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Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid

Bertram Vogelweid.

Reading edition

I.

Bertram Vogel hatte ein Pack Manuskripte in die ohnehin schon überfüllte Lade seines alten Ungeheuers von Schreibtisch gestopft und bemühte sich nun, sie zuzuschieben. Aber sie leistete Widerstand, und als er böse wurde und anfing, heftig an ihr zu rütteln, spießte sie sich gar. Auf einmal schien sie ein menschliches Gesicht anzunehmen, das einen großen, viereckigen Rachen voll Bosheit gegen ihn aufsperrte.

Er trat zurück und seufzte grimmig: »Schon wieder! Schon wieder!«

Auch eine Folge seiner entsetzlichen Nervosität, daß alles Leblose, das ihn umgab, sobald er in die geringste Aufregung gerieth, ein höhnisch grinsendes Gesicht annahm, – das Gesicht eines seiner Feinde und Neider. Er hat ihrer zahllose, er, von Natur der friedfertigste und wohlwollendste Mensch, ist mit Feinden und Neidern bespickt, wie der Schild des Achilles mit Speeren. Und daran, und überhaupt an allem Übel, das ihn trifft, ist der Beruf schuld, den er ausübt und haßt, der Beruf, in den die Verhältnisse ihn hineingeschoben haben und für den die zärtlichste, geliebteste, thörichtste Mutter ihn auserwählt glaubte.

»Wart’, du Verfluchter, wie ich dich sitzen lasse,« murmelte er und ballte die Fäuste gegen etwas Unsichtbares in der Luft. »Wart’ nur noch ein Jahr! Wartet auch ihr, wie ich euch verlassen werde«, rief er den verrauchten Wänden zu.

Nur weil die Wohnstube wohlfeil war, hatte er so lange in ihr ausgehalten. Sie lag im vierten Stock eines alten Zinshauses der inneren Stadt, hatte die Form einer Bratröhre und nur ein einziges Fenster, das nie und niemals von der Glorie eines Sonnenstrahls umspielt wurde. Und das Gäßchen, in dem das alte Haus stand, war so schmal, und die bösartig duftenden Rauchfänge seines Gegenübers waren so nahe! Mit einem langen Pfeifenrohr hätte man die Katzen, die Nachts auf dem Dache herumspazierten und ein verachtungswürdiges Konzert aufführten, herunterfegen können. In diese Versuchung gerieth Bertram nicht, er besaß keine lange Pfeife, er war (ebenfalls aus Sparsamkeit) kein Raucher. Er hielt das Fenster überhaupt geschlossen, denn es kam nichts Gutes herein, und für Ventilation war durch die beiden Öffnungen der Bratröhre hinlänglich gesorgt. Die verruchten zwei standen in beständiger, heimtückischer Wechselwirkung und verbanden sich alle Augenblicke zu einem grausamen Attentat gegen den am Schreibtisch sitzenden Mann. Plötzlich legte sich’s ihm wie ein eisernes Band um den Hals, oder es bohrte sich ihm ins Ohr wie ein Dolch, und nun begann das Tosen und Brausen im Kopf und machte ihm die Anstrengung des Denkens zur Höllenqual.

Gedacht aber mußte, es mußte sogar erfunden werden, spannend und originell um jeden Preis, ohne weiteres auch – um den des gesunden Menschenverstandes. O greulich!

In der Fenstervertiefung, über dem Abreißkalender, der das Datum 25. Juli zeigte, hing der Rasierspiegel. Bertram trat vor ihn hin, betrachtete nach langer Zeit einmal wieder das Bild, das ihm daraus entgegensah, mit Aufmerksamkeit. Sie ging allmählich in zornige Entrüstung über.

Achtunddreißig Jahre alt sein und schon so tiefe Falten auf der Stirn haben und so eingefallene Wangen, so rothumränderte, trübe Augen, das ist doch des Teufels! Den verbissenen Zug um den Mund verdeckt glücklicherweise zum Theil der blonde Schnurrbart, dessen Enden sich breit ausgebürstet mit dem kurz gehaltenen Backenbart vereinigen; es sieht fein aus, und der ganze Mensch sieht fein aus, aber schrecklich unruhig und nervös. – Fortwährend muß er blinzeln und von Zeit zu Zeit verzieht ein blitzartiges Zucken ihm das Gesicht. Wie er das häßlich fand, wie er sich darüber kränkte und wie er nun einen neuen Grund zur Kränkung erfuhr! Eine Überraschung – aber was für eine! Mitten im üppigen Wald seiner Haare, gerade auf dem Scheitel, hatte er eine kleine Lichtung entdeckt.

»Das hast du mir angethan,« rief er und ballte wieder die Faust, diesesmal gegen den Arm des Gasrohrs an der Wand über dem Schreibtisch.

Die Flamme war längst ausgelöscht worden, aber bis zum Morgen hatte sie dem unermüdlichen Arbeiter geleuchtet. Achtstundentag – lächerliches Wort! Sei du ein fleißiger Schriftsteller und Redakteur an der großen Zeitung: »Die junge Grenzenlose« und sprich vom Achtstundentag. Habe allmorgendlich ein halbes Hundert Briefe zu verschlingen, ein paar Dutzend Manuskripte, Brochuren, Bücher durchzublättern, habe gewohnheitsmäßig zwei Romane unter der Feder und sprich vom Achtstundentag. Ein Roman »läuft« in einem Volksblatt, der andere in einem Salonblatt, und: Fortsetzung folgt, heißt’s unerbittlich. Eher dürfte die Zeit in ihrem Laufe innehalten, als so ein Roman in dem seinen.

Trotzdem ist die tägliche Arbeit nicht die arge, weil man an sie nur denken braucht, so lange man dabei ist. Die argen, die nervenzerrüttenden Arbeiten sind die, die nur wöchentlich einmal erscheinen, an die man aber beständig denken muß. Da ist der gewisse »Überblick über die neueste Litteratur.« Heißes Pech und brennenden Schwefel über den Erfinder dieses an »über« überreichen Titels.

»Ändern wir ihn, er ist zu lügenhaft,« hatte Bertram Vogel dem Chef und den Kollegen vorgeschlagen. »Wenn wir von einem Einblick in den Wust sprächen, wär’s protzig genug von uns. Ordinäre Ehrlichkeit spräche von einem Streif- oder Seitenblick.«

Man lachte ihn aus. Der Überblick gehörte zum eisernen Bestand der »Grenzenlosen,« die Abonnenten waren an ihren Überblick gewöhnt, hatten ihn bezahlt und geschluckt und glaubten ihn zu haben.

Einer noch größern Beliebtheit als der Überblick erfreute sich das Sonntagsfeuilleton. Es hatte Bertrams Schriftstellerruf begründet, ihn populär gemacht, ihm seinen begeisterten Anhang erweckt und seine ehrenvollen Feindschaften.

Niemand sagte mehr: »Das Feuilleton von Vogelweid,« wie niemand sagt: »Der Wein Burgunder.« Es hieß nur noch: »Haben Sie den heutigen Vogelweid gelesen?« Und: »Der ist wieder unerreichbar, macht einen witzig für die ganze Woche. Und das alles nur so hingeworfen, man spürt ordentlich, wie er sich selbst dabei unterhalten hat.«

Über die Leichtigkeit, mit der Vogel produzirte, hatten sich Legenden gebildet, die man ihm erzählte, ihm ins bärbeißige Gesicht. Er konnte wüthend werden und widersprechen, so viel er wollte; es half nichts, die Leute schworen auf ihren Unsinn. Auf den zum Beispiel, daß er seine Feuilletons am Setzkasten diktire, oder daß er ihrer zwölf an jedem Samstage hinkritzle, eines davon ziehen lasse von der Hausmeisterin, die übrigen ins Feuer werfe.

In Wirklichkeit waren die lustigen Feuilletons, die ins Leben hineingeflattert schienen, lauter Zangengeburten, und Bertram fühlte die Qualen, unter denen sie entstanden, in demselben Verhältniß wachsen, in dem seine Jugend abnahm. Sie war’s, ihr Frohsinn, ihre Lebenslust, was einst in seinen Arbeiten gesprudelt hatte, er besaß kein eigentliches wahres, nur ein Formtalent. Die Form war auch noch immer anmuthig, geschmeidig, tadellos rein, aber der Inhalt bot nichts Neues mehr. Die Feinde und Neider haben es längst gemerkt, die Leser noch nicht. Werden sie sich noch fünfundzwanzig Mal, werden sie sich noch ein Jahr lang darüber täuschen lassen, daß es dieselbe Voltige ist, die ihnen bei veränderter Dekoration in einem fort vorgemacht wird?

Noch ein Jahr, nur noch ein Jahr, und mit der widerlichen Tintenkleckserei ist’s vorüber. Bertram Vogelweid ist todt, Bertram Vogel auferstanden. Er lebt in tiefster Zurückgezogenheit auf seinem eigenen Grund und Boden, auf dem Bauerngütchen, das er erworben und allmählich schuldenfrei gemacht hat. Er wird sein Feld bebauen, sein Gärtlein pflegen, Bäume pflanzen, ... Bäume! Was giebt es Schöneres in der Welt? Was hat er je geliebt wie Bäume, der im Wald geborene Försterssohn?

Bäume! Bäume! Heute noch wird er Bäume sehen und freies Feld. Es wirbelt ihm im Kopf bei dem Gedanken, es schwindelt ihm, er muß sich setzen. Er sieht wieder überall Gesichter, verträgt nicht einmal die Freude mehr; sein Arzt und Freund hat ihm mit gutem Grunde vor kurzem erst gesagt: »Jetzt wird mir der Mensch in seinen alten Tagen noch hysterisch.«

Auf dem Schreibtische liegen die Früchte seines wahnsinnigen Fleißes. Vier Überblicke, vier Feuilletons, die letzten Fortsetzungen seiner, ja, das hat er sich zugeschworen, letzten Romane. Des Volksromans mit seinen idealen Anarchisten, ausbeuterischen Kapitalisten, vom Blut und Schweiß des Volkes lebenden Baronen, Grafen und Fürsten, des Salonromans mit seinen Zweideutigkeiten, seinen Schlüpfrigkeiten. Nur allzu treu nach französischen Mustern, und doch überall Champagner in Bier verwandelt.

Ekel und Greuel! Eine plötzliche Wuth erfaßte ihn über sich selbst, über die Wege, die er ging, und über alle die Hunderte von Narren, die sich an ihn herandrängten und seinen Spuren folgen wollten, und denen er davon abgerathen hatte, im Anfang seiner Karriere recht höflich, in der Folge derb und derber.

Er besann sich auch der Singvögel männlichen und weiblichen Geschlechts, die ihm scharenweise zugeflogen waren. Erbarmungslos hatte er sie verscheucht, und wer weiß, ob sich unter ihnen nicht vielleicht doch eine Nachtigall befand.

Da war eine Anna Mimona, deren er nicht ohne eine Art Reue gedenken konnte. Sie hatte ihm ein Heft Gedichte – ein kalligraphisches Meisterwerk – geschickt, und um sein Urtheil gebeten. Ein empfehlendes Wort von ihm, schrieb sie, würde diesen poetischen Versuchen einen Verleger verschaffen und dadurch einer verarmten Familie die Existenz erleichtern.

Bertram hatte das Buch nicht aufgeschlagen. Was kann man einer Person zutrauen, die albern genug ist, die Lyrik als Einnahmequelle anzusehen! Als die Poetin nach langer Zeit wieder schrieb und auf das höflichste um Bescheid ersuchte, erhielt sie ihn. Er lautete: »Kaufen Sie sich eine Nähmaschine.«

Seitdem hatte sie ihn nicht mehr behelligt, und das gefiel ihm; Anna Mimona war also eine feinfühlige Person und bildete einen gewaltigen Gegensatz zu den vielen, die sich ihm nahten, girrend wie die Tauben, sobald aber der Beifall, den sie verlangten, ausblieb, zu bösartigen Krähen wurden und die Augen des unerbittlichen Kritikers bedrohten.

Das alles aber wäre zu verschmerzen, es giebt viel Schlimmeres: die Anhänger und Freunde, die gelobt werden müssen, weil sie loben, die Gegner, die getadelt werden müssen, wenn auch der eignen Überzeugung zum Trotze. So lange gelobt und getadelt, bis aus all dem Müssen eine Art Wollen sich entwickelt und die aufgedrungene Meinung zur eignen wird, weil man um sie gelitten und Anfeindung erduldet hat. Aus dem fortwährenden Bekennen entsteht ein Glauben. Das Vorurtheil ist zur Religion geworden, das Amt hat den Menschen gefressen.

Bertram stieß ein höhnisches Gelächter aus und preßte beide Hände konvulsivisch an den Kopf.

Eine alte Kuckucksuhr, die in der Nähe der Thür ihr langes Pendel schwang, erhob jetzt ein lautes Geschnarre. Sie hatte die Absicht, elf zu schlagen, konnte sie aber nicht ausführen.

In einer Viertelstunde wird der Wagen da sein, der den Reisenden nach dem Bahnhof bringen soll. Bertram hat gestern einem Komfortablekutscher auf dem Stephansplatz das Versprechen abgenommen, sich Punkt ein Viertel auf Zwölf vor dem Hausthor einzufinden. Wenn er nur kommt, der Mensch. Im Moment, in dem Vogel ihm das Angeld gegeben und er’s eingesteckt hat, sind dem Besteller die unverläßlichen Augen des Menschen aufgefallen. Wenn er nur Wort hält. Wort halten ist eine große Tugend, und von einem Komfortablekutscher eine große Tugend verlangen die pure Romantik, die reine Thorheit. Aber man begeht sie, man ist so dumm, man ist ein so vertrauensseliger Esel!

Bertram spürte einen gallbittern Geschmack im Munde und betrachtete mit Wehmuth das hübsche Kofferchen, das er sich gestern angeschafft hatte. Es stand in der Ecke auf zwei Sesseln sauber zusammengeschnallt. Die Schlösser glänzten wie zwei Augen und schienen zu fragen: Nun – wird’s? Wandern wir? Die Handtasche (auch neu und fertig gepackt) war auf dessen Rücken etablirt und noch offen. Sie wartete auf den Schreibtischschlüssel, den sie aufnehmen sollte. Aber der steckte, und die Lade gähnte wie ein Haifisch. Bertram sprang auf und wollte sie mit einem gewaltigen Ruck zuschieben. Da entfaltete sie eine teuflische Bosheit und spie ihm, soviel sie von ihrem Inhalt nur herausbringen konnte, vor die Füße.

Sinnlose Wuth übermannte ihn, er fiel über die Tückische her und rüttelte an ihr, daß sie stöhnte und in allen Fugen bebte.

Jetzt wurde an der Thür geklopft und ohne weitere Umstände eingetreten. Frau Hundlgruber, die Hausmeisterin, ein Bild grandioser Gelassenheit, zwang sich zu einem kleinen Schrei beim Anblick des Zimmerherrn, der seinen Schreibtisch prügelte:

»Jessas und Joseph, Herr von Vogel, was sein’s denn schon wieder nervios, was regen’s Ihnen denn auf? Kommen’s, gehn’s weg, lassen’s mich her.«

Sie schob ihn fort mit einer sanften Macht und Leichtigkeit, wie sie ein Feldsesselchen fortgeschoben hätte, sammelte die auf dem Boden liegenden Schriften und legte sie mit glättenden Händen in die Lade, die, empfänglich für anständige Behandlung, den ganzen Reichthum nun gutwillig aufnahm und sich auch ohne Widerstand absperren ließ.

Frau Hundlgruber warf den Schlüssel in die Reisetasche und meldete auch, daß es Zeit, und daß der Einspänner vorgefahren sei.

Wieder gerieth Bertram außer sich: »Zeit ist’s; ich versäum’ den Zug! ich versäum’ den Zug!« stieß er hervor, riß seinen Hut und Überzieher vom Kleiderstock und wollte mit Hinterlassung aller seiner Reiseeffekten davonlaufen.

Frau Hundlgruber ertheilte ihm eine neue Ermahnung, gab ihm seine Tasche und seinen Regenschirm in die Hand, nahm selbst das Kofferchen unter den kräftigen Arm und fragte, was mit den Sachen auf dem Schreibtisch zu geschehen habe.

Bertram rief voll Hast: »Alles Rekommandirte auf die Post ... Die Rezepisse verwahren Sie, die bind’ ich Ihnen auf die Seele, mit Spagat, Frau Hundlgruber. Das große Paket tragen Sie, bitte, auf die Redaktion.«

»Jessas und Joseph, das is g’wiß das End’ von Ihrer schönen G’schicht,« sprach Frau Hundlgruber und lächelte seelenvergnügt: »Sagen Sie mir nur noch g’schwind, ich könnt’ ja heut’ nit schlafen vor Neugier: Wird der Baron wirklich lebendig begraben? Verdienen thät er’s, der Schuft der miserable. Is der Pülcher wirklich der Stiftsdam’ ihr Sohn, und wird der brave Anarchist richtig noch Minister bei der Polizei?«

»Das alles soll die Zukunft Ihnen enthüllen, jetzt lassen Sie uns scheiden. Leben Sie wohl, Meisterin dieses Hauses,« sprach Bertram pathetisch, »und wenn hier Feuer ausbrechen sollte, dann retten Sie alles, nur den,« er wies mit ausgestrecktem Finger nach dem Schreibtische, »den lassen Sie verbrennen, der ist assekurirt.«

Damit rannte er die Treppe hinab, stieg in den, vor dem Hause wartenden offenen Wagen, das Gepäck wurde untergebracht und fort ging’s im Gezottel eines steifen Fliegenschimmels, dem Nordbahnhofe zu.

II.

Eine peinliche Fahrt. Wohl zehnmal tippte Bertram mit der Spitze seines Regenschirms dem Kutscher auf die Schulter und flehte: »Fahren Sie zu, vorwärts!« Er suchte zu imponiren und befahl: »Vorwärts. Fahren Sie zu!« Es machte keinen Eindruck. Er knirschte in Verzweiflung: »Wir kommen zu spät! Kutscher! Mensch! Zu spät!« Half alles nichts. Der Kutscher, breit wie sein Bock, antwortete nur mit undefinirbaren Lauten, einer Art Gegrunze, und sein Fahrgast schalt ihn im Stillen eine Pappendeckelseele, ein stumpfsinniges Halbthier.

Wagen um Wagen, alle mit Koffern beladen, fuhren ihnen vor, der Fliegenschimmel schüttelte dazu nicht einmal den Kopf. Sein Lenker war unzugänglich, und er war ohne Ehrgeiz. Bertram rutschte immer weiter vor auf seinem Sitze und saß zuletzt nur noch auf der Polstereinfassung. Er meinte sich dadurch leichter zu machen; er hätte ums Leben gern mitgezogen und erreichte nichts anderes, als daß ihm zuletzt in seiner Aufregung alles vor den Augen tanzte, und daß er statt des breiten Kutscherrückens ein abscheuliches braunes Gesicht mit Hängebacken vor sich sah. Voll Entsetzen wandte er den Blick ab, lehnte sich zurück im Wagen und gab alle Hoffnung auf, noch zurecht zu kommen. Das begab sich ganz in der Nähe seines Zieles, und ein paar Minuten später hatte er den Bahnhof erreicht.

Aber welch ein Gewirr und Getreibe herrschte da!

»Der Schnellzug is heut’ ungeheuer besetzt,« sagte ein riesenhafter Träger, der an den Wagen Bertrams herantrat und sich des Gepäcks bemächtigte.

Ungeheuer besetzt. O du liebes Schicksal! Just heute, an dem ersten Tag nach vier Jahren, an dem Bertram reisen kann, müssen Hunderte von Leuten reisen, die’s wahrscheinlich ebenso gut früher hätten thun können. Er springt aus dem Wagen und will dem Träger folgen, der die Stufen zur Halle hinaufsteigt. Da wird der schläfrige Kutscher plötzlich lebendig und schreit:

»Erscht hetzen! und durchgeh’n a no? Halt’s ’n auf!«

Bertram erschauderte bei dem Gebrüll. Der Vorwurf, den ihm der Grobian vom Bocke zuschleuderte, traf ihn wie der Blitz vom Himmel. Er hatte vergessen, seine Fahrt, wie es sich gehört, im Voraus zu bezahlen, stand als Betrüger da, die Blicke der Menschen, die sich nach ihm umsahen, sprachen es aus. Er bemerkte auch, daß ein Wachmann ihn fixirte. In zitternder Eile, mit vor Kälte steifen Fingern (am 25. Juli um die Mittagsstunde, bei 28 Graden über Null) entnahm er seinem Portemonnaie eine Banknote und reichte sie dem Grobian, der augenblicklich den Hut zog und kriechend und demüthig bat: »Schaffen Euer Gnaden ein andres Mal wieder.«

Bertram eilte dem Träger nach, der schon auf ihn wartete, kurzweg fragte: »Wohin?« und ebenso kurzweg hinzufügte, nachdem er die Antwort: »Hullein« erhalten hatte: »Nehmen’s Ihr Billet.«

Ja, nehmen! Das ist leicht gesagt. Bei dem Fenster, durch das die Banknoten hinein- und die Fahrbillete herausgeschoben werden, gab es ein Gedränge, als ob dort Brot vertheilt würde unter Hungernde. Bertram stand als der letzte zwischen den eisernen Schlangen, die zum Schalter führen, und zappelte vor Ungeduld und quälte sich mit gräßlichen Zweifeln: »Wohin ist der Kyklope gerannt, was hat er mit meiner Bagage angefangen? Was hat sein mysteriöses Verschwinden zu bedeuten? Der Kyklope ist am Ende gar kein Träger, sondern ein als Träger verkleideter Strolch, der jetzt das Weite sucht mit meinem Hab und Gut.«

Bertram späht ihm vergeblich mit verstörten Blicken nach, möchte nach Hülfe schreien und wagt es doch nicht recht, trotz der Überzeugung, daß er bestohlen ist, beraubt! O die Menschen! die Menschen! Was für ein ausbündiges Gesindel! Fluch über sie und ihre höllische Erfindung, die Eisenbahn, die allen Lastern eine nie dagewesene Fülle von Gelegenheiten bietet, sich auszubreiten, zu wuchern, hereinzustieben, triumphirend mit Dampf in die früher – verhältnißmäßig wenigstens – unschuldige Welt. Bertram seufzte, schnaubte, stampfte und hatte zur Verstärkung seiner Pein ein dumpfes Gefühl, daß er lächerlich sei und sich so ausnehme.

Unweit von ihm, neben einer Säule in der Halle, stand eine junge, große, schlanke Frau in hellgrauem Reiseanzug, mit einem allerliebsten Mützchen ohne Schirm auf dem Kopfe. Sie blieb ganz gelassen mitten in dem fürchterlichen Trubel, der sie umgab, hatte ihre Reisetasche (wo ist die meine, dachte Bertram schmerzlich) auf den Boden gestellt und schien in vollkommener Gemüthsruhe auf jemanden zu warten. Dabei beobachtete sie den armen, zwischen den Eisenbarrièren zuckenden Vogel, diskret, mit höchster Wohlerzogenheit, aber offenbar belustigt. Ihre blauen, ehrlichen und unbeschreiblich sympathischen Augen sprachen: Du machst mir Spaß.

Der vorletzte Passagier war abgefertigt, Bertram trat an seine Stelle und quetschte mühsam das Wort »Hullein« hervor, während draußen – es fuhr ihm in die Kniee, daß sie zusammenknickten – das erste Läuten erscholl. Der Beamte hinter dem Schalter streifte ihn mit einem flüchtigen Blicke, hielt ihn für einen anderen, schob ihm ein Billet erster Klasse hin und sagte während des Herausgebens auf zwei Zehnernoten:

»Eile, Herr Baron, höchste Zeit.«

»Träger! Wo ist der Träger?« rief Bertram und vergaß völlig, daß der ein Schuft, ein Strolch war und die Bagage entwendet hatte.

»Was für a Nummer?« fragten ein paar Blousenmänner.

»Weiß ich’s?« Und noch einmal rief er, aber schon völlig hoffnungslos: »Träger!«

Siehe, da kam der Strolch aus dem Magazin herausgelaufen und hatte ein vertraueneinflößendes Gesicht und sprach: »Da drin hat einer an Koffer falsch aufgegeben.«

»Den meinen,« stöhnte Bertram.

»Na, na, den Ihren nit. Jetzt aber machen’s g’schwind. Wo is Ihr Billet?« Er bemerkte die Aufregung des Reisenden und lächelte – die Nervösen sind die einträglichsten – nahm ihn unter seinen väterlichen Schutz, führte ihn zur Wage und wieder an einen Schalter – was das für unnöthige Förmlichkeiten sind! und wieder hieß es bezahlen, und Bertram glaubte zu bemerken, daß ihm ein Fünfer fehle. Jetzt aber war nicht Zeit, nachzusehen, das zweite Läuten ertönte, und Bertram verlor völlig den Kopf. Er riß seinen Regenschirm dem Träger aus der Hand, rannte durch die Halle über die Treppe, durch den Wartesaal an dem verblüfften Portier vorbei auf den Perron.

Dort wieder ein schreckliches Gedränge und grausame Rücksichtslosigkeit gegen den Nächsten. Mit den Ellbogen, den Knieen, den Füßen wird gerungen, gestoßen, gepufft. Die Männer denken nur an sich, die Frauen nur an ihre Brut, nie wird Bertram einen Platz erobern; auf den Faustkampf ist er nicht eingerichtet. Er bleibt stehen, sieht den Anderen nach und hat einen neuen verzweifelten Anfall von Menschenverachtung.

»Sie! Herr!« schreit ihm plötzlich jemand in die Ohren. Er wendet sich um, und vor ihm steht sein Träger, der gute Kyklop. Er hat sich Bahn gebrochen bis zu ihm und bringt ihm den Gepäckschein, die Handtasche und das Portemonnaie:

»Das alles haben’s bei der Wag liegen lassen,« spricht er, grüßt militärisch und will enteilen. Aber Bertram ruft ihn zurück, sein Herz quillt über vor Beschämung und Rührung. Wie unrecht hat er einem Ehrenmann gethan! Er sucht nach in seiner Geldtasche, ein Fünfer ist noch drin, muß noch drin sein, den Fünfer hat er nicht ausgegeben, aber er findet oder sieht ihn jetzt nicht, knüllt krampfhaft alles Papierene, das ihm zwischen die Finger kommt, zusammen und schenkt es dem Ehrenmann. Dann rennt er weiter, die Ufer der tobenden Menschenfluth entlang. Hinein wirft er sich nicht, das nicht, o pfui! ihm graut.

Mit Verzweiflung fand er sich plötzlich fast allein auf dem Perron. Der ungeheure Zug hatte alles geschluckt. Aus den Fenstern, unter denen Bertram herumirrte, zu denen er hülfeflehend emporsah, blickten böse Gesichter, drohende Augen auf ihn nieder. »Alles besetzt!« riefen grausame Stimmen. Einzelne, noch offen stehende Thüren wurden von innen heftig zugeschlagen.

»Einsteigen!« donnerte ein Schaffner dem armen Ausgeschlossenen zu, und der stöhnte:

»Wo?«

»Welche Klasse?«

»Erste.«

»Was kriechen’s also da herum? Also zurück, ganz hinten!« braust der Schaffner auf, selbst schon im Begriff, seinen luftigen Sitz zu erklettern, und der schreckliche Mensch an der Glocke hebt den Schwengel zum dritten Läuten.

Da öffnet sich der Schlag des letzten Waggons, ein junger Mann steckt den Kopf heraus und winkt dem athemlos heranstürmenden Bertram: »Da her, da ist noch Platz!«

Wenige Sekunden später setzte Bertram den Fuß auf das erste Trittbrett, sein Retter streckte ihm die Hand entgegen, er ergriff sie und ließ seinen Regenschirm fallen und sah sich nicht einmal nach ihm um, erklomm das zweite Trittbrett und stand im Wagen keuchend, verstört. Im selben Augenblick wurde die Glocke geläutet – ein durchdringender Pfiff – ein Ruck, Bertram taumelte und saß, aber so schlecht, daß er gleich wieder aufsprang.

Der junge Mann hatte einen Schrei ausgestoßen: »Donnerwetter, was thun Sie denn? Aber um Gotteswillen, Sie setzen sich ja auf meine Tauben!«

III.

Auf dem Ecksitze des Halbcoupés, in das Bertram hereingestürzt war, stand ein Vogelbauer, und in dem befanden sich zwei prächtige Ringeltauben, die ganz erschrocken über die plötzliche Verfinsterung ihres Lokals, Töne des Entsetzens ausstießen und mit den Flügeln schlugen. Ihr Eigenthümer bemühte sich, die in eine Plattform verwandelte Kuppel ihres Bauers aus Draht wieder zurecht zu biegen, und Bertram konnte kein Ende finden mit Entschuldigungen:

»Es ist hoffentlich nichts geschehen?« fragte er besorgt.

»Den Tauben nichts. Aber so lach’ doch nicht,« wandte der junge Mann sich an seine Begleiterin, die in der anderen Ecke saß, und in der Bertram die anmuthige Frau erkannte, deren wenig schmeichelhafte Aufmerksamkeit er schon auf dem Bahnhofe erregt hatte. Trotz der redlichsten Mühe vermochte sie das helle, herzerquickende Lachen, in das sie ausgebrochen war, nicht zu unterdrücken. Sie entschuldigte sich:

»Verzeihen Sie, es ist aber zu spaßig gewesen, der Schreck meines Mannes und dann der Ihre.«

»O, gnädige Frau, was mich betrifft, lachen Sie weiter, es klingt so schön,« erwiderte Bertram.

Da wurde sie sogleich ernst und lud ihn ein, sich zu setzen. Er wollte seinen Platz durchaus mit dem Vogelbauer theilen, durfte aber nicht, mußte sich allein in die Ecke placiren. Der Ehemann, der auffallend schöne, braune Augen hatte und kurzgeschorene, schwarze Haare, stellte die Tauben auf den Mittelsitz, den auch er einnahm und sagte:

»Sie müssen sich’s bequem machen, Sie sind unser Gast. Wir haben das ganze Coupé genommen wegen der dummen Viecher und weil die Leute so kurios sind. Wenn einer mit einem Bettsack von hundert Kilo, sechs Kopfpolstern und drei Decken einrückt, sagt niemand was, bringt man aber einen Kolibri in den Waggon, schreien sie gleich: In den Ochsenwagen damit!«

Ein erbitterter Ausdruck tiefster Menschenverachtung lagerte wieder auf Bertrams Zügen: »Dummes, eingebildetes Volk!« brummte er. »Als ob man nicht hunderttausendmal besser aufgehoben wäre in der Nähe einer Taube als in der eines Tabakrauchers!«

Bei diesen Worten wechselte das Ehepaar einen Blick, dessen Bedeutung er sich nicht erklären konnte. Das setzte ihn in Verlegenheit; um sie zu verbergen und sich möglichst angenehm zu machen, begann er, die Tauben zu bewundern; ihre Größe, ihre sanfte Cedernholzfarbe, ihre Ringkragen à la Philippine Welser.

»Ja, ja, sind schön, wenn sie mir nur nicht davonfliegen,« sprach der junge Mann und betrachtete sie mit halb stolzen, halb bekümmerten Eigenthümerblicken, »ich habe sie in Wien gekauft für meine Zucht.«

»Sie züchten Tauben?« fragte Bertram voll Begeisterung. »Ich werde auch Tauben züchten, ja, ja, das ist meine Absicht, ich habe sie eben gefaßt. Ich werde alles thun, was man auf dem Lande thun kann.« Er war wie berauscht. Die kräftige Luft, der Sonnenschein, der Anblick der Felder in ihrer goldigen Pracht, rissen ihn hin. Unbeirrt durch das Erstaunen, das er mit seiner Beredtsamkeit erregte, fuhr er fort: »Ich werde hinter dem Pfluge gehen und singen mit Alexei Koltzow: Vorwärts Gäulchen, vorwärts, zieh die Ackerfurche. O weh!« unterbrach er sich, »ich citire wieder – Werkstattgewohnheit; ich bin wie der Kammerdiener im Proverbe Leclerqs, ich kann in der Freiheit die schönen Tage der Sklaverei nicht vergessen.« Er klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers an seine Stirn: »Nichts als Bücher da drin, todte Buchstaben. Ich bin nämlich – Gott sei’s geklagt, Litterat. Aber nicht lange mehr, bald schon – unnennbare Wonne – Bauer.«

Der Mann und die Frau wechselten wieder einen Blick, den Bertram dieses Mal verstand. Sie hatten sich zurückgelehnt, er beugte sich weit vor, um ihnen in die Augen sehen zu können. Es war ihm so wohlthuend. Diese Menschen schienen so ganz im reinen mit sich selbst, so friedlich, so ausgeglichen.

»Gnädige Frau,« sagte Bertram, »und Sie, mein edler Retter, Sie halten mich für geistesgestört, ich bin es nicht, ich bin nur entsetzlich nervös. Das wird man in meinem sogenannten Berufe, der nicht der meine ist. Ich bin ein Försterssohn und durch Natur, Geburt, Neigung zum Forstwesen bestimmt.«

Das Ehepaar antwortete mit »So?« – »Ja?« höflich, aber erschreckend kühl, er fühlte, daß er sich unangenehm machte, daß man sein Geschwätz zudringlich fand, und doch war’s, als ob ihm ein Teufelchen auf der Zunge säße, das auf ihr herumhüpfte wie auf einem Trampolin und ihn zwang, all die Überflüssigkeiten vorzubringen.

Die junge Frau benutzte die erste Pause, die er machte, um ihn zu fragen: »Ist es Ihnen sehr unangenehm, wenn ich rauche?«

Er verneigte sich: »O gnädige Frau, wenn Sie rauchen, ist es mir eine Ehre und ein Glück!«

Sie lächelte, jetzt fand sie ihn offenbar wieder komisch, griff in ihren Reisesack und entnahm ihm eine Cigarrentasche, ein Feuerzeug und die gestrige »Grenzenlose«, die mit dem Sonntagsfeuilleton.

»Jetzt will ich meinen Vogelweid erst genießen,« sagte sie zu ihrem Mann, »in der Stadt kommt man zu nichts. Ich hab’ gestern in die Zeitung grad nur hineingeguckt.« Sie brannte einen ziemlich großen Glimmstengel an, drückte sich behaglich in ihre Ecke und rauchte und las und vergaß in ihrer genußreichen Versunkenheit alles um sich her – nur nicht ihren Mann. Der hatte sich tief hinuntergleiten lassen auf seinem Sitze, einen Fuß an die Wand des Waggons gestemmt, den anderen überschlagen und sah unverwandt zu ihr hinauf.

»Er ist heut’ besonders gut, nicht wahr?« fragte er, wenn sie sich so recht zu unterhalten schien. Sie antwortete mit stummem Kopfnicken, und er suchte ihr Interesse noch zu erhöhen.

»Wart nur, lies nur, es wird immer besser.«

»Excellent!« rief sie plötzlich aus, »nein, der Vogelweid – wie ich den liebe!«

Bertram hielt sich nicht länger: »Sie haben Unrecht, gnädige Frau, das ist, ich bitte um Verzeihung, eine Geschmacksverirrung.«

Sie wurde roth, ihr Mann fuhr auf: »Erlauben Sie mir« –

»In keinem anderen Punkte hätte ich Ihnen etwas zu erlauben oder zu verbieten, Ihnen, meine gnädige Frau, oder Ihnen, mein edler Retter,« versetzte Vogel. »Aber in dem einen Punkte habe ich das Recht einer Meinung und die Pflicht sie auszusprechen. Sie dürfen mir glauben, daß dieses Feuilleton, das Ihnen besonders gut vorkommt, besonders schlecht ist, und daß Sie über etwas mühsam Zusammengequältes lachen. Lauter alte Witze und Späße, denen man aber ihr Alter nicht anmerken soll, immer das alte Ragout, nur mit neuem Überguß.«

»Erstens,« erwiderte die junge Dame, »haben Ragouts keine Übergüsse, sondern Saucen, und wenn mir die Sauce schmeckt. –«

»Unglücklicherweise. Sie sollten sich das Gebräu nicht schmecken lassen und würden auch nicht, wenn Sie wüßten, aus welchen Ingredienzen es besteht und mit wie niederträchtiger Künstlichkeit es eingerührt ist. Künstlichkeit – Karrikatur der Kunst! und natürlich auch Routine. Die Zwei bringen das Tränklein fertig, das dann den Leuten so leicht eingeht, wirklich wie nichts. Sie brauchen nur den Mund aufthun, es läuft von selbst hinein, das charakterlose, für jeden Gaumen berechnete Zeug!«

Das Ehepaar hatte dem aufgeregten Reisegefährten schweigend zugehört: »Sie sind vom Fach, man sieht’s,« sprach der Mann, und die Frau erklärte:

»Nein, nein! ich lasse mir die Freud’ an meinem Vogelweid nicht verderben. Sie sagen immer wegwerfend: das Zeug. Wie viele würden ihrem Gott danken, wenn sie solches ‘Zeug’ schreiben könnten.«

»Das gewiß. Es trägt ja viel mehr Geld ein, als das Herstellen guter, gediegener Kost. Und – Geld! ‘Am Gelde hängt, nach Gelde drängt’ &c. ist heute noch wahr, und bleibt es vielleicht noch ein Weilchen, bis uns die Sozialisten von dem elenden Tauschmittel befreien. Seien Sie ganz aufrichtig mit mir, gnädige Frau,« begann er nach einer kleinen Weile von Neuem. »Oder seien Sie es auch nicht – mit Worten, ich weiß doch was Sie denken, ich sehe Sie denken. Der Neid spricht aus dir, denken Sie, Sie irren. Der litterarische Bajazzo, den Sie in Schutz nehmen, und den ich angreife, der alte, verbitterte, müde Vogelweid flößt mir nicht den geringsten Neid ein, dazu kenne ich ihn zu gut, bin zu genau eingeweiht in die Geheimnisse seiner armseligen Journalistenexistenz. Ich bin ja selbst dieser Vogelweid. Habe die Ehre, mich noch einmal vorzustellen: Bertram Vogel, genannt Vogelweid.«

Es entstand eine kleine Verlegenheitspause.

»Sie glauben mir nicht?« fragte Bertram.

Doch! ja, sie glaubten ihm. Sie besannen sich jetzt, Porträts von ihm in illustrirten Blättern gesehen zu haben. Nicht sehr ähnlich, allerdings. Das entschuldigte, so hofften sie wenigstens. Der Retter nannte sich:

»Gerhart Neuhaus.«

»Graf Neuhaus,« rief Bertram und lüftete freudig den Hut, »ein Nachbar meines Gönners und Jugendfreundes, Hugo von Weißenberg? Es ist mir eine ganz besondere Ehre.«

»Uns auch,« sagten der Graf und die Gräfin, und man schüttelte einander die Hände. »Wir haben nicht nur viel von Ihnen gelesen, wir haben auch viel von Ihnen gehört,« setzte die junge Frau hinzu. »Sie sind doch auf dem Wege nach Obositz, bringen Ihre Ferien bei Weißenbergs zu, nicht wahr? Man kann Ihre Ankunft kaum mehr erwarten, wird Sie ganz anschließend in Beschlag nehmen. ‘Vogelweid will Niemanden sehen, er ist ein bißchen menschenscheu,’ reden Sie uns immer zu Gehör. Nun, daß Sie nervös sind, gebe ich zu, aber menschenscheu? davon haben wir nichts bemerkt.«

»Sie freilich nicht, meine Herrschaften, ich habe mich Ihnen an den Kopf geworfen und krame mein Innerstes vor Ihnen aus mit barbarenmäßiger Aufdringlichkeit. Stimmung! alles Stimmung! Ich bin ein Sklave meiner Stimmung! Das ist die Folge des unglückseligen Sichüberarbeitens. Arbeit ist der beste Inhalt unseres Lebens, Weisheit, Tugend, Gesundheit, Glück! Sich überarbeiten ist Fluch, ist der Tod aller unserer Fähigkeiten, nicht der geistigen allein, auch der moralischen. Man taugt nichts mehr, man verliert allen Halt ... Sehen Sie mich; ich perorire da unaufhaltsam und weiß, in einer halben Stunde, in fünf Minuten vielleicht, werde ich stumm sein wie ein Stock, nicht eine Silbe herausbringen und nicht mehr wissen, ob man sagt: Schöne Frau, ich habe die Ehre oder: Schöne Ehre, – ich hab’ eine Frau.«

Die Gräfin lachte: »Da sind Sie ja sehr zu bedauern.«

»In einem Jahre werde ich sehr zu beneiden sein, wenn ich mein Glück erlebe, wenn ich nicht früher überschnappe, es kommen mir manchmal so elend feige Gedanken.«

»Sie werden noch eine Menge Gutes erleben,« sagte der Graf. »Der kleine Besitz, den Weißenberg für Sie gekauft hat, ist sehr hübsch. Aber ich darf nichts verrathen, das sollen ja lauter Überraschungen werden.«

Die Augen Bertrams leuchteten, doch sprach er ängstlich: »Ich will mir nicht zu große Erwartungen machen. Alles hat zwei Seiten, auch mein Besitz wird sie haben. Vorläufig rechne ich mit Zuversicht nur auf ein ungetrübtes Glück. Auf das Glück, vier volle, gesegnete Wochen in einer unlitterarischen Umgebung zu verleben. Sie können nicht ermessen, was das bedeutet für einen Tintenmenschen wider Willen. Vier Wochen, in denen er kein Buch in die Hand nehmen braucht, in denen ihm kein Manuskript unter die Augen kommt, Niemand ein Autograph von ihm verlangt, vier Wochen himmlischer Seligkeit! Weißenberg war mein Schulkamerad, er ist mir der treuste Freund, meine Vorsehung ist er. O, wie freudig bin ich ihm zu ewigem Dank verpflichtet; in keines Menschen Schuld stände ich mit solcher Wonne, wie ich in der seinen stehe, und ich bin doch lieblos genug, mich weder auf ihn noch auf die Seinen so zu freuen, wie ich mich auf die absolut litteraturfreie Atmosphäre seines Hauses freue.«

Der Graf räusperte sich, die Gräfin sah befremdet aus. »Wann waren Sie zum letztenmal in Obositz?« fragte sie.

»Vor vier Jahren.«

»Stehen Sie nicht in Korrespondenz mit Ihrem Freunde?«

»Alle Jahr zweimal schicke ich ihm Geld, und er schickt mir eine Empfangsbestätigung. Ein litterarischer Taglöhner wie ich, schreibt nicht Briefe zu seinem Vergnügen, und Freund Weißenberg schreibt überhaupt nicht. Bei meinem letzten Besuche wollte er einen Überschlag machen, dazu mußten wir in die Kanzlei gehen, weil die Tinte im Schreibzeug des famosen, männlich thätigen Mannes eingetrocknet war. Und seine liebenswürdige Gattin, die keinen Anspruch auf klassische Bildung macht, und ihre schöngeistigen Bedürfnisse mit ein paar Familienblättern bestreitet ... Bei ihrer letzten Anwesenheit in Wien waren wir im Burgtheater und sahen Egmont. Am Schlusse sagte sie: ‘Der Egmont ist doch das schwächste Stück von Laube.’ Eine verehrungswürdige Frau!«

Die Thür des Coupés wurde geöffnet, der Schaffner trat ein und bat um die Fahrkarten. Bertram zog sein Portemonnaie heraus, suchte, fand nichts, wurde kreideweiß, griff in die Brusttasche, und fand auch da nichts.

»Wie kommt dieser Herr herein, der Herr Graf haben doch das ganze Coupé genommen?« sprach der Schaffner.

»Und ich habe eine Karte genommen und bezahlt,« schrie Bertram. Er war aufgesprungen und griff verzweiflungsvoll in alle seine Taschen. »Und dann – was hab’ ich dann gethan?« Ihm ward plötzlich alles klar und die Schamröthe stieg ihm ins Gesicht: »Dann habe ich einem Komfortabler fünf Gulden gegeben, und der Mensch hatte es nicht verdient, denn er war sehr grob; und ich habe einem Träger, einem ausgezeichneten Manne, statt des Trinkgeldes, das ich ihm zudachte, meine Fahrkarte und meinen Gepäckschein in die Hand gedrückt. Nein,« brach er aus, »daß ich reise ohne ein paar Kinderfrauen mitzunehmen, eine zur Rechten und eine zur Linken, daß ich überhaupt reise – ein Mensch, wie ich!«

IV.

Auch der Graf war aufgestanden, er drückte Bertram auf seinen Sitz zurück und redete ihm zu, sich zu beruhigen. »Sie sind mein Gast im Coupé, Sie fahren mit der Taubenkarte, und Ihren Koffer müssen wir halt schauen ohne Gepäckschein herauszukriegen. Nach Hullein ist er aufgegeben, da steigen wir ohnehin zusammen aus.«

Er besprach sich halblaut mit dem Kondukteur, Bertram verstand nur einzelne Worte, es sauste ihm so furchtbar in den Ohren. Aber jetzt erhob sich die Stimme der jungen Frau, die auf eine nur geflüsterte Bemerkung des Schaffners laut erwiderte:

»Es war der große Michel, und der Koffer war neu und aus gelbem Leder, ich habe ihn gesehen und erkenne ihn gleich wieder.«

Dann schienen der Graf und der Schaffner einen Händedruck zu tauschen, und der Schaffner wurde ein Lauzun an Höflichkeit, gab die tröstlichsten Versicherungen und entfernte sich, alle, auch Bertram grüßend.

Der lebte auf, aber noch recht dürftig, war ganz Weichheit und Wehmuth und so voll Dankbarkeit gegen seine Wohlthäter wie ein glücklich Operirter gegen seine Ärzte.

Nach Journalistenbrauch dachte er im allgemeinen ziemlich gering von den Aristokraten, und staunte, daß gerade zwei Angehörige dieser Menschenklasse sich frei von der rohen und egoistischen Rücksichtslosigkeit zeigten, die fast jeden ergreift, sobald er einen Bahnhof betritt: »Ja, ja,« sagte er plötzlich laut, »willst du deinen Nächsten kennen lernen? Sieh dir ihn an im Gedränge und im Eisenbahnwaggon!«

Vogel wurde allmählich wieder beredtsam, seine Reisegefährten verstanden gar diskret und mit achtungsvoller Theilnahme zuzuhören, und so hatte er, er wußte selbst nicht, wie’s geschah, den fremden Leuten, bevor man Lundenburg noch erreichte, wo die große Kofferagnoscirung ins Werk gesetzt werden sollte – seine Lebensgeschichte erzählt.

Er war der Sohn eines seltsamen Ehepaares, nicht seltsam als einzelne für sich, seltsam als Paar, als glückliches, liebendes Paar. Der Vater, Sohn und Enkel von Forstleuten, ein Jäger durch und durch – alle Jäger sind gute Menschen, sagt Turgeniew – von klassischer Bildung nicht angeleckt. Aber auch kein Feind von Büchern, keineswegs; er las sie nur nicht. Wo hätte er die Zeit hergenommen Allotria zu treiben, er ein Oberförster, verantwortlich für das Thun und Lassen eines großen Personals und für jedes Stück Wild und für jeden Baum in einem Komplex von zweitausend Joch Wald! Er hatte immer zu thun, zu thun, was er gern that, höchste irdische Seligkeit! So mühe- und oft gefahrvoll sein Tagewerk gewesen sein mochte, er kam am Abend zufrieden heim, küßte seine Frau und seinen Jungen, hing sein Jagdzeug an den Rechen, versorgte seine Hunde und setzte sich zu Tisch mit gehörigem Waidmannshunger und -durst. Wenn die gestillt waren, zündete er seine Pfeife an, und nun kam das Plauderstündchen. Meistens sprach der Vater allein, und sein Junge hörte ihm mit begeisterter Aufmerksamkeit zu, weil sich’s um Kulturen handelte, um den Holzschlag, um Hunde, um Wild und Wilddiebe. Und auch die Frau hörte ihn immer gern erzählen, nicht weil ihr Interesse an den Dingen, von denen er sprach, groß war, sondern weil sie ihn liebte, ihren braven alten Mann. Innigst liebte, trotz der großen Verschiedenheit ihres Alters und ihres geistigen Horizonts. Sie war die Tochter eines Professors an der Wiener Universität, und die Umstände, unter denen das hochgebildete schöne Gelehrtenkind den einfachen Jägersmann vom Lande kennen lernte und sich in ihn verliebte, würden den Stoff zu einem wunderlieblichen Novellchen bieten. Nur schade, das Publikum, dem dieses Novellchen gefallen würde, liegt mit unseren Großmüttern begraben.

»Kennen Sie,« fragte Bertram, »das liebenswürdige Buch: Als der Großvater die Großmutter nahm? Da hinein würde das Novellchen gehören. Immer begiebt sich dasselbe, das Thun der Menschen bleibt sich beständig gleich, aber was die anderen von diesem Thun wissen wollen, darüber entscheidet die Mode. Alle großen Strömungen in der Weltgeschichte, alle Richtungen in der Wissenschaft, in der Kunst – Sache der Mode, nichts weiter.«

Das Ehepaar wollte Einspruch gegen diese Behauptung erheben, Bertram schnitt jede Kontroverse mit dem Ausruf ab:

»Ich habe eine glückliche Kindheit gehabt! Die beste Lehrerin, die ich hätte finden können, war auch die einzige, von der ich Unterricht erhielt: meine Mutter. Nun aber das Unglück: ich hatte ein merkwürdig gutes Gedächtniß; es machte mir das Studiren zu leicht und deshalb bis zu einem gewissen Grade unfruchtbar. Das Wissen ‘flog mir am Kopfe vorbei,’ um einmal wieder zu citiren und zwar Lichtenberg. Nur Freude war für mich, was man Arbeit nannte, und Hochgenuß die Erholung – das Wandern durch den Wald mit meinem Vater. Es hat eine Zeit gegeben, in der ich jeden Baum, jeden Strauch, jede Blume kannte, ‘von Namen und von Angesicht,’ und den Gesang jedes unserer Waldvögel nachmachen konnte, daß man ihn selbst zu hören glaubte. Ja, die Kindheit war schön. Und das alles auf einmal wie abgeschnitten. Mein Vater wurde eines Tages nach Hause gebracht – todt. Bauern, die an der Waldgrenze jagten, hatten ihn erschossen. Absicht? Zufall? es ist nie herausgekommen. Von den Geschworenen sind die Thäter freigesprochen worden. Das begab sich kurz bevor das große, wie man einst sagte: herrschaftliche Gut, auf dem mein Vater und seine Vorfahren durch Generationen das Oberförsteramt versahen, unter den Hammer kam. Ein junges, nichtsnutziges Früchtlein von einem Majoratsherrn hatte das väterliche Erbe, wenige Jahre, nachdem er es antrat, verspielt, verlumpt.

Meine Mutter wurde abgefertigt mit einer kleinen Summe, die ich aber für einen unerschöpflichen Reichtum hielt. Wir zogen fort aus dem Haus im Walde, nach einem Provinzstädtchen, wo ein Bruder meiner Mutter an der Spitze des Gymnasiums und einer zahlreichen Familie stand. Lauter Buben, und alle studirten, und nun war’s selbstverständlich, daß auch ich studirte. Ich that’s ungern, weiß Gott, aber nicht schlecht, dank meinem lächerlichen Gedächtniß. Als Vorzugsschüler zog ich durch die Klassen. Von Zeit zu Zeit bäumte es sich in mir auf: ‘Mutter, ich will nicht Philologe werden und Bibliothekenstaub schlucken. Ich will ein Förster werden und leben im thauigen Wald, Bäume pflanzen, Wild hegen.’ – ‘Alles schön,’ sagte sie, ‘aber klassische Bildung ist doch das Höchste. Lerne wenigstens den Schatz kennen, den die Menschheit an den Klassikern besitzt, lerne ihre erhebende, veredelnde Macht empfinden.’

Sie selbst war eine tüchtige Lateinerin, und wenn wir an Winterabenden beisammen saßen, las sie mir vor aus ihren geliebtesten Autoren, und dabei bebte leises Entzücken in ihrem Tone, und ihr feines weißes Gesicht verklärte sich. Ich wieder deklamirte deutsche Gedichte, ich war zu fünfzehn Jahren eine wandelnde Anthologie. Mein kleinwinziges, musikalisches Talent half das Unheil vollenden. Aus den vielen Versen und dem bißchen Musik entstand ein Summen, das herauskommen mußte und herauskam in einer Form, die blinde Mutterliebe und meine unerfahrene Jugend für Poesie hielten. Es regnete nicht, es schüttete Gedichte. Die Pseudomuse kargte nicht. Sie spendete ihr Reimgeklingel bei jedem Anlaß, bei Geburtstagen der Professoren, beim Schluß des Studienjahres, bei Fahnenweihen &c. Viele dieser Dithyramben erschienen im Wochenblatt, und wenn meine Mutter mich »gedruckt« sehen konnte, war sie glücklich.

In vorgerückten Jahren begann sie auf einmal gesellig zu werden. Sie ging regelmäßig bei jedem Wetter und an jedem Wochentage zu Bekannten, wie sie sagte, und kam manchmal je nach der Jahreszeit, erhitzt, regentriefend oder durchfroren heim. Und zu meiner Betrübniß zog sie immer dieselben Kleider an, und die wurden nur noch mit viel Kunst und Mühe in leidlichem Stand erhalten. Ich sah meine Mutter aber auch elegante Toilettenstücke anfertigen, die sie niemals trug. Sie liebte es nicht, bei solchen Arbeiten von mir überrascht zu werden, verbarg sie gleich im Schranke, wenn ich eintrat. Trotzdem kam es mir einmal vor, als feiere ich ein Wiedersehen beim Anblick einer Sammetmantille auf dem Rücken der Bürgermeisterin.

‘Mutter’, sagt’ ich, ‘die Bürgermeisterin hat deine Sammetmantille.’ ‘Wieso? ich werde doch keine Sammetmantille haben.’ ‘Aber gemacht hast du sie, ja, ja, ganz gewiß, und verschenkt, oder – Mutter!’ Ihre Verlegenheit erweckte einen beschämenden Verdacht in mir, und er hatte ein Gefolge von peinlichen Gedanken.

Meine Mutter verheimlichte mir allerlei. Es kamen manchmal Briefe mit kleinen Geldbeträgen von räthselhafter Provenienz ins Haus. Meine Mutter arbeitete doch nicht um Geld? Wir waren ja wohlhabend. Und wenn der Hausherr neulich den überhöflichen Bückling, den meine Mutter ihm machte, nur mit einem Kopfnicken erwidert hatte, so hieß das eben: Ich bin ein Flegel, und nicht: Sie sind im Rückstand mit dem Miethzins. Von Geldnoth konnte bei uns keine Rede sein. In der Schule galt ich für reich. Hatte ich nicht alles, was ich brauchte, waren meine Kleider nicht immer in bestem Stand? Fand ich nicht immer beim Heimkehren einen für mich gut besetzten Tisch? Alle diese Fragen konnte ich bejahen und wurde doch den Zweifel nicht los, der mich überkommen hatte und sprach: ‘Wenn die Renten nicht ausreichen, um den Miethzins zu bezahlen, so nimm doch einmal vom Kapital.’ Sie erwiderte mühsam und mit leiser Stimme: ‘Unser Kapital hat einst aus dreitausend Gulden bestanden. Die Renten reichten nicht aus, um uns leben zu machen, ich habe Jahr für Jahr das Kapital angreifen müssen. Da hat es sich denn sehr verringert, das heißt, nein,’ sprach sie und öffnete mir die Arme und zog meinen Kopf an ihre Brust, ‘es hat sich verwandelt, aus sehr Schätzbarem in Unschätzbares. Unser Kapital, das bist jetzt du, das ist deine kräftige Gesundheit, deine rothen Wangen sind’s, deine guten Augen.’

Ich war sehr enttäuscht und sagte: ‘Außerdem haben wir aber doch noch etwas?’ Sie lächelte: ‘Etwas weniges – mich und meine Arbeitskraft.’

Einige Tage danach erkrankte sie schwer und verlor das Bewußtsein. Und während sie dalag in Fieberträumen mit geschlossenen Augen, gingen mir die Augen auf. Der Arzt hatte Eisumschläge verordnet, ich mußte die Tücher dazu aus ihrem Schranke, einem Häng- und Legeschrank, nehmen, den sie – gar oft hatte ich sie damit geneckt! – immer vor mir versperrt hielt. Wie ein Dieb kam ich mir vor, als ich den Schlüssel aus der Lade ihres Tisches nahm und den Schrank öffnete.

Auf den ersten Blick errieth ich das Geheimniß, das sie darin vor mir verbarg, das Geheimniß ihrer tiefen Armuth. Da hingen ein paar Gewänder, der Rest ihrer einst wohlbestellten Garderobe, und gewannen eine Sprache, in der sie sagten: Sieh uns an, wir sind in Wirklichkeit anders, als wir uns ausnehmen, wenn uns die Herrin trägt; ganz ausgedient und lebensmüde, kein guter Faden ist mehr an uns. Blüthenweiß und fein geplättet war auf den Legebrettern, um sie nur halbwegs zu bedecken, die Wäsche Stück für Stück nebeneinander gebreitet. Alles geflickt und wieder geflickt mit beispielloser Sorgfalt. Ich hatte meiner Mutter oft einen Vorwurf gemacht aus diesem Sparsamkeitsfleiße. Aber da sagte sie: ‘Nähen kann bald eine, zum Flicken braucht man Bildung,’ und citirte das schöne Gedicht von Annette von Droste: Die junge Mutter. – ‘Ob man den Schleier um die Wiege hing, den Schleier, der am Erntefest zerrissen? Man sieht es kaum, sie flickte ihn so nett, daß alle Frauen höchlich es gepriesen.’

Auf einem Taschentuche lag ein Säcklein aus verblichenem Seidenzeug mit Lavendelblüthen gefüllt, eine Erinnerung an unsern Garten am Försterhaus. Die Blüthen einzusammeln, war meine Arbeit. Ich that sie gern und trug dann ihre Spuren als starken, erfrischenden Duft tagelang in meinen Kleidern. Die Blüthen im Säcklein strömten ihn längst nicht mehr aus; sie waren nur noch Staub.

Auch Schriften lagen im Schranke. Etwas vom Gericht, die Aufkündigung unserer Wohnung, Rechnungen für Modeartikel, von der Hand meiner Mutter geschrieben, und mit dem offenbar zagend hingesetzten Worte: ‘Duplikat’ versehen, aber nicht abgeschickt. Ein Brief mit der demüthigen Bitte, das Honorar für dreißig Unterrichtsstunden gütigst entrichten zu wollen, gleichfalls nicht abgeschickt. Sie hatte gearbeitet, Unterricht gegeben, um die ihr gebührende Entlohnung gebettelt. Gott weiß, wie oft umsonst. Sie hatte gedarbt und gekargt, schweigend und glücklich, daß sie’s für mich thun konnte – bis sie zusammenbrach.

Das alles erzählte mir der alte Schrank, und ich stand vor ihm ... Der Frömmste der Frommen hat noch nie andächtiger vor dem allerheiligsten Tabernakel gestanden.

Mit der Andacht war uns aber nicht geholfen, und helfen galt’s, und wenn ich ein Kapital war, galt’s Zinsen tragen.

Vor kurzem, da ich in der Redaktion des Wochenblattes mein Honorar für ein Gedicht abholte, das der Herausgeber zu einer offiziellen Feier bestellt hatte, sagte der zu mir: ‘Ihre Gedichte sind recht schön, wenn Sie aber die Leier, von der in jedem die Rede ist, in die Ecke werfen, und mir einige pudelnärrische Feuilletons leisten wollten, würde dabei für mich und Sie mehr herausschauen, als bei all dem Schwung. Aber der Humor! woher nehmen und nicht stehlen? Sie schon gar. Immer umrauscht von Zaubertönen und verheirathet mit den Kamönen. Von Zeit zu Zeit eine kleine Untreue thät nicht schaden, die verzeiht man auch dem besten Ehemann, aber freilich das Zeug dazu müßte man haben.’

Teufelmäßig gelockt hatte es mich, ihm gleich zu zeigen, daß ich »das Zeug« besaß, und daß die Kamönen, so eng verbunden ich mich auch mit ihnen hielt, mir doch noch nicht die Schlafhaube über die Ohren gezogen hatten.

Meine Herrschaften, am Bette meiner schwerkranken Mutter habe ich mein erstes lustiges Feuilleton geschrieben, und bin dabei – dummer Junge, der ich war – selbst lustig geworden. Eine große Zuversicht erfüllte und beseligte mich durch und durch: Morgen lacht das ganze Städtchen mit mir, und wir bekommen Geld, und meine Mutter wird gesund, denn ich kaufe ihr die theuersten Medikamente und die besten Sachen zum essen und alles was sie freut.

Als ich fertig war mit meiner Arbeit und sie überlas, mußte ich mir den Mund zuhalten, um nicht laut aufzulachen, um nicht einen Jubelschrei auszustoßen, der meine Mutter geweckt hätte. Sie schlief sanft, und ich wagte nicht näher zu treten, schickte ihr nur einen langen, innigen Kuß zu und dachte: Meine Mutter ist jetzt auch mein Kind.

Meine kühnsten Träume sind in Erfüllung gegangen. Ich habe – welch ein Glück für den Geldmacher, welch ein Unglück für den Künstler! nie einen Mißerfolg gehabt, nur mehr oder weniger Erfolg. Zu zwanzig Jahren war ich Redakteur des ehemaligen Wochenblattes, das ich in ein Journal verwandelt hatte, von dem die großen Zeitungen in Wien Notiz nahmen. Dahin erhielt ich einen ehrenvollen Ruf in die Redaktion der ‘Grenzenlosen’. In Wien ist, jetzt sind es schon zwölf Jahre, meine Mutter, in der Überzeugung, daß sie der Welt in ihrem Sohne einen großen Schriftsteller hinterließ, bis zum letzten Augenblick zufrieden und glücklich, gestorben.«

Er hatte immer leiser gesprochen, sich immer mehr vorgebeugt, seine Arme lagen auf seinen ausgespreizten Knien, er hielt die flachen Hände an sein Gesicht gepreßt. Plötzlich fiel auf den Teppich des Waggons eine Thräne, die er rasch mit dem Fuße verwischte. Er wandte den Kopf, sah zum Fenster hinaus und sprach mit etwas erzwungenem Entzücken: »Sehen Sie doch das schöne Kartoffelfeld. Ich möchte auch ein Kartoffelfeld haben!«

Der Zug fuhr in eine große Station ein. »Lundenburg,« riefen die Condukteurs und öffneten die Thüren der Waggons.

»Jetzt wird Ihre Koffergeschichte in Ordnung gebracht,« sagte der Graf, stieg aus, und Bertram mußte ihn zum Gepäckswagen begleiten, wo er von »autoritativer Seite« die Versicherung erhielt, daß sein Kollo in Hullein ausgeladen werden solle.

Ins Coupé zurückgekehrt, brauchte er einige Zeit, um sich von seiner neuen Gemüthsbewegung zu erholen, und sprach nur noch so viel als nöthig war, um die teilnehmenden Fragen seiner Reisegefährten zu beantworten.

Er hatte nach dem Tode seiner Mutter einen einstigen Schulkameraden, Hugo von Weißenberg, auf dem Lande besucht, und damals schon den Entschluß gefaßt, an Fleiß zu leisten, was ein Mensch nur leisten kann, zu sparen wie ein Geizhals, und wenn er das nöthige Geld zusammengebracht haben würde, ein Gütchen zu kaufen, auf dem er leben wollte nach seinem Sinne als Bauer, als Jäger. Vor mehreren Jahren schon hatte Weißenberg den kleinen Besitz für ihn erworben, aber damals war noch kein Wohnraum da, kein Stück Vieh, kein Ackergeräth, nichts.

»Alles Fehlende mußte erschrieben werden. Der beste, fürsorglichste Freund, der sich mit dem Instruiren meines zukünftigen Tusculum plagt, als gälte es seinem eignen Sohn eine Heimstätte einzurichten, sagt immer noch: ‘Arbeite weiter, ein kleines Betriebskapital mußt du haben, du verhungerst ohne Betriebskapital!’

Jetzt will ich mich ihm vorstellen, und zu ihm sprechen: ‘Sieh mich an, dahin hat die Litteratur mich gebracht. Ist’s nicht besser im Freien verhungern, als überschnappen in einer zugigen, lichtlosen Kammer? Ich brauche Ruhe, Ruhe vor der Litteratur.’«

»Mögen Sie die in Obositz finden,« erwiderte die Gräfin. Sie stand auf und trat ans Fenster, an dem Bertram saß. »In fünf Minuten sind wir angelangt, nehmen wir jetzt schon Abschied.« Auch der Graf trat heran: »Auf baldiges Wiedersehen; sagen Sie Freund Weißenberg, daß wir nächstens kommen, ich bitte, Herr Doktor.«

»O, Herr Graf, ich bin nicht Doktor.«

»Wie titulirt man Sie also?«

»Vogel, ganz einfach.«

»Was mich betrifft,« sagte die Gräfin liebenswürdig, »ich bleibe bei Vogelweid. Meine Erklärung habe ich Ihnen schon gemacht und pflege nichts zurückzunehmen.«

»Gerhart, da sind die Kinder,« wandte sie sich an ihren Mann.

Vor der Bahnhofstation, in Begleitung eines kleinen, alten, unbeschreiblich munter dreinblickenden Kindermädchens, warteten ein braunes, schlankes, etwa sechsjähriges Knäblein und seine noch jüngere, vor Lebhaftigkeit sprühende, blonde Schwester. Sie jubelten: Vater, Mutter, und die Gräfin antwortete ihnen nicht, winkte ihnen nicht zu, hielt die Arme gekreuzt, aber ein Ausdruck von tiefinnerlichem Glück breitete sich über ihr Gesicht, und ihre Augen lachten die Kinder an.

Bertram wollte ihr beim Aussteigen behülflich sein, sie war schon herabgehüpft und hatte dabei ihre Reisetasche in der Hand behalten, und nicht einmal ihren Regenschirm fallen lassen. Ihr Mann folgte ihr, er trug die Reisetasche Bertrams, und der sah nun, in Aufmerksamkeit ganz versunken, der freudigen Begrüßung zwischen den Eltern und den Kindern zu.

»Ich möchte auch Kinder haben,« sagte er plötzlich.

»Tauben, Erdäpfelfelder und jetzt auch noch Kinder? Ach, lieber Herr Nachbar, zu denen kommt man, ehe man sich’s versieht,« sprach der Graf.

Bertram aber schrie auf: »All ihr Götter, ich vergesse ja ganz, wo ist mein Koffer?«

»Da steht er, auf der Strecke.«

Wahrhaftig! Da stand er wie von unsichtbaren Händen hingetragen. Er stand, während der Zug, in dem er sich eben befunden hatte, davonbrauste. Doch eine großartige Erfindung, die Eisenbahn!

V.

Eine Viertelstunde später fuhr Bertram auf breitem Wege zwischen Baumgruppen, Wiesen und Gebüschen dem Schlosse Obositz zu. Unter den grünumrankten Säulen des Altans erwartete Weißenberg, umringt von seiner ganzen Familie, den werthen Gast. Der Hintergrund wurde von der Dienerschaft ausgefüllt. Sonntäglich angethan, in schneeiger Weste schwenkte der Freund das Taschentuch und schrie aus Leibeskräften: »Willkommen!« In der ganzen Gruppe entstand eine freudige Bewegung, und in den Zuruf des Hausherrn mischten sich einzelne Vivats.

Es schien Bertram unmöglich, daß dieser feierliche Empfang ihm gelte; er wendete sich, um zu sehen, ob nicht hinter ihm der Statthalter einherfahre, oder der Bischof. Aber er erblickte nur ein Staubwölkchen, das die Räder des Wagens aufgewirbelt hatten. Ach, und rings dufteten die Wiesen, und im Zweige eines breitblätterigen Lindenbaumes wurde eine Vogelsoirée mit Gesang und Wettflügen abgehalten.

Die Pferde waren in vollem Lauf, und ihr Lenker trieb sie noch an. Vom Wunsche beseelt, sich auszuzeichnen, wollte er vor dem Altan plötzlich pariren. Das Kunststück mißlang, die Equipage schoß wie der Blitz an den Herrschaften vorbei und dem Stalle zu.

»Holla, halt!« rief der Baron, riefen die männlichen Diener und rannten nach, und sämmtliche Schloßhunde setzten sich mit wüthendem Gebell an die Spitze des Zuges. Nach wenigen Augenblicken riß der Kutscher sein Gespann zusammen, aber Bertram hatte Zeit genug gehabt, um voll Erbitterung vor sich hin zu knirschen: »Bravo! wir liegen schon. Wenn das nicht scheitern heißt im Hafen!«

Der Wagen hielt, und in der nächsten Minute reichte Weißenberg dem Freunde die Hand. Sie hatte Schwielen. »Bist einmal da, endlich!«

»Endlich!« wiederholte Bertram, stieg aus und trat dem Schoßhündchen der Frau Baronin, das ihn umwedelte, auf die Pfote. Es entfloh heulend und er rief: »Himmel, wieviel Unglück habe ich heute mit Hausthieren!«

Die stattliche und gütige Wirthin war herbeigeeilt: »Es thut nichts, gar nichts, trösten Sie sich,« sprach sie huldvoll, »Paffi ist selbst schuld, warum drängt sie sich so heran? Freilich hat sie eine Entschuldigung; die Getreue machte sich zum Dolmetsch unserer Gefühle.«

Das Gesicht Weißenbergs leuchtete vor freudigem Stolze, während seine Gemahlin diese vortreffliche Ansprache hielt, und er massirte – bei ihm ein Zeichen hoher Erregung – sein rundes, ausrasirtes Kinn kräftig mit dem ringförmig zusammengebogenen Daumen und Zeigefinger seiner Rechten.

Bertram verbeugte sich, küßte der Baronin die Hand und erhaschte einen Blick aus ihren noch immer schönen Augen – er traute den eignen nicht – wahrlich einen zärtlichen Blick. Man trat unter das Portal; alte Bekanntschaften wurden aufgefrischt, neue gemacht.

Sieglinde, die Tochter des Hauses, vor vier Jahren ein schmales Backfischchen, prangte jetzt in vorzeitig strotzender Fülle. Sie litt zum Erbarmen unter den Ausbrüchen der Verwunderung, die sie durch ihre bavarienhafte Erscheinung bei aller Welt hervorrief, und kämpfte bis zum Weinen mit beständigem, unmotivirbarem Erröthen.

Den Gegensatz zur Schwester bildete Hagen. Das »Jungelchen,« wie seine Mutter ihn nannte, war zwar hoch aufgeschossen, aber mager und fahl; es hatte ziemlich dünne, blonde Haare und blasse Augen von unbestimmter Farbe, ein aufgestülptes Näschen und einen großen Mund mit dünnen Lippen. Er wurde vorgestellt als Lateiner und Grieche:

»Ja, ja, bereits Schüler, beinahe Vorzugsschüler der sechsten Klasse. Und hier,« die Baronin machte eine so zierliche Handbewegung wie eine Ballettänzerin, die ein Bouquet überreicht, und deutete auf einen jungen Mann von breiter Statur, mit röthlichen Haaren und röthlichem Schnurr- und Backenbarte: »Herr Doktor Meisenmann, der freundliche Gesellschafter und Professor unseres Sohnes.«

Man begrüßte einander, und Bertram hütete sich wohl zu fragen, wozu der Gymnasiast, der beinahe Vorzugsschüler war, einen eignen freundlichen Professor brauche.

Der Zimmerwärter kam herbei: »Bitte um den Kofferschlüssel, daß ich auspacken kann,« sprach er mit der Ungenirtheit und Wichtigthuerei verwöhnter alter Diener und nahm das Verlangte in Empfang, indem er dem Gaste vertraulich zunickte.

Weißenberg belohnte ihn mit einem: »Sehr gut, Vater Simon,« hieß ihn vorausgehen und nahm den Arm Bertrams. »Wir folgen, komm, ich führe dich. Nicht depreciren! Nein, sag’ ich dir, du findest den Weg nicht, wohnst nicht in deinem alten Quartier, wohnst im ersten Stock, wir wissen, was wir dir schuldig sind, Mann des Tages. Appartement mit Badezimmer und Badewannen, nen!« wiederholte er, die letzte Silbe nachdrücklich betonend.

Die Baronin ließ ein bedeutsames Räuspern vernehmen, und Sieglinde erröthete.

Der Hausherr fuhr unentwegt fort: »Vorwärts also! Und ihr,« wandte er sich an die Dienerschaft, »habt ihn gesehen, gebt euch zufrieden und tretet ab ... Das gilt nicht dir,« rief er einem jungen Mädchen zu, das hinter der Baronin und ihrer Tochter gestanden hatte wie hinter zwei Ofenschirmen und sich jetzt den abgehenden Leuten anschließen wollte. Sie blieb stehen, sehr verwirrt, mit gesenkten Augen, die sie auch nicht erhob, als Weißenberg sprach: »Gertrud, Herr Vogel, genannt – na, du weißt schon. Bertram, das ist Fräulein von Weißenberg, das heißt unsere Nichte Gertrud.«

Er zog den Freund mit fort, sie schritten durch die Halle, über die Treppe. »Beeile dich mit der Wascherei,« empfahl der Baron. »Wir essen gewöhnlich um zwei Uhr, haben aber heute dir zu Ehren die Speisestunde verschoben. In zwanzig Minuten wird die Tischglocke dich rufen, die Köchin ist schon fertig.«

»Was sie für Wimpern hat!« sagte Bertram plötzlich, wie aus Träumen erwachend.

»Wer?«

»Deine Nichte. Und warum ist sie in Trauer?«

»Weil ihre Mutter vor einem halben Jahre gestorben ist.«

»Eine liebliche Erscheinung, so fein und zart.«

»Zart? Ist dir nur so vorgekommen neben unserem Sieglinderl.«

»Und warum so verlegen, ja sogar bestürzt?«

»Unser Sieglinderl ist immer bestürzt.«

»Nein, die andere mein’ ich.«

»So, war die auch bestürzt? Ist sonst nicht ihre Sache. Aber du wirst ihr imponirt haben. Kein Wunder, die erste lebendige Berühmtheit, die ihr vor Augen kommt.«

»Eine Berühmtheit wie ich! Da müßte sie bis heute in der Wildniß gelebt haben.«

»In Wien hat sie gelebt. Freilich seit Jahren wie angeschnallt ans Bett der kranken Mutter.«

Sie waren sehr langsam, denn Bertram blieb alle Augenblicke stehen, die sehr hübsche, freitragende Treppe hinaufgegangen. Weißenberg machte seinen Gast auf die Wände und die hochgewölbte Decke des Treppenhauses aufmerksam: »Sauber, nicht wahr? Ich habe einen Italiener da gehabt, der die Stuckaturen aus dem Mörtel herausgearbeitet hat, unter dem sie durch oftmaliges Übertünchen schon halb verschwunden waren.«

Bertram bewunderte. »Reizend,« rief er begeistert, »das ist Reichthum ohne Üppigkeit, edle Keuschheit, anmuthige Fülle, Sehnsucht und Fähigkeit sich aus steifen, veralteten Formen zu befreien, ohne Ausartung ins Maßlose. Ich sage dir,« brach er plötzlich aus, »deine Nichte ist eine Dame im österreichischen Barockstil!«

Der Baron legte die Hand auf Bertrams Schulter und sprach warnend: »Du, daß du dich nicht verliebst! Es wäre die größte Dummheit, du brauchst Geld, der Ökonom braucht immer Geld, und unsere Nichte – die reine Kirchenmaus. Da sind wir,« unterbrach er sich, und sie blieben abermals stehen vor einer Flügelthür am Ende des bildergeschmückten, teppichbelegten Ganges, den sie durchschritten hatten. »Ich geh’, sonst verplaudern wir uns, und wie gesagt, die Köchin wartet, um anzurichten, nur aufs Glockenzeichen. Nochmals willkommen, und laß dir’s bei uns wohl sein!«

Er enteilte geschäftig, und Bertram sah ihm nach. War auch nicht mehr der selbe, der liebe, alte Mensch! Er schien kleiner, sein Hals kürzer geworden, seine Haltung hatte etwas von der früheren Strammheit verloren. So kann man denn auch vorzeitig altern auf dem Lande, in dieser ozonreichen Luft, in herrlichem Frieden, in nervenstärkender Thätigkeit?

Simon hatte die Thür geöffnet, ermahnte den Gast einzutreten und weidete sich still und stolz an seinem Staunen über die schönen Räume, die ihn umfingen. Ein Salon in dunkelgrünem Sammet, ein luftiges, behaglich eingerichtetes Schlafzimmer mit Himmelbett und nebenan eine köstliche Badestube.

»Bitte, jetzt kommt das Scheenste,« sagte Simon und schwebte auf den Zehen über die ganze Breite des Schlafzimmers. Dem Himmelbett gegenüber befand sich der Eingang zu einem vierten von einer schweren Portière verhüllten Gelaß. Der Diener zog sie zurück, und Bertram blickte in ein großes Arbeitszimmer, in dem ein kolossaler Schreibtisch stand, und das voll war von Bücherschränken, und jeder hatte ein anderes böses Gesicht, das ihn angrinste und triumphirend höhnte: Guck du, wir sind wieder da!

Er prallte zurück: »Vorhang zu! Ich bitte Sie um Gotteswillen, Simon, befreien Sie mich von diesem Anblick.«

Simon rührte sich nicht. »Der Herr Doktor werden’s da so scheen ruhig haben zur Arbeit, sagt die Frau Baronin. Wir haben die Bicher vom Boden heruntergeschleppt. Der Schreibtisch, der is aus der Kanzlei.«

Bertram wußte wohl, daß man den Alten nicht beleidigen durfte, weil er sonst in akute Stummheit verfiel und sich aufs Schmollen verstand, trotz einer Dame des vorigen und einer Kammerjungfer dieses Jahrhunderts.

»Lassen Sie mit sich reden, Simon,« sprach er, seine Ungeduld mühsam bemeisternd. »Ich bitte Sie, nennen Sie mich nicht Herr Doktor, ich bin kein Doktor, ich bin Herr Vogel, ein armer ‘Herr’, der von früh bis Abends und manchmal von Abends bis früh dasitzen und reines, weißes Papier in schwarz beschmiertes verwandeln muß.«

»Muß?« fragte Simon ungläubig.

»Jawohl, um Geld zu verdienen mit meiner Arbeit. Hier aber will ich nicht arbeiten; ich bin gekommen, mich ausruhen vom Lesen und Schreiben und will, solang ich hier bin, kein Buch aufschlagen und keine Feder berühren.«

Damit begab er sich in das Waschzimmer, und Simon folgte ihm, um als Lein- und Handtuchständer zu fungiren. »O Jekerle,« seufzte er betrübt auf, »und wir haben sich schon alle so gefreit.«

»Worauf?« fragte Bertram ahnungsvoll und tauchte aus dem Riesenlavoir empor, in dem er seinen Kopf gebadet hatte.

Aber Simon war ganz Sphinx. »Werden schon hören, bitte,« erwiderte er.

VI.

Die Familie war vollzählig im kleinen Salon versammelt, als Bertram, sauber gewaschen und elegant angethan, eintrat. Im selben Augenblick wurden beide Flügel der Thür, die in den Speisesaal führte, geöffnet, der Gast bot der Hausfrau seinen Arm und erhielt am zierlich gedeckten Tisch den Platz zu ihrer Rechten und zur Linken des Hausherrn. Neben diesem saß der »Professor« und zwischen ihm und Hagen die ernste »Kirchenmaus«. Dann kam Sieglinde, die ihren Sessel so nahe als möglich an den der Mutter gerückt hatte.

»Schau dir das Obst an,« sagte Hugo, »die selben Sorten haben wir in deinem Garten gepflanzt.«

Bertram sah den Freund glückverklärt an. »Wann werd’ ich ihn sehen, meinen Garten? Und solches Obst hab’ auch ich?«

Entzückt betrachtete er die goldigen Aprikosen, Himbeeren, die dem Rothkäppchen als Kopfbedeckung hätten dienen können, purpurne Kirschen, durchsichtige Weichseln, Erdbeeren von märchenhafter Größe und Gestalt.

»Nehmen Sie die Melone nach der Suppe oder zum Dessert?« fragte die Hausfrau und zeigte ihrem lieben Gaste freundlich die blanken Zähne. Sie war wirklich noch eine schöne Frau, trotz ihrer fünfunddreißig Jahre und ihrer überreich entfalteten Spätsommerblüthe.

»Verehrte Frau,« erwiderte Bertram, »ich esse Melone, wann Sie erlauben und befehlen.«

»Nach der Suppe ist sie gesünder,« bemerkte Weißenberg.

»Beirre ihn doch nicht. Bitte, entscheiden Sie.«

»Es ist mir wirklich gleich.«

Der Gymnasiast, der während dieses Austausches von Höflichkeiten höhnisch gelacht hatte, brach jetzt aus: »Macht keine solchen Geschichten. Ihm ist’s gleich, hat er schon gesagt, wenn er nur überhaupt Melone kriegt.«

Bertram sah einen Purpurschein sich verbreiten, er ging vom Gesicht Sieglindens aus, er vernahm ein Gekicher, es hatte sich der Brust Meisenmanns entrungen. Weißenberg zeichnete mit dem Messer die Umrisse einer Scheune auf das Tischtuch, die Hausmutter that unbefangen und winkte plötzlich entschlossen den immer noch auf eine Entscheidung wartenden Bedienten, die Melone zu serviren.

»Ich lese jetzt ‘Die Kronenwächter’ von Achim von Arnim«, wandte sie sich von Neuem an Bertram.

»Sie lesen, so? die Kronenwächter?« versetzte er und dachte: Sind wahrscheinlich auch vom Boden heruntergeschleppt worden.

»Ein merkwürdiges Buch, aber doch mehr merkwürdig als spannend.«

»Wie meinst du das?« rief Hagen seine Mutter herausfordernd an. Weißenberg aber sagte rasch:

»Sie ist gut, die, was? eine gestrickte. Hast die selbe Sorte in deinen Mistbeeten.«

Sieglinde erröthete, und Mutter Bertha berichtigte in rücksichtsvoll gedämpftem Tone: »Frühbeeten.«

Der Hausherr begann nun freudig und ausführlich zu erzählen, wie er den Kauf des Bauerngutes – einer ehemaligen Erbrichterei – für Bertram geschlossen, wie er alles in leidlicher Ordnung übernommen habe und in musterhafter zu übergeben gedenke. Dann aber kam er auf sein altes Lied vom Betriebskapital zurück, und Bertram erklärte:

»Ich will kein Kapital, ich brauche keins; was würden die Sozialisten sagen, wenn ich ein Kapital aufhäufte.«

»In die Gefahr wirst du schwerlich kommen. Nicht ums Aufhäufen handelt sich’s, sondern ums Zustopfen, wenn irgendwo eine gefährliche Lücke entsteht; die Maschine, die zu stocken droht, muß in Gang erhalten werden. Wie schaffst du die Mittel dazu her ohne Reservefond?«

»Der Bauer hat keinen und lebt doch auch.«

»Bilde dir das nicht ein, der Bauer geht zu Grunde.«

»Durch eigne Schuld.«

»Nicht immer.«

Jetzt gerieth der »Professor« in hohe Erregung und sprach überstürzt mit bebender Stimme und so leise, daß man ihn kaum verstand. Es zischte und pustete aus ihm heraus wie aus einem überheizten Theekessel. Er verwünschte die Juden und die Deutschen, die Feinde und Verderber des mährischen Bauern. Der Judenwirth verleitet den Bauern zum Trinken, giebt ihm Branntwein, so viel er will, bis er Hab und Gut versetzt hat. Dann kommt der Deutsche und kauft den Bauern aus.

Den Schluß seiner Rede hatte Meisenmann geradezu an den Baron gerichtet und schien, einmal im Zuge, in immer heftigere Anklagen ausbrechen zu wollen. Aber Hagen fuhr drein:

»Sitzt schon! sitzt schon wieder auf seinem Steckenpferd. Du mußt wissen, Vogel, er ist Jungczeche und Antisemit.«

»In der Theorie, nicht in der Praxis. Sie können überzeugt sein, Hagen, und Fräulein von Weißenberg kann überzeugt sein« ...

»Wir sind alle überzeugt,« rief der immer versöhnliche Baron dazwischen. »Sie deklamiren gegen die Juden und die Deutschen, aber Sie thun keinem etwas zu Leide.«

»Ein theoretischer Jungczeche also?« sagte Bertram. »Auch das setzt mich in Erstaunen. Wenn man einen uralten deutschen Namen führt –«

Die Baronin hatte ein aristokratisches Bedenken: »Uralt?«

»Gewiß. Ich ahne zwar nicht, aus welcher Schöpfungsperiode die Meisen und die Männer stammen, aber sicherlich aus einer älteren, als die ältesten Adelsgeschlechter.«

»Du sprichst pro domo, Vogel, weil dann auch du einen uralten Namen hast.« Hagen lachte, und es war betrübend, ihn lachen zu hören und zu sehen. Er lachte wie er sprach, stoßweise, bellend, und schien dabei eine unangenehme Empfindung zu haben, seine Züge erheiterten sich nicht, sie verzerrten sich.

Sollte der nervöse Bertram unter Menschen gerathen sein, noch nervöser als er? An dem jungen Sohn des Hauses mit dem alten Gesichte war alles krankhaft, auch die Hast, mit der er aß, und der prahlerische Übermuth, mit dem er ein Glas Wein nach dem anderen hinunterstürzte.

Sein Vater richtete eine schüchterne Ermahnung an ihn, sie blieb wirkungslos und wurde nicht wiederholt; augenscheinlich fürchtete Weißenberg des Sohnes offenen Widerstand heraufzubeschwören.

Auch Sieglindchen verrieth eine Boa constrictor-Natur beim Verschlingen der thurmhohen Portionen, die sie sich vorlegte. Das Mittagessen war allerdings ausgezeichnet, und Bertram bedauerte, ihm nicht so viel Ehre erweisen zu können, als seine gastfreien Wirthe gewünscht hätten.

Was war’s, das ihm den Appetit raubte? Der Anblick der beiden jungen Fresser am Tische, die beängstigende Liebenswürdigkeit der Hausfrau, oder vielleicht die Nähe des Fräuleins von Weißenberg? Sie wirkte mächtig auf ihn, beschäftigte seine Gedanken, zwang ihn zu fortwährender Selbstüberwindung, um nicht der Versuchung zu unterliegen, sie gar zu oft anzusehen.

Eine eigentliche Schönheit konnte man sie nicht nennen, aber es war so vieles an ihr schön! Die Form des Kopfes, ihre Art ihn zu tragen, der wundervolle Ansatz des schlanken Halses, die reichen dunkelbraunen Haare, die Nase, der Mund, der hartnäckig schwieg und der, das glaubte Bertram zu errathen, doch so gern gelacht und gescherzt hätte. Und die streng blickenden Augen, dunkel wie die Flügel des Trauermantels, wie mußten die leuchten können, wenn ein Glücksgefühl sich in ihnen widerspiegelte!

»Es ist schrecklich, Sie essen nicht,« sagte die Baronin, und ihr Gast entschuldigte sich:

»O, bitte, warten Sie nur, in Kurzem wird sich Heißhunger bei mir einstellen, wenn ich nur erst zu taglöhnern anfange.«

»Wie meinen Sie das, zu taglöhnern?«

»Ich meine, daß ich arbeiten will wie ein Taglöhner.«

Alle lachten, sogar die Bedienten lachten verstohlen.

»Wie ein Taglöhner? mit Ihrer Bildung!« sprach die Hausfrau, und Bertram steigerte sich:

»Wie zehn Taglöhner, aus Bildung.«

»Mit diesen Händen?« Bertha sah bewundernd und Bertram sah verächtlich und grollend auf seine schmalen, wohlgepflegten Hände nieder.

»Die werden bald anders aussehen, die werden bald Schwielen haben, wie die deinen, Hugo. Wer keine Schwielen hat, kommt nicht in den Himmel, sagt Tolstoi.«

»Ach, Tolstoi,« flötete die Baronin, »der große Tolstoi, glauben Sie an ihn?«

Bertram war betroffen. Jetzt wußte sie auch von dem? Sollte sie ihre litterarische Unschuld verloren haben? Er scheute sich, Gewißheit zu erlangen über den heiklen Punkt und fuhr eifrig fort: »Ich will alles lernen, mähen, Garben binden, aufladen, pflügen, säen. Wonne und Erholung wird für mich sein, was Ihr schwere Arbeit nennt, weil Ihr die wirklich schwere nicht kennt.«

»Ein Vers,« rief Sieglindchen und verlor einen Augenblick alle Schüchternheit, »Das war ein Vers, Mama!«

»Ja wohl, mein Engel. O, sie hat ein Ohr!«

Sie hat sogar zwei Ohren und hübsch große, dachte Bertram und betrachtete sie mißtrauisch. Der Teufel soll mich holen, wenn die nicht dichtet.

»Wann bereisen wir meine Besitzungen, lieber Hugo?« fragte er.

»Morgen mit dem frühesten, natürlich.«

»Warum nicht gar schon nachts, wenn die Hähne krähen?« »Was halten Sie von Möricke?« interpellirte Frau von Weißenberg.

»Ich habe den größten Respekt vor ihm.«

Da fiel Hagen ein: »Respekt! Du wirst just Respekt haben vor so einem verschimmelten Pater. Überlasse die Heuchelei den Frauen, denen sie unabgeleistete Natur ist.«

»Unabgeleistete Natur?« wiederholte Bertram. »Oho! Du studirst Nietzsche?«

»Ich bet’ ihn an. Ich habe einen Gott gesucht und ihn in Nietzsche gefunden.«

»Hast Du? Wenn ich nur wüßte, der wievielte Du bist, von dem ich das höre.«

»Und wenn ich der zweite oder tausendste bin – seine Jünger sind wir alle. Das ist euch unheimlich, ihr Alten; das treibt euch alle Haare, die ihr noch habt, zu Berge.«

»Aber Hagen! aber Hagen!« hatte Weißenberg einmal ums andere, beängstigt und flehend gesagt und sich dabei nicht an den Sohn, sondern an den Instruktor gewendet. Der zuckte die Achseln:

»Es ist heute nichts mit ihm anzufangen, man muß ihn gehen lassen. Er produzirt sich, nicht bloß wie gewöhnlich vor dem Fräulein von Weißenberg, sondern auch vor Herrn Vogel.«

»Daneben geschossen, mein Lieber!« erwiderte sein Zögling. »Sich produziren! vor dir, Cousine! Als ob man das dürfte in seiner Gegenwart! Der girrende Ziska – eine neue Ziskaspecies, die girrende – brennt vor Eifersucht wie eine Pechfackel. Nicht wahr, Cousine?«

Gertrud hatte während dieses Intermezzos nicht mit einer Wimper gezuckt, nicht das geringste Zeichen von Ungeduld über das Jüngelchen gegeben, die mordbrennerischen Blicke, die Meisenmann ihr verstohlen zuwarf, ruhig ausgehalten. Und bei dem ehrfurchtsvoll auf sie gerichteten Blicke Bertrams wechselte sie wieder die Farbe und gerieth in Bestürzung. Wie sollte er sich das erklären? Was machte sie so verlegen vor ihm, sie, die den andern gegenüber wie eingefroren blieb in majestätische Gelassenheit?

VII.

Das Mittagsessen war vorbei, die Tafel wurde aufgehoben. Herr Meisenmann machte eine rasche, aggressive Verbeugung, die ganz unverkennbar den Wunsch ausdrückte: Hol euch alle der Teufel! und schoß davon. Mit anmuthigem Neigen des Hauptes verließ auch Gertrud den Speisesaal. Geschah das freiwillig oder auf Befehl? Nahm sie im Hause nicht die Stellung eines Familienmitgliedes, sondern die einer Erzieherin ein, und durfte sie den geheiligten Raum des Rauchzimmers, in das man sich jetzt begab, nicht betreten?

Bertram führte die Baronin zu ihrem Platze. Das war ein rechtwinkliges kleines Kanapée mit dünnen Beinen und so steifen Lehnen aus politirten Stäbchen, daß es im Bereiche der Sitzmöbel schwerlich etwas Steiferes gab. Es stand vor einem Tische, auf dem der schwarze Kaffee und verschiedene Liqueurs servirt waren. Hugo bot dem Freunde Cigarren an, die er aus einer verschlossenen Lade geholt hatte.

»Vor dem da,« sagte er auf seinen Sohn deutend, »muß ich sie einsperren, er raucht mich sonst arm. Es sind meine Feiertagscigarren. Nimm, so nimm doch,« nöthigte er.

