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Sämtliche Werke 20

Eine dumme Geschichte. (continued 2)

E. K. Rahsin translation

Pseldonimoff schwieg, er hatte sich entschlossen. Man nahm ihn und seine Mutter bereits vor der Hochzeit ins Haus, wusch und kleidete sie und gab ihnen Geld. Der Alte protegierte sie vielleicht nur darum, weil die ganze Familie sich über sie ärgerte. Pseldonimoffs Mutter gefiel ihm sogar sehr und er enthielt sich ihr gegenüber jeglicher Gemeinheiten. Übrigens, ihrem Sohn befahl er alsbald, vor ihm den Kasatschock zu tanzen. „Nun, genug, ich wollte nur sehn, ob Du Dich mir gegenüber vergessen wirst,“ sagte er, nachdem er sich am Tanzen sattgesehen hatte. Geld zur Hochzeit gab er wie es sich gehörte und er lud sogar alle seine Verwandten und Bekannten ein. Von Seiten Pseldonimoffs waren der Mitarbeiter des „Feuerbrandes“ und Akim Petrowitsch Subikoff die Ehrengäste. Pseldonimoff wußte es sehr gut, daß seine Braut für ihn nur Widerwillen empfand und daß sie den langen Leutnant heiraten wollte, nicht aber ihn. Er ließ jedoch alles über sich ergehn, – das hatte er mit der Mutter so verabredet. Den ganzen Tag über und selbst am Hochzeitsabend noch hatte der Alte mit den gemeinsten Worten geschimpft und wieder gehörig getrunken. Die ganze Familie hatte sich des Festes wegen in die hinteren Zimmer zurückgezogen, wo es bis zum Ersticken heiß und eng war. Die vorderen Zimmer dagegen waren zum Tanz und Festessen bestimmt. Endlich, als der Alte vollständig betrunken einschlief, ungefähr um elf Uhr Abends, entschloß sich die Mutter der Braut, die sich diesen Tag ganz besonders schlecht zur Mutter Pseldonimoffs verhalten hatte, den Ärger in Güte zu verwandeln und sich am Fest zu beteiligen. Das Erscheinen seiner Exzellenz verdarb aber alles. Frau Mlekopitajeff verlor die Fassung, fühlte sich beleidigt und schimpfte, warum man es ihr nicht gesagt, daß man seine Exzellenz eingeladen hatte. Man versicherte ihr, daß er von selbst, uneingeladen gekommen wäre – sie aber war so dumm, daß sie es nicht glauben wollte. Man mußte Champagner reichen. Bei der Mutter fand sich noch ein Rubel Silber, Pseldonimoff selbst aber hatte keine Kopeke mehr. Man mußte also die alte wütende Mlekopitajeff anflehen, Geld für die eine und dann noch für die zweite Flasche zu geben. Man hielt ihr die Zukunft, die Karriere ihres Schwiegersohnes vor, die man durch solche Verbindungen machen könnte und sie gab denn auch zu guter Letzt von ihrem eigenen Gelde, doch mußte Pseldonimoff einen so bitteren Kelch dabei leeren, daß er wie wahnsinnig ins Zimmer lief, wo das Ehebett schon bereitet war, und sich mit beiden Händen sein Haar raufte und seinen Kopf in die schönen Kissen preßte, die doch nur zu paradiesischen Genüssen bestimmt waren, und vor ohnmächtiger Wut am ganzen Körper zitterte. Ja, Exzellenz ahnte es nicht, was diese zwei Flaschen Sekt, die er am Abend getrunken, gekostet hatten! Wie groß aber war das Entsetzen Pseldonimoffs, sein Kummer und seine Verzweiflung, als es mit seiner Exzellenz auf solche Weise endete! Wieder standen ihm die größten Sorgen bevor und die ganze Nacht über mußte er den Tränen seiner kapriziösen jungen Frau und den Vorwürfen der dummen Verwandten Widerstand leisten. Ihn schmerzte schon sowieso der Kopf und es wurde ihm schwarz vor den Augen. Aber man mußte doch seiner Exzellenz zu Hilfe eilen, mußte ihm doch um drei Uhr morgens einen Arzt und einen festen Wagen suchen, denn auf einem kleinen offenen Schlitten konnte man solch eine Persönlichkeit und in solch einem Zustande nicht nach Hause bringen. Und woher das Geld für den Wagen nehmen? Die Mlekopitajeff, die darüber wütend war, daß der „General“ ihr nicht ein Wort gesagt noch sie bei Tisch angesehen hatte, erklärte einfach, sie hätte keine Kopeke mehr. Vielleicht hatte sie auch wirklich keine mehr. Wo also sollte man das Geld hernehmen? Was sollte man machen? Ja, es war genug Grund vorhanden, sich die Haare zu raufen.

