Njetotschka Neswanowa (continued 4)
E. K. Rahsin translation
Ihr Mann machte auf mich, als ich ihn zum erstenmal sah, den Eindruck eines finsteren Menschen. Diesen ersten Eindruck empfing ich noch als Kind und deshalb konnte ihn auch nichts verwischen. Äußerlich war er ein hagerer Mensch von hohem Wuchs, und man hatte die Empfindung, als verberge er mit Absicht seinen Blick hinter den großen, grünen Gläsern seiner Brille. Er war trocken, nichts weniger als mitteilsam, und selbst unter vier Augen im Verkehr mit seiner Frau fand er sozusagen niemals ein rechtes Thema zur Unterhaltung. Offenbar war ihm die Gegenwart von Menschen lästig. Mich beachtete er überhaupt nicht; dagegen fühlte ich mich jedesmal, wenn wir abends im Salon Alexandra Michailownas zum Tee zusammenkamen, während seiner Anwesenheit äußerst ungemütlich. Heimlich beobachtete ich Alexandra Michailowna, und zu meinem Kummer bemerkte ich, daß sie dann jedes ihrer Worte erwog und über jede Bewegung nachdachte. Sie aber erbleichte, wenn sie sah, daß ihr Mann schroffer oder unfreundlicher wurde; oder sie errötete auch wohl plötzlich, als habe sie aus einem seiner Worte irgendeine Anspielung oder einen Vorwurf herausgehört. Ich fühlte es, daß ihr das Zusammensein mit ihm schwer fiel, und doch schien sie, wenigstens soweit sich das nach äußeren Anzeichen beurteilen ließ, keinen Augenblick ohne ihn leben zu können. Mir fiel besonders ihre ungeheure Aufmerksamkeit ihm gegenüber auf: kein Wort, keine Bewegung wurde von ihr überhört oder übersehen. Es war, als wolle sie nach allen Kräften es ihm recht machen und als fühle sie, daß ihr das dennoch nicht gelang. Ja, es war fast, als erbettele sie von ihm seinen Beifall: ein flüchtiges Lächeln, ein halbes freundliches Wort von ihm – und sie war glücklich ... glücklich wie ein Mädchen in der ersten Zeit einer noch schüchternen, noch hoffnungslosen Liebe. Sie ging mit ihrem Manne um, so vorsichtig, wie mit einem Schwerkranken. Er aber sah auf sie, wie mir schien, mit einem sie drückenden und quälenden Mitleid herab. Sobald er mit einem Händedruck von ihr Abschied genommen und sich wieder in sein Kabinett zurückgezogen hatte, war sie gleich wie verwandelt. Ihre Bewegungen, ihre Unterhaltung, alles an ihr wurde sofort viel freier, heiterer, sicherer. Nur eine gewisse Verwirrung war an ihr noch lange nach jedem Wiedersehen mit ihm bemerkbar. Sie fing dann gleich an, sich jedes von ihm gesprochene Wort ins Gedächtnis zurückzurufen, wie um es nochmals zu prüfen. Oft wandte sie sich dann auch an mich mit der Frage, ob sie sich nicht verhört habe: hatte Pjotr Alexandrowitsch sich so oder so ausgedrückt? – und als suche sie noch nach einem anderen Sinn in dem, was er gesagt! Erst nach etwa einer Stunde wurde sie dann wieder sie selbst, als habe sie sich nun endlich davon überzeugt, daß er mit ihr vollkommen zufrieden sei und daß sie sich grundlos beunruhige. Dann wurde sie plötzlich froh und heiter und gut, küßte mich, lachte mit mir oder setzte sich an den Flügel und spielte, was ihr gerade einfiel. Oft spielte und improvisierte sie dann, ohne es zu gewahren, wie zwei Stunden darüber verstrichen. Dann kam es wohl auch vor, daß das Spiel plötzlich verstummte und ich sie weinen sah. Sobald sie aber meine Aufregung bemerkte, versicherte sie mir schnell und flüsternd – als fürchte sie, daß man uns hören könnte –, es sei nichts, wirklich, es sei nichts, diese Tränen kämen nur so von selbst, sie hätten nichts zu bedeuten, sie sei, im Gegenteil, sehr froh und glücklich und ich solle mich nur nicht aufregen. War ihr Mann abwesend, so geschah es oft, daß sie sich um ihn plötzlich beunruhigt fühlte und sich nach ihm zu erkundigen begann: wohin er gefahren, warum, wann, zu wann er die Pferde bestellt, ob er krank oder gesund, bei guter oder schlechter Laune gewesen, was er gesagt usw., usw. Von seinen Dienstangelegenheiten und seiner Arbeit mit ihm zu sprechen – das wagte sie grundsätzlich nicht. Wenn er ihr einmal etwas riet oder sie um etwas bat, dann hörte sie ihn ergeben an und schien sich in acht zu nehmen, wie eine Sklavin vor ihrem Gebieter. Sie hatte es sehr gern, wenn er irgend etwas von ihren Sachen lobte, etwa ein Buch, einen Kunstgegenstand oder eine ihrer Handarbeiten. Sie war dann gleichsam stolz darauf, und sah sofort glücklich aus. Ihr Glück aber kannte keine Grenzen, wenn er einmal – es geschah freilich nur sehr selten und auch dann fast wie aus Versehen – zu den beiden kleinen Kindern ein wenig Zärtlichkeit äußerte. Ihr Gesicht verklärte sich dann geradezu, es strahlte vor Glück, und in diesen Augenblicken gab sie sich in ihrem Verhalten dem Mann gegenüber manchmal vielleicht etwas zu sehr ihrer Freude hin. Z. B. trieb sie dann die Kühnheit bisweilen sogar so weit, daß sie plötzlich selbst und unaufgefordert ihn bat – allerdings immer noch zaghaft und mit schüchterner Stimme – irgendeine neue Komposition, die ihr der Musikalienhändler zugesandt, anzuhören, oder seine Meinung über ein Buch zu sagen, oder ihr gar zu erlauben, ihm ein bis zwei Seiten daraus vorzulesen, wenn diese einen großen Eindruck auf sie gemacht hatten. Gewöhnlich kam der Gatte gnädig allen ihren Wünschen nach und lächelte, wie man über ein Kind nachsichtig lächelt, wenn man ihm irgendein seltsames Spiel nicht verbieten will, um ihm nicht vorzeitig seine Naivität zu rauben. Ich weiß nicht, weshalb mich dieses Lächeln, diese hochmütige Nachsicht, diese Ungleichheit zwischen ihnen immer so empörte! Ich schwieg aber, bezwang mich und beobachtete sie nur aufmerksam mit kindlicher Neugier, jedoch mit frühreifen ernsten Gedanken. Bisweilen bemerkte ich, daß ihm plötzlich etwas einzufallen schien: es war, als besinne er sich, als erinnere er sich gegen seinen Willen an etwas Schweres, Furchtbares, Unabwendbares, und im Nu verschwand das nachsichtig herablassende Lächeln aus seinen Zügen und seine Augen sahen plötzlich mit solchem Mitleid auf die Frau, daß es wie eine Lähmung über sie kam und ich von diesem Mitleid förmlich körperlichen Schmerz verspürte: hätte es mir gegolten – ich glaube, es hätte mich zu Tode gequält. Im Augenblick verschwand dann auch alle Freude aus dem Gesicht Alexandra Michailownas. Die Musik, wenn sie gerade spielte, oder ihre Stimme, wenn sie gerade vorlas, brach ab. Sie erbleichte, nahm sich krampfhaft zusammen und schwieg. Es folgte ein peinliches, drückendes Schweigen, das bisweilen lange andauerte. Endlich versuchte ihr Mann das Schweigen zu brechen. Er erhob sich, um wie mit Gewalt den Ärger und die Erregung in sich niederzuzwingen, und nachdem er ein paarmal in finsterem Schweigen durch das Zimmer geschritten war, drückte er seiner Frau die Hand, atmete tief auf, preßte sichtlich betreten ein paar abgerissene Worte hervor, die sie beruhigen sollten, und verließ das Zimmer; Alexandra Michailowna aber brach in Tränen aus und eine tiefe, qualvolle Traurigkeit kam über sie. Oft segnete und bekreuzte er sie vor dem Fortgehen, wie ein Kind, abends beim Abschied, und sie empfing den Segen mit Tränen der Dankbarkeit in stiller Ehrfurcht. Aber es gab da ein paar Abende (nur zwei oder drei in den ganzen acht Jahren), die ich nicht vergessen kann ... Dann war Alexandra Michailowna plötzlich ganz verändert. In ihrem sonst so stillen Gesicht spiegelten sich dann plötzlich anstatt der beständigen Unterwerfung und Selbsterniedrigung vor dem Manne – Zorn und Empörung. Das Gewitter zog langsam herauf. Der Mann wurde schweigsamer, schroffer und sein Gesicht noch finsterer als sonst. Schließlich hielt es das wunde Herz der armen Frau nicht mehr aus. Mit vor Aufregung stockender Stimme begann sie ein Gespräch, anfangs in abgerissenen, unzusammenhängenden Sätzen voll von Andeutungen und bitter verschwiegenen Worten; bis sie plötzlich, als könne sie ihr Leid nicht mehr ertragen, in Tränen ausbrach – und dann folgte ein Zornesausbruch mit Vorwürfen, Klagen und Verzweiflung wie in einer schweren Krisis. Aber man hätte sehen müssen, mit welcher Geduld ihr Mann das alles ertrug, mit welcher Teilnahme er sie zu beruhigen suchte und wie er ihr die Hände küßte, bis schließlich auch ihm die Tränen in die Augen traten: dann war’s als rufe ihr Gewissen ihr plötzlich etwas zu und werfe ihr ein Verschulden vor. Die Tränen ihres Mannes erschütterten sie und händeringend in neuer Verzweiflung warf sie sich zu seinen Füßen nieder und flehte unter Schluchzen und Weinen um seine Verzeihung, die er ihr denn auch sofort gewährte. Doch ihr Gewissen ließ ihr noch lange keine Ruhe und sie fuhr fort, ihn unter Tränen um Verzeihung zu bitten. Nach diesen Ausbrüchen war sie dann die ganzen folgenden Monate noch schüchterner, noch ängstlicher vor ihrem Mann als zuvor. Mir blieben alle diese Klagen und Vorwürfe vollkommen unverständlich; überdies wurde ich dann immer unter irgendeinem Vorwande aus dem Zimmer geschickt, aber ganz konnten sie dies alles doch nicht vor mir verbergen. Ich beobachtete und sah ... und was ich nicht sah, das erriet ich, und so schöpfte ich schon gleich zu Anfang den Verdacht, daß es sich dabei um ein Geheimnis handeln mußte, daß diese plötzlichen Ausbrüche eines wunden Herzens nicht gewöhnliche Nervenkrisen waren, daß ihr Mann nicht ohne Grund immer so finster aussah und dieses zweideutige Mitleid mit der armen kranken Frau hatte, daß auch ihre Schüchternheit und Ängstlichkeit und auch diese bescheidene sonderbare Liebe, die sie ihrem Manne kaum zu zeigen wagte, ihren besonderen Grund haben mußten, und ebenso ihre Einsamkeit, ihre nahezu klösterliche Zurückgezogenheit, sowie ihr plötzliches Erröten und Erbleichen in der Gegenwart ihres Gatten, das mir immer wieder auffiel und immer wieder zu denken gab.
Doch solche Szenen kamen, wie gesagt, nur sehr, sehr selten vor, und da unser Leben ohnehin so überaus eintönig verlief und Alexandra Michailowna mir auch schon so nahe stand, als hätte ich sie mein Leben lang gekannt, und ich andererseits mich schnell entwickelte und viel Neues in mir erwachte –, wenn es mir auch noch nicht zu Bewußtsein kam –, immerhin, ein Neues, das mich von meinen Beobachtungen ablenkte – so gewöhnte ich mich eben an dieses Leben und an die Eigenheiten der Menschen, die mich umgaben. Freilich dachte ich, wenn ich sie mitunter betrachtete, über sie dennoch nach, das war wohl anders auch nicht gut möglich, aber mein Denken führte vorläufig noch zu keinem Ergebnis. Hinzu kam, daß ich sie glühend liebte und mich unwillkürlich hütete, mit meiner Neugier ihre Wunde zu berühren – dazu achtete ich ihr Leid viel zu sehr. Sie aber verstand mich vielleicht noch besser als ich selbst mich verstand, und wie oft sagte sie mir für meine Liebe und Anhänglichkeit ihren stummen Dank! Wie oft, wenn sie meine Sorge um sie sah, lächelte sie mir unter Tränen zu oder sie scherzte selbst über ihr häufiges Weinen, oder sie begann mir auch wohl zu erzählen, daß sie sehr zufrieden, sehr glücklich sei, alle seien so gut zu ihr, alle hätten sie lieb, nur quäle es sie sehr, daß Pjotr Alexandrowitsch sich ihretwegen gräme und sich um ihre Seelenruhe sorge, während sie im Gegenteil so glücklich sei, so glücklich ...! Und sie schloß mich mit tiefem Gefühl in ihre Arme, innige Liebe verklärte ihr Gesicht, so daß mein Herz, wenn man dies sagen kann, vor lauter Mitempfinden schmerzte.
Nie werde ich ihr Gesicht vergessen. Es waren regelmäßige Züge, und ihre Magerkeit und Blässe, schien es, erhöhten nur noch den Reiz ihrer strengen Schönheit. Das reiche schwarze Haar, das – in der Art wie es damals getragen wurde – vom Scheitel glatt nach unten gekämmt war, warf tiefe Schatten auf das Oval der Wangen; um so liebreizender aber war der frappierende Kontrast ihrer großen kindlich klaren blauen Augen, aus denen einen soviel Zärtlichkeit, Liebe und Güte ansah, und in denen bisweilen auch soviel Naivität lag und soviel Zaghaftigkeit und Schutzbedürftigkeit. Es waren Augen, die jede Empfindung zu scheuen schienen, die jede Herzensregung fürchteten, gleichviel ob es flüchtige Freude oder stille Trauer war. Doch in glücklichen ruhigen Stunden lag in diesem Blick, der so tief ins Herz drang, soviel Klarheit und Wärme, soviel ruhige Reinheit, dann schauten diese blauen Augen so zärtlich, so süß einen an, dann spiegelte sich in ihnen soviel Sympathie mit allem, was edel und gut war, was um Liebe oder um Mitleid bat, daß man sich ihr mit ganzer Seele hingab, daß die Seele sich ihr vollkommen unterwarf und zu ihr hinstrebte und von ihr, wie man meinte, dieselbe Klarheit und Ruhe und Versöhnung und Liebe erhielt. So schaut man bisweilen hinauf in den blauen Himmel und fühlt, daß man Stunden und Stunden in diesem süßen Schauen verbringen könnte und daß die Seele freier und ruhiger wird, ganz als spiegele sich in ihr wie in einem stillen Wasser die große weite Himmelskuppel. Wenn aber – und das geschah so oft – die Begeisterung ihr Farbe ins Gesicht trieb und ihre Brust sich vor Erregung hob und senkte, dann sprühten ihre Augen in dunklem Feuer, als wenn ihre Seele, die keusch die reine Flamme des sie so begeisternden Schönen hütete, sich ganz in ihre Augensterne versetzt hätte. Dann war sie geradezu wie vom Heiligen Geist erfüllt. Und in diesem plötzlichen Aufschwung der Seele mitten aus stiller ruhiger Stimmung zu glühendster Begeisterung und reiner strenger Vergeistigung lag so viel von naivem kindlichen Glauben, daß ein Künstler wohl sein halbes Leben dafür hingeben würde, wenn er dieses Frauenantlitz in einem solchen Augenblick hätte sehen und diese Begeisterung auf der Leinwand hätte wiedergeben können.
Schon in den ersten Tagen nach meiner Übersiedelung merkte ich, daß sie sich in ihrer Einsamkeit über meine Anwesenheit freute. Damals hatte sie nur ein Kind und war erst seit einem Jahre Mutter. Doch zu mir war sie stets wie zu einer leiblichen Tochter und niemals machte sie einen Unterschied zwischen mir und ihren eigenen Kindern. Und mit welchem Eifer sie sich an meine Erziehung machte! Madame Léotard mußte oftmals lächeln, wenn sie in der ersten Zeit ihren Übereifer sah. Und in der Tat, wir fingen mit einem Mal so ziemlich alles an, wir begannen mit so vielen Fächern, daß wir uns bald ganz verloren. Sie wollte mir auf ein Mal so viel beibringen, daß es sie zu liebevoller Ungeduld trieb, ich aber oder vielmehr mein Wissen keinen großen Nutzen daraus ziehen konnte. Anfangs betrübte sie meine Hilflosigkeit; dann mußte sie aber lachen und dann fingen wir nochmals von vorn an – doch trotz des ersten Mißerfolges erklärte sich Alexandra Michailowna kühn gegen das altbewährte System der Madame Léotard. Sie stritten lachend um ihre Methoden, aber meine neue Lehrerin blieb kategorisch bei ihrer Feindschaft gegen jegliches System und behauptete, wir würden nach etlichen Versuchen den richtigen Weg schon finden und es habe keinen Sinn, mir den Kopf mit toten Regeln vollzustopfen: der ganze Erfolg hinge nur davon ab, daß man meine natürlichen Fähigkeiten erkannte und weckte und davon, daß man auf meinen guten Willen zu wirken vermochte. Darin aber hatte sie zweifellos recht, denn ihre Methode siegte mit glänzendem Erfolg. Erstens fielen bei uns die Rollen der Lehrerin und Schülerin ganz fort. Wir lernten wie zwei Freundinnen, und nicht selten machte es sich so, daß ich Alexandra Michailowna belehrte, ohne ihre kleine List zu bemerken. Und wir gerieten nicht selten sogar in Streit und mit glühendem Eifer suchte ich die Sache ihr so zu erklären, wie ich sie begriff, bis Alexandra Michailowna mich unmerklich auf den richtigen Weg führte. Das endete dann gewöhnlich damit, daß ich, wenn mir endlich ein Licht aufging und ich plötzlich ihre List erriet und einsah, daß sie, was oft genug geschah, ganze Stunden zu meinem Nutzen geopfert hatte – daß ich mich dann an ihren Hals warf und sie krampfhaft umarmte. Später tat ich das nach jeder Stunde. Meine Empfindsamkeit überraschte und rührte sie so, daß sie mich immer ganz verwundert ansah. Sie begann mich nach meinem früheren Leben zu fragen, und nach meinen Erzählungen wurde sie jedesmal zärtlicher zu mir und ernster – ernster, weil ich ihr mit meiner traurigen Kindheit außer dem Mitleid auch noch eine gewisse Achtung einflößte. Nach meinen Geständnissen führten wir gewöhnlich noch lange Gespräche, in denen sie mir meine Erlebnisse zu erklären versuchte, so daß es mir vorkam, als erlebe ich das alles nochmals und als lerne ich dabei viel. Madame Léotard fand diese Gespräche viel zu ernst für mein Alter, und wenn sie meine unwillkürlichen Tränen bemerkte, sagte sie oft, sie seien gar nicht am Platz. Ich aber dachte darüber ganz anders, denn nach diesem Unterricht wurde es mir immer so leicht und frei und süß ums Herz, ganz als hätte es in meinem Schicksal nichts Dunkles und Trauriges gegeben. Und ich war auch Alexandra Michailowna viel zu dankbar dafür, daß sie mich veranlaßte, sie mit jedem Tage mehr zu lieben. Madame Léotard war natürlich nicht darauf verfallen, daß auf diese Weise allmählich alles in mir sich glätten und ordnen und seine Harmonie finden mußte, was sich früher wirr und vorzeitig stürmisch in meiner Seele erhoben hatte, alles, wovor mein wundes Kinderherz in seinem bitteren Schmerz so ratlos gestanden, daß es hätte verstocken müssen, da es nur den Schmerz fühlte, aber nicht begriff, warum und woher die Schläge es trafen.
Unsere Tage fingen damit an, daß wir uns im Kinderzimmer zusammenfanden, ihr Kindchen weckten, es ankleideten, wuschen, fütterten, mit ihm spielten und ihm das Sprechen beizubringen versuchten. Hatten wir uns mit ihm genug abgegeben, dann begann das Lernen. Dies Lernen erstreckte sich eigentlich auf alles und war doch an nichts gebunden. Wir lasen, erzählten einander unsere Eindrücke und Gedanken während der Lektüre; dann, wenn wir davon genug hatten, gingen wir zur Musik über, und die Zeit verging wie im Fluge. Die Abende verbrachten wir meist sehr gemütlich, zuweilen kam B., Alexandra Michailownas Freund, und auch Madame Léotard gesellte sich zu uns. Oft wurde dann aus der Unterhaltung ein eifriger Disput über die Kunst oder über das Leben (das wir fast alle nur vom Hörensagen kannten) oder über die Wirklichkeit und das Ideal, über Vergangenes und Zukünftiges, und es wurde darüber Mitternacht und noch später, ohne daß wir es merkten. Ich hörte mit allen Fibern zu, ich begeisterte mich mit ihnen, ich lachte oder ich war ergriffen, und an diesen Abenden erfuhr ich denn auch nach und nach alles Nähere, was meinen Stiefvater und meine erste Kindheit betraf.
Inzwischen wuchs ich heran; man nahm für mich Lehrer an, doch hätte ich von diesen ohne Alexandra Michailownas Hilfe so gut wie nichts gelernt. Bei meinem Geographielehrer hätte ich von dem ewigen Suchen der Städte und Flüsse auf den Karten nur erblinden können! Mit Alexandra Michailowna dagegen unternahm ich wahre Weltreisen, wir durchstreiften so märchenhafte Länder, sahen so viele Wunder, verbrachten so viele phantasieerfüllte Stunden miteinander, und unser Eifer war in der Begeisterung so groß, daß alle Bücher, die sie gelesen hatte, nicht mehr genügten und wir uns neue Bücher verschaffen mußten. Bald konnte ich meinen Geographielehrer belehren, wenn er auch, das muß man ihm um der Gerechtigkeit willen lassen, bis zum Schluß seine Überlegenheit insofern bewahrte, als er die Lage jedes Städtchens mit peinlichster Genauigkeit in Längen- und Breitengraden anzugeben wußte, sowie die Zahl der Einwohner in Tausenden, Hunderten und Zehnern. Dem Geschichtslehrer wurden die Stunden gleichfalls pünktlich bezahlt, aber erst nachdem er gegangen war, fingen wir, Alexandra Michailowna und ich, mit der Geschichte an: dann holten wir unsere Bücher hervor und lasen – lasen bis tief in die Nacht. Nie habe ich größere Begeisterung empfunden als bei diesem Lesen. Wir waren dann beide so begeistert, als wären wir selber die Helden, die jene großen Taten vollbrachten. Natürlich lasen wir zwischen den Zeilen noch mehr heraus als aus den Zeilen; überdies verstand Alexandra Michailowna meisterhaft zu erzählen oder eine Begebenheit zu erläutern, so daß man das Geschehnis förmlich miterlebte, als geschähe es eben jetzt. Mag es nun auch meinetwegen komisch anmuten, daß wir uns so begeisterten und bis nach Mitternacht saßen und lasen, ich ein Kind, und sie eine Frau mit einem wunden Herzen, das so schwer am Leben trug! – Aber es war so. Ich wußte, daß sie sich neben und mit mir gleichsam erholte. Soweit ich mich erinnere, machte ich mir schon damals seltsame Gedanken, wenn ich sie still betrachtete, und noch bevor ich etwas aus ihrem Leben erfuhr, hatte ich schon vieles erraten.
Ich wurde dreizehn Jahre alt. Mit Alexandra Michailownas Gesundheit ging es mehr und mehr bergab. Sie wurde reizbarer und die hoffnungslose Trauer kam immer öfter über sie. Ihr Gatte verbrachte nun gewöhnlich längere Zeit bei ihr, wenn er auch ebenso schweigsam und finster blieb wie früher. Da begann ich denn, immer lebhafteren Anteil an ihrem Schicksal zu nehmen. Ich entwuchs bereits der Kindheit, viele neue Eindrücke, Beobachtungen und Vermutungen hatten in mir schon bestimmtere Formen angenommen, und das Geheimnis, das so schwer auf dieser Familie lag, begann mich immer mehr zu quälen. Es gab Augenblicke, wo es mir schien, daß ich dieses Rätsel fast schon erriet. Doch dann kam auch wieder eine gewisse Gleichgültigkeit, eine Apathie über mich, ja sogar ein gewisser Ärger konnte mich erfassen, und ich vergaß meine Anteilnahme, da ich auf die eine Frage doch keine Antwort erhielt. Bisweilen – und das kam immer häufiger vor – hatte ich das seltsame Bedürfnis, allein zu bleiben und zu denken, immer nur zu denken. Das war ganz wie zu jener Zeit, als ich noch bei den Eltern lebte und damals – noch vor meiner Freundschaft mit meinem Stiefvater – ein ganzes Jahr lang nachdachte und aus meinem Winkel die Welt Gottes betrachtete, so daß ich zu guter Letzt unter den von meiner eigenen Phantasie geschaffenen Phantomen ganz vereinsamte. Der Unterschied bestand nur darin, daß jetzt mehr neue unbewußte Triebe in mir waren und größere Ungeduld, stärkere Sehnsucht, mächtigeres Verlangen nach Bewegung, nach Auflehnung mich quälte, so daß ich nicht mehr wie früher meine Spannung und Sammlung ausschließlich auf eine einzige Sache hinlenken konnte. Aber auch Alexandra Michailowna fing an, sich von mir zu entfernen. In diesem Alter konnte ich ihr fast nicht mehr Freundin sein. Ich war kein Kind mehr, ich fragte nach gar zu vielem, und zuweilen sah ich sie so an, daß sie ihre Augen vor mir niederschlagen mußte. Es gab sonderbare Minuten. Ich konnte ihre Tränen nicht ertragen und oft traten bei ihrem Anblick auch mir Tränen in die Augen. Ich warf mich an ihre Brust und umfing sie leidenschaftlich. Was konnte sie mir antworten? Ich fühlte es, daß ich ihr eine Last war. Bisweilen aber – und das waren dann schwere traurige Minuten – war sie es, die mich plötzlich wie in innerer Verzweiflung umarmte, als suche sie meine Teilnahme, als könne sie ihre Einsamkeit nicht länger ertragen, als hätte ich sie schon ganz verstanden, als hätten wir schon gemeinsam gelitten. Doch trotz alledem blieb zwischen uns ein Geheimnis, das fühlten wir, und da war ich es, die sich in diesen Minuten von ihr zu entfernen begann. Es wurde mir schwer, mit ihr zusammen zu sein. Überdies verband uns fast nichts mehr, außer der Musik. Doch auch die wurde ihr von den Ärzten schon verboten. Bücher? Das war schließlich sogar das gefährlichste Gebiet. Sie wußte entschieden nicht, was und wie sie mit mir lesen sollte. Wir wären nicht einmal über die erste Seite hinausgekommen: jedes Wort hätte man als Andeutung, jeden belanglosen Satz als Rätsel auffassen können. Gespräche zu zweien, wie früher, in glühender Offenheit – mieden wir schon.
Gerade in dieser Zeit gab das Schicksal meinem Leben plötzlich und in ganz unvorhergesehener Weise eine andere Richtung. Meine Aufmerksamkeit, meine Gefühle, mein Herz, mein Kopf – alles wandte sich mit einem Mal und mit ganzer angespannter Kraft, die bis zur Begeisterung stieg, plötzlich einer anderen, mir bis dahin noch ganz unbekannten Tätigkeit zu und ich versetzte mich, fast ohne dessen gewahr zu werden, in eine neue Welt; ich hatte keine Zeit, zurückzusehen, mich umzuschauen, mich zu besinnen; es konnte ja leicht mein Verderben sein, was ich auch deutlich selbst fühlte; doch die Versuchung war größer als die Angst und ich ging weiter aufs Geratewohl, mit geschlossenen Augen. Und auf lange Zeit ließ ich mich so ablenken von jener Wirklichkeit, die mir bereits so lästig geworden war und in der ich schon so durstig und doch vergeblich einen Ausweg gesucht. Was das war, will ich jetzt erzählen.
Von den drei Ausgängen aus dem Eßzimmer führte der eine in die großen Empfangsräume, der andere in mein Zimmer und in die Kinderzimmer, und der dritte in die Bibliothek. In die Bibliothek führte aber noch eine andere Tür, die von meinem Zimmer nur durch ein Arbeitskabinett getrennt war, in dem gewöhnlich der Gehilfe Pjotr Alexandrowitschs saß. Der war zugleich sein Sekretär und gewissermaßen seine rechte Hand. Den Schlüssel zur Bibliothek und zu den Bücherschränken hatte er. Eines Tages nach dem Essen, als er nicht zu Hause war, fand ich diesen Schlüssel auf dem Teppich im Kabinett. Ich wurde neugierig, behielt den Schlüssel und versuchte, ob sich mit ihm die Tür aufschließen ließ. Ich trat in die Bibliothek. Es war das ein ziemlich großes, sehr helles Zimmer, in dem an den Wänden acht große Bücherschränke standen. Die vielen Bücher waren Pjotr Alexandrowitsch einmal mit einer Erbschaft zugefallen, oder wenigstens ein großer Teil derselben. Die anderen Bücher hatten sich nach und nach angesammelt, da Alexandra Michailowna beständig welche kaufte. Mir hatte man bis dahin nur mit großer Vorsicht Bücher zum Lesen gegeben, so daß es für mich unschwer zu erraten war, daß man mich vieles nicht lesen lassen wollte, also vieles für mich noch ein Geheimnis blieb. Dies nun erweckte in mir unbezwingbare Neugier, und in einer Anwandlung von Furcht und Freude und mit einem ganz besonderen Gefühl, über das ich mir keine Rechenschaft gab, schloß ich den ersten Schrank auf und nahm das erste Buch aus der Reihe. In diesem Schrank waren nur Romane. Ich behielt den Band, verschloß den Schrank und brachte das Buch mit einem so eigentümlichen Empfinden, mit klopfendem und doch wieder stillstehendem Herzen zu mir, auf mein Zimmer, als hätte ich geahnt, daß damit eine große Umwälzung in meinem Leben eintreten sollte. Erst als ich in meinem Zimmer in Sicherheit war und auch die Tür verschlossen hatte, schlug ich das Buch auf. Doch zu lesen wagte ich noch nicht – eine andere Sorge beschäftigte mich: zunächst mußte ich mir ein für allemal den freien Zutritt zur Bibliothek sichern, und zwar so, daß niemand etwas davon merkte, damit ich mir zu jeder Zeit jedes beliebige Buch verschaffen und bei mir behalten konnte. Ich beschloß daher, auf das Vergnügen, das entwendete Buch sogleich zu lesen, vorläufig zu verzichten: statt dessen brachte ich das Buch zurück, aber den Schlüssel behielt ich dafür bei mir. Ich behielt ihn und verheimlichte es – das war die erste schlechte Tat in meinem Leben. Nun wartete ich auf die Folgen, doch die waren nicht schlimm: nachdem der Sekretär den Schlüssel einen ganzen Abend vergeblich gesucht hatte, ließ er am nächsten Morgen einen Schlosser rufen und der fand nach kurzem Suchen in einem mitgebrachten großen Schlüsselbund einen passenden neuen Schlüssel. Damit war die Sache erledigt und niemand erfuhr, daß er den alten Schlüssel verloren hatte. Trotzdem war ich vorsichtig und ging mit List erst nach einer Woche in die Bibliothek, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß nicht der geringste Verdacht gegen mich bestand. Anfangs wählte ich immer die Zeit, wenn der Sekretär nicht zu Hause war, und ging dann durch sein Arbeitszimmer; später aber ging ich ruhig aus dem Eßzimmer in die Bibliothek, denn der Sekretär hatte zwar den Schlüssel in der Tasche, doch um die Bücher kümmerte er sich so wenig, daß er das Zimmer überhaupt nicht betrat.
Mit wahrem Heißhunger begann ich zu lesen und das Gelesene nahm mich ganz in seinen Bann. Alle meine neuen Bedürfnisse, alle unklaren Wünsche meines Entwicklungsalters, die sich so unruhig und rebellisch in meiner Seele erhoben hatten, vorzeitig durch meine Frühreife erweckt – all das strömte von jetzt ab dem neuen Ausweg zu, als hätte es mit ihm den richtigen Weg gefunden. Bald waren mir Herz und Sinne so bezaubert und meine Phantasie entwickelte sich so schrankenlos, daß die ganze Welt, die mich bis dahin umgeben hatte, für mich wie vergessen, irgendwo fern versunken lag. Es war, als hielte mich das Schicksal selbst an der Schwelle des neuen Lebens – nach dem es mich schon so stürmisch verlangte, über das ich bereits Tag und Nacht wie über ein Rätsel nachgedacht – bevor es mich in dieses Leben eintreten ließ, noch einen Augenblick zurück, um mich auf eine Höhe zu führen und mir von dort aus die Zukunft in einem Zauberpanorama zu zeigen, und als eine lockende, glänzende Perspektive. Es war mir gewiß bestimmt, diese ganze Zukunft gleichsam im voraus kennen zu lernen, sie zuerst in den Büchern zu lesen und dann in Träumen, in Hoffnungen und leidenschaftlicher Sehnsucht, in süßer Erregung meines jungen Geistes zu durchleben. Ich las ohne Auswahl, wie mir die Bücher in die Hände kamen, doch das Schicksal behütete mich: das, was ich bis dahin erfahren und empfunden hatte, war alles so rein, so herb, daß die einzelnen, heimtückischen und schmutzigen Seiten mir nichts mehr anhaben konnten. Mein guter Kinderinstinkt, meine Jugend und meine ganze Vergangenheit beschützten mich, und es war mir nur, als sähe ich plötzlich mein ganzes früheres Leben bewußt in heller Beleuchtung. Tatsächlich erweckte jede Seite, die ich las, gleichsam Erinnerungen in mir, als hätte ich das alles oder doch etwas Ähnliches schon irgendeinmal selbst erlebt; ja gerade diese Leidenschaften, dieses ganze Leben mit seinen märchenhaften Bildern kamen mir so bekannt vor. Und wie hätte es denn auch anders sein können: wie hätte ich darüber die Wirklichkeit nicht bis zur Entfremdung vergessen sollen, da doch in jedem Buch vor mir die Gesetze desselben Schicksals verkörpert waren, desselben Geistes, der über dem Menschenleben thront, alle jedoch wie aus einem obersten Gesetz des Menschenlebens fließend, das zugleich die Rettung und Erlösung der Menschheit enthielt. Eben dieses oberste Gesetz, dessen Bestehen ich schon vermutete, suchte ich nun aus allen Kräften, mit allen Instinkten, die eine Art Selbsterhaltungstrieb in mir aufgeweckt hatte, zu erraten. Es war, als sei ich schon im voraus durch irgendwen darauf aufmerksam gemacht worden, weshalb meine Aufmerksamkeit sich mit einer solchen Selbstverständlichkeit gerade darauf richtete. Es war, als dränge sich ein Hellsehen in meine Seele, und mit jedem Tage wuchs und erstarkte in ihr eine eigene Sehnsucht, obschon gleichzeitig mein Verlangen nach dieser Zukunft, nach diesem Leben, von dem ich täglich las und das mich täglich mit der ganzen nur der Kunst eigenen Gewalt und allen Reizen der Dichtung erschütterte und lockte, immer mächtiger wurde. Doch wie gesagt, meine Phantasie beherrschte auch meine Ungeduld und ich war, um die Wahrheit zu gestehen, nur in meinen Träumen kühn, in Wirklichkeit aber fürchtete ich mich instinktiv vor der Zukunft. Und deshalb, wie nach geheimer Verabredung mit mir selbst, hatte ich es mir unbewußt zum Vorsatz gemacht, mich vorläufig mit diesem Leben in der Phantasie zu begnügen, in dem ich dafür die unbehinderte Selbstherrscherin sein konnte und in dem es nur Glück und Freude gab; das Unglück aber, wenn es auch zugelassen war, spielte dort nur eine passive Rolle, eine Art Übergangsrolle, die notwendig war nur um der Kontraste willen: damit das Schicksal sich in meinen begeistert erträumten Romanen zum Guten wenden und zu einem glücklichen Schluß führen konnte. So deute ich mir jetzt meine damalige Stimmung.
Und dieses Leben, dieses Leben ausschließlich in der Phantasie, dieses Leben in schroffer Abkehr von allem, was mich umgab, konnte sich ganze drei Jahre lang fortsetzen!
Dieses Leben war mein Geheimnis, und selbst nach ganzen drei Jahren wußte ich noch nicht, ob ich mich vor einer plötzlichen Aufdeckung desselben fürchten sollte oder nicht. Das, was ich in diesen drei Jahren erlebt hatte, stand mir gar zu nah, war schon zu sehr verwachsen mit mir! In allen diesen Träumen spiegelte ich mich selbst viel zu deutlich wider, so daß fremde Augen, gleichviel wessen Augen, durch einen unvorsichtigen Blick in meine Seele mich verwirrt und erschreckt hätten. Hinzu kam, daß wir alle im Hause so einsam lebten, so außerhalb der Gesellschaft, so klösterlich still, daß sich unwillkürlich in jedem von uns ein Innenleben, eine Konzentration auf sich selbst entwickeln mußte. Und das geschah denn auch mit mir. In diesen drei Jahren sah ich in meiner Umgebung nicht die geringste Veränderung: nach wie vor herrschte das farblose Einerlei, das, wie ich mir jetzt gestehe, wenn ich nicht von meinem geheimen Leben erfüllt gewesen wäre, ganz entschieden meine Seele zerrissen und mich aus diesem traurigen Kreise Gott weiß auf welchen Ausweg getrieben hätte. Madame Léotard alterte merklich und zog sich fast ganz in ihr Zimmer zurück; die Kinder waren noch so klein, daß sie nicht in Frage kamen; B. war gar zu einseitig und Alexandra Michailownas Gatte gar zu ernst, gar zu unnahbar und verschlossen. Zwischen ihm und seiner Frau herrschte immer noch dasselbe rätselhafte Verhältnis, das mich wie ein unheilvolles, düsteres Geheimnis immer mehr bedrückte und meine angstvolle Sorge um Alexandra Michailowna von Tag zu Tag vergrößerte. Ihr Leben, das so freudlos und farblos war, begann schon zu erlöschen. Ihr Zustand verschlimmerte sich mit jedem Tage. Von ihrer Seele hatte allmählich eine Art Verzweiflung Besitz ergriffen; etwas Unbestimmtes, worüber wohl auch sie keine Rechenschaft zu geben vermochte, schien lähmend auf ihr zu lasten, und sie trug es still, wie ein unvermeidliches Kreuz, das zu tragen sie für die kurze Zeit ihres Lebens nun einmal verurteilt war. Und doch schien es mir, als verstocke allmählich ihr Herz in dieser dumpfen Qual; ja selbst ihr ganzes Denken nahm eine andere Richtung und wurde düster, traurig, trostlos. Namentlich eine Beobachtung traf mich: es schien mir, daß sie, je älter ich wurde, sich um so mehr von mir entferne, so daß ihre Verschlossenheit mir gegenüber schließlich die Form einer gewissen Reizbarkeit annahm, die sich wie Ärger äußerte. Ja es gab Augenblicke, wo ich die Empfindung hatte, sie liebe mich überhaupt nicht mehr; ich schien ihr lästig zu sein. Deshalb begann auch ich mich von ihr zurückzuziehen, und nachdem das einmal geschehen, wurde ich von ihrer Verschlossenheit gleichsam angesteckt. So kam es denn, daß alles, was ich in diesen drei Jahren erlebte und was allmählich in mir reifte, mein Geheimnis blieb. Und da wir uns einmal voreinander verschlossen hatten, konnte ich ihr später nie mehr ganz offen mein Innerstes zeigen, obschon ich sie immer noch mehr lieben lernte. Ich kann jetzt nicht ohne Tränen daran denken, wie sehr sie an mir hing, wie sie sich in ihrem Herzen gelobt, ihren ganzen großen Liebesreichtum an mich zu verschwenden und wie sie ihrem Gelübde, mir eine Mutter zu sein, bis zum Tode treu blieb. Es ist wahr, das eigene Leid lenkte sie zuweilen für eine Zeitlang von mir ab und ich glaube, daß sie mich dann einfach vergaß – um so mehr, als ich mich nach Möglichkeit bemühte, sie nicht an mich zu erinnern. Inzwischen wurde ich sechzehn Jahre alt, ohne daß sie mein Heranwachsen gemerkt hätte. Aber in klareren Stunden, wenn sie bewußter um sich sah, war es doch, als erschrecke sie plötzlich: und sie ließ mich dann eilig aus meinem Zimmer, wo ich gewöhnlich gerade lernte, zu sich rufen, und überschüttete mich mit Fragen, wie um mich zu prüfen, zu ergründen – tagelang mußte ich dann bei ihr sitzen. Sie gab sich Mühe, alle meine Wünsche, alle meine Gefühlsregungen zu erraten und war offenbar in Sorge um mein Alter. Und wie sie sich um meine Gegenwart sorgte, so sorgte sie sich auch um meine Zukunft, und mit unerschöpflicher Liebe, ja geradezu mit Ehrfurcht vor meinem Leben suchte sie mich für alle Zeiten mit ihrer Hilfe auszurüsten. Doch wir waren uns innerlich schon fremd geworden und deshalb merkte sie es nicht, daß sie mitunter gar zu naiv vorging und ich ihre Absicht viel zu sehr durchschaute. So z. B., als sie einmal – das war schon nach meinem sechzehnten Geburtstag – in meinen Büchern gekramt hatte, fragte sie mich plötzlich, was ich lese, und als sie sah, daß es nur kleine Geschichten für etwa zwölfjährige Kinder waren, da erschrak sie. Ich erriet sofort, was sie erschreckt hatte, und beobachtete sie aufmerksam. Ganze zwei Wochen ließ sie es sich nun angelegen sein, mich vorzubereiten und zu prüfen und vor allem meinen Reifegrad festzustellen. Endlich entschloß sie sich: und auf unserem Tisch erschien „Ivanhoe“ von Walter Scott, ein Roman, den ich schon längst und mindestens dreimal gelesen hatte. Anfangs verfolgte sie mit ängstlicher Erwartung, welcher Art der Eindruck war, den ich empfing; bald jedoch wich diese Gespanntheit zwischen uns und wir begeisterten uns beide, und ich war froh, so froh, daß ich mich jetzt nicht mehr vor ihr zu verstellen brauchte! Als wir den Roman beendet hatten, war sie entzückt von mir. Jede Bemerkung, die ich während der Lektüre gemacht, jede Äußerung und Auffassung war richtig gewesen. Ja ihrer Meinung nach war ich sogar schon zu weit entwickelt. Überrascht und entzückt davon, machte sie sich nun wieder freudig daran, meine Entwicklung zu leiten; sie wollte sich nie mehr von mir trennen; doch das lag nicht in ihrer Macht. Das Schicksal trat sehr bald wieder trennend zwischen uns und verhinderte eine beiderseitige Annäherung. Dazu bedurfte es nur der ersten leisen Anwandlung ihrer Krankheit und ihr Leid siegte in ihrer Seele; und dann folgte wieder eine Entfremdung, wieder stand ihr Geheimnis, stand Mißtrauen zwischen uns, und vielleicht war es sogar wieder wie eine Verstockung von ihrer wie von meiner Seite, die sich zwischen uns schob.
