber ist der mögliche Gewinn. Hier, Freund, ist euer russisches ‚Vielleicht‘ eine große Sache!“
Jefimoff hörte seinen einstigen Genossen mit tief aufgewühlten Gefühlen an. Während jener noch sprach, trat allmählich wieder Farbe in seine bleichen Wangen, seine Augen leuchteten auf und Mut und Hoffnung erglänzte in ihnen. Aber der gute Mut wurde schnell zum Selbstgefühl und dann zu der bei ihm üblichen Anmaßung: als B. sich dem Schluß seiner Standrede näherte, da hörte Jefimoff nur noch zerstreut und schon ungeduldig zu. Trotzdem drückte er ihm zum Schluß kräftig die Hand, dankte und – schnell wie immer in seinen Übergängen von tiefster Mutlosigkeit und Selbstverurteilung zum größten Hochmut, wenn nicht gar zur frechsten Vermessenheit – erklärte er selbstbewußt, der Freund möge sich nicht um ihn sorgen, er wisse, wie er seine Zukunft zu gestalten habe. Er hoffe, bald gleichfalls Protektion zu finden, dann werde er ein Konzert geben und mit einem Schlage Ruhm und Geld erwerben. – B. zuckte mit den Achseln, erwiderte nichts darauf und sie schieden voneinander, natürlich nicht auf lange. Jefimoff verjubelte sogleich das empfangene Geld und suchte ihn dann auf, um ihn wieder um Geld anzugehen. Dasselbe tat er zum dritten-, vierten- und bald zum zehntenmal, bis endlich die Geduld B.s erschöpft war und er ihm sagen ließ, er sei nicht zu Hause. Von da an verlor er ihn ganz aus den Augen ...
Es vergingen ein paar Jahre. Da stieß B. eines Tages auf dem Heimwege aus der Probe in einer Gasse vor einer schmutzigen Trinkstube mit einem schlecht gekleideten, betrunkenen Menschen zusammen, der ihn plötzlich beim Namen nannte. Es war Jefimoff. Er hatte sich sehr verändert, sein Gesicht war gelb und aufgedunsen. Man sah es ihm auf den ersten Blick an, daß das liederliche Leben bereits seinen Zügen einen unverwischbaren Stempel aufgedrückt hatte. B. war trotzdem sehr erfreut, ihn wiederzusehen, und folgte ihm in die Trinkstube, wohin Jefimoff ihn schon nach den ersten zwei Worten zog. Dort, in einer abgelegenen kleinen verräucherten Stube, musterte er etwas eingehender seinen ehemaligen Stubengenossen. Da erst sah er, daß jener ganz zerlumpt war und daß seine Stiefel zerrissen waren. Die zerknüllte Hemdbrust hatte Weinflecke. Sein Haar fing schon an zu ergrauen und sich zu lichten.
„Wie geht es dir jetzt? Wo lebst du?“ fragte B.
Jefimoff schaute etwas betreten darein, im ersten Augenblick sogar beinahe eingeschüchtert, und antwortete so unzusammenhängend und stockend, daß B. nahe daran war, ihn für halbwegs verrückt zu halten. Endlich gestand Jefimoff, er könne nicht sprechen, bevor er nicht einen Schnaps getrunken, hier aber habe er schon lange keinen Kredit mehr. Er errötete, als er das sagte, wollte sich aber mit einem gewissen flotten Gehaben darüber hinweghelfen, was ihm jedoch mißlang: es wurde daraus etwas aufdringlich Gemeines, Unnatürliches, so daß der ganze Eindruck ein recht trauriger war und in dem gutmütigen B. aufrichtiges Mitleid erweckte. Er sah, daß alle seine Befürchtungen eingetroffen waren. Er bestellte also Schnaps. Jefimoffs Gesicht veränderte sich vor Dankbarkeit und er geriet so aus dem Gleichgewicht, daß er mit Tränen in den Augen fast im Begriffe war, B. die Hand zu küssen. Während des Essens erfuhr dann B. zu seiner größten Verwunderung, daß der Unglückliche inzwischen geheiratet hatte. Aber seine Verwunderung nahm noch zu, als er gleich darauf hören mußte, daß die Frau an seinem ganzen Unglück und Elend schuld sei, daß die Heirat sein ganzes Können vernichtet habe.
„Aber wie denn das?“ fragte B.
„Ja, Freund, seit zwei Jahren nehme ich meine Geige nicht mehr in die Hand,“ antwortete Jefimoff. „Sie ist eben ein ungebildetes, rohes Weib, eine richtige Köchin. Daß sie der ...! Na ja. Wir liegen uns nur in den Haaren, das ist alles, was wir tun.“
„Aber warum hast du sie denn geheiratet, wenn sie so ist?“
„Hatte nichts zu essen. Da machte ich ihre Bekanntschaft. Sie besaß etwa tausend Rubel ... da heiratete ich sie denn. Sie aber hatte sich in mich verliebt. Hat sich selbst mir an den Hals gehängt. Wer hatte sie drum gebeten! Das Geld ist verlebt, vertrunken, Freund, und – was Kunst! Es ist alles zum Teufel gegangen!“
B. hatte die Empfindung, als wolle Jefimoff sich gewissermaßen rechtfertigen, und zwar schien er sich damit sehr zu beeilen, wie um einer Bemerkung oder einer Frage zuvorzukommen.
„Habe alles an den Nagel gehängt, alles,“ fuhr er fort und erzählte dann, daß er es in der letzten Zeit im Spiel fast bis zur Vollendung gebracht habe, so daß ... nun ja, B. sei zwar einer der ersten Violinspieler in Petersburg, aber ihm, Jefimoff, könne er doch nicht einmal das Wasser reichen, wenn er, Jefimoff, mal spielen wollte.
„Ja, aber wie steht es denn jetzt mit dir?“ fragte B., dem der ganze Sachverhalt noch unklar war. „Warum suchst du dir dann nicht einen Verdienst?“
„Äh! – lohnt nicht!“ bemerkte Jefimoff mit wegwerfender Gebärde. „Wer versteht denn bei euch etwas von wirklicher Kunst! Was wißt ihr überhaupt? Nicht so viel, gar nichts wißt ihr! Irgend so einen Hopserwalzer den Ballettspringern vorzufiedeln – das könnt ihr allenfalls noch. Aber das ist auch alles. Wirkliche Künstler habt ihr ja überhaupt noch nicht gesehn, noch viel weniger gehört. Wozu euch aufrütteln! Bleibt, was ihr seid!“
Hierbei machte Jefimoff wieder eine geringschätzige Bewegung – geriet aber ins Wanken, da er schon ziemlich viel getrunken hatte. Dann forderte er B. auf, zu ihm zu kommen. Dieser lehnte das vorläufig ab, fragte ihn aber nach seiner Adresse und versprach, ihn am nächsten Tage aufzusuchen. Jefimoff, der nun schon genug gegessen und getrunken hatte, blickte spöttisch seinen früheren Genossen an und schien die größte Lust zu verspüren, ihn irgendwie zu verletzen. Als sie aufbrachen, griff er schnell nach B.s kostbarem Pelz und hielt ihn, wie ein Geringerer einem Höherstehenden, dem er beim Anziehen behilflich sein will. Und als sie durch das vordere Zimmer, die eigentliche Schenkstube, gingen, blieb er stehen und stellte B. den Wirtsleuten und dem Publikum als den ersten und einzigen Violinvirtuosen der ganzen Hauptstadt vor. Kurz, er benahm sich schmutzig.
