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Sämtliche Werke 11

Winteraufzeichnungen über Sommereindrücke[80].

E. K. Rahsin translation

Winteraufzeichnungen über Sommereindrücke[80].

Erstes Kapitel. Statt eines Vorworts.

Seit wieviel Monaten, meine Freunde, drängen Sie mich nun schon, Ihnen doch endlich meine ausländischen Eindrücke zu erzählen, und dabei scheinen Sie nicht einmal zu ahnen, daß Sie mich mit Ihrer Bitte einfach in Verlegenheit setzen. Was soll ich Ihnen denn berichten? Was kann ich Ihnen Neues, noch Unbekanntes, noch nicht Erzähltes erzählen? Wem von uns Russen (d. h. von den Russen, die wenigstens Zeitschriften lesen) ist Europa nicht doppelt so gut bekannt wie Rußland? „Doppelt so gut“ habe ich soeben nur aus Bescheidenheit gesagt, in Wirklichkeit aber dürfte uns Europa sicherlich zehnmal besser bekannt sein. Doch abgesehen von diesen allgemeinen Bedenken wissen Sie ja ganz genau, daß gerade ich im besonderen eigentlich gar nicht das Recht habe, etwas zu erzählen, oder gar noch regelrecht und schriftlich zu berichten, da ich doch nichts regelrecht betrachtet habe; denn wenn da auch manches an meinem Auge vorübergezogen ist, so bin ich doch gar nicht dazu gekommen, es mir genauer anzusehen. Ich war in Berlin, in Dresden, in Wiesbaden, in Baden-Baden, in Köln, in Paris, in London, in Luzern, in Genf, in Genua, in Florenz, in Mailand, in Venedig, in Wien, und in noch manchen anderen Städten, in manchen sogar zweimal, und alles das habe ich in genau zweieinhalb Monaten bereist! Kann man denn überhaupt etwas richtig erkennen, wenn man in so kurzer Zeit so vieles sieht? Wie Sie wissen, hatte ich meinen Reiseplan in Petersburg im voraus festgesetzt. Im Auslande war ich noch nie gewesen, doch schon seit meiner frühesten Kindheit hatte ich hingestrebt, schon damals, als ich noch nicht zu lesen verstand und an den langen Winterabenden mit offenem Munde, fast vergehend vor Entzücken und Grauen, zuhörte, wie meine Eltern vor dem Schlafengehen die Romane der Radcliffe lasen, von denen ich dann noch im Traume fiebernd phantasierte. Erst in meinem vierzigsten Lebensjahre sollte es mir endlich möglich sein, die Reise ins Ausland zu verwirklichen, – da wollte ich selbstverständlich nicht nur soviel wie möglich sehen, sondern wollte einfach alles, unbedingt alles sehen, trotz der kurzen Zeit, die mir zu Gebote stand. So war ich denn auch entschieden unfähig, mir die Wahl der Städte kaltblütig zu überlegen. Herrgott, wieviel ich mir von dieser Reise versprach! „Und wenn ich mir auch nichts eingehend ansehen kann,“ dachte ich bei mir, „so werde ich dafür doch alles gesehen haben, werde überall gewesen sein und aus allem Geschauten wird sich ein Gesamtbild, ein allgemeines Panorama ergeben. Das ganze ‚Land der heiligen Wunder‘ wird sich mit einem Mal mir darbieten, gleichsam aus der Vogelschau, wie das Gelobte Land von einem Berge aus in der Fernsicht. Jedenfalls wird es ein ganz neuer, wunderbarer, starker Eindruck sein.“ So dachte ich damals. Und was bedauere ich jetzt am meisten, wenn ich, wieder zu Hause sitzend, an meine Sommerreise zurückdenke? Nicht das, daß ich mir nichts eingehend angesehen habe, sondern nur, daß ich, der ich doch so ziemlich überall gewesen bin, Rom zum Beispiel nicht gesehen habe. Und in Rom hätte ich vielleicht den Papst zu Gesicht bekommen ... Mit einem Wort, mich hatte nun einmal ein unstillbarer Durst nach Neuem erfaßt, nach Ortsveränderung, nach allgemeinen, synthetischen, panoramatischen, perspektivischen Eindrücken. Nun also – was können Sie jetzt, nach einem solchen Geständnis, noch von mir erwarten? Was kann ich Ihnen erzählen? Was schildern? Ein Panorama, eine Perspektive? Irgend etwas aus der Vogelschau? Aber gerade Sie werden doch vielleicht die ersten sein, die mir dann zurufen, ich flöge zu hoch. Hinzu kommt, daß ich mich für einen gewissenhaften Menschen halte und gar keine Lust habe, zu lügen, nicht einmal in der Eigenschaft als Reisender. Und doch würde ich, auch wenn ich nur ein Panorama vor Ihnen zu entrollen versuchte, unfehlbar von der Wahrheit abweichen, und das nicht einmal deshalb, weil ich als Reisender schildere, sondern ganz unwillkürlich, eben weil es mir in meiner Lage schlechterdings unmöglich ist, die objektive Wahrheit zu sagen. Urteilen Sie selbst: Berlin zum Beispiel hat auf mich den sauersten Eindruck gemacht und ich bin in dieser Stadt im ganzen nur vierundzwanzig Stunden geblieben. Heute weiß ich, daß ich Berlin unrecht tue, daß ich nicht mit Bestimmtheit sagen darf, es mache wirklich einen saueren Eindruck – oder wenn schon, dann doch zum mindesten einen süßsaueren. Und woher kam mein unheilvoller Irrtum? Entschieden daher, daß ich, der ich als ein kranker, leberleidender Mensch zweimal vierundzwanzig Stunden lang mit der Eisenbahn durch Regen und Nebel nach Berlin gefahren war, nun nach meiner Ankunft, unausgeschlafen, gelb, müde, mit steifen Gliedmaßen, plötzlich auf den ersten Blick nur dies eine gewahrte: daß Berlin bis zur Unglaublichkeit an Petersburg erinnert. Dieselben schnurgeraden Straßen, dieselben Düfte, dieselben ... (doch wozu alles aufzählen!). „Ach du lieber Gott,“ dachte ich da bei mir, „hat es sich nun gelohnt, sich zweimal vierundzwanzig Stunden lang rädern zu lassen, um schließlich genau dasselbe vor sich zu erblicken, wovon man weggefahren ist?“ Nicht einmal die Linden gefielen mir; und doch würde der Berliner für ihre Erhaltung alles opfern, was ihm teuer ist, im Notfalle vielleicht selbst seine preußische Verfassung – was aber ist dem Berliner noch teurer als diese? Überdies sahen die Berliner alle so ungeheuer deutsch aus, daß ich, sogar ohne die Fresken Kaulbachs bewundert zu haben (unerhört!), mich schleunigst nach Dresden davonmachte, in meiner Brust die tiefste Überzeugung nährend, daß man sich an den Deutschen erst besonders gewöhnen muß und daß er, wenn man sich noch nicht an ihn gewöhnt hat, in großen Massen schwer zu ertragen ist. In Dresden aber versündigte ich mich sogar an den deutschen Frauen: es schien mir dort plötzlich – ich war kaum auf die Straße getreten –, daß es nichts Widerlicheres gäbe, als den Typus der Dresdener Frauen, so daß selbst der berufene Verherrlicher der Liebe, Wssewolod Krestowski[81], der selbstsicherste und vergnügteste aller russischen Dichter, hier völlig aus dem Text kommen und vielleicht sogar an seinem Beruf irre werden würde. Natürlich fühlte ich noch in derselben Minute, daß ich Unsinn dachte, daß es solche Umstände, die Herrn Krestowski an seinem Berufe irre zu machen vermöchten, überhaupt nicht geben kann. Zwei Stunden später fand ich die Erklärung für alles: in mein Hotelzimmer zurückgekehrt, steckte ich vor dem Spiegel die Zunge heraus und überzeugte mich, daß mein Urteil über die Dresdener Damen der schwärzesten Verleumdung gleich kam. Meine Zunge war belegt – ein böses Zeichen ... „Sollte es denn wirklich, wirklich möglich sein, daß der Mensch, dieser König der Schöpfung, in einem solchen Maße von seiner eigenen elenden Leber abhängt? – was für eine Niedertracht!“ Mit diesen halbwegs tröstenden Gedanken begab ich mich nach Köln. Ich muß gestehen, ich versprach mir viel vom Kölner Dom; schon in meiner Jugend, als ich mich mit Architektur befassen mußte, hatte ich ihn mit Ehrfurcht nachgezeichnet. Auf meiner Rückreise aus Paris, einen Monat später, sah ich den Kölner Dom zum zweiten Male, und da hätte ich ihn auch „auf den Knieen um Verzeihung bitten“ mögen, weil ich seine Schönheit das erste Mal nicht begriffen hatte, genau so, wie einst Karamsin es bei Schaffhausen vor dem Rheinfall getan[82]. Nichtsdestoweniger aber bleibt die Tatsache als solche bestehen, daß der Dom mir bei meinem ersten Aufenthalt in Köln durchaus nicht gefiel. Er kam mir wie ein Galanteriegegenstand vor, der nur aus Spitzen und Spitzen und nichts als Spitzen bestand, oder wie irgend so ein Ding, das als Briefbeschwerer auf den Schreibtisch zu stellen ist, allerdings von guten siebzig Faden Höhe. „Wenig Imposantes,“ urteilte ich, ganz wie in der alten Zeit unsere Großväter über Puschkin zu urteilen pflegten: „Er schreibt zu leicht, hat zu wenig Erhabenes“. Ich vermute, daß mein erstes Urteil unter dem Einfluß zweier Umstände so ungünstig ausfiel: der erste Umstand war – das Eau de Cologne. Johann Maria Farina befindet sich nämlich in der nächsten Nähe des Domes, und in welch einem Hotel Sie auch absteigen, in welch einer Stimmung Sie auch sind, wie sehr Sie sich vor Ihren Feinden im allgemeinen und vor Johann Maria Farina im besonderen verstecken möchten, seine Vertreter werden Sie doch unfehlbar auffinden, und dann heißt es einfach: „Eau de Cologne ou la vie!“ – eins von beidem, eine andere Wahl gibt es nicht. Ich kann zwar nicht gerade schwören, daß die Leute einem wirklich mit buchstäblich diesen Worten auf den Leib rücken, aber schließlich – wer weiß? – vielleicht geschieht es doch mit diesen Worten. Jedenfalls glaubte ich die ganze Zeit, diese Worte zu hören. Und der zweite Umstand, der mich erboste und ungerecht machte, war die neue Kölner Brücke. Die Brücke ist natürlich vorzüglich und die Stadt ist mit Recht stolz auf sie, aber mir schien doch, daß sie schon gar zu stolz auf ihre Brücke war. Selbstredend ärgerte mich das sogleich. Und außerdem hätte der Mann am Brückenkopf die an sich ja durchaus vernünftige Brückensteuer doch wirklich nicht mit einer solchen Miene von mir zu erheben brauchen, als fordere er eine Strafzahlung für irgendein von mir unbewußt begangenes Verbrechen. Ich weiß nicht, ob ich mich täuschte, aber ich glaube doch, daß dieser Deutsche sich ganz besonders wichtig dünkte. „Sicher hat er schon erraten, daß ich ein Ausländer bin, und zwar ein Russe,“ dachte ich. Wenigstens schien mir sein Blick nahezu wortwörtlich zu sagen: „Nun siehst du unsere Brücke, armseliger Russe! So wisse denn, daß du ein Wurm bist vor ihr und vor jedem einzelnen Deutschen, denn eine solche Brücke hast du nicht!“ Sie werden doch zugeben, daß so etwas kränkend ist. Natürlich sagte der Deutsche das ja gar nicht und vielleicht dachte er nicht einmal etwas Ähnliches, aber das ist ja schließlich nebensächlich: jedenfalls war ich damals so fest überzeugt, in seinen Augen gerade diesen Gedanken zu lesen, daß ich endgültig wütend wurde. „Zum Teufel,“ dachte ich, „wir haben auch ... haben die Teemaschine erfunden ... bei uns erscheinen Zeitschriften ... bei uns werden Offiziersausstattungen angefertigt ... bei uns ...“ Kurz, ich wurde wütend und nachdem ich mir doch noch eine Flasche Eau de Cologne gekauft hatte (vor der ich mich schon gar nicht mehr retten konnte), reiste ich geschwind nach Paris, natürlich in der Hoffnung, daß die Franzosen bedeutend liebenswürdiger und anziehender sein würden. Jetzt urteilen Sie selbst: hätte ich mich überwunden und wäre ich in Berlin nicht nur einen Tag, sondern eine ganze Woche geblieben, in Dresden desgleichen, in Köln etwa drei Tage, oder auch nur zwei, dann hätte ich dieselben Dinge ein zweites, ein drittes Mal und mit anderen Augen gesehn und wäre schließlich zu einem gerechteren Urteil über sie gekommen. Sogar ein Sonnenstrahl, ein ganz gewöhnlicher Sonnenstrahl macht in solchen Fällen schon viel aus: hätte er bereits während meines ersten Aufenthaltes in Köln den Dom so beleuchtet, wie er es erst bei meinem zweiten Aufenthalt dortselbst tat, dann wäre der Dom mir sogleich in seinem richtigen Lichte erschienen und nicht so wie an jenem trüben und sogar regnerischen Morgen, der in mir nur eine Aufwallung gekränkter Vaterlandsliebe zuließ. Womit übrigens nicht gesagt sein soll, daß Vaterlandsliebe sich nur bei schlechtem Wetter einstellt. Also, Sie sehen, meine Freunde: in zwei und einem halben Monat kann man nicht alles sehen und folglich kann ich Ihnen weder genaue Angaben noch ausführliche Berichte zustellen. Ich müßte manches einfach aus der Luft greifen, was sich dann als unwahr erweisen würde, und deshalb ...

Doch da fallen Sie mir schon ins Wort und sagen, es sei Ihnen diesmal gar nicht um genaue Angaben zu tun, die fänden Sie im Notfall auch im Führer von Reichardt; dagegen wäre es gar nicht übel, wenn überhaupt jeder Reisende sich in seinem Reisebericht weniger die Feststellung der unbedingten Richtigkeit (zumal eine solche doch fast immer über sein Vermögen gehe), als seine eigene volle Aufrichtigkeit angelegen sein ließe; wenn er sich nicht scheute, manchmal auch gewisse persönliche Eindrücke und Erlebnisse mitzuteilen, selbst wenn diese ihm nicht gerade zur Ehre gereichen, und wenn er sein Urteil nicht nach dem Urteile bekannter Autoritäten richten würde. Kurz, Sie geben mir zu verstehen, daß Sie von mir nichts anderes als nur meine sozusagen privaten Beobachtungen mit aller Freimütigkeit hören wollen.

Ach so! rufe ich aus, dann ist es Ihnen also nur um leichte Skizzen, persönliche, im Vorübergehen festgehaltene Eindrücke zu tun, um eine ganz gewöhnliche Plauderei? Ja, damit bin ich einverstanden, und ich werde sogleich in meinem Merkbuch nachschlagen. Auch werde ich mir alle Mühe geben, mit voller Freimütigkeit zu berichten und ganz offenherzig zu sein. Nur bitte ich, nicht zu vergessen, daß immerhin in dem, was ich jetzt schreiben werde, sehr viele Irrtümer vorkommen können. Selbstverständlich nicht in allem. Bei solchen Tatsachen, wie zum Beispiel, daß es in Paris eine Notre-Dame und einen Bal-Mabille gibt, ist ein Irrtum natürlich ausgeschlossen. Besonders die letztere Tatsache ist ja von allen Russen, die über Paris geschrieben haben, so oft bezeugt worden, daß man an ihr wirklich nicht mehr zweifeln darf. Also wird auch mir in der Beziehung ein Irrtum nicht gut möglich sein, – doch übrigens, streng genommen, stehe ich auch dafür nicht ein. Man sagt ja auch, in Rom sein und den Petersdom nicht sehen, sei unmöglich. Nun, was sagen Sie aber dazu: ich war in London und habe doch die St. Pauls-Kathedrale nicht gesehen. Ich habe sie tatsächlich nicht gesehen. Freilich ist zwischen Paul und Peter immer noch ein Unterschied, aber für einen Reisenden ist so etwas doch gewissermaßen bloßstellend. Da hätten Sie nun mein erstes Erlebnis, das mir nicht zur Ehre gereicht (das heißt, ich habe die St. Pauls-Kathedrale zwar von weitem gesehen, so ungefähr aus einer Entfernung von achthundert Schritt, aber da ich mich gerade auf dem Wege nach der Pentonville Road befand und es eilig hatte, dachte ich „ach was!“ und fuhr weiter). Doch zur Sache, zur Sache! Übrigens bin ich nicht nur gereist und habe nicht nur aus der Vogelschau gesehen (aus der Vogelschau heißt nicht „von oben herab“. Es ist dies vielmehr ein Fachausdruck der Architekten, wie Sie wissen). So habe ich z. B. einen ganzen Monat außer acht Tagen, die ich in London verbrachte, nur in Paris verlebt. Deshalb werde ich Ihnen auch zunächst von Paris erzählen, denn diese Stadt habe ich mir doch ein wenig besser angesehen als den Londoner St. Paul oder die Dresdener Damen. Also nun beginne ich.

Zweites Kapitel. Im Waggon.

„Überlegung hat der Franzose nicht, ja, ihr Besitz würde ihm sogar als das größte persönliche Unglück erscheinen.“ Diesen Satz hat noch im vorigen Jahrhundert Vonwisin[83] geschrieben und, mein Gott, mit welch einer Lust müssen ihm diese Worte aus der Feder geglitten sein! Ich könnte wetten, daß es in seinem Herzen, als er diesen Satz verfaßte, nur so kitzelte vor Vergnügen. Und wer weiß, vielleicht haben wir alle nach ihm, drei-vier Generationen hintereinander, nicht ohne einen gewissen Genuß diesen Satz gelesen. Haben doch alle Phrasen dieser Art, die von uns aus die Ausländer ähnlich abtun, selbst heute noch etwas unwiderstehlich Angenehmes für uns Russen. Doch selbstverständlich nur im tiefsten Geheimen, ja mitunter sogar vor uns selber insgeheim. Man verspürt dabei so etwas wie Rache für etwas Vergangenes und nicht Gutes. Nun ja, dieses Gefühl ist auch gerade kein gutes, aber ich bin doch irgendwie überzeugt, daß es fast in jedem von uns vorhanden ist. Wir würden natürlich sehr ungehalten sein, wenn man uns dessen verdächtigte, und würden uns dabei durchaus nicht verstellen, indessen glaube ich, daß selbst Bjelinski in diesem Sinne im geheimen ein Slawophile war. Ich weiß noch, wie man damals – vor einigen fünfzehn Jahren, als ich mit Bjelinski bekannt war – ja, mit welch einer schon bis zur Seltsamkeit getriebenen Ehrfurcht dieser ganze damalige Kreis sich vor dem Westen beugte, d. h. insonderheit vor Frankreich. Damals war Frankreich Mode, – im Jahre 1846. Und nicht nur, daß solche Namen vergöttert wurden, wie George Sand, Proudhon und andere, oder daß solche geachtet wurden, wie Louis Blanc, Ledru-Rollin usw. Nein, auch alle möglichen Eintagspilze, die armseligsten Personennämchen, deren Träger sich denn auch sogleich blamierten, als es später auf sie ankam, – selbst die standen in hohem Ansehen. Auch von diesen wurde etwas Großes in dem bevorstehenden Dienst der Menschheit erwartet. Von manchen derselben ward nur mit dem besonderen Geflüster der Ehrfurcht gesprochen ... Und? Dabei habe ich in meinem Leben noch keinen so leidenschaftlich russischen Menschen getroffen, wie es gerade Bjelinski war, obschon vor ihm nur ein Tschaadajeff[84] so dreist, aber mitunter auch so blind wie er, über vieles uns Eigentümliche ungehalten gewesen war und anscheinend alles Russische verachtet hatte. Ich erinnere mich gewisser Momente, die mich jetzt zu diesen Erwägungen veranlassen. Also wer weiß, vielleicht ist dieser Ausspruch Vonwisins sogar einem Bjelinski bisweilen nicht allzu skandalös erschienen. Es gibt doch nun einmal Augenblicke, wo einem selbst die beste und sogar eine rechtmäßige Vormundschaft nicht gerade sehr gefällt. Doch – Gott behüte! – denken Sie nun nicht, daß sein Vaterland lieben die Ausländer schelten heiße, und daß ich es so verstehe. Nein, so denke ich keineswegs, sogar im Gegenteil ... Schade nur, daß ich jetzt keine Zeit habe, mich deutlicher zu erklären. Oder befürchten Sie nicht schon, daß ich, statt mich nach Paris zu begeben, einen Ausflug in das Gebiet der russischen Literatur vorziehe? einen literarisch-kritischen Artikel zu schreiben gedenke? Nein, das habe ich hier nur so ... aus beschaulicher Muße.

Nach meinem Merkbuch sitze ich jetzt im Waggon und bereite mich darauf vor, morgen in Eydtkuhnen einzutreffen, d. h. ich erwarte den ersten Eindruck des Auslandes, und bei diesem Gedanken fühle ich sogar mein Herz erschauern. Wie werde ich denn nun endlich Europa sehen, ich, der ich von Europa fast vierzig Jahre lang fruchtlos geträumt, ich, der ich schon als Sechzehnjähriger, und zwar allen Ernstes, wie Njekrassoffs Bjelopätkin

„Nach der Schweiz zu fliehen gedachte“,

und doch nicht floh, und der ich nun endlich in das „Land der heiligen Wunder“ fahre, in das Land meiner so langen Sehnsüchte und Erwartungen, meines so hartnäckigen Glaubens! Herrgott, was sind wir denn für Russen? fuhr es mir da durch den Kopf, während ich immer noch in demselben Waggon saß. Sind wir denn überhaupt und wirklich Russen? Warum macht denn Europa auf uns, wer wir auch sein mögen, einen so starken, zauberischen Eindruck, als rufe es uns? Das heißt: ich rede jetzt nicht von jenen Russen, die dort in Europa geblieben sind, und auch nicht von jenen einfachen Russen, deren Name fünfzig Millionen ist und die wir, wir hunderttausend Menschen, noch immer höchst ernsthaft für niemand halten und über die unsere tiefsinnigen satirischen Zeitschriften sich noch bis heute lustig machen, weil sie sich die Bärte nicht scheren. Nein, ich rede jetzt lediglich von unserem privilegierten und patentierten Häuflein. Ist doch alles, entschieden fast alles, was es bei uns an Entwicklung, Wissenschaft, Kunst, Bürgersinn, Menschlichkeit gibt, alles von dort hergekommen, alles aus eben diesem Lande der heiligen Wunder! Hat sich doch unser ganzes Leben schon von unserer ersten Kindheit an nach dem europäischen ABC aufgebaut. Hätte denn überhaupt jemand von uns diesem Einfluß, diesem Ruf, diesem Druck standhalten können? Wie war es nur möglich, daß wir uns nicht endgültig in Europäer verwandelten? Denn: daß wir uns nicht verwandelt haben – das werden, denke ich, alle zugeben, die einen mit Freuden, die anderen natürlich mit Ärger darüber, daß wir eben nicht so weit herangewachsen sind. Doch das ist eine Frage für sich. Ich will hier nur die Tatsache hervorheben, daß wir uns nicht verwandelt haben, sogar trotz so unwiderstehlicher Einflüsse, und diese Tatsache kann ich eigentlich selbst nicht recht verstehen. Es sind doch nicht immer unsere Kinderwärterinnen und Ammen gewesen, die uns vor der Verwandlung bewahrten, wie es mit Puschkin geschah ... Sollte es denn wirklich eine solche chemische Verbindung des Menschengeistes mit der Heimaterde geben, daß man sich doch nicht endgültig von ihr loszureißen vermag, oder wenn man es versucht, dann doch immer wieder zu ihr zurückkehren muß? Der Slawophilismus ist bei uns gewiß nicht vom Himmel herabgefallen und wenn er auch in der Folge die Gestalt eines Moskauer Einfalls angenommen hat, so ist die Grundlage dieses Einfalls doch etwas breiter als die Moskauer Formel und ruht vielleicht in manchen Herzen viel tiefer, als es auf den ersten Blick scheint. Vielleicht ist das auch bei den Moskowitern selber der Fall. Man bedenke nur einmal, wie schwer es doch ist, sich gleich beim ersten Mal klar auszudrücken, sogar wenn man es nur für sich selbst zu tun versucht. Manch ein lebenszäher, starker Gedanke kommt denn auch in drei Menschenaltern nicht klar zum Ausdruck, sodaß das Finale manchmal dem Anfang völlig unähnlich ausfällt ...

Alle diese müßigen Gedanken belagerten mich nun unwillkürlich im Waggon auf meiner Fahrt nach Europa, zum Teil übrigens aus Langeweile und infolge des Nichtstuns. Seien wir doch aufrichtig! Über solche Gegenstände pflegen bei uns bis jetzt nur diejenigen nachzudenken, die nichts zu tun haben. Ach, wie ist es langweilig, müßig im Waggon zu sitzen! – wirklich auf ein Haar so, wie es bei uns in Rußland ohne eigene Arbeit langweilig zu leben ist. Wenn man auch gefahren wird, wenn auch für einen gesorgt wird, ja wenn man auch manchmal so eingelullt wird, daß einem, wie man meinen sollte, nichts mehr zu wünschen übrig bleibt, die Langeweile, die Langeweile ist dennoch da, und zwar gerade deshalb, weil du selbst nichts tust, weil andere sich schon gar zu sehr um dich bekümmern, du aber sitze da und warte, bis man dich endlich hingeschafft hat. Weiß Gott, manchmal wäre ich wahrhaftig am liebsten nur so hinausgesprungen aus dem Waggon und seitwärts neben der Maschine auf meinen eigenen Füßen gelaufen. Mag es so auch schlechter gehen, mag ich auch aus Ungeübtheit ermüden, mich im Wege versehen, darauf kommt es nicht an! Dafür gehe ich selbst, mit meinen eigenen Beinen, dafür habe ich eine Aufgabe für mich gefunden und tue sie selbst, dafür werde ich, wenn es geschieht, daß die Waggons zusammenstoßen und kopfüber hinabsausen, nicht mehr mit gefalteten Händen eingeschlossen sitzen und mit meinen Körperseiten fremde Schuld bezahlen ...

Weiß Gott, was alles einem beim Nichtstun manchmal in den Sinn kommt!

Inzwischen begann es schon zu dunkeln. In den Waggons wurde das Licht angezündet. Mir gegenüber saß ein Ehepaar, schon bejahrte Leute, Gutsbesitzer; ich glaube, gute Menschen. Sie reisten nach London, nur auf ein paar Tage, um sich die Weltausstellung anzusehen, die Kinder aber hatten sie zu Hause gelassen. Rechts neben mir saß ein Russe, der aus kommerziellen Gründen seit zehn Jahren in London lebte, jetzt nur auf zwei Wochen Geschäfte halber nach Petersburg gekommen war und, wie mir schien, bereits jede Vorstellung von Heimweh vollständig verloren hatte. Links saß ein echter, ein Vollblut-Engländer, rotblond, mit einem englischen Scheitel und von betontem Ernst. Während der ganzen Reise sagte er zu keinem einzigen von uns auch nur das kleinste Wort, gleichviel in welcher Sprache, am Tage las er unausgesetzt in einem Buch von jenem kleinsten englischen Druck, den nur Engländer ertragen können, ja sogar noch wegen der Bequemlichkeit loben, und abends zog er, sobald es zehn Uhr wurde, sogleich seine Stiefel aus und Schuhe an. Wahrscheinlich hatte er das in seinem Leben einmal so eingeführt und seine Gewohnheiten wollte er offenbar auch auf der Reise nicht ändern. Bald schlummerten alle ein; das Pfeifen und Stampfen des Zuges trieb einen unwiderstehlich in irgend so einen Schlummerzustand. Ich saß, dachte, dachte, und ich weiß eigentlich selbst nicht, wie mir plötzlich jener Satz einfiel: „Überlegung hat der Franzose nicht“, womit ich dieses Kapitel begann. Aber wissen Sie: es unterspült mich etwas und treibt mich, Ihnen diese meine Überlegungen im Eisenbahnwagen mitzuteilen, so lange wir uns noch auf der Reise nach Paris befinden, einfach so ... oder meinetwegen auch im Namen der Humanität: hatte ich doch Langeweile im Waggon, also mögen Sie sich nun gleichfalls langweilen. Doch übrigens, um andere Leser davor zu bewahren, werde ich alle diese meine Überlegungen absichtlich in ein besonderes Kapitel einschließen und dieses ein überflüssiges nennen. Sie, meine Freunde, können sich durch dasselbe durchlangweilen, die anderen aber können es, als ein überflüssiges, auch überspringen. Mit dem Leser muß man nun einmal vorsichtig und gewissenhaft umgehen, mit Freunden aber – nun, da geht’s auch so. Also:

Das dritte und vollkommen überflüssige Kapitel.