Doch selbst dann gab es Augenblicke, die nicht in unserer Macht standen. Spannende Lektüre, ein sympathisches Wort, die Macht der Musik – und wir vergaßen uns, sprachen uns aus, oft sogar mehr als nötig, und dann fühlten wir uns bedrückt voreinander. Es war dann immer wie ein plötzliches Sichbesinnen und wir sahen uns wie erschrocken über uns selbst mit argwöhnischer Neugier und mit Mißtrauen an. Jede von uns hatte ihre Grenze, bis zu der sie sich der anderen nähern konnte; diese Grenze zu überschreiten wagten wir nicht, auch wenn wir es gewollt hätten.
Eines Nachmittags vor der Dämmerung las ich im Salon Alexandra Michailownas zerstreut in einem Buch. Sie saß am Flügel und improvisierte nach Motiven italienischer Musik. Als sie schließlich auf die Melodie einer bekannten Arie überging, begann ich, von der Musik, die mich gefangennahm, gleichsam dazu aufgefordert, leise die Melodie mitzusingen. Die Musik bezauberte mich und ich stand plötzlich auf und trat an den Flügel. Alexandra Michailowna schien meinen Wunsch zu erraten und ging auf die Begleitung über, liebevoll jedem Ton meiner Stimme folgend. Es war, als sei sie durch die Stärke meiner Stimme überrascht. Ich hatte bis dahin noch nie in ihrer Gegenwart gesungen, ja und auch ich wußte noch nicht, ob ich überhaupt irgendwelche Stimmittel besaß. Jetzt aber waren wir plötzlich beide wie von einem Geist erfüllt. Ich hob die Stimme mehr und mehr, eine mir bis dahin unbekannte Energie erwachte in mir, eine Leidenschaft, die von Alexandra Michailownas freudiger Verwunderung, die ich aus jedem Takt ihrer Begleitung heraushörte, noch geschürt wurde. Und der Schluß der Arie gelang mir so gut, ich war so beseelt, so hingerissen von dem Lied, daß sie ganz begeistert meine Hände ergriff und mich strahlend ansah:
„Annjeta! Aber du hast ja eine wundervolle Stimme!“ rief sie entzückt. „Mein Gott! und ich habe davon nichts gewußt!“
„Ja, ich habe es ja selbst jetzt erst bemerkt!“ versicherte ich, gleichfalls ganz erschüttert vor Freude.
„Ach, Gott segne dich, Gott segne dich, mein liebes, unschätzbares Kind! Danke Gott für diese Gabe! Wer weiß ... Ach, mein Gott, mein Gott!“ ...
Sie war so ergriffen von der Überraschung, so außer sich vor Freude, daß sie nicht wußte, was sie mir sagen, wie sie mir ihre Liebe zeigen sollte. Das war eine jener Stunden der Aufrichtigkeit, der Zuneigung und Annäherung, die es in der letzten Zeit schon lange nicht mehr zwischen uns gegeben hatte. Eine Stunde später war es wie ein Fest im Hause. Sie schickte sogleich zu B. und ließ ihn zu sich bitten. In der Erwartung seiner nahmen wir ein anderes Lied vor, das mir bekannter war. Diesmal zitterte ich vor Angst. Ich wollte nicht durch einen Mißerfolg den ersten Eindruck zerstören. Doch bald gab mir meine Stimme selbst wieder Mut und machte mich sicher. Ich sang und wunderte, wunderte mich über den Umfang meiner Stimme. Dieser zweite Versuch verscheuchte jeden Zweifel. Alexandra Michailowna wußte vor Freude nicht, wo sie sich lassen sollte, sie schickte nach den Kindern, sogar nach der Kinderfrau, und schließlich – ließ sie sich so weit hinreißen, daß sie zu ihrem Mann ging und ihn aus seinem Kabinett zu uns rief – eine Kühnheit, an die sie zu jeder anderen Zeit nicht einmal zu denken gewagt hätte. Pjotr Alexandrowitsch nahm die Neuigkeit wohlwollend auf, gratulierte mir und war der erste, der da sagte, man müsse meine Stimme ausbilden. Alexandra Michailowna, die vor Dankbarkeit so glücklich war, als hätte er für sie Gott weiß was getan, wollte ihm dafür fast die Hände küssen. Endlich kam B. Seine Freude war groß. Er liebte mich sehr und gedachte meines Stiefvaters, der Vergangenheit, und als ich ihnen zwei oder drei Lieder vorgesungen, erklärte er mit ernster und sogar besorgter Miene, ja sogar mit einer gewissen geheimnisvollen Feierlichkeit, daß ich zweifellos gute Stimmittel hätte, vielleicht auch sogar Talent, und deshalb sei es natürlich ganz unmöglich, meine Stimme etwa nicht auszubilden ... – jedoch ... Und nun war es, als besinne er sich, und er wie auch Alexandra Michailowna schienen sich zu sagen, daß es gefährlich sei, mich schon zu Anfang so zu loben, und ich bemerkte, wie sie sich nun mit einigen Blicken schnell verständigten und sich später noch flüsternd verabredeten, so daß ihre kleine Verschwörung gegen mich recht ungeschickt und naiv ausfiel. Ich lachte im stillen den ganzen Abend, denn als ich wieder gesungen hatte, sah ich, wie sie sich Mühe gaben, gleichgültig zu bleiben und wie sie sogar einige Mängel mit Absicht hervorheben und laut besprachen. Ihre Selbstbeherrschung währte aber nicht lange und B. war der erste, der von der Freude übermannt, sich untreu wurde. Ich hatte nicht vermutet, daß er mich so gern hatte. Den ganzen Abend herrschte eine frohe Stimmung und die lebhafte Unterhaltung war so freundschaftlich wie nie zuvor. B. gab die Lebensgeschichten einiger Künstler zum besten und erzählte von der Kunst der berühmten Größen mit der Begeisterung des Künstlers, oft sogar fast ehrfurchtsvoll und ergriffen.
Es war auch die Rede von meinem Stiefvater, und dann ging die Unterhaltung auf mich über, auf meine Kindheit, dann auf den Fürsten und die Familie des Fürsten, von der ich nach der Trennung so wenig gehört hatte. Auch Alexandra Michailowna wußte wenig von ihnen, B. dagegen am meisten, da er mehrmals in Moskau gewesen war. Doch hier bekam das Gespräch etwas Geheimnisvolles und Rätselhaftes, und zwei oder drei Umstände, die hauptsächlich den Fürsten betrafen, blieben mir ganz unverständlich. Alexandra Michailowna erkundigte sich nach Katjä, doch B. wußte von ihr nichts Besonderes zu berichten oder schien vielmehr absichtlich nichts berichten zu wollen. Das machte mich stutzig. Ich hatte Katjä nicht nur nicht vergessen, sondern meine frühere Liebe zu ihr hatte sich eher noch vertieft; aber es war mir nie in den Sinn gekommen, daß mit ihr irgendeine Veränderung vor sich gegangen sein könnte. Ich hatte weder an die langen Jahre der Trennung, noch an die Verschiedenheit unserer Erziehung und unserer Charaktere gedacht. Sie hatte mich in meinen Gedanken nie verlassen, sie lebte immer noch so, wie ich sie als Kind gesehen, neben mir, und in meiner Phantasie gingen wir stets Hand in Hand. Da ich mich selbst immer als Heldin jedes von mir gelesenen Romanes sah, so ersann ich für meine Freundin, die Prinzeß, immer eine Rolle neben mir und verdoppelte somit den Roman, von dem dann der zweite Teil ausschließlich von mir handeln sollte, ersann ihn mit Hilfe aller meiner Lieblingsautoren, die ich natürlich erbarmungslos bestahl.
An jenem Abend wurde auch gleich im Familienrat beschlossen, welchem Professor meine Ausbildung nun übertragen werden sollte. B. empfahl den allerbesten. So fuhr denn schon am nächsten Tage der berühmte Italiener D. bei uns vor, prüfte meine Stimme, sagte ungefähr dasselbe, was sein Freund B. gesagt hatte, meinte aber, es wäre für mich von viel größerem Nutzen, wenn ich zusammen mit seinen anderen Schülerinnen bei ihm lernte, der Ehrgeiz und das gute Beispiel wären vortreffliche Hilfsmittel usw., usw. Alexandra Michailowna war damit einverstanden, und so ging ich von diesem Tage an regelmäßig dreimal wöchentlich früh morgens um 8 Uhr in Begleitung eines Dienstmädchens ins Konservatorium.
Jetzt muß ich von einem sonderbaren Erlebnis erzählen, das auf mich einen großen, nachhaltigen Eindruck machte und nach welchem ich wie nach einem schroffen Bruch in ein anderes Alter eintrat. Ich war damals noch nicht ganze siebzehn Jahre alt, als plötzlich eine mir selbst ganz unverständliche Apathie von meiner Seele Besitz zu ergreifen begann; eine eigentümliche, unerträgliche, schwermütige Stille, die ich selbst nicht begriff, kam über mich. Alle meine Erwartungen, mein ganzes Streben und Wollen war verstummt, sogar meine Phantasie schwieg wie vor Kraftlosigkeit. Eine kalte Gleichgültigkeit war in mir an die Stelle der früheren unbeholfenen drangvollen Glut getreten. Sogar für mein Talent, das doch von allen, die ich mit ganzer Seele lieb hatte, so bewundert wurde, konnte ich keine Neigung und Liebe bei mir mehr aufbringen und ich mißachtete es gefühllos. An nichts nahm ich Anteil, und selbst für Alexandra Michailowna empfand ich nur dieselbe kalte Gleichgültigkeit, obschon ich mir deshalb Vorwürfe machte. Meine Apathie wurde nur von grundloser Traurigkeit oder von plötzlichen Tränen unterbrochen. Ich hatte das Verlangen nach Einsamkeit. Und in dieser eigentümlichen Zeit wurde durch ein seltsames Erlebnis meine ganze Seele bis auf den Grund erschüttert und diese Stille in einen wahren Sturm verwandelt. Mein Herz wurde getroffen und verwundet. Und das geschah folgendermaßen.
VII.
Ich trat in die Bibliothek (diese Stunde werde ich nie vergessen) und nahm den letzten Roman von Walter Scott, den ich noch nicht gelesen hatte. Ich weiß noch, daß ein gegenstandloser Kummer mich fast wie mit einer Vorahnung quälte. Ich wollte weinen. Im Zimmer war es noch goldig hell von den letzten schrägen Strahlen der sinkenden Sonne, die mit einer Lichtfülle durch die hohen Fenster auf das glänzende Parkett fielen. Es war still. Auch in den Nebenzimmern war keine Menschenseele. Pjotr Alexandrowitsch war nicht zu Hause und Alexandra Michailowna war krank und lag zu Bett. Ich weinte auch wirklich, und während ich im zweiten Teil des Romans blätterte, versuchte ich, aus den einzelnen abgerissenen Sätzen, die ich hier und da las, den Zusammenhang des Ganzen zu erraten. Es war fast, wie wenn man ein Buch aufs Geratewohl aufschlägt und den ersten besten Satz wie einen Orakelspruch liest. Es gibt solche Augenblicke, wo alle geistigen und seelischen Kräfte sich krankhaft anstrengen und plötzlich wie in einer hellen Flamme des Bewußtseins aufflammen, und in diesem Augenblick wird dann die erschütterte Seele, die sich gleichsam im Vorgefühl, ja vielleicht sogar schon im Vorgenuß des Zukünftigen quält, wie von einem prophetischen Traum erfüllt. Und man will so leben, so leben, und das Herz, das in heißester, blindester Hoffnung aufflammt, will mit einemmal gleichsam die Zukunft herausfordern – die Zukunft mit ihrer ganzen geheimnisvollen Unbekanntheit, auch mit Stürmen und Ungewittern, wofern sie nur Leben ist, wirkliches Leben! Gerade das war es, was ich empfand.
Ich erinnere mich, daß ich gerade das Buch schloß, um es dann aufs Geratewohl wieder aufzuschlagen und mit dem Gedanken an meine Zukunft einen Satz als Orakelspruch zu lesen. Doch als ich die Buchdeckel aufklappte und die Blätter sich teilten, lag vor mir auf dem aufgeschlagenen Buch ein beschriebener Bogen Postpapier, zweimal gefaltet und so zusammengepreßt, als sei er schon vor Jahren in dieses Buch gelegt und dann vergessen worden. Neugierig untersuchte ich meinen Fund. Es war ein Brief, jedoch ohne Adresse, ohne Anrede und als Unterschrift standen nur zwei Buchstaben: S. O. Meine Neugier verdoppelte sich, ich entfaltete das fast zusammengeklebte Papier, das vom langen Liegen auf den Blättern eine helle Stelle von der Größe seines Formats hinterlassen hatte. An den Faltstellen war das Papier schon stark mitgenommen: man hatte den Brief wohl oft gelesen. Die Tinte war verblaßt – er mußte schon vor langer, langer Zeit geschrieben worden sein. Einzelne Wörter stachen mir in die Augen und mein Herz begann zu klopfen vor Erwartung. Verwirrt besah ich den Brief von allen Seiten, wie um das Lesen noch hinauszuschieben. Zufällig sah ich näher hin und hob ihn zum Licht: ja! es waren deutliche Tränenspuren zu sehen, stellenweise waren sogar ganze Buchstaben verwischt. Wessen Tränen mochten das sein? Und schließlich las ich mit stockendem Herzschlag die erste halbe Seite und – fast hätte ich aufgeschrien. Ich stellte das Buch zurück, schloß den Schrank, verbarg den Brief in meinem Kleide und lief auf mein Zimmer, dessen Tür ich verschloß, und dann machte ich mich daran, den Brief nochmals vom Anfang an zu lesen. Mein Herz schlug so laut, daß die Buchstaben vor meinen Augen tanzten und ich lange nicht begriff, was ich las. Der Brief war eine Aufklärung, für mich eine Lösung des Geheimnisses, – wie ein Blitz durchzuckte es mich, denn ich erriet sogleich, an wen er gerichtet war. Ich wußte, daß ich nahezu ein Verbrechen beging, wenn ich diesen Brief las, doch der Augenblick war stärker als ich! der Brief war an Alexandra Michailowna gerichtet.
Hier ist er: ich schreibe ihn wortgetreu ab. Unklar begriff ich, was er enthielt und noch lange nachher habe ich über das Rätsel nachgedacht und mich grübelnd zerquält. Mit diesem Augenblick brach mein früheres Leben ab. Mein Herz war für lange Zeit erschüttert, fast für immer, denn dieser Brief hatte viele Folgen. Die Vorahnung, mit der ich das Orakel nach meiner Zukunft befragen gewollt, hatte mich nicht getäuscht.
Dieser Brief war das Letzte, war ein letzter, furchtbarer Abschied. Während ich ihn las, krampfte sich mein Herz so schmerzhaft zusammen, als verlöre ich selbst damit alles, als würden mir auf ewig sogar meine Träume und Hoffnungen genommen, als bliebe mir nichts mehr als ein unnötiges, überflüssiges Leben. Wer war er, der diesen Brief geschrieben? Wie war nachher sein Leben? Dieser Brief enthielt so viele Andeutungen, so viele Beweisstücke, daß man sich nicht täuschen konnte, und doch auch so viele Rätsel, daß es unmöglich war, sich nicht in den Vermutungen zu verlieren. Dennoch kann ich sagen, daß ich mich kaum irrte; übrigens offenbarte allein schon der Stil des Briefes, der auch sonst noch vieles verriet, den ganzen Charakter dieses Verhältnisses, über dem zwei Herzen gebrochen sind. Die Gedanken und Gefühle des Schreibenden lagen offen zutage. Doch hier ist der Brief – ich schreibe ihn Wort für Wort ab:
„Du wirst mich nicht vergessen, sagtest Du – und ich glaube Dir, und von nun an ist mein ganzes Leben in diesen Deinen Worten. Wir müssen uns trennen, unsere Stunde hat geschlagen. Das wußte ich längst, meine stille, meine traurige Schönheit, aber erst jetzt habe ich es begriffen. Während der ganzen Zeit, die uns gehörte, seitdem Du mich liebtest, hat mein Herz mich geschmerzt und gezittert um unsere Liebe, und – wirst Du’s glauben? – jetzt ist mir leichter! Ich wußte es schon längst, daß es so enden werde, so war es schon vor uns bestimmt. Das ist Schicksal. Und weißt Du, laß es mich Dir sagen, Alexandra: wir waren nicht ebenbürtig; das habe ich immer, immer gefühlt! Ich war Deiner nicht wert, und ich, ich allein müßte die Strafe für mein durchlebtes Glück tragen! Sag’, was war ich im Vergleich mit Dir, bevor ich Dich kennen lernte? Gott! nun sind schon zwei Jahre darüber vergangen und ich bin immer noch wie von Sinnen; ich kann es bis jetzt noch nicht begreifen, daß Du mich lieben konntest! Ich verstehe nicht, wie es zwischen uns so weit kam, womit es begann. Erinnerst Du Dich noch, was ich war im Vergleich mit Dir? War ich denn Deiner wert, was war an mir, wodurch zeichnete ich mich aus? Bevor ich Dich kennen lernte, war ich roh und einfältig, und mein Aussehen traurig und düster. Ein anderes Leben wünschte ich nicht, ich rief es weder, noch wollte ich es rufen. Alles in mir war niedergedrückt und ich kannte in der ganzen Welt nichts Wichtigeres, als meine tägliche Arbeit. Ich hatte nur eine Sorge – das war der nächste Tag; doch selbst zu dieser verhielt ich mich gleichmütig. Früher, ja, einmal vor langer Zeit, da hatte ich wohl etwas Ähnliches erträumt und wie ein Narr phantastische Schlösser gebaut. Seitdem aber war viel, viel Zeit vergangen und ich richtete mich so gut es ging in meinem Leben ein, lebte einsam, verschlossen, ruhig und sogar ohne die Kälte zu fühlen, die mein Herz erstarren ließ. Und so verstummte es. Ich wußte doch, daß für mich nie eine andere Sonne aufgehen werde, und ich glaubte daran und murrte nicht, denn ich begriff, daß es so sein mußte. Als Du an mir vorübergingst, wußte ich nicht, daß ich es wagen durfte, meine Augen zu Dir zu erheben. Ich war wie ein Sklave vor Dir. Mein Herz bebte nicht neben Dir, es sehnte sich nicht und verhieß mir nichts von Dir: es war ruhig. Meine Seele erkannte die Deine nicht, wenn es in ihr auch leicht war neben ihrer schönen Schwester. Das weiß ich; das fühlte ich dumpf. Das konnte ich fühlen, denn selbst in das letzte Stäubchen dringt Gottes Sonnenlicht und wärmt und liebkost es ebenso wie die schönste Blume, neben der es in wunschloser Demut fröstelt. Als ich aber alles erfuhr, weißt Du noch, nach jenem Abend, nach jenen Worten, die meine Seele bis auf den Grund erschütterten – da war ich wie geblendet, bestürzt, alles verwirrte sich in mir, und – was glaubst Du? – ich war so betroffen, ich traute mir so wenig, daß ich Dich nicht verstand! Davon habe ich Dir nie etwas gesagt. Du wußtest nichts; nicht so war ich früher, wie Du mich kennen lerntest. Wenn ich gekonnt hätte, wenn ich gewagt hätte, zu sprechen, so hätte ich Dir längst alles gestanden. Doch ich schwieg, jetzt aber werde ich Dir alles sagen, denn Du sollst wissen, wen Du verlierst, von was für einem Menschen Du Dich trennst. Weißt Du auch, wie ich Dich anfangs verstand? Die Leidenschaft erfaßte mich wie ein Feuer, wie ein Gift ergoß sie sich in mein Blut; sie verwirrte alle meine Gedanken und Gefühle, ich war wie von schwerem Wein berauscht, wie im Dunst ging ich umher und auf Deine reine mitleidige Liebe antwortete ich nicht wie ein Ebenbürtiger einer Ebenbürtigen, nicht wie einer, der Deiner reinen Liebe wert wäre, sondern besinnungslos, herzlos. Ich erkannte Dich nicht. Ich antwortete Dir wie einer, die sich in meinen Augen bis zu mir vergaß, und nicht wie einer, die mich bis zu sich erheben wollte. Weißt Du, was ich von Dir dachte, was das für mich bedeutete: die sich bis zu mir vergaß? Doch nein, ich werde Dich nicht mit meinem Geständnis beleidigen; nur eines will ich Dir sagen: Du hast Dich bitter in mir getäuscht! Niemals, niemals konnte ich mich bis zu Dir erheben. Ich konnte Dich nur unnahbar anschauen, Dein Wesen geistig erfassen in meiner schrankenlosen Liebe. Meine Leidenschaft aber war nicht Liebe. Liebe fürchtete ich; ich wagte nicht, Dich zu lieben. In der Liebe – ist Gemeinsamkeit, Gleichheit, ihrer aber war ich nicht wert ... Oder ich weiß nicht, was mit mir war! Oh! wie soll ich mich nur ausdrücken, um von Dir verstanden zu werden ... Ich glaubte anfangs nicht ... Oh! weißt Du noch, als meine erste Erregung sich gelegt und mein Blick sich geklärt hatte, als mir nur ein reines, makelloses Gefühl geblieben war – da war meine erste Empfindung Verwunderung, Verwirrung, Furcht und – weißt Du noch – wie ich mich plötzlich aufschluchzend Dir zu Füßen warf? Weißt Du noch, wie Du verwirrt, erschrocken, mit Tränen in den Augen mich fragtest, was mit mir sei? Ich schwieg, ich konnte Dir nicht antworten; aber meine Seele zerriß sich in Stücke. Mein Glück bedrückte mich wie eine unerträgliche Last und mein Schluchzen sprach: „Wofür das? Womit habe ich das verdient? Wofür mir dieses Glück? Meine Schwester, meine Schwester!“ Oh! und wie oft – Du merktest es nicht – wie oft habe ich heimlich Dein Kleid geküßt, heimlich, denn ich wußte, daß ich Deiner nicht wert war, – und es benahm mir den Atem, mein Herz schlug langsam und stark, als wolle es stehenbleiben und das – für immer. Wenn ich Deine Hand nahm, erbleichte ich und zitterte; Du verwirrtest mich mit Deiner Reinheit. Nein, ich verstehe nicht – das alles auszudrücken, wovon meine Seele erfüllt war und was sich so mächtig in Worten aus ihr herausdrängen will! Weißt Du auch, daß es mir oft schwer war, Deine mitleidige, gleichmäßige Zärtlichkeit zu ertragen, daß sie mir eine Qual war? Als Du mich küßtest (das tatest Du einmal, und ich werde es nie vergessen), da umflorte sich mein Blick und mein Geist versank wie in einem dunklen Nebel. Warum starb ich nicht in diesem Augenblick zu Deinen Füßen? Sieh, ich sage zum erstenmal „Du“ zu Dir, und doch hast Du es schon so oft von mir verlangt, schon vor langer Zeit. Wirst Du verstehen, was ich sagen will? Ich will Dir alles sagen und sage Dir dies: ja, Du liebst mich, mit einer großen Liebe, Du liebtest mich wie eine Schwester ihren Bruder; Du liebtest mich wie Dein Geschöpf, denn durch Dich ist mein Herz auferstanden, Du hast meinen Geist aus dem Schlaf geweckt und ihn mit süßer Hoffnung erfüllt; ich aber konnte es nicht, wagte es nicht ... ich habe Dich nie meine Schwester genannt, weil ich nicht Dein Bruder sein konnte, weil wir ungleich waren, weil Du Dich in mir täuschtest!
Doch Du siehst, ich schreibe nur von mir; selbst jetzt in dieser Stunde des Elends, denke ich nur an mich, obschon ich weiß, daß Du Dich um mich quälst. Oh, quäle Dich nicht meinetwegen, meine liebe Freundin! Wenn Du wüßtest, wie ich jetzt in meinen eigenen Augen erniedrigt bin! All das ist an den Tag gekommen und – wieviel Lärm um nichts! Du wirst statt meiner verstoßen, Dich straft man mit Verachtung, mit Spott, denn ich stehe ja so niedrig in den Augen der Menschen! Oh, wie groß ist meine Schuld, daß ich Deiner nicht wert war! Hätte ich Rang und Titel oder persönlichen Wert in ihren Augen, wenn ich ihnen mehr Achtung einflößte – dann würden sie Dir verzeihen! Ich aber bin nichts, bin wertlos, bin lächerlich, noch Niederigeres aber als das Lächerliche gibt es nicht. Denn – wer sind sie, die da schreien? Gerade deshalb, weil diese schon schrien, verlor ich den Mut – ich war von jeher schwach. Weißt Du, in welch einer Stimmung ich jetzt bin? – ich lache über mich selbst und ich glaube, sie haben recht, wenn sie sagen, ich sei mir selbst verhaßt und in meinen eigenen Augen lächerlich. Ich hasse sogar mein Gesicht, meine Gestalt, alle meine Angewohnheiten, alle meine ungeschickten Bewegungen; ich habe sie immer gehaßt! Oh, vergib mir meine rohe Verzweiflung! Aber Du selbst hast mich gelehrt, Dir alles zu sagen. Ich habe Dich ins Unglück gestürzt, durch mich bist Du ihrem Spott und Gelächter verfallen – weil ich Deiner nicht wert war!
Und dieser eine Gedanke quält mich; er klopft unaufhörlich in meinem Gehirn und foltert und zerreißt mein Herz. Und immer scheint es mir, daß Du gar nicht den Menschen geliebt hast, der ich war, sondern einen, den nur Du in mir sahst –: daß Du Dich getäuscht hast in mir. Das ist es, was mich schmerzt, das ist es, was mich jetzt quält, was mich zu Tode quälen wird: oder aber – ich werde darüber wahnsinnig!
Ich muß Abschied von Dir nehmen, Abschied! Jetzt, wo alle es wissen, wo ihr Geschrei und ihr scharfes Urteil ertönt (ich habe es gehört!), jetzt, wo ich klein und erniedrigt bin in meinen eigenen Augen und mich vor mir selber schäme, ja wo ich mich sogar für Dich schäme, wegen Deiner Wahl, wo ich mich verflucht habe, – jetzt muß ich verschwinden um Deiner Ruhe willen. So verlangt man es, und Du wirst mich nie mehr wiedersehen, nie mehr. So muß es auch sein, so ist es vom Schicksal bestimmt! Es hat mir gar zu viel gegeben; wohl aus Versehen; und jetzt macht es seinen Irrtum gut, indem es mir alles wieder nimmt. Unsere Wege haben sich gekreuzt, wir lernten uns kennen, und nun gehen wir auseinander bis zu einem neuen Wiedersehen! Wo wird das sein, wann wird das sein? Oh, sag’ mir, Du Liebe, wo werden wir uns wiedersehen, wo kann ich Dich finden, wie kann ich Dich verstehen lernen – und wirst auch Du mich dann verstehen? Meine Seele ist so voll von Dir! Oh, wofür, wofür das uns? Warum gehen wir auseinander? Belehre mich – ich begreife das nicht, ich werde es nie begreifen, ich kann es nicht – lehre Du mich, wie man das Leben in zwei Hälften brechen, wie man das Herz sich aus der Brust reißen und ohne Herz leben kann! Wenn ich daran denke, daß ich Dich nie mehr sehen werde, nie mehr, nie mehr! ...
