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Romanzen vom Rosenkranz

Front matter (continued 2)

Reading edition

Freier Wille ist des Buches Höhrer Titel in zwei Worten, Gottes Wille heißt's im Grunde, Seit die Freiheit ging verloren.

Und Notwendigkeit am Schlusse Heißt es auch mit anderen Worten, Not ist hier die wahre Wurzel, Und das Wenden wird verboten.

Gott sprach zu den Menschen: |Surge, Eheu, eheu Christofore, Nam ad scholam tempus nunc est!| Und weckt ihn mit seinem Odem.

Und vom Himmel kam herunter Diese A-B-C-Methode, Und die neugeschaffne Jugend Ist daraus zum Doktor worden.

Aber schwer sind die Geburten, Nötig sind die Rotationen, Und fatal ist das Versuchen, Seit das Weib den Tod geboren.

Und du lernst aus diesem Buche, Wie der Kaiserschnitt zu ordnen, Daß lebendig bleibt die Mutter Und das Kind auch sei gewonnen!

Denn wie alle ihre Wunder In den ersten Schriftleinsbogen Die Gelehrten gern hermustern, So ging's hier auch den Autoren.

Und weil Adam bei dem Buche Sich den Kopf zu sehr gebrochen, Fragte Eva, Rat sich suchend, Andere Kommentatoren.

Was im Stile oben dunkel, Hellen auf die untern Noten; Über oben, über unten Schrieb am Rand ein Geist die Glosse.

"Schweig, es ist genug; verstumme!" Spricht zu Moles nun Apone, "Ich weiß nicht, ob du den Dummen Spielest oder ob du spottest!

Hatt ich das in dir gesuchet? Redest du mir Kinderpossen, Oder bist du ein Verruchter, Der mich höhnisch denkt zu foppen?

Hat ein Arzt dies Buch beim Sturme Von Krakovia verloren, Und hieß Amber Herr des Buches? Rede, sage es unverhohlen?" —

"Amber, ja, so steht im Buche, Und er war ein Äthiope." — "Hei! so ist ein Schatz gefunden!" Spricht in Freuden jetzt Apone,

"Gib es her!" — "Nein!" spricht der Bube, "Stelle mir die Horoskope, Jetzt, sogleich, in fünf Minuten, Und dir geb ich's, wie gelobet!"

Und Apone fragt mit Murren: "Wann bist du geboren, Moles, Sag das Jahr, den Tag, die Stunde, Und ich stell die Horoskope." —

"Meister, meine letzte Mutter Hat mich dieses Mal geboren In dem Jahre Siebenhundert, Am Geburtstag des Herodes,

In der lustgen roten Stunde, Da die Kindlein man gemordet. Sie hat selbst es in dem Buche Angemerkt mit kurzen Worten."

Apo merkt sich diese Punkte, Hat der Kreise viel gezogen Und geschrieben viele Nummern An dem Boden mit der Kohle,

Und hierauf die ganzen Summen Von den halben abgezogen, Dann sich ernstlich drob verwundert, Als er fand die Horoskope.

"Du bist heut im Jahr der Stufen," Sprach er, "hüte dich vor Rosen! Du bist heut in diesen Stunden Von Gefahren schwer bedrohet!

Hüte dich, denn ob dir runden Die Gestirn recht im Zorne, Einge Stellen bleiben dunkel, Die vom Feuer und vom Tode.

Denn dein Schicksal ist verbunden Mit unzähligen Legionen, Unbekannt ist eure Mutter, Um Betrug wirst du betrogen

Und wirst sein von großen Nutzen Einem hohen Philosophen, Und dies ist schon mit dem Funde Deines Buches eingetroffen.

Aber dunkler wird's und dunkler, Denn ich sehe die drei Rosen, Die zu einem starken Bunde Gegen dich sich fest verschworen.

Hüte dich vor einem Brunnen, Wo die Kinder drinnen wohnen, Denn du teilest diese Punkte Mit dem Tage des Herodes.

Und in manchen Konjunkturen Stehen meine eignen Pole Mit den deinigen verbunden, Denn mir drohen auch die Rosen.

Durch dich, was mich gar sehr wundert, Wird entstehen einst ein Kloster, Und die böse Rosenblume Wächst im Garten dieses Klosters.

Einem ungeheuern Sturze Bist du auch noch unterworfen; Jetzt wird's klarer: Deine Stunde Wird dir mit dem Feuer kommen."

Und nun greift er nach dem Buches. "Nimm es hin!" sprach lachend Moles, "Du weissagst mir wenig Gutes, Mein Geschick ist nicht zu loben."

Aber an dem Turme unten Schallet heftig nun die Glocke, Und da Apo schaut hinunter, Sieht er seiner Schüler Horde.

"Was nur mag zu dieser Stunde Dieser Troß von mir doch wollen?" Und er öffnet mit dem Zuge Schnell des Turme kleine Pforte,

Löschet in der grünen Urne Schnell das Licht des Totenkopfes, Und es gleicht die schwarze Stube Einem alten dunkeln Boden.

Da die Schüler auf den Stufen Seiner Türe näher kommen, Spricht: "O Meister, laß mich suchen Einen Winkel!" zu ihm Moles.

"Weil in diesen bösen Stunden, Wie du sprachst, Gefahr mir drohet; Daß die Schüler dich besuchen, Macht mich ängstlich und betroffen."

Apo spricht: "Hier hinterm Stuhle Bist du gänzlich wohl verborgen; Ich verhäng dich mit dem Tuche, Das ihn rings bedeckt zum Boden."

Und es öffnet sich die Stube. Apo sitzt wie auf dem Throne, Und in eine halbe Runde Sich die Schüler um ihn ordnen.

Einer tritt dann mit der Urne Vor ihn, spricht: "O Herr, des Moles Asche in der Urne ruhet! Er starb eines seltnen Todes.

Ja sein Tod war recht ein Wunder, Denn die Sängrin retten wollend, Stürzten zu ihm alle Gluten, Brannten ihn vor uns zu Kohlen!

Und wie auch des Wasser Fluten Rings wir auf ihn niedergossen, Brannt er bis zum letzten Funken, Und es blieb auch nicht ein Knochen!

Da ein Mönch geweihten Brunnen Zu ihm sprengte ein'ge Tropfen, Ward er Asche; in der Urne Haben wir sie aufgehoben.

Herr verzeih, daß wir zur Stunde Uns hieher zu dir erhoben, Denn wir kommen hoch verwundert Zu dir, und entsetzt, erschrocken!"

Apo höret ihre Kunde, Und ihm stockt fast der Odem; Ängstlich spricht er: "Deine Zunge, Schüler, hat sie nicht gelogen?"

Alle sprechen in der Runde: "Meister, es ist nicht gelogen, Denn es sah's die ganze Schule, Und es sahens alle Ordnen.

Und es schrieen alle: Wunder! Die gelöschet in der Oper, Da sie unsern teuern Bruder Sahn zu Asche niederlohern!" —

"So enthüllet mir die Urne!" Sprach Apone tief erschrocken, "Daß ich Ehre an ihm tue, Denn ich war ihm stets gewogen.

Längst wußt ich, daß dieser Stunden Große Nöten ihn bedrohten; Seht: Hier mit dem schwarzen Ruße Stellt ich seine Horoskope.

Er war eine der Naturen, Die im Zentrum aller Sonnen Feuer tragen in dem Blute, Das sich in sich selbst vertrocknet.

Seine Asche untersuchen Wollen wir am nächsten Morgen, Daß er uns belehrend, nutze, Auch noch hilfreich in dem Tode!"

Da enthüllten von dem Tuche Sie die Urne; eine Wolke Schoß heraus, ganz dick und dunkel, Die rings durch die Stube rollte.

Sie drang auf mit solchem Schwunge, Daß der Schüler stürzt zu Boden, Und die Treppentüre suchend Alle übernander stoßen.

Wunderliche Zerrfiguren Bildete die wilde Wolke, Flog dann summend, eine Hummel, In den schwarzen Bart Apones.

Da er sie zu jagen suchte, Wuchs sie, ihm zu großem Zorne, Aus dem Bart als Bart herunter Und flocht sich zu einem Zopfe.

Apo fängt nun an zu fluchen, Und ein hohles Lachen kollert Um ihn her. Nichts mehr zu suchen Hatten die Studenten oben.

Und die Treppe schier kopfunter Schossen sie hinab von oben, Ihre Seelen auch mitunter Diesem, jenem angelobend.

Apo glaubt in falschem Mute, Daß sie seiner spotten wollten, Und stürzt nach mit seiner Rute Auf die armen jungen Toren,

Bis in seinem Bart verschlungen Er hinabzustürzen drohte; Denn er stieß mit einem Fuße Auf dem Weihbrunnkessel oben,

Der hellklingend auf den Stufen Widerspringend niederrollet Und der fliehenden Schuljugend Wie ein böser Donner folgte.

Hei! wie hat ein muntres Fluchen Da der zornge Mann erhoben! Aufwärts tappend nach der Stube Ward er an dem Bart gezogen.

Da er eintrag in die Kuppel, War der Bart dem Zug gefolget Und fiel vor ihm in der Stube Schwarz als Asche auf den Boden.

Apo reißt das Tuch vom Stuhle, Aber statt des Schelmen Moles Sieht er dort nur seinen Pudel Sitzend auf den Hinterpfoten.

Dieser Anblick macht ihn stutzen, Und es ging sein Zorn verloren; Vor der Überraschung Wunder War er innerlich erschrocken.

Er erkannte in dem Hunde Und in seinem Schüler Moles, Was er nimmermehr vermutet, Einen heimlichen Dämonen.

Und sprach nun mit kalter Ruhe: "Bist du solchen Schrot und Kornes, Soll dir alles auch zugute, Wie du mir's geboten, kommen!"

Greifet dann nach einem Buche Und nach einer Glasesglocke, Die bezeichnet mit Figuren Und beschrieben rings mit Formeln.

Und mit seines Fingers Drucke Töne aus der Glocke lockt er, Die dem wundersamen Pudel Peinlich schallten in den Ohren.

Mit dem Winseln eines Hundes Schrie: "Erbarmen!" laut der Moles. "Laß mich nicht so schwer verschulden, Daß ich scherzhaft bin geworden!"

Doch zu quälen ihn nicht ruhet Apo mit dem Ton der Glocke, Bis der Geist zu allem Guten Sich ihm hoch und tief verschworen.

"Sprich, in welcherlei Figuren Soll ich künftig bei dir wohnen?" Fragt er, "da ich in den Gluten Starb, nach deinem Horoskope."

Apo sprach: "Du bleibst mein Pudel; Aber soll ich deiner schonen, So erklär die dunklen Punkte Gleich jetzt deines Horoskopes.

Wer war deine erste Mutter? Wer hat dich zuletzt geboren? Wie steht es mit jenem Buche? Was bedeut der Haß der Rosen?

Was hast du mit einem Brunnen, Welchen Kinder klein bewohnen?" Nun spricht aus dem Hundeknurren Zu dem Herrn der schlaue Moles:

"Ich weiß nichts von jenem Brunnen Und auch nichts von jenen Rosen, Sie sind mir wie dir so dunkel, Auch die Stiftung jenes Klosters.

Denn es gibt gar manche Wunder, Die mir ewig sind verschlossen: Aber ganz auf andre Spuren Hab ich suchend mich geworfen!

Wenn Biondetten du errungen, Wenn getötet du Meliore, Wenn ohn Abendmahls Genusse Starb das Weib des Jacopone,

Wenn verzweifelt, ohne Buße, Starb der Fackelgießer Kosme, Und wenn stürzt in schwere Schulden Seine jungfräuliche Tochter,

Und in Raserei zugrunde Geht der Bruder Jacopones, Pietro, der die schönen Blumen Ziehet vor dem römschen Tore:

Dann magst du und ich in Ruhe Ewig hausen vor den Rosen Und dem Kinde jenes Brunnens Und vor jenem neuen Kloster!

Aber willst du meine Mutter Kennen, lies die ersten Bogen Des dir hochgepriesnen Buches Von dem Weib des Erdensohnes!"

Also sprach der Geist. Zum Buche Sitzt begierig nun Apone, Ihm zu Füßen liegt der Pudel Augenfunkelnd an dem Boden.

Doch die Lettern dieses Buches Sind ihm unbekannte Formen, Und erzürnt der Meister fluchet, Moles mit den Füßen stoßend.

"Was soll mir der welsche Plunder? Wahrlich, diese Schrift ist toller, Als im Schnee die krausen Spuren Hungrig scharrnder Hühnerpfoten!"

Zu ihm schwänzelnd spricht der Pudel: "Meister, diesen Fall ich lobe. Lang ging ich zu deiner Schule, Nun kannst du zu meiner kommen.

Ich will dir zur rechten Stunde Bald ein paar Tinkturen kochen, Und hast du davon getrunken, Liest du alle Hühnerpfoten!

Und dann geb ich dir in kurzem Auch die rechte Lesmethode, Wie von oben du nach unten, Und von unten liest nach oben.

Denn das ist des Buches Wunder, Trotz dem Werk der Philosophen: Du magst lesen drüber, drunter, Immer gleich bleibt dir geholfen.

Weil auf Schlüssen es beruhet, Die von hinten aus nach vornen Was nach oben, was nach unten Ward verknüpfet, schnell entknoten.

Konsequenz allein ist Tugend, Und das Ding verkehrt genommen, Was man kann, weil es gerundet, Kann das Laster selbst uns frommen.

Hast du Kraft dazu gefunden, Magst du immer unverhohlen Schwimmen gen den Strom des Flusses, Streichen gen des Wuchs die Borsten.

So findst du der Freiheit Wurzel, Dringst vom Abgrund du nach oben; Allen Zwang hat überwunden, Wer entwurzelt das Verbotne!" —

"Schweig mit der Moral der Hunde!" Sprach beschämet nun Apone, "Sage her des ersten Buches Inhalt!" — Und zu ihm spricht Moles:

"Du liest in dem ersten Buche, Wie unendlich war ergossen Or Haënsoph ohne Dunkel, Ein unendlich Leuchten Gottes.

Wie dem Lichte ist entsprungen, Sich rückziehend durch das Wollen, Dunkler Raum im Mittelpunkte, Worin ward die Welt geboren.

Wie sich in des Rückzugs Spuren Kreisend dann das Licht ergossen, Mannigfach des Raumes Dunkel Licht erringend hat umschlossen.

Und wie, alles durchfiguret, Adam Kadmon war geboren, Aus sich selbsten ausnaturend Die zehn Kräfte Sephirote.

Wie vier Welte sind entsprungen, Da lebendig war das Wollen: Asia, Briat, Aziluthe Und Jezirah, Antlitz Gottes.

Die Jezirah ist durchdrungen Von zehn hohen Engelchoren, In astralschen Leiber funkelnd Sind sie alle schon personet.

Die Asia ist die untre, Materialisch schon geformet, Drin die bösen Geister wurzeln, Die in Gottes Zorn geboren.

Sie ist aus dem Streit entsprungen, Als das Ebenbildnis Gottes, Adam Kadmon, zu bewundern Gott die Engel aufgefordert.

Luzifer ist aufgedrungen Und hat da im ersten Stolze Adam Kadmon ausgerufen, Nicht als Bild, nein als den Gott selbst.