Nichtsdestoweniger suchte B. ihn am anderen Morgen in der Dachkammer auf, wo wir in größter Armut lebten. Ich war damals vier Jahre alt und meine Mutter war schon seit zwei Jahren mit Jefimoff verheiratet. Meine arme Mutter! Als völlig unbemittelte Gouvernante hatte sie, die eine vortreffliche Bildung besaß und schön war, einen älteren Bekannten geheiratet, meinen Vater, um aus der Armut herauszukommen. Aber die Ehe dauerte kaum drei Jahre. Mein Vater starb ganz plötzlich. Und als sein geringer Nachlaß unter seinen Erben verteilt wurde, blieb meine Mutter mit mir und einer nur kleinen Summe zurück, die von der Hinterlassenschaft ihres Mannes ihr zufiel. Wieder eine Gouvernantenstelle anzunehmen, wäre kaum möglich gewesen, jetzt, wo sie ein kleines Kind hatte. In dieser Zeit machte sie durch einen Zufall die Bekanntschaft Jefimoffs und verliebte sich tatsächlich in ihn. Auch sie war eine Enthusiastin, eine phantastische Träumerin. Auch sie sah in ihm ein großes Genie und glaubte seinen stolzen Worten, wenn er von seiner glänzenden Zukunft sprach. Ihrer Phantasie schmeichelte die Vorstellung von dem beneidenswerten Los, die Stütze und Gefährtin eines genialen Künstlers zu sein, und so heiratete sie ihn. Schon im ersten Monat schwanden alle ihre Hoffnungen und Träume: vor ihr blieb nichts, als die armselige Wirklichkeit. Jefimoff, der sie vielleicht nur aus dem Grunde geheiratet hatte, weil sie etwa tausend Rubel besaß, legte, als das Geld zu Ende war, sogleich die Hände in den Schoß und erklärte allen und jedem – es war geradezu, als hätte er sich über den Vorwand gefreut –, daß die Heirat sein Talent vernichtet habe, daß er in einer dumpfen Stube nicht arbeiten könne, unter den Augen einer hungrigen Familie ... da könne der Verstand weder Noten noch Melodien fassen, und schließlich: dieses Unglück sei ihm eben offenbar von Anfang an bestimmt gewesen. Wie es scheint, hat er bald selbst an die Richtigkeit seiner Klagen geglaubt und sich vermutlich über diese neue Rechtfertigungsmöglichkeit wirklich gefreut. Dieser unselige, trotz aller Begabung verlorene Mensch hatte wohl schon lange nach einem äußeren Vorwand gesucht, dem er alles Unglück und alle Mißerfolge zuschreiben konnte. An den furchtbaren Gedanken, daß er für die Kunst schon längst und unrettbar verloren war, an den konnte er sich natürlich nicht gewöhnen. Er kämpfte krampfhaft gegen diese unheimliche Erkenntnis an, kämpfte wie mit einem Alb, der auf ihm lastete, und als die Wirklichkeit ihn endlich zu besiegen begann und seine Augen für Sekunden öffnete, da war es ihm, als müßte er vor Entsetzen den Verstand verlieren. Wie sollte er auch auf das verzichten, was so lange Ziel und Zweck seines Lebens gewesen war, und so glaubte er bis zur letzten Minute, oder redete es sich wenigstens ein, daß noch nichts verloren sei. Kamen aber Stunden des Zweifels, dann gab er sich wieder dem Trunk hin, um vom Rausch die Qual verdrängen zu lassen. Zu guter Letzt wußte er vielleicht selbst nicht, wie unentbehrlich ihm die Frau in dieser Zeit war. Sie war ja für ihn eine lebendige Rechtfertigung, wie es denn fast zu seiner fixen Idee wurde, daß erst dann alles wieder gut werden würde, wenn er seine Frau, die an allem Schuldige, begraben habe. Meine arme Mutter verstand ihn aber nicht. Als geborene Träumerin ertrug sie nicht einmal den ersten Schritt in der feindlichen Wirklichkeit. Sie wurde heftig, böse, zänkisch, geriet jeden Augenblick in Streit mit dem Mann, dem es geradezu ein Vergnügen zu sein schien, sie zu quälen, und immer wieder sagte sie ihm, er solle doch arbeiten, sonst verlerne er ja alles. Aber die Verblendung und die fixe Idee meines Stiefvaters, überhaupt seine ganze Überspanntheit machten ihn gefühllos und fast unmenschlich grausam gegen sie. Er lachte nur und schwor, die Geige vor ihrem Tode nicht wieder in die Hand zu nehmen, ohne sich über seine grausame Rücksichtslosigkeit auch nur Gedanken zu machen, wenn er ihr dies ganz unumwunden ins Gesicht sagte. Meine Mutter, die ihn trotz allem bis zu ihrem Tode leidenschaftlich liebte, war einem solchen Leben nicht gewachsen. Sie wurde kränklich und zuletzt wirklich krank, und da sie sich nie erholen konnte, lebte sie, leidend wie sie war, nur unter ewigen Qualen. Und überdies mußte sie ganz allein für den Unterhalt der Familie sorgen. Sie begann zu kochen und richtete einen Mittagstisch für Fremde ein, aber ihr Mann entwand ihr heimlich alles Geld, und da kam es denn nicht selten vor, daß sie diejenigen, die das Essen abholen wollten, mit leerem Geschirr zurückschicken mußte. Als B. uns aufsuchte, hatte sie das Kochen schon aufgegeben; sie beschäftigte sich damals mit dem Färben alter Kleider und wusch außerdem Wäsche. So fristeten wir unser Leben dort oben in der Dachstube.
Unsere Armut überraschte B.
„Hör’ mal, was redest du denn da von deiner vernichteten Kunst?“ wandte er sich an meinen Stiefvater. „Sie ernährt dich doch, und was tust du?“
„Nichts!“ versetzte mein Stiefvater.
Doch B. kannte noch nicht das ganze Unglück meiner Mutter. Ihr Mann brachte oft, wenn er nach Hause kam, eine ganze Bande der verschiedensten Kumpane mit und dann – was gab es dann nicht alles!
B. redete lange Zeit auf seinen früheren Genossen ein. Er sagte ihm auch, daß er ihm in keiner Beziehung helfen werde, wenn er sich nicht besserte, auch Geld werde er ihm nicht geben, da er es doch nur vertrinke. Zum Schluß bat er ihn, ihm etwas vorzuspielen, damit er beurteilen könne, was sich für ihn tun ließ. Während mein Stiefvater die Geige hervorholte, wollte B. meiner Mutter heimlich Geld zustecken, aber sie nahm es nicht. Zum erstenmal sollte sie Almosen annehmen! Da gab B. das Geld mir, und die arme Frau brach in Tränen aus. Mein Stiefvater nahm die Geige aus dem Kasten, besah sie, sagte aber dann, daß er zuerst Schnaps trinken müsse, ohne den könne er nicht spielen. Der Schnaps wurde geholt. Er trank und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Ich werde dir aus alter Freundschaft etwas von meinen eigenen Kompositionen vorspielen,“ sagte er B. und zog unter der Kommode ein dickes, verstaubtes Heft hervor.
„Alles dies habe ich selbst geschrieben,“ sagte er, auf das Heft deutend. „Nun, du wirst ja sehen ... Das, Freund, ist etwas anderes als eure Ballettstückchen!“
B. blätterte schweigend ein paar Seiten um; dann schlug er die Noten auf, die er bei sich hatte, und bat ihn, daraus etwas vorzuspielen.
Es kränkte Jefimoff, daß seine Kompositionen so zur Seite geschoben wurden, aber er kam doch der Aufforderung nach, wohl in der Furcht, B.s Gunst und Anteilnahme zu verlieren.
Er spielte. B. erkannte, daß er in der Zeit nach ihrer Trennung viel zugelernt, also auch viel gearbeitet haben mußte, obgleich er damit geprahlt, daß er die Geige seit seiner Heirat nicht mehr angerührt habe. Da hätte man die Freude meiner armen Mutter sehen sollen! Sie sah ihren Mann an und war wieder stolz auf ihn. Der gute B. war aufrichtig erfreut und wollte unbedingt meinem Stiefvater helfen. Er hatte schon damals gute Beziehungen und so tat er denn auch alles mögliche für seinen armen Studiengenossen, nachdem er von diesem das ehrenwörtliche Versprechen gefordert und erhalten hatte, daß er sich gut aufführen werde. Zunächst kleidete er ihn besser ein, natürlich auf seine Rechnung, dann ging er mit ihm zu ein paar bekannten Persönlichkeiten, von denen es abhing, ob Jefimoff in dem Orchester ankam, wo B. ihn unterbringen wollte. Was nun die Annahme einer Stellung betraf, so hatte Jefimoff natürlich nur großgetan, wie gewöhnlich, wenn es sich bloß um Worte handelte. Wenigstens nahm er das Anerbieten seines alten Freundes mit der größten Bereitwilligkeit an. B. erzählte mir, er habe sich für ihn geschämt wegen der Schmeicheleien und der geheuchelten Bewunderung, mit denen mein Stiefvater seine Dankbarkeit habe bezeugen wollen, wahrscheinlich in der Absicht, sich dadurch B.s Wohlwollen zu sichern. Er begriff endlich, daß man ihn auf den rechten Weg stellen wollte und er hörte sogar auf, zu trinken. Schließlich erhielt er auch wirklich eine Anstellung im Orchester eines Theaters. Die Prüfung bestand er gut, denn in einem Monat hatte er sich durch Fleiß und guten Willen alles wieder angeeignet, was er in anderthalb Jahren des Nichtstuns verlernt hatte. Er versprach, auch hinfort gut zu üben, seinen neuen Pflichten getreu nachzukommen und pünktlich und nüchtern zu sein. Unsere Verhältnisse besserten sich jedoch deshalb noch keineswegs. Mein Stiefvater gab nämlich von seinem Monatsgehalt meiner Mutter nicht einen Kopeken, er verlebte alles allein, vertrank und verjubelte das Geld mit seinen neuen Freunden, von denen er sich sogleich eine ganze Schar anlegte. Es waren das größtenteils am Theater Angestellte, Choristen, Statisten, mit einem Wort Leute, unter denen er der Erste sein konnte, während er alle Talentvolleren geflissentlich mied. Diesen dagegen konnte er imponieren und eine ganz besondere Achtung einflößen, was ihm schon gleich zu Anfang gelungen war, indem er ihnen sofort erklärt und sie durch seine Überzeugung gleichfalls überzeugt hatte, daß er eine verkannte Größe, ein Genie sei, daß seine Frau ihn zugrunde gerichtet und daß ihr Kapellmeister von der ganzen Musik keine Ahnung habe. Er machte sich über alle Solisten des Orchesters lustig, ebenso über die Wahl der Stücke, die gespielt wurden, wie auch über die Komponisten der Opern. Schließlich fing er an, eine ganz neue Theorie der Musik zu erklären. Kurz, er wurde dem ganzen Orchester lästig, geriet mit allen in Streit, nicht zuletzt auch mit dem Kapellmeister, wurde seinen Vorgesetzten gegenüber grob, erwarb sich den Ruf, der unruhigste, verdrehteste und zugleich der nichtsnutzigste Mensch zu sein, und brachte es so weit, daß er allen unerträglich wurde.
Und in der Tat, es war doch recht seltsam anzusehen, daß ein so unansehnlicher Mensch, ein so schlechter und fahrlässiger Musiker so riesige Ansprüche stellte und in einem so selbstbewußten Ton prahlte.
Es endete damit, daß er sich mit B. verfeindete: er erfand eine häßliche Klatschgeschichte, eine ganz niederträchtige Verleumdung seines Wohltäters und gab sie als selbsterlebte Wirklichkeit zum besten. Nach einem halben Jahr wurde er aus diesem Orchester wegen Nachlässigkeit und unzulässiger Aufführung in nicht nüchternem Zustande ausgeschlossen. Doch damit hatte man ihn noch nicht abgeschüttelt. Bald sah man ihn wieder in zerlumpten Kleidern, denn die guten waren verkauft oder versetzt, und in diesen Kleidern suchte er seine gewesenen Kollegen vom Orchester auf, ohne darauf zu achten, ob diese davon erbaut waren oder nicht, erzählte Klatschgeschichten, schwätzte Unsinn, klagte über sein Leben und forderte alle auf, zu ihm zu kommen, um seinen Hausdrachen zu sehen. Natürlich fanden sich Zuhörer, es fanden sich auch solche, denen es Spaß machte, dem an die Luft gesetzten Kollegen mittels Alkohol die Zunge zu lösen und sich durch sein Geschwätz erheitern zu lassen. Übrigens sprach er dann immer mit Geist und Witz, untermischte seine Reden mit beißendem Spott und diversen Zynismen, die namentlich bei gewissen Zuhörern stets des Beifalls sicher sind. Man nahm ihn für einen etwas verschrobenen Narren, den plaudern zu hören in müßigen Stunden ganz amüsant war. Auch zogen die Kollegen ihn gern auf, indem sie in seiner Gegenwart von einem neuen großen Violinvirtuosen zu sprechen anfingen, der sich angeblich auf einer Konzertreise in Rußland befinden sollte und auch nach Petersburg kommen werde. Sobald er das hörte, veränderte sich sein Gesicht, er wurde kleinlauter, erkundigte sich, wie der Künstler hieß, wo er konzertierte, wie groß denn sein Talent sei, und war offenbar eifersüchtig auf den Ruhm der ihm unbekannten Größe. Es scheint, daß erst in dieser Zeit sein systematischer Wahnsinn, sein Größenwahnsinn begann, diese fixe Idee, daß er der erste Geigenvirtuose, mindestens in Petersburg sei, daß aber das Schicksal ihn verfolge und er dank verschiedenen Intrigen natürlich nicht verstanden werde und deshalb in seiner Unbekanntheit verbleibe. Letzteres schmeichelte ihm sogar, denn es gibt solche Charaktere, die sich mit Vorliebe für verfolgt und unverstanden halten und sich laut darüber beschweren, oder im stillen zur Sättigung ihres Ehrgeizes wenigstens selber ihre nicht anerkannte Größe anbeten. Jefimoff kannte alle Petersburger Violinvirtuosen und konnte sie an den Fingern herzählen, doch war von ihnen allen, nach seiner Ansicht, kein einziger ihm gewachsen. Seine Kollegen aber und andere Sachverständige, auch manche Laien, die seinen Größenwahn kannten, brachten das Gespräch gerade deshalb auf die angebliche neue Größe, um ihn zu veranlassen, den vermeintlichen Rivalen im voraus zu kritisieren. Ihnen gefiel sein Grimm, seine boshaften Einfälle, es gefielen vor allen Dingen die sachlichen, klugen Bemerkungen, die er machte, wenn er das Spiel der anderen kritisierte. Oft verstanden sie ihn nicht, doch dafür waren sie überzeugt, daß kein zweiter auf der Welt so geschickt und in so packenden Karikaturen die Größen unter den zeitgenössischen Musikern darzustellen und herunterzureißen wußte. Und sogar diese Künstler, über die er so schonungslos spottete, fürchteten ihn ein wenig, denn sie kannten nicht nur seinen beißenden Witz, sondern erkannten auch die Richtigkeit seiner Angriffe und Urteile. Man hatte sich gewissermaßen schon daran gewöhnt, ihn in den Korridoren und hinter den Kulissen des Theaters zu sehen. Die Bedienten gewährten ihm widerspruchslos den Zutritt, wie einer unentbehrlichen Person. So wurde er im Theater zu einer Figur, etwa von der Art eines musikalischen Thersites. Das dauerte etwa zwei bis drei Jahre. Endlich aber fiel er allen auch in dieser seiner letzten Rolle lästig. Man setzte ihn formell vor die Tür und in den zwei letzten Jahren seines Lebens war mein Stiefvater für diese Leute wie verschollen, keiner von ihnen sah ihn je wieder. Übrigens – B. ist ihm doch noch zweimal begegnet, und zwar sah er ihn in einer so elenden Verfassung, daß noch einmal das Mitleid seinen Ekel besiegte. Er rief ihn an, aber das kränkte Jefimoff und er tat, als hätte er nichts gehört, zog seinen alten verbeulten Filz noch mehr über die Augen und ging vorüber. Es verging einige Zeit, da wurde B. am Morgen eines großen Festtages gemeldet, daß sein ehemaliger Kollege Jefimoff ihm zum Fest zu gratulieren wünsche. B. ging ihm entgegen. Jefimoff stand berauscht im Vorzimmer, verbeugte sich äußerst tief, fast bis zur Erde, seine Lippen murmelten etwas Unverständliches, doch weigerte er sich hartnäckig, näherzutreten. Der Sinn seines Besuches war ungefähr der: „Wie können wir unbegabten Leute mit so großen und vornehmen Berühmtheiten wie Euer Wohlgeboren Umgang pflegen? Für uns Geringe genügt auch ein Dienerplatz, wenn wir zum Fest gratulieren kommen: wir machen unseren Bückling und gehen wieder.“ Mit einem Wort, er war schmutzig, dumm und widerlich gemein. Seit jenem Morgen sah ihn B. lange Zeit nicht mehr, bis – bis zu der Katastrophe, mit der dieses ganze traurige, erstickend trostlose, kranke Leben endete. Es geschah das auf eine furchtbare Weise. Diese Katastrophe ist nicht nur das erschütterndste Erlebnis meiner Kindheit, sie ist sogar für mein ganzes Leben entscheidend gewesen. Doch zuvor muß ich noch erzählen, wie meine Kindheit war, und erklären, welche Bedeutung dieser Mensch für mich hatte, dieser Mensch, der einen so qualvollen Eindruck auf mein Kindergemüt machte und der die Ursache des Todes meiner armen Mutter gewesen.
II.
Meine Erinnerung an meine Kindheit reicht nicht sehr weit zurück, eigentlich nur bis zu meinem zehnten Jahr. Ich weiß nicht, wie es zu erklären ist, daß alles, was ich bis dahin erlebt habe, keinen einzigen klaren Eindruck in mir hinterlassen hat, an den ich mich jetzt noch erinnern könnte. Aber ungefähr von der Mitte meines neunten Jahres an, da erinnere ich mich des Erlebten fast Tag für Tag: es ist wie eine laufende Kette von Erinnerungen, ganz als wäre das alles erst gestern geschehen ... Allerdings kann ich mich auch noch einiger früherer Erlebnisse entsinnen, aber doch nur wie im Traum. So erinnere ich mich z. B. des immer brennenden Lämpchens in der dunklen Ecke vor einem altertümlichen Heiligenbilde; dann, wie ich einmal auf der Straße einem Pferde unter die Beine geriet, worauf ich, wie man mir später erzählt hat, drei Monate lang krank gelegen habe; ferner, wie ich während dieser Krankheit einmal in der Nacht neben meiner Mutter, in deren Bett ich schlief, plötzlich im Traum aufschrak und vom Schreck erwachte, und wie ich mich dann vor der nächtlichen Stille und Dunkelheit und den in der Ecke raschelnden und knabbernden Mäusen fürchtete; Ich zitterte die ganze Nacht vor Angst, ich zog mir sogar die Decke über den Kopf, aber ich wagte trotzdem nicht, meine Mutter zu wecken, woraus ich schließe, daß meine Furcht vor ihr noch größer war als vor den Mäusen und der Dunkelheit. Aber von der Stunde an, wo plötzlich das Bewußtsein in mir erwachte, entwickelte ich mich schnell, wider Erwarten schnell, und viele nichts weniger als kindliche Geschehnisse wurden mir mit einemmal in geradezu unheimlicher Weise faßbar. Alles klärte sich vor mir auf, alles wurde mir in kürzester Zeit verständlich. Und diese Zeit, in der ich bewußt zu leben anfing, an die ich mich, im Gegensatz zu den vorhergegangenen Jahren, mit ungewöhnlicher Deutlichkeit erinnere, hat in mir einen tiefen und traurigen Eindruck hinterlassen. Dieser Eindruck wiederholte sich dann jeden Tag und wuchs mit jedem Tag; er verlieh der ganzen Zeit meines Zusammenlebens mit meinen Eltern und somit meiner ganzen Kindheit eine dunkle und eigenartige Farbe.
