Front matter (continued 3)
Reading edition
Frech erwidert ihr Apone: "Wenn du mich nicht fester fassest, Sind mir eine rechte Wonne Solche Händlein in dem Barte!"
Und nun kehret Jacopone Mit der Lampe in die Kammer, Und es läßt den Bart Apones Rosadore schamhaft fahren.
"Herr," spricht sie, "wie magst du zum Troste Deines Weibes du den alten, Ehrvergessnen Buben holen? Weh mir, daß ich hier gestanden!"
Aber nun zu Jacopone Spricht mit schwachem Ton die Kranke: "Um den tröstenden Benone Bat ich meinen Herrn und Gatten!"
Und er spricht: "Auch er wird kommen, Jetzt vertrau dem großen Arzte; Dieser Aesculap Bolognens Wird dich, Theure, mir erhalten. # Teure?
Conciliator, dich, Apone, Man ob hoher Weisheit nennet, Dich versühnend wolle folgen Der Bedeutung deines Namens."
Aber nun zu Jacopone Spricht mit schwachem Ton die Kranke: "Um den tröstenden Benone Bat ich meinen Herrn und Gatten!"
Und er spricht: "Auch er wird kommen, Jetzt vertrau dem großen Arzte. Wolle, daß die Kunst Apones, Teure, dich mir noch erhalte!" # Theure?
Und zum Arzt spricht er die Worte: "Herrlicher, vergiß des Kampfes, Der uns trennte oft im Zorne, Nimm die Hand zum Friedenspfande!
Dienen will ich deinem Lobe; Kannst du mir mein Weib erhalten, Geb ich dir zweitausend Kronen, Geb ich mehr noch, geb ich alles!"
Und zum Lager tritt Apone, Reißt die Decke von der Kranken, Doch es stürzt sich Rosadore Über sie mit ihrem Mantel.
Und der Arzt spricht wild im Zorne: "Was soll hier ich besser machen, Wo man meiner nur will spotten? Nackt muß ich die Kranke haben!
Über ihrem Herzen drohend Einen Flecken von dem Brande Sah ich schwarz. Sie ist des Todes, Wenn ich sie nicht heilend salbe!"
"Nimmer," spricht nun Rosadore, "Sollst du sie berühret haben, Ihres Herzens heilge Rose Nimmer sehen, böse Schlange!"
Und erbittert flucht Apone: "Nun, so soll ich sein verdammet! Schöne Buhlrin, dir zum Hohne Sollst du mir zur Seite wandeln!
Du sollst deine Jungfraukrone Selber mir ins Haus eintragen, In den Spuren meiner Sohlen Sollst du liebekrank herwandeln! # liebeskrank?
Abends an mein Lager kommen, Deinen Leib mir anzutragen, Und mit Füßen weggestoßen Sollst du in der Brunst verschmachten!
In der Kirche, vor dem Volke, auf dem offnen vollen Markte Sollst du mir verbuhlet folgen, Wie dem Leibe folgt der Schatten!"
Ihm erwidert Rosadore: "Mein wird sich der Herr erbarmen; Vor dem Fluch, den du geschworen, Wird er seine Magd bewahren!
Eher sollen alle Rosen Mit den Wurzeln abwärts wachsen Und die vollen Liebeskronen In der Erde Nacht begraben,
Eher all die bleichen Toten Aus der Tiefe blühend wandeln Und was lebet an der Sonne Fluchend in die Gräber tragen,
Eh der Mond vom Sternendome Buhlend in ein Nest voll Drachen Steigen und im keuschen Schoße Ungeheure Brut empfangen,
Und eh soll die lichte Sonne Weichen aus des Himmels Bahnen, Durch der Hölle Tor zu wandeln, Eh ich tret in deine Pforte.
Ja, eh wird dem Feinde Gottes, Dem satanschen Sündenvater, Auch ein Gottsohn ausgeboren, Keusch von einer Magd empfangen,
Und zu lösen uns vom Tode, An das heilge Kreuz geschlagen! Gott verzeihe mir die Worte, Antwort ungeheurer Fragen!
Nein! nein! nein! Du hast gelogen! O erscheine, Herr des Gartens, Tritt den Lügner an den Boden, Trete auf das Haupt der Schlange!"
"Kind," spricht Apo, "heiße Kohlen Möchtest auf mein Haupt du sammeln, Aber mir auch blühen Rosen; Gut lacht, wer am letzten lachet!"
Doch indes fragt Jacopone Flehend die geliebte Kranke, Wie sie so viel Blut vergossen? Und sie hat es ihm gestanden.
Und nun bietet er Apone, Daß er helfend ihm mög raten, Abermals zweitausend Kronen, Nimmt das Gold gleich aus dem Schranke.
Jener aber spricht: "Die Dornen, Die ihr schwer den Leib durchstachen, Wirf in einen tiefen Bronnen Oder in ein fließend Wasser;
Dann, so wie der Gürtel rostet, Schließen sich die Wundenmale; Doch vor allem einen Tropfen Nehme sie aus dieser Flasche!"
Und nun reichet ihr Apone Eine Flasche; doch die Kranke Winkt verneinend mit dem Kopfe, Und Apone weicht vom Lager;
Denn er höret eine Glocke; Fackelschein erhellt die Gasse, Weil begleitet von dem Volke Sich der Leib des Herren nahet.
Mit dem Sakrament gezogen Kommt Benone durch die Straße, Und die Kranke hebt frohlockend Und getröstet sich vom Lager.
"Bleibe liegen!" sprach Apone. "Willst du dir dein Weib erhalten," Sagt er dann zu Jacopone, "Hüt sie vor dem Abendmahle!
Sie stirbt eines schnellen Todes Bei der letzten Ölung Salbe. Da ich sie hab übernommen, Werd ich dieses nie gestatten!" —
"Jacopone, Jacopone," Seufzt nun angstbewegt die Kranke, "Willst du mich zur Hölle stoßen? Hüte mich vor diesem Drachen!"
"Seht, sie raset," spricht Apone, "Sie ist nicht mehr bei Verstande, Denn sie spricht verwirrte Worte, Taugt jetzt nicht zu heilgen Sachen!"
Doch nun tritt herein Benone, Nahet sich dem Bett der Kranken, Und sie spricht: "O Herr, willkommen! Wolle meine Beicht empfangen!"
Und der Priester will, es sollen Alle nun allein ihn lassen. "Rosadore, Jacopone Mögen bleiben," spricht die Kranke.
"Und ich geh nicht," spricht Apone, "Bis der Gürtel liegt im Wasser, Bis getrunken sie die Tropfen. Wer bringt meine Pflicht zu wanken?"
Und zu weichen hat Benone Nochmals friedlich ihn ermahnet; Aber höhnisch ihm der Stolze In das würdge Antlitz lachet.
Nun erst fühlet Jacopone, Welcher Geist in diesem Arzte, Und er spricht in schnellem Zorne: "Weich aus meinem Haus, du Laster!" —
"Hast du mich mit Schmeichelworten Hergelocket," spricht der Arge, "Bringst du mich mit bösem Trotze Wahrlich nimmermehr von hinnen!" —
"Weh uns!" jammert Jacopone, "Wer mag diesen Teufel bannen!" Und es nahet Rosadore, Spricht: "Ich wags in Gottes Namen!"
Und sie zieht gleich einem Dolche Jene Nadel Rosablankens Aus dem Haar, das Gold der Locken Fließt, sie rüstend, von dem Nacken.
Und im heilgen Zorne Gottes Springt die Kranke von dem Lager, Und ein Kreuz von rotem Golde Dienet ihr zur frommen Waffe.
Aber beiden reißt Apone Von dem Busen die Gewande. Da er sieht die heilgen Rosen, Fühlt er seine Sinne wanken.
Und er fluchet: "Moles, Moles! Dies ist unser Rosengarten. Daß er ewiglich verdorre, Mußt du dich zur Arbeit halten!"
Doch am Fenster ruft Benone Dem Geleite, und mit Fackeln Dringen sie herauf; Meliore Tritt einher vor allen andern.
Doch er stehet schwer erschrocken, Da er Apo sieht, und fraget: "Meister, lebet ihr hier doppelt? Eben hab ich euch verlassen!
Pietro kam als schneller Bote Zu dem Vater Rosablankens, Der erkrankte, euch zu holen, Und Ihr seid mit ihm gegangen.
Habt mir selbst die Hand geboten, Spracht, daß ihr des alten Hasses Gänzlich nun vergessen wolltet, Weil ich brav gelöscht beim Brande.
Dann hast du mich angesprochen Um ein Büschel meiner Haare; Sprachst: `Aus blondem Haar gesponnen Wird zur Wundennaht der Faden.'
Und ich gab dir eine Locke — Sieh, hier fehlt sie mir im Nacken — Folgte weit dir vor dem Tore, Bis in meines Bruders Garten,
Wo du eintratst, weiße Rosen Und Arzneikraut einem Kranken Zur Erquickung gleich zu holen; Dorten hab ich dich verlassen.
Denn es war dort bei den Rosen Solch ein heftger Duft entstanden, Daß mir schier gebrach der Odem; Wankend ging ich aus dem Garten.
Jetzt — wie find ich dich hier oben?" Doch ihn bei dem Arme fassend Spricht Apone: "Freund Meliore. Jetzt geleite mich von dannen!
Denn die Gattin Jacopones Will das Sakrament empfangen, Gönnen wir ihr Raum zum Troste!" Und nun gehen sie zusammen.
Ihnen folgen, die vom Volke Mit den Fackeln aufwärts drangen. In den Armen Jacopones Ruht ohnmächtig noch die Kranke.
Da sie wieder sich erholet, Segnend ihr der Priester nahet, Und sie spricht mit leisen Worten, Matt aufrichtend sich vom Lager:
"Der du an der Stätte Gottes, Höre, wie ich mich anklage, Was ich sündlich hab verbrochen, Seit auf Erden ich gewandelt,
Mit Gedanken, Werken, Worten. Und zuerst nun mit Gedanken: Ich gedachte, meinem Gotte Könnt ich Sünderin gefallen.
Und ich sündigte mit Worten, Weil ich Gott nicht Wort gehalten, Als das ja ich Jacopone Treulos gab an dem Altare.
Und mit Werken," sprach die Fromme, "Da ich sprang von dem Theater; Denn ich glaubte fest, des Todes Würd ich an die Erde fallen;
Glaubt in meinem bösen Stolze Ohne Sakrament empfangen Käm ich doch zu meinem Gotte, Sündigte auf sein Erbarmen.
Doch mich nicht verderben wollend, Hat er mich zur Buß erhalten, Die von ihm durch dich, Benone, Ich zerknirschet nun erwarte!" —
"Rosarosa," sprach Benone, "Keiner noch trat ohne Makel Vor den Thron des ewgen Gottes; Er wird dein sich auch erbarmen!
In des Vaters, in des Sohnes, In des heilgen Geistes Namen Sei dir, meine fromme Tochter, Deine Schuld erlassen! Amen.
Fühlst du jetzt dein Haus geordnet, Deinen Herren zu empfangen, Speis ich mit dem Himmelsbrote Dich zu diesem letzten Pfade." —
"Bis zum neuen Morgenrote Harret noch", spricht leis die Kranke, "Einen Bissen weißen Brotes Aß ich heut von einer Armen,
Der durch dich, mein Jacopone, Ward ihr kleines Feld erhalten Gen den Anspruch eines Großen; Sie bracht mir das Brot zum Danke,
Bat: `O esse von dem Korne Jetzt aus Liebe zu dem Manne, Der gerettet mir den Boden Dem dies Brot für mich entwachsen!'
Aber hört, die elfte Glocke Schlägt! Noch eine Stunde harret; Reicht indes zum letzten Troste Mir des heilgen Öles Salbe!"
Doch nun klaget Jacopone, Der bis jetzt in stummen Jammer Saß an ihrem Lager oben: "Weh, o weh, ich muß dich lassen!
O dich, aller Jungfraun Krone, Keusch und duldend gleich dem Lamme, Das die Schuld hat hingenommen, Das für uns das Kreuz getragen,
Rosarose, heilge Sonne Meiner irdisch trüben Tage, Firmament voll Lichtessonne, Ewig gleiche Friedenswage! # waage?
Herr, was hab ich denn verbrochen, Daß ich in der Nacht soll wandeln, Daß aus meines Himmels Dome Nun erlischt die heilge Lampe?
Weh, o weh, du süße Rose, Dornen dir das Herz zerbrachen, Die du fromm vor mir verborgen; Schuldig muß ich mich anklagen!
Weh, ich bins, der dich gemordet, Blind an jenem Hochzeitsabend, Da durch mich du von den Toten Hast den Dornengurt empfangen!
Und ich habe zu der Oper Dich geführet heute Abend: Weh, durch mich wards du durchbohret Von dem Gürtel bei dem Brande!
Deine letzte Zeit verdorben Hab ich dir aus falschem Wahne Durch den Bösewicht Apone, Hoffend, dich mir zu erhalten!
Ach, ich diene bösem Stolze! Die ich nie besessen habe, Die mir ewig war verloren, Wollt ich mir durch Kunst erhalten!
Weh, mein Weib, du Jugendrose, Auf dem Wasser der Demanten Spiegelt deiner Schönheit Sonne Ihres Abendrotes Flamme!"
Also jammert Jacopone. Ihm erwidert dann die Kranke: "Wolle nicht mit harten Worten Gegen Gottes Willen klagen.
Lasse uns den Herren loben, Daß er uns zurückgehalten Von dem Abgrund ewgen Todes, Von der Blutschuld hartem Laster.
Wenn der Schleier wird gehoben Über unserm dunklen Stamme, Singst du bis zu deinem Tode Gott und seiner Mutter Psalmen.
Seit das Weib den schwer verbotnen Apfel teilte mit dem Manne, Bringt das Weib das Kind des Todes Zu der Welt mit Not und Jammer.
Und wir durch die Güte Gottes Haben schuldlos uns erhalten, Und er wird uns nicht verstoßen Aus des Paradieses Garten.
Auch ich muß von diesem Orte In den Willen des Erbarmers; Dich, bei dem so gern ich wohnte, Muß ich einsam nun verlassen.
Und du sollst, wie Christen sollen, Deinem irdschen Gut entsagen, O, mein Bruder, wolle folgen Eines schwachen Weibes Rate.
Geh in einen frommen Orden; An die Stelle des Theaters Laß erbaun ein heiles Kloster; Dort auch ruhe meine Asche!
Lasse jetzt von armen Volke Stille mich zu Grabe tragen, Bis erbauet ist das Kloster Zur Kapelle bei Sankt Claren.
Und den Schwestern dieses Ordens Dann das neue Kloster lasse, Weil sie jetzt nur ärmlich wohnen Und das Haus sie kaum mehr fasset.
Meinen Sarg, geschmückt mit Rosen, Laß von armen Jungfraun tragen; Lasse auch die Kinder folgen, Die ich stets geliebet habe.
Allen spende aus zum Lohne Meine vollen Kleiderladen, Aus dem Tuch, das ich gesponnen, Lasse allen Hemdlein machen.
Mein Geschmeide, silber, golden, Alle Perlen und Demanten, Die mir deine Huld erworben, Schenke ich zu dem Altare.
Lasse eine Mutter Gottes Recht vor allen herrlich malen Und ihr vor dem hohen Chore Himmlische Musik erschallen.
Mit des Weihrauchs süßen Wolken, In wollüstger Düfte Kampfe, Soll ein Wald unzählger Rosen Um der Kirche Säulen ranken.
Kelche, Lampe, Weihebronnen, Leuchter, Rauchfaß und Monstranzen: Alle seien goldne Rosen, Durch der Künstler Fleiß gestaltet.
Und die groß und kleine Glocke Und der Taufstein und die Kanzel Seien Rosen gleich geformet. O, welche frommer Rosengarten!
Als ich bin getragen worden Sinnlos weg von dem Theater, Hat sich ein Gesicht ergossen, Hab ich diesen Wunsch empfangen.
Unter einem hohen Dome Sah ich Weihrauchwolken wallen Und Gesang und Klang der Orgel Durch die Säulenwälder wachsen.
Und ich sah den Greis Benone Eine Totenmesse halten, Aber alles war voll Wonne, Alles war voll selgen Glanzes!
Und ich sah viel fromme Nonnen Einsam betend in der Kammer, Sah sie nächtlich in dem Chore Himmlische Gebete lallend.
Und vor allen glanzumflossen Sah ich eine mit der Nadel Weiße, rote, schwarze Rosen Wirken in die Meßgewande.
Und das Bild der Mutter Gottes, Gnädig blickend vom Altare, Glich dir, meine Rosadore, Aber heilger, höher strahlend.
Und ich selbst lag eingeschlossen Kühl in einem Marmorsarge; Auf der schweren Decke oben Schlief der Knabe mit dem Lamme.
Rings um mich geliebte Tote Schlummerten zum letzten Tage; Doch kein Sinn war mir verschlossen, Und ich sah und hörte alles.
Ach, wie mag die Visionen Alle ich in Worte fassen! Durch der Kirche hohe Bogen Himmelschöre niederdrangen!"
Und nun sagte Rosadore: "Ja, des Himmels Tore standen Über diesem Tempel offen, Von den Seligen umscharet.
Und es stand die Mutter Gottes Und der Heiland mit dem Lamme Ganz bekränzt mit süßen Rosen In des Lichtes ewgen Glanze.
Und der Engel Legionen Sangen: Gnade! Gnade! Gnade! Tausend Kränze heilger Rosen Sah ich zum Altare fallen.
Und den Schleier einer Nonne Sah ich nehmen Rosablanken; Eine Goldflut ihrer Locken Vor der Schere niedersanken.
Singend stand ich auf der Orgel, Vor mir stand die goldne Harfe; Aber stille und gestorben Lag mein Herz in kalten Banden,
Wie in bösem Traum der Boden Fliehenden die Füße bannet, Hilferufenden der Odem Kämpfend in der Brust erstarret.
Lebend und doch eine Tote, Sehend und doch dicht umnachtet, Stumm, doch singend vollen Tones, War ich wie von Stein umfangen.
Neben mir stand schwarz Apone. Weh, o weh, was er gesaget, Was er sprach vorhin im Zorne, Füllet mich mit tiefem Bangen!
Doch am Altar aufgezogen Ward ein himmelblauer Mantel, Und das Bild der Mutter Gottes Grüßte laut des Volkes Ave.
Und ich hört in meinen Ohren: Ave, Salve, Mater! schallen, Und aus meinen Augen quollen Wieder Tränen auf die Wangen.
In der Kirche hohem Dome Schmetterten die Nachtigallen, Ganz durchzucket von dem Tone Fühlt mein Herz ich wieder schlagen.
Und ich bin emporgeflogen, Eine Stimme, singend Ave, Bin des Engels Gruß geworden, Ave, Salve, Dei Mater!
Dies Gesicht war mir ergossen, Da ich sinnlos in der Harfe Ruhete, von Meliore Fromm gerettet bei dem Brande." —
"Was du sahest, Rosadore, Sah ich alles," sprach die Kranke, "Herr! du hast in Visionen Wunderbar dich uns erbarmet!"
Und in stiller Wonne schlossen Beide sich in ihre Arme. Ruhig sprach nun Jacopone: "Herr, tu mir nach Wohlgefallen!"
Aber nun tritt durch die Pforte Agnus castus mit dem Lamme, Knieet betend an dem Boden Neben Rosarosens Lager.
Nach der Sanduhr sieht Benone, Eine Schelle rührt der Knabe, Niederknieet Rosadore, Jacopone bei der Kranken.
Beim Gesang des frommen Volkes, In dem Scheine heller Fackeln, Hat sie leis das Haupt erhoben Und des Herren Leib empfangen.
Und dann sprach sie noch die Worte: "Herr, du hast dich mein erbarmet, Herr, dein Wille sei gelobet, Meine Seele nun empfange!"
Mit dem heilgen Öl Benone Haupt und Hand und Fuß ihr salbet. Und sie sprach: "Des Herzens Rose Wirft unendlich weiten Schatten!
O der Wonne, o des Trostes, O des wundersüßen Garten! Singe, meine Rosadore, Mit des Himmels Nachtigallen!
In dem Schatten meines Todes Lasse Gottes Lob erschallen!" Und es sang nun Rosadore Zu dem Klang der goldnen Harfe.
Solch ein Lieb, so selgen Tones, Hat nur da die Luft getragen, Als der Heiland ward geboren Und die Engel Gloria sangen.
Also sang des Lichtes Bogen, Da den Lustkreis aller Farben Gott durch seinen Raum hinrollte In dem Glanz des ersten Tages;
Also tönt des Wassers Woge, Mit dem Rund des Erdenballes Selig spielend in der Sonne, Jauchzend an dem ersten Tage.
In so süßen Tones Strome War die Luft aus Gottes Atem Um die junge Welt ergossen, In der Lust des ersten Tages.
Und die neue Erde rollte Unter also freudgem Klange In den Kreis von Mond und Sonne, Jubelnd an dem ersten Tage.
Also sang das Blut, ergossen Durch des neuen Menschen Adern, Also sang der Mensch voll Wonne, Da er zu der Welt erwachte.
Doch annoch viel höhern Tones Wird das Lied der Selgen schallen, Wenn sie aus dem Haus des Todes Zu dem Antlitz Gottes wandeln.
Aber nun zieht mit dem Volke, Betend bei dem Schein der Fackeln, Nach dem Kloster hin Benone. Einsam steht der Toten Lager.
Und es küßt ihr Rosadore Tränenlos die bleiche Wange, Grüßet scheidend Jacopone Und verläßt ihn mit der Harfe.
Einsam sitzet Jacopone Auf dem stummen Sterbelager, In der Toten Demantkrone Mit des Schmerzes Blick hinstarrend.
Keine Träne ihm entrollet; Seine tiefe Trauer raget Wie die Wüste öd und trocken Auf, am Horizont verschmachtend,
Ohne Schatten, und die Sonne Selbst ein tiefer Feuerschatten, Der sich wie ein weiter Bogen Über seinen Scheitel lagert.
Die Gedanken an dem Boden Schleichend, in dem gleichen Sande, Alle Spuren von dem Odem Heißen Sturmes stets verwaschen.
An dem Himmel keine Wolke, An der Erde keine Pflanze, Auch kein einzger kühler Tropfen In dem ungeheuren Plane.
Also sitzet Jacopone In der Wüste seines Jammers, In die helle Demantkrone Der geliebten Leiche starrend.
Aber auf die Schulter klopfet Agnus castus ihm, der Knabe, Reicht ihm einen Korb voll Rosen: "Jacopone, jetzt erwache!
Kränz des Todes Braut mit Rosen; Sie sind aus demselben Garten, Wo die Rosen ihr gebrochen An dem ersten Hochzeitsabend.
Nimm ihr ab die Demantkrone, Die du ihr hast heute abend In das Silberhaar geflochten; Deiner letzten Pflicht gewarte! # gewahre?
Einst werd ich am rechten Orte Wunderbare Dinge sagen; Du wirst, die dir war verborgen, Deines Namens Schuld erfahren."
Sprachs. — Da jener nahm die Rosen, Schied er betend aus der Kammer: "Jesus Christus sei gelobet!" Jacopone saget: "Amen!"
Als er löst die Demantkrone Aus dem Strom des Silberhaares, Ist des Schmerzes Kern gebrochen, Und des Jammers Quellen sprangen.
Da er ihr den Kranz der Rosen Legte in die Silberhaare, Sind die Augen in dem Strome Heißer Tränen ihm vergangen.
Da der arme Jacopone Ihr die kalten Hände faltet, Ist der Trauring roten Goldes In die Hand ihm schwer gefallen.
Da er ihr das Aug geschlossen, Brach er aus in lauten Jammer, Ganz in einem Tränenstrome Der Geliebten Antlitz badend.
Als die Nacht war hingezogen, Stand des Morgensternes Fackel An dem stillen Horizonte, Wie ein Irrlicht auf dem Grabe.
Wie in eines ausgestochnen Auges leere Höhle, zagend Sah des neuen Tages Sonne In das Herz des armen Mannes.
Und wie an dem Hochzeitsmorgen Pietro, sie begrüßend, sagte: Grüßt sie an dem Todesmorgen; Jacopone, laut aufjammernd:
"Grüß dich, blutge Todessonne, Grüß dich, Held des Unterganges, Grüß dich, Heiland voller Dornen, Grüß dich, Sichel meines Gartens!
Grüß dich, lichter Trauerbote, Grüß dich, Tauestränensammler, Grüß dich, Wecker aller Toten, Grüß dich, Feuerheld des Grabes!
Singt die sieben letzten Worte, Singt sie mir, ihr grauen Schwalben! Singt ihn mir, den Schild des Todes, Singt den Held des Unterganges!"
** Romanze XIV: Apo und Meliore
Durch die stillen Straßen schreiten Apo und Meliore hin, Gleiche Pfade führen beide Zu dem Turm, zur Tänzerin.
Wo das Mondgefild sich breitet Um des Brandes Trümmer hin, Ruht ihr Weg, und tief erweitet Fühlt Meliore seinen Sinn.
Und er spricht zum ernsten Meister, Den er bei der Rechten nimmt: "Selig, wer gleich dir die Geister Leicht nach seinem Willen stimmt.
Spricht, o Herr! auf welche Weise Reißest du mich jetzt zur dir? Da du heut im lauten Kreise Also hart begegnet mir?
Da du zürntest mir im Streite, Sieh, da scheute ich dich nicht; Jetzo friedlich dir zur Seite Alle Kühnheit mir gebricht.
Daß der, den ich erst geleitet Zu des Pietro Garten hin, Wieder mir zur Seite schreitet, Will mir nimmer in den Sinn.
Sprich, wie soll ich nur begreifen Deiner Künste tiefe List, Daß ich hier dich kann ergreifen, Der erst dort vor kurzer Frist.
Meister sprich, und dann verzeihe, Daß ich also heut mit Schimpf Traf des hohen Hauptes Weihe; Zeige deines Herzens Glimpf!
Kenntest du des Jünglings Leiden, Der so kühn dich heut bestritt, Ach, du würdest Trost bereiten Mir, der deinen Zorn erlitt.
Lass mich zum Kerker weichen, Dem das Feuer mich entriß, Kannst du mir die Hand nicht reichen, Daß mir deine Gunst gewiß!"
Apo gab die Hand: "Dein Eifer," Spricht er, "wisse, war mir lieb; Herrlich wirst du, wenn du reifer, Denn dich treibet hoher Trieb.
Doch es muß vor der Gemeine Leiden, wer zutage springt, Daß nicht aus dem Chor alleine Einer andre Weise singt.
Ob du würdig könntest leiden, War zu forschen ich gewillt; Nebst dem Schwerte zu dem Streiten Führe auch der Mann das Schild.
Und nun nenn ich dich den Meinen, Zeigte dir mein Doppelbild; Wird der dritte dir erscheinen, Ist das Ganze dir enthüllt.
Zeugnisgebende sind dreie, Und die dreie eines sind; Du hast einen Grad der Weihe, Noch bist du ein blindes Kind.
Wisse, der Dreieinigkeiten Schweben in dem Zirkel viel; Wer sie alle kann durchschreiten, Dreht den Zirkel hin zum Ziel.
Doch nun laß uns andre Kreise, Die uns näher liegen, ziehn, Daß ich tätig dir beweise, Wie ich dir gewogen bin.
Einsam sind wir und alleine, Ich und du und die Begier; Sprich, nach welchem Zauberweine Lechzt die trockne Zunge dir?
Fein ist diese Zeit; es schweifet Süß das trunkne Mondenlicht; Wer jetzt nach den Äpfeln greifet, Der verfehlt die reifen nicht.
Von der Venus Tau bereifet, Schwillt der Früchte süß Gewicht: Sage, welche Lust gereifet Dir aus heißem Busen bricht" —
"O, mein hoher Herr und Meister, Du bist weis," Meliore spricht, "Und es reichen alle Geister Deinen Augen gern ihr Licht.
Sehe, hier stehn wir im Freien, Unterm hohen Wolkenschild, Und des Brands Ruinen streuen Auf den Plan ihr Schattenbild.
Kannst du aus der Sterne Reihen Sagen, ob die Zukunft hier Andre Schatten wird verleihen Dieses Platzes hoher Zier?
Ob nicht seinen Schatten breiten Hier ein heilger Tempel wird, Wo wir jetzt durch Trümmer schreiten, Die des Wassers Flut durchirrt?"
Doch Apone sprach: "O schweige, Anderes begehr von mir, Daß ich anderes dir zeige, Was mir lieber ist und dir!
Denn nicht diese toten Steine Heben zu dem Licht den Blick; Nur des Lichtes Sohn alleine Liest gestirnet sein Geschick.
Geisterschwer erblühn die Zeiten Heute aus dem Sterngefild, Durch den reichen Himmel schreiten Seh ich wunderbar Gebild.
Denn die Jungfrau hebt den Schleier, Und der Widder freudig springt, Und der Stier erhebt sich freier, Da der Schwan verbuhlet sind.
Und die Zwillinge, sie weinen, Da die eine Wage sinkt, Und der Steinbock will nicht scheinen, Weil der Schütz den Bogen schwingt.
Amors Pfeil der Pfeil heut gleichet, Sieh, wie er zur Jungfrau ziel; Wie der Fisch zum Fische streichet Und in Wogenschimmer spielt.
Nach des Bechers süßem Weine Greift der Wassermann und trinkt, Bär und Hund, der groß und kleine, Tanzen, der Triangel klingt.
Pegasus mit Wiehern schreiet Zu dem kleinen Pferde hier, Des Zentauren Lust sich zweiet Zu der Jungfrau, zu dem Tier.
Und der Walfisch, ein Hochzeiter, Jauchzend im Eridan springt, Und das Schiff, es flagget heiter, In dem Pol sein Ruder klingt.
Bei dem Hafen jagdlich schweifen Sehe ich Orions Licht, Doch vor ihm die Flucht ergreifen Heute die Plejaden nicht.
Liebend denket er mit Schweigen Der Hyperboreerin, Und vor Herkuls Seele streichen Alle Thespiaden hin.
Cepheus, Cassiopeia neigen Liebend zueinander sich, Und Andromeda erreichen Seh den starken Perseus ich.
Freudig laut der Fuhrmann geißelt, Und das Böcklein zu ihm springt, Und der Löwe lustgekräuselt Seinen Schweif zur Jungfrau schwingt.
Wie im Paradiese schweifet Dort die Schlange lustgeringt; Weil die Feigen sind gereifet, Hoch der Rab den Becher schwingt.
Frei strömt, wie zur Hochzeitsfeier, Berenicens Locke hin, Und im Klang von Orpheus Leier Schaukelt trunken der Delphin.
Den Antinous umkreisend, Hoch des Adlers Fittig klingt, Der, sie von der Erde reißend, Götterknaben aufwärts schwingt.
Eine Schlange tragend weilen Seh den Polyides ich, Minos lehrte sie ihn heilen, Dich zu heilen lehrt sie mich.
In der Nordkron goldne Reife Eine Myrte süß sich schlingt, Und der Drach mit brünstgem Schweife Heiß den kalten Pol umringt.
Zu geheimer Liebe Feier Hell des Altars Glut entglimmt; Die Südkrone schimmert freier, Und in Lust der Südfisch schwimmt.
Ihre Scheren brünstig breiten Krebs und Skorpion zum Licht, Und der Wolf in Himmelsweiden Trübt der Lämmer Quelle nicht.
Also glühend sind die Zeiten, Also brünstig ist das Licht, Wie die Rose, die den Bräuten Venus durch die Locken flicht.
Die Granate senkt gereifet Ihrer Kerne Goldgewicht, Trunken durch die Blätter schweifet Amor, der sie taumelnd bricht.
Selig ist wohl der zu heißen, Der in Liebe selig ist; Sprich, kann ich dich selig preisen, Der du also liebend bist?
Meliore, sei der meine; Sage ohne Hinterlist, Ob Biondette je die deine Ganz und gar gewesen ist?
Ob dein selger Mund alleine Ihres Leibes Rosen bricht, In der Augen Sonnescheine, In des Busens Mondenlicht?
Ob du in die Wollustkreise Ihrer Mitternächte blickst, Daß dich jauchzend an sich reiße, Die entzücket du entzückst?"
Doch entsetzet hier den Meister Meliore unterbricht; "Bei dem Gott der selgen Geister Schwöre ich: das tat ich nicht!
Und will einer des sich preisen, Ich nenn einen Teufel ihn; Will mit Händen den zerreißen, Der sie solcher Schmach geziehn!
Gott und Vater! wüßt ich einen Solches denkend, sein Gehirn Schlüg ich ihm mit kotgen Steinen Aus der unverschämten Stirn!
Denn die Sterne sind nicht reiner, Als der Leib Biondettens ist, Und der Schoß, er war nicht reiner, Der empfangen Jesum Christ!
Doch du machst aus Weltenkreisen, Wo der Engel Palmen schwingt, Und, den Ewigen zu preisen, Gloria die Sphäre singt,
Einen Tummelplatz der Heiden, Wo die Sünde Lanzen bricht, Und ein ekles Wolluststreiten, Dem die Geilheit Kränze flicht!
Könntest du mir auch beweisen, So sei meiner Liebe Ziel, Möge mich der Stern zereißen, Der jetzt dort vom Himmel fiel!"
Also sprach er, und es breitet Apo seinen Mantel hin, Fing den Stern, der niedergleitet: "Sieh, was dir ein Stern erschien!
In dem trüben, kalten Schleime Hier, erkennest du das Licht? Stürzend durch des Himmels Räume Wahrlich, dies erschlägt dich nicht!
Alles ist nicht Gold, was gleißet, Und was glühend dir erschien, Sich als faules Holz erweiset, Nahest du dem Wunder kühn.
Und das eben macht den Weisen, Daß er in dem Sonnenlicht Kann die Mitternacht beweisen, In dem Leichten das Gewicht.
Daß selbst in des Lichtes Leichte Er die Wucht, die niederzieht, In dem Abgrund auch das Seichte, In dem Seichten Abgrund sieht.
Sollt ich dich nicht selig preisen, Wäre solch ein Weib dein Spiel? Um die Erde möcht ich reisen Nach so wunderbarem Ziel!
Doch die Jugend möchte steigen, Um den Himmel zu erfliehn, Und das Alter muß sich neigen, Sieht ihn an der Erde blühn.
Willst du nun die Lust erreichen, Die dir durch die Adern rinnt, Einen Trank will ich dir reichen, Der dir ihre Gunst gewinnt.
Läßt du dir das Recht entreißen, Das dir Lust und Jugend gibt, Wird dich schwer der Neid zerreißen, Wenn sie andern sich ergibt.
Daß zum Falle sie gereifet, Seh in ihren Sternen ich, Wenn kein andrer sie ergreifet, Nenne einen Lügner mich!" —
"Den möcht ich jetzt gleich dich heißen," Zürnend nun Meliore spricht, "Solche Unschuld kann nicht gleißen, Gottes ist ihr Angesicht!
Körner streust du; ich soll gleiten, Aber Gott erhalte mich! Sündflut aller Eitelkeiten, Hier vor Gott verfluch ich dich!
Ja, gleich leicht magst du beweisen, Diesen Himmel ernst und still Sehest du vom Blitz zerreißen Und von donnerndem Gebrüll;
Und die Stadt im Mondenscheine Fülle jetzt der wilde Krieg, Und daß jetzt, wo wir alleine, Weit ein Feld voll Leichen lieg;
Daß Bologna ihre weite, Hochgetürmte, feste Stirn Niederbeuge jetzt im Streite Vor dem himmlischen Gestirn!
Daß du doppelt kannst erscheinen, Weil ichs sah, bewiest du mir; Doch Biondettens Schuld verneinen, Selbst sie sehend, würd ich dir!" —
"Malst du an die Wand den Teufel," Apo zu dem Jüngling spricht, "Hält er dir auch ohne Zweifel Zu der Malerei das Licht!"
Sprachs. Und plötzlich donnernd steiget Um den Mond die Finsternis, Und so weit der Himmel reichet, Hell ein Blitz die Nacht zerriß.
Und rings durch die Stadt verbreitet Sich ein tosend Stahlgeklirr; Näher, immer näher streitet Her der Stimmen Kampfgewirr.
Meliore bebt. Es schreiten Tausend Bürger in den Ring, Und mit Wut von allen Seiten Hebet sich das Schwertgekling.
Und es sinket Reih auf Reihe Auf dem blutgen Mordgefild, Daß von Wut- und Wehgeschreie Laut ertost das Wolkenschild.
Weh! da stürzen auf die Streiter Rings Bolognas Türme hin, Doch sie kämpfen immer weiter, Nichts erschrecket ihren Grimm!
Zu den Füßen seinem Meister Sinnlos hin Meliore sinkt, Bis das Spiel der bösen Geister Dieser in den Abgrund winkt.
Und von Schrecken ganz gebleichet Richtet auf der Jüngling sich: "Du hast Böses mir gezeiget, Meister, nun entlasse mich!"
Apo spricht: "Du prophezeitest Dieser Stadt dies Ungeschick, Weil du sie so toll vereidest Für Biondettens Tugendglück.
In der Wage liegen beide, Leg dich zu der Tänzerin; Daß dein Vaterland nicht leide, Gebe dich der Freude hin!
Größre Wunder könnt ich zeigen — Eines Wortes leicht Gewicht, Eines nichtgen Blickes Steigen Führt oft her ein schwer Gericht.
Und so stehn die Himmelszeichen: Es erfüllt sich dies Gesicht, Brichst du von Biondettens Zweigen Heut die reifen Früchte nicht!" —
"Läßt so leicht vom Himmel reißen Dieses Landes Schicksal sich," Spricht Meliore, "will verheißen Eine schönre Zukunft ich!
Hohe Nacht, ihr Sternenreiche, Mond, du keusches Angesicht, Euch Biondetten ich vergleiche, Sie weicht euch an Friede nicht.
Und so fest und ungebeuget Stehet ihrer Tugend Zier, Als einst fromm ein Tempel steiget Aus des Brands Ruinen hier!
Sieh! beweget sind die Steine, Ordnen auf zu Mauern sich; Diese Geister sind die meinen, Und ihr Meister bin auch ich!
Freudig auf die Pfeiler steigen; Hörst du, wie Biondette singt? Wie nach ihrer Harfe Reigen Stein auf Stein zum Himmel dringt?
Wie nach ihren Melodeien Kuppel sich an Kuppel ringt, Und die Säule ihre Reihen Mit dem Palmenknauf verschlingt?
Der Kapellen Einsamkeiten Ordnen sich in Harmonie; Wo die Töne sich durchschneiden, Wölbt des Chores Halle sie.
Wo die Töne höher steigen, Heben sich die Türme spitz, Die zum Firmamente reichen Mit der Kreuze goldnem Blitz.
Wo sie sich zur Tiefe neigen, Zu der Grüfte Labyrinth, Seh ich trauernd niederschleichen Still der Treppen Steingewind.
Heilig scherzt in tausend Weisen Blum um Blume, Bild um Bild, Und, die Meisterin zu preisen, Widerhall dem Stein entquillt.
In der Kerzen selgem Scheine Bebt der Altar feierlich, Und gleich einem Frühlingshaine Füllt das Haus mit Jubel sich.
Silbernem Gefäß entkreisend Süß der Weihrauch aufwärts dringt, Und des Himmels Tor aufreißend Hochgesang in Wonne ringt.
Sieh, wie zu des Tempels Weihe Rings die frommen Bürger ziehn; Meister! Gott uns Trost verleihe, Laß uns betend niederknien!"
Spricht Meliore, und den Meister Will er an dem Mantel ziehn; Helfet! alle guten Geister! Er sieht vor sich doppelt ihn!
Einer trägt ein Feuerzeichen Auf der hohen, dunkeln Stirn, Kalt sie sich die Hände reichen, Und es bebet das Gestirn.
Lachend sie von dannen schleichen, Sieh, da kehrt das Mondenlicht; Durch das nächtlich tiefe Schweigen Meliors Stimme bricht:
"Weh! Bologna, weh! Sich neigen Sah ich deiner Türme Zier, Sah ein blutig Feld der Leichen Über deinem Herzen hier!
Weh! in deinen Eingeweiden Reget sich ein Drachenkind, Und es streun die dunklen Zeiten Deine Asche in den Wind!
O, wie muß ich den beneiden, Der den Stamm, des Sohn er ist, Kennt, daß er den Fluch der Leiden Nicht in seinem Schuldbuch liest!
Einen Schuldgen suchend, reißen Um das Schiff die Stürme sich; Weh! ich kann mich des nicht preisen, Daß den Fluch nicht trage ich!
O Allmächtiger, o zeige, Ob der Sünde ich entspring, Daß ich zu der Flut mich neige Und ein sühnend Opfer bring!"
Also fleht er um ein Zeichen, Und sein Flehen ihm gelingt: Durch das tiefe nächtge Schweigen Hell die Totenglocke klingt.
Und der Glocke Schall geleitet Zu Biondettens Wohnung ihn; Wo der Baum die Schatten breitet, Kniet er bei dem Altar hin.
"Herr! die Seele, die jetzt streitet, Richt in deinem Zorne nicht; Herr! die Seele, die jetzt scheidet, Sehe bald dein Angesicht!"
Und er höret an dem Zeichen, Daß ein Weib gestorben ist, Weil die Zahl der Glockenstreiche Zweimal unterbrochen ist.
"Jacopones frommem Weibe Wohl das dunkle Auge bricht. Ob ich gehe, ob ich bleibe?" Bang der Jüngling zu sich spricht.
"Denn nicht lang mehr kann verweilen Die geliebte Tänzerin; Sah ich sie, dann will ich eilen Tröstend zu dem Bruder hin.
Ach, schon hör ich aus der Weite Leichter Füße Flügelschritt!" Von der monderhellten Seite Bang er in den Schatten tritt.
"Soll ich singen, soll ich schweigen, Wenn sie mir vorüberzieht? Gerne gäb ich ihr ein Zeichen, Daß ein Liebender sie sieht!"
Doch ein dunkler Fechter schreitet In dem Schatten vor ihn hin, Und zum Kampfe schnell bereitet Meliore sich gen ihn.
Aber in des Degen Kreisen Seine Klinge ihm zerspringt, Ihn durchbohrt des Feindes Eisen, Und er spricht, indem er sinkt:
"Herr! die Seele, die jetzt streitet, Richt in deinem Zorne nicht; Herr! die Seele, die jetzt scheidet, Sehe bald dein Angesicht!"
** Romanze XV: Meliore und Biondetta — Biondettens hohes Lied
Gieße, Mond, dein Silber milder Durch die blauen Himmelsmeere; Blicket fromm, ihr Heldenbilder, Nieder aus dem Sternenheere.
Einsam kühle Nachtluft, stille Grüße aus dem Himmel sende; Blüten, Blumen, eure Fülle Duftend sich der Nacht verschwende.
Philomela, süßer stimme Deines Traumes Wonn und Wehe, Daß es zu den Sternen glimme Und um Gottes Liebe flehe.
Klang der süßberauschten Zither Unter Liebchens Fenster bebe; Still eröffne sie das Gitter, Daß sie Liebesworte gebe.
Jünglingen, die schlummernd liegen, Komm ein Liebestraum entgegen; Auf die Kindlein in den Wiegen Senke sich ein Engelsegen.
Und die Wünschelrute sinke Jedem auf des Schatzes Schwelle, Und dem Durstgen, daß er trinke, Sei der Schatz die kühle Quelle.
All ihr Bronnen, selig zielet In die mondberauschten Becken; Leis im West, ihr Blätter, spielet, Um die Vöglein nicht zu wecken.
Nacht, in deines Zaubers Schlingen Soll sich Liebesscham verketten, Unter lustbetrauten Schwingen Bräutliches Entzücken betten.
Was die Seele, was die Sinne Hoch begeistert, tief erreget, Deines Glücksrads Lustgewinne Seien alle ausgeleget.
Spinnet bei dem Mondenlichte Eure feinsten Netze, Elfen, Und die schlauen Zauberwichte, Alle Zwerge sollen helfen.
Felsbewohnende Sibyllen, Leichte Nymphen flüchtger Quellen, Einet alle euren Willen, Diese Netze aufzustellen.
Locket, locket, süßer singend, In die Netze, ihr Sirenen, Und den Tönen nicht gelingend, Laßt gelingen es den Tränen.
Denn es will uns heut entfliehen Der melodischste der Schwäne, Will zu heilgerm Himmel ziehen, Daß sein Herz sich nicht mehr sehne.
Königin der Sternenzinne, Priesterin verklärter Herzen, Lehrerin geheimer Minne, Heldin, Trösterin der Schmerzen,
Nacht! durch deines Tempels Mitte Sehe ich Biondetten gehen, Scheu verhüllt in züchtger Sitte; Du wirst sie nicht wiedersehen.
Auf dem Platze mondbeschienen Bleibt sie ruhig schauend stehen, In die düsteren Ruinen Noch einmal zurück zu sehen.
Sie beginnet leis zu singen; In der Nachtluft einsam Wehen Ihre Töne sich verschlingen Wie der Andacht schwankend Flehen.
"Herr, ich steh in deinem Frieden, Ob ich lebe, ob ich sterbe; Starb mein Heiland doch hienieden, Daß ich sein Verdienst erwerbe.
Will der Schmetterling zum Lichte, Muß die Larve er zerbrechen, So hast du dies Haus vernichtet, Meine Freiheit auszusprechen.
Laß die Flügel mich erquicken, In der Andacht sie erstrecken, Und zum Himmelsgarten zücken Durch der Buße dornge Hecken!
O, wie hast du hoch gezieret Diese Weltnacht, mir die letzte; Eine Seele triumphieret, Deren Tod mich hoch ergötzte.
Solchen Tod laß mich gewinnen, Herr, nach einem solchen Leben, Laß mich mit so klaren Sinnen Dir die Seele wiedergeben!
