Bertram Vogelweid. (continued 2)
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»Könnten Sie mir die Verwandtschaften nicht aufschreiben?« fragte Bertram grimmig.
Simon, einmal im Zuge, ließ sich nicht irre machen. Die Köchin, die das beste Mundstück hat, erzählte er weiter, hat dem Herrn Doktor aufgepaßt bei der Kammerjungfer, und wie er vorübergeht, ist sie herausgeschossen und auf ihn zu. Wie sie ihm aber in die Nähe kommt, verliert sie die Kourage und ist wieder hineingeschossen, sie fürchtet sogar – mit Geschrei. Und jetzt schämt sie sich und hat schon geweint und schwört bei allen Heiligen, daß sie sich lieber die Zunge abbeißen, als den Herrn Doktor je wieder ansprechen wird.
Bertram erklärte schon sehr aufgeregt: »Einen gescheiteren Entschluß hätte sie nicht fassen können.«
Das kränkte den Alten, und er fragte mit großer Bitterkeit, wie es jetzt aussehen werde mit der Gleichberechtigung? Die Landsleute des Herrn Doktors hätten ihm eine Ehre erweisen wollen und nicht erwartet, daß er sie zum Dank dafür ganz und gar von der Gnade des Herrn Meisenmann abhängig machen werde.
Bertram erwiderte: »Meine Landsleute sind die Mährer ebenso gut wie die Deutschen. Ich bin ein Österreicher, ich habe ein Vater- und ein Mutterland, und wenn Sie glauben, daß ich hierher gekommen bin, um Öl ins Feuer der ehelichen Zwistigkeiten meiner Elternländer zu gießen, sind Sie auf dem Holzwege.« Er wurde heftig, er verstieg sich derart ins Maßlose, daß er sich vorkam wie eine Feuerwerksrakete, die mit lächerlichem Spektakel in die Höhe fährt, um dort oben gar nichts auszurichten. Das sind die Nerven, dachte er und war auch schon voll Reue, und Simon that ihm leid, der, völlig geknickt, kein Wort von allen, die Bertram hervorsprudelte, verstand, sich aber von jedem im Innersten und Heiligsten beleidigt fühlte. Er nahm sich vor, es genau so zu machen, wie die Köchin und den Herrn Doktor nie mehr um etwas anzusprechen. Mit diesem Entschlusse wollte er das Zimmer verlassen.
Aber der stille Kampf Bertrams war ausgekämpft, und er holte Simon zurück: »Sie unbarmherziger Mensch, verfallen Sie nicht in Stummheit, das ist mir schrecklich. Ich gebe nach, ich will den Kelch leeren, den ihr Giftmischer mir zum Willkommsgruß – na! Ich mache euch das Gedicht. Schon gut,« lehnte er die Dankesbezeugungen ab, in die Simon ausbrechen wollte. »Aber Daten brauche ich,« rief er, »geben Sie mir ein paar Daten.«
»Wie meinen?«
»Ich meine, daß ich etwas wissen muß von Ihrem Herrn Verwalter, wenn ich ihn ansingen soll. Also goldene Hochzeit, sagen Sie?«
»Silberne, bitte, Herr Doktor.«
»Ganz recht, ich habe mich nur versprochen. Und allgemein beliebt ist er?«
»O, und wie, bei alle braven Leut’! Schlechte giebt freilich auch.«
»Für die schlechten dichten wir nicht, Simon. Also« – er gähnte. Wie ein Gewappneter kam der Schlaf über ihn; er begann seine Kleider abzulegen und ließ sich dabei Simons Dienste gefallen: »Und sagen Sie mir noch – ist er verheirathet?«
»Jekerle, Herr Doktor, wenn er silberne Hochzeit hat!«
»Und Kinder hat er auch?«
»Aber bitte, ja, die zwei Töchter, bitte, die aufsagen sollen.«
Sie waren während dieses Zwiegespräches aus dem Wohn- ins Schlafzimmer und bis ans Bett gelangt. Simon betreute den Gast wie eine Mutter ihre Tochter, die morgen debutiren soll, zog, als er sich auf dem köstlichen Lager ausstreckte, die Decke über ihn und löschte die Lichter. Bertram sah ihn noch die Lampe vom Tisch nehmen und hörte ihn die Thür schließen. Dann war alles dunkel und still.
Nach einer Weile lag er aber nicht mehr im Bette, sondern stand auf der Wiese, hatte grüne Arme, einen blauen Helm auf dem Kopf, einen Apfel in der Hand und war ein Rittersporn und zugleich Paris und sollte den Preis der Schönheit ertheilen. Eine Theerose, eine dicke Gretl in der Staude, und eine Wunderblume, dergleichen er nie erschaut hatte, bewarben sich darum. Er wußte wohl: die Theerose ist die Dame aus dem Coupé, und die Gretl in der Staude seine zu gnädige Hausfrau. Wer aber ist die Wunderblume? Und ist sie schön? Das wußte er nicht, er konnte sie nicht einmal deutlich sehen, so nahe sie ihm auch stand. Dennoch trat er auf sie zu und reichte ihr den Preis. Der war aber kein Apfel mehr, sondern eine Goldfeder von Morton in New-York und schrieb mit silbernen Lettern einen Hochzeitscarmen.
X.
Am nächsten Morgen war Bertram fast so früh auf wie die Sonne und mit dem Ankleiden fertig, als Simon kam, um ihm dabei behülflich zu sein.
»Sind schon lange wach, Herr Doktor, haben vielleicht nicht schlafen können?« fragte der Alte und warf suchende Blicke umher, die den leicht gereizten Bertram sofort ungeduldig machten.
»Sie suchen umsonst,« sagte er. »Das Gedicht liegt weder da noch da, noch dort,« – er deutete auf das Bett, den Nachttisch und die Badewanne. – »Das Gedicht ist noch nicht gemacht. Sie müssen die Güte haben, zu warten, bis ich nach Hause komme. Jetzt reit’ ich fort.«
Simon erwiderte zugleich beschwichtigend und ermunternd: Eine ganze halbe Stunde habe der Herr Doktor vor sich und müsse doch frühstücken; aufgetragen sei schon. Wirklich hatte ein Diener den Tisch im Wohnzimmer gedeckt und mit so guten Sachen besetzt, daß ihr bloßer Anblick jeden gesunden Menschen erheitert hätte. Aber einer, der zum Dichten gepreßt wird, den erheitert nichts, dem gefällt und schmeckt nichts. Bertram trank eine Tasse vorzüglichen Thees und gedachte dabei recht mit Fleiß all des Bösen, das »V. Vischer« diesem edlen Getränk nachgesagt hat. Es rächte sich, wie’s dem Edlen geziemt, es erfüllte seinen Ankläger mit wohligem Behagen, klärte ihm den verträumten Geist und erweckte ihm die erlösende Erinnerung an eine, ihrerzeit vielgerühmte Elegie auf den Tod eines Professors, die er als Student gemacht hatte. Sie ließ sich für die jetzige Gelegenheit adaptiren. Der Enthusiasmus, mit dem darin die Beliebtheit, die Tugend und das Eheglück des Professors besungen wurden, sollte nun den silbernen Hochzeitern zu Ehren noch einmal verwerthet werden. Man brauchte nur jedes »deine« in ein »eure,« jedes »du warst« in ein »ihr seid« zu verwandeln, den Kindersegen bedeutend zu vermindern und das ganze Opus aus der wehmüthigen Moll- in eine freudige Cis-Durtonart zu transponiren. Bertram wollte eben an die Arbeit gehen, als ihm gemeldet wurde, die Pferde seien vorgeführt. Da nahm er seinen Hut und eilte so rasch hinab, als ob er gefürchtet hätte, daß sie wieder davon laufen könnten.
Der Freund trat mit ihm zugleich vors Haus. Er kam aus dem Garten, wo er seit einer Stunde schon Gebüsche ausgeschnitten und Gras geschoren hatte. Sein Diener brachte eine Reitpeitsche, an der längst der Smiß fehlte, ein paar große, uralte Handschuhe und Gamaschen, die aus der Haut eines vorsintfluthlichen Thieres gemacht schienen. An den Füßen trug der Baron ein paar starke, sehr abgenützte Schuhe, sein breiter Oberkörper war in einen kurzen, grünen Rock eingepreßt, und auf dem Kopfe saß ihm ein braunes, zerquetschtes Hütlein mit schmaler Krempe, unter dem rückwärts die Glatze hervorguckte.
Im Nu war er im Sattel; für Bertram hatte das Aufsteigen einige Schwierigkeit, und als die glücklich besiegt war und sein Pferd sich, ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten, in Trab setzte, befiel ihn ein Schwindel, er wurde blaß und machte die kläglichste Figur.
»Was, Teufel, was hast?« fragte Hugo. »Sitz’ grad’, halt’ dich nicht am Zügel. Courage! Das Pferd ist ja gar kein Pferd, ist ja eine Kuh!«
Bertram hatte aber vier Jahre lang nicht einmal auf einer Kuh gesessen. Ihn beseelten zwei heiße Wünsche: bald ankommen, und nicht vom Pferde fallen. Die Freunde ritten im gemüthlichen Zotteltrab quer über die Wiese. Rechts von ihnen lag schmuck und wohlgepflegt ein Musterwäldchen, links stieg der Boden sachte auf, und die kleinen Anhöhen, hinter denen die Lepiden blauten, waren von den schneeweiß getünchten Stationen eines Kalvarienberges gekrönt. Vor den Reitern blinkte es manchmal wie Funken auf, am hellen Horizonte. Die vergoldeten Kreuze auf den Kirchen und Kirchthürmen der erzbischöflichen Stadt erglänzten im Morgensonnenschein. Jenseits des Wassers erhoben sie sich, des klaren Gebirgsstromes, der seine Umgebung verschönerte, befruchtete oder auch – verheerte.
Bis zum Meierhof, dem der Freiherr und Bertram entgegenritten, war er aber noch nie gedrungen. In respektvoller Entfernung von ihm aufgebaut, genoß die stattliche Besitzung die Segnungen seiner Nachbarschaft, ohne von ihren Gefahren bedroht zu werden.
Der Weg wurde schmaler, er führte jetzt durch eine Allee von Obstbäumen. Hugo sah sich nach allen Seiten um, sah auch alles, kümmerte sich um alles, nur nicht um sein Pferd. Mit dem war er wie verwachsen, der reine Centaur, der dicke, alte Herr. Er ritt, wie ein anderer zu Fuß geht, lief mit vier Beinen statt mit zweien, das war der Unterschied.
»Schau,« sagte er und deutete auf einen frischen, tiefen Hieb, der einem jungen Apfelbaume offenbar mit der Axt beigebracht worden war. »Und schau, da und da!« Eine ganze Reihe von Bäumen war so bis aufs Mark zerhauen.
»Dumme Verwüstung,« rief Bertram, »wer thut das? Und warum geschieht’s?«
»Sagen wir aus Übermuth,« erwiderte Hugo achselzuckend, und der Freund bewunderte seine Gelassenheit, sein geistiges, moralisches, und in diesem Augenblick ganz besonders, und mit entschiedenem Neide, sein physisches Gleichgewicht.
In der Nähe des Meierhofes befand sich eine kleine Ansiedlung. Eine Gruppe von zehn Häusern. Jedes Haus hatte ein Gärtchen, und in jedem Gärtchen standen Bäume, und alles war nett und sauber gehalten und machte den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit.
Der Baron stellte sich auf in den Bügeln, richtete die Spitze seiner Reitgerte auf ein graues Schieferdach, das zwischen dem Meierhofe und dem letzten der kleinen Häuser sichtbar wurde, und sprach: »Da guckt’s schon heraus, dein Palais.«
Bertram riß den Hut vom Kopfe, schwenkte ihn in der Luft und jauchzte: »Hoch Palais Vogelweid! Nein, nicht Palais, nicht Vogelweid, Haus. Vogelhaus!«
»Gieb acht!« schrie Hugo. Hinter ihnen kam ein Reiter im Galopp einhergesaust. Es war Hagen, der sie einholte, und vorüberjagte, ohne Notiz von ihnen und dem Schrecken ihrer Pferde zu nehmen. Der Braune des Freiherrn machte eine Lançade, die den Reiter aber kaum im Sattel hob. Mit einer Mischung von Ärger und Stolz blickte er dem Sohne nach:
»Da reitet er wieder die Fohlenstute, was ihm streng verboten ist. Ich hab’s in meiner Jugend auch weit gebracht im Ungehorsam, aber so weit wie der lange nicht. Und wie er oben sitzt, wie ein Schneider!« Bei diesen Worten wendete er sich nach dem Freunde um, vermißte ihn aber auf seinem früheren Platze. Der Sattel der Kuh war leer, sie begann eben gemüthlich zu grasen, und jenseits von ihr auf der weichen Wiese, die beiden flachen Hände auf den Boden gestemmt, saß Bertram und schien äußerst erstaunt.
Weißenberg hielt sein Pferd an und sagte: »O jeh!«
»Ja wohl,« erwiderte Bertram. »Wie Hagen so vorbeigewettert ist, da muß sie erschrocken sein, die Kuh, und da hat sie sich geschüttelt.«
»Und da hat sie dich hinuntergeschüttelt. Macht nichts, steig’ nur wieder auf.«
»Um keinen Preis. Zu Fuß will ich mein zukünftiges Daheim betreten, ehrerbietig wie Washington auf der Rückkehr von seinen Siegen sein Mutterhaus betreten hat.« Er hing die Zügel seines Rosses über den Arm und ging wohlgemuth neben Weißenberg, der sein Pferd in Schritt gesetzt hatte, einher. »Das Glück trägt mich, was soll ich mich von einem Pferde tragen lassen!«
Der kleine Besitz, den der Freiherr für Bertram gekauft hatte, bestand aus sechzig Hektaren fast durchwegs besten Bodens und zwar aus vier Hektaren Wald, zehn Wiesen, vier Weideland, der Rest Felder. Das Haus, von Grund auf neu gebaut, hatte fünf Fenster Front im ersten Geschoß, und vier im erhöhten Halbstock, je zwei neben dem Hausthor. Das war aus massivem Eichenholz, fest und kunstvoll gefügt und mit einem so gediegenen Schlosse und Klopfer und so schön gezeichneten Beschlägen aus blankem Schmiedeeisen versehen, daß sein Anblick ein Genuß gewesen wäre, auch wenn es nicht den Eingang zum Vogelhaus gebildet hätte. Steinerne Stufen führten zu ihm hinauf, die kanellirten Säulchen, die den Abschluß des Geländers bildeten, trugen Blumenvasen aus Thon, in denen großblätteriger Epheu wuchs und gedieh. Das Haus stand dicht vor dem Wäldchen und mitten in dem kleinen Garten, in dem schon allerlei Nutzpflanzen grünten, aber auch Blumen blühten und dufteten. Hinter dem Drahtgitter, das den Garten umfriedete, hoben junge Fichtenbäumchen die frischen, hellgrünen Köpfe aus der Erde und waren bestimmt, in einigen Jahren einen üppigen lebenden Zaun zu bilden.
Je mehr die Freunde sich dem Vogelhause näherten, desto stiller war Bertram geworden. Am Gitterpförtchen trat ihnen ein ältlicher, hagerer Mann in abgetragener Kleidung entgegen. Sein echt slavisches Gesicht hatte einen ernsten Ausdruck, seine breiten Hände schienen eben eine Tüncherarbeit verrichtet zu haben, denn sie waren inwendig ganz weiß.
Der Freiherr stellte ihn vor: »Joseph Waniek, ein Prachtmensch. Man darf das vor ihm sagen, es ist keine Schmeichelei, er weiß, was er werth ist. Er wird deine Wirthschaft führen, solange du willst: er ist alles: Ökonom, Gärtner, Maurer, Schlosser, Zimmermann.«
»Ich werde zu Ihnen in die Schule gehen, Herr Waniek,« sagte Bertram und reichte ihm die Hand.
Waniek verbeugte sich höflich deprecirend, ergriff die Zügel der Pferde und führte sie fort:
»Wohin? wohin geht er mit ihnen?«
»Nun – in den Stall.«
Der neue Grundbesitzer brach in Entzücken aus: »Ich hab’ einen Stall.« schrie er. »Wo?« Er wollte davonstürzen, besann sich aber, wandte sich und stürzte dem Freund an die Brust: »Wie soll ich dir danken?«
Der Baron wurde auf einmal kalt und ablehnend:
»Keinen Unsinn. Wofür? Daß ich dein Geld zweckmäßig (so hoff’ ich wenigstens) verwendet habe? Es hat mir Spaß gemacht. Du aber besinn’ dich, was du einst für mich gethan hast. Auf deinen Schultern durch die Schulen getragen hast du mich, du, der viel Jüngere, mich, den ewigen Repetenten. Himmel, Himmel, waren das Zeiten! Mein guter, alter Vater, der selbst nichts gelernt hatte und das Lernen deshalb für eine so leichte Sache hielt. ‘Ich kränk’ mich zu Tod’, wenn du nicht lernst.’ Und ich, der ihn liebte, es ihm beweisen wollte und nicht konnte mit meinem Dickschädel, der so empfänglich war für Gelehrsamkeit, wie eine Rübe für Magnetismus.«
»Thu’ dir nicht Unrecht, Hugo,« versetzte Bertram und brach plötzlich in Schluchzen aus. Bei dem Anblick kamen auch dem Baron die Thränen in die Augen, er zog sein Taschentuch hervor und schneuzte sich kräftig: »So, fertig,« sprach er. »Jetzt wollen wir deinen Grundbesitz in Augenschein nehmen.« Sie traten ins Haus, durchwanderten seine wohnlichen, aber noch spärlich eingerichteten Räume, begaben sich dann in den Stall, in dem vier stattliche Kühe und zwei tüchtige Gäule standen. In einem kleineren Stalle waren einige Schafe untergebracht, und im Schweinekoben hörte man’s vergnüglich grunzen.
»Borstenvieh hab’ ich auch!« jubelte Bertram. Dem Freiherrn wurde bange um ihn. Während er sein Grundeigenthum beschritt, wechselten seine Stimmungen mit unheimlicher Schnelligkeit. Aus überwallender Freude verfiel er in tiefste Muthlosigkeit und rief händeringend:
»Ich bin Moses! Ich sehe das Land der Verheißung, aber in Besitz nehmen werde ich es nicht, erleb’s nicht. Ein solches Glück erlebt man nicht. Des Lebens ungemischte Freude ...«
»Nur vor der keine Angst,« unterbrach ihn Hugo. »Die Mischung findet sich. Für die Sorgen des Landwirths ist gesorgt.«
Sie kamen zu einem Weizenfelde, wo eben geschnitten wurde; sechs Schnitter waren dabei beschäftigt, das heißt, zwei mähten, zwei schliffen ihre Sensen und schnupften dazwischen mit großer Umständlichkeit, zwei tranken Branntwein.
»Schau dir den Weizen gut an,« sagte der Freiherr. »Für den rechne ich auf den ersten Preis bei der landwirtschaftlichen Ausstellung.«
Er nahm eine Hand voll Ähren, zerrieb sie in den Händen, blies die Spreu hinweg, und hielt Bertram die schweren, goldgelben Körnlein hin: »Das ist eine Pracht.«
»Wenn ich nur davon etwas verstände! Ich verstehe aber nichts, ich sehe auch nichts, mit mir dreht sich alles im Kreise. Ich kann nicht mit dir fort, kann mich von Vogelhaus noch nicht trennen. Gehe du deinen Geschäften nach und laß mich da. Ich will arbeiten, mich physisch ermüden, meinen Grund und Boden mit meinem Schweiße düngen. Sage diesen guten Leuten, einer von ihnen möge mir seine Sense überlassen. Sage ihnen, daß ich Mühe und Plage und auch ihr Mittagessen mit ihnen theilen werde, gegen Bezahlung natürlich.«
»Da kriegst du in Branntwein aufgeweichtes Brot und Hutzeln mit Gries gekocht. Und was die Bezahlung betrifft – bei Sacher ist’s billiger. Aber wie du willst.«
Er trat an die Schnitter heran und theilte ihnen, selbstverständlich in slavischer Sprache, mit, daß Herr Vogel, ihr Arbeitgeber, beabsichtige, beim Mähen mitzuhelfen. Einige lachten, die anderen trugen eine hochmüthige Theilnahmslosigkeit zur Schau. Ein einziger, ein alter, großer, schöner Mann nahm den Hut ab, und begrüßte Bertram mit einem deutschen: »Küß’ die Hand.«
»Ihr zwei könnt euch zur Noth verständigen,« sprach Weißenberg, ermahnte den Freund, ja nicht zu spät zum Souper zu kommen, und verabschiedete sich.
Bertram hatte den Rock abgelegt, die Sense ergriffen und war bald in voller Thätigkeit. Er wollte den Leuten, die ihre Arbeit mit erstaunlicher Schläfrigkeit verrichteten, zeigen, wie ganz anders ein gebildeter Mensch die Sache angreift. Aber nur zu bald mußte er in seinem Eifer nachlassen und sah ein, in dem Tempo, das er angeschlagen hatte, könne es nicht lange weitergehen.
Seine Sense war stumpf geworden, er ersuchte in der Zeichensprache seinen Nebenmann um den Schleifstein, wetzte und wetzte, die Sense wollte nicht scharf werden. Schleifen konnte er nicht. Bisher hatten die Arbeiter ihn ganz unbeachtet gelassen, jetzt wurden sie alle auf einmal auf ihn aufmerksam und hatten ihre helle Freude an seiner Ungeschicklichkeit. Der Nachbar nahm Bertram endlich das Werkzeug aus der Hand, war mit dem Schärfen gleich fertig, streckte aber auch sofort die Rechte aus und sprach höflich: »Trinkgeld.« Dieses deutsche Wort schien ihm geläufig. Großes Gelächter erhob sich, Bertram stimmte ein und spendete dem Taglöhner für den geringen Dienst einen blanken Silbergulden. Der Beschenkte steckte ihn hastig in eine Tasche seines zerrissenen Rockes und zog aus der andern ein Fläschchen hervor. Es war in ein schmutziges Tuch gewickelt und mit einer trüben, dicklichen Flüssigkeit gefüllt. Der Arbeiter entkorkte es und hielt es Bertram hin. Dem graute, aber um keinen Preis hätte er das kameradschaftliche Anerbieten zurückgewiesen. Er dachte an Neshdanow in Turgeniews Neuland und wollte stärker sein als der russische Held. Heroisch setzte er die Flasche an und that einen kräftigen Schluck. Es war gräßlich. Der Hals brannte, ein fast unüberwindlicher Ekel ergriff ihn. Er machte sich rasch wieder an die Arbeit und kehrte den Leuten den Rücken zu. Sie sollten sein Gesicht nicht sehen, oder vielmehr die Gesichter, die er unwillkürlich schnitt. Aber bald drohte die Müdigkeit ihn zu überwältigen, seine Arme schmerzten, in kleinen Bächen floß der Schweiß ihm über den Leib, und jetzt mußte er wieder an Tolstois Ljoisin denken und ärgerte sich, daß er sogar beim Taglöhnern nicht herauskam aus der Litteratur. Nur noch ehrenhalber führte er die Sense und nahm sich vor, das nächste Mal die Arbeit mit geringerem Feuereifer zu beginnen, um länger bei ihr aushalten zu können. Gemächlich muß arbeiten, wer den ganzen Tag arbeiten soll. Bertram war zufrieden, als der alte Schnitter auf ihn zuschritt, und ihm lächelnd seine Sense aus der Hand nahm. Nun sah er zu, und es war ein völlig grandioser Anblick, wie der Greis im gleichmäßigen, weitausholenden Schwung, einen großen Halbkreis mit seinem Werkzeug beschrieb und jedesmal einen Arm voll Halme vom Boden wegrasirte, daß sie hinsanken, so bereitwillig, als ob es ihnen ein wahres Vergnügen wäre. Ihre goldenen, bärtigen Köpfchen, die eben noch zum strahlenden Blau des Himmels hinausgeschaut hatten, ruhten jetzt wohlig und sanft an der Brust der alten Mutter Erde.
XI.
Plötzlich hielt der Alte in seiner Arbeit inne, streckte den Hals und rief: »Ferd! Ferd!« Die Fohlenstute raste einher – ledig. Die Steigbügel peitschten ihre Flanken, die zerrissenen Zügel ihren Kopf. Wild gemacht durch die überflüssigen Hülfen, tollte sie wie rasend querfeldein ihrem Wohnorte zu. In weiter Entfernung von ihr folgte ihr Exreiter; übel zugerichtet, wie sich immer deutlicher zeigte, je näher er kam. Bertram lief ihm entgegen, und ein förmliches Ringen entspann sich zwischen ihnen. Bertram wollte ihn zwingen, dazubleiben, der Junge wollte durchaus weiter rennen. Das Blut floß ihm aus der Nase in den Mund, er spuckte wie eine böse Katze, nieste, machte alle möglichen Anstrengungen, um zu sprechen, und konnte nicht. Mit Gewalt führte ihn Bertram ins Haus und zwang ihn, sich pflegen zu lassen. Im Zimmer neben der Küche stand eine mit Stroh gefüllte Bettlade, Waniek breitete einen Kotzen darüber, den er aus dem Stalle gebracht hatte, und trug, ohne einen Befehl abzuwarten und ohne ein Wort zu verlieren, einen Krug mit frischem Wasser gefüllt herbei. Der Verwundete mußte sich auf dem Lager ausstrecken. Sein und Vogels Taschentuch wurden einstweilen abwechselnd zu Umschlägen verwendet. Der alte Arbeiter kam mit dem Rocke, den der fleißige Stadtherr auf dem Felde liegen gelassen hatte, und wurde beauftragt, ins Schloß zu gehen, um Wäsche zu holen und der Baronin eine Karte, auf die Bertram eilends einige Worte schrieb, zu überbringen.
»Wozu? wozu das? Was schreibst du ihr?« rief der Patient und wollte aufspringen. Wieder suchte Vogel ihn zu beschwichtigen. »Wenn deine Mutter erfährt, daß dein Pferd ohne Reiter nach Hause gekommen ist, erschrickt sie tödtlich. Ich habe sie über dein Befinden beruhigt. Wär’ ich’s nur selbst. Dein Auge sieht entsetzlich aus und muß dir infam weh thun.«
»Mir thut nichts weh, nichts,« polterte Hagen, »und wenn du sagst, daß ich vom Pferde gestürzt bin, bist du mein Feind. Ich bin nicht gestürzt, ich bin abgestiegen, habe das Vieh an einen Baum gebunden, da hat sich’s losgerissen.«
»Und dein geschwollenes, zerschlagenes Gesicht, und dein Auge, Hagen. Dein Auge sieht aus wie ein einziger, großer Blutstropfen. Wie kommst du dazu?«
»Eine Fliege hat mich gestochen.«
»Junge! Junge, du bist verdreht. Zugeben, ich habe mich auf ein Pferd gesetzt, das ich nicht reiten kann – welche Schande! Aber lügen wie ein Schulbub, der sich ausreden will, das geht dir nicht an die Ehre.«
Der Kranke kehrte ihm den Rücken zu und blieb eine Weile regungslos. Bertram beugte sich über ihn und sah ihn voll Besorgniß an. Da öffnete Hagen das gesunde Auge und sprach langsam:
»Ich habe stürzen wollen. Ich habe sterben wollen. Es ist mißlungen.«
Zuerst glaubte Bertram, das sei Geflunker. Aber nein. Aus der Miene des Jünglings, aus seiner plötzlichen, ungewohnten Ruhe sprach wahrhaftige Verzweiflung.
»Um Gotteswillen, du phantasierst. Ich hoffe, du phantasierst!« Er griff hastig nach Hagens Puls.
»Ich phantasiere nicht; ich bin ganz kalt.«
Deine neueste Pose, dachte Bertram. Er schwankte zwischen Entrüstung und Schrecken: »Du hast dich tödten wollen. Herrgott im Himmel! Und deine Eltern – hast du nicht an deine Eltern gedacht?«
»Nein, nur an sie, an der ich mich rächen will, der ich einen Stachel ins Herz bohren will... Sie hat mich verschmäht – wenn du wüßtest, wie? Ich biete ihr meine Liebe und sie demüthigt mich – mich, den Sohn ihrer Wohlthäter ... beleidigt mich, ich kann es nie sagen, wie sie gewagt hat mich zu beleidigen. – O, Nietzsche, du hast Recht, du allein – die Peitsche für die stumpfsinnigen, imbecilen Weiber!«
Er wand sich, er biß in den Rock, den Bertram als Decke über ihn gebreitet hatte.
»Erstens bitte ich dich,« sagte der, »laß meinen Rock in Ruh. Er ist neu und kostet ein Heiden-, ein sauer verdientes Geld. Zweitens: von wem sprichst du? doch nicht von Fräulein Gertrud? Oder ja? – Ja so! Du willst deine Cousine heirathen?« Seine Mundwinkel umspielte etwas, das Hagen zu dem Ausruf berechtigte:
»Darüber lachst du selbst. Ans Heirathen werd’ ich denken, wenn ich einmal fünfzig bin. Meine Liebe habe ich ihr angetragen, meine Leidenschaft, mich habe ich ihr angetragen, mich! und mich verschmäht die Närrin, die prüde, eingetrocknete, versauerte alte Jungfer, die mir die Hände küssen sollte ...«
»Warum nicht gar. Schweige! Du bist beunruhigend. Ich weiß wirklich nicht, was bei mir überwiegt, das Mitleid mit dir oder die Empörung über dich. Schweig!« wetterte er ihn an. »Ich befehle es dir. Du kommst um dein Auge,« fuhr er sanfter fort. »Du mußt ja fühlen, wie’s um dein Auge steht. Leg’ dich hinüber, sprich nicht, denk’ auch nicht, verlaß dich drauf, was du jetzt sprichst und denkst ist Unsinn. Ich bin hier Herr, bin gesund, und du bist mein Gast und bist krank. Kranke müssen gehorchen.« Er beugte sich wieder über ihn: »Hagen, mein Junge, ich beschwöre dich, sei ein standhafter Mann, der einen Puff aushält, ohne gleich an feige Flucht aus dem Leben zu denken.«
O Wunder, der Unbändige gehorchte, legte sich hin und blieb ganz still. – Das Wasser im Kruge war warm geworden, Bertram ging zum Brunnen, frisches zu holen. Es freute ihn, das selbst zu besorgen, und er hatte dabei einen Anfall von Aberglauben. Daß er das erste Wasser aus seinem eigenen Brunnen zur Linderung fremder Leiden schöpfte – hatte gewiß etwas zu bedeuten, etwas Gutes, Schönes. Zur Linderung fremder Leiden? Nicht fremder, kein Mensch war ihm fremd, am wenigsten der vertrackte Junge, das verirrte Schaf, das er auf den rechten Weg führen wird.
Als er ins Zimmer zurückkam, war’s darin mäuschenstill. Er erneuerte den Umschlag auf dem Auge des Patienten und setzte sich auf einen Schemel neben das Bett. Daheim! Über seinem Kopfe wölbt sich sein eigenes Dach, und jede Schiefertafel, die darauf liegt, hat er sich selbst verdient. Wie herrlich dieses Bewußtsein, wie wonnig die Ruhe in der kühlen Stube. Vor zwei Tagen erst hatte er sich krank und elend gefühlt und heute – eben erst sprach er zu seinem Gaste: Ich bin gesund. Ein Glücksgefühl ergriff ihn, und er murmelte: »Dank, Dank!« Ach, ihm war wohl! Draußen brütete die Hitze des Sommertages millionenfaches Leben aus. Allerweckerin! Allernährerin! himmlische Sonne! du hast auch Bertrams Getreide zur Reife gebracht, und bleichst jetzt in den goldenen Hülsen das silberweiße Mehl. Man riecht’s, es duftet so nahrhaft. Man hört die Arbeiter auf dem Felde sprechen, man hört auch Vögel zwitschern, und jeder Schall schlägt gleichsam wie gereinigt durch die ätherklare Luft, als Wohllaut ans Ohr.
»Du!« sprach der Patient auf einmal mit unheimlich heiserer und gequälter Stimme.
»Was denn, mein Junge?«
Die Antwort ließ auf sich warten, wurde aber doch mühsam hervorgepreßt.
»Hast sie gelesen?«
»Was gelesen?«
»Zum Teufel, die Novelle.«
»Ach ja – die deine. Noch nicht.«
»Nicht?« knirschend kam es heraus dieses: Nicht. »So schick’ sie zurück, zum Teufel, wenn du sie nicht lesen willst. Schick’ sie zurück, augenblicklich.«
»Ich laufe schon,« erwiderte Bertram ärgerlich, »ich warte nur noch den Besuch deiner Mutter ab.« Er trat ans Fenster und sah hinaus. »Da kommt sie gefahren mit deiner Schwester und dem Doktor.«
»So? Natürlich, der muß dabei sein; der Flohbißchirurg, die Wanze, der Zeck!«
Die Baronin hielt sich beim Anblick ihres verwundeten Sohnes tapferer, als Bertram es ihr zugetraut hätte. Sieglinde schwamm in Thränen. Der Doktor, ein ältliches, pfiffig dreinschauendes Männlein, war bald fertig mit der Untersuchung des Patienten.
»Ihnen fehlt nichts,« sagte er ironisch. »Stehen Sie auf. Sie können nach Hause reiten, wenn Sie’s freut. Schmerzen werden Sie ja nicht haben.«
»Ich will nach Hause fahren,« sagte Hagen.
»Thun Sie das,« erwiderte der Doktor. »Weil wir aber ganz überflüssigerweise einen Kübel mit Eis mitgebracht haben, werde ich Ihnen einen Umschlag machen und Sie verbinden.«
Das geschah. Hagen stand sofort auf, wankte, nahm ziemlich gutwillig den Arm seiner Mutter und verließ das Zimmer, ohne ein Wort des Grußes an Bertram zu richten.
»Sind Sie besorgt?« fragte dieser den Arzt.
»Es wird hoffentlich alles gut, aber leiden muß er wie ein Hund.«
Bertram blickte der, auf Befehl des Doktors langsam fahrenden, Equipage nach und dachte: Ein Gezücht, dieser Hagen, und kann doch ein tüchtiger Mensch werden. Hundemäßige Schmerzen heldenmäßig ertragen, das ist etwas. Er blieb bis gegen Abend in Vogelhaus; aß wirklich Hutzeln mit Gries, kam vor, während und nach der Mahlzeit wirklich so oft in Gelegenheit, Trinkgelder bezahlen zu müssen, daß er endlich mit leerem Portemonnaie sein Rößlein bestieg und in einem Schritt, der sich immer mehr verschärfte, je näher »die Kuh« dem Stalle kam, heimritt nach Obositz.
XII.
Beim Souper auf der Veranda war’s schön und gemüthlich, trotz einiger kleiner Zwischenfälle, die das gute Einvernehmen vorübergehend störten.
Der Baron kam wehmüthig ergriffen von einem Besuche bei seinem Sohne zurück, verrieth aber seine Gemüthsbewegung nicht. Er setzte sich mit Nachdruck nieder, steckte die Hände in die Hosentaschen und sprach mit rauher Stimme: »Recht ist ihm gescheh’n! ganz recht.«
Seine Gattin entsetzte sich: »O, wie grausam du bist!« und er erwiderte kurz:
»So ist es und nicht anders.« Er war stolz auf die Brutusgefühle, die er an den Tag gelegt hatte, und wenn er einmal in der Toga steckte, kam er nicht so bald wieder heraus.
»Der Meisenmann ist bei ihm geblieben,« fuhr er fort. »Guter Kerl der Meisenmann.«
»So?« fragte Bertram – »der Fanatiker?«
»Weich wie Watte. Willst du ihn weinen sehen?«
»Trage gar kein Verlangen danach.«
»Nun, ich meine nur. Wenn du vielleicht wolltest, dann sprich ihm nur von seinem alten Vater. – Ein sehr guter Mensch, der Meisenmann!« (diese letzten Worte richtete der Baron direkt an Gertrud). »Und was seinen Fanatismus betrifft – Naturerscheinung. Das kommt so über die Menschen, wie die Nonne über die Bäume und die Reblaus über die Weinstöcke. Der Weinstock ahnt auch nicht, daß die Reblaus ihn hat und aufspeist, er glaubt, er hat die Reblaus und soll sie verbreiten zum Wohl des Weinbergs. Und deshalb,« schloß Weißenberg mit scharfer Logik und warf einen nicht minder scharfen Blick auf seine Nichte, ist Meisenmann »ein grundguter Mensch, der auch eine gesicherte Zukunft hat und jede Frau glücklich machen würde. Und du,« wandte er sich an seine Tochter, die sofort vor Bestürzung in Atemnoth gerieth. »Was treibst du? ich muß mich wundern. Bin grad’ auf dem Gang deiner Dobka begegnet. Sie hat etwas Versiegeltes aufs Zimmer unseres Freundes getragen. Was war das? Sie wollte ich nicht fragen, um dich nicht vielleicht zu beschämen vor deinem Stubenmädchen; ich frage dich selbst. Hast du sie und was hast du geschickt?«
Sieglinde rang die Hände unterm Tisch, sie litt Qualen, und die treue Mutter litt mit ihr, und Gertrud sah die beiden theilnehmend und dann Bertram an, und ihm schien, als spräche sich in ihrem Blick die Bitte aus: Kommen Sie ihnen zu Hülfe.
Da konnte er nicht widerstehen und sagte mit bittersüßem Lächeln: »Die Baronesse sammelt ohne Zweifel Autographen und hat mir ihr Album geschickt.«
»Ja – ich werde auch – aber« ... Sie kam nicht weiter, Thränen erstickten ihre Stimme. Sie stand auf und warf sich weinend in die Arme ihrer Mutter, die ebenfalls aufgestanden und ihr entgegengegangen war. Leise und unverständlich flüsterten sie miteinander. Weißenberg führte seine große Theetasse an den Mund und setzte sie erst wieder ab, als die Baronin und Sieglinde auf ihre Plätze zurückgekehrt waren.
»Lieber Vogelweid,« nahm die Hausfrau das Wort, »meine Tochter wird Ihnen selbstverständlich ihr Album schicken, verzeihen Sie, daß es noch nicht geschah.«
»Verzeihen?«
Gertrud erhob den Kopf. Bertram hatte diese Frage mit so bösartiger Ironie gestellt, daß einem bange werden konnte vor ihm. Die Baronin schwebte wieder ein paar Meter hoch über den Parketten und merkte nichts.
»Sie sollten vorher wissen, lieber Freund,« fuhr sie fort, »daß es eine kleine Kollegin ist, die um einige Zeilen von ihrer berühmten Hand bitten kommt. Sieglindchen dichtet.«
»Ob ich mir nicht so was gedacht hab’,« rief Weißenberg verdrießlich aus. »Sie spielt ja schon seit einiger Zeit alle Farben, wenn jemand sagt: ‘Poet’ oder: ‘lyrisches Gedicht’.«
»Bisher,« setzte die Baronin hinzu, »haben nur die Augen der Mutter auf den jungen Geistes- und Gemüthsblüthen des Kindes geruht.«
»So? die eigenen hat das Kind dabei zugemacht, es wird ihr im Schlaf gekommen sein,« brummte Hugo, sagte sich aber im stillen: sie spricht gut, meine Frau.
»Sieglindchen ist so bescheiden, so ängstlich. ‘O Mutter, wenn ich nur Talent habe’, klagt sie oft gar rührend. ‘Ich weiß nicht, ob ich weiter dichten soll’. Nach schweren Kämpfen hat sie sich entschlossen, Ihnen die Entscheidung zu überlassen. Lesen Sie, prüfen Sie ernst und gewissenhaft, rathen Sie, soll sie weiter dichten oder nicht?«
»Wenn sie nicht ein Riesentalent hat, nein!« erklärte Weißenberg. »Dichten ist heutzutage Männersache. Wund’re dich nicht, daß ich das weiß,« rief er Bertram triumphirend zu. »Kein Geringerer als du hat es mich gelehrt. Die Bücher, die du lobst in deinen ‘Überblicken’, darf eine anständige Frau nicht lesen.« Er nahm keine Notiz von dem lauten Widerspruch aller: »Nicht lesen! Die Litteratur ist in einer großartigen Reform – der Rückkehr zur Männlichkeit aus weibischer Versumpfung, begriffen – sagt Vogelweid. Und ich sag’: Bravo! Jetzt ist die Männerlitteratur dran. Will meine Tochter mitthun? will sie Bücher schreiben, die ihre Mutter nicht lesen darf?« fuhr er Sieglinde an.
Die und die Baronin blieben stumm vor Verwirrung über diesen heftigen Ausfall, nur Gertrud entgegnete:
»Aber, lieber Onkel!«
Bertram horchte hoch auf, verneigte sich gegen sie und sprach: »O, wie recht haben Sie, mein verehrtes Fräulein!«
Da wurde sie gleich wieder verlegen: »Warum denn? ich habe ja nichts gesagt.«
»Doch! Sie haben gesagt: Aber, lieber Onkel! Ich wiederhole: Aber, lieber Hugo!«
»Kann nicht helfen, Mulier taceat in ecclesia! Daß nach diesem Worte gethan wird, das erhält die Kirche groß. Wären die Frauen auch in der Litteratur nicht zu Wort gekommen, wäre auch die Litteratur groß geblieben.«
»O lieber Freund, es ginge der Kirche schlecht, wenn sie auf die Frömmigkeit der Männer allein angewiesen wäre, und der Litteratur ging’s schlecht, wenn ihr die Frauen ihr Interesse entziehen würden.«
»Das sollen sie auch nicht. Nachbeten sollen sie, aber nicht vorbeten, nicht in ecclesia, nicht in litteris.«
»Einige Vorbeterinnen möchte ich doch nicht missen,« versetzte Bertram. Ihm schwoll die Galle, weil er nun doch in ein litterarisches Gespräch hineingerathen war, und als der Freund schlagfertig entgegnete:
»Ausnahmen betätigen die Regel,« sprach er gereizt:
»Stehende Redensart. Unsere Rede soll nicht stehen, sie soll wenigstens fließen, wenn sie nicht sprudeln kann.« Er zwirbelte an seinem Schnurrbart: »Sie schreiben also, Baronesse?«
»Ich schreibe nicht, ich dichte,« verbesserte sie weinerlich.
»Sie dichten und wollen gedruckt werden. ‘Hat er es einmal aufgeschrieben, will er, die ganze Welt soll’s lieben,’ sagt Goethe. Das ist ein Unglück, wissen Sie; eine unselige, weitverbreitete Krankheit. Die Vielschreiberei ist epidemisch geworden. Das Skelett im Hause ist heutzutage – das Manuskript. Es fehlt nirgends, nicht in den Schreibtischen der Erlauchten, nicht in der Lade des Krämers, nicht im Pult des Studenten und des Schulmädchens, nicht im Arbeitskorb der Näherin. Alles schreibt, jeder Mann, jede Frau, jedes Kind!«
»Das wußten wir in unserer unschuldigen Abgeschiedenheit freilich nicht. Sie setzen mich in schmerzliches Erstaunen, Vogelweid,« sagte die Baronin offenbar verletzt. Sieglinde glühte wie eine Feuerlilie, und Gertrud, fast so roth wie sie, senkte den Kopf und beschäftigte sich eifrig mit einer Häkelarbeit, die sie aus ihrer Tasche gezogen hatte.
Bertram stieß einen schweren Seufzer aus: »Naturerscheinung, alles Naturerscheinung. Du hast recht, Hugo. Das schreibt und schreibt und will berühmt werden. Es ist die Zeit, in der jedes Individuum sich selbst vergöttert, nach Vergötterung lechzt. Es ist aber auch die Zeit, in der der Socialismus in breiten Kolonnen anrückt, sein ungeheures Prokrustesbett hinstellt und den Genius und den Trottel, den rastlosen Arbeiter und den Faulenzer, den Asketen und den Lüstling, nebeneinander einpfercht als Genossen und als gleichwerthige Knechte der unumschränkten, unfehlbaren Tyrannin – der Gesellschaft. Dann wieder eine andere Strömung: Keine Gesellschaft! kein Staat! keine Gesetze. Jeder sein eigener Lykurg. Egoismus das einzige Menschenrecht, Nächstenliebe fluchwürdige Schwäche. Und wie viele andere Strömungen noch! Und jede in den Augen ihrer Vertreter der alleinig zur Überschwemmung der Welt berufene, die Zukunft befruchtende Nil! Mit täglich wachsender Furie platzen sie aufeinander – bäumen sich zu Gischtsäulen empor ... Wartet nur, wartet, bis die rasenden Naturgewalten verheerend losbrechen. Die Stunde kommt. Wie es jetzt in der Welt aussieht, so hat es immer ausgesehen vor dem Untergange einer Civilisation!«
Während er diese Rede hielt, starrte er unverwandt vor sich hin in den Garten. Weil aber Sieglinde ihm gegenüber saß, schien sein Blick auf ihr zu ruhen. Der Ärmsten war, als ob sie mit glühenden Nägeln an die Pfeiler der Veranda genagelt würde.
Weißenberg hatte dem Freunde fortwährend seine Zustimmung zu erkennen gegeben, jetzt sagte er, wie einer, der seiner Sache zwar nicht sicher ist, den Kampf aber um keinen Preis aufgeben will, zu seiner Tochter:
»Siehst du, siehst du, das alles kommt von der Dichterei.«
»Oder die Dichterei von alledem, und sie ist krank und faul, wie wir selbst,« versetzte Bertram.
Gertrud erhob den Kopf und lachte: »Sie scheinen zur Übertreibung geneigt, Herr Vogel.«
Sie hatte ihn angesprochen. Endlich! Er verneigte sich so freudig, als ob sie ihm die größte Schmeichelei gesagt hätte: »Ja, ganz gewiß! Ich übertreibe, ich bin übertrieben, im Treibhaus wird man übertrieben.«
Er wurde auf einmal ungeheuer vergnügt, faßte himmelhohe Hoffnungen und entwarf traumhaft schöne Zukunftspläne. Sein hitziger Ausfall von vorhin erschien ihm jetzt wie ein Bombenattentat auf die armen Damen. Er wollte ihn vergessen machen, wollte unterhalten, liebenswürdig sein, gefallen mit einem Wort. Es gelang ihm, er hatte davon eine bestimmte Empfindung und wurde immer heiterer und sprühte Geistesfunken, denen eine so zündende Kraft innewohnte, daß selbst Sieglinde, die seit dem heißen Guß, der über sie ergangen war, mehr einer gebadeten Maus als einer begeisterten Dichterin und stolzen Baronesse gleich gesehen hatte, sich zu einigen Witzchen und Späßchen aufraffte, die belacht wurden. Ihre Eltern waren selig. Einen solchen Abend hatte man in Obositz nie erlebt.
Beim Gutenachtwünschen war Bertram noch voll Begeisterung. Er drückte beide Hände Weißenbergs, nannte ihn zum hundertsten Male seinen Wohlthäter und dankte ihm mit überströmendem Gefühl, er küßte die Hand der Baronin und die Sieglindens und hätte gar zu gern auch die Gertruds geküßt; er ging auf sie zu. Aber sie errieth seine Absicht und wich ihm aus, und so küßte er denn noch einmal die Hand der Baronin.
»Sie sind groß, Vogelweid,« sprach die edle Frau. »Nein, nein, depreziren Sie nicht, Sie sind groß ... Morgen um neun Uhr unter den Platanen. Dort erwarte ich Sie, Vogelweid,« setzte sie rasch und mit leisem Flehen hinzu.
XIII.
Wenn das nicht ein Stelldichein war, dann hatte Bertram sein Lebtag keines gehabt. Was sie nur von ihm wollte, diese Frau? Wie sie ihm die Nerven angriff mit ihrem ewigen Gewisper: »Ich muß Sie sprechen, bleiben Sie bei mir.« In welch ein Wespennest war er gerathen! Blind hätte er sein müssen, um nicht zu sehen, daß die beiden jungen Damen, als er gegen die Vielschreiberei wetterte, Butter auf dem Kopfe gehabt hatten. So trug denn auch sie, der sein Herz zujauchzte, im Geheimen blaue Strümpfe .... Auch sie, wie merkwürdig! An ihr kam die »Naturerscheinung« ihm nicht so widrig vor wie an anderen, er – konnte sich Gertrud mit der Feder in der Hand denken, ohne daß der alte Raubvogel sich in ihm regte. O wie liebte er sie schon! Liebte sie bis zum Verleugnen seines tiefst eingewurzelten Vorurtheils!
In seinem Zimmer angelangt, setzte er sich an den Tisch. Zur Arbeit, zur verpönten! Er riß die schneeweiße Umhüllung von dem Buche, das Sieglinde ihm geschickt hatte. Ein prachtvoller Einband kam zum Vorschein, vergoldete Beschläge, Monogramm, Freiherrnkrone.
Auf der ersten Seite begrüßte den Leser das in moderner Steilschrift hingemalte Motto. Wo mochte Sieglinde die Verse aufgestöbert haben? Sie kamen Bertram nicht ganz unbekannt vor:
Wenn einst durch ein centralisch Feuer Dieser große Planet zerspringt, Sitzt noch der Dichter mit der Leier Auf dem letzten Stein und singt.
Mit ihm um die Wette sang die Dichterin von Obositz und besang ihren Gesang und schrieb gewissenhaft unter jedes ihrer Lieder, wann und wo es gesungen worden war. »Am Neujahrstage, in der Kaffeeküche,« »Am 10. März, im Gemüsegarten,« »Am 9. April, um sechs Uhr früh, im Bette;« und an allen diesen Orten hatte Sieglinde zur Harfe gesungen. Aber Bertram wollte während seines Erdenwallens von Harfen nichts mehr hören; er blätterte weiter in dem schönen Buche und stieß auf eine Leier (o je – eine alte Bekannte!), die gestimmt wurde. Auf Seite 7 zu einer hohen, himmlischen, auf Seite 8 zu einer ordinären, häuslichen Feier. Da hatte er genug. Ernstlich prüfen – diese Lyrik? Anker werfen in einem Lavoir! Warum nicht gar!
Er riß Hagens dickes und schmutziges Manuskript an sich. Die Schrift fuselig und liederlich; Form und Inhalt genau so, wie Bertram sie erwartet hatte. Mit Widerwillen las er eine Weile und fluchte dabei halblaut: »Hysterischer Schweinigl!«
Auf einmal fuhr er zusammen. An der Thür hatte es geklopft. Wer ist’s? Ein Todesschrecken lief ihm durch die Glieder. Wär’s denkbar? – Er hielt den Athem an, er hatte Lust, die Lampe auszulöschen. Es klopfte wieder, laut und kräftig.
»Ich schlafe schon,« schrie er außer sich.
»Spaßvogel,« antwortete eine wohlbekannte, o Wonne, o Glück! eine männliche Stimme. Er sprang auf, er öffnete die Thür vor dem Freunde.
»Warum sperrst du dich denn ein wie eine Komteß?« fragte der. »Hast du denn kein Vertrauen zu unserm Burgfrieden?« Er hatte eine geheimnißvoll sieghafte Miene und trug ein großes, viereckiges Paket unter dem Arme. Damit schlug er auf den Tisch, daß es einen Knall gab, wie von einer schnalzenden Kinderklatsche.
»Um Gottes willen,« sprach Bertram, »das ist Papier!«
»Ja,« sagte Hugo und setzte sich. »Ich bin nicht zu Ende mit den Überraschungen, die größte stand dir noch ins Haus, da ist sie. Noch einmal wurde das Paket mit beiden Händen ergriffen und damit auf den Tisch geschlagen, daß es noch lauter knallte:
»Ich habe ein Lustspiel geschrieben.«
»Du?«
»Ich und kein anderer! Dir zu Lieb’ und Ehr’. Du schreist ja beständig nach einem Männerstück, einem Lustspiel nur für uns Männer. Da ist eins. Da hast du’s. Zum Kuckuck, das wird dir stark genug sein.«
Bertram brachte kein Wort hervor. Er saß da mit weit aufgerissenen Augen und betrachtete den Freund, wie er den alten, bis zur Decke reichenden Schrank dort an der Wand, mit seinen armdicken, gewundenen Säulen betrachtet haben würde, wenn der sich plötzlich auf die Kanten seiner plumpen Füße gestellt und angefangen hätte, zu tanzen und zu pirouettiren.
»Du staunst,« rief Weißenberg. »Das hättest du mir nicht zugetraut. Nun – ich mir selbst nicht. Jetzt schau nur, daß sie mir’s auch aufführen am Burgtheater ... Um den Erfolg ist mir nicht bange. Ich weiß nur nicht« – er fuhr mit der Hand etwas rathlos über seine Glatze, »ob ich mich entschließen werde, herauszukommen, wenn sie mich rufen.«
»Wir haben jedenfalls noch Zeit, darüber nachzudenken.«
»Die haben wir. Jetzt heißt’s vor allem andern: Schweigen, Schweigen wie das Grab. Du schwörst? – Gut. Begreifst ja, meine Frau, meine Kinder dürfen keine Ahnung haben, daß ich etwas so Starkes ...« Er unterbrach sich und streichelte liebevoll sein Manuskript.
»‘Don Juan am Lande’ heißt’s.«
»Am Lande. So?«
»König Lear, Hamlet, Romeo und Julia auf dem Dorfe haben wir. Jetzt kommt ein Don Juan dazu. Das ist ein Kerl!« Weißenberg schmunzelte schon beim Vorlesen des Personenverzeichnisses und schüttelte sich vor Lachen, als sein Held im ersten Auftritt drei betrogene Ehemänner durchprügelte.
Bertram bemühte sich, wenigstens die Caricatur eines Lächelns hervorzubringen und sagte: »Was du für lustige Einfälle hast – es ist zum Weinen.« Und als der erste Aufzug schloß, ermannte er sich zu dem tiefsinnigen Ausspruch: »Das war also der erste Akt.«
Weißenberg hatte eine kleine Anwandlung von Verlegenheit: »Gieb acht, jetzt kommt der zweite.«
Vogel bog sich zurück im Fauteuil, hielt die Lehne fest und hob die Augen zur Decke, wie jemand, der entschlossen ist, eine Zahnoperation tapfer auszuhalten. Der »zweite« ging vorüber, und der Zuhörer wußte wieder nichts anderes zu sagen als:
»Das war also der zweite Akt.«
Hugo war etwas zaghaft geworden: »Nun, wie findest du’s?«
Der Kritiker kämpfte einen schweren Kampf. Sein feines, blasses Gesicht hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Das nervöse Zucken, das seit der Abreise von Wien verschwunden war, stellte sich wieder ein.
»Wie findest du’s?« fragte Weißenberg abermals und Bertram ergriff beide Hände des Freundes, drückte sie unendlich liebevoll und sprach aus der Fülle der Überzeugung:
»Niederträchtig!«
Die großen Hände, die er mit den seinen vergeblich zu umklammern suchte, entzogen sich ihm. Das war alles. Von den Lippen des Freundes kam kein Laut. Nach einer Weile erst wagte Bertram ihn anzusehen und wandte die Augen sogleich wieder ab, der Anblick that ihm zu weh. Sein Recensentenamt mußte aber dennoch gewissenhaft ausgeübt werden.
»Dein Stück ist roh und unsittlich,« sprach er, »das Gegentheil von allem, was du selbst bist. Einen besseren Beweis dafür, daß du gar kein Talent hast, giebt es nicht. Unser Talent ist der Ausfluß unseres ureigensten Wesens, ist sein tiefster und höchster Ausdruck.«
»Talent? Lieber Gott,« murmelte Hugo eingeschüchtert. »Ich mache ja gar keinen Anspruch auf so was.«
»O, wenn du mir weniger lieb wärst, wenn ich dich weniger schätzte und verehrte, ich würde mich nicht verpflichtet fühlen, dir die Wahrheit zu sagen und damit dir und mir weh zu thun!«
Das war keine Phrase. Mit Schmerz sah der Delinquent, daß sein Richter mehr litt als er: »Weh thun, was dir einfällt!«
»Flunkere nicht. Es thut immer weh, wenn einem eine Hoffnung zerstört wird.«
»Lächerlich – einem Ökonomen. Dem werden ganz andere Hoffnungen zerstört, und er muß sich’s gefallen lassen.«
Bertram rückte ganz nahe zu ihm heran und sprach im Tone einer Mutter, die ihr Kind ermahnt, es zugleich aber zu trösten sucht über die Ermahnung: »Das Stück ist nicht einmal ganz von dir. Du hast – Ehrlichster der Ehrlichen – du hast gestohlen – was für ein gottverfluchtes Ding ist doch die Litteratur, wozu verleitet sie! Du hast für dein Lustspiel (es paßt hinein wie ein junger Tiger in eine Bocksfamilie), eine ganze Scene aus der Macht der Finsterniß von Tolstoi gestohlen.«
Hugos mächtige Adlernase erglühte viel tiefer, als die Wangen seiner Tochter je erglühen konnten: »Merkt man das?« fragte er beschämt.
»Leider, oder sagen wir – zum Glücke! Ich freue mich, daß sich diese Sachen nicht in dir gestaltet haben; das ist kein Vergnügen, so gräßliches zu ...« Er hielt inne und blickte dem Freunde tief in die Augen: »Du nimmst mir meine Aufrichtigkeit gewiß nicht übel?«
»Im Gegentheil, ich bin dir dankbar,« erwiderte Weißenberg ohne eine Spur von Groll, aber recht bekümmert. Er stand auf und packte mit der mechanischen Sorgfalt eines ordnungsliebenden Mannes sein Manuskript wieder in den Umschlagbogen. – Dem ist jetzt, als ob er einen lieben Todten ins Bahrtuch hüllen würde, dachte Bertram und wurde schwach:
»Laß es da,« sagte er, »vielleicht macht sich’s gegen das Ende besser.«
»Nein, da gerad’ nicht. Das Ende geht mir nicht recht zusammen. Ich habe mich aufs Vorlesen verlassen und gemeint, dabei fällt mir noch allerlei ein. Statt dessen ist mir aber allerlei herausgefallen. Merkwürdige Sache das, mit dem Vorlesen. Die eigne Stimme schon übt Kritik. Na,« seufzte er voll Resignation, »ich hab’ mich halt blamiert. Versprich mir noch einmal: kein Wort davon gegen irgendwen. Es ist eine Dummheit, aber ich bitte dich – versprich mir’s.«
»Wie kannst du glauben?« rief Bertram mit zärtlichem Vorwurf.
»Versprich’s doch –«
»Ich versprech’s.«
»Du wirst nicht einmal dran denken, es vergessen.«
»O wie gern!«
»Dank’ dir. Gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
Er ging, und Bertram wischte sich die Stirn, auf der die hellen Schweißtropfen perlten. Das war ein Stück Arbeit, das er da vollbracht, indem er dem Freund, dem Wohlthäter erbarmungslos seine Meinung gesagt hatte.
An der Thür hielt Weißenberg an, kehrte um und blieb zwei Schritte vor Bertram stehen: »Noch einmal ehrlich,« sprach er, »Mann gegen Mann, bin ich in deinen Augen gesunken?«
»Gesunken? Du? Nie höher gestanden, Mensch ohne Eitelkeit, guter, lieber Alter!«
XIV.
Als Bertram am nächsten Morgen erwachte, schlug die Schloßuhr acht, und Simon trat zum zweitenmal ins Zimmer. Er war schon vor einer halben Stunde dagewesen und hatte den Herrn Doktor noch fest und süß schlafend gefunden. Hatte der Herr Doktor das »Schpektakel« gehört in der Nacht? das Horn des Feuerwächters, das Gerassel der Spritzen und Wasserwagen, das Geschrei der Leute? Mit der Überlegenheit eines Menschen, der etwas erlebt hat, während der andere ruhig im Bette lag, erzählte Simon, daß ein großes Feuer gewesen war. Der entlassene Ochsenknecht, der schlechte Kerl, hatte es gelegt. Ein Meierhof war abgebrannt, die Mutter des Schaffers und sein kleinstes Kind wären bei einem Haar mit verbrannt. Aber der Herr Baron hat sie mit eigener Lebensgefahr gerettet.
Bertram war aufgesprungen, hatte hastig einige Kleidungsstücke angethan und wollte auf und davon – zum Freunde, zum Feuer.
»Der Herr Baron sind aber wieder da und schlafen jetzt, und Feuer ist keins mehr,« sagte Simon innerlichst zufrieden mit dem Effekt, den er hervorgebracht hatte. Er redete Bertram zu, Toilette zu machen und zu frühstücken, und Bertram übergoß sich mit kaltem Wasser und rief:
»Mein Freund im Feuer, mein Freund in den Flammen, und ich lieg’ da und schnarche. O Simon, Simon! warum haben Sie mich nicht geweckt!«
Wecken? Jekerle, wo hätte Simon die Zeit dazu hergenommen? Er war ein paarmal in der Nacht zur Brandstätte gelaufen, der Frau Baronin Nachricht zu bringen, die bei ihrem Sohne wachte und in großer Angst gewesen ist um Hagen, weil er fieberte, und um den Herrn Baron, weil sie schon weiß, wie der ist, wenn’s brennt.
»Tummeln sich, bitte,« schloß er, »die gnädige Frau Baronin haben grad wieder nach Herrn Doktor gefragt und warten auf ihn im Garten.«
Das Stelldichein gab sie also nicht auf, die Unselige! Ein Verbrechen war begangen, es war Feuer gelegt worden. Ihr Sohn hatte Fieber gehabt, ihr Mann in Lebensgefahr geschwebt, ihres Stelldicheins vergaß sie über alledem nicht!
