Zweiter Teil.
Alexander Eliasberg translation
I
Tage und Wochen, ganze zwei Monate des zurückgezogenen ländlichen Lebens vergingen, wie es mir schien, unbemerkt; und doch hätten die Gefühle, die Aufregungen und das Glück dieser beiden Monate für ein ganzes Leben genügt. Meine und seine Träume von unserem Landleben waren ganz anders in Erfüllung gegangen, als wir es erwartet hatten. Aber unser Leben war nicht schlechter, als unsere Träume. Es gab nichts von der ernsten Arbeit, von Pflichterfüllung, von Selbstaufopferung und vom Leben für die anderen, die ich mir ausgemalt hatte, als ich noch seine Braut gewesen; es war dagegen ein selbstsüchtiges Gefühl der Liebe zueinander, der Wunsch, geliebt zu werden, eine immerwährende, grundlose Heiterkeit und ein Vergessen aller Dinge auf der Welt. Er zog sich zwar wirklich manchmal in sein Kabinett zurück, um etwas zu tun, fuhr manchmal in Geschäften nach der Stadt oder ging aus dem Hause, um nach der Wirtschaft zu sehen; aber ich sah, was für Mühe es ihn kostete, sich von mir loszureißen. Er gestand mir später auch selbst, daß alles in der Welt, wenn ich nicht dabei sei, ihm so nichtig und unsinnig erscheine, daß er gar nicht verstehe, wie man sich damit überhaupt abgeben könne. Mit mir verhielt es sich ebenso. Ich las, trieb Musik, widmete mich der Schwiegermama und der Schule; doch ich tat es nur, weil jede dieser Beschäftigungen mit ihm zusammenhing und von ihm gutgeheißen wurde; aber wenn sich zu irgendeinem Tun der Gedanke an ihn nicht gesellte, so sanken mir die Hände in den Schoß, und es kam mir so komisch vor, daß es außer ihm auf der Welt noch etwas geben könne. Vielleicht war es ein schlechtes, selbstsüchtiges Gefühl, aber es gab mir Glück und hob mich über die ganze Welt empor. Nur er allein existierte für mich auf der Erde, ihn hielt ich aber für den herrlichsten und unfehlbarsten Menschen auf Erden; darum konnte ich für nichts anderes leben als für ihn, als um in seinen Augen das zu sein, für was er mich hielt. Er hielt mich aber für das erste und herrlichste Weib auf Erden, begabt mit allen möglichen Tugenden; und ich bemühte mich, in den Augen des ersten und besten Menschen auf der ganzen Welt so ein Weib zu sein.
Einmal trat er zu mir ins Zimmer, als ich gerade betete. Ich sah mich nach ihm um und betete weiter. Er setzte sich an den Tisch, um mich nicht zu stören, und schlug ein Buch auf. Aber es kam mir vor, als sähe er mich an, und ich wandte mich wieder um. Er lächelte, ich fing zu lachen an und konnte nicht mehr beten.
»Hast du schon gebetet?« fragte ich ihn.
»Ja. Fahre nur fort, ich will weggehen.«
»Du betest doch hoffentlich?«
Er wollte gehen, ohne zu antworten, aber ich hielt ihn zurück.
»Liebster, tu es bitte für mich, sprich mal mit mir die Gebete.« Er kniete neben mir nieder, ließ die Hände linkisch sinken und begann mit ernstem Gesicht und stockend zu beten. Ab und zu wandte er sich zu mir um und suchte in meinem Gesicht Zustimmung und Hilfe.
Als er fertig war, fing ich zu lachen an und umarmte ihn.
»Alles kannst du, alles kannst du! Es ist mir, als ob ich wieder ein Junge von zehn Jahren wäre,« sagte er errötend und mir die Hände küssend.
Unser Haus war eines von den alten Landsitzen, in denen mehrere aufeinanderfolgende Generationen in Eintracht und gegenseitiger Liebe und Achtung gelebt haben. Es war vom Dufte guter, ehrlicher Familienerinnerungen erfüllt, welche plötzlich, als ich dieses Haus betreten, auch zu meinen Erinnerungen geworden waren. Über die Ausstattung des Hauses und die Lebensordnung wachte Tatjana Ssemjonowna nach alter Weise. Man kann nicht behaupten, daß alles elegant und hübsch gewesen wäre; aber von allem, von den Dienstboten bis zu den Möbeln und Speisen war genug da, alles war reinlich, dauerhaft, ordentlich und flößte Achtung ein. Im Wohnzimmer standen symmetrisch die Möbel und hingen Familienbilder, auf dem Fußboden lagen hausgewebte Teppiche und Läufer. Im »Diwanzimmer« befanden sich ein altes Klavier, zwei Chiffonnièren von verschiedener Form, Diwans und Tischchen mit Messingverzierungen und eingelegter Arbeit. In meinem Arbeitszimmer, auf dessen Ausstattung Tatjana Ssemjonowna besondere Mühe verwandt hatte, standen die besten Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten und von verschiedenen Fassons; unter anderem auch ein alter Trumeau, in den ich anfangs nur schüchterne Blicke zu werfen wagte, der mir aber später so lieb wurde wie ein alter Freund. Von Tatjana Ssemjonowna war nichts zu hören, aber alles im Hause ging so regelmäßig, wie eine aufgezogene Uhr. Es gab zwar viele überflüssige Dienstboten, aber alle diese Leute, welche weiche Schuhe ohne Absätze trugen (Tatjana Ssemjonowna hielt das Knarren der Sohlen und das Klappern der Absätze für das Unangenehmste auf der Welt), – alle diese Leute waren stolz auf ihre Stellung, zitterten vor der alten Herrin, sahen auf mich und meinen Mann mit einem gönnerhaften Lächeln herab und schienen ihre Arbeit mit besonderer Freude zu verrichten. Jeden Sonnabend wurden sämtliche Fußböden gescheuert und sämtliche Teppiche geklopft; an jedem Ersten wurden Gottesdienste mit Wasserweihe abgehalten, und an jedem Namenstage Tatjana Ssemjonownas oder ihres Sohnes (auch an meinem – zum erstenmal in diesem Herbst) gab es ein Festmahl für die ganze Nachbarschaft. Dies alles geschah unverändert seit ältester Zeit, soweit Tatjana Ssemjonowna sich ihrer selbst erinnerte. Mein Mann mischte sich in den Haushalt nicht ein und beschäftigte sich nur mit der Gutswirtschaft und den Bauern und das mit großem Eifer. Er stand selbst im Winter so früh auf, daß ich ihn beim Aufwachen nicht mehr sah. Er kam gewöhnlich zum Frühstückstee zurück, den wir allein tranken, und befand sich um diese Stunde, nach allen Mühen und Unannehmlichkeiten, die ihm die Wirtschaft bereitet hatte, in der besonders lustigen Stimmung, die wir »wildes Entzücken« nannten. Oft verlangte ich von ihm einen Bericht über alles, was er am Morgen getrieben hatte, und er erzählte mir dann solchen Unsinn, daß wir uns beide vor Lachen kugelten; manchmal bestand ich darauf, daß er mir alles ernsthaft berichte, und er berichtete es mir, sein Lächeln unterdrückend. Ich blickte ihm in die Augen, sah seine Lippen sich bewegen, verstand nichts und freute mich nur darüber, daß ich ihn sah und seine Stimme hörte.
»Nun, was habe ich eben gesagt? Wiederhole es!« verlangte er von mir. Aber ich konnte nichts wiederholen. Es kam mir so komisch vor, daß er mir nicht von sich selbst und nicht von mir erzählte, sondern von irgendwelchen anderen Dingen. Als wäre es nicht ganz gleich, was es dort alles gab! Erst viel später fing ich an, seine Sorgen einigermaßen zu verstehen und mich für sie zu interessieren. Tatjana Ssemjonowna zeigte sich am Vormittag nicht, trank ihren Tee allein und ließ uns nur durch Abgesandte begrüßen. So seltsam klang in unserer eigenen, wahnsinnig glücklichen kleinen Welt die Stimme aus jenem anderen ordentlichen und vernünftigen Reich, daß ich mich oft nicht beherrschen konnte und nur laut lachte, wenn ihre Zofe, die Hände auf der Brust gefaltet, mir mit monotoner Stimme meldete, »Tatjana Ssemjonowna habe ihr befohlen, zu fragen, wie wir nach dem gestrigen Spaziergange geruht hätten; von sich selbst lasse sie aber berichten, daß ihr die ganze Nacht eine Seite wehgetan hätte, und daß ein dummer Hund im Dorfe gebellt und sie nicht schlafen lassen habe. Ferner lasse die gnädige Frau fragen, wie uns das heutige Gebäck gemundet habe, und dazu bemerken, daß heute nicht Taras, sondern zum ersten Male probeweise Nikolascha gebacken habe; alles, besonders die kleinen Brezeln seien ganz gut geraten, die Zwiebacke hätte er aber angebrannt.« Bis zum Mittagessen blieben wir wenig zusammen. Ich spielte Klavier oder las allein, er schrieb und ging noch einmal aus; aber zum Mittagessen, das wir um vier Uhr einnahmen, trafen wir uns im Wohnzimmer; die Mama tauchte aus ihrem Zimmer auf, und es erschienen irgendwelche arme, adlige Damen oder Wallfahrerinnen, von denen immer zwei bis drei im Hause wohnten. Mein Mann reichte regelmäßig nach alter Gewohnheit seiner Mutter den Arm, sie verlangte aber, daß er den anderen Arm mir reiche, und so gab es in der Türe regelmäßig Schwierigkeiten. Den Vorsitz beim Mittagessen führte die Mama, und das Gespräch bei Tische hatte immer einen ernsten und vernünftigen, etwas feierlichen Ton. Die einfachen Worte, die ich mit meinem Manne wechselte, störten auf eine angenehme Weise die Feierlichkeit dieser Sitzungen. Zwischen Mutter und Sohn kam es zuweilen zu Streitigkeiten und Sticheleien; ich mochte diese Streitigkeiten und Sticheleien besonders gern, weil bei diesen Gelegenheiten die zärtliche und dauerhafte Liebe, die uns verband, am stärksten zum Ausdruck kam. Nach dem Essen setzte sich Mama in den großen Sessel im Wohnzimmer und rieb Tabak oder schnitt die neuangekommenen Bücher auf, während wir etwas vorlasen oder ins Diwanzimmer zum Klavier gingen. Wir lasen in dieser Zeit sehr viel, aber die Musik war unser liebster und schönster Zeitvertreib, da sie jedesmal neue Saiten in unseren Herzen zum Tönen brachte und uns einander in einem neuen Lichte zeigte. Wenn ich seine Lieblingsstücke spielte, setzte er sich auf ein fernes Sofa, wo ich ihn fast nicht sehen konnte und bemühte sich aus Schamhaftigkeit den Eindruck zu verbergen, den die Musik auf ihn machte; aber oft, wenn er es gar nicht erwartete, stand ich vom Klavier auf und ging auf ihn zu, um in seinem Gesicht noch die Spuren der Erregung und den unnatürlich feuchten Glanz der Augen vorzufinden, die er vergebens vor mir zu verbergen suchte. Mama hatte oft Lust, nach uns zu sehen, wenn wir im Diwanzimmer waren; sie fürchtete wohl, uns zu stören, und ging zuweilen, ohne uns anzublicken, mit einem geheuchelt ernsten und gleichgültigen Ausdruck durchs Zimmer. Aber ich wußte, daß sie gar keinen Grund hatte, auf ihr Zimmer zu gehen und so schnell zurückzukehren. Den Abendtee, den ich einschenken mußte, tranken wir im großen Wohnzimmer, und alle Hausgenossen versammelten sich wieder bei Tisch. Diese feierlichen Sitzungen um den Samowar herum und das Verteilen der Gläser und Tassen brachten mich lange Zeit in Verlegenheit. Es kam mir immer vor, als sei ich der Ehre nicht würdig und viel zu jung und zu leichtsinnig, um den Hahn des so großen Samowars umzudrehen, um Glas für Glas auf Nikitas Tablett zu setzen und dabei zu sagen: »Für Pjotr Iwanowitsch, für Marja Minitschna«, um zu fragen: »Ist es süß genug?« und um einige Stück Zucker für die Kinderfrau und die verdienten Dienstboten zurückzulegen. »Sehr gut, sehr gut,« sagte mir oft mein Mann, »ganz wie eine Erwachsene!« Und das brachte mich in noch größere Verlegenheit.
Nach dem Tee legte die Schwiegermama Patience oder ließ sich von Marja Minitschna die Karten schlagen; dann küßte und bekreuzigte sie uns beide, und wir zogen uns zurück. Meistens blieben wir aber noch bis nach Mitternacht auf, und das war unsere schönste und angenehmste Zeit. Er erzählte mir von seiner Vergangenheit, wir schmiedeten Pläne, philosophierten auch manchmal und bemühten uns immer, recht leise zu sprechen, damit man uns oben nicht höre und es nicht Tatjana Ssemjonowna melde, die von uns verlangte, daß wir zeitig zu Bett gingen. Manchmal bekamen wir Appetit, schlichen uns in die Speisekammer, verschafften uns durch Nikitas Protektion einen kalten Imbiß und verzehrten ihn beim Scheine einer einzigen Kerze in meinem Kabinett. So lebten wir beide wie fremde Leute in diesem großen, alten Hause, in dem alles vom strengen Geist der alten Zeiten und dem Tatjana Ssemjonownas beherrscht wurde. Nicht nur sie selbst, sondern auch die Dienstboten, die ältlichen Mädchen, die Möbel, die Bilder flößten mir Respekt, eine gewisse Scheu und das Bewußtsein ein, daß wir hier nicht ganz auf unserem Platze seien und uns sehr vorsichtig und aufmerksam zu benehmen hätten. Wenn ich mich jetzt jener Zeit erinnere, so sehe ich, daß vieles – diese lästige unabänderliche Hausordnung, diese Menge müßiger und neugieriger Menschen in unserem Hause – unbequem und schwer zu ertragen war; aber diese Einengung vergrößerte unsere Liebe. Nicht nur ich, sondern auch er verriet durch keine Miene, daß ihm etwas mißfiele. Im Gegenteil, er schien sich sogar selbst von allem fernzuhalten, was schlecht war. Mamas Kammerdiener, Dmitrij Ssidorow, ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, ging regelmäßig nach dem Essen, wenn wir uns im Diwanzimmer befanden, in das Kabinett meines Mannes, um sich Tabak aus dem Kasten zu holen; man muß es gesehen haben, mit welchem lustigen Schrecken Ssergej Michailytsch auf den Zehen zu mir kam und, mit dem Finger drohend und mir zublinzelnd, auf Dmitrij Ssidorow zeigte, der es gar nicht ahnte, daß man ihn beobachtete. Und wenn Dmitrij Ssidorow fortging, ohne uns bemerkt zu haben, sagte mir mein Mann vor Freude darüber, daß alles so gut abgelaufen war, wie auch bei jeder anderen Gelegenheit, ich sei ein entzückendes Geschöpf und gab mir einen Kuß. Diese Ruhe, diese Allverzeihung und scheinbare Gleichgültigkeit gegen alles mißfielen mir zuweilen; ich merkte nicht, daß in mir die gleichen Eigenschaften steckten und hielt sie für eine Schwäche. – Ganz wie ein Kind, das sich nicht getraut, seinen Willen zu zeigen, – dachte ich mir.
»Ach, liebe Freundin,« antwortete er mir, als ich ihm einmal sagte, daß ich über seine Schwäche staunen müsse, »kann denn ein Mensch über etwas unzufrieden sein, wenn er so glücklich ist, wie ich? Es ist doch viel leichter, nachzugeben, als sich die anderen gefügig zu machen; davon habe ich mich schon längst überzeugt, und es gibt keine Lebenslage, in der man nicht glücklich sein könnte. Wir haben es aber so gut! Ich kann nicht zürnen, es gibt für mich jetzt nichts Schlechtes, es gibt nur Bemitleidenswertes und Komisches. Vor allen Dingen aber: le mieux est l'ennemi du bien. Glaube mir, wenn ich die Schelle eines Wagens höre, wenn ich einen Brief erhalte oder auch nur einfach erwache, überkommt mich zuweilen ein Grauen. Es ist so schrecklich, daß man leben muß, daß sich etwas ändern kann; etwas Besseres als die Gegenwart kann es aber gar nicht geben.«
Ich glaubte ihm, verstand ihn aber nicht; ich fühlte mich wohl, aber ich glaubte, daß es gerade so und nicht anders sein müsse, und daß es auch allen anderen Menschen ebenso ginge; daß es aber irgendwo auch noch ein anderes, wenn auch nicht größeres, aber ein anderes Glück gäbe.
So vergingen zwei Monate, es kam der Winter mit seinen Frösten und Schneestürmen, und ich fing an, obwohl er mit mir war, mich einsam zu fühlen; zu fühlen, daß das Leben sich wiederhole, daß weder in mir noch in ihm etwas Neues sei, daß wir vielmehr wieder zum Alten zurückkehrten. Er widmete sich jetzt immer mehr seinen Geschäften ohne mich, und es kam mir wieder vor, als wäre in seiner Seele eine eigene Welt, in die er mich nicht einlassen wolle. Seine immer ruhige Stimmung reizte mich. Ich liebte ihn nicht weniger als früher und war auch über seine Liebe nicht weniger glücklich als früher; aber meine Liebe war in ihrem Wachstum stehengeblieben, und neben ihr keimte in meinem Herzen irgendein neues unruhiges Gefühl. Es genügte mir nicht, ihn zu lieben, nachdem ich das Glück genossen hatte, diese Liebe in mir aufblühen zu fühlen. Ich sehnte mich nach Bewegung und nicht nach einem ruhig dahinfließenden Leben. Ich sehnte mich nach Aufregungen, Gefahren und Aufopferung des Gefühls wegen. Es war in mir ein Überfluß an Kraft, die in unserem stillen Leben keine Anwendung fand. Mich überkamen Anfälle von Schwermut, die ich wie etwas Schlimmes vor ihm zu verbergen suchte, und Anfälle einer ungestümen Zärtlichkeit und Lustigkeit, die ihn erschreckten. Er merkte meinen Zustand früher als ich und machte mir den Vorschlag, in die Stadt zu ziehen; ich aber bat ihn, es nicht zu tun, unsere Lebensweise nicht zu ändern und unser Glück nicht zu stören. Ich war in der Tat glücklich, aber mich quälte es, daß dieses Glück mich gar keine Mühe, gar kein Opfer kostete, während mich der Überfluß an Tatkraft und Opferwilligkeit erdrückte. Ich liebte ihn und sah, daß ich für ihn alles war; aber ich wünschte mir, daß alle Menschen unsere Liebe sähen, daß man mich daran zu hindern suchte, ihn zu lieben, und daß ich ihn trotzdem liebte. Mein Geist und sogar meine Empfindung waren beschäftigt, aber es gab auch noch ein anderes Gefühl von Jugend, ein Verlangen nach Bewegung, das in unserem stillen Leben keine Befriedigung fand. Warum hatte er mir gesagt, daß wir in die Stadt ziehen könnten, sobald ich es nur wünschte? Hätte er es mir nicht gesagt, so hätte ich vielleicht verstanden, daß das Gefühl, das mich bedrückte, eine dumme und schädliche Einbildung und ein Fehler von mir war, daß das Opfer, nach dem ich lechzte, vor mir lag und in der Unterdrückung dieses Gefühls bestand. Der Gedanke, daß ich meiner Schwermut entgehen könnte, wenn ich nur in die Stadt zöge, kam mir unwillkürlich in den Sinn; zugleich wäre es aber für mich beschämend und schmerzlich, ihn von allem, was er liebte, loszureißen. Die Zeit ging aber dahin, der Schnee häufte sich immer höher an den Hausmauern auf, und wir waren immer allein und immer noch die gleichen zueinander; aber irgendwo draußen wogten in Glanz und Lärm Scharen von Menschen, die litten und sich freuten, ohne an uns und an unser dahinschwindendes Dasein zu denken. Das Unangenehmste war für mich, daß ich fühlte, wie die Gewohnheiten unser Leben mit jedem Tage zu einer bestimmten Form erstarren machten, wie unser Gefühl, statt frei zu werden, sich dem gleichmäßigen und leidenschaftslosen Gange der Zeit fügte. Des Morgens waren wir lustig, um die Mittagsstunde höflich und am Abend zärtlich. – Gut! … – sagte ich mir, – es ist gut, Gutes zu tun und ehrlich zu leben, wie er es nennt; aber dazu haben wir noch Zeit, und es gibt auch noch etwas anderes, wozu ich nur jetzt die Kraft habe. – Mir tat etwas anderes not, ich lechzte nach Kampf; ich wollte, daß das Gefühl unser Leben leite und nicht vom Leben geleitet werde. Ich wollte mit ihm an den Rand eines Abgrunds treten und sagen: – Ein Schritt, und ich stürze mich hinab, eine Bewegung, und ich bin verloren! – Er aber sollte am Rande des Abgrunds erbleichen, mich mit seinen kräftigen Armen emporheben, eine Weile über dem Abgrunde halten, so daß mir das Herz erkaltete, und mich dann forttragen, wohin er wollte.
Dieser Zustand beeinflußte sogar meine Gesundheit, und ich wurde nervös. Eines Morgens fühlte ich mich noch schlechter als gewöhnlich; er war aus dem Gutskontor in übler Laune zurückgekehrt, was bei ihm selten der Fall war. Ich merkte es sofort und fragte ihn, was er habe. Er wollte es mir aber nicht sagen und meinte, es sei nicht der Rede wert. Wie ich später erfuhr, hatte der Isprawnik einige von unseren Bauern zu sich berufen und von ihnen, um meinen Mann zu ärgern, unter Drohungen etwas Ungesetzliches verlangt. Mein Mann hatte es noch nicht so weit verdaut, daß es ihm bloß jämmerlich und lächerlich erschiene; er war gereizt und wollte darum mit mir nicht sprechen. Mir schien aber, er wolle darum nicht sprechen, weil er mich für ein Kind halte, welches gar nicht verstehen könne, was ihn beschäftige. Ich wandte mich von ihm weg, verstummte und ließ Marja Minitschna, die bei uns zu Besuch war, zum Tee bitten. Nach dem Tee, der sehr schnell getrunken war, ging ich mit Marja Minitschna ins Diwanzimmer und begann ihr irgendeinen Unsinn zu erzählen, der mich gar nicht interessierte. Er aber ging im Zimmer auf und ab und streifte uns ab und zu mit einem Blick. Diese Blicke hatten auf mich diesmal die eigentümliche Wirkung, daß ich immer größere Lust verspürte, zu sprechen und sogar zu lachen; alles, was ich selbst sagte, und auch alles, was Marja Minitschna sagte, kam mir so komisch vor. Er sagte mir kein Wort, zog sich in sein Kabinett zurück und schloß die Türe. Sobald ich seine Schritte nicht mehr hörte, verflüchtigte sich sofort meine ganze Lustigkeit, so daß Marja Minitschna mich sogar fragte, was ich habe. Ohne ihr zu antworten, setzte ich mich aufs Sofa und war bereit zu weinen. – Was fällt ihm bloß ein? – dachte ich mir. – Es ist irgendein Unsinn, der ihm so wichtig erscheint; wenn er bloß versuchen wollte, es mir zu sagen, so würde ich ihm zeigen, daß es ein Unsinn ist. Nein, er muß sich unbedingt einreden, daß ich es nicht verstehen werde, er muß mich mit seiner majestätischen Ruhe demütigen und immer Recht mir gegenüber behalten. Dafür habe ich auch Recht, wenn ich mich langweile, wenn mir alles leer erscheint, wenn ich leben und mich bewegen will, aber nicht immer auf demselben Flecke bleiben und fühlen, wie die Zeit über mich hinweggeht. Ich will vorwärtsgehen, ich will jeden Tag und jede Stunde etwas Neues; aber er will stehenbleiben und auch mich zum Stehen zwingen. Wie leicht könnte er es haben! Er brauchte mich gar nicht in die Stadt zu bringen, es genügte, wenn er nur so wäre, wie ich, wenn er sich keinen Zwang antäte, sich nicht zurückhielte und ganz einfach leben wollte. Das rät er immer mir, ist aber dabei selbst gar nicht einfach. Das ist es! –
Ich fühlte, wie mich die Tränen würgten, und daß ich gegen ihn gereizt war. Ich erschrak vor diesem Gefühl und ging zu ihm. Er saß im Kabinett und schrieb. Als er meine Schritte hörte, warf er mir einen kurzen, gleichgültigen und ruhigen Blick zu und fuhr fort zu schreiben. Dieser Blick gefiel mir nicht; statt zu ihm zu treten, blieb ich vor dem Tische stehen, auf dem er schrieb, schlug ein Buch auf und blickte hinein. Er hielt noch einmal in seinem Schreiben inne und sah mich an.
»Mascha, bist du heute schlecht gelaunt?« fragte er.
Ich antwortete mit einem kühlen Blick, welcher besagte: – Brauchst nicht zu fragen! Was sind das für Liebenswürdigkeiten? – Er schüttelte den Kopf und lächelte scheu und zärtlich; zum erstenmal antwortete ich auf sein Lächeln nicht mit meinem Lächeln.
»Was hast du heute gehabt?« fragte ich. »Warum hast du es mir nicht gesagt?«
»Unsinn! Eine kleine Unannehmlichkeit,« antwortete er. »Aber ich kann es dir auch erzählen. Zwei Bauern gingen in die Stadt …«
Aber ich ließ ihn nicht weitersprechen.
»Warum hast du es mir nicht schon beim Tee erzählt, als ich dich danach fragte?«
»Damals hätte ich dir eine Dummheit gesagt, denn ich war wütend.«
»Aber ich wollte es gerade damals wissen.«
»Warum?«
»Warum glaubst du, ich könnte dir niemals helfen?«
»Und ob ich es glaube!« sagte er, die Feder fortlegend. »Ich glaube, daß ich ohne dich nicht leben kann. In allen Dingen, in allen Dingen hilfst du mir nicht nur, sondern tust alles statt meiner. Was dir plötzlich einfällt!« rief er lachend. »Ich lebe doch nur dank dir. Alles erscheint mir nur darum gut, weil du hier bist, weil man dich …«
»Ja, ich weiß es: ich bin ein liebes Kind, das man beruhigen muß,« sagte ich in einem solchen Ton, daß er mich so erstaunt, als sähe er mich zum erstenmal, anblickte. »Ich will die Ruhe nicht, du hast sie ja im Überfluß,« fügte ich hinzu.
»Nun siehst du selbst, worum es sich hier handelt,« begann er hastig, mich unterbrechend, als fürchtete er, mich aussprechen zu lassen, »was würdest du in diesem Falle sagen?«
»Jetzt will ich nichts sagen,« antwortete ich. Ich hatte zwar Lust, ihm zuzuhören, aber es war mir so angenehm, seine Ruhe zu stören. »Ich will nicht so tun, als ob ich lebte, ich will leben,« sagte ich, »genau so wie du.«
Sein Gesicht, das jeden Eindruck so schnell und so lebhaft wiederspiegelte, drückte Schmerz und gespannte Aufmerksamkeit aus.
»Ich will genau so wie du leben, mit dir …«
Aber ich konnte nicht zu Ende sprechen: sein Gesicht nahm einen so traurigen, einen so tieftraurigen Ausdruck an. Er schwieg eine Weile.
»Worin liegt der Unterschied zwischen meinem und deinem Leben?« fragte er. »Doch nur darin, daß ich, und nicht du, mich mit dem Isprawnik und den betrunkenen Bauern herumschlage …«
»Nein, das ist nicht alles,« erwiderte ich.
»Begreife es doch, liebes Kind, um Gottes willen,« fuhr er fort, »ich weiß, daß alle solche Aufregungen uns immer weh tun; ich kenne das Leben und weiß es. Ich liebe dich und kann darum nichts anderes wollen, als dir alle diese Aufregungen ersparen. Darin liegt mein Leben, in der Liebe zu dir; erschwere mir nicht dieses Leben.«
»Du hast immer Recht!« sagte ich, ohne ihn anzusehen.
Es kränkte mich, daß in seiner Seele alles wieder so heiter und ruhig war, während ich Ärger und ein Gefühl, das der Reue glich, empfand.
»Mascha, was hast du nur?« sagte er. »Die Rede ist doch nicht davon, ob ich Recht habe oder du Recht hast, sondern von etwas ganz anderem: was hast du gegen mich? Sage es mir nicht sofort, überlege es dir erst und sage mir alles, was du dir denkst. Du bist mit mir unzufrieden, du hast wahrscheinlich Recht, aber erkläre mir, worin ich Unrecht habe.«
Aber wie konnte ich ihm das Innerste meiner Seele aufdecken? Daß er mich sofort verstanden hatte, daß ich wieder wie ein Kind vor ihm dastand, daß ich nichts anfangen konnte, ohne daß er es begriff und voraussah, – regte mich noch mehr auf.
»Ich habe nichts gegen dich,« sagte ich. »Ich langweile mich nur und will, daß diese Langweile aufhört. Aber du sagst, daß es so sein muß, und hast wieder Recht!«
Nachdem ich das gesagt hatte, sah ich ihn an. Ich hatte meinen Zweck erreicht: seine Ruhe war dahin, sein Gesicht drückte Schrecken und Schmerz aus.
»Mascha,« begann er mit leiser, erregter Stimme, »es ist kein Scherz, was wir jetzt treiben. Unser Schicksal steht auf dem Spiele. Ich bitte dich, mir nichts zu antworten und mich anzuhören. Warum willst du mich so quälen?«
Aber ich unterbrach ihn.
»Ich weiß, daß du Recht behältst. Sprich lieber nicht, du hast Recht,« sagte ich kühl, als spräche ich es nicht selbst, sondern irgendein böser Geist in mir.
»Wenn du nur wüßtest, was du tust!« sagte er mit zitternder Stimme.
Ich fing zu weinen an, und die Tränen erleichterten mir das Herz. Er saß neben mir und schwieg. Ich empfand Mitleid mit ihm, ich schämte mich und ärgerte mich über mein Tun. Ich sah ihn nicht an. Ich glaubte, er müsse mich in diesem Augenblick entweder streng oder erstaunt ansehen. Ich wandte mich zu ihm: ein sanfter, zärtlicher, wie um Verzeihung bittender Blick war auf mich gerichtet. Ich nahm seine Hand und sagte:
»Vergib mir! Ich weiß selbst nicht, was ich sagte.«
»Ja, aber ich weiß, was du sagtest, und du hattest Recht.«
»Wieso denn?« fragte ich.
»Wir müssen wirklich nach Petersburg gehen,« antwortete er. »Hier haben wir nichts mehr zu tun.«
»Wie du willst,« sagte ich.
Er umarmte und küßte mich.
»Verzeih mir,« sagte er. »Ich war im Unrecht.«
An diesem Abend spielte ich ihm lange vor, während er im Zimmer auf und ab ging und etwas flüsterte. Er hatte die Gewohnheit, so zu flüstern; ich fragte ihn oft, was er geflüstert habe, und er sagte es mir dann immer nach kurzem Besinnen; meistens waren es Verse und zuweilen auch irgendein Unsinn, aber selbst an diesem Unsinn konnte ich immer seine Stimmung erkennen.
»Was flüsterst du heute?« fragte ich.
Er blieb stehen, dachte nach und antwortete mir lächelnd mit den zwei Zeilen Lermontows:
»… Doch der Verwegne lechzt nach Stürmen, Als wäre in den Stürmen Ruh!«
– Nein, er ist mehr als ein Mensch, er weiß alles! – dachte ich mir. – Wie sollte ich ihn nicht lieben! –
Ich stand auf, ergriff seinen Arm und begann mit ihm auf und ab zu gehen, mir Mühe gebend, gleichen Schritt mit ihm zu halten.
»Ja?« fragte er und sah mich lächelnd an.
»Ja,« antwortete ich flüsternd; und eine eigentümliche, lustige Stimmung ergriff uns beide, unsere Augen lachten, wir machten immer größere Schritte und reckten uns immer höher auf den Zehen empor. Mit dem gleichen Schritt gingen wir zu großer Entrüstung Grigorijs und zum Erstaunen Mamas, die im Wohnzimmer Patience legte, durch alle Zimmer ins Speisezimmer, blieben dort stehen, sahen einander an und brachen in Lachen aus.
Vierzehn Tage später, vor den Feiertagen, waren wir schon in Petersburg.
II
Unsere Reise nach Petersburg, die acht Tage in Moskau, das Wiedersehen mit seinen und meinen Verwandten, die Einrichtung in der neuen Wohnung, die Fahrt selbst, die neuen Städte und die neuen Gesichter – all das zog wie ein Traum an mir vorüber. Das alles war so abwechslungsreich, neu und lustig, so warm und hell von seiner Gegenwart, von seiner Liebe erleuchtet, daß unser stilles Leben auf dem Lande mir als etwas Längstvergangenes und Nichtiges erschien. Zu meinem großen Erstaunen kamen mir alle (und zwar nicht nur die Verwandten, sondern auch die Fremden), statt mit dem Hochmut und der Kälte der großen Welt, die ich erwartete, mit einer so unverfälschten Liebenswürdigkeit und Freude entgegen, daß ich den Eindruck hatte, als hätten sie nur an mich gedacht und nur mich erwartet, um selbst ihre Freude an mir zu haben. Ebenso unerwartet für mich zeigte es sich, daß mein Mann in den vornehmsten Kreisen, die mir als die besten erschienen, viele Bekannte hatte, von denen er mir niemals erzählt hatte; und es war mir oft so sonderbar und unangenehm, aus seinem Munde strenge Urteile über manche dieser Menschen zu hören, die mir so gut zu sein schienen. Ich konnte nicht begreifen, warum er sie so kühl behandelte und vielen Bekanntschaften aus dem Wege ging, die mir so schmeichelhaft erschienen. Ich glaubte, je mehr gute Menschen man kenne, um so besser sei es, und alle Menschen seien doch so gut.
»Siehst du, wie wir uns einrichten müssen,« hatte er mir vor der Abreise vom Lande gesagt. »Hier sind wir reiche Leute, aber dort sind wir es lange nicht. Darum dürfen wir in der Stadt nur bis zur Osterwoche bleiben und müssen die große Welt meiden, sonst könnten wir Schwierigkeiten haben; auch deinetwegen möchte ich es nicht anders.«
»Wozu die große Welt?« fragte ich. »Wir wollen nur die Theater und unsere Verwandten besuchen, ein paarmal in die Oper gehen, gute Musik hören und schon vor der Osterwoche aufs Land zurückkehren.«
Kaum kamen wir aber nach Petersburg, als diese Pläne vergessen waren. Ich befand mich plötzlich in einer so neuen, glücklichen Welt, war von so viel Freuden umfangen und von solchen neuen Interessen in Anspruch genommen, daß ich mich sofort, wenn auch unbewußt, von meiner ganzen Vergangenheit und den in der Vergangenheit gefaßten Plänen lossagte. – Bisher war alles nur ein Spiel, das Richtige hatte noch nicht begonnen; das da ist aber das wahre Leben! Und was erwartet mich noch alles?! – dachte ich mir. Die Unruhe und die beginnende Langweile, die mich auf dem Lande gequält hatten, waren plötzlich wie durch einen Zauber gänzlich verschwunden. Meine Liebe zu meinem Mann war ruhiger geworden, und hier kam mir niemals der Gedanke, ob er mich nicht weniger liebe als früher. Ich durfte auch nicht an seiner Liebe zweifeln: er erriet sofort jeden meiner Gedanken, teilte jedes meiner Gefühle und erfüllte jeden meiner Wünsche. Seine Ruhe war hier verschwunden oder hatte bloß aufgehört, mich zu reizen. Dabei fühlte ich, daß zu seiner früheren Liebe sich auch noch ein Entzücken gesellte. Gar oft sagte er nach einem Besuch, oder wenn wir eine neue Bekanntschaft gemacht oder bei uns eine Abendgesellschaft gehabt hatten, wo ich vor Angst, irgendeinen Mißgriff zu machen, zitternd die Pflichten der Hausfrau erfüllte: – »Sehr gut, mein Kind! Ausgezeichnet! Mut! Wirklich ausgezeichnet!« Und ich war dann sehr froh. Bald nach unserer Ankunft in Petersburg schrieb er seiner Mutter einen Brief, und als ich einige Worte hinzuschreiben sollte, wollte er mir nicht zeigen, was er geschrieben hatte; infolgedessen bestand ich natürlich darauf und bekam das Geschriebene zu lesen. »Sie werden Mascha gar nicht wiedererkennen,« schrieb er ihr, »und auch ich selbst erkenne sie nicht wieder. Woher hat sie nur diese nette, graziöse Sicherheit, diese ›affabilité‹, diese Fähigkeit, in der Gesellschaft durch Geist zu glänzen, und diese Liebenswürdigkeit! Und all das ist bei ihr so einfach, lieb und gutmütig. Alle sind von ihr entzückt, und auch ich selbst kann sie gar nicht genug bewundern; wenn es möglich wäre, müßte ich sie noch mehr lieb gewinnen.«
– Ach so, also so eine bin ich! – dachte ich mir. Es wurde mir so wohl und so lustig zumute, und es kam mir sogar vor, als liebte ich ihn noch mehr. Mein Erfolg bei allen unseren Bekannten war für mich völlig unerwartet. Von allen Seiten hörte ich, daß ich hier einem Onkel besonders gut gefallen, daß dort eine Tante sich in mich verliebt hätte; der eine sagte mir, daß es in ganz Petersburg keine ähnliche Frau gäbe, die andere versicherte mich, ich brauche nur zu wollen, um die »exklusivste« Dame der Gesellschaft zu werden. Besonderen Eindruck machte ich auf eine Kusine meines Mannes, die Fürstin D., eine nicht mehr junge Dame der großen Welt; diese hatte sich plötzlich in mich verliebt und sagte mir so schmeichelhafte Dinge, daß es mir schwindelte. Als diese Kusine mich zum erstenmal aufforderte, einen Ball zu besuchen, und meinen Mann darum bat, wandte er sich an mich mit einem kaum merklichen schlauen Lächeln und fragte, ob ich hingehen möchte. Ich nickte bejahend und fühlte, wie ich errötete.
»Sie gesteht wie eine Verbrecherin, was sie möchte,« sagte er mit einem gutmütigen Lächeln.
»Du hattest doch selbst gesagt, daß wir keine großen Gesellschaften besuchen würden, auch magst du so was nicht,« antwortete ich lächelnd und ihn flehend anblickend.
»Wenn du so große Lust hast gehen wir hin,« sagte er.
»Nein, wirklich, lieber nicht.«
»Hast du große Lust?« fragte er wieder.
Ich gab keine Antwort.
»Die große Welt ist noch kein Übel,« fuhr er fort, »aber die unbefriedigten Gelüste, die sie in uns weckt, sind schlimm und häßlich. Wir müssen aber unbedingt hin und werden es auch tun,« schloß er sehr bestimmt.
»Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll,« entgegnete ich, »so wünsche ich in der ganzen Welt nichts so sehr, wie diesen Ball zu besuchen.«
Wir gingen auch hin, und der Genuß, den mir der Ball verschaffte, übertraf alle meine Erwartungen. Auf dem Balle hatte ich noch mehr als früher den Eindruck, ich sei der Mittelpunkt, um den sich alles bewegte, als sei dieser große Saal nur meinetwegen erleuchtet, als spiele die Musik nur für mich und als hätten sich alle diese Menschen versammelt, nur um mich zu bewundern. Alle, vom Friseur und der Zofe bis zu den Greisen, die durch den Saal gingen, schienen mir zu sagen und gaben mir zu fühlen, daß sie mich liebten. Das allgemeine Urteil, das sich über mich auf diesem Balle gebildet hatte und das ich von der Kusine zu hören bekam, lautete, daß ich allen anderen Damen gar nicht ähnlich sehe, daß an mir etwas Besonderes, Ländlich-Einfaches und Reizendes sei. Dieser Erfolg schmeichelte mir so sehr, daß ich meinem Mann ganz offenherzig sagte, wie gerne ich in diesem Jahre noch zwei oder drei Bälle besuchen möchte; »um sie ordentlich satt zu bekommen,« fügte ich nicht ganz aufrichtig hinzu.
Mein Mann willigte gerne ein und führte mich in der ersten Zeit mit sichtlichem Vergnügen auf die Bälle, freute sich über meine Erfolge und schien das, was er früher gesagt hatte, ganz vergessen zu haben oder es zu verleugnen.
Mit der Zeit fing er an sich offenbar zu langweilen und das Leben, das wir führten, als eine Last zu empfinden. Aber ich kümmerte mich nicht viel darum; wenn ich zuweilen auch seinen aufmerksamen und ernsten, fragend auf mich gerichteten Blick sah, verstand ich seine Bedeutung nicht. Ich war von diesem Gefühl, das ich so plötzlich in allen Fremden geweckt hatte und das ich für Liebe hielt, von dieser Luft des Luxus, der Vergnügungen und der neuen Eindrücke, die ich hier zum erstenmal atmete, so benebelt, sein mich erdrückender moralischer Einfluß war so spurlos verschwunden, es war mir so angenehm, hier in dieser Welt nicht nur auf der gleichen Stufe mit ihm, sondern sogar über ihm zu stehen und ihn darum noch mehr und selbständiger zu lieben als früher, daß ich unmöglich verstehen konnte, was er in diesem Leben in der großen Welt Unangenehmes für mich erblickte. Ich empfand das mir neue Gefühl des Stolzes und der Genugtuung, wenn bei meinem Erscheinen auf einem Balle alle Blicke sich auf mich richteten, während er, als schämte er sich, dieser Menge zu zeigen, daß er mich besitze, mich eiligst verließ und sich in der schwarzen Schar der Fracks verlor. – Wart' einmal! – sagte ich mir oft, mit den Augen am Ende des Saales seine unauffällige Gestalt mit dem oft gelangweilten Gesicht suchend, – wart' einmal! – sagte ich mir, – wenn wir wieder zu Hause sind, so wirst du auch verstehen, für wen ich so schön und glänzend sein wollte und wen ich von allen, die mich am heutigen Abend umgeben, liebe. – Ich glaubte selbst aufrichtig daran, daß meine Erfolge mich nur darum so freuten, weil ich sie ihm zum Opfer bringen konnte. Das Einzige, was mir in dieser großen Welt gefährlich werden konnte, glaubte ich, sei die Möglichkeit, mich in einen der Männer, die ich da traf, zu vergaffen und in meinem Manne Eifersucht zu wecken; aber er vertraute mir so sehr und schien so ruhig und gleichgültig, und alle diese jungen Männer kamen mir im Vergleich zu ihm so unbedeutend vor, daß diese Gefahr, die ich für die einzige hielt, mich gar nicht erschreckte. Aber die Aufmerksamkeit mancher Menschen in der Gesellschaft gewährte mir dennoch Vergnügen, schmeichelte meinem Ehrgeiz, brachte mich auf den Gedanken, daß meine Liebe zu meinem Manne mir als Verdienst anzurechnen sei und verlieh meinem Benehmen gegen ihn eine gewisse Überlegenheit und sogar Nachlässigkeit.
»Ich habe gesehen, wie lebhaft du dich mit der N. N. unterhalten hast,« sagte ich ihm einmal bei der Rückkehr von einem Ball, ihm mit dem Finger drohend und eine der bekannten Damen der Petersburger Gesellschaft nennend, mit der er an diesem Abend wirklich gesprochen hatte. Ich sagte dies, um ihn etwas aufzurütteln, denn er war besonders schweigsam und langweilig.
»Ach, wie kann man nur so sprechen? Und das sagst du, Mascha!« sprach er durch die Zähne und das Gesicht wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend. »Das steht uns beiden nicht! Überlaß das den anderen; solch ein verlogenes Verhältnis könnte unser wahres Verhältnis zueinander trüben, und ich hoffe doch, daß dieses wahre Verhältnis wiederkehrt.«
Ich schämte mich und schwieg.
»Es kehrt doch wieder, Mascha? Wie glaubst du?« fragte er.
»Es hat sich doch gar nicht getrübt und wird sich nie trüben,« entgegnete ich und glaubte in jenem Augenblick wirklich daran.
»Gott gebe es!« sagte er. »Sonst wäre es Zeit, aufs Land zurückzukehren.«
Das war aber auch das einzige Mal, daß er so zu mir sprach; sonst schien es mir immer, daß er sich ebenso wohl fühlte wie ich, mir war aber so lustig und fröhlich zumute. – Wenn er sich sogar manchmal langweilt, – tröstete ich mich, – so habe ich mich doch seinetwegen genug auf dem Lande gelangweilt; und wenn unser Verhältnis sich auch etwas verändert hat, so wird es doch wiederkehren, sobald wir im Sommer wieder allein mit Tatjana Ssemjonowna in unserem Hause von Nikolskoje sind. –
So verging für mich unmerklich dieser Winter, und wir blieben sogar, entgegen unserer Absicht, auch die Osterwoche in Petersburg. In der Woche nach Ostern, als wir schon reisefertig waren, als alles eingepackt war und mein Mann, der die Geschenke, Blumen und andere Gegenstände für unser Landleben einkaufte, besonders zärtlich und fröhlich gestimmt war, kam zu uns unerwartet die Kusine, um uns zu überreden, bis zum nächsten Sonnabend zu bleiben und noch eine Soiree bei der Gräfin R. mitzumachen. Sie sagte, die Gräfin R. wolle mich unbedingt bei sich sehen und der Prinz M., der sich damals in Petersburg aufhielt, hätte noch auf dem letzten Ball den Wunsch geäußert, mich kennenzulernen; er würde nur deswegen zu der Soiree kommen und hätte gesagt, ich sei die hübscheste Frau in ganz Rußland. Die ganze Stadt werde dabei sein, mit einem Worte, es wäre ganz unerhört, wenn ich nicht käme.
Mein Mann stand am anderen Ende des Wohnzimmers und sprach mit jemand.
»Nun, werden Sie kommen, Marie?« fragte die Kusine.
»Wir wollen übermorgen aufs Land,« antwortete ich unentschlossen und blickte meinen Mann an. Unsere Augen begegneten sich, und er wandte sich schnell weg.
»Ich will ihn überreden, zu bleiben,« sagte die Kusine, »und am Sonnabend gehen wir zur Gräfin, um allen die Köpfe zu verdrehen. Ja?«
»Das würde alle unsere Pläne über den Haufen werfen, und wir haben auch schon gepackt,« antwortete ich, nahe daran, nachzugeben.
»Das beste wäre, sie ginge heute abend selbst zum Prinzen, um ihm ihre Aufwartung zu machen,« sagte mein Mann vom anderen Ende des Zimmers in einem so gereizten Ton, wie ich ihn bei ihm noch nie gehört hatte.
»Ach, er ist eifersüchtig! Das hätte ich doch nicht erwartet!« rief die Kusine lachend. »Ich bitte sie ja nicht des Prinzen wegen, Ssergej Michailytsch, sondern weil wir es alle wünschen. Wie flehentlich hat mich doch die Gräfin R. darum gebeten!«
»Das hängt von ihr ab,« entgegnete mein Mann kühl und verließ das Zimmer.
Ich sah, daß er erregter war als sonst; dies quälte mich, und ich versprach der Kusine nichts. Als sie fort war, ging ich sofort zu meinem Mann. Er ging nachdenklich auf und ab und sah und hörte nicht, wie ich auf den Zehen zu ihm ins Zimmer trat.
– Er denkt schon an sein liebes Haus zu Nikolskoje, – sagte ich mir, ihn anblickend, – an den Morgenkaffee im hellen Wohnzimmer, an seine Felder und Bauern, an die Abende im Diwanzimmer und an unsere geheimen nächtlichen Mahlzeiten. Nein! – sagte ich mir sehr entschieden, – alle Bälle auf der Welt und die Schmeicheleien aller Prinzen gebe ich gerne für seine freudige Verlegenheit und seine stillen Liebkosungen hin! – Ich wollte ihm schon sagen, daß ich zu der Soiree nicht gehen würde, als er sich plötzlich umwandte, mich bemerkte und der sanfte und nachdenkliche Ausdruck aus seinem Gesicht verschwand. Sein Blick drückte wieder Klugheit, Weisheit und eine gönnerhafte Ruhe aus. Er wollte nicht, daß ich ihn als einen gewöhnlichen Menschen sähe: er mußte unbedingt als Halbgott auf einem Piedestal vor mir stehen.
»Was hast du, liebes Kind?« fragte er, sich gleichgültig und ruhig an mich wendend.
Ich antwortete nicht. Mich verdroß es, daß er sich vor mir verstellte und nicht so bleiben wollte, wie ich ihn liebte.
»Willst du also am Sonnabend zu der Soiree?« fragte er.
»Ich wollte es,« antwortete ich, »aber du hast keine Lust. Auch ist ja schon alles gepackt,« fügte ich hinzu.
Noch nie hatte er mich so kalt angesehen, noch niemals so kalt mit mir gesprochen.
»Ich reise nicht vor Dienstag ab und werde die Sachen wieder auspacken lassen,« sagte er. »Darum kannst du auch die Soiree mitmachen, wenn du Lust hast. Geh bitte hin. Ich reise nicht ab.«
Wie immer, wenn er aufgeregt war, ging er mit ungleichen Schritten auf und ab und sah mich nicht an.
»Ich kann dich unmöglich verstehen,« sagte ich, ohne mich ihm zu nähern und ihn mit den Augen verfolgend. »Du sagst, daß du immer so ruhig seist (er hatte das niemals gesagt), warum sprichst du dann so merkwürdig mit mir? Ich bin bereit, dir dieses Vergnügen zu opfern, du aber verlangst von mir mit einer Ironie, mit der du zu mir noch niemals gesprochen hast, daß ich zu der Soiree gehe.«
»Nun, du bringst ein Opfer (er betonte dieses Wort ganz besonders), auch ich bringe ein Opfer; was kann man sich besseres wünschen? Es ist ein Wettstreit der Großmut. Kann man sich denn ein schöneres Familienglück denken?«
Ich hörte von ihm zum erstenmal so erbitterte und höhnische Worte. Sein Hohn beschämte mich nicht, sondern verletzte mich, und seine Erbitterung erschreckte mich nicht, sondern teilte sich auch mir mit. Kamen diese Worte wirklich von ihm, der sonst in unserem Verhältnis jede Phrase mied und immer so aufrichtig und einfach war? Womit hatte ich das verdient? Damit, daß ich ihm wirklich mein Vergnügen opfern wollte, in dem ich nichts Schlimmes erblicken konnte, und daß ich ihn erst vor einer Minute so gut verstanden und geliebt hatte! Wir hatten die Rollen getauscht: er vermied die einfachen und direkten Worte, während ich sie suchte.
»Du hast dich sehr verändert,« sagte ich seufzend. »Was habe ich gegen dich verbrochen? Es ist nicht der Abend bei der Gräfin, es ist etwas anderes, Altes, was du gegen mich im Herzen hast. Warum diese Unaufrichtigkeit? Hast du sie denn bisher nicht selbst immer gefürchtet? Sag mir ganz offen, was du gegen mich hast!« – Was wird er mir wohl sagen? – dachte ich mir, von der angenehmen Gewißheit erfüllt, daß ich mir im Laufe des ganzen Winters nichts zuschulden kommen ließ, was er mir vorzuwerfen hätte.
Ich trat in die Mitte des Zimmers, so daß er ganz nahe an mir vorübergehen mußte und sah ihn an. – Er wird auf mich zugehen, mich umarmen und damit wird alles enden, – ging es mir durch den Kopf, und es tat mir sogar leid, daß ich nicht dazu kommen würde, ihm zu beweisen, daß er im Unrecht sei. Aber er blieb am Ende des Zimmers stehen und sah mich an.
»Verstehst du noch immer nichts?« fragte er.
»Nein.«
»Dann will ich es dir sagen. Es ist mir ekelhaft, es ist mir zum erstenmal ekelhaft, was ich empfinde und was ich empfinden muß …« Er blieb stehen, sichtlich vom rauhen Ton seiner eigenen Stimme erschreckt.
»Was ist es denn?« fragte ich mit Tränen der Entrüstung in den Augen.
»Es ist ekelhaft, daß der Prinz dich hübsch findet, und daß du ihm darum nachlaufen willst, darüber deinen Mann, dich selbst und die weibliche Würde vergißt und nicht begreifen willst, was dein Mann an deiner Statt empfinden muß, wenn dir selbst das Gefühl der Würde abgeht; im Gegenteil, du kommst zu deinem Mann und sagst ihm, daß du ein Opfer bringst, d. h.: ›es ist für mich ein großes Glück, mich seiner Hoheit zu zeigen, aber ich bringe dieses Glück zum Opfer.‹«
Je länger er sprach, um so mehr geriet er in Feuer, und seine Stimme klang giftig, grausam und roh. Niemals hatte ich ihn so gesehen und von ihm so etwas auch nie erwartet; das ganze Blut schoß mir ins Herz, ich fürchtete mich, aber zugleich erregte mich das Gefühl einer unverdienten Beschämung und einer verletzten Eigenliebe, und ich fühlte den Wunsch, mich an ihm zu rächen.
»Ich habe das schon längst erwartet,« sagte ich, »sprich nur, sprich.«
»Ich weiß nicht, was du erwartet hast,« fuhr er fort, »aber ich konnte das Schlimmste erwarten, da ich dich täglich in diesem Schmutz, im Müßiggange und Luxus dieser dummen Gesellschaft sah; und ich habe es auch erlebt … Ich hab' es erlebt, daß ich heute Scham und Schmerz empfinde wie niemals; es war mir schmerzvoll genug, als deine Freundin mit ihren schmutzigen Händen in mein Herz griff und von meiner Eifersucht zu sprechen begann; und von was für einer Eifersucht? – auf einen Menschen, den keiner von uns, weder du noch ich, kennt. Du aber willst mich wie zu Trotz nicht verstehen, du willst mir etwas zum Opfer bringen, – doch was? … Ich muß mich für dich, für deine Erniedrigung schämen! … Ein Opfer!« wiederholte er.
– Ach, so ist also die Gewalt des Mannes, – dachte ich mir: – Eine Frau zu beleidigen und zu demütigen, die nichts verbrochen hat. Das sind also die Rechte des Mannes, aber ich werde mich ihnen nicht fügen. –
»Nein, ich will dir nichts zum Opfer bringen,« sagte ich und fühlte, wie meine Nüstern sich unnatürlich erweiterten und wie mir das Blut aus dem Gesicht strömte. »Ich werde am Sonnabend zu der Soiree gehen, werde unbedingt hingehen.«
»Gott gebe dir viel Vergnügen, aber zwischen uns ist alles aus!« rief er in einem Anfalle von Raserei, die er nicht mehr beherrschen konnte. »Aber du wirst mich nicht länger quälen. Ich war dumm, daß ich …« begann er wieder, aber seine Lippen zitterten, und er nahm sich mit sichtlicher Anstrengung zusammen, um den angefangenen Satz nicht zu Ende zu sprechen.
Ich fürchtete und haßte ihn in diesem Augenblick. Ich wollte ihm vieles sagen und mich für alle die Beleidigungen rächen; hätte ich aber nur den Mund aufgemacht, so wäre ich in Tränen ausgebrochen und hätte mich vor ihm erniedrigt. Ich verließ schweigend das Zimmer. Als ich aber seine Schritte nicht mehr hörte, entsetzte ich mich vor dem, was wir getan hatten. Ich entsetzte mich vor dem Gedanken, daß dieses Band, das mein Glück ausgemacht hatte, für immer zerreißen würde, und ich wollte schon zu ihm zurückkehren. – Hat er sich aber auch genügend beruhigt, um mich zu verstehen, wenn ich ihm schweigend die Hand reiche und ihn anblicke? – fragte ich mich. – Wird er meine Großmut begreifen? Wie, wenn er meinen Schmerz für Heuchelei hält? Oder wenn er meine Reue mit dem Bewußtsein seines Rechts und mit stolzer Ruhe hinnimmt und mir verzeiht? Warum, warum hat er, den ich so sehr liebte, mich so grausam beleidigt? –
Ich ging nicht zu ihm, sondern in mein Zimmer, wo ich lange allein saß und weinte, mich mit Grauen jedes Wortes, das zwischen uns gefallen war, erinnernd, diese Worte mit anderen vertauschend und andere, gute Worte hinzufügend, dann wieder mit Entsetzen und einem Gefühl der Kränkung des Vorgefallenen gedenkend. Als ich am Abend am Teetisch erschien und in Gegenwart von S., der bei uns zu Besuch war, meinen Mann traf, fühlte ich, daß an diesem Tage sich ein ganzer Abgrund zwischen uns aufgetan hatte. S. fragte mich, wann wir abreisten. Ich kam nicht dazu, ihm zu antworten.
»Am Dienstag,« antwortete mein Mann. »Wir wollen noch die Soiree bei der Gräfin R. mitmachen. Du gehst doch hin?« wandte er sich an mich.
Ich erschrak über den einfachen Ton seiner Stimme und sah ihn ängstlich an. Seine Augen waren gerade auf mich gerichtet, der Blick war boshaft und spöttisch, seine Stimme klang gemessen und kalt.
»Ja,« antwortete ich.
Am Abend, als wir allein geblieben waren, ging er auf mich zu und reichte mir die Hand.
»Vergiß bitte, was ich dir gesagt habe,« sagte er.
Ich ergriff seine Hand, ein zitterndes Lächeln erschien auf meinem Gesicht, die Tränen wollten mir schon aus den Augen stürzen, aber er zog seine Hand zurück und setzte sich in einen Sessel ziemlich weit von mir, als fürchtete er eine empfindsame Szene. – Glaubt er denn wirklich, daß er im Rechte sei? – dachte ich mir, und die schon fertige Erklärung und die Bitte, nicht zur Soiree zu gehen, erstarben mir auf den Lippen.
»Wir müssen Mama schreiben, daß wir die Abreise aufgeschoben haben,« sagte er, »sonst wird sie unruhig werden.«
»Wann gedenkst du denn zu reisen?« fragte ich.
»Am Dienstag nach der Soiree,« antwortete er.
»Ich hoffe, daß es nicht meinetwegen geschieht,« sagte ich, ihm in die Augen blickend, aber seine Augen sahen mich nur an und sagten nichts, als wären sie verschleiert. Sein Gesicht kam mir plötzlich alt und unangenehm vor.
Wir gingen zu der Soiree, und zwischen uns stellte sich äußerlich wieder ein gutes und freundschaftliches Verhältnis ein; aber dieses Verhältnis war ganz anders als das frühere.
Auf der Soiree saß ich unter den Damen, als der Prinz auf mich zuging, so daß ich aufstehen mußte, um mit ihm zu sprechen. Als ich aufstand, suchte ich unwillkürlich mit den Augen meinen Mann und sah, daß er mich vom anderen Ende des Saales beobachtete und sich plötzlich wegwandte. Ich empfand plötzlich solchen Schmerz und solche Scham, daß ich unter den Augen des Prinzen furchtbar verlegen wurde und über das Gesicht bis zum Hals hinunter errötete. Ich mußte aber stehen und anhören, was er sagte, indem er mich von oben herab betrachtete. Unser Gespräch war nur kurz, es gab neben mir keinen Platz, wo er sich hinsetzen konnte, und er merkte wohl auch, daß ich mich unbehaglich fühlte. Wir sprachen vom letzten Ball, wo ich den Sommer zuzubringen pflege usw. Als er mich verließ, äußerte er den Wunsch, auch meinen Mann kennenzulernen, und ich sah, wie sie sich am anderen Ende des Saales trafen und ins Gespräch kamen. Der Prinz sagte wohl etwas von mir, da er sich mitten im Gespräch lächelnd nach mir umwandte.
Mein Mann wurde plötzlich rot, machte eine tiefe Verbeugung und ließ den Prinzen stehen. Auch ich errötete: ich mußte mich schämen, als ich mir dachte, welche Vorstellung der Prinz wohl von mir und besonders von meinem Manne gewonnen haben müßte. Mir kam vor, als hätten alle bemerkt, wie verlegen ich war, als ich mit dem Prinzen sprach, als sei allen auch das sonderbare Benehmen meines Mannes aufgefallen; Gott weiß, wie sie es sich wohl erklären mögen; wissen sie vielleicht etwas vom Gespräch, das ich mit ihm gehabt habe? Die Kusine brachte mich nach Hause, und unterwegs kamen wir auch auf meinen Mann zu sprechen. Ich konnte mich nicht beherrschen und erzählte ihr alles, was zwischen uns anläßlich dieser unglückseligen Soiree vorgefallen war. Sie beruhigte mich und sagte, daß es ein ganz bedeutungsloses, durchaus gewöhnliches Zerwürfnis sei, das keinerlei Folgen haben werde; sie äußerte sich auch von ihrem Standpunkte aus über den Charakter meines Mannes und meinte, daß er verschlossen und stolz geworden sei; ich stimmte ihr bei, und es war mir, als finge ich jetzt an, ihn ruhiger und besser zu beurteilen.
Aber später, als ich wieder allein mit meinem Manne war, lastete dieses Urteil über ihn wie ein Verbrechen auf meinem Gewissen, und ich fühlte, daß der uns trennende Abgrund noch größer geworden war.
III
Von diesem Tage an trat in unserem Leben und in unserem Verhältnis eine tiefe Veränderung ein. Wir fühlten uns, wenn wir allein waren, nicht mehr so wohl wie einst. Es gab Fragen, die wir umgingen, und in Gegenwart eines Dritten war es uns viel leichter zu sprechen als unter vier Augen. Wenn bloß die Rede auf das Landleben oder auf einen Ball kam, fing es uns vor den Augen zu flimmern an, und wir schämten uns, uns anzusehen. Als fühlten wir beide, wo der Abgrund lag, der uns trennte, und als mieden wir, ihm nahe zu kommen. Ich war überzeugt, daß er stolz und aufbrausend sei, und daß ich ihn vorsichtiger behandeln müsse, um nicht seine schwachen Seiten zu verletzen. Er aber war überzeugt, daß ich ohne die große Welt nicht leben könne, daß das Leben auf dem Lande mir nicht passe, und daß er sich meinem unglücklichen Geschmack fügen müsse. Wir vermieden beide jedes direkte Gespräch über diese Gegenstände und beurteilten darum einander falsch. Wir hatten schon lange aufgehört, einander für die vollkommensten Menschen auf Erden zu halten; wir stellten vielmehr Vergleiche mit anderen an und übten aneinander heimlich Kritik. Vor der Abreise erkrankte ich, und wir zogen statt aufs Land in eine Sommerfrische in der Nähe der Stadt, von wo mein Mann allein zu seiner Mutter reiste. Als er abreiste, war ich schon so weit hergestellt, daß ich mit ihm hätte mitkommen können, aber er bat mich, noch zu bleiben, als fürchtete er für meine Gesundheit. Ich fühlte, daß ihm nicht meine Gesundheit Sorgen machte, sondern der Gedanke, daß wir uns auf dem Lande zusammen nicht wohl fühlen würden; ich widersprach ihm nicht viel und blieb. Ohne ihn kam mir alles so leer und öde vor, als er aber wiederkam, merkte ich, daß er meinem Leben nicht mehr das zu verleihen vermochte, was er ihm früher verliehen hatte. Unsere früheren Beziehungen, wo jeder Gedanke, jede Empfindung, die ich ihm nicht mitteilte, auf mir wie ein Verbrechen lasteten, wo jede Handlung und jedes Wort von ihm mir als der Gipfel der Vollkommenheit erschienen, wo wir immer vor Freude lachen wollten, wenn wir uns bloß ansahen, – dieses Verhältnis war unmerklich zu einem anderen geworden und verschwunden, ehe wir uns dessen versahen. Ein jeder von uns hatte jetzt seine eigenen Interessen und Sorgen, die er gar nicht zu gemeinsamen zu machen suchte. Es bedrückte uns sogar nicht mehr, daß jeder von uns seine eigene, für den anderen fremde Welt hatte. Wir hatten uns an diesen Gedanken gewöhnt, und nach einem Jahre hörte es schon sogar in unseren Augen zu flimmern auf, wenn wir einander ansahen. Seine früheren Anfälle plötzlicher Lustigkeit waren dahin, ebenso sein kindliches Wesen, seine Allverzeihung und Gleichgültigkeit gegen alles, die mich früher so empört hatten; vorbei war es mit seinem tiefen Blick, der mich früher so verwirrte und erfreute, vorbei mit den gemeinsamen Gebeten und Ekstasen; wir sahen uns sogar recht selten, denn er war immer auf Reisen, und es tat ihm weder leid, noch ängstigte er sich, mich allein zu lassen; ich aber war immer in der großen Welt, wo ich ihn nicht brauchte.
Szenen und Zerwürfnisse kamen zwischen uns nicht mehr vor; ich bemühte mich, ihm gefällig zu sein, er erfüllte alle meine Wünsche, und es sah so aus, als ob wir einander noch liebten.
Wenn wir allein blieben, was nur selten vorkam, empfand ich in seiner Gegenwart weder Freude, noch Aufregung oder Verwirrung, ganz als wäre ich allein mit mir selbst. Ich wußte sehr gut, daß er mein Mann war, nicht irgendein neuer, unbekannter Fremder, sondern ein guter Mensch, mein Mann, den ich so gut kannte, wie mich selbst. Ich war überzeugt, daß ich alles wisse, was er tun und was er sagen, und wie er dies oder jenes ansehen würde, und wenn er etwas anders tat oder ansah, als ich erwartete, so glaubte ich, er habe sich geirrt. Ich erwartete von ihm nichts. Mit einem Worte, er war mein Mann und sonst nichts. Mir schien, als müsse es so sein, als gäbe es kein anderes Verhältnis, als hätte es unter uns sogar nie ein anderes Verhältnis gegeben. Wenn er verreiste, fühlte ich mich, besonders in der ersten Zeit, einsam; in seiner Abwesenheit empfand ich stärker, welche Stütze ich in ihm hatte; wenn er zurückkehrte, fiel ich ihm vor Freude um den Hals, obwohl ich schon nach zwei Stunden diese Freude vergaß und nicht mehr wußte, über was mit ihm zu sprechen. Nur in den Augenblicken der stillen, gemäßigten Zärtlichkeit, die es zwischen uns manchmal gab, kam es mir vor, als sei es nicht das Richtige, als hätte ich im Herzen ein Weh, und ich glaubte auch in seinen Augen dasselbe zu lesen. Ich sah vor mir jene Grenze der Zärtlichkeit, die zu überschreiten er nicht den Willen und ich nicht die Kraft hatte. Manchmal stimmte mich das traurig, aber ich hatte keine Zeit, mich irgendwelchen Betrachtungen hinzugeben, und ich bemühte mich, diese Trauer über die Änderung, die ich dunkel empfand, in den Zerstreuungen zu vergessen, die mir immer zur Verfügung standen. Das Leben in der großen Welt, das mich anfangs mit seinem Glanze benebelt und meinem Ehrgeiz geschmeichelt hatte, bemächtigte sich bald aller meiner Neigungen, wurde mir zur Gewohnheit, schlug mich in Fesseln und nahm in meiner Seele den ganzen Platz ein, der für die Gefühle bereitet war. Ich blieb jetzt niemals allein mit mir selbst und scheute es, über meine Lage zu grübeln. Die ganze Zeit vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein war besetzt und gehörte nicht mir, selbst wenn ich nicht ausging. Das war mir jetzt weder lustig noch langweilig, sondern ich hatte das Gefühl, als müsse es immer so und nicht anders sein.
So vergingen drei Jahre, und während dieser Jahre blieben unsere Beziehungen dieselben; sie waren gleichsam stehengeblieben, erstarrt und konnten weder schlechter noch besser werden. Im Laufe dieser drei Jahre gab es zwei wichtige Ereignisse in unserem Familienleben, doch keines von den beiden vermochte mein Leben irgendwie zu ändern. Es waren dies die Geburt meines ersten Kindes und der Tod Tatjana Ssemjonownas. Das Muttergefühl hatte mich in der ersten Zeit so mächtig ergriffen und ein so unerwartetes Entzücken in mir geweckt, daß ich schon glaubte, nun beginne für mich ein neues Leben; aber nach zwei Monaten, als ich wieder in den Strudel der großen Welt kam, fing dieses Gefühl an, beständig abzunehmen und wurde schließlich zu einer Gewohnheit und kalten Pflichterfüllung. Mein Mann dagegen war nach der Geburt unseres ersten Sohnes wieder der frühere sanfte und ruhige Stubenhocker geworden und hatte seine ganze Zärtlichkeit und Lustigkeit auf das Kind übertragen. Oft, wenn ich im Ballkleide ins Kinderzimmer kam, um es zum Abschied zu bekreuzigen, und dort meinen Mann traf, fühlte ich seinen vorwurfsvollen und durchdringenden Blick auf mir ruhen, und ich mußte mich schämen. Ich erschrak plötzlich über meine Gleichgültigkeit gegen das Kind und fragte mich, ob ich denn schlechter sei als die anderen Frauen. – Was soll ich machen? – dachte ich mir: – Ich liebe meinen Sohn, aber ich kann doch nicht tagelang bei ihm sitzen, das ist mir langweilig; heucheln werde ich aber um nichts in der Welt. – Der Tod seiner Mutter war für ihn ein harter Schlag; es war ihm schwer, wie er sagte, nach ihrem Tode in Nikolskoje zu wohnen; obwohl ich sie auch betrauerte und meinem Mann mitfühlte, hätte ich doch das Landleben vorgezogen, das mir angenehmer und ruhiger erschien. Diese ganzen drei Jahre hatten wir zum größten Teil in der Stadt verlebt, aufs Land kam ich nur einmal für zwei Monate, und im dritten Jahre reisten wir ins Ausland.
Wir verbrachten den Sommer in einem Badeorte.
Ich war damals erst einundzwanzig Jahre alt; unsere Vermögensverhältnisse waren, wie ich glaubte, im glänzendsten Zustande; vom Familienleben verlangte ich nicht mehr, als es mir gab; alle, die ich kannte, schienen mich zu lieben; mein Gesundheitszustand war gut; meine Toiletten waren die schönsten im ganzen Badeorte; ich wußte, daß ich schön war; das Wetter war herrlich; eine eigentümliche Atmosphäre von Schönheit und Eleganz umgab mich, und es war mir sehr lustig zumute. Aber ich war doch nicht so lustig, wie ich es in Nikolskoje gewesen, als ich fühlte, daß ich in mir selbst glücklich sei, glücklich, weil ich dieses Glück verdient habe, daß mein Glück wohl groß sei, es aber irgendwo auch noch ein größeres Glück geben müsse, und daß ich immer mehr und mehr von diesem Glück wolle. Damals war es ganz anders gewesen; aber auch in diesem Sommer fühlte ich mich wohl. Ich wünschte nichts, ich hoffte auf nichts, ich befürchtete nichts, mein Leben erschien mir ganz ausgefüllt, und mein Gewissen war ruhig. Unter allen jungen Männern jener Saison gab es nicht einen einzigen, den ich irgendwie vor den anderen bevorzugte, – nicht mal vor dem alten Fürsten K., unserem Gesandten, der mir den Hof machte. Der eine war jung, der andere alt, der eine ein blonder Engländer, der andere ein Franzose mit einem Spitzbart; sie erschienen mir alle gleich, doch alle waren mir unentbehrlich. Es waren lauter gleichgültige Menschen, die die freudige Lebensatmosphäre bildeten, die mich umgab. Nur einer unter ihnen, der italienische Marchese D., hatte durch die kühne Art, sein Entzücken über mich zu äußern, mehr als die anderen meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um mit mir zusammen zu sein, zu tanzen, auszureiten, mich im Kasino usw. zu treffen und mir zu sagen, daß ich schön sei. Einigemal sah ich ihn durchs Fenster in der Nähe unseres Hauses stehen, und oft hatte der unangenehme durchdringende Blick seiner glänzenden Augen mich erröten gemacht und genötigt, mich umzuwenden. Er war jung, hübsch, elegant und hatte, vor allen Dingen, in seinem Lächeln und im Ausdruck seiner Stirne eine Ähnlichkeit mit meinem Manne, obwohl er viel hübscher war als dieser. Die Ähnlichkeit frappierte mich, obwohl er im allgemeinen, in den Augen, im Blick, im langen Kinn, statt des reizenden Ausdruckes der Güte und der idealen Ruhe meines Mannes, etwas Rohes und Tierisches hatte. Ich glaubte damals, daß er mich leidenschaftlich liebe und dachte daran mit stolzem Mitleid. Manchmal kam mir der Wunsch, ihn zu beruhigen und auf den Ton einer halbfreundschaftlichen stillen Vertrautheit zu stimmen, er wies aber alle solche Versuche schroff zurück und fuhr fort, mich auf die unangenehmste Weise mit seiner noch unausgesprochenen, aber jeden Augenblick zur Entladung kommen wollenden Leidenschaft in Verlegenheit zu bringen. Obwohl ich es mir auch nicht eingestand, fürchtete ich doch diesen Menschen und dachte oft unwillkürlich an ihn. Mein Mann kannte ihn und begegnete ihm noch kühler und hochmütiger als unseren anderen Bekannten, für die er bloß der Mann seiner Frau war. Gegen Ende der Saison wurde ich krank und hütete vierzehn Tage lang das Zimmer. Als ich zum erstenmal nach meiner Krankheit abends zur Kurmusik kam, erfuhr ich, daß währenddessen die längst erwartete und wegen ihrer Schönheit bekannte Lady S. angekommen sei. Um mich bildete sich ein Kreis, man empfing mich mit großer Freude, aber ein noch schönerer Kreis hatte sich um die neuangekommene Salonlöwin gebildet. Alle um mich herum sprachen nur von ihrer Schönheit. Man zeigte sie mir; sie war tatsächlich schön, aber ihr selbstbewußter Ausdruck war mir unangenehm, und ich sprach es auch aus. An diesem Tage langweilte mich alles, was mir früher lustig vorkam. Am nächsten Tage veranstaltete Lady S. einen Ausflug zur Burg, an dem ich mich nicht beteiligte. Bei mir blieb fast niemand, und alles hatte sich in meinen Augen verändert. Alle kamen mir auf einmal so dumm und langweilig vor, ich weinte beinahe, ich wollte meine Kur so schnell als möglich beenden und nach Rußland zurückkehren. In meinem Herzen regte sich irgendein häßliches Gefühl, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. Unter dem Vorwande, daß ich zu schwach sei, hörte ich auf, mich in der großen Gesellschaft zu zeigen und kam nur manchmal des Morgens ganz allein zum Brunnen oder machte mit meiner russischen Bekannten L. M. Ausflüge in die Umgegend. Mein Mann war während dieser Zeit abwesend: er war für einige Tage nach Heidelberg gefahren, um dort das Ende meiner Kur abzuwarten und dann zusammen mit mir nach Rußland zurückzukehren, und besuchte mich nur ab und zu.
Eines Tages hatte Lady S. die ganze Gesellschaft zu einer Jagd mitgenommen, während ich mit L. M. am Nachmittag zur Burg hinausfuhr. Als unsere Equipage im Schritt die vielgewundene Chaussee zwischen den hundertjährigen Kastanien hinauffuhr, durch die man die von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete liebliche Umgebung von Baden-Baden sehen konnte, kam es zwischen uns zu einem so ernsten Gespräch, wie wir es noch nie geführt hatten. L. M., die ich schon seit langem kannte, erschien mir zum erstenmal als eine kluge und gute Frau, mit der man über alles sprechen konnte und deren Freundschaft angenehm war. Wir sprachen von unseren Familien und Kindern, von der Leere des hiesigen Lebens, wir sehnten uns nach Rußland und dem Leben auf dem Gute zurück, und es wurde uns plötzlich so schwermütig und wohl ums Herz. Wir betraten die Burg unter dem Einflusse des gleichen ernsten Gefühls. In ihren Mauern war es schattig und kühl, oben auf den Ruinen spielte die Sonne und ließen sich Schritte und Stimmen vernehmen. Durch die Türe zeigte sich uns wie in einem Rahmen das reizende, aber für uns Russen so kalte Bild der Landschaft von Baden-Baden. Wir setzten uns hin, um auszuruhen, und blickten schweigend auf die untergehende Sonne. Die Stimmen erklangen deutlicher, und es war mir, als hörte ich meinen Namen. Ich lauschte und hörte unwillkürlich jedes Wort. Die Stimmen waren mir bekannt: es waren der Marchese D. und sein Freund, ein Franzose, den ich ebenfalls kannte. Sie sprachen von mir und von der Lady S. Der Franzose verglich mich mit ihr und kritisierte meine und ihre Schönheit. Er sagte zwar nichts Beleidigendes, aber mir strömte das ganze Blut zum Herzen, als ich seine Worte hörte. Er erklärte sehr ausführlich, was an mir und was an Lady S. schön sei. Ich hätte schon ein Kind, aber Lady S. sei erst neunzehn Jahre alt; mein Haar sei schöner, dafür habe Lady S. eine schlankere Taille; die Lady sei eine große Dame, »während Ihre Passion,« sagte er, »nur eine von den kleinen russischen Fürstinnen ist, die in der letzten Zeit so oft hier erscheinen.« Er schloß damit, daß ich sehr gut daran tue, mich mit der Lady S. nicht zu messen, und daß ich nun in Baden-Baden endgültig erledigt sei.
»Sie tut mir leid.«
»Wenn es ihr nur nicht einfällt, sich mit Ihnen zu trösten,« fügte er mit einem lustigen und harten Lachen hinzu.
»Wenn sie verreist, folge ich ihr,« sagte roh die andere Stimme mit italienischem Akzent.
»Der glückliche Sterbliche! Er kann noch lieben!« lachte der Franzose.
»Lieben!« antwortete die andere Stimme und fuhr nach einigem Schweigen fort: »Ich kann nicht anders, ohne Liebe gibt es kein Leben. Aus seinem Leben einen Roman machen, ist das einzig Schöne. Mein Roman bleibt aber niemals in der Mitte stecken, und ich werde auch diesen zu Ende führen.«
»Bonne chance, mon ami,« sagte der Franzose.
Das Weitere hörten wir nicht, denn sie waren um eine Ecke gebogen, und ihre Stimmen erklangen von der anderen Seite. Sie gingen die Treppe hinunter, kamen nach einigen Minuten aus einer Seitentür und waren sehr erstaunt, uns hier zu treffen. Ich errötete, als der Marchese D. sich mir näherte, und erschrak, als er beim Verlassen der Burg mir den Arm bot. Ich konnte nicht ablehnen, und so begaben wir uns hinter L. M., die mit seinem Freunde vorausging, zu unserem Wagen. Die Worte des Franzosen hatten mich beleidigt, obwohl er nur das, was ich selbst fühlte, ausgesprochen hatte; aber die Worte des Marchese hatten mich durch ihre Rohheit in Erstaunen gesetzt und empört. Mich peinigte der Gedanke, daß er, obwohl ich seine Worte gehört hatte, keine Scheu vor mir empfand. Es war mir ekelhaft, ihn so nahe neben mir zu fühlen, und ich ging, ohne ihn anzusehen und ohne auf seine Worte zu antworten, schnell hinter L. M. und dem Franzosen her und bemühte mich, meinen Arm so zu halten, daß ich seine Worte nicht hören konnte. Der Marchese sagte etwas über die schöne Aussicht, über das unerwartete Glück, mich hier getroffen zu haben, und noch etwas, aber ich hörte ihm nicht zu. Ich dachte die ganze Zeit an meinen Mann, an meinen Sohn, an Rußland; ich empfand Scham, etwas tat mir leid, ich wünschte etwas und wollte so schnell als möglich nach Hause, nach meinem einsamen Zimmer im Hôtel de Bade, um ungestört über alles nachzudenken, was in meiner Seele aufgewühlt worden war. Aber L. M. ging langsam, zum Wagen war es noch weit, und mein Kavalier verlangsamte, wie mir schien, hartnäckig seine Schritte, als versuchte er mich zurückzuhalten. – Das darf nicht sein! – sagte ich mir und beschleunigte energisch meine Schritte. Aber er hielt mich tatsächlich zurück und drückte sogar meinen Arm. L. M. verschwand hinter einer Biegung des Weges, und wir blieben ganz allein. Mich überkam ein Schreck.
»Entschuldigen Sie,« sagte ich kühl und versuchte meinen Arm zu befreien, aber mein Spitzenärmel blieb an einem seiner Knöpfe hängen. Er beugte sich mit der Brust nach vorn und begann den Ärmel freizumachen, und die Finger seiner bloßen Hand berührten die meine. Ein eigentümliches, mir ganz neues Gefühl, in dem sich ein Grauen und eine Wonne vermischten, überlief mir kalt den Rücken. Ich sah ihn an, um durch einen kalten Blick die ganze Verachtung auszusprechen, die ich gegen ihn empfand; aber mein Blick drückte etwas ganz anderes aus: Furcht und Erregung. Seine brennenden, feuchten Augen, die so nahe an meinem Gesicht waren, sahen so eigentümlich auf mich, auf meinen Hals, auf meine Brust; seine beiden Hände betasteten meine Hand über dem Gelenk, seine offenen Lippen sprachen etwas, sie sagten, daß er mich liebe, daß ich für ihn alles sei; und diese Lippen kamen immer näher, und seine Hände drückten immer fester die meinen zusammen und versengten mich. Ein Feuer lief durch alle meine Adern, es wurde mir finster vor den Augen, ich zitterte, und die Worte, mit denen ich ihn zurückhalten wollte, blieben mir in der Kehle stecken. Plötzlich fühlte ich einen Kuß auf meiner Wange, ich blieb, am ganzen Leibe zitternd und erkaltend, stehen und sah ihn an. Außerstande, zu sprechen oder mich zu rühren, erwartete ich voller Schrecken etwas und verlangte zugleich danach. Das alles dauerte nur einen Augenblick. Aber dieser Augenblick war entsetzlich! Ich hatte ihn während dieses Augenblicks so genau gesehen. So verständlich war mir sein Gesicht: diese niedrige, steile Stirne, die der Stirne meines Mannes so ähnlich war, diese schöne, gerade Nase mit den geblähten Nüstern, dieser lange, steif gewichste Schnurr- und Kinnbart, diese glatt rasierten Wangen und der gebräunte Hals. Ich haßte ihn, ich fürchtete ihn: so fremd war er mir; aber in diesem Augenblick weckten in mir die Aufregung und die Leidenschaft dieses verhaßten, fremden Mannes einen so mächtigen Widerhall, ich fühlte ein so unüberwindliches Verlangen, mich den Küssen dieses rohen und schönen Mundes und den Umschlingungen dieser weißen Hände mit den feinen Adern und den ringgeschmückten Fingern hinzugeben, mich kopfüber in den lockenden Abgrund verbotener Wonnen, der sich plötzlich vor mir auftat, zu stürzen! …
– Ich bin so unglücklich, – dachte ich –, möge sich noch mehr Unglück über meinem Kopfe häufen. –
Er umschlang mich mit dem einen Arm und beugte sich über mein Gesicht. – Möge sich noch mehr Schande und Sünde über meinem Kopfe sammeln! –
»Je vous aime,« flüsterte er mit einer Stimme, die so sehr an die meines Mannes erinnerte. Ich dachte an meinen Mann und an mein Kind wie an längst entschwundene teure Wesen, mit denen mich nichts mehr verband. Aber plötzlich erklang hinter der Biegung die Stimme der L. M., die mich rief. Ich kam zur Besinnung, entriß ihm meine Hand und lief fast, ohne ihn anzusehen, zu L. M. Wir stiegen in den Wagen, und erst jetzt sah ich ihn an. Er nahm den Hut ab und sagte lächelnd etwas. Er begriff wohl nicht den unsagbaren Ekel, den ich in diesem Augenblick gegen ihn empfand.