Denn in deinen Händen liegen Alle demutvollen Herzen, Wie die Kindlein in den Wiegen, Still entschlummert, ohne Schmerzen."
Also sang sie, und geschwinde Eilt sie auf verschlungnen Wegen, Und schon höret sie die Linde Nächtlich grüßend sich bewegen.
Rascher flügelt sie die Schritte Ihres Hauses Tor entgegen, Da begegnet ihrem Tritte Klirrend ein entblößter Degen.
Ach, und weiter noch zwei Schritte Liegt, vom Mantel leicht bedecket, Der den bösen Mord erlitten, Stumm ein Jüngling ausgestrecket!
Da sie zu ihm niederblicket, Will er noch die Blicke heben; Den der Tod schon fest umstricket, Kann die Schönheit noch beleben.
Gleich dem frommen Samariter Hebt die mutige Biondette Mühsam nun den toten Ritter, Trägt ihn hin nach ihrem Bette.
Lebend konnts ihm nie gelingen, In ihr Kämmerlein zu sehen, Und er mußte, einzudringen, Durch des Todes Pforte gehen.
Schnell die Lampe angezündet Unter bangen Herzensschlägen! Ach, das Herz, das sie verbindet, Schlägt noch liebend ihr entgegen!
Balsam macht sie aus den Giften, Die sie sonst im Tanz umgeben, Mit der Öle süßen Düften Ruft sie wieder ihn zum Leben.
Und sie löset ihm geschwinde Seinen Koller überm Herzen, Sauget ihm sein Blut gelinde Aus der Wunde mit den Schmerzen.
Ach! und ihren frommen Lippen Strömt die Torheit frech entgegen; Quelle böser Zauberklippen, Liebesgift war an dem Degen!
Auf der Brust ihm eingeschnitten Ihren Namen liest Biondette, Und ihr Bild, nach Liebessitte, Hängt darauf an goldner Kette.
Doppelt ihren Schleier windet Sie, mit Tränen ihn benetzend, Und die Wunde sie verbindet, Sich der Blöße nicht entsetzend.
Und sie eilt und schmückt das Zimmer, Zündet an wohl hundert Kerzen, In der Spiegel Widerschimmer Gold und Silber freudig scherzen.
Ihres Putzschranks Flügeltüren Öffnet sie mit leichten Händen, Daß ein eitles Triumphieren Rings entstrahle allen Wänden.
Und die falschen Götterbilder Schmücket sie mit Flitterkränzen, Aus dem Schoße goldner Schilder Läßt sie seidne Röslein glänzen.
Reiherbüsche pflanzt sie flitternd Auf des Boden Purpurdecken, Diamantne Nadeln zitternd Zäumt sie ein mit Federhecken.
In der Torheit Garten glimmend Rüstet sie ein Weihrauchbecken, Daß die Weihrauchwolken schwimmend, Lüstern halb den Glanz bedecken.
Weh! wer hat sie so verrücket? Alle Blumen muß sie brechen; Wie des Wahnsinns Braut geschmücket, Muß ihr keusches Herz erfrechen.
Schamlos tritt sie vor den Spiegel, Ihre Brust zu Tag zu legen, Weh! da blicket Gottes Siegel, Die Goldrose ihr entgegen.
Doch sie ist so tief verstricket, Nichts kann ihre Glut erschrecken, Ihre Blöße sie entzücket, Und sie mag sich nicht bedecken.
Und mit süß vertrauten Blicken Sitzt sie auf des Jünglings Bette; Weltlicher nicht konnt sie blicken, Wenn sie nie gebetet hätte.
Und sie fühlt in allen Sinnen Ein unheiliges Ergötzen Wild durch ihre Adern rinnen, Und sie muß die Zucht verletzen.
Seine Lippen, seine Stirne, Ihren Namen ihm am Herzen, Küsset heiß die arme Dirne Unter suß berauschten Schmerzen.
Und in seinen Locken spielen Ihre zarten Hände bebend, Doch umsonst die Küsse zielen, Seine Lippen nicht belebend.
An den Busen ihn zu drücken, Seinen Namen laut zu nennen, Fühlet sie ein wild Entzücken, Doch er will sie nicht erkennen.
"Meliore," spricht sie liebend, "Deine Augen zu mir wende, Süßen Dank der Huld ausübend, Die ich zärtlich dir verschwende!
Sieh, es will der gütge Himmel So dich an das Herz mir legen, Wie ich in des Brands Getümmel An dem deinen bin gelegen!
Wenn du auch nicht wiederküssest, Winkend nur ein Zeichen gebe, Mir zum Troste, daß du wissest, Wie ich dich nicht überlebe!"
Und die Harfe nimmt die Süße, Läßt die Saiten wild erbeben; Ach, die heißen Liebesgrüße Können nicht sein Aug erheben.
Keuscher Tod, du drückst sie nieder, Solche Raserei zu sehen, In dem Klang der giftgen Lieder Soll er sie nicht wiedersehen.
"Ihn, den meine Seele liebet," Singt sie, "sucht ich in dem Bette, Sucht ihn durch die Straßen ziehend, Fand ihn doch an keiner Stätte.
Und ich fragt die Wächter bittend, Die da durch die Straße gehen: Ihn, den meine Seele liebet, Habet ihr ihn nicht gesehen?
Und vorübergehend finde Ich den Liebsten meiner Seele, Ihn mit Rosenketten binde, Ihn auf ewig mir vermähle!
Und ich halt ihn, laß ihn nimmer, Den ich fand auf meiner Schwelle, Führ ihn in der Mutter Zimmer, Führe ihn in meine Zelle.
Sieh, ich bin ein Rauch von Myrrhen, Auf sich aus der Wüste hebend, Und, wie Bienenschwärme irren, Küsse meinem Mund entschweben.
Weiß und rot ist, den ich minne, Golden sich sein Haupt erhebet; Wenn ich seinen Locken spinne, Schwarz die Nacht den Mantel webet.
Seine Augen mich erquicken Und die Seele mir erhellen, Wie die Taubenaugen blicken Zu den klaren Wasserquellen.
Wie Gewürze duftend, grüßen Seiner Wangen Blumenzellen, Süße Myrtenöle gießen Seiner Lippen Rosenquellen.
Goldne Türkisringe zieren Seine klaren Silberhände, Elfenbeinern und saphieren Trägt der Goldfuß seine Lende.
Und er stehet aufgerichtet, Wie die Zedern auserwählet, Wie der Libanon umlichtet, Der dem Himmel sich vermählet.
Wie mein Saitenspiel, erklinget Süß und lieblich seine Kehle, Und zu seinen Lippen dringet Lustberauschet meine Seele.
O, du Büschel süßer Myrrhen, Zwischen meinen Brüsten hängend, Sag, wo deine Schafe irren, Sich im Mittagsstrahle drängend.
Töchter Zions, meine Bitte Höret und den Freund mir wecket, Schlummernd vor der Zedernhütte Unter Rosen ausgestrecket.
Daß er blühend aufgerichtet: Süße Freundin, zu mir spreche, Komme her, die Gott gedichtet, All die Rosen mit mir breche!
Sieh, verschwunden ist der Winter, Und dahin ist Sturm und Regen, Und die Blumen, Frühlingskinder, Spielen schon auf grünen Wegen.
Meine Wangen lieblich flimmern, In den Spangen, in der Kette Sehe meinen Hals erschimmern, Und es grünet unser Bette!
Wie die Traube Copher schwillet Zu Engeddi in den Gärten, Und der Lippen Kelch erfüllet, Küß ich meinen Lustgefährten!
Zedern fest das Haus uns stützen, Unsre Latten sind Zypressen, In dem Schatten will ich sitzen Und der Schmerzen all vergessen.
Unterm Schatten will ich sitzen; Des die Seele mir begehret, Wie der Apfelbaum bei wilden Bäumen, ist mein Freund verehret.
Deiner Lieb Paniere schwinge Über mir, du Hoch und Heller, Und du Freundlicher, mich bringe In des süßen Weines Keller!
Und mit Blumen mich erquicke, Mich zu laben Äpfel gebe; Krank bin ich vor Liebe; blicke, Blicke auf, mich zu beleben!
Unter deinem Haupt die Linke Muß dich meine Rechte herzen, Wenn ich deinen Kuß nicht trinke, Muß verdürsten ich in Schmerzen!
Sieh, die Honigbienen irren In dem honigsüßen Lenze, Und die Turteltauben girren; Komme, mein Freund, daß ich dich kränze!
Sieh, dem Feigenbaum entspringen Knospen; aus dem Aug der Reben Süße Wollusttränen dringen; Also weint mein junges Leben!
Wie in dunklen Felsenritzen Turteltauben auf dem Neste, Also will ich bei dir sitzen In dem Glanz der Blütenäste.
Und es tönet meine Stimme Süß, o süß ist meine Kehle, Bis wetteifernd süß ergrimme und verglimme Philomele.
Und ich singe zu dir nieder: Mein bist du und mir gegeben, Und es sehn dich meine Lieder Unter Rosen weidend schweben!"
Wie sie also töricht singet, Spricht Meliore: "Meine Schwester, Fromme Taube, ach, es schlinget Sich des Todes Band nur fester!
Nachttau mir vom Haupte fließet, Und es wecket mir im Herzen, Wenn sich gleich mein Auge schließet, Deine Liebe bittre Schmerzen!
Mein Gewand, ich legt es nieder, Soll ich wieder an es legen? Nach dem Bad die Füße wieder Mir besudeln auf den Wegen?
Deine Augen gleichen Blitzen, Deine Augen von mir wende! Meinem Herzen Degenspitzen Scheinen deine zarten Hände!"
Aber wehe! nicht vernimmet Sie den schweren Namen Schwester, Glühender ihr Wahn entglimmet, Sie umklammert ihn noch fester.
Und sie spricht: "Der Kelch der Lilien Unserm Bett das Rauchfaß schwenket, Unser Dursten zu vertilgen Sich der Traube Becher senket.
Unsre Tür umgeben Früchte, Ich bewahrte dir, mein Leben, Heurige und fernge Früchte, Beide kann ich dir nun geben!
O, du Liebe in Wollüsten! O, du schön und lieblich Schweben! Trauben gleichen meine Brüste, Trauben wundersüßer Reben!
Einer Palme aufwärts dringend Gleichet meines Leibes Länge, Wie der Wein hinan sich schlinget: O, wer sich hinan so schwänge!
Laß uns durch die Felder ziehen, Ob uns sieht das Aug der Reben, Ich will, wenn Granaten blühen, Dort dir meine Brüste geben.
Dich, der meiner Mutter Brüste Saugte, Bruder, dich den Schönen, Wenn ich dort dich brünstig küßte, Ach, wer wollte mich verhöhnen!"
Als sie diesen Frevel singet, Springt sein Blut ihr neu entgegen; Der Verband, der Hilfe bringet, Kann die Raserei nicht legen.
Und von ihrem Nonnenbilde Reißt sie in der Angst die Decke, Daß damit das Blut sich stillte, Und es dienet ihrem Zwecke.
Als sie zu dem Bilde blicket, Fühlet sie ein tief Erschrecken, Scham sie wie ein Schwert durchzücket, Und sie eilt, sich zu bedecken.
Von des Bildes Augen fließen, Wunder Gottes! bittre Tränen, In die Arme muß sies schließen, Ach, sie möchte es versöhnen!
Und dem Bilde gegenüber Sitzt zur Harfe sie am Bette, Und die Augen strömen über Der verlorenen Biondette.
"Wo ist die, die aus der Wüste Aufgeht, auf den Freund gelehnet?" Spricht Meliore nun, und grüßte Sie, nach der sein Herz sich sehnet.
"Auf dein Herz gleich einem Siegel War sie wahrlich doch gesetzet. Goldne Rose, deinen Spiegel Hat die Schlange bös verletzet.
Um den Apfelbaum sich schlingend, Der die Mutter dir bedeckte, Als sie rang, zur Welt dich bringend, Bös die Schlange mich erweckte!"
Aber traurend sitzt die Süße, Läßt die Harfe leis erbeben, Daß ihn schön das Leben grüße, Das die Liebe ihm gegeben.
Wie die Töne sich ergießen, Fühlt die Jungfrau in dem Herzen Wunderbaren Zauber fließen Und so süße, wilde Schmerzen.
Höher sie die Saiten schwinget, Denket nicht mehr des Gesellen; Wie der Schwan im Tode singet, Glühend ihre Töne schwellen.
Tausend Töne, die sonst schliefen, Aus der Harfe lebend brechen, Und in allen Herzenstiefen Hört sie laut das Echo sprechen.
In dem Tode hallt es wider; Schüchtern zu des Lebens Schwelle Rufen ihn die Zauberlieder, Seine Blicke werden helle.
Wer erklärt ihm die Gesichte, Wer ergießt des Himmels Segen? Ist so mild das Weltgerichte, Kommt die Gottheit ihm entgegen?
"Süßer Tod, den ich erlitten! Goldne Töne zu mir gehen, Selig in des Himmels Mitten Soll ich wieder auferstehen!"
Aus Biondettens frommen Mienen Strömet ihm das selge Wähnen, Gottes Mutter sei erschienen, Und er betet unter Tränen.
Doch die arme Jungfrau singet Unter bittren, bittren Tränen, Während sie die Hände ringet: "O, welch schmerzlich glühes Sehnen!
Schwarz bin ich, doch voller Liebe, Wie die Hütten Kedars stehen, Wie die bunten Teppche schimmernd Salomons im Tempel wehen.
Die Weingärten zu behüten, Setzten sie mich ein zum Wächter, Meinen konnt ich nicht behüten, Von Jerusalem ihr Töchter!
Wie der Tod so stark ist Liebe, Fest der Eifer wie die Hölle, Glut und Feuer meine Triebe, Wie des Herren Blitz so schnelle.
Und wenn alle Wasser stiegen, Und wenn alle Ströme rännen, Würden sie sie nicht besiegen, Nimmer sie erlöschen können!
Was in meinem Haus sich findet, Alles Gut, wenn ichs wollt geben Um die Liebe, die mich bindet, Ach, ich hätte nichts gegeben!
Schön und lieblich meine Füße In den goldnen Schuhen stehen, Und mein Haupt, wenn ich ihn grüße, Ist wie eines Helmbuschs Wehen!
Wie zwo Spangen schön sich schwingend, Von des größten Meisters Händen Eben aneinander dringend, Stehen freudig meine Lenden!"
Doch nun lischt der Kerzen Schimmer Und Biondette singet: "Wehe, Wehe, Wehe, Lebensschimmer, Holdes Leben, nicht vergehe!
Sterbet nicht, ihr süßen Lieder, Wollt, o wollt nicht von mir schweben! Sterbet nicht, ihr raschen Glieder, Laßt euch froh zum Tanze heben!"
Eh die Lampe auch verglimme, Will sie freudig nochmals schweben; Doch sie hört nicht ihre Stimme, Fühlt nicht ihrer Füße Schweben.
Weh! es walten böse Künste, Laut die frühen Hähne krähen; Kehrt, ihr Geister, aus dem Dienste, Denn der Tag will auferstehen!
Und Meliore kömmt zu Sinnen. Licht und Lied und Lieb entschweben, Mächtig fühlt er sich von hinnen Auf die öde Straße heben.
Kühl umwehn ihn Morgenwinde, Wunderbar ist ihm geschehen, Denn er kann noch ihre Binde Auf der frischen Wunde sehen.
Und die nahe Glocke klinget, Und er hört die ersten Messen: Bete, bete, nie gelinget, Die Geliebte zu vergessen!
** Romanze XVI: Kosme krank — Pietros Garten brennt
Wenn du gleich den Vögeln schwebest, Über dir der blaue Bogen, Unter dir die grüne Erde Und des Wassers Silberwoge;
Und du wolltest niedersehen, Wo du ruhig möchtest wohnen, Wo du deinem kleinen Neste Eine Stelle suchen solltest;
Flöhest du der Städte Elend Und die Armut eines Dorfes, Und zögst über Land und Felder Zu dem stillen Tale Kosmes,
Wo die stillen Bächlein gehen Durch den Schatten, durch die Sonne, Durch die Büsche, durch die Felsen, Bis zum Garten voller Rosen,
Und du bautest dir dein Nestchen, Wo die klare Jungfrau wohnet, Und sie ging dir aus dem Wege, Wenn du ruhig brüten wolltest,
Und du sängst ihr an dem Fenster In des Lorbeerbaumes Krone; Futter würde hin sie legen Alle Abend, alle Morgen,
Und dir schiens ein selig Leben, Ging zu beten früh die Fromme, Flögst du mit ihr zur Kapelle, Die am Felsen höher oben;
Und wenn sie aus vollem Herzen Unter Tränen spräch die Worte: Herr, ach schau zu meinem Herzen, Es ist ganz von Schmerz umdornet!
Herr, um deines Sohnes Schmerzen Richte auf den Vater Kosme, Laß ihn nicht verzweifelnd sterben, Öffne ihm die Gnadenspforte:
Dann wär deine Lust zu Ende, Deine Seligkeit zerronnen, Denn nicht ferne von den Menschen Überall das Elend wohnet.
Und es ist kein öder Felsen Und kein Bächlein oder Bronnen, Keine waldumschlossne Stelle Unterm Monde und der Sonne,
Wo ein Mensch das Licht gesehen, Wo nicht wär gesündigt worden, Wo nicht wären bittre Tränen Vor dem Herrn vergossen worden.
Und du würdest Abschied nehmen Vor der nächsten Morgensonne, Sängst noch einmal ihr am Fenster, Flögst dann weiter unbesorget. —
Wärst du einer von den Sternen, Die am hohen Himmelsbogen Ewig auf und unter gehen, Wie der Herr es hat geboten,
Und du wolltest dich bedenken, Wo du deine Strahlen solltest Rein und freudig niedersenken, Daß sie widerspiegeln sollten
In dem Spiegel weiter Meere; Sähest du das Schiff hinwogen, Das die Sünde aus der Fremde Bringet zu entfernten Zonen;
Auf der stadtbesäten Erde Sähest du die Menschen morden; In den Tälern, auf den Bergen Sähest du die Sünde wohnen;
In des Klosters enger Zelle, In dem gleichen Tun des Dorfes, In des Marktes regem Leben, Im erstarrten Tun des Schlosses:
Wo du deine Strahlen senkest, Findest du ein Herz gebrochen, Findest du ein Werk des Bösen, Findest du ein Kind des Todes.
Und, wer seine Blicke lenkte Zu dir flehend hin nach oben, Wäre trunken ganz von Tränen, Wäre dürstend nach dem Troste.
Doch du würdest dich nicht wenden, Strahltest ruhig Gott zum Lobe, Wollte untergehn die Erde, Wollten auferstehn die Toten.
Was hier klaget, muß vergehen, Schmerz und Sünde sind des Todes, Und die Leiden tun nur wehe, Weil sie sterblich sind geboren.
Aber was da ewig stehet Sündenlos im Schaffen Gottes, Kann sich nur in ihm bewegen, Ist ein Freud- und Leidenloses.
Sieh, der göttliche Geselle, Phosphoros, der Held des Morgens, Funkelt von des Himmels Schwelle Ruhig in den Garten Kosmes.
Und im Morgenwind beweget Träumen still des Gartens Rosen; Doch die Hütte ist voll Elend, Und sie ist ein Haus der Sorgen.
Rosablanka sitzt in Tränen An dem Bett des kranken Kosme, Den ein leiser Schlummer decket, Nur vom Seufzern unterbrochen. # von?
Und sein müdes Haupt erhebet Nun der Alte zu der Tochter, Spricht: "Mein Kind, jetzt mußt du gehen Zu der Messe in das Kloster!" —
"Vater, lasset hier mich beten Zum allgegenwärtgen Gotte, Daß ich eurer Krankheit pflege; # eure? Fern bin ich um euch in Sorgen!" —
"Armes Kind, ich kann genesen Nur in einem selgen Tode, Nur vom Schmerz kann mich erlösen Blut des eingebornen Sohnes!" —
"Vater, schrecklich ist gewesen Euer finstrer Arzt Apone, Und ich muß noch Kräuter lesen, Die er alle hat verordnet!" —
"Kind, hast alle du gehöret, Die er zu mir sprach, die Worte? Sie zerschnitten mir die Seele Wie viel hundert giftge Dolche!" —
"Das, was ich davon gehöret, Ich doch nicht verstehen konnte: `Kosme, was dein Herz verzehret', Sprach er, `ist die Härte Gottes!
Kräftig hast du einst dem Leben, Was des Todes ist, geopfert, Und nun opferst du das Leben, Das dir übrig bleibt, dem Tode!
Du treibst hier ein töricht Wesen, Machst zur Närrin deine Tochter, Und die Löcher deiner Seele Willst du mit der ihren stopfen!
Höre auf, sie zu bestehlen, Tritt ihr nicht in ihre Sonne, Laß sie lesen die Poeten, Gehe in der Stadt zu wohnen!
Du magst ewig dich bekehren, Was verloren, ist verloren; Besser solltest du noch scheren, Die dir übrig bleibt, die Wolle!' —
Dann hat er mich angesehen, Wie der grimmige Herodes, Als die Kindlein er zu töten Seinen Knechten hat befohlen.
Und ich war recht in dem Herzen Von dem giftgen Blick durchbohret, Bin, Marien anzuflehen, Zur Kapelle dann geflohen.
Und am Wege sah ich stehen, Den am Morgen bei den Rosen Ich ein Grab hatt graben sehen, Da die Schlang emporgeschossen.
Aber er hat nicht geredet, Winkte mit dem Finger drohend, Griff mir nach der Hand behende, Nach Biondettens Ringlein golden.
Doch ich wollt es ihm nicht geben; Da versank er in den Boden, Und ich eilte zur Kapelle, Sank ohnmächtig an den Boden.
Und ich sah auch einen Engel Jubelschreiend in den Wolken, Er schwang sich wie eine Lerche Jubilierend hin gen Morgen.
Vater, was ich da gesehen Klar, wie bei dem Licht der Sonne, Hat mir ganz verwirrt die Seele; Jetzt kann ichs nicht wiederholen.
Als ich zu dir kam, da brennte Über mir der Himmelsbogen, Es ist Feuer wohl gewesen In der Gegend, in Bologne.
Vor Marien bin in Tränen Betend ganz und gar zerflossen, Gnädig ist sie mir gewesen, Und ich bin gestärket worden."
Kosme sprach: "Des Arztes Wesen Ist stets schecklicher geworden: In der Seele mir zu lesen, Hat er mir das Herz zerbrochen.
Ach, er kennt mein ganzes Leben, Und mit jedem harten Worte Hat er, ihn auf mich zu werfen, Von mir einen Berg gehoben.
Und so lieg ich ganz zerschmettert, Als sei ich gesteinigt worden; Er hat mich mit einer Kette, Die ich schmiedete, umzogen.
Aus dem Leibe nah dem Herzen Meine Eingeweide zog er, Hat, mein Übel draus zu lesen, Frech sie in die Luft geworfen.
Und ich sah es ohne Schmerzen. Seit sie wieder eingeschlossen, Wars, als seien tausend Zentner In der Seele Haus gezogen.
Boshaft sprach er: `Du genesest, Wenn auf Erden die drei Rosen In der Hand der Venus sterben, Die jetzt stehn im Garten Gottes.
Wenn dein Kind ins Kloster gehet Und bekränzt mit Liebesrosen Als Modell dem Maler stehet, Ist dir, ihr und mir geholfen.' —
Und nun rief ich: `Wehe, wehe! Wehe über diese Worte!' Und als ich ihn angesehen, Ist er deutlich mir geworden.
`Jener Bube bist du, Frecher, Der die Farben mir im Kloster Rieb, als ich in Gottes Tempel Bin ein böser Sünder worden.
In dem Namen Jesus hebe Dich von mir!' — Da floh Apone. Ach, er ist es nicht gewesen, War der Widersacher Gottes!" —
"Vater, nicht so traurig redet! Ja, es war der Arzt Apone, Den ich gestern noch gesehen Zu Bologna bei dem Bronnen.
O, beschwert nicht eure Seele, Die in Träumen ist verworren; Wendet ruhig im Gebete Euch zum allbarmherzgen Gotte!" —
"Gutes Kind, lies mir den Zettel, Der vom Arzt geschrieben worden, Daß ich dir die Orte nenne, Wo die Kräuter sind zu holen.
Denn der Arzt sprach: `In der Nähe, Ja, in deines Gartens Boden, Werden diese Kräuter stehen, Deren Trank ich dir verordne'."
Rosablanka liest den Zettel: "Aus Sankt Clarens Garten Rosen Um die Mitternacht zu brechen Und mit Keuschlamm einzukochen.
Unser Liebfrau Bettstroh nehme, Mische es mit Venusrosen, Zu Marienschühlein menge Teufelsklau und Hahnensporen.
Und Mariensiegel breche In dem Schein des vollen Mondes, Mit Marienmantel leg es In den dir bekannten Bronnen.
Liebfraumilch und Liebfrautränen Mit unschuldger Kindlein Rosen, Findelkraut und Venusnelken Destilliere durch neun Monde.
Alle Stunden einzunehmen Und so lang zu wiederholen, Und dem Arzte schnell zu melden, Wenns nicht helfen will. Apone!"
Als sie dies Rezept gelesen, Sprach der Kranke: "Meine Tochter, Jetzo eile nach der Messe, Kehre wieder mit Benone!
Also heißt, der sie wird lesen; Er ist recht ein Heilger Gottes; Beichte will ich ihm ablegen, Meiner armen Seel zum Troste!" —
"Soll ich nicht zum Wald erst gehen, Vater, und die Kräuter holen, Weil ich sie wohl alle kenne, Außer Teufelsfuß und Krone?"
"Nein, ich muß sie selber brechen Unter Tränen, fromme Tochter; Wo ich gehe, liege, stehe, Blühen sie ja allerorten!
Gehe nun, mein Kind, und flehe Für mich um die Gnade Gottes! Mein Bekenntnis abzulegen, Will indes mein Herz ich ordnen.
Nimm die Fackel, die ich gestern Einer Schlange gleich geformet, Am Altare laß sie brennen, Bei der Mutter Totenopfer!"
Und sie nimmt die Fackel betend; Ihre Tränen niederflossen Auf den Alten, der sie segnet, Und sie wandelt aus der Pforte.
Wie sie durch den Garten gehet, Weinen morgenlich die Rosen, Und in tiefen Träumen wehen Über ihr des Waldes Kronen.
Und es wirft schon durch die Stämme Ihre Strahlen hin Aurore. Aber sieh! zur Link und Rechten Glüht am Himmel heut der Morgen.
Doch jetzt sieht bei der Kapelle Sie ins Tal herab von oben; Weh! die Röte ihr zur Rechten Ist des Pietro Hütte lodernd.
Nieder durch die Felsenwegen Eilt sie, achtend nicht der Dornen. Da sie zu dem Garten gehet, Fühlt ihr Fuß den glühen Boden.
Und der Hütte Asche hebet Wild emport der Sturm des Morgens, Der sich sonst zu wiegen pflegte In dem Busen tausend Rosen.
Als sie durch den Garten gehet, Lief um sie die wilde Lohe, Schlangen, Drachen, sengend, brennend Blum und Baum und Laubenbogen.
"Pietro, Pietro!" ruft sie bebend, "Ob er in der Glut gestorben?" Sieh, bei jener weißen Rose Steht er, die sie ihm geschenket.
Alle Bäume rings gefället Hat er zu dem Schutz der Rose, Und ihr immer Wasser gebend Geht und kehrt er zu dem Bronnen.
Als die Jungfrau er gesehen, Spricht er: "Du hast lang verzogen, Dich zum Opfer einzustellen, Das zu deiner Ehre lodert!
Alles, was du hast verschmähet, Hat die Flamme angenommen, Und sie will mich drum vermählen Mit der Asche, ihrer Tochter.
Sieh, schon kommen Hochzeitsgäste, Die Gesellen ohne Sorgen, Morgenwinde, lustig heben Sie der grauen Braut die Locken!
Ach, ich lieb sie ohne Ende! Göttlich ist sie, hochgeboren, Denn der herrlichste der Helden Stahl das Feuer von der Sonne.
Meine Braut ist deine Schwester, Du auch bist des Helden Tochter, Dem der Geier nagt am Herzen, Weil das Feuer er gestohlen.
Von den Göttern hoch gesegnet War die Mutter dir Pandore, Alle Freuden, alle Wehen Sind aus ihr nächst dir geboren.
So ist aller Lust des Lebens Buße zugeordnet worden; Meine Braut, die Asche, schwebet, Spielt die Flamme mit den Rosen.
Ach, ich liebe sie ohn Ende, Denn ich bin aus ihr geboren, Und will wieder Asche werden, Weil ich dich nicht hab erworben.
Wahrlich, sie ist deine Schwester, Denn die schöne, weiße Rose Hat sie brennend nicht verzehret, Weil sie hat für mich geworben.
Sei willkomm beim Hochzeitsfeste! Sieh die rosige Aurore Ihre gelben Locken mengen Mit der Asche meiner Rosen!
Hoch ist dies Fest geehret: Gestern hab ich dich verloren, Heute Nacht starb Rosarose, Meine Rosen diesen Morgen!"
Und nun weint er bittre Tränen Seinen sinnverwirrten Worten. Rosablanka tief beweget Spricht: "O Pietro, denke Gottes!
Pietro, du stehst ganz in Frevel, Seine Hand von dir gezogen Hat der Herr! O Pietro, bete, Daß er dein nicht denk im Zorne!
Nie bin ich dir lieb gewesen, Du hast gestern mich betrogen, Denn ich sehe deine Seele Tief in irdscher Not verworren.
Laß dem Feuer seine Rechte, Das du gen dich aufgefordert; Deine Seele zu erretten, Folge mir zur Kirche Gottes!
Und erzähl mir auf dem Wege, Was dir so den Sinn verworren! Ich will liebreich mit dir reden, Folge mir von diesem Orte!"
Pietro spricht: "O Gottes Engel, Wie du mild bist in dem Zorne!" Eine Handvoll Asche nehmend Beugt er sich dann zu dem Boden.
Und sie unter Tränen mengend In die taubereiften Locken, Spricht er, nochmals um sich sehend, Schmerzdurchdrungen diese Worte:
"O, du liebes, armes Leben! Bunter Thron des ewgen Todes! Blutig Schlachtfeld des Verderbens! O ihr aschevollen Rosen!
Meiner Hütte klare Fenster, Von Jasmin so still umzogen, Und du schattig Dach der Reben Über meiner kleinen Pforte!
Weh, es grinset wie Gespenster An im glühen Blick der Kohlen, Und der Rasen, den ich pflegte, Knirschet unter meinen Sohlen.
O ihr tausend frommen Engel, In den Lilien, in den Rosen, Morgens mit dem Gärtner betend, Sterne, Sonnen, Kelche, Kronen,
Zeihet mich mit dürrem Stengel, Daß ich alle euch gemordet, Daß ich, folgend dem Verderber, Hab gestört den Tempel Gottes!
Fromme Priester fleißger Zellen, Goldne Bienen, euer Kloster, Eures Gottesdiensts Kapellen, Eurer Andacht Stationen,
Alle liegen sie versenget, Und die Glut des bösen Opfers Und der Rauch des Feuerfrevels War für euch des Todes Odem.
Kühler Labung Marmorbecken, Glatter Rand des treuen Bronnens, Du bist in dem durstgen Lecken Dieser wilden Brunst zerborsten.
Stiller Mahner des Gescäftes, Stundenzeiger, Freund der Sonne, Du bist, Feuerschatten werfend, In der bösen Glut zerschmolzen.
Hütte, Garten, Blumen, Reben, Fromme Bienen, süße Rosen, O, du unschuldvolles Leben, Ich hab dich von mir gestoßen!
Einsam nur im Garten stehet Dort die hohe, weiße Rose; Paradies mußt untergehen, Ewig steht der Baum des Todes!"
Und nun mit der Jungfrau gehet Zu der Stadt der Trauervolle, Und sie wechseln stille Reden, Niedersehend an den Boden.
"Wann ist, Pietro, Rosarose, Deine Schwester, dir gestorben?" — "Des Theaters Glut entgehend Fiel sie in den Arm Meliores.
Niedersprang sie von dem Fenster, Und der Sturz führt sie zum Tode. Jetzt zu ihrem Leichenfeste Gehe ich zu Jacopone." —
"So war dies die Glut, die gestern Ich sah an dem Himmel lodern! Ach, die herrliche Biondette, Ward sie heil dem Brand entzogen?" —
"An der Schwester Sterbebette War sie noch mit Jacopone!" — "Ist dein Bruder unverletzet, Der getreue Meliore?" —
"Ich hab ihn nicht mehr gesehen, Ich hab ihn nicht sehen wollen, Und ich will ihn nicht mehr sehen, Er hat mein Geschick verdorben!
Er, der Buhler von Biondetten, Er hat mir dein Herz entzogen, Und durch ihn starb Rosarose, Sank mein Haus und meine Rosen!
Ich bin nicht zur Stadt gewesen; Als die wilde Glut da tobte, Saß ich still in meiner Zelle, In verschmähter Lieb verloren.
Und zu deinem Vater gehend, Führt Meliore den Apone, Und der falsche Bruder kehrte Zu der Stadt von meiner Pforte.
Und der weise Arzt erzählte, Kräuter in dem Garten holend, Mir den Tod der Rosarose Und die Buhlerei Meliores.
Und er warf mir in die Seele Einen Brand, der ewig lodert, Der den Garten mir verzehrte, Der mich selbst noch treibt zum Tode!"
Rosablanka rief nun: "Wehe, Wehe dir, du Höllenbote! Apo ist es nicht gewesen, Wahrhaft sprach der Vater Kosme.
Deinen Schritt zurück noch wende, Du erweckende Aurore, Lasse, was der Böse säte, Nicht erblühn in deiner Sonne!
Schauertrunkne Nacht, o kehre! Decke, die du tot geboren, All die Lügen und Gespenster Unterm Dunkel deines Zornes!"
Also spricht sie. Doch es stehen Glühnd des Morgens goldne Kronen, Zeugen ihres Angstgebetes, Auf Bolognas hohen Domen.
Und da sie beisammen stehen Bei der Linde, bei dem Bronnen, Sich schon Tagesstrahlen senken In den Schein der Mutter Gottes.
"Pietro," spricht sie, "Gottes Segen Leuchte dir in deinem Zorne!" Scheidend sah er da die Tränen, Die ihr aus den Augen quollen.
Und sie sah verwirrt umwehen Finstre Stirn die dunkeln Locken; Denn schon auf die Gipfel leget Niederschauend sich die Sonne.
Die da ewig sinkt und kehret Sündenlos im Schaffen Gottes, Kann sich nur in ihm bewegen, Ist ein Freud- und Leidenloses.
** Romanze XVII: Totenmesse — Meliore und Rosablanka beichten
Stille herrscht in den Straßen, Und es rauscht ein Morgenwehn Durch der Gärten Lustterassen, Wo die Blumen träumend stehn.
Eine Perle, eine Träne Legt es jeder in das Herz, Und sie wenden also schöne Ihre Kelche sonnenwärts.
Und es wehen ihre Düfte Durch die schlummerstille Stadt, Durch die kühlen, regen Lüfte Weht ein einsam Blütenblatt.
Und ein Vöglein aus der Linde Flieget und das Blättlein fing, Glaubt es spielend in dem Winde Einen bunten Schmetterling.
Läßt betrogen dann es fallen In des Springbrunns Marmorrand, Und er spielt mit süßem Lallen Mit dem süßen Frühlingstand.
Und der Vogel ohne Sorgen Stürzet aus dem Bann der Nacht, In den goldnen, lieben Morgen, Der auf Turmesspitzen lacht.
Sonn und Vogel golden lachet Auf dem Kreuz, das himmlisch thront, Und es sinket überwachet In das Licht der blasse Mond.
Durch den grauen Morgen dringet Der prophetsche Hahnenschrei, Und die Schwalbe dichtend singet Ihres Traumes Phantasei.
Sieh, in einem frommen Blitze Fängt das Kreuz den Sonnenschein, Senkt ihn von des Turmes Spitze In die stillen Straßen ein.
Und der Bettler, der geschlafen Vor des Palasts Säulenkranz, Hebt sich, da ihn Strahlen trafen, Still und dreht den Rosenkranz.
Und es gehet Rosablanke Durch das römsche Tor herein, Eine Kerze trägt die Schlanke Und ein Kännlein Opferwein.
Als sie an des Altars Stufen Vor Biondettens Wohnung steht, Will die Tänzerin sie rufen, Daß sie mit zur Kirche geht.
Aber wie ward sie betroffen! An dem kleinen, stillen Haus Steht die Türe nächtlich offen: Ging so früh die Jungfrau aus?
Nein, dann hätte sie geschlossen Ehrbar hinter sich das Tor. Und nun steigt sie unverdrossen Zu der Kammer leis empor.
Und sie findet ganz zerrücket Dieser Stube Ebenmaß, An der Erde lag zerstücket Manche Urne, manches Glas.
Blumen, Federn bunt zerstreuet Und Gewänder hie und da, Das, was gestern sie erfreuet, Heute sie mit Schrecken sah.
Die zerrissnen Perlenschnüre Säten eine Tränensaat Zu des Schlafgemaches Türe, Der sich Rosablanka naht.
Und sie pochet: doch die Kammer Schweiget, und sie geht hinein. Ach! Da tritt in tiefern Jammer Noch die bange Jungfrau ein.
Weh, das Bettlein blutbeflecket, Und zerstört das Saitenspiel! Rosablanka tief erschrecket Auf die Kniee niederfiel.
Zu dem kleinen Nonnenbilde Rief sie unter Tränen aus: "O, du Antlitz, ernst und milde, Blut und Tod befleckt dies Haus!"
Und mit Angst und mit Entzücken Fühlte sie, wie wundervoll Aus des Bildes stillen Blicken Eine helle Träne quoll.
Und so ganz von Angst durchdrungen Weilt sie in dem bösen Haus, Streckt die Hände schmerzgerungen Zu dem Morgenlichte aus.
Wie verspätete Gespenster Gaben hundert Kerzen Schein, Tiefgebrannt, und durch die Fenster Sah erschreckt der Tag herein,
Den die Nachtigallen grüßen Auf des Fensters Gartenbeet, Wo ihr Bauer unter süßen Blumen eingezäunet steht.
Rosablanka geht zum Bauer, Läßt die Sängerinnen frei: "Flieht und sucht, wo eurer Trauer, Meiner Trauer Heldin sei!
Schwinget euch zu ihrer Leiche, Rufet ihren Mörder aus, Daß die Rache den erreiche, Der befleckt dies heilge Haus!"
Und die kleinen Vögel lenken Zu dem Lichte erst den Flug, Werden aber bald sich schwenken Nach des Herzens innrem Zug,
Wie das Schiff vom Lande rauschet Freudig erst ins Element Und die freie Lust dann tauschet Mit des Schiffers Ziel und End.
Doch nun kömmt der kleine Knabe, Dem sie gestern am Altar Teilte ihre Honigwabe, Sprach mit seiner Stimme klar:
"Rosablanka, nicht vergesse Über dieses Hauses Schmerz Deiner Mutter Totenmesse, Trage ins Gebet dein Herz!
Größre Trauer zu bestehen Stehet deiner Seele vor, Durch die Dornen mußt du gehen Zu des Himmels Rosenflor!
Es verließ die kleine Zelle Schon der treue Gottesmann, Kerzenhell ist die Kapelle Und der Glockenruf getan.
Zünde deine Schlangenfackel An der ewgen Lampe Licht, Sie sei vor dem Tabernakel Des Erlösers aufgericht!"
Rosablanka spricht: "O sage Mir, du blondes Wunderkind, Ob ich die, um die ich klage, Je im Leben wiederfind?"
Und er sprach: "Die Seele stehet Wieder licht in Gottes Hand, Nur der Leib, der irdisch gehet, Ist dem Dunkel zugewandt!"
Und nun wendet er sich stille, Und die Jungfrau folget nach. "Es geschehe Gottes Wille!" Sie ergeben vor sich sprach.
Und er führt sie zu Sankt Claren Durch den Klostergarten ein, Wo sich tausend Blumen paaren In des neuen Tages Schein.
Vor des Kirchleins Marmorschwelle Sproßt der schönste Rosenstrauch Und erfüllet die Kapelle Mit der süßen Düfte Hauch.
Wunderbar ist er gewunden Und geranket tausendfach, Einer Schlange gleicht er unten Und umzieht das ganze Dach.
Wo er aus der Erde dringet, Ist er dürr und ungestalt, Wo er höher an sich schwinget, Grünt und sproßt er mit Gewalt.
Links wohl alle Rosen trauern, Rechts sie freundlich lachend glühn, Und es stehn des Kirchleins Mauern Wie in Mond- und Sonnenschein.
Doch drei Sprossen sendet oben Frisch der recht und linke Zweig; Alle sechse dicht verwoben Blühen freudig alle gleich.
Durch das Kuppelfenster schauen Still sechs Rosen zum Altar, Ihre Tränen nieder tauen Auf Mariens Schleier klar.
Aber von den sechsen schimmert Eine rot und eine weiß, Und die dritte golden flimmert Aus dem wunderbaren Gleiß.
|Rosa mystica Maria| Heißt der heilge Rosenbund; |Virgo dulcis, clemens, pia| Grüßet sie des Volkes Mund.
Als die Jungfrau fromm sich neiget Und zum Weihbrunn führt die Hand, Wunderbar ein Anblick steiget Auf an seinem Marmorrand.
Vor ihr steht zwei geistge Nonnen, Blicken zu ihr ernst und mild, Reichen ihr den heilgen Bronnen; Eine glich wohl jenem Bild.
Jene, die da stand zur Linken, Wo die Rosen traurig sind, Ließ voll Schmerz die Augen sinken, Wie die Mutter auf das Kind.
Als die Magd von ihren Händen Das geweihte Naß empfing, Suchte sie ihr zu entwenden Von der Hand Biondettens Ring.
Als die Jungfrau dies empfindet, Schloß sie schreckhaft ihre Hand Und das Nonnenpaar verschwindet Seufzend an des Brunnens Rand.
Aber in der Seele stehet Ewig nun dies Antlitz fest, Wo sie ruhet, wo sie gehet, Dieses Bild sie nie verläßt.
Doch nun steckt sie Kosmes Kerze An der ewgen Lampe Glut, Will sie dann mit frommen Schmerze Pflanzen, wo die Mutter ruht.
Doch sie findet aufgedecket Der geliebten Toten Gruft, Und: "O Jungfrau, nicht erschrecke!" Eine Stimme zu ihr ruft.
Und es tritt der blonde Knabe, Der sie bis hierher geführt, Lächelnd aus dem offnen Grabe Zu ihr, die sein Anblick rührt.
Denn es war, als stieg das Leben Aus dem schweren, tiefen Tod; Also wird ein Engel schweben In dem letzten Abendrot.
Und er wird der Sonne winken Die dann sinket nimmermehr, Und die Erde wird ertrinken In des ewgen Lichtes Meer.
Alle Schatten werden leuchten, Alles Dunkel wird erglühn, Und die Welten werden beichten Vor dem Lichte auf den Knien.
Und der Knabe sprach: "Geschauet Hab ich Rosarosens Gruft, Wo sie heut wird Gott vertrauet, Bis der Herr uns alle ruft.
Rosatristis, die begraben Hier mit Rosaläta steht, Sie wird heut Gesellschaft haben, Blumen, die sie ausgesät.
Schön ist diese Gruft geweitet, Für sechs Särge ist noch Raum, Daß die Wurzel sicher breitet, Wie den Zweig, der Rosenbaum.
Vor der offnen Gruft nicht bange, Stell vor deines Stammes Haus Hell die Fackel; eine Schlange, Spricht sie wohl die Sünde aus.
Bete! Ich muß von dir scheiden, Denn ich führ das Kinderchor, Um die Leiche zu begleiten, Hier zu ihres Tempels Tor!"
Nun verließ er die Kapelle. Zum Altar Benone zieht, Ihm zu dienen auf der Schwelle Meliore betend kniet.
Als die Jungfrau ihn erblicket, Von der Wunde siech und bleich, Fühlet sie das Herz erquicket Und zerdrücket allzugleich.
Denn er gleicht in allen Mienen Jenem, dem sie Rosen gab, Als die Schlange ist erschienen In dem Garten bei dem Grab.
Mit dem bei des Altars Schwelle Morgens sie die Kränze wand, Der den Ring bei der Kapelle Reißen wollte von der Hand,
Den sie eng mit sich verbunden Dann in heimlichem Gesicht, Das sie tief verschweigt, gefunden; Beten, ach! vermag sie nicht.
Neben ihr das Licht als Schlange Und die offne Totengruft, Und der Mann, macht ihr so bange, Und der tausend Rosen Duft.
Was sie nimmer hat gefühlet, Woget durch die keusche Brust, In dem Herzen brennt und kühlet Ihr ein Leid und eine Lust.
Immer muß sie nach ihm sehen, Ob er nicht sein Antlitz kehrt, Und vor Scham möcht sie vergehen, Wenn er ihren Wunsch gewährt.
Und in züchtig bangen Schmerzen Werden tausend Wünsche frei; Ach, sie wünscht, verwirrt im Herzen, Daß er eine Jungfrau sei.
Und sie möchte mit ihm gehen In vertrauter Liebeswahl, Möchte mit ihm niedersehen Von dem Berge in das Tal.
Würde er wohl träumend schweigen, Wenn ein Abendvogel singt? Würde er die Hand mir reichen, Wenn die Sonne untersinkt?
Ach, ich würde ihn verstehen, Wüßte stets, was er gedacht, Würde seine Blicke sehen, Deckt ihn gleich die stumme Nacht.
Und wenn ewig untersänke Mir das süße Tageslicht, Er, den ich so herzlich denke, Er versänke mir doch nicht.