Denn als Gott sich ausfiguret In der Kraft des ewgen Wollens, Wollte Luzifer naturet, Über ihm als Herr nun thronen.

Aber aus dem Licht ins Dunkel Ward er da hinabgestoßen; So entstand die Schwere unten, So ward untre Welt geformet.

Die nun materialisch rundet Als die Erde, Mond und Sonne, Aber doch in ihrem Schwunge Ist der obern unterworfen.

Und so sind in Gott entsprungen, Aber doch in ihrem Wollen Widerstreitend scharf zwei Punkte: Ewges Licht und ewges Dunkel.

Wer nun in der Tiefe suchet, Wo die starken Geister wohnen, Der wird stark in ihrem Bunde; Jeder ist dem Geist willkommen.

Selig aber sind die Dummen, Sie gehn auf im Schoße Gottes, Wissen nicht das was sie tuen; Hast du Lust dazu, Apone?

Geißle blutig dir den Buckel, Schlafe auf dem harten Boden, Küß kein Weib und bet hungre, Gehe stolz einher im Spotte!

Und vor allem sei ein Kluger, Wählst du in den Religionen Unter Heiden, Christen, Juden, Daß du triffst die rechte Pforte!

Oder willst du im Abgrunde Mit dem hohen Geiste wohnen? Willst du leuchten in dem Dunkel Vor den andern Philosophen?

Jauchze dann in ewger Jugend, Plätschre in des Lebens Wogen, Daß dich heben Wollustfluten Übers Tor des ewgen Todes!

Denn das ist das hohe Wunder Und der Teufelsquell des Trostes, Daß wir nimmer gehen unter, Weil wir streben nur nach oben!

Wir allein sind fest gefußet, Sind es durch Erkenntnis worden Von dem Bösen und dem Guten; Stürzen können die von oben,

Steigen können die von unten!" — Also sprach der schlaue Moles, Und begann von seiner Mutter Die Geschichte dann, wie folget.

** Romanze X: Schöpfungsgeschichte des Moles

"Als das Licht sich hat entzweiet, Stieg was leicht und sank was schwer, Und das Eine war gezweiet Zwischen Gott und Luzifer.

Luzifer, dem stolzen Geiste, Diente nun der feste Kern, Und was unterridisch kreiste, Nannte ihn den mächtgen Herrn,

Der von unten aufwärts greifet Und mit Wonne und mit Schmerz Was unsicher oben schweifet Niederreißt ans erzne Herz.

Und der Oberfläche Zweifel Stehet an der Scheide Weg, Und das eben ist der Teufel, Daß so eben ist sein Weg.

Aber nieder sah mit Neide Gott zum festen Erdenstern, Und er wollte, daß sie beide Anteil hätten an dem Kern.

Wollte, daß als Friedensgeisel Einer zwischen beiden geh, Und, des großen Künstlers Meißel Lobend, an der Sonne steh;

Der, den Geist der Erde preisend, Hafte an dem Grunde schwer, Mit der Stirne aufwärts weisend, Mit dem Leibe irdisch wär.

Und der Herr sprach: "Nieder reise Zu der Erde, Gabriel, Bring in ihre sieben Kreise Des Allmächtigen Befehl,

Daß sie dir des Staubes reiche Aus den sieben Tiefen schnell, Daß ein Bildnis, das mir gleiche, Ich ihr draus zum Herren stell."

Als der Seraph niedersteigend Zu der irdschen Feste schwebt, Lag die Erde einsam schweigend, Von der Geister Puls durchbebt.

Wo des Engels Flug ausgreifet, Spaltet sich das Firmament, Und aus seinen Ufern schweifet Bang das nasse Element.

Und es dreht sich das Eisen Schmerzlich in der Erde Herz, Daß die Quellen los sich reißen Aus der Tiefe himmelwärts.

Auf den Fittichen gebreitet Steht der Seraph vor dem Kern: "Erde, dir ist Heil bereitet Durch den Willen deines Herrn!

Sei gegrüßt, Gebenedeite! Denn mit dir will sein der Herr, Und aus deinem Eingeweide Soll erstehen dir der Herr.

Und die Frucht aus deinem Leibe Soll dem Herren ähnlich sehn; Daß dir Gottes Liebe bleibe, Soll sein Bild aus dir erstehn.

Drum aus deinen sieben Reisen, Von der Rinde bis zum Kern, Laß mich eine Handvoll greifen; Also ist der Will des Herrn!"

Vor des Engels lautem Schreie Widertönt der Erde Erz, Und mit einem tiefen Schreie Tönet auf aus ihr das Herz:

"Gabriel! zum Herrn ich schreie, Tief in innrer Angst erbebt, Daß er mir den Wunsch verzeihe, Daß ich bleibe unbelebt.

Daß ich jungfräulich im Scheine Seines Lichtes freudig steh, Nimmer um den Menschen weine, Nicht in Sünde untergeh.

Jetzo bin vor Gott ich reine; Soll ein Herr aus mir erstehn, Wie soll bleiben er der meine, Wenn er in das Licht gesehn?"

Und den Seraph hat das Weinen Der Jungfräulichen bewegt, Zu des ewgen Lichtes Scheinen Ihn der Flügel wieder trägt.

Und wo er im Flug verweilet In der weiten Himmelshöh, Geht die Sonne, da er eilet, Auf, daß sie die Erde seh.

Und er sprach: "O Herr, verzeihe! Mich durchdrang ihr rührend Flehn; Ihre Bitte, Herr, verleihe, Laß in Reinheit sie bestehn!"

Doch der Herr sprach: "Will im Scheine Meiner Sonnen keusch sie gehn, Will sie bleiben immer reine, Eh ihr auf die Augen gehn?

Sie liegt in des Traumes Zweifel, Wenn mein Bild nicht auf ihr lebt; Aus ihr schreiet nur der Teufel, Wenn sie zierend widerstrebt."

Und der Herr sprach: "Niedersteige Zu der Züchtgen, Michael! Daß sie dir des Staubes reiche, Nach des Ewigen Befehl!"

Als der Seraph sie umkreisend Sieht im Mittagsglanze stehen Und, des Herren Milde preisend, Sich im Sonnenstrahl ergehn,

Rühret ihn, den göttlich Freien, Der nicht kannte irdisch Weh, Ihr metallisch heißes Schreien, Daß ihr hart Gewalt gescheh.

Und er blieb, zur Höhe eilend Bittend vor dem Ewgen stehn, "Herr!" sprach er, "hör Gnad erteilend Schonend an der Erde Flehn!

Ich hab sie im Sonnenkleide Also schuldlos schlummern sehn, Aller Tränen Augenweide Unter meines Fittichs Wehn.

Als ich meine Flüge breitend Sie mit meinem Flug erweckt, Ihre Schmerzen tief mitleidend, Hat mich ihr Geschrei erschreckt!"

Und der Ewge sprach: "So steige Zu der Jungfrau, Raphael, Daß sie dir des Staubes reiche, Bringe ihr des Herrn Befehl!"

Und der Seraph niederschweifet Überm blauen Wogenmeer, Und die Erde lag umreifet Von dem Abendglanz umher.

In dem roten Sonnenscheine War sie so in Trauer schön, Stille lauschend, wie sie weine, Blieb er auf den Wogen stehn.

Und von ihrem heißen Weinen Wurden seine Flügel schwer, Und er mußte mit ihr weinen Nieder in das dunkle Meer.

Da er in die Wogen weinet, Da erbitterte das Meer, Und ihr Herz in Schmerz versteinet Floß in salzgen Quellen her.

Und der Engel wollte weichen, Da die Sonne stieg zur See, Und er stellt zum Friedenszeichen Ihr den Mond in blauer Höh.

Da er zu dem Licht aufreisend Durch das hohe Himmelsfeld, Rollen seine Tränen kreisend Um die Erd das Sternenzelt.

Und der Herr sprach: "Niedersteige Zu der Erde, Azrael! Daß sie dir des Staubes reiche, Bringe ihr des Herrn Befehl!"

Und der Seraph weit ausbreitet Er die Flügel um sich her, Daß der Schatten mit ihm schreitet Und die Nacht so tief und schwer.

Ihn soll nicht ihr Schmerz ergreifen, Er will sie nicht trauern sehn, Und vor ihm an ihren Reifen Mond und Sonne untergehn.

Von der neuen Lichter Scheine Die Geblendeten vergehn, Als sie freudg und alleine In ihr eigenes Herz gesehn,

Und fand allerlei Gebeine, Die das Licht in ihr erregt, Fand in sich die edlen Steine Dunkel schimmernd ausgelegt.

Und traumwandelnd sie beschleichet Nun der schlaue Azrael, Und die Träumerin sie reichet Sieben Staube dem Gesell.

Da er zu dem Ewgen steiget, Ließ er sie im Schlafe stehn, Der der Erde hat gezeiget, Daß sie müsse untergehn.

Da den Staub dem Herrn er reichet, Spricht der Ewge: "Azrael! Wer das Leben so beschleichet So vollbringet den Befehl,

Der soll alle Seelen leiten Zu dem Himmel, zu der Höll, Die sich von dem Leben scheiden, Todesengel Azrael!"

Und die Erden schärfer scheidend Ließ des Meisters Will entstehn, Tiere immer höher schreitend Kriechen, schwimmen, fliegen, gehn.

Und die sieben Erden einet Er zum Menschen noch zuletzt; Der da lachet und auch weinet War zum Erdherrn eingesetzt.

Ihn haucht an der Herr der Geister, Hat ihm einen Geist geschenkt, Daß er ähnlich sei dem Meister, Irdisch lebend göttlich denkt.

Von der Erd zum Sternenkreise Reicht er, wenn er aufgestellt; Sonnen gleich zu Gottes Preise War das Antlitz ihm erhellt.

Ruhend ihm die Stirne reichte, Wo die Sonne aufersteht; Ruhend ihm die Ferse reichte, Wo die Sonne untergeht.

Und die Tiere und die Geister Blieben betend vor ihm stehn, Glaubten ihn den ewgen Meister, So war herrlich er und schön!

Doch da sie ihm näher schreiten, Haben sie ihn erst erkennt, Da er schrie: "Die Herrlichkeiten Gottes sind ohn Zahl und End!"

Aber Gott sah ihn mit Neide, Wollte ihn verkleinern gern, Auf daß künftig unterscheide Man den Diener von dem Herrn.

Ließ vom Schlafe ihn beschleichen, Den erfunden Azrael, Zu ihm, zu den irdschen Reichen Stieg er, daß er ihn bestehl.

Machte um viel Ellen kleiner Und beraubt sein eigen Werk, Streute um ihn her die Beiner, Daß er seine Herrschaft merk.

Und da Adam war alleine, Sah die Tiere paarweis gehn, Wollt der Herr, daß er nicht weine, Ihm nach einem Weibe sehn.

Und er rief: "Hernieder steige in die Tiefe, Azrael! Daß sie dir des Staubes reiche, Bringe ihr des Herrn Befehl!"

Aber alle sieben Kreise Waren durch und durch belebt, Daß den Staub er zu sich reiße, Harten Kampf der Geist erhebt.

Als er in der Nacht ausgreifet, Griff er in ein Pfauennest, Und den Vogel hochgeschweifet Steckt im Wolkengurt er fest.

Weiter fassend zu ihm schleichet Eine Katze augenhell, Funken sprühen, wenn er's streichet, Aus dem glatten Schmeichelfell.

Aus der Wurzel sodann reißt er Belladonna Azrael, Und Fünffingerkraut; der Meister Wird schon wissen, was ihm fehl.

Eine Purpurschnecke reichet Ihm sodann das weite Meer, Und aus seiner Höhle steiget Basiliskus zu ihm her.

Und mit diesen Sechsen einet Er den König, der sich hebt, Und in roter Schminke scheinet, Wenn Merkur bei Sulphur lebt.

Diese böse Sieben reichet Klug dem Engel Luzifer, Der vor ihm im Dunkel schleichet, Als wenn er die Erde wär.

Diese Sieben formt zum Leibe Nun der Herr, die sonst getrennt, Gibt dem Adam sie zum Weibe; Lilith war das Weib genennt.

Adam! Adam! du mußt leiden, Dir ist bös ein Weib gesellt! Wer mag dich von Lilith scheiden, Die vom Herrn dir ward bestellt?

Schreiend, widergellend, keifend Eifert sie und widerbellt, Mit den tausend Augen schweifend, Die der Pfauenschweif enthält.

Und da heuchelt sie und schmeichelt In dem weichen Katzenfell, Und wenn er betört sie streichelt Kratzt und beißt sie den Gesell.

Nach der Belladonna weisend Er sie etwas giftig nennt, Bald auf seinen Wangen beißend Das Fünffingerkraut entbrennt.

Purpur und Zinnober weiset, Wie es mit der Wahrheit steht, Wenn der Basiliske gleißend Aus der falschen Schminke geht.

Ewig waren sie entzweiet, Sie erkannt ihn nicht als Herrn, Den Schemhamphorasch laut schreiend Flog sie in die Lüfte fern.

Da sprach Adam: "Herr der Geister, Lilith floh aus meiner Welt; Sie will nicht, daß ich als Meister Über sie sei aufgestellt!"

Gott ließ nun drei Engel reisen, Die sie fanden überm Meer; Sie zur Güte hinzuweisen, Machte sie den Engeln schwer.

Und nichts konnte sie erweichen, Daß sie zu dem Adam kehr, Und die Engel, daß sie schweige, Drohn zu stürzen sie ins Meer.

Da schwur sie, zur Qual alleine Sei geschaffen sie zur Welt, Zu der eignen Kindlein Peine Sei zum Leben sie bestellt.

Und der Herr sprach: "Ja, so bleib es! Doch, um sie zu bändigen, Sollen Kinder ihres Leibes Täglich hundert untergehn!"

Und seit diesen Fluch der Meister Ließ ergehen für ein Recht, Sterben täglich hundert Geister Aus der Lilith Urgeschlecht.

Um den Adam zu beschleichen, Gott sein Haupt in Schlummer senkt, Stiehlt die Rippe ihm, ein Zeichen, Daß der Mensch denkt und Gott lenkt.

Denn er war durch Schaden weiser, Scheute sich vor Luzifer, Und er geht Werke leiser, Will nun keine Erde mehr.

Und die Rippe wird zum Weibe; Heva hat er sie genennt, Sie war Fleisch von Adams Leibe, Und sie haben sich erkennt.

Ihre Locken zu den Seiten Flocht und schmückte ihr der Herr, Salbte sie, und tanzend schreiten Mußte sie zu Adam her.

Tausend Engel, sie zu preisen, Vor dem klaren Weibe gehn, Singend, spielend sie umkreisen Rings mit himmlischem Getön.

Und es tanzten rings den Reigen Sonne, Mond und Sterne fern Nach der Engel Harf und Geigen Vor der Braut des Erdenherrn.

Während seinen Segen beiden Reichet gütig nun der Herr, Zu der Mahlzeit sie zu leiten Eilten dann die Engel her.

Auf dem Tisch von Edelsteine Da die Hochzeitsspeisen stehen, Schenkend wohlgekühlte Weine Engel um die Tafel gehn.

Gott zeigt in dem Paradeise Einen Baum, der hoch aufstrebt, Spricht: "Die Frucht nehmt nicht zur Speise, Sie ist tödlich!" und entschwebt.

Da er von der Erde weichet, Von dem Herren zum Geschenk Raphael ein Buch ihm reichet, Daß er seiner Liebe denk.

Aller Schöpfung Heimlichkeiten In dem Buch verzeichnet stehn, Und die Engel aller Seiten Schleichen, in das Buch zu sehn.

Hinter seinem Rücken schreibet Ab das Buch der Samael, Luzifer ihn dazu treibt, Daß auch nicht ein Buchstab fehl.

Doch zu viel sitzt seinem Weibe Bei dem Buche der Gesell, Und sie schweift zum Zeitvertreibe Durch den weiten Garten schnell.

Und sie sieht zur ihr herreiten Auf dem ragenden Kameel, Der sie will zur Freiheit leiten, Stolz den hohen Samael.

"Wollet mich zum Baum doch leiten", Spricht er, "der im Garten steht, Der verboten ist euch beiden, Auf daß ihr euch nicht erhöht!

Aus des Buches Heimlichkeiten Hab ich heute eingesehn: Wer der Früchte ißt, wird schreiten Auf zu Gott, ja gleich ihm stehn."

Und geführet von dem Weibe Greift zum Baume Samael; Daß er ungetötet bleibe, Zeigt er essend ohne Hehl.

Und das Weib zum Baume greifet; Aber wehe! vor ihr schnell Zu der Erde niederschweifet Todesengel Azrael.

Sie gedacht in tiefem Leide, Daß sie nicht alleine sterb. "Sterben wir doch besser beide, Daß kein Weib ihn mehr erwerb."

Zu dem Mann ist sie geeilet, Der bei seinem Buche steht; Bis die Sünde er geteilet, Eher sie nicht von ihm geht.

Und der Herr sah es mit Neide, Und aus Adams Händen schwebt Weg das Buch, daß er mit Leide Seinen Blick zu Gott erhebt.

Und er schlug sein Haupt und weinte, In den Gichon-Fluß sich stellt, Und so jammerte und weinte, Daß er bis zum Haupt ihm schwellt.

Und der Schimmer seines Leibes Rostet und wird träg und schwer, Und es wird zum Fluch des Weibes, Daß mit Schmerzen sie gebär.

Gott stürzt sie vom Paradeise, Und sie stürzten ab, getrennt; In der Erde tiefstem Kreise Adam sich zuerst erkennt.

Erez Hattachtona heißet Sie und Welt im finstern Kern; Aber Luzifer beweiset Sich als einen guten Herrn.

Er schickt zu dem zweiten Kreise Adamah, den Erdgesell, Daß den Boden er aufreiße Und das Bergwerk ihm bestell;

Wo er hundert Jahre bleibet. Lilith drang da zu ihm her, Und mit diesem bösen Weibe Zeuget Zwerg und Riesen er.

Heva lebt im tiefern Kreise Mit dem Geiste Samael, Zeugt mit ihm in gleicher Weise Geister und Dämonen schnell.

Da bevölkert er die Kreise, Wie er wollte, Luzifer, Ließ er sie zur Arka reisen, Die die vierte Erde wär.

Und hier fanden sie sich beide, Und da sie sich hier erkennt, Ward geboren ihrem Leide Stolz ein Sohn und Kain genennt.

Und nun stiegen nach der Reihe Um drei Erden still einher Bis zur Tebhel alle dreie, Unsere Erde, unser Meer.

Adam hier ein Buch aufschreibet, Was er unten hat gelernt, Und was ihm erinnerend bleibet Aus dem Buch, das Gott entfernt.

Viel vom Bann und Glück der Geister Ihm die Eva auch erzählt, Wenig hat ihr starker Meister Samael vor ihr verhehlt.

Alles in das Buch er schreibet, Alles in dem Buche steht, Und das hohe Buch es bleibet Als er stirbt dem Sohne Seth.

Von dem Seth zum Tubalkaine Hat sich dann das Buch entfernt, Der die harten Eisensteine Daraus künstlich schmieden lernt.

Jubal lernt daraus der Geigen Und der Flöten süß Getön, Und aus seines Stammes Zweigen Alle Pfeifer auferstehn.

Und so steigt es immer weiter Von Geschlechte zu Geschlecht, Und auf seiner ewgen Leiter Stehen alle Künste recht.

Mündlich, schriftlich, stets erweitert Geht es durch die trübe Welt, Die es mit der Kunst erheitert, Mit Erkenntnissen erhellt.

Noah schrieb hinein die Reise Durch der Sündflut hohes Weh Und der Tiere Art und Weise, Ihrer Sprache A B C,

Und des Weines Zaubereien, Und wie man am Firmament Aus der Sterne klaren Reihen Menschliches Geschick erkennt.

Abram, daß die Kunst mög bleiben Die Gestirne zu verstehn, Wollte sie auf Körper schreiben, Die durch Feu'r und Wasser gehn.

Er schrieb sie zum Trost der Seinen Auf zwei Säulen himmelwärts, Eine von gebrannten Steinen Und die andre war von Erz."

So sprach Moles zu dem Meister, Der in hoher Freude steht, Daß die Weisheit aller Geister Nun in seinen Händen steht.

"Aber sag," spricht er zum Geiste, "Wie sich deine Mutter nennt?" "Heva," sprach er, "mit mir kreiste Durch den Vater Samael.

Und du selber, starker Meister, Stammest von der Lilith her; Dein Urvater, Adam heißt er, Und der Taufpat Luzifer.

In Ägypten hat verbreitet Sich dein mächtiges Geschlecht, Und durch deinen Vater streifte Es herüber ungeschwächt."

"He! mein Vater, he! wie heißt er?" Spricht nun Apo zum Gesell. "Amber, Amber, lieber Meister," Spricht der Hund, "doch ist's nicht hell!

Denn es mag die Heimlichkeiten, Die die Liebe zwirnt und dreht, Selbst der Teufel nicht entscheiden; Mancher erntet ungesät."

Also sprachen diese beiden, Bis es an dem Turme schellt, Apo zu den letzten Leiden Einer Kranken ward bestellt.

Und der Geist ward immer dreister: "Mach, daß sie das Sakrament," Sprach befehlend er zum Meister, "Nicht empfängt vor ihrem End!"

** Romanze XI: Biondetta in dem Theater

Schwarze Damen, schwarze Herren Wandeln durch Bolognas Straßen. Werden sie zur Leiche gehen? Wen bringt man so spät zu Grabe?

Doch kein Priester wird gesehen, Kreuz und Fahne nicht getragen; Alles strömet laut und rege, Und die schnellen Wagen rasseln.

Nicht zur Mette oder Vesper, Miserere, Salve, Ave, Auch zu keiner Totenmesse: Diese liest man nicht am Abend.

Nein, sie gehn zur letzten Ehre, Trauernd all in schwarzer Farbe, Was sie lieben anzusehen In die Runde des Theaters.

Denn die herrliche Biondette Wird der Bühne heut entsagen, Morgen dann den Schleier nehmen In der Kirche zu Sankt Claren.

Und der Schein unzähl'ger Kerzen Füllet leuchtend schon die Hallen, Und es lodern alle Herzen In unsichtbar schönen Flammen.

All die schwarzen Fraun und Herren, All die Diamanten strahlend Und die schwarzen Augen brennend Reihen blendend sich zum Kranze.

Bis lebendig alle Wände In viel tausend Herzen schlagen, Jeder Blick ein Aug muß treffen, Jeden Ton ein Ohr muß fassen.

So gleich einem Firmamente Mit viel guten Sternen flammend, Baut sich wundersam ein Tempel, Um Biondetten zu umfangen.

Da der Vorhang ruhig schwebet, Sonne, bist du aufgegangen, Leise Kühlung duftend wehet Um die sehnsuchtsheißen Wangen.

Liliensäulen sich erheben Eine Rosenkuppel tragend; Unter einem Blumentempel Steht Biondetta mit der Harfe.

Ach, sie war ein klarer Engel, Voll von lieblichen Gedanken, Einer frommen Jungfrau Seele An der Himmelspforte zagend.

Alles Licht zu ihr sich sehnet, Zu ihr alle Strahlen fallen, Alles schweigt und liebt und betet Recht in selgem Wohlgefallen.

Also schwieg die junge Erde, Da der Mensch, der Gottgeschaffne, In dem Kelch des jungen Lebens Sinnend schwankt und weint und lachte.

In ihr nur war alles Denken, In ihr alle Herzen schlagen, Mit ihr jedes Aug gesenket Oder freudig aufgeschlagen.

Nun erhebet sie die Rede, Und die tausend Hörer alle Fühlen ihrer Lippe Beben Still in freudigem Erwachen.

Züchtig sprach sie: "Hochgeehrte! Schonend habt ihr mich vor Jahren Aufgenommen in den Tempel, Habt geduldet mich seit Jahren.

Wollet heute auch in Ehren Eure Dienerin entlassen, Daß mich rein ein reinrer Tempel Aus der Künste Haus empfange.

Als ein Opfer will ich geben heut des äußren Lebens Fabel, Daß ich dann das innre Leben Morgen opfre am Altare!"

Und nun stieg des Tempels Schwelle. Mit Biondetten, einsam ragend Stand ein Fels in ödem Meere, Ein Marienbildlein tragend.

Rings die tausend Lichter blendend Sanken ein, die Diamanten Blickten schüchtern, ferne Sterne, An dem dunklen Firmamente.

Eine weite Dämmrung streckte Sich umher, und keine Schranken Schienen um den Fels zu stehen, Als nur liebende Gedanken.

Bei dem Bildlein saß Biondette In dem Scheine einer Lampe, In den weißen Arm gelehnet Schimmerte die goldene Harfe.

Schweigend glich das Volk dem Meere, Über dem ein Gott hinwandelt; Als ruht und wogt die Menge In Biondettens Sang und Harfe.

Und es sind des Meeres Wellen An der Jungfrau Lied gebannet, Weh und Wonne fluten, ebben, Wie sie will in allen Adern.

Hell auf meerumwogten Felsen Hebt sich über ewges Wasser Ein Marienbild; des Meeres Stern auf ihrem Haupte flammet.

"Meerstern, wir dich grüßen, Die durch Tränenwüsten Aus der sündedunkeln Zeit Einsam steuern müssen Zu den hellen Küsten Der gestirnten Ewigkeit."

Nächtlich steigt zur ihr Sirene, Opfert Perlen und Korallen, Singt auf mondbeglänzter Schwelle Zu kristallner Harfen Schalle:

"Jungfrau, laut verkünden Von des Himmels Bühnen Engel deine Herrlichkeit; Und aus Meeres Gründen Steigt, dich zu versühnen, Was da lebt in irdschem Streit."

Aber dunkle Wolken treten Vor den Mond, das weite Wasser Sträubt das Wogenhaar zu Berge Vor den tosenden Orkanen.

"Jungfrau voller Güte, Wie das Meer sich türme, Stehest du in Heiterkeit; Wie gefallne Blüten Schütten dir die Stürme Himmelssterne auf dein Kleid."

Ach, im zorngen Elemente Schwankt ein Schifflein notumklammert! Leuchte, leuchte, Stern des Meeres, Einer Mutter dich erbarme!

Ach, sie flehet nur zu retten Ihren Säugling, den umarmend An der Brust sie nährt zum Leben, Schwankend selbst im Untergange.

Dir, o Meerstern, weiht sie betend Den sie unterm Herz getragen, Nun zur Wogenwiege leget Aus den sichern Mutterarmen.

"Denk, o Mutter süße, Wie du durch die Wüste Unsern Herren trugst in Pein, Daß er für uns büße, Trank er deine Brüste, Sog er deine Milde ein."

Schon zerbricht des Sturmes Segel, Und der Blitze Feuerflagge Zucket einsam auf den Wellen, Wo das Schiff in Nöten schwankte.

Nieder zur der Gruft der Meere Sank das Schiff; es folgt dem Sarge Schwarz der Donner, ernstlich betend, Und der Blitze Leichenfackel.

Und es suchen kleine Sterne Einsam durch die dunklen Wasser Nach der Mutter, ach vergebens! Fromme Kerzen ihres Grabes.

"Jungfrau, Himmelstüre, In des Todes Gründe Senke deiner Strahlen Schein Und helleuchtend führe Aus dem Meer der Sünde Uns zum Quell des Lichtes ein!"

An dem Himmelsdome brennet Still des Mondes ewge Lampe; Zu dem Felsen rauscht Sirene, Einen Schatz im Arme haltend.

Denn sie trug das Kindlein flehend Zu dem steilen Felsenrande, Das die Mutter untergehend Legte in Mariens Arme.

Die, ein heller Stern des Meeres, Trägt den Scheiternden Erbarmen, Hat es sicher durch die Wellen In Sirenens Arm getragen.

Aus dem wilden Elemente Trug sie nun das Bild der Gnade Freudig aufwärts zu dem Felsen, Ganz in neuer Lieb erwallend.

Liebvoll löst sie ihre Flechten, Teilt die Locken sich am Nacken, Bildet draus am warmen Herzen Für das Mägdlein weich ein Lager.

Setzt sich an des Bildes Schwelle Mit dem süßen Wunderpfande Und spricht fromm: "O Stern des Meeres, Lasse mich dies Kind erlaben!"

Und nach ihren Brüsten wendet Sich das Kind und findet Gnade; Die es lebend hielt in Wellen, Gab barmherzig ihm die Amme.

Alle die keuschen Lebensquellen Über ihrem Herzen wallen, Muß sie süße Blicke senken Zu dem Kind in Mutterarmen.

Und dann singt sie; schlummerwebend Tönt das Lied und rauscht das Wasser, Und es wandeln Mond und Sterne Leise, daß das Kind entschlafe.

"Da der Morgen wiederkehrte, Lag ich in kristallner Kammer; Auf der weichen Purpurdecke Spielten goldne Sonnenstrahlen.

Und am Mittag wiegt Sirene Mich in glatten Muschelschalen, Und ich schlief bis sie mich weckte Mit Gesang und süßer Harfe.

Rötet Abendlicht die Welle, Trug sie mich in Mutterarmen Zu dem Bilde, für mein Leben Der Gebenedeiten dankend.

Wenn um Mitternacht die Sterne Sinnend in dem Meere schwankten, Flocht mir durch den Traum Sirene Ihrer Lieder heilge Schlangen.

Also in dem Land des Lebens Und in Andacht schon erwachsen, Nannte sie das Kind Biondette Ob der goldnen Flut des Haares.

Frühe lehrt sie mich zu schweben Auf des Tanzes Wunderbahnen, Früher noch die Blicke heben Und zu Gott die Händlein falten.

Und sie lehrt die junge Seele Sich erschwingen im Gesange Und mit Engeln auf der Töne Himmelsleiter freudig tanzen.

Aber endlich sprach Sirene: `Folge mir in meine Kammer; Fest ist schon in dir das Leben, Lerne nun, dich zu verwandeln!

Alles Leben lerne leben, Alle schöne Klage klagen, Alle Freude schön erheben, Alle Geister aufwärts tragen!

Alle Herzen sollen beben In dem Klange deiner Harfe! Bannen sollst du alle Seelen In die Kreise deines Tanzes!

