Sechstes Kapitel. Englisches Gebiet.
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Geringe Kenntnis Neu-Guineas. — Schwierigkeiten ins Innere vorzudringen — sind nicht unüberwindlich. — Armut an Naturprodukten — bis jetzt kein Eldorado. — Schiffsverkehr in Mioko. — Arbeiterwerben. — S. M. Kreuzerkorvette »Marie«. — Unfall derselben. — Auf der Suche nach Steinkohlen. — Kriegszustand mit Neu-Irland. — Port Breton. — Trauriges Ende der französischen Kolonie. — Reminiscenzen an dieselbe. — Port Praslin. — Schwierigkeiten zu strafen. — Englisches Gebiet. — Erst durch Moresby erschlossen.
Während der »schwarze Kontinent«, Afrika, in den letzten Jahrzehnten nach allen Richtungen erfolgreich durchkreuzt wurde, blieb das Innere seiner östlichen Schwester, der mächtigen schwarzen Insel Neu-Guinea, so gut als unbetreten, und nur zu Wasser wurden bisher ansehnliche Distanzen zurückgelegt. So 1876 durch den kühnen Italiener d'Albertis, welcher den Flyfluß an 450 engl. Meilen weit mit einer Dampfbarkasse befuhr, und neuerdings auf dem Kaiserin-Augusta-Fluß, über dessen Entdeckung durch die Samoa ich noch zu berichten habe. Zu Land sind gegenüber anderen Erdteilen und Inseln nur unbedeutende Vorstöße zu verzeichnen. In dem am meisten explorierten Gebiete von Port Moresby an der Südostküste, gelangten unternehmende, meist vom Golddurst getriebene Pioniere, darunter auch unser Landsmann Karl Hunstein, nur bis in die Region des Owen-Stanley-Gebirges, in der Luftlinie gemessen, kaum weiter als 40 engl. Meilen von der Küste. Auf der äußersten Südostspitze überquerte der Reverend Chalmers die kurze Strecke von Südkap (Stacey-Island) bis Milne-Bai, während Dr. A. B. Meyer als der Erste den Isthmus zwischen der Geelvink-Bai und dem Golf von Mac Cluer kreuzte, jener schmälsten Stelle der ganzen Insel, deren Breite hier kaum mehr als 5 Seemeilen beträgt. Wir kennen also noch heut ungefähr nur die Küsten Neu-Guineas, und auch mit der Erforschung dieser hat es lange genug gedauert, wenn man bedenkt, daß über 360 Jahre seit der Entdeckung Neu-Guineas durch den Portugiesen de Meneses (1526) verflossen. Man war stets geneigt diese geringen Erfolge den besonderen Schwierigkeiten, welche gerade Neu-Guinea wegen seines mörderischen Klimas und seiner wilden blutdürstigen Bevölkerung bieten sollte, zuzuschreiben, indes sehr mit Unrecht. Das Klima hat sich im ganzen nicht schlechter als anderwärts in den Tropen erwiesen, und die gefürchteten Eingeborenen sind auch bei weitem besser als ihr Ruf, sie haben sich fast überall da, wo sie von dem verderblichen Verkehr mit Weißen unberührt blieben, als harmlose Menschen gezeigt. Die Hauptschwierigkeiten eines tieferen Eindringens zu Land liegen weder im Klima noch den Eingeborenen, sondern ganz wo anders: einfach in dem Mangel an landeskundigen Führern und ganz besonders Trägern, und sind noch genau dieselben geblieben als vor 300 Jahren. Die Schuld daran trägt hauptsächlich die Isoliertheit der Bevölkerung! Die Bewohner der Küsten, ohne andere Stammeszusammengehörigkeit als der kleinerer Dorfgemeinden, schon in Entfernung von oft nur wenigen Meilen in ganz verschiedene Sprachen zersplittert, fast in steter Fehde lebend, wagen sich über das engbegrenzte Gebiet der ihnen befreundeten Dörfer nicht hinaus und kennen mit Ausnahme gewisser durch Kanufahrten in Verkehr stehender Küstenpunkte ihr Heimatsland am wenigsten. Mit dem Inneren besteht kaum Verbindung, ja es fehlen sehr häufig selbst Pfade, und da Neu-Guinea vorherrschend dichtbewaldetes Gebirgsland ist, so ergeben sich schon daraus gewaltige Hindernisse. Wer wie ich selbst an der Südostküste Neu-Guineas, in bekannten Gegenden, mit großen Schwierigkeiten kaum 15 M. weit ins Innere gelangen konnte, wird diese Verhältnisse am besten zu würdigen wissen und sich damit trösten können, daß selbst besonders begünstigte Reisende, wie z. B. Chalmers, kaum mehr als noch einmal soweit vordrangen. N. von Miklucho-Maclay kam während eines fünfzehnmonatlichen Aufenthaltes in Astrolabe-Bai nicht über das Litoral hinaus. Und warum? Überall die nämliche alte Geschichte: die Eingeborenen fürchten sich, weiter als bis zu den nächsten Dörfern, selten mehr als eine Tagereise mitzugehen und sind als Träger, weil ungewohnt mit dieser Beschäftigung oder zu faul, wenig wert. Größere Reisen in das Innere werden sich daher nur mittelst importierten, geschulten Trägerpersonals ausführen lassen und mit einer Ausrüstung, wie sie bisher keine der vielen Expeditionen aufzuweisen hatte. Wer über Mittel verfügen könnte, wie seiner Zeit Stanley in Afrika, dem würde es auch in Neu-Guinea an Erfolg nicht fehlen, und die Zeit ist hoffentlich nicht fern, wo diese Erfolge thatsächlich erzielt werden. Ein »Neu-Guinea-Stanley« wird sich schon finden, wenn erst der »Neu-Guinea-Bennett« da ist, welcher das Geld dazu hergiebt. Denn das bleibt schließlich die Hauptsache, wenn auch längst nicht soviel Mittel erforderlich sein würden als bei jener ewig denkwürdigen Riesentour durch den schwarzen Kontinent. Wie weit selbst ein Einzelner in Neu-Guinea ungefährdet vorzudringen vermag, das hat Karl Hunstein am besten bewiesen, der nur von einem Südseefarbigen begleitet in die Rhododendron-Region des Owen-Stanley[56] gelangte und hier mehrere Wochen mit Sammeln von Vogelbälgen, darunter herrlichen neuen Paradiesvogelarten, zubrachte. Freilich gehört dazu ein mit Land und Leuten so gut bekannter Mann als Hunstein, der unter den ersten Goldsuchern am weitesten eindrang und mit zu den besten Pionieren Neu-Guineas zählt. Freilich, die Gebirge, die Gebirge! Sie werden stets gewaltige Hindernisse bieten, würden aber bereits überwunden worden sein, wären Schätze zu holen gewesen. Wenn kühne Männer zuerst in die Wildnis der Felsgebirge und anderer unwirtlichen Gegenden eindrangen, so fanden sie ihre Anstrengungen durch die Ausbeute an wertvollen Pelztieren, später Erzen reichlich belohnt, aber Neu-Guinea bietet ja in der Tierwelt nichts als Paradiesvögel, die trotz ihrer Federpracht doch nur wissenschaftlichen Wert haben. Der Mangel an lukrativen Naturprodukten ist es eben, welcher Neu-Guinea so lange verschlossen hielt, und wir würden ganz anderen Verhältnissen dort begegnen, wenn der Goldreichtum wirklich gefunden worden wäre, von welchem heut noch so viele träumen. Namentlich in Queensland wird Neu-Guinea als das wahre Eldorado betrachtet, und nicht bloß auf das »we know it« des Reverend Mac Farlane hin, sondern von professionellen Goldgräbern, die ja im Geiste immer die größten Erwartungen hegen. Nun, die Zeit wird ja lehren, ob diese bis jetzt nur schwach begründeten Hoffnungen[57] sich verwirklichen!
Ich hatte selten in einem Südseehafen eine so große Anzahl von Schiffen gesehen als bei unserer Rückkehr nach Mioko. Vier Fahrzeuge lagen zu Anker, aber in einer Weise, die selbst dem Laien ungewöhnlich erschien. Da mußte etwas Besonderes vorgehen, und so verhielt es sich auch. Man war nämlich beschäftigt ein Schiff zu heben, einen kleinen Kutter von 50 Tons, der infolge von Altersschwäche nicht mehr schwimmen, sondern absolut sinken wollte. Das geschah denn auch und zwar glücklicherweise unmittelbar vor der Station, in wenig tiefem Wasser. Es gelang daher den Trotzkopf zu bändigen und heraufzuholen, der jetzt wahrscheinlich wieder lustig auf den Wellen tanzt; hatte er doch erst 34 Jahre! mitgemacht. Eine solche Flotte von Handelsschiffen unter deutscher Flagge, die damals selbst in Sydney zu den Ausnahmen gehörte, konnte dem Unkundigen wohl imponieren und ihm Respekt vor dem deutschen Handel in jenem entlegenen Südseewinkel einflößen. Aber es war nur ein größeres Schiff aus Deutschland darunter, welches noch viel Kopra hätte laden können, wenn sie eben vorhanden gewesen wäre; die anderen Fahrzeuge waren nur kleine Kutter und Schuner von 50–60 Tons. Sie dienen dazu Kopra von den Küstenplätzen zusammenzuschleppen, was oft bedeutende Schwierigkeiten hat, zeitweis gar nicht möglich ist, oder sind im Werbegeschäft thätig, da Mioko das Centraldepot für Samoa ist. Von hier aus wurden 1883–84 allein aus Neu-Britannien und Neu-Irland 700 angeworbene Arbeiter nach dort verschifft. Der Schuner Ninafou[58] gehörte zu diesen Werbeschiffen und war eben von einer Reise aus dem Nordwesten zurückgekehrt, hatte aber im Rekrutieren wenig Glück gehabt. Zwanzig Eingeborene waren das ganze Resultat einer elfwöchentlichen Kreuzfahrt, und der Kapitän, welcher für jeden angeworbenen Arbeiter fünf Dollar Prämie erhält, schien wenig zufrieden damit. Aber die Verhältnisse haben sich eben überall verschlechtert. Das Rekrutieren ist immer schwieriger geworden, da die Eingeborenen nicht mehr weg, und weder nach Queensland noch nach Samoa, gehen wollen, was man ihnen ja auch im Grunde genommen nicht verdenken kann. Auch die neuen Ankömmlinge mit der Ninafou, Eingeborene von den Admiralitäts-Inseln, Hermites und Gott weiß woher, schienen die Bedeutung ein Kreuzchen auf ein Stück Papier gekritzelt zu haben, welches sie drei Jahre von ihrer Heimat reißt und zur Arbeit zwingt, erst jetzt einzusehen, denn von den zwanzig liefen gleich sieben weg. Nun, Mioko ist eine kleine Insel, da können sie nicht weit kommen und schließlich giebt es ja auch Handschellen. Das ist freilich ein durchaus neues Gerät für Eingeborene, welche die ersten Weißen wie das Mädchen aus der Fremde betrachten, das jedem eine Gabe in Gestalt von Glasperlen, Kaliko und Tabak mitteilt. Ja, das anscheinend so uneigennützige Schenken und Hätscheln der Eingeborenen hört gar bald auf, wenn sie erst das verhängnisvolle Kreuzchen, ihre erste und einzige Schreibprobe, gemacht, oder wie es in der Werbersprache heißt, »gezeichnet« haben. Die weiß-schwarze Fraternité hat plötzlich einen Riß bekommen, und statt des freundlichen »come on, my good fellow« heißt es plötzlich: »work! you nigger!« Freilich Leute, welche die Südsee nie gesehen haben, die nur »die Knute der amerikanischen Baumwollenbarone« nach Tante Stowe kennen, die wissen über solche Verhältnisse am besten zu schreiben und zu sprechen; die denken nicht an Handschellen und was sonst Häßliches mit der »Labourtrade« zusammenhängt. Wer aber selbst, irgendwo in der Südsee, Eingeborene, die rechte Hand an die linke, in Handschellen paarweis, wie siamesische Zwillinge, aneinander gekettet umhergehen sah, nicht für einen Tag sondern wochenlang, der wird so recht an Onkel Toms Hütte erinnert worden sein. Handelte es sich doch nicht um Verbrecher, sondern nur um Ausreißer oder nach unseren modernen Begriffen um Leute, die sich ihrem Dienstverhältnis zu entziehen versuchten, was bei uns ja wohl nur eine Ordnungsstrafe nach sich ziehen würde.
Die vielen Schiffe, zu denen bald darauf noch S. M. Kreuzerkorvette Marie, Kommandant Kapitän z. S. Crokisius, einlief, nutzten uns übrigens in Bezug auf die so nötige Briefbeförderung nichts, und so blieb nichts anderes übrig, als selbst nach Cooktown, dem nächsten, ca. 1000 Meilen entfernten, australischen Hafen mit Post- und Telegraphenverbindung abzudampfen. Die Samoa wurde also so rasch als möglich seeklar gemacht, und wir begaben uns wieder auf die Reise, diesmal in hoher Gesellschaft, denn wir liefen mit der Marie zugleich aus. Im freien Fahrwasser des Georgs-Kanal nahmen wir Abschied, Hüte und Tücher wurden geschwenkt, die Flaggen senkten sich dreimal zum Gruß und die »Marie« dampfte Matupi zu, während wir unseren Kiel nach Süden wendeten. Ein gar herrlicher Anblick so ein stattliches Kriegsschiff von mehr als 2000 Tons und einer Besatzung von mehr als zweihundert Mann an Bord! Wie klein und unbedeutend erschien die »Samoa« neben diesem Riesen! Aber auch einem so stolzen Fahrzeuge drohen die heimtückischen Bauten der Korallentierchen mit Verderben, wie die Marie leider zu bald erfahren sollte: kaum eine Woche später saß sie auf dem Riff bei Nusa an der Nordwestspitze von Neu-Irland. Eine plötzlich aufspringende schwere Böe hatte das stolze Schiff[59] gerade beim Passieren der engen Nissel-Durchfahrt, in dem ohnehin gefährlichen Fahrwasser, auf das Riff getrieben, und nur unter den größten Anstrengungen gelang es, dasselbe abzubringen und vom Untergange zu retten. Freilich war es arg beschädigt, der Hintersteven und das Ruder geknickt und verbogen. Aber alle die Schäden wurden nach harter zweimonatlicher Arbeit soweit repariert, daß das Schiff die Reise nach Sydney fortsetzen konnte, eine Leistung unserer Marine, auf die wir stolz sein dürfen und welche seitens der englischen die vollste Anerkennung fand.
Ich hatte Nachricht über das Vorkommen eines reichen Kohlenschiefers in Port Breton an der Südspitze von Neu-Irland erhalten und beschloß hier vorzusprechen, um mich von der Wahrheit zu überzeugen, an der ich allerdings starke Zweifel hegte. Aber mir lag die Analyse dieses Kohlenschiefers von einem Professor in Sydney vor, und jedenfalls war die Sache umsomehr der Untersuchung wert, als es sich nur um einen kleinen Abstecher handelte. Wir sollten also den Schauplatz der Thaten des Marquis de Rays oder vielmehr seiner schwindelhaften Kolonisationsversuche kennen lernen, da er selbst ja nie dieses Land der Verheißung betrat. Der Herr Reichskommissar hatte freilich ernste Bedenken gegen einen Besuch jenes Platzes, wo die Hyäne erst vor kurzem zu strafen versuchte, denn er fürchtete, wir könnten infolge dieses Vorfalles von den Eingeborenen überfallen werden. Aber ich kannte die letzteren doch besser und wußte, daß der Rauch der Samoa genügen würde, sie schleunigst in die Berge zu jagen. Da war auch wenig Aussicht den gefürchteten Häuptling »Wallace« zu erwischen, dessen Inhaftnahme für das deutsche Reich wichtig sein sollte! Denn wir lebten ja mit Neu-Irland in Krieg, was die wenigsten gewußt haben werden; hörte ich doch selbst zu erstenmale von dieser bedenklichen politischen Lage. Aber die Samoa konnte es auch ohne Kanonen mit ganz Neu-Irland aufnehmen, deswegen brauchte ich mir keine Sorge zu machen; so dampften wir denn dem Feinde ruhig in den Rachen. Dieser Teil der Küste Neu-Irlands ist womöglich noch weniger versprechend als die nordwestliche, welche wir bisher kennen lernten. Nichts als steile, ziemlich hohe Gebirgsrücken, vom Fuße bis zum Scheitel dicht bewaldet, zuweilen etwas unterwaschenes Felsufer, selten schmaler Sandstrand, nirgends Kokospalmen oder andere Anzeichen menschlicher Siedelungen, das ist der Charakter dieser Küste. Port Breton ist um kein Haar besser und schlechter als Likelike (Lavinia-Bai), wo ich 1880 die letzten Reste der ersten französischen Expedition antraf. Zwei unbedeutende Einbuchtungen, von Carteret schon 1767 entdeckt und Irish- resp. English-Cove benannt, von den Erfindern des »Nouvelle France« aber in »Baie Française« und »Port St. Joseph« umgetauft, bilden den sogenannten Hafen Breton. Wir gingen nicht ohne Mühe vor Anker, da der Grund sehr unklar ist und ein Schiff kaum Raum zu schwingen hat, so daß es am besten gleich an den Uferbäumen festlegt. Durch die im Süden vorgelagerte Wallis-Insel (Lombom) wird der Ankerplatz übrigens vollständig geschützt.
Auch diese Insel ist hoch, dichtbewaldet und besteht wie die Küsten des Festlandes aus Korallfels, gehobenem Meeresboden, denn ich bemerkte an den Felswänden, weit höher als der Meeresspiegel, tote Austernbänke. Das sah wenig nach Kohlen aus! Von Maragano, »au Roi de Lam-Boum«, kaufte Kapitän Rabardy im Jahre 1882 ganz Neu-Irland, obwohl der Marquis schon drei Jahre früher 600000 Hektaren dieses Landes in Europa verkauft hatte und dasselbe später noch einmal in Manilla zu versilbern versuchte. Der Preis einer Hektare Landes oder vielmehr Steingerölls war von 5 Francs inzwischen auf 50 und höher gestiegen. Wir befanden uns also in dem berüchtigten Port Breton, der einstigen Hauptstadt Neu-Frankreichs, wo so viele Vermögen, Gesundheit, ja das Leben eingebüßt hatten. Die Emigranten, welche mit der vierten Expedition 1881 von Barcelona aus hinausgingen, gehörten zu einer ganz anderen Klasse von Leuten als die der vorhergehenden, die, zum großen Teil Abenteurer, sich längst in alle Winde verstreut hatten. Jetzt kamen gut situierte Leute heraus mit der festen Absicht, unter dem Banner des souveränen Marquis, für sich und ihre Familien eine neue Heimat zu gründen. Da finden wir unter anderen Herrn Tilmont mit Frau, vier erwachsenen Töchtern und zwei Knaben, der sein Vermögen von 25000 Francs flüssig gemacht hatte, wie in gleicher Weise die Familie Pitoy und soviele andere, die alle hier ein ungestörtes und behagliches Dasein zu finden hofften. Vater Pitoy studierte auf der Karte stillvergnügt sein neues Besitztum von 700 Hektaren. Es sollte nach seiner Heimatsstadt »Nancy« genannt werden, das kleine kühle Wässerchen »Moselle«! Ach, welche Enttäuschung für diese armen Leute, als sie nun endlich im gelobten Lande anlangten und ringsumher nichts als steile dichtbewaldete Berge erblickten! Da mag manchem das Herz gesunken sein, schon im Gedanken an Frau und Kinder, und für viele sollten sich diese Befürchtungen nur zu rasch erfüllen. Vater Pitoy fand unter seinen siebenhundert Hektaren Land nicht einen Daumen breit kulturfähiges, und den übrigen ging es nicht besser. Sie waren eben alle in der schändlichsten Weise betrogen worden, und Kummer und Elend, unterstützt von Fieber, raffte gar viele dahin, denen es daheim an nichts fehlte. Der brave Pitoy und seine Frau starben; ihre drei hilflosen Waisen blieben zurück, anderen erging es noch schlimmer, und die Feder sträubt sich niederzuschreiben, wie weit sich durch den Tod ihrer Angehörigen verlassene und alleinstehende Frauenspersonen erniedrigen mußten, nur um das bißchen Leben zu fristen. Und der Mann, welcher alle diese Leichtgläubigen verführt und ins Unglück gestürzt hatte, was wurde ihm dafür? Als die französischen Gerichte den Schwindler endlich erwischten, verurteilten sie ihn, nicht zum Galgen oder auf die Galeere, sondern er kam mit sieben Jahren Gefängnis davon, das war alles!
Ich ging wohlbewaffnet mit Kapitän Dallmann an Land, um nach dem Kohlenflötz zu forschen, das hier an einen mir näher bezeichneten Platz zu Tage treten sollte, aber unser Forschen war vergeblich. Die Kohlen, welche jener Analyse zu Grund lagen, mochten allerdings von hier, aber aus von den Franzosen zurückgelassenen Vorräten stammen. Das Flötz selbst existiert ebensowenig als die famose »Mine de cuivre« der Karte von Port Breton, welche im Journal »La Nouvelle France« publiziert wurde, jenem schwindelhaften Organ des Marquis, welches durch seine pomphaften Ankündigungen so viele Opfer auf den Leim lockte. Da ist neben zahlreichen Baulichkeiten und kultiviertem Terrain eine »Route carrossable«, ein »Parc à bestiaux« verzeichnet, aber alles existierte eben nur auf dem Papiere. Die fahrbare Straße erwies sich als ein schmaler Eingeborenenpfad; der Tierpark als ein kleines an der Bachmündung angeschwemmtes Inselchen, auf dem keine Ziege leben konnte und für ein »Plateau à défricher« ist überhaupt nirgends Platz vorhanden. Denn unmittelbar hinter dem kaum ein paar Tausend Schritt breiten Ufersaum steigen gleich die steilen Berge empor. Auch das kleine Flüßchen, welches man jetzt überall durchwaten konnte, windet sich bald durch Berge, und nirgends ist eine Spur jenes herrlichen Thales vorhanden, von welchen mir der Kapitän Rabardy, »Gouverneur provisoire« 1881 in Matupi erzählt hatte. Hier waren die Kaffeeplantagen projektiert, zu deren Anlage der »Genil« einige kümmerliche Pflänzchen mitbrachte, während die Wasserkraft des Bächleins, welche der sanguine Franzose auf 700 Pferdekraft schätzte, allerlei gewerbliche Anlagen treiben sollte. Wie schnell die gewaltige Fruchtbarkeit der Tropen, selbst in dem schlechten, mit Koralltrümmergestein besäten Boden von Port Breton, die Spuren des Menschen verwischt! Kaum mehr als zwei und ein halbes Jahr waren verflossen, und nur mit Mühe ließen sich einzelne Rudera der früheren Herrlichkeit entdecken. Niemand würde geglaubt haben, daß hier einmal eine Ansiedelung von ein paar Hundert Weißen bestand. Von der »Débarcadère« waren noch einige Pfähle vorhanden, sonst fanden wir nichts als etliche Bretter, Scherben, eine eiserne Trommel und die Sohle nebst Absatz eines einst eleganten Damenschuhs, den ich zum Andenken mitnahm. Welcher reizenden Französin mochte er angehört haben? Und welche Leidensgeschichte würde er erzählen können? Vielleicht ruhte die Trägerin auf dem Kirchhofe, von dem sich keine Spuren mehr erkennen ließen, da auch hier die üppige Vegetation der Tropen alles überwuchert hatte. Keine Tafel, kein Stein mit einem Kreuz bezeichnet mehr die Stelle, wo so viele brave Leute, fern von der Heimat, in Trübsal, Hunger und Elend ein frühes Grab fanden, verdorben und vergessen wie Port Breton, dessen traurige Geschichte für viele neu und nicht uninteressant gewesen sein dürfte.
Wir hatten bei unserer Landtour nur Fußspuren der Eingeborenen und eine kleine Taroplantage gesehen; als wir aber durch die Straße von Lombom dampften, ruderte ein Kanu eilig von der Insel nach dem Festlande, wo sich bald eine Anzahl Bewaffneter versammelten. Da wurden gewiß alle Vorkehrungen zu einem warmen Empfange getroffen und das Deck gefechtsklar gemacht? Ja, natürlich! Ich bewaffnete mich mit einem langen Fetzen roten Zeuges und rief so kräftig, als es meine Lungen erlaubten, nach Marango, dem Könige von Lombom, und dem gefürchteten Häuptling Wallace. Sie hüteten sich wohl der freundlichen Einladung zu folgen und beschränkten sich darauf, außer Schußweite mit ihren Speeren und Keulen zu fuchteln. Eine Kugel aus einem Winchester würde die Gesellschaft schnell auseinandergebracht haben. Aber vor mir waren sie sicher, ich habe niemals auf Eingeborene geschossen. Ja, ich würde auch den braven Wallace gut behandelt, ihm vielleicht ein Stück Tabak und dergleichen gegeben und gesagt haben: »Wallace dear! you no kill white men! bye and bye me make you all same« d. h. töte keinen Weißen, sonst machen wir es so: Pantomime des Aufhängens! Von dem durch die »Hyäne« zerstörten Dorfe sahen wir übrigens kaum eine Spur mehr, dagegen fanden wir die Übelthäter der Mioko lustig in dem nahen Port Praslin angesiedelt, sie gaben aber gleich Fersengeld. In solchen Lokalitäten vermag freilich kein Kriegsschiff etwas auszurichten, ja es kann selbst für Bewaffnete gefährlich werden, den Eingeborenen in das Dickicht dieser Berge zu folgen, in denen sich nur der Sohn der Wildnis behend zu bewegen weiß. Mit Strafexpeditionen hat es daher seine Schwierigkeiten; sie verlaufen meist wie vor 300 Jahren, als Don Pedro Sarmiento, der General von Mendana, die Eingeborenen der Salomons züchtigen wollte. Schon damals flüchteten sie unerreichbar in das Dickicht, und der General mußte sich, wie dies noch heute geschieht, mit Abbrennen und Vernichten der Siedelungen begnügen.
Von Kap St. George, der Südspitze Neu-Irlands, suchten wir einen südlichen Kurs zunächst nach der Gruppe Kirvirai oder dem Trobriand der Karten, da ich den östlichen Teil des Englischen Gebietes kennen lernen wollte, über welches wir nur durch Kapitän Moresby unterrichtet waren. Ihm ist (1873–74) die Aufnahme der Küste von Heath-Insel bis Huon-Golf, in der Luftlinie auf eine Strecke von 340 Meilen, zu verdanken, die bis dahin nur an ein paar Punkten von d'Entrecasteaux (1793) und Simpson (1872) gesichtet wurde. Durch Moresby erfuhren wir zuerst, daß nicht Südkap das äußerste Ende Neu-Guineas ist, sondern daß die Ostspitze eine ganz andere Konfiguration hat, wie sich am besten aus einer Vergleichung seiner Karte mit den früheren ergiebt. In der That, wohl keine Expedition hat soviel zur besseren Kenntnis von Neu-Guinea beigetragen, als die des »Basilisk« unter Kapitän (jetzt Admiral) Moresby und seiner trefflichen Offiziere.
Wir werden im folgenden den größten Teil dieses Gebietes kennen lernen, wohin ich drei verschiedene Reisen mit der Samoa unternahm, die nicht allein dem bloßen Besuche bei unseren Nachbarn, sondern auch anderen, wichtigeren Zwecken galten, denn damals hatte England sein Protektorat nur bis Ostkap erklärt. Um Wiederholungen zu vermeiden, gebe ich die Erlebnisse dieser verschiedenen Reisen hier vereint.
I. Trobriand.
Kartographische Unkenntnis. — Längs der Westküste. — Eingeborene. — Eigentümlichkeiten derselben. — Haifischfang. — »Kaikai«. — Riesen-Yams. — Kanus. — Lagrandiere. — Otto Riff. — Lusancay-Lagune.
Schon in der Frühe des zweiten Tages seit unserer Abreise von Port Breton wurde Land gesichtet, dichtbewaldete, niedrige Inseln wie lange Waldstreifen, über welche die Karte nur sehr ungenügend Auskunft gab. Denn so wie Trobriand vor fast 100 Jahren von d'Entrecasteaux auf der Karte eingetragen wurde, so findet es sich heute noch verzeichnet, d. h. nur punktiert. Und doch ist die Hauptinsel Trobriand nicht unbedeutend, denn ihre Länge beträgt 20 bis 25 Meilen. Wir gingen an der Westseite herab, an welcher ein guter Ankerplatz sein soll, konnten denselben aber nicht finden, weil der Kapitän noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder in freiem Fahrwasser sein wollte, da es an Riffen hierherum eben nicht mangelt. Der Grund weshalb diese schöne Insel den weißen Mann bisher nicht reizte, war angesichts derselben sehr leicht zu begreifen und besteht in dem Mangel von Kokospalmen. In der That erblickten wir auch nicht eine Palme, obwohl solche gewiß vorkommen; nichts als dichter Urwald säumte gleich einem Gürtel ununterbrochen das Ufer, welches zuweilen aus kahlem Fels, seltener aus Sandstrand besteht. Aber hinter diesem Urwaldsgürtel befindet sich ausgedehntes, fruchtbares Land, in welchem die Eingeborenen ausgezeichneten Yams zeitigen, jenes stärkemehlhaltige Knollengewächs, welches in diesem Teile der Tropen die Kartoffel ersetzt. Trobriand wird daher zuweilen von kleinen Handelsfahrzeugen besucht, die hier in der günstigen Jahreszeit in wenigen Tagen eine ganze Ladung einhandeln können, wie mir aus meinen früheren Erfahrungen von Neu-Britannien her wohlbekannt war.
Wir hatten uns der Nordwestspitze der Insel kaum genähert, als sich schon Kanus mit Eingeborenen zeigten, die trotz der Brandung und dem hohen Seegang abkamen und nicht lange darauf den Dampfer umlagerten. Das waren gar eigentümliche Gesellen, die dem Anthropologen Kopfzerbrechen machen konnten. Nach dem vorherrschend schlichten Haar mußte man sie als Ozeanier ansprechen, aber es gab auch Individuen mit melanesischen Wollköpfen, ja Haarwolken, und man zieht sich am besten aus dieser verzwickten Frage heraus, wenn man die Trobriander für eine Mischlingsrasse erklärt. Dafür sprach auch die erhebliche individuelle Verschiedenheit in der Physiognomie, wenn auch hier ozeanischer Typus vorzuherrschen schien. Die Leute waren übrigens nicht dunkler als z. B. die Gilberts-Insulaner, aber so helle Papuas findet man überall.
Sie trugen in eigentümlicher Weise ein breites Stück Pandanusblatt zwischen den Schenkeln durchgezogen, das wulstartig in einem dicken Leibstrick befestigt war. Vielen genügte indes hinter- und vorderseits ein Blatt in dem letzteren befestigt als Bekleidung. Der übrige Körperschmuck war gleich Null: Halsstrickchen, geflochtene Armbänder, hie und da ein Reif aus Schildpatt im Septum. Es gab demnach wenig einzuhandeln, dieses Wenige war aber sehr interessant. So runde, flache Holzschüsseln mit eingravierter Randverzierung, desgleichen Wasserschöpfer, kugelrunde Kalkkalebassen in äußerst schwungvollen, eingebrannten Mustern ornamentiert, besonders schöne Fischnetze und hölzerne Schilde in ganz eigentümlicher Form und kunstvoller Bemalung, wie sie Fig. 2 Taf. XII des Ethnologischen Atlas zeigt. An Waffen besaßen die Insulaner außerdem nur noch Speere, zum Teil mit Schnitzerei verziert, sowie kurze, schwertartige Handkeulen (ganz wie Atl. XI, 4), darunter Exemplare aus Ebenholz, das auf Trobriand vorkommen soll. An den Schilden konnte man sehen, daß auch diese friedlichen Inselbewohner nicht immer in Frieden leben, denn in dem einen zählte ich nicht weniger als elf abgebrochene Speerspitzen. Eine Menge Gegenstände (z. B. die schönen Kalkkalebassen) werden jedoch von Woodlark-Insel eingetauscht, deren Bewohner mit ihren großen, seetüchtigen Kanus weite Handelsreisen unternehmen. Fischerei scheint übrigens ein Haupterwerb von Trobriand und namentlich der Fang von Haifischen betrieben zu werden. Dafür sprachen die großen, an anderthalb Fuß langen hölzernen Haken (T. IX, 9), welche die Eingeborenen nur sehr ungern weggaben. Man konnte an diesen Haken deutlich die Spuren der Zähne sehen, welche die Seeungeheuer zurückgelassen hatten, und die Eingeborenen wußten in sehr drastischer Weise pantomimisch die vergeblichen Anstrengungen des gefangenen Hai darzustellen, bis er endlich erschlagen wird. Zum Anlocken des Hais bedient man sich besonderer Rasseln, die aus einem hölzernen Reif bestehen, an welchem eine Anzahl halbdurchschnittener Kokosnußschalen befestigt sind, wie ich dieselben schon aus Neu-Britannien kannte.
Unsere eisernen Angelhaken, selbst die großen mit Kette versehenen Haifischhaken, machten übrigens keinerlei Eindruck auf die Eingeborenen, die nach ihrer Methode jedenfalls bessere Erfolge erzielen. Werfen doch selbst Europäer, welche lange in der Südsee leben, unsere Fischhaken beiseite und bedienen sich der der Eingeborenen.
Man konnte übrigens nicht bemerken, daß viele Schiffe hier vorsprechen, da die Eingeborenen weder Glasperlen noch sonst etwas von europäischen Erzeugnissen besaßen und selbst Rauchtabak nicht kannten und verlangten. Ihr ganzer englischer Sprachschatz bestand in den Wörtern: Tomihawk (Beil), knife (Messer) und beads (Perlen). Aber was sie hauptsächlich verlangten, war »Toke«, d. h. Hobeleisen oder Flacheisen, die ihnen lieber waren als Beile. Aus Glasperlen machten sie sich nichts, ebensowenig aus Zeug, und Spiegel flößten ihnen Furcht ein. Auch das Wort »Yams« kannten sie und »kaikai«! Wie mich das anheimelte! Es ist dies ein aus Ostpolynesien stammendes Wort, das sich durch Schiffsverkehr bis Neu-Britannien verbreitet hat, und der erste Ausdruck, welchen der Kanaker im Verkehr mit Weißen oder umgekehrt, lernt, denn es bedeutet »essen«! Wie oft hatte ich dieses »kaikai« gehört! Dort suchen z. B. Weiber häßliche, schwarze Sumpfschnecken; man fragt wozu: »kaikai«; hier bringt ein Junge einen widerlichen Tintenfisch und sagt vergnügt »kaikai«, ein anderer streichelt eine Buschratte mit »kaikai«, unter »kaikai« werden große Käferlarven aus mulmigem Holz ausgegraben, und als ich mich einst in Neu-Irland nach einem Menschenschädel erkundigte, der an einem Baumaste hing, riefen alle schmunzelnd »kaikai«! Ja, dieses »kaikai« ist charakteristisch, aber in Neu-Guinea nicht bekannt.
Von Yams brachten die Leute übrigens eine Menge an, darunter wahre Riesenexemplare von 12 bis 17 Pfund Schwere und fast sechs Fuß Länge. Danach zu urteilen, muß die Insel äußerst fruchtbaren Boden besitzen. Auch Pandanus und Bündel großer Bananen wurden zum Kauf angeboten, aber keine Kokosnüsse, obwohl dieselben vorkommen, wie die Wassergefäße und Körbe zeigten. Interessant für den Ornithologen waren lebende Exemplare des grünen Papageis (Eclectus polychlorus) und einer eigenen kleinen Kakaduart mit gelber Haube (Cacatua Trobriandi, Finsch).
Jedenfalls ist die Insel bisher von Werbeschiffen verschont geblieben, denn die Eingeborenen kamen ohne Scheu an Bord, wenn auch mit Widerstreben in die Kajüte. Aber man mußte vor ihren Fingern auf der Hut sein, wie ich erst bemerkte, als ich denselben Wasserschöpfer zum zweitenmale kaufte. Ja, Diebsgelüste scheint einmal in der ganzen Menschheit zu stecken. Die Leute waren zwar recht laut und lärmend, wozu ein eigentümliches Bellen als Zeichen der Verwunderung nicht wenig beitrug, aber durchaus harmlos. In der Begrüßung zeigten sie sich zu meiner Überraschung als »Nasenreiber«, was wiederum für Polynesien spricht, ethnologisch zwar sehr interessant, aber in der Praxis nicht gerade ganz angenehm ist. Ich spielte daher lieber den Dummen, denn ich wußte aus Erfahrung, daß die Sache kein Ende nimmt, wenn man erst mit einem auf diese Weise Brüderschaft gemacht hat.
Zu den ethnologischen Eigentümlichkeiten gehörte übrigens auch die besondere Bauart der Kanus, sowie die Form der Ruder, im übrigen stimmten die meisten Gegenstände, auch die Bekleidung mit denen überein, wie wir sie in den d'Entrecasteaux und an der Ostspitze Neu-Guineas kennen lernten. Jedenfalls wird Trobriand von Normanby, Welle und Woodlark-Insel aus besucht, da die Trobriander wohl selbst keine Handelsreisen unternehmen. Schon ihre Kanus ohne Segelgeschirr sind für größere Seefahrten ungeeignet. Einige derselben waren an den Schnäbeln mit Schnitzerei verziert, wovon der Atlas (T. VII 6) eine Probe giebt. Das Wort »Kirvirai«, wie bei den Eingeborenen die Insel heißen soll, kannte übrigens keiner, und ich habe den Namen derselben überhaupt nicht erfahren können, denn Kebole oder Kaibol bezeichnete offenbar nur das Heimatsdorf der Leute in den Kanus.
Wir gingen um Kap Denis an der Ostseite von Trobriand herab, die aus Steilufer besteht und für Schiffe unzugänglich scheint, wie Lagrandiere, das nur durch eine schmale Straße von der ersteren Insel getrennt wie eine Fortsetzung derselben erscheint und genau denselben Charakter zeigt. Wir wollten von hier einen westlichen Kurs nach der Küste von Neu-Guinea steuern, fanden aber unseren Weg durch ein Riff vorgeschrieben, dem wir über 30 Meilen bis fast zu den Amphlett-Inseln in südlicher Richtung folgten, und welches unsere Navigateure Otto-Riff tauften. Es bildet die Südostgrenze der Lusancay-Lagune, nach Findlay der größten der Welt, die sich über drei Längen- und ein und ein viertel Breitengrad erstreckt. Dieses Riff ist bis heute noch ebenso unbekannt geblieben als die nördliche Grenze der Lagune, das Lusancay-Riff, welches die Karten nur nach den flüchtigen Aufnahmen von d'Entrecasteaux (1793) wiedergeben.
II. d'Entrecasteaux-Inseln.
Ungenügende Kenntnis. — Welle-Insel. — Nordküste von Normanby. — Weihnachtsbucht. — Unsere Weihnachtsfeier. — Scheu der Eingeborenen. — Verfall der Steinzeit. — Eigentümliche ethnologische Provinz. — Ausgezeichnete Fahrzeuge. — Bekleidungsmatten. — Spondylus-Muschelplättchen. — Liebenswürdigkeit der Eingeborenen. — Urgestein. — Hausbau. — Auf totem Riff. — Ostküste von Normanby. — Kolossale Kokosnüsse. — Gutheil-Bucht. — Friedliche Eingeborene. — Kap Ventenat. — Göschen-Straße. — Westküste von Normanby. — Dawson-Straße. — Exkursion. — Goulvain oder Ulebubu. — Eingeborene — sind Kannibalen. — Ostspitze von Fergusson. — Besuch eines Dorfes. — Musterplantage. — Manucodia Comrii. — Südküste von Fergusson. — Herrliches Kulturland — Kap Mourilyan. — Blick auf Goodenough.
Wir hatten den an 6000 Fuß hohen Berg Kilkerran auf Fergusson-Insel schon von Trobriand aus gesehen, und jetzt entfalteten sich die malerischen Gebirge der d'Entrecasteaux-Inseln immer deutlicher vor unseren Augen.
Die nach ihrem Entdecker benannte Gruppe wurde von diesem (1793) nur gesichtet und erst 80 Jahre später durch Moresby genauer aufgenommen. Durch ihn erhielten wir zuerst Nachweis über die richtige Lage der drei Hauptinseln: Normanby, Fergusson und Goodenough, die alle von vulkanischer Formation und vorherrschend gebirgig sind. Moresby hat uns übrigens nur mit der Westküste bekannt gemacht, und die östliche ist bis heute nur sehr unvollkommen aufgenommen. Der Naturaliensammler Andrew Goldie besuchte 1882 von Port Moresby in seinem kleinen Schuner Alice Mead die Westseite von Normanby und Fergusson, hat aber über diese interessante Fahrt, wie seine vielen Reisen in Neu-Guinea überhaupt, wenig publiziert. Und was Moresby mitteilt ist auch nur sehr gering, so daß die nachfolgenden Blätter umsomehr von Interesse sein dürften, als sie einige bisher nicht besuchte Lokalitäten besprechen.
Wir dampften längs der Ostseite von Welle, einer langen, dichtbewaldeten, niedrigen Insel, mit wenigen grünen Hügeln, und sahen die tiefe Bai vor uns, welche von der knieförmigen Einbuchtung der Nordseite von Normanby gebildet wird, wo wir einen Ankerplatz zu finden hofften. Und wir fanden ihn. In einer hübschen, malerisch von Bergen umschlossenen Bucht, mit dicht von Kokospalmen bestandenem Ufer, unter denen freundliche Häuser hervorguckten, ging die Samoa zu Anker, gerade am Weihnachtstage, dem zu Ehren wir dieselbe Weihnachtsbucht benannten. War es doch der Tag, an welchem daheim sich Millionen anschickten, das liebe Christfest zu feiern. Uns war kein Weihnachtsbaum beschieden, keine Feier bereitet. Und dennoch als die Sonne hinter den Bergen verschwand, als die eigentümlichen grünlichen, bläulichen und rötlichen Tinten des Zodiakallichtes allmählich in das tiefe Schwarz der Nacht verflossen, da begann auch unsere heilige Nacht. Das Firmament hatte seine Millionen Lichterchen angezündet, Sterne und Sternchen flimmerten; vor allem bemerkbar der Orion und der liebe Gefährte der südlichen Nacht, das südliche Kreuz. Kein feierlicher Glockenton rief zur Mette; nur das Zirpen der Cikaden, das rauhe Gequiek fliegender Hunde und andere Tierstimmen tönten vom Ufer herüber, bekannte Laute, die unsere Gedanken nicht abzulenken vermochten. Wo dieselben weilten? Das ist wohl unschwer zu erraten. Weit, weit weg vom südlichen Kreuz, von den Kokospalmen, vom Gekreisch der fliegenden Hunde, da, wo man an diesem Abende in trautem Kreise am warmen Ofen sitzt und sich des lieben Christfestes freut, während draußen die Schneeflocken herabwirbeln. Dort weilte jeder mit seinen Gedanken still für sich, — und als die letzte Pfeife verglommen, suchte jeder das Lager und versuchte auszuruhen von den Mühen und der Hitze des Tages. Das war unser Christfest in den Tropen! Für uns gab es keine Feier, kein Feiern! — Aber die Mannschaft durfte sich etwas anthun, und wohl zum erstenmale hörten die alten Kokospalmen und die scheuen Eingeborenen aus kräftigen deutschen Kehlen die »Wacht am Rhein« und »Stille Nacht! Heilige Nacht«! Eine gar wundersame heilige Nacht, eine Tropennacht!
Die Eingeborenen zeigten sich anfangs sehr scheu, kein Kanu kam längsseit, wie dies sonst gewöhnlich zu geschehen pflegt, und als ich zum erstenmale an Land ging, fand ich die Häuser verlassen. Die Leute waren geflüchtet, da sie uns wahrscheinlich für Werber hielten, die offenbar hier gehaust hatten. Das ließ sich an den vielen europäischen Erzeugnissen erkennen, welche die Eingeborenen besaßen, als sie nach und nach in Verkehr mit uns traten. Obwohl sie kein Wort Englisch verstanden, fand doch Tabak, und was merkwürdiger war, auch Thonpfeifen und Spiegel Nachfrage. Eisen war weniger begehrt, denn jeder Mann, ja selbst der Knabe besaß eine Axt; auch zwölfzöllige Messer kannte man bereits. Mit der guten alten Steinzeit war es daher vorbei und diese Eingeborenen bereits in dem Civilisationsstadium von Bandeisen. Mit solchen statt der früheren Steinklingen waren diese Äxte (Ira) bewehrt und zwar in einer eigentümlichen Weise, die für ganz Ost-Neu-Guinea charakteristisch wird. Die Schärfe der Klinge steht nämlich nicht quer zu dem Stiele, wie sonst (vergl. S. 63), sondern in gleicher Flucht mit dem letzteren. Die Abbildung des Atlas (T. I, 8) zeigt eine solche Axt. Der hölzerne mit Schnitzerei verzierte Stiel stammt noch aus der Steinzeit, die hier vielleicht noch wenige Jahre vorher regierte. Aber man sah, daß solche Arbeiten schon rar wurden, denn sobald Eingeborene erst Eisen haben, ist es mit ihrer Kunstfertigkeit zu Ende, statt geschickter und fleißiger werden sie ungeschickt und faul, das ist eine Thatsache, die sich überall wiederholt, und die mich weiter nicht verwunderte. Von guten Sachen konnte ich nur noch Reste sammeln, welche von der bewundernswerten Kunstfertigkeit der Eingeborenen Zeugnis ablegten. Hervorragend sind die schwungvollen Muster der eingravierten Verzierungen an Holzgeräten, die meist aus eleganten Schnörkeln bestehen und für ganz Südost-Neu-Guinea charakteristisch werden. In der That bilden die d'Entrecasteaux, mit Trobriand, der Ostspitze Neu-Guineas und dem vorgelagerten Archipel bis Teste-Insel hin, wahrscheinlich auch die Louisiade mit einbegriffen, eine eigene ethnologische Provinz, die sich durch manche Eigentümlichkeiten auszeichnet. Dahin gehört die besondere Ornamentik, von der die Abbildungen des Atlas (III, 4, XI, 4, 5) Proben geben, welche sich selbst bei kleinen Gegenständen (wie z. B. T. V. 2, 3) wiederholt, die Befestigung der Steinbeilklingen, das Verwenden von roten Muschelplättchen (Spondylus) zu Schmuck, die hohe Entwickelung in der Baukunst von Fahrzeugen und — vorgreifend, die weniger angenehme Sitte — der Kannibalismus!
Was die Fahrzeuge anbetrifft, so erheben sich dieselben weit über die bisher gesehenen und übertreffen selbst die berühmten seetüchtigen Kanus, wie sie früher in den Marshall-Inseln gemacht wurden, mit denen sie aber nichts gemein haben. Zwar besteht auch bei den hiesigen Kanus der Kiel aus einem mächtigen, ausgehöhltem Baumstamme, aber an demselben sind halbrunde Querhölzer als Rippen und an diese klinkerförmige Seitenbretter befestigt (wie dies der Querschnitt Atl. VI, F. 3 zeigt). Dadurch wird das Fahrzeug eben viel weiter und erinnert mehr an ein Schiffsboot nach europäischem Muster als an ein gewöhnliches Kanu (wie z. B. Fig. 1 von Bongu). Die Seitenborde sind an Stern und Bug mit einem senkrechten Brett verbunden, das häufig mit Schnitzwerk verziert ist. Alle Teile des Fahrzeuges sind zusammengebunden und die Verbindungsstellen mit einem Kitte verschmiert; doch muß, wie bei allen Kanus, fleißig geschöpft werden. Sehr eigentümlich und charakteristisch erscheint das Auslegergeschirr. Der Auslegerbalken, fast so lang als das Fahrzeug selbst, ist ungeheuer dick und so groß, daß sich aus ihm allein ein gewöhnliches Baumstamm-Kanu zimmern ließe. Dieser Balancier ist durch 10 Querstangen, mittelst eingeschlagener doppelter Stützen, (vergl. VI. 4) mit dem Kanu verbunden, aber ungewöhnlich nahe, wie wir dies zuerst in Trobriand sahen. Die Entfernung zwischen Kanu und Balancier beträgt nämlich nur einen Meter, und da die Querstangen dicht mit Stäben belegt sind, so wird dadurch an einer Längsseite des Kanus eine Plattform gebildet. Die Spitze des Kiels ragt an beiden Seiten wenig vor und ist je mit dem Querbrett an Bug und Stern durch ein senkrechtes Längsbrett verbunden, das mit, oft durchbrochen gearbeiteter, Schnitzerei verziert ist (Taf. VII, 7). Außerdem sind an den Spitzen Ovulamuscheln, Faserbüschel von Pandanusblatt und dergleichen angebracht, auch die Seitenborde häufig mit Malerei geschmückt (z. B. rot und schwarze Fische T. VII. 8). Diese Kanus führen ein sehr großes, oblonges Segel (VIII. 8) aus Mattengeflecht und laufen sehr schnell vor dem Winde. Sie sind bis 20 Meter lang, also sehr respektable Fahrzeuge, und dienen für Handelsfahrten und Kriegszüge, da sie eine große Anzahl Menschen transportieren können.

Kanu von der Weihnachtsbucht.
Die Bewohner der Weihnachtsbucht besaßen übrigens nur sehr kleine Kanus, wahre Einspänner, denn sie vermögen nur einen Erwachsenen zu tragen, wie dies unsere Abbildung zeigt. Ein solches Kanu ist aber auch nur drei Meter lang, übrigens eine sehr geschickte Arbeit, von welcher ein von mir mitgebrachtes Stück das Berliner Museum ziert.
Die Bekleidung der Männer erregte ebenfalls als neu mein Interesse. Sie bestand, statt aus der sonst üblichen Tapa (Baumrinde), aus einer Matte von Pandanusblatt (Gigi), die um die Lenden geschlagen wird und von weitem ganz wie eine Badehose kleidet. Diese Matten sind zusammengenäht und zuweilen in hübschen Mustern marmoriert, die durch Eindrücke in das noch grüne Blatt hervorgebracht werden und sehr elegant aussehen. Auch diese Bekleidungsmatten (T. XVI. 6) gehören zu den Charakterstücken der genannten ethnologischen Provinz.
Schmuck war, wie gewöhnlich, nur wenig zu sehen, darunter aber Halsketten aus den erwähnten roten Muschelplättchen, die auch als Ohr- und Nasenschmuck, wie sonst vielfach, Verwendung finden. Diese Muschelscheibchen sind flach, rund, durchbohrt, etwa so groß als ein Chemisettknopf und schon des Materials wegen wertvoll. Die Spondylusmuschel, eine Klappmuschel, lebt nämlich nur in tieferem Wasser und ist, da sie mit der unteren Schale obendrein am Gestein festsitzt, nicht so leicht zu erlangen. Es verdient Beachtung, daß an der ganzen Nordostküste Neu-Guineas, wie im Bismarck-Archipel, Spondylusschmuck nicht benutzt wird, dagegen erst wieder in Mikronesien, in den Marshalls und Karolinen, eine hervorragende Rolle spielt. Unter den prähistorischen Resten, welche ich in den Ruinen auf Nanmatal auf Ponapé ausgrub, fand ich eine Menge solcher Muschelschalen. Die gegenwärtigen Bewohner Ponapés pflegten sich mit den Überbleibseln des Kunstfleißes ihrer Vorfahren zu schmücken, da sie die Anfertigung bereits verlernt hatten. Spondylusscheibchen haben an der ganzen Südostküste von Neu-Guinea Wert und bilden überall ein geschätztes Tauschmittel. Noch ein anderes, welches mir ebenfalls von dort bekannt war, fand ich in Weihnachtsbucht, nämlich Armringe aus dem Querschnitt einer großen Kegelschnecke (Conus millepunctatus), die unter die Kostbarkeiten der Papuas zählen. In Port Moresby wird ein solches Armband, Toia genannt, gleich 350 Pfund Sago gerechnet. Zirkelrunde Eberhauer (T. XXI 2), bekanntlich der kostbarste Schmuck, welche früher in den d'Entrecasteaux häufig waren, gab es nicht mehr.
Die äußere Erscheinung der Papuas von Weihnachtsbucht war keine vorteilhafte, zumal Schuppenkrankheit (Ichthyosis) unter ihnen sehr florierte. Im ganzen erschienen sie klein und schwächlich; am meisten die Weiber, unter denen es wenig passable Gesichter gab, desto niedlicher waren aber, wie immer, die Kinder. Die Männer trugen das Haar meist in eine Wolke aufgebauscht; im Nacken aber mit Vorliebe verfilzte Haarzotteln, in langen Strängen bis in den Nacken herabhängend, die an der ganzen Ostspitze beliebt sind (vergl. Abbildung eines Mannes von Teste-Insel Nr. 60), übrigens auch in Astrolabe-Bai vorkommen (vergl. S. 39). Neben kräuslichem und lockigem Haar beobachtete ich hier auch durchaus schlichtes und natürlich fuchsrotes, wie wir es in Europa kennen, eine Färbung, welche ich bisher bei Papuas nicht gesehen hatte.
Nachdem die Eingeborenen ihre erste Furcht überwunden und unsere friedlichen Absichten begriffen, wurden sie bald zutraulich und zeigten sich als die liebenswürdigsten Menschen. Bei unseren Ausflügen waren wir stets von einer Anzahl Freiwilliger begleitet, die sich unserer in einer Weise annahmen, wie ich dieselbe bisher nicht kennen gelernt hatte. Unsere Führer suchten jedes Hindernis zu beseitigen, indem sie im Wege stehende Äste wegbogen oder abhackten und uns bei jeder beschwerlichen Stelle zeigten, wo wir den Fuß hinsetzen sollten; in der That eine Aufmerksamkeit, die dem civilisiertesten Menschen Ehre gemacht haben würde. Und da wird noch von Wilden gesprochen und geschrieben!
Obwohl das Ufer überall Korallformation verriet, so bestanden die steilen Berge doch aus Urgestein, und zwar einem quarzreichen Glimmerschiefer, der mehr als anderwärts für das Vorkommen von Gold zu sprechen schien. Aber leider hatten da Katzen gesessen; ich fand nur »Katzengold«! Wie im Ufervorland fehlte es auch in den Bergen nicht an gutgepflegten Plantagen, die mit Vorliebe an den steilsten Abhängen angelegt werden, wie wir dies später überall an der Südostspitze fanden. Neben Landbau wird, wie fast allenthalben, Fischfang betrieben, wie die schönen Netze zeigten. Die hölzernen Schwimmer derselben waren zuweilen mit Schnitzwerk versehen (vergl. Atlas IX, 2), aber noch von früher her, denn jetzt erfüllten gewöhnliche Holzstückchen den Zweck. Von Waffen sah ich nur Speere (Gita) und kurze hölzerne Handkeulen (Atlas T. XI, 4, 5); auch kennt man die Schleuder. Pfeil und Bogen, sowie Schilde sind unbekannt.

Häuser in der Weihnachtsbucht.
Die Siedelung in der Weihnachtsbucht war übrigens keine große, aber die Häuser zeigten eigentümliche Bauart, wie die Abbildung am besten veranschaulicht. Die Häuser sind alle klein und zeichnen sich durch Schmalheit, wie die sattelförmige Einbiegung der Dachfirste aus. Gewöhnlich ist die ganze Vorderseite offen und wird mit Matten verhangen. Schnitzerei fand sich an den Häusern nicht. Bei den Häusern konnte man auch die Grabstätten erkennen, einige Schieferplatten mit bunten Blattpflanzen (Crotons) umgeben. In den Ästen eines sehr großen, an vier Fuß hohen Croton bemerkte ich eine sonderbare Röhre aus den Blattscheiden der Sagopalme, die ich natürlich untersuchen mußte, obwohl die Eingeborenen sehr dagegen waren. Sie enthielt sechs Schädel, wohl von Anverwandten, da sie nicht verkauft wurden. Hunde und Schweine gab es nur spärlich. Die ersteren unterschieden sich von der vorher (S. 53) beschriebenen Rasse durch geringere Größe und erinnerten an unsere Terriers; auch hatte man den Tieren Ohren und Schwanz abgeschnitten und dadurch ihre Schönheit eben nicht erhöht.
Die Wünsche unserer neuen Freunde auf Verlängerung unseres Besuches wären, sehr gegen unseren Willen, bald erfüllt worden, denn die Samoa befand sich plötzlich auf totem Riff, das dem Seefahrer kein Warnungszeichen durch Brandung giebt. Unter dem Kiele zeigte sich der mit grünlichen, bräunlichen und weißlichen Korallen wie gepflasterte Meeresboden, ein zwar sehr interessanter aber unheimlicher Anblick, auf den man gern verzichtet. Es sind die sogenannten Pilzkorallen (mushroom-corals) der englischen Seefahrer, die aus Tiefen von 20 bis 30 Faden bis nahe unter den Wasserspiegel wachsen. Wenige Zoll können da unter Umständen für das Wohl oder Wehe des Schiffes entscheidend werden, und jeder atmete freier auf, als die trügerischen Gebilde wieder verschwunden waren. Die Aussicht, möglicherweise in der Weihnachtsbucht bei Kokosnüssen und dergl. tropischer Verpflegung auch Ostern feiern zu müssen, hatte durchaus nichts Verlockendes. Selbst bei der größten Vorsicht ist in jenen Gewässern die Möglichkeit des Festsitzens vorhanden, und auch die Samoa entging nur mit knapper Not dieser Gefahr, indem sie ein paarmal das Riff streifte. Dabei kamen Kapitän Dallmann und sein erster Offizier oft tagelang nicht aus dem luftigen Sitz auf der großen Raa (vergl. Abbild. S. 17) herab, der durch ein Brettchen nicht sonderlich bequemer gemacht worden war. Riffe lassen sich nämlich nur von einem erhöhten Punkte aus beobachten, sind dann oft auf zwei bis drei Meilen sichtbar, während sie vom Schiffsbord oder Boot aus manchmal auf 20 Schritt unbemerkt bleiben. Freilich kommt es hauptsächlich auf die Beleuchtung und den Stand der Sonne an; bescheint die letztere das Wasser zu grell, so wird totes Riff häufig erst sichtbar, wenn sich das Schiff bereits auf demselben befindet, wie in diesem Falle mit der Samoa.
Wir hatten Kap Pierson passiert und dampften längs der Südostküste von Normanby herab, die durchgehends bergig bis gebirgig ist, aber viel Kulturland und Kokospalmen, oft wahre Wälder von solchen aufzuweisen hat. Überall sieht man ausgedehnte Plantagen, Kokoshaine und Fußpfade bis hoch in die Berge hinauf, aber trotz diesen deutlichen Zeichen des Bewohntseins im ganzen wenig Siedelungen und Menschen. Die letzteren zeigten sich sehr mißtrauisch, und nur in dem am meisten bevölkerten Küstenstriche um Kap Pierson kamen Eingeborene in fünf Kanus ab, die Kokosnüsse anboten und dafür Messer, Tabak und Streichhölzer verlangten. Aber nur einer vermochte diese Wünsche in englischen Vokabeln auszudrücken, ein gar seltsamer Kumpan in doppelter Wollgarnitur, die er jedenfalls der Freigebigkeit eines englischen Kriegsschiffes verdankte. Ja, wenn erst das Wollregime auch bei den Tropensöhnen sich in dieser Fülle eingeführt hat (der Mann trug allein drei Hemden übereinander!), dann wird diese Industrie einen ungeahnten Aufschwung nehmen. Zahlungsfähig sind die Leute ja, denn sie brachten Kokosnüsse von ungewöhnlicher Größe, die man für Kürbisse halten konnte. Manche Nüsse wogen acht bis elf Pfund und maßen 68 bis 73 Centimeter im Umfange; versprechende Aussichten für Koprastationen.
Da der Kapitän das riffreiche, schwierige Fahrwasser südlich von Kap Ventenat nur in der günstigsten Tagesbeleuchtung passieren wollte, so mußte für die Nacht ein passender Ankerplatz gesucht werden, obwohl es erst drei Uhr nachmittags war. Ein solcher findet sich nicht immer so leicht, und der in den Tropen so früh einbrechende Abend mahnt zu größerer Eile, denn gewöhnlich fängt es schon nach sechs Uhr an dunkel zu werden. Glücklicherweise brauchten wir diesmal nicht lange zu suchen, und konnten bald in einer flachen Bucht, die ich »Gutheil« benannte, zu Anker gehen. Sie besteht aus bewaldetem Vorland, das rings von steilen Bergen, längs der Wasserkante von einem breiten Sandstrande begrenzt wird, und ist in der südlichen Ecke durch einen mit Buschwerk begrünten Felsen, Small-Island der Karten, kenntlich.
Das Fehlen von Kokospalmen ließ dasselbe auch hinsichtlich der Bewohner erwarten, aber kaum hatten wir den Fuß ans Land gesetzt, so erschienen auch Eingeborene, hielten sich jedoch in respektvoller Ferne. Erst nach und nach gelang es einige beherzte Burschen heranzulocken, die sich als Führer in die Berge anboten. In der nördlichen Ecke mündet, durch Treibholz und Barre versperrt, ein hübscher Fluß, an dem wahrscheinlich die Siedelungen der Eingeborenen liegen, denn die scheuen Mädchen verschwanden in dieser Richtung. Auch am südlichen Ende der Bucht mündet ein Fluß, dessen rechtes Ufer zum Teil von steilen Felswänden gebildet wird. Sie bestehen aus einem quarzreichen Schiefer, aber ich suchte in dem ausgetrockneten Flußbett, wie zu erwarten, vergebens nach »Nuggets« (Goldkörnern); denn im Goldsuchen habe ich ja niemals Glück gehabt. Dagegen fand ich in den Bergen hübsche Baumfarne, die mir neu waren, aber nichts nützten. Eingeborene hatten sich inzwischen in großer Anzahl angesammelt, betrugen sich aber sehr artig und überreichten uns buntblättrige Crotons und rote Hibiscusblumen. Ein glatzköpfiger Alter hielt mir in erregter Weise eine Standrede, deren Sinn sich wohl begreifen ließ. Es handelte sich wieder um die alte Geschichte: Rekrutieren von Arbeiter-Werbeschiffen! Solche Vorgänge können für friedlich nachfolgende Weiße, wie wir es waren, oft verhängnisvoll werden, und es ist in der That zu verwundern, daß uns niemals etwas zustieß. Als z. B. Kapitän Dallmann und ich keuchend den Berg hinaufkletterten wäre es für die Eingeborenen ein leichtes gewesen uns zu erschlagen. Ich kann es daher in dankbarer Erinnerung nicht oft genug aussprechen: »Wahrlich, jene nackten Söhne der Wildnis sind längst keine Wilden!« Und als nach Einbruch der Dunkelheit allenthalben an den Bergen Feuer blinkten, bei deren Scheine die Eingeborenen von den weißen Fremdlingen plaudern mochten, da fiel mir das schöne Schriftwort ein: »Selig sind die Friedfertigen!« denn auch diese braunen Brüder werden Gottes Kinder heißen!
In der Frühe des anderen Morgens passierten wir Kap Ventenat, die Südostspitze von Normanby, und damit traten nicht nur nach Süd, sondern auch nach West neue interessante wechselnde Landschaftsbilder hervor. In dem Gewirr von Riffen, Sandbänken, Inselchen und Inseln dampften wir zunächst am Nordrande des »Galgenriffs«, an dem so leicht ein Schiff hängen bleiben und den Hals brechen kann, der Göschen-Straße zu, welche Neu-Guinea von der Normanby-Insel trennt. Der Südrand der letzteren erhebt sich zu dem 3000 bis 3500 Fuß hohen Prevost-Gebirge, das viel kultiviertes Land der Eingeborenen zeigt, ebenso wie die malerische an 1000 Fuß hohe Lydia-Insel, die eigentlich aus drei Inseln besteht. Nach Süd begrenzt gebirgiges Land den Horizont; es sind die Inseln des Moresby-Archipel, die d'Entrecasteaux bereits 1793 auf 28 Meilen Entfernung sichtete, aber in nur zu leicht begreiflicher Weise für die Ostspitze Neu-Guineas hielt.
Wir werden die letztere noch kennen lernen, dampfen aber jetzt, einen späteren Besuch der d'Entrecasteaux an dieser Stelle einschaltend, der Westküste von Normanby zu. Ihre südlichste Ecke, Kap Prevost, mit dem gleichnamigen, an 3500 Fuß hohen, steilen Berge, bildet die höchste Erhebung, die nach Norden allmählich abfällt und in der Gegend von Duchesse-Insel nur noch etliche Hundert Fuß beträgt. Von hier an werden die Gebirge bis zur Dawson-Straße wieder höher und erreichen über 3000 Fuß. Einige Meilen nördlich von Duchesse-Insel säumte ein ausgedehntes Kopragebiet die Küste; sonst waren nur kleinere Bestände Kokospalmen, aber größere Flecke urbar gemachten Landes im Waldesdickicht der Berge zu sehen. Hier liegen vermutlich auch die Siedelungen versteckt, denn wahrscheinlich ist die Bevölkerung nicht ganz so gering, als es den Anschein hat.
Nach einer unruhigen Nacht dampften wir am anderen Morgen in die schöne Straße, welche Normanby und Fergusson trennt und zu Ehren des, um die Erforschung Neu-Guineas hochverdienten, Lieutenants Dawson vom Basilisk benannt wurde. Ihre landschaftlichen Schönheiten traten erst hervor als sich die Wolken verzogen und wir die steilen Gebirge von Normanby in der Nähe betrachten konnten. Sie sind von malerischen Schluchten durchzogen und mit üppigem Baumwuchs bekleidet, machen aber nicht den Eindruck der Wildnis, wie er sonst gewöhnlich gegenüber tropischer Landschaft fühlbar wird. Denn, wie überall in den d'Entrecasteaux, zeigen sich auch hier allenthalben Plantagen, Kokoshaine, einzelne Häusergruppen bis ein paar Tausend Fuß in die Berge hinauf. Das sieht alles so kultiviert, ja civilisiert aus und heimelt so sehr an, gerade wie dies Moresby vor zehn Jahren fand, nur daß Menschen fehlten. Während der Basilisk damals von Hunderten von Kanus mit zutraulichen Eingeborenen umlagert war, die alle eifrig handelten, sahen wir nur hie und da ein paar, die aber scheu verschwanden. Kein Zweifel, daß auch hier Werbeschiffe gehaust und die Bevölkerung geschädigt hatten.
Die Samoa war in einer Art kleinen Bucht zu Anker gegangen, und ich unternahm mit Obersteuermann Sechstroh eine Exkursion im Whaleboot, um die bisher ununtersuchte östliche Einfahrt von Dawson-Straße anzusehen. Wir gingen längs der Nordseite von Normanby, die ihren vulkanisch bergigen Charakter beibehält und überall Kultivationen, Kokospalmen oft noch über 1000 Fuß hoch zeigt. Hie und da breitet sich ein schmales, meist dichtbewaldetes Vorland aus, mit Sandstrand, der viel Eisen und Glimmer, aber auch Bimsstein enthält, wie das Geschiebe der Bäche, das meist aus Schiefer und Quarz besteht. Das spricht wieder für Gold! In der That, wenn irgendwo in dieser Region Gold vorkommt, so glaube ich noch am ersten in den d'Entrecasteaux, will aber damit keinen »rush« hervorrufen. Von Eingeborenen sahen wir nur einen, der in einem kleinen Einspänner-Kanu sich vor unserem Boote retten wollte und mir nun am Strande in die Hände fiel. Er war so sehr erschrocken, daß er meine Geschenke zurückwies und sich nach einigen Redensarten, vermutlich Entschuldigungen (oder sollten es Verwünschungen gewesen sein?) seitwärts in die Büsche schlug. Ja, wir Weißen standen hier in keinem guten Renommé, das war mir immer mehr klar, und das Warum leicht zu erklären. Angesichts dieser Wahrnehmungen schien Vorsicht auch für uns ratsam, denn drei einzelne Weiße in einem Boot machen nicht den Eindruck, als wenn ein Schiff in der Nähe ist. Dies fiel mir ein, als wir die Nordostspitze von Normanby erreicht hatten und nach dem vor uns liegenden Goulvain hinübersegelten. Es ist dies die größte der drei Inseln, welche den Osteingang von Dawson-Straße beengen, und kennzeichnet sich schon von weitem durch einen eigentümlichen Berg. Derselbe hat die Form eines langgestreckten Napfkuchens und ist wie ein solcher von zahlreichen Längsrinnen durchzogen. Sie lassen keinen Zweifel, daß wir es mit einem Vulkan zu thun haben und zwar einem noch nicht allzulang erloschenen, denn der Berg ist in seiner oberen Hälfte kahl, was gegen die dichte Bewaldung des unteren Teiles und der übrigen Insel scharf absticht.
Unsere Absicht, ungestört auf der Insel zu frühstücken, wurde vereitelt, denn kaum daß wir uns derselben näherten, zeigten sich Eingeborene in hellen Haufen. Das hohe Ufergras schien förmlich Menschen zu gebären. Sie waren zwar unbewaffnet, aber ich hatte wohl bemerkt, daß sie viele Speere im Grase niederlegten, ein beachtenswertes Zeichen, welches immer zur Vorsicht mahnt. Wir ruderten längs der Küste bis zu einem Dorfe, wo sich inzwischen eine große Anzahl Eingeborener, wohl mehrere Hundert, versammelt hatten. Sie schienen über unsere Ankunft sehr geteilter Ansicht zu sein, denn während einige mit grünen Zweigen zum Landen einluden, machten die anderen abweisende Gesten, die mich an die im Gras versteckten Speere erinnerten. Unser Verlangen zu landen wurde durch den unklaren steinigen Grund, der unserem schlanken Boote leicht gefährlich werden konnte, gezügelt, und schließlich fiel es uns ein, daß es vielleicht besser wäre zu bleiben, wo wir waren. Wahrscheinlich würden wir auch hier gut aufgenommen worden sein, aber wer will immer voraussagen, wie es kommen kann, und wer konnte wissen, was vor uns hier passiert war? Im Boot ließ sich ein Überfall leicht und ohne Blutvergießen vermeiden, denn ein paar Schüsse genügten, die Menge zu verjagen, aber an Land war dies ganz etwas anderes. Da brauchten nur ein paar Eingeborene ihre Speere zu erheben, und unsere tapferen Neu-Britannier wären unfehlbar mit dem Boote auf und davon gegangen, ohne sich um uns zu kümmern. Und was hätten wir drei, selbst mit Waffen, in einem solchen Knäuel von ein paar Hundert Speerwerfern anfangen wollen? Mir war es schon um Kapitän Dallmann zu thun. Wo hätte der einen anderen Steuermann herkriegen wollen? und als Opferlämmer waren wir ja überhaupt nicht hergekommen.

Kanuhaus auf Goulvain.
Unter den im Schatten der Bäume versteckten Häusern machte sich besonders eins bemerkbar, ein langer, niedriger Schuppen, in welchem ein großes Kriegs-Kanu untergebracht war. Vergl. Abbild. (S. 224). Es zeigte über der Thür einen gar besonderen Schmuck, eine kraniologische Sammlung, die ich gar gern den meinen einverleibt hätte. Schädel von Goulvain! die besaß Geheimrat Virchow gewiß noch nicht, und da mußte jedenfalls ein Versuch gewagt werden. Ich deutete daher auf meinen Kopf und nach jenen Schädeln, sowie auf einige Tauschwaren, und die Sache war eingeleitet. Die Goulvainer begriffen, daß ich nicht den meinen einverleiben, sondern ihr anthropologisches Material haben wollte, und bald war der Handel im Gange. Freilich meine »Kilam« (Hobeleisen) waren schnell zu Ende, aber die Eingeborenen nahmen auch Tabak und andere Tauschwaren, bis die Weiber den schnöden Schacher plötzlich zum Schluß brachten und den Rest des Mausoleums mit einer Matte bedeckten. Die guten Geschöpfe schienen sehr aufgebracht, und da es immer rätlich ist wütenden Weibern auszuweichen, so schieden wir von Goulvain, wo wir ohnehin nichts mehr zu suchen hatten. Wußte ich doch jetzt, daß die Insel bei den Eingeborenen Ulebubu, das Dorf vor dem wir lagen, Nuakarau heißt, sowie manches andere über Insel und Bewohner, von denen bisher kein Bericht vorlag. Jedenfalls hatten die Eingeborenen aber schon Weiße gesehen, denn sie kannten: »matches« (Streichhölzer), »pipe«, »knife« und titulierten uns selbst »manwar« (man of war = Kriegsschiff). Ulebubu muß sehr bevölkert und sehr fruchtbar sein; selbst an den Abhängen der steilen Kraterschluchten waren Plantagen zu sehen, wie es die Papuas überhaupt lieben, gerade an solchen Stellen zu kultivieren. Kokospalmen gab es in Masse, darunter auch solche mit den kleinen, orangefarbenen Nüssen, welche auf Ceylon »King-nuts« heißen und einer besonderen Art anzugehören scheinen. Die Eingeborenen unterschieden sich übrigens durchaus nicht von den bisher (z. B. in Weihnachtsbucht) gesehenen und machten schon deshalb keinen guten Eindruck, weil soviel Schuppenkrankheit unter ihnen herrschte. Wenn sonst Totenschädel, welche man bei Eingeborenen sieht, meist solche von Anverwandten sind, so verhielt sich dies hier doch anders, und die von mir erstandenen Schädel sprechen schweren Verdacht aus. Mit Ausnahme eines einzigen, zeigten alle 15 Schädel das Hinterhaupt zertrümmert, ganz so wie Kannibalen zu thun pflegen um die größte Delikatesse, das Gehirn, zu erlangen. Ja, ja! ihr Männer von Ulebubu, ich kann euch nicht rein waschen, so gern ich auch möchte, ihr seid Kannibalen, gar kein Zweifel! »Aber die anderen auch«! höre ich euch antworten. Ja wohl, ihr seid nicht schlechter als der Rest, denn die ganze braune Bewohnerschaft der d'Entrecasteaux, der Ostspitze Neu-Guineas, des Moresby-Archipels bis hinunter auf die Louisiade, sie alle sind Menschenfresser, und dieser Brauch bildet sogar einen eben nicht empfehlenswerten Charakter dieser ethnologischen Provinz.
Wir standen unter Segel nach Fergusson hinüber, stießen hier aber bald auf ausgedehntes Riff, das auch südlich von Goulvain die Straße zu versperren scheint. Doch konnten wir dies nicht ausmachen, denn es setzte hier scharfe Strömung ein, gegen welche vier Ruderer nicht ausreichten. Die Nordwestseite von Goulvain besteht aus Steilufer, so daß hier vielleicht eine Durchfahrt für kleinere Schiffe möglich ist, aber nördlich liegen noch zwei andere flache Inseln, die auf Riff schließen lassen. Sie zeigten dichte Bestände von Kokospalmen, wie ein großer Teil der Küste von Fergusson, die hier meist aus Flachland mit Hochgras besteht. Gleich einer alten Festungsruine erhebt sich hier ein, meist kahler, vulkanischer Berg, gleichsam ein Pendant zu dem Krater von Goulvain. Aber wir bemerkten kein kultiviertes Land an ihm, wie die ganze Küste der äußersten Südspitze von Fergusson kaum bevölkert schien. Das änderte sich aber mit einem Schlage, als wir westlich von der Landzunge in eine ausgedehnte Bucht einfuhren, die rifffrei und selbst für Schiffe praktikabel ist. Hier säumt ein breiter Streif von Kokospalmen den Sandstrand, auf dem sich Dorf an Dorf reihte. Ich zählte an ein Dutzend, die aus je 10 bis 15 Häusern bestanden. In der Tiefe der Bai, nahe einer kleinen Insel aus Korallfels, landeten wir inmitten von etlichen 20, sehr schönen Kanus, bei einem Dorfe, dessen Bewohner sich anfangs sehr fürchteten und zum Teil ausrissen. Das weibliche Geschlecht machte den Anfang und kam selbst später, trotz den Aufforderungen der Männer, nicht zurück, und so mußte ich diesen die Geschenke für die schüchternen Schönen übergeben. Das Dorf mochte ungefähr 15 Häuser zählen, die sich durch die eigentümliche Bauart, wie sie meine Skizze zeigt, auszeichneten. Sie ruhen doppelt auf Pfählen, d. h. auf der unteren Plattform erhebt sich das Haus noch besonders auf kurzen, wie gedrechselten Füßen. Die schmale hohe Giebelfront ist sorgfältig aus Pandanusblatt gefertigt und zuweilen bunt bemalt, wie das Haus links in rot und schwarzem Schachbrettmuster. Alles sah sauber und reinlich aus, auch der Platz um die Häuser, auf dem ich Obsidian fand. Und nun gar erst die ausgedehnte Plantage hinter dem Dorfe! Sie war eine Musterfarm und konnte an Akkuratesse mit einer Ziergärtnerei bei uns konkurrieren. Man fühlte sich wie in einen Hopfengarten versetzt, so regelmäßig erhoben sich die Ranken des Yams an Stangen, aus reichem schwarzen Humus, der durchgesiebt schien. Zwischen dem Yams stand Taro, Zuckerrohr, Bananen und bunte Blattpflanzen, alles in schönster Ordnung und in größere Familienfelder eingeteilt. Merkwürdigerweise fehlte ein Zaun um die Plantage, wie dies sonst stets der Fall ist, was vermuten läßt, daß Wildschweine selten vorkommen. Allerdings sah ich gezähmte bei den Häusern, aber in Verschlägen; auch hatte man ihnen, um das Wühlen zu verhindern, sorglicherweise eine Liane durch die Nasenlöcher gezogen. Leider blieben meine Versuche, eins dieser Borstentiere zu erstehen, erfolglos. Die Eingeborenen werden sie selbst wohl gern essen, verschmähen aber auch den einzigen Vertreter der Familie Bimana (Homo sapiens, Linné) nicht, denn ich erhielt fünf am Hinterhaupt zerschlagene Schädel und sah ein menschliches Becken an einem Hause. Dabei waren diese Menschenfresser aber nicht allein sehr fleißige, sondern auch liebenswürdige Leute, und es that mir ordentlich leid, sie durch ein paar Schüsse in Furcht jagen zu müssen. Aber in einem hohen Baume zeigten sich sonderbare Vogelgestalten, nach denen ich schon lange gefahndet hatte. Als der Schuß krachte, lag ein prachtvoll stahlviolett schimmernder Vogel, so groß als eine Dohle, zu meinen Füßen, — Manucodia Comrii — der schönste Vertreter der Paradieskrähen. Die Art ist, wie ein wirklicher Paradiesvogel mit roten Seitenbüscheln (Paradisea decora), den d'Entrecasteaux eigentümlich, die zoologisch sehr ungenügend bekannt, ohne Zweifel manches Neue liefern werden.

Häuser auf Fergusson.
Der günstige Eindruck, den uns diese Exkursion von Fergusson verschafft hatte, wurde am folgenden Tage noch bedeutend erhöht, an dem wir längs der Südküste bis Kap Mourilyan dampften. Sie besteht im wesentlichen aus einer ca. 1000 bis 1500 Fuß hohen Strandkette, hinter welcher sich unmittelbar dichtbewaldetes Hochgebirge, mit sanft gerundeten Kuppen, zuweilen mit stumpfen Spitzen, erhebt. Der an 6000 Fuß hohe Kilkerran scheint der Mittelpunkt dieses Gebirges, das den größten Teil der Insel bedeckt und ihr, wie den übrigen, vorwiegend Gebirgscharakter verleiht. Wenn es auch noch lange dauern wird, ehe Forscher in das Innere dieser Gebirge eindringen, so ist vielleicht die Zeit nicht so fern, wo das Küstengebirge nähere Untersuchung findet und dieselbe voraussichtlich reichlich belohnt. In der That hier sieht es gar sehr versprechend aus, und ich wüßte kein Gebiet in der ganzen östlichen Papuaregion, das sich mit diesem messen könnte. Gegenüber von Kap Dawson bis Kap Mourilyan, einem Küstenstrich von fast 20 Meilen, hat man fast nichts als kultiviertes Land vor sich, das einen heimatlichen Eindruck macht. Allenthalben sieht man bis hoch in die sanft ansteigenden Berge ausgedehnte Plantagen, sorglich eingezäunt, grüne Matten, einzelne Häuser und kleine Häusergruppen; Fußpfade führen hin und wieder und über die Berggrate, während die Thäler und Hänge mit Wald und Buschwerk bestanden sind. Gar liebliche Bilder, die durch den Reichtum an Kokospalmen ein erhöhtes praktisches Interesse gewinnen! Längs dem weißen Sandstrande ziehen sich oft meilenweite Palmwälder hin, und selbst an den Bergen reichen ansehnliche Bestände über 1000 Fuß hinauf; ein Kopragebiet, wie es nur selten vorkommt. Und doch ist dasselbe bisher noch unbearbeitet geblieben, worüber sich die Eingeborenen am meisten freuen können. Wir sahen zwar am Strande verschiedene, auch größere Siedelungen, aber von den Bewohnern auch nicht Einen! Diese Küste schien wie verzaubert, nicht einmal ein Kanu ließ sich blicken. Sehr malerisch ist Kap Mourilyan, der Ausläufer eines zwischen 2000 bis 3000 Fuß hohen erloschenen Vulkans, der bis zu dem kahlen, steilen Kraterrande dicht mit Kultivationen bedeckt ist. Wir mußten hier leider Abschied von den d'Entrecasteaux nehmen, die für England ohne Zweifel viel wichtiger und versprechender sind, als Port Moresby und der größere Teil der Südostküste Neu-Guineas und vielleicht noch einmal Bedeutung erlangen. Sie werden sich für Plantagenwirtschaft, wie Viehzucht gleich günstig erweisen und bieten bereits etwas Exportfähiges in den reichen Kopragebieten.
Von Goodenough-Insel bekamen wir wenig zu sehen; sie blieb, wie der gleichnamige, an 7000 Fuß hohe Berg, meist in Wolken gehüllt, und wir erblickten sein majestätisches Haupt nur ein paarmal während unserer Küstenfahrt, zu der wir jetzt zurückkehren.
III. Ostkap bis Mitrafels.
Ostkap. — Catamarans. — Bentley-Bai. — Anzeichen von Kannibalismus. — »Hallelujah«. — Tamate. — Scheu der Eingeborenen. — Äußeres. — Ausputz. — Freundliche Mädchen. — Häuser. — Catharine-Insel. — Begegnung mit einem Kanu. — Chads-Bai. — Koom und Poru. — Albino. — Schönes Land. — Eine Liebesgeschichte. — Fingerspitze. — Herrliche Gebirgslandschaft. — Kap Frere. — Wasserfälle. — Gebirgsplantagen. — Bartle-Bai. — Goodenough-Bai. — Basilisk-Gebirge. — Flower- und Sclaterspitze. — Pyramidenhügel. — Geringe Bevölkerung. — Bedeutende Meerestiefen. — Gebirgsbewohner. — Kap Vogel. — In trübem Wasser. — Victory und Trafalgar. — Kap Sud-Est. — Geringe Bevölkerung. — Küste von Kap Nelson bis Mitrafels. — Hihiaura-Bucht. — Familienhaus. — Wir bauen. — Native-Häuser. — Verkehr mit den Eingeborenen. — Gomira Taga und Tohde. — Wir landen Vieh. — Blumenthal. — Ethnologisches. — Schaukeln. — Fischfang. — Kein Salz. — Stellung der Frauen. — Tägliche Beschäftigung. — Kochen. — Mahlzeiten. — Gemütliches Leben. — Schwierigkeit zu civilisieren — und die richtigen Leute zu finden. — Schattenseiten des Tradertums.

Ostkap.
Wie erwähnt ist die Aufnahme dieser in der Luftlinie über 200 Meilen langen Küste ein Verdienst Moresbys, das niemand besser würdigen lernte als wir, die auf der Samoa seinem Kurse folgten. Auch in diesem Abschnitt fasse ich die Resultate dreier Fahrten an diesen Küsten zusammen, die, bei der ohnehin so knappen Behandlung unseres Vorgängers, einen Beitrag zur besseren Kenntnis derselben in Wort und Bild geben werden. Wir haben Lydia passiert und sehen die Ostspitze Neu-Guineas immer deutlicher hervortreten. Sie wird von der Halbinsel gebildet, welche Milne-Bai nach Norden begrenzt und läuft in eine schmale Landzunge aus, die mit einem sanften, ca. 400 Fuß hohen Hügel endet, vor dem zwei kleine, durch Riff verbundene Inselchen lagern. Unsere Skizze zeigt eine derselben, Anker-Insel, mit Ostkap aus Norden, kein großartiges, aber ein liebliches Bild, anheimelnd durch die Plantagen auf dem Hügel und die Palmenhaine, welche den Strand einfassen. An dem letzteren standen Hütten und Kanus; auch Eingeborene zeigten sich hie und da, nahmen aber von dem Dampfer keine Notiz. Das reiche Kultivations- und Kopragebiet, welches an der Ostseite von Normanby seinen Anfang nimmt, setzt sich, mit gewissen Unterbrechungen, von Ostkap bis nahe an Bentley-Bai fort. Aber der Bergrücken, die Stirling-Kette, welcher die schmale Ostkap-Halbinsel bildet, deren Breite selten fünf Meilen überschreitet, wird allmählich höher. Damit steigert sich der Reiz des Landschaftsbildes, das in der von hübschen Bergen umschlossenen Bai zu einem besonders ansprechenden wird. Von Eingeborenen war wenig zu bemerken; sie hielten sich zurückgezogen und beachteten unsere Einladungen gar nicht. Jedenfalls hatten sie seit dem freundlichen Besuche Moresbys vor 10 Jahren, der die Ostkap-Leute »als die liebenswürdigsten Wilden«, welche er kennen lernte, bezeichnet, üble Erfahrungen mit dem weißen Manne gemacht. Hie und da huschte ein Catamaran über die spiegelglatte Wasserfläche, eine sonderbare Art Wasserkutsche, die wir einzeln schon in Normanby kennen gelernt hatten. Sie besteht aus drei vierkantig behauenen, vier bis fünf Meter langen Baumstämmen, die mit Lianen aneinandergebunden, ein ca. ein Meter breites, an beiden Enden stumpfzugespitztes Floß bilden. Diese Catamarans sind an der ganzen Ostkap-Halbinsel, wie in Milne-Bai, die gebräuchlichsten Fahrzeuge und ersetzen zum Teil die im ganzen seltenen Kanus. Es versteht sich von selbst, daß ein solches Floß nur längs der Küste und bei ruhiger See benutzt werden kann, denn selbst bei solcher nimmt es fortwährend Wasser über. Es ist daher zuweilen ein etwas erhöhter Sitz angebracht, um Tauschwaren einigermaßen trocken zu halten. Wir haben die Geschicklichkeit, mit welcher die Eingeborenen dieses primitive Fahrzeug zu hantieren wissen, stets aufs neue bewundert. Die Sache sieht nämlich viel leichter aus, als sie ist und geht bei knieender Stellung noch am besten. Aber aufrechtstehend erfordert es viel Übung die Balance zu halten; eine ungeschickte Bewegung, und das Floß kippt um, was unseren Leuten später, zum Gaudium der Eingeborenen, öfters passierte.

Catamarans.
Solche Catamarans, die übrigens nur einen bis zwei Menschen tragen, gaben uns das Geleit, als wir in Bentley-Bai einliefen, hielten sich aber in respektvoller Ferne. Nur eine resolute Frau spornte ihre stärkere Hälfte an, längsseit zu paddeln, um einige Geschenke zu empfangen. Sie gab mir dafür ein paar Früchte des Melonenbaumes (Carica papaya), ungefähr alles was die Eingeborenen besaßen, denn Kokospalmen werden in Bentley-Bai schon spärlicher. Der furchtsame Gatte erregte durch einen besonderen Haarschmuck meine Aufmerksamkeit. Er trug im Nacken eine Zopfzottel, an der ein Halswirbel befestigt war, welche Zier ich natürlich gern für das Berliner Museum erworben hätte. Aber der Mann schien davon nichts wissen zu wollen. Es blieb mir daher nichts übrig als Raub; denn, was thut man nicht alles im Dienst der Wissenschaft! Ein Schnitt mit der Schere und der Zopf war mein, worüber die kleine Frau gar sehr schimpfte. Ihre zornfunkelnden Augen gingen aber bald in freudestrahlende über, als ich ihr einen goldenen Ring im Wert von zehn Pfennigen, ihrem Gemahle ein Messer schenkte. Die spätere Untersuchung hat den Knochen als einen menschlichen Atlas nachgewiesen, wodurch auch diese guten Eingeborenen den Verdacht Kannibalen zu sein auf sich laden. In Ermangelung besserer Beweise spreche ich diesen Verdacht übrigens nur mit Vorbehalt aus, und will hinzufügen, daß ich derartigen Zopfschmuck nur wenigemale hier, aber auch in den d'Entrecasteaux und um Ostkap beobachtete. Halswirbel vom Schwein und Dugong werden am häufigsten benutzt, besonders aber Ovulamuscheln, zuweilen auch sonderbare Fischgebisse, so daß es sich bei weitem nicht immer um Trophäen von erschlagenen Feinden handelt. Selbst in diesen abgelegenen Gegenden pflegen sich die Gegensätze zu berühren. Kaum war der Vertreter des menschenfressenden Heidentums mit seiner Ehehälfte weggepaddelt, da tönte es »Hallelujah! Jesus!« und wir begrüßten den ersten Christen, der sich schon durch ein früher weißes Hemd von der übrigen Gesellschaft auszeichnete. »Missionaly[60] Tamate Natuna!« Aha! der Herr Missionär dieses Namens, würde jeder gedacht, aber geirrt haben, denn der Zusammenhang dieser Worte war nur dem verständlich, welcher die Südostküste Neu-Guineas kennen lernte. Hier ist von Freshwater- bis Milne-Bai ein Weißer unter dem Namen Tamate überall bekannt und beliebt, der Rev. James Chalmers in Port Moresby, der einflußreichste Mann an dieser ganzen Küste. Schon 10 Jahre lebt er unter den Eingeborenen, die ihn alle als einen Vater verehren. Kein Wunder daher, daß auch dieser braune Hemdenmatz sich Tamate Natuna, d. h. Kind von Chalmers nannte, dem er wahrscheinlich in einer Missionsstation in Milne-Bai begegnet war. Mit »Missionaly« (Missionär) pflegt sich gern jeder Eingeborene zu bezeichnen, der nur einmal eine Mission besuchte und deswegen noch keineswegs Christ zu sein braucht, da in Neu-Guinea das Wort Loto (= Christentum) unbekannt ist.
Ich durfte mich dem Kinde Tamate's gegenüber, das eigentlich Tau pa-uri hieß, als Tamate Wariga, Freund von Chalmers einführen, mit dem ich in Port Moresby so oft zusammen gewesen war, und manche Tour gemacht hatte. Der neue Freund erwies sich übrigens von keinem Nutzen und riß mit der übrigen Menge aus, als ich das Land betrat. Das kostete wieder Mühe sich anzupirschen! Ich hatte den Leuten lange am Strande zu folgen, manchen Bach zu durchwaten, ehe einige beherztere Burschen standhielten. Stückchen Tabak, die ich ihnen zuwarf, kirrten sie vollends, und endlich ließ sich einer die biedere Rechte schütteln. »So, nur Courage! sei doch kein Frosch, ich bin ja Finsch aus Bremen, ihr kennt mich ja!« — und die Leute wurden zutraulicher, kamen nach und nach heran, bis uns ein dichter Haufen umgab. Auch Mütter mit ihren Säuglingen fehlten nicht, und meine alte Praxis, die letzteren mit roten Bändchen zu schmücken, machte den gewünschten Eindruck. Auch Papuafrauen besitzen Mutterstolz und freuen sich, wenn man die braunen Papuaengelchen streichelt und lobt. Und diese Kinderchen sind im allgemeinen viel artiger als unsere, denn sie schreien viel weniger und fürchten sich gar nicht so vor dem »weißen Manne«. Die Eingeborenen von Bentley-Bai, wie um Ostkap, sind von ziemlich heller Hautfärbung und gehören zu denen, welche von Unkundigen als malayische Mischlinge erklärt werden. Aber mit Unrecht, denn sie sind echte Papuas, wobei uns das individuelle Vorkommen von lockigem, selbst schlichtem Haar nicht zu genieren braucht. Gewöhnlich wird es kurz gehalten, bei den Frauen meist abrasiert, aber junge Stutzer, wie der auf der Abbildung, zausen sich eine mächtige Wolke auf. Er ist im Gesicht zierlich mit schwarzen Strichen bemalt, trägt Blätter und eine künstlich zerschlissene Centropusfeder im Haar, am Arm eines jener kolossalen Armbänder (Bakibakira), die wir zuerst hier kennen lernten. Sie sind halbrund aus gespaltenem, schwarz gefärbtem Rotang geflochten und werden auf der hohlen Innenseite mit Moos und wohlriechenden Pflanzenstoffen ausgefüllt. Sie verbreiten sich über die ganze Ostspitze Neu-Guineas und dienen zum Teil als Trauerschmuck. Als solchen lernte ich, außer dem üblichen Schwarzmalen, auch breite zierlich aus Gras geflochtene Bänder kennen, die von beiden Geschlechtern kreuzweis über die Brust getragen wurden. Viele Eingeborene litten an Ichthyosis, wie sie überhaupt in Gestalt, wie Ausputz einen ärmlichen Eindruck machten. Das Septum war bei beiden Geschlechtern durchbohrt, aber gewöhnlich wurde ein Holzstift durchgesteckt, seltener ein aus Muschel geschliffener. Im Ohr trugen die Männer meist einen zusammengerollten Streifen Pandanusblatt, zuweilen einige Spondylusscheibchen oder kleine Schildpattringe. Halsstrickchen (Maura) und gewöhnliche Grasarmbänder (Ohame) bildeten, wie immer, den Hauptputz; in dem letzteren wurde häufig ein Stück Badeschwamm (zum Waschen!) getragen. Stutzer befestigen am Armbande, wovon auch solche aus Muschel (Conus und Trochus) vorkamen, zuweilen einen langen Streifen aus künstlich zusammengenähten Pandanusblatt, der gleich einem Bande herabflattert und Päropäro heißt. Als seltenen Knie- und Armschmuck sah ich aufgereihte mittelgroße, weiße Cypraea-Muscheln (Bunidoga); mit Ausnahme kleiner Knaben waren alle bekleidet. Die Männer trugen die eigentümlichen Pandanusmatten, Ahra (S. 214), die häufig an einer Schnur, zuweilen einem dicken Wulst (Apara) von Menschenhaar befestigt sind, von dem Schnüre aus gleichem Material mit Ovulamuscheln (Dunara), portepéeähnlich herabbommeln (vergl. Taf. XVI 6). Frauen, selbst kleine Mädchen, sind mit schweren Grasröcken (Nogi) aus gespaltener Kokosfaser bekleidet, wie dies die Abbildung (S. 237) zeigt. Mit der Steinzeit war es auch hier vorbei, denn die Eingeborenen besaßen bereits Äxte mit Bandeisenklingen (S. 212), begehrten jedoch am meisten Tabak und Pfeifen. Sie hatten aber wenig in Tausch abzugeben oder vielmehr gaben das wenige Gute, z. B. hübsche Holztrommeln und Holzschilde (Ragena) nicht her. Als Waffe besaßen sie nur rohgearbeitete Speere (Jera), keine Pfeile und Bogen. Neu waren mir sehr hübsch geflochtene, runde, schachtelförmige, Tragkörbe (Au-utu), mit drei Einsätzen, und eine sonderbare Art Fischfallen (Mahaba, T. IX. 1). Als Material zu Strickarbeiten wird die durch Klopfen bereitete Faser aus den Luftwurzeln des Schraubenbaumes (Pandanus) benutzt, die ich schon in Normanby bemerkte. Sie stellt an Haltbarkeit und Länge des Fadens die besten unserer Faserstoffe in den Schatten und würde einen trefflichen Exportartikel abgeben, wenn größere Quantitäten zu haben wären.

Junger Mann von Bentley-Bai.
Außer Kokosnüssen und Papayafrüchten war an Lebensmitteln nichts aufzutreiben. Wir betrachteten wehmütig die schönen Schweine (Poru), von denen sich die Leute nicht trennten. Und doch hatte Moresby hier eine Menge erhandelt, aber die Bevölkerung ist seitdem offenbar geringer und ärmer geworden.
Das weibliche Geschlecht, im ganzen häßlich und unansehnlich, zeichnete sich durch besondere Zuthunlichkeit und Liebenswürdigkeit aus, wie ich sie selten bei Eingeborenen gefunden habe. So beschenkte mich ein kleines, nettes Mädchen mit einer Bekleidungsmatte, so schön, daß sie einem Bräutigam Ehre gemacht haben würde übrigens das einzige Geschenk, welches ich jemals von einer Papuaschönheit erhielt. Ich hatte aber auch ein paar Handvoll Glasperlen weggegeben und die Damen noch besonders erfreut, indem ich meinen Arm entblößte. Die Verwunderung über die Weiße der Haut wollte unter dem sanften und melodischen Ausdruck des Erstaunens »agai-i« gar kein Ende nehmen, das Befühlen und Streicheln gab ihr aber bald einen dunklern Ton.

Haus in Bentley-Bai.
Der hiesige Pfahlbaustil ist am besten aus der Abbildung ersichtlich, und nur hinzuzufügen, daß das Material aus Bambu besteht und die Grasdächer mit toten Palmblättern belegt werden, um ihnen mehr Festigkeit zu geben. Die Diele ist meist aus Planken hergestellt. Auf dem Vorplatz, vor der Thür stehen gewöhnlich Töpfe (Nau), deren Anzahl zugleich den Reichtum bekundet, denn sie sind ein teurer Artikel und kommen weit her, von Teste-Insel. Neben den Häusern erheben sich kleinere Pfahlbauten oder Gerüste als Vorratskammern und die kleinen Siedelungen sind zuweilen mit einer lebendigen Hecke aus Croton und dergleichen eingezäunt. Gewöhnlich liegen auf dem freien Platze um die Häuser, der zuweilen auch mit Rollsteinen belegt ist, große Schieferplatten, auf denen die Eingeborenen gern zu sitzen pflegen. Ich vermute, daß diese Steine Gräber bedecken, sah aber später ein Grab in Form eines kleinen Hauses, ganz wie in Finschhafen (S. 173). Wie fast stets waren Crotons bei demselben gepflanzt. Ein hier, wie an der ganzen Ostspitze üblicher Gebrauch ist der, bei den Siedelungen oder am Strande Kokosnüsse an eigens dazu errichteten Pfählen aufzuhängen. Oft sieht man künstliche Bäume ganz voll von Kokosnüssen, die wahrscheinlich zum Anpflanzen dienen. Bentley-Bai ist nur schwach bevölkert und zählt etwa ein Dutzend ziemlich versteckter Siedelungen, von denen die größte, Tagoreüa, nur aus acht Häusern besteht. Aber einzelne Häuser finden sich, wie Plantagen, in den Bergen, die sehr steil und an 2000 Fuß hoch sind und von denen man einen schönen Blick auf Milne-Bai hat, denn die Breite der Halbinsel beträgt hier kaum mehr als drei Meilen. Schiffen ist übrigens Vorsicht anzuraten, da namentlich die östliche Seite der Bai nicht frei von Riffen und Felsen ist. Am westlichen Eingange liegt eine flache mit Mangrove bedeckte Insel (Catharine-Isl.), hinter der sich ein geschütztes Becken (Annie-Inlet) öffnet, das aber wegen Untiefen als Hafen unbrauchbar ist. Für Kanus mag es freilich gut genug sein, wenigstens flüchteten zwei solche, denen wir kurz vor Kap Ducie begegneten, eiligst in die Bucht, während ein drittes, mit zehn Mann Besatzung, längsseit kam. Die Leute verstanden kein Wort englisch und hatten nichts als etliche Stücke Obsidian zu verhandeln, kamen also wohl von Moresby-Straße herüber, wo diese Lava, die zum Rasieren überall beliebt ist, häufig sein soll.
Zwischen Cap Ducie und Excellent-Point erstreckt sich ein zwei und eine halbe Meile langes Vorland, dessen nördlicher Rand von Small-Bai bespült wird. Dieses Vorland ist meist mit Mangrove bestanden, erhebt sich aber nach Westen zu dichtbewaldeten Bergen von 400 bis 500 Fuß Höhe. Als wir diese westliche Ecke, Excellent Point, passiert hatten, sahen wir die ausgedehnte Chads-Bai, von malerischen Bergen umrahmt, vor uns. An ihrem östlichen Ufer machten sich dichte Bestände Kokospalmen bemerkbar, sowie Eingeborene, die uns zu Ehren flaggten, d. h. einen Lappen Zeug an einer langen Stange befestigten und damit winkten. Wir folgten ihrer freundlichen Einladung und gingen kaum zwei Kabel vom Ufer in 13 Faden zu Anker. Was oft nicht wenige Meilen Entfernung thun können! Während es in Bentley-Bai noch so schwer war, mit den Eingeborenen zu verkehren, zeigten sie sich hier viel weniger scheu, ohne Zweifel, weil sie noch keine üblen Erfahrungen mit Werbeschiffen gemacht hatten. Mein Freund Tamate war hier nicht bekannt, aber in aller Munde tönte das Wort »Toom!« Wer mochte wohl dieser Tom sein, der die Gemüter der Eingeborenen so bewegte? Endlich hatte ich es heraus. Nicht Toom, sondern »Koom« (Kokosnuß) meinten die Leute, und ob wir solche haben wollten? Natürlich, ja! — »Ein Schwein wäre mir lieber!« meinte Kapitän Dallmann, schüttelte aber bedenklich mit dem Kopfe, als ich ihm sagte, dasselbe sei bereits bestellt. Aber die Sache war sehr einfach, nachdem ich durch Imitation von Grunzen erst wußte, daß Poru auch hier Schwein heißt, wie Kiram Axt. Ich zeigte grunzend die letztere, und unter verständnisvollem Gegengrunzen paddelten die Leute nach dem Dorfe. Mit dem Wiederkommen dauerte es freilich etwas lange, und ich wollte mich eben selbst aufmachen, um dem Hohn zu entgehen und vielleicht mit einem Schusse nachzuhelfen, denn diese Papuaschweine sind oft sehr obstinat. Da tönte ein durchdringendes Gequieke herüber, daß alle Spötter zum Schweigen brachte, der Koch wetzte sein Messer und sagte: »Kaptain! De Doctor het regt! Sieh'! dor brengt de zwarte Jaantjes dat Swin!« Und so war es. Wie stand ich nun da! He? Selbst der Kapitän gratulierte zu dem Erfolge, der uns nach langer Zeit einmal frisches Fleisch und sein Leibgericht: »suur Swinfleesch en Arwgen« brachte.
Wir gingen an Land, zunächst nach dem Dorfe, wo uns die ganze Bevölkerung, etliche 30 Köpfe, sitzend erwartete, ärmlich aussehende, aber bescheidene, nette Leute, die sich über jede Kleinigkeit unendlich freuten. Das Dorf bestand nur aus fünf Häusern, die ganz mit denen in Bentley-Bai übereinstimmten, wie die Eingeborenen selbst, mit Ausnahme eines einzigen, eines Albino. Er war so hell als ein sonnverbrannter Europäer, mit geröteten Wangen und Lippen, hatte rotbraunes Haar in eine mächtige Wolke aufgezaust, und braune, keineswegs lichtscheue Augen, wie sie sonst meist Albinos eigen sind. In europäische Kleider gesteckt, würde niemand in diesem Manne den Papua erkannt haben; man ersieht hieraus, was ein bißchen Hautfärbung thun kann. Jedenfalls ist es sehr merkwürdig, daß von dunklen Eltern zuweilen ganz helle Kinder abstammen, während umgekehrt wohl kaum ein solcher Fall bekannt sein dürfte. So lernte ich an der Südostküste Neu-Guineas eine Papuafamilie kennen, von der die sehr dunkel gefärbten Eltern zwei dunkle und zwei helle Kinder, so weiß als europäische, besaßen. Die Eingeborenen haben übrigens solchem Naturspiel gegenüber kein Vorurteil, was bei uns im entgegengesetzten Falle ohne Zweifel recht bedenklich hervortreten würde. In Begleitung der Männer machten wir eine Exkursion und schritten auf engen Pfaden längs einem kleinen Flüßchen oder in dem Bette desselben, bis wir auf eine grasige Hochebene gelangten, die savannenartig mit Schraubenbaum bestanden war und sich bis Bentley-Bai hinzuziehen schien. Sie würde sich wegen ihres nicht zu hohen, saftigen Grases trefflich zu Viehweiden eignen, besitzt aber auch guten, schwarzen Boden. Längs einem anderen Flüßchen, an dem schöne Plantagen lagen, kehrten wir gegen Abend wieder an die Küste zurück, wo wir von den freundlichen Leuten Abschied nahmen. Als wir ins Boot steigen wollten, gab es noch eine unerwartete Scene, denn erst mußte noch eine dunkle Dame gewaltsam entfernt werden, die sich unter einer Bank versteckt hatte und absolut mit an Bord wollte. Das war selbst mir in meiner Papuapraxis noch nicht vorgekommen, aber »es hilft nichts, meine Gnädige, Sie müssen raus!« Da stand sie händeringend, um die hartherzigen weißen Männer zu erweichen, von denen keiner nur ein Fünkchen Mitleid fühlte. Ja, wer mochte dieser zartbesaiteten Seele die Ruhe geraubt, es ihr angethan haben? Sicher keiner von uns vier Weißen, denn ein solcher läßt schwarze Damen stets kalt, aber unsere Ruderer, kannibalisch schöne Neu-Britannier, die konnten in ihren roten Flanellhemden wohl Eindruck machen und ein so unschuldiges Herzchen berücken. Aber galant waren diese schwarzen Stutzer auch nicht, denn als ich einen Tommy oder Bob fragte »you like this fellow papine?« (»magst du das Mädchen leiden?«) sagte er verächtlich: »bata! what fore? no all same avakak papine Mioko!« (nein! warum? nicht so schön als Mioko-Mädchen). Ja, ja! diese Schwarzen haben auch so ihren eigenen Geschmack, und dunkle Haut allein thut es nicht.

Fingerspitze.
Merkwürdige Felsen, die zwei übereinander stehenden Mauern ähneln, begrenzen die etwa drei Meilen breite Chads-Bai nach Westen, können aber übersehen werden, da eine sonderbar geformte Bergspitze, die ihresgleichen sucht, das Auge fast ausschließend gefangen hält. Unter den massigen, mit grünem Gras bekleideten Kuppen erhebt sich ein isolierter, schlanker, fast senkrechter, an 3000 Fuß hoher grüner Pik, die »Fingerspitze« Moresby's, ein gewaltiger und imposanter Bergobelisk, von dem diese Abbildung nur eine schwache Vorstellung zu geben vermag. Mit dieser charakteristischen Partie entwickeln sich weiter westlich bis in die Tiefe von Goodenough-Bai, auf eine Länge von fast 50 Meilen, immer neue und großartigere Gebirgsbilder, ein wunderbares Küstenpanorama, das wir einen ganzen Tag mit Entzücken betrachten konnten. Ohne Zweifel ist dieser Teil landschaftlich der schönste, den ich in Neu-Guinea kennen lernte, und wahrscheinlich für die ganze Insel überhaupt. Es würde ein unnützes Bemühen sein, eine Beschreibung zu geben, und ich muß mich auf einige kurze Bemerkungen beschränken, um wenigstens die charakteristischen Züge dieses Küstengebirges zu skizzieren. Dasselbe ist zunächst als eine noch unbenannte Fortsetzung der Stirlingskette zu betrachten, die nach Westen zu allmählich höher wird und sich von 3000 bis an 5000 Fuß erheben mag. Dieses Gebirge fällt fast allenthalben schroff und steil bis zur Küste ab, die nur hie und da beschränktes, meist mit Wald bedecktes Vorland aufzuweisen hat. Das Gebirge zeigt in seiner Kammlinie viele malerische Kuppen und Spitzen, zeichnet sich aber ganz besonders durch steile Schluchten und Schlünde aus, die auf ihrem Rücken schroffe Grate bilden. Trotz dieser markigen Gliederung fehlt das Wildromantische der eigentlichen Alpenlandschaft, weil nur selten größere Felspartien hervortreten, dagegen fast überall saftig grünes Gras die Seiten der Berge bekleidet, die nur in den Schluchten und im obersten Viertel oder Fünftel der Kammhöhe mit Wald bedeckt sind. Dieser Kontrast zwischen dem hellen Grasgrün und dem dunklen, fast schwarzen Waldesgrün gehört zu den Eigentümlichkeiten dieses Gebirges, das sich außerdem durch zahlreiche Wasserfälle auszeichnet. Sie treten besonders gegen Kap Frere in oft überraschender Fülle hervor, einem gewaltigen an 3000 bis 4000 Fuß hohen, massigen Gebirgsrücken mit fast horizontaler Kammlinie, dessen spaltenklaffende Seiten beinahe senkrecht ins Meer fallen. Zuweilen erblickte das Auge acht solcher Wasserfälle auf einmal, die freilich nur dünnen Silberfäden glichen, denn wir hatten noch trockene Jahreszeit (Dezember), aber gerade deshalb besonders merkwürdig erschienen. In der That ist es schwierig, für diese Menge von Wasserläufen von den Bergen herab eine genügende Erklärung zu finden, umsomehr als wir an der ganzen Küste kaum ein halbes Dutzend, jetzt meist vertrockneter Flußmündungen antrafen. Da noch niemand den Scheitel dieser Küstengebirge betrat, so ist es nicht unmöglich, daß sich von hier aus südlich bis zu den nur sechs bis acht Meilen entfernten höheren Gebirgsketten des Owen-Stanley-Systems (Mt. Thompson u. a., über 6000 Fuß) Hochebenen hinziehen, auf welchen diese nördlichen Wasserläufe entspringen. Auch die besonderen Verhältnisse, unter denen sich das Vorkommen des Menschen hier zeigt, scheinen dafür zu sprechen. Mit Chads-Bai fingen Palmwälder und Siedelungen an spärlicher zu werden, nur selten zeigten sich einzelne Hütten mit einer kleinen eingezäunten Plantage im Ufervorlande. Desto häufiger konnte man dieselben an den Hängen hoch in den Bergen mit dem Glase erkennen und erstaunte über die Häufigkeit der kultivierten Flächen in jenen Regionen. Wie immer waren mit Vorliebe besonders steile Stellen ausgesucht worden, und über die schroffsten Grate konnte man die halsbrechenden Pfade der Eingeborenen verfolgen, die in diesem interessanten Gebiete so recht eigentliche Gebirgsbewohner, wie die Koiäri im Innern von Port Moresby, zu sein scheinen. Mit dem Fernrohr ließen sich deutlich alte und neu angelegte Plantagen unterscheiden, aber nirgends war ein Mensch sichtbar, höchst selten ein Haus, dagegen zuweilen Rauch oft unmittelbar unter der Waldregion, in Höhen von über 2000 Fuß. Kap Frere ist jedenfalls der großartigste Teil dieses Küstengebirges und bietet namentlich von der Westseite, Bartle-Bai, höchst romantische Partien, wie die beigegebene Skizze des »Drachenfels« (S. 244), wenigstens andeutet. Die mit grünem Grase bekleidete, senkrechte Wand, an der ein Wasserfall herabstürzt, ist auf ihrer Spitze mit Felsmauern und Buschwerk gekrönt, wie mit einer märchenhaften Burgruine. Sehr reich an pittoresken Schönheiten ist Goodenough-Bai, der wir kaum eine Meile von der Küste entfernt, auf nahezu 25 Meilen in W.-N.-W.-Kurse folgten. Das herrliche Gebirge, welches ich zu Ehren des »Basilisk« benenne, wird höher und zeigt imposante Kuppen, Spitzen und Hörner, von denen wenigstens zwei Namen verdienen. Sie begrenzen die Einsattelung, welche ca. 20 Meilen west von Kap Frere das Gebirge durchschneidet. Die Ostseite der tiefen Schlucht bildet, eine regelmäßige Pyramide, die Flowerspitze, während die Westseite von einem auffallenden, schiefabstehenden Felsenhorn, der Sclaterspitze, begrenzt wird, beide benenne ich nach zwei hervorragenden englischen Naturforschern. Vor dieser charakteristischen Gebirgseinsattelung dehnt sich ein breiteres Vorland mit sonderbar geformten Vorbergen aus, die, wie schon Moresby[61] erwähnt, auffallend der Tafel eines Atlanten ähneln, welche die Gebirge der Welt darstellt, ein wahres Chaos von kleineren und größeren Pyramiden, die sich zuweilen giebelartig aneinander reihen. Diese mehrere hundert Fuß hohen Pyramidenhügel sind alle kahl und zeigten jetzt eine bräunliche Färbung, die nur durch spärliche Baumvegetation in den Schluchten unterbrochen wurde. Wenn übrigens Moresby dieses Land, wie den ganzen Strich, für ausgezeichnet für Kulturen wie Viehzucht erklärt, so kann ich damit nicht übereinstimmen. Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil das Land fast nur aus Gebirgen, dabei sehr steilen Gebirgen, besteht und zu wenig Ufervorland bietet. Daß das letztere selbst von den Eingeborenen fast gemieden wird, ist freilich höchst sonderbar und auffallend, denn immerhin könnten Tausende hier leben. Von den zahlreichen Dörfern, welche Moresby erwähnt, sahen wir, abgesehen von einzelnen Häusern, nur vier, davon das erste (acht Häuser) ca. acht Meilen west von Chads-Bai, und dann erst wieder zwei noch kleinere in Bartle-Bai. Diese Häuser waren nicht »oval«, wie sie Moresby beschreibt, sondern von gewöhnlicher Form und standen zum Teil auf niedrigen Pfählen. Noch seltener als Siedelungen und Häuser (die ja auch ganz versteckt liegen können) trafen wir Eingeborene und kamen nur einmal mit ihnen in Berührung, oder vielmehr sie sehr unfreiwillig mit uns. Es war ca. 12 Meilen west von Chads-Bai, als plötzlich ein gewöhnliches Baumstamm-Kanu vor uns auftauchte, dessen fünf Insassen, offenbar in großer Angst, so ungeschickt vor dem Buge des Dampfers manövrierten, daß eine Kollision nicht zu vermeiden war. Die Leute retteten sich aber im letzten Moment durch Herausspringen, schöpften ihr Fahrzeug, das glücklicherweise keinen Schaden gelitten hatte, wieder aus und paddelten dem Ufer zu, ohne sich nur nach uns und den ins Wasser geworfenen Geschenken, roten Zeugstreifen an leere Flaschen gebunden, umzusehen. Ganz ebenso machte es eine Anzahl Weiber, die wir an einer fast ausgetrockneten Flußmündung überraschten, ein Mann in einem Kanu in Bartle-Bai und vier Kanus mit je drei Insassen in Goodenough-Bai, alles, was wir an Menschen überhaupt trafen und zu sehen bekamen. Bei den Häusern und Siedelungen beobachteten wir sonderbarerweise nie ein menschliches Wesen. Und doch zählte Moresby an einer Stelle in Bartle-Bai über 100 Eingeborene, die zwar scheu, aber freundlich waren und unter anderem einen Opferhund sowie ein Schwein überreichten. Es hat sich also offenbar seitdem vieles verändert und zwar nicht infolge des üblen Einflusses von Werbeschiffen (Labourtrade), die dieser Küste wohl fern blieben. Sie eignet sich nämlich wegen großer Meerestiefen[62] und Mangel von Häfen nicht sonderlich für Schiffsverkehr und wird schon aus diesem Grunde Ansiedelungen wenig begünstigen. Es ist zu bedauern, daß Moresby die Plantagen der Eingeborenen im Gebirge unerwähnt läßt. Wir sahen sie in Goodenough-Bai allenthalben, ja hier in noch bedeutenderen Höhen als vorher, nicht selten in 4000 Fuß, unmittelbar unter der Waldregion, welche die Kammhöhe bedeckt, und selbst auf den höchsten Kuppen ließen sich mit dem Glase Kultivationen, Fußpfade, grüne Wiesen und einzelne Häuser, wie Sennhütten, erkennen. Wer zu ihnen vordringen und über dieses sonderbare Gebirgsland und seine Bewohner Auskunft geben könnte! Hat doch bis jetzt kaum ein Forscher jene Küste, geschweige denn die einsamen Gebirgspfade des braunen Mannes betreten. Aber hoffentlich wird auch für dieses Gebiet bald die Zeit herankommen, wo diese Lücken ausgefüllt werden.

Drachenfels in Bartle-Bai.

Pyramidenhügel in Goodenough-Bai.
Gegen Abend näherten wir uns dem Nordrande von Goodenough-Bai, der ähnlich wie Huon-Golf von West nach O.-N.-O. verläuft, aber nur 25 Meilen lang ist und mit niedrigeren, meist bewaldeten Höhenzügen bedeckt ist, hinter denen die majestätischen Gebirge von Goodenough-Insel hervorragten. Am anderen Morgen befanden wir uns in Ward-Hunt-Straße, welche die letztere Insel vom Festlande trennt und näherten uns Kap Vogel (S. 248), das Moresby nach dem früheren Premierminister von Neu-Seeland Sir Julius Vogel benannte. Es wird von einem ca. 400 Fuß hohen, steilen Hügel gebildet, der gleich einer grünen Wand die Nordostspitze der Kap Vogel-Halbinsel säumt, welche aus schönem Kulturland zu bestehen scheint. Am Strande zeigten sich dichte Bestände Kokospalmen, aber wir bemerkten nur ein Dorf, dessen Bewohner keine Kanus zu besitzen schienen und von uns gar nicht Notiz nahmen. Grüne Flächen und Hügel treten jetzt an Stelle der Hochgebirge und die ganze Küste nimmt einen anderen Charakter an. Seit Catharine-Insel sahen wir zuerst wieder kleine Inseln vorgelagert, die meist niedrig, dicht mit Mangrove bestanden und häufig durch Riff mit dem Festlande verbunden sind. Während es in Goodenough-Bai nicht ein Riff giebt, wurden solche von jetzt an häufiger und mahnten den Schiffer zur Vorsicht. Diese ist umsomehr geboten, als wir fast an dieser ganzen Küste bis Mitrafels hinauf noch in einer Entfernung von vier Meilen trübgefärbtes Wasser beobachteten, das selbst den sorgfältigen Ausguck illusorisch machte. Nicht selten wühlte die Schraube in klarem Wasser, während die Oberfläche des Meeres weit und breit schmutzig-grün erschien, was auf zahlreiche Süßwasserzuflüsse schließen läßt. Die Möglichkeit auf totes Riff zu rennen liegt daher nahe, und auch der Samoa drohte diese Gefahr ein paarmal, glücklicherweise kamen wir aber mit dem Schrecken davon. Das schmutzige Wasser veranlaßte auch Kapitän Dallmann der riffreichen Collingwood-Bai auszuweichen, deren Küsten wir schließlich ganz aus Sicht verloren. Was wir im östlichen Teile derselben sahen, war niedriges Hügelland, anscheinend mit viel grünen und braunen Kulturflecken, die wohl aber nur kahles Land sind, längs dem Ufer ein dichter Gürtel Mangrove.

Kap Vogel.
Nach wenigen Stunden kam wieder Land in Sicht und entwickelte sich bald zu einem sehr malerischen Gebirgspanorama, dem Nelson-Gebirge mit seinen beiden hervorragendsten, an 4000 Fuß hohen Spitzen, Victory und Trafalgar. Sie sind wie das übrige Gebirge dicht bewaldet, laufen aber in grasige schiefe Flächen aus, die von dichtbewaldeten Schluchten durchzogen sind, und wahrscheinlich Flußläufe aufzuweisen haben. So zeigt der Berg Trafalgar an seiner Nordostseite einen hübschen Wasserfall und wird durch eine tiefe Schlucht in zwei Hälften geteilt, wie dies meine Skizze veranschaulicht. Die Küste schneidet in mehrere mangrovebestandene Buchten ein, die nicht frei von Felsen sind, wie es auch an Riffen nicht mangelt. So malerisch dieses Land aussieht und so sehr es für Kulturen geeignet scheint, Anzeichen des Vorhandenseins von Eingeborenen fanden wir nicht und verbrachten daher eine ruhige Nacht in Porlok-Bai, etwas westlich von dem schwer auszumachenden Kap Nelson. In dieser Gegend hatte auch der Basilisk eine Nacht geankert, und Moresby gedenkt zahlreicher Eingeborener und deren besonders konstruierten, sehr großen Kanus, von denen manche 30 bis 40 Mann trugen. Wir hatten das letzte in der Nähe von Kap Vogel gesehen und trafen überhaupt erst wieder an der Ostspitze von Dyke-Acland-Bai, vor dem sogenannten Kap Sud-Est (von d'Entrecasteaux) mit Menschen zusammen, wie sich schon von weitem an einem Kokoshain erwarten ließ. Es entwickelten sich hier nach und nach vier größere Dörfer, von je einem Dutzend Pfahlhäusern, aber Eingeborene zeigten sich nur wenig, und diese wenigen kamen nicht, obwohl sie Kanus besaßen. Weiter nordwestlich begegneten wir keinen Siedelungen mehr, was, wenn auch vereinzelte übersehen worden sein können, immerhin zu dem Schlusse berechtigt, daß diese ganze, von Chads-Bai an nach ihrem Verlauf gemessene, an 270 Meilen lange Küste nur äußerst spärlich bevölkert ist. Und wie es auf deutschem Gebiete in Huon-Golf und längs der Maclay-Küste damit bestellt ist, haben wir aus Kap. 5 und 4 ersehen. In der That sind alle bisherigen Angaben über die Einwohnerzahl Neu-Guineas durchaus illusorisch und entbehren jedes sicheren Anhaltes. Aber bei der Genauigkeit unserer geographischen Lehrbücher müssen ja auch solche Zahlen ausgefüllt werden, selbst wenn sie auch nicht entfernt zuverlässig sein können. Was die Beschaffenheit der Küste selbst anbelangt, so ähnelt dieselbe im ganzen der von Herkules-Bai. Von der Kap Nelson-Halbinsel bis Kap Killerton ziehen sich inland ununterbrochen Gebirgsketten von 2000 bis 4000 Fuß Höhe, die von da an zu niedrigeren Höhenzügen herabsinken, während das Ufer westlich von Dyke-Acland-Bai meist mit dichten Kasuarinenbeständen gesäumt ist. Solche finden sich in den verschiedenen Buchten längs der sogenannten Holnicote-Bai, die übrigens kaum den Namen »Bai« verdient.

Trafalgar-Berg.
Von Mitrafels kehren wir zu einer späteren Zeit wieder nach Bentley-Bai zurück, deren Bewohner uns diesmal als Freunde begrüßten und am liebsten ganz behalten hätten. Bei nochmaliger genauer Prüfung erwies sich aber dieser Platz, aus verschiedenen Gründen, zur Anlage einer Station, um die es sich diesmal handelte, nicht geeignet. Wir mußten also unser Heil anderwärts probieren und untersuchten die Küste bis Ostkap wiederholt. Sie wird von mehreren kleinen, palmumrahmten Buchten gebildet, von denen sich aber nur die von Hihiaura brauchbar erwies, weil hier wenigstens kleine Schiffe ankern können. Diese Bucht, ca. eine Meile ost von Bentley-Bai und neun Meilen west von Ostkap, ist von malerischen Bergen umgeben, unter denen der über 1300 Fuß hohe Killerton der höchste ist. Trotz der Steilheit sieht man überall im Waldesdickicht noch hoch hinauf urbar gemachte Stellen, Plantagen der Eingeborenen, die im Verein mit den luftigen Kokoshainen des Strandes ein gar liebliches Bild geben. Bald wurde es lebendig; zahlreiche Catamarans paddelten heran, und eine große Menge Eingeborener hatte sich am Ufer versammelt, als wir landeten. Offenbar war schon von Bentley-Bai Kunde über uns hierher gelangt, denn die Leute zeigten sich, obwohl immerhin mißtrauisch, doch längst nicht so scheu als zuerst dort. Die Siedelung Hihiaura ist, wie alle an dieser Küste, sehr klein und zählte nur acht Häuser, darunter aber ein ungewöhnlich großes. Es war 40 Fuß lang, 18 breit und bis unter die Giebelspitze 25 Fuß hoch, dabei äußerst akkurat gebaut, und ich freue mich, auch dieses bemerkenswerte Bauwerk der Steinzeit hier in der Abbildung geben zu können. Nicht lange und man wird vergeblich nach einem derartigen Denkmal der Baukunst des sogenannten Naturmenschen suchen. Auch die hiesigen hatten die Steinaxt beiseite gelegt und dachten nicht daran, die beginnenden Schäden des Hauses auszubessern, wie der Eingeborene überall nachlässiger wird, sobald er erst eiserne Werkzeuge besitzt. Das bewußte Gebäude war übrigens ein Familienhaus, in welchem vier Familien, der größere Teil der Bevölkerung Hihiauras, wohnten. Für uns, die wir im Begriff standen selbst zu bauen, hatte dieses Haus, bei dem keine Säge, kein Bohrer, kein Nagel, ja überhaupt kein Eisen benutzt oder verwandt worden war, natürlich ganz besonderes Interesse, und selbst unsere Zimmerleute gaben ihrer Bewunderung als Sachverständige Ausdruck. Bald kam die Reihe des Erstaunens an die Eingeborenen, als sie sahen, was drei Weiße mit ihren Werkzeugen und vier Schwarzen zu schaffen vermögen. Während letztere den gekauften Platz klärten und mit wuchtigen Axthieben Bäume, z. B. die größte Kokospalme in zehn Minuten, zu Boden streckten, suchten die Zimmerleute im Walde nach passenden Bäumen zu Pfählen, denn auch unser Haus sollte ein Pfahlbau werden, wobei es hauptsächlich auf die Träger ankommt, auf denen der Fußboden ruht. Sie müssen von Hartholz (Mangrove und dergleichen) sein, das Fäulnis und weißen Ameisen widersteht und durch eine Blechkappe und Teeranstrich weiteren Schutz erhält. An Baumaterial hatten wir nur Pfosten und Latten für Gestell und Dachstuhl, Bretter zur Diele und Fensterladen mitgebracht, alles übrige mußte von einheimischem Material beschafft werden. Die Eingeborenen holten dasselbe herbei und erwiesen sich, soweit Kanaker überhaupt fleißig sein können, als recht fleißig. Freilich giebt es da immer mehr Zuschauer als Arbeiter, aber freundliches Zureden und ein freundliches Gesicht vermag auch die Trägen aufzumuntern, ja zuweilen fährt eine wahre Arbeitswut unter die Leute. Ein Teil schleppt Büschelgras für das Dach herbei, andere flechten Matten aus gespaltenen Blättern der Kokospalme zu den Seitenwänden, Kinder säubern den Platz von Steinen und holen Lianen zum Binden, aber alle wollen schließlich bezahlt sein und zwar gleichmäßig. Darin sind Kanaker reine Sozialdemokraten; denn wer immer nur etwas mitgeholfen hat, verlangt dasselbe als der, welcher wirklich arbeitete und der Knabe soviel als der Häuptling. Nun, ich will gleich hier bemerken, daß die Arbeitslöhne keine großen Summen repräsentieren, handelt es sich doch um Tabak, und einige Stangen mehr oder minder fällt nicht ins Gewicht. Ja, ein paar Stück mehr thun oft Wunder, erhalten die Leute in Stimmung, und nicht selten beginnen etliche freiwillig zu helfen, die bisher nur gafften. So schnell der Eifer des Kanakers plötzlich für eine Sache auflodert, so schnell verfliegt er auch, aber glücklicherweise wird so ein Haus ja ziemlich rasch fertig, wie die Entwickelung des unsrigen zeigt. Erster Tag: Bäumefällen und Klären eines Platzes von 120 Fuß Breite und 170 Fuß Tiefe; Graben von 24 Löchern und Einrammen so vieler Pfähle; zweiter Tag: Diele legen, Pfosten und Dachstuhl aufsetzen; dritter Tag: Fenster und Thüren einsetzen, Dach decken; vierter Tag: Dach vollendet, Innenwände gemacht; fünfter Tag: Seitenwände gemacht — und fertig war das Haus! Nicht wahr, das geht schnell? »Wird auch danach gewesen sein?« höre ich Zweifler einwerfen. Ja, ein Palast war es freilich nicht, aber, wie die Abbildung (S. 256) zeigt, immerhin ein Haus (40 Fuß lang, 14 breit und 16 hoch), das für die hiesigen Verhältnisse einen ausgezeichneten Bau repräsentierte, der die meisten Traderstationen, wie sie im Bismarck-Archipel üblich sind, bei weitem überragte. Ach ja, solche Stationen entsprechen in den meisten Fällen gar wenig dem, was man sich gewöhnlich darunter vorstellt und unterscheiden sich oft kaum von Hütten der Eingeborenen. Sogenannte »Native-Häuser«, d. h. aus Material des Landes, sind übrigens gar nicht zu verachten, und wenn gut gebaut, solchen aus Brettern und Wellblechdach, schon der größeren Kühle wegen, vorzuziehen. Dabei stellen sie sich bedeutend billiger, denn Bretter sind in Australien teuer, besonders Hartholz, das allein den weißen Ameisen widersteht, die mit gewöhnlichem Fichten- und Tannenholz gar bald fertig werden. »Billig und schlecht« rächt sich in den Tropen daher am meisten, aber gewöhnlich wird erst viel Lehrgeld gezahlt, ehe man dies einsieht.