O Weiber! Weiber! – Mächtig ergriff ihn Schopenhauersche Indignation gegen das treubrüchige, breithüftige, leichthirnige Geschlecht.
Sie wünschen ein Rendezvous, Madame? Sie sollen es haben!
Mit schroff ablehnender Miene erschien er eine Viertelstunde später unter den Platanen. Baronin Weißenberg erwartete ihn. Sie trug ein Morgenkleid aus Battist mit Spitzen und Stickereien und hellgrauen Schleifen. Auf ihren etwas altmodisch, aber hübsch frisirten Haaren saß ein allerliebstes Häubchen. Ihre Gesichtsfarbe war wie gewöhnlich frisch und rosig, aber ihre Augen hatten etwas Verschleiertes, sie schien geweint zu haben.
Bertram begrüßte sie und fing sogleich an vom Feuer zu reden, in so barschem Tone, als ob sie es gelegt hätte. Die arme Frau war ganz eingeschüchtert, und ihr Mund verzog sich krampfhaft.
»Hugo hat keinen Schaden genommen, dem Himmel sei Dank. Er exponirt sich bei solchen Gelegenheiten immer entsetzlich. Alles Lebendige ist gerettet, und das Gebäude war versichert,« sagte sie und blickte hülflos und wie suchend umher. »Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein.«
»Da haben Sie wohl recht, assekurirt muß man sein, und ich leichtsinniger Thor habe noch nicht gefragt, ob diese so nothwendige Maßregel in Vogelhaus getroffen wurde,« rief Bertram. »Entschuldigen Sie, wenn ich keinen Augenblick länger zögere, mir Gewißheit darüber zu verschaffen.« Er stand auf.
»O Vogelweid, wie grausam Sie sind! Ja, ja, das ist Grausamkeit!« wiederholte die Baronin und lehnte sich völlig gebrochen an die Gartenbank: »Sie müssen doch ahnen – ein Mann wie Sie!... Und statt mir mein schweres Geständniß zu erleichtern – ein Geständniß, das zu thun so beschämend« ...
»Wie wär’s, wenn Sie sich’s ersparten?« fragte Bertram kalt und spöttisch.
»Gut wär’s, wenn ich’s könnte, aber ich kann nicht. Ich bin zu Ende mit meiner moralischen Kraft ... In drei Nächten kein Auge geschlossen. Heute die dritte Nacht, die schrecklichste von allen. Mein Sohn im Fieber, mein Mann im Feuer, ich in Höllenqualen ... O Vogelweid, ich rufe Ihre Hülfe an. Schwören Sie mir, daß Sie mein Vertrauen nicht mißbrauchen werden.«
»Wozu schwören, was sich von selbst versteht?« erwiderte er; aber sie gab nicht nach.
»Ihre Hand darauf!« und sie reichte ihm ihre Rechte hin, ihre schöngeformte weiße Rechte, die er drückte und bewundern mußte, obwohl ihm graute und er sich vorkam wie ein Zolascher Held.
»Zuerst, was mich zum Theil wenigstens, entschuldigt,« sagte Bertha hastig und beklommen. »Ich habe Phantasie –«
»Seit wann?«
»Ich werde sie wohl immer gehabt haben, ich bemerkte es nur nicht. Ich bin jetzt so allein. Hagen ist auf dem Gymnasium, Lindchen lernt oder dichtet, die Poesie ist eine einsame Kunst. Meinen Mann sehe ich oft wochenlang nur bei den Mahlzeiten. Das giebt dem besten ehelichen Verhältniß einen gewissen Anstrich, ich möchte ihn einen prosaischen Anstrich nennen. Ich habe doch auch poetische Bedürfnisse.«
»Seit wann?«
»Seitdem ich mehr lese –«
»Da haben wir wieder die verfluchte Litteratur!« murmelte Bertram.
»Und wenn man viel liest und wenn man viel allein ist und wenn man Phantasie hat, träumt man und bildet sich allmählich ein Ideal, ein Urbild alles Schönen, alles Vollkommenen. – Man giebt diesem Urbild einen Namen und versetzt ihn in bestimmte Verhältnisse – und sich an seine Seite – und – was dann vorgeht, malt man sich aus –«
»Aha!« Die Brauen Bertrams zogen sich dräuend zusammen, und er kreuzte die Arme über der Brust.
Die Baronin zitterte: »O wie unerbittlich Sie aussehen, Vogelweid. Mitleid! Mitleid! Ich habe es zu Papier gebracht. Erbarmen Sie sich, ich habe einen Roman geschrieben.«
»Einen Roman haben Sie geschrieben?« Er athmete, er jubelte auf. Ihm war zu Muthe wie dem treuen Heinrich, als die Eisenringe, die ihn umpanzert hatten, sprangen. »Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu küssen,« bat er und that es stürmisch: »Sie Wunderbare! Nie hätte ich’s für möglich gehalten, daß ich in Entzücken gerathen könnte, weil eine Dame einen Roman geschrieben hat!«
Bertha lächelte wehmüthig und blieb beklommen. »Entweder überschätzen Sie meine Leistung, oder andere unterschätzen sie. (Als sie das sagte, dachte sie selbst: Ich spreche gut.) Mein Manuskript erfuhr manche Zurückweisung. Es gelangte zuerst an die Redaktion der ‘Neuen Freien Presse.’«
»Es gelangte – das heißt, daß Sie es hingeschickt haben.«
»Nun ja, mit einem sehr, sehr höflichen, ich darf sagen, einem demüthigen Brief.«
»Wehe!« sprach Bertram.
»Nach einiger Zeit kam meine Sendung zurück. Die Herren schrieben, daß sie für drei Jahre mit Romanen versorgt seien. Nun wandte ich mich an die ‘Alte Presse’, an die Tageblätter – dieselbe Antwort. Alle diese Zeitschriften haben Romanvorrath für drei Jahre. Ach! es wird doch viel geschrieben!«
»Das wäre nicht so schlimm,« versetzte Vogel, »schlimmer ist, daß das Geschriebene ein Gedrucktes werden will ... O, Frau Baronin, sehen Sie, ich an Ihrer Stelle würde eine leuchtende Ausnahme machen; ich ließe nichts drucken – just nicht.«
»Wenn es noch in meiner Macht stände, Freund! Aber ich bin schändlich hintergangen worden. Just Carolus ...«
Bertram schrie auf: »Just Carolus? Wie kommen Sie zu dem?«
»Er annoncirte vor einem halben Jahre die Gründung einer neuen Zeitschrift, lud zur Einsendung von Beiträgen und ...«
»Und besonders zum Abonnement ein.«
»Ganz recht. Ich schrieb, ich sandte meinen Roman und erhielt einen Brief. Vogelweid, ich bin eine glückliche Frau, aber der Tag, an dem dieser Brief kam, war doch einer der schönsten meines schönen Lebens, ein Ausbruch der Bewunderung der ganze Brief. Carolus stellte mich in eine Reihe mit Heyse, Keller und Meyer. Ihr Manuskript, schrieb er, ist von der Lesekomission einstimmig angenommen worden.«
»Aus dem einfachsten aller Gründe – sie hatte nur eine Stimme.«
»Er wollte seinen ersten Jahrgang mit mir eröffnen. Mein Herz quoll über, ich antwortete in Ausdrücken, ich bekenne Ihnen alles, Vogelweid, es werden wohl überschwängliche Ausdrücke gewesen sein. Nach so bitteren Enttäuschungen ein solcher Erfolg. Carolus steht im Kürschner an der Spitze einer langen Reihe von Werken. Ich verehrte ihn, ich pries ihn, er ragte als Halbgott in meinem Herzen.«
»Ja, das ist so! Es schmeichle einer nur unserer Autoreneitelkeit, und wir sind zu jeder Selbsterniedrigung bereit. Baronin, daß Sie in diese Falle gingen!«
»Richten Sie nicht, Vogelweid, helfen Sie. Ich bin in einer furchtbaren Klemme. Er bat um meine Photographie, ich schickte sie ihm mit einer Widmung .... und dann, denken Sie, nannte er mich: Erhabene Schloßfrau, angebetete Herrin.«
»Sie haben ihm gewiß auf dem schönen Briefpapier geschrieben, mit der in Gold geprägten Aufschrift: Schloß Obositz, und der wehenden Fahne mit dem Doppelwappen.«
»Mein Gott, ja. Und nun hält er mich für eine Millionärin, spricht von den Kosten, die das Gründen einer Zeitschrift verursacht, und ich soll eine Aktie zu zehntausend Gulden nehmen. Und ich habe nur ein ganz kleines Vermögen, das Hugo verwaltet. Ich konnte das Geld nicht geben, ich mußte es gestehen. Seitdem hat Carolus den Ton geändert, er schmeichelt nicht mehr, er droht ... Womit am Ärgsten? Mit der Veröffentlichung meines Romans! Damit, behauptet er, macht er mich lächerlich vor der ganzen Welt. Er droht auch, meinem Manne meine Photographie mit jener Widmung und meine Briefe – Liebesbriefe nennt er sie – zu schicken. Das sind sie nicht, aber – o, ich bin sehr schuldig! – ich sprach von ungestillter Sehnsucht nach regerem Geistesleben, – von Seeleneinsamkeit. Ich weiß nicht, wessen Hugo fähig wäre, wenn er erführe, daß ich mich an seiner geliebten Seite seeleneinsam gefühlt habe ... Mir schaudert, und ich zittere um den Frieden meiner Ehe ... Ach, Vogelweid! und soeben brachte man mir ein Telegramm auf Hagens Zimmer. Ich habe es noch nicht eröffnet. Eine furchtbare Ahnung sagt mir: es ist von Carolus und enthält mein Schicksal. Himmel, warum mußte ich an einen so elenden Menschen gerathen!«
»Das eben ist Ihr Glück im Unglück, beruhigen Sie sich, Baronin. Ich rette Sie, ich habe den Mann in der Hand. Einige meiner Kollegen und ich sind vor Jahren durch ihn arg geschädigt worden, und wir haben uns vor seinen Schlichen sicher gestellt. In einem gewissen eisernen Schrank bei einem gewissen Advokaten sind Beweise gegen ihn deponirt, die ihn jeden Augenblick ins Kriminal bringen können. Daran will ich ihn erinnern und die Herausgabe Ihres Eigenthums verlangen.« Er seufzte tief und schwer: »Ich will ihm schreiben.«
»O Vogelweid, wie dank’ ich Ihnen! Aber lesen Sie zuerst das Telegramm.«
Bertram öffnete das gefaltete Blatt, warf einen Blick hinein und sprang auf: »Nein,« rief er, »nicht schreiben, handeln! Da ist keine Zeit zu verlieren, er will mit dem Zwölfuhrzug kommen, ich geh, ich reite,« steigerte er sich, »ihm entgegen, fang’ ihn auf auf der Station.«
»Kommen? Hierher?« Die große, starke Frau stammelte, erbleichte, ihre Augen wurden starr, sie rang mit einer Ohnmacht. Bertram ermahnte mit Energie:
»Muth, Baronin. Nehmen Sie sich zusammen. Sie dürfen jetzt nicht ohnmächtig werden. Erstens ist es nicht mehr modern, und zweitens müssen auch Sie jetzt handeln.« Er erhob die Arme, seine Hände ballten, seine Brust erweiterte sich: »Knapp’, sattle mir mein Dänenroß. Geben Sie Befehl, Frau Baronin, daß die Kuh vorgeführt werde. Ich will Ihr Ritter sein, ich fühle das ganze Mittelalter in meiner Faust.«
XV.
Bertram lief ins Schloß, um seine Morgenschuhe mit Reitstiefeln zu vertauschen, bei einem Haar hätte er Sporen angeschnallt. In den Sattel stieg er nicht, sondern schwang er sich und ergriff die Zügel mit solcher Entschlossenheit, daß die Kuh die Ohren spitzte. Aber das imponierte ihm mit nichten. Spitze du, dachte er, ich sitz’ das aus. Hier bin ich Mann und nicht Schreiber. Munter und kühn trabte er vorwärts und traf eine Viertelstunde vor dem Zuge auf der Station ein. Die Kuh war dort eine bekannte Persönlichkeit. Sie wurde bei besonderen Anlässen, dem Aufgeben und in Empfang nehmen von Geldbriefen und dergleichen vom Postboten herübergeritten, und während der seine Gänge besorgte, in den Schuppen eingestellt.
Das geschah auch heute auf die freundliche Einladung des Herrn Expeditors, sie erhielt Gastfreundschaft für den Nachmittag, und Bertram ließ ihr zur Unterhaltung ein Bündel Heu vorsetzen. Dann trat er an den Schalter mit großartiger Ruhe – er war freilich der einzige Passagier – und löste zwei Billete erster Klasse, eines zur nächsten Station, eines nach Trzebinia, begab sich auf den Perron und erwartete den Zug. Ein paar Träger schlotterten daher, vorahnend, daß es keine Beschäftigung für sie geben werde. Ein kleines Mädchen barfüßig und zerlumpt, mit verwilderten, staubigen Haaren, brachte auf einem angebrochenen Teller schöne, schwarze Kirschen herbei. Jeder der Träger machte sich das Vergnügen ihr einige davon zu entreißen, und Bertram, der Landessprache unkundig, mußte zu dieser Brutalität schweigen. Aber auch schweigend vollbringt der Hochgemuthe eine rettende That. Er ging auf die Kleine zu, steckte ihr einen Gulden in die Hand, eine Kirsche zwischen die Zähne und wies mehrmals nacheinander von dem Inhalt des Tellers auf ihren Mund, und von dem Fleck, auf dem sie stand, nach dem Ausgang. Sie lachte, sie begriff, stopfte gleich ein halbes Dutzend der saftigen Früchte in den Mund und rannte davon.
Das Glockenzeichen wurde gegeben, majestätisch fuhr der Zug ein. Aus dem Fenster eines Coupés dritter Klasse neigte sich ein schwarzes Lockenhaupt, das ein riesiger Rembrandthut malerisch beschattete.
»Hierher, Schaffner! hierher!« rief eine dünne Stimme, und im nächsten Augenblick erglänzten auf den Stufen des Waggons ein Paar Lackstiefeletten, zwei kurze Beinchen hüpften zur Erde, blieben aber plötzlich steif und regungslos stehen:
»Willkommen, Just Carolus!« sprach Bertram und lüftete den Hut. Der Rembrandt wurde einen halben Meter hoch über das Lockenhaupt gehoben.
»Sie, Herr Vogel, welche Überraschung.«
»Wir haben nur eine Minute Aufenthalt! steigen Sie wieder ein und wundern Sie sich später. Die Frau Baronin schickt mich Ihnen entgegen. Infolge eines Mißverständnisses wurde der Wagen aus Obositz nicht hierher, sondern zur nächsten Station dirigiert. Steigen Sie ein. In dieses, das nächste Coupée!«
»Erste Klasse, so? ach ja, das ist ja sehr aufmerksam von der Frau Baronin.«
»Sie haben Gepäck bei sich?«
»Diese Tasche.«
»Es ist doch alles drin, was Sie der Frau Baronin mitbringen wollten, ihre Briefe, ihre Photographie?«
»Woher wissen Sie ...«
»Fragen Sie nicht, steigen Sie ein!« befahl Bertram so kühl und gebieterisch, als ob er auf der Nordbahn zu Hause wäre und zu ihren Machthabern gehörte.
In dem Coupé, in das er Carolus vorantreten hieß, hatte eine ältliche, sehr dicke Dame mit türkischem Gesichtstypus sich häuslich eingerichtet. Ihre Füße ruhten auf dem Sitze ihr gegenüber, der außerdem von einem wundervollen, grauen Affenpintscher eingenommen wurde. Neben ihr stand eine geöffnete Reisetoilette mit kostbarer Einrichtung, die verschiedensten Effekten, seidene Decken, Kissen, ein Vermeillebesteck, eine goldene Cigarettentasche, lagen auf den Wagenpolstern umher. Die Luft war etwas dumpf und mit Peau d’Espagne-Düften und denen des feinsten ägyptischen Rauchtabaks erfüllt.
Die Fremde warf den beiden Herren, die sich bescheiden in die Ecken neben dem Eingang gesetzt hatten, einen feindseligen Blick zu, der aber milder wurde, nachdem er Justs Lockenkopf gestreift, auf den er auch öfters und immer freundlicher wiederkehrte, bis er endlich wie gebannt auf ihm ruhen blieb.
Sollte das der berühmte französische coup de foudre sein? fragte sich Bertram.
Carolus aber war zu verwirrt, um den guten Eindruck, den er hervorbrachte, zu bemerken. Ihm wurde bang und bänger in Vogels Nähe. Er war ihm draußen schon furchtbar gewesen, als er mit natürlicher Stimme zu ihm gesprochen hatte, jetzt fand er ihn doppelt furchtbar, als er sich zu ihm neigte und ihm leise zuflüsterte:
»Sie werden mir die Photographie und die Briefe, die Sie bei sich haben, sofort ausliefern, und dann werden Sie eine Vergnügungsfahrt unternehmen nach Trzebinia.«
»Warum nach Trzebinia?«
»Diese Gegend ist ohne Reize,« sprach die Dame, und statt Justs, an den sie sich gewendet hatte, erwiderte Bertram kurz abbrechend:
»Gänzlich.« Er setzte seinen Fuß mit Wucht auf das Füßchen des zierlichen Männleins, neigte sich vor und begann wieder im früheren Tone.
»Sie übergeben mir die Sachen, die ich verlange, auf der Stelle und schicken mir das Manuskript der Frau Baronin morgen nach Obositz oder« ...
»Oder was? Keine Drohung ... Ich bitte mir aus« – Carolus hauchte es nur; er hatte sich zurückgelehnt, seine Zähne klapperten. Die Mitreisende betrachtete ihn voll Erbarmen. Sie fand ihn gar zu herzig in seinem sammtenen hellbraunen Künstlerflaus, in seinen taubengrauen Höschen, und unbeschreiblich rührend war ihr der Ausdruck der Qual in seinem interessanten Gesichtchen.
»Ihr Freund befindet sich schlecht,« sagte sie und reichte Bertram ein Riechfläschchen: »Bitte, lassen Sie ihn dieses athmen.«
»Athmen Sie,« rief Bertram, hielt dem bleichen Carolus mit einer Hand das Flacon unter die Nase und nahm mit der andern ein Päckchen in Empfang, das der Bedrängte aus der Brusttasche gezogen hatte. Die Herren führten ein kurzes Gespräch, das der Lärm des über eine Brücke hinrasselnden Zuges für ihre Gefährtin im Coupé unhörbar machte.
»Sie überfallen mich wie ein Straßenräuber.«
»Wie ein Straßenräuber, der über alle Errungenschaften der Kultur verfügt, ja. Wenn Sie mir das,« er spielte mit dem Päckchen, ließ es kreisen zwischen seinen Fingern, »nicht gutwillig anvertraut hätten, würde Ihrer irgendwo unterweges eine bescheidene Empfangsfeierlichkeit gewartet haben.«
»In Trzebinia, meinen Sie. Als ob es mir nicht freistände, auszusteigen, wo ich will.«
»Unbemerkt nicht. Dafür wäre leicht gesorgt. Ein Passagier erster Klasse, mit Ihrem Äußern, so auffallend hübsch gekleidet, wie Sie immer sind. Ich bin Ihrer sicher, verlassen Sie den Train, wo es Ihnen beliebt; seien Sie nur gewiß morgen nachmittags wieder in Wien. Mein Advokat, den Sie ja kennen, wird den Auftrag haben, abends bei Ihnen anzufragen, ob das Paket abgeschickt ist.«
»Es wird abgeschickt sein,« knirschte Carolus. »Aber bei nächster Gelegenheit – machen Sie sich gefaßt.«
»Auf einen Vipernstich in die Ferse ist unsereins immer gefaßt – Sie fahren also bis Trzebinia, geehrter Freund,« sagte er laut, »und so benützen Sie wohl den nächsten Zug, der morgen um 7 Uhr 55 Minuten von dort abgeht, zur Rückkehr nach Wien?«
»Nach Wien?« mischte die Dame sich ins Gespräch. »Ich komme von dort, eine charmante, kleine Stadt, dieses Wien.«
»Und, gnädige Frau,« fragte Bertram, »sind auf dem Wege nach?« –
»Nach Hotin.«
»In Bessarabien?«
»Meine Güter sind in der Nähe.«
»Güter in Bessarabien?« Carolus machte eine rasche Schwenkung auf seinem Sitze und sandte einen Blick voll heißer Sympathie zu der Reisenden hinüber. Sie hatte die Zeit der Reife längst überschritten, und sie hatte sehr schwellende Formen, aber sie hatte eine goldene Cigarettentasche und Ringe von unermeßlichem Werthe und eine mit Diamanten besetzte Uhr, und sie kam, wie er bald erfuhr, aus England, wo sie eine Saloneinrichtung für ihr Schloß gekauft hatte, und auch den schönen Affenpintscher. Für fünfzig Pfund – ein Bettel; hundert waren ihr schon für das Prachtthierchen geboten worden.
Das Gespräch zwischen Carolus und der Bessarabierin belebte sich immer mehr. Sie nannten einander ihre Namen. Der ihre war ihm unaussprechbar, der seine entzückte sie. Just Carolus. Wie das klang! wie mild und fest, wie edel und gelehrt. Er war gewiß ein Gelehrter. Ihr verstorbener Gatte, der Bojar, wäre auch gern ein Gelehrter gewesen, aber die Verwaltung seiner Besitzungen gab ihm viel zu thun, er konnte sich seiner Liebhaberei nicht widmen.
Verstorben der Gatte! O seliger Bojar, Wohlthäter! Carolus pries sein Andenken. Er bezeigte der Dame tiefste Theilnahme und hoffte nur, daß ihr daheim, zu ihrem Troste, liebliche Kinder blühten ...
Aber nein, sie war kinderlos und stand einsam und trotz einiger Glücksgüter, mit denen der Himmel sie gesegnet hatte, doch recht arm in der Welt.
Die langen Wimpern Justs, seine größte Schönheit, senkten sich und verschleierten seine habgierigen Augen. Er seufzte tief, und auch die Wittwe seufzte.
Der Schaffner kam, war mürrisch, entschuldigte sich bei der gnädigen Frau. Er hatte die Herren nicht einsteigen gesehen, er würde ihnen sonst andere Plätze angewiesen haben.
Auch Bertram entschuldigte sich und nahm zugleich Abschied. Er stellte der Reisegefährtin ihr Flacon zurück und reichte Just sein Fahrbillet. Mit Mißvergnügen entdeckte dieser, als er es in die Brusttasche steckte, daß er nur große Banknoten bei sich habe. Am Schalter wechselt man so ungern.
»Sie können mir,« sagte er nachlässig, »dreißig Gulden zur Rückreise vorstrecken, Vogel.«
»Verdammter Kerl,« fluchte Bertram im Stillen und suchte in seinem Geldtäschchen: »Kann ich? Da sind fünfzehn. Sie werden gegen Ihre Gewohnheit zweiter Klasse fahren müssen.«
Die Bojarin erschrak. Zweiter Klasse durfte nicht einmal ihre Kammerjungfer mehr fahren. Ein deutscher Baron hatte ihr dort einen Heirathsantrag gemacht. In die Gefahr, meinte Bertram, werde Carolus nicht kommen, aber die liebenswürdige Wittwe bestand darauf, ihm für alle Fälle aus der Verlegenheit zu helfen.
»Mein Diener kommt auf jeder Station meine Befehle holen,« sagte sie. »Er führt die Kasse, er wird die Banknote Herrn Justs Carolus wechseln.«
Der Zug hielt. Bertram betrat die Plattform im Augenblick, in dem ein großer, bärtiger Russe im Nationalkostüm die Stufen heraufstieg. Er hatte eine wohlgefüllte Geldkatze umhängen und trat mit der Mütze in der Hand an die Thür des Coupés.
Nun gilt’s dein Meisterstück, Just Carolus, dachte Vogel, finde Mittel, die kleinen Banknoten einzustecken und die Abwesenheit der großen zu erklären.
XVI.
Bertram ging auf der Landstraße den selben Weg zurück, den er eben mit der Eisenbahn vorwärts gebraust war. Eine echt mährische Gegend. Der Gebirgszug, der in der Ferne blaute, mit stumpfen Höhen gekrönt, goldig schimmernde Felder und üppige Wiesen, soweit das Auge reichte, Pflaumenbäume mit Früchten überladen, kräftiges Weideland, auf dem schöne Rinder grasten und in der Nähe jeder menschlichen Ansiedlung helle, laute Scharen des mährischen Schwans, des Hausthiers ohne Furcht und Tadel, der glorreichen Gans. Auf einen Tiger würde sie losfahren, mit aggressiv vorgestrecktem Halse, mit zornig wackelndem Schwanze. Das härteste Schicksal trifft sie, beugt sie aber nicht. Jahr für Jahr erbarmungslos gerupft, ihres zarten Flaums beraubt, erhebt sie sich aus den Händen ihrer Peiniger und flattert mit blutendem Flügel und hinkt mit verstauchtem Fuß wund und nackt ebenso stolz, wie ehedem in blühender Gesundheit und prangendem Gefieder.
Und die Dorfleute, die nicht nur gegen dieses, sondern gegen jedes Thier die naivste Grausamkeit ausüben, sind beinahe durchwegs gutmüthig und haben eine freundliche Würde und eine angeborene Höflichkeit in ihrem Benehmen. Fast alle, denen Bertram begegnete, grüßten ihn, er dankte aufs freundlichste, nahm sich vor, die Landessprache eifrig zu studieren und träumte von künftiger Popularität. Dann dachte er an das Duett, das jetzt im Waggon, den er verlassen hatte, gesungen werden dürfte, klopfte lachend auf das in seiner Brusttasche untergebrachte Päckchen, und sang nach der ins Heitere übersetzten Melodie von: Der gute Kamerad:
»Was immer auch daraus entsteh’, Ich hab’ eine That gethan, Juchhe! Eine bessere find’st du nit, Juchhe!«
So lustig ging’s eine Weile fort, dann begann ihm sehr heiß zu werden. Die Sonne brannte – wie glühende Liebe! rief er laut. Ich liebe dich, o Mädchen – du Königliche! Ich kenne dich kaum und kenne dich doch. Du imponierst mir, und ich fühle mich doch zu deinem Beschützer berufen.
Die Hitze wurde drückend, einige Müdigkeit stellte sich ein, aber seltsam – ging’s nicht zu wie im Märchen? im Augenblick, in dem er sich das zum Bewußtsein brachte, wurde er von einem raschen Gefährt ereilt, das plötzlich neben ihm anhielt:
»Wohin, Herr Vogelweid?« ertönte vom Kutschbock herunter die Stimme Gerhart des Retters.
»Zur Station, Herr Graf.«
»Da bringe ich Sie hin. Kommen Sie.«
So las er ihn zum zweitenmal von der Straße auf: »Sie machen aber sehr weite Spaziergänge,« sagte er. »Mir scheint, daß Sie es schon nöthig haben, sich von der durchaus nicht litteraturfreien Atmosphäre in Obositz zu erholen. Ja, der Zug der Zeit. Uns hat er noch nicht ergriffen.«
»Sie sind ihm entronnen. Sie gehören gewiß zu den wahrhaft, den vom Buche zum Leben Vorgeschrittenen.«
»O, ich bitte, wir haben uns vom Buche durchaus nicht ganz emancipiert. Meine Frau liest sogar recht viel und auch ernste Sachen.«
Wenn er sagte: »Meine Frau,« nahm seine Stimme einen ganz eigen lieben Ausdruck an, und ein schönes Leuchten brach aus seinen dunkeln Augen. »Meine Frau,« Zärtlichkeit und Ehrfurcht, freudige und stolze Liebe verkündete sich dabei unwillkürlich und unbewußt in seinem Blicke. Heil dir, dachte Bertram, du braver Mensch bist auch ein glücklicher Mensch:
»Das Fräulein Gertrud von Weißenberg,« sprach er plötzlich, »hat große Ähnlichkeit mit Ihrer Frau Gemahlin.«
»Das wäre mir nie aufgefallen.«
»Groß, wenn auch nicht so groß, schlank, wenn auch nicht so schlank ... und das Gesicht« ..
»Nun ja, ein Gesicht hat jede. Was aber die Ähnlichkeit betrifft« ...
»Sie liegt in dem Eindruck, den die ganze Erscheinung hervorbringt. Edelste Anspruchlosigkeit, die schönste Ruhe, die vollkommenste Natürlichkeit ist beiden Damen eigen.« Er schwieg eine Weile und sagte dann nachdenklich: »Wie sich wohl die Zukunft des Fräuleins gestalten wird?«
»Nicht besonders heiter.«
»Warum? warum sollte sich das Fräulein nicht glücklich verheirathen?«
»Weil wir vor lauter Geldgier dumm geworden sind, wir Männer; wer heirathet heutzutage ein armes Mädchen?«
»Ich wüßt’ wohl einen, der sich selig preisen würde« ... platzte Bertram heraus. Hätt’ er doch geschwiegen! Der Graf sah ihn von der Seite unangenehm fragend in einer Weise an, die ihn verwirrte, er bereute gesprochen zu haben und – redete weiter: »Sie glauben also nicht, daß sie ihn nehmen würde?«
»Ich glaube nicht.«
»Also nicht.« – Er war so bestürzt, daß der Graf ihn besorgt fragte:
»Was ist Ihnen?«
Die Antwort blieb aus, und im nächsten Augenblick wurde die Aufmerksamkeit beider durch ein wildes Schreien und Fluchen, das sich in der Ferne hören ließ, in Anspruch genommen. Gerhart gab den Pferden die Zügel und fuhr die jetzt ziemlich steil ansteigende Straße rasch hinauf. Inmitten der Anhöhe sah man ein mit Brettern beladenes Fuhrwerk halten, dem zwei armselige, alte Mähren vorgespannt waren. Unfähig, ihre schwere Last weiter zu schleppen, hatten sie ihr nachgegeben und den Wagen in ein Rinnsal gleiten lassen, in dem er nun quer über dem Wege stand. Der Lenker des unglücklichen Gespanns schlug drein in sinnloser Wuth mit dem Peitschenstiel, den Fäusten, den Stiefelabsätzen, und die Gäule senkten ihre Köpfe zur Erde, rührten sich nicht mehr, ließen die Mißhandlungen ihres Peinigers in stumpfer Verzweiflung über sich ergehen.