Mit der Künste heilgem Zepter Schlage an das Herz der Sklaven, Die du in den Sinnen fesselst, Um im Geist sie zu entlassen!'

Also sprach zu mir Sirene, Hüllend mich in einen Mantel, Der sich wie der Leib der Seele Allgestaltend um mich faltet.

Nieder stieg ich. Tief im Felsen Tut sich auf ein bunter Garten, Rauschet, strömet Toneswellen Um das Eiland aller Farben!"

Also schwieg das Lied Biondettens. Neben ihr die kleine Lampe Ward zu einem Kranz von Sternen, Um das Bild Mariens strahlend.

Dies erhob sich leis vom Felsen Zu dem Himmel aufgetragen; Mit dem Felsen sank Biondette Knieend und die Harfe schlagend.

Und die wilden Elemente Schieden sich, sie zu empfangen; Es stieg aus dem öden Meere Einen Wunderinsel prangend.

Tonumflutet vom Orchester Trennte sich das Kunstgestade Von dem Garten des Parterres Und der Logen Glanzterrassen.

Auf den stillen Blumenbeeten Blinkt der Tau der Diamanten Und die stillen Tränenperlen In dem Blick der schwarzen Damen.

Und es stieg hoch überschwellend Melodie aus allen Schranken, Aus den Wänden tausend Kerzen, Aus dem Boden tausend Lampen.

Von Marien niederwehend Sank der himmelblaue Mantel, Schürzt sich feierlich zum Zelte In des Ölbaums grünen Armen.

Aus dem Zelte tritt Biondette, Eingeflochten ihre Haare, Stolz geschmückt mit milden Perlen, Edelstein und goldnen Spangen.

Schwer ein Schwert faßt ihre Rechte, Von der linken Schulter wallet Eine blutge Purpurdecke, Hüllend, was die Linke trage.

Und sie schürzt die Decke, sprechend: "Den durch Gott ein Weib geschlagen, Seht das Haupt des Holofernes, Seht die Decke seines Lagers!

Und so wahr der Herr uns lebet, Rein sein Engel mich bewahrte, Die ohn Sünde wiederkehret, Nur mit Freud und Sieg beladen!"

Nun tritt sie zurück zum Zelte, Das nach ihr hernieder wallet, Aber rings Gesang sich hebet, Freudig Flöt und Zimbeln klangen.

Jauchzend durcheinander wehten Alle Töne, und es schwangen Triumphierend sich die Chöre Wie ein Wald voll Siegespalmen.

Schneller, jubelnder und heller, Bis zu einer wilden Flamme, Die sich wieder selbst verzehrte, Bis zur stillen glühen Asche.

Da trat still einher Biondette Unter weißem Rosenkranze, Ihre Locken, goldne Flechten, Von der Stirn zum Gürtel fallen.

Um die zarten Glieder bebet Ihr ein schlichter, weißer Mantel, An des Gürtels Silberkette Hängt ein Brot und eine Flasche.

Ihrer Augen blaue Quellen Lassen Tränenperlen fallen In der Maienglöckchen Kelche An dem goldnen Knauf der Harfe.

Als die zarten Finger beben Durch der Saiten goldnen Garten, Blühen ihrer Lippen Nelken Und das Rosenfeld der Wangen.

Und sie sang ein Lied bewegend Von dem Tode eines Lammes, Das, die Schuld von uns zu nehmen, Starb in heilger Opferflamme.

Als schleiert sich in Nebel Oft der Mond; aus keuschen Strahlen Einen Heilgenschein sich webend, Weint er umd die trüben Tage;

Also tönt ein Schwan im Sterben, Der im Spiegel klarer Wasser Stumm sein Sternbild angesehen, Grüßt es scheidend im Gesange.

"Lebet wohl, ich will mich wenden Zum Gebirge; einsam wandelnd Will die reine Tochter Jephtas Weinen um die jungen Tage!

Weinen um den Schein des Lebens, Weinen um den Duft des Kranzes, Weinen, daß die Seele heller Scheine, als des Opfers Flamme!"

Und nun wendet sich Biondette Trauernd zu dem Felsenpfade, Der bald sichtbar, bald verstecket Aufsteigt an des Berges Rande.

Wo der Steg zu Tal sich wendet, Stand sie grüßend mit der Harfe, Ferne Sehnsuchtsklänge sendend Zu verlaßnen Frühlingstalen.

Rings die Hirtenflöten flehen, Und der Herden Glocken stammeln, Und die Abendlieder schweben Klagend aus der Büsche Schatten.

Sie geleitend steigt am Felsen Sonnenschein zum Untergange, In der Tritte Spuren senket Dämmerung den ernsten Mantel.

Aber schaut! Nun steht Biondette Hoch am dunklen Tor des Waldes, Niederkniet sie und singt betend In die Welt, die sie verlassen:

"Lebet wohl, ihr falschen Farben, Eitler Tränen Regenbogen, Sterne, die mit falschem Glanze Dienet einem Flittermonde!

Meine Tränen sollen wachsen, Daß sie mit den bittren Wogen Ganz mein Irdsches überwallen, Bis die Schuld ist hingenommen.

Aus dem Argen in die Arche Geh ich gleich der Tochter Noä, Kleide mich in schwarzer Farbe, Wie der Rabe ausgeflogen.

Kleide schwarz mich gleich dem Raben, Der als Bote ausgeflogen Und so traurig auf den Wassern Schwebte, bis sie abgeronnen.

Schleire mich in weißer Farbe Gleich der Taube, die als Bote Wiederkehrte mit dem Blatte, Das dem Friedensbaum entsprossen.

Sei gegrüßt, du Tag der Gnade! Durch den Friedensbogen Gottes Will ich zu den Vätern wallen Auf der Opferflamme Wolken!"

Aber in den Wald nun senket Sich die Sonne, und mit Flammen Scheint Biondetta rings umgeben, Schwarz geschleiert, nur ein Schatten.

Da der Wald im Glanze stehet, Schweigen rings die Flöten alle, Und ein Chor von Hörnern schwebet Klagend auf im Widerhalle.

Und das Volk lauscht tief beweget, Denn die Sonne widerstrahlend Spielet, die nicht auszusprechen, Lieder durch die goldne Harfe.

Und so stille war die Menge, Daß man hört die Tränen fallen Und die heißen Seufzer wehen Und die bangen Herzen schlagen.

Wie ein Kahn auf stillem Meere Mondumspielet träumend wanket Und der Fischer hingestrecket Schlummert ein in dem Gesange:

Also waren alle Schmerzen In Biondettens Lied entschlafen, Scheiden kann sie von den Herzen, Die in Wunderträumen wandeln.

Doch es treibt das Schiff zum Felsen Und füllt sinkend sich mit Wasser; Nacht ist's und der Mond bedecket, Und der Mann starb unerwachet.

Aber weh! nicht so die Schmerzen, Schlummernd, träumend im Gesange, Hier im süßen Schlafe starben, Wie der Fischer, Mond und Rachen.

Um Biondetten wird es heller: "Wehe, wehe, das sind Flammen! Feuer, Feuer, Helft! o helfet!" Schreiet alles im Theater.

"Feuer! Helfet!" schreit Biondette. — "Stürzet das Gerüst zusammen, Ist sie nimmermehr zu retten": So erfüllt das Haus ein Jammer.

Nach den Türen, zu den Treppen Stürzen alle Herrn und Damen, Und die Menge des Parterres Will sich wogend überschlagen.

Bald in allen Fenstern stehen Hohe Leitern; Herrn und Damen Drängen sich, hinab zu klettern, Und hinauf die Herrn Soldaten.

Dieser will sein Liebchen retten Und faßt seine alte Base; Jener, der die Frau will heben, Wird umklammert von dem Manne.

Und die duftgen Cicisbeen Müssen gar zu harter Strafe Helfend auf und nieder klettern, Wie die nassen Katzen jammernd.

Denn den Fliehend entgegen Springen schon die Wasserstrahlen; Wer im Feuer nicht kann leben, Muß sich durch das Wasser baden.

Schreien, Weinen, Fluchen, Beten, Steigen, Klettern, Ohnmachtfallen, Trommelschlag und Brandtrompeten, Wagenrasseln, Glockenschlagen.

Und schon windet sich die Menge Kapuziner, Domnikaner Sich in braun, schwarz-weißer Kutte, Wassereimer eilig langend.

Doch die mutigen Studenten Springen jubelnd zum Theater, Stürmen die papiernen Felsen, Niederreißend rings die Lampen.

Oben an des Haues Decke Hört man schwere Äxte fallen, Sieht auch bald die Zimmrer stehen, Niederstürzend Fluten Wassers.

Und schon ordnet sich die Menge, Massen bilden sich und Straßen, Alles stehet, geht und kehret, Keiner hindert mehr den andern.

Aber unter den Studenten Achtet einer nicht der Flammen; Er hat gar ein wildes Wesen, Gleichet einem Salamander.

Und schon klagt man um den Helden, Den umkrachten alle Sparren, Doch er kehrt und trägt Biondetten In den dunklen, harten Armen.

Da er eilet in die Szene, Schreit die Jungfrau: "O erbarme Dich, Maria! Rette, rette Mich von ihm in Jesus Namen!"

Da springt von der offnen Decke Kühn ein Jüngling, wütend packet Er den Räuber von Biondetten, Doch der stehet ganz in Flammen.

Alle Glut zu ihm sich wendet, Und wie auch die Wasserstrahlen Auf ihn stürzen, wills nicht helfen, Und man hört ihn gräßlich lachen.

Und wie Wirbelwinde drehen Zu ihm hin sich alle Flammen, Die wie Haare um ihn wehen, Wenn er also gräßlich lachet.

Und so hat er lachend, brennend, Eine lange Zeit gestanden, Da das Feuer rings geendet, Und das Volk schrie laut: Mirakel!

Da ein Priester zu ihm sprenget Einen Strahl geweihten Wassers, Ward er, allen zum Entsetzen, Nur ein Häuflein dunkler Asche.

Und das Volk kniet ringsum betend. Von der Höhe des Theaters Sprach der Priester dann den Segen, Und es schallt ein lautes: Amen!

Fromme Litaneien betend, Ziehn die Mönche still gepaaret, Und die hilfreichen Gewerke Folgen betend aus den Hallen.

In des Hauses weiter Leere Schallet das Geträuf des Wassers; Rings die stummen Wachen stehen Bei dem wilden Schein der Fackeln.

Aber die Studenten stehen Staunend um das Häuflein Asche; Den die Flamme hat verzehret, War der beste Kandidate.

Er war Famulus des Lehrers, Und sie brechen aus in Klagen, Bis die rufenden Pedellen Sie zur Heimkehr laut ermahnen.

In den Weihewasserkessel, Den die Mönche stehn gelassen, Sammelt unter Tränen jeder Des verbrannten Freundes Asche.

Und dann ziehen die Gesellen, Die geliebte Urne tragend, Trost sich singend, von der Schwelle, Um Apone es zu klagen.

Schweigend steht das Haus. Es sehen Durch die Öffnungen des Daches Stille nieder Mond und Sterne, Traurig spiegelnd in dem Wasser.

An der Erde ruht Biondette; Als sie nannte Jesu Namen, Ließ der fürchterliche Retter Sinken sie aus seinen Armen.

Bei ihr kniet mit seinem Schwerte Stumm Meliore; in die Harfe Hat er sorglich sie gebettet, In den himmelblauen Mantel.

Er verließ im Lärm den Kerker, Er war's, der den Sprung gewaget Von der Decke, sie zu retten Aus des Räubers dunklen Armen.

Da es stille war, erhebet Sich Biondette, und den Mantel Schlingt sie um sich, von der Erde Hebt sie dann die goldne Harfe.

Spricht, sich zu Meliore wendend: "Sei gegrüßt! In Jesu Namen Hast du mich von ihm gerettet Und gehütet in dem Schlafe.

Einen Traum hab ich gesehen: Asche war ich, und zu Asche Soll ich einstens wieder werden, Wenn erfüllet sind die Tage.

Für dich hab ich heut gebetet, Da du fochtest am Altare; Und du hast für mich gebetet Jetzt in dringenden Gefahren.

Du hast liebend mich gerettet Aus des ewgen Todes Banden, Und ich werde dir's vergelten Bald in übervollem Maße.

Laß die Sinne untergehen, Liebe nicht, was irdisch schwanket; Die du irdisch angesehen, Wird dir göttlich liebend danken.

Hier auf dieser öden Stelle Wird es einstens göttlich tagen. Sieh, es haben schon die Sterne Ihren Strahl den Weg gebahnet.

Wenn hier an des Altars Schwelle Eine Jungfrau wird entsagen, Werd ich durch dich auferstehen Aus der irdschen Leibesasche.

Und du wirst die Asche nehmen, Streuen sie in deine Haare, Weil die Schlange wird zertreten Von des Weibes heilgem Samen.

Was in Träumen ich gesehen, Hab ich alles dir gesaget; Denn auch du bist ausersehen Zu unendlich großen Gnaden.

Wir gehn auf demselben Wege; Lasse uns im Geiste wallen, Lasse uns nie Abschied nehmen, Gehe hin in Gottes Namen!"

Da geendet sie die Rede, Konnt er nicht den Blick ertragen; Also mächtig war ihr Wesen, Daß er schweigend ging von dannen.

Und zur Harfe sang Biondete: "Lob sei Gott dem Herren! Amen!" Und das öde Haus erbebte, Widerhallend: Amen, Amen!

Amen! sprachen Mond und Sterne, Träufelnd sprach das Wasser: Amen! Und da sie verließ die Schwelle, Riefen rings die Wachen: Amen!

** Romanze XII: Jacopone und Rosarosa

Von Folianten rings umgeben Sitzt der stolze Jacopone; Hochgeehrt von den Klienten Ist der junge weise Doktor,

Ausgetreten seine Schwelle; Denn mit vollen Händen kommen Taufend, um in ihren Rechten Weise Sprüche sich zu holen.

Täglich, nächtlich kommen, kehren Zu ihm, von ihm schnelle Boten, Fern und nah muß er die Texte Streitigen Parteien ordnen.

Und vor seinem Hause stehen Oft der Fürsten stolze Rosse, Er ist rings im Land gebeten, Und man wünscht ihn allerorten.

Er verstand wohl die Gesetze Gleich dem griechschen Hermodore. Die zwölf Tafeln hergestellet Hätt er, wären sie verloren.

Und wie Flavius gelernet Auswendig die Aktionen, Kannte auch wohl alle Leges, Alle Formeln Jacopone.

Mutius hat er gelesen Und den Brutus wohl erwogen, Den Manilius versteht er, Ist Sulpicio gewogen.

Des Antistius Labeo Gegner Folget er, des Capitonis Schüler, des Sabini Regeln, Sabinianischer Methode.

Er hielt streng bei den Gesetzen und schrieb |dissertationem|, Die ihn bracht zu hohen Ehren: |De bonorum possessione|.

Salvium Julianum kennt er, Gaji Institutionen, Papinian, Ulpiano strebt er Und Herennio zu folgen.

Ehre hätte dem Katheder Zu Beryt, Konstantinopel Und zu Rom er einst gegeben, Wie jene Antecessores.

Hätte damals er gelebet, Die drei Codices zu ordnen In den Justinianschen, neben Tribonian würd er gelobet.

Und die Sechzehn, die mit jenem Die Pandekten ausgeboren, Wären Siebzehn dann gewesen; Also war sein Geist zu loben.

Zum Behufe der Pandekten, Auf die fünfzig Dezisionen Für Justinian zu stellen, Wär er mitbeehret worden.

Dem Theophilo wohl neben Dorotheo zugeordnet Wär er, Triboniano helfend Bei den Institutionen.

Er wär recht der Mann gewesen |Repetitae praelectionis Codicem| ins Licht zu stellen, Und |nearai diataxeis|.

Aber spätrer Zeit zur Ehre War er recht ein Schmuck geboren Auf Bononischem Katheder |Magnae matris studiorum|

Wo Irnerius gelehret Seine Justinianischen Glossen, Bulgar, Gosias gelebet, Hugo und Glossatoren.

Weil er ganz besonders ehrte Jakob vom Ravenner Tore, Hat er sich nach ihm genennet Gar bescheiden Jacopone.

Und Accursius war sein Lehrer, Otofredus diesem folgte; So hat er das Recht erlernet Nach der Summa des Azzonis.

Und kaum dreißig Jahre zählt er; Um die hohe Stirne Locken Wallen braun aus dem Barette, Und sein Bart ist schön geordnet.

Wenn er im Ornate stehet Und kreieret die Doktoren, Fließet ihm die stolze Rede Gleich dem zweiten Cicerone.

Wüßten das, was er vergessen, Manche andre Professoren, Wäre ziehenden Studenten Öfters aus der Not geholfen.

Und so ganz in Ehren schwebend, Lebte er in seinem Stolze; Seinem Ruhm sind nah und ferne Tausend Schüler nachgezogen.

Dunkler Herkunft zu entstreben, Hat ihn so sein Fleiß erhoben, Denn nicht seinen Vater kennt er, Seine Mutter starb verborgen.

Er begann sein Jugendleben Mit zwei Brüdern in dem Kloster; Pietro ward ein Blumengärtner, Noch studieret Meliore.

Da er stieg zu dem Katheder, Nahm zum Weib er Rosarosen, Eine Jungfrau auserlesen, Eines Arztes Pflegetochter.

Als er ging zur Doktorehre Durch der Aula hohe Pforte, War die Züchtge ihm begegnet, Und er sprach zu ihr die Worte:

"Schöne Jungfrau! Ihr begegnet Mir an sehr gefährlchem Orte, Jetzo ich zu streiten gehe |De bonorum possessione|.

Und die Schätze aller Welten Habe ich bei Euch verloren, Nichts besitz ich auf der Erde, Da Ihr mich mir selbst genommen.

Was ich künftig nun erwerbe, Habt Ihr schon von mir gewonnen. Geht und betet, daß die Ehre Mir nicht gehe heut verloren!"

Rosarose sah beschämet An den glatten Marmorboden: "Ich erfleh Euch, Herr, die Ehre", Sprach Sie, "und halt Euch beim Worte:

Daß Ihr mir sodann die Ehre Teilet, die ich Euch erworben, Und nie nehmet mir die Ehre, Die um jene Gott ich opfre!"

Ach, zu spät verstand die Rede Rosarosas Jacopone, Und es hat ihn sehr beschweret, Was er damals ihr versprochen.

Und sie schieden; sie zum Tempel, Er zu dem Juristenhofe; Sie erfleht ihm Gottes Segen, Er den Doktorhut erobert.

Als er austritt hochgeehret Unter der Schalmeien Chore, Wird bei Pauken und Trompeten Ihm drei "Vivat hoch!" erhoben.

Doch er blicket allerwegen Nach der Jungfrau dieses Morgens, Ihm will auch der Wein nicht schmecken Bei dem Doktorschmause oben.

Ach, wenn sie den Trank kredenzte, Säh er in des Bechers Golde Spiegelnd ihre Augen brennen; Ach, wie er dann trinken wollte!

Ach, und wo ihr Mund den Becher Selbst entsauget einen Tropfen, Durstig hätte er die Stelle Ausgebissen aus dem Golde.

Und in dem Tumult des Festes Schleicht er aus dem lauten Chore, Irret auf verschiednen Wegen, Denn er wußt nicht, wo sie wohnet.

Wo vor Stunden sie sich trennten, Geht er, ihren Weg verfolgend, In den Garten, nah gelegen, Von Sankt Clarens stillem Kloster.

Längs den still beblumten Feldern Wiegen sich die vollen Rosen, Von den Tönen tief beweget Einer süß gerührten Orgel.

Und im stillen Garten stehet Tief erschüttert Jacopone; Lang hat ihn nicht angewehet Der unschuldge Odem Gottes.

Lange hat er nicht gesehen In das offne Herz der Rosen, Und so frommer Töne Wehen War entfremdet seinen Ohren.

Er war in der Bücher Menge Ganz verriegelt und verschlossen, Und hier, wo die Blumen scherzten, Ist ihm auf das Herz gebrochen.

Brach ihm auf in Liebesschmerzen, Recht wie eine Blumenknospe Ihn Geschmeide keusch ausleget In dem Kuß der jungen Sonne.

Wie verschloßne Felsenquellen Traurig in dem Dunkel wohnen, Jauchzend dann zutage brechen Zu den Sternen, zu der Sonne,

Und mit bunten Steinen scherzend Und mit Fischen spielend wogen, Wo die Blumen spiegelnd stehen, Von Libellen leicht umflogen.

Wie, dem Kinde gleich, die Welle Gern um Tand die Körner Goldes Hingibt, die im Schoß der Berge Sie mit Angst vom Geiz erworben,

Und den süßen Blütenregen Freudig zu dem Fluß hinwoget, Freudiger dann Fischersegel Trägt, und durch die Mühle toset,

Hohe Masten dann bewegend In den breiten starken Flossen, Und dann kühne, volle Segel Führet, recht in hohem Stolze,

Dann dem ganzen Elemente Sich hingebend, abwärts tosend In die hohen, vollen Meere, Stirbt in Wiedersehens Wonne;

So fand er sich tief beweget Und, dem Bücherstaub entronnen, Neue Liebe in dem Herzen, Zwischen Blumen in der Sonne.

Doch da eine Stimme schwellend Sich ergießt zum Orgelstrome, Schreitet er zu der Kapelle, Die in Büschen steht verborgen.

Und er wurzelt auf der Schwelle; Rosarosa schlägt die Orgel Singend, ohne ihn zu sehen, Zwischen Engelbildern golden.

Auf dem kleinen Orgelwerke Steht das Bild der Mutter Gottes, Frische Rosen reicht ein Engel Unserm Herrn in ihrem Schoße.

Und das Bild des andren Engels Hebt empor in goldnem Korbe, Singend auf und niederschwebend, Einen süßen, bunten Vogel.

Und die leichten Bälge tretend, Sieht er einen goldumlockten, Schönen Knaben freudig schweben. Ach! er glich dem Liebesgotte,

Wäre nicht so fromm sein Wesen; Doch ihm fehlen Pfeil und Bogen, Und ein Kreuz im Arm ihm lehnet Aus zwei jungen Weidensprossen.

Einen Rosenstrauß am Herzen, Schlummert still sein Lamm am Boden; Niedersinket auch zur Stelle Auf die Kniee Jacopone.

Ihr Gesang sich so erhebet: "Heilge Jungfrau! Mutter Gottes, Denke, wie sandst im Tempel Jesum, den du glaubst verloren,

Streitend mit den Schriftgelehrten, Mit den Ärzten, Philosophen, Wie er als ein Kindlein redet Wunderbare, hohe Worte.

Als er fragt: `Ihr Männer, wessen Sohn Messias wird geboren?' Alle kecklich zu ihm sprachen: `Davids Sohn wird er geboren!' —

`Warum dann,' dein Kind versetzte, `Nennt ihn David seinen Obern? Sprach der Herr zu meinem Herren: Du sollst mir zur Rechten thronen,

Daß ich dir zu Füßen werfe Deine Feinde an den Boden!' — `Hast die Bücher du gelesen?' Fragte Jesum dann ein Doktor.

Und dein Kind sprach: `Ja, gelesen Und auch das, was drin verborgen.' Dann erklärt er dem Propheten Satzungen und dunkle Worte.

Allen war er ein Entsetzen; Ärzte und die Philosophen, Pharisäer, Schriftgelehrte Mußten Kinderweisheit loben.

Hohe Mutter, o gedenke, Wie dein Herz in Freuden wogte, Da du dort in solchen Ehren Wiederfandest den Verlornen.

Zu ihm sprachst du: `Warum setztest Mich und Joseph du in Sorgen, Die dich suchten allerwegen, Glaubten, du seist uns verloren?'

Und dein Kind sprach, zu dir redend: `Warum sucht ihr nach dem Sohne, Dem ihr selbst als Zucht gelehret, In des Vaters Haus zu wohnen?' —

O Maria! denk der Ehren, Die die Meister dir da boten, Preisend deines Leibes Segen, Der so weis ein Kind geboren!

O, verleihe deinen Segen Jenem Jüngling, der heut morgen Mir so huldvoll ist begegnet An des Rechtshofs hoher Pforte!

Für ihn bring ich meine Ehre Deinem Gottessohn zum Opfer, Lasse ihn das Recht vermehren Zur Vermehrung des Lob Gottes!

Laß geehrt nach Haus ihn kehren, Recht zu seiner Mutter Wonne, Denk der Freude, denk der Ehre, Die du sahst an deinem Sohne!"

Als sie so das Lied geendet, Gab der Knabe gute Worte: "Ich will singen, ich will beten; Schlag auch meinem Lied die Orgel!"

Und die Jungfrau ohn Bedenken Seiner frommen Bitte folget, Und er singt, die Bälge tretend, Wie ein Engel klar aus Wolken:

"O, mein Jesulein, gedenke Deiner hohen, weisen Worte, Als Zachäus dich belehren In dem Aleph Beta wollte!

`Sage Aleph!' sprach der Lehrer; `Aleph, hast du fromm gesprochen; Nun sprich Beth!' der Mann begehrte; Da sprachst du zu ihm die Worte:

`Nein, ich sprech Beth nicht eher, Bis mir Aleph deutlich worden; Du sollst erstlich mich belehren, Warum Aleph so geformet.'

Und da sahst du deinen Lehrer In Unwissenheit betroffen; Sprachst: `Ich will dich nun belehren, Wie das Aleph ist geformet.

Aus drei Strichen es bestehet, Weil auch steht die Einheit Gottes, Dieses Aleph alles Lebens, In drei göttlichen Personen!' —

Als dein Lehrer ob der Rede Dich, o Jesu, schlagen wollte, Mußte er zur Stunde sterben, Der gen Gott die Hand erhoben!

O du Anfang, o du Ende Aller Weisheit ausgeboren, Allbarmherziger, o spende Weisheit zu der Frommen Troste!"

"Amen!" sang die Jungfrau bebend, "Amen!" sang da Jacopone, Und da sie ihn sah, sich wendend, Blühen ihrer Wangen Rosen.

Und sie geht aus der Kapelle; Auch der Knabe hin ihr folget, Wo in einem Rosenzelte Freudig tanzt ein frischer Bronnen.

Und zu Rosarosen redet Zärtlich dankend Jacopone: "Gott erhörte gern dein Beten, Durch dich bin geehrt ich worden.

Was ich heut von dir erflehet, Ist mit Ruhm an mir erfolget, Um dich ward mein Haupt bedecket Mit dem Doktorhut der Rechte.

Und nun möchte ich die Ehre Mit dir teilen, Fromme, Holde; Ach, wie auf so selge Wege Hast du, Jungfrau, mich gelocket!

Aus dem dunklen Bücherkerker In den Blumensaal der Sonne, Zu der heimlichen Kapelle, In den selgen Klang der Orgel!

Sieh, es tanzet meine Seele Auf dem frohen Strahl des Bronnens, Und sie faltet ihre Hände, Dir ihr Herz in Liebe opfernd!"

Rosarosa ihm entgegnet: "Freund, ich bin dir wohlgewogen, Doch ich kenne keine Eltern; Kannst du lieben eine solche?

Mich gefunden und gefleget Hat des Arztes Weib Dolores; Sie erbaute die Kapelle, Stiftete die kleine Orgel.

Dort fand sie des Grabes Stelle, Und ich lebe von vier Soldi, Die sie täglich ausgesetzet, Daß ich sing und spiel die Orgel.

Mir zum Vormund ist gesetzet Fromm ein Priester, der Benone, Bis ich in den Ehstand gehe Oder trete in ein Kloster.

Sonst kann ich auch schreiben, lesen, Schnüre wirken und auch Borten, Spinnen und Tapeten weben, Sticken Silbernes und Goldnes.

Und daß ich nicht müßig gehe, Habe ich im Klosterhofe Eine Schule angeleget In des Kreuzgangs hohen Bogen.

Oft auch hier bei dieser Quelle Zu mir meine Kinder kommen, Mannigfaltge Schulgesellen Sich aus allen Winkeln holend.

Hier der Knabe war der erste, Der sich selbst mir angeboten, Und mit seines Lammes Schelle Andre Kinder angelocket.

Wie sich meine Schüler nennen, Weiß ich nur durch ihre Worte, Kenne keines einzgen Eltern, Meine Schul ist frei und offen.

Und die Mütter stehn oft ferne, Lauschend an der Gartenpforte; Täglich mehret sich die Herde, Und ich lehr um Gottes Lohne.

Und die gute Hirtin nennen Mich die Kinder, und ich wollte, Hätt ich nimmer dich gesehen, Keinen andern Namen borgen." —

"Hättst du nimmer mich gesehen!" Jacopone wiederholet; "Hätt ich nimmer dich gesehen! O, wie sind dies goldne Worte!

Wären nimmer sie geredet Mit so liebem, süßem Tone, Möchte ich in diesem Leben Nimmer sehen diese Sonne!

Unser Los ist gleich gestellet, Unser Würfel gleich geworfen; Auch ich kenne keine Eltern, Ward im Kloster auferzogen.

Willst du deine Hand mir schenken, So will ich dir angeloben: Du magst deine Kinder lehren, Du magst spielen hier die Orgel.

Wenn mein Reichtum sich vermehret Durch den Ruhm, den ich erworben, Will ich in das Haus noch nehmen Meinen Bruder Meliore.

Einen Garten auch erwerben Pietro, dem Zuletztgebornen Meiner Mutter, der jetzt lernet Blumen pflegen in dem Kloster."

Und dann hat er ihr gegeben Einer Rose Doppelknospe, Und mit scheuen Fingern trennen, teilen sie die Zwillingsrose.

Tief sich in die Augen sehend Waren sie vor Gott verlobet, Wußten nicht, wie es geschehen, Waren still und voller Wonne.

Aber Rosarosa redet, Da sie hört des Lammes Glocke: "Lebe wohl, auf Wiedersehen! Meine Schüler hör ich kommen!"

Jacopone spricht: "Ich gehe Hin zum alten Mönch Benone, Unsern Bund ihm vorzulegen." Und dann eilt er von dem Bronnen.

Einsam Rosarosa stehet, Blicket in den Strahl des Bronnens; Wie er sinket, wie er schwebet, Fühlt sie in dem Herzen pochen.

In den Händen die getrennte, Sonst gepaarte Zwillingsrose, Und es fließen ihre Tränen Auf die stille Rosenknospe.

Eilet dann zu der Kapelle, Findt an der belaubten Pforte Ihre kleine Schülerherde Feierlich im Kreis geordnet.

Und der Knabe trägt in Händen Einen Kranz von weißen Rosen, Einen Schäferstab, weiß blendend, Sprach zu ihr die süßen Worte:

"Du hast dich in der Kapelle, Hirtin, heut dem Herrn verlobet, Der ein treuer Hirt, die Herde Weidet an dem Himmelsbogen.

Und darum soll ich dich kränzen Mit dem Brautkranz weißer Rosen Und den Schäferstab dir geben, Daß du denkest deiner Worte!"

Rosarosa kniet zur Erde, Und er kränzt die dunklen Locken Mit den weißen Rosen blendend, Gibt den weißen Stab der Holden.

Und die Kinder sie umgeben, Freuen sich der Rosenkrone; Jacopones und des Herren Denket weinend Rosarose. —

Wenig Sonnen untergehen, Und herauf ziehn wenig Monde, Wenig volle Rosen sterben Aufgekeimt sind wenig Knospen,

Da geschmückt am Altar stehen, Vor dem alten Mönch Benone, Rosarosa, weiß bekränzet, Rotbekränzet Jacopone.

Als sie goldne Ringe wechseln, Fällt das Ringlein Jacoopones Springend nieder an die Erde, In dem Kreise weit hinrollend.

Und dem Knaben, der zugegen, War es endlich zugerollet, Der es in dem Lilienkelche, Den er trug, der Braut geboten.

"Nimm den Ring im Lilienkelche", Sprach das Kind, "und denk des Opfers, Da du um des Jünglings Ehre Deinem Herrn dich hast verlobet!"

Und er schied. Sie nahm erbebend Nun den Ring, und Jacopone Wußte nicht, was sie beschwerte, Da sie schwer das Ja gesprochen.

Und der Priester sprach den Segen; Traurig weinte Rosarose, Als sie still von dannen gehen; Freudig weinet Jacopone.

An des Tempels Marmorschwelle Sprach die Jungfrau: "Jacopone, Laß mich gehn zu der Kapelle, Einsam meinen Herrn zu loben.

Daß ich fromm am Abend kehre, Bei dir in dem Haus zu wohnen; Einen Trunk aus unsrer Quelle Bring ich dir und viele Rosen."

Einsam geht nun der Geselle, Seine Kammer schön zu ordnen. Pietro hat zum Schmaus gebeten Er, und auch den Meliore.

Und es steigt im Abendmeere Feurig nieder schon die Sonne, Und es zieht die Sternenherde Vor dem Monde durch die Wolken.

Rosarosa noch nicht kehret; Pietro spannt die Blumenbogen, Und es zündet hundert Kerzen In der Kammer Meliore.

In der Kammer Mitte stehet Blank ein Tischlein, wohlgeordnet, Zierlich ist da aufgedecket Für vier fröhliche Personen.

Pietro Rosarosens Teller Ziert mit einer Myrtenkrone, Und zwei künstliche Sonette Legt dazu ihr Meliore.

Aber von dem Hochzeitsbette Springet traurig Jacopone: "Will mein Weib denn noch nicht kehren, Gehe ich, sie mir zu holen!

Was des Kaisers ist soll geben Man dem Kaiser, Gott was Gottes, Und der Mann, er soll sich nehmen, Was ihm ward vor beider Throne!"

Seinen Mantel umgeleget Hat er dann im Liebeszorne, Und mit raschen Schritten geht er, Doch der Garten ist verschlossen.

Er vernimmt ein leises Reden, Doch das Sprudeln jenes Bronnens Und der Büsche flüsternd Wehen Überrauschet ihm die Worte.

Eifersucht seine Herz durchbrennet, An sich hält er seinen Odem, Aber nur der Büsche Wehen Hört er, und des Herzens Pochen.

Und er findet eine Stelle An der Mauer ausgebrochen, Und behutsam überkletternd Kommt er an des Gartens Boden.

Durch die Gänge schleicht er, geht er; Der wollüstge Duft der Rosen Schüret ihm die Brust noch enger, Und er greift nach seinem Dolche.

Ach, es spiegeln sich die Sterne In dem blanken, bösen Dolche. Ach, wie schrecklich sind die Sterne, Denkt im Herzen Jacopone.

Unbekümmert um mein Elend Spielen sie mit meinem Dolche; Nein, sie sollen ihn nicht sehen! Und er haucht ihn an mit Odem.

Aber seine Tränen nehmen Stets den Odem von dem Dolche. Und die Sterne ruhig sehen In den Stahl den Himmelsbogen.

Und nun hört er wieder reden, Und er hört die leisen Worte: "Du wirst mich nicht wiedersehen Als bei deinem frühen Tode!

Was du unterm Herzen trägest, Ist ein Pfand von dem Verlobten; Wolle nie des Leibes Tempel Einer andern Liebe opfern!"

Rosarosa dann entgegnet Sammelnd liebestrunkne Worte: "Ja, ich bin die Magd des Herren, Dem ich liebend bleib verlobet!

Was ich trage unterm Herzen, Bleibt dir treulich aufgehoben, Durch dich mag es heimlich leben, Durch mich werde es geboren.

Nimmer habe ichs gesehen, Nimmer werde ichs sehen wollen, Unbekannt ie meine Seele, Die durch Gott den Leib bewohnet.

Stünd geschrieben mir am Herzen Gar die Stunde meines Todes, Nimmer würde sie gelesen, Und ich stürbe unverhoffet.

Keusch bleibt meines Leibes Tempel Dem Geliebten nur geopfert, Meine Blicke haben selber Nimmer Teil an mir genommen.

Wenn der Himmel ist bedecket, Ohne Sterne, Mond und Sonne, Hab ich hier in dieser Quelle Einsam kühl das Bad genommen.

Meines Herren Aug erhellte Mir das Herz mit Liebeswonnen, Unter Beten, unter Flehen Bin ich ihm so lieb geworden.

Und sah ich am Tag die Quelle, Die mich nächtlich kühl umschlossen, Schamrot konnte ich wohl wetten In der Röte mit den Rosen.

Leb dann wohl, auf Wiedersehen, Du geliebter Blondgelockter! Werde in des Todes Wehen Rosarosen einst zum Troste!" —

Und nun höret jemand gehen Durch den Garten Jacopone, Und er sucht ihm zu begegnen, Irret durch die Laubenbogen.

Ach, in seinem Herzen wehen Höllenflammen tiefen Zornes, Den Geliebten Rosarosens Will er mit dem Dolch durchstoßen!

Mondhell fand er eine Stelle, Und es rauschet Laub am Boden; Mit gezücktem Dolch verstecket Er sich im Gebüsch der Rosen.

Schon sieht er den Schatten schweben Des verhaßten Blondgelockten, Und er hat in bösem Streben Seinen Dolch schon hoch erhoben,

Als der Knabe vor ihm stehet Und ihm ruhig sagt die Worte: "Jacopone, wiedersehen Wirst du mich bei deinem Tode!"

Und er fühlte sich gefesselt Und stieß nieder mit dem Dolche In die kalte, harte Erde; Hat sich lange nicht erholet.

Als er wieder sich erhebet, War sein Sinn ganz wild verworren, Auch der Himmel war bedecket Mit dem Mantel schwarzer Wolken.

Und an Rosarosen denkt er: War der Knabe nur ein Bote? Sie muß selbst den Herrn mir nennen Oder sterben von dem Dolche!

Und nun tappt er nach der Quelle Durch die dunkeln Laubenbogen, Und er höret Rosarosen Badend plätschern in dem Bronnen.

Und in seinem Herzen reget Sich ein Strahl geheimer Wonne. "O, wie boshaft seid ihr, Sterne, Daß ihr jetzt euch habt verborgen!

Meine Augen, Feuerspeere, Möchten gern die Nacht durchbohren, Daß der helle Tag anbreche Glänzend mit der vollen Sonne;

Daß ich meine Braut könnt sehen In dem Schoß kristallner Wogen, Süß errötend in dem Tempel, Taufend voller Liebesrosen!

In den Arm wollt ich sie nehmen, Und mit lustberauschten Worten Meines Gartens Rosen brechen Beim Geläut der Blumenglocken!"

Also denkt er, und es hebet Sich ein lauer Wind von Osten, Der die Bäume leis beweget Und im Laube laut ertoset.

Und es wirft zur Badequelle Viele Rosen Jacopone, Doch im Bad die Jungfrau denket, Daß der Sturm sie abgebrochen.

"O Geliebter", spricht sie betend, "Nicht mit Rosen, nur mit Dornen Deine arme Dienrin treffe, Weil sie dir das Wort gebrochen!"

Doch nun schleicht zu der Kapelle, Zündet an der Ampel Dochte Jacopone eine Kerze, Trägt sie unterm Hut verborgen.

Da er kehrt zum Rosenzelte, Da er nah des Bades Bronnen, Füllt er plötzlich mit der Kerze Schein die dunkle Blumengrotte.

Rosarose taucht erschrecket Schreiend nieder in den Bronnen, Alle Sinne ihr vergehen, Als wär sie vom Blitz getroffen.

Und es löschte aus die Kerze Vom Gespritze. Jacopone, Ach, er hat sie nackt gesehen, Nimmer wird der Anblick frommen!

Und sie weinet, und sie flehet, Daß er fliehe ovn dem Orte; Aber er war tief verblendet, Sprach zu ihr die harten Worte:

"Für mich bist du nicht zu sehen, Aber für den Blondgelockten; Das, was du trägst unterm Herzen Soll mir ewig sein verborgen!

Ihm willst du nicht Treue brechen, Aber mir ist sie gebrochen; Aber jetzt sollst du ihn nennen, Und dann will ich dich durchbohren!

In des frechen Blutes Quelle Soll erröten dieser Bronnen, Sich und dich der Lüge schelten, Denn hier hast du mich belogen!"

Stammelnd ihm entgegnet: "Herr und Gatte, hör mein Flehen! Ehe du mich willst ermorden, Laß mich an die Kleider legen,

Daß mich nicht errötend sehe So entblößt der junge Morgen; Herr, nur aus der Laube trete, Ich will rufen dich zum Morde!

Denn ich kann dir nimmer nennen, Was mir unterm Herzen wohnet, Da ichs nimmer hab gesehen, Da es immer bleibt verborgen.

Herr und Gatte, hör mein Flehen! Laß mich beten vor dem Tode, Laß mich nicht so elend sterben Ohne Sakramentes Troste!"

"Das will ich dir zugestehen!" Sprach voll Unwill Jacopone, "Doch die Kleider dir verstecke Ich, daß du nicht kommst vom Orte.

Ich will bald zurücke kehren Mit dem alten Mönch Benone; Der den bösen Bund gesehen, Seh zerhauen auch den Knoten!"

Und mit ihrem Mantel gehet Schnell von dannen Jacopone. Hartes Weh ist ihr geschehn, Die zurückblieb in den Wogen.

Doch den Herrn um Hilf anflehend, Ist ihr Herz erstärket worden, Mutig stieg sie aus der Quelle, Und die Nacht ist dunkler worden.

Da sie nackt in der Kapelle Bleibe vor dem Licht verborgen, Breitet sie der Haare Flechten Um sich her bis auf den Boden.

Und auf ihre Augen senket Nieder sie den Kranz der Rosen, Den als Braut sie aus dem Tempel Traurig trug in ihren Locken.

Da sie tritt zu der Kapelle, Ist die Lampe schnell erloschen, Ihre Keuschheit zu verehren; Und sie suchet an der Orgel,

Wo der goldne Schlüssel hänget Zu dem Grabe der Dolores; In verzweifeltem Gebete Hat sie dann die Gruft erschlossen.

Und die Stufen abwärts tretend Sprach sie: "Heil euch, heilge Toten! Wollet meine Blöße decken, Einer armen züchtgen Tochter!"

Und sie hört die Stimme beben Der verstorbenen Dolores: "Liebe Tochter, wir dir geben Hilfe, kniee an den Boden!"

Und sie fühlt sich um die Lenden Ein Cilicium geschlossen, Und von einer schnellen Schere Ihre Locken abgeschoren,

Dann mit seidenen Gewändern Ihren züchtgen Leib verborgen, Hört dann nahe vor sich reden Die unendlich süßen Worte:

"Den Bußgürtel um die Lenden Trage, bis bei deinem Tode Deine arme Schwester erbet; Büß um meine Schuld, o Tochter!

Trage züchtig, die dich decken, Diese farbgen Seidenstoffe, Und die Schuld, die sie beflecket, Helf mir büßen, liebe Tochter!

Einstens werd ich bei dir stehen; Zu unendlich süßem Troste Wirst du deine Mutter sehen; Jetzo gehe, süße Tochter!"

Und es scheidet Rosarose Freudig von der gütgen Toten, Hängt den Schlüssel an die Stelle, Da sie hat die Gruft verschlossen.

Und die Lampe brennet helle; Sie setzt freudig sich zur Orgel, Läßt ein Requiem erschwellen, Recht in freudig vollem Tone.

Als in des Benone Zelle Eingetreten Jacopone, Lag der Alte im Gebete Und sprach hörbar diese Worte:

"Herr, dein Aug nicht von mir wende, Wenn ich steh in bösem Zorne! Herr, o leite meine Seele Durch des Sündenmeeres Toben!

Herr, laß keinen trostlos sterben, Ohne heilge Sakramente, Laß den Sünder nicht verderben, Ohne Buß vor seinem Ende!"

An der Zelle Türe stehet Dieses hörend Jacopone, Und von Schrecken ganz erbebet Pochet er und ruft: "Benone!"

Und, die Tür geöffnet, redet Ernst der Mönch: "O Jacopone, Gott hat mein Gebet gesegnet, Daß du bist an diesem Orte!

Doch du hast ein wildes Wesen, Was willst du mit diesem Dolche? Deine Haare um dich wehen, Kommst du, mich hier zu ermorden?

Oder hast du Rosarosen, Deine fromme Braut, erstochen? Fremde Lieb bei ihr erkennend, Was der Herr verhüten wolle?

Oder hast du gen dich selber Diesen bösen Stahl erhoben, Willst in blinder Wut du sterben? O, du armer Jacopone!

Weh, ich seh Rosarosens Mantel deinem Arm entrollet! Rede, rede, du Entstellter, Gibt dem stummen Schrecken Worte!"

"Vater, zu dem Garten gehe," Spricht nun bebend Jacopone, "Wo mein Weib in der Kapelle Täglich singet zu der Orgel.

Trete zu ihr an die Quelle, Wo sie badet in dem Bronnen, Laß sie beichten, laß sie beten, Eh sie stirbt von diesem Dolche.

Daß sie nackt die Flucht nicht nehme, Hab ich ihr Gewand genommen; Du magst rücklings hin es werfen, Wenn du zu dem Bronnen kommest."

Und der Mönch schließt seine Zelle, Folgt zum Garten Jacopone. Da sie an der Brücke stehen, An des Reno blauen Wogen,

Spricht der Mönch zu dem Gesellen: "Wirst du mich nicht hier durchbohren, Mich dann in den Reno werfen? Sieh, ich trau nicht deinem Dolche;

Gib ihn mir doch aufzuheben!" Und es gibt ihn Jacopone, Und sie gehn. Doch unbemerket Wirft der Mönch ihn in die Wogen.