Übrigens waren das weniger Überlegungen, als gewisse Betrachtungen, wahllose Vorstellungen, sogar Träume „von dem sowohl als wie von jenem, zumeist jedoch von Null und Nichts“. Zunächst kehrte ich auf dieser Gedankenreise in der Vergangenheit ein und begann damit, daß ich über diesen Menschen, der obenerwähnten Aphorismus über die französische Überlegungskraft in die Welt gesetzt, ins Nachdenken geriet. Dieser Mensch war zu seiner Zeit ein großer Liberaler. Aber wenn er auch sein Lebelang aus unbekannten Gründen einen französischen Rock auf seinem Körper und Puder auf dem Kopfe trug und hinten einen Degen baumeln ließ, zum Zeichen seiner ritterlichen Herkunft (die es bei uns überhaupt nicht gegeben hat), sowie zur Verteidigung seiner persönlichen Ehre im Wartezimmer Potjomkins, begann er sich doch, kaum daß er die Nase ins Ausland gesteckt hatte, im Nu mittels aller biblischen Texte von Paris loszubeten und loszusagen und fällte auch schon sein Urteil über den Franzosen, dem er die Gabe der Überlegungskraft ohne weiteres absprach, ja, der nach diesem Urteil ihren Besitz sogar als ein Verderben für sich ansehen würde. – Doch um mich zu vergewissern: am Ende denken Sie jetzt gar, ich hätte den baumelnden Degen und den französischen Samtrock Vonwisins in tadelndem Sinne erwähnt? Keineswegs! Er hätte doch nicht einen Bauernkittel tragen sollen, und das noch damals, wenn sogar heute manche Herren, um Russen zu sein und sich mit dem Volk verbunden zu fühlen, keinen Bauernkittel angezogen, sondern eine Art Ballettkostüm für sich erfunden haben, an welchem nicht viel fehlt, um dasselbe Kostüm zu sein, in dem die Helden unserer historischen Opern auf der Bühne erscheinen, à la Ruslan, dessen Ludmila denn auch dementsprechend als Kopfschmuck den Kokoschnick trägt. Nein, der französische Rock war dem Volk doch verständlicher. „Da sieht man gleich den Herrn,“ hieß es dann, „ein Herr kann doch nicht wie unsereiner im Kittel gehen“. Vor kurzem wurde mir von einem Gutsbesitzer erzählt, einem Zeitgenossen, der, um mit dem Volke eins zu werden, gleichfalls ein sogenanntes russisches Kostüm zu tragen anfing und sich verlocken ließ, in dieser Tracht auch auf den Versammlungen der Bauernschaft zu erscheinen; aber siehe, da geschah es, daß die Bauern, als sie ihn erblickten, unter sich zu einander sagten: „Was schleppt sich denn dieser Verkleidete zu uns?“ Also ist’s dem Gutsbesitzer auf diesem Wege doch nicht gelungen, mit dem Volke eins zu werden.

„Nein, ich für meine Person,“ sagte mir ein anderer Herr, „ich werde nichts abtreten. Ich werde mir absichtlich den Bart scheeren und, wenn es nötig ist, auch im Frack gehen. Die Sache selbst werde ich machen, aber mir niemals anmerken lassen, daß ich ihm, dem Volk, nähertreten will. Ich werde der Herr sein, werde geizig und berechnend sein, ja werde sogar bedrücken und erpressen, wenn es mir ratsam erscheint. Dann achten sie einen mehr. Und das ist doch alles, worauf es ankommt, daß man zuerst eine richtige Achtung durchsetzt.“

„Pfui, Teufel!“ dachte ich. „Das ist ja, als rüsteten sie sich gegen Fremdstämmige. Ein militärischer Rat und nichts weiter.“

„Ja,“ sagte ein dritter zu mir – nebenbei bemerkt: ein überaus lieber Mensch –, „nun gut, sagen wir, ich lasse mich in eine Dorfgemeinde eintragen, plötzlich aber werde ich für irgend etwas von der Gemeindeversammlung zur Rutenstrafe verurteilt. Was dann?“

„Na, und selbst wenn?“ wollte ich schon sagen, aber ich sagte es nicht, denn ich wagte es nicht so recht. – Was ist das doch, woher kommt es, daß wir uns noch immer fürchten, manche Gedanken auszusprechen? – „Und selbst wenn?“ dachte ich bei mir, „selbst wenn du mal Ruten bekämest, was wäre denn dabei? Solche Wendungen der Dinge heißen bei den Professoren der Ästhetik das Tragische im Leben, und damit ist’s erledigt. Soll man denn wirklich nur deshalb gleich von allen abgesondert leben? Nein, wenn man schon mit dem Volke eins sein will, dann sei man es auch ganz und mit allen, wenn man aber ein Mensch für sich sein will, dann sei man aber auch wirklich und vollkommen abgesondert. Anderswo ist noch ganz anderes ertragen worden und noch dazu von schwachen Frauen und Kindern.“

„Aber ich bitte Sie, was hat das mit Frauen und Kindern zu tun!“ hätte mein Gegner hierauf ausgerufen, „die Dorfgemeinde würde mich, mir nichts dir nichts, vielleicht wegen irgend einer Kuh, die in einen fremden Gemüsegarten eingebrochen ist, einfach versohlen, bei Ihnen aber wird daraus schon eine allgemeine Sache!“

Nun ja, das ist natürlich lachhaft, und überhaupt ist’s eine lächerliche Geschichte, dazu so eine schmutzige, wissen Sie, die man lieber nicht anrührt, denn man will sich doch nicht die Hände besudeln. Ist doch schon das bloße Sprechen davon eigentlich unanständig. Hole sie allesamt der Henker, mögen sie da gedroschen werden so viel ihrer sind, ich bin’s ja nicht. – Nun, ich bin aber meinerseits zu jeder Bürgschaft bereit: daß das Urteil der Dorfgemeinde meinem lieben Widerstreiter auch nicht ein einziges Rutenhiebchen zudiktieren würde, selbst wenn sie mit ihm wie mit einem Gleichstehenden verfahren könnte ...

„Welch eine Rückständigkeit!“ ruft jemand aus, wenn er dieses liest, „heute noch für die Rutenstrafe einzutreten!“ (Bei Gott, irgend jemand wird doch bestimmt daraus folgern, daß ich für die Rutenstrafe sei.)

„Aber ums Himmels willen, wovon reden Sie denn jetzt,“ bemerkt ein anderer, „Sie wollten von Paris berichten und statt dessen ...“

Ja, das ist allerdings ... Aber ich erinnere mich, daß ich gerade damals, als wir uns Eydtkuhnen näherten, ganz besonders über alles Vaterländische ins Nachdenken geriet, über unser Eigenes, das ich nun um Europas willen verließ. Ich sann unter anderem auch über die Frage nach: wie hatte in den verschiedenen Zeiten Europa sich in uns widergespiegelt, wie hatte es sich mit seiner Zivilisation beständig bei uns als Gast eingedrängt und inwieweit waren wir denn zivilisiert worden und wieviel Zivilisierte gab es jetzt wohl bei uns, einfach als Zahl? Doch ich sehe jetzt selbst, daß alles dies hier wirklich überflüssig ist. Aber ich habe Sie ja gewarnt und selbst im voraus gesagt, daß dieses ganze Kapitel ein überflüssiges sein werde. Übrigens, wo blieb ich denn stehen? Ja, richtig! bei dem französischen Rock. Mit dem begann es ja überhaupt!

Also sehen Sie mal, einer dieser französischen Röcke schrieb damals den „Brigadier“. Der „Brigadier“ war für jene Zeit etwas Erstaunliches und machte denn auch einen ungeheuren Eindruck. „Stirb, Denis, Besseres kannst du nicht mehr schreiben,“ sagte selbst Potjomkin zu ihm. Alles begann gleichsam aus dem Halbschlaf zu erwachen, sich zu regen. Wie, dachte ich in meinen willkürlichen Betrachtungen weiter, sollte es den Menschen wirklich schon damals langweilig geworden sein, nichts zu tun und mit fremder Hilfe zu gehen? Ich spreche nicht nur von der damaligen französischen Hilfe, ja, ich möchte sogar gleich vorausschicken, daß wir eine überaus leichtgläubige Nation sind und alles bei uns von unserer Gutmütigkeit kommt. Wir sitzen alle ohne Arbeit da und wenn es uns dann plötzlich scheint, daß irgend jemand irgend etwas gesagt oder getan hat, daß sich ein Geruch von eigenem Geiste kundtut, daß sich eine Betätigungsmöglichkeit gefunden, dann stürzen wir alle darüber her und sind unbedingt überzeugt, daß „es“ nun sofort beginnen werde. Eine Fliege fliegt durch die Luft, wir aber glauben schon, ein Elefant sei vorübergeführt worden. Es liegt darin die ganze Unerfahrenheit der Jugend, nun und zudem noch der Hunger nach so etwas. Ja, fast begann das alles bei uns schon vor dem Erscheinen des „Brigadier“ – natürlich zuerst nur in mikroskopischem Maßstabe – und noch heute ist es unverändert dasselbe: glauben wir eine Sache gefunden zu haben, so brüllen wir schon vor Enthusiasmus. Überhaupt ist Schreierei und Überfluten vor lauter Begeisterung bei uns immer das Erste; schaut man aber zu: schon in kaum zwei Jahren gehen wir wieder alle auseinander und lassen die Nase hängen. Und doch werden wir’s nicht müde, und wenn es auch noch hundert Mal von neuem anfängt. Was aber die fremde Hilfe betrifft, so hat doch zu Vonwisins Zeit in der Masse fast niemand daran gezweifelt, daß es die heiligste, die europäischste Hilfe und die liebste Vormundschaft war. Freilich, auch jetzt gibt es wenig Zweifelnde. Unsere ganze extrem-progressive Partei setzt sich ja bis zur Raserei für fremde Hilfe ein. Damals aber, oh, damals war es die Zeit eines solchen Glaubens an alle Hilfen, daß man sich eigentlich wundern kann, warum wir damals nicht Berge versetzt haben und warum alle unsere Hochplateaus, Gipfel von Pargolowo[85] und die Pics unseres Waldaischen Hochgebirges noch immer auf denselben Stellen stehen ... Übrigens, meine Herrschaften, ich spreche jetzt nur von der Literatur, und zwar nur von der schönen Literatur, an deren Werken ich den fortschreitenden und wohltätigen Einfluß Europas auf unser Vaterland verfolgen will. Das heißt, wenn man bedenkt, was für Bücher damals (vor dem Erscheinen des „Brigadiers“ und noch zu derselben Zeit) verlegt und gelesen wurden, so können wir nicht umhin, einen gewissen frohen Hochmut unsererseits zu empfinden! Vor längerer Zeit brachte Kusma Prutkoff einmal im „Zeitgenossen“ unter anderem „Vermischtem“ auch „Aufzeichnungen meines Großvaters“. Man sollte meinen, was könnte interessanter sein, als die Memoiren so eines alten, wohlbeleibten Generals der Katharineischen Zeit, der sowohl bei Hofe war wie in der Schlacht bei Otschakoff, – was mußte der Mann nicht alles gesehen und erlebt haben! Statt dessen aber ... besteht das Ganze nur aus Anekdötchen ... Man glaubt schließlich, es handele sich um einen Betrug, einen solchen Großvater habe es nie gegeben. Aber ich schwöre Ihnen, daß ich selbst in meiner Kindheit ein Buch aus der Zeit Katharinas gelesen, aus dem ich noch folgende Anekdote behalten habe.

„Eine geistreiche Antwort des Kavaliers de Rohan. Wie bekannt, roch der Kavalier de Rohan sehr schlecht aus dem Munde. Als er einmal beim Lever des Prinzen Condé zugegen war, sagte selbiger zu ihm: ‚Trete er zurück, Kavalier de Rohan, es riecht von ihm schlecht‘. Worauf der Kavalier ohne Verzug wie folgt replizierte: ‚Der Geruch geht nicht von mir aus, allergnädigster Prinz, sondern von Euch, sintemal Ihr soeben aus dem Bette steigt.‘“

Man stelle sich nur diesen „Großvater“ und Großgrundbesitzer, den alten Soldaten, vielleicht sogar einarmigen Krieger mit seinen hundert Hofleuten vor ... wie er mit der Brille auf der Nase langsam buchstabierend solche Anekdoten liest und das alles noch für wichtig, ja womöglich für den Kern des Ganzen hält, mit dem sich zu befassen fast eine mit dem Dienst verbundene Pflicht für ihn ist. Und was war das doch damals für ein naiver Glaube an die Bedeutung und Notwendigkeit ähnlicher europäischer Nachrichten. „Wie bekannt ...“ Wem war es bekannt, warum, wozu, welchen Bären im Gouvernement Tamboff konnte das bekannt sein? Und wer will so etwas überhaupt wissen? Doch solche freidenkerischen Fragen beunruhigen den Großvater nicht. Mit kindlichster Gläubigkeit denkt er bei sich, daß „selbige Sammlung von Bonmots“ bei Hofe bekannt ist, und das genügt ihm. Ja, natürlich, damals war es uns ein Leichtes, Europa uns anzueignen, d. h. physisch, versteht sich. Moralisch aber ging es selbstredend nicht ohne die Peitsche. Man zog sich seidene Strümpfe über die Beine bis zum Knie hinauf, man steckte den Kopf unter eine Perücke, man hängte sich hinten ein Deglein an und – war nun Europäer. All das störte nicht nur nicht, sondern gefiel sogar. Im Grunde aber blieb alles beim Alten: nachdem man den de Rohan aus der Hand gelegt und die Brille von der Nase genommen, verfuhr man ebenso wie früher mit dem Hofgesinde, beherrschte wie früher patriarchalisch die Familie, prügelte wie früher im Pferdestall den benachbarten Kleingrundbesitzer, wenn dieser frech zu werden wagte, und log und trog genau so vor den Höheren. Bei alledem war man aber dem Bauer doch verständlicher: man verachtete ihn weniger, ekelte sich weniger vor seinen Bräuchen, war ihm weniger fremd, war weniger deutsch. Daß man aber ihm gegenüber den Allmächtigen spielte, ja wie sollte denn der Herr das nicht, – dafür war er doch der Herr. Und wenn diese Herren ihre Leibeigenen oft auch zu Tode prügelten, so waren sie dem Volke dennoch gewissermaßen lieber als die jetzigen, denn sie waren ihm verwandter, waren von demselben Stamm. Mit einem Wort, alle diese Herrschaften waren einfaches, stämmiges Volk, forschten nicht nach den letzten Wurzeln, sie nahmen, prügelten, stahlen, bogen mit Liebe den Rücken, wo’s not tat, und lebten friedlich und fett „in kindlicher, gewissensruhiger Verderbnis“. Ja, mich däucht sogar, daß alle diese Großväter gar nicht so naiv waren, nicht einmal in betreff der de Rohans und ähnlicher Anekdoten.

Ja, vielleicht waren sie mitunter sogar große Schelme, die unbeschadet aller damaligen europäischen Einflüsse von oben her durchaus ihren Kopf für sich behielten. Diese ganze Phantasmagorie, diese ganze Maskerade, alle diese französischen Röcke, Manschetten, Perücken, Zierdegen, alle diese dicken, plumpen Beine, die sich in seidene Strümpfe schoben, alle diese damaligen Soldaten in deutschen Perücken und Gamaschen, – mir scheint, alle waren sie furchtbare Betrüger und das Ganze ein lakaienhafter, gehorsamster Betrug von unten, so daß selbst das Volk dies manchmal merkte und begriff. Natürlich kann man Amtmann und Schelm und „Brigadier“ sein und zugleich höchst naiv und rührend überzeugt, eben dieser Kavalier de Rohan sei wirklich das „subtilste Superflue“. Aber das störte ja nicht im geringsten: Die Gwosdiloffs prügelten wie ehedem, unsere de Rohans wurden von unserem Potjomkin und von jedem seinesgleichen womöglich ebenso im Pferdestall gedroschen, unsere Kavaliere nahmen, was sie nehmen konnten von Lebendigen und von Toten, und von den Fäusten mit Manschetten und den Füßen in seidenen Strümpfen wurden dieselben Genickstöße und Fußtritte verabreicht wie ehedem; bei Hofe aber bogen sich unsere Marquis’, „mutig mit dem Nacken opfernd“. Kurz, dieses ganze bestellte und befohlene Europa lebte sich damals erstaunlich bequem bei uns ein, angefangen mit Petersburg – dieser phantastischsten Stadt mit der phantastischsten Geschichte aller Städte des Erdballs.

Nun, jetzt aber ist es schon was anderes und Petersburg hat gesiegt. Jetzt sind wir bereits ganze Europäer, sind herangewachsen. Jetzt versucht selbst ein Gwosdiloff sich anzupassen, wenn’s zum Prügeln kommt, sucht den Anstand zu wahren, wird zum französischen Bourgeois, und warten wir noch ein Weilchen, dann wird er gar wie ein Nordamerikaner aus den Südstaaten mit Bibeltexten die Notwendigkeit des Handels mit Negern zu verteidigen anfangen. Nebenbei: diese Art der Verteidigung greift von dort aus neuerdings stark auch nach Europa hinüber. Nun, wenn ich erst dort sein werde, kann ich mich ja selbst von allem überzeugen, dachte ich bei mir. Aus Büchern ist das doch nie zu erfahren, was man mit eigenen Augen sieht. Übrigens – da ich gerade auf Gwosdiloff zu sprechen gekommen bin: warum hat Vonwisin einen der bemerkenswertesten Sätze in seinem „Brigadier“ gerade nicht der Ssofja, der Vertreterin der vornehmen und human-europäischen Entwicklung in den Mund gelegt, sondern der dummen Brigadierin? – wo es gilt, die Wahrheit zu sagen, da wird diese also doch nicht von Ssofja ausgesprochen, sondern von dieser Frau, die er, abgesehen von ihrer Dummheit, auch noch als böses Frauenzimmer gezeichnet hat. Es ist geradezu, als habe er sich nicht getraut oder gar es für künstlerisch unmöglich gehalten, daß ein solcher Ausspruch der gleichsam in der Orangerie erwachsenen, so wohlerzogenen Ssofja entschlüpfen könnte, und er hat es doch irgendwie natürlicher gefunden, daß ein einfaches, dummes Weib ihn ausspricht! Diese Stelle, die es wert ist, behalten zu werden, ist um so bemerkenswerter, als sie ohne jede Absicht und ohne alle Hintergedanken, ganz naiv und vielleicht sogar ganz unbedacht geschrieben worden ist. Die Gattin des Brigadiers erzählt der Ssofja:

„... In unserem Regiment war ein Hauptmann, Gwosdiloff mit Namen. Derselbe hatte so eine schmucke-schmucke junge Frau. Wenn es nun vorkam, daß er sich ärgerte, aber meist geschah es wohl in der Betrunkenheit, da begann er sie denn, wirst du’s mir glauben, so zu prügeln, was nur die Seele hergab, und das alles für nichts und wieder nichts. Na, uns ging das ja nichts an, aber manchmal hätte man doch weinen mögen, wenn man sie so sah.

Ssofja: Ich bitte Euch, hört auf, davon zu erzählen, was die Menschheit empört.

Die Brigadierin: Ja, sieh mal, du willst davon nicht einmal hören, wie aber muß das für die Hauptmannsfrau zu erdulden gewesen sein?“

Damit wird die wohlerzogene Ssofja mit ihrer ganzen Orangerie-Empfindsamkeit von einer gewöhnlichen, ungebildeten Frau einfach matt gesetzt. Es ist das eine ganz erstaunliche Antwort bei einem Vonwisin, und man kann nur sagen, daß von ihm nichts Treffenderes geschrieben worden ist, auch nichts Menschlicheres und ... Unbeabsichtigteres![86]

Ja, wie viele solcher Orangerie-Progressisten gibt es bei uns noch heute und selbst unter unseren wichtigsten Führern, Orangerie-Progressisten, die mit dieser ihrer Treibhaushaftigkeit sogar außerordentlich zufrieden sind und gar nichts anderes verlangen. Doch das Merkwürdigste bei alledem ist zweifellos, daß Gwosdiloff seine Frau nach wie vor prügelt, und zwar jetzt fast mit noch größerem Genuß als früher. Es ist wirklich so. Man sagt, früher sei es mehr aus Liebe geschehen! – wie man ja auch zu sagen pflegt „wen ich liebe, den schlage ich“. Sogar die Frauen, heißt es, hätten sich beunruhigt gefühlt, wenn sie nicht geschlagen wurden: er schlägt nicht, folglich liebt er nicht. Aber das war ja alles noch Urzustand, noch elementar, rassig. Jetzt aber hat sich auch das schon der Entwicklung unterworfen. Jetzt prügelt Gwosdiloff beinahe schon aus Prinzip, aber im Grunde doch nur, weil er immer noch ein Dummkopf ist, d. h. ein Mensch der alten Zeit, der die neuen Einrichtungen nicht begreift. Nach diesen neuen Einrichtungen aber kann man ja ohne Selbsthilfe und Faustrecht noch viel mehr erreichen. Wenn ich mich hier so über Gwosdiloff verbreite, so geschieht das nur, weil man bei uns noch immer über Gwosdiloff die tiefsinnigsten und humansten Phrasen schreibt, und zwar so unaufhörlich, daß es sogar dem Publikum schon zu viel wird. Gwosdiloff ist bei uns so lebenszäh, trotz aller Artikel gegen ihn, daß er fast unsterblich zu sein scheint. Jawohl, er lebt und ist gesund, ist satt und betrunken. Jetzt sind ihm zwar ein Arm und ein Bein gelähmt, und seine Ehehälfte ist schon längst nicht mehr „so eine schmucke-schmucke junge Frau“, wie sie es früher war. Sie ist alt geworden, das Gesicht spitz und farblos, Runzeln und Leid haben es durchfurcht. Doch als ihr Hauptmann krank darnieder lag, da wich sie nicht von seinem Bett, durchwachte die Nächte bei ihm, tröstete ihn, vergoß heiße Tränen um ihn, nannte ihn ihren lieben, guten Helden, ihren lichten Falken, ihren mutigen Soldaten. Mag das einerseits die Seele empören, mag es, mag es nur! Aber andererseits: es lebe die russische Frau, und es gibt nichts Besseres in unserer ganzen russischen Welt als ihre grenzenlos verzeihende Liebe. So ist es doch, nicht wahr? Um so mehr, als selbst Gwosdiloff jetzt in nüchternem Zustande seine Frau manchmal auch nicht mehr schlägt, das heißt, seltener schlägt, den Anstand wahrt, ja mitunter sogar ein freundliches Wort zu ihr sagt. Fühlt er doch jetzt im Alter, daß er ohne sie nicht auskäme; er versteht nun schon zu berechnen, er ist nun Bourgeois, und wenn er sie auch jetzt noch ab und zu schlägt, so geschieht das doch höchstens in der Betrunkenheit und so aus alter Gewohnheit, wenn es ihm sonst schon zu langweilig wird und irgend eine Sehnsucht ihn plagt. Nun, das aber ist doch, sagen Sie, was Sie wollen, immerhin ein Fortschritt, immerhin ein Trost, eine Beruhigung. Wir aber sind ja solche Liebhaber von Beruhigungen ...

In der Tat, wir haben uns jetzt vollkommen beruhigt, ganz von selber. Mag es auch rund um uns herum selbst jetzt noch nicht sehr schön aussehen, dafür sind wir persönlich doch dermaßen schön, dermaßen zivilisiert, dermaßen Europäer, daß sogar dem Volk bei unserem Anblick übel wird. Jetzt hält uns das Volk bereits ganz und gar für Ausländer, versteht kein Wort von uns, kein Buch von uns, keinen Gedanken von uns, – das aber ist doch, sagen Sie, was Sie wollen, ein Fortschritt. Jetzt verachten wir das Volk und die volklichen Grundlagen schon so tief, daß wir uns sogar mit einem gewissen neuen, noch nie dagewesenen Ekel zu ihm verhalten, mit einem Ekel, wie er nicht einmal zur Zeit unserer de Rohans vorhanden war, das aber ist doch, sagen Sie, was Sie wollen, gleichfalls ein Fortschritt. Dafür sind wir – ja, wie sind wir dafür selbstbewußt, wie überzeugt von unserer zivilisatorischen Berufung, mit welch einer Herablassung lösen wir die Probleme, und noch dazu was für Probleme: es fehlt an Land, es fehlt an Volk; Nationalität – das ist nur ein bestimmtes Steuersystem; die Seele – tabula rasa, ein Ding aus Wachs, aus dem man sogleich einen wirklichen Menschen formen kann, einen allgemeinen Allgemeinmenschen, einen Homunculus – man braucht nur die Früchte der europäischen Zivilisation anzuwenden und zwei-drei Bücher zu lesen. Dafür: wie sind wir jetzt ruhig, wie erhaben ruhig, eben weil wir an nichts mehr zweifeln und alle Streitfragen schon entschieden und unterschrieben haben. Mit welch einer ruhigen Selbstzufriedenheit haben wir zum Beispiel Turgenjeff heruntergerissen[87], weil er es wagte, sich nicht mit uns zu beruhigen und sich nicht mit unseren erhabenen Persönlichkeiten zu begnügen, weil er sich weigerte, sie für sein Ideal anzuerkennen, und etwas Besseres suchte, als was wir jetzt sind. Etwas Besseres als wir, Herr des Himmels! Was gibt es denn noch Schöneres und Tadelloseres als wir unter der Sonne? Nun, er hat denn auch genug zu hören bekommen für seinen Basaroff, diesen unruhigen und sich sehnenden (das Anzeichen eines großen Herzens), ja, ungeachtet seines ganzen Nihilismus, sich sehnenden Basaroff. Sogar für die Kukschina wurde er heruntergerissen, für diese progressive Laus, die Turgenjeff aus der russischen Wirklichkeit herausgekämmt hat, um sie uns vor die Augen zu halten, und man fügte sogar hinzu, er spreche gegen die Emanzipation der Frau. Die Emanzipation der Frau aber ist doch Fortschritt, da sagen Sie, was Sie wollen. Jetzt stehen wir mit einer solchen korporalhaften Selbstsicherheit, als solche Feldwebel der Zivilisation hoch über dem Volke, daß es eine wahre Freude ist, uns anzuschauen: die Hände in die Seiten gestemmt, herausfordernden Blickes – so sehen wir auf das Volk hinab und spucken bloß: „Was sollten wir von dir, grobem Bauer, wohl lernen können, wenn doch die ganze Nationalität, die ganze Volklichkeit im Grunde nur Rückständigkeit ist, nur ein Steuersystem und nichts weiter!“ Man wird doch Vorurteile nicht durchgehen lassen, ich bitte Sie! Ach Gott, Vorurteile – da fällt mir soeben etwas ein ... Meine Herrschaften, nehmen wir für einen Augenblick an, daß ich meine Reise schon beendet habe und bereits nach Rußland zurückgekehrt bin, und erlauben Sie mir, eine Anekdote wiederzugeben: ich las sie in diesem Herbst in einer unserer fortschrittlichsten Zeitungen. Es war eine Korrespondenz aus Moskau unter der Überschrift: „Noch Reste der Barbarei“ (oder etwas Ähnliches, jedenfalls ein sehr starker Ausdruck. Schade nur, daß ich die Zeitung nicht zur Hand habe.). Und es wird erzählt, wie man eines Morgens – es war in diesem Herbst – in Moskau ein Gefährt erblickt hat, auf dem eine betrunkene Brautwerberin saß, noch in der Hochzeitstracht, mit Bändern aufgeputzt und ein Lied singend. Auch der Kutscher war mit Bändern geschmückt und gleichfalls betrunken, ja, auch er brummte sogar ein Lied. Selbst das Pferd war bunt bebändert, nur weiß ich nicht, ob es auch betrunken war. Sicherlich wird es betrunken gewesen sein. Die Brautwerberin hielt auf dem Schoß ein Bündelchen mit Sachen von dem neuvermählten Paar, das augenscheinlich eine glückliche Nacht verbracht hatte. Dieses Bündelchen enthielt natürlich ein gewisses leichtes Kleidungsstück, das den Eltern der Neuvermählten am nächsten Morgen zu zeigen unter dem einfachen Volke ein alter Brauch ist. Das Volk lachte beim Anblick dieser Ehestifterin; ein spaßiges Objekt. Die Zeitung berichtete den Vorfall mit Empörung, nannte ihn, spuckend, schimpfend und mit Entrüstung, eine unerhörte Barbarei, die sich „trotz aller Fortschritte der Zivilisation sogar bis heute erhalten hat!“ Meine Herrschaften, ich muß Ihnen gestehen, daß ich darob in lautes Lachen ausbrach. Oh, bitte, denken Sie nicht, daß ich urweltlichen Kannibalismus, diese leichten Kleidungsstücke, Decken usw. verteidige. Das ist abscheulich, das ist unkeusch, das ist wild, ist slawisch, ich weiß, ich gebe es zu, obschon das natürlich ohne schlechte Absicht geschah, sondern im Gegenteil, zur Ehre der jungen Frau, aus reiner Herzenseinfalt, aus Unkenntnis von Besserem, Höherem, Europäischem. Nein, ich lachte über etwas anderes. Und zwar: mir fielen plötzlich unsere Damen und unsere Modegeschäfte ein. Selbstverständlich schicken unsere zivilisierten Damen jetzt keine leichten Sachen mehr zu ihren Eltern, aber wenn es zum Beispiel gilt, bei der Modistin ein Kleid zu bestellen, mit welch einem Scharfsinn, mit wie feiner Berechnung und Sachkenntnis verstehen sie dann, an gewissen Stellen Watte unter ihre bezaubernden europäischen Toiletten zu legen! Warum, wozu diese Watte? Natürlich zur Erhöhung der Eleganz, um der Ästhetik willen, pour paraître ... Und nicht nur sie, auch ihre Töchter, diese unschuldigen siebzehnjährigen Geschöpfe, die kaum das Pensionat verlassen haben, auch die wissen um die Watte schon Bescheid, wissen alles: wozu diese Watte dient, und wo man sie anbringen muß, und warum und weshalb, d. h. speziell zu welchem Zweck das alles angebracht wird ... Nun wohl, dachte ich lachend, diese Mühen, diese Sorgen, diese bewußten Sorgen um wattierte Vergrößerungen, – sind sie nun wirklich reiner, sittlicher, keuscher als jenes unselige leichte Kleidungsstück, das in einfältigem Glauben den Eltern geschickt wird, in der Überzeugung, daß man es tun muß, daß eben dies sittlich sei! ...

Um Gottes willen, meine Freunde, denken Sie nicht, daß ich jetzt eine erbauliche Predigt darüber halten will, daß Zivilisation nicht Entwicklung ist, sondern im Gegenteil, in der letzten Zeit in Europa immer mit der Knute und dem Kerker über jeder Entwicklung stand. Denken Sie nicht, ich wolle nun nachweisen, daß man bei uns die Zivilisation und die Gesetze der normalen, wirklichen Entwicklung barbarisch verwechsele, nachweisen, daß die Zivilisation im Westen selbst schon verurteilt ist und für sie dort nur noch einzig der Besitzer einsteht (obschon dort alle Besitzer sind oder Besitzer werden wollen), um sein Geld zu retten. Denken Sie nicht, es sei nun meine Absicht, zu beweisen, daß die Menschenseele nicht eine tabula rasa ist, nicht ein Wachsding, aus dem man den Allgemeinmenschen formen kann; daß ganz zuerst eine Natur gegeben sein muß, dann die Wissenschaft, dann ein selbständiges Leben, ein bodenständiges, kein beschränktes, und der Glaube an seine eigenen nationalen Kräfte. Denken Sie nicht, ich wolle tun, als wüßte ich nicht, daß unsere Fortschrittler (wenn auch längst nicht alle von ihnen) durchaus nicht für die Watte einstehen, sie vielmehr ebenso brandmarken wie jenes leichte Kleidungsstück. Nein, ich will jetzt nur Eines sagen: in jenem Artikel wurde dieser Volksbrauch nicht einfach getadelt und verurteilt, man nannte ihn nicht einfach eine Barbarei, sondern man wollte damit ganz augenscheinlich die allgemeine nationale, elementare Barbarei unseres einfachen Volkes an den Pranger stellen, als Gegensatz zu der europäischen Zivilisation unserer höheren, vornehmen Gesellschaft. Der Artikel tat so wichtig, der Artikel schien überhaupt nicht wissen zu wollen, daß es bei diesen Sittenrichtern selber vielleicht tausendmal schlimmer und gemeiner zugeht, daß wir nur die einen Vorurteile und Schändlichkeiten gegen andere, vielleicht noch größere Vorurteile und Schändlichkeiten eingetauscht haben. Der Artikel schien aber unsere eigenen Vorurteile und Schändlichkeiten überhaupt nicht zu bemerken. Weshalb also, weshalb so wichtig tun und sich hoch über dem Volke stehend dünken, die Hände in die Seiten gestemmt, breitspurig und spuckend ... Wie lächerlich, wie unsagbar lächerlich ist doch dieser Glaube an die eigene Unfehlbarkeit und an das Recht zu solcher Entrüstung! Gleichviel was es ist: Glaube oder einfach Überhebung dem Volk gegenüber, oder schließlich gedankenloser, sklavischer Kniefall speziell vor den europäischen Formen der Zivilisation; letzteres wäre ja noch lächerlicher.

Doch was! Solcher Tatsachen lassen sich tagtäglich wohl ein Tausend finden. Verzeihen Sie die Wiedergabe des Vorfalls.

Übrigens, ich versündige mich. Ich tue ja unrecht! Das kommt daher, daß ich gar zu schnell von den Großvätern auf die Enkel hinübergesprungen bin. Es gab doch auch Zwischenstücke. Erinnern Sie sich Tschatzkis.[88] Der war schon kein naiv-durchtriebener Großvater, auch kein selbstzufriedener Nachfahre, der stolz dasteht und alles schon abgeurteilt hat. Tschatzki ist ein ganz besonderer Typ unseres russischen Europa, er ist der Typ eines lieben, begeisterten Menschen, der wirklich leidet, der bereits Rußland und den Heimatboden anruft und – und dann doch wieder nach Europa reist, um dort „einen Winkel für ein gekränktes Empfinden“ zu suchen ... Kurz, ein Typ, der jetzt vollkommen unnütz ist und der einmal ungeheuer nützlich war. Er ist ein Phraseur, ein Schwätzer, aber ein herzlicher Phraseur, und einer, der sich wegen seiner Nutzlosigkeit grämt und schämt. Sein Typ hat jetzt in der neuen Generation schon eine Wandlung erfahren. Wir glauben an die jungen Kräfte; wir glauben, daß er bald wieder erscheinen wird, dann aber nicht in hysterischer Erregung wie ehemals auf dem Ball bei Famussoff, sondern als Sieger, stolz, mächtig, demütig und liebend. Er wird bis dahin schon erkannt haben, daß der Winkel für ein gekränktes Empfinden nicht in Europa, sondern vielleicht dicht vor seiner Nase liegt, und wird hier etwas zu tun finden und das auch tun. Aber wissen Sie: ich bin ja doch überzeugt, daß es schon jetzt bei uns nicht nur Feldwebel der Zivilisation und europäische Narren gibt; ich bin überzeugt, ja ich verbürge mich dafür, daß der junge Mensch schon geboren ist ... Doch davon später. Zunächst will ich noch ein paar Worte über Tschatzki sagen.

Ich verstehe eines nicht: Tschatzki war doch ein sehr kluger Mensch. Wie konnte es nun geschehen, daß ein kluger Mensch hier nichts zu tun fand? Sie fanden ja alle nichts zu tun, fanden in der ganzen Zeitspanne von zwei-drei Generationen nichts. Das ist Tatsache und gegen eine Tatsache zu reden, lohnt sich nicht, denke ich; doch aus Interesse nach den Gründen fragen, das kann man. Also wie gesagt, ich verstehe nicht, wie ein kluger Mensch gleichviel wann und wo, gleichviel unter welchen Umständen, keine Arbeit für sich finden kann. Man sagt, das sei ein strittiger Punkt, doch in der Tiefe meines Herzens glaube ich das durchaus nicht. Dazu hat man doch den Verstand, um das zu erreichen, was man will. Kannst du nicht gleich eine ganze Werst gehen, so gehe hundert Schritte, immerhin ist das mehr als nichts, bringt dich immerhin näher zum Ziel, wenn du überhaupt zu einem Ziele gehst. Unbedingt mit einem einzigen Schritt zum Ziel gelangen zu wollen, ist meiner Meinung nach durchaus kein Anzeichen von Verstand. Ja, so etwas heißt sogar Arbeitsscheu. Mühe lieben wir nicht, Schritt für Schritt zu gehen sind wir nicht gewohnt, am liebsten würden wir mit einem einzigen Schritt die ganze Strecke bis zum Ziel überspringen. Nun, und eben dies ist ja Arbeitsscheu. Ja, Tschatzki hat doch sehr gut getan, daß er damals wieder ins Ausland entschlüpfte: es lag ihm wohl nicht, hier ein wenig länger zu verweilen und sich dann nach dem Osten, statt nach dem Westen zu begeben. Man liebt bei uns nun einmal den Westen, liebt ihn eben, und im äußersten Fall, d. h. wenn es zur Entscheidung kommt, fahren alle dorthin. Nun ja, auch ich fahre jetzt hin. „Mais moi c’est autre chose“. Ich habe sie dort alle gesehen, d. h. sehr viele, denn alle sind ja gar nicht abzusehen, doch alle, die ich sah, suchen dort, glaube ich, einen Winkel für ein gekränktes Empfinden. Wenigstens suchen sie etwas. Die Generation der Tschatzkis beiderlei Geschlechts hat sich ja seit dem Ball bei Famussoff[89], und überhaupt nachdem der Ball zu Ende war, dort so vermehrt wie Sand am Meer; und sogar nicht nur die Tschatzkis: sind sie doch alle aus Moskau dorthin gefahren. Wie viele Repetiloffs[90] gibt es jetzt dort, wie viele Skalosubs, die schon ausgedient haben und wegen Untauglichkeit in die Bäder geschickt worden sind. Natalja Dmitrijewna mit ihrem Mann gehört dort unbedingt zu ihnen. Selbst die Gräfin Hlestowa reist in jedem Jahre hin. Sogar Moskau ist allen diesen Herrschaften langweilig geworden. Einzig Moltschalin fehlt dort unter ihnen: er hat es sich anders überlegt und ist zu Hause geblieben, nur er allein ist zu Hause geblieben. Er hat sich dem Vaterlande gewidmet, der Heimat, sozusagen. Jetzt kommt man an ihn überhaupt nicht mehr heran; selbst seinen Wohltäter Famussoff würde er jetzt nicht einmal zu sich ins Vorzimmer lassen: „Ein Nachbar vom Lande,“ heißt es jetzt, „in der Stadt grüßen wir uns nicht.“ Er ist beschäftigt, ja, er allein hat etwas zu tun gefunden. Er ist in Petersburg und ... und hat’s weit gebracht. „Er kennt Rußland und Rußland kennt ihn“. Jawohl, gerade ihn kennt es zur Genüge und es wird ihn lange nicht vergessen. Jetzt pflegt er auch nicht einmal mehr zu schweigen, im Gegenteil, nur er allein redet jetzt ... Doch was rede ich von ihm! Ich kam doch auf sie alle zu sprechen, die in Europa einen erquickenden Winkel suchen, und ich muß sagen, ich dachte wirklich, daß sie es dort besser hätten. Statt dessen ist in ihren Gesichtern ein solcher Harm ... Die Ärmsten! Und was ist das für eine ewige Unruhe in ihnen, was für eine krankhafte, sehnsüchtige Geschäftigkeit! Alle haben sie den „Führer“ bei sich und in jeder Stadt stürzen sie sich gierig auf die Sehenswürdigkeiten, die sie mit einem Eifer besichtigen, als wären sie dazu verpflichtet, als setzten sie einen vaterländischen Dienst fort: nicht ein einziges dreifensteriges Palais wird von ihnen übergangen, wenn es nur im „Führer“ angegeben ist, ebenso kein einziges Rathaus, das sich oft von einem ganz gewöhnlichen Moskauer oder Petersburger Hause kaum unterscheidet; sie gaffen das Rindfleisch eines Rubens an und glauben artig, das seien die drei Grazien, weil der „Führer“ so zu glauben befiehlt; sie stürzen zur Sixtinischen Madonna und stehen vor ihr in stumpfer Erwartung: jetzt-jetzt gleich wird etwas geschehen, irgend jemand wird unter dem Fußboden hervorkriechen und ihren gegenstandslosen Harm und ihre Müdigkeit verscheuchen. Und sie gehen weg, verwundert, daß nichts geschehen ist. Das ist nicht das selbstzufriedene und vollkommen mechanische Interesse englischer Touristen und Touristinnen, die mehr in ihren „Führer“ sehen als auf die Sehenswürdigkeiten, die nichts erwarten, weder Neues, noch Erstaunliches, und die nur nachprüfen: ist es auch so im „Führer“ angegeben und wieviel Fuß hoch oder Pfund schwer ist der Gegenstand ganz genau gemessen und gewogen? Nein, unsere russische Wißbegier ist irgend so eine wilde, nervöse, mächtig lechzende, doch im tiefsten Grunde im Voraus überzeugte, daß nichts geschehen wird, natürlich bis zur ersten Fliege: kaum fliegt eine vorüber – so fängt es sofort wieder an ... Ich spreche jetzt nur von den klugen Leuten. Um die anderen braucht man sich ja nicht zu sorgen: die werden doch immer von Gott beschützt. Und ich spreche auch nicht von jenen, die sich endgültig im Auslande angesiedelt haben, ihre Muttersprache vergessen und katholische Patres anhören. Übrigens, von der ganzen Masse kann man nur folgendes sagen: kaum haben wir uns über Eydtkuhnen hinweggewälzt, da gleichen wir schon auffallend jenen kleinen unglücklichen Hündchen, die ihren Herrn verloren haben und nun suchend umherlaufen. Aber was glauben Sie, – daß ich dies hier spottend schreibe, jemanden anklage, weil sozusagen „gerade jetzt, wo usw., – und Sie sind im Auslande! Hier ist die Bauernfrage im Gange und Sie sind im Auslande!“ usw., usw. ... Oh, keineswegs und nicht im geringsten. Und wer bin ich denn, daß ich anklagen könnte? Wen anklagen? und wessen? „Wir würden ja gern etwas tun, aber es gibt für uns nichts zu tun, das aber, was es da gibt, das wird auch ohne uns gemacht. Die Stellen sind besetzt, Vakanzen sind nicht vorauszusehen. Wer hat denn Lust, seine Nase in Dinge zu stecken, in die sie zu stecken man nicht gebeten wird.“ Das ist dann die Ausrede und sie ist nicht einmal lang. Wir kennen sie schon auswendig. Aber was ist das? Wo bin ich hingeraten? Wann habe ich denn schon Zeit gehabt, Russen im Auslande zu sehen? Wir nähern uns doch erst der Grenzstation Eydtkuhnen ... Oder sind wir schon weiter gefahren? In der Tat, auch Berlin, auch Dresden, auch Köln liegt schon hinter uns. Ich sitze zwar immer noch im Eisenbahnwagen, doch vor uns liegt nicht mehr Eydtkuhnen, sondern Erquelines, und wir fahren nach Frankreich hinein. Paris, Paris war’s doch, wovon ich erzählen wollte und wovon ich ganz abgekommen bin! Ich habe mich schon zu sehr vom Nachdenken über unser europäisches Rußland umstricken lassen; aber das ist wohl verzeihlich, wenn man gerade ins übrige Europa zu Besuch fährt. Übrigens, wozu gar so sehr um Entschuldigung bitten. Mein Kapitel ist ja ein überflüssiges.

Das vierte und für Reisende nicht überflüssige Kapitel.

(Die endgültige Entscheidung der Frage, ob der Franzose wirklich „keine Überlegung hat“.)

Doch nein, wieso, warum soll denn der Franzose keine Überlegung haben? fragte ich mich, während ich die neuen Mitreisenden betrachtete, vier Franzosen, die soeben in unser Abteil eingestiegen waren. Es waren das die ersten Franzosen, die ich auf ihrem Heimatboden sah, wenn ich die Zollbeamten in Erquelines, das wir gerade verlassen hatten, nicht mitrechnete. Diese Zollbeamten waren überaus höfliche Leute, machten ihre Sache schnell ab, und als ich einstieg, war ich mit meinem ersten Schritt in Frankreich sehr zufrieden. Bis Erquelines waren in unserem Abteil von den acht Plätzen nur zwei besetzt gewesen: von mir und einem Schweizer, einem schlichten und bescheidenen Menschen in mittleren Jahren, einem sehr angenehmen Gesellschafter, und wir hatten uns an die zwei Stunden aufs beste unterhalten. Jetzt waren wir zu sechs im Abteil und mein Schweizer ward zu meiner Verwunderung in Gegenwart der vier anderen plötzlich ungemein wortkarg. Ich wollte natürlich unser unterbrochenes Gespräch fortsetzen, doch er beeilte sich geradezu auffallend, es abzubrechen, antwortete ausweichend, trocken, fast geärgert, wandte sich zum Fenster und begann hinauszuschauen, und schließlich zog er seinen deutschen Reiseführer hervor und versenkte sich voll und ganz in dessen Inhalt. Ich ließ ihn selbstredend sofort in Ruhe und begann mich stumm mit unseren neuen Mitreisenden zu beschäftigen. Das waren eigentlich seltsame Leute. Sie reisten so wie sie gingen und standen, hatten weder ein Bündel, noch einen Koffer bei sich, ja sie trugen nicht einmal Kleider, die an Reisende erinnert hätten. Alle vier hatten nur leichte Röcke an, die bereits schrecklich abgetragen waren, kaum bessere als die, die bei uns Offiziersburschen zu tragen pflegen oder die Hofleute auf den Gütern mittlerer Gutsbesitzer. Ihre Wäsche sah schmutzig aus, die Halstücher waren sämtlich äußerst grellfarben und gleichfalls sehr schmutzig; der eine hatte sich um den Hals eines jener Seidentücher gewickelt, die ewig getragen werden und schließlich, – nach fünfzehnjähriger Berührung mit dem Halse des Trägers, mit einem ganzen Pfund Fett durchtränkt sind. Derselbe Mitreisende hatte zudem Hemdknöpfe mit falschen Brillanten von der Größe einer Nuß. Übrigens hielten sie sich alle mit einem gewissen Chic, ja sogar verwegen. Alle vier schienen im gleichen Alter zu stehen – fünfunddreißig oder so – und ohne in den Gesichtszügen einander ähnlich zu sein, sah doch der eine wie der andere aus. Es waren zerknitterte Gesichter mit französischen Beamtenbärtchen, die gleichfalls eins wie das andere aussahen. Jedenfalls merkte man es den Leuten an, daß sie bereits mit allen Wassern gewaschen waren und sich schon für immer den – etwas sauren – Gesichtsausdruck gedanklich überaus beschäftigter Leute angewöhnt hatten. Es schien mir auch, daß sie einander kannten, doch ich erinnere mich nicht, ob sie während der ganzen Fahrt auch nur ein Wort miteinander wechselten. Uns, d. h. mich und den Schweizer, schienen sie irgendwie seltsam-merklich überhaupt nicht sehen zu wollen. Ungeniert pfeifend, saßen sie nachlässig auf ihren Plätzen und sahen die ganze Zeit zum Fenster hinaus. Ich zündete mir eine Zigarette an und da ich nichts zu tun hatte, betrachtete ich sie. Mir kam, ich muß gestehen, flüchtig der Gedanke: was sind das nun eigentlich für Leute? Arbeiter – und doch keine Arbeiter; Bourgeois – und doch keine Bourgeois. Sollten es am Ende verabschiedete Militärs sein – irgend so etwas à la demi-solde oder ähnliches? Übrigens zerbrach ich mir ihretwegen nicht allzu sehr den Kopf. Nach etwa zehn Minuten, als wir die nächste Haltestelle erreichten, sprangen sie alle vier einer nach dem anderen aus dem Wagen, schlugen die Tür zu und wir sausten weiter. Auf dieser Strecke hält der Zug kaum zwei Minuten an den Stationen, höchstens drei, und schon fährt man wieder. Man fährt vorzüglich, das heißt außergewöhnlich schnell.

Kaum waren wir allein geblieben, da klappte der Schweizer seinen Führer zu, legte ihn beiseite und sah mich sehr zufrieden an, sichtlich mit dem Wunsch, unser Gespräch fortzusetzen.

„Die sind nicht lange bei uns geblieben,“ bemerkte ich, indem ich ihn einigermaßen verwundert betrachtete.

„Ja, die stiegen doch nur für die Fahrt bis zur ersten Haltestelle ein.“

„Sie kennen sie?“

„Diese? ... Das waren doch Polizeileute ...“

„Wieso? Was für Polizeileute?“ fragte ich verwundert.

„Ja-ja ... ich merkte vorhin schon gleich, daß Sie es nicht errieten.“

„Wie ... waren das wirklich Spione?“ (ich wollte es noch immer nicht glauben.)

„Nu, versteht sich, unseretwegen stiegen sie doch überhaupt ein.“

„Sind Sie dessen gewiß?“

„O natürlich, daran ist nicht zu zweifeln! Ich bin schon mehrmals auf dieser Strecke gefahren. Wir wurden ihnen im Zollamt heimlich zugewiesen, als man unsere Pässe las; sie erhielten alle Angaben, unsere Namen usw. Nu, und da setzten sie sich denn zu uns, um uns zu begleiten.“

„Aber wozu denn das noch, wenn sie uns bereits gesehen hatten? Sie sagten soeben, man hätte uns schon auf der Grenzstation ihnen gezeigt?“

„Nu ja, und man konnte ihnen dort unsere Namen mitteilen. Doch das ist nicht viel. Jetzt aber haben sie uns bis in alle Einzelheiten studiert: das Gesicht, den Anzug, die Reisetasche, überhaupt alles, was an einem zu sehen ist. Auch Ihre Manschettenknöpfe haben sie sich gemerkt. Sie steckten sich, zum Beispiel, eine Zigarette an, da haben sie sich auch Ihr Zigarettenetui eingeprägt; – wissen Sie, so alle möglichen Kleinigkeiten, Besonderheiten ... wie gesagt, möglichst viele Besonderheiten. Sie könnten in Paris verloren gehen, Ihren Namen ändern (das heißt, wenn Sie verdächtig sind). Nun und dann würden alle diese Kleinigkeiten das Auffinden erleichtern. Die Angaben werden von jener Station aus sofort nach Paris telegraphiert und dort werden sie zuständigen Ortes für alle Fälle aufgehoben. Außerdem müssen die Hotelbesitzer gleichfalls alle Angaben über ihre Ausländer einsenden, und diese Angaben müssen wiederum bis in alle Einzelheiten ausführlich sein.“

„Aber wozu waren ihrer denn so viele, es waren ja ganze vier,“ fuhr ich, immer noch ein wenig befremdet, fort zu fragen.

„Oh, deren gibt es hier sehr viele. Wahrscheinlich sind diesmal nur wenige Ausländer im Zuge; wären es mehr, so hätten sie sich in den Waggons verteilt.“

„Aber ich bitte Sie, die haben uns ja überhaupt nicht angesehen; sie sahen doch die ganze Zeit zum Fenster hinaus.“

„Oh, seien Sie unbesorgt, die haben alles gesehn ... Ich versichere Sie: nur unseretwegen stiegen sie hier ein.“

„Schau-schau,“ dachte ich bei mir, „da haben wir’s nun: ‚Überlegung hat der Franzose nicht‘!“ – und ich sah ein bißchen schräg, so mit einem gewissen Mißtrauen (ich schäme mich, das gestehen zu müssen), zu meinem Schweizer hinüber. „Und du, Bruder, gehörst nicht auch du zu derselben Sorte und stellst dich nur so?“ blitzte es in meinem Kopf auf, aber nur einen Augenblick, ich versichere Sie. Es war unsinnig, aber was kann man dagegen tun; man denkt es eben unwillkürlich ...

Der Schweizer hatte mich nicht beschwindelt. In dem Hotel, in dem ich abstieg, schrieb man sogleich mein ganzes Signalement auf und schickte es an die entsprechende Stelle. Nach der Genauigkeit und Kleinlichkeit zu urteilen, mit der die Leute einen besichtigten und beschrieben, kann man annehmen, daß auch Ihr ganzes weiteres Tun und Treiben skrupulös beobachtet wird und sozusagen alle Ihre Schritte gezählt werden. Übrigens im ersten Hotel geschah das alles heimlich; doch im zweiten, im Hôtel des Empereurs, wo ich nach meiner Rückkehr aus London abstieg, da im ersten, im Hotel Coquillière, alle Zimmer besetzt waren, ging man weit offener mit mir um. Man war dort überhaupt und in allem viel patriarchalischer. Die Besitzer, ein schon älteres Ehepaar, waren nette Leute und verhielten sich sehr rücksichtsvoll und aufmerksam gegen ihre Hotelgäste. An demselben Tage, an dem ich bei ihnen einzog, bat mich die Besitzerin, als sie mich am Abend im Flur erblickte, auf einen Augenblick in das Zimmer, das ihr Geschäftsraum war. Ihr Mann war zugegen, doch augenscheinlich war sie diejenige, die alles leitete.

„Entschuldigen Sie, daß wir Sie aufhalten,“ begann sie sehr höflich, „aber ich brauche Ihre Angaben ...“

„Aber ich habe Ihnen doch schon alles angegeben ... meinen Paß haben Sie auch.“

„Das ja, aber votre état?“

Dieses: votre état? – ist eine überaus verfängliche Sache und hat mir nirgendwo gefallen. In der Tat, was soll man da sagen? Reisender – das ist gar zu abstrakt. Homme de lettres – da achtet einen keiner.

„Schreiben wir propriétaire, was meinen Sie?“ schlug mir die Besitzerin vor. „Das wird am besten sein.“

„O ja, das wird am besten sein,“ pflichtete ihr der Mann bei.

Es wurde also geschrieben.

„Nun und jetzt: der Grund Ihres Aufenthaltes in Paris?“

„Als Reisender ... auf der Durchreise.“

„Hm ... ja, pour voir Paris. Erlauben Sie, mßjö: Ihre Größe?“

„Meine Größe? – wieso?“

„Ich meine, wie groß sind Sie?“

„Wie Sie sehen – von mittlerem Wuchs“.

„Das schon, mßjö ... Aber man muß es genauer angeben ... Ich denke, ich denke ...“ fuhr sie ein bißchen unschlüssig fort und fragte mit den Augen ihren Mann um Rat.

„Ich denke, soundsoviel,“ meinte der Mann, nach dem Augenmaß meine Größe in Zentimetern abschätzend.

„Ja, wozu brauchen Sie das alles?“ fragte ich.

„Oh, das ist so not–wen–dig,“ versetzte die Dame, liebenswürdig das Wort in die Länge ziehend, und sie trug tatsächlich auch das Zentimetermaß ein. „Jetzt, mßjö, Ihre Haarfarbe? Blond, hm! ... ziemlich hell ... glattes Haar ...“

Sie schrieb auch das alles auf.

„Erlauben Sie, mßjö,“ – sie legte die Feder hin, stand vom Stuhl auf und trat mit dem liebenswürdigsten Ausdruck nah an mich heran – „bitte hierher, ein paar Schritte zum Fenster. Um die Farbe Ihrer Augen festzustellen. Hm! ... hell ...“

Und sie fragte wieder mit den Augen ihren Mann um Rat. Sie liebten sich augenscheinlich sehr.

„Mehr von grauer Farbe,“ bemerkte der Mann mit einem besonders geschäftlichen, sogar besorgten Ausdruck im Gesicht.

„Voilà,“ fügte er mit einem Wink hinzu und wies auf eine Stelle der Stirn über der Augenbraue, und ich begriff sehr gut, auf was er aufmerksam machen wollte. Ich habe eine kleine Narbe auf der Stirn und er wollte, daß die Frau auch dieses besondere Merkmal angebe.

„Gestatten Sie mir jetzt die Frage,“ wandte ich mich an Madame, als dieses ganze Examen zu Ende war, „wird von Ihnen wirklich eine solche Ausführlichkeit in den Angaben verlangt?“

„Oh, mßjö, das ist unbedingt not–wen–dig! ...“

„Mßjö!“ bekräftigte auch der Mann mit einem gewissen besonders eindringlichen Ausdruck.

„Aber im Hotel Coquillière hat man mich nicht danach gefragt ...“

„Das ist nicht möglich,“ fiel mir die Besitzerin lebhaft ins Wort, „das könnte den Eigentümern sehr teuer zu stehen kommen. Wahrscheinlich hat man stillschweigend Ihr Signalement aufgenommen, doch getan hat man es jedenfalls, oh, unbedingt, unbedingt. Wir aber gehen mit unseren Gästen viel harmloser und offenherziger um, wir leben mit ihnen wie mit Verwandten. Sie werden zufrieden mit uns sein. Sie werden sehen ...“

„Oh, mßjö!“ ... bekräftigte der Mann mit Feierlichkeit und aus seinem Gesicht sprach sogar eine Art Gerührtsein.

Und es waren wirklich höchst ehrliche, höchst liebenswürdige Eheleute, wenigstens so weit ich sie hernach kennen lernte. Aber das Wort „not–wen–dig“ ward durchaus nicht in einem Tone gesagt, der wegen der Vorschrift um Entschuldigung bat oder sie als ein notwendiges Übel betrachtete, das man nun einmal über sich ergehen lassen mußte, sondern gerade im ernstesten Sinne der unbedingten Notwendigkeit, die womöglich restlos mit ihren eigenen persönlichen Überzeugungen übereinstimmte.

Und so war ich denn in Paris.

Fünftes Kapitel. Baal.

Und so war ich denn in Paris ... Doch erwarten Sie nicht, daß ich Ihnen jetzt viel von der Stadt selbst erzählen werde. Ich denke, Sie haben über Paris als Stadt bereits so viel in russischer Sprache gelesen, daß es Ihnen schließlich schon zum Überdruß geworden ist. Außerdem sind Sie ja selber dort gewesen und haben sich gewiß alles viel besser gemerkt als ich. Ich konnte es im Auslande nun einmal nicht ausstehen, alles nach dem Führer zu besichtigen, nach dem Gesetz, aus Pflicht als Reisender, und so habe ich denn an manchen Orten so berühmte Sehenswürdigkeiten nicht gesehen, daß ich mich sogar schäme, sie zu nennen. Auch in Paris habe ich vieles nicht gesehen. Ich werde deshalb auch nicht sagen, was ich dort nicht gesehen habe, aber dafür sage ich folgendes: ich habe für Paris eine Bezeichnung gefunden, ein Epitheton, und bestehe darauf, daß es richtig ist. Nämlich: es ist die sittlichste und tugendhafteste Stadt auf dem ganzen Erdenrund. Welch eine Ordnung! Welch eine Vernünftigkeit! Was für genau bestimmte und dauerhaft eingebürgerte Verhältnisse; wie ist alles sichergestellt und vorliniert; wie sind alle zufrieden und vollkommen glücklich, und wie haben sie sich alle mit Fleiß und Mühe schließlich selbst so schön zu der Überzeugung gebracht: sie seien nun wirklich zufrieden und vollkommen glücklich und ... und ... und auf diesem Punkt sind sie nun stehen geblieben. Darüber hinaus führt ja auch kein Weg. Sie, meine Freunde, werden es mir nicht glauben wollen, daß sie darauf stehen geblieben sind; Sie rufen mir zu, das sei eine häßliche Verleumdung von mir, eine Verleumdung aus Patriotismus; es sei doch unmöglich, daß dort alles wirklich habe stehen bleiben können. Aber meine Freunde: ich habe Sie doch schon im ersten Kapitel dieser Aufzeichnungen darauf vorbereitet, daß ich vielleicht schrecklich viel Unwahres sagen werde. Also bitte stören Sie mich nun nicht. Zudem wissen Sie doch sehr gut, daß ich, selbst wenn ich was zusammenlüge, es in der Überzeugung tue, nicht zu lügen. Das aber ist meiner Ansicht nach schon mehr als genug. Also lassen Sie mir nun meine Freiheit.

Ja, Paris ist eine bewundernswerte Stadt. Und was für ein Komfort, was für alle möglichen Bequemlichkeiten für jene, die das Recht auf Bequemlichkeiten haben, und wiederum: welch eine Ordnung, welch eine ... man möchte sagen, Windstille in der Ordnung. Ich komme immer wieder auf diese Ordnung zurück. In der Tat, noch ein Weilchen und das eineinhalbmillionenköpfige Paris wird sich in irgend so ein in Windstille und Ordnung versteintes deutsches Professorenstädtchen verwandeln, von der Art zum Beispiel irgend eines Heidelberg. Dahin geht nun mal seine ganze Neigung. Und als ob es ein Heidelberg nicht auch in großem Maßstabe geben könnte? Und welch ein Reglement in allem! Verstehen Sie mich nicht falsch: ich meine hiermit weniger ein äußeres Reglement, das belanglos wäre (im Verhältnis, natürlich), sondern die kolossale innere, geistige, aus der Seele hervorgehende Vorschriftsmäßigkeit. Paris engt sich ein, Paris verkleinert sich gern und mit Liebe, es kauert sich gerührt zusammen. Wie anders ist in der Beziehung zum Beispiel London! Ich war im ganzen nur acht Tage in London, aber wenigstens äußerlich – mit wie breiten Bildern, wie scharfen Linien, wie eigenartigen, nicht nach einem Leisten regulierten Plänen hat es sich in meiner Erinnerung eingezeichnet. Alles ist so riesenhaft und kraß in seiner Eigenart. Sogar täuschen lassen kann man sich von dieser Eigenart. Jede Kraßheit, jeder Widerspruch steht hier Seite an Seite mit der eigenen Antithese und sie gehen eigensinnig Arm in Arm einher, sich gegenseitig widersprechend und doch anscheinend keineswegs einander ausschließend. All das steht, wie’s scheint, starrsinnig für sich ein und lebt nach seiner Art und stört sich gegenseitig anscheinend nicht im geringsten. Indessen aber geht auch hier derselbe hartnäckige, dumpfe und schon veraltete Kampf vor sich, der Kampf, auf Tod oder Leben, des allgemein westlichen persönlichen Prinzips mit der Notwendigkeit, sich doch irgendwie miteinander einzuleben; irgendwie eine Gemeinschaft zu bilden und sich in einem einzigen Ameisenhaufen einzurichten; ja, meinetwegen sich in einen Ameisenhaufen zu verwandeln, aber sich einzurichten ohne einander aufzufressen, denn sonst – ist die Verwandlung in Menschenfresser da! In dieser Beziehung ist dort, wenn auch in einer anderen Richtung, dasselbe zu bemerken wie in Paris: dasselbe verzweifelte Bestreben, auf dem status quo stehen zu bleiben – aus Verzweiflung wenigstens stehen zu bleiben –, alle Wünsche und Hoffnungen mit dem Fleisch aus sich herauszureißen, die eigene Zukunft zu verfluchen, an die zu glauben es selbst den Führern des Fortschritts vielleicht schon an Glauben gebricht, und Baal anzubeten. Doch lassen Sie sich bitte nicht vom Pathos irgend welcher Worte bestechen: all das ist als Bewußtheit erst in der Seele der fortgeschrittensten Erkennenden zu bemerken, unbewußt jedoch, instinktiv – in den Lebensverrichtungen der ganzen Masse. Aber der Bourgeois zum Beispiel in Paris ist bewußt, d. h. in seiner Bewußtheit sehr zufrieden und er ist überzeugt, daß alles auch so sein müsse; und er würde Sie sogar verprügeln, wenn Sie zu bezweifeln wagten, daß es so sein muß, würde Sie verhauen, weil er im Grunde doch noch irgend etwas fürchtet, ungeachtet seines ganzen Selbstgefühls. In London ist es eigentlich dasselbe, – und doch: was für breite, erdrückende Bilder! Sogar äußerlich: was für ein Unterschied gegen Paris. Diese Tag und Nacht hastende und wie ein Meer unumfaßbare Stadt, dieses Gepfeif und Geheul der Maschinen, diese über den Häusern (und bald auch unter ihnen) hinjagenden Eisenbahnen, diese Dreistigkeit des Unternehmungsgeistes, diese scheinbare Unordnung, die im Grunde die bourgeoise Ordnung in höchster Entwicklung ist, diese vergiftete Themse, diese mit Kohlenstaub durchsetzte Luft, diese großartigen Squares und Parks, diese unheimlichen Stadtwinkel wie Whitechapel mit seiner halbnackten, wilden und hungrigen Bevölkerung, die City mit ihren Millionen und dem Welthandel, der Kristallpalast, die Weltausstellung ... Ja die Ausstellung kann einen stutzig machen. Man spürt die furchtbare Kraft, die hier alle diese unzähligen Menschen aus der ganzen Welt zu einer einzigen Herde zusammengetrieben hat; man erkennt einen Riesengedanken; man fühlt, daß hier bereits etwas erreicht ist: ein Sieg, ein Triumph. Und eine Angst vor irgend etwas beginnt sich in einem zu erheben. Wie frei und unabhängig man auch sein mag, um irgend etwas überkommt einen doch eine Angst.

„Sollte am Ende dies das erreichte Ideal sein?“ denkt man bei sich, „ist hier nicht das Ende? Ist das nicht doch schon die verwirklichte ‚eine Herde‘ der Weissagung? Wird man die nicht wirklich als die volle Wahrheit annehmen und endgültig verstummen müssen?“ All das ist so herrschend, so siegbewußt und stolz, daß es Ihnen den Atem zu beengen anfängt. Sie sehen diese Hunderttausende, diese Millionen von Menschen, die gehorsam aus der ganzen Welt hierher zusammenströmen, – Menschen, die alle mit einem einzigen Gedanken gekommen sind, die still, unablässig und stumm sich in diesem riesenhaften Palast umherdrängen, und Sie fühlen, daß sich hier endgültig etwas vollendet, vollendet und vollbracht hat. Das ist irgend ein biblisches Bild, irgend was von Babylon, ist eine Prophezeiung aus der Apokalypse, die sich leibhaftig verwirklicht hat. Sie fühlen, daß es viel ewiger geistiger Gegenwehr und Verneinung bedarf, um standzuhalten und dem Eindruck nicht zu erliegen, sich nicht vor der Tatsache zu beugen und Baal nicht für Gott zu halten, das heißt, das Verwirklichte, Bestehende nicht hinzunehmen als unser Ideal ...

Nun, das ist Unsinn, werden Sie sagen, krankhafter Unsinn, Nerven, Übertreibung. Dabei wird doch niemand stehen bleiben und ebenso wird niemand das für sein verwirklichtes Ideal halten. Zudem sind doch Hunger und Sklaverei nicht jedermanns Sache und werden am besten Verneinung einflüstern und Skepsis zeugen. Satte Dilettanten aber, die zu ihrem Vergnügen umherspazieren, die können natürlich Bilder aus der Apokalypse zu sehen sich einbilden und ihre Nerven hätscheln, indem sie, um sich selbst anzuregen, aus jeder Erscheinung durch Übertreibung starke Empfindungen zu erpressen suchen ...

Schön, antworte ich, nehmen wir an, daß ich mich von der Dekoration habe hinreißen lassen, mag es so sein. Doch wenn Sie gesehen hätten, wie stolz jener mächtige Geist ist, der diese kolossale Dekoration geschaffen hat, und wie stolz dieser Geist von seinem Sieg und seinem Triumph überzeugt ist, Sie wären erschauert ob seines Stolzes, seines Starrsinns und seiner Blindheit, und Sie wären erschauert auch für jene, über denen dieser stolze Geist schwebt und die er regiert. Angesichts dieser Kolossalheit, dieses riesenhaften Stolzes des alle beherrschenden Geistes, angesichts dieser feierlichen Vollendung der Schöpfungen dieses Geistes verstummt nicht selten auch die hungrige Seele, ergibt sich, unterwirft sich, sucht Rettung im Gin und in der Ausschweifung, und beginnt zu glauben, daß alles gerade so sein müsse. Die Tatsache drückt, die Masse verholzt und eignet sich alsbald Chinesentum an, oder wenn sich auch Skepsis einstellt, so sucht sie schließlich doch finster und mit einem Fluch Rettung in irgend so etwas von der Art des Mormonentums. Und in London kann man die Masse in einem Maßstabe und in einer Umgebung sehen, wie sie sonst nirgendwo in der Welt leibhaftig zu sehen ist. Man erzählte mir z. B., daß jeden Samstagabend eine halbe Million Arbeiter und Arbeiterinnen mit ihren Kindern sich wie ein Meer in die Straßen der Stadt ergießt, sich besonders in gewisse Stadtteile drängend, um dann die ganze Nacht bis fünf Uhr morgens Feiertag zu feiern, das heißt, sich viehisch satt zu essen und voll zu trinken nach der ganzen durchhungerten Woche. Diese Millionenmasse trägt ihren gesamten Wochenlohn bei sich, alles, was sie mit schwerer Arbeit fluchend verdient hat. In den Fleisch- und Eßwarenläden brennt das Gas in dicksten Flammenbüscheln, die grell die Straßen erhellen. Es ist geradezu, als werde für diese weißen Neger ein Ball veranstaltet. In den offenen Tavernen und in den Straßen überall ein Volksgedränge. Hier wird auch gegessen und getrunken. Die Trinkstuben sind aufgeputzt wie Paläste. Alles ist betrunken, doch ohne Fröhlichkeit, ist vielmehr finster, schwer, und alles ist irgendwie eigentümlich stumm. Nur hin und wieder wird diese verdächtige und auf Sie traurig wirkende Schweigsamkeit von Schimpfwörtern und blutigen Prügeleien gestört. Alles das beeilt sich, zu trinken, sich bis zur Bewußtlosigkeit zu betrinken ... Die Frauen stehen den Männern nicht nach und betrinken sich gleich diesen; die Kinder laufen und kriechen zwischen ihnen umher. In einer solchen Nacht, es war gegen zwei Uhr, verirrte ich mich einmal und trieb mich lange in den Straßen umher inmitten der unzählbaren Menge dieses finsteren Volkes, fast nur mit Zeichen den Weg erfragend, da ich kein Wort Englisch kann. Ich fand schließlich den Weg, aber der Eindruck dessen, was ich gesehen, quälte mich nachher noch drei Tage. Volk ist überall Volk, hier aber war alles so kolossal, so grell, daß man gleichsam körperlich fühlte, was man sich bislang nur geistig vorgestellt hatte. Ja, hier sieht man nicht einmal mehr Volk, sondern Verlust des Bewußtseins, systematischen, gehorsamen, geförderten. Und man fühlt, wenn man alle diese Parias der Gesellschaft sieht, daß für sie die Prophezeiung noch lange nicht in Erfüllung gehen wird, daß sie noch lange keine Palmenzweige und weißen Gewänder erhalten werden und immer noch vergeblich zum Throne des Höchsten emporseufzen müssen: „Wie lange noch, Herr?“ Und sie wissen das selbst und inzwischen nehmen sie für sich Rache an der Gesellschaft mit irgend welchen unterirdischen Mormonen, Sekten, Wanderpredigern ... Wir wundern uns über die Dummheit, sich solchen Sekten anzuschließen, und erraten nicht, daß es – eine Absonderung von unserer gesellschaftlichen Formel ist, eine hartnäckige, unbewußte Absonderung; eine instinktive Absonderung um jeden Preis, da man seine Seele retten will, eine Absonderung mit Ekel vor uns und Entsetzen. Diese Millionen von Menschen, die von dem Feste der Menschheit ausgeschlossen und verjagt worden sind, die nun in unterirdischer Finsternis einander stoßen und drücken, in dieser Finsternis, in die sie von ihren älteren Brüdern geworfen wurden und in der sie nun tastend nach einem Ausgang suchen und an jede erste beste Tür pochen, um in dem dunklen Kellergewölbe nicht zu verrecken. Es ist das der letzte verzweifelte Versuch, sich zu einem eigenen Haufen zusammenzuschließen, zu einer eigenen Masse, und sich von allem abzusondern, sei es selbst vom Menschenbilde, um nur ja von eigener Art zu sein, nur ja nichts mit uns gemein zu haben ...

Ich sah in London auch noch eine andere ähnliche Menschenmenge von einer Größe, wie man sie gleichfalls nirgendwo, außer in London, sehen kann. Gleichfalls eine Dekoration in ihrer Art. Wer in London gewesen ist, hat gewiß wenigstens einmal Hay-Market in der Nacht besucht. Das ist ein Stadtteil, in dem nachts die öffentlichen Frauen zu Tausenden sich umherdrängen, besonders in gewissen Straßen. Die Straßen sind von Gasflammen erhellt, von einem Licht, von dem man bei uns in Rußland noch gar keine Vorstellung hat. Hier reiht sich ein prunkvolles Café ans andere, Cafés mit Riesenspiegeln und goldstrotzenden Verzierungen. Hier gibt es Festsäle, hier gibt es Absteigequartiere. Es schaudert einen geradezu, wenn man sich unter diese Menge begibt. Und wie sonderbar ist sie zusammengesetzt. Da gibt es Greisinnen und junge Schönheiten, vor deren Schönheit man betroffen stehen bleibt. In der ganzen Welt gibt es keinen so schönen Frauentyp wie die Engländerin. Alles das drängt sich mit Mühe durch die Straßen, geengt, gedrängt. Die Fußsteige reichen natürlich nicht aus, der ganze Fahrweg ist von der Menge überflutet. Alles das giert nach Beute und wirft sich mit schamlosem Zynismus auf den ersten Besten. In dieser Menge gibt es glänzende kostbare Gewänder und neben ihnen sieht man fast Lumpen. Man sieht hier auch alle Lebensalter in schrillstem Gegensatz nebeneinander, alles in einer einzigen Masse. In diesem schrecklichen Menschenhaufen stößt sich der betrunkene Strolch umher und hierher kommt auch der reiche Herr mit hohen Titeln. Man hört Schimpfworte, Streit, laute Aufforderungen, hier oder dort einzutreten, und dazwischen das versuchende Geflüster einer noch schüchternen jungen Schönheit. Und was sind das mitunter für Schönheiten! Gesichter wie von einem Keepsake. Ich weiß noch, einmal trat ich in ein „Kasino“. Dort spielte Musik, es wurde getanzt, es wimmelte von Menschen. Die Aufmachung war voll Prunk und Pracht. Aber der finstere Charakter verläßt die Engländer auch im Vergnügen nicht: selbst beim Tanzen sind sie ernst, ja sogar verdrossen, und machen die Tanzschritte, als müßten sie einer Pflicht nachkommen. Dort erblickte ich oben auf der Galerie ein Mädchen, vor dem ich einfach stehen blieb vor Verwunderung: eine so ideale Schönheit war mir noch nie begegnet. Sie saß an einem der Tischchen mit einem jungen Mann, anscheinend einem reichen Gentleman, der, wie aus allem zu ersehen war, nicht zu den ständigen Gästen dieses Kasinos gehörte. Vielleicht hatte er sie überall vergeblich gesucht und schließlich hier gefunden. Oder vielleicht hatten sie verabredet, sich hier zu treffen. Er sprach wenig mit ihr, dabei alles seltsam stoßweise und gleichsam gar nicht davon, wovon sie eigentlich sprechen wollten. Ihr Gespräch wurde oft von langem Schweigen unterbrochen. Sie schien sehr traurig zu sein. Ihre Züge waren zart, fein, etwas Verschwiegenes und Trauriges lag in ihrem schönen, ein wenig stolzen Blick, etwas Denkendes und Schwermütiges. Ich glaube, sie war schwindsüchtig. Sie stand in ihrer Entwicklung höher, sie mußte einfach höher stehen als alle diese unglücklichen Frauen – denn was hätte sonst ein Menschenantlitz zu bedeuten? Und dabei saß sie doch hier unter den anderen und trank gleichfalls diesen Gin, den der junge Mann für sie bezahlte. Schließlich stand er auf, drückte ihr die Hand und sie trennten sich. Er verließ das Kasino, sie aber ging, vom Branntweingenuß feuerrote Flecken auf ihren blassen Wangen, und mischte sich unter die Schar der sich feilbietenden Frauen. Dort in Hay-Market habe ich Mütter gesehen, die ihre eigenen kleinen Töchter zu diesem Gewerbe anleiteten. Und diese kleinen, vielleicht zwölfjährigen Mädchen fassen einen an der Hand und bitten einen, doch mit ihnen zu gehen. Einmal erblickte ich in dem Gewimmel der Straße ein Kind, ein Mädchen von höchstens sechs Jahren, bestimmt nicht älter, in Lumpen gekleidet, schmutzig, barfuß, ausgemergelt und blaugeschlagen – ihr Körper, den man durch die zerrissenen Lumpen sah, war mit blauen Flecken bedeckt. Das Kind ging ohne zu wissen wohin, ja ohne zu wissen, daß es überhaupt ging, ohne sich zu beeilen – Gott weiß weshalb es sich in dem Gewimmel umhertrieb. Vielleicht war es hungrig. Es wurde von Niemand beachtet. Doch was mich am meisten betroffen machte: dieses Kind ging mit dem Ausdruck eines solchen Kummers, einer so hoffnungslosen Verzweiflung im Gesicht, daß der Anblick dieses kleinen Geschöpfes, das schon so viel Fluch und Jammer trug, irgendwie geradezu widernatürlich war und entsetzlich schmerzte. Die Kleine wiegte beim Gehen ihren zerzausten Kopf immer hin und her, von einer Seite auf die andere, ganz als erwäge sie etwas, dazu gestikulierte sie in einem fort, hob ihre kleinen Ärmchen oder schlug plötzlich die Händchen zusammen und preßte sie an ihre nackte, kleine Brust. Ich kehrte um, ging ihr nach und gab ihr einen halben Schilling. Sie nahm die Silbermünze, sah mir dann scheu mit ängstlicher Verwunderung in die Augen und plötzlich begann sie zu laufen, so schnell es ihr im Gedränge nur möglich war, ganz als fürchtete sie, daß ich ihr das Geld wieder wegnehmen könnte. – Ja, es gibt schon eigene Dinge ...

In einer Nacht aber geschah es, daß in diesem Gedränge verlorener Frauen und Lüstlinge ein weibliches Wesen, das sich eilig durch die Menge drängte, mich anredete. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und trug einen Hut, der ihr Gesicht fast vollständig verbarg; ich kam eigentlich kaum dazu, sie richtig zu sehen; ich erinnere mich nur ihres forschend aufmerksamen Blickes. Sie sagte irgend etwas, das ich nicht verstand, in gebrochenem Französisch, drückte mir ein Blatt Papier in die Hand und ging schnell weiter. Vor dem hellen Fenster eines Cafés besah ich das Papier: es war ein kleines Blatt in Quadratform; auf der einen Seite des Blättchens stand gedruckt: „Crois-tu cela?“ Auf der anderen Seite, gleichfalls auf französisch: „Ich bin die Auferstehung und das Leben ...“ usw. Die bekannten Worte. Sie werden zugeben, daß auch das ziemlich originell ist. Später sagte man mir, das sei die katholische Propaganda, die überall herumschnüffelt, unablässig, unermüdlich. Bald sind es solche Blättchen, die auf den Straßen verteilt werden, bald sind es kleine Bücher, die Auszüge aus dem Neuen und Alten Testament enthalten. Sie werden umsonst verteilt, aufgedrängt, in die Hand gedrückt. Der Propagandisten gibt es eine Unmenge, sowohl Männer wie Frauen. Es ist das eine Propaganda von feinster und berechnendster Art. Der katholische Geistliche spürt persönlich die arme Familie irgend eines Arbeiters auf, in die er sich dann unmerklich eindrängt. Er findet z. B. einen Kranken, der in Lumpen auf dem feuchten Fußboden liegt, umgeben von Kindern, die von Hunger und Kälte verkommen sind, dazu eine hungrige, nicht selten betrunkene Frau. Er gibt ihnen allen zu essen, gibt ihnen Kleider, sorgt für Heizung, behandelt den Kranken, kauft Arznei, wird zum Freunde der ganzen Familie und schließlich bekehrt er sie alle zum Katholizismus. Manchmal freilich kommt es auch vor, daß man ihn – natürlich erst nach der Heilung und aller Hilfe –, statt sich nun bekehren zu lassen, mit Geschimpfe und Schlägen hinausjagt. Aber er ermüdet nicht; er geht zu anderen. Auch dort wird er hinausgejagt; er erträgt alles, aber den einen oder anderen fängt er schließlich doch. Der anglikanische Geistliche dagegen wird doch nicht zu einem Armen gehen. Arme werden ja nicht einmal in die Kirche gelassen, weil sie nichts haben, womit sie den Platz auf der Bank bezahlen könnten. Die Ehen unter den Arbeitern und überhaupt unter den Armen sind oft illegitim, denn sich trauen zu lassen kostet viel Geld. Übrigens pflegen viele dieser Ehemänner ihre Frauen fürchterlich zu prügeln, ja, sie zu Krüppeln oder halbtot zu schlagen, und zwar geschieht das, wie es scheint, gewöhnlich mit der Feuerzange, mit der man im Kamin die Kohlen schürt. Wenigstens wird in den Zeitungsberichten, die von solchen Familientragödien, schweren Körperverletzungen oder Totschlägen handeln, immer die Feuerzange erwähnt. Die Kinder aus diesen Ehen beginnen oft schon im frühesten Alter ein Straßenleben, mischen sich unter die Menge und kehren schließlich überhaupt nicht mehr zu ihren Eltern zurück. – Die anglikanischen Pfarrer und Bischöfe sind stolz und reich, leben in reichen Pfarreien und werden dick in vollkommenster Gewissensruhe. Sie sind große Pedanten, sind sehr gebildet und glauben selber wichtig und in allem Ernst an ihre stumpfsinnig-moralische Würde, an ihr Recht, ruhige und selbstgerechte Moral zu predigen, fett zu werden und nur für die Reichen da zu sein. Das ist die Religion der Reichen und zwar schon ohne jede Maske. Nun, wenigstens ist’s so – rationell und es wird nichts vorgetäuscht. Aber diese selben bis zur Stumpfheit überzeugten Professoren der Religion haben eine Liebhaberei von eigener Art: das ist die Mission. Sie durchziehen als Missionare die ganze Welt, sie dringen ins innerste Afrika, um einen Wilden zu bekehren, und vergessen darüber eine Million Wilder in London, weil diese nichts besitzen, womit sie zahlen könnten. Doch die reichen Engländer und überhaupt alle dortigen goldenen Ochsen sind überaus religiös, sind es auf eine finstere, mißmutige und eigentümliche Art. Die englischen Dichter aber besingen von jeher mit Vorliebe die Schönheit der Pfarrhäuser in der Provinz, die im Schatten hundertjähriger Eichen und Weiden stehen, besingen ihre tugendhaften Frauen und idealschönen blonden, blauäugigen Töchter.

Doch wenn die Nacht vergeht und der Tag beginnt, erhebt sich jener stolze finstere Geist von neuem herrscherhaft über der Riesenstadt. Der regt sich nicht darüber auf, was in der Nacht war, ihn stört auch das nicht, was er am Tage ringsum sieht. Baal herrscht und verlangt nicht einmal Unterwerfung, denn er ist ihrer auch so schon sicher. Sein Glaube an sich selbst ist grenzenlos; ruhig und mit Verachtung gibt er, nur um sich’s vom Halse zu schaffen, organisierte Almosen und danach ist sein Selbstgefühl nicht mehr zu erschüttern. Baal versteckt auch nicht vor sich selbst, wie man das z. B. in Paris tut, gewisse ungezähmte, verdächtige und erregende Lebenserscheinungen. Armut, Leid, Murren und die Abstumpfung der Masse regen ihn nicht im geringsten auf. Voll Verachtung erlaubt er allen diesen verdächtigen, unheilkündenden Erscheinungen Seite an Seite neben seinem Leben als Wirklichkeit sichtbar zu bestehen. Er gibt sich keine Mühe, sich ängstlich, wie der Pariser, und krampfhaft zu beruhigen, zu ermutigen und sich selbst die Meldung zu erstatten, daß alles ruhig und in Ordnung sei. Er versteckt nicht, wie man das in Paris tut, die Armen irgendwohin, wo man sie nicht sieht, damit sie nicht unnütz seinen Schlaf beunruhigen. Der Pariser liebt es, wie der Vogel Strauß, seinen Kopf in den Sand zu stecken, um die Jäger, die ihm schon auf den Fersen sind, einfach nicht zu sehen. In Paris ... Aber was ist denn das? Ich bin schon wieder nicht in Paris! ... Herrgott, wann werde ich mich denn endlich an Ordnung gewöhnen ...

Sechstes Kapitel. Ein Versuch über den Bourgeois.

Warum kauert sich hier alles das so zusammen, warum will sich hier alles in Scheidemünze einwechseln, sich einengen, sich drücken: „Ich bin gar nicht da, ich bin überhaupt nicht auf der Welt, ich habe mich versteckt, gehen Sie, bitte, vorüber und bemerken Sie mich nicht, tun Sie, als sähen Sie mich nicht, gehen Sie, ach gehen Sie doch vorüber!“

„Ja von wem reden Sie eigentlich? Wer kauert sich zusammen?“

„Na, der Bourgeois doch.“

„Ums Himmels willen, der ist doch König, ist überhaupt alles, le tiers état c’est tout, und Sie reden von – sich verstecken!“

„Ja, aber warum versteckt er sich denn so hinter dem Kaiser Napoleon? Warum hat er denn in seiner Abgeordnetenkammer die hohen Phrasen vergessen, die er früher so liebte? Warum will er sich an nichts erinnern und warum winkt er mit beiden Händen ab, wenn man ihn an irgend etwas, das in alten Zeiten war, erinnert? Warum ist bei ihm im Sinn und Blick und auf der Zunge sogleich Alarm, wenn andere in seiner Gegenwart noch irgend einen Zukunftswunsch zu äußern wagen? Und wenn er selber einmal aus reiner Einfalt übermütig wird und plötzlich auch in sich noch einen Wunsch verspürt, warum erschrickt er dann gleich und bekreuzigt sich, um den Einfluß des Bösen zu bannen: „Herrgott, was hab ich da ... was fällt mir überhaupt ein!“ und warum bemüht er sich darnach noch lange, sein törichtes Benehmen durch Fleiß und Artigkeit gewissenhaft wieder gut zu machen? Warum sieht er immer so aus, als sage er fast wortwörtlich: „Heute mache ich wieder ein paar Geschäftchen in meinem Laden und, so Gott will, morgen auch und vielleicht auch noch übermorgen, wenn Gott mir gnädig ist ... Nun und dann, dann aber ... wenn man nur schneller ein Sümmchen in Sicherheit hätte, und“ ... und weiter denkt er nicht; – après moi le déluge. Warum hat er alle Armen irgendwohin weggeschafft und warum beteuert er, es gäbe sie in Frankreich überhaupt nicht? Warum begnügt er sich so stillschweigend mit einer Regierungspresse und mit vorschriftsmäßiger Literatur? Warum will er sich so furchtbar gern einreden, seine Zeitungen seien nicht käuflich? Warum willigt er ein, so viel Geld für Spione auszugeben? Warum wagt er gegen die Mexikanische Expedition auch nicht mit einer Silbe zu mucksen? Warum werden auf den Bühnen seiner Theater die Ehemänner immer als so edle und mit Geld und Gütern wohlversehene Herren dargestellt, die Liebhaber dagegen immer als irgend solche armselige, verlumpte Habenichtse ohne Stellung und ohne Protektion, als irgend solche Kommis oder Künstler, jedenfalls als im höchsten Grade lumpige Leutchen? Warum gaukelt er sich vor, daß die Epousen alle ohne Ausnahme bis zum Äußersten ihren Gatten treu seien, daß sein Heim in Wohlbehagen still gedeihe, der pot-au-feu in tugendvollster Hitze brodele und die Kopfzier seines eigenen Hauptes in einer so tadellosen Verfassung sei, wie man sie sich besser gar nicht denken könnte? Gerade bezüglich der Kopfzier ist seine Überzeugung von ganz besonderer Festigkeit: so ist es nun einmal vereinbart, ohne alles Gerede, so hat es sich von selbst eingeführt und festgesetzt; und wenn auch auf den Boulevards jeden Augenblick geschlossene Mietskutschen mit herabgezogenen Rollvorhängen vorüberfahren, wenn es auch überall Zufluchtsstätten für alle möglichen interessanten Erfordernisse gibt und wenn auch die Toiletten der Epousen nur allzuoft teurer sind, als nach dem Beutel des Gemahls anzunehmen wäre, so bleibt es doch dabei, denn so ist es nun einmal vereinbart und unterschrieben – also was wollen Sie nun noch? Und warum ist es so vereinbart und unterschrieben? Ja aber: wenn es das nicht wäre, dann könnte man ja womöglich denken, das Ideal sei noch nicht erreicht, Paris sei noch nicht das vollendete irdische Paradies, könnte denken, daß man schließlich doch noch was wünschen dürfe, daß folglich der Bourgeois auch selber noch nicht ganz zufrieden sei mit dieser Ordnung, für die er einsteht und die er allen aufbinden will. Man könnte glauben, daß es in dieser Gesellschaft doch irgend welche Sprünge und Risse gibt, die man ausbessern müßte. Sehen Sie, deshalb schwärzt der Bourgeois die Risse in seinen Stiefeln mit Tinte, damit man nur ja nicht, Gott behüte, etwas bemerke! Die Epousen aber naschen derweil Süßigkeiten, sind behandschuht, daß die russischen Damen im fernen Petersburg sie bis zur Hysterie beneiden, zeigen ihre Füßchen und raffen auf den Boulevards überaus graziös die Röcke. Was will man denn noch zum vollkommenen Glück? Eben deshalb sind auch Romantitel wie z. B. „Die Frau, der Mann und der Liebhaber“ unter den gegenwärtigen Verhältnissen bereits unmöglich, da es Liebhaber doch nicht mehr gibt, gar nicht geben kann. Und selbst wenn es ihrer in Paris so viele geben sollte wie Sand am Meer (und es gibt ihrer dort vielleicht sogar noch mehr), so sind sie dennoch nicht vorhanden und können gar nicht vorhanden sein, sintemal es ein für allemal so festgestellt und unterschrieben ist und nun alles in Tugend glänzt. Das aber ist unbedingt erforderlich, daß alles in Tugenden glänzt.

Notes in this chapter

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