Ja, er müßte mich erhalten Mit der treuen, starken Hand, Wollte sich die Erde spalten, An des Abgrunds steiler Wand.
Halte, halte, ach ich gleite! Doch der starre Felsenschlund Blühet mir an deiner Seite Wie ein duftger Wiesengrund.
Mondvoll sind die Finsternisse, Eine Rose ist mein Mund, Deine Worte werden Küsse In dem zauberischen Bund!
Also trieb vor ihrer Sonne Sich der Träume Wolkenflug, Und in wunderbarer Wonne Ihre Seele Wogen schlug.
Aber von der Schlangenkerze Traf ein Funken ihre Hand, In des Brandes scharfem Schmerze Sie die Sinne wiederfand.
Bei der Gruft erschien die Kerze, Gleich der Schlange jener Gruft, Die heut früh zu ihrem Herzen Zückte aus dem Rosenduft.
Und Meliore glich dem Manne, Der so ernstlich warnt und sprach, Doch mit seines Blickes Banne Jetzt ihr krankes Herz zerbrach.
Sieh, da küßt die volle Sonne Jetzt Mariens Altarbild, Und es deckt mit Glanzeswonne Nochmals sie der Jungfrau Schild.
Und mit kindlicher Gebärde Senkt die Magd ihr Lockenhaupt, Spricht: "Die Schlange tritt zur Erde, Die dir deine Rosen raubt!"
Und in Tränen ganz zerschwimmend, Fühlet sie die Gnade mild, Dennoch in den Tränen glimmend Sieht sie nur des Jünglings Bild.
Und ihr Herz, sie anzuklagen, Ewig: "|mea culpa!|" spricht, Und sie braucht nicht dran zu schlagen, Weil es schon in Ängsten bricht.
Wie sie auch die Blicke wendet, Ihn, und immer ihn, sie sieht, Gleicht dem Auge, das geblendet Nie dem Sonnenfleck entflieht.
Von des Meßrocks schwarzem Grunde, Zu des Kelches blankem Gold, Zu der Kuppel Rosenrunde, Sie die süßen Augen rollt.
Doch es war ein liebend Schweifen, Denn sie suchte, was sie floh, Floh ihn, um ihn zu ergreifen, Und ward ihrer Sorge froh.
War sie endlich ihm entronnen, In der Rosen Labyrinth, Das der Kuppel Fenstersonnen Wie mit einem Netz umspinnt,
Wo die süß gefangnen Strahlen Offner Rosen Busen wiegt Und das Licht, des Duftes Schalen, Wie ein Schmetterling umfliegt,
Ist die Seele eingeträumet In des blauen Himmels Aug, Daß sie selig überschäumet In des Wohlgeruches Hauch:
Sieh, das rasselt mit der Schelle Meliore am Altar, Und sie findet auf der Schwelle, Dem sie kaum entronnen war.
Also geht des Opfers Feier Ihr vorüber ohn Gebet, Und auf ihrem Mund der Schleier Von den heißen Seufzern weht.
Doch als sich Benone kehret: "|Ite missa est!|" nun spricht, Was so ängstlich sie beschweret, Plötzlich mit ihr niederbricht.
Wie vom Taue überfüllet Eine Blume niedersinkt Und ihr Haupt in Staub verhüllet, Der nun ihre Tränen trinkt,
Also neigt in tiefer Demut Sie die Stirne voller Schmerz, Und der Tränenkelch der Wehmut Sinkt in ihr verwirrtes Herz.
Lämmlein, fromm an sonngen Hügeln, Stürzt nicht an dem Wasserfall; Vöglein, unter Mutterflügeln, Schreckt nicht vor des Sturzes Schall!
Wo auf süß beraster Stelle Sonst die keusche Hirtin sang, Da erwühlt sich eine Quelle, Stürzet von dem Felsenhang.
Und die Lämmer, bunt geflecket, Stürzet nach dem Abgrund hin, Aus dem Schlummer aufgeschrecket, Hält sie nicht die Schäferin.
Hirtin, Hirtin, nach den Höhen Lenke rettend deine Flucht, Um der Welle zu entgehen, Die ja selbst die Tiefe sucht!
Doch sie stehet schon geschürzet In der heilgen Grotte Raum, Und die Welle nach ihr stürzet, Folgend ihres Mantels Saum.
Aber als sie niederknieet Vor dem kleinen Felsaltar, In der Höhle Dunkel siehet Sie gedrängt der Lämmer Schar.
Und sie dankt dem Gnadenbilde Ihrer Herde Rettung itzt, Das auch mit dem Wunderschilde Sie in banger Flucht geschützt.
Und sie findet auf der Schwelle Ihren Schäferstab und Hut, Hierher führte ihn die Welle Von dem Ort, wo sie geruht,
Die nun tiefer ab sich stürzet Von der steilen Felsenwand, Wo der Kräuter süß Gewürze Nun von ihr erquicket stand.
Und die Hirtin tritt ins Freie, Von den Lämmern bang umdrängt, Sieht, wie eine neue Weihe Fels und Tal und Quell empfängt;
Wie der Quell von Felsengipfeln Stürzt und springt und widerspringt, In der Schluchten Tannenwipfeln Sich, ein kühner Jüngling, schwingt;
Wie der Wald sich ihm erbieget Und in manchen Arm ihn flicht, Oder wie er stürmisch sieget Und die Zweige niederbricht;
Und wie heilge Sonnenblicke Bauen in dem Wasserrschaum Eine Regenbogenbrücke, Friede sinket in den Traum.
Und der Adler, den dem Neste Wild entstürzt die neue Flut, Staunend ob dem heilgen Feste Schwebend überm Bogen ruht.
Und es scheut ihn nicht die Taube, Segelt aus dem Felsenspalt, Denn ein wunderbarer Glaube Tuet aller Welt Gewalt.
Und die Lämmer ruhig schauen Von der steilen Felsenbrust, Lassen sich ds Vlies betauen Von des Wasserfalles Lust.
Denn es waltet ein Vertrauen, Und der Hirtin frommes lied Tönet durch die selgen Augen, Bis die Sonne niederzieht.
Solcher Schreck traf Rosablanken, Solche Ruh hat sie erquickt, Als aus irdischen Gedanken Sie ein tief Gebet entrückt.
Als sie wieder sich gefunden, War schon einsam der Altar, Und Meliore zeigt die Wunden Seines Herzen beichtend dar.
An dem Beichtstuhl kniet Meliore, In der kleinen Sakristei, Und bekennt des Priesters Ohre, Welcher Sünd er schuldig sei.
Und erzählt ihm die Geschichte Dieser wunderbaren Nacht, Die in einem Traumgesichte Zu Biondetten ihn gebracht.
Daß die Wunde er empfangen, Zeigt und fühlte seine Brust, Was sonst über ihn ergangen War ihm angstverwirrte Lust.
Und Benone hört mit Schauer Seiner bangen Worte Hast, Bis die Tränen seiner Trauer Lindern seines Herzens Last.
Als der Jüngling lang geweinet, Da erließ er ihm die Schuld: "Friede, Herz! Die Sonne scheinet," Sprach er: "fühl des Himmels Huld!"
Und zur andern Seite beuget Rosablanka nun das Knie, Spricht: "Das Ohr, o Vater, neiget Einer armen Sündrin hie!"
Sie bekennt ihm die Verirrung Ihrer Sinne im Gebet, Wie in seltsamer Verwirrung Sie seit manchen Tagen geht.
Wie sie in Biondettens Kammer Heut Verwüstung fand und Schmerz; Also zeiget sie voll Jammer Ihm das eigne kranke Herz.
Und vertraut ihm Kosmes Leiden Und der letzten Nächte Qual, Bittet ihn, sie zu begleiten In das stille Tränental.
"Deine Schuld, mein Kind, zu büßen," Sprach Benone, "ist genug, Folgst du fromm mit bloßen Füßen Rosarosens Leichenug.
Meliore wird dich leiten. Wenn die Erde sie umschließt, Will ich dich ins Tal begleiten, Wo den Vater du verließst."
Ruhig hört sie ihn und weinet, Da erließ er ihr die Schuld: "Friede, Herz! Die Sonne scheinet," Sprach er, "fühl des Himmels Huld!"
Nun verläßt sie die Kapelle. An des Weihbrunns Marmorrand Steht Meliore bei der Schwelle, Reicht ihr segnend seine Hand.
Abermals die beiden Nonnen Sieht sie stehn mit tiefem Blick, Und sie bebt vom Weihebronnen In erneuter Angst zurück.
Und sie tritt mit dem Gesellen In den lichten Garten ein, Und des Lebens rege Wellen Lachen in dem Sonnenschein.
Und sie fühlen alle beide, Daß sie ihre Schuld bekannt, Gehn in Freude sich zur Seite Durch das blumenvolle Land.
Selig, wer solch Heil gefühlet, Wer die sündenvolle Brust In der Beichte hat erkühlet, In der Reue frommer Lust!
O unendliches Erbarmen, Ja, ich fühle dich mir nah, Auch mich trugst du in den Armen, Daß ich Gottes Antlitz sah!
Zu der Beichte gehn die Sünder, Schleppend eine tote Welt, Aus der Buße wie die Kinder Tummeln sich durchs Blumenfeld.
Alles wird zum Paradiese. Mensch und Tier versöhnet sind, Und die Blumen senden Grüße Von dem süßen Jesuskind.
O, wie lacht der Garten heiter! Funkeln nicht die Blumen schön? Und der Himmel scheinet weiter In der Vögel Lustgetön.
Aber sieh! Zwei Nachtigallen Flattern bange um sie her, Wo sie gehen, wo sie wallen, Und verlassen sie nicht mehr.
Und Meliore bricht das Schweigen: "Was bedeutet wohl, mein Knd, Daß die Vögel nicht mehr weichen, Die doch sonst nicht heimlich sind?"
Rosablanke spricht: "Die beiden Habe ich wohl gleich erkannt, Ach, sie klagen uns ihr Leiden, Haben sich uns zugewandt.
Ihre Herrin ist verschwunden, Heute früh gab ich sie frei; Daß sie wieder sie gefunden, Saget uns ihr Wehgeschrei."
Daß sie von Biondetten spreche, Wußte zwar Meliore nicht, Doch es stürzten Tränenbäche Von dem bleichen Angesicht.
Und sie wagt ihm nicht zu sagen, Wie sie jener Kammer fand, Denn schon hatte ihn geschlagen Allzusehr des Schicksals Hand.
Und sie ließ die Vöglein flehen, War sie doch wie sie gebannt, In das Antlitz ihm zu sehen, Das zur Erde er gewandt.
Meliore sprach: "Ich glaube, Diese Vögel flehn um Schutz Vor des wilden Geiers Raube Oder böser Buben Trutz.
Laß uns ihren Flug begleiten!" — Ach, er kannte nicht ihr Leiden! Und hinaus zum Garten schreiten Ernst und ahnungsvoll die Beiden.
** Romanze XVIII: Biondetta ersticht sich
"Apo, Apo, laß mich ein!" Rufet aus des Turmes Grunde Samael, der Herr der Stunde, Zwölfmal aus kristallnem Munde.
Auf und nieder in dem Turme Steigt Apone ohne Ruhe; Weil der König ihn besuchet, Muß sein Haus geordnet sein;
Seine Kammer macht er rein. Bibeln, Kreuze, heilger Plunder, Aller Sprachen Vaterunser, Lagen da seit seiner Jugend.
Zu den Stufen all hinunter Stürzet er die heilgen Kunden, Daß es in dem Turme summet, Wie zum Brunnen plumpt der Stein.
Alles muß er tun allein, Und er tut es unter Fluchen, Daß der untertänge Pudel, Der abwesend ist zur Stunde,
Daß der Hund im Doktorhute Seine Kranken jetzt besuchet! Doch die Not erhält ihn munter Und des Geistes lautes Schrein.
Seine Kammer schmückt er fein. Frauenwurz wohl vier Gebunde, Totenblume, Hundeszunge Legt er zierlich in die Runde.
Männlein klein von Alraunwurzel, Ausgerupft im Galgengrunde Von dem schwer verfluchten Hunde, Setzt als Wächter er dabei.
Und ein Basiliskenei, Kinderfinger, einzutunken, All dem König zum Genusse, Muß bei diesem Mahle prunken.
Seinen Dolch befleckt mit Blute Stößt er in die mitte Stube; An dem Hefte der Karfunkel Soll des Mahles Fackel sein.
"Apo, Apo, laß mich ein!" Rufet aus des Turmes Grunde Samael, der Herr der Stunde, Zwölfmal aus metallnem Munde.
Apo blickt noch zu dem Buche, Das ihm Moles aufgefunden: "Wo verberg ich es jetzunder Vor dem scharfen, hellen Geist?"
Von dem Pulte er es reißt, Und an einen Stab gebunden, Steckt er es hinaus zum Turme Durch der Kuppel offne Luke,
Daß die Blätter, in dem Sturme Hin und her geweht, die Wunder Ihres Inhalts lauf ausrufen, In dem klaren Sternenschein.
Das könnt ihm verderblich sein; Doch sie drehen sich so munter, Eines geht im andern unter, Und so ists, als wenn es ruhte.
Und der Geist, emporgerufen, Schwebet leuchtend auf den Stufen, Und des Turmes Wände funkeln, Wo sein Silberfittig streift.
Schimmernd durch die Kammer schweift Dann der Geist und spricht: "Gelungen Ists dir, Apo, aufzuputzen Deine Stube zum Besuche!"
An dem golden Weberstuhle Sitzet Apo, und die Spule Treibt er hin durch hell und dunkel, Webt des Geistes Flügel ein.
"Samael, ich webe fein." Spricht er, "nun erst ists gelungen, Da ich, Schelm, dich fest gebunden, Nun entflieht mir nicht die Stunde!" —
Listig hast du mich bezwungen," Spricht der Geist und nimmt die Spule, "Web ich alles dir zum Wunsche, Läßt du mich dann wieder frei?" —
"Webe bis zum Hahnenschrei! Ist dir dann das Werk gelungen, Ist Biondetten mir errungen, Dann sei Freiheit dir bedungen!" —
"Apo, zähme deine Zunge," Spricht der Geist, "du mußt verstummen! Auf die Spule sieh, und tue, Was dir mein Gewebe zeigt!"
Apo blicket scharf und schweigt. Vor ihm fliegt auf dunklem Grunde Flammend hin und her die Spule, Seine Sinne gehen unter.
Dunkler bald, bald wieder bunter Woget er in Traumes Wunder, Bild und Weber ist verschwunden, Und er glaubet sich allein.
Sieh! Da springt mit blutgem Schein Feuerschrift aus dunklem Grunde, Und die Lettern laufen munter Wie die Funken an dem Zunder.
Und Apone liest verwundert: "Fest ist dieser Jungfrau Tugend! An die Sünde angebunden Sie wird uns verderblich sein.
Du bist blutig, sie ist rein! Nur in Blutschuld geht sie unter, Wenn ein Mann aus ihrem Blute, Den sie liebt, im Arm ihr ruhte!"
Also las er, und ins Dunkel Ist die Schrift dann eingesunken. Schnell greift Apo nun zum Kruge, Voll von giftgem Zauberwein.
Gießt ein Philtrum noch hinein, Reißt den Dolch dann aus dem Grunde, Der im Zauberrunde funklet, In das Gift ihn tief eintunkend.
