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Roman einer Ehe

Zweiter Teil. (continued 2)

Alexander Eliasberg translation

»Ja, du nennst das Liebe, es ist aber eine Qual,« sagte ich. »Warum erlaubtest du mir, in der großen Welt zu leben, wenn sie dir so verderblich erschien, daß du mich um ihretwillen zu lieben aufgehört hast?«

»Es ist nicht die große Welt, liebes Kind,« sagte er.

»Warum hast du nicht von deiner Gewalt Gebrauch gemacht,« fuhr ich fort, »warum hast du mich nicht gebunden und getötet? Das wäre für mich besser, als alles zu verlieren, was mein Glück ausmachte, es wäre mir wohl, und ich müßte mich nicht so schämen.«

Ich fing wieder zu schluchzen an und bedeckte mein Gesicht mit dem Tuch.

In diesem Augenblick kamen Katja und Ssonja, lustig und durchnäßt, laut redend und lachend auf die Terrasse; als sie uns aber erblickten, verstummten sie und gingen sofort weg.

Als sie fort waren, schwiegen wir lange; ich hatte mich ausgeweint und fühlte mich erleichtert. Ich sah ihn an. Er saß, den Kopf in die Hand gestützt, und wollte etwas auf meinen Blick antworten; aber er seufzte nur schwer auf und stützte den Kopf wieder in die Hand.

Ich ging auf ihn zu und nahm seine Hand. Er sah mich nachdenklich an.

»Ja,« begann er, als fahre er in seinen Gedanken fort. »Wir alle – besonders aber ihr Frauen – müssen die ganze Eitelkeit des Lebens auskosten, um zum Leben selbst zurückzukehren; die Erfahrung eines anderen kann uns nichts nützen. Du hattest damals diese verlockende und liebe, eitle Lust am Leben, die ich in dir bewunderte, noch lange nicht ausgekostet; ich ließ dich sie ganz auskosten und fühlte, daß ich kein Recht hätte, dir Schwierigkeiten zu machen, obwohl für mich diese Zeit längst vorbei war.«

»Warum hast du dann diese ganze Eitelkeit mit mir genossen, warum ließest du mich sie genießen, wenn du mich liebst?« fragte ich.

»Weil du, selbst wenn du wolltest, mir nicht geglaubt haben würdest; du mußtest alles selbst kennenlernen, und du hast es auch kennengelernt.«

»Du hast viel zu viel Überlegungen angestellt,« sagte ich. »Du hast zu wenig geliebt.«

Wir schwiegen wieder eine Weile.

»Es ist grausam, was du eben sagtest, aber es ist wahr,« versetzte er, indem er sich plötzlich erhob und auf der Terrasse auf und ab und zu gehen begann. »Ja, es ist wahr. Ich war im Unrecht,« fügte er hinzu, vor mir stehen bleibend, »entweder hätte ich mir gar nicht erlauben dürfen, dich zu lieben, oder ich hätte dich einfacher lieben sollen. Ja.«

»Vergessen wir alles,« sagte ich scheu.

»Nein, das Vergangene kehrt nicht wieder, kehrt niemals wieder.« Seine Stimme wurde weicher, als er das sagte.

»Alles ist ja schon wiedergekehrt!« sagte ich, indem ich ihm meine Hand auf die Schulter legte.

Er nahm meine Hand von seiner Schulter und drückte sie.

»Nein, ich sprach die Unwahrheit, als ich sagte, daß ich das Vergangene nicht betrauere; nein, ich betrauere es wohl, ich beweine jene frühere Liebe, die nicht mehr ist und nicht mehr wiederkehren kann. Wer die Schuld trägt, weiß ich nicht. Es ist wohl eine Liebe geblieben, aber es ist nicht die von einst; es ist nur ihr Platz geblieben, doch sie selbst ist verkümmert, es ist weder Kraft noch Saft in ihr, es sind nur die Erinnerungen und die Dankbarkeit geblieben, aber …«

»Sprich nicht so …« unterbrach ich ihn. »Mag alles wieder so werden, wie es war. Das ist doch möglich? Ja?« fragte ich, ihm in die Augen blickend. Aber seine Augen waren heiter und ruhig und blickten gar nicht tief in die meinigen.

Während ich das sagte, fühlte ich schon, daß das, was ich wollte und um was ich ihn bat, unmöglich sei. Er lächelte ein ruhiges, mildes, wie mir schien greisenhaftes Lächeln.

»Wie jung du noch bist, und wie alt bin ich,« sagte er. »In mir ist nichts mehr davon, was du suchst; warum soll man sich betrügen?« fügte er mit dem gleichen Lächeln hinzu.

Ich stand schweigend neben ihm, und es wurde mir ruhiger ums Herz.

»Wir wollen nicht versuchen, das Leben zu wiederholen,« fuhr er fort, »wir wollen uns nicht mehr belügen. Daß aber die alten Aufregungen und Sorgen dahin sind, dafür müssen wir Gott danken! Wir haben nichts mehr zu suchen, keinen Grund mehr, uns aufzuregen. Wir haben schon alles gefunden, und es ist uns nicht wenig Glück zuteil geworden. Jetzt müssen wir zur Seite treten und den Weg diesem da freigeben,« sagte er, auf die Amme weisend, die mit Wanja auf dem Arme in der Terrassentüre erschienen war. »Ja, so ist es, liebes Kind,« schloß er, meinen Kopf niederbeugend und küssend. Es war kein Liebhaber mehr, sondern ein alter Freund, der mich küßte.

Aus dem Garten zog aber immer stärker und süßer die duftende Frische der Nacht herein, immer feierlicher wurden alle Töne und die Stille, und immer mehr Sterne leuchteten am Himmel auf. Ich blickte ihn an, und es wurde mir plötzlich so leicht ums Herz, als hätte man mir einen kranken seelischen Nerv entfernt, der mir solche Schmerzen verursacht hatte. Ich begriff plötzlich klar und ruhig, daß das Gefühl jener Zeit so unwiederbringlich vorbei war, wie jene Zeit selbst, und daß es nicht nur unmöglich, sondern auch unerträglich und schmerzvoll gewesen wäre, jenes Gefühl wieder zu empfinden. War denn jene Zeit, die mir so glücklich erschienen, auch wirklich so schön gewesen? Und wie lange, wie lange war es schon her!

»Aber es ist Zeit, Tee zu trinken!« sagte er, und wir gingen zusammen in das Wohnzimmer. In der Türe trafen wir wieder die Amme mit Wanja. Ich nahm das Kind auf die Arme, deckte seine bloßen roten Beinchen zu, drückte es an mich und küßte es, sein Köpfchen kaum mit den Lippen berührend. Das Kind bewegte wie im Schlafe das Händchen mit den gespreizten Fingerchen und schlug die trüben Äuglein auf, als suchte es etwas oder als wollte es sich an etwas erinnern; seine Äuglein blieben plötzlich an mir haften, ein Funke von Bewußtsein leuchtete in ihnen auf, und die vollen, etwas vorstehenden Lippen öffneten sich zu einem Lächeln. – Mein, mein, mein! – dachte ich, indem ich mir das Kind mit einer beseligenden Spannung in allen Gliedern an die Brust drückte und mich mit Mühe zusammennahm, um ihm nicht weh zu tun. Und ich begann, seine kalten Füßchen, seinen Leib, seine Händchen und sein kaum behaartes Köpfchen zu küssen. Mein Mann ging auf mich zu, ich verhüllte schnell das Gesicht des Kindes und deckte es gleich wieder auf.

»Iwan Ssergejitsch!« sagte mein Mann, indem er das Kind mit dem Finger unter dem Kinne berührte. Ich deckte aber den Iwan Ssergejitsch wieder zu. Niemand durfte ihn lange ansehen außer mir. Ich sah meinen Mann an; seine Augen lachten, indem sie in die meinen blickten, und es war mir zum erstenmal seit langer Zeit so leicht und so wohl ums Herz, sie zu sehen.

An diesem Tage endete mein Roman mit meinem Manne; das alte Gefühl wurde zu einer teueren, unwiederbringlichen Erinnerung, und das neue Gefühl der Liebe zu den Kindern und zum Vater meiner Kinder legte den Grund zu einem neuen, in einem ganz anderen Sinne glücklichen Leben, das ich in diesem Augenblicke noch nicht abgeschlossen habe …

Empfehlenswerte Bücher aus dem

O. C. Recht Verlage, München, Leopoldstr. 3

E. T. A. Hoffmann

Nußknacker und Mausekönig

Mit über hundert Illustrationen von Bertall

»Das schmucke Büchlein stellt ein typographisches Meisterwerk dar.«

(Berliner Morgenzeitung)

»Ein Verdienst ist die Veröffentlichung mit den zahlreichen Illustrationen von Bertall … sie werden dem Buche eine ungeahnte Verbreitung sichern.«

(Ostdeutsche Grenzboten)

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Charles Perrault

Gänsemütterchens Märchen

Herausgegeben und übertragen von

Hans Krause

Mit etwa 50 meistenteils ganzseitigen Illustrationen von

Gustave Doré

Perrault, ein Dichter des französischen Rokoko, ist der erste gewesen, der so bekannte Weltmärchen wie »Dornröschen«, »Blaubart«, »Rotkäppchen« usw. aufgezeichnet hat. Die Illustrationen des großen Doré unterstützen sein Werk, das romanischen Esprits und unsterblicher Grazie voll ist; ja, sie erheben es sogar, sie sichern ihm die Unsterblichkeit.

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»Gestern und heute«

Rechts Roman Reihe

Diese Reihe bringt eine Auswahl spannendster Romane von hohem literarischem Wert in buchtechnisch vollendeter Ausstattung.

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Band 1:

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Band 2:

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Band 3:

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Preis jeden Bandes in Halbleinen M. 60.–

Vorzugsausgabe auf federleichtem Druckpapier in Halbleder gebunden M. 250.–

Verlagsverzeichnisse und Prospekte werden vom Verlag auf Anforderung bereitwilligst versandt

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