Gott, was für ein Geschrei sie erhoben haben! wie ich jetzt für Dich fürchte! Vor einer Stunde habe ich mit Deinem Mann gesprochen: wir sind beide seiner nicht wert, obschon wir schuldlos vor ihm sind. Er weiß alles; er sieht uns so, wie wir sind, und er begreift alles, auch früher schon ist ihm alles klar gewesen. Und jetzt ist er wie ein Held für Dich eingetreten. Er wird Dich gegen ihr Geschrei verteidigen und beschützen; er liebt und achtet Dich grenzenlos; er ist Dein Retter, während ich verschwinde! ... Ich wollte ihm die Hände küssen! ... Er sagte mir, ich solle unverzüglich verreisen. Es ist schon beschlossen! Es heißt, er habe Deinetwegen mit ihnen allen gebrochen; dort sind ja alle gegen Dich. Man wirft ihm zu große Nachsicht und Schwäche vor. Mein Gott! Was sie nicht alles von Dir reden! Und dabei wissen sie nichts! Sie können ja nicht, sie sind nicht fähig, die Wahrheit zu begreifen! Vergib, vergib ihnen, Du Arme, wie auch ich ihnen vergebe. Mir aber haben sie mehr genommen als Dir!
Ich weiß nicht – nein, ich weiß nicht, was ich Dir schreibe. Was sagte ich Dir gestern beim Abschied? Ich habe doch alles vergessen. Ich war wie von Sinnen – Du weintest ... Vergib mir diese Tränen! Ich bin so schwach, so kleinmütig!
Ich wollte Dir noch etwas sagen ... Oh! Noch einmal Deine Hände küssen, mit diesen Tränen benetzen, die hier auf dem Papier meine Worte verwischen! Noch einmal zu Deinen Füßen sitzen! Wenn sie nur wüßten, wie rein und gut Dein Gefühl war! Aber sie sind ja blind; ihre Herzen sind stolz und hochmütig; sie sehen nicht und werden das niemals sehen. Denn sie haben das nicht, womit man sieht! Sie werden es nie glauben, daß Du schuldlos bist, auch wenn die ganze Welt es ihnen schwören sollte. Wie sollten sie auch das begreifen! Und doch werden sie mit Steinen nach Dir werfen! Wessen Hand wird die erste sein? Oh, die werden nicht zaudern, tausend Steine werden sie aufheben! Ja, sie werden sich dazu erdreisten, weil sie wissen, wie man das macht. Sie werfen alle zugleich und sagen, sie selber seien schuldlos, deshalb dürften sie es! Oh, wenn sie wüßten, was sie tun! Wenn man ihnen nur alles sagen könnte, alles, rückhaltlos alles, damit sie es hören, sehen, begreifen und sich überzeugen könnten! Doch nein, sie sind nicht so schlecht ... Ich rede in meiner Verzweiflung ... – vielleicht verleumde ich sie! Vielleicht stecke ich Dich mit meiner Angst um Dich an! Nein, fürchte sie nicht, fürchte sie nicht, Du Liebe! Man wird Dich verstehen lernen; wenigstens hat einer Dich schon begriffen: Dein Mann. Also hoffe!
Leb’ – leb’ wohl! Ich danke Dir nicht! Für immer leb’ wohl.
S. O.“
Meine Verwirrung war so groß, daß ich lange Zeit nicht wußte, was in mir vorging. Ich war erschüttert, erschrocken. Die Wirklichkeit traf mich gar zu plötzlich, gar zu unerwartet mitten in dem lustigen Leben meiner Träumereien, wie ich es schon drei Jahre lang lebte. Mit Schrecken wurde ich gewahr, daß ich ein großes Geheimnis in meinen Händen hielt und daß dieses Geheimnis mein ganzes Leben in Fesseln schlug ... wie? – das wußte ich selbst noch nicht. Ich fühlte, daß in diesem Augenblick eine neue Zukunft für mich begann. Jetzt war ich ungewollt eine nahe, gar zu nahe Teilhaberin an dem Leben und den Beziehungen jener Menschen, die noch die ganze mich umgebende Welt ausmachten, und ich fürchtete für mich. Als was würde ich in ihr Leben eintreten, ich, die Ungerufene, ich, die ihnen Fremde? Was würde ich ihnen bringen? Was wird jemals diese Fessel lösen können, die mich so plötzlich an ein fremdes Geheimnis kettete? Wer konnte das wissen? Vielleicht wird meine neue Rolle sowohl für sie wie für mich qualvoll sein? Ich konnte nicht schweigen oder diese Rolle nicht annehmen oder das, was ich erfahren, für alle Zeit in meinem Herzen verschließen. Aber was erwartete mich? Was sollte ich tun? Und schließlich – was hatte ich denn eigentlich erfahren? Tausend Fragen, alle noch unbestimmt und unklar, erhoben sich vor mir und bedrückten mein Herz unerträglich. Ich war wie verloren.
Dann kamen, erinnere ich mich, andere Minuten mit neuen, seltsamen, von mir noch nie empfundenen Eindrücken. Es war mir, als löse sich etwas in meiner Brust, als fiele die frühere Sehnsucht plötzlich von mir ab und als werde mein Herz langsam von etwas Neuem erfüllt, von dem ich noch nicht wußte, ob ich darüber trauern oder mich freuen sollte. Meine Stimmung in dem Augenblick glich derjenigen eines Menschen, der auf ewig sein Haus, sein früheres, ruhiges, sorgenloses Leben verläßt, um sich auf einen weiten unbekannten Weg zu begeben, und der sich nun zum letztenmal im Kreise umschaut und in Gedanken von allem Abschied nimmt, während es dem Herzen bitter weh ist in einer bangen Vorahnung all des Unbekannten und Traurigen und vielleicht auch Feindseligen der Zukunft, in die ihn sein neuer weiter Weg hineinführt. Zuletzt brach ich in Tränen aus und das krampfhafte Weinen erleichterte mein Herz. Ich hatte das Bedürfnis, jemanden zu sehen, zu hören, ihn fest, krampfhaft zu umarmen. Jetzt konnte, jetzt wollte ich nicht mehr allein bleiben; ich lief zu Alexandra Michailowna und verbrachte den ganzen Abend bei ihr. Wir waren allein. Ich bat sie, nicht zu spielen, und weigerte mich, trotz ihrer Bitten, ihr etwas vorzusingen. Ich fühlte mich bedrückt und konnte mich zu nichts sammeln. Ich glaube, wir weinten beide. Wenigstens soweit ich mich erinnere, erschrak sie über meine Stimmung und redete mir in Sorge zu, mich doch zu beruhigen, und mich nicht aufzuregen. Sie beobachtete mich angstvoll und versicherte mir, ich sei krank und müsse mich mehr schonen. Ich verließ sie gequält und wie mit mir selbst zerfallen. Ich war halb bewußtlos und fieberte, als ich zu Bett ging.
Es vergingen mehrere Tage, bevor ich aus diesem Zustande mich herausfand, gleichsam erwachte und meine Lage klarer übersehen konnte. Damals lebten wir ganz einsam, denn Pjotr Alexandrowitsch war in einer besonderen Angelegenheit nach Moskau gereist und blieb dort drei Wochen. Alexandra Michailowna hatte aber trotz dieser kurzen Zeit der Trennung schreckliche Sehnsucht nach ihm. Zuweilen war sie innerlich ruhiger, schloß sich aber dennoch in ihr Zimmer ein, woraus ich ersah, daß ich ihr lästig war. Aber auch ich hatte das Verlangen nach Einsamkeit. Meine Gedanken arbeiteten mit geradezu krankhafter Angespanntheit und doch kam ich wie aus einem Nebel nicht heraus. Dann verfiel ich wiederum für ganze lange Stunden einem quälenden, nicht abzuschüttelnden Sinnen, das wie ein Traum über mich kam. Und es war mir dann, als lache jemand leise über mich, als habe sich etwas in mir niedergelassen, was mir jeden Gedanken verwirrte und vergiftete. Ich konnte die quälenden Bilder nicht loswerden, die jeden Augenblick vor mir auftauchten und mir keine Ruhe gaben. Ich sah ein langes, trostloses Martyrium, ein Opfer, das still und ruhig und klaglos und – umsonst gebracht wurde. Es schien mir, daß derjenige, dem dieses Opfer galt, sie verachtete und über sie lachte. Es schien mir, daß ich einen Sünder sah, der einem Gerechten Sünden vergab, und mein Herz riß in Stücke! Gleichzeitig aber wollte ich mich mit aller Gewalt von meinem Verdacht befreien; ich verfluchte diesen Verdacht und haßte mich selbst, weil alle meine Überzeugungen keine Überzeugungen waren, sondern nur Vorahnungen, und weil ich meine Eindrücke und Empfindungen vor mir selber nicht rechtfertigen konnte.
Dann wieder erinnerte ich mich all jener Sätze, dieser letzten hervorgestoßenen Worte des furchtbaren Abschieds. Ich stellte mir diesen Abschied vor, den – unebenbürtigen; ich bemühte mich, den ganzen qualvollen Sinn dieses Wortes zu erfassen: „unebenbürtig“. Und furchtbar erschütterte mich dieser letzte verzweifelte Abschiedsgruß: „Ich bin lächerlich und schäme mich selber Deiner Wahl.“ Was war das? Was sind das für Menschen? Wonach sehnen sie sich, was quält sie, was haben sie verloren? Und ich überwand mich und las nochmals mit angespannter Aufmerksamkeit diesen Brief, der soviel Verzweiflung enthielt, dessen Sinn mir aber so fremd war, so unbegreiflich. Doch der Brief sank mir aus der Hand und eine aufrührerische Erregung bemächtigte sich meines Herzens ... Das alles mußte ja einmal seine Lösung finden, aber ich sah den Ausweg nicht oder ich fürchtete ihn!
Ich war fast krank, als eines Tages die Reiseequipage Pjotr Alexandrowitschs in den Hof fuhr. Er war aus Moskau zurückgekehrt. Alexandra Michailowna eilte außer sich vor Freude ihrem Mann entgegen, ich aber blieb wie gelähmt stehen. Ich weiß noch, daß ich selber bis zum Schreck über meine plötzliche Erregung betroffen war. Ich hielt das nicht lange aus und lief auf mein Zimmer. Ich begriff nicht, was mich so erschreckt hatte, aber die Tatsache, daß ich erschrocken war, flößte mir Furcht ein. Nach einer Viertelstunde wurde ich gerufen und ich erhielt einen Brief vom Fürsten. Im Salon erblickte ich noch einen Unbekannten, der mit Pjotr Alexandrowitsch aus Moskau angekommen war, und aus einzelnen Worten, die ich aus dem Gespräch auffing, verstand ich nur so viel, daß er für lange Zeit bei uns bleiben werde. Das war der Bevollmächtigte des Fürsten, der in irgendwelchen wichtigen Angelegenheiten der fürstlichen Familie, die bis dahin in den Händen Pjotr Alexandrowitschs geruht hatten, nunmehr nach Petersburg übersiedelte. Er war es, der mir den Brief des Fürsten übergab und sagte, die Prinzeß habe mir gleichfalls schreiben wollen und noch bis zum letzten Augenblick versichert, daß sie den Brief unbedingt schreiben werde, aber zu guter Letzt habe sie ihn doch mit leeren Händen abreisen lassen und ihn gebeten, mir mündlich folgendes zu sagen: daß sie mir entschieden nichts zu schreiben habe, sie habe ganze fünf Briefbogen zerrissen, und sei zu der Überzeugung gekommen, daß in einem Brief sich doch nichts sagen ließe, wir müßten eben von neuem Freundschaft schließen; und ferner solle er mich versichern, daß uns ein baldiges Wiedersehen bevorstehe. Auf meine ungeduldige Frage, wann das sein werde, antwortete mir der fremde Herr, daß die ganze fürstliche Familie allerdings die Absicht habe, bald nach Petersburg zurückzukehren, und vermutlich werde das auch geschehen. Meine Freude darüber war so groß, daß ich nicht wußte, was ich tun oder sagen sollte, und ich ging schnell nach oben auf mein Zimmer, schloß mich ein und erbrach unter Tränen den Brief des Fürsten. Der Fürst verhieß mir ein baldiges Wiedersehen mit ihm und Katjä und gratulierte mir tief gerührt zu meinem Talent; zum Schluß gab er mir seinen Segen und versprach, für meine Zukunft zu sorgen. Ich weinte, während ich den Brief las; doch zu den Tränen gesellte sich eine so unerträgliche Traurigkeit, daß ich, wie ich mich erinnere, um mich selber in Angst geriet. Ich wußte nicht, was mit mir geschah.
Es vergingen ein paar Tage. In dem Zimmer zwischen dem meinigen und der Bibliothek, wo früher Pjotr Alexandrowitschs Sekretär und Gehilfe gearbeitet hatte, arbeitete jetzt jeden Vormittag und häufig auch abends bis nach Mitternacht der neuangekommene Herr. Oft schlossen er und Pjotr Alexandrowitsch sich im Kabinett des letzteren ein und arbeiteten zusammen. An einem Nachmittage bat mich Alexandra Michailowna, zu ihrem Mann ins Kabinett zu gehen und ihn zu fragen, ob er zum Tee zu uns kommen werde. Im Kabinett war niemand, doch in der Annahme, daß er bald zurückkehren werde, blieb ich dort und wartete. An der Wand hing sein Porträt. Ich erinnere mich noch, daß ich zusammenfuhr, als ich plötzlich dieses Bild erblickte, um es dann mit einer mir selbst unbegreiflichen Erregung zu betrachten. Es hing ziemlich hoch und die Dämmerung machte es noch undeutlicher; um es nun besser zu sehen, zog ich einen Stuhl heran und stieg auf ihn hinauf. Ich wollte etwas aufdecken, ja es war, als hoffte ich, eine Antwort auf meine Zweifel und Fragen zu finden, und ich weiß noch, daß mir vor allem die Augen an diesem Porträt auffielen. Zugleich fiel es mir auch ein, daß ich noch niemals die Augen dieses Menschen gesehen hatte: er verbarg sie immer hinter den Brillengläsern.
Schon als Kind hatte ich seinen Blick nicht gemocht, und zwar infolge eines unerklärlichen, seltsamen Vorurteils, das ich aber jetzt gleichsam als gerechtfertigt empfand. Meine Phantasie war beeinflußt. Plötzlich schien es mir, daß die Augen des Bildes sich verwirrt abwandten, um meinem forschenden, prüfenden Blick auszuweichen, daß sie ihn krampfhaft mieden, und daß Lüge und Betrug in diesen Augen waren; es schien mir, daß ich es erraten hatte, und eine geheime Freude, die ich selbst nicht begriff, antwortete in mir auf dieses Erraten. Ein halblautes „Ach!“ entschlüpfte mir unwillkürlich. Da war’s mir plötzlich, als sei noch jemand im Zimmer. Ich sah mich um: vor mir stand Pjotr Alexandrowitsch und betrachtete mich aufmerksam. Plötzlich errötete er. Ich wurde feuerrot und sprang vom Stuhl herab.
„Was tun Sie hier?“ fragte er mich streng. „Warum sind Sie hier?“
Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Doch ich nahm mich zusammen und brachte so gut es ging die Aufforderung Alexandra Michailownas hervor. Ich weiß nicht, was er mir antwortete; ich weiß auch nicht, wie ich das Kabinett verließ; als ich aber zu Alexandra Michailowna kam, da hatte ich die Antwort, auf die sie wartete, spurlos vergessen, und ich sagte aufs Geratewohl, ja, er werde kommen.
„Aber was ist mit dir, Njetotschka?“ fragte sie, „du bist ja ganz rot; sieh doch im Spiegel, wie du aussiehst ... Was fehlt dir, Kind?“
„Ich weiß nicht, ich bin schnell gegangen ...“ sagte ich.
„Und was hat denn Pjotr Alexandrowitsch gesagt?“ unterbrach sie mich etwas verwirrt.
Ich antwortete nicht. Da hörten wir Schritte, er kam schon, und ich ging schnell hinaus. Ganze zwei Stunden wartete ich in großem Kummer. Endlich wurde ich zu Alexandra Michailowna gerufen. Sie war schweigsam und bekümmert. Als ich eintrat, traf mich nur ein schneller forschender Blick von ihr und sie schlug die Augen nieder. Ich glaubte, eine gewisse Verwirrung in ihrem Gesicht zu bemerken. Bald sah ich, daß sie bei schlechter Laune war; sie sprach wenig, vermied mich anzusehen und als Antwort auf die besorgten Fragen B.’s klagte sie über Kopfschmerz. Pjotr Alexandrowitsch war dagegen gesprächiger als sonst, unterhielt sich aber nur mit B.
Alexandra Michailowna trat zerstreut an den Flügel.
„Singen Sie uns etwas vor,“ bat B., sich an mich wendend.
„Ja, Annjeta, singe deine neue Arie,“ sagte Alexandra Michailowna schnell, als freue sie sich über den Vorwand.
Ich blickte zu ihr auf: sie sah mich in unruhiger Erwartung an.
Doch ich konnte mich nicht überwinden. Statt an den Flügel zu treten, um wenigstens irgend etwas zu singen, geriet ich in Verwirrung, wurde verlegen und wußte nicht, zu welcher Ausrede ich meine Zuflucht nehmen sollte; schließlich ärgerte ich mich und schlug die Bitte rund ab.
„Warum willst du denn nicht singen?“ fragte Alexandra Michailowna, dabei sah sie mich an und dann, für den Bruchteil einer Sekunde, ihren Gatten.
Diese zwei Blicke brachten mich um meine ganze Selbstbeherrschung. Ich erhob mich in größter Verwirrung, die ich nicht mehr zu verbergen vermochte, und zitternd von einer Empfindung, die wie Ärger und Ungeduld war, wiederholte ich heftiger als angebracht, daß ich nicht wolle, nicht könne – ich sei krank. Indem ich das sagte, sah ich alle offen an, doch Gott weiß, wie gern ich mich in diesem Augenblick in meinem Zimmer vor allen versteckt hätte.
B. war erstaunt und Alexandra Michailowna sichtlich bekümmert, doch sagte sie kein Wort. Pjotr Alexandrowitsch aber erhob sich plötzlich von seinem Platz, sagte, er habe etwas Wichtiges vergessen, und wie im Ärger darüber, daß er soviel kostbare Zeit vergeudet, verließ er eilig das Zimmer, nachdem er vorausgeschickt, daß er später vielleicht noch vorsprechen werde – doch drückte er auf alle Fälle B. schon zum Abschied die Hand.
„Aber was fehlt Ihnen nur?“ fragte mich B., „Sie sehen auch wirklich krank aus.“
„Ja, ich bin nicht ganz wohl, wirklich nicht,“ versetzte ich ungeduldig.
„Du bist bleich, vorhin aber warst du so rot,“ sagte Alexandra Michailowna und plötzlich stockte sie.
„Ach, das ist doch nichts!“ suchte ich sie zu beruhigen und ging schnurstracks zu ihr. Ich sah ihr offen in die Augen. Die Arme hielt meinen Blick nicht aus, senkte ihren Blick wie eine Schuldige und eine leichte Röte stieg in ihre blassen Wangen. Ich nahm ihre Hand und küßte sie. Sie sah mich – das fühlte ich – mit erheuchelter Freude an.
„Verzeihen Sie, daß ich heute ein so schlechtes, böses Kind war,“ bat ich sie herzlich, „aber wirklich, ich bin krank. So seien Sie mir nicht böse und erlauben Sie, daß ich jetzt auf mein Zimmer gehe ...“
„Wir sind alle Kinder,“ sagte sie mit einem schüchternen Lächeln, „auch ich bin ein Kind, und schlechter, viel schlechter als du,“ flüsterte sie mir leise ins Ohr. „Dann gute Nacht und bleibe gesund. Nur, um Gottes willen, sei mir nicht böse.“
„Weswegen?“ fragte ich, so sehr traf mich dieses naive Geständnis.
„Weswegen?“ wiederholte sie in plötzlicher Verwirrung, ja sogar als erschrecke sie über sich selbst. „Ja weswegen? Nun siehst du, wie ich bin, Njetotschka. Was habe ich dir da gesagt? Gute Nacht! Du bist klüger als ich ... Ich aber bin schlimmer als ein Kind.“
„Nun, schon gut!“ Ich war gerührt und wußte nicht, was ich ihr darauf sagen sollte. Ich küßte sie nochmals und ging aus dem Zimmer.
Mein Unmut galt hauptsächlich mir selbst, denn ich fühlte, daß ich zu unvorsichtig war und mich nicht zu benehmen verstand. Es war da etwas, dessen ich mich bis zu Tränen schämte, und mit großem Leid im Herzen schlief ich ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mein erster Gedanke, daß der ganze letzte Abend – nur eine Gespensterseherei gewesen sei, daß wir uns gegenseitig nur mystifiziert hatten, indem wir solchen Nichtigkeiten die Bedeutung von Gott weiß was für Begebenheiten beilegten, daß wir uns einfach übereilt hatten, und zwar alles das nur infolge unserer Unerfahrenheit im Leben und unserer Ungewohntheit, äußere Eindrücke zu empfangen. Ich fühlte es, daß dieser Brief an allem schuld war, daß er mich gar zu sehr beunruhigte, daß meine Einbildungskraft durch ihn aus ihrem gewöhnlichen Geleise gehoben war und daß ich deshalb am besten tat, wenn ich in Zukunft überhaupt nicht mehr an ihn dachte. Nachdem ich so meinen ganzen Kummer verscheucht hatte, wurde ich – in der Überzeugung, daß ich den Entschluß, überhaupt nicht mehr an den Brief zu denken, ebenso leicht werde ausführen können – langsam ruhiger, ja fast sogar heiter, und begab mich in die Gesangsstunde. Die Morgenluft erfrischte meinen Kopf endgültig. Diese Wanderungen frühmorgens zu meinem Lehrer waren mir zu einer wahren Erquickung geworden und ich liebte sie sehr. Es war so lustig, durch die Stadt zu wandern, die sich schon zu beleben anfing und wie ein Uhrwerk ihre tägliche Arbeit begann. Wir gingen gewöhnlich durch die Hauptstraßen, die natürlich am belebtesten waren, und mir gefiel dieser Anfang meiner Künstlerlaufbahn, eben dieser Kontrast zwischen der alltäglichen Kleinlichkeit, der engen, doch lebendig pulsierenden Sorge, und der Kunst, die mich zwei Schritte von diesem Leben entfernt erwartete, im dritten Stock eines riesigen Hauses, das von oben bis unten von Menschen bewohnt war, die die Kunst, wie mir schien, so gut wie überhaupt nichts anging. Ich mit meinen Noten unterm Arm inmitten dieser geschäftigen, besorgten Menschen – neben mir die alte Natalja, die mich begleitete und mir jedesmal ahnungslos das Rätsel zu erraten gab: woran sie eigentlich und vornehmlich denken mochte – und schließlich mein Lehrer, halb Italiener, halb Franzose, ein ganzer Sonderling, in manchen Augenblicken ein richtiger Enthusiast, viel öfter aber ein Pedant und am meisten und vor allem ein Geizhals – alles das zerstreute mich, brachte mich zum Lachen oder zum Nachdenken. Hinzu kam, daß ich, so zaghaft ich in der Beziehung auch noch war, doch schon mit leidenschaftlicher Hoffnung meine Kunst liebte. Ich baute mir schon Luftschlösser, malte mir die schönste Zukunft aus, und nicht selten kam ich nach Haus – glühend von meinen Phantasien! Kurz, in diesen Stunden war ich fast glücklich.
Dasselbe empfand ich auch damals, als ich gegen zehn Uhr zurückkehrte. Ich hatte alle Sorgen vergessen und war, wie ich mich noch deutlich erinnere, so froh gelaunt, so ganz erfüllt von irgendwelchen Zukunftsträumen. Doch plötzlich, wie ich die Treppe hinaufstieg, zuckte ich zusammen, als hätte ich mich verbrannt. Über mir hörte ich die Stimme Pjotr Alexandrowitschs, der in diesem Augenblick die Treppe herabstieg. Das unangenehme Gefühl, das sich meiner bemächtigte, war so stark, die Erinnerung an den letzten Abend traf mich so plötzlich und so feindselig, daß ich meine Empfindung wirklich nicht verbergen konnte. Ich verbeugte mich leicht vor ihm, doch mein Gesicht drückte wohl so deutlich alles aus, daß er einen Augenblick verwundert vor mir stehen blieb. Da errötete ich und ging schnell hinauf. Er brummte mir noch etwas nach und ging dann seiner Wege.
Ich hätte weinen mögen vor Ärger und konnte doch nicht begreifen, was eigentlich vorgegangen war. Den ganzen Tag war ich wie verwirrt und wußte nicht, zu was ich mich entschließen sollte, um dieser ganzen Qual ein Ende zu machen und sie endlich loszuwerden. Tausendmal nahm ich mir vor, fortan vernünftiger zu sein, und tausendmal nahm mich die Angst doch wieder gefangen. Ich fühlte, daß ich diesen Menschen haßte, und war gleichzeitig in Verzweiflung über mich selbst. Ich wurde krank von der ewigen Aufregung und verlor alle Gewalt über mich. Ich ärgerte mich schließlich über alle, und verbrachte den ganzen langen Tag auf meinem Zimmer. Auch zu Alexandra Michailowna ging ich nicht. Sie kam selbst zu mir. Als sie mich erblickte, schrie sie fast auf. Ich war so bleich, daß ich, als ich in den Spiegel sah, vor mir selber erschrak. Alexandra Michailowna blieb eine ganze Stunde bei mir und ging mit mir um wie mit einem kranken Kinde.
Ihre Aufopferung und Liebe machten mich aber so traurig und ihre Zärtlichkeit war für mich so schwer zu ertragen und es war mir so qualvoll, sie anzusehen, daß ich sie bat, mich allein zu lassen. Sie verließ mich in großer Sorge um meinen Zustand. Endlich brach ich in Tränen aus und weinte wie in einem richtigen Weinkrampf. Danach wurde mir bedeutend leichter ...
... Leichter, weil ich mich entschlossen hatte, zu ihr zu gehen. Ich wollte vor ihr niederknien, ihr den Brief geben, den sie verloren hatte, und ihr alles gestehen: alle Qualen, die ich ausgestanden, meine Zweifel, und wollte sie mit der ganzen schrankenlosen Liebe, die in mir für sie glühte, umfangen, wollte ihr sagen, daß ich ihr Kind, ihr Freund sei, daß ich mein ganzes Herz vor ihr öffne, damit sie hineinschaue und sähe, wieviel glühende Liebe und unerschütterliches Vertrauen zu ihr in ihm waren. Mein Gott! Ich wußte, ich fühlte ja, daß ich die letzte war, der sie ihr Herz aufdecken konnte, doch um so eher, so schien es mir, wäre dann eine Rettung möglich, um so gewichtiger wäre dann mein Wort ... Ich erriet, ich begriff ihren Schmerz, wenn auch dunkel und unklar, und mein Herz bebte vor Entrüstung bei dem Gedanken, daß sie vor mir erröten könnte, sie vor meinem Richterstuhl ... „Du Arme, du Arme, du solltest jene Sünderin sein, für die du dich hältst?“ – das wollte ich ihr sagen, wenn ich vor ihr kniete. Mein Gerechtigkeitsgefühl empörte sich in mir, ich war meiner selbst nicht mehr mächtig. Ich weiß nicht, was ich noch alles gesagt hätte – erst später kam ich zur Besinnung, nachdem ein Zufall mich und sie vor dem Verderben bewahrt, indem er mich fast beim ersten Schritt zurückhielt. Entsetzen erfaßte mich. Hätte denn ihr zu Tode gequältes Herz überhaupt noch in neuer Hoffnung auferstehen können? Ich hätte sie nur auf der Stelle getötet!
Es geschah aber folgendes: Als ich auf dem Wege zu ihr gerade durch das vorletzte Zimmer vor ihrem Salon gehen wollte, trat plötzlich durch eine andere Tür in dasselbe Zimmer Pjotr Alexandrowitsch und ging, ohne mich zu bemerken, wenige Schritte vor mir gleichfalls zu ihr. Ich blieb wie gelähmt stehen; er war der Letzte, den ich in diesem Augenblick hätte sehen mögen. Ich wollte schon zurückkehren, doch plötzlich bannte mich die Neugier regungslos an den Fleck.
Er durchschritt das Zimmer, blieb einen Augenblick vor dem Spiegel stehen, ordnete mit der Hand das Haar, und mit einem Male – zu meiner sprachlosen Verwunderung – hörte ich ihn irgendeine muntere Melodie summen. Wie ein Blitz durchzuckte eine dunkle, ferne Erinnerung aus den Kinderjahren mein Gedächtnis. Doch damit die seltsame Empfindung, die ich in diesem Augenblick hatte, verständlicher wird, will ich jene Erinnerung mitteilen. Noch im ersten Jahre meines Aufenthaltes in diesem Hause machte mich einmal eine gleichfalls zufällige Beobachtung ganz betroffen, die mir aber erst jetzt voll zu Bewußtsein kam, denn erst jetzt, erst in diesem Augenblick begriff ich die Ursache meiner unerklärlichen Abneigung gegen diesen Menschen! Ich erwähnte bereits, daß ich mich schon damals in seiner Gegenwart immer bedrückt fühlte. Auch habe ich bereits erzählt, was für einen Eindruck sein finsteres, bedrückendes Wesen auf mich machte, sein oft trauriges, geradezu gramvolles Gesicht; wie schwer es mir ums Herz war nach jenen Stunden, die wir zusammen am Teetischchen Alexandra Michailownas verbrachten, und dann – was für ein peinvolles Gefühl mein Herz erfüllte, als ich – was nur zwei- oder dreimal geschah – fast Zeugin war jener niederdrückenden, mir so ganz unklaren Szenen.
Es war in demselben Zimmer und um dieselbe Zeit, als er, ganz wie ich, zu Alexandra Michailowna ging. Mich erfaßte eine rein kindliche Scheu, als ich allein mit ihm zusammentraf, und ich versteckte mich gleichsam schuldbewußt im Winkel und betete, daß er mich nicht bemerken möge. Geradeso wie damals, blieb er vor dem Spiegel stehen und ich zuckte zusammen von einer unbestimmten, gar nicht kindlichen Empfindung: es schien mir, daß er sein Gesicht plötzlich verändere. Wenigstens hatte ich vorher, als er zum Spiegel trat, deutlich ein Lächeln in seinem Gesicht gesehen – ein Lächeln, während ich ihn früher noch niemals lächeln gesehen hatte, denn (ich erinnere mich, das machte mich noch am meisten betroffen) – er lachte nie in Alexandra Michailownas Gegenwart. Und nun plötzlich, kaum daß er einen Blick in den Spiegel geworfen, veränderte sich sein ganzes Gesicht: das Lächeln verschwand wie auf Befehl und an seine Stelle trat der Ausdruck eines unsäglich bitteren Gefühls, das sich anscheinend mit Gewalt aus dem Herzen drängte, eines Gefühls, das zu verbergen scheinbar nicht mehr in menschlicher Macht stand, wie groß auch immer jeder edelmütige Versuch dazu sein mochte, und es zuckte um seine Lippen – ein anscheinend konvulsivischer Schmerz ließ seine Stirn sich runzeln und zog die Brauen zusammen. Der Blick verbarg sich düster hinter den Brillengläsern – kurz, sein Gesicht wurde wie auf Kommando zum Gesicht eines ganz anderen Menschen. Ich erinnere mich, daß ich, als ohnehin ängstliches Kind, vor Furcht erzitterte, vor Furcht, das zu begreifen, das ganz zu erfassen und zu durchschauen, was ich sah, und seit jenem Augenblick saß die bedrückende, unangenehme Empfindung unausrottbar in meinem Herzen. Und nach dem Blick in den Spiegel senkte er den Kopf, nahm eine müdere Haltung an, jene, in der er gewöhnlich bei Alexandra Michailowna erschien, und ging leise in ihr Boudoir. Diese Erinnerung war es, die mich nun plötzlich wie ein Blitz durchzuckte.
Auch jetzt glaubte er, ganz wie damals, daß er allein im Zimmer sei und blieb vor demselben Spiegel stehen. Ganz wie damals stand ich dort, von ihm unbemerkt, mit einem feindseligen unangenehmen Gefühl. Als ich ihn aber dieses Liedchen summen hörte (ein Lied von ihm, von dem man alles eher als das hätte erwarten können!) und vor Überraschung wie gelähmt stehenblieb, als mir in diesem Augenblicke blitzartig die Ähnlichkeit mit dem einen von mir als Kind erlebten Augenblick einfiel – da, ich kann es nicht wiedergeben, was für eine Empfindung mir plötzlich messerscharf ins Herz schnitt. Alle meine Nerven zuckten davon zusammen und als Antwort auf dieses unglückselige Liedchen brach ich in ein solches Gelächter aus, daß der arme Sänger mit einem Aufschrei zwei Schritte weit vom Spiegel fortsprang und, bleich wie der Tod, wie ein schmachvoll auf frischer Tat ertappter Verbrecher, mich ansah, außer sich vor Schreck, vor Verblüffung und vor Wut. Sein Blick reizte mich krankhaft und ich antwortete auf ihn mit nervenschüttelndem, unersättlichem Lachen – ihm gerade ins Gesicht. Dann ging ich lachend an ihm vorüber und trat, ohne mit dem Lachen aufzuhören, bei Alexandra Michailowna ein. Ich wußte, daß er hinter der Portiere stand, daß er vielleicht unschlüssig war, ob er gleichfalls eintreten sollte oder nicht, daß Wut und Feigheit ihn an den Fleck bannten, wo er stand – und mit einer seltsam gereizten, herausfordernden Ungeduld erwartete ich, wozu er sich entschließen werde. Ich hätte wetten können, daß er nicht eintreten werde, und ich hätte meine Wette gewonnen. Er kam erst nach einer halben Stunde. Alexandra Michailowna sah mich lange Zeit mit größter Verwunderung an, doch sie fragte mich vergeblich nach der Ursache meiner Erregung. Ich konnte nicht antworten, ich war zu atemlos. Endlich begriff sie, daß ich einen Nervenanfall gehabt hatte, und ihre Augen folgten mir beunruhigt. Als ich mich etwas erholt hatte, erfaßte ich ihre Hände und bedeckte sie mit Küssen. Jetzt erst besann ich mich und jetzt erst sagte ich mir, daß ich sie getötet hätte, wenn das zufällige Zusammentreffen mit ihrem Mann nicht gewesen wäre. Ich sah sie an, als sähe ich in ihr eine Auferstandene.
Pjotr Alexandrowitsch trat herein.
Ich blickte flüchtig zu ihm hin: er sah aus, als sei nichts geschehen, also düster und verschlossen wie gewöhnlich. Es fiel mir nur auf, daß er sehr bleich war und ich sah seine Mundwinkel zucken: da erriet ich, daß er seine Erregung nur mit Mühe verbarg. Kühl grüßte er Alexandra Michailowna und setzte sich schweigend auf seinen Platz. Seine Hand zitterte ein wenig, als er die Tasse in Empfang nahm. Ich erwartete einen Zornesausbruch und eine stumme Angst erfaßte mich. Ich wollte schon hinausgehen, konnte mich aber nicht entschließen, Alexandra Michailowna, deren Gesicht sich beim Anblick ihres Mannes verändert hatte, zu verlassen. Sie hatte gleichfalls ein Vorgefühl, das ihr nichts Gutes verhieß. Und das, was ich mit solcher Angst erwartete, geschah denn auch endlich.
Inmitten des tiefsten Schweigens sah ich auf und mein Blick begegnete den Brillengläsern Pjotr Alexandrowitschs, die geradeaus auf mich gerichtet waren. Das war so überraschend, weil so ungewohnt, daß ich zusammenzuckte, fast einen Schrei ausstieß, und die Augen niederschlug. Alexandra Michailowna bemerkte meinen Schreck.
„Was ist mit Ihnen? Warum erröten Sie?“ fragte Pjotr Alexandrowitsch schroff und fast grob.
Ich schwieg; mein Herz klopfte so stark, daß ich kein Wort hätte hervorbringen können.
„Weshalb ist sie errötet? Weshalb errötet sie immer?“ fragte er, sich an Alexandra Michailowna wendend, indem er frech auf mich wies.
Mein Unwille benahm mir den Atem. Ich warf einen flehenden Blick Alexandra Michailowna zu. Sie verstand mich. In ihre bleichen Wangen stieg edle Röte.
„Annjeta,“ sagte sie zu mir mit so fester Stimme, wie ich sie von ihr unter keinen Umständen erwartet hatte, „geh auf dein Zimmer, ich werde sogleich zu dir kommen; den Abend werden wir zusammen verbringen ...“
„Ich frage Sie, haben Sie mich gehört oder nicht?“ unterbrach Pjotr Alexandrowitsch mit erhobener Stimme, als höre er gar nicht, was seine Frau sagte. „Weshalb erröten Sie, wenn Sie mir begegnen? Antworten Sie!“
„Weil Sie sie erröten machen und mich gleichfalls,“ antwortete statt meiner Alexandra Michailowna, vor Aufregung stockend.
Ich blickte erstaunt zu ihr auf. Die Schärfe ihrer Entgegnung schon gleich zu Anfang war mir ganz unverständlich.
„Ich mache Sie erröten, ich?“ fragte Pjotr Alexandrowitsch, wie es schien auch über alle Maßen erstaunt und das „Ich“ stark betonend. „Für mich sind Sie errötet? Ja kann ich denn überhaupt Sie für mich erröten machen? An wem ist es, an mir oder an Ihnen, zu erröten, was meinen Sie?“
Diese Frage war so deutlich, auch für mich, und mit so gehässigem beißenden Spott gesagt, daß ich vor Entsetzen aufschrie und zu Alexandra Michailowna stürzte. Überraschung, Schmerz, Vorwurf und Entsetzen sprachen aus ihrem todbleichen Gesicht. Ich blickte flehend auf Pjotr Alexandrowitsch und faltete die Hände, um ihn zu beschwören. Wie es schien, war er selber etwas erschrocken, doch die Wut, die ihm diese Worte entrissen, war noch nicht vergangen. Aber meine stumme Bitte schien ihn doch einigermaßen zu verwirren. Meine Geste mußte verraten, daß ich schon vieles von dem wußte, was zwischen ihnen ein Geheimnis gewesen war und daß ich den Sinn seiner Worte sehr gut verstanden hatte.
„Annjeta, geh auf dein Zimmer,“ wiederholte Alexandra Michailowna mit schwacher, jedoch fester Stimme und sie erhob sich vom Stuhl, „ich habe dringend mit Pjotr Alexandrowitsch zu sprechen ...“
Sie war anscheinend ruhig; doch diese Ruhe beängstigte mich mehr als jede Aufregung es vermocht hätte. Ich stand, als habe ich ihre Worte nicht gehört, und rührte mich nicht vom Fleck. Ich sah sie an und versuchte mit Anspannung aller Kräfte aus ihrem Gesicht zu erraten, was in ihrer Seele vorging. Es schien mir, daß sie weder meinen Ausruf, noch meine Geste richtig verstanden hatte.
„Da sehen Sie jetzt Ihr Werk!“ sagte Pjotr Alexandrowitsch, auf seine Frau weisend.
Mein Gott! Noch niemals hatte ich eine solche Verzweiflung gesehen, wie ich sie jetzt in diesem vor Gram todmüden, gleichsam erstorbenen Gesicht, sah. Er faßte mich am Handgelenk und führte mich zur Tür. Im Hinausgehen blickte ich mich noch einmal nach ihnen um. Alexandra Michailowna stand am Kamin, die Ellenbogen aufgestützt, den Kopf zwischen beiden Händen, mit denen sie ihn krampfhaft zusammenpreßte. Die ganze Stellung ihres Körpers drückte unerträgliche Qual aus. Ich griff nach Pjotr Alexandrowitschs Hand und drückte sie flehend.
„Um Gottes willen! Um Gottes willen!“ flüsterte ich stockend, „haben Sie Erbarmen mit ihr!“
„Fürchten Sie sich nicht, fürchten Sie sich nicht!“ sagte er und sah mich dabei eigentümlich an. „Das ist nichts, nur ein Anfall. Gehen Sie, gehen Sie.“
In meinem Zimmer warf ich mich auf das Sofa und vergrub das Gesicht in den Händen. Ganze drei Stunden verblieb ich in dieser Stellung und in der Zeit stand ich Höllenqualen aus. Schließlich konnte ich mich doch nicht mehr bezwingen und ließ fragen, ob ich zu Alexandra Michailowna kommen dürfe. Die Antwort brachte mir Madame Léotard. Pjotr Alexandrowitsch ließ mir durch sie sagen, daß der Anfall überstanden und eine Gefahr nicht vorhanden sei, doch bedürfe sie noch der Ruhe. Ich blieb aber trotzdem bis drei Uhr nachts auf und ging ruhelos in meinem Zimmer hin und her. Meine Gedanken arbeiteten. Ich befand mich in einer Lage, die mir rätselhafter als jemals war, aber ich fühlte mich gewissermaßen ruhiger – vielleicht deshalb, weil ich mich am schuldigsten von allen fühlte. In ungeduldiger Erwartung des nächsten Morgens ging ich zu Bett.
Am anderen Tage bemerkte ich zu meinem großen Kummer eine mir unerklärliche Kälte im Wesen Alexandra Michailownas. Zuerst glaubte ich, das sei nur deswegen, weil es ihrem reinen, vornehmen Herzen schwer werde, nach der Szene mit ihrem Mann, deren Zeugin ich gewesen war, mit mir zusammen zu sein. Ich wußte, daß dieses Kind imstande war, vor mir zu erröten und mich womöglich noch um Verzeihung zu bitten, weil diese unglückliche Szene meinem Herzen weh getan. Bald aber bemerkte ich an ihr so etwas wie eine bestimmte Sorge, wie einen Unwillen, der einen einzigen bestimmten Grund zu haben schien und sich nun in verschiedenen Formen äußerte: bald antwortete sie trocken und kühl, bald klang aus ihren Worten ein gewisser Doppelsinn, als wolle sie etwas Besonderes andeuten; dann wurde sie wiederum sehr lieb und gut zu mir, als bereue sie diese Schroffheit und Kälte, die ihr Herz ja doch nicht lange für mich empfinden konnte, und ihre freundlichen leisen Worte suchten den Eindruck zu verwischen und verrieten, daß ihre Unfreundlichkeit ihr von Herzen leid tat. Schließlich fragte ich sie ganz offen, was mit ihr sei und ob sie mir vielleicht etwas zu sagen habe. Meine plötzliche schnelle Frage verwirrte sie ein wenig, doch sofort sah sie wieder auf, sah mich mit großen, stillen Augen und einem zarten Lächeln an und fragte mich:
„Nichts, Njetotschka; nur, weißt du, als du mich so plötzlich fragtest, da geriet ich in Verwirrung. Aber das geschah nur deshalb, weil es so plötzlich kam ... ich versichere dir. Doch höre, sage mir die Wahrheit, mein Kind: hast du nicht so etwas auf dem Herzen, wovon du ebenso verwirrt werden könntest, wenn man dich ebenso plötzlich und unerwartet danach fragen würde?“