Und erinnernd sich des Spruches, Den er las am Weberstuhle, Spricht er: "Was auch webt die Spule, Dennoch lock ich sie herein!
Hat den Jüngling sie allein An der Türe ruhnd gefunden, Den ich eile zu verwunden, Trägt sie ihn gewiß zur Stube!
So mag er im Arm ihr ruhen, Und verbindend seine Wunde, Bleiben von dem giftgen Blute Ihre Hände nimmer rein,
Und sie wird bezaubert mein! Sicher vor dem kranken Buhler Bleibt mir ihres Leibes Blume, Die ich selber will entwurzeln.
Las ich doch in meinem Buche, Daß ich ihres Vaters Bruder; Da sie stammt aus meinem Blute, Sei die Lust der Blutschuld mein!"
Und er folgt dem Feuerschein, Der noch auf den hundert Stufen Von des Geistes Flügeln funkelt, Schleichet murrend aus dem Turme.
Er umgeht das Bild des Brunnens; Venus dominiert zur Stunde, Und Maria tut kein Wunder Freitag nachts im Mondenschein.
An Biondettens Tür allein, In den Mantel eingewunden, Sieht er seinen Nebenbuhler Und versetzt ihm Todeswunden.
Als Meliore hingesunken Und sein Blut das Gift getrunken, Eilt Apone zu dem Turme. Tat ers, war es Zauberei?
Daß er jetzt ein Mörder sei, Hat er schwerer nicht empfunden, Als den Weg zum Turm hinunter Und hinan die hundert Stufen.
In der Kammer sitzt er dunkel; An dem Dolche den Karfunkel Traf ein Tropfen von dem Blute, Und es starb der Edelstein.
"Mag sie nun zu Hause sein? Ihre Türe hat geklungen!" Und er blicket von dem Turme Seufzend nach Biondettens Stube.
Auf Bologna ist die Ruhe, Mondeskühle hingesunken, Einsam, nächtlich von dem Turme Nur der Totenvogel schreit.
Da springt aus der stillen Zeit Ihre Stimme klangumwunden, Kerzenhell ist ihre Stube; Apo sieht das Liebeswunder.
Auf ihr Lager hingesunken Liegt Meliore, heiß umschlungen Von Biondetten. Apo fluchet. "Wehe, wehe!" schreit der Geist,
"Des Gewebes Faden reißt!" Schreit der Geist am Weberstuhle Und lebendig schießt die Spule, Ohne Meister, ungebunden.
"Mußt du Tölpel auch da fluchen, Da die Arbeit schier gelungen! Rückwärts fliegt die freie Spule, Meine Flügel werden frei!" —
"Webe bis zum Hahnenschrei," Spricht nun Apo, "wie bedungen!" Und er hat sich losgerungen Und gen Morgen hingeschwungen.
Und hineilend durch die Luke, Riß er gierig in dem Fluge Aus dem sturmdurchwehten Buche Wohl der goldnen Blätter drei.
Dann mit einem Jubelschrei Macht er um den Turm die Runde, Stürzet jauchzend mit dem Funde Nieder dann in nächtge Dunkel.
"Soll der Mord mir nun nicht fruchten? Bleibt Biondette unerrungen?" Klagt der Meister, und im Turme Schlägt die Viertelglocke drei.
"Apo zählet eins bis drei: "Wohl, die dreimal fünf Minuten Sind mir andre noch gebunden, Ist der Weber gleich verschwunden."
Nun nimmt aus des Turmes Kuppel Er die giftig grüne Kugel, Öffnet sie. Ach! nackend ruhet Drin ein wächsern Jungfräulein.
Goldner Haare süßer Schein Fließt ihm von den zarten Schultern, Türkis sind die Äuglein funkelnd, Ein Rubin lacht auf dem Munde.
Recht für Engel ein Puppe! Zwei Rubinen trägt der Busen, Überm Herzen ihm figuret Ist ein goldnes Röselein.
Einen roten Faden fein Schlingt ihm Apo um den runden Hals und stellt das kleine Wunder In den Kreis zum Zauberplunder.
Und er betet still mit Murren In des Zirkels mächtger Runde, Zieht mit bösen Bannes Zuge Fremde Gäste in den Kreis.
In das zauberische Gleis Zieht daher, mit fremdem Schmucke, Stolz auf des Kameles Buckel, Sarabot, mit seinem Zuge.
Ihm folgt eine Blume, duftend, Eine Taube, zärtlich murrend, Dann wie Sterne rein und funkelnd, Nackt ein freundlich Geisterweib.
Klar, kristallen scheint ihr Leib; Aus der Locken tiefem Dunkel Blicken ihre Augen funkelnd, Kalt und lachend und betrunken.
Wie der Zug um Apo rundet, Spricht zu ihm der König murrend: "Trocken ist mir meine Zunge, Wer ists, der den Becher reicht?"
Und von dem Kamel steigt Zürnend er, und mit dem Fuße Stampft er, daß der Turm im Grunde Schwanket wie ein Schiff im Sturme.
Und gekrümmt gleich einem Wurme Beugt sich in des Zirkels Runde Apo, dunkle Worte summend, Bis das Schwanken ging vorbei.
Und mit einem lauten Schrei Klagt das Geisterweib: "Mich dürstet!" Fragt die Taube nach dem Trunke, Sprach: "Mich dürstet!" auch die Blume.
Und Apone sprach ermutet: "Besser wär es, wenn ihr ruhtet, Von der Eile so durchglutet Kann der Trunk euch schädlich sein.
Saget erst, nach welchem Wein Also heftig euch gelustet, Daß ihr also schreien mußtet?" Und sie schrieen all: "Nach Blute!" —
"Warum hast du, böser Bube," Spricht der König, "mich gerufen, Da in wenigen Minuten Schon mein kurzes Reich vorbei?"
Durch das Basilikenei Bringet Apo sie zur Ruhe, Und die Taube, schnabelzuckend, Pickt die Schale schnell hinunter.
Sarabot das Weiße schlucket, Und das Gelbe zum Genusse Reicht er, nebst dem Hahnenpunkte, Hin dem klaren Geisterweib.
Und daß nicht vergessen bleib Auch die Zauberblume duftend, Stürzet sie die Schalenkuppe Über sie gleich einem Hute.
Apo spricht: "Es fehlt am Trunke; Ach! ein Fäßlein süßen Blutes Hatt ich halb heraufgewunden, Als der Strick mir tückisch reißt.
Mir hat Samael, der Geist, Nicht gehalten, was bedungen, Hat sich los von mir gerungen Und gen Morgen hingeschwungen!"
"Und wo ruht der Most jetzunder?" Fragt der König. "Herr, er ruhet Unter jenem kühlen Brunnen, Wo die Sabbatgöttin weilt.
Wollt ihr trinken, o so eilt, Weil er jetzo gärend sprudelt, Da der Venusstern noch funkelt Bis zur mitternächtgen Stunde.
Da ich wußte, was euch munde, Hängt ich würzend zu dem Spunde Von Muskaten ein Lunte, Schwefelglühend, erst hinein!" —
"Wohl, ich sorge für den Wein!" Spricht der König. "Munter, munter Sei der Strick hinabgewunden Aus der Venus Lockendunkel!"
Doch es will das Weib nicht ruhen, Weil der König heftig rupfet; Apo gibt ihr drum die Puppe, Daß sie spielend sich zerstreu.
Und sie treibet Kinderei; Aus dem Kelch der Zauberblume Machet sie dem Kindlein Schuhe, Küßt sie, drückt sie an den Busen.
Doch es glänzt ihr zum Verdrusse Auf dem Herz der kleinen Puppe, Und sie riß es gern herunter, Jenes goldne Röselein.
Und sie drückt das Herz ihm ein Mit des Fingers hartem Drucke. So beschäftigt ohne Zucken, Dient dem Geiste sie zur Kunkel.
Und aus ihren Locken munter Dreht den Faden er, hinunter Trägt die Taube ihn die Stufen Zu Biondettens Kämmerlein.
Dem Kamele an ein Bein Wird der Faden angebunden, Und dies macht so lang die Runde, Bis der Faden aufgewunden.
"Ist das Fäßlein ausgetrunken, Geb ich dir zum Eigentume Des Getränkes schönen Brunnen!" Spricht der König und erbleicht.
Denn schon durch die Kammer streicht Bang die Taube, und es zucket Schon der Hammer in dem Turme, Drohend mit der zwölften Stunde.
Doch es schaukelt mit der Puppe, Daß gewieget sie entschlummre, Singt ein Lied, sie einzulullen, Jetzt das klare Geisterweib:
"Hast du gleich kein Herz im Leib, Hast du doch zwei ganze Schuhe. Schlummre, schlummre, ruhe, ruhe, Träume von der bunten Kuhe!
All die Bienlein, die gesummet Zu den wunderlichen Blumen, Belladonna, Frauenschuhe, Um zu bilden deinen Leib,
Ziehen jetzt zum Zeitvertreib In die lustge Rockenstube, Wo die schlanken Wasserjungfern Drüben bei dem grünen Sumpfe
An des Storches rotem Strumpfe Stricken, und sie singen Wunder, Hundert kunterbunte Wunder, Von dem Meister Langebein.
Wie er holt die Kindlein klein Aus dem milchgefüllten Brunnen, Wie dem Mond die karge Mutter An dem Rock stets tät zu kurze
Und ihm aus dem blauen Schurze Nimmer ganz die Mütze rundet; Von des Eichhorns lustgem Sturze In den kalten Born hinein,
Da sein Schatz im Mondenschein Wollte lugen in den Brunnen, Ob sie sehe ihres Buhlen Abbild in der Wassergrube,
Und um mit hineinzugucken, Tät er bücken sich und ducken, Fiel und mußte Wasser schlucken. Ei, wie lief das Jungfräulein!
Schlaf, mein Püppchen, schlafe ein! Herdesglut ist eingesunken, Und das Heimchen grillt im Dunkel Nun das Märchen von dem Funken,
Der der Köchin, die betrunken Schlief, eh sie ihr Lied gesungen, In den wüllnen Rock gesprungen Und verbrennet ihr den Leib,
Daß sie ward gleich einem Weib; Und wie aus dem falschen Kruge Für den Schwulst sie Salbe suchte, Auf den Besen stieg und fluchte,
Wider Will den Ritt versuchte Zu der klugen Frauen Runde, Wo die Hausfrau sie gefunden, Tanzend um den Bock den Reihn.
Als sie christlich wollte schrein, Fiel sie durch den Schlot herunter; Morgens saß sie ganz berußet In der heißen Aschengruben;
Und die Schornsteinfegerbuben Singen ihr: "Aus unsrer Schule Schwatzte heut mit dir dein Buhle, Doch sein Besen fegt nicht rein!"
"Mutter, es soll Wahrheit sein!" Sprach sogleich ein schwarzer Junge, Der mit einem kühnen Sprunge Aus der Schürze kam gesprungen!
Schlummre, süßes Püppchen, schlummre, Bist du dumm, es gibt noch Dummre, Bist du stumm, es gibt noch Stummre, Schlummre, schlummre, Püppchen, ein!
Bald miau! Die Katzen schrein, Machen Diebs- und Liebesrunde, Brünstig, günstig ist die Stunde, Zu dem Mondmann heulen Hunde.
Sieh! Dort auf dem Wiesengrunde Tanzen jetzt die Elfen munter Unterm Knabenkraut hinunter, Das die Blätter niederstreut.
Kind, sie spielen Lotto heut, Schreiben auf die Blättchen Nummern, Und du darfst nur kühnlich schlummern, Denn dir kommt dein Glück im Schlummer.
Du gewinnst die beste Nummer, Eine Braut wirst du im Schlummer, Und dich wecket ohne Kummer Hochzeit, Hochzeit, hohe Zeit!
Mondschein deckt dein Bettlein breit, Tu dich zu dem Bräutgam ducken, Wenn die Wichtlein Jubel rufend Auf den Stufen ihre Krucken
Brechen, durch die Ritzen gucken Und zum Schlüsselloch einschlupfen: Wenn sie an der Decke zupfen, Strecke nur heraus kein Bein!
Ei, die Nacht ist wunderfein! Vor der Kröt auf hohem Stuhle Singen Frosch und Unk im Pfuhle, Eine heilge Judenschule.
Und der Irrwisch hüpft betrunken, Wo der Musikant versunken; Brünstig glühn Johannisfunken, Wo jüngst fiel ein Jungfräulein,
Als ihr Buhl ihr stellt ein Bein Und ihr Kränzlein ohn Vermuten Fiel in eines Schatzes Gluten, Der im Acker eingetruhet
Blank zu ihren Füßen ruhet. Heim trug sie den Schatz zur Stunde, Schwerer war noch viele Pfunde Ihr lebendger Edelstein.
Schlaf, mein Püppchen, schlafe ein!" Also hat das Weib gesungen Mit verwirrter, süßer Zunge, Und der Zauber ist gelungen. —
Denn Biondette, schlummertrunken, Folgt des Zauberfadens Zuge, Geht zur Linde, und am Brunnen Liegt vor ihr ein Knabe fein.
"Jungfrau, ach, erbarm dich sein!" Spricht sie, legt den kleinen Buben Auf des Altars höchste Stufe, Wo sie einst auch ward gefunden.
"Bleibe unten, bleibe unten, Bete erst ein Vaterunser!" Hört sie jetzt den Knaben rufen, Doch sie soll verloren sein.
Und sie zieht zum Turm hinein, Steigt hinan die dunklen Stufen; Immer schwächer hört sie rufen: "Bleibe unten, bleibe unten!"
Bis die Stimme ganz verschwunden; Und Biondette, traumumwunden, Steiget jetzt die letzte Stufe, Gehet zu dem Mahl hinein.
Rosablankens Nadel fein, Um die sie das Haar gewunden, Zieht sie aus dem Lockenbunde, Die ihr golden niederfluten.
Nächtlich bloß den keuschen Busen, Tritt sie an die Zauberspuren, Und von ihrem Herzen funkelt Hell das goldne Röselein.
"Muß ich denn verloren sein? O Maria, Gottes Mutter, Der ich einstens ward gefunden, In die Windeln eingewunden,
Denke meiner frommen Stunden, Lasse sterbend mich gefunden!" Lallt sie, peinlich traumumwunden, Zu der reinen Seele Heil.
"Sei gegrüßt, du Todespfeil, Sei gegrüßt mit reinem Munde, Der nie freche Lust getrunken, Keuscher Tod in keuscher Wunde!
Flieh, du letzte sündge Stunde! Märtyrkrone sei errungen!" Dann ruft sie mit kühner Zunge: "O Maria, erbarm dich mein!"
Und die goldne Nadel fein Stößt sie in den reinen Busen Durch die goldne Rosenblume, Sinket nieder, heilig blutend.
Und es schlägt die zwölfte Stunde. "Weh, zu spät ists zu dem Trunke!" Schreit der König, und geht unter.
** Romanze XIX: Moles in Biondettens Leiche
Triumphiert, ihr guten Geister, Es zerbrach der falsche Thron! Apo, dem verfluchten Meister, Sind die Diener all entflohn.
Heilger Sabbat, betend steige Auf im Ost dein frühes Rot! Über dieser Jungfrau Leiche Schimmre lieblich hin der Tod!
In des Morgenlichtes Streifen Sehe ich ein Flammenboot Selig durch die Rosen schweifen, Mit den Segeln purpurrot.
Rosarosa, still geneiget, Führt das Steuer treu und fromm, Rosadora zu ihr steiget, Daß sie auch zum Heile komm.