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Römische Geschichte — Buch 3

KAPITEL VI. Der Hannibalische Krieg von Cannae bis Zama (continued 2)

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Nach solchen Niederlagen konnte die karthagische Friedenspartei, die seit sechzehn Jahren hatte schweigen muessen, wiederum ihr Haupt erheben und sich offen auflehnen gegen das Regiment der Barkas und der Patrioten. Hasdrubal, Gisgons Sohn, ward abwesend von der Regierung zum Tode verurteilt und ein Versuch gemacht, von Scipio Waffenstillstand und Frieden zu erlangen. Er forderte Abtretung der spanischen Besitzungen und der Inseln des Mittelmeeres, Uebergabe des Reiches des Syphax an Massinissa, Auslieferung der Kriegsschiffe bis auf zwanzig und eine Kriegskontribution von 4000 Talenten (fast 7 Mill. Taler) - Bedingungen, die fuer Karthago so beispiellos guenstig erscheinen, dass die Frage sich aufdraengt, ob sie Scipio mehr in seinem oder mehr in Roms Interesse anbot. Die karthagischen Bevollmaechtigten nahmen dieselben an unter Vorbehalt der Ratifikation ihrer Behoerden, und es ging eine karthagische Gesandtschaft deshalb nach Rom ab. Allein die karthagische Patriotenpartei war nicht gemeint, so leichten Kaufs auf den Kampf zu verzichten; der Glaube an die edle Sache, das Vertrauen auf den grossen Feldherrn, selbst das Beispiel, das Rom gegeben hatte, feuerten sie an auszuharren, auch davon abgesehen, dass der Friede notwendig die Gegenpartei ans Ruder und damit ihnen selbst den Untergang bringen musste. In der Buergerschaft hatte die Patriotenpartei das Uebergewicht; man beschloss, die Opposition ueber den Frieden verhandeln zu lassen und mittlerweile sich zu einer letzten und entscheidenden Anstrengung vorzubereiten. An Mago und an Hannibal erging der Befehl, schleunigst nach Afrika heimzukehren. Mago, der seit drei Jahren (459-551 205-203) daran arbeitete, in Norditalien eine Koalition gegen Rom ins Leben zu rufen, war eben damals im Gebiet der Insubrer (um Mailand) dem weit ueberlegenen roemischen Doppelheer unterlegen. Die roemische Reiterei war zum Weichen und das Fussvolk ins Gedraenge gebracht worden und der Sieg schien sich fuer die Karthager zu erklaeren, als der kuehne Angriff eines roemischen Trupps auf die feindlichen Elefanten und vor allem die schwere Verwundung des geliebten und faehigen Fuehrers das Glueck der Schlacht wandte: das phoenikische Heer musste an die ligurische Kueste zurueckweichen. Hier erhielt es den Befehl zur Einschiffung und vollzog ihn; Mago aber starb waehrend der Ueberfahrt an seiner Wunde. Hannibal waere dem Befehl wahrscheinlich zuvorgekommen, wenn nicht die letzten Verhandlungen mit Philipp ihm eine neue Aussicht dargeboten haetten, seinem Vaterland in Italien nuetzlicher sein zu koennen als in Libyen; als er in Kroton, wo er in der letzten Zeit gestanden hatte, ihn empfing, saeumte er nicht, ihm nachzukommen. Er liess seine Pferde niederstossen sowie die italischen Soldaten, die sich weigerten, ihm ueber das Meer zu folgen, und bestieg die auf der Rede von Kroton laengst in Bereitschaft stehenden Transportschiffe. Die roemischen Buerger atmeten auf, da der gewaltige libysche Loewe, den zum Abzug zu zwingen selbst jetzt noch niemand sich getraute, also freiwillig dem italischen Boden den Ruecken wandte; bei diesem Anlass ward dem einzigen ueberlebenden unter den roemischen Feldherren, welche die schwere Zeit mit Ehren bestanden hatten, dem fast neunzigjaehrigen Quintus Fabius von Rat und Buergerschaft der Graskranz verehrt. Dieser Kranz, welchen nach roemischer Sitte das durch den Feldherrn gerettete Heer seinem Retter darbrachte, von der ganzen Gemeinde zu empfangen, war die hoechste Auszeichnung, die einem roemischen Buerger je zuteil geworden ist, und der letzte Ehrenschmuck des alten Feldherrn, der noch in demselben Jahre aus dem Leben schied (551 203). Hannibal aber gelangte, ohne Zweifel nicht unter dem Schutz des Waffenstillstandes, sondern allein durch seine Schnelligkeit und sein Glueck, ungehindert nach Leptis und betrat, der letzte von Hamilkars “Loewenbrut”, hier abermals nach sechsunddreissigjaehriger Abwesenheit den Boden der Heimat, die er, fast noch ein Knabe, verlassen hatte, um seine grossartige und doch so durchaus vergebliche Heldenlaufbahn zu beginnen und westwaerts ausziehend von Osten her heimzukehren, rings um die karthagische See einen weiten Siegeskreis beschreibend. Jetzt, wo geschehen war, was er hatte verhueten wollen und was er verhuetet haette, wenn er gedurft, jetzt sollte er, wenn moeglich, retten und helfen; und er tat es, ohne zu klagen und zu schelten. Mit seiner Ankunft trat die Patriotenpartei offen auf; das schaendliche Urteil gegen Hasdrubal ward kassiert, neue Verbindungen mit den numidischen Scheichs durch Hannibals Gewandtheit angeknuepft und nicht bloss dem tatsaechlich abgeschlossenen Frieden in der Volksversammlung die Bestaetigung verweigert, sondern auch durch die Pluenderung einer an der afrikanischen Kueste gestrandeten roemischen Transportflotte, ja sogar durch den ueberfall eines roemische Gesandte fuehrenden roemischen Kriegsschiffs der Waffenstillstand gebrochen. In gerechter Erbitterung brach Scipio aus seinem Lager bei Tunis auf (552 202) und durchzog das reiche Tal des Bagradas (Medscherda), indem er den Ortschaften keine Kapitulation mehr gewaehrte, sondern die Einwohnerschaften der Flecken und Staedte in Masse aufgreifen und verkaufen liess. Schon war er tief ins Binnenland eingedrungen und stand bei Naraggara (westlich von Sicca, jetzt el Kef, an der Grenze von Tunis und Algier), als Hannibal, der ihm von Hadrumetum aus entgegengezogen war, mit ihm zusammentraf. Der karthagische Feldherr versuchte von dem roemischen in einer persoenlichen Zusammenkunft bessere Bedingungen zu erlangen; allein Scipio, der schon bis an die aeusserste Grenze der Zugestaendnisse gegangen war, konnte nach dem Bruch des Waffenstillstandes unmoeglich zu weiterer Nachgiebigkeit sich verstehen, und es ist nicht glaublich, dass Hannibal bei diesem Schritt etwas anderes bezweckte, als der Menge zu zeigen, dass die Patrioten keineswegs unbedingt gegen den Frieden seien. Die Konferenz fuehrte zu keinem Ergebnis und so kam es zu der Entscheidungsschlacht bei Zama (vermutlich unweit Sicca) ^1. In drei Linien ordnete Hannibal sein Fussvolk: in das erste Glied die karthagischen Mietstruppen, in das zweite die afrikanische Land- und die phoenikische Buergerwehr nebst dem makedonischen Korps, in das dritte die Veteranen, die ihm aus Italien gefolgt waren. Vor der Linie standen die achtzig Elefanten, die Reiter auf den Fluegeln. Scipio stellte gleichfalls seine Legionen in drei Glieder, wie die Roemer pflegten, und ordnete sie so, dass die Elefanten durch und neben der Linie weg ausbrechen konnten, ohne sie zu sprengen. Dies gelang nicht bloss vollstaendig, sondern die seitwaerts ausweichenden Elefanten brachten auch die karthagischen Reiterfluegel in Unordnung, so dass gegen diese Scipios Reiterei, die ueberdies durch das Eintreffen von Massinissas Scharen dem Feinde weit ueberlegen war, leichtes Spiel hatte und bald in vollem Nachsetzen begriffen war. Ernster war der Kampf des Fussvolks. Lange stand das Gefecht zwischen den beiderseitigen ersten Gliedern; in dem aeusserst blutigen Handgemenge gerieten endlich beide Teile in Verwirrung und mussten an den zweiten Gliedern einen Halt suchen. Die Roemer fanden ihn; die karthagische Miliz aber zeigte sich so unsicher und schwankend, dass sich die Soeldner verraten glaubten und es zwischen ihnen und der karthagischen Buergerwehr zum Handgemenge kam. Indes Hannibal zog eilig, was von den beiden ersten Linien noch uebrig war, auf die Fluegel zurueck und schob seine italischen Kerntruppen auf der ganzen Linie vor. Scipio draengte dagegen in der Mitte zusammen, was von der ersten Linie noch kampffaehig war und liess das zweite und dritte Glied rechts und links an das erste sich anschliessen. Abermals begann auf derselben Walstatt ein zweites, noch fuerchterlicheres Gemetzel; Hannibals alte Soldaten wankten nicht trotz der Ueberzahl der Feinde, bis die Reiterei der Roemer und des Massinissa, von der Verfolgung der geschlagenen feindlichen zurueckkehrend, sie von allen Seiten umringte. Damit war nicht bloss der Kampf zu Ende, sondern das phoenikische Heer vernichtet; dieselben Soldaten, die vierzehn Jahre zuvor bei Cannae gewichen waren, hatten ihren Ueberwindern bei Zama vergolten. Mit einer Handvoll Leute gelangte Hannibal fluechtig nach Hadrumetum.

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^1 Von den beiden diesen Namen fuehrenden Orten ist wahrscheinlich der westlichere, etwa 60 Miglien westlich von Hadrumetum gelegene, derjenige der Schlacht (vgl. Hermes 20, 1885, S. 144, 318). Die Zeit ist der Fruehling oder Sommer des Jahres 552 (202); die Bestimmung des Tages auf den 19. Oktober wegen der angeblichen Sonnenfinsternis ist nichtig.

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Nach diesem Tage konnte auf karthagischer Seite nur der Unverstand zur Fortsetzung des Krieges raten. Dagegen lag es in der Hand des roemischen Feldherrn, sofort die Belagerung der Hauptstadt zu beginnen, die weder gedeckt noch verproviantiert war, und, wenn nicht unberechenbare Zwischenfaelle eintraten, das Schicksal, welches Hannibal ueber Rom hatte bringen wollen, jetzt ueber Karthago walten zu lassen. Scipio hat es nicht getan; er gewaehrte den Frieden (553 201), freilich nicht mehr auf die frueheren Bedingungen. Ausser den Abtretungen, die schon bei den letzen Verhandlungen fuer Rom wie fuer Massinissa gefordert worden waren, wurde den Karthagern auf fuenfzig Jahre eine jaehrliche Kontribution von 200 Talenten (340000 Taler) aufgelegt und mussten sie sich anheischig machen, nicht gegen Rom oder seine Verbuendeten und ueberhaupt ausserhalb Afrika gar nicht, in Afrika ausserhalb ihres eigenen Gebietes nur nach eingeholter Erlaubnis Roms Krieg zu fuehren; was tatsaechlich darauf hinauslief, dass Karthago tributpflichtig ward und seine politische Selbstaendigkeit verlor. Es scheint sogar, dass die Karthager unter Umstaenden verpflichtet waren, Kriegsschiffe zu der roemischen Flotte zu stellen.

Man hat Scipio beschuldigt, dass er, um die Ehre der Beendigung des schwersten Krieges, den Rom gefuehrt hat, nicht mit dem Oberbefehl an einen Nachfolger abgeben zu muessen, dem Feinde zu guenstige Bedingungen gewaehrte. Die Anklage moechte gegruendet sein, wenn der erste Entwurf zustande gekommen waere; gegen den zweiten scheint sie nicht gerechtfertigt. Weder standen in Rom die Verhaeltnisse so, dass der Guenstling des Volkes nach dem Siege bei Zama die Abberufung ernstlich zu fuerchten gehabt haette - war doch schon vor dem Siege ein Versuch, ihn abzuloesen, vom Senat an die Buergerschaft und von dieser entschieden zurueckgewiesen worden; noch rechtfertigen die Bedingungen selbst diese Beschuldigung. Die Karthagerstadt hat, nachdem ihr also die Haende gebunden und ein maechtiger Nachbar ihr zur Seite gestellt war, nie auch nur einen Versuch gemacht, sich der roemischen Suprematie zu entziehen, geschweige denn, mit Rom zu rivalisieren; es wusste ueberdies jeder, der es wissen wollte, dass der soeben beendigte Krieg viel mehr von Hannibal unternommen worden war als von Karthago und dass der Riesenplan der Patriotenpartei sich schlechterdings nicht erneuern liess. Es mochte den rachsuechtigen Italienern wenig duenken, dass nur die fuenfhundert ausgelieferten Kriegsschiffe in Flammen aufloderten und nicht auch die verhasste Stadt; Verbissenheit und Dorfschulzenverstand mochten die Meinung verfechten, dass nur der vernichtete Gegner wirklich besiegt sei, und den schelten, der das Verbrechen, die Roemer zittern gemacht zu haben, verschmaeht hatte, gruendlicher zu bestrafen. Scipio dachte anders und wir haben keinen Grund und also kein Recht anzunehmen, dass in diesem Fall die gemeinen Motive den Roemer bestimmten, und nicht die adligen und hochsinnigen, die auch in seinem Charakter lagen. Nicht das Bedenken der etwaigen Abberufung oder des moeglichen Glueckswechsels noch die allerdings nicht fernliegende Besorgnis vor dem Ausbruch des Makedonischen Krieges haben den sicheren und zuversichtlichen Mann, dem bisher noch alles unbegreiflich gelungen war, abgehalten, die Exekution an der ungluecklichen Stadt zu vollziehen, die fuenfzig Jahre spaeter seinem Adoptivenkel aufgetragen wurde und die freilich wohl jetzt gleich schon vollzogen werde konnte. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die beiden grossen Feldherren, bei denen jetzt auch die politische Entscheidung stand, den Frieden wie er war boten und annahmen, um dort der ungestuemen Rachsucht der Sieger, hier der Hartnaeckigkeit und dem Unverstand der Ueberwundenen gerechte und verstaendige Schranken zu setzen; der Seelenadel und die staatsmaennische Begabung der hohen Gegner zeigt sich nicht minder in Hannibals grossartiger Fuegung in das Unvermeidliche als in Scipios weisem Zuruecktreten von dem Ueberfluessigen und Schmaehlichen des Sieges. Sollte er, der hochherzige und freiblickende Mann, sich nicht gefragt haben, was es denn dem Vaterlande nuetzte, nachdem die politische Macht der Karthagerstadt vernichtet war, diesen uralten Sitz des Handels und Ackerbaus voellig zu verderben und einen der Grundpfeiler der damaligen Zivilisation frevelhaft niederzuwerfen? Die Zeit war noch nicht gekommen, wo die ersten Maenner Roms sich hergaben zu Henkern der Zivilisation der Nachbarn und die ewige Schande der Nation leichtfertig glaubten von sich mit einer muessigen Traene abzuwaschen.