Gerhart hielt knapp bei ihnen an. Er war dunkelroth und biß die Zähne zusammen: »Entschuldigen Sie einen Moment, Herr Vogel,« sagte er und winkte seinem Kutscher, der sofort absprang. Er schien zu wissen, um was es sich handelte, und schob einen Stein hinter eines der Wagenräder. Auch Gerhart sprang ab, ging mit drohenden Worten auf den Fuhrmann zu, entriß ihm die Peitsche und schleuderte sie zur Erde. Einen Augenblick war’s, als wolle der Mensch sich zur Wehre setzen; als er aber sah, daß der Graf und der Diener die Stränge ihrer Pferde zu lösen begannen, und errieth, daß man ihm zu Hülfe kommen wollte, zog er den Hut und brach in jämmerliche Klagen aus.
Nach wenigen Minuten waren die kräftigen Pferde den erschöpften vorgespannt und zogen das Gefährt den Berg hinauf.
Bertram blieb sitzen und sah ihnen nach.
Ein gutmüthiger Mensch, der Graf. Da half er gequältem Gethier aus der Noth, ihm aber hatte er ganz gelassen einen Stachel ins Herz gebohrt, mit seinem zweifelnden Blick und mit seinem grausamen: Ich glaube nicht.
Als Gerhart nach einer Weile zurück kam und die unterbrochene Fahrt fortsetzte, sagte er: »Sehen Sie, dieser Fuhrmann ist ein armer Teufel; ich weiß nicht, was mit ihm geschieht, wenn seine Pferde umstehen, und dennoch schindet er sie zu Tod. Die Armuth ist eben nicht sparsam.«
Es war spät am Nachmittag, als Bertram heimkehrte; die Schatten wuchsen und die Sonne sank, und das Vesperbrot war, wie Simon Befehl hatte Herrn Vogel zu melden, auf der Terrasse serviert.
Dort fand Bertram die Baronin in peinlicher Erwartung, ruhelos auf und ab wandelnd. Sie empfing ihn mit einem unterdrückten Aufschrei.
»Ach Sie! Endlich, Vogelweid! Was bringen Sie? Erlösung? Befreiung ... Bin ich gerettet?«
Als er alles bejahte, kannte ihr Dank keine Grenzen. Eine Sechzehnjährige hätte ihn nicht heißer empfinden, und kindlicher ausdrücken können, als Bertram die verfänglichen Briefe an Carolus und die Photographie mit der Widmung hervorzog und ihr überreichte.
Wie hatte diese Frau sich und ihre Gefühle konserviert. So etwas wäre unmöglich in der Stadt.
»Ich will nicht ungestraft gefehlt, geirrt haben,« sagte sie. »Ich werde ehrlich Buße thun; ich habe das Bedürfniß, zu sühnen, Vogelweid.«
Über die Art, in der das geschehen sollte, konnte sie ihm im Augenblick keine Aufklärung geben, denn Hugo kam eben in Begleitung Meisenmanns herbei. Der Freund und die Gattin bereiteten dem Herrn des Hauses einen Empfang, auf den er nicht gefaßt gewesen war.
»Hugo! Hugo! mein Alter! Ich hab’ dich noch nicht gesehen, seitdem du im Feuer gewesen bist und Menschenleben gerettet hast. O, ich weiß – ich weiß, du Braver!« rief Bertram ihm begeistert entgegen, und die Gattin schwebte im wuchtigen Fluge auf ihn zu und lag an seiner Brust und weinte auf seine lichtblaue Piquéweste »Thränen der Wiedergeburt.«
Ihr Mann fand das schön gesagt und gut gegeben, ersuchte sie aber Maß zu halten: »Du warst am Vormittag schon gerührt, Bertherl, das ist hinreichend, auch für eine so liebe und treue Frau wie du.«
»Treu?« – die Baronin zuckte zusammen wie eine verwundete Taube.
»Nun, vielleicht nicht? Ich bitte dich, Bertherl, mache dich nicht interessant. Wir wollen jausen ohne Interessantmacherei und ohne Rührung. Solche Sachen verderben einem nur den Appetit.«
»Vor meiner Rührung brauchen Herr Baron sich nicht zu fürchten,« sprach Meisenmann mit forciertem Humor. »Haben unter anderen einen deutschen Juden aus dem Feuer gezerrt. Ich an Ihrer Stelle hätte ihn tiefer hineingeworfen.«
»Sie Meisenmann? Wie macht das ein Theoretiker? Ich bin neugierig. Sie müssen es mir zeigen bei nächster Gelegenheit.«
Der Professor rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her. »Nächste Gelegenheit? Was für eine Gelegenheit meinen?«
»Wir werden ja sehen, sie kommt.«
»Wenn man sie herbeiführen will, kommt sie freilich.«
»Ohne Sorge! Ich werde nicht extra Feuer legen, damit Sie Juden hineinwerfen können.«
Sieglinde und Gertrud kamen, die erstere aufgelöst in Verlegenheit, im scheuen Blick die Frage: Was sagen Sie zu meinen Gedichten? die zweite sehr ernst und noch stiller als gewöhnlich. Bertram glaubte zu bemerken, daß Meisenmann sie schon einigemale triumphirend angesehen habe, und war voll Indignation und hätte ihm gar zu gern zugerufen: Sie nimmt dich nicht; mich nicht und dich ebensowenig.
Etwas freier athmete er, als Hugo und Meisenmann sich zu Hagen verfügten und er allein blieb mit den Damen. Die Baronin und Sieglinde fingen an zu flüstern und einander gegenseitig aufzumuntern: »Du, Lindchen, du!« »Um Gotteswillen, nein, du, Mama!« Die liebende Mutter gab nach. Sie räusperte sich, sie hielt eine kleine Rede, in der sie ihren sehnlichen und den nicht minder sehnlichen Wunsch ihrer Tochter ausdrückte, Bertrams Urtheil über die Gedichte Lindchens in Erfahrung zu bringen.
»Gedichte?« Er mußte sich besinnen. »Gedichte – ja so!«
»Mama, Mama, Herr Vogelweid hat ganz vergessen ...« klagte Lindchen tief gekränkt.
»Nein, Baronesse, ich habe nicht vergessen, ich habe ge–geblättert, sagen wir, in den Gedichten, die Sie mir geschickt haben ...« Erbarmungslose, die einen Überfütterten noch stopft, wollte er hinzusetzen, aber die ängstlich gespannten Mienen der Mutter und der Tochter, die demüthig sehnsüchtige Erwartung, mit der beide Damen zu ihm empor schmachteten, entwaffnete ihn. Diese Dilettanten! sie haben alle Aspirationen, machen alle Leiden des echten Künstlers durch – nur was dabei herauskommt, ist anders. »Vor allem, Baronesse,« wendete er sich an Sieglinde, »was haben Sie vor mit Ihren Gedichten?«
»Drucken lassen« – sie stöhnte es fast, und er seufzte, wurde aber nicht grimmig, sondern sprach in weichem, zuredendem Tone:
»Sehen Sie sich um in der Welt. Wohin Sie blicken, überall begegnen Sie den allgemeinen, unaufhaltsamen Fortschritten ...«
»Unserer Litteratur!« fiel Bertha begeistert ein.
»– Der Socialdemokratie, Frau Baronin.«
»Ach ja,« versetzte sie und lächelte ihn höchst unsicher an.
»Wir gehen einer neuen gesellschaftlichen Ordnung entgegen. Lösung der wirtschaftlichen Fragen heißt der nächste Schritt zum Ziele, und er liegt, wie man sagt, in der allgemeinen Verstaatlichung. Meine unmaßgebliche Meinung ist nun, daß der Übergang zu dieser breiten Straße des Heiles uns wieder auf jetzt ganz verlassene Fußpfade führen wird, zum Beispiel – zur Hausindustrie.«
»Ach ja,« wiederholte die Baronin und gab ein heuchlerisches: »Ganz recht!« dazu, um zu verbergen, daß sie ihn durchaus nicht begriff.
»Eilen Sie uns voran, Baronesse! Streben Sie keine fabriksmäßige Vervielfältigung Ihrer Dichtungen an, verschmähen Sie die kapitalistische Bücherproduktion durch den Verleger – singen Sie, ein liebliches Vögelchen, Ihre zarten Lieder den Eingeborenen von Obositz, zirpen Sie, ein trautes Heimchen, am häuslichen Herde.«
XVII.
Als man sich am Abend trennte, nahm Bertram Abschied von seinen Wirthen für den ganzen morgigen Tag, den er in Vogelhaus zubringen wollte. Lieber auch räumlich von der Unerreichbaren getrennt sein, als in ihrer Nähe schmerzvoll hangen und bangen. Er ging allein seinen Zimmern zu; der Freund, der ihn sonst geleitete, die Dienerschaft, die heute bis zum Morgen gewacht, hatten sich früher als gewöhnlich zur Ruhe begeben. Die Lampen waren gelöscht, vor der Mondesscheibe lagerte eine langgestreckte Wolke, ein träumerisches Halbdunkel herrschte, eine schöne Stille, Balsam für den geräuschesmüden Stadtbewohner. Jeder Blick durch die hohen Fenster des Ganges in den Garten bot Erhebung, wirkte sanft und beschwichtigend. Leise wie ein angefachtes Fünkchen begann die erloschene Hoffnung wieder zu glimmen. Quälst du dich nicht mit Hirngespinnsten, du Narr? fragte er sich. Waren die Worte, die dich unglücklich machen, auf dich gemünzt, oder beziehst du sie nur auf dich, krankhaft empfindlicher Thor? Muß der Graf an mich gedacht haben, als er sagte: Ich glaube nicht? Er dachte vielleicht an:
»Meisenmann!« rief Bertram wonnig mit wahrem Entdeckerjubel aus. Zu seinem Schrecken antwortete eine Stimme aus der Tiefe des Querganges:
»Ich bin’s, bitte.« Simon trat hervor. Der junge Herr Baron schickte ihn, er ließ den Herrn Doktor bitten, zu ihm zu kommen.
»Jetzt? jetzt gehe ich schlafen, und Hagen soll auch schlafen gehen. Sagen Sie ihm das von mir.«
»Er schläft aber nicht, er schreibt und liest die ganze Nacht.«
»In dem Zustand, mit dem Auge?«
»Ach Gott ja! ’s is schaudriös. Gehen Sie zu ihm, bitte, auf den Herrn Doktor wird er hören, auf uns hört er nicht, auf mich und den Meisenmann.«
»Ein schrecklicher Kerl, ein Tyrann,« murmelte Bertram, folgte dem Alten widerwillig und trat verdrießlich bei Hagen ein, der ihn verdrießlich empfing und anbrummte:
»Ist dir’s endlich gefällig?«
Er saß mit verbundenem Kopfe in einem großen Lehnstuhl unter der grell leuchtenden Hängelampe und sah elend aus. Auf einem Tische neben ihm waren die neuesten Werke der modernsten nordländischen, französischen und deutschen Unsittenschilderer recht zur Schau ausgelegt. In einer Hand hielt der Jüngling Juvenals Satiren, in der andern einen Rothstift.
Das Zimmer befand sich in greulicher, in gewollter Unordnung. Die Möbel und einen Theil des Fußbodens bedeckten Bücher, Schriften, Cigarrenkistchen, Waffen, Fecht- und Turngeräthe; an den Wänden hingen, mit Nägeln befestigt, schamlose Photographien. Auf einem Schranke neben der Thür lag eine Pistole; der Hahn war gespannt, das Zündhütchen aufgesetzt.
Komödiant! dachte Bertram und sprach mit eisigem Spotte: »Ich muß dir doch den Gefallen thun, dir zu betätigen, daß ich dich gefunden habe, im Juvenal lesend. Das Grellste hast du wohl mit Strichen versehen, damit niemand zweifeln könne, daß du’s verstanden hast. Mir freilich wäre nie ein Zweifel gekommen, bei den Erfahrungen, die du schon gemacht haben mußt, im Kaffeehaus oder in der Zuckerbäckerei.«
Bei dem letzten Worte fuhr Hagen zusammen, Zorn und Schrecken verzerrten sein Gesicht.
»Verzeih’, wenn ich dich ärgere, ich sollte dir dankbar sein, weil du dir so viele Mühe gegeben hast, mir zu Ehren dein Zimmer zu dekorieren.«
»Dir zu Ehren, ja just, was der sich einbildet!«
Bertram deutete auf die Bilder an der Wand: »Die wirst du doch nicht da lassen, wenn du deine Mutter erwartest, oder ...«
Hagen hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu: »Gieb deiner Beredsamkeit Urlaub, ich frage nicht nach deinen Moraltrotteleien, ich frage ...«
»Hast du meine Novelle gelesen?« unterbrach ihn nun Bertram seinerseits. »Ja, denn, ich habe sie gelesen, leider.« Er rückte einen Sessel an den Tisch und setzte sich.
Hagen spielte den Gleichgültigen und den Höhnischen, aber die Kniee zitterten ihm. »Hast du wirklich die Gnade gehabt?«
»Die Gnade, ganz richtig. Wie du weißt, bin ich nicht hierher gekommen, um mich mit dem Lesen dilettantischen Pfuschwerkes zu beschäftigen, sondern um mich vom Lesen zu erholen und von der Litteratur überhaupt. – Saubere Erholung ..« Er hielt inne, er würgte tapfer die Klagen hinunter, die sich ihm auf die Zunge drängten. »Genug davon. Trotzdem hab’ ich, wie gesagt, deine Novelle gelesen.«
»Großartig! Nicht zu glauben! Und was meint der patentierte Kritiker? Hab’ ich Talent?«
»Vielleicht ja, möglicherweise hast du Talent.«
Ein häßliches, rechthaberisches Lächeln verzog die blutlosen Lippen Hagens. »Wie mühsam er das herausquetscht! Einen Jungen loben, thut ihnen gar zu weh, den Alten. Kann dir nicht helfen ... Ich hab’ Talent, und weiß es, und wollte dich nur zwingen, es zuzugeben.«
»Und dann? was weiter? Talente laufen zu Hunderten auf der Gasse herum. Pferde, Hunde, Ferkel haben Talent. Talent, mein Lieber, ist viel und – nichts. Was du daraus machst, und was dieses ‘Du’ für ein Ding ist, darauf kommt’s an! Zuerst mache du dich, dann wirst du vielleicht etwas machen aus deinem Talent.«
»Ist mir zu hoch, die Weisheit.«
»Streck’ dich! am Ende langt’s.«
»Wenn man eine gute Novelle geschrieben hat.«
»Wer spricht von einer guten Novelle? Die deine ist elend, als Vorwurf, als Komposition, Charakterzeichnung, Stilprobe. Man muß scharf hinsehen, um eine Spur von Talent darin zu entdecken. Kein anderes als ein Ferkeltalent natürlich. Nun, auf ein Adlertalent machst du ja keinen Anspruch.«
»Du bist beleidigend.«
»Wenn die Wahrheit beleidigt.«
»Richtig! die hast du gepachtet ... Moraltrottel!« das eine Wort murmelte er nur, dann schrie er wieder: »Bleib’ bei der Stange! Mag die Novelle sein, wie sie will, Talent verräth sie. Empfiehl mir einen Verleger.«
»Da steht er,« erwiderte Bertram und deutete auf den Ofen.
»Das würde dir in den Kram passen. Wir kennen euch, ihr doktrinären Zöpfe. Aus dem Weg die Werke der Neuen! Du irrst, wenn du glaubst, daß ich dir aufsitze. Geh zum Teufel. Ich werde meinen Weg allein machen. Ich werde mir selbst einen Verleger suchen.«
»Wirst ihn auch finden, wenn du Unglück hast. Brauchst dich nur an den Rechten zu wenden, der besorgt alles, den Widerspruch provozierenden Tadel, das aller Würde hohnsprechende Lob. Irgend eine Zeitung sagt dann wohl: Dergleichen wurde noch nie gewagt – und der Erfolg ist da. Freilich giebt es nur eine Entschuldigung für das Jagen nach solchem Erfolg – den Hunger.«
Während er sprach, verfolgte er aufmerksam in den bewegten Zügen des Jünglings den Eindruck, den seine Worte hervorbrachten. Es ging viel vor in diesem Werdenden, und so viel Sensationen, so viele Zügel, an denen ein Mensch gefaßt werden kann.
»Hagen,« begann Bertram von neuem und jetzt in versöhnlichem Tone, »ich habe diese Entschuldigungen gehabt. Nicht etwa, daß ich schnöden Erfolgen nachgejagt wäre, aber dafür, daß ich einen Beruf ergriff, zu dem ich nicht berufen war. Die Zwangslage, in der ich mich befand, kann allein verzeihlich machen ...«
»Und weißt du, Alleswisser, ob ich nicht auch in einer Zwangslage bin?«
»Oho, hast du etwas versprochen, dein Wort verpfändet? Gesteh! hab’ in Kuckucksnamen Vertrauen zu mir.«
»Ich hab’ nur zu viel.« Seine Stimme versagte, die Spannung, in der er sich künstlich erhalten hatte, ließ plötzlich nach. Er weinte, er schluchzte heftig, leidenschaftlich. Sein schmächtiges Körperchen wand sich in Schmerz und in ohnmächtiger Wuth über den weibischen Ausbruch, den er verachtete und dem er nicht Einhalt thun konnte.
Bertram hätte gern Mitleid mit ihm gehabt und brachte es nicht zuwege. Ach, wenn einem jemand unsympathisch ist, wo bleibt da die Güte, die vielgerühmte, die allumfassend, unendlich, ewig gegenwärtig sein soll? Bertram war angst und bang um den Jungen, aber ein warmes Gefühl für ihn konnte er sich nicht abringen. Guter, starker Mensch, schlag’ an dein Herz, nicht einen Funken Erbarmen schlägst du heraus, wenn es ihn nicht freiwillig giebt.
»Ich bin der ärmste Teufel,« rief Hagen, »ich stehe ganz allein in der Welt. Gertrud verabscheut mich, der Vater versteht mich nicht, die Mutter zieht mir diese Gans von einer Sieglinde vor. Auf dem Gymnasium bin ich verhaßt ... Das freilich ist mir Wurst. Ich kann ohnehin ins Gymnasium nicht mehr zurück. Hier kann ich auch nicht bleiben; wohin soll ich? Aus der Welt!«
»Warum kannst du denn nicht aufs Gymnasium zurück?«
»Weil ich Schulden hab’, zum Teufel. Beim Zuckerbäcker.«
Bertram brach in Lachen aus: »Beim Zuckerbäcker? Der blasierte Decadent sitzt beim Zuckerbäcker und stopft sich mit Kuchen, der Übermensch ist eine Naschkatz! Einen Lutschbeutel hast du doch auch, der liegt vielleicht als Merkzeichen im Juvenal?«
»Lache du ... Elende Possen zu reißen, wenn dein Freund ins Unglück gerathen ist, paßt für dich.«
»Es wird nicht groß sein, das Unglück.« –
»Woher vermuthest du das? Meinen Alten darf ich’s nicht klagen, sie haben ohnehin schon Schulden für mich gezahlt. Sie hinter seinem, und er hinter ihrem Rücken, und ihm habe ich mein Ehrenwort geben müssen, nichts mehr auf Rechnung zu nehmen. Und jetzt schreibt mir dieser verfluchte Zuckerbäcker Brief auf Brief ... Hilf du mir,« er faltete die Hände, »ich werde dir ewig dankbar sein.«
Bertram blickte finster vor sich hin: »Wieviel bist du schuldig? Antworte! Zehn Gulden? Zwanzig Gulden?«
»Zwanzig! Ein solcher Bettel brächte mich doch nicht in Verlegenheit.«
»Einen Bettel nennst du das? Ich habe in meinem ganzen Leben nicht zwanzig Gulden für Backwerk ausgegeben.«
»Andere Verhältnisse, mein Lieber,« versetzte Hagen hochmüthig.
»Bilde dir noch etwas ein auf deine ekelhafte Genäschigkeit. Also nochmals: wieviel bist du schuldig?«
»Zweihundert Gulden.«
»O du Entsetzlicher! Um zweihundert Gulden hat dieser Mensch Backwerk gegessen und Likör getrunken.«
»Ich habe auch traktirt,« sagte Hagen kleinlaut.
Abermals bestand Bertram einen schweren Kampf mit sich selbst und abermals ging er siegreich aus ihm hervor. Es hatte große Selbstüberwindung gekostet.
Aber durfte er zögern? Er durfte nicht. Er besann sich, wie mächtig es ihn ergriffen hatte beim Anblick von Vogelhaus: Was könnte ich für dich thun, du Treuer? Wie würd’ ich die Stunde segnen, die mir eine Antwort brächte auf diese Frage. Nun war die Stunde unerwartet schnell gekommen, nun konnte er etwas thun für seinen Freund.
Er stand auf: »Gieb mir die Rechnung. Ich werde zahlen, nicht deinetwegen, deines Vaters wegen. Es thät’ ihm zu weh, wenn er erführe, daß er einen Sohn hat, der sein Ehrenwort bricht. Wenn du aber glaubst, daß ich mein Geld umsonst gebe, irrst du. Ich geb’ und nehme.«
»Was nimmst du?«
»Dein Manuskript –«
»So hättest du doch Verwendung dafür?« rief Hagen mißtrauisch.
»Jawohl. Und diese Photographien.«
»Das ist Erpressung.«
»Jawohl, Erpressung und Gewalttätigkeit.« Er nahm die Bilder von der Wand und riß sie in Stücke. Er that’s ganz ruhig, und Hagen ließ es ohne Einsprache geschehen, lehnte den Kopf zurück, streckte die Beine weit aus und lag da wie ein Todter.
Der Arzt kam, nach seinem Patienten zu sehen, fand ihn erschöpft und etwas fieberhaft, und wollte bei ihm wachen.
Bertram verließ das Zimmer. Beim Weggehen hatte er aber einen Diebstahl begangen. Er hatte die Pistole abgespannt und sie mit sich genommen.
XVIII.
Er ging zu Bette, konnte aber nicht einschlafen. Die Sorge um Hagen hielt ihn wach. Nach einer Stunde stand er auf und begab sich zu ihm hinüber, um nach seinem Befinden zu fragen. Es war gut; der Ungerechte schlief den Schlaf des Gerechten, und dieser ängstigte sich um das saubere Früchtchen, das ihn sicherlich auslachen würde, wenn es davon wüßte. Bereuen konnte er seine nächtliche Wanderung aber nicht, denn er brachte Seelenruhe von ihr heim.
In aller Gottesfrühe, nach einigen Stunden kurzer, köstlicher Rast, war er auf dem Wege nach Vogelhaus. Unaufhaltsam hatte er vorwärts eilen wollen, aber die Schönheit des Gartens hielt ihn fest. Eine wahrhaft vollendete Schönheit.
Auf einer Brücke, die über das klare und wasserreiche Bächlein führte, das den Garten durchschlängelte, blieb Bertram stehen. Er legte die verschränkten Arme auf das Geländer und versank in die Wonne still bewundernden Schauens. Zwischen den Bäumen und Baumgruppen auf den welligen Wiesen eröffnete sich ein weiter Ausblick auf die Berge und Wälder. Ein Blick voll Frieden. Wohnt er auch wirklich dort? Er wohnt, wohin du ihn träumst, und das ist in der Natur ewig und immer – die Ferne. Tritt näher, du siehst den Kampf.
Ein Knistern des Kieses, das Geräusch nahender Schritte, weckte ihn aus seinen Betrachtungen. Er wendete den Kopf und erblickte Gertrud, die langsam auf ihn zukam. Sie sah ihn nicht, sie wandelte unter dem Schutze eines großen Sonnenschirms, dessen breiter Spitzenrand ihr Gesicht verdeckte, und fuhr zusammen bei dem freudigen Gruße, den Bertram ihr zurief. Sie wäre ihm offenbar gern ausgewichen, konnte es aber nicht mehr thun, ohne geradezu die Flucht zu ergreifen. So entschloß sie sich denn, ihren Weg – noch langsamer als vorhin – fortzusetzen.
Sie scheint nicht angenehm überrascht durch meine Anwesenheit, sagte sich Bertram – ich störe sie – worin nur? Warum steht sie so früh auf? Sie dichtet! Ohne Zweifel, sie dichtet. Man kann nicht anders in diesem Milieu. Sie geht vielleicht ins Fischerhaus, um dort zu dichten.
Merkwürdig! Als ihm der Einfall kam, da war’s, als ob eine Mauer niedergefallen wäre, die zwischen ihm und ihr gestanden hatte. Sie Dichterin, er Journalist: er fühlte sich beinahe auf dem gleichen Fuße mit ihr. Beinahe, nicht ganz. Sie war ihm doch noch zu fremd und – »eine Würde, eine Höhe« ...
Er setzte den Hut, den er feierlich abgenommen hatte, wieder auf, ging ihr entgegen und wand dabei, wie man beim Waschen thut, eine seiner Hände um die andere, was immer etwas sehr Verbindliches hat. Vor ihr angelangt, neigte er sich mit einer gewissen freundlich erwartungsvollen Spannung und sagte: »Nun, mein gnädiges Fräulein ... und was schreiben denn Sie?«
Gertrud war betroffen: »Ich?«
»Sie! – Sie werden doch auch schreiben.«
»Nein, gewiß nicht.«
Nun war er betroffen. »Ist das möglich? Und warum nicht?«
»Warum? – weil ich kein Talent habe,« gab sie mit großer Gelassenheit zur Antwort und zuckte ein wenig die Achseln.
»Kein Talent?... Eine Dame von heute ohne Talent zur Schriftstellerei?« Die niedergesunkene Mauer richtete sich sogleich wieder auf, und die Geliebte stand ihm wieder so hoch wie je, und er hätte das Knie vor ihr beugen mögen und ausrufen: »Verzeih’, Erhabene, daß ich dich anbete!«
Zum ersten Male während ihres Gespräches hatte sie die Augen zu ihm erhoben und sah ihn mit einem Gemisch von Verlegenheit und Muthwillen flüchtig an: »Ich wäre vielleicht so gut wie andere im Stande gewesen, mir poetisches Talent zuzutrauen, wenn mich nicht eine Autorität bei Zeiten aus der Gefahr gerettet hätte.«
»So sind Sie, mein gnädiges Fräulein« – das kam mit einem Anflug von Wehmuth heraus – »doch auch in Gelegenheit gewesen, sich an eine Autorität in dergleichen Dingen zu wenden?«
»Jawohl, wie ich in Gelegenheit gewesen bin, bei Blumenmacherinnen und Stickerinnen anzufragen: Ist meine Arbeit etwas werth und könnt’ ich Geld dafür bekommen? Was versucht man nicht alles, wenn man jung ist und voll Selbstvertrauen.«
Und arm, ergänzte er in Gedanken.
Nun kamen sie an dem Weg vorüber, der zur Straße nach Vogelhaus führte. Bertram ließ ihn links liegen und schritt weiter, an der Seite seiner holden Begleiterin. Sie sprachen von gleichgültigen Dingen, aber ihm ging dabei das Herz auf; die Scheu, die Gertrud bei jeder neuen Begegnung mit ihm zu überwinden hatte, war verschwunden bis auf die letzte Spur, da wagte er’s, da sprach er die Frage aus, die ihm schon so lang auf der Seele brannte:
»Was haben Sie gegen mich gehabt, Furcht oder Abneigung? Eines dieser beiden Gefühle war ich so unglücklich, Ihnen einzuflößen.«
»Das erste,« erwiderte sie ohne Zögern.
»Du lieber Gott, wer ist schuld? Wer hat mich verleumdet?«
»Niemand; bei uns wird nur Ihr Lob gesungen, ich habe aber meine Privatempfindung.«
»Und die ist Furcht?«
»Ich staune, daß Sie darüber staunen. Wenn man grausam sein kann wie Sie, wenn man arme, vielleicht feinfühlige Menschen an den Pranger stellen und dazu lachen kann ... denn Sie lachen, wenn Sie Ihre Feuilletons schreiben ...«
»Längst nicht mehr. Ich schwitze, schwitze Blut! Und was die armen, feinfühligen Menschen betrifft – die sich ohne Berechtigung an die Öffentlichkeit drängen, die haben eine dicke, eine Rhinozeroshaut; denen geschieht nichts, aber die Pfeile meines Witzes stumpfen sich ab an ihnen; haben Sie noch nicht bemerkt, wie stumpf meine Pfeile geworden sind?«
Sie waren beim Teiche angelangt, sie standen im Schatten hoher Bäume und dichter Gebüsche. Gertrud hatte ihren Sonnenschirm auf die Achsel fallen lassen, er bildete einen lichten Hintergrund zu ihrem schönen Kopfe, mit den reichen, braunen Haaren, die zusammengewunden einen schweren Knoten im Nacken bildeten. Einzelne von ihnen, dem Zwang entschlüpft, kräuselten sich auf dem Scheitel und an den Schläfen und schimmerten zart und goldig. Sie trug ein schwarzes Morgenkleid, und aus der Tasche guckte grellroth mit goldenem Schnitt ein Elzevirbändchen, auf das Bertram langsam und zagend mit dem Zeigefinger wies:
»Mein gnädigstes Fräulein, ich besorge, Sie lesen meine letzte Novelle.«
»Ja, auf Empfehlung der Tante.«
»Hm! Wenn Sie eine Nichte hätten, würden Sie ihr die Novelle auch empfehlen?«
»Ich weiß noch nicht, ich bin noch nicht sehr weit.«
»O, dann lesen Sie auch nicht weiter! Lernen Sie mich nicht von meiner schlechtesten Seite kennen, von der schriftstellerischen. Ich habe bessere Seiten, ich schwör’s. Damit ist allerdings nicht viel gesagt, denn meine Romane ...« Er blickte ihr fest ins Gesicht, »elend, nicht wahr?« Sie erröthete und wendete sich ab, plötzlich aber wich die leichte Verlegenheit, von der sie ergriffen worden war, einem heitern, fast übermüthigen Ausdruck:
»Ich darf’s nicht sagen,« sprach sie. »Sie könnten sonst glauben, daß ich Repressalien gebrauche.«
»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er.
»Erinnern Sie sich vielleicht einer gewissen Anna Mimona?«
»Ja, nicht ganz ohne Gewissensbisse. Anna Mimona –«
»Das war ich.«
Er prallte zurück bis an den Rand des Teiches.
»Geben Sie acht!« rief sie erschrocken, und er blieb stehen und starrte sie an.
»Nähmaschine!« schrie er auf. »O, dann ist alles verloren, dann fürchten Sie mich nicht nur, Sie hassen mich auch. Nähmaschine!... Das können Sie mir nie und nimmer verzeihen!«
»Ich kann es freilich nicht mehr, weil ich es längst gethan habe. Ihr Rath war ja gut, aber befolgen konnte ich ihn nicht. Um eine Nähmaschine zu kaufen, braucht man Geld, und ich hatte keines.«
»Sie hatten keines. O ich roher, gedankenloser Dummkopf! Und ich habe die Gedichte nicht einmal gelesen.«