Jetzt scheint es mir, daß ich damals ganz plötzlich wie aus einem tiefen Traum erwachte (obschon dies mir, als es geschah, natürlich gar nicht weiter auffiel). Ich fand mich in einem großen Zimmer mit einer niedrigen Decke. Es war unsauber und die Luft darin dumpf. Die getünchten Wände waren von schmutziggrüner Farbe, in einer Ecke stand ein riesiger russischer Ofen. Durch die Fenster sah man auf die Straße, oder richtiger auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses, und diese Fenster waren breit und niedrig, fast nur wie horizontale Spalten in der Wand. Die Fensterbretter waren so hoch vom Fußboden, daß ich auf einen Stuhl und eine Fußbank klettern mußte, um mich, und auch noch immer mit Mühe, auf meinen Lieblingsplatz hinaufschwingen zu können – wenn niemand zu Hause war, der es mir verbot. Aus unserer Wohnung konnte man fast die halbe Stadt sehen, denn wir wohnten unter dem Dach in einem sechsstöckigen, sehr, sehr großen Hause. Unsere ganze Einrichtung bestand aus der Ruine eines alten zerrissenen Ledersofas, das ganz verstaubt war und aus dem überall der Bast der Polsterung hervorsah, ferner einem einfachen, ungestrichenen Tisch, zwei Stühlen, einem Bett, in dem meine Mutter schlief, einem Schränkchen in der Ecke, einer Kommode, die immer schief stand, und einem zerrissenen papierenen Wandschirm.
Ich erinnere mich, es war einmal in der Dämmerung: das ganze Zimmer befand sich in Unordnung, auf der Diele lag alles durcheinander, Bürsten und Lappen, unser hölzernes Eßgeschirr, eine zerschlagene Flasche und ich weiß nicht was noch. Ich erinnere mich, meine Mutter war sehr aufgeregt und aus irgendeinem Grunde weinte sie. Mein Stiefvater saß in der Ecke, wie immer in einem zerrissenen Rock. Er antwortete ihr irgend etwas, antwortete unter einem höhnischen Auflachen, was meine Mutter noch mehr ärgerte, und dann flogen wieder Bürsten und Teller auf den Boden. Ich begann zu weinen und zu schreien und stürzte zu ihnen beiden. Ich war entsetzlich erschrocken und umklammerte wie verzweifelt meinen Vater, um ihn mit meinem Körper zu schützen. Gott mag wissen, weshalb es mir schien, daß der Ärger meiner Mutter grundlos und mein Vater unschuldig sei. Ich wollte für ihn um Verzeihung bitten, gleichviel was für eine Strafe an seiner Stelle auf mich nehmen. Ich fürchtete mich entsetzlich vor meiner Mutter und glaubte, daß alle sie ebenso fürchteten. Meine Mutter sah mich im ersten Augenblick ganz verwundert an, dann faßte sie mich an der Hand und zog mich hinter den Schirm. Ich beschädigte meine Hand am Bett – es schmerzte sehr –, aber der Schreck war doch größer als der Schmerz, und ich wagte nicht mal zu mucksen. Ich weiß noch, meine Mutter machte darauf meinem Vater bittere Vorwürfe, indem sie auf mich deutete. (Übrigens nenne ich ihn hier meinen Vater, obgleich er doch nur mein Stiefvater war, aber ich habe es erst viel später erfahren, daß zwischen uns überhaupt keine Verwandtschaft bestand.) Diese ganze Szene dauerte etwa zwei Stunden und zitternd vor Spannung bemühte ich mich, zu erraten, womit das alles enden werde. Endlich verstummte der Streit und die Mutter ging irgendwohin fort. Da rief mich der Vater zu sich, küßte mich, streichelte mein Haar, nahm mich auf den Schoß und ich schmiegte mich fest und süß an seine Brust. Es war die erste väterliche Zärtlichkeit, die ich empfand, und vielleicht kann ich mich deshalb von der Zeit an so gut alles Erlebten erinnern. Auch begriff ich, daß ich mir diese Liebe des Vaters durch meine Parteinahme für ihn verdient hatte, und da kam mir, ich glaube, zum erstenmal der Gedanke, daß er von der Mutter viel zu erdulden und viel Leid zu ertragen habe. Seit der Zeit konnte ich mich von dieser Vorstellung nicht mehr befreien und mit jedem Tag erregte und empörte sie mich mehr.
In jener Stunde erwachte in mir eine grenzenlose Liebe zum Vater, aber es war eine wunderliche, gleichsam gar nicht kindliche Liebe. Ich würde sagen, daß es eher ein gewisses mitleidvolles mütterliches Gefühl war, wenn eine solche Bezeichnung nicht komisch wäre – für ein Kind! Der Vater erschien mir immer dermaßen bedauernswert, so ungerecht verfolgt, so tyrannisiert, kurz, ich sah in ihm einen solchen Märtyrer, daß es für mich etwas ganz Unmögliches gewesen wäre, ihn nicht bis zur Besinnungslosigkeit zu lieben, zu trösten, nicht zärtlich zu ihm zu sein, mich nicht aus allen Kräften zu bemühen, für ihn zu sorgen und ihm Gutes zu tun. Ich verstehe bis jetzt noch nicht, woher mir gerade das in den Kopf gekommen sein mag, daß er ein solcher Märtyrer, ein so unglücklicher Mensch sei! Wer hat mir das eingegeben? Wie konnte ich, ein Kind, von seinen persönlichen Mißerfolgen und Enttäuschungen überhaupt etwas verstehen? Und doch verstand ich sie, wenn ich mir auch alles nach meiner Art zurechtlegte. Aber vorzustellen vermag ich mir trotzdem nicht, wie ich zu einer solchen Auffassung gelangen konnte. Vielleicht kam das daher, daß meine Mutter gar zu streng mit mir umging, weshalb ich mich denn an den Vater hielt, als an einen Menschen, der, wie ich glaubte, ebenso ungerecht von ihr behandelt wurde und in dem ich deshalb meinen Leidensgenossen sah.
Ich erzählte bereits von meinem ersten Erwachen aus dem Kindheitsschlaf, von meiner ersten Regung in einem bewußten Leben. Mein Herz war von dem Augenblick an verwundet, meine Entwicklung setzte ein und vollzog sich mit unglaublicher, sich überhastender, ermüdender Schnelligkeit. Jetzt konnte ich mich nicht mehr mit bloßen äußeren Eindrücken zufriedengeben. Ich begann nachzudenken, zu überlegen, zu beobachten; aber dieses Beobachten geschah meinerseits so unnatürlich früh, daß mein Verstand nicht umhin konnte, alles nach eigenen Begriffen und Vorstellungen sich zurechtzulegen, und so befand ich mich denn plötzlich in einer anderen nur mir eigenen Welt. Alles um mich herum wurde immer ähnlicher jenem Wundermärchen, das der Vater mir oft erzählt hatte und das ich damals natürlich für lauterste Wahrheit hielt. So entstanden in mir seltsame Vorstellungen. Ich begriff sehr gut – aber wie das geschah, vermag ich nicht zu sagen –, daß ich in einer sonderbaren Familie lebte und daß meine Eltern irgendwie ganz und gar nicht den anderen Menschen glichen, die ich in dieser Zeit kennen lernte. Ich fragte mich, weshalb sind die anderen Menschen, die ich sehe, meinen Eltern auch äußerlich so unähnlich? Weshalb sah ich andere lachen und warum fiel es mir plötzlich auf, daß in unserem Winkel niemals gelacht wurde und niemand sich freute? Welche Macht zwang mich, das neunjährige Kind, so aufmerksam meine Umgebung zu beobachten und auf jedes Wort zu achten, das ich zufällig von den Leuten vernahm, die mir auf der Treppe oder auf der Straße begegneten, wenn ich abends meine Lumpen mit der alten Jacke meiner Mutter bedeckte, um in den nächsten Krämerladen zu gehen und für einige wenige Kupferlinge Zucker, Tee oder Brot zu kaufen? Ich begriff, und ich weiß nicht wie, daß in unserem Winkel irgendein ewiger Kummer, ein unerträgliches Leid herrschte. Ich zerbrach mir den Kopf, um zu erraten, warum das so war, und ich weiß nicht, wer mir dabei half, das Rätsel auf meine Art zu deuten: ich beschuldigte meine Mutter, ich hielt sie für die Todfeindin meines Vaters, aber ich wiederhole – ich verstehe es selber nicht, wie eine so ungeheuerliche Auffassung in meiner Phantasie entstehen konnte. Und je mehr ich mich dem Vater anschloß, um so mehr mußte ich meine arme Mutter hassen. Die Erinnerung an all das quält mich noch jetzt schmerzlich. Doch da gab es noch einen anderen Zwischenfall, der noch mehr als jener erste meine seltsame Annäherung an den Vater bewirkte.
Einmal, es war gegen zehn Uhr abends, schickte mich meine Mutter in den Laden nach Hefe. Der Vater war nicht zu Hause. Auf dem Rückwege stolperte ich versehentlich und fiel hin, mitten auf dem Trottoir, und verschüttete den ganzen Inhalt der Tasse. Mein erster Gedanke war, wie sehr sich die Mutter ärgern werde. Da fühlte ich einen schrecklichen Schmerz im linken Arm, und zugleich merkte ich, daß ich mich nicht aufrichten konnte. Die Menschen blieben stehen. Ein altes Frauchen versuchte, mich aufzuheben, ein Knabe aber, der vorüberlief, schlug mit einem Schlüssel auf meinen Kopf. Endlich wurde ich wieder auf die Füße gestellt, ich hob die Scherben der zerschlagenen Tasse auf und ging wankend weiter, kaum fähig, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Plötzlich sah ich den Vater. Er stand in der Volksmenge vor einem schönen Hause, das dem unsrigen gegenüberlag. Dieses Haus gehörte irgendwelchen vornehmen Leuten und war an jenem Abend herrlich erleuchtet. Vor dem Portal standen viele Equipagen und aus dem Inneren hörte man Orchestermusik. Ich faßte den Vater am Rockschoß, zeigte ihm die zerschlagene Tasse und sagte unter Tränen, daß ich vor Angst nicht wagte, zur Mutter zu gehen. Ich war plötzlich ohne weiteres überzeugt, daß er mich beschützen werde. Aber weshalb ich davon überzeugt war und wer es mir gesagt oder mich sonst irgendwie darauf gebracht hatte, daß ich von ihm mehr geliebt wurde, als von meiner Mutter, das weiß ich nicht. Warum ging ich zu ihm ganz furchtlos, während ich mich vor der Mutter aus lauter Furcht nicht zu zeigen wagte? Er nahm mich an der Hand, tröstete mich, und dann sagte er, er wolle mir etwas Schönes zeigen, und er hob mich auf und nahm mich auf den Arm. Ich konnte freilich nichts sehen vor Schmerz, denn er hatte meinen Arm gerade an der Stelle angefaßt, wo ich ihn mir beim Fall verletzt hatte, und das tat entsetzlich weh, aber ich schrie nicht, nur um ihn nicht zu beunruhigen. Er fragte mich mehrmals, ob ich etwas sähe. Und ich bemühte mich mit allen Fibern, ihm so zu antworten, daß es ihm recht wäre, und ich sagte, ich sähe rote Vorhänge hinter den Fenstern. Als er mich aber über die Straße auf das andere Trottoir tragen wollte, näher zum Hause, da fing ich plötzlich an zu weinen – ich weiß nicht, weshalb – umarmte seinen Hals und bat ihn, schneller nach Haus zur Mutter zu gehen. Ich weiß noch, seine Zärtlichkeit bedrückte mich und ich konnte es nicht mehr ertragen, daß der eine von ihnen, der Vater, – während ich doch beide so lieben wollte – gut und lieb zu mir war, und ich zur anderen, zur Mutter nicht zu gehen mich getraute und mich vor ihr nur fürchtete. Sie war übrigens fast gar nicht böse und sagte nur, ich solle schlafen gehen. Ich weiß noch, der Schmerz im Arm wurde immer heftiger, ich begann zu fiebern, doch war ich trotzdem ganz besonders glücklich und froh darüber, daß alles so gut verlaufen, und die ganze Nacht träumte mir von dem Hause gegenüber und von den schönen roten Vorhängen.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mein erster Gedanke, meine erste Sorge das Haus mit den roten Vorhängen. Kaum hatte die Mutter das Zimmer verlassen, da kletterte ich gleich auf das Fensterbrett, um das schöne Haus zu betrachten. Eigentlich hatte dieses Haus auch früher schon meine kindliche Neugier erregt. Am besten gefiel es mir abends, wenn auf der Straße die Laternen angezündet wurden und wenn dann aus dem Hause und in einem nahezu blutigen Licht die purpurroten Gardinen hinter den großen Scheiben zu leuchten begannen. Vor dem Portal hielten meist vornehme Equipagen, oder die Leute kamen gerade mit schönen, stolzen Pferden angefahren, und alles das fesselte mich sehr: das Geräusch und das Rufen der Kutscher und Diener, das ganze Hin und Her vor dem Hause und die farbigen Laternen an den Wagen und die geputzten Damen, die dann ausstiegen. Das ganze wurde in meiner kindlichen Phantasie zu etwas kaiserlich Großartigem und märchenhaft Wundervollem. Und gar nach meiner Begegnung mit dem Vater vor diesem reichen Hause, da wurde es in meinen Augen noch einmal so schon und beachtenswert. Nun entstanden in meiner erwachten Phantasie seltsame Vorstellungen und Vermutungen. Es ist wohl auch kein Wunder, daß ich unter so eigentümlichen Menschen, wie meine Eltern waren, gleichfalls zu einem eigentümlichen, zu einem leidenschaftlich phantastischen Kinde wurde. Was mich ganz besonders betroffen machte, war der Kontrast der Charaktere meiner Eltern. So z. B. wunderte es mich, daß die Mutter sich beständig um unsere armselige Wirtschaft sorgte und mühte und fortwährend dem Vater darüber Vorwürfe machte, daß sie allein für alle arbeiten und alle ernähren müsse, – ich fragte mich deshalb unwillkürlich, warum denn der Vater ihr gar nicht half, warum er fast wie ein Fremder bei uns wohnte? Einzelne Worte meiner Mutter gaben mir hierüber eine gewisse Aufklärung. So vernahm ich mit Verwunderung, daß Papa ein Künstler sei (dieses Wort merkte ich mir sogleich), ein Mensch mit einem großen Talent. Meine Vorstellungskraft schuf nun sofort den Begriff für das neue Wort, eben daß ein „Künstler“ etwas ganz Besonderes, jedenfalls ein außergewöhnlicher Mensch, also etwas ganz anderes als die übrigen Menschen sein müsse. Vielleicht war es zum Teil auch das Verhalten meines Vaters, das gerade diese Auffassung begünstigte; oder vielleicht hatte ich auch vorher schon das eine oder das andere gehört, was ich jetzt vergessen habe. Seltsam verständlich war mir der Sinn der Worte, die der Vater einmal in meiner Gegenwart mit einem ganz besonderen Gefühl sagte: „Es werde eine Zeit kommen, wo auch er nicht mehr arm, sondern gleichfalls ein reicher Herr sein werde, und erst wenn die Mutter gestorben sei, würde er endlich aufleben.“
Ich weiß noch, ich erschrak entsetzlich, als ich diese Worte hörte. Mein Schreck und Entsetzen waren so groß, daß ich nicht im Zimmer bleiben konnte und auf unseren kalten Flur hinauslief, wo ich in Tränen ausbrach: und ich weinte dort herzbrechend, die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt, das Gesicht in den Händen vergraben. Dann aber, als ich fortwährend darüber nachdachte und mich allmählich an diese schreckliche Hoffnung des Vaters gewöhnte – kam mir bald meine eigene Phantasie zu Hilfe. Wenigstens ertrug ich diese Qual der Ungewißheit nicht lange und mußte wohl naturgemäß zu irgendeiner Vermutung gekommen sein. Und da – ich weiß nicht, wie es anfing, aber zu guter Letzt glaubte ich wirklich, daß der Vater, wenn erst die Mutter gestorben sei, alsbald diese langweilige Wohnung verlassen und mit mir irgendwohin fortziehen werde. Aber wohin? – das konnte ich mir auch bis zuletzt nicht klar vorstellen. Ich erinnere mich nur, daß alles, womit ich jenen Ort, wohin wir beide gehen würden (daß wir zwei unbedingt zusammen gehen würden, stand für mich außer Frage), schmücken konnte, daß alles, was ich mir an Schönheit und Glanz und Großartigkeit vorzustellen vermochte – daß all das Verwendung in meinen Träumen von jener Zukunft fand. Ich glaubte, wir würden dann sofort reich sein und ich brauchte nicht mehr in den kleinen Laden zu gehen, um für die Mutter etwas zu besorgen, was mir immer sehr schwer fiel, da die Kinder aus dem Nachbarhause mich nie in Ruhe ließen, sobald ich aus dem Hause trat – und davor fürchtete ich mich sehr, namentlich wenn ich Milch trug oder Eier, denn ich wußte, daß ich fürs Verschütten oder Zerschlagen strenge Strafe zu erwarten hatte. Und dann malte ich mir aus, wie der Vater sich sogleich schöne Kleider bestellen und wir in ein glänzendes Haus ziehen würden, und da – da kam nun jenes reiche Haus mit den roten Vorhängen, meine Begegnung mit dem Vater vor demselben und der Umstand, daß er mir dort etwas zeigen wollte, meiner Phantasie sehr zu Hilfe. In meinen Zukunftsträumen war es ganz selbstverständlich, daß wir gerade in dieses Haus zogen, um dort wie in ewiger Seligkeit zu leben. Seit der Zeit sah ich täglich, namentlich abends, mit angespannter Neugier und Teilnahme aus unserem Fenster nach diesem für mich gleichsam verzauberten Hause, dachte an die Vorfahrt der Equipagen an jenem Abend und an die Gäste in den festlichen Gewändern, wie ich sie vorher noch nie gesehen. Und dann bildete ich mir ein, wieder die weichen Töne der Musik zu hören, die gedämpft aus dem Hause drang, und ich beobachtete die Schattenbilder der Gestalten, die sich auf den Vorhängen bewegten, und ich bemühte mich, zu erraten, was dort hinter den Fenstern vorging, – und immer schien es mir, daß dort das Paradies sei und ein ewiger Feiertag. Ich fing an, unsere armselige Dachstube und die zerlumpten Kleider, die ich trug, zu hassen. Und als einmal die Mutter mich schalt und mir befahl, vom Fensterbrett herabzuklettern, wo ich gerade wie gewöhnlich saß, da kam mir sogleich der Gedanke, sie sei eifersüchtig und wünsche nicht, daß ich dieses Haus betrachtete oder an dasselbe auch nur dachte, unser Glück sei ihr unangenehm und deshalb wolle sie es hintertreiben, wenigstens so lange, wie sie noch lebte ... Und den ganzen Abend beobachtete ich sie mißtrauisch.
Wie konnte mein Herz sich nur so verstocken gegen ein so armes, unglückliches Wesen, wie es meine Mutter war! Jetzt erst begreife ich die ganze Qual ihres Lebens und kann nicht ohne stechenden Schmerz im Herzen an ihr Martyrium denken. Ja selbst damals schon, in jener dunkeln Zeit meiner wunderlichen Kindheit, während meiner unnatürlich schnellen Entwicklung, krampfte sich mein Herz oft zusammen vor Schmerz und Mitleid – und Unruhe, Verwirrung und Zweifel drängten sich in meine Seele. Auch damals schon lehnte sich mein Gewissen gegen mich selbst auf und ich empfand es sehr wohl, daß ich ungerecht gegen sie war. Aber es war, als scheuten und mieden wir einander. Ich entsinne mich nicht, jemals zärtlich zu ihr gewesen zu sein. Jetzt sind es oft die geringfügigsten Erinnerungen, die meine Seele nachträglich erschüttern und martern. Einmal, ich weiß noch (natürlich ist das, was ich jetzt erzählen werde, nichtig, fast belanglos, aber gerade solche Erinnerungen quälen mich nun am meisten und haben sich am tiefsten meinem Gedächtnis eingeprägt), – einmal, an einem Abend, als der Vater nicht zu Hause war, wollte die Mutter mich in den kleinen Laden schicken, um für sie etwas Tee und Zucker zu kaufen. Aber sie dachte lange nach und konnte sich immer nicht entschließen und zählte halblaut die Kupferstücke – ein Bettelsümmchen, über das sie noch verfügen konnte. Sie zählte und rechnete, wenn ich nicht irre, wohl eine halbe Stunde lang und konnte doch nicht die Rechnung beenden. Zudem verfiel sie in manchen Augenblicken, wahrscheinlich vom Leid, gleichsam in einen Zustand vollkommener Gedankenversunkenheit. Als sähe ich sie vor mir, so deutlich erinnere ich mich, wie sie vor sich hin sprach, langsam, dazu die Geldstücke einzeln zählend, als wäre jedes Wort ein wichtiges Ding. Ihre Wangen und Lippen waren blaß, ihre Hände zitterten beständig und wenn sie allein dasaß und nachdachte, dann bewegte sie immer den Kopf dazu.
„Nein, nicht nötig,“ sagte sie endlich mit einem Blick auf mich, „ich werde lieber zu Bett gehen und schlafen. Wie? Willst du schlafen, Njetotschka?“ Ich schwieg; da hob sie ein wenig mein Kinn und sah mich so still und freundlich an, und ihr trauriges Antlitz klärte sich auf und verklärte sich in einem so mütterlichen und stillen Lächeln, daß mein Herz weich wurde und zu pochen begann. Überdies hatte sie mich „Njetotschka“ genannt, was bedeutete, daß sie mich in diesem Augenblick besonders lieb hatte. Diese Koseform meines Namens hatte sie selbst erfunden, indem sie meinen eigentlichen Namen Anna in ihn umwandelte. Wenn sie mich so nannte, „Njetotschka“, dann wußte ich, daß sie damit zärtlich zu mir sein wollte. Das rührte mich: ich hätte sie umarmen, mich an sie schmiegen, zusammen mit ihr weinen mögen. Sie, die Arme, streichelte dann lange meinen Kopf – vielleicht schon ganz mechanisch, ohne daran zu denken, daß sie mich streichelte, und dazu sagte sie immer: „Mein Kind, Annjeta, Njetotschka!“ Tränen wollten mir über die Wangen rollen, aber ich nahm mich krampfhaft zusammen und beherrschte mich. Ich widersetzte mich gewissermaßen sogar ihrer Zärtlichkeit, indem ich ihr gegenüber nicht das geringste Empfinden äußerte, obschon ich mich damit selber quälte. Nein, diese Verstocktheit konnte nichts Natürliches sein! Der Mutter Strenge allein hätte mich nicht so gegen sie einnehmen können. Aber ich weiß, was es war: es war diese meine phantastische Liebe zu meinem Vater, die mich in ihrer Ausschließlichkeit verdarb. Zuweilen, wenn ich nachts auf meiner harten Unterlage in meinem Schlafwinkel unter der dünnen Decke erwachte, dann wandelte mich immer eine gewisse Furcht an. Halb im Schlaf erinnerte ich mich, wie ich bis vor kurzem, als ich noch etwas jünger und kleiner war, mit der Mutter in einem Bett geschlafen und mich dann nachts beim Erwachen weniger gefürchtet hatte: da brauchte ich mich nur fest an sie zu schmiegen, die Augen zu schließen und ich schlief sofort wieder ein. Ich fühlte, daß ich sie, ob ich nun wollte oder nicht, im geheimen doch lieben mußte. In meinem späteren Leben habe ich die Beobachtung gemacht, daß viele Kinder oft entsetzlich gefühllos sind, und daß sie, wenn sie jemand liebgewinnen, diesen einen Menschen ganz ausschließlich lieben, und selbstverständlich auf Kosten anderer. So war’s auch mit mir.
Bisweilen herrschte in unserer Dachstube ganze Wochen lang Totenstille. Der Vater und die Mutter waren dann müde vom Streiten und ich lebte zwischen ihnen wie gewöhnlich, immer schweigend, immer denkend, träumend, mich sehnend, und stets in meinem Denken irgendwie bestrebt, irgend etwas mir Unbekanntes zu enträtseln. Indem ich sie beide beobachtete, begriff ich vollkommen, wie sie zueinander standen: ich begriff diese ihre dumpfe ewige Feindschaft, begriff das ganze Leid und diesen beklemmenden Druck des unordentlichen Lebens, das sich in unserer Dachstube eingenistet hatte, – begriff sie natürlich ohne ihre Ursachen und ihre ganze Tragweite, begriff sie eben nur so weit, wie ich sie damals begreifen konnte. An langen, stillen Winterabenden beobachtete ich sie aus meinem Winkel oft ganze Stunden ungestört, verfolgte jede Bewegung, studierte förmlich das Gesicht des Vaters, und gab mir die größte Mühe, zu erraten, woran er wohl denken mochte, und was ihn geistig so beschäftigte. Und dann war es wieder die Mutter, die mich betroffen machte und ängstigte. Sie konnte unermüdlich im Zimmer hin und her gehen, stundenlang, oft ging sie sogar mitten in der Nacht, wenn sie nicht schlafen konnte – sie litt überhaupt an Schlaflosigkeit – dabei flüsterte sie vor sich hin, als wäre außer ihr niemand im Zimmer, bald streckte sie die Arme aus, bald kreuzte sie sie über der Brust, bald rang sie die Hände wie in Verzweiflung oder unendlichem Weh und Kummer. Bisweilen rollten ihr Tränen aus den Augen, Tränen, die sie vielleicht selbst nicht verstand, denn es kam vor, daß sie zeitweilig wie in ein vollständiges Sich-selbst-vergessen versank. Sie hatte, zudem, außer ihren Sorgen, irgendein sehr schweres körperliches Leiden, das sie aber gar nicht beachtete.
Die Einsamkeit und das Schweigen, das ich nicht zu brechen wagte, fingen an, immer schwerer auf mir zu lasten. Schon ein ganzes Jahr hatte ich mit erwachtem Geiste gelebt, immer gedacht, gegrübelt, geträumt und im geheimen mich mit unbekannten, unklaren Wünschen gequält, die plötzlich auftauchten. Ich war wie in einem Walde verirrt. Da war es der Vater, der mich zuerst bemerkte, mich zu sich rief und mich fragte, warum ich ihn so unverwandt ansähe. Ich weiß nicht mehr, was ich ihm antwortete: ich weiß nur noch, daß er nachdenklich wurde und zum Schluß sagte, er werde ein Abc-Buch bringen und mich im Lesen unterrichten. Mit Ungeduld erwartete ich nun dieses sonderbare Buch und baute die ganze Nacht phantastische Träume auf – denn meine Vorstellung von einem Abc war nichts weniger als klar. Endlich, d. h. am nächsten Tage, begann der Vater auch wirklich mit dem Unterricht. Ich begriff sogleich, was von mir verlangt wurde, und lernte schnell und gut, denn ich wußte, daß ich ihm damit etwas zu Gefallen tat. Das war die glücklichste Zeit meines damaligen Lebens. Wenn er mich lobte, meinen Kopf streichelte und mich küßte, traten mir vor Freude sogleich Tränen in die Augen. So gewann mich der Vater allmählich lieb. Bald wagte ich denn auch schon, ihn anzureden, und dann sprachen wir oft ganze Stunden unermüdlich miteinander, obschon ich mitunter kaum ein Wort von dem, was er mir da erzählte, verstand. Aber ich fürchtete ihn doch noch irgendwie, fürchtete vor allem, er könnte denken, daß ich mich mit ihm langweilte, und deshalb bemühte ich mich nach Kräften, so zu tun, als verstünde ich alles. Zu guter Letzt wurde es ihm zur Gewohnheit, abends mit mir zu sitzen und zu sprechen. Sobald er mit sinkender Dämmerung nach Haus zurückkehrte, kam ich unverzüglich mit meinem Abc-Buch. Er setzte mich sich gegenüber auf die Bank und nach der Stunde las er mir gewöhnlich noch aus einem Buch irgend etwas vor. Davon verstand ich in der Regel fast nichts, aber ich lachte soviel ich konnte, denn ich glaubte, ihm damit Vergnügen zu bereiten. Und in der Tat, ich unterhielt ihn und mein Lachen schien ihn zu belustigen. Einmal aber erzählte er mir nach der Stunde ein Märchen. Es war das erste Märchen, das ich hörte. Ich saß wie verzaubert, fieberte vor Spannung, fühlte mich wie in ein Paradies versetzt, während ich ihm zuhörte, und zum Schluß wußte ich kaum noch, wo ich mich lassen sollte vor Begeisterung. Nicht, daß das Märchen an sich mir dermaßen gefallen hätte – nein, das war es nicht; aber das Unmöglichste war nun plötzlich möglich geworden, denn ich nahm doch alles für bare Münze. Natürlich ließ ich sogleich meiner eigenen Phantasie die Zügel schießen und im Nu waren alle meine phantastischen Träume für mich ebensogut wie bereits verwirklicht. Da stand natürlich gleich an erster Stelle das Haus mit den roten Vorhängen, die handelnde Person aber war – aus unbekannten Gründen – der Vater, obwohl er selbst das Märchen erzählte; dann kam die Mutter, die uns hinderte, ich weiß nicht wohin fortzuziehen; ferner – oder richtiger – ganz zuerst ich selbst mit meinen wunderschönen Träumen, mit allen meinen phantastischen, meinen tollen, meinen ganz unmöglichen Zukunftsbildern: alles das verwirrte sich dermaßen in meinem Kopf, daß es bald ein unentwirrbares Chaos bildete und mir für eine Zeitlang den Eltern gegenüber jedes Zartgefühl, sowie den Dingen gegenüber jedes Unterscheidungsvermögen für das, was Wirklichkeit und das, was Einbildung war, abhanden kam und ich Gott weiß wo lebte. In dieser Zeit verging ich fast vor Verlangen, mit dem Vater darüber zu sprechen, was uns bevorstand, was er selber erwartete und wohin er mich führen werde, wenn wir endlich unsere Dachstube verließen. Ich war meinerseits überzeugt, daß alles dies irgendwie sehr schnell in Erfüllung gehen werde, wie aber und in welcher Art – das wußte ich nicht, und gerade damit quälte ich mich so, daß ich mir beständig den Kopf darüber zerbrach. Bisweilen – und zwar vornehmlich abends – schien es mir, daß der Vater mir nun gleich heimlich zuzwinkern und mich auf den Flur hinausrufen werde, und ich nahm schon heimlich, so daß die Mutter es nicht sah, mein Abc-Buch und dann noch unser Bild, das seit undenklichen Zeiten uneingerahmt an der Wand hing und das unbedingt mitzunehmen ich in meinem Sinn fest beschlossen hatte – und dann liefen wir heimlich irgendwohin fort und kehrten nie wieder zur Mutter zurück. Und eines Tages, als die Mutter nicht zu Haus und der Vater gerade bei besonders guter Laune war – das aber war er regelmäßig, wenn er etwas getrunken hatte – da faßte ich mir ein Herz und ging zu ihm und fing an, von irgend etwas zu sprechen, in der Absicht, bei der ersten Gelegenheit auf mein geliebtes Thema überzugehen. Endlich erreichte ich es auch, daß er belustigt auflachte und da – da umschlang ich ihn fest und begann mit bebendem Herzen ganz angstvoll, als wäre ich im Begriff, von etwas Geheimnisvollem und Furchtbarem zu sprechen, verwirrt und zusammenhanglos und stockend ihn auszufragen: wohin wir denn eigentlich gehen sollten und wann denn und was wir mitnehmen und wo wir wohnen wollten und schließlich, ob wir denn nicht in das Haus mit den roten Vorhängen einziehen würden?
„Was für ein Haus? Rote Vorhänge? Was soll das? Was phantasierst du, dummes Kind?“
Ich erschrak und versuchte angstvoll, ihm zu erklären, daß wir beide, wenn die Mutter einmal gestorben sei, doch nicht mehr hier auf dem Dachboden bleiben würden, daß er mich dann doch irgendwohin fortführen müsse, wo wir zwei reich und glücklich leben könnten. Und zu guter Letzt versicherte ich ihm noch, daß er selbst mir das alles versprochen habe. Dabei war ich vollkommen überzeugt, daß er mir wirklich früher einmal so etwas gesagt hatte, wenigstens schien es mir in dem Augenblick so.
„Die Mutter? Gestorben? Wenn sie gestorben sein wird? ...“ wiederholte er und er sah mich verwundert an, während sich zwischen seinen buschigen, graumelierten Brauen eine Falte bildete und sein Gesicht sich ein wenig veränderte. „Was phantasierst du, Kind, dummes, armes Ding ...“
Und dann schalt er mich, und schalt mich sogar sehr und sagte, ich sei ein dummes Kind, ich könne nichts begreifen ... und ich weiß nicht, was er noch alles sagte, – sicher war er sehr betrübt.
Ich begriff allerdings kein Wort von seinen Vorwürfen, begriff vor allem nicht, wie schmerzlich es für ihn sein mußte, daß ich seine Worte, die er der Mutter im Zorn und unter dem Druck des Elends gesagt, aufgefangen und behalten, sie womöglich auswendig gelernt und schon viel über sie nachgedacht hatte. Aber was es auch sein mochte und so groß auch seine eigene Überspanntheit war, dieser Zwischenfall mußte ihm doch zu denken geben. Ich aber konnte gar nicht verstehen, weshalb er sich über mich ärgerte, und ich fühlte eine gewisse Bitterkeit und Trauer in mir aufsteigen, immer höher und höher, bis ich zu weinen anfing. Dann dachte ich, daß alles, was uns dort in dem schönen Leben erwartete, wohl so wichtig sei, daß ich dummes Kind weder davon sprechen noch daran denken durfte. Nebenbei aber fühlte ich doch, obwohl ich ihn nicht sogleich verstand, daß ich die Mutter gekränkt hatte. Darob erfaßten mich Angst und Entsetzen und dann schlichen sich auch leise Zweifel in meine Seele und machten dort alles in mir unsicher. Als er jedoch sah, daß ich weinte und mich quälte, versuchte er mich wieder zu trösten, wischte mir mit dem Ärmel die Tränen ab und bat mich, ich solle nicht mehr weinen. So saßen wir denn eine Zeitlang schweigend. Er machte ein finsteres Gesicht und schien nachzudenken; dann fing er von neuem zu sprechen an; aber wie sehr ich mich auch anstrengte, es war mir doch alles, was er da sagte, zum mindesten unklar. Ich schließe aus einzelnen Worten, die ich noch behalten habe, daß er mir damals erklärte, wer er sei, was für ein großer Künstler er wäre; ferner, wie ihn niemand verstehe, und zuletzt, daß er ein ungeheures Talent habe. Ich weiß noch, daß er mich dann fragte, ob ich auch alles verstanden und daß er nach meiner selbstverständlich bejahenden Antwort die Frage wiederholte: „Also hat er Talent?“ Und ich antwortete: „Ja, er hat Talent,“ worüber er leise auflachen mußte, wahrscheinlich weil es ihm selbst zuletzt lächerlich erschien, daß er über einen für ihn so ernsten Gegenstand mit einem Kinde sprach. Unsere Unterhaltung unterbrach Karl Fedorytsch, der ganz unerwartet bei uns eintrat, und der Vater wies auf ihn und sagte:
„Dieser dagegen, der Karl Fedorytsch, der hat zum Beispiel für keine fünf Kopeken Talent.“
Darüber mußte ich lachen, denn das kam mir, Gott weiß weshalb, sehr komisch vor und ich war wieder ganz froh und glücklich.