So war der Zweite Punische Krieg, oder wie die Roemer ihn richtiger nennen, der Hannibalische Krieg beendigt, nachdem er siebzehn Jahre vom Hellespont bis zu den Saeulen des Herkules die Inseln und Landschaften verheert hatte. Vor diesem Krieg hatte Rom sein politisches Ziel nicht hoeher gesteckt als bis zu der Beherrschung des Festlandes der italischen Halbinsel innerhalb ihrer natuerlichen Grenzen und der italischen Inseln und Meere. Dass man den Krieg auch beendigte mit dem Gedanken, nicht die Herrschaft ueber die Staaten am Mittelmeer oder die sogenannte Weltmonarchie begruendet, sondern einen gefaehrlichen Nebenbuhler unschaedlich gemacht und Italien bequeme Nachbarn gegeben zu haben, wird durch die Behandlung Afrikas beim Friedensschluss deutlich bewiesen. Es ist wohl richtig, dass andere Ergebnisse des Krieges, namentlich die Eroberung von Spanien, diesem Gedanken wenig entsprachen; aber die Erfolge fuehrten eben ueber die eigentliche Absicht hinaus, und zu dem Besitz von Spanien sind die Roemer in der Tat man moechte sagen zufaellig gelangt. Die Herrschaft ueber Italien haben die Roemer errungen, weil sie sie erstrebt haben; die Hegemonie und die daraus entwickelte Herrschaft ueber das Mittelmeergebiet ist ihnen gewissermassen ohne ihre Absicht durch die Verhaeltnisse zugeworfen worden.

Die unmittelbaren Resultate des Krieges waren ausserhalb Italien die Verwandlung Spaniens in eine roemische, freilich in ewiger Auflehnung begriffene Doppelprovinz; die Vereinigung des bis dahin abhaengigen syrakusanischen Reiches mit der roemischen Provinz Sizilien; die Begruendung des roemischen statt des karthagischen Patronats ueber die bedeutendsten numidischen Haeuptlinge; endlich die Verwandlung Karthagos aus einem maechtigen Handelsstaat in eine wehrlose Kaufstadt; mit einem Worte Roms unbestrittene Hegemonie ueber den Westen des Mittelmeergebiets, in weiterer Entwicklung das notwendige Ineinandergreifen des oestlichen und des westlichen Staatensystems, das im Ersten Punischen Krieg sich nur erst angedeutet hatte, und damit das demnaechst bevorstehende entscheidende Eingreifen Roms in die Konflikte der alexandrischen Monarchien. In Italien wurde dadurch zunaechst das Keltenvolk, wenn nicht schon vorher, doch jetzt sicher zum Untergang bestimmt, und es war nur noch eine Zeitfrage, wann die Exekution vollzogen werden wuerde. Innerhalb der roemischen Eidgenossenschaft war die Folge des Krieges das schaerfere Hervortreten der herrschenden latinischen Nation, deren inneren Zusammenhang die trotz einzelner Schwankungen doch im ganzen in treuer Gemeinschaft ueberstandene Gefahr geprueft und bewaehrt hatte, und die steigende Unterdrueckung der nicht latinischen oder nicht latinisierten Italiker, namentlich der Etrusker und der unteritalischen Sabeller. Am schwersten traf die Strafe oder vielmehr die Rache teils den maechtigsten teils den zugleich ersten und letzten Bundesgenossen Hannibals, die Gemeinde Capua und die Landschaft der Brettier. Die capuanische Verfassung ward vernichtet und Capua aus der zweiten Stadt in das erste Dorf Italiens umgewandelt; es war sogar die Rede davon, die Stadt zu schleifen und dem Boden gleichzumachen. Den gesamten Grund und Boden mit Ausnahme weniger Besitzungen Auswaertiger oder roemisch gesinnter Kampaner erklaerte der Senat zur oeffentlichen Domaene und gab ihn seitdem an kleine Leute parzellenweise in Zeitpacht. Aehnlich wurden die Picenter am Silarus behandelt; ihre Hauptstadt wurde geschleift und die Bewohner zerstreut in die umliegenden Doerfer. Der Brettier Los war noch haerter; sie wurden in Masse gewissermassen zu Leibeigenen der Roemer gemacht und fuer ewige Zeiten vom Waffenrecht ausgeschlossen. Aber auch die uebrigen Verbuendeten Hannibals buessten schwer, so die griechischen Staedte mit Ausnahme der wenigen, die bestaendig zu Rom gehalten hatten, wie die kampanischen Griechen und die Rheginer. Nicht viel weniger litten die Arpaner und eine Menge anderer apulischer, lucanischer, samnitischer Gemeinden, die grossenteils Stuecke ihrer Mark verloren. Auf einem Teile der also gewonnenen Aecker wurden neue Kolonien angelegt; so im Jahre 560 (194) eine ganze Reihe Buergerkolonien an den besten Haefen Unteritaliens, unter denen Sipontum (bei Manfredonia) und Kroton zu nennen sind, ferner Salernum in dem ehemaligen Gebiet der suedlichen Picenter und diesen zur Zwingburg bestimmt, vor allem aber Puteoli, das bald der Sitz der vornehmen Villeggiatur und des asiatisch-aegyptischen Luxushandels ward. Ferner ward Thurii latinische Festung unter dem neuen Namen Copia (560 194), ebenso die reiche brettische Stadt Vibo unter dem Namen Valentia (562 192). Auf anderen Grundstuecken in Samnium und Apulien wurden die Veteranen der siegreichen Armee von Afrika einzeln angesiedelt; der Rest blieb Gemeinland und die Weideplaetze der vornehmen Herren in Rom ersetzten die Gaerten und Ackerfelder der Bauern. Es versteht sich, dass ausserdem in allen Gemeinden der Halbinsel die namhaften, nicht gut roemisch gesinnten Leute soweit beseitigt wurden, als dies durch politische Prozesse und Gueterkonfiskationen durchzusetzen war. Ueberall in Italien fuehlten die nichtlatinischen Bundesgenossen, dass ihr Name eitel und dass sie fortan Untertanen Roms seien; die Besiegung Hannibals ward als eine zweite Unterjochung Italiens empfunden und alle Erbitterung wie aller Uebermut des Siegers vornehmlich an den italischen, nichtlatinischen Bundesgenossen ausgelassen. Selbst die farblose und wohlpolizierte roemische Komoedie dieser Zeit traegt davon die Spuren; wenn die niedergeworfenen Staedte Capua und Atella dem zuegellosen Witz der roemischen Posse polizeilich freigegeben und die letztere geradezu deren Schildburg wurde, wenn andere Lustspieldichter darueber spassten, dass in der todbringenden Luft, wo selbst die ausdauerndste Rasse der Sklaven, das Syrervolk, verkomme, die kampanische Sklavenschaft schon gelernt habe auszuhalten, so hallt aus solchen gefuehllosen Spoettereien der Hohn der Sieger, freilich auch der Jammerlaut der zertretenen Nationen wieder. Wie die Dinge standen, zeigt die aengstliche Sorgfalt, womit waehrend des folgenden Makedonischen Krieges die Bewachung Italiens vom Senat betrieben ward, und die Verstaerkungen, die den wichtigsten Kolonien - so Venusia 554 (200), Narnia 555 (199), Cosa 557 (197), Cales kurz vor 570 (184) - von Rom aus zugesandt wurden.

Welche Luecken Krieg und Hunger in die Reihen der italischen Bevoelkerung gerissen hatten, zeigt das Beispiel der roemischen Buergerschaft, deren Zahl waehrend des Krieges fast um den vierten Teil geschwunden war; die Angabe der Gesamtzahl der im Hannibalischen Krieg gefallenen Italiker auf 300000 Koepfe scheint danach durchaus nicht uebertrieben. Natuerlich fiel dieser Verlust vorwiegend auf den Kern der Buergerschaft, die ja auch den Kern wie die Masse der Streiter stellte; wie furchtbar namentlich der Senat sich lichtete, zeigt die Ergaenzung desselben nach der Schlacht bei Cannae, wo derselbe auf 123 Koepfe geschwunden war und mit Muehe und Not durch eine ausserordentliche Ernennung von 177 Senatoren wieder auf seinen Normalstand gebracht ward. Dass endlich der siebzehnjaehrige Krieg, der zugleich in allen Landschaften Italiens und nach allen vier Weltgegenden im Ausland gefuehrt worden war, die Volkswirtschaft im tiefsten Grund erschuettert haben muss, ist im allgemeinen klar; zur Ausfuehrung im einzelnen reicht die Ueberlieferung nicht hin. Zwar der Staat gewann durch die Konfiskationen, und namentlich das kampanische Gebiet blieb seitdem eine unversiegliche Quelle der Staatsfinanzen; allein durch diese Ausdehnung der Domaenenwirtschaft ging natuerlich der Volkswohlstand um ebenso viel zurueck, als er in anderen Zeiten gewonnen hatte durch die Zerschlagung der Staatslaendereien. Eine Menge bluehender Ortschaften - man rechnet vierhundert - war vernichtet und verderbt, das muehsam gesparte Kapital aufgezehrt, die Bevoelkerung durch das Lagerleben demoralisiert, die alte gute Tradition buergerlicher und baeuerlicher Sitte von der Hauptstadt an bis in das letzte Dorf untergraben. Sklaven und verzweifelte Leute taten sich in Raeuberbanden zusammen, von deren Gefaehrlichkeit es einen Begriff gibt, dass in einem einzigen Jahre (569 185) allein in Apulien 7000 Menschen wegen Strassenraubs verurteilt werden mussten; die sich ausdehnenden Weiden mit den halb wilden Hirtensklaven beguenstigten diese heillose Verwilderung des Landes. Der italische Ackerbau sah sich in seiner Existenz bedroht durch das zuerst in diesem Kriege aufgestellte Beispiel, dass das roemische Volk statt von selbst geerntetem auch von sizilischem und aegyptischem Getreide ernaehrt werden koenne. Dennoch durfte der Roemer, dem die Goetter beschieden hatten, das Ende dieses Riesenkampfes zu erleben, stolz in die Vergangenheit und zuversichtlich in die Zukunft blicken. Es war viel verschuldet, aber auch viel erduldet worden; das Volk, dessen gesamte dienstfaehige Jugend fast zehn Jahre hindurch Schild und Schwert nicht abgelegt hatte, durfte manches sich verzeihen. Jenes wenn auch durch wechselseitige Befehdung unterhaltene, doch im ganzen friedliche und freundliche Zusammenleben der verschiedenen Nationen, wie es das Ziel der neueren Voelkerentwicklungen zu sein scheint, ist dem Altertum fremd: damals galt es Amboss zu sein oder Hammer; und in dem Wettkampf der Sieger war der Sieg den Roemern geblieben. Ob man verstehen werde ihn zu benutzen, die latinische Nation immer fester an Rom zu ketten, Italien allmaehlich zu latinisieren, die Unterworfenen in den Provinzen als Untertanen zu beherrschen, nicht als Knechte auszunutzen, die Verfassung zu reformieren, den schwankenden Mittelstand neu zu befestigen und zu erweitern - das mochte mancher fragen; wenn man es verstand, so durfte Italien gluecklichen Zeiten entgegensehen, in denen der auf eigene Arbeit unter guenstigen Verhaeltnissen gegruendete Wohlstand und die entschiedenste politische Suprematie ueber die damalige zivilisierte Welt jedem Gliede des grossen Ganzen ein gerechtes Selbstgefuehl, jedem Stolz ein wuerdiges Ziel, jedem Talent eine offene Bahn geschaffen haben wuerden. Freilich wenn nicht, nicht. Fuer den Augenblick aber schwiegen die bedenklichen Stimmen und die trueben Besorgnisse, als von allen Seiten die Krieger und Sieger in ihre Haeuser zurueckkehrten, als Dankfeste und Lustbarkeiten, Geschenke an Soldaten und Buerger an der Tagesordnung waren, die geloesten Gefangenen heimgesandt wurden aus Gallien, Afrika, Griechenland und endlich der jugendliche Sieger im glaenzenden Zuge durch die geschmueckten Strassen der Hauptstadt zog, um seine Palme in dem Haus des Gottes niederzulegen, von dem, wie sich die Glaeubigen zufluesterten, er zu Rat und Tat unmittelbar die Eingebungen empfangen hatte.

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