Vorläufig hob man seine Exzellenz auf ein kleines Ledersofa, das im Speisezimmer stand, und während man im Zimmer Ordnung schaffte und alles abräumte, lief Pseldonimoff vom Einen zum Andern, um Geld aufzutreiben. Zuerst versuchte er es bei der Magd, doch stellte es sich heraus, daß niemand welches hatte. Er wagte es sogar Akim Petrowitsch Subikoff, der noch nicht fortgegangen war, zu beunruhigen. Der aber geriet in solch eine Verwirrung, wenn er auch sonst ein guter Mensch war, und erschrak dermaßen, als von Geld die Rede war, daß er den unglaublichsten Unsinn zusammensprach:

„Ein anderes Mal werde ich mit Vergnügen,“ murmelte er, „... aber jetzt ... wirklich, entschuldigen Sie mich ...“

Er nahm seine Mütze und lief so schnell als möglich zum Hause hinaus. Schließlich blieb nur noch der gutmütige Jüngling übrig, der von dem Traumbuch erzählt hatte. Auch er war länger zurückgeblieben und nahm an dem Unglück Pseldonimoffs herzlichen Anteil. Alle drei beschlossen sie, nicht mehr nach dem Doktor, sondern nur nach einem Wagen zu schicken, um den Kranken in seine Wohnung überzuführen, sonst aber an ihm Hausmittel anzuwenden: die Schläfen und den Kopf mit kaltem Wasser abzureiben, Eiskompressen zu machen und Ähnliches. Das übernahm die Mutter Pseldonimoffs. Der Jüngling aber lief davon, um den Wagen zu besorgen. Da aber auf der Petersburger Seite um diese Zeit nicht einmal Schlitten zu finden waren, so mußte er sich auf einen weit entfernten Droschkenhof begeben und dort erst die Kutscher aufwecken. Man handelte und sprach noch lange hin und her, daß fünf Rubel zu solch einer Stunde für einen geschlossenen Wagen zu wenig wären. Indessen kam man doch mit drei Rubeln überein. Als aber der Jüngling um vier Uhr morgens mit dem Wagen bei Pseldonimoff vorfuhr, hatten sie ihren Entschluß schon längst geändert. Es erwies sich, daß Herr Pralinski, der noch immer nicht zu sich kam, so schwer erkrankt war, so ächzte und stöhnte und sich hin und her warf, daß es einfach unmöglich und viel zu gewagt schien, ihn in solch einem Zustande nach Hause zu fahren.

„Was wird aus alledem noch werden?“ rief Pseldonimoff immer wieder fassungslos.

Was sollte man tun? Es stellte sich jetzt eine neue Frage: wenn man ihn nun einmal im Hause behalten mußte, wo sollte man ihn dann betten? Im ganzen Hause waren nur zwei Betten: ein großes zweischläfriges Bett, in dem der alte Mlekopitajeff und seine Frau schliefen, und das neugekaufte zweischläfrige Bett, das für die Neuvermählten bestimmt war. Alle anderen Einwohner oder richtiger Einwohnerinnen des Hauses schliefen auf dem Fußboden, d. h. auf Matratzen, die meistens sehr zerrissen waren, aber auch diese waren alle besetzt. Wohin sollte man den Kranken legen? Ein Federbett würde sich zur Not noch haben finden lassen, man hätte es im äußersten Falle unter irgend einer Schläferin hervorgezogen, aber wo und worauf sollte man ihn betten? Im Saal natürlich, da es das entlegenste Zimmer war, von dem Familiennest etwas weiter entfernt lag und einen besonderen Ausgang hatte. Aber worauf betten? Doch nicht etwa auf Stühlen? Bekanntlich wird den Gymnasiasten, wenn sie am Sonnabend Abend aus der Schule zum Sonntag nach Hause kommen, auf Stühlen eine Schlafstelle bereitet, – aber solch einer Persönlichkeit gegenüber wäre das ja einfach unerhört respektlos gewesen. Was würde er am nächsten Morgen sagen, wenn er sich auf Stühlen gebettet fände? Pseldonimoff wollte davon überhaupt nichts hören. Es blieb nur eines übrig: ihn auf das Bett der Neuvermählten zu bringen. Dieses Brautlager war, wie ich schon erwähnte, in einem kleinen Raum neben dem Speisezimmer hergerichtet. Auf dem Bett war eine neue zweischläfrige Matratze, reine Wäsche, vier Kissen aus rosa Kaliko mit weißen Musselinschleiern, die mit Rüschen besetzt waren. Die rosa Atlasdecke war mit Mustern bestickt. Aus einem goldenen Ring hingen Musselin-Bettvorhänge von oben herab. Mit einem Wort, es war wie es sein mußte, und die Gäste, die sich fast alle das Brautgemach angesehn hatten, waren von der Einrichtung sehr entzückt gewesen. Die Braut aber lief während des Abends, obgleich sie Pseldonimoff nicht leiden konnte, einige Mal hierher, um es sich anzusehn. Man kann sich denken, wie groß ihr Unwille, ihre Wut war, als sie erfuhr, daß man auf ihrem Brautbett den Kranken, der vielleicht sogar an der Cholera erkrankt war, betten wollte! Auch ihre Mutter trat für sie ein, schimpfte gehörig und versprach am anderen Tage sich bei ihrem Manne zu beklagen: aber Pseldonimoff blieb dabei und bestand darauf: Exzellenz wurde aufs Bett gebracht und den Neuvermählten bereitete man im Gastzimmer ein Lager auf Stühlen. Die Neuvermählte weinte, war bereit, alle zu kneifen, wagte aber doch nicht zu widersprechen: sie wußte, daß Papachen einen Krückstock hatte, und der war ihr nur zu gut bekannt, und sie wußte gleichfalls, daß Papachen am nächsten Tage Rapport verlangen würde. Zu ihrer Beruhigung brachte man ihr noch die rosa Decke und die Kissen mit den Musselinbezügen. In demselben Augenblick kam der Jüngling mit dem Wagen an, und als er erfuhr, daß der Wagen nicht mehr nötig war, erschrak er furchtbar. Er mußte also den Wagen bezahlen, obgleich er in seinem ganzen Leben noch keine zehn Kopeken besessen hatte. Pseldonimoff erklärte sich für vollkommen bankerott. Man versuchte den Kutscher zu bereden, doch wollte der von alledem nichts wissen, er wütete nur und schrie. Womit das endete – weiß ich nicht genau. Ich glaube, der Jüngling begab sich sozusagen als Gefangener des Kutschers im Wagen in den Stadtteil Peski, wo er einen ihm bekannten Studenten, der bei Bekannten übernächtigte, aufzuwecken und anzupumpen gedachte. Es war schon fünf Uhr morgens, als man die Neuvermählten allein ließ und sie sich im Wohnzimmer einschlossen. Am Bette des Kranken blieb die alte Pseldonimoff. Sie wickelte sich in einen Pelz und legte sich auf den Teppich neben dem Bett, aber schlafen konnte sie nicht, denn sie war gezwungen, alle Augenblicke aufzustehn: Exzellenz litt an einem furchtbar verdorbenen Magen. Frau Pseldonimoff, eine tapfere und großmütige Frau, entkleidete ihn eigenhändig, pflegte ihn wie ihren eigenen Sohn und brachte die ganze Nacht über das nötige Geschirr hinaus und wieder zurück. Indessen hatten die peinlichen Überraschungen dieser Nacht noch lange nicht ihr Ende erreicht.

Es waren, seitdem man das junge Ehepaar allein gelassen hatte, noch keine zehn Minuten vergangen, als man plötzlich ein ohrenzerreißendes Geschrei hörte, keinen Schrei des Entzückens, nein, sondern ein sehr boshaftes Gekreisch. Nach dem Geschrei hörte man Lärm und Gepolter wie ein Fallen von Stühlen und im Augenblick stürzte völlig unerwartet in das dunkle Zimmer eine ganze Eskadron erschrockener und jammernder Frauen herein, die alle in den unmöglichsten Nachtkostümen staken. Diese Frauen waren: die Mutter der Jungen, deren ältere Schwester, die in diesem Moment selbst ihre drei kranken Kinder verlassen hatte, drei Tanten, darunter auch die eine mit der gebrochenen Rippe, ja sogar die Köchin war dabei, und auch die Deutsche, die so schöne Märchen erzählen konnte, und der man das einzige, was sie besaß, nämlich ihre Matratze, – die beste im ganzen Haus – unten weggezogen hatte, um sie dem jungen Paar zu geben, auch sie stürzte mit den Andern zusammen herein. Alle diese achtenswerten Frauen hatten sich schon seit einer Viertelstunde auf den Zehenspitzen herangeschlichen, um aus einer ganz unerklärlichen Neugier an der Tür zu lauschen. Man machte also sofort Licht und ihnen allen bot sich ein ganz unerwartetes Schauspiel. Die Stühle, von denen die breite Matratze nur an den Rändern gestützt worden war, hatten der doppelten Schwere nicht Widerstand leisten können und waren auseinander gerutscht, die Matratze war daher zwischen ihnen auf den Fußboden gesunken. Die junge Frau weinte vor Wut, dieses Mal war sie wirklich tief gekränkt. Moralisch vernichtet und wie ein Verbrecher stand der arme Pseldonimoff da – öffentlich der Gemeinheit überführt. Er vermochte nicht einmal sich zu verteidigen. Von allen Seiten hörte man Gekreisch und Geschrei. Auf diesen Lärm hin lief auch die Mutter Pseldonimoffs herbei, doch die Mutter der Neuvermählten behielt das Übergewicht. Sie überschüttete Pseldonimoff mit sonderbaren und ganz ungerechten Vorwürfen, wie: „Was bist Du denn nach alledem eigentlich für ein Mann! Wozu taugst Du denn überhaupt noch nach solch einem Skandal?“ und so weiter, nahm darauf ihre Tochter am Arm und führte sie fort, nachdem sie persönlich die Rechtfertigung dieser Handlung vor ihrem gefürchteten Manne auf sich genommen hatte. Ihr folgten kopfschüttelnd und klagend all die anderen Frauen. Nur die Mutter Pseldonimoffs verließ ihren Sohn nicht und versuchte ihn zu trösten. Aber er jagte auch sie hinaus.

Ihm war nicht nach Trost zu Mut. Er setzte sich, so wie er war, im Hemd und barfüßig, aufs Sofa und verfiel in trübes Sinnen. Gedanken durchkreuzten und verwirrten seinen Kopf. Ganz mechanisch sah er sich im Zimmer um, in welchem sich noch vor ein paar Stunden die Tanzenden gedreht hatten und wo in der Luft noch der Zigarettenrauch stand. Zigarettenstummel und Konfektpapier lagen auf dem begossenen und staubigen Fußboden umher. Das zerstörte Ehelager und die umgeworfenen Stühle zeugten von der Vergänglichkeit der besten und aufrichtigsten Erdenträume und Hoffnungen. So saß er eine ganze Stunde lang. Ihm gingen schwere Fragen durch den Kopf, zum Beispiel: was ihn jetzt im Dienst erwarten würde? Es war ihm schmerzlich einzusehn, daß er seine Stelle verlassen mußte, denn nach allem, was an diesem Abend geschehen war, konnte er unmöglich auf seinem Posten bleiben. Auch dachte er an Mlekopitajeff, der ihn vielleicht morgen schon wieder den Kasatschock tanzen lassen würde, um seine Bescheidenheit zu erproben. Fünfzig Rubel hatte er ihm zur Hochzeit gegeben, die waren aber bis auf die letzte Kopeke verausgabt worden, doch die vierhundert Rubel Mitgift auszuzahlen, daran dachte der Alte auch nicht einmal. Ja, auch von dem Besitz des Hauses hatte er keine formelle Bescheinigung. Dann dachte er noch an seine Frau, die ihn in der kritischsten Minute seines Lebens verlassen hatte und an den langen Offizier, der vor seiner Frau aufs Knie gesunken war, dachte dann an die sieben Teufel seiner Frau, auf die er von dem Schwiegervater selbst aufmerksam gemacht worden war ... Freilich fühlte er die Kraft in sich, Vieles ertragen zu können, aber das Schicksal brachte ihm solche Überraschungen, daß es wohl verständlich war, wenn er an den eigenen Kräften verzweifelte. So trauerte Pseldonimoff in der Unglücksnacht. Währenddessen brannte der Lichtstummel aus, sein flackernder Schein fiel gerade auf das Profil Pseldonimoffs und malte an die Wand in riesigen Dimensionen sein Schattenbild: seinen langen Hals, seine gebogene Nase und die zwei Haarbüschel am Kopf, den einen am Kopfwirbel, den anderen über der Stirn. Endlich beim ersten Morgengrauen, als es ihn fröstelte, legte er sich auf die Matratze, ohne das Licht auszulöschen, ohne etwas zu ordnen, ohne sich ein Kissen unter den Kopf zu schieben. Ihn überfiel ein bleierner Schlaf, wie ihn nur zum Tode Verurteilte am Tage vor der Hinrichtung zu haben pflegen.

Und andrerseits – womit hätte man diese qualvolle Nacht vergleichen können, die Herr Pralinski auf dem Brautbett des unglücklichen Pseldonimoff verbrachte! Die Kopfschmerzen, die Übelkeit mit allen ihren Folgen verließen ihn keinen Augenblick. Das waren Höllenqualen! Das Bewußtsein, wenn es für einen Moment in seinem Kopfe auftauchte, beleuchtete solche Abgründe des Entsetzens, so trübe und widerliche Bilder, daß es besser für ihn war, nicht zur Besinnung zu kommen. Übrigens drehte sich ihm alles im Kopf herum. Er erkannte, zum Beispiel, die Mutter Pseldonimoffs, hörte ihre tröstenden Beruhigungen, in der Art wie: „Halt aus, mein Täubchen, halt aus Väterchen, es kommt alles auf Gewohnheit an,“ er erkannte und hörte sie, konnte sich aber doch keine logische Rechenschaft geben über ihre Anwesenheit. Unangenehme Bilder verfolgten ihn; am häufigsten erschien ihm Ssemjon Iwanowitsch Schipulenko; strengte er sich aber an, ihn sich näher anzusehn, so war es wiederum nicht Ssemjon Iwanowitsch Schipulenko, sondern die Nase Pseldonimoffs. Auch tauchten vor ihm der freie Künstler, der Offizier und die Alte mit der verbundenen Backe auf. Aber am meisten beschäftigte ihn der goldene Ring, der über seinem Kopfe hing und an dem die Vorhänge befestigt waren. Er sah den Ring ganz genau bei dem kargen Schein des Lichtendchens, das nur trübe das Zimmer beleuchtete, und strengte sich an zu denken: wozu dieser Ring dient, warum er hier hängt und was er bedeutet? Er fragte sogar einige Mal die Alte danach, doch konnte er sich augenscheinlich nicht deutlich genug ausdrücken, denn wie er sich auch anstrengte, die Alte verstand ihn nicht. Erst gegen Morgen hörten die Anfälle auf und er schlief fest und traumlos ein. So schlief er ungefähr eine Stunde und als er schließlich erwachte, war er bei voller Besinnung, fühlte aber nur einen unerträglichen Kopfschmerz und seine Zunge schien sich in ein Stück Tuch von schlechtestem Geschmack verwandelt zu haben. Er erhob sich ein wenig, blickte sich um und dachte nach. Das bleiche Licht des Morgens stahl sich als heller Streifen durch die Ritze der Fensterläden und erzitterte an der Wand. Es war ungefähr sieben Uhr morgens. Als er sich aber plötzlich alles dessen erinnerte, was mit ihm am Abend vorher geschehn war, als er sich aller Einzelheiten beim Abendessen erinnerte, seiner fehlgeschlagenen Eroberung, seiner Rede bei Tisch, und sich plötzlich mit der erschreckendsten Klarheit alle Folgen, die sich daraus für ihn ergeben würden und was man über ihn denken würde, vorstellte, als er sich umblickte und gewahr wurde, in welch einen traurigen und ekelhaften Zustand er das friedliche Ehelager seines Untergebenen gebracht hatte – oh, da überfiel ihn solch eine Scham, da fühlte er solche Qualen, daß er sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte und sich verzweifelt in die Kissen warf. Aber sofort richtete er sich wieder auf, sprang aus dem Bett, ergriff seine Kleider, die schon gereinigt und gesäubert neben ihm auf dem Stuhle lagen, und zog sie so eilig an, als ob er irgend jemandem entfliehen wollte. Dort auf dem anderen Stuhle lagen auch sein Pelz, seine Mütze, und in der Mütze seine gelben Handschuh. So wollte er leise verschwinden, als sich plötzlich die Tür öffnete und die alte Pseldonimowa mit einer tönernen Waschschale und mit einem reinen Handtuch über der Schulter eintrat. Sie stellte die Schüssel hin und erklärte ruhig und ohne Umschweife, daß er sich waschen müsse.

„Wie denn, Väterchen, wasche Dich doch, es geht nicht so, man muß sich zuerst waschen ...“

Und in diesem Augenblick fühlte er plötzlich, daß, wenn es auf der Welt ein Wesen gab, vor dem er sich weder zu schämen noch zu fürchten brauchte, es diese alte Frau war. Er wusch sich. Lange noch nachher erinnerte er sich in den schweren Minuten seines Lebens dieser ganzen Situation, der tönernen Waschschüssel mit dem kalten Wasser, in dem noch Eisstückchen schwammen, und der Seife im rosa Papier mit erhabenen Buchstaben, die fünfzehn Kopeken kostete und für die Neuvermählten gekauft worden war und an deren Stelle er sich nun ihrer bediente, „der Alten“ mit dem gewürfelten Handtuch auf der linken Schulter. Das kalte Wasser erfrischte ihn; er trocknete sich ab, sagte kein Wort, dankte nicht einmal seiner barmherzigen Schwester, ergriff die Mütze, nahm seinen Pelz, den sie ihm reichte, um die Schultern und lief durch den Korridor, durch die Küche, wo die Katze sich streckte und miaute und die Köchin ihm in gieriger Neugier nachglotzte, lief auf den Hof, auf die Straße und warf sich in den ersten Schlitten, den er erblickte. Der Morgen war kalt und frostig, ein gelber Nebel hüllte alles ein. Herr Pralinski schlug seinen Pelzkragen auf. Es schien ihm, daß alle ihn ansahen, alle ihn kannten und alle alles wußten.

Acht Tage ging er nicht von Hause, acht Tage erschien er nicht in seiner Kanzlei. Er war krank, qualvoll krank, – aber doch mehr moralisch, als physisch. Diese acht Tage durchlebte er wie in der Hölle, und es ist anzunehmen, daß sie ihm im Jenseits angerechnet werden. Es gab Minuten, da er glaubte, er müsse Mönch werden. Seine Phantasie entwickelte sich ganz außerordentlich nach dieser Seite hin. Er sah sich bereits in der einsamen Zelle, hörte unterirdische Gesänge, sah geöffnete Gräber, grüne Wiesen und Gefilde; aber sobald er wieder zu sich kam, erkannte er sofort, daß das doch nur der schrecklichste Unsinn wäre, Mönch zu werden, und dann schämte er sich seiner Phantasie. Darauf bekam er moralische Anfälle, die sich aus seiner vermeintlichen existence manquée ergaben. Dann flammte wieder die Scham in seiner Seele auf und verbrannte und zerstörte alles, was in ihr war. Er erzitterte bei der Vorstellung verschiedener Bilder: was man von ihm sagen wird, was man von ihm denken wird, wie er in die Kanzlei gehen wird, welch ein Geflüster ihn verfolgen wird, das ganze Jahr, zehn Jahre lang, sein ganzes Leben lang. Die Geschichte wird sich noch in seiner Nachkommenschaft fortpflanzen! Er verfiel sogar von Zeit zu Zeit in solch einen Kleinmut, daß er bereit gewesen wäre, zu Semjon Iwanowitsch Schipulenko zu fahren und ihn um seine Verzeihung und Freundschaft zu bitten. Sich selbst verteidigte er überhaupt nicht mehr, er gab sich vollständig auf.

Auch dachte er daran, seinen Abschied einzureichen und so in der Einsamkeit sich dem Glücke der Menschheit zu widmen. Jedenfalls war es unbedingt nötig, mit allen früheren Bekannten zu brechen und jegliche Erinnerung an sich auszulöschen. Darauf schien es ihm wieder, daß auch das ein Unsinn wäre und daß man durch verstärkte Strenge zu den Untergebenen die ganze Sache wieder retten könnte. Von dem Augenblick an faßte er wieder Mut und so fing er denn wieder zu hoffen an. Endlich, nach Verlauf von zehn Tagen der größten Zweifel und Qualen fühlte er, daß er die Ungewißheit nicht länger ertragen konnte und beschloß daher un beau matin wieder in die Kanzlei zu gehn.

In seiner Verzweiflung hatte er sich wenigstens tausendmal vorgestellt, wie es sein würde, wenn er in die Kanzlei tritt. Mit Entsetzen überzeugte er sich, daß er durchaus ein zweideutiges Geräusch hören, zweideutige Gesichter und auf ihnen ein zweideutiges Lächeln bemerken wird. Wie groß war daher sein Erstaunen, als in Wirklichkeit von alledem nichts geschah. Man empfing ihn ehrerbietig; man grüßte ihn, alle waren ernst und alle waren beschäftigt. Freude erfüllte sein Herz, als er in sein Kabinett eintrat.

Er erledigte sofort seine Arbeit, hörte aufmerksam allen Erklärungen und Berichten zu und traf verschiedene Bestimmungen. Er fühlte es, daß er noch nie so klug und so sachlich alles bestimmt und erledigt hatte, wie an diesem Morgen. Er sah es, daß man mit ihm zufrieden war, daß alle ihm ergeben waren, und daß man sich zu ihm ehrerbietig verhielt. Auch das allergrößte Mißtrauen hätte nichts anderes bemerken können. Die Sache ging also großartig.

Schließlich erschien auch Akim Petrowitsch Subikoff mit irgend welchen Papieren. Bei seinem Erscheinen stach Herrn Pralinski etwas ins Herz, aber nur auf einen Augenblick. Er beschäftigte sich mit Akim Petrowitsch, zeigte und erklärte ihm, was er zu tun hatte. Er bemerkte nur, daß er es vermied, ihm längere Zeit in die Augen zu sehn oder daß vielmehr Akim Petrowitsch es vermied, ihn anzusehn. Und als die Sache erledigt war, stand Akim Petrowitsch auf und suchte seine Papiere zusammen.

„Und dann ist hier noch ein Gesuch,“ begann er so trocken als möglich, „des Beamten Pseldonimoff; er bittet um seine Überführung in die ... Kanzlei ... Seine Exzellenz Semjon Iwanowitsch Schipulenko haben ihm eine Stelle versprochen. Er bittet Exzellenz um eine gütige Fürsprache.“

„Also er geht über,“ sagte Exzellenz und fühlte dabei, wie ihm etwas Schweres vom Herzen genommen wurde. Er sah auf, und in dem Augenblick begegneten sich ihre Blicke.

„Nun, ich meinerseits ... ich werde ... ich bin bereit ...“ antwortete er.

Akim Petrowitsch wollte augenscheinlich so schnell als möglich verschwinden. Exzellenz jedoch entschloß sich plötzlich – in einem Anfall von Edelmut – sich darüber auszusprechen. Ihn überfiel wieder eine gewisse Begeisterung.

„Übergeben Sie ihm,“ begann er, wobei er einen hellen und bedeutungsvollen Blick auf Akim Petrowitsch richtete, „übergeben Sie ihm, daß ich ihm nichts Böses nachtrage, ja, nichts Böses! ... Daß ich, im Gegenteil, bereit bin, alles Gewesene zu vergessen, alles, alles ...“

Aber plötzlich erstarrte Exzellenz förmlich, als er zu seinem Erstaunen das sonderbare Betragen Akim Petrowitschs bemerkte, der sich, unbekannt warum, aus einem vernünftigen Menschen in einen Dummkopf verwandelte. Anstatt nun aufmerksam zuzuhören, was er ihm sagte, errötete er über und über, verbeugte sich eilig mit kleinen Bücklingen und zog sich ängstlich zur Tür zurück. Sein ganzes Aussehn verriet, daß er den Wunsch hatte, in die Erde zu versinken, oder besser gesagt, sich an seinen Tisch zurückzuziehen. Herr Pralinski, der allein blieb, erhob sich in der Verwirrung vom Stuhl. Er blickte zwar in den Spiegel, doch tat er es, ohne sich dabei zu sehn.

„Nein, Strenge, Strenge, nur Strenge!“ flüsterte er sich selbst unbewußt zu, und plötzlich bedeckte heiße Röte sein Gesicht. Er schämte sich dermaßen, wie er sich nicht einmal in den schrecklichsten Minuten seiner achttägigen Krankheit geschämt hatte. „Konnte nicht aushalten!“ sagte er sich und sank kraftlos auf seinen Stuhl zurück.

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