Vor dem Garten nun begehret Seinen Dolch der Jacopone: "Er ruht in des Reno Wellen!" Spricht zu ihm der Mönch Benone.

Und die Arme um ihn legend Küßt die Stirn er Jacopone, Spricht: "Zu deiner Kammer kehre, Deine Seele steht im Zorne!

Dir zum Troste wiederkehren Will ich bald mit Rosarosen. Gott verleih dir seinen Segen!" Und es gehet Jacopone.

Und auf seinem Weg begegnet Suchend ihn der Meliore, Fragt ihn bang nach Rosarosen, Doch es schweiget Jacopone.

Da sie in die Stube treten, Schlummert Pietro an dem Boden, Abgebrannt sind tief die Kerzen, Traurig stehn die Blumenbogen.

Jacopone spricht: "O wehe!" Und bricht aus im Tränenstrome, "Weh, ihr dunkeln Hochzeitskerzen, Weh, ihr armen Blumenbogen!

Nieder brennt ihr in dem Herzen Und erlöscht im Tränenstrom, Nieder welkt ihr in den Schmerzen Unter meiner Klage Odem!

Kehret nicht zum Firmamente, Sterne, Mond und hohe Sonne1 Ewig an des Himmels Schwelle Steh blutweinende Aurore!

Also ewig stille stehen Soll der Puls im Herz gebrochen, Ewig meine Hochzeitskerze Niederbrennen unverloschen!

Ewig meine Kränze welken, Von den Tränen nur begossen, Stille ewig sterbend leben Nur die bittren Tränen rollend!

Blumenkränze, Hochzeitskerzen, Sterne, Mond und hohe Sonne, Ewgen Schmerzes Tränenquellen Und blutweinende Aurore:

Welket, brennet, steht in Schmerzen! Nimmer lachet Jacopone; Die die Liebste mir gewesen, Sie ist schlecht mir vorgekommen!"

Aber zu dem Mahl einkehret Nun der alte Mönch Benone, Ihm zur Seite traurig stehet Rosarose ohne Locken.

Pietro, vom Geräusch erwecket, Springet auf; die Myrtenkrone Reichet er der neuen Schwester, Lieb und Treue ihr gelobend.

Dann putzt schnell er rings die Kerzen, Daß es helle ward. Meliore Grüßt sie, reicht ihr die Sonette Und blickt schüchtern an den Boden.

Aber auf dem Hochzeitsbette Lieget jammernd Jacopone: "Die die Liebste mir gewesen, Sie ist schlecht mir vorgekommen!" —

"Nun genug der frevlen Reden!" Spricht zu ihm der Mönch Benone, Daß, der du ihr lieb gewesen, Ihr nicht schlechter vor mögst kommen!

Hier empfange Rosarosen, Und bei Gott im Himmel droben Bist gleich ihr du reines Herzens, Will ich dich vor Engeln loben.

Ich hab all ihr Tun gesehen, Da ich bin ihr Beichtger worden, Konnt des Herren Leib ihr geben Ohne Absolutionen.

Sie hat dir auch schon vergeben, Daß du sie ermorden wolltest. Die du hast entblößt im Leben, Ward gekleidet von den Toten."

Aber Rosarosa redet: "Denke meiner ersten Worte: `Ich erflehe eure Ehre, Gebe meine Gott zum Opfer.

So bin eine Braut des Herren Ich, und dennoch Euch verlobet, Teile mit euch eure Ehre, Meine bleibe unverloren!

Was im Garten hat geredet Jener Knabe, dunkle Worte Sind es mir wie dir; erhellen Müssen sie zukünftge Sonnen!"

Und sie knieet vor dem Bette, Nimmt die Rechte Jacopones, Auf ihr nacktes Haupt sie legend In den vollen Kranz der Rosen.

Und der Jüngling, tief beweget, Spricht: "O Weib, wo sind die Locken, Die ich wollte liebend flechten? Was soll mir der Kranz voll Dornen?"

Liebvoll Rosarosa redet: "Ich ließ sie den gütgen Toten, Die dein nacktes Weib bedecket, Das du hast entblößt im Zorne.

Auch den Hochzeitsmantel schwebend, Den zurück mir gab Benone, Hab ich ihnen hingegeben, Ihre Güte zu belohnen.

Herr, o wolle dich erheben, Sieh, es kehret schon Aurore, Wolle mich zu dir aufnehmen, Züchtig will ich bei dir wohnen!

Eine Magd mich dir bequemen, Spinnen dir zur Nacht, zum Morgen. Für dich beten, für dich sterben; Herr, entsage deinem Zorne!"

Jetzt erhebt er sich, doch sehen Kann er nicht, ein Regenbogen Schwebt um sie von seinen Tränen In dem Schein des Morgenrotes.

Und sie trocknet seine Tränen, Still mit ihres Kranzes Rosen, Und Benone gibt den Segen, Will dann kehren nach dem Kloster.

"Trink des Brautweins einen Becher, Heilger!" flehte Jacopone. "Gib ihn mir, ich will zur Messe Ihn verwandeln!" spricht Benone.

"Dort will eurer ich gedenken Und als Christi Blut ihn opfern!" Und nun kehrt zu seiner Zelle Still der alte Mönch Benone.

Rosarosa spricht nun: "Denke, Lieber, was ich dir versprochen: Hier ist Wasser aus der Quelle, Hier sind unsres Gartens Rosen.

Lasse unsre Augen netzen, Die getrübt vom Weinen worden." Und nun auf die Tafel setzet Sie das Glas bekränzt mit Rosen.

Und sie kühlen mit der Quelle, Den die Tränen all entquollen, Ihrer Augen heiße Quellen; Sieh, da steigt herauf die Sonne.

"Sie will sein bei unserm Feste!" Spricht der stille Meliore; Aber Pietro laut erhebet Seine Stimme ihr zum Lobe:

"Grüß dich, Held des Orientes, Grüß dich, Gottes Morgensonne, Grüß dich, Heiland aller Wesen, Grüß dich, Heiland voller Rosen!

Grüß dich, Trost der dunklen Felder, Grüß dich, Quell der Tauestropfen, Grüß dich auf dem Himmelswege, Grüß dich, goldne Morgensonne!

Singt mir, was sie spricht, ihr Lerchen, Singt die sieben letzten Worte, Singt den Held des Orientes, Der die schwere Nacht gebrochen!"

Also sang er, während betend Die drei andren zu ihm horchen, Und die volle Sonne sehen Sie, und waren voll des Trostes.

Und sie trinken einen Becher Brautwein, haben angestoßen Einer zu des andern Segen, Und dann aßen sie des Brotes.

Da ertönt das Glöcklein helle An dem wohlbekannten Kloster, Und sie gehen zu der Messe Ihres alten Freunds Benone. —

Also liebte er ihr Wesen, Hat sich so mit ihr versprochen, Feiert so die Hochzeitsfeste, Der gelehrte Jacopone.

Und sie war ihm tief ergeben, Eine Magd ihm unterworfen, Winke waren ihr Befehle Und Gesetze seine Worte.

Auf sein Haus strömt voller Segen, Und man pries ihn allerorten; Die er führte, die Prozesse, Waren alle bald gewonnen.

Und sie füllte spinnend, webend, Seine Schränke an bis oben, Nähte ihm wohl hundert Hemden, Die sie alle selbst gewoben.

Sie half ihm die Bücher stellen, Wußte sie gar wohl zu ordnen, Schrieb ihm ab viel dicke Hefte Und gar manchen schweren Codex.

Als sie einst ihm die Pandekten Heimlich schrieb mit flüssgem Golde Auf schneeweißem Pergamente Und ihm gab am Christtagsmorgen,

War er gar in Lieb beweget, Schenkte ihr, die sie gesponnen Und gewebet, all die Hemden Und dazu viel Münzen Goldes.

Und sie ließ auf allen Wegen Zu sich bald die Armen kommen, Ihre Linnen sie ausspendet, Recht zu aller Frommen Troste.

Und so lebten sie in Segen, Wohl vier Jahre ohne Sorgen, Und es wußte kaum zu bergen Seinen Reichtum Jacopone.

Und Bologna war getrennet In Parteien. Die des Volkes Sich die Gieremei nennen, Stritten für das Recht des Volkes.

Lambertazzi, ihre Gegner, Für des Adels Recht erhoben; Von zwei feindlichen Geschlechtern War der Namen angenommen.

Und da diesen eigenen Händeln Sich noch fremde eingeflochten, Ghilbellinen und die Guelphen, Ward die Sache mehr verworren.

Und so ward gar viel gerechtet, Manches Blut im Streit vergossen, Daß die Frauen bittre Tränen Um die Toten weinen konnten.

Oft erteilte den Geschlechtern Seinen Rat auch Jacopone, Und in ihrer Mitte stehend Mußte Freund und Feind ihn loben.

Wenn in diesem stolzen Leben War sein irdscher Mut erhoben, Sah er oft sein Weib beschämet Neben sich so still verborgen.

Die den Schleier nie ableget Von des schönen Hauptes Locken, Die mit Edelstein und Perlen Nimmer vor ihm prangen wollte.

Und sie wollte niemals gehen Zu dem Tanze, zu der Oper, Ging vor Tag nur in die Messe Und zu der Kapelle Orgel.

Endlich hat er sie erbeten, Ihm zu folgen in die Oper, Da die Sängrin Biondette Wollt entsagen zu dem Kloster.

Und er hat ihr angeleget Schwere Spangen roten Goldes, Edelsteine, reiche Perlen Und Rubinen, blutge Rosen.

Als er ihr den Schmuck anlegte, Stand sie wie ein Lamm des Opfers, Und er sprach: "Den Schleier lege Ab, laß flechten mich die Locken!"

Doch sie wollt ihn nicht ablegen, Bis er zürnend es befohlen; Ach, was muß erschreckt er sehen: Schneeweiß sind des Hauptes Locken!

Ruhig sie da zu ihm redet: "Darum hielt ich sie verborgen. Seit sie von der Totenschere Fielen, sind sie bleich geworden!"

Ach, wie recht im tiefsten Herzen Traf die Rede Jacopone, Da er sah die Jungfrau stehen Mit des Alters grauen Locken.

"Könnte ich mit meinen Tränen Dir das Silberhaar vergolden! Ach, ich habe dich dem Schrecken Jener Schere unterworfen!"

Und er hat die Silberflechten Mit Rubinen ihr durchzogen, Wie ein Busch im Blütenschnee, Vom Johanniswurm umflogen.

Wunderbar war sie zu sehen, Eine Diamantensonne, Und es freut an Rosarosen Wie ein Kind sich Jacopone.

Wie die Flitterkränze schweben, Und die flimmernden Goldrosen Zitternd auf der Jungfraun Särgen, Schien sie in der Glorien Krone

Eine selge Braut der Engel, Eine Königin der Toten, Eine hochzeitliche Seele, Ein gestirnter Geist voll Wonne.

Schier geneigt, sie anzubeten, Ging bei ihr der Jacopone. Da sie ins Theater treten, Ging ein Flüstern durch die Logen.

Nie noch hatte man gesehen Die Gemahlin Jacopones, Und nun wie ein höhres Wesen Stand sie blendend vor dem Volke.

Und in der erstaunten Menge Hat ein Klatschen sich erhoben, Bis beschämt in tiefstem Herzen, Sie den Schleier umgenommen.

Als die liebliche Biondette Sang ihr Leben vor dem Volke, War die schöne Rosarose Tief im Herzen scharf getroffen.

"Daß du mich mit dir zu gehen Hast bewogen, Jacopone," Sprach sie, "dank ich dir ohn Ende. O, wie ist mir wohl geworden!

Diese Jungfrau anzusehen Ist mir nie genossne Wonne, Und ich könnte ruhig sterben, Spräch sie zu mir süße Worte!

Ach, ich fühle ihrem Wesen Meine Seele tief verwoben, O, ich werde nie genesen, Steht sie mir nicht bei im Tode!"

Und sie war so tief beweget, Da die Jungfrau ihre Rollen Wiederholt als Judith, Jephthe, Daß sie nachsprach alle Worte.

Aber als sich um Biondetten Hat die wilde Glut erhoben, Hat sie, nicht um sie, um jene Nur, das Hilfsgeschrei erhoben.

Und es brachte sie zu retten Mit Gewalt nun Jacopone Hinzu einem hohen Fenster, Da ersah sie Meliore.

Keine Leiter ruht am Fenster, Rings schon alles um sie lodert, Und sie sprang, sich Gott befehlend, Nieder in den Arm Meliores.

Glücklich nieder zu der Erde Folgt ihr springend Jacopone, Doch er findet sie mit Schrecken Blaß und schon ihr Aug geschlossen.

Und rings unter ihrem Herzen Blutge Tropfen niederflossen, Doch sie sprach: "Mein Herr, ich lebe Annoch durch die Hilfe Gottes!"

Und vier rheinische Studenten Sie auf ihren Mantel hoben, Trugen still sie durchs Gedränge, Weinend folget Jacopone.

Und sie ward auf ihren Wegen Angestaunet von dem Volke, Wie ein Kunstwerk von Juwelen Und ein Bild von lauterm Golde.

Nimmer ward von solchem Werte Ein geheimer Schatz gehoben, Und die tragenden Studenten Nimmer von ihr blicken konnten,

Wenn sie in dem Schein der Sterne Oder in dem Glanz des Mondes Auf dem weißen Mantel blendet, Wie auf Schätzen Flammen lodern.

Hätte sie nicht von Biondetten Oft den Namen ausgesprochen, Für die Leiche eines Engels Hätte man sie halten sollen.

Über ihres Hauses Schwelle, Bis zu ihrer Kammer oben, Auf sein keusches Hochzeitbette Ließ sie tragen Jacopone.

Dann entließ er die Studenten, Ihre Treue zärtlich lobend, Und zu ihm sprach Rosarose: "Höre mich, mein Jacopone!

Da ich aus dem Leben gehe, Soll dir bleiben unverborgen, Was ich mußte dir verhehlen, Das Geheimnis jenes Bronnens.

Warum du mich wolltest töten, Als den Knaben du gehorchet. Wisse, daß ich deine Schwester, Deinem Vater bin entsprossen!

Und ich danke, daß du ehrend Meine Unschuld nicht verdorben, Daß von Blutschuld unbeflecket, Keusch wir bei einander wohnten.

Aus versündeten Geschlechtern Sind wir sündenvoll geboren, Und die Sünde wird erst enden, Wenn ein schweres Jahr verflossen.

Von der eitlen Welt dich wende, Geh in einen frommen Orden, Wo das Schauspielhaus verbrennte, Laß erbauen mir ein Kloster!

Aber jetzo, eh ich sterbe, Hole mir den Greis Benone, Daß ich nehm die Sakramente, Zu der Seele letztem Troste!"

Jacopone steht entsetzet, Ohne Regung, ohne Worte, Nur sein Haar hebt sich zu Berge; Doch er eilet zu Benone.

Aber auf der Treppe schellet Schon des kleinen Lammes Glocke, Und zu Rosarose gehet Ein der Knabe blondgelocket.

