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Sämtliche Werke 20

Die Kleine. (continued 2)

E. K. Rahsin translation

„Was ist das für ein Löffelvoll!?“ soll ich plötzlich wütend aufgeschrien haben. Man sagt, ich habe die Hände erhoben und mich auf ihn gestürzt ...

Oh Wahnsinn! Mißverständnis! Unmöglichkeit! Unmöglichkeit!

IV. Im ganzen nur fünf Minuten zu spät.

Etwa nicht? Ist denn das wahrscheinlich? Kann man denn sagen, das wäre möglich? Wozu, warum starb diese Frau?

Ach, glauben Sie mir, ich verstehe es vollkommen, doch wozu ist sie gestorben – das bleibt immer noch eine Frage. Meine Liebe hat sie erschreckt, sie hat sich gewissenhaft gefragt: soll ich sie annehmen oder soll ich nicht, und hat die Frage nicht ertragen und ist lieber in den Tod gegangen. Ich weiß, ich weiß, es hat keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen: sie hatte zu viel versprochen, sie erschrak, fürchtete, daß sie es nicht würde halten können, – es ist doch klar. Hier gibt es ganz furchtbare Gründe ...

Aber wozu ist sie gestorben? – das bleibt immerhin die Frage. Diese Frage klopft, klopft in meinem Hirn, klopft, klopft ... Ich hätte sie doch einfach so in Ruh gelassen, wenn sie gewollt hätte, daß es einfach so bliebe. Sie aber konnte nicht daran glauben, das war’s! Nein nein, ich lüge, gar nicht das war’s. Einfach, weil man mit mir ehrlich sein mußte: lieben, dann auch ganz lieben, nicht aber so, wie sie den Kaufmann geliebt hätte. Da sie aber zu keusch war, zu rein, um sich mit solch einer Liebe, wie sie der Kaufmann braucht, abzufinden, so wollte sie mich nicht betrügen. Wollte mich nicht mit einer Halb-Liebe unter dem Anschein der Liebe betrügen oder mit einer Viertel-Liebe. Solche sind schon allzu ehrlich, das ist’s! Hochherzigkeit hatte ich ihr einimpfen wollen, wissen Sie noch? Sonderbarer Gedanke.

Ungemein interessant wäre doch zu wissen, ob sie mich überhaupt geachtet hat? Ich weiß nicht, hat sie mich verachtet oder nicht? Ich glaube nicht, daß sie mich verachtet hat. Wie sonderbar: warum ist es mir kein einziges Mal in den Sinn gekommen, im ganzen langen Winter, daß sie mich verachtet? Ich war im höchsten Grade vom Gegenteil überzeugt bis zu demselben Augenblick, da sie mich damals plötzlich mit strenger Verwunderung anblickte. Gerade mit strenger. Da begriff ich denn mit einem Mal, daß sie mich verachtete. Begriff es unwiderruflich, auf ewig! Ach, gut, gut, möge sie mich verachten, meinetwegen das ganze Leben lang, aber – möge sie nur leben, leben! So kürzlich war es noch, daß sie hier herumging, sprach. Ich begreife wirklich nicht, wie sie sich aus dem Fenster gestürzt hat! Und wie hätte ich mir das nur fünf Minuten vorher denken können? Ich rief Lukerja. Oh, die Lukerja, die lasse ich jetzt auf keinen Fall fort, auf keinen Fall!

Wir hätten uns ja noch besprechen können, wir waren doch schon übereingekommen. Nur hatten wir uns im Winter so entwöhnt von einander, – aber hätten wir uns denn nicht wieder aneinander gewöhnen können? Warum, warum hätten wir nicht wieder eine Ehe führen und ein ganz neues Leben beginnen können? Ich bin großmütig und sie ist es gleichfalls – da hätten wir ja schon einen Einigungspunkt! Noch ein paar Worte, noch zwei Tage – nicht mehr, das hätte genügt, und sie würde alles begriffen haben.

Vor allen Dingen ist das kränkend, daß es nur ein Zufall war, – ein gewöhnlicher, barbarischer, passiver Zufall! Das ist ja das Beleidigende! Fünf Minuten, im ganzen, im ganzen nur fünf Minuten bin ich zu spät gekommen! Wäre ich fünf Minuten früher zurückgekehrt – und der Augenblick wäre wie eine Wolke vorübergezogen, und es wäre ihr nie wieder in den Sinn gekommen. Und schließlich hätte sie alles begriffen. Jetzt aber sind die Zimmer wieder leer, wieder bin ich allein. Dort tickt der Pendel, ihn geht es nichts an, ihm tut nichts leid. Niemand ist bei mir – das ist das Unglück!

Ich gehe, die ganze Zeit gehe ich ... Ich weiß, ich weiß, sagt mir nicht vor: Ihr lächelt darüber, daß ich den Zufall anklage und die fünf Minuten? Aber hier liegt es doch auf der Hand! Bedenken Sie bloß eines: sie hat nicht mal einen Zettel hinterlassen, daß ... nun, so, wie ihn alle hinterlassen. Anderenfalls hätte sie sich doch sagen müssen, daß man jetzt sogar Lukerja verdächtigen könnte ... „Bist ganz allein mit ihr gewesen, also hast Du sie zum Fenster hinausgestoßen.“ Wenigstens hätte man Lukerja doch beunruhigen können, wenn nicht zufällig vier Zeugen vorhanden wären, die aus ihren Fenstern gesehen haben, wie sie mit dem Heiligenbild im offenen Fenster gestanden und sich selbst hinuntergestürzt hat. Das ist doch ein reiner Zufall, daß diese vier es gesehn haben. Nein, das Ganze – war nur ein Augenblick, bloß ein willkürlicher Augenblick, in dem sie sich von ihrer Tat nicht Rechenschaft ablegte ... Plötzlichkeit und Phantasie! Was will’s besagen, daß sie vor dem Heiligenbild gebetet hat? Das bedeutet doch nicht, daß sie vor dem Tode ... Dieser Augenblick hat vielleicht im ganzen nur irgend welche zehn Minuten gedauert, den ganzen Entschluß hat sie gefaßt – gerade als sie, den Kopf in die Hand gestützt, an der Wand stand und lächelte. Der Gedanke ist ihr plötzlich durch den Kopf gegangen, hat ihr Schwindel verursacht und – und sie hat ihm nicht widerstehen können.

Das war ein augenscheinliches Mißverständnis – was Sie da auch einwenden mögen. Mit mir könnte man doch leben ... Wie aber, wenn es Blutarmut war? ... Einfach aus Blutarmut, aus Erschöpfung der Lebensenergie? Müde war sie geworden im Winter, das war’s ...

Zu spät!!!

Wie schmal sie im Sarge ist, wie das Näschen sich zugespitzt hat! Die Wimpern liegen wie kleine Zeiger. Und wie sie doch gefallen ist – nichts hat sie sich zerschlagen, nichts verunstaltet! Nur dieser eine „Löffel voll Blut“, nur ein Teelöffelvoll. Innere Verblutung.

Sonderbarer Einfall ... wenn es möglich wäre, sie nicht zu beerdigen? Denn, wenn man sie fortträgt ... oh, nein, sie fortbringen ist fast unmöglich! Oh, ich weiß ja, daß man sie fortbringen muß, ich bin doch nicht wahnsinnig, ich phantasiere doch nicht, im Gegenteil, – nie noch ist mein Verstand so wach gewesen, aber wie soll denn das wieder so: – wieder kein Mensch im Hause, wieder zwei Zimmer und wieder ich allein mit den Pfändern ... Fieberphantasie, Fieberphantasie ... das ist ja Fieberphantasie! Ich habe sie zu Tode gequält – das ist’s!

Was sind mir jetzt Eure Gesetze? Was sollen mir jetzt Eure Gebräuche, Eure Sitten, Euer Leben, Euer Staat, Euer Glaube? Möge mich Euer Richter richten, möge man mich vor Euer Gericht schleppen, vor Euer Geschworenengericht, und ich werde sagen, daß ich nichts anerkenne! Der Richter wird mich anschreien: „Schweigen Sie, Offizier!“ Ich aber rufe zurück: „Woher willst Du solch eine Macht nehmen, daß ich Dir jetzt gehorchte? Warum hat finstere Passivität das zerschlagen, was mir am teuersten war? Was sind mir denn jetzt Eure Gesetze?! Ich scheide mich aus! Oh, ist mir doch alles gleich!“

Du blindes, blindes Wesen du! – Tot, – sie hört nicht – ... Du weißt nicht, mit welch einem Paradies ich Dich umgeben hätte. Das Paradies war in meiner Seele, ich hätte es um Dich gepflanzt! Gut, Du hättest mich nicht geliebt, – sei’s drum, nun, und – was? Alles wäre jetzt einfach so und würde auch einfach so bleiben. Würdest mir nur wie einem Freunde erzählen, – und da würden wir uns denn freuen, würden zusammen lachen, freudig uns in die Augen blicken. Und so würden wir denn gelebt haben ... Und wenn Du einen anderen lieb gewinnen solltest, – nun, sei’s drum, sei’s drum! Du würdest dann mit ihm gehn und lachen, ich aber würde nur von der anderen Straßenseite sehn ... Ach, alles alles! nur möge sie noch einmal die Augen aufschlagen! Nur auf einen Augenblick, nur auf einen! mich anblicken, so wie vorhin, da sie vor mir stand und schwor, daß sie mein treues Weib sein würde! Ach, mit einem einzigen Blick würde sie alles begreifen!

Oh Natur! Die Menschen sind einsam auf der Erde – das ist das Unglück! „Sprich, Ferne, lebt in dir ein Mensch?“ rief einstmals, wie unser Heldensang uns sagt, in alten Zeiten der fahrende russische Held. So rufe auch ich, doch niemand gibt mir Antwort und die Ferne verschlingt das Echo. Es heißt, die Sonne belebe das Weltall. Wenn die Sonne aufgeht – so seht sie doch an, – ist das nicht eine Leiche? ist sie nicht tot? ... Alles ist tot und überall sind Tote. Allein die Menschen sind noch, doch um sie herum ist Schweigen – das ist die Erde! Es tickt ... tickt ... tickt der Pendel, gefühllos, widerlich ... zwei Uhr nachts. Ihre Schuhchen stehn am Bett, ganz als ob sie sie erwarteten ... Nein, im Ernst, wenn man sie morgen fortträgt – was soll ich dann?

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