Dieser Karl Fedorytsch war eine äußerst merkwürdige Erscheinung. Ich sah damals so wenige Menschen, daß ich mich seiner noch lebhaft erinnere. Ja: als stände er hier, so deutlich sehe ich ihn vor mir. Er war ein Deutscher, Meyer mit Namen, der nach Rußland gekommen war, weil er nur den einen Wunsch hatte: zum Petersburger kaiserlichen Ballett zu gehören. Leider war er aber ein so schlechter Tänzer, daß man ihn nicht einmal unter die Chortänzer, die den Hintergrund der Bühne ausfüllen mußten, aufnehmen konnte und ihn nur als Statisten verwandte. So spielte er stumme Rollen, etwa in der Suite des Fortinbras oder als einer der Ritter von Verona, die alle zwanzig mit einem Male ihre gepappten Klingen ziehen und unisono ausrufen: „Wir sterben für den König!“
Nichtsdestoweniger gab es wohl keinen einzigen Künstler auf Erden, der an seinen Rollen so leidenschaftlich hing wie Karl Fedorytsch. Sein größtes Unglück und Lebensleid war, daß er nicht ins Ballettkorps aufgenommen wurde. Die Tanzkunst stellte er über jede andere Kunst und in seiner Art hing er an ihr ebensosehr, wie der Vater an seiner Geige. Sie waren beide an demselben Theater angestellt gewesen, dort hatten sie sich kennen gelernt, und seit der Zeit besuchte der Statist, der nun auch schon außer Diensten war, seinen ehemaligen Kollegen vom Orchester und blieb ihm als einziger von allen bis zuletzt treu. Sie sahen sich sogar recht oft und beklagten dann beide ihr trauriges Los, das ihnen den Fluch auferlegt hatte, von den Menschen nicht verstanden zu werden. Der Deutsche war der gefühlvollste, der liebevollste Mensch der Welt und meinem Stiefvater in glühendster, uneigennützigster Freundschaft zugetan. Der Vater dagegen hatte, glaube ich, keine gerade besondere Zuneigung zu ihm, er duldete ihn eben nur als seinen Bekannten in Ermangelung anderer. Leider konnte der Vater in seiner Einseitigkeit durchaus nicht begreifen, daß die Tanzkunst auch eine Kunst sei, womit er den armen Deutschen bis zu Tränen kränkte. Da er nun diese schwache Seite des anderen kannte, machte es ihm Spaß, sie immer wieder wie von ungefähr zu berühren, um sich dann an dem Eifer des armen Karl Fedorytsch zu ergötzen, der fast aus der Haut fuhr vor Empörung und Leidenschaft in seinem Bemühen, für seine geliebte Tanzkunst das Gegenteil zu beweisen. Von diesem Karl Fedorytsch und seiner Freundschaft mit meinem Stiefvater hat mir nachher noch manches derselbe B. erzählt, der diesen begeisterten Ballettänzer immer den Nürnberger Springkäfer nannte. Unter anderem entsinne ich mich noch lebhaft ihrer Zusammenkünfte, wenn sie beide etwas getrunken hatten und dann als verkannte Größen ihr Schicksal betrauerten. Auch ich, die ich diese beiden Sonderlinge still für mich betrachtete, trauerte mit ihnen, und wenn sie Tränen vergossen, so heulte ich mit, wenn ich auch selber nicht wußte, worüber und warum. Das trug sich aber immer in der Abwesenheit der Mutter zu, denn der Deutsche fürchtete sie sehr und wartete deshalb, wenn er kam, gewöhnlich so lange auf dem Treppenflur, bis jemand aus dem Zimmer trat: erfuhr er dann, daß die Mutter zu Hause war, so machte er schleunigst kehrt und lief die Treppe hinunter. Jedesmal brachte er deutsche Gedichte mit, begeisterte sich an ihnen, indem er sie uns laut vorlas, und dann deklamierte er mit Gesten, wobei er zwischendurch die Sätze mit Müh und Not in ein zum mindesten eigenartiges Russisch übersetzte, damit auch wir den Sinn verstanden. Das belustigte den Vater, ich aber lachte oft Tränen. Einmal hatten sie sich irgendein russisches Werk verschafft, das sie beide ungeheuer begeisterte, in einem solchen Maße begeisterte, daß sie es nachher fast bei jeder Zusammenkunft immer wieder von neuem lasen. Ich erinnere mich, es war ein Drama in Versen von irgendeinem vorübergehend berühmten russischen Schriftsteller. Die ersten Strophen hatte ich so gut behalten, daß ich später nach mehreren Jahren dieses Drama gleich wiedererkannte, als ich das Buch einmal zufällig in die Hände bekam. Es handelte von dem Unglück eines großen Künstlers, irgendeines Jacopo, der auf der einen Seite ausruft: „Ich bin verkannt!“ und auf der folgenden: „Ich bin erkannt!“ – oder war es: „Ich bin talentlos!“ und dann: „Ich habe Talent!“? Kurz, etwas Ähnliches war es jedenfalls. Es endete natürlich höchst tragisch. Das Drama war freilich an sich ganz wertlos. Nur auf diese beiden Leser, die in dem Helden viel Ähnlichkeit mit sich selbst entdeckten, wirkte es in der naivsten und zugleich tragischsten Weise. Ich weiß noch, Karl Fedorytsch geriet dann zuweilen in solche Ekstase, daß er aufsprang, zur anderen Wand des Zimmers eilte und den Vater und mich, die er „Madmuasell“ nannte, unabweisbar beschwörend, mit Tränen in den Augen und im heiligen Verlangen nach ausgleichender Gerechtigkeit bat, „sogleich hierselbst“ zwischen ihm, seinem Schicksal und dem Publikum die Schiedsrichter zu sein. Darauf begann er zu tanzen, und während der verschiedenen Pas, die er uns nun vortanzte, schrie er uns zu, wir sollten ihm sogleich sagen, was er sei, ein Künstler oder nicht, und ob man wohl das Gegenteil sagen könne, d. h. daß er etwa kein Talent habe? Der Vater war dann sofort höchst aufgeräumt, gab mir heimlich Winke, als wollte er sagen, ich solle nur aufpassen, wie vorzüglich er sich gleich über den Armen lustig machen werde. Mich wandelte die Lachlust an, aber der Vater drohte heimlich mit dem Finger und ich nahm mich aus allen Kräften zusammen, um mir das Lachen zu verbeißen. Auch jetzt noch, bei der bloßen Vorstellung jenes Bildes, ist es mir unmöglich, nicht zu lachen. Ich sehe ihn so deutlich vor mir, diesen armen Karl Fedorytsch! Er war äußerst klein von Wuchs, dazu spindeldünn, das Haar schon grau, die Nase gebogen und rot und immer mit Tabakspuren geschmückt. Seine Beine hatten eine ganz absonderlich krumme Form; trotzdem schien er auf ihren Bau noch stolz zu sein und trug Beinkleider, die so eng wie Trikot anlagen. Wenn er dann endlich nach dem letzten Sprunge stehen blieb, mit zu uns ausgestreckten Armen und uns zulächelnd – in der Pose und mit dem Lächeln der Ballettänzer auf der Bühne – da wahrte der Vater noch eine gute Weile das Schweigen, als könne er sich nicht entschließen, das Urteil zu fällen, und ließ absichtlich den verkannten Tänzer in dieser schwierigen Pose verharren, bis jener auf seinem einen dünnen Bein schon zu schwanken begann, trotz seiner krampfhaften Anstrengung, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Schließlich erbarmte sich der Vater: zunächst sah er nur mit ernster Miene mich an, als wolle er mich fragen: „Was sagen wir ihm nun?“ – und gleichzeitig richtete sich auch der furchtsam flehende Blick des Tänzers auf mich.
„Nein, Karl Fedorytsch, man sieht, es ist verlorene Liebesmüh, du triffst doch nicht das Richtige!“ sagte der Vater dann endlich in einem Ton, als fiele es ihm schwer, die bittere Wahrheit sagen zu müssen. Dann entrang sich der Brust Karl Fedorytschs ein richtiges Stöhnen, aber im Nu faßte er wieder Mut, erbat mit beschleunigten Gesten von neuem unsere Aufmerksamkeit, versicherte, er habe nicht nach dem betreffenden System getanzt, und flehte uns an, nochmals die Schiedsrichter zu sein. Und wieder eilte er zur anderen Wand und sprang dann zuweilen mit solchem Eifer umher, daß er mit dem Kopf an die Stubendecke stieß, und zwar schmerzhaft stark – aber er verwand den Schmerz wie ein Spartaner, stand dann wieder in der schwierigen Pose, streckte wieder mit einem Lächeln die zitternden Arme aus und erwartete wieder unser Urteil. Doch der Vater war unerbittlich und wiederholte nur ebenso düster: