Reise ins heilige Land.
Reading edition
Im Jahr 1829.
Tagebuch meiner Reisen.
Reise
ins
heilige Land.
Im Jahr 1829.
Von A. Prokesch Ritter von Osten, k. k. Major.
Wien. Gedruckt und im Verlage bei Carl Gerold. 1831.
»Sie werden vergehen, aber du wirst bleiben. Sie werden alle veralten wie ein Gewand; sie werden gewechselt werden wie ein Kleid, wenn du sie wechseln wirst.«
Psalm CII. 27.
Die Oberfläche der Erde ist ein aufgeschlagenes Buch. Viele Blätter sind noch weiß gelassen, viele beschrieben, bald mit mehr, bald mit weniger ansprechender Geschichte, bald mit Hymnen und Klagen, bald mit Wissen und Kunst. Manche aus diesen wurden es mehrmals, und dennoch überschlägt man sie gerne; andere fesseln den Blick in Bewunderung, in Staunen und Ehrfurcht, und ihr uralter Text bricht unvergänglich durch die Überlage der späteren Jahrhunderte. Zu diesen letzten Blättern gehören die Landstriche zwischen dem Euphrat und dem Mittelmeere, zwischen dem blühenden Syrien und dem wüsten Arabien, die man unter dem Namen des heiligen Landes zusammen zu fassen gewohnt ist.
Diese Bezeichnung kommt von den Juden, in so ferne sie dies Land als das vorzugsweise von dem Gotte, den sie anbeten, sich und ihnen erwählte betrachten; sie gilt den Christen, in so ferne sie Söhne des Judenthumes sind, und hauptsächlich, weil in diesem Lande, wie auf einem großen Altar, das Opfer ihres Heilandes vollbracht wurde. Im Buche von der Weisheit Salomons (XII. 3.), so wie in dem der Makkabäer (II. I. 7.) ist der Ausdruck »heiliges Lands« schon zu finden. In jeder der alten Religionen waren gewisse Landstrecken für heilig erklärt.
Älter als diese Bezeichnung ist für das Land, von dem wir sprechen, die kürzere: das Land. »Zu der Zeit, da die Richter regierten, war Theurung im Lande,« sagt das Buch Ruth (I. 1.) und bezeichnet es nicht weiter. So ruft Jeremias aus: »Land, Land, Land, höre das Wort des Herrn!« (XXII. 29.) — »Meine Seele hört der Posaunen Schall, und die Feldschlacht, und das Geheul des Mordes, denn Verheerung kommt über das Land.« (IV. 20.)
Das Land Israel, das gelobte Land sind gleichfalls ältere Bezeichnungen, die denselben Raum umfassen, wie die früher genannten. Die Bücher Samuels und der Könige geben hiezu viele Belege. Der Samaritanische Text bezeichnet diesen Umfang klar: »Und der Herr zeigte ihm das ganze Land vom Flusse Ägyptens bis zum großen Flusse, dem Flusse Euphrat, und bis an das äußerste Meer; und der Herr sprach zu ihm: dieß ist das Land, das ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe....« (V. Mos. 34.) Und: »Alle Orte, darauf eure Fußsohle tritt, sollen euer seyn; von der Wüste an und von dem Berge Libanon und von dem Flusse Phrat bis au das äußerste Meer soll eure Gränze seyn.« (V. Mos. XI. 24).
Oft für den Begriff des gesammten Landes gebraucht, aber eigentlich nur Theilen desselben gehörig, sind die Bezeichnungen: Land Kanaan, Gilead, Judäa. Unter Kanaan wurde im engern Sinne das Land westlich dem Jordan verstanden, denn der Herr spricht zu Moses, im Lande der Moabiter, also östlich vom Jordan: »wenn ihr über den Jordan gegangen seyd in's Land Kanaan« (IV. Mos. XXXIII. 51); unter Gilead häufig das Land östlich dem Jordan, welches von den Stämmen Ruben, Gad und halb Manasse bewohnt wurde; daher (Josua XXII. 9): »Also kehreten nun die Rubeniter, Gaditer und der halbe Stamm Manasse und gingen von den Kindern Israel aus Silo, die im Lande Kanaan liegt, daß sie in's Land Gilead zögen, das sie erbeten auf Befehl des Herrn durch Mose.«
Daß der Jordan die Ostgränze von Kanaan machte, geht aus der Vergleichung mehrerer Stellen unter sich hervor; z. B. sagt Moses (II. XVI. 35): »daß die Kinder Israel bis an die Gränze des Landes Kanaan Manna aßen;« Josua aber (V. 12) erzählt, daß das Manna aufhörte, sobald sie den Jordan erreicht hatten. — Der Herr straft Moses, indem er ihm verweigert, das gelobte Land zu betreten (IV. Mos. XX. 12), und als Moses in's Land der Moabiter gelangt war, sprach er zu ihm: »Gehe auf das Gebirge Aharim, auf den Berg Nebo, der da liegt .... Jericho gegenüber und besiehe das Land Kanaan, das ich den Kindern Israel zum Eigenthum geben werde und stirb auf dem Berge.... denn du sollst das Land sehen vor dir, aber nicht hineinkommen.« (V. Mos. XXXII. 49-52.)
Aus diesen Stellen aber geht hervor, daß nach der ersten Offenbarung des Herrn das Land Gilead keinen Theil des gelobten Landes ausmachen sollte; warum es dennoch zu einem solchen ward, erklärt sich aus der den Kindern Israel niