KAPITEL XI. Regiment und Regierte (continued 2)
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Im Staate wie in jedem Organismus ist das Organ, welches nicht mehr wirkt, schon auch schaedlich; auch die Nichtigkeit der souveraenen Volksversammlung schloss keine geringe Gefahr ein. Jede Minoritaet im Senat konnte der Majoritaet gegenueber verfassungsmaessig an die Komitien appellieren. Jedem einzelnen Manne, der die leichte Kunst besass, unmuendigen Ohren zu predigen oder auch nur Geld wegzuwerfen, war ein Weg eroeffnet, um sich eine Stellung zu verschaffen oder einen Beschluss zu erwirken, denen gegenueber Beamte und Regierung formell gehalten waren zu gehorchen. Daher denn jene Buergergenerale, gewohnt, im Weinhaus Schlachtplaene auf den Tisch zu zeichnen und kraft ihres angeborenen strategischen Genies mitleidig auf den Gamaschendienst herabzusehen; daher jene Stabsoffiziere, die ihr Kommando dem hauptstaedtischen Aemterbettel verdankten und, wenn es einmal Ernst galt, vor allen Dingen in Masse verabschiedet werden mussten - und daher die Schlachten am Trasimenischen See und bei Cannae und die schimpfliche Kriegfuehrung gegen Perseus. Auf Schritt und Tritt ward die Regierung durch jene unberechenbaren Buergerschaftsbeschluesse gekreuzt und beirrt, und begreiflicherweise eben da am meisten, wo sie am meisten in ihrem guten Recht war.
Aber die Schwaechung der Regierung und der Gemeinde selbst waren noch die geringere unter den aus dieser Demagogie sich entwickelnden Gefahren. Unmittelbarer noch draengte unter der Aegide der verfassungsmaessigen Rechte der Buergerschaft die faktioese Gewalt der einzelnen Ehrgeizigen sich empor. Was formell als Wille der hoechsten Autoritaet im Staate auftrat, war der Sache nach sehr oft nichts als das persoenliche Belieben des Antragstellers; und was sollte werden aus einem Gemeinwesen, in welchem Krieg und Frieden, Ernennung und Absetzung des Feldherrn und der Offiziere, die gemeine Kasse und das gemeine Gut von den Launen der Menge und ihrer zufaelligen Fuehrer abhingen? Das Gewitter war noch nicht ausgebrochen; aber dicht und dichter ballten die Wolken sich zusammen und einzelne Donnerschlaege rollten bereits durch die schwuele Luft. Dabei trafen in zwiefach bedenklicher Weise die scheinbar entgegengesetztesten Richtungen in ihren aeussersten Spitzen sowohl hinsichtlich der Zwecke wie hinsichtlich der Mittel zusammen. In der Poebelklientel und dem Poebelkultus machten Familienpolitik und Demagogie sich eine gleichartige und gleich gefaehrliche Konkurrenz. Gaius Flaminius galt den Staatsmaennern der folgenden Generation als der Eroeffner derjenigen Bahn, aus welcher die Gracchischen Reformen und - setzen wir hinzu - weiterhin die demokratisch-monarchische Revolution hervorging. Aber auch Publius Scipio, obwohl tonangebend in der Hoffart, der Titeljagd, der Klientelmacherei der Nobilitaet, stuetzte sich in seiner persoenlichen und fast dynastischen Politik gegen den Senat auf die Menge, die er nicht bloss durch den Schimmer seiner Individualitaet bezauberte, sondern auch durch seine Kornsendungen bestach, auf die Legionen, deren Gunst er durch rechte und unrechte Mittel sich erwarb, und vor allen Dingen auf die ihm persoenlich anhaengende hohe und niedere Klientel - nur die traeumerische Unklarheit, auf welcher der Reiz wie die Schwaeche dieses merkwuerdigen Mannes grossenteils beruht, liessen ihn aus dem Glauben: nichts zu sein noch sein zu wollen als der erste Buerger von Rom, nicht oder doch nicht voellig erwachen.
Die Moeglichkeit einer Reform zu behaupten, wuerde ebenso verwegen sein, wie sie zu leugnen; dass eine durchgreifende Verbesserung des Staats an Haupt und Gliedern dringendes Beduerfnis war und dass von keiner Seite dazu ein ernstlicher Versuch gemacht ward, ist gewiss. Zwar im einzelnen geschah von seiten des Senats wie von seiten der buergerschaftlichen Opposition mancherlei. Dort wie hier waren die Majoritaeten noch wohlgesinnt und boten ueber den Riss weg, der die Parteien trennte, noch haeufig sich die Haende, um gemeinschaftlich die schlimmsten Uebelstaende zu beseitigen. Aber da man die Quellen nicht verstopfte, so half es wenig, dass die besseren Maenner mit Besorgnis auf das dumpfe Tosen der anschwellenden Flut lauschten und an Deichen und Daemmen arbeiteten. Indem auch sie sich mit Palliativen begnuegten und selbst diese, namentlich eben die wichtigsten, wie die Verbesserung der Justiz und die Aufteilung des Domaniallandes, nicht rechtzeitig und umfaenglich genug anwandten, halfen sie mit dazu, den Nachkommen eine boese Zukunft zu bereiten. Indem sie versaeumten, den Acker umzubrechen waehrend es Zeit war, zeitigten Unkraut auch, die es nicht saeten. Den spaeteren Geschlechtern, die die Stuerme der Revolution erlebten, erschien die Zeit nach dem Hannibalischen Kriege als die goldene Roms und Cato als das Muster des roemischen Staatsmanns. Es war vielmehr die Windstille vor dem Sturm und die Epoche der politischen Mittelmaessigkeiten, eine Zeit wie die des Walpoleschen Regiments in England; und kein Chatham fand sich in Rom, der die stockenden Adern der Nation wieder in frische Wallung gebracht haette. Wo man den Blick hinwendet, klaffen in dem alten Bau Risse und Spalten; man sieht die Arbeiter geschaeftig, bald sie zu verstreichen, bald sie zu erweitern; von Vorbereitungen aber zu einem ernstlichen Um- oder Neubau gewahrt man nirgend eine Spur, und es fragt sich nicht mehr, ob, sondern nur noch, wann das Gebaeude einstuerzen wird. In keiner Epoche ist die roemische Verfassung formell so stabil geblieben wie in der vom Sizilischen Kriege bis auf den Dritten Makedonischen und noch ein Menschenalter darueber hinaus; aber die Stabilitaet der Verfassung war hier wie ueberall nicht ein Zeichen der Gesundheit des Staats, sondern der beginnenden Erkrankung und der Vorbote der Revolution.