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Sämtliche Werke 11

Winteraufzeichnungen über Sommereindrücke[80]. (continued 2)

E. K. Rahsin translation

Betrachtet man abends im Palais-Royal das Bild, das sich dort im großen Hof bis elf Uhr nachts dem Auge bietet, so ist man unfehlbar versucht, eine Träne der Rührung zu vergießen. Um die Zeit ergehen sich nämlich dortselbst unzählige Ehemänner mit ihren unzähligen Epousen am Arm in der milden Abendluft, indes ihre reizenden, wohlerzogenen Kinderchen ringsum spielen. Dazu plätschert das Springbrünnlein und das eintönige Rauschen seines Wassers erinnert einen an etwas Ruhiges, Stilles, Tagtägliches, Beständiges, Heidelbergisches. Und so plätschert ja nicht nur ein einzelnes Springbrünnlein in Paris: der Springbrünnlein gibt es dort viele und überall ist es dasselbe, so daß wahrlich das Herz sich freuen kann.

Das Bedürfnis nach Tugend ist in Paris nicht zu löschen. Der Franzose von heute ist ernst, solide und im Herzen oft sogar gerührt, so daß ich eigentlich nicht verstehe, warum ihm noch immer so furchtbar bange ist vor irgend etwas, bange sogar trotz der ganzen gloire militaire, die in Frankreich ja so floriert und für die Jacques Bonhomme so teuer zahlt. Der Pariser liebt es unendlich, Geschäfte zu machen, doch ich glaube, selbst wenn er seine Geschäftchen abwickelt oder Sie in seinem Laden nach allen Regeln der Kunst übers Ohr haut, tut er das nicht einfach um des Gewinnes willen, wie es früher geschah, sondern aus reiner Tugend, aus einem gewissen heiligsten Pflichtgefühl. Ein Vermögen aufzuspeichern und möglichst viel Sachen zu besitzen, das ist zum Hauptgesetz der Sittlichkeit, ja zum Katechismus des Parisers geworden. Das war allerdings auch früher schon so, jetzt aber, jetzt hat das ein gewisses, sozusagen heiliges Ansehen bekommen. Früher hatte außer dem Gelde immerhin auch noch manches andere Geltung, so daß auch ein Mensch ohne Geld, wenn er statt des Geldes andere Eigenschaften besaß, noch auf eine gewisse Achtung rechnen konnte; jetzt aber ist das einfach ausgeschlossen. Jetzt muß man sich zunächst Geld verschaffen und sich obendrein möglichst viel Sachen anlegen, dann erst kann man auf eine gewisse Achtung rechnen. Und nicht bloß Achtung von seiten anderer, nein, auch Selbstachtung ist nur noch auf diesem Wege zu erlangen. Der Pariser hält sich selbst nicht für einen Sou wert, wenn er fühlt, daß seine Taschen leer sind, und das tut er nicht etwa unbewußt, nein, bewußt tut er es, tut es auf Ehre und Gewissen, tut es aus größter Überzeugung. Es werden Ihnen ganz erstaunliche Dinge erlaubt, wenn Sie nur Geld haben. Ein armer Sokrates ist nur ein dummer und schädlicher Phraseur und wird höchstens im Theater geachtet, dieweil nämlich der Bourgeois im Theater die Tugend immer noch zu achten liebt.

Fürwahr, ein sonderbarer Mensch ist dieser Bourgeois: da erklärt er unumwunden, daß Geldbesitz die höchste Tugend und Menschenpflicht sei, und dabei liebt er es ungeheuer, sich zugleich als den edelsten der Menschen aufzuspielen. Die Franzosen haben alle ein bewundernswert edles Gehaben. Selbst das erbärmlichste Französchen, das für einen Viertelrubel seinen leiblichen Vater an Sie zu verkaufen bereit ist und Ihnen dann obendrein und sogar ungebeten noch irgend etwas auf den Kauf gibt, hat gleichzeitig, ja buchstäblich in derselben Minute, in der er seinen leiblichen Vater verkauft, eine so sichere, selbstverständliche Haltung, daß Sie in Zweifeln befangen dastehen und sich bloß wundern können. Sie treten in einen Laden, um irgend etwas zu kaufen, und selbst der letzte Kommis erdrückt, jawohl, erdrückt Sie einfach mit seinem unsagbaren Edelmut. Das sind dieselben Kommis, die unserem Michailoff-Theater als Musterbeispiel des allerfeinsten Süperflü dienen. Sie fühlen sich, kaum daß Sie in den Laden eingetreten sind, sofort bedrückt, fühlen sich geradezu schuldig vor diesem Kommis. Sie haben den Laden betreten, um, sagen wir, zehn Franken auszugeben, und man empfängt Sie, als wären Sie Lord Devonshire in eigener Person. Sie empfinden aus einem unbestimmten Grunde sogleich die schrecklichsten Gewissensbisse, Sie möchten so schnell wie möglich den Irrtum aufheben, möchten versichern, daß Sie keineswegs Lord Devonshire, sondern nur so ... eben nur ein bescheidener Reisender sind, und daß Sie hier bloß für zehn Franken zu kaufen beabsichtigen. Doch der junge Mann von glücklichstem Äußeren und unaussprechlichstem Edelmut in der Seele, bei dessen Anblick Sie sich selbst womöglich für einen Schurken zu halten geneigt sind (dermaßen edel sieht er aus!), beginnt bereits Ware für Zehntausende von Franken vor Ihnen auszubreiten. In einem Augenblick hat er für Sie schon den ganzen Ladentisch mit Bergen von Sachen bedeckt, und da bedenke man bloß, wieviel er, der Arme, nachher wieder einwickeln, einpacken, wegräumen muß, er, dieser Grandison, Alcibiades, Montmorency, und das noch um wessentwillen? Um Ihretwillen, der Sie die Frechheit gehabt haben – Sie mit Ihrem keineswegs beneidenswerten Äußeren, Sie mit allen Ihren Untugenden und Mängeln und Ihren ekelhaften zehn Franken –, einen solchen Marquis zu belästigen! Wenn man alles das bedenkt, beginnt man ganz unwillkürlich und auf der Stelle sich selbst zu verachten. Sie bereuen und verwünschen das Schicksal, welches es so fügt, daß in Ihrer Tasche sich gerade nur hundert Franken befinden, und Sie werfen eiligst die hundert hin, indes Ihr Blick um Verzeihung bittet. Doch großmütig wird Ihnen das für Ihre lumpigen hundert Franken Gekaufte eingewickelt, man verzeiht Ihnen auch die ganze Mühe und Ruhestörung, die Sie verursacht haben, und Sie beeilen sich, so schnell wie möglich sich aus dem Laden hinaus zu drücken. In Ihrem Hotelzimmer wundern Sie sich dann nicht wenig über die Tatsache, daß Sie, der Sie doch nur zehn Franken hatten ausgeben wollen, dabei hundert Franken losgeworden sind. Wie oft habe ich auf den Boulevards oder in der Rue Vivienne, wo sich so viele Läden mit Modegegenständen befinden, bei mir gedacht: wenn man unsere russischen Damen hierher führte und ... Doch von den Folgen werden Ihnen am besten die Bevollmächtigten und Dorfältesten der Güter in den Gouvernements von Orloff, Tamboff usw. berichten können. Russen haben überhaupt die Sucht, bei Einkäufen in Läden so zu tun, als hätten sie unermeßlich viel Geld. Dafür aber gibt es auch eine Unverschämtheit in der Welt, wie z. B. bei den Engländerinnen, die sich dadurch, daß ein solcher Adonis oder Wilhelm Tell den ganzen Ladentisch für sie allein mit Haufen von Sachen bedeckt und in allen Fächern das Unterste zu oberst gekehrt hat, nicht nur nicht verwirren lassen, sondern noch – es ist nicht zu glauben! – noch wegen irgend welcher zehn Franken zu handeln anfangen. Aber der Wilhelm Tell ist kein Stümper in seinem Fach: er versteht es schon, sich zu rächen und für einen Schal im Werte von tausendfünfhundert Franken der Mylady zwölftausend abzuknöpfen, und dies noch auf eine Weise, daß sie mit ihrem Einkauf vollkommen zufrieden bleibt. Doch davon abgesehen, liebt der Bourgeois bis zur Leidenschaft unaussprechlichen Edelmut. Auf der Bühne zeige ihm unbedingt nur Uneigennützigkeit. Gustave, der Held, muß nur so strahlen vor lauter edlen Eigenschaften und der Bourgeois weint vor Rührung. Ohne unaussprechlichen Edelmut kann er nun einmal nicht ruhig schlafen. Daß er aber zwölftausend statt tausendfünfhundert Franken genommen hat, das war ja einfach seine Pflicht: er hat sie doch nur aus Tugend genommen. Stehlen ist schändlich, ist gemein, – dafür kommt man auf die Galeeren; der Bourgeois ist bereit, vieles zu verzeihen, doch nie und nimmer Diebstahl, und sollten Sie auch mitsamt Ihren Kindern Hungers sterben. Doch wenn Sie aus besagtem Pflichtgefühl, also aus Tugendhaftigkeit stehlen, oh, dann wird Ihnen alles und ohne weiteres verziehen. Dann wollen Sie eben faire fortune und sich viele Sachen anschaffen, also die Natur- und Menschheitspflicht erfüllen. Deshalb sind denn auch in seinem Kodex ganz genau die Punkte angegeben, die Diebstahl aus niedrigen Gründen, also etwa um ein Stück Brot, von Diebstahl aus hoher Tugendhaftigkeit unterscheiden. Letzterer wird sogar sehr gefördert, ist im höchsten Maße sicher gestellt und ungemein zweckmäßig organisiert.

Warum also, frage ich – ich komme immer wieder darauf zurück – warum ist denn dem Bourgeois bei alledem auch heute noch so bänglich zumute, ganz als säße er nicht auf seinem eigenen Stuhl? Weswegen fühlt er sich denn noch beunruhigt? Wegen der Parleure und Phraseure etwa? Aber die kann er doch jetzt mit einem einzigen Fußtritt zum Teufel jagen. Oder ist er es wegen der Beweise der reinen Vernunft? Aber die Vernunft hat sich doch vor der Wirklichkeit als bankrott erwiesen und überdies fangen ja die Vernünftler, die Gelehrten, jetzt selber an zu erklären, es gäbe überhaupt keine Beweise der reinen Vernunft, die reine Vernunft sei in der Welt überhaupt nicht vorhanden, die abstrakte Logik sei auf die Menschheit nicht anwendbar, es gebe eine Vernunft von Iwan, von Peter, von Gustave, doch eine reine Vernunft habe es noch nie gegeben; das sei nur eine unbegründete Erdichtung des achtzehnten Jahrhunderts. – Wen also hat er zu fürchten? Die Arbeiter? Aber die Arbeiter sind doch alle in der Seele gleichfalls Besitzer: ihr ganzes Ideal besteht doch nur darin, Besitzer zu sein und sich möglichst viel Sachen anzuschaffen; so ist nun einmal ihre Natur. Die Natur wird keinem umsonst gegeben. Alles das ist von Jahrhunderten groß gezogen, von Jahrhunderten gezüchtet. Nationalität läßt sich nicht mit Leichtigkeit umwandeln, es ist nicht leicht, von Gewohnheiten abzulassen, die schon Jahrhunderte alt und in Fleisch und Blut übergegangen sind. Oder fürchtet er die Landbevölkerung? Aber die französischen Landleute sind ja der Erztypus der Besitzer, sind die stumpfesten Besitzer, also das beste, das vollkommenste Ideal des Besitzers, das man sich nur vorstellen kann. Oder fürchtet er die Kommunisten? Oder schließlich die Sozialisten? Aber diese Leutchen haben ja ihre Sache seinerzeit gewaltig verspielt und im Grunde seiner Seele verachtet der Bourgeois sie tief, – verachtet sie und dabei fürchtet er sie doch. Ja, eben diese Leute fürchtet er. Und doch sollte man meinen: warum denn, weshalb? Hat denn der Abbé Sieyès in seinem berühmten Pamphlet nicht prophezeit, daß der Bourgeois alles sein werde? „Was ist der tiers état? Nichts. Was müßte er sein? Alles.“ Nun, es ist so gekommen, wie er gesagt hat. Von allen Worten, die damals gesagt worden sind, sind nur diese in Erfüllung gegangen; nur sie allein sind geblieben. Der Bourgeois aber scheint es immer noch nicht so recht glauben zu wollen, ungeachtet dessen, daß alles andere, was nach diesen Worten des Abbé gesagt worden ist, vergangen und verschwunden ist wie eine geplatzte Seifenblase. In der Tat: bald nach ihm verkündete man ja: liberté, égalité, fraternité. Wunderbar. Aber was bedeutet nun eigentlich liberté? – Freiheit. Was für eine Freiheit? – Die gleiche Freiheit aller, alles zu tun, was man will, sofern das Wollen innerhalb der Grenzen der Gesetze bleibt. Wann aber kann man alles tun, was man will? – Wenn man eine Million hat. Gibt die Freiheit jedem Menschen diese Million? – – Nein. Was ist ein Mensch ohne eine Million? – Ein Mensch ohne eine Million ist nicht jemand, der alles macht, was er will, sondern jemand, mit dem man macht, was man will. Was folgt daraus? – Daraus folgt, daß es außer der Freiheit noch Gleichheit gibt und zwar Gleichheit vor dem Gesetz. Von dieser Gleichheit vor dem Gesetz läßt sich freilich nur das eine sagen, nämlich: daß in der Form, wie sie jetzt angewandt wird, jeder Franzose sie nur für eine persönliche Beleidigung halten kann und muß. Was verbleibt nun noch von der Formel? – Brüderlichkeit. Nun, dieses Kapitel ist das Allerkurioseste; und man muß schon zugeben, daß es im Westen noch bis zum heutigen Tage der größte Stein des Anstoßes ist. Der Westeuropäer redet von Brüderlichkeit wie von einer großen, die Menschheit bewegenden Kraft und verfällt überhaupt nicht darauf, daß Brüderlichkeit sich von nirgendwoher nehmen läßt, wenn sie nicht als Wirklichkeit einfach vorhanden ist. Also was tun? – Ja, da muß man Brüderlichkeit eben irgendwie machen, herstellen, denn zur Stelle schaffen muß man sie unbedingt. Aber da zeigt es sich, daß Brüderlichkeit überhaupt nicht zu machen ist, weil sie sich nämlich von selbst macht, weil sie gegeben sein, in der Natur liegen muß. In der französischen Natur aber, ja, in der westeuropäischen überhaupt, hat sich das Vorhandensein der Brüderlichkeit nicht gezeigt, sondern statt ihrer das Vorhandensein des Prinzips der Einzelperson, der Persönlichkeit, der verstärkten Selbsterhaltung, Selbstbehauptung, des Selbstbetriebs, der Selbstbestimmung innerhalb des eigenen Ich, das Prinzip, dieses Ich der ganzen Natur und allen übrigen Menschen entgegenzustellen als ein befugtes Element für sich, das der Gesamtheit alles anderen, das außer ihm in der Welt vorhanden ist, als vollkommen gleichberechtigt und gleichwertig gegenübersteht. Nun, und aus einer solchen Selbsteinschätzung hat Brüderlichkeit eben nicht hervorgehen können. Warum nicht? – Weil in der Brüderlichkeit, in der wirklichen Brüderlichkeit nicht der einzelne Mensch, nicht das Ich für das Recht seiner Gleichwertigkeit und Gleichwichtigkeit gegenüber allem Übrigen sorgen soll, sondern dieses Übrige von selbst zu der ihr Recht fordernden Persönlichkeit, zu diesem einzelnen Ich kommen und von selbst, ohne von ihm darum gebeten zu sein, dieses einzelne Ich als sich, d. h. allem übrigen auf der Welt Vorhandenen, gleichwertig und gleichberechtigt anerkennen müßte. Und das ist noch nicht alles: dieser selbe rebellische und fordernde Einzelmensch müßte als Erstes sein ganzes Ich, sich selbst restlos der Gesamtheit opfern und nicht nur sein Recht als einzelner Mensch nicht fordern, sondern, im Gegenteil, dasselbe der Gesamtheit ohne Vorbehalt und ohne alle Bedingungen hingeben. Aber die westeuropäische Persönlichkeit ist einen solchen Lauf der Dinge nicht gewohnt: kämpfend stellt sie ihre Forderungen, verlangt sie ihr Recht, will sie, daß geteilt werde – nun, und so ist es denn nichts mit der Brüderlichkeit. Allerdings: man kann sich ja umwandeln! Aber eine solche Umwandlung vollzieht sich erst in Jahrtausenden, denn Ideen von dieser Art müssen erst in Fleisch und Blut übergehen, um Wirklichkeit werden zu können.

„Ja, wie,“ fragen Sie mich, „muß man denn unpersönlich sein, um glücklich zu sein? Liegt denn in der Unpersönlichkeit das Heil?“

Im Gegenteil, ganz im Gegenteil, antworte ich, man muß nicht nur nicht unpersönlich sein, sondern muß gerade erst zu einer Persönlichkeit werden, und das sogar in einem weit höheren Grade als es jener Grad ist, der sich in Westeuropa jetzt festgesetzt hat. Verstehen Sie mich richtig: ein freiwilliges, vollkommen bewußtes, durch niemand und nichts erzwungenes Opfer seiner selbst zugunsten aller ist meiner Ansicht nach das Anzeichen der höchsten Entwicklung der Persönlichkeit, ihrer höchsten Macht, ihrer größten Selbstbeherrschung, ist das Anzeichen der größten Freiheit des persönlichen Willens. Freiwillig sein Leben für alle hingeben, für alle den Kreuzestod sterben oder den Scheiterhaufen besteigen, das kann man nur bei der stärksten Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

Eine stark entwickelte Persönlichkeit, die von ihrem Recht, Persönlichkeit zu sein, vollkommen überzeugt ist, die für sich selbst nichts mehr zu fürchten braucht, kann ja aus dieser ihrer Persönlichkeit auch nichts anderes mehr machen, d. h. kann sie ja zu nichts anderem verwerten, als sie restlos allen hingeben, auf daß auch alle anderen ebensolche selbstberechtigte und glückliche Persönlichkeiten werden. Das ist ein Naturgesetz; und naturgemäß zieht es den Menschen zu dem hin. Aber hierbei gibt es ein Härchen, ein allerfeinstes Härchen, das, so fein es auch ist, doch alles zerstört und über den Haufen wirft, sobald es in die Maschine gerät. Nämlich: wehe, wenn der Mensch bei der Gelegenheit auch nur die geringste Berechnung zugunsten des eigenen Vorteils anstellt! Zum Beispiel: ich bringe mich selbst dar und opfere mich restlos für alle; nun und eben da ist es nötig, daß ich mich ganz und gar und unwiderruflich opfere, ohne einen Gedanken an meinen Vorteil, ohne auch nur im entferntesten daran zu denken, daß ich mich nun zwar restlos der Gesellschaft opfere, dafür aber die Gesellschaft selbst mich restlos mir wiedergeben werde. Man muß sich so opfern, daß man alles hingibt und sogar wünscht, daß einem dafür nichts wiedergegeben werde, – damit niemand durch dich auch nur irgendwelche Unkosten habe.

Wie ist das nun zu machen? Das ist doch dasselbe, wie sich vornehmen, nicht an einen weißen Bären zu denken. Versuchen Sie das einmal: stellen Sie sich die Aufgabe, nicht an einen weißen Bären zu denken, und Sie werden sehen, der Verwünschte wird Ihnen in einemfort einfallen. Also wie soll man es machen? Ja, zu machen ist es überhaupt nicht, sondern es ist nötig, daß es sich von selbst so mache, daß es in der Natur sei, daß es unbewußt in der Natur der ganzen Rasse liege, mit einem Wort: damit es Brüderlichkeit gäbe, das Liebesprinzip, muß man – lieben. Es muß einen instinktiv zur Brüderlichkeit hinziehen, zu Gemeinsamkeit und Eintracht, und es muß einen hinziehen, trotz aller vielhundertjährigen Leiden des Volkes, trotz barbarischer Rohheit und Unwissenheit, die sich in der Nation verwurzelt haben, trotz jahrhundertelanger Knechtschaft, trotz aller Einbrüche fremder Völkerschaften ins Land und der Fremdherrschaft, kurz, das Bedürfnis nach brüderlicher Gemeinschaft muß in der Natur des Menschen liegen, er muß damit geboren werden oder ein solches Bedürfnis schon seit uralten Zeiten sich angeeignet haben. Worin bestünde nun diese Brüderlichkeit, wenn man sie vernunftgemäß, bewußt ausdrücken wollte? – Sie bestünde darin, daß jede einzelne Persönlichkeit von selbst, ohne jeden Zwang, ohne einen Vorteil für sich im Auge zu haben, zu der Gesellschaft der Menschen sagte: „Wir sind nur dann stark, wenn wir alle zusammenhalten, so nehmt mich denn ganz, wenn ihr meiner bedürft, denkt nicht an mich, wenn ihr eure Gesetze verfaßt, sorgt euch nicht um mich, ich gebe alle meine Rechte Euch und bitte Euch, verfügt über mich. Das ist mein höchstes Glück, Euch alles zu opfern, und so zu opfern, daß Euch dadurch keine Unkosten erwachsen. Ich vernichte mein Ich und will nicht mehr zu unterscheiden sein, damit nur Eure Brüderlichkeit gedeihe und verbleibe“ ... Die Brüderlichkeit aber müßte hierauf sagen: „Du gibst uns zu viel. Wir haben kein Recht, von dir das nicht anzunehmen, was du uns gibst, denn du sagst doch, daß dieses Gebenkönnen dein ganzes Glück sei; aber was sollen wir tun, wenn unser Herz unaufhörlich auch um dein Glück schmerzt. So nimm denn auch von uns alles. Wir werden uns unaufhörlich und aus allen Kräften bemühen, es so zu machen, daß du soviel wie nur möglich persönliche Freiheit habest, soviel wie nur möglich Selbstbestimmungsrecht. Fürchte dich jetzt nicht mehr vor Feinden, weder vor Menschen noch vor der Natur. Wir stehen alle für dich, wir alle sichern dich vor Gefahr, wir werden uns unermüdlich für dich mühen, weil wir Brüder sind; wir sind doch alle deine Brüder, und unserer sind viele und wir sind stark, also sei ganz unbesorgt und guten Muts, fürchte nichts mehr und verlaß dich auf uns.“

Nach solchen Worten wäre freilich nichts mehr zu teilen, es würde sich alles von selbst verteilen. Liebet einander und alles dieses wird Euch zuteil.

Aber was ist das doch für eine Utopie, meine Herrschaften! Alles beruht auf dem Gefühl, auf der Natur und nicht auf der Vernunft. Das ist doch sogar fast wie eine Erniedrigung für die Vernunft. Also was meinen Sie? Ist das nun eine Utopie oder nicht?

Aber wiederum: was soll denn der Sozialist anfangen, wenn im westeuropäischen Menschen die Grundlage, das Prinzip der Brüderlichkeit, nun einmal nicht liegt, sondern statt dessen, im Gegenteil, das Prinzip der Einzelheit, der Persönlichkeit, die sich unausgesetzt absondert, die mit dem Schwert in der Hand ihre Rechte fordert? Der Sozialist, der nur sieht, daß Brüderlichkeit nicht vorhanden ist, beginnt also zur Brüderlichkeit zuzureden. Da die Brüderlichkeit ihnen nicht von Natur gegeben ist, will er sie künstlich herstellen. Doch um ein Hasenragout machen zu können, muß man zuvor einen Hasen haben. Den Hasen aber gibt es dort nicht, d. h. man hat nun einmal nicht die Natur, die der Brüderlichkeit fähig ist, eine Natur, die an Brüderlichkeit glaubt, die es von selbst nach Brüderlichkeit verlangt! In der Verzweiflung beginnt der Sozialist die zukünftige Brüderlichkeit zu konstruieren, zu definieren, nach Gewicht und Maß zu berechnen, mit Vorteilen zu locken; er erklärt, er lehrt, er erzählt, wieviel Vorteile den Menschen durch diese Brüderlichkeit erwüchsen und was ein jeder durch sie alles gewönne; er setzt auch fest, was jeder einzelne vorzustellen, was er zu tragen habe, und bestimmt auch im voraus die Zuteilung der irdischen Güter: wieviel einem jeden davon zukomme, d. h. wieviel jeder davon verdiene und wieviel ein jeder dafür freiwillig auf Kosten seiner Persönlichkeit der Genossenschaft abzutreten habe. Was aber ist denn das noch für eine Brüderlichkeit, wenn schon im voraus geteilt und festgesetzt wird, wieviel ein jeder zu bekommen verdient und was ein jeder tun muß? Übrigens – es ward ja die Formel verkündet: „Einer für Alle und Alle für Einen.“ Etwas Besseres als dieses hätte man sich allerdings nicht ausdenken können, um so weniger, als diese ganze Formel unverändert einem Buch entnommen ist, das alle kennen. Doch siehe, man begann diese Formel praktisch anzuwenden und da geschah es, daß schon nach sechs Monaten der Begründer dieser Brüderlichkeit, Cabet, vors Gericht gezogen wurde. Die Fourieristen haben, wie man hört, schon die letzten neunhunderttausend Franken ihres Kapitals abgehoben und versuchen immer noch, die Brüderlichkeit irgendwie zu verwirklichen. Es kommt aber nichts dabei heraus. Natürlich hat es etwas sehr Verlockendes, wenn auch nicht auf brüderlicher, so doch auf rein vernunftgemäßer Grundlage zu leben, d. h. es ist schön und gut, wenn alle dich sicherstellen und von dir nur Arbeit und Übereinstimmung verlangen. Aber hier stellt sich nun wieder ein Rätsel ein: man sollte meinen, der Mensch werde doch vollkommen sichergestellt, man verspricht ihm Essen und Trinken, verspricht ihm Arbeit, und dafür verlangt man von ihm nur ein winziges Körnchen seiner persönlichen Freiheit zum Wohle der Allgemeinheit, nur ein ganz, ganz kleines Körnchen. Doch nein, das paßt dem Menschen nicht, selbst dieses winzige Körnchen abzutreten fällt ihm schon zu schwer. Infolge seiner Dummheit scheint es ihm immer, daß ein solches Leben ja so gut wie ein Gefängnisleben sei und allein für sich sei es besser, denn – da bliebe ihm der ganze freie Wille. Und wenn er in dieser seiner Freiheit auch geschunden wird, keine Arbeit erhält, dabei Hungers stirbt und seinen freien Willen überhaupt nicht hervorholen kann, – es scheint dem wunderlichen Kauz dennoch, daß es mit eigenem Willen besser sei. Natürlich bleibt dem Sozialisten somit nichts anderes übrig, als auszuspeien und ihm zu sagen, daß er ein Dummkopf, geistig zurückgeblieben und minderwertig sei, und nicht einmal seinen eigenen Vorteil zu begreifen verstehe; daß selbst irgend so eine armselige Ameise, die nicht einmal der Gabe des Wortes teilhaftig geworden ist, klüger sei als er, denn in ihrem Ameisenhaufen sei alles so gut eingerichtet, alles so genau vorliniiert, alle Ameisen seien satt und glücklich, jeder Ameiserich kenne seine Aufgabe, kurz: der Mensch habe es noch lange nicht so weit gebracht, wie die Ameisen.

Mit anderen Worten: der Sozialismus mag ja irgendwo verwirklicht werden können, aber nur nicht in Frankreich.

Und da, in der letzten Verzweiflung, erklärt denn der Sozialist schließlich: liberté, égalité, fraternité ou la mort. Nun, hierzu ist schon nichts mehr zu sagen und der Bourgeois triumphiert endgültig.

Aber wenn der Bourgeois triumphiert, so muß doch folgerichtigerweise die Formel des Abbé Sieyès buchstäblich und bis zum letzten Tüpfelchen wahr geworden sein. Der Bourgeois ist nun tatsächlich alles, also warum ist er dabei so unsicher, warum duckt er sich, was fürchtet er denn noch? Alle haben sich vor ihm aus dem Staube gemacht, sind zurückgewichen, alle haben sie vor ihm nicht zu bestehen vermocht. Früher, unter Louis Philippe zum Beispiel, war der Bourgeois durchaus nicht so unsicher und ängstlich, und doch herrschte er auch damals schon. Ja, damals kämpfte er noch, damals witterte er, daß man ihm feind war, und auf den Junibarrikaden rechnete er mit seinen Feinden zum letztenmal mit Gewehr und Bajonett ab. Aber der Kampf nahm ein Ende und da sah der Bourgeois plötzlich, daß er allein auf der Erde war, daß es etwas Besseres als ihn überhaupt nicht gab, daß er das Ideal war, und daß ihm jetzt nicht mehr wie früher oblag, der ganzen Welt zu versichern, er sei das Ideal, sondern einfach und ruhig und in großartiger Haltung vor der ganzen Welt als Fleischwerdung der letzten Schönheit und aller menschlichen Vollkommenheiten zu posieren. Immerhin: eine etwas verwirrende Lage. Aus der befreite ihn Napoleon der Dritte. Der fiel ihnen wie ein Geschenk des Himmels in den Schoß, als der einzige Ausweg aus der Schwierigkeit, als einzige Möglichkeit. Seit eben der Zeit führt der Bourgeois ein glücklich-wohlgeruhsames Leben, zahlt für seine Wohlfahrt ungeheuerliches Geld und fürchtet dabei alles, eben deshalb, weil er alles erreicht hat. Wenn man alles erreicht hat, wird es schwer, alles zu verlieren. Daraus folgt schnurstracks, meine Freunde, daß, wer sich am meisten fürchtet, derjenige ist, dem es am besten geht. Lachen Sie bitte nicht. Ja, was ist denn der Bourgeois jetzt?

Siebentes Kapitel. Fortsetzung des Vorhergehenden.

Und warum gibt es unter den Bourgeois so viele Lakaien, und das noch dazu bei so edlem Äußeren? Bitte, kommen Sie mir jetzt nicht mit Vorwürfen, wie etwa, daß ich übertriebe, verleumdete, daß ich aus Haß so spräche. Wozu sollte ich das? Zu welchem Zweck? Haß auf wen? Es gibt ganz einfach viele Lakaien unter ihnen und das ist nun einmal so. Das Lakaientum frißt sich in die Natur des Bourgeois immer mehr hinein und wird immer mehr für eine Tugend gehalten. So muß es ja auch geschehen bei der gegenwärtigen Ordnung der Dinge. Es ist nur eine natürliche Folge. Doch die Hauptsache, die Hauptsache ist – daß die Natur selbst dazu hilft. Ich rede noch nicht einmal davon, daß dem Bourgeois zum Beispiel das Spionieren zu einem guten Teil schon angeboren ist. Meine Meinung ist nun einmal die, daß die außergewöhnliche Verbreitung der Spionage in Frankreich – und zwar nicht nur einer gewöhnlichen, sondern einer meisterhaften, aus Neigung betriebenen, förmlich zur Kunst entwickelten Spionage, die ihre besonderen wissenschaftlichen Methoden hat – eine Folge dieser angeborenen Lakaienhaftigkeit ist. Welch ein ideal edler Gustave wird nicht – so lange er noch nicht viel Geld besitzt – ohne zu zögern für zehntausend Franken die Briefe seiner Geliebten ausliefern und damit die Frau an ihren Mann verraten? Vielleicht übertreibe ich hier zum Teil, aber vielleicht urteile ich doch auf Grund gewisser Tatsachen. Der Franzose liebt es ungeheuer, sich vor den Augen der Obrigkeit irgendwie auszuzeichnen, vor ihr irgendwie zu dienern, ihr womöglich ganz uneigennützig einen Dienst zu erweisen, sogar ohne dafür eine sofortige Belohnung zu erwarten, also auf Pump, auf Kredit. Erinnern Sie sich all dieser Bewerber um eine Anstellung, z. B. bei jedem neuen Regierungswechsel, der in Frankreich so oft stattgefunden hat. Erinnern Sie sich, was für Stückchen sie sich dabei leisteten und was sie nachher selbst eingestanden. Erinnern Sie sich eines der Gedichte Barbiers über dieses Thema. Einmal nahm ich in einem Café eine Zeitung in die Hand, eine Nummer vom dritten Juli. Mein Blick fiel auf eine Überschrift: „Briefe aus Vichy.“ In Vichy hielt sich damals gerade der Kaiser auf, nun und natürlich auch der ganze Hof: da gab es Spazierritte, Vergnügungen usw. Der Berichterstatter schildert alles getreulich und beginnt wie folgt:

„Man sieht jetzt viele vorzügliche Reiter in Vichy. Aber selbstverständlich erkennt man sofort den glänzendsten unter ihnen allen. Seine Majestät reitet jeden Tag in Begleitung seiner Suite usw. usw.“

Nun gut, mag er sich doch für die glänzenden Eigenschaften seines Kaisers begeistern. Man kann seinen Verstand, seine Berechnung und noch andere Vorzüge bewundern, und dem, der das tut, kann man nicht ins Gesicht sagen, daß er sich verstelle. „Es ist meine Überzeugung und damit basta!“ würde er Ihnen auf etwaige Vorhaltungen antworten, also auf ein Haar so, wie neuerdings einige unserer zeitgenössischen Journalisten zu antworten pflegen. Sie verstehen: er ist sichergestellt, er hat eine Antwort bereit, mit der er Ihnen den Mund stopfen kann. Freiheit des Gewissens und der Überzeugungen ist die erste und wichtigste Freiheit der Welt. Doch hier in diesem Fall, was könnte dieser Journalist wohl antworten? Hier läßt er doch schon die Gesetze der Wirklichkeit außer acht, tritt sogar jede Wahrscheinlichkeit mit Füßen und tut das noch dazu mit Absicht. Warum aber, fragt man sich, warum sollte das jemand absichtlich tun? Es wird ihm ja doch niemand glauben. Der Reiter selbst wird diese „Briefe aus Vichy“ ja ganz bestimmt nicht lesen, und selbst wenn er sie lesen sollte, so – ja, ist denn jenes Französchen, das diese „Briefe aus Vichy“ geschrieben hat, die Zeitung, für die sie bestimmt waren, die Redaktion der Zeitung – sind sie denn wirklich so dumm, daß sie nicht begreifen, wie wenig der Kaiser dieses Ruhmes bedarf, der beste Reiter in Frankreich zu sein, er, der in seinem Alter sicherlich nicht mehr auf diesen Ruhm Anspruch macht: man sagt doch, er sei ein überaus kluger Mann. Nein, hier ist es eine ganz andere Berechnung, und zwar: mag es auch unwahrscheinlich und womöglich lächerlich sein, mag der Herrscher selbst mit Widerwillen und Verachtung das lesen, mag er’s, mag er’s, aber dafür wird er blinde Ergebenheit, grenzenlose Verehrung sehen, und wenn es auch sklavische, dumme, unwahrscheinliche Verehrung ist, so ist es doch ein Verehrungsbeweis, und das ist die Hauptsache. Urteilen Sie jetzt selbst, meine Freunde: wenn so etwas nicht im Geiste der Nation läge, wenn eine so fade Schmeichelei nicht für durchaus möglich, üblich, vollkommen in Ordnung und sogar für anständig gälte – wäre es dann möglich, daß in einer Pariser Zeitung solche Berichte erschienen? Wo, in welch einer Presse finden Sie einen ähnlichen Schmeichlergeist, außer in Frankreich? Ich spreche ja auch nur deshalb von dem Geist der Nation als solchem, weil nicht nur eine Zeitung so schreibt, sondern fast alle, ausgenommen zwei oder drei Blätter, die einzigen, die nicht vollkommen abhängig sind.

Einmal saß ich an einer table d’hôte – doch das war nicht mehr in Frankreich, sondern in Italien, aber an der table d’hôte saßen viele Franzosen. Man sprach von Garibaldi. Damals sprach man überall von Garibaldi. Es war ungefähr zwei Wochen vor Aspromonte. Die Unterhaltung hatte natürlich etwas Geheimnisvolles: manche schwiegen und wollten sich überhaupt nicht äußern; andere schüttelten den Kopf. Der allgemeine Sinn der Äußerungen war der, daß Garibaldi ein sehr gewagtes, ja sogar ein unkluges Unternehmen angefangen habe; doch selbstredend wurde diese Meinung nicht deutlich ausgesprochen, denn Garibaldi reicht als Mensch doch so weit über das Maß aller anderen hinaus, daß bei ihm vielleicht selbst das sich als klug erweist, was nach gewöhnlichen Erwägungen gar zu gewagt wäre. Allmählich ging das Gespräch mehr auf die Persönlichkeit Garibaldis über. Man zählte seine besonderen Eigenschaften auf – das Ergebnis war ein recht günstiges für den italienischen Helden.

„Nein, ich wundere mich nur über eines,“ sagte da laut ein Franzose von angenehmem und eindrucksvollem Äußeren, ein Mann von einigen dreißig Jahren, dessen Gesicht den Stempel jenes außergewöhnlichen Edelmuts trug, der Ihnen an allen Franzosen bis zur Frechheit in die Augen springt. „Nur ein Umstand setzt mich an ihm vornehmlich in Erstaunen!“

Natürlich wandten sich alle neugierig dem Redner zu.

Eine neue Eigenschaft, die an Garibaldi entdeckt worden war, mußte selbstverständlich alle interessieren.

„Im Jahre 1860,“ begann der Franzose, „hatte Garibaldi in Neapel eine Zeitlang unbeschränkte Vollmacht und stand überhaupt unter keiner Kontrolle. Und gerade damals hatte er eine Summe von zwanzig Millionen Staatsgeldern in Händen! Über dieses Geld brauchte er niemand Rechenschaft zu geben! Er hätte davon so viel er wollte nehmen und beiseite schaffen können, niemand hätte ihn danach gefragt! Er aber hat nichts beiseite geschafft und hat der Regierung die ganze Summe bis auf den letzten Sou abgeliefert. Das ist doch beinahe nicht zu glauben!!“

Seine Augen glänzten nur so, als er von den zwanzig Millionen sprach.

Von Garibaldi kann man freilich alles erzählen, was einem beliebt. Aber den Namen Garibaldis auf eine Stufe stellen mit Taschendieben, die den Staatssäckel erleichtern – das, freilich, das konnte einzig ein Franzose fertigbringen.

Und wie naiv, wie offenherzig er das vorbrachte! Für Offenherzigkeit wird natürlich alles verziehen, sogar die Einbuße der Fähigkeit, zu verstehen, was Ehre ist, oder das Wesen der Ehre zu wittern. Doch als ich in sein Gesicht sah, das bei dem Gedanken an die zwanzig Millionen nur so gezuckt hatte, dachte ich ganz unwillkürlich:

„Was, Bruder, wenn statt Garibaldi du damals jenes Amt bekleidet und die Staatsgelder in Händen gehabt hättest!“

Sie werden einwenden, alles das hätte noch nichts zu sagen, das sei ein einzelner Fall und auch bei uns sei es genau so, und schließlich dürfe ich doch nicht nach einem Franzosen über alle Franzosen urteilen. Sie haben recht, aber ich rede ja gar nicht von ausnahmslos allen Franzosen. Im übrigen gibt es überall unaussprechlichen Edelmut, und bei uns ist vielleicht noch viel Schlimmeres geschehen. Aber warum denn das zur Tugend erheben, ausgerechnet zur Tugend? Wissen Sie was? Man kann sogar ein Lump sein und doch die Witterung für das, was Ehre ist, nicht einbüßen; dort aber gibt es doch sehr viele ehrliche Menschen, nur haben sie die Fähigkeit, Ehre zu wittern, vollkommen verloren und so begehen sie ihre Gemeinheiten ohne zu ahnen, was sie „aus Tugend“ tun. Ersteres ist natürlich lasterhafter, letzteres aber – da können Sie sagen, was Sie wollen – ist verächtlicher. Ein solcher Tugendkatechismus stellt im Leben einer Nation ein schlimmes Symptom dar. Nun, was aber die privaten Fälle betrifft, so will ich mit Ihnen nicht streiten. Besteht doch die ganze Nation nur aus privaten Fällen, nicht wahr!

Ja, ich denke sogar so: vielleicht habe ich mich darin geirrt, daß der Bourgeois sich duckt, daß er immer noch irgend etwas fürchtet. Das heißt, er duckt sich ja wirklich – das muß man schon sagen, da er es nun einmal tut – und ebenso fürchtet er sich auch, aber wenn man die Summe zieht, so lebt der Bourgeois doch vollkommen glücklich. Wenn er sich dabei auch selbst betrügt, wenn er sich auch alle Augenblicke selbst sagt, daß alles in Ordnung sei, aber einstweilen stört das sein äußeres Selbstvertrauen doch nicht im geringsten. Und nicht bloß dieses: auch in seinem Inneren ist er unglaublich selbstbewußt, wenn er sich in seine Rolle eingespielt hat. Wie das alles in ihm zusammenleben kann, – das ist allerdings ein Rätsel, aber es ist Tatsache, daß es so ist. Überhaupt ist der Bourgeois sehr wenig dumm, aber sein Verstand ist so eigentümlich kurz, er besteht gleichsam aus lauter Abschnitten. Er hat einen riesigen Vorrat von fertigen Begriffen aufgestapelt, ganz wie Holzscheite für den Winter, und er hat im Ernste die Absicht, mit diesen Begriffen meinetwegen tausend Jahre lang zu leben. Übrigens nein, was sage ich, tausend Jahre; auf tausend Jahre kommt der Bourgeois selten zu sprechen – höchstens wenn er sich in der schönen Redekunst ergeht. „Après moi le déluge“ ist viel gebräuchlicher und danach wird auch viel häufiger gehandelt. Und was ist das doch für eine Gleichgültigkeit gegen alles andere, was sind das für oberflächliche, leere Interessen! Ich hatte in Paris Gelegenheit, die Gesellschaft in einem Hause kennen zu lernen, wo sehr viele Menschen verkehrten. Es war geradezu, als hätten sie sich alle gefürchtet, einmal von etwas nicht Alltäglichem, von etwas nicht so kleinlich Oberflächlichem zu sprechen, einmal auch von irgendwelchen allgemeinen Interessen, nun, etwa von gleichviel welchen Gesellschaftsproblemen. Angst vor Spionen konnte es, denke ich, nicht sein, was sie davon abhielt; sie hatten nur alle einfach verlernt, an etwas Ernsteres zu denken und von Ernsterem zu sprechen. Übrigens fanden sich unter ihnen überraschend viele, die sich maßlos dafür interessierten, was für einen Eindruck Paris auf mich gemacht hatte, inwieweit ich Ehrfurcht und Erstaunen empfand und von dem Eindruck erschüttert, überwältigt, zerschmettert war. Der Franzose glaubt ja noch heute, daß er moralisch bedrücken und zerschmettern könne. Das ist gleichfalls ein spaßiges Merkmal. Besonders gut erinnere ich mich noch eines äußerst netten, liebenswürdigen und gutmütigen alten kleinen Herrn, den ich aufrichtig in mein Herz schloß. Er sah mir so unablässig in die Augen, als er mich nach meiner Meinung über Paris ausforschte, und war so sichtlich betrübt, als ich keine besondere Begeisterung bekundete. Ja, in seinem gutmütigen Gesicht spiegelte sich sogar echter Schmerz, – buchstäblich Schmerz, ich übertreibe wirklich nicht. Oh, mein lieber Monsieur Le M–re! Aber es ist nun einmal so, daß man einen Franzosen, d. h. einen Pariser (denn im Grunde sind doch alle Franzosen Pariser) niemals davon überzeugen wird, daß er nicht der erste Mensch auf dem ganzen Erdball ist. Übrigens: von dem ganzen Erdball außer Paris weiß er nur äußerst wenig. Und will auch nicht einmal viel davon wissen. Das ist schon eine nationale Eigenschaft und sogar die charakteristischste. Aber die allercharakteristischste Eigenschaft des Franzosen ist doch – seine Liebe zur schönen Redekunst. Diese Liebe zur Redekunst brennt in ihm unerlöschlich und je älter er wird, um so größer wird ihr Brand. Ich möchte doch ungeheuer gern erfahren, wann diese Liebe zur schönen Redekunst in Frankreich eigentlich begonnen hat. Oh, versteht sich: das Wesentliche begann mit Ludwig XIV. Es ist doch merkwürdig, daß in Frankreich alles mit Ludwig XIV. angefangen hat, tatsächlich. Aber noch merkwürdiger ist, daß auch im ganzen übrigen Europa alles mit Ludwig XIV. angefangen hat. Wodurch gerade dieser König das erreicht hat – begreife ich nicht! Er stand doch gar nicht so sehr viel höher als alle die anderen früheren Könige. Es sei denn dadurch, daß er als erster gesagt hat: l’état – c’est moi. Das hat allerdings ungeheuer gefallen, das hat damals ganz Europa durchflogen. Ich glaube, nur durch eben dieses eine Wörtchen wurde er denn auch berühmt. Sogar bei uns in Rußland ist es erstaunlich schnell bekannt geworden. Ja, dieser Ludwig XIV. war wirklich ein überaus nationaler Herrscher, war so ganz im französischen Geiste, daß ich nicht begreife, wie in diesem Frankreich schließlich alle diese kleinen Unarten geschehen konnten ... nun, so, die da zu Ende des vorigen Jahrhunderts. Man war wohl nur ein Weilchen unartig und kehrte dann zum früheren Geiste zurück; darauf läuft es hinaus; aber die Redekunst, die schöne Redekunst, oh – die ist der Stein des Anstoßes für den Pariser. Er ist bereit, vom Früheren alles zu vergessen, alles, alles, ist bereit, die vernünftigsten Gespräche zu führen und der artigste und fleißigste Knabe zu sein, nur die Redekunst, einzig die schöne Redekunst, die kann er bis heute auf keine Weise vergessen. Er grämt sich und seufzt und sehnt sich nach ihr; denkt an Thiers, Guizot, Odilon Barrot. „Wie blühte doch damals die Redekunst!“ sagt er sich mitunter wehmütig und beginnt nachzudenken. Napoleon III. begriff das, entschied sofort, daß Jacques Bonhomme nicht nachdenken dürfe, und führte allmählich die Schönrednerei wieder ein. Zu dem Zweck werden nun in der gesetzgebenden Körperschaft sechs liberale Abgeordnete unterhalten, sechs beständige, unabänderliche, wirklich liberale Abgeordnete, d. h. solche, die vielleicht auch nicht zu bestechen sind, wenn man es mit dem Bestechen bei ihnen versuchen wollte, aber es sind ihrer doch nur sechs, – sechs waren es, sechs sind es und sechs werden es im ganzen bleiben. Weitere werden nicht hinzukommen, da seien Sie unbesorgt, und auch weniger werden es nicht werden. Und das ist auf den ersten Blick eine überaus verzwickte Einrichtung. Aber in Wirklichkeit ist die Sache viel einfacher und wird mit Hilfe des suffrage universel bewerkstelligt. Natürlich sind entsprechende Maßnahmen vorgesehen, damit sie im Reden nicht zu weit gehen. Aber zu schwätzen ist erlaubt. Alljährlich werden also zur gebotenen Zeit die wichtigsten Staatsfragen erörtert und der Pariser lebt in süßer Erregung. Er weiß, daß es nun Redekunst geben wird, und Freude erfüllt ihn darob. Selbstverständlich weiß er nicht minder gut, daß er nur schöne Redekunst hören wird und nichts weiter, daß es Worte, Worte und Worte geben, aus diesen Worten jedoch nicht das Geringste hervorgehen wird. Aber er ist auch damit sehr, sehr zufrieden. Und er selbst ist der erste, der alles das überaus vernünftig findet. Die Reden einzelner dieser sechs liberalen Vertreter erfreuen sich einer besonderen Popularität. Und der Vertreter ist immer gern bereit, zum Vergnügen des Publikums Reden zu halten. Sonderbar ist nur eines: er weiß es doch selber ganz genau, daß durch alle seine Reden entschieden nichts erfolgt, daß dieses ganze Reden nur ein Zeitvertreib ist, ein Zeitvertreib und nichts weiter, ein harmloses Spiel, eine Maskerade, und trotzdem redet er, redet jahrelang, redet sogar wunderbar und redet mit großem Vergnügen. Und allen anderen Mitgliedern, die ihn reden hören, fließt vor Vergnügen das Wasser im Munde zusammen. „Schön spricht der Mann!“ – und selbst dem Präsidenten und ganz Frankreich läuft das Wasser im Munde zusammen. Doch schließlich hat der Vertreter seine Rede beendet und nun erhebt sich der Präsident oder vielmehr der Erzieher dieser lieben, artigen Kinder. Er erklärt feierlich, daß die Rede über das gestellte Thema, sagen wir, „Der Sonnenaufgang“, von dem geehrten Herrn Volksvertreter vorzüglich entwickelt und ausgearbeitet gewesen sei. „Wir bewunderten das Talent des geehrten Herrn Redners,“ fährt er fort, „seine Gedanken und seine tadellose Erziehung, die in diesen Gedanken ihren Ausdruck fand; es war uns allen, allen ein Vergnügen, seinen Worten zu lauschen ... Jedoch – zu meinem Leidwesen muß ich sagen, obgleich das verehrte Mitglied zur Belohnung durchaus eine Prämie in Gestalt eines Buches mit der Inschrift ‚Für gute Aufführung und Fortschritte in den Wissenschaften‘ verdient hat, ja, wie gesagt, ungeachtet dessen, meine Herren, ist die Rede des verehrten Herrn Redners aus gewissen höheren Erwägungen zu nichts nütze. Ich hoffe, meine Herren, daß Sie mir ohne weiteres zustimmen werden?“ Hier wendet er sich gewissermaßen an alle Anwesenden und sein Blick beginnt vor Strenge zu blitzen. Die Herren Vertreter, denen während der Rede das Wasser im Munde zusammenlief, klatschen dem Herrn Erzieher sogleich mit unbändiger Begeisterung ihren Beifall zu, doch das hindert sie nicht, gleich darauf dem liberalen Volksvertreter gerührt die Hände zu drücken, für das genossene Vergnügen zu danken und dabei die Bitte auszusprechen, ihnen dieses liberale Vergnügen mit Erlaubnis des Herrn Erziehers das nächste Mal wieder zu bereiten. Wohlwollend erlaubt dies der Herr Erzieher und der Verfasser der Rede über den „Sonnenaufgang“ entfernt sich, stolz auf seinen Erfolg. Die übrigen Vertreter entfernen sich gleichfalls, kehren in den Schoß ihrer Familie zurück und lecken sich noch die Lippen in der Erinnerung an das genossene Vergnügen, und wenn der Abend kommt, gehen sie Arm in Arm mit ihren Epousen im Garten des Palais-Royal spazieren und lauschen dem wohltuenden Geplätscher der tugendsamen Springbrünnlein; ihr Herr Erzieher aber erklärt, nachdem er an zuständiger Stelle Bericht erstattet hat, dem ganzen Frankreich, daß alles in schönster Ordnung sei.

Manchmal übrigens, wenn man sich an wichtigere Dinge heranmacht, wird das Spiel auch ein wenig wichtiger gestaltet. In eine der Kammersitzungen führt man sogar den Prinzen Napoleon ein. Der Prinz Napoleon beginnt plötzlich zum größten Schrecken aller dieser lernenden Jünglinge Opposition zu machen. In der Kammer herrscht wie in einer Klasse von lauter Musterschülern feierliche Stille. Prinz Napoleon spielt den Liberalen, Prinz Napoleon ist mit der Regierung nicht einverstanden, seiner Meinung nach müsse dies und jenes geschehen. Der Prinz verurteilt die Regierung, – kurz, es wird dasselbe gesagt, was (vermutlich) auch alle diese artigen Kinder sagen könnten, wenn ihr Hofmeister nur auf einen Augenblick die Klasse verließe. Selbstredend würde auch dann alles nur mit Maß geschehen; und eigentlich ist auch das schon eine ganz unsinnige Vermutung, denn alle diese lieben Kinder sind ja so lieb erzogen, daß sie, selbst wenn ihr Hofmeister sie eine ganze Woche allein ließe, sich doch nicht einmal rühren würden. Und siehe, nachdem der Prinz Napoleon zu Ende gesprochen hat, erhebt sich der Herr Hofmeister und erklärt feierlichst, der Aufsatz über das Thema „Der Sonnenaufgang“ sei von dem verehrten Herrn Redner vorzüglich entwickelt und ausgearbeitet worden. „Wir bewunderten das Talent, die beredten Gedanken und die Sittsamkeit des Allergnädigsten Prinzen ... Wir sind bereit, ihm für Fleiß und Fortschritte in den Wissenschaften ein Buch zu überreichen, aber ... usw., usw.,“ kurz alles, was schon gesagt wurde. Selbstverständlich klatscht die ganze Klasse Beifall, und zwar mit einer Begeisterung, die an Raserei grenzt, der Prinz wird nach Hause geleitet, die sittsamen Schüler verlassen den Klassenraum, ganz wie es artigen Musterkindern geziemt, und abends spazieren sie mit ihren Epousen im Garten des Palais-Royal, lauschen dem wohltuenden Geplätscher der Springbrünnlein usw., usw. usw., kurz, die Ordnung, die sie eingeführt haben, ist fabelhaft.

Bei einem Besuch des Justizpalais versahen wir uns in der Salle des pas perdus und gelangten, statt in die Abteilung für Kriminalsachen, in die der Zivilprozesse. Ein Rechtsanwalt mit lockigem Haar, in langer Robe, das Barett auf dem Kopf, hielt eine Rede, in der er mit wahren Perlen der Redekunst nur so um sich streute. Der Vorsitzende, die Richter, die Zuhörer schwammen in Wonne und Entzücken. Andächtige Stille herrschte im Raum: wir schlichen auf den Fußspitzen hinein. Es handelte sich um eine Erbschaftsgeschichte, in die eine Ordensbruderschaft verwickelt war. Ordensbrüder sind jetzt oft in Rechtsstreite verwickelt, namentlich in solche, wo es sich um Erbschaften handelt. Die skandalösesten, die schmutzigsten Begebenheiten werden aufgedeckt; doch das Publikum schweigt und ist sehr wenig schockiert, da die Patres gegenwärtig eine beträchtliche Macht haben und der Bourgeois ja so ungemein folgsam ist. Die geistlichen Väter stellen sich immer mehr auf den Boden der Ansicht, daß Geld doch das Beste sei, besser als alle diese Schwärmereien und dergleichen, und daß man, wenn man erst Geld beisammen hat, dann auch Macht haben kann, Redekunst dagegen sei doch nur Redekunst! Mit der allein mache man’s jetzt nicht mehr. Aber darin irren sie sich ein wenig, wie mir scheint. Freilich ist so ein Kapitalchen eine lobesame Sache, aber auch mit der Redekunst kann man beim Franzosen viel erreichen. Besonders die Epousen sind’s, die sich dem Einfluß der Ordensväter ergeben, jetzt sogar noch mehr, als es früher zu bemerken war. Und es steht zu hoffen, daß auch der Bourgeois einlenken wird. In jenem Prozeß stellte sich nun heraus, wie die Väter durch langjährige, schlaue, ja sogar wissenschaftliche Quälerei (sie haben zu dem Zweck eine ganze Wissenschaft entwickelt) eine gute und sehr reiche Dame veranlaßt hatten, ins Kloster überzusiedeln, wie diese Dame dort von ihnen so lange geängstigt worden war, bis sie krank wurde, wie man sie bis zur Hysterie mit allen Schrecknissen geschreckt hatte, und alles das mit feiner Berechnung, in wissenschaftlich abgewogener Steigerung. Und schließlich, als man das Opfer richtig krank und fast idiotisch gemacht hatte, begann man ihr noch vorzuhalten, daß es vor Gott dem Herrn doch eine große Sünde sei, an irdischen Verwandten zu hängen und sich mit ihnen abzugeben, und so hatten die Väter schließlich jedes Wiedersehen mit ihren Verwandten zu hintertreiben und diese von ihr vollkommen fernzuhalten gewußt. „Selbst ihre Nichte, diese jungfräuliche, kindliche Seele, dieser fünfzehnjährige Engel der Reinheit und Keuschheit, – selbst dieser Engel durfte sich nicht mehr unterfangen, die Zelle der vergötterten Tante zu betreten, dieser Tante, die ihre Nichte über alles auf der Welt liebte und nun infolge jener ränkevollen Hinterlist der Möglichkeit beraubt ward, le front virginal dieses Mädchens zu küssen, diese Stirn, auf der noch der weiße Engel der Unschuld thront ...“ Kurz, alles war in dieser Art; es war erstaunlich schön. Der redende Rechtsanwalt schmolz sichtlich selber vor Freude darüber, daß er so schön zu reden verstand, desgleichen schmolz der Vorsitzende, schmolz der Gerichtshof, schmolz das Publikum. Die Ordensväter verloren die Schlacht einzig dank der Redekunst. Natürlich werden sie deshalb den Kopf nicht hängen lassen ... Einmal haben sie verloren, fünfzehnmal werden sie gewinnen.

„Wer ist dieser Rechtsanwalt?“ fragte ich einen jungen Studenten, der dort unter den andächtigen Zuhörern mir am nächsten stand. Studenten gab es da eine Menge und alle benahmen sie sich so artig. Der Student sah mich verwundert an.

„Jules Favre!“ sagte er schließlich, sagte es aber mit so verachtendem Mitleid, daß ich mich natürlich ganz verwirrt fühlte. So hatte ich denn Gelegenheit gehabt, die Blüten der französischen Redekunst und ihren Geist sozusagen aus der ersten Quelle kennen zu lernen.

Doch solcher Quellen gibt es eine Menge. Der Bourgeois ist bis in die Fingerspitzen mit Redekunst durchtränkt. Einmal gingen wir ins Pantheon, um die Ruhestätte der großen Männer Frankreichs zu sehen. Es war aber nicht die vorschriftsmäßige Besuchszeit und man verlangte von uns zwei Franken. Darauf nahm der vor Alter zitterige Invalide die Schlüssel und führte uns in die Grabgewölbe. Unterwegs sprach er noch wie ein Mensch, wenn auch aus Mangel an Zähnen ein wenig undeutlich. Doch kaum waren wir unten beim ersten Sarge angelangt, da begann er auch schon zu singen.

„Ci-gît Voltaire, – Voltaire, dieses große Genie des schönen Frankreich – de la belle France! Er rottete die Vorurteile aus, vernichtete die Unwissenheit, kämpfte mit dem Engel der Finsternis und hielt die Leuchte der Aufklärung hoch. In seinen Tragödien hat er Großes erreicht, obschon Frankreich bereits Corneille besaß.“

Er sprach offenbar auswendig Gelerntes. Irgend jemand wird ihm wohl einmal diese Litanei auf ein Blatt Papier geschrieben haben und die hatte er dann für sein ganzes Leben auswendig gelernt. Sein altes, gutmütiges Gesicht verklärte sich förmlich vor Wonne, als er seinen hohen Stil vor uns ausbreiten konnte.

„Ci-gît Jean Jacques Rousseau,“ fuhr er fort, an einen anderen Sarg tretend. „Jean Jacques, l’homme de la nature et de la vérité!“

Mich wandelte plötzlich Lachlust an. Durch hochtrabende Rede kann man tatsächlich alles lächerlich machen. Und zudem sah man doch, daß der arme Alte, als er von der nature und der vérité sprach, selber entschieden keine Ahnung hatte, um was es sich handelte.

„Sonderbar!“ sagte ich. „Von diesen beiden großen Männern hat der eine den andern sein Lebelang einen Lügner und üblen Menschen genannt, und dieser den ersteren wiederum einfach einen Dummkopf. Und nun liegen sie hier fast Seite an Seite.“

„Mßjö, mßjö!“ entfuhr es dem Invaliden – offenbar wollte er mir widersprechen, aber dann tat er es doch nicht, sondern führte uns schneller zu einem anderen Sarkophag.

„Ci-gît Lannes, der Marschall Lannes,“ begann er von neuem zu singen, „einer der größten Helden Frankreichs, das so überreich mit Helden gesegnet ist. Das war nicht nur ein großer Marschall, der geschickteste Heerführer, ausgenommen den großen Kaiser, sondern ihm ward auch noch das höchste Glück zuteil. Er war der Freund ...“

„Nun ja, er war der Freund Napoleons,“ sagte ich, um die Rede abzukürzen.

„Mßjö! Erlauben Sie, daß ich rede,“ unterbrach mich der Invalide mit gleichsam ein wenig gekränkter Stimme.

„Reden Sie, reden Sie nur, ich höre.“

„Ihm ward auch noch das höchste Glück zuteil. Er war der Freund des großen Kaisers. Kein anderer von allen seinen Marschällen hatte das Glück, dem großen Manne Freund zu werden. Einzig der Marschall Lannes ward dieser großen Ehre gewürdigt. Als er auf dem Schlachtfelde für sein Vaterland fiel ...“

„Nun ja, ein Geschoß zerschmetterte ihm beide Beine.“

„Mßjö, mßjö! Gestatten Sie doch, daß ich es selber sage,“ rief der Invalide mit fast klagender Stimme. „Sie wissen das vielleicht schon ... Aber so lassen Sie es doch auch mich erzählen!“ – Der wunderliche Alte wollte sich schon gar zu gern reden hören, auch wenn wir alles bereits wußten.

„Als nun der Marschall im Sterben lag,“ fuhr er also von neuem fort, „für sein Vaterland, auf dem Felde der Schlacht, da kam der Kaiser, aufs Tiefste erschüttert und schmerzlich beklagend den großen Verlust ...“

„Um Abschied von ihm zu nehmen,“ plagte es mich wieder, ihm ins Wort zu fallen, aber ich fühlte sogleich, daß es häßlich von mir war; ich schämte mich sogar.

„Mßjö, mßjö!“ sagte der Alte, sah mir mit traurigem Vorwurf in die Augen und schüttelte langsam sein greises Haupt. „Mßjö! Ich weiß, ich bin überzeugt, daß Sie alles das wissen, vielleicht besser wissen als ich. Aber Sie haben doch selber die Führung mir überlassen; also erlauben Sie, daß ich jetzt rede. Es ist auch nicht mehr viel zu sagen ... Da kam der Kaiser, aufs tiefste erschüttert und schmerzlich beklagend den großen Verlust, den er, die Armee und ganz Frankreich erlitten, an das Sterbelager des Marschalls und linderte durch diesen letzten Abschied die grausamen Qualen des vor seinen Augen hinscheidenden Heerführers. – C’est fini, monsieur,“ fügte er mit einem vorwurfsvollen Blick auf mich hinzu und ging weiter.

„Und hier sind dann noch ein paar Särge: das sind so ... quelques sénateurs,“ bemerkte er gleichmütig, mit einer nachlässigen Kopfbewegung auf die übrigen Sarkophage deutend, die in der Nähe standen. Seine ganze Redekunst hatte sich für Voltaire, Jean Jacques und den Marschall Lannes verschwendet. Das war nun schon ein unmittelbares, ein sozusagen volkliches Beispiel der Liebe des Franzosen zur schönen Redekunst. Sollten wirklich alle die Reden der Redner ihrer Nationalversammlung, des Konvents und der Klubs, an denen das Volk doch fast unmittelbaren Anteil hatte und wo es doch förmlich umerzogen wurde, nur eine einzige Spur in ihm hinterlassen haben – die Liebe zur Redekunst um der Redekunst willen?

Achtes Kapitel. Bribri und Mabisch.

Und nun die Epousen. Die Epousen führen ein glückseliges Leben, wie gesagt. Übrigens: Sie werden mich gewiß fragen wollen, weshalb ich anstatt „Frauen“ hier immer „Epousen“ sage? Aus Gründen des Stils, meine Herrschaften, nur aus Gründen des Stils. Der Bourgeois pflegt nämlich, wenn er sich vornehm ausdrücken will, stets „mon épouse“ zu sagen. Und wenn auch die anderen Klassen, ganz wie überall in der Welt, einfach „ma femme“ – meine Frau – sagen, so erscheint es mir doch richtiger, dem nationalen Geist der Mehrheit und der höheren Ausdrucksform zu folgen. Es ist charakteristischer. Im übrigen aber gibt es auch noch andere Benennungen. Zum Beispiel, wenn der Bourgeois gefühlvoll wird oder seine Frau betrügen will, so nennt er sie stets „ma biche“. Und die liebende Frau wiederum nennt in Augenblicken graziöser Tändelei ihren lieben Bourgeois: „bribri“ – womit der Bourgeois seinerseits sehr zufrieden ist. Bribri und Mabisch stehen zwar immer in Blüte, gerade jetzt aber blühen sie üppiger denn je. Ganz abgesehen davon, was nun einmal nach allseitiger (und nahezu stillschweigender) Übereinkunft festgestellt ist, nämlich: daß Mabisch und Bribri in unserer vielgestaltigen Zeit das Musterbeispiel der Tugend, Eintracht und des paradiesischen Zustandes der gegenwärtigen Gesellschaft sind, letzteres besonders zur Widerlegung aller schändlichen Faseleien der unsinnigen Kommunistenvagabunden, – also ganz abgesehen davon, und überdies wird Bribri jetzt noch mit jedem Jahre nachgiebiger in Fragen des Ehestandes. Er begreift bereits, daß, mag man auch noch so viel reden oder noch so viele Vorkehrungen treffen, Mabisch doch nicht zu halten ist, daß die Pariserin nun einmal für den Liebhaber geschaffen ward, daß es für einen Ehemann eben ganz unmöglich ist, der Kopfzier zu entgehen, und so schweigt er denn wohlweislich, allerdings nur so lange wie er erst wenig Geld erspart hat und noch nicht viele Sachen und Sächelchen[91] besitzt. Sobald aber sein Besitzstand sich in der einen wie in der anderen Richtung abzurunden beginnt, wird Bribri sogleich bedeutend anspruchsvoller, sintemal er sich dann selber ungemein zu achten anfängt. Nun und dann beginnt er auch den Gustave anders zu beurteilen, namentlich wenn dieser zum Überfluß noch irgendso ein armer Schlucker ist, der nichts weniger als viele Sachen und Sächelchen besitzt. Überhaupt wird ein Pariser, der heiraten will und selber Geld hat, sei es auch noch so wenig, unbedingt eine Braut mit Geld heiraten. Ja, die Mitgift ist für ihn sogar unbedingt die erste Frage und nur wenn es sich herausstellt, daß die Franken und Sachen auf beiden Seiten in gleicher Zahl vorhanden sind, dann erst, aber auch nur dann wird geheiratet. Das pflegt zwar überall vorzukommen, hier aber ist es schon zu einem Gesetz von der Gleichheit der Geldbeutel, ist es zu allgemein anerkannter Sitte geworden. Hat z. B. die Braut nur ein wenig mehr Geld, so wird sie dem Bewerber, der weniger hat, nicht mehr gegeben, sondern es wird für sie ein besserer Bribri gesucht. Liebesheiraten werden immer unmöglicher und gelten fast schon für unanständig. Diese vernünftige Sitte der unbedingten Gleichheit der Geldbeutel oder der Verheiratung des einen Kapitals mit dem anderen Kapital wird nur äußerst selten nicht befolgt, ja, ich glaube, in Frankreich viel, viel seltener als gleichviel wo in der übrigen Welt. Und das Verfügungsrecht über das Vermögen der Frau hat der Bourgeois ganz vortrefflich zu seinen Gunsten festzusetzen verstanden. Das ist denn auch der Grund, weshalb er in vielen Fällen sich dazu versteht, bei Abenteuern seiner Bisch ein Auge zuzudrücken, durch die Finger zu sehen und manche ärgerlichen Dinge nicht zu bemerken, da bei einem Zerwürfnis die Frage der Auszahlung ihrer Mitgift doch recht unangenehm wäre. So kommt es denn, daß, wenn Mabisch sich manchmal eleganter kleidet, als ihre Mittel es gestatteten, Bribri sich innerlich damit zufrieden gibt, selbst wenn er alles bemerkt hat: verlangt sie doch in dem Falle von ihm weniger Toilettengeld. Auch ist Mabisch dann bedeutend verträglicher. Und schließlich, da die Ehe doch größtenteils nur eine Verbindung seines und ihres Geldes ist und man sich um die gegenseitige Zuneigung recht wenig kümmert, so ist auch Bribri nicht abgeneigt, trotz seiner Bisch sich nach anderen Seiten hin umzusehen. Und somit tut man am besten, wenn man sich gegenseitig nicht stört. So gibt es auch mehr Eintracht im Hause und das zärtliche Geflüster der lieblichen Namen Bribri und Mabisch kommt dann zwischen den Gatten viel häufiger vor. Und schließlich, wenn man schon alles sagen soll: auch in dieser Richtung hat Bribri wunderbar für sich vorgesorgt. Der Polizeikommissar steht jeden Augenblick zu seiner Verfügung. So bestimmen es die Gesetze, die er selbst für sich zurecht gemacht hat. Im äußersten Fall, d. h. wenn er die Liebenden en flagrant délit ertappt, kann er sie beide sogar totschlagen, ohne sich dadurch auch nur der geringsten Strafe auszusetzen. Mabisch weiß das und ist damit durchaus einverstanden. Durch lange Vormundschaft hat man Mabisch soweit gebracht, daß sie nicht einmal murrt oder unzufrieden ist, geschweige denn davon träumt, wie es in manchen barbarischen und komischen Ländern geschieht, z. B. irgend etwas zu lernen, an Hochschulen zu studieren, an Sitzungen teilzunehmen, einem Klub anzugehören und in Ausschüssen zu sitzen, oder gar Abgeordnete zu werden. Nein, Mabisch zieht es vor, in ihrem gegenwärtigen luftigen und sozusagen kanarienvogelmäßigen Stande zu verbleiben. Sie wird geputzt, sie wird behandschuht, sie wird auf die Promenade geführt und spazieren gefahren, sie tanzt, sie nascht Zuckerwerk, äußerlich wird sie wie eine Königin empfangen und äußerlich liegen die Männer vor ihr einfach im Staube. Die Form dieses Verhältnisses ist bewundernswert geschickt und anstandsgemäß durchgebildet. Mit einem Wort, die ritterlichen Formen werden gewahrt, also was will man mehr? Gustave wird ihr ja nicht genommen! Irgendwelche sittlichen, höheren Lebensziele usw. usw. braucht sie nicht: im Grunde ist sie genau so eine Kapitalistenseele und genau so geldgierig wie ihr Mann. Wenn die Kanarienvogeljahre vorüber sind, d. h. wenn sie sich schon auf gar keine Weise noch irgend etwas vortäuschen, wenn sie sich also wirklich nicht mehr für einen Kanarienvogel halten kann und wenn der Gedanke an einen neuen Gustave selbst bei üppigster Einbildungskraft und höchster Eigenliebe schon völlig aussichtslos wird, – dann pflegt Mabisch sich plötzlich, in kürzester Zeit und ganz greulich zu verwandeln. Koketterie, Putzsucht, Munterkeit verschwinden spurlos. Sie wird meistenteils so böse! wird zu einer solchen Wirtschafterin! Sie geht in die Kirchen, spart mit dem Manne Geld und ein eigentümlicher Zynismus schaut auf einmal von allen Seiten hervor: plötzlich stellen sich eine gewisse Müdigkeit, Verdrossenheit, rohe Instinkte ein, hinzu kommt eine Zwecklosigkeit des Daseins, kommen zynische Reden. Sogar in ihrer Kleidung werden manche von ihnen nachlässig und schlampig. Selbstverständlich ist das nicht immer und bei allen der Fall, es gibt natürlich auch andere, lichtere Erscheinungen, o, und selbstredend gibt es auch anderswo, gibt es überall ebensolche gesellschaftlichen Verhältnisse, aber ... aber bei den Franzosen ist das alles bodenständiger, ist es gewissermaßen das Original selber, ist ursprünglicher, ausgeprägter, kurz, alles das ist in Frankreich nationaler. Hier ist die Quelle, ist der Keim jener bourgeoisen gesellschaftlichen Form, die jetzt in der ganzen Welt herrscht – in Gestalt ewiger Nachahmung der großen Nation.

Ja, äußerlich ist Mabisch – eine Königin. Es ist schwer, sich auch nur vorzustellen, von was für einer verfeinerten Höflichkeit, was für einer zudringlichen Aufmerksamkeit sie überall, in der Gesellschaft und auf der Straße, umgeben ist. Doch die wirklich erstaunliche Zweideutigkeit dieser Aufmerksamkeit wird mitunter zu einer so fühlbaren Gemeinheit, daß manch eine ehrliche Seele so etwas einfach nicht ertragen könnte. Die so offensichtliche Falschheit der vorgetäuschten Ehrerbietung würde sie aufs tiefste verletzen. Aber Mabisch ist ja selber eine große Spitzbübin und ... mehr als den Schein verlangt sie doch gar nicht ... Auf ihre Rechnung aber kommt sie dabei doch, und immer wird sie es vorziehen, mit so einem kleinen Betrug auf ihre Rechnung zu kommen, als ehrlich den geraden Weg zu gehen: denn so ist es ihrer Meinung nach für sie sicherer, und es ist auch mehr Spiel dabei. Spiel aber, Intrige – das ist doch das wichtigste für Mabisch; das ist ja die Hauptsache. Dafür – wie kleiden sie sich, wie verstehen sie auf der Straße zu gehen! Mabisch ist manieriert, geziert, in allem unnatürlich, aber gerade das ist es ja, was bestrickt, besonders gewisse blasierte und mehr oder weniger verdorbene Männer, die den Geschmack an frischer, unmittelbarer Schönheit verloren haben. Geistig ist Mabisch äußerst wenig entwickelt; Verstand und Herz sind bei ihr nicht größer als bei einem Vogel, aber dafür ist sie graziös, dafür kennt sie die Geheimnisse so unzähliger Kniffe und Mittelchen, daß man sich besiegen läßt und ihr wie einer pikanten Neuheit folgt. Sie ist sogar nur selten schön an sich. Sie hat sogar etwas Böses im Gesicht. Aber das hat nichts zu sagen; dafür ist dieses Gesicht beweglich, lebhaft und beherrscht in vollendeter Weise die geheimnisvolle Kunst, Gefühl und Natürlichkeit vorzutäuschen. Vielleicht gefällt einem an ihr gar nicht einmal der Umstand, daß ihre Nachahmung der Natur gleichkommt, sondern eben dieser Vorgang, wie sie die Natur durch Nachahmung erreicht, bezaubert einen: die Kunst selbst übt den Zauber aus. Für den Pariser ist es meistenteils vollkommen gleich, ob es echte Liebe ist oder eine gute Nachahmung der Liebe. Ja, vielleicht gefällt ihm die Nachahmung sogar von vornherein besser. Eine gewissermaßen orientalische Auffassung von der Frau tritt in Paris immer deutlicher hervor. Die Kamelie wird immer mehr Mode. „Nimm Geld und betrüge gründlich, d. h. täusche Liebe vor“ – das ist es, was von der Kamelie verlangt wird. Und von der Epouse wird kaum mehr verlangt, wenigstens ist man auch damit zufrieden, und deshalb wird ihr denn auch schweigend und nachsichtig Gustave zugestanden. Außerdem weiß der Bourgeois, daß Mabisch im Alter ganz in seinen Interessen aufgehen und im Geldzusammenscharren seine eifrigste Gehilfin sein wird. Sogar in der Jugend hilft sie ihm bereits außerordentlich. Manchmal führt sie das ganze Geschäft, lockt die Käufer herein, kurz, sie ist seine rechte Hand, sein erster Kommis. Wie sollte man ihr da nicht so eine kleine Schwäche für irgendeinen Gustave verzeihen! Auf der Straße ist die Frau unantastbar. Niemand beleidigt sie, alle machen ihr Platz, und es ist dort nicht so, wie bei uns, wo eine Frau, wenn sie nicht gerade ganz alt ist, keine zwei Schritt auf der Straße gehen kann, ohne daß ihr irgendeine kriegerische oder müßig-kecke Physiognomie unter das Hütchen blickte und vorschlüge, Bekanntschaft zu machen.

Übrigens ist, ungeachtet der Möglichkeit eines Gustave, die alltägliche zeremonielle Umgangsform zwischen Bribri und Mabisch recht nett und oft sogar naiv. Überhaupt sind die Menschen im Auslande – das ist mir sofort in die Augen gesprungen – fast alle unvergleichlich naiver als wir Russen. Es ist schwer, das näher zu erklären: man muß das selbst erleben. „Le Russe est sceptique et moqueur,“ sagen die Franzosen von uns und das stimmt. Wir sind mehr Zyniker, schätzen das Eigene weniger, ja, wir lieben es nicht einmal, wenigstens achten wir es nicht im geringsten, ohne dabei zu begreifen, um was es sich handelt; wir drängen uns in europäische, allmenschliche Interessen, ohne überhaupt zu einer Nation zu gehören, und so verhalten wir uns natürlich zu allem viel kühler, gleichsam nur so pflichtschuldigst und jedenfalls abstrakter. Übrigens bin ich von meinem Thema abgekommen.

Ja, Bribri ist mitunter wirklich ungeheuer naiv. Wenn er z. B. um die Springbrünnlein herumspaziert, beginnt er gar, seiner Bisch zu erklären, warum das Wasser der Springbrünnlein nach oben steigt; er erklärt ihr die Gesetze der Natur, brüstet sich vor ihr chauvinistisch mit der Schönheit des Boulogner Wäldchens, mit der Illumination, dem Spiel der Versailler grandes eaux, mit den Erfolgen des Kaisers Napoleon und mit der gloire militaire, genießt ihre Neugier und ihr vergnügtes Staunen und ist mit allem überaus zufrieden. Und was Mabisch betrifft, so verhält sich selbst die durchtriebenste Französin gleichfalls recht zärtlich zu ihrem Gemahl, d. h. nicht etwa indem sie sich verstellt, sondern wirklich aufrichtig zärtlich, ohne eigennützige Hintergedanken und das ungeachtet der Kopfzier dieses ihres Gemahls. Selbstredend stehe ich nicht für das Ergebnis einer sehr genauen Untersuchung ein, ich will da nicht weiter die Dächer von den Häusern abheben. Ich erzähle bloß, was mir aufgefallen ist, was ich so als allgemeinen Eindruck davongetragen habe. „Mon mari n’a pas encore vu la mer,“ sagt Ihnen da so manch eine Mabisch und ihre Stimme drückt den aufrichtigsten, naivsten Mitschmerz aus. Das bedeutet, daß ihr Mann noch niemals irgendwohin nach Brest oder Boulogne gefahren ist, um dort das Meer zu sehen. Nun muß man wissen, daß der Bourgeois einige überaus naive und doch äußerst ernste Bedürfnisse hat, die fast zu einer allgemeinen bourgeoisen Angewohnheit geworden sind. Der Bourgeois hat nämlich außer dem Bedürfnis, Geld zu sparen und dem Bedürfnis nach schönem Redefluß, noch zwei andere Bedürfnisse, zwei durchaus gesetzmäßige Bedürfnisse, die durch die allgemeine Gewohnheit geheiligt sind und zu denen er sich selber ungeheuer ernst, ja nahezu pathetisch verhält. Das erste dieser Bedürfnisse ist: voir la mer – das Meer zu sehen. Der Pariser lebt und handelt manchmal sein ganzes Leben lang nur in Paris und sieht niemals das Meer. Wozu er es nötig hat, das Meer zu sehen? – Das weiß er wohl selber nicht, nichtsdestoweniger wünscht er krampfhaft und gefühlvoll, das Meer zu sehen, wenn er auch vorläufig die Reise von Jahr zu Jahr aufschiebt, da ihn gewöhnlich Geschäfte festhalten; aber er trauert darob und seine Frau teilt aufrichtig seinen Schmerz. Überhaupt spricht da viel Gefühl mit und ich achte das. Einmal aber kommt es dann doch dazu, daß er sich freimachen kann und seine Mittel ihm die Reise erlauben, so macht er sich denn auf und reist auf ein paar Tage hinaus, „um das Meer zu sehen“. Nach seiner Rückkehr schildert er seiner Frau, seiner ganzen Sippe, allen Freunden und Bekannten hochtrabend und mit Begeisterung seine Eindrücke und hernach schwelgt er noch sein Leben lang süß in dem Gedanken, daß er das Meer gesehen hat.

Das zweite, ebenso gesetzmäßige und nicht minder starke Bedürfnis des Bourgeois ist – se rouler dans l’herbe. Der Pariser, der aus Paris hinaus in die Umgebung fährt, liebt es nämlich über alles und hält es sogar für seine Pflicht, sich im Grase zu wälzen, was er denn auch unfehlbar und sogar mit Würde tut, durchdrungen von dem Bewußtsein, daß er sich nun avec la nature vereinigt; und besonders angenehm ist es ihm dann, wenn ihm jemand dabei zusieht. Überhaupt hält es der Pariser außerhalb der Stadt sogleich für seine Pflicht, liebenswürdiger, heiterer, ja sogar kühner zu werden, kurz, sich als ein natürlicherer, der nature näherstehender Mensch zu geben. L’homme de la nature et de la vérité! – Sollte es nicht gar bis in die Tage ihres Jean Jacques zurückreichen, daß im Bourgeois diese übertriebene Verehrung der nature zutage tritt? Übrigens erlaubt sich der Pariser, diese beiden Bedürfnisse – voir la mer und se rouler dans l’herbe – meistenteils erst dann zu haben, wenn er bereits ein Vermögen zusammengespart hat, oder mit anderen Worten: wenn er sich selbst zu achten, stolz zu sein und sich für einen Menschen zu halten anfängt. Se rouler dans l’herbe ist aber für ihn noch dreimal, oder womöglich zehnmal süßer, wenn es auf eigenem Grund und Boden, den er mit mühsam erarbeitetem Gelde erkauft hat, geschehen kann. Deshalb kauft der Bourgeois, wenn er sich vom Geschäftsleben zurückzieht, mit Vorliebe irgendwo ein Stückchen Land, baut sich ein eigenes Haus, legt sich einen eigenen Garten an, mit einem Zaun herum, dazu eigene Hühner, eine eigene Kuh. Und wenn auch alles nur im winzigsten Maßstabe vorhanden ist, gleichviel – der Bourgeois schwelgt in kindlichstem, in rührendstem Entzücken: „mon arbre, mon mur,“ sagt er jeden Augenblick zu sich selber wie zu allen, die er zu sich einlädt, und so geht das fort bis zu seinem seligen Ende. Ja, auf eigenem Grund und Boden ist se rouler dans l’herbe am süßesten für ihn. Um diese Lebenspflicht erfüllen zu können, legt er sich vor seinem Hause unbedingt einen kleinen Rasenplatz an. Irgend jemand hat einmal von einem Bourgeois erzählt, der das Unglück hatte, daß auf der Stelle seines Gartens, die für den Rasenplatz bestimmt war, das Gras nicht wachsen wollte. Er tat sein möglichstes, begoß regelmäßig, belegte den Platz mit anderswo gewachsenem Rasen, – es half alles nichts. Die Stelle vor dem Hause war nun einmal so sandig, daß nichts darauf wachsen wollte. Da soll er sich denn einen künstlichen Rasen gekauft haben, ist einzig zu diesem Zweck nach Paris gefahren, hat sich dort einen runden Grasteppich von zwei Meter Größe im Durchmesser bestellt und diesen imitierten gazon dann jeden Nachmittag vor seinem Hause ausgebreitet, um sein recht- und gesetzmäßiges Bedürfnis befriedigen und im Grase liegen zu können. Einem Bourgeois, der sich im Zustande des ersten Entzückens über seinen wohlerworbenen Besitz befindet, ist das allerdings zuzutrauen, so daß dieser Fall in moralischer Hinsicht nichts Unwahrscheinliches an sich hat.

Doch nun noch zwei Worte über Gustave. Gustave ist natürlich nichts anderes, als was auch der Bourgeois ist, nämlich Kommis, Kaufmann, Beamter, homme de lettres, Offizier. Gustave ist der bloß noch unverheiratete, sonst aber genau derselbe Bribri. Doch das ist nicht die Hauptsache; die ist vielmehr: als was Gustave sich jetzt verkleidet, womit er sich jetzt drapiert, was er vorstellt, was für Federn ihn schmücken. Das Ideal des Liebhabers verändert sich entsprechend dem Zeitgeist und spiegelt sich auf der Bühne immer in der Gestalt, in der er in der Gesellschaft gerade umgeht. Der Bourgeois liebt nun zwar besonders das Vaudeville, aber noch mehr liebt er das Melodrama. Das anspruchslose, heitere Vaudeville (nebenbei bemerkt: das einzige Kunsterzeugnis, das sich nahezu in überhaupt keinen fremden Boden verpflanzen läßt, sondern nur auf dem Boden gedeiht, auf dem es entstanden ist, nämlich in Paris) – das Vaudeville vermag den Bourgeois zwar zu fesseln, aber es befriedigt ihn doch nicht vollständig. Er nimmt es immerhin nicht ernst. Was er braucht, ist Erhabenes, er braucht unaussprechlichen Edelmut, er braucht Gefühlvolles, und alles das bietet ihm das Melodrama. Ohne Melodrama kann der Pariser einfach nicht leben. Das Melodrama wird deshalb auch nicht aussterben, solange es den Bourgeois gibt. Um so beachtenswerter ist es, daß jetzt selbst das Vaudeville sich zu verändern anfängt. Es ist freilich wie immer heiter und von überwältigender Komik, aber jetzt beginnt sich ihm doch schon stark ein anderes Element beizumischen, und zwar – Moral. Der Bourgeois liebt nämlich außerordentlich, und hält’s jetzt für die heiligste und notwendigste Verrichtung, bei jeder passenden Gelegenheit sich selbst und seiner Bisch gute Lehren und Moral zu predigen. Nicht zu vergessen: der Bourgeois herrscht jetzt unumschränkt; er ist eine Macht; jene Leutchen aber, die die Vaudevilles und Melodramen liefern, sind immer Lakaien und schmeicheln immer der Macht. Also aus diesem Grunde geschieht es nun, daß der Bourgeois auf der Bühne jetzt immer als Sieger hervorgeht, selbst dann, wenn er als komische Figur auftritt, und deshalb wird ihm zu guter Letzt auch immer vermeldet, daß alles in Ordnung sei. Es ist anzunehmen, daß solche Berichte den Bourgeois tatsächlich beruhigen. Stellt sich doch bei jedem ängstlichen Menschen, der von dem Erfolge seiner Sache nicht ganz überzeugt ist, das quälende Bedürfnis ein, sich überzeugen, ermutigen, beruhigen zu lassen. Ja, ein solcher Mensch beginnt sogar, abergläubisch an günstige Vorbedeutungen zu glauben. Genau so verhält es sich auch mit dem Bourgeois. Zu einem Melodrama aber gehören erhabene Züge und erhabene Lehren. Da handelt es sich schon nicht mehr um irgendwelchen Humor; da ist es bereits der pathetische Triumph alles dessen, was Bribri so liebt und was ihm so sehr gefällt. Am meisten gefällt ihm politische Zufriedenheit und das Recht, Geld zusammenzuscharren zwecks besserer Ausstattung des eigenen Heims. In diesem Sinne werden also jetzt auch die Melodramen verfaßt. Und dementsprechend wird jetzt auch Gustave gezeichnet. Und je nach dem wie Gustave gezeichnet ist, kann man immer mit Sicherheit feststellen, was Bribri im Augenblick für das Ideal unaussprechlichen Edelmuts hält. Früher – das ist schon lange her – erschien Gustave als Dichter, Künstler, verkanntes Genie, verfolgt, gequält durch Ungerechtigkeiten. Er kämpfte lobenswert und es endete immer damit, daß die Frau Vicomtesse, die sich im geheimen um ihn verzehrt, doch zu der er sich verachtend-gleichgültig verhält, ihn schließlich mit ihrer Pflegetochter Cécile vermählt, mit Cécile, die zunächst keinen Sou hat, doch plötzlich, wie sich herausstellt, ein riesiges Vermögen besitzt. Gustave rebelliert gewöhnlich und will von Geld nichts wissen. Doch siehe, plötzlich hat sein Bild auf der Kunstausstellung den glänzendsten Erfolg und alsbald stürzen drei lächerliche Mylords in seine Wohnung und bieten ihm je hunderttausend Franken für sein nächstes Bild. Gustave macht sich mit Verachtung lustig über alle drei und erklärt in bitterer Verzweiflung, daß alle Menschen Schurken seien, seines Pinsels nicht wert, erklärt, daß er nie und nimmer die Kunst, die heilige Kunst zur Profanation den Pygmäen ausliefern werde, diesen Zwergen, die bis heut noch nicht begriffen haben, wie groß Er ist. Aber da stürzt die Vicomtesse herein und erklärt, Cécile sterbe vor Liebe zu ihm, und daß er deshalb das Bild malen müsse. Da erst errät Gustave, daß die Vicomtesse, seine Feindin, dank welcher bisher kein einziges seiner Bilder in die Ausstellung gelangt war, ihn im geheimen liebt; daß sie sich nur aus Eifersucht an ihm gerächt hat. Natürlich nimmt Gustave nun gleich von allen drei Mylords das Geld, schimpft sie noch einmal aus, womit sie sehr zufrieden sind, eilt darauf zu Cécile, willigt ein, ihre Million mitzuheiraten, verzeiht der Vicomtesse, die nun auf ihr Gut zurückkehrt, und nachdem er sich vorschriftsmäßig hat trauen lassen, beginnt er sich Kinder zuzulegen, einen Hausrock aus Flanell, einen bonnet de coton und abends mit Mabisch um die tugendsamen Springbrünnlein zu spazieren, deren sanftes Wasserplätschern ihm, versteht sich, nur die Beständigkeit, Dauerhaftigkeit und Ruhe seines Erdenglückes zu Bewußtsein bringt.

Mitunter kommt es auch vor, daß Gustave nicht ein Kommis ist, sondern irgendein verfolgter, verprügelter Waisenknabe, jedoch einer, der innerlich von unaussprechlichstem Edelmut erfüllt ist. Plötzlich aber stellt sich heraus, daß er keineswegs ein Waisenknabe, sondern der rechtmäßige Sohn und Erbe eines Rothschild ist. Millionen fallen ihm zu. Doch Gustave lehnt stolz und mit Verachtung sämtliche Millionen ab. Warum? – Ja, das ist nun mal so wegen der Redekunst vonnöten. Doch siehe, plötzlich stürzt Madame Beaupré herein, die Gattin des Bankiers, bei dem er eine Anstellung hat und die in ihn verliebt ist. Sie erklärt ihm, daß Cécile sogleich vor Liebe zu ihm sterben werde und daß er sie retten müsse. Gustave errät, daß Madame Beaupré in ihn verliebt ist, nimmt die abgelehnten Millionen an und nachdem er alle mit den gemeinsten Worten beschimpft hat, weil es im ganzen Menschengeschlecht nicht noch einmal soviel unaussprechlichen Edelmut gibt, wie in ihm, begibt er sich zu Cécile und verbindet sich mit ihr. Die Bankiersfrau reist auf ihr Gut, Herr Beaupré triumphiert, da seine Frau, die sich am Rande des Verderbens befand, rein und makellos geblieben ist, Gustave aber setzt Kinder in die Welt und spaziert abends um die tugendsamen Springbrünnlein, deren sanftes Wasserplätschern ihm nur usw., usw. zu Bewußtsein bringt.

Gegenwärtig wird der unaussprechliche Edelmut am häufigsten durch einen aktiven Offizier verkörpert, oder durch einen Militäringenieur oder etwas Ähnliches, jedenfalls am häufigsten durch eine Militärperson, die im Knopfloch unbedingt das Band der Ehrenlegion trägt, das mit „eigenem Blut erkauft“ ist. Nebenbei: dieses Bändchen ist etwas Entsetzliches. Jeder Träger desselben brüstet sich mit diesem Bändchen dermaßen, daß ein Zusammensein mit ihm fast unerträglich wird, man kann mit ihm weder in demselben Eisenbahnwagen fahren, noch im Theater neben ihm sitzen, geschweige denn im Restaurant. Es fehlte nur noch, daß er Sie anspuckt, bis zu solcher Schamlosigkeit tut er sich vor Ihnen mit seinem Ordensbande wichtig. Er schnauft, er bläht die Nüstern, so erfüllt ist er von sich selbst, daß Ihnen schließlich übel wird oder die Galle überläuft und Sie nach dem Arzt schicken müssen. Doch den Franzosen gefällt das sehr. Merkwürdig ist ferner, daß im Theater jetzt auch dem Monsieur Beaupré eine schon gar zu auffallende Beachtung, oder mindestens weit mehr Beachtung geschenkt wird als früher. Selbstredend hat Monsieur Beaupré bereits viel Geld in Sicherheit und auch schon sehr viele Sachen und Sächelchen in seinem Besitz. Als Mensch ist er bieder, offenherzig, ein wenig lächerlich mit seinen bourgeoisen Angewohnheiten und infolge des Umstandes, daß er Gatte ist; aber er ist gutmütig, ehrlich, großmütig und von unsagbarem Edelmut in dem Auftritt, in welchem er an dem Argwohn, seine Bisch sei ihm untreu, zu leiden hat. Doch ungeachtet dessen entschließt er sich großmütig, ihr alles zu verzeihen. Natürlich stellt es sich dann heraus, daß sie so unschuldig wie eine Taube ist, daß sie mit ihrem Interesse für Gustave nur gescherzt hat und daß Bribri, dessen Großmut sie aufs tiefste erschüttert, ihr teurer als alles andere ist. Cécile ist natürlich ganz wie immer zu Anfang bettelarm, ist es aber jetzt nur noch im ersten Akt; schon im zweiten stellt es sich heraus, daß sie eine Million besitzt. Gustave ist stolz und gleichfalls wie immer von alles verachtendem Edelmut, nur tut er jetzt viel wichtiger, da er ja nun ein Krieger ist. Das teuerste auf der Welt ist für ihn sein Orden, den er mit seinem „Blut erkauft“ hat; und „l’épée de mon père“. Von diesem Degen seines Vaters spricht er in jedem Augenblick, immer und überall, bei jeder unpassenden Gelegenheit; man begreift oft gar nicht, um was es sich dabei handelt; er schimpft, entrüstet sich, doch alle machen Bücklinge vor ihm und die Zuschauer weinen und klatschen Beifall (sie weinen buchstäblich). Selbstverständlich hat er keinen Sou, das ist sine qua non. Madame Beaupré ist natürlich in ihn verliebt, Cécile gleichfalls, er aber ahnt nicht einmal, daß Cécile ihn liebt. Fünf Akte hindurch hört man Cécile vor Liebe ächzen. Schließlich schneit es oder es geschieht etwas Ähnliches. Cécile will sich aus dem Fenster stürzen. Da fallen plötzlich draußen unter dem Fenster zwei Schüsse, alles eilt herbei: Gustave tritt bleich, mit verbundenem Arm langsam auf die Bühne. Das Ehrenband, das er mit seinem „Blut erkauft“ hat, leuchtet auf seiner Brust. Céciles Verleumder, der sie zu verführen trachtete, ist bestraft. Gustave begreift schließlich, daß Cécile ihn liebt und daß alle diese Widerwärtigkeiten von Madame Beaupré angestiftet worden sind. Doch Madame Beaupré steht jetzt bleich und erschrocken da und Gustave errät, daß auch sie ihn liebt. Plötzlich fällt wieder ein Schuß. Das kann nur ein Schuß von Beaupré sein, der sich das Leben nimmt. Madame Beaupré schreit auf, stürzt zur Tür, doch schon erscheint Beaupré in eigener Person, mit einem erlegten Fuchs in der Hand oder mit einem anderen Tier. Die Lehre ist gut: Mabisch wird sie nie vergessen. Sie schmiegt sich an Bribri, der ihr alles verzeiht. Gustave erfährt aber nun, daß Cécile eine Million besitzt, und er rebelliert von neuem. Er will nicht heiraten. Gustave ziert sich gewaltig, Gustave ergeht sich in Schimpfworten und flucht. Das Fluchen und das Spucken auf die Million ist unbedingt erforderlich; der Bourgeois würde es ihm nicht verzeihen, wenn er das unterließe: sein Bedürfnis nach unaussprechlichem Edelmut käme doch sonst zu kurz, – nur bitte deshalb nicht zu glauben, daß der Bourgeois sich selbst untreu werde! Beruhigen Sie sich: die Million geht dem glücklichen Paar nicht verloren, die Million ist unvermeidlich und erscheint zum Schluß immer in Gestalt einer Belohnung der Tugend. Nein, der Bourgeois wird sich selbst nicht untreu. Natürlich nimmt Gustave zu guter Letzt die Million samt Cécile, und dann kommt wieder das Geplätscher der Springbrünnlein, die baumwollene Nachtmütze usw., usw. Auf die Weise gibt es dann sowohl viel Gefühlvolles, wie unaussprechlichen Edelmut mehr als man fassen kann, und dazu den Bourgeois Beaupré als Sieger, der mit seinen Familientugenden alle bis zur Ergriffenheit rührt, und die Hauptsache, die Hauptsache – die Million, die Million als Fatum, als Naturgesetz, dem alle Ehre, aller Ruhm, alle Anbetung gebührt, usw., usw. Bribri und Mabisch verlassen das Theater vollkommen befriedigt, beruhigt und getröstet. Gustave begleitet sie, und während er Mabisch in den Wagen hebt, küßt er ihr heimlich das Händchen ... Kurz, alles geht, wie es muß.

Notes in this chapter

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