Bertram dankte: »Ich rauche nicht.«

»Rauchst nicht?«

»Nicht mehr.«

»Trinkst nicht, rauchst nicht,« sprach Weißenberg betrübt, »was thust du denn?«

»Ich spare, wie du weißt.«

Hagen, der schon eine schwere Cigarre angebrannt hatte, tippte mit dem Finger auf die kahle Stelle auf Bertrams Scheitel: »Trinkst nicht, rauchst nicht, eine Tonsur hast dir auch schon angeschafft, fehlt nur noch die Kutte.«

Sein Vater schob ihn etwas unsanft weg und entschuldigte sich bei seinem Gaste: »Wir gehen jetzt die Hunde füttern, sind gleich wieder da. Kommst du, Sieglinderl?«

Das Töchterchen hatte die Arme um die Taille ihrer Mutter geschlungen und fragte im Tone eines fünfjährigen Kindes: »Mama, darf ich Schifferl fahren?«

»Nicht unmittelbar nach dem Essen, mein Herzchen. Begleite jetzt den guten Papa und sieh zu, wie die Hündchen speisen. Dann kannst du Gertrud holen. Ich lasse ihr sagen, daß sie mit dir zum Fischerhause gehen und achtgeben soll, daß du nicht ins Wasser fällst. Du wirst ihr meinen Auftrag bestellen, ich weiß, mein Herzchen ist gewissenhaft.«

Mutter und Tochter umarmten einander, nahmen Abschied, als ob ihnen eine jahrelange Trennung bevorstände, und das Herzchen trampelte dem Vater nach.

Hagen hatte sein Mißfallen über die sentimentale Scene zwischen Mutter und Tochter in gewohnter Art durch ein mürrisches Gemurmel kund gegeben: »Kriegt man heute Kaffee oder nicht?« stieß er jetzt verdrießlich hervor.

Seine Mutter beeilte sich, ihm eine Tasse starken, aromatischen Mokkas einzuschänken, und er titulirte das köstliche Getränk, das reichlich aus der Kanne floß, mit dem beleidigenden Namen »Zwetschkenwasser.« Dann zog er sich mit seinen Vorräthen an Kaffee, Liqueur und Cigarren in die Ecke des Zimmers zurück, nahm dort Platz in einem großen Fauteuil und vertiefte sich in einen Band der Fliegenden Blätter. Sein Gemurmel hörte auch jetzt noch nicht auf: »Fliegende, sauberes Fliegen, sollten die kriechenden heißen. So dumm, zu dumm!« Plötzlich schwieg er, die Cigarre war ausgegangen, das Buch glitt von seinen Knieen zur Erde. Er schlief.

Seine Mutter hatte ihn voll Besorgniß beobachtet. Dieses »foudroyante Einschlafen,« wie sie sich ausdrückte, machte ihr unbeschreiblich bange. Es kam öfters über ihn, am Tage heißt das; bei Nacht hingegen, »floh der Schlaf seine Augen.« »O, es ist schwer!« Die Baronin seufzte, und das Kanapée, auf das sie sich setzte, seufzte auch.

Draußen erscholl lautes Hundegebell; die Thiere wurden nach der Abfütterung in den Garten hinaus gelassen. Bewegt und leise sprach die Baronin: »Mein guter Mann kommt zurück, und ich hätte Ihnen so gern ... ich muß Sie sprechen.« Ihre mächtige Persönlichkeit bekam etwas gretchenhaft Hinschmelzendes: »Ich muß Sie sprechen, lieber Vogelweid, im Vertrauen sprechen.«

»Nun, gnädige Frau, ich bitte, thun Sie es doch.«

»Jetzt? nicht jetzt, später.«

»Warum erst später?«

Sie schwieg, aber ihre flehenden Augen fragten: Verstehst du mich denn gar nicht? »Kein Wort davon, vor meinem guten Manne,« begann sie nach einer peinlichen Pause wieder, »ich beschwöre Sie!«

Weißenberg trat ein, und Bertha bemühte sich ihn anzulächeln; der Versuch mißlang kläglich, und die der Verstellung ungewohnte Frau war auf dem Punkte, in Thränen auszubrechen. Ein Schatten überflog das runde, freundliche Gesicht Hugos. Er trat voll Theilnahme heran und keilte sich höchst liebreich, aber mit schwerer Mühe zwischen seine Gemahlin und die Seitenlehne des Kanapées ein.

Placirt wären sie, dachte Bertram, wie sie aber wieder aufstehen sollen, das weiß Gott.

»Mein Bertherl hat schon mit dir gesprochen, seh’ ich von unserem Kummer;« Hugo wies mit einer Kopfbewegung nach seinem laut schnarchenden Sohne hin. »Ach, der giebt uns was aufzulösen, der!«

»Ja,« betätigte die Baronin, »und wir haben auf Sie gewartet und gehofft, Sie werden uns rathen und helfen, ja, auch darin.«

»Du hast neulich,« sprach Weißenberg, »ein Buch über Erziehung total in den Grund gebohrt und seinem Autor, einem großen Professor, famos heimgeleuchtet. Meine Bertha und ich, wir haben gleich gesagt: Wer so versteht, daß der andere nichts versteht, der versteht selbst sehr viel.« Er ließ sich durch das betroffene: »O, Nemesis!« das Bertram ausstieß, nicht beirren: »Ja, du verstehst’s, hast recht, unsere Schulen taugen nichts. Wie ausgetauscht ist mein Bub, seitdem er in die Schule geht. Du mußt dich noch erinnern, was für ein lieber Kerl er vor vier Jahren war.«

»Gewiß. Etwas verzogen zwar schon damals, aber ein liebes Kind und voll Talent.«

»Talent! was das betrifft« – die Eltern überboten einander an Versicherungen, wie talentvoll, phänomenal talentvoll ihr Sohn sei, das wüßten sie wohl. »Aber,« meinte Weißenberg, »ein so starker Geist in einem noch unentwickelten Körper, das stimmt nicht. Die Mißstimmung ruft Nervosität hervor, und diese eine Menge kurioser Erscheinungen. Zum Beispiel heute sein Benehmen bei Tische. Deine Anwesenheit hat ihn aufgeregt, er wollte sich, wie Meisenmann ganz richtig sagte, vor dir produziren; du dürftest ihn für lümmelhaft gehalten haben, er war aber nur nervös.«

Die Baronin kam auf den Geist ihres Hagens zurück, den starken Geist, der Glück und Unglück in sich schließt, und verglich ihren Sohn mit einer Kerze, die einen Scheffel durchbrennt und dabei flackert und züngelt.

Bertram sagte, daß er den Scheffel nicht sehe, dem Gatten jedoch gefiel das Bild, und er preßte seinen linken Arm, der auf der Lehne des Kanapées ausgestreckt lag, sehr innig an den Rücken seiner Gemahlin. Ihr war furchtbar heiß, und ihr ästhetisches Gefühl litt unter dem Bewußtsein des unschönen Eindrucks, den die Einpferchung zweier dicker Personen in ein Sitzmöbel, das höchstens für zwei Elfengestalten berechnet war, hervorbringen mußte. So ließ sie denn die schüchterne Frage fallen, ob man nicht in den Garten gehen solle.

Weißenberg war dagegen: »Wir müssen ihm, bei dem wir Rath und Hülfe suchen, alles sagen, wir dürfen kein Geheimniß vor ihm haben, und so sollst du wissen, Freund, daß wir’s vor zwei Jahren in den Ferien mit Strenge versucht haben bei dem Burschen. Das war schrecklich, da hat sich die Nervosität bis zu Wuthanfällen gesteigert. Einmal lasse ich mich hinreißen und hau’ ihn, und er, auf mich losgegangen – ja! mit Augen wie rauchende Zündhölzeln, und dann plötzlich niedergestürzt, geschäumt und gezappelt. Wir, nach allen Richtungen um Ärzte ausgeschickt. Drei kommen. Zuerst zwei junge; die sehen ihn an und verordnen ein Gramm Bromnatrium drei Tage nacheinander vor dem Schlafengehen. Zuletzt kommt der Alte, der Kreisphysikus, schaut den Buben auch an und erklärt sich einverstanden mit der Verordnung der Kollegen. Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, denken wir, und wie die zwei jungen fort sind, sagen wir: ‘Wirklich, Herr Kreisphysikus, hätten Sie dem Patienten auch nichts anderes gegeben als Brom?’ Er – so scheint es uns wenigstens – verbeißt ein Lachen: ‘Vielleicht doch,’ sagt er, ‘wenn ich statt in ein Schloß in eine Hütte gerufen worden wäre. Aber hier würde das Medikament, das ich ordiniren müßte, kaum verabreicht werden.’ Mehr war aus ihm nicht herauszubringen. Verstehst du den Orakelspruch?«

»Ich glaube fast.«

»Nun denn, leg’ ihn aus und handle danach.«

»Ich?« fragte Bertram erschrocken, »das kommt mir nicht zu.«

»Wir geben dir unumschränkte Vollmacht. Nimm dich unseres Buben an, er ist unser Glück, der Stolz des Hauses.«

»Seien Sie für ihn ein Arzt der Seele! Sie haben doch auch eine große Vorliebe für dieses schöne Buch?« sagte die Baronin gepreßt, nicht nur im bildlichen Sinne, denn ihr Gemahl rückte jetzt mit äußerster Anstrengung auf seinem Sitze vor und legte die mühsam frei gemachte Rechte auf Bertrams Kniee:

»Hilf uns, du kannst, du verstehst alles, man sieht’s aus deinen Kritiken. Welche Vielseitigkeit! sagen wir immer, meine Frau und ich.«

»Im Tadeln,« erwiderte Bertram. »Die Kunst, alles zu tadeln, erlernt man in meinem Metier. Aber, die Kunst, es besser zu machen, natürlich nicht. So habe ich denn auch von Kinderzucht keinen Dunst, ausgemacht ist mir nur, daß die deine, lieber Alter, und die Ihre, gnädige Frau, nichts taugt.«

»Dieser Meinung sind wir selbst,« sprach Weißenberg kleinmüthig, »unsere Kinderzucht hat Mängel. Gieb sie an, sag’ etwas Positives.«

»Etwas Positives ... Nun, wenn ich aufrichtig sein darf – diesen Mängeln abzuhelfen, scheint mir Hagens Lehrer nicht der rechte Mann.«

»Dich genirt der Czech und der Antisemit. Ja, Verehrtester, finde du mir heutzutage einen Lehrer, der nicht etwas ist, was er besser nicht wäre. Wir haben traurige Erfahrungen gemacht. Meisenmann hat Unarten, aber doch auch Qualitäten. Unterrichtet vorzüglich, ist famos in seinem Fache – Geschichte. Im Herbst wird er Professor am Gymnasium, und mit der Zeit ganz gewiß Direktor.«

»So? so!... Das ist das Holz aus dem ...« Ein neuer empörender Gedanke durchkreuzte Bertrams Hirn, eh’ noch der frühere ganz ausgesprochen war, und machte sich Luft in den Worten: »Und in deine Nichte ist er verliebt, der Mensch!«

Die Baronin lächelte sanft, Weißenberg massirte sein Kinn und war heiter. »Ja, der ‘Professor’ ist tüchtig verbrannt. Ob hoffnungslos? Jetzt hat’s freilich den Anschein. Doch wer weiß, was noch geschieht, wenn er sich nicht zu früh abschrecken läßt.«

»Und du würdest, und Sie, gnädige Baronin, würden zugeben, daß sie ihn nimmt?«

»Warum nicht? vorausgesetzt, daß er sie anständig versorgen kann,« sagte Hugo, und seine Gattin seufzte:

»Große Ansprüche darf sie nicht machen, die Arme.«

Schrecklich! Entsetzlich! Dieser Schwärmer sollte doch nur versuchen, sich um Euer Trampelgrundchen zu bewerben; er käme schön an. O gute Menschen, wo bleibt Eure Güte, wenn’s abwägen gilt zwischen einer armen Verwandten und Eurer Brut! dachte Bertram und rief: »Ich fasse dich, ich fasse Sie nicht, Frau Baronin. Dieses Mädchen würden Sie wegwerfen an einen bornirten, giftgeschwollenen Taboriten!«

»Gieb acht!« warnte Weißenberg mit einem besorgten Blick auf seinen Sohn. Es war zu spät. Hagen regte sich.

»Unsinn. Ich habe nicht geschlafen, ich habe nur die Augen zugemacht, ich habe jedes Wort gehört, das ihr geredet habt.«

»Was hast du gehört? sag’ es, wenn du nicht als Großsprecher dastehen willst,« sprach Bertram mit unterdrücktem Zorne.

»Du hast meinen Korrepetitor beschimpft, hast ihn einen giftgeschwollenen Taboriten genannt.« Der Stolz des Hauses erhob sich: »Das sag’ ich ihm!«

»Thu’s, ich gönn’ dir die Freude.«

»O, lieber Vogelweid, wohin denken Sie? Es fällt ihm nicht ein. Er liebt es nur, sich selbst zu verleumden. Auch eine seiner Eigenheiten,« versicherte die Baronin. »Aber,« fragte sie in plötzlich verändertem Tone: »Wollen wir nicht jetzt in den Garten gehen?«

Ihr Gatte erklärte sich einverstanden, beide erhoben sich rasch und zu gleicher Zeit, und das kleine Kanapée folgte demselben Impulse. Der kurzen Verlegenheitspause, die dadurch entstand, machte Bertram ein Ende, indem er hinzusprang, die Hände auf die Lehne des wanderlustig gewordenen Sitzmöbels drückte und es zwang, seinen gewohnten Platz wieder einzunehmen.

VIII.

Die Pflege seines Gartens, das war die Erholung Weißenbergs, seine Liebhaberei. Er betrieb sie mit Kunst, mit Wissenschaft und mit Berücksichtigung der Mode, wenn sie nicht gegen ein Schönheitsgesetz verstieß: »Denn das giebt’s! ich glaube dran,« sagte er. »Ich lasse mich auslachen von meinem Buben und glaube an ewige Schönheitsgesetze.«

Er machte Bertram auf jede der Neuerungen aufmerksam, die er in den letzten Jahren vorgenommen hatte. Keine flachen Wiesen mehr, alle künstlich gewellt, wie sie vielleicht von Natur aus gewesen waren, bevor man sie, um den Garten anzulegen, »planirt« hatte. Anmuthige Hebungen und Senkungen, Hügel und Mulden, bewachsen mit dichtem, feinem Grase. Die Baumgruppen, nach den verschiedenen Farben des Laubes mit gutem Bedacht gepflanzt, sahen aus wie malerisch angeordnete Riesenbouquets.

»Erinnerst du dich des Perrückenstrauches, der bei den Pyramideneichen gestanden hat? Das war fad. Wir haben Blutbuchen hingestellt, kommen prächtig, machen sich besser – was meinst du?« Weißenberg mußte sich umwenden, wenn er mit Bertram sprechen wollte, und der mußte ihm die Antwort zuschreien, denn Hagen hielt ihn fortwährend zurück und brummte:

»Laß die Alten vorausgehen. Ich hab’ Dir etwas zu sagen.«

Auch du mein Sohn? Nun, wenn der Bursche mir sein Vertrauen schenkt, ist die Gelegenheit da, auf ihn einzuwirken, wie seine Eltern wünschen, dachte Bertram, und als Hugo sich wieder umsah, machte er ihm ein Zeichen. Der Freund verstand ihn sogleich, winkte freudig zustimmend und rief:

»Schau dir den Garten nur recht gemächlich an. Wir treffen uns dann bei der Fischerhütte.«

Der Vater und die Mutter schlugen einen Sturmschritt ein, um den Liebling so geschwind als möglich von ihrer unerwünschten Gegenwart zu befreien.

»Was die schlau sind, wie fein sie alles machen!« spöttelte Hagen. »Davon merk’ ich nichts, meinen sie, daß du auf mich dressirt worden bist und jetzt losgehen und mir ins Gewissen reden sollst. Für einen solchen Esel halten sie mich. Ich sag’ dir aber gleich: Spar’ deine Mühe. Ich bin kein Moraltrottel, ich bin ein überzeugter Nietzscheaner, stehe jenseits von Gut und Böse, und wer mir ins Gewissen spricht, spricht zu etwas, das nicht existirt.«

Bertram lachte: »O Nietzsche! großer Krankheitserreger! Welch ein Bacillengezücht hast du in diesem Jünglingsgemüthe ins Leben gerufen!«

Er sah den Burschen von der Seite an, der neben ihm dahinschritt, mit verdrießlich aufgeworfenen Lippen, die Nase in die Höhe gehoben, die Augenbrauen zusammengezogen, die Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben. Ein Jüngling ohne Jugend, mürrischer Hochmuth die Krankheit, die an ihm zehrte, und den beständig Verletzten in beständiger Aufregung erhielt.

»Auf dem Gewissen kannst Du also nichts haben,« sagte Bertram, »aber du hast etwas auf dem Herzen. Sprich dich aus, ich höre.«

»Auf dem Herzen ist auch wieder zu viel,« erwiderte Hagen nachlässig. »Ich will dir einfach anzeigen, daß ich eine Novelle geschrieben habe.«

»Novelle? Geschrieben?« Bertrams Ton wurde plötzlich dräuend.

»Du wirst das Manuskript auf deinem Zimmer finden. Du kannst es lesen. Du kannst es drucken lassen.«

Bertram schnaubte ihn an: »Ich werde von deiner Erlaubniß keinen Gebrauch machen; ich bin nicht hierher gekommen um zu lesen, sondern um vom Lesen auszuruhen. Wie oft werde ich das noch wiederholen müssen! – Daß du schreibst,« er maß den Jüngling von oben bis unten, »hätte ich mir denken können. In Eurem Städtlein erscheint ein Blättchen, war einmal ehrsam, ist jetzt ein Schandblättchen, das von frechen Bübchen herausgegeben wird. Da mußt du ja Mitarbeiter sein.«

Beide waren stehen geblieben. Auf Hagens wuthverzerrtem Gesicht bildeten sich grünliche Schatten; seine Augen schwammen in unheimlich phosphorescirendem Lichte: »Bübchen! Bübchen ... Satisfaktion!« keuchte er, seine Glieder zuckten konvulsivisch, er wankte und schien im Begriffe niederzustürzen. Bertram sah schon eine Wiederholung des Auftritts voraus, den Weißenberg ihm eben geschildert hatte; er empfand einen großen Ekel vor dieser Ohnmacht, die es nicht einmal zu einem tüchtigen Zornesausbruche bringen konnte, und zugleich bereute er, den Rangen so schwer gereizt zu haben.

»Beruhige dich, Hagen,« sagte er. »Ich bin ein nervöser Mensch, den gewisse Worte, zum Beispiel: ‘Novelle,’ ‘Manuskript,’ ‘drucken lassen,’ außer Rand und Band bringen. Nun hab’ ich mich wieder im Zaume. Mache mir’s nach, Selbstbeherrschung, mein Lieber! Wenn ich dir sage, ich bedauere, dich geärgert zu haben, ist dir das Satisfaktion genug?«

Hagen hatte sich leidlich gesammelt. Ohne den Kopf nach Bertram zu wenden, hartnäckig und steif in die Ferne blickend, brummte er: »Lies meine Novelle, dann reden wir weiter. Die Katz im Sack brauchst du nicht zu kaufen. Aber schweige, das bitte ich mir aus. Für meine Alten schreibe ich nicht. Wirst du meine Novelle lesen?«

Ein schreckliches Wesen, der Junge, aber der Sohn des Mannes, dem Bertram so viel verdankt – es sei!

»Ich werde sie lesen – in Gottes Namen. ‘In Gottes Namen, sprach sie dann, und weinend hielt er sie umfangen,’« deklamirte er und setzte bärbeißig hinzu: »Das hast du von mir nicht zu befürchten, Miseräbelchen!«

»Miseräbelchen?«

»Ich citire! Ich citire! Kennst du das schöne Gedicht vom Miseräbelchen nicht?«

»Nein,« erwiderte Hagen wegwerfend. »Ich lese keine Gedichte.«

»Ich aber soll deine Novelle lesen? Na, ich hab’s gesagt – und ‘wenn was auf Erden heilig ist’« ... Er schüttelte sich.

Wäre er jetzt zu Hause gewesen in seiner Bratröhre, am Schreibtisch unter der Gasflamme, die trübseligste Entmuthigung würde ihn ergriffen haben als Rückschlag seines Entschlusses. Aber er war auf dem Lande, in einem reizenden, von Wiesen, Hainen und Wäldern umgebenen Garten. In der Ferne vor ihm bauten sich schön bekuppte Bergketten auf, im Westen, wo das grüne Land mit dem Horizont zu verschwimmen schien, war die Sonne untergegangen und sandte der Erde ihre leuchtenden Abschiedsgrüße zu, lohende Lichtstrahlen, die ein »Auge Gottes« bildend, fächerartig ausgebreitet, hoch hinaufstiegen bis ans Himmelsgewölbe.

»Athmen ist Glück!« rief Bertram plötzlich aus und jauchzte in jähem Stimmungswechsel:

»Herrlicher Sonnenuntergang, dem bald, o Wonne, eine göttliche Sternennacht folgen wird, und morgen wieder ein freier Tag im Freien!«

Er lief mehr als er ging der Fischerhütte zu, bewunderte überströmenden Herzens den Teich, der vergrößert worden war, und eine unregelmäßige Form bekommen hatte, gerieth in Entzücken über den Springbrunnen, den »musikalisch niederplätschernden,« wie die Baronin sagte, und war höchlich einverstanden, als die Hausfrau vorschlug nach dem Schlosse zurückzukehren und den Thee auf der Terrasse »einzunehmen.«

Nur gegen das letzte Wort erlaubte er sich zu protestiren: »Trinken, Hochverehrte! nicht einnehmen. Einnehmen mahnt an die Apotheke, und wir sind frisch und gesund.«

Seine Fröhlichkeit weckte in jedem einzelnen der Gesellschaft ein mehr oder minder lautes Echo. Die Baronin führte munter eine so lange Reihe von Büchertiteln und Autoren an, daß in Bertram der Verdacht aufstieg, sie habe, um ihm ein Fest zu bereiten, einen Leihbibliothekskatalog auswendig gelernt. Er machte unwillkürlich eine abwehrende Bewegung, als alle die Namen ihn umtanzten wie ein unsichtbarer Fliegenschwarm, und sagte mit forcirter Höflichkeit:

»Ein neuer Vorzug, gnädige Baronin, Ihr Interesse für Litteratur. Ich bin erstaunt ...«

»Sie haben keine Ursache! Sie nicht!... Sie, der Urheber dieses Interesses. O, lieber Vogelweid, Ihre Romane und Ihre ‘Überblicke!’ Stumpf müßte man sein, um nicht von ihnen gepackt und hingerissen zu werden; mitten hinein in den Strom des geistigen Lebens unserer Zeit ...«

Sie spricht gut, meine Frau, dachte Weißenberg einmal wieder, und rieb sich vergnügt die Kniee.

»Meine ‘Überblicke’,« sagte Bertram schmerzlich, »das Seichteste, das es giebt. – Ist’s möglich?... Über die selbstgeflochtenen Ruthen!«

Die Baronin wußte nicht recht, was er damit meinte und bat ihn dann aufs Gerathewohl, nicht so bescheiden zu sein.

Ihr Gatte wurde immer heiterer, fing an, Jugenderinnerungen aufzuwärmen, und sang ein lustiges Studentenlied: »Ipse fecit! Und der Text ist von dir, Mann des Tages. Das waren Zeiten! Einige Neidhammel behaupteten freilich Ähnlichkeiten zwischen unserm Meisterwerk und schon Dagewesenem zu entdecken ...«

»Ein czechischer Kollege machte sogar Vaterrechte auf das Kind unserer Talente geltend. Halb und halbe Rechte, die wir ihm ganz zugestanden. Hören Sie, Herr Meisenmann, so nachgiebig sind wir von jeher gewesen.«

Die röthlichen Bärte des Angeredeten schimmerten siegreich, er zuckte wieder mit den Achseln: »Ja, selbst die Deutschen geben nach, wenn sie nicht anders können,« erwiderte er.

Zwischen der Baronin und Sieglinde fand eine leise, aber eifrige Debatte statt: »Mir zu Liebe, Lindchen,« – »Ach, Mama, nein – ich bitte dich!« wurde hin und her geflüstert. Endlich durfte Mama der Versammlung ankündigen, daß Lindchen ein Gedicht vortragen werde. »Es ist nur, um ihr das Verlegensein abzugewöhnen,« hauchte sie Bertram im Vertrauen zu.

Sieglinde sprach unter schweren Athembeklemmungen den Wanderer von Friederike Kempner und bereitete damit dem Auditorium ein wahres Vergnügen. Sogar Hagen ließ sich zu einem gnädigen: »Nicht übel!« herbei.

Die Kirchenmaus blieb zwar stumm, aber etwas weniger bedrückt, um einen Schein zuversichtlicher als am Nachmittage war sie doch. Es kam sogar einmal vor, daß sie Bertram, der eben sehr lebhaft sprach, ansah, sie ihn – o des lieblichen Wunders! – ganz kurz, aber recht aufmerksam. Und er studirte – o des wonnigen Studiums! – jeden Zug ihres holden Gesichtes, jedes kaum merkliche Stirnrunzeln, jedes Lächeln, das um ihren jungen, klugen, ausdrucksvollen Mund erschimmerte. Es zeigte sich in dem Augenblick, in dem sie ihn ansah und verrieth eine angenehme Überraschung: Schau, schau, du bist nicht so arg, wie ich mir eingebildet hatte, sprach’s ganz deutlich für den, der sich auf solche Sprache versteht.

IX.

Mit dem Schlage zehn Uhr wünschte Hugo den Seinen eine gute Nacht und forderte den Freund auf, auch zu Bette zu gehen: »Morgen in aller Gottesfrüh reiten wir. Nimm dir Zeit, auszuschlafen.«

Bertram stand rasch auf. Sich Zeit nehmen können, ausschlafen können – das war ihm all die Tage als Inbegriff der Seligkeit erschienen. Er empfahl sich und folgte dem Hausherrn nach, der ihn an der Thür erwartete. Sie traten in den hell erleuchteten Gang hinaus:

»Du gehst rechts, ich gehe links,« sagte Weißenberg. »Begleite dich nicht, will dir gestehen, ich dusele schon. Morgen also pünktlich ... Aber,« unterbrach er sich, »was hast du denn? Bist roth geworden wie mein Sieglinderl.«

»Gute Nacht, du Guter,« erwiderte Bertram, und der Freiherr gab sich mit der Antwort zufrieden und segelte schlaftrunken seinen Gemächern zu.

Was hast du? hatte er den armen Bertram gefragt. Daß er sich reif fühlte, aus dem Hause geworfen zu werden, oder sich selbst hinauswerfen zu müssen, das hatte er. Als er eben auf die Baronin zugegangen, um ihr die Hand zu küssen, war sie aufgestanden, ihm entgegengeschritten und hatte ihm zugeraunt:

»Ich muß Sie sprechen, Sie wissen.«

Und sie war dabei unaussprechlich bewegt gewesen. Wie durfte sie sich erlauben, bewegt zu sein? Donner und Doria! war’s nicht genug, daß seine elenden »Überblicke« ihr Interesse für Litteratur erweckt hatten, sollten seine verdammten Romane einen noch viel ärgern Schaden angerichtet haben? Schwärmereien für Künstler, für Schriftsteller, auf ein Bildwerk, ein Buch hin, kommen vor bei den edelsten Frauen, ja sogar nur bei denen. Geburten der Phantasie, nichts anderes; aber so eine sechsunddreißigjährige Phantasie ist zäh, giebt ihre Geburten nicht leicht wieder her ... Wenn es wäre, wenn er unschuldig schuldig, ahnungslos zum Verräther am Freunde geworden wäre, dann bleibt ihm nichts übrig, als sein Ränzel packen und – entfliehen. Dann ist ihm der Boden unter den Füßen weggerissen, sein eigner Grund und Boden, bevor er ihn noch betreten hat.

Von den schmerzlichsten Gedanken gequält, ging er weiter. Sein Weg führte an der Thür des Kammerjungferzimmers vorbei, sie war nur angelehnt, er hörte dahinter kichern und wispern, fast schien es, als ob ihm dort aufgelauert würde. Wenn er in Palermo wäre, könnte er an einige von Hugo gemiethete Banditen denken. Plötzlich stürzte jemand aus dem Zimmer, aber es war kein hagerer Bandit, sondern eine kleine, dicke Person (in diesem Hause wurden die meisten dick), und wie mit tollkühnem Entschluß auf Bertram zu. Ebenso plötzlich gurgelte sie ein seltsames Gemisch von Angstgeschrei und Gelächter hervor und rannte wieder in das Zimmer zurück, wo das Gekicher und Gewisper sich in verstärktem Maße erneuerte.

Die hat sicher gemeint, ihren Liebhaber kommen zu hören und ist jetzt enttäuscht, nur mich getroffen zu haben, sagte sich Bertram, bog um die Ecke des Ganges und betrat seine Wohnung.

O Behaglichkeit, was für eine schöne Sache bist du! Wie wohl ist einem da zu Muthe, wo du herrschest! In diesen hohen, geräumigen Stuben genießt man dich, man athmet dich ein. Beide Flügel der Schlafzimmerthür sind geöffnet, das große, herrliche Bett ist zur Nachtruhe sorglich hergerichtet, die schneeweißen Polster, die seidene Decke verbreiten einen zarten Lavendel- und Veilchenduft und schimmern im matten Scheine zweier, von einem Lichtschirme beschatteten Kerzen. Im Wohnzimmer aber, auf dem runden Tische, brennt eine stolze Bronzelampe, so hell, wie Lampen nur in ganz gut geführten Häusern brennen. Unter der Lampe liegt ein unheimliches Ding, ein Manuskript in Folio, mit zahlreichen Tinten- und Fettflecken, mit umgebogenen, abgestoßenen Ecken – Hagens Novelle. Bertram gruselte es, er wandte sich rasch um und stand vor Simon, der ihm auf dem Fuße gefolgt war. Der Alte wollte sich dem Herrn Doktor durchaus nützlich machen beim Auskleiden und war trotz alles Protestirens nicht wegzubringen. Bertram täuschte sich nicht über den Grund dieses hartnäckigen Diensteifers.

»Sie wollen etwas von mir, ich weiß ja,« sagte er ärgerlich, »kommen Sie nur heraus mit der Sprache.«

So aufgemuntert trug Simon sein Anliegen, das der sämmtlichen Dienerschaft und auch der Beamten, vor. Die Sache war die. In acht Tagen feiert der Herr Verwalter seine silberne Hochzeit. Der Herr Verwalter hat zwei Töchter, von denen jede »etwas aufsagen« soll. Die eine etwas Böhmisches, und daran lernt sie schon auswendig, der Herr Meisenmann hat’s gemacht. Aber die Bevölkerung von Obositz besteht auch aus deutschen Gemeinden, und der Herr Baron und der Herr Verwalter sind für Gleichberechtigung der Nationalitäten. So braucht man denn für die zweite Tochter eine deutsche Ansprache. Herr Meisenmann hat auch die machen wollen, aber alle Leute haben gesagt: Gott bewahre! Wenn der Herr Doktor da sind, wird man doch von keinem anderen ein Gedicht machen lassen, das wäre ja eine Beleidigung.

»Beleidigung!« Bertram donnerte den Alten an, daß er vor ihm zurückwich. »Glauben Sie, daß ich hierher gekommen bin, um Gedichte zu silbernen Hochzeiten zu machen? Sie sind nicht gescheit, Simon.«

»Jekerle, bitte,« sprach Simon kleinlaut, »die Frauenzimmer haben mich anstiftet, ich soll dem Herrn Doktor sagen. Die Frauenzimmer haben dem Herrn Doktor selbst sagen wollen, aber nicht können, haben nicht herausbracht. Die Köchin, die ist die Schwester der Frau Verwalterin, und die Kammerjungfer, die eine Cousine der Köchin ist ...«

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