"Grüß dich Gott zum Wiedersehen1 Ei, wie bist du schön geworden, Meine liebe Rosarose!" Hat das Kind zu ihr gesprochen.

Und sie sprach: "Mein guter Engel, Du kamst, wie du mir versprochen, Doch du bleibest stets derselbe, Du bist größer nicht geworden!"

"Mir ist", hier das Kind versetzte, "Dieses Maß gegeben worden. Ach, es war nicht zu ermessen, Als dies Maß war voller Wonne!"

Doch nun fühlt die Jungfrau Schmerzen; Klagend sprach sie: "O, Benone, Komme bald zum Trost der Seele Und geselle mich den Toten!"

Und der Knabe sorglich legte Auf die Stirn ihr eine Rose, Und von ihrem Duft erwecket, Hat die Jungfrau sich erholet.

"Du hast dich zum Hochzeitsfeste", Spricht er, "schön geschmückt mit Golde, Und mit Perlen und Juwelen Strahlst du in der Jungfraunkrone!

Wird dein Bräutigam dich auch kennen, Der dich sonst nur sah mit Rosen?" "Ja," sprach sie, "er wird mich kennen An dem Blut, das ich vergossen!"

** Romanze XIII: Tod der Rosarosa

Wie in dunklen Meereswogen Ein verbranntes Schiff entmastet Unterm weiten Himmelsbogen Traurig steht auf ödem Sande,

Wie die Flamme scheu noch lodert, Von den Fluten rings belagert, Bis die traurig tote Kohle Leicht umschaukelt in dem Wasser,

Fern schon ziehn die dunkeln Wolken, Die geübt die böse Rache, Und die Sterne vor dem Monde Ziehn heran, unschuldig fragend:

Wo ist hin das segelvolle Freudge Schiff, so hoch bemastet, Das wie eine Braut die Wogen, Buhlend mit dem Wind, durchtanzte?

Wo sind hin die Schifferchöre, Die in feuchten Tauen tanzten? Ist von all dem stolzen Volke An dem Fels der Ruf verhallet?

Und das Meer spielt mit den Toten, Mit den Segeln, mit den Masten; Sterbend zischen noch die Kohlen, Und dann schweigt und ruhet alles.

Und die Sterne zu dem Monde Brechen aus in bittre Klagen: Ach! wo ist die schöne Tochter, Die uns grüßte mit Gesange?

Die gelöst die goldnen Locken, Ließ in freudgen Lüften flaggen, Unsern Spiegel in den Wogen Betend grüßt mit Harfenklange?

Muß sie auch im Wasserschlosse, Von Untieren rings bewachet, Bei Sirenen und Tritonen Fern von uns nun sein gefangen?

Also klagen sie dem Monde, Der zu ihrer Klage lachet Und das blaue Feld der Wogen Überschüttet weit mit Glanze.

Und was schimmert dort so golden, Rauschend durch die Wasserbahnen, Zieht gleich einem Arione Ruhig durch die Meere, harfend?

Heil! Es ist die schöne Tochter; Sie steht auf dem Wundermantel Sicher, wie auf starkem Boote, Und ihr Schleier ist die Flagge.

Und die Sterne freudig horchen, Denn es zieht durch ihre Harfe Äolus mit süßem Tone, Daß die Ufer rings entschlafen:

Also unterm Himmelsbogen Stand zerstöret das Theater, Um die trüben Säulentore Schauerten der Wachen Fackeln.

Also in dem Glanz des Mondes Trat Biondette mit der Harfe Aus den hohen, dunkeln Pforten, Wie in lichter Geist umwandelt.

Unterm hohen Sternendome Steht sie auf dem öden Platze, Unter ihren leichten Sohlen Knirscht die Kohle auf den Platten.

Und zum Monde auf sich wolket Noch der Rauch des toten Brandes, Dumpf schallt fernes Wagenrollen Und es rinnet rings das Wasser.

Und des blauen Reno Wogen Lauter durch die Nacht hinwallen, Lauter rauschen auch die Bronnen Siegreich ob dem Feuerkampfe.

Und Biondetta wiederholet: "Lebet wohl, ihr falschen Farben, Eitler Tränen Regenbogen, Sterne hell von falschem Glanze,

Ihr dient einem Flittermonde!" Sprachs, da klang es in der Harfe, Und zwei hohe, weiße Nonnen Geistig ihr zur Seite standen.

Von dem Schleier ganz verborgen Schienen sie zwei selge Schatten, Winkend, ihnen nachzufolgen, Sie Biondetten still ermahnten.

Eine schweift in einem Bogen Um sie, Freudenzeichen machend, Und die andre sah zu Boden, Traurig ihr Hände faltend.

"Sprechet, was ihr von mir wollet, Fromme Schwestern von Sankt Claren?" Frug die Jungfrau. Nachzufolgen Winkend jene sie ermahnten.

Und Biondetta folgt den Nonnen, Die wie Geister vor ihr wallen, Zu dem Hause Jacopones, Zu der Rosarosa Lager.

"Sei willkommen mir im Tode!" Sprach die Kranke, und vom Lager Hat sie leis ihr Haupt erhoben, Unterstützet von dem Knaben.

"Daß dem Feuer du entkommen, O, Biondetta, Gott ich danke; Wolle nun zu meinem Troste Mir ein Lied zur Harfe schlagen!"

Als die Jungfrau harfen wollte, Sah sie an den blonden Knaben: "Sah ich heut dich nicht am Bronnen Mit dem Vogel, mit dem Lamme,

Bei der Jungfrau mit den Rosen, Bei der süßen Rosablanke, Die heut früh den Kranz geflochten Für Marien am Altare?"

Und der Knabe hat gesprochen: "Reicher als heut am Altare Ward auch hier ein Kranz geflochten, Und du wirst die Dornen tragen.

Als der Gärtner säte Rosen In der Buße bittren Garten, Fiel dein Körnlein in die Dornen, Und du kennst nicht deinen Namen.

Denn du heißest Rosadore, Jene heißet Rosablanke, Rosarosa, rote Rose, Ihr seid aus demselben Stamme!

Seid geschenkt der Mutter Gottes, Als sie vor zwölfhundert Jahren Auf der sündgen Erde wohnte; Jetzt erst seid ihr aufgegangen.

Doch noch seid ihr kaum entsprossen! O erscheine, Herr des Gartens, Hüte deine heilgen Rosen Und zertritt die falsche Schlange!" —

"O, Benone, mir zum Troste Eile!" nun die Kranke klaget, "Denn es wirft die Lebenssonne Über mich schon lange Schatten!"

Und der Knabe spricht: "Zum Kloster Gehe ich, ihn zu ermahnen; Doch zuvor, o fromme Tochter, Muß ich deiner Treue danken.

Denn ich kann nicht wiederkommmen, Eh erfüllet sind die Tage, Daß wir alle durch die Pforte Der Barmherzigkeit einwandern.

Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt, Und, zu hören Gottesworte, Kinder gern um dich versammelt!

Viele dich am Himmelsthrone Palmen schwingend schon erwarten, Und sie singen dort im Chore, Die du sie gelehrt, die Psalmen.

Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt, Daß du dich dem Herrn verlobet Und die Treue ihm gehalten!

Also ist auch Jacopone In die Blutschuld nicht gefallen, Und so bricht der Tod dich Rose Zu der Sühnung ewgem Kranze!

Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt, Und das Kleid der gütgen Toten Unbeflecket hast erhalten!

Den Bußgürtel scharf gedornet Trugst du still und ohne Klagen, Und so halfst du, fromme Tochter, Deiner Mutter Sünde tragen.

Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt. Was dir unterm Herzen wohnet, Hast du nimmer mich gefraget!

Aber nun vor diesen Nonnen Öffne ruhig die Gewande, Zeige deines Herzen Rose, Dieses Siegel deines Stammes!

Und es soll auch Rosadore, Die man sonst Biondetten nannte, An des eignen Busens Rose Wahr erkennen ihren Namen.

Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt, Wisse, daß dir stets zu folgen, Mich mein eigen Heil ermahnte.

Denn ich harre der drei Rosen Länger als zwölfhundert Jahre. Eine bist du, bald gebrochen, Bald auch breche ich die andre!

Als der Heiland ward geboren, Hab ich auch das Licht empfangen, Und ich gab ihm meine Rosen, Da er spielte bei dem Lamme.

Und er gab mir eine Knospe Aus den Gräsern seines Lagers, Hat dann liebvoll auch gesprochen: `Agnus castus sei dein Name!'

Und wo ich bis jetzt gewohnet, Sät ich dieser Pflanze Samen, Ehrt sie höher als Kleinode, Weil der Herr auf ihr geschlafen.

Agnus castus aller Orten Heißt, wie ich, nun diese Pflanze. Weißt du noch, wie ich dir Mosse Sammeln sollte mit den Knaben,

Weil du dir bereiten wolltest Deiner Hochzeit keusches Lager, Wie ich dir zu deinem Schoße Nichts als Agnus castus brachte?

Und du hast sie angenommen, Dankend für die Hochzeitsgabe, So schliefst du und Jacopone Wie der Herr auf dieser Pflanze.

So hat eurem frommen Wollen Gern der Heiland beigestanden, Und das Lager deines Todes Blieb durch ihn der Keuschheit Lager.

Bald steht deines Herzens Rose Nun im selgen Himmelsgarten Und schmückt ihm die Dornenkrone, Die er hat für uns getragen!"

Als der Knabe so gesprochen, Ging er betend aus der Kammer: "Jesus Christus sei gelobet!" Und die Sterbende sprach: "Amen!"

Doch jetzt nahten sich die Nonnen, Die verschleiert fern gestanden, Leis hinschwebend an dem Boden, Rosarosens Sterbelager.

Und es knieet Rosadore Eingehüllet in den Mantel. Stille war es, nur der Odem Wehte und das Licht der Lampe.

Und die eine sprach: "O Tochter, Ich bin deiner Mutter Schatten. Weh mir, daß ich es geworden! Rosatristis ist mein Name.

Und auch du, o Rosadore, Hast durch mich das Licht empfangen; Fürchte nichts, erheb vom Boden Deinen Blick, der mich erlabet.

Ach, so kann ich nach dem Tode Mutterfreuden erst erlangen! Wie unendlich ist die Wonne Unergründlichen Erbarmens!"

Und nun schweift sie wie ein Vogel Freudig um das Bett der Kranken, Und umschwebet Rosadoren, Streifend kühl durch ihre Haare.

Rosarosens Lebenswoge Hebt sich nochmals Wellen schlagend, Stumme Freudentränen flossen Nieder von der bleichen Wange.

Denn sie hört im Ton der Worte Jene Stimme widerschallen, Die ihr einst das Haupt geschoren, Ihrer Blöße sich erbarmend.

Durch die Seele Rosadorens Bebt ein tiefes, süßes Bangen; Furchtlos hat emporgehoben Sie die Arme nach dem Schatten.

Denn sie sieht in dieser Nonne Jenes Bildlein ihrer Kammer, Das mit ihr gefunden worden, Das sie stets so wert gehalten.

Rosatristis nun voll Wonne Löst der Kranken Brustgewande, Daß des Busens heilge Wogen Schimmernd zu dem Lichte drangen.

Eine rote blutge Rose Rosarosens Brust bestrahlet; Was ihr unterm Herzen wohnet, Hat sie so im Tod erfahren.

Während leis zu Rosadoren Sich die andre Nonne nahte, Und sie sah, die sie erzogen, Rosalätens heilgen Schatten.

Rührend sprach sie: "Rosadore Die ich sonst Biondette nannte, Teure Jungfrau, zeig die Rose, Die dir gab den neuen Namen.

Lasse, die dich hat geboren, Meiner armen Schwester Schatten, Lasse ihres Heiles Rose Vor ihr blühn im keuschen Garten!"

Und in Zucht löst Rosadore Ihres Mieders goldne Spangen, Und des Herzens banges Pochen Hört man durch die Stille schlagen.

Eine kleine goldne Rose, Über ihrem Herz gemalet, Zeigt im Spiegel ihr die Nonne Als das Zeichen ihres Stammes.

Rosatristis spricht voll Wonne: "O, gesegnet ist der Garten, O, wie herrlich stehn die Rosen, Und derHerr wird sich erbarmen!

Aber eine weiße Rose Muß ich traurend noch erwarten, # trauernd? Sehen darf ich nicht die Tochter, Die unschuldge Rosablanke!"

Und nun hat sie aufgeschlossen Den Bußgürtel, der die Kranke Noch umgürtete — da flossen Ströme Blutes von der Armen.

Stürzend in den Arm Meliores Aus dem Fenster bei dem Brande, Hatte von des Gürtels Dornen Tiefe Wunden sie empfangen!

Rosatristis spricht zum Troste: "Du stehst recht im Rosengarten, Den der Herr bei seinem Tode Für die Märtyrer gepflanzet.

Deines Blutes jeder Tropfen Fällt auf meine Seele labend; Heilig hast du es vergossen, Das in Sünden du empfangen."

Und sie gürtet Rosadoren Mit des Gürtels scharfen Stacheln: "Wolle ihn um mich, du Tochter, Treu wie deine Schwester tragen!

Gebe ihn bei deinem Tode", Spricht die Nonne, "Rosablanken!" Peinumgürtet steht die Fromme, Klaglos für die Marter dankend.

Und nun sinkt sie mit den Worten Froh in Rosarosens Arme: "Laß, o Schwester, deinen Odem Mich von deinen Lippen fangen!" —

"Sei willkommen, Todessonne!" Spricht die Kranke liebesstammelnd, "Mir ins Herz mit Siegeswonne Fallen deiner Augen Strahlen!

Aber, was du mir versprochen, Singe mir ein Lied zur Harfe, Daß die Seele vor dem Tode Auf dem Klang vorüber wandle!"

Da ergreifet Rosadore Geistberauschet ihre Harfe, Also süße Töne lockend, Daß die Nonnen selig schwanken.

Doch es tritt nun Jacopone Heftig ein mit einem Arzt: Der unheilige Apone Folgt ihm stolz und dreist zur Kammer.

Und vom Zug der Tür erloschen, Starb das Licht der kleinen Lampe. "Licht her, Licht!" schreit wild Apone, "Was tun hier die alten Ammen?"

Denn er sieht die beiden Nonnen Geistig schimmernd bei dem Lager. Und es eilet Jacopone, Anzustecken schnell die Lampe.

Und es folgen ihm die Nonnen, Geistig rauschend durch die Harfe, Rufen: "Wehe, weh Apone! Fluch der Schlang und ihrem Samen!"

Und nun griff der Arzt im Zorn, # Zorne? Und erfasset bei der Harfe Die versteckte Rosadore, Und die Jungfrau schreit: "Erbarmen!"

"Ha!" spricht Apo, "sei willkommen, Schöne Nachbarin! Zu fangen Solch ein Vöglein ich nicht hoffte Bei dem Bette einer Kranken!

Hat der kluge Jacopone Dich zu seinem Trost belanget? Die Juristen bei den Toten Gerne sich an Leben halten!"

Und nun will er Rosadoren Scherzend um die Hüfte fassen; Doch sie war erstarkt im Zorne, Reißt ihm schmerzlich an dem Barte.

"Also halt ich dich, du Toller," Spricht die Jungfrau, "bis die Lampe Wiederbringet Jacopone, Daß er sehe deine Schande!"

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