Viertes Kapitel. Längs der Maclayküste.
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Küste bis Kap Croissilles. — Es giebt kein Kap Duperrey. — Karkar, oder Dampier-Insel. — Wir umschiffen dieselbe. — Neues »Giebacht-Inselchen«. — Eingeborene. — Zusammentreffen mit denselben. — Treffliche Lokalitäten für Deportation. — Bismarck-Gebirge. — Längs der Maclayküste. — Geringe Kenntnis derselben. — Gabinafluß. — Vulkanische Anzeichen. — Küstengebirge. — Schönes Land. — Spärlich bevölkert. — Kleine und verlassene Dörfer. — Sareuak-Buchtung. — Erste Begegnung mit Eingeborenen. — Finisterre-Gebirge. — Heimatliche Landschaft. — Pfahldörfer. — Teliata-Huk. — Das merkwürdige Terrassenland. — Exkursion dahin. — Dallmannfluß. — Die Terrassen sind gehobener Korallfels — haben ausgezeichneten Boden — trefflich für Weiden. — Temperatur. — Geringes Tierleben. — Basilisk-Gorge — Rook und Lottin. — Cape King William nicht aufzufinden. — Auffallende Schluchten. — »Meerfall«. — »Kanzel«. — »Bienenkorb«. — Festungs-Huk. — Siedelungen schwer bemerkbar. — Geringe Bevölkerung. — Zusammentreffen mit derselben — deren Verwandtschaft mit Huon-Golf. — Keine Menschenfresser. — Andenken Verstorbener. — Rückblick auf die Maclayküste. — Vorzüge derselben. — Keine Häfen. — Hinüber nach Neu-Britannien. — Unrichtigkeit der Karten. — Längs der unbekannten Südküste — verspricht wenig. — »Hansabucht«. — Eingeborene. — Rückkehr nach Mioko.
Karkar, Dampiers »Isle Brûlante«, die später den Namen dieses großen Seefahrers erhielt, war unser nächstes Ziel und schien angesichts der so kärglichen Nachrichten über dieselbe wohl einer Rekognoszierung wert. Wir dampften nordwärts bis Kap Croissilles hinauf, längs einer Küste, die einen ganz anderen Charakter als die bisher gesehene von Astrolabe-Bai zeigte. Sie erscheint wie ein ausgedehntes, dichtbewaldetes Vorland, an welches sich weiter inland niedrigere Bergketten anschließen. Kokospalmen fehlen diesem Gebiete leider fast ganz und damit auch der Mensch, dessen Existenz mit dem Vorkommen und der Häufigkeit der ersteren in so innigem Zusammenhange steht. Nur gegen das Kap zu bemerkten wir unter dem Schatten einiger Kokospalmen ein Dorf; die Bevölkerung dieses ca. 15 Meilen langen Küstenstriches ist daher jedenfalls nur sehr spärlich. Die Ungenauigkeit der vorhandenen Karten wurde uns schon auf dieser kurzen Strecke klar. Vergebens suchten wir Kap Duperrey[28] und auch Kap Croissilles markiert sich in der gleichförmigen Küstenlandschaft nur wenig.
Dampier-Insel erscheint vom Süden aus gesehen wie ein mächtiger, dicht bewaldeter, stumpfer Kegel, dessen Höhe auf 5000 Fuß angegeben wird und der schon in weiter Ferne die vulkanische Bildung deutlich erkennen läßt. Als Dampier Anfang 1700 die Insel entdeckte, fand er den Vulkan in voller Thätigkeit und gab der Insel deshalb den Namen die »brennende«. Jetzt ist der Krater längst erloschen; nur die den Spitzenteil verhüllenden Wolken, welche meist hier lagern, erinnern zuweilen an mächtigen Rauch.
Wie es scheint ist die Insel seit Dampier nicht mehr betreten worden, und auch wir mußten uns auf eine Umschiffung derselben beschränken, denn nirgends fanden wir einen Hafen- oder Ankerplatz, noch sonst eine Stelle, welche aus praktischen Gründen zu einer Landung verleiten konnte. Überall zeigte sich dichter Urwald, von der Wasserkante des Ufers bis zur höchsten Spitze, in einer Üppigkeit wie man selten Urwald zu sehen bekommt, nirgends geklärte Stellen mit Plantagen, selten flacheres Vorland und dann nur in geringerer Ausdehnung. An der Nordwestseite der Insel sahen wir hie und da felsiges Steilufer, Basalt, aus dem die Insel zu bestehen scheint. Nur wenige Male hatten wir Korallriffen auszuweichen, aber an der Nordspitze entdeckten wir kaum eine halbe Seemeile von der Küste ein kleines Inselchen, das keine Karte verzeichnet, und von welchem sich ca. 3 Seemeilen ein Riff mit Brandung und einem einzelnen kahlen schwarzen Fels nach Ost hinzieht. Ich benannte das Inselchen, immerhin groß genug um das größte Schiff zum Scheitern zu bringen, »Giebacht-Insel«. Vom Norden aus gesehen, bietet Dampier übrigens ein ganz anderes Bild als vom Süden und erscheint als ein langgestreckter Gebirgsrücken mit zwei hohen stumpfen Kegeln, beides erloschene Vulkane.
Wir waren an der Leeseite, also von West nach Ost um die Insel gegangen und beobachteten nur an dieser unbedeutende Siedelungen der Eingeborenen; die Ostseite schien unbewohnt. Die größte der westlichen Siedelungen zählte etwa 10 Häuser, die übrigen zehn je 2–4 Häuser, verdienten also kaum den Namen von Dörfern. Aus der geringen Anzahl von Kokospalmen konnte man schon mit ziemlicher Sicherheit auf die geringe Bevölkerung schließen, wie sich das meist überall wiederholt. Einzelne Siedelungen besaßen kaum mehr als etliche, die größte nur 30 Kokospalmen, das war alles!
Die wenigen Eingeborenen, welche uns am Ufer mit Staunen betrachteten, gaben sich durch Schreien alle erdenkliche Mühe uns an Land einzuladen, aber nur bei dem einen Dorfe kamen etliche Kanus ab, so daß wir die Maschine stoppten, um die Leutchen kennen zu lernen. »Oh! Maclay« war ihr erstes Wort und »Kai« (Eisen) ihr zweites, dies aber auch alles was ich verstand, denn auf Karkar wird eine ganz andere Sprache gesprochen. Sie klang viel rauher als in Astrolabe; dabei schrieen und spektakelten die Leute sehr viel, so daß man oft kaum das eigene Wort verstehen konnte.
Armselig wie ihre, roh aus einem Baumstamm gezimmerten, Kanus waren die Insassen selbst. Sie brachten nichts als ein paar alte vertrocknete Kokosnüsse, einige Betelnüsse und Tabakblätter, hatten aber keinerlei Waffen und von sonstigen Arbeiten nicht viel mehr. Dabei wollten sie für jeden schlechten Bambukamm oder Kalkkalebasse nur Hobeleisen haben. Einer hatte es auf meinen Feldstecher abgesehen und verlangte, daß ich ihm denselben ins Kanu reichen sollte, denn an Bord wagte sich keiner. Nun habe ich Eingeborenen stets gern Spaß gemacht, und mir war auch wegen des Zurückgebens nicht bange, aber ich wußte auch, daß diese Freundlichkeit nur unnützen Zeitverlust bereiten würde. Hat nämlich der eine durchgesehen und wirklich etwas gesehen, denn gewöhnlich wird das Glas soweit ab oder so dicht gehalten, daß überhaupt nichts gesehen werden kann, dann will jeder in das geheimnisvolle Ding gucken und die Sache nimmt kein Ende. Zudem lassen die meist nicht sehr reinlichen Finger Spuren zurück, an deren Vertilgung man lange putzen kann.
Äußerlich unterschieden sich übrigens diese Insulaner durch nichts von den Bewohnern des Festlandes; es gab dunkle und hellgefärbte, und auch hier schienen die Gatessi, d. h. lang in den Nacken herabhängende Zottelstränge, eine besondere Zier. Außer dieser besaßen sie aber nicht viel: ein schlechter Lendengurt (Mal), dito Armband, ein dünner Nasenpflock aus einem Rohrstäbchen, etliche Schildpattohrringe, nebst Bambukamm und der Ausputz ist fertig. Einzelne hatten die Haarkämme mit Büscheln Kasuarfedern verziert, ein Beweis, daß die Insulaner mit den Küstenbewohnern in Verkehr stehen, wofür auch drei große Kanus, in der Bauart ganz mit solchen von Bilibili übereinstimmend, sprachen, die ich am Ufer bemerkte.
Wir hatten ca. 6 Stunden Zeit gebraucht, um von der Südspitze bis zur Mitte der Ostseite zu dampfen, und schon daraus wird man ersehen, daß Dampier-Insel nicht ganz so klein ist. In der That beträgt ihr Längsdurchmesser ca. 20 Meilen (= 5 deutsche M.) ihr Flächeninhalt 272 qkm., ist also immerhin noch etwas bedeutender als der der Freien- und Hansestadt Bremen. Letztere zählt aber über 150000 Bewohner, Dampier nach meiner allerdings nur oberflächlichen Schätzung, denn Volkszählungen sind in allen diesen Gebieten noch nie gemacht worden, wenn's hoch kommt — 500! Da können allerdings noch viel Menschen Platz und ausreichend Nahrung finden, denn ohne Zweifel ist die Insel äußerst fruchtbar, und in gewisser Höhe auch gesund. Aber schwerlich werden sich freiwillige Zuzügler finden, um die Urwälder zu lichten; eben kein kleines Stück Arbeit! — Und doch könnte es gehen, — so meditierte ich angesichts der Insel, — wenn man jene Freiwilligen aufforderte, welche die unfreiwillige Arbeit in Kerkermauern gern mit solcher in Gottes freier Natur vertauschen würden. »Eine Verbrecherkolonie«? höre ich viele im stillen ausrufen! — Nun ja denn! eine Verbrecherkolonie oder besser Deportation solcher Freiwilligen unserer überfüllten Zuchthäuser, die für den Rest ihres Lebens dem Kulturstaate nur eine Last sind, in solchen neuen Gebieten aber noch ganz nützlich werden könnten, sowohl dem großen Ganzen, als sich selbst. Wer die Geschichte der Gründung Australiens kennt, wird wissen, welchen gewichtigen Faktor das Deportationssystem in den ersten Jahrzehnten der Kolonien durch die Beschickung mit billigen Arbeitskräften einnahm. In der That so wichtig, daß die jüngste Kolonie, West-Australien, noch in den vierziger Jahren beim Parlament[29] um Deportierte petitionierte, weil es eben an Arbeitern mangelte. Und diese werden für jedes neue Kolonisationsgebiet stets die Lebensfrage bleiben, am dringendsten jedoch für ein Land mit so geringer und für Arbeit in unserem Sinne nicht geeigneter Bevölkerung als Neu Guinea. Da würde ein Depot brauchbarer Arbeiter recht am Platze sein, und Dampier-Insel oder Rook, oder eine andere jener isolierten fruchtbaren Inseln unserer neuen Schutzgebiete, geeignete Localitäten zur Gründung eines solchen abgeben.
Doch kehren wir nach dieser Abschweifung auf die Samoa zurück, die in früher Morgenstunde wieder nach der Küste zu dampft, in Sicht von Bilibili und Astrolabe-Bai, deren herrliche Landschaftsbilder gerade jetzt so schön hervortraten, wie noch nie. Die Kammlinien der Gebirge erschienen in derjenigen Klarheit, auf welche man in diesen Breiten meist nur gegen Sonnenaufgang, so gegen 6 Uhr, rechnen darf. Heut sahen wir alles in seltener Deutlichkeit vor uns liegen, ja dieselbe brachte eine unerwartete Überraschung. Weit hinter den uns schon bekannten Gebirgen ragte nämlich im Süden eine gewaltige Gebirgskette hervor, die wir früher nicht gesehen hatten und die wahrscheinlich überhaupt nur wenige[30] erblickt haben. Wir befanden uns damals noch ca. 25 Meilen von der Küste, aber dieses Gebirge mußte noch weit im Inneren, nach Schätzung an 70 bis 80 Meilen von uns abliegen, und dementsprechend taxierten wir die Höhe auf 14000–16000 Fuß! Wie unsere späteren Reisen zeigten ist diese Gebirgskette, die wir nur noch einmal zu sehen bekamen, die höchste an der ganzen Nordostküste von Neu-Guinea, und ich erlaubte mir deshalb sie zu Ehren unseres großen Reichskanzlers »Bismarck-Gebirge« zu benennen. Die Frage: »wie mag es dort aussehen«? drängte sich unwillkürlich in die Gedankenflut des stummen Bewunderers; ja, wer das beantworten könnte! Denn wie viele Zeit wird noch darüber hingehen, ehe der weiße Mann nur bis zum Fuße jener gewaltigen Gebirgskette vordringt, geschweige auf deren Scheitel gelangt.
Wir passierten Port Konstantin, nahe genug um unsere Flagge lustig winken zu sehen, und steuerten in östlichen Cours längs der Maclayküste (vergl. Karte S. 30). Sie erstreckt sich von Astrolabe-Bai bis Teliata-Huk, ca. 100 Meilen weit und wurde zuerst 1871 von dem russischen Reisenden von Miklucho-Maclay mit dem russischen Kriegsschiffe »Vitiaz« befahren, fünf Jahre später bei seinem zweiten siebzehnmonatlichen Aufenthalte näher durchforscht, trägt also seinen Namen mit Recht. Leider hat aber der Reisende selbst kaum mehr als eine flüchtige Notiz über seine Forschungen publiziert und Kapt. Moresby[31], der 1874 längs dieser Küste westwärts dampfte, sagt nicht mehr über dieselbe. Die folgenden Nachrichten dürften daher als die ersten ausführlicheren willkommen sein.
Gleich ostwärts von dem Dorfe Gumbu und Novosilsky-Point nimmt die Gegend einen total verschiedenen Charakter an. Der Urwald verschwindet vom Ufer und eine spärlich mit Krüppelholz bestandene Ebene tritt an die Stelle, welche treffliches Land für Kultur wie Viehzucht zu bieten und sehr der Beachtung wert scheint. In dieser Niederung sahen wir die Mündung zweier Flüsse, die jetzt in der trockenen Jahreszeit indes nur schmale Rinnsale bis ins Meer führten, in der Regenzeit aber sehr ansehnlich sind. So fanden wir bei einem spätern Besuch im Mai den westlichsten und größten Gabinafluß, gleich ost von Novosilsky-Huk, weithin das Meer trübend. Mit Maragum-Huk beginnen wieder Hügel und Berge, die gegen das, übrigens nur schwer erkennbare, Kap Rigny (Tevalib) und weiterhin bedeutend höher werden und zugleich einen sehr eigentümlichen Charakter bieten. Die Berge zeigen Schluchten, zuweilen jähe Spalten, mit senkrecht abfallenden Wänden, wie Erdrutsche; eine wilde, malerische Landschaft. Dabei fehlt an manchen Bergabhängen fast alle Vegetation und das Ganze macht den Eindruck, als wenn hier gewaltsame Veränderungen durch Erdbeben[32] stattgefunden hätten.
Wir waren am Abend bis etwa 6 Meilen ost von Cap Rigny gekommen und begannen unsere Fahrt mit Anbruch des folgenden Tages an derselben Stelle, eine Methode, die stets an unbekannten oder wenigbekannten Küsten von uns befolgt wurde, damit kein Teil derselben uns entgehen konnte. Die Landschaft blieb im ganzen dieselbe, aber das Gebirge wurde höher und zeigte bis auf die Kammhöhe dichte Baumvegetation. Diese Hauptkette ist sehr steil, von fast senkrechten Schlürfen und Rinnen durchsetzt und mag eine Höhe von 6000–7000 Fuß erreichen. Aber man sieht die Kammlinie auch an sonnenhellen Tagen selten frei, denn gewöhnlich sammeln sich schon gegen 8 Uhr die kleinen weißen Nebelflecke zu großen Wolken, die in weniger als einer Stunde den Scheitel des ganzen Gebirges ziemlich weit herab vollständig einhüllen. Häufig bleibt nur die Basis des Hauptstockes frei, aber an denselben lehnt sich ein dichtbewaldetes Mittelgebirge, das in ansehnliche grüne, mit Gras bedeckte Vorberge ausläuft, die sich sanft bis zum Meere herabsenken, dessen Ufer von einem schmalen dichten Baumgürtel eingefaßt wird. Dies ist so im wesentlichen der Hauptcharakter dieser Küstenlandschaft östlich von Kap Rigny und 10 Meilen über Lemtshug Point hinaus. Sie macht mit ihren ausgedehnten, infolge Abbrennens hie und da braun und schwarz gefleckten, grünen Matten, ihren mit Baumstreifen bestandenen Schluchten ganz den Eindruck kultivierten Landes und würde offenbar ausgezeichnetes Weideland abgeben. Aber diesem ganzen Küstenstrich schienen wie Kokospalmen so auch Menschen zu fehlen. Erst ca. 4 Meilen ost von Iris Point, das wir, ohne es mit Sicherheit ausmachen zu können, passiert hatten, sahen wir seit Gumbu das erste Haus, weiterhin die ersten Dörfer, wie alle Siedelungen stets schon von weitem an einer kleinen Gruppe Kokospalmen und jenen gelben Bäumen kenntlich, die ich bereits in Astrolabe-Bai erwähnte. Von nun an waren fast in jeder der sanften Buchtungen, die ohne bedeutendere Vorsprünge das Ufer bilden und charakteristisch für diese ganze Küste sind, Siedelungen bemerkbar, meist nur aus wenigen Häusern bestehend, überdies mehrere in Verfall oder bereits ganz verlassen. Da, wo sich bei den Häusern Menschen zeigten, schienen sie keine Kanus zu besitzen, denn erst in der Sareuak-Buchtung, einige 60 Meilen östlich von Port Konstantin, kam ein Kanu mit sieben Männern ab, deren: »oh! Maclay« schon von weitem entgegenschallte und die Bekanntschaft mit dem Reisenden bewies, dessen Namen wir übrigens weiter ostwärts nicht mehr nennen hörten.
Die Leute boten uns wahrscheinlich als Friedenszeichen ein paar kleine Kokosnüsse an und schienen überhaupt sehr ärmlich und schlecht genährt. Im Armband trugen sie Blätter des gelben Baumes, vermutlich auch Zeichen des Friedens, sonst nur Halsstrickchen und schlechte Schamgürtel (Mal). Sie führten Pfeil und Bogen mit sich, betrugen sich aber sehr still und bescheiden. Das einzige Interessante, was ich bei ihnen bemerkte, war ein mit Hundezähnen garnierter filetgestrickter Tragbeutel, der meinen begehrlichen Blicken aber gleich entzogen und selbst für ein Beil nicht hergegeben wurde. Ihr Kanu führte Mast und ein schlechtes Mattensegel; als Feuerplatz diente ein Topfscherben.
Wie Wolken die Hauptkette des an 7000 Fuß hohen Küstengebirges verhüllten, so verdeckte das letztere die mächtige Kette des Finisterre-Gebirges (Moresby's) selbst, das bei einem Abstande von 20 Meilen so nahe unter der Küste überhaupt nicht zu sehen ist. Aber als wir uns bei einem spätern Besuche in Astrolabe noch ca. 30 Meilen von der Küste befanden, da lag das Gebirge in voller Klarheit vor uns, zeigte aber in der ziemlich gleichmäßig verlaufenden Kammlinie so wenig Abwechselung, daß wir die höchsten über 11000 Fuß hohen Spitzen Kant und Schopenhauer Maclay's (resp. Gladstone und Disraeli von Moresby[33]) nur mit Mühe ausmachen konnten.
Westlich von der Sareuak-Buchtung beginnt wieder niedrigeres Vorland, das sich stellenweis zu Ebenen ausdehnt, die, wie die oft bis zum Meere herabreichenden 1000 bis 1200 Fuß hohen Vorberge, reich mit Gras bedeckt sind; alles sehr versprechendes Land von ganz europäischem Gepräge. In der That, es fehlen bloß Dörfer, Viehherden, Wege, und man könnte sich in die Heimat versetzt fühlen.
Auch an Wasser mangelt es nicht. In der jetzigen trockenen Jahreszeit zeigten sich die in den Schluchten herabkommenden Wasserläufe freilich nur als Bäche, aber immerhin war Wasser vorhanden, und das ist von größter Wichtigkeit. Wie schön würde sich dieses Land im Besitz von viehzüchtenden Stämmen entwickelt haben, aber die armen Papuas fanden außer dem Schwein kein zur Domestikation brauchbares Tier vor und mußten sich mit Anbau des Bodens begnügen. Bei der zweifellosen Fruchtbarkeit desselben überrascht die Spärlichkeit der Bevölkerung gerade dieses Gebietes und mag in besonderen außergewöhnlichen Ursachen ihren Grund haben. Angesichts der verfallenen und verlassenen Dörfer dachte ich an Verheerungen durch Erdbeben oder Epidemien und die in Konstantinhafen gesehenen Spuren von Pocken machen diese letztere Annahme nicht unwahrscheinlich.
Die bisher gesehenen Häuser waren ansehnlich groß, in der Bauart denen in Astrolabe-Bai ähnelnd, aber mit dem Dorfe Singor, ca. 90 Meilen ost von Port Konstantin, begegneten wir einem ganz anderen Baustile. Die schmalen Häuser, dicht aneinander gebaut, standen auf hohen Pfählen, glichen also ganz den Pfahldörfern, wie ich sie von Port Moresby her bereits kannte, nur daß sie nicht im Wasser, sondern auf dem Trockenen errichtet waren. Das größte derselben, Teliata, (Village Island der englischen Admiralitätskarte), vielleicht 20 Häuser zählend und überhaupt das größte an der ganzen Maclayküste, liegt auf einer kleinen, aus kahlem Korallfels gebildeten Insel, der ersten, die wir seit Bilibili trafen, die durch Riff mit der naheliegenden Teliata-Huk verbunden ist. Letztere (etwas über 100 Meilen ost von Port Konstantin) bildet den am meisten bemerkbaren Vorsprung, von welchem die Küste sich mehr O. S. O. wendet und wenige Meilen davon einen durchaus verschiedenen Landschaftscharakter annimmt, den der Terrassenbildung. Hinter dem mit Buschwerk, seltener einem Baumgürtel begrenzten, nicht sehr ausgedehntem Ufersaume, erhebt sich das Land in drei bis vier horizontalen, scharf abgesetzten Terrassen[34], die auf ihrem Scheitel breite Grasflächen bilden, deren oberste sanft ansteigend, allmählich mit dem Hauptstock des Küstengebirges verläuft. Das letztere ist sehr steil, dicht bewaldet, aber an seiner Basis, zuweilen weit hinauf, mit Gras bekleidet, wie die Terrassen selbst, die von zahlreichen Schluchten durchschnitten, nur längs diesen Baumpartien, oft längere bewaldete Säume zeigen. Die Höhe der Terrassen mag zwischen 800 bis 1000 Fuß betragen, sinkt aber an manchen Stellen bedeutend herab, so daß die erste Terrasse zuweilen das Meeresufer selbst bildet. Wir hatten schon einige Meilen westlich von Teliata-Huk Anfänge dieser merkwürdigen Bildung bemerkt, aber ein paar Meilen östlich davon zeigte sie sich wie mit einem Schlage in der prägnantesten Weise und setzte sich ununterbrochen über 20 Meilen weit nach Osten fort, ein Amphitheater, wie ich es nirgends in Neu Guinea, ja überhaupt der Welt zu sehen bekam.

Terrassenland mit Basiliskschlucht.
Eine Rekognoszierung dieses merkwürdigen Terrassenlandes schien schon deshalb sehr wünschenswert, um die geologische Beschaffenheit festzustellen, und so machten wir uns mit dem Notwendigsten ausgerüstet auf den Weg. Eine Sandbank nahe dem Ufer ließ auf eine Flußmündung schließen und versprach die Möglichkeit zu landen, was sonst an dieser Küste nicht immer leicht, oft ganz unmöglich ist. Wie erwartet, mündete gleich hinter der Sandbank der Fluß, auf dem unser Boot aber nur eine kurze Strecke vorwärts kam, denn bald befanden wir uns in einer Felsschlucht, in welcher der Fluß über mächtige Korallblöcke in Kaskaden herabbrauste, ein gar liebliches Rauschen, das wir lange nicht gehört hatten und welches nach dem fortwährenden Meeresbrausen gar sehr anheimelte. Dazu die malerische Umgebung. Zu beiden Seiten der Schlucht üppige Baumvegetation mit undurchdringlichen Lianen- und Unterholzdickichten und zuerst wieder Tierleben. Auf der ganzen Meerfahrt hatten sich nur einzelne Meerschwalben (Sterna Bergii) und braune Tölpel (Sula fusca) gezeigt, sonst nichts. Hier entwickelte sich ein ziemlich reiches Vogelleben; Kakadu und Edelpapageien (Eclectus) ließen sich hören, ein Seeadlerpärchen (Haliaetus leucogaster) erhob sich von dem Baume, auf dem das mächtige Nest stand, das Gurren der niedlichen Flaumfußtauben (Ptilopus) tönte aus dem Gelaube und auch an Kleingevögel fehlte es nicht. Wir füllten ein Fäßchen des herrlichen kühlen Wassers, um es dem guten Kapitän Dallmann mitzunehmen, dem zu Ehren ich den Fluß benannte, und gingen dann wieder zurück, um einen besseren Aufstieg der Terrassen aufzufinden. Vom Flusse mit seinen fast senkrechten Felswänden war dies eben nicht möglich; er bildete ein Chaos von Rollsteinen und Geschiebe, die Regengüsse mit herabgebracht hatten, und angespülte Baumstämme zeigten den beträchtlichen Hochwasserstand in der Regenzeit. Wie die Wände der Schlucht, so ließ gleich die erste, ca. 10 Fuß hohe Terrasse die geologische Beschaffenheit erkennen: dichten Korallfels! Ganz ebenso verhielt es sich mit der zweiten, an 30–40 Fuß hohen, schwieriger zu erklimmenden Terrassenstufe und soweit wir überhaupt kamen, vielleicht 400–500 Fuß.
Wie am Fuße Lager großer Austernschalen (Ostrea), so zeigten die auf den Flächen der Terrassen verstreuten Fragmente von Marinemuscheln überall den gehobenen Meeresboden, jedenfalls infolge vulkanischer Vorgänge. Derjenige, welcher diese merkwürdigen Terrassen selbst kennen lernte, wird kaum begreifen, wie Wilfred Powell hier Basaltformation und die großen Anhäufungen von Bimsstein gefunden haben will und wird auch in Bezug auf andere seiner Nachrichten[35] immer ernstere Bedenken nicht zu unterdrücken vermögen. An der korallinischen Felsbildung kann gar kein Zweifel sein. Sie unterschied sich in nichts von der, wie ich sie zur Genüge von den Atollen her kannte. Aber hier war der Fels nicht wie bei den letzteren von einer nur wenige Zoll hohen Humusschicht überzogen, sondern die Flächen der Terrassen trugen eine Bodenschicht, die bei mehr als zwei Fuß tiefen Graben kein Ende zeigte, und wie die später gemachten chemischen Untersuchungen[36] erwiesen, von ausgezeichneter Beschaffenheit ist. Dabei wurde der Boden, je höher wir kamen, um so besser und feiner und mit ihm das Gras. Letzteres erreicht im Ufervorlande fast Mannshöhe und ist von grober Beschaffenheit, eignet sich also nur für Rindvieh, während das kurze feinhalmige Gras der Terrassen trefflich für Schafe paßt. Er bildet übrigens keinen ununterbrochenen Rasenteppich, sondern steht büschelweis wie das sogenannte »Buffalogras« der Prairien, oder wie ich es am Haleakala auf der Insel Maui sah, wo Tausende von Schafen weiden. Wenn hier die unzähligen scharfkantigen Lavatrümmer das Begängnis der Schafe nicht hindern, so würden sich dieselben auch auf den Terrassen mit den vielen verwitterten Korallknollen, die dem Fußgänger zuweilen recht hinderlich sind, abzufinden wissen. Außer einer Schlingpflanze, ein paar anderen bescheidenen Blumen, und einzelnen Cycaspalmen, zeigte die Flora nichts Bemerkenswertes, aber die Ränder der Schluchten sind häufig mit Gebüsch und kleinen Baumgruppen gesäumt, welche Schafen trefflichen Schutz gegen die Mittagshitze bieten würden. Obwohl dieselbe 28° R. betrug, so war sie unter dem mildernden Einfluß einer hübschen Brise doch erträglich, aber als wir wieder in die Uferebene herab in die schwüle Luft einer Temperatur von 32° R. kamen, da war es schier zum Ersticken. Wir fanden hier einen kleinen Teich mit einem Dickicht von Schraubenbaum (Pandanus), in welchem weiße Fruchttauben (Carpophaga spilorrhoa) und bunte Sittiche (Eos fuscata) zu einem leider vergeblichen Jagdversuch reizten und somit die Hoffnung auf einen frischen Braten vereitelten. Das Jagen in den Tropen hat eben seine großen Schwierigkeiten, von denen man sich daheim schwer eine Vorstellung machen kann. Einige Wachteln (Coturnix sinensis), die unser Tritt aus dem Grase aufscheuchte, war alles Lebende, was wir auf den Terrassen erblickten. Außerdem bemerkten wir nur noch Fährten wilder Schweine, sahen uns aber vergebens nach Kängurus um, die übrigens hier nicht wohl zu erwarten waren. Sie lieben, soweit meine Erfahrungen in Neu-Guinea reichen, keine offenen Ebenen, sondern mehr kupiertes Terrain, während gewisse Arten (z. B. Dorcopsis luctuosus) nur den dichtesten Urwald bewohnen.
Nahe dem Teiche stießen wir auf einen Pfad und bemerkten später elf Eingeborene, die uns wahrscheinlich schon lange beobachtet hatten, aber keine Lust zeigten heranzukommen. Ich ließ einige kleine Geschenke zurück, um sie unserer guten Absichten zu versichern, und sie werden später wahrscheinlich ihre Zurückhaltung sehr bedauert haben.

Kanzel und Bienenkorb.
An Bord zurückgekehrt und wieder unter Dampf, wurde das Auge nicht müde, das malerische Terrassenland mit seinen braunen und grünen Stufen zu bewundern, die sich mit einer Regelmäßigkeit, wie mit der Meßkette gezogen, für Meilen und Meilen nach Ost fortsetzen. Der Reiz dieser Landschaft wird durch wild romantische Schluchten noch erhöht, unter denen sich ganz besonders eine auszeichnete, die gleich wie ein gewaltiger Messerschnitt das Gebirge trennt und offenbar durch Erdbeben hervorgebracht wurde. Diese Schlucht, von der unsere Abbildung (S. 122) nur eine schwache Vorstellung giebt, ist jedenfalls die »Basilisk-Gorge« von Moresby dessen Beschreibung »huge break in the mountains« auf keine Stelle der Küste besser als auf diese paßt und mit wenigen Worten das Richtige trifft. Auch Backbord (links) zeigten sich anziehende Bilder, und der Blick wandte sich oft von der packenden Küstenlandschaft ab und schweifte über das Meer hinüber nach Rook- und Lottin-Insel, die wir schon lange sichteten. Die erstere lag einigemal klar vor uns; ein mächtiger, mehrere tausend Fuß hoher Kegel mit drei Kuppen und wie das kleine Lottin erloschene Vulkane. Letztere Insel, obwohl viel niedriger als Rook, war meist in Wolken gehüllt, wie die ganze Kammlinie des Küstengebirges selbst, trotz des vollkommen klaren Himmels, eine Erscheinung, die bei allen Gebirgen dieser Breiten fast zur Regel wird. Wie spätere Besuche lehrten nimmt die Höhe des Küstengebirges von West nach Ost allmählich ab, mag aber längs dem Terrassenlande immer noch an 4000 bis 5000 Fuß betragen. Den 7700 Fuß hohen Berg Cromwell von Moresby suchten wir bei dieser wie bei späteren Gelegenheiten vergebens, nicht minder Dampiers »Cape King William«, das noch heut auf allen Karten figuriert, aber, wie schon Moresby erwähnt, nicht auszumachen und für die Folge besser ganz wegzulassen ist: es giebt an dieser Küste überhaupt kein Kap! —
Längs dem Terrassenlande sahen wir noch vier armselige Dörfer, Pfahldörfer wie das vorher beschriebene Singor, die sich durch ihre Lage auf kahlem Korallufer (das eine, Sus, auf einer kleinen Felsinsel) auszeichneten. So frei und bar von allem Sonnenschutz hatte ich noch niemals Siedelungen von Eingeborenen gesehen, und es wäre interessant gewesen, die Gründe zur Wahl dieser anscheinend so ungünstigen Lokalitäten zu erfahren. Aber die Bewohner sahen das dampfende Ungetüm stumm vorüber gleiten, und machten keinerlei Zeichen, ja erhoben sich nicht einmal. Ich erwähne dies deshalb besonders, weil dieses Betragen sehr im Widerspruch mit der sonst üblichen Gewohnheit der Eingeborenen steht, die eine so seltene Erscheinung mindestens mit lauten Rufen begrüßen. Jedenfalls besaßen aber diese Pfahlbauer keine Kanus, und auch wir mußten uns einen Besuch versagen, weil der steile, felsige Uferrand kaum zu landen erlaubt haben würde und wir überdies Eile hatten.

Festungshuk.
Ungefähr fünf Meilen ost von dem kleinen Inselpfahldorf Sus wird die Terrassenbildung undeutlicher, das Küstengebirge tritt näher ans Ufer und das Landschaftsbild erhält einen ganz anderen Charakter, der hauptsächlich in wild zerklüfteten Schluchten der Vorberge gipfelt. Den Anfang dieser wildromantischen Küste bildet die sanfte Waldbucht, wo der dichte Wald des Küstengebirges sich fast bis ans Gestade herabzieht. Über das ca. 10 Fuß hohe Steilufer, fällt hier ein kleiner Wasserfall direkt ins Meer, eine sehr kenntliche Stelle und die einzige derartige an der ganzen Küste, welche ich deshalb »Meerfall« benannte. Weiter nach Ost erregt eine besonders merkwürdig markierte Schlucht Aufmerksamkeit, deren fast senkrechten Wänden ein mehrere hundert Fuß hoher Berg vorliegt, als wäre er aus dem Gebirge herausgeschnitten (S. 126). Sein Gipfel ist horizontal, seine Westseite schroff bis zur Thalsohle abfallend, während die in der oberen Hälfte ebenfalls fast rechtwinkelig abgesetzte Ostseite sich an einen spitzwinkeligen Berg anlehnt und mit diesem gleichsam ein Ganzes bildet, dem ich den Namen »Kanzel« gab. Mit dieser sonderbaren Küstenmarke rivalisiert etwas weiter östlich der »Bienenkorb«, ein sehr hoher steiler, stumpfer Kegel, welcher ebenfalls aus dem Gebirge herausgeschnitten scheint. An dem letzteren bemerkt man, höher als die Spitze des Bienenkorbes, inmitten der dichten Vegetation eine senkrechte, kahle, weißliche Felswand. Die beiden soeben genannten Schluchten sind die interessantesten dieses ganzen Gebietes und ohne Mühe zu erkennen. Sie waren auch in der jetzt trockenen Jahreszeit wie die übrigen Einschnitte und Vorberge mit dichtem frisch grünem Graswuchs bekleidet, was den malerischen Effekt ungemein erhöhte. Manche dieser Schluchten sind übrigens ansehnlich breit und bilden schmale grüne Thäler, die sich vielleicht weit ins Gebirge hineinziehen mögen. Da wo die interessanten Schluchten aufhören, wird das grasige Vorland breiter und an den fast baumlosen, ebenfalls in saftiges Grün gekleideten Bergen machen sich wiederum terrassenförmige Absätze bemerkbar, die mit Festungshuk in prägnantester Weise ihren Abschluß finden. In der That bildet dasselbe den kenntlichsten Punkt an der ganzen Küste, und Moresby hätte keinen passenderen Namen als »Fortification-Point« wählen können. Die einige hundert Fuß hohe grüne Pyramide, zugleich der letzte Ausläufer des Küstengebirges, wird von mehreren horizontalen, kahlen, stufenförmigen Absätzen, Resten der Terrassenbildung, durchzogen, die frappant Fortifikationen ähneln, ja bei lebhafter Phantasie vermag man mit leichter Mühe in einigen schwarzen Felsstücken, die am Rande der Terrassen hie und da verstreut liegen, Geschütze zu erkennen. Etwas Baumgestrüpp bedeckt die kuppig abgesetzte Spitze, wie dichtester Baumwuchs die Basis des Berges umgürtet, die von 10 bis 20 Fuß hohem Steilufer gebildet wird. Eine größere kahle Stelle des letzteren mit nacktem weißlichen Korallfels ist die »white Cliff« der Karten, welche sich aber bei weitem nicht so deutlich markiert, als man erwarten durfte. Von der Westseite gesehen zeigt Festungshuk übrigens die eigentümliche Bildung, welche ihr den Namen verschaffte, bedeutend geringer. Die ungefähre Lage dieses kennbaren Küstenpunktes wird von Moresby zu 6° 20′ S., 147° 48′ O. angegeben. Er bildet übrigens kein Kap, sondern nur eine sanft vorspringende Huk (Ecke), von welcher die Küste südlich verläuft.
Mit dem Schluchtengebiet waren auch Dörfer oder Siedelungen überhaupt verschwunden, und die ganze Küste erschien menschenleer; nur gegen Festungshuk hin bemerkten wir einige Bananenplantagen, sahen uns aber vergebens nach Häusern um. Erst bei einem späteren Besuche entdeckte ich, aufmerksam gemacht durch die erwähnten gelben Bäume, die überall Begleiter der Menschen zu sein scheinen, zwei Häuser, die unter Bäumen hart am Rande einer Schlucht so versteckt standen, daß sie nur schwer zu erkennen waren. Bei meinen späteren Fahrten längs dieser Küste, welche ich noch fünfmal passierte, richtete sich daher mein ganzes Augenmerk auf Siedelungen, aber es gelang mir nur noch zwei weitere von je zwei bis drei Häusern zu erspähen. Um so ausgedehnter sind aber die Plantagen, welche sich sowohl im Ufervorland als an den Hängen der Schluchten hinziehen, und die erkennbar mit Jams und Bananen bestellt, oft mehrere Morgen groß sein mochten. Sie waren, wie immer, sorgfältig eingezäunt, zuweilen stand eine Hütte dabei. Angesichts dieser Plantagen[37] muß die Bevölkerung auch zahlreicher sein und die Siedelungen liegen vermutlich in den Schluchten, unsichtbar von der Küste aus, versteckt. Aber nennenswerte Dichtigkeit der Bevölkerung fehlt auch hier; denn mehr als ein Dutzend Eingeborene sahen wir niemals zusammen und fünfzig blieb die höchste Ziffer während eines ganzen Tages. Es wurden zweimal Buchtungen westlich von Festungshuk untersucht, schon um Ankerung zu finden, aber das steile Felsufer verhinderte das Landen. Das Steilufer schneidet hie und da etwas tiefer ein und bildet durch vorgelagerte Felsen, an denen das Meer bricht, zuweilen Buchten, welche Kanus Schutz gewähren. In solchen bemühten sich auch einigemal die Eingeborenen im Kanu abzukommen, aber hoher Seegang ermöglichte ihnen überhaupt nur in zwei Fällen die Brandung zu passieren, obwohl sie recht gute Segelboote besaßen. Die letzteren zeichneten sich durch Schnitzwerk am Seitenrande der Plattform, am Vorder- und Hintersteven und durch zierliche Malerei der Bordplanken aus. Die im allgemeinen ziemlich dunkel gefärbten Leute, waren so still[38] und bescheiden, wie ich selten Eingeborene fand, und der Tauschhandel mit ihnen ging ruhig wie noch nie. Sie brachten nur einige Betelnüsse, schlechte Bananen, aber keine Kokosnüsse, da sie solche wahrscheinlich selbst nicht besitzen, denn diese Palme ist, wie an der ganzen Küste, eine seltene Erscheinung. Neu für uns war, daß sie unter Gesang und Trommelschlag abkamen, wahrscheinlich um sich selbst Mut zu machen, wie dies später noch öfter vorkam. Auch ethnologisch boten sie neben Bekanntem, wie z. B. Kampfbrustschmuck (P. XXII. 3) mancherlei Neues, Sachen, die wir später erst in Huon-Golf kennen lernten, wie z. B. schön geschnitzte Holztrommeln (Onge), Ruder mit kunstvoll geschnitztem Griff, Zieraten und Tragbeutel, reich mit Hundezähnen ornamentiert, und dergleichen, alles Gegenstände, welche für die nahe Verwandtschaft mit den Bewohnern Finschhafens und weiter südlich sprechen. Am deutlichsten zeigten dies jene hohen Kopfbedeckungen aus rotgefärbtem Baumbast (Tapa), die für Huon-Golf so charakteristisch sind, und welche wir hier zuerst sahen. Im Tausch waren ihnen, wie stets, Hobeleisen am liebsten; aus Tabak, den sie kannten, machten sie sich so wenig als aus Spiegeln, die, obwohl neu für sie, kaum des An- resp. Hineinsehens wert schienen. Interessant war es mir, hier eine Art feines Muschelgeld aus dünngeschliffenen aufgereihten Muschelplättchen zu finden, welches ganz mit dem sogenannten »Miokogeld« in Neu-Britannien übereinstimmt. Es gelang mir mit vieler Mühe, einen alten Mann, wie die hohe Tapamütze zeigte, den Häuptling, an Bord zu locken, wo einige kleine Geschenke seine Furcht bald zerstreuten. Er getraute sich sogar in die Kajüte und gab seine stumme Verwunderung über die vielen nie gesehenen Dinge dadurch zu erkennen, daß er den Daumen der einen Hand zwischen die Zähne nahm und sich mit der anderen auf den Bauch klopfte. Die letztere Pantomime sollte übrigens keineswegs menschenfresserischen Gelüsten Ausdruck geben, wie Unkundige leicht glauben würden, denn auf der ganzen Reise habe ich nirgends nur die leisesten Anzeichen von Kannibalismus[39] beobachten können. In Bongu sah ich einmal ein paar Menschenschädel an einem Hause aufgehangen und in Gumbu wurde mir ein menschlicher Unterkiefer zum Kauf angeboten, gewiß für viele deutliche Beweise von Menschenfresserei! Aber dieser Schluß würde sehr irrig sein; denn solche Reliquien sind nicht Siegestrophäen erschlagener Feinde, sondern Andenken lieber Verstorbener, da die Pietät gegen Tote bei allen diesen Stämmen sehr groß ist. Wenn oberflächliche Beobachter an dem Fehlen sichtbarer Grabstätten sich gleich zu kühnen Schlüssen verstiegen, daß die menschenfressenden Papuas sogar ihre eigenen Toten nicht verschonen, so liegt die Sache in Wahrheit ganz anders. Man bestattet nämlich die Toten sehr oft in der Hütte, um nach ca. 10 Monaten die Knochen wieder auszugraben, ganz wie ich dies schon von Neu-Britannien her kannte. Wie man dort die Schädel als teure Andenken verwahrt, so legt man in Astrolabe-Bai besonders auf den Unterkiefer Wert, der, wie wir dies später sehen werden, nicht selten als Armband dient.
Der freundlichen Einladung des alten Häuptlings, ihn und die Seinen an Land zu besuchen, konnten wir leider nicht folgen, denn unsere Kohlen gingen zu Ende, und so mußten wir ca. 6 M. südlich von Festungshuk für diesmal Abschied von der Küste Neu-Guineas nehmen.
Wir hatten zu der ca. 140 M. langen Strecke von Port Konstantin bis hierher ca. 2½ Tag gebraucht und dabei einen Landstrich kennen gelernt, der mit zu den besten in Neu-Guinea zählt, und für Agrikultur wie Viehzucht gleich versprechend ist. Vor allem fehlt es, wie ich bereits erwähnte, nicht an Wasser. Ich zählte in der trockenen Jahreszeit allein die Mündungen von 19 Flüssen oder besser Flüßchen, die alle den Charakter von Gebirgswässern tragen, und deren es gewiß in diesem ausgesprochenen Gebirgslande viel mehr giebt. Die höher gelegenen Flächen dürften sich namentlich für Schafzucht eignen und werden voraussichtlich ein für Europäer günstiges Klima besitzen. Die Bevölkerung fanden wir allenthalben sehr spärlich, denn ich zählte im ganzen 24 meist sehr kleine z. T. verlassene Siedelungen, deren Bewohner zusammen mit 1500 Seelen hoch geschätzt sind. Das ganze Küstengebirge scheint kaum bewohnt zu sein, denn nirgends fanden wir jene Kulturflecke urbargemachten Landes, die sich sonst schon so weit hin markieren. Für Schiffahrt ist die ganze Küste rein, d. h. frei von Korallriffen, Inseln und Sandbänken, aber das Meer fällt in wenig Abstand in bedeutende Tiefen zwischen 300 bis 400 Faden ab, und was das schlimmste ist, nirgends findet sich eine geeignete Ankerung[40], geschweige denn ein Hafen. Die ganze Küste besteht aus sanften Einbuchtungen, meist Flachufer mit Waldrand, hie und da Sandstrand oder mäßigem Felssteilufer. Freilich zeigte sich überall nur schwache Brandung, aber wir befanden uns im Südostmonsun, und während des Nordwest wird dies wahrscheinlich anders sein. Glücklicherweise ist das Meer meist ruhig und frei von jenen häßlichen Böen die z. B. das Marshallmeer so ungemütlich machen. Die Verhältnisse sind daher im ganzen recht günstige und weit besser als an vielen anderen Küsten, wo trotz Ungunst sich ein reges koloniales Leben entwickelte.
In der Nacht wurde nach der schon am Tage sichtbaren Küste von Neu-Britannien hinübergedampft, die wir am andern Morgen in der Gegend von Kap Anns, der südwestlichen Spitze, erreichten. Gleich hier zeigte sich die vollständige Unzuverlässigkeit der Karten, die freilich noch von Dampier (1700) und d'Urville (1827) herrühren, welche mit ihren Segelschiffen weit von der Küste abhalten mußten und so eine Menge Kaps[41] benannten, ohne sie astronomisch festzulegen, die gar nicht existieren. Das war freilich sehr mißlich, denn gar keine Karte ist immer noch besser als eine unrichtige, aber der trefflichen Führung von Kapitän Dallmann gelang es die erste Rekognoszierungsfahrt längs dieser ca. 240 Meilen langen, unbekannten Küste bis Kap Orford glücklich durchzuführen, wozu die Samoa freilich drei Tage brauchte. Es zeigte sich dabei, daß die angeblichen Kaps meist aus vorgelagerten Inseln bestehen, die von weitem wie Vorsprünge aussehen, denn selbst Südkap vermochten wir nicht mit Sicherheit auszumachen. An Riffs war übrigens kein Mangel, und da uns leider eine Dampfbarkasse fehlte, so mußten wir manche, vielleicht praktikable Buchten ununtersucht lassen. Aber das ganze Land schien überhaupt zu wenig einladend; nichts als dicht bewaldete, steile, vulkanische Berge, mangrovereiches, dichtbewaldetes Vorland, unzählige Inseln, die mit ihren Riffs zuweilen zum Abbiegen nötigten, wenig Kokospalmen und somit auch Menschen, das sind so die Hauptzüge dieser Küste, wie ich hier nur mit wenigen Strichen skizzieren will. Die kleinen Siedelungen schienen meist auf den Inseln zu liegen, und da wir Eile hatten, konnten wir sie nicht besichtigen. Nur einmal kamen Eingeborene in Kanus ab, in einer Bucht, die zwischen Süd-Kap und Kap Roebuck der Karten liegt und die ich »Hansabucht« benannte. Ich zählte acht bis neun kleine Siedelungen in dieser Bucht, den bevölkertsten Distrikt an der ganzen Küste bis Spacious-Bai. Die Leute waren sehr scheu, und kamen erst nach und nach näher, als ich ihnen leere Flaschen mit einem daran gebundenen Streifen roten Zeuges zuwerfen ließ, wagten sich aber längsseit gekommen nicht an Bord. Anthropologisch echte Papuas zeigten sie ethnologisch die meiste Zusammengehörigkeit mit Neu-Guinea, so in ihren Schamschurzen, Kalkkalebassen, Schmuck aus Schweinezähnen, filetgestrickten Tragbeuteln, breiten Schildpattarmbändern und dergleichen. Einige trugen Kopfbinden aus einer Art Flachs, ganz wie ich solche bei Festungshuk gesehen hatte. Muschelgeld, ganz wie das Diwarra von Blanche-Bai, schien auch eine große Rolle zu spielen, und sie gaben es nur ungern her. Sie führten keinerlei Waffen mit sich und waren ruhige Leute, mit denen sich sehr gut handeln ließ, bekamen aber oft untereinander Streit. Sie besaßen einige sehr eigentümliche Sachen, darunter besonders einen hübschen Kampfbrustschmuck aus zwei Eberhauern und Muschelgeld. Ihre Kanus waren sehr roh, alles Schmuckes bar, aber zum Teil sehr lang. Das eine mochte über 40 Fuß messen und trug 16 Mann. Interessant war es mir zuerst wieder bei einigen Männern schwache Tätowierung, schmale Strichelchen über Stirn und Backen, zu sehen; bei einigen machte sich künstliche Deformation des Schädels bemerkbar. An Produkten besaßen sie außer Betelnüssen und Tabakblättern nichts, nicht einmal Kokosnüsse.
In den letzten Tagen des Oktober trafen wir glücklich wieder in Mioko ein, nicht wie es in Schiffsberichten gewöhnlich heißt »an Bord alles wohl«!, sondern sieben Mann lagen am Fieber darnieder, darunter der Schreiber dieser Zeilen, ein Andenken, das uns wahrscheinlich Friedrich-Wilhelms-Hafen mit auf den Weg gegeben hatte. Nun, war es doch nicht mein erstes Tropenfieber! Masqui!