Mein Leben erschien mir so unglücklich, meine Zukunft so hoffnungslos, die Vergangenheit so schwarz! L. M. sprach etwas zu mir, aber ich verstand ihre Worte nicht. Es war mir, als spräche sie mit mir nur aus Mitleid, um die Verachtung zu verbergen, die ich in ihr weckte. In jedem ihrer Worte, in jedem ihrer Blicke glaubte ich diese Verachtung, dieses verletzende Mitleid zu fühlen. Der Kuß brannte mir wie ein Schandmal auf der Wange, und der Gedanke an meinen Mann und an mein Kind war mir unerträglich. Ich hoffte allein in meinem Zimmer über meine Lage nachdenken zu können, aber es war mir so schrecklich, allein zu sein. Ich trank den Tee, den man mir gebracht hatte, nicht aus und machte mich mit fieberhafter Hast bereit, ohne zu wissen, warum, mit dem Abendzug zu meinem Mann nach Heidelberg zu fahren.
Als ich mit meiner Zofe im leeren Wagen saß, die Maschine sich in Bewegung setzte und die durch das Fenster hereinwehende frische Luft mir über das Gesicht strich, kam ich allmählich zur Besinnung und fing an, meine Vergangenheit und Zukunft klarer zu sehen. Mein ganzes Eheleben vom Tage unserer Abreise nach Petersburg an erschien mir in einem neuen Lichte und legte sich mir als schwerer Vorwurf aufs Gewissen. Zum erstenmal erinnerte ich mich wieder lebhaft unserer ersten Zeit auf dem Lande, unserer Pläne, und zum erstenmal kam mir die Frage in den Sinn: welches waren seine Freuden während dieser ganzen Zeit? Und ich fühlte mich schuldig gegen ihn. – Warum hat er mich aber nicht zurückgehalten, warum hat er geheuchelt, warum ist er allen Erklärungen aus dem Wege gegangen, warum hat er mich beleidigt? – fragte ich mich. – Warum hat er nicht von der Macht seiner Liebe über mich Gebrauch gemacht? Oder liebt er mich nicht? – Aber so schuldig er auch sein mochte, der Kuß jenes fremden Mannes brannte mir auf der Wange, und ich fühlte ihn. Je mehr ich mich Heidelberg näherte, um so klarer sah ich meinen Mann vor mir, und um so schrecklicher erschien mir die bevorstehende Begegnung. – Ich will ihm alles, alles sagen, ich will alles mit den Tränen der Reue ausweinen, – dachte ich, – und er wird mir verzeihen. – Aber ich wußte selbst nicht, was dieses »alles« war, was ich ihm sagen wollte, und ich glaubte selbst nicht, daß er mir verzeihen würde.
Als ich aber ins Zimmer meines Mannes trat und sein ruhiges, wenn auch erstauntes Gesicht sah, fühlte ich, daß ich ihm nichts zu sagen, nichts zu gestehen und auch nichts abzubitten habe. Der Gram und die Reue mußten unausgesprochen in meiner Seele bleiben.
»Was ist dir eingefallen?« fragte er. »Ich wollte ja selbst morgen zu dir kommen.« Als er aber mein Gesicht aufmerksamer betrachtete, schien er erschrocken. »Was hast du? Was ist mit dir los?« fragte er mich.
»Nichts,« antwortete ich, meine Tränen mit Mühe zurückhaltend. »Ich bin für ganz hergekommen. Fahren wir meinetwegen gleich morgen heim nach Rußland.«
Er sah mich recht lange schweigend und aufmerksam an.
»Erzähle doch, was geschehen ist,« sagte er.
Ich errötete unwillkürlich und schlug die Augen nieder. In seinen Augen flammte ein Ausdruck von Kränkung und Zorn auf. Ich erschrak vor den Gedanken, die ihm kommen konnten, und sagte mit einer Verstellung, die ich von mir selbst nicht erwartet hatte:
»Es ist nichts geschehen, es war mir nur so langweilig und traurig allein zu sein, und ich dachte viel an unser Leben und an dich. Ich fühle mich schon so lange schuldig gegen dich! Warum fährst du mit mir dorthin, wo es dir nicht gefällt? Ich fühle mich schon so lange schuldig gegen dich,« wiederholte ich, und die Tränen traten mir wieder in die Augen. »Wollen wir doch auf unser Gut fahren und für immer.«
»Ach, liebes Kind, verschone mich mit solchen empfindsamen Szenen,« sagte er kühl. »Daß du aufs Land willst, ist sehr schön, denn es ist uns recht wenig Geld übrig geblieben; aber für immer, – das ist nur eine Phantasie. Ich weiß, daß du es nicht aushalten wirst. Jetzt aber trinke Tee, das wird besser sein,« schloß er und stand auf, um dem Kellner zu klingeln.
Ich stellte mir alles vor, was er von mir denken konnte, und fühlte mich durch die schrecklichen Gedanken beleidigt, die ich ihm zuschrieb, als ich seinen ungläubigen, gleichsam beschämten Blick, den er auf mich gerichtet hielt, sah. – Nein, er will und kann mich nicht verstehen! – Ich sagte ihm, daß ich nach dem Kinde sehen möchte und verließ ihn. Ich wollte allein sein und weinen, weinen, weinen …
IV
Das lange nicht geheizte leere Haus zu Nikolskoje wurde wieder lebendig; aber das, was darin einst gelebt hatte, erwachte nicht mehr. Die Mama war nicht mehr am Leben, und wir standen uns allein gegenüber. Wir verlangten jetzt aber nicht nach dieser Einsamkeit, sie fiel uns sogar zur Last. Der Winter verging für mich um so schlimmer, als ich krank war und mich erst nach der Geburt meines zweiten Sohnes etwas erholte. Das Verhältnis zu meinem Mann war noch immer so kühl und freundschaftlich wie zur Zeit unseres Lebens in der Stadt; aber auf dem Lande erinnerte mich jedes Dielenbrett, jede Wand, jedes Sofa daran, was er für mich einst gewesen war und was ich verloren hatte! Zwischen uns stand etwas wie eine nicht verziehene Kränkung, als bestrafte er mich für irgend etwas und gäbe sich den Anschein, als merke er es nicht. Ich hatte ihm nichts abzubitten, es war nichts, womit er mich hätte verschonen können; er strafte mich nur damit, daß er sich und seine ganze Seele mir nicht mehr hingab, wie früher; er gab sie auch niemandem hin, als hätte er überhaupt keine Seele mehr. Manchmal kam mir der Gedanke, er stelle sich nur so, um mich zu quälen, während in ihm noch das alte Gefühl lebe, und ich bemühte mich, es zu wecken. Aber er schien jedesmal einer offenen Aussprache aus dem Wege zu gehen, mich der Verstellung zu verdächtigen und jede Empfindsamkeit als etwas Lächerliches zu fürchten. Sein Blick und sein Ton sagten mir: – Ich weiß alles, ich weiß alles, du brauchst mir nichts zu sagen, ich weiß alles, was du mir sagen willst. Ich weiß auch, daß du das eine sagen und etwas anderes tun wirst. – Diese Furcht vor einer offenen Aussprache verletzte mich anfangs, aber dann gewöhnte ich mich an den Gedanken, daß es kein Mangel an Offenheit, sondern das Fehlen eines Bedürfnisses nach Offenheit sei. Ich hätte es niemals übers Herz gebracht, ihm zu sagen, daß ich ihn liebe, oder ihn zu bitten, mit mir zu beten oder ihn zu rufen, damit er meinem Klavierspiel zuhöre. Im Verkehr zwischen uns hatten sich schon gewisse Anstandsgesetze herausgebildet. Wir lebten ein jeder für sich: er mit seinen Arbeiten, an denen mich zu beteiligen ich weder brauchte, noch wünschte, ich mit meinem Müßiggang, der ihn nicht mehr kränkte und betrübte wie früher. Die Kinder waren noch zu klein, um uns aneinander zu binden.
Da brach aber das Frühjahr an. Katja und Ssonja kamen für den Sommer aufs Land, unser Haus in Nikolskoje wurde umgebaut, und wir siedelten nach Pokrowskoje über. Es war dasselbe alte Haus von Pokrowskoje mit seinem Ausziehtisch, dem Klavier in dem hellen Salon und meinem ehemaligen Zimmer mit den weißen Vorhängen und meinen gleichsam vergessenen Mädchenträumen. In diesem Zimmer standen zwei Kinderbetten: in dem einen, in dem ich einst selbst gelegen hatte, bekreuzigte ich jetzt jeden Abend den pausbackigen Kokoscha, und aus dem anderen, kleineren guckte das Gesicht des kleinen Wanja aus seinen Windeln hervor. Nachdem ich sie bekreuzigt hatte, blieb ich oft in der Mitte dieses stillen Stübchens stehen, und plötzlich stiegen aus allen Ecken, von den Wänden und den Vorhängen alte, vergessene Gesichte meiner Jugend auf. Alte Stimmen sangen Mädchenlieder. Wo sind aber diese Gesichte? Wo diese lieben, süßen Lieder? Alles, was ich kaum zu hoffen wagte, war in Erfüllung gegangen. Unklare, ineinanderfließende Träume waren zur Wirklichkeit geworden, und die Wirklichkeit hatte sich in ein schweres, mühseliges und freudloses Leben verwandelt. Dabei war aber alles noch das alte: der gleiche Garten liegt vor den Fenstern mit dem gleichen Rasenplatz und den gleichen Wegen; die gleiche Bank steht dort über der Schlucht, der gleiche Nachtigallengesang schallt vom Teiche herüber, die gleichen Fliederbüsche prangen in voller Blüte, und derselbe Mond steht über dem Hause; und doch hat sich alles in einer so schrecklichen, so unmöglichen Weise verändert! So kalt ist alles, was so lieb und so nahe sein könnte! Ich sitze genau wie einst mit Katja im Wohnzimmer, und wir sprechen leise von ihm. Katjas Gesicht ist aber von Runzeln durchfurcht und gelb, ihre Augen glänzen nicht mehr vor Freude und Hoffnung, sondern drücken teilnahmsvolle Trauer und Mitleid aus. Wir sprechen nicht mehr mit Entzücken von ihm, wir kritisieren ihn; wir staunen nicht mehr, warum und wofür uns dieses Glück beschieden ist und haben auch nicht mehr den Wunsch wie einst, der ganzen Welt unsere Gefühle und Gedanken mitzuteilen; wir tuscheln miteinander wie Verschworene und fragen uns zum hundertsten Male, warum sich alles so traurig geändert habe. Er ist aber noch immer derselbe, nur die Falte zwischen seinen Brauen ist tiefer geworden, an seinen Schläfen schimmern mehr graue Haare, aber sein tiefer, aufmerksamer Blick ist vor mir immer mit einer Wolke verhüllt. Auch ich bin noch immer dieselbe, aber in mir ist keine Liebe und kein Verlangen nach Liebe. Kein Bedürfnis nach Arbeit, keine Zufriedenheit mit mir selbst. Und so fern und unmöglich erscheinen mir jetzt meine religiösen Ekstasen, meine einstige Liebe zu ihm, die frühere Fülle meines Lebens. Jetzt würde ich nicht mehr begreifen, was mir einst so klar und gerecht erschien: das Glück, für einen anderen zu leben. Weshalb für einen anderen, wenn ich nicht mal für mich selbst leben will?
Ich hatte seit der damaligen Petersburger Reise die Musik ganz aufgegeben; aber das alte Klavier und die alten Noten weckten in mir wieder die alte Lust.
Eines Tages fühlte ich mich etwas unwohl und blieb allein zu Hause; Katja und Ssonja waren mit ihm nach Nikolskoje gefahren, um den Neubau zu besichtigen. Der Teetisch war gedeckt; ich ging hinunter, um auf sie zu warten, und setzte mich ans Klavier. Ich schlug die Sonate quasi una fantasia auf und begann zu spielen. Niemand war zu sehen oder zu hören, die Fenster nach dem Garten standen offen, und die bekannten Töne voller majestätischer Trauer klangen durch das Zimmer. Als ich mit dem ersten Teil zu Ende war, blickte ich aus alter Gewohnheit in den Winkel, wo er einst zu sitzen und mir zuzuhören pflegte. Er war aber nicht da; der Stuhl, den man schon lange nicht von der Stelle gerückt hatte, stand noch in seiner Ecke; durch das Fenster sah ich einen Fliederbusch, der sich vom hellen Abendhimmel abhob, und die Kühle des Abends strömte durch das offene Fenster herein. Ich stützte mich auf das Klavier, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und gab mich meinen Gedanken hin. Lange saß ich so, voller Schmerz der unwiederbringlichen alten Zeiten gedenkend und ängstlich in die Zukunft blickend. Aber die Zukunft schien leer, als ob ich mir nichts mehr erhoffte, nichts mehr ersehnte. – Habe ich denn mein Leben schon hinter mir? – fragte ich mich und hob entsetzt den Kopf. Um zu vergessen und nicht mehr zu denken, begann ich noch einmal dasselbe Andante zu spielen. – Mein Gott! – dachte ich mir, – verzeih mir, wenn ich schuldig bin, oder gib mir alles wieder, was in meiner Seele so schön war, oder lehre mich, was ich jetzt tun, wie ich leben soll! – Ein Wagen rollte über den Rasen und hielt vor dem Hause, auf der Terrasse ließen sich die bekannten vorsichtigen Schritte vernehmen, die gleich wieder verhallten. Aber diese bekannten Schritte weckten in meiner Seele nicht mehr das frühere Gefühl. Als ich zu Ende war, hörte ich diese Schritte hinter mir, und eine Hand legte sich auf meine Schulter.
»Wie klug von dir, daß du diese Sonate gespielt hast!« sagte er.
Ich schwieg.
»Hast du noch keinen Tee getrunken?«
Ich schüttelte verneinend den Kopf und sah mich nicht um, um die Spuren der Erregung auf meinem Gesicht nicht zu verraten.
»Katja und Ssonja kommen gleich nach: das Pferd wollte nicht recht laufen, sie sind an der Landstraße aus dem Wagen gestiegen und kommen zu Fuß,« sagte er.
»Wir wollen auf sie warten,« sagte ich und trat auf die Terrasse, in der Hoffnung, daß er mir folgen würde; er erkundigte sich aber nach den Kindern und ging zu ihnen. Seine Gegenwart, der Ton seiner einfachen, gütigen Stimme ließen es mir unglaublich erscheinen, daß ich etwas verloren hätte. Was soll ich mir noch wünschen? Er ist gütig und mild, er ist ein guter Gatte und Vater, ich weiß selbst nicht, was mir noch fehlt. Ich trat auf die Terrasse und setzte mich unter die Markise, auf die gleiche Bank, auf der ich am Tage unserer ersten Aussprache gesessen hatte. Die Sonne war schon untergegangen, es dämmerte, eine dunkle Frühlingswolke hing über dem Hause und dem Garten, und nur durch die Bäume war noch ein wolkenloser Streif des Himmels mit dem erlöschenden Abendrot und dem eben aufleuchtenden Abendstern zu sehen. Auf allen Dingen lag der Schatten der leichten Wolke, und alles wartete auf einen milden Frühlingsregen. Der Wind hatte sich gelegt, kein Blatt, kein Halm regte sich, der Duft des Flieders und des Faulbaums war im Garten und auf der Terrasse so stark, als stünde die ganze Luft in Blüte, und wogte bald stärker, bald schwächer, so daß man die Augen schließen wollte, um nichts zu sehen und nichts zu fühlen außer diesem süßen Duft. Die Georginen und die noch nicht aufgeblühten Rosen standen unbeweglich auf ihren aufgewühlten, schwarzen Beeten und schienen langsam an ihren weißen Stäben hinaufzuwachsen; die Frösche quakten unten in der Schlucht so laut und durchdringend, als wollten sie sich zum letztenmal vor dem Regen, der sie ins Wasser treiben würde, gehörig ausschreien. Ein ununterbrochenes, feines Rieseln tönte durch ihr Geschrei hindurch. Die Nachtigallen riefen einander etwas zu, und man hörte sie unruhig von der einen Stelle zu der anderen fliegen. Auch in diesem Frühling versuchte eine Nachtigall, sich im Gebüsch unter dem Fenster niederzulassen, und als ich hinaustrat, hörte ich, wie sie in die Allee flog, dort noch einen Triller losließ und dann erwartungsvoll verstummte.
Vergebens suchte ich mich zu beruhigen: ich erwartete und beklagte etwas.
Er kam hinunter und setzte sich neben mich.
»Ich glaube, die beiden werden in den Regen kommen,« sagte er.
»Ja,« sagte ich. Dann schwiegen wir beide lange.
Die Wolke senkte sich immer tiefer in der windstillen Luft, alles wurde stiller, duftender und unbeweglicher; plötzlich fiel ein Tropfen nieder und prallte von der Markise ab; ein anderer zerschellte auf dem Schotter des Gartenweges; dann klatschte es gegen die Pestwurzstauden, und bald ging ein frischer, immer stärker werdender Regen nieder. Die Nachtigallen und die Frösche waren ganz verstummt, das feine Rieseln ließ sich noch immer vernehmen, obwohl es beim Rauschen des Regens aus weiterer Ferne zu kommen schien; und irgendein Vogel, der sich wohl im welken Laub nicht weit von der Terrasse versteckt hielt, ließ in regelmäßigen Abständen seine zwei einförmigen Töne erklingen. Mein Mann stand auf und wollte fortgehen.
»Wo willst du hin?« fragte ich, um ihn zurückzuhalten. »Es ist so schön hier.«
»Man muß ihnen einen Regenschirm und Galoschen schicken,« antwortete er.
»Nicht nötig, der Regen hört gleich auf.«
Er stimmte mir bei, und wir blieben beide am Geländer der Terrasse stehen. Ich stützte den Arm auf einen nassen, glatten Balken und hielt den Kopf hinaus. Der kühle Regen tropfte mir auf Haar und Hals. Die Wolke über uns wurde immer heller und dünner und erschöpfte sich; an Stelle des gleichmäßigen Rauschens des Regens klangen bald nur noch die einzelnen Tropfen, die aus der Luft und von den Blättern fielen. Wieder schmetterten unten die Frösche, wieder regten sich die Nachtigallen, die einander von der einen und von der anderen Seite etwas zuzurufen begannen. Alles vor unseren Blicken war wieder heller geworden.
»Wie schön!« sagte er, sich auf das Geländer setzend und mit der Hand über mein nasses Haar streichend.
Diese einfache Liebkosung wirkte auf mich wie ein Vorwurf: ich war nahe daran, zu weinen.
»Was braucht der Mensch denn noch?« fragte er. »Ich bin jetzt so zufrieden, daß ich nichts mehr brauche! Ich bin vollkommen glücklich!«
– Ganz anders sprachst du zu mir einst von deinem Glücke, – dachte ich mir. – Wie groß es auch war, sagtest du, daß du noch mehr verlangtest. Jetzt aber bist du ruhig und zufrieden, während meine Seele voll unausgesprochener Reue und nicht ausgeweinter Tränen ist. –
»Auch mir ist es so wohl,« sagte ich, »aber gerade das, daß alles vor mir so schön ist, stimmt mich traurig. In meiner Seele ist alles so unharmonisch und unvollständig, ich verlange nach etwas, und hier ist alles so schön und ruhig. Mischt sich denn nicht auch bei dir eine Trauer in den Naturgenuß, sehnst du dich nicht nach der Vergangenheit zurück?«
Er nahm seine Hand von meinem Kopf und schwieg eine Weile.
»Ja, einst hatte auch ich dieses Gefühl, besonders im Frühjahr,« sagte er, als besänne er sich auf etwas. »Ich blieb manche Nacht auf, mir etwas ersehnend und auf etwas hoffend, und es waren schöne Nächte! … Aber damals hatte ich alles vor mir, und jetzt habe ich alles hinter mir; jetzt genügt mir das, was ist, und es ist mir so wohl ums Herz,« schloß er mit einer so lässigen Sicherheit, daß ich, wie schmerzlich mir es auch zu hören war, glauben mußte, daß er die Wahrheit spreche.
»Du hast also gar keine Wünsche?« fragte ich.
»Ich wünsche mir nichts Unmögliches,« antwortete er, mein Gefühl erratend. »Du machst dir den Kopf naß,« fügte er hinzu, mich wie ein Kind liebkosend und mir wieder mit der Hand über das Haar streichend. »Du beneidest die Blätter und das Gras, weil sie vom Regen benetzt werden, du möchtest selbst Gras, Laub und Regen sein. Ich aber freue mich nur über sie, wie über alles in der Welt, was schön, jung und glücklich ist.«
»Und betrauerst du nichts Vergangenes?« fragte ich weiter; ich fühlte, wie es mir immer schwerer ums Herz wurde.
Er wurde nachdenklich und schwieg. Ich sah, daß er mir ganz aufrichtig antworten wollte.
»Nein!« antwortete er kurz.
»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!« sagte ich, mich zu ihm wendend und ihm in die Augen blickend. »Betrauerst du nicht das Vergangene?«
»Nein!« sagte er wieder. »Ich bin dem Himmel dafür dankbar, aber ich betrauere das Vergangene nicht.«
»Und du wünschst nicht einmal, daß es wiederkehre?« fragte ich.
Er wandte sich um und begann in den Garten hinauszublicken.
»Ich wünsche es nicht, wie ich auch nicht wünsche, daß mir Flügel wachsen,« sagte er. »Es darf nicht sein.«
»Und du möchtest das Vergangene gar nicht besser machen? Du machst dir oder mir gar keine Vorwürfe?«
»Niemals! Alles war zu unserem Besten.«
»Hör einmal!« sagte ich und berührte seine Hand, damit er sich nach mir umblicke. »Hör einmal: warum hast du mir niemals gesagt, es sei dein Wunsch, daß ich so lebe, wie du es möchtest? Warum gabst du mir die Freiheit, mit der ich nichts anzufangen wußte, warum hast du aufgehört, mich zu lehren? Wenn du nur wolltest, wenn du mich anders geleitet hättest, so wäre nichts, gar nichts geschehen,« sagte ich mit einer Stimme, aus der immer stärker ein kalter Ärger und Vorwurf, aber nicht die frühere Liebe herausklang.
»Was wäre nicht geschehen?« fragte er, sich erstaunt nach mir umwendend. »Es ist doch gar nichts geschehen. Alles ist gut. Sehr gut,« fügte er mit einem Lächeln hinzu.
– Versteht er denn nichts, oder will er, was noch schlimmer wäre, nichts verstehen? – fragte ich mich, und Tränen traten mir in die Augen.
»Dann wäre es nicht geschehen, daß ich, die ich keine Schuld vor dir trage, mit deiner Gleichgültigkeit, sogar mit deiner Verachtung gestraft worden wäre,« entfuhr es mir plötzlich. »Dann wäre es nicht geschehen, daß du mir plötzlich ohne jede Schuld von meiner Seite alles genommen hättest, was mir teuer war.«
»Was sagst du, liebes Kind!« rief er, als verstünde er meine Worte nicht.
»Nein, laß mich ausreden … Du hast mir dein Vertrauen, deine Liebe, sogar deine Achtung genommen; denn ich kann nicht glauben, daß du mich nach allem, was einst war, noch liebst. Nein, laß mich doch einmal aussprechen, was mich schon so lange quält,« unterbrach ich ihn wieder. »Ist es denn meine Schuld, daß ich das Leben nicht kannte, und daß du es mir überließest, meinen Weg allein zu suchen? … Ist es denn meine Schuld, daß du mich jetzt, wo ich schon selbst begriffen habe, was not tut, wo ich mich schon seit einem Jahre abmühe, zu dir zurückzukehren, von dir stößt, als verstündest du nicht, was ich will, und zwar so, daß man dir gar nichts vorwerfen kann, während ich allein schuldig und unglücklich bin?! Ja, du willst mich wieder in jenes Leben zurückstoßen, das mir und dir zum Unglück werden könnte.«
»Womit habe ich denn das gezeigt?« fragte er mit aufrichtigem Entsetzen und Erstaunen.
»Hast du mir denn nicht gestern noch gesagt und sagst du mir nicht immer, daß ich es hier nicht aushalten werde, daß wir für den Winter wieder nach Petersburg gehen müssen, das mir verhaßt ist?« fuhr ich fort. »Statt mich zu stützen, vermeidest du jede offene Aussprache mit mir, jedes aufrichtige, zärtliche Wort. Aber dann, wenn ich ganz gesunken bin, wirst du mir Vorwürfe machen und dich über meinen Fall freuen.«
»Wart, wart,« sagte er streng und kalt, »es ist nicht gut, was du jetzt sagst. Das beweist nur, daß du jetzt gegen mich eingenommen bist, daß du mich nicht …«
»Daß ich dich nicht liebe? Sag es doch, sag!« sprach ich seinen Satz zu Ende, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich setzte mich auf die Bank und bedeckte mein Gesicht mit dem Taschentuch.
– So hat er mich also verstanden! – dachte ich und gab mir Mühe, das Schluchzen zu unterdrücken, das mich zu ersticken drohte. – Es ist mit unserer alten Liebe zu Ende, – sagte eine Stimme in meinem Herzen. Er ging nicht auf mich zu, er tröstete mich nicht. Er war durch meine Worte beleidigt. Seine Stimme war ruhig und trocken.
»Ich weiß nicht, was du mir vorwirfst,« begann er, »wenn es nur das ist, daß ich dich nicht mehr so liebe, wie ich dich früher liebte …«
»Ja, wie du mich liebtest!« sagte ich in das Taschentuch hinein, das die bitteren Tränen immer reichlicher netzten.
»So liegt es an der Zeit und auch an uns selbst. Jedes Alter hat seine eigene Liebe …« Er schwieg eine Weile. »Soll ich dir die ganze Wahrheit sagen, wenn du Aufrichtigkeit verlangst? Soll ich dir sagen, wie ich in jenem Jahre, als ich dich kennen lernte, manche schlaflose Nacht an dich dachte, wie ich selbst meine Liebe schuf, wie diese Liebe in meinem Herzen wuchs und wuchs, wie ich dann in Petersburg und im Auslande viele schreckliche Nächte schlaflos verbrachte um diese Liebe, die mich quälte, zerstörte und vernichtete? Ich zerstörte nicht sie, sondern nur das, was mich quälte; ich habe mich beruhigt, und doch liebe ich dich noch immer, aber mit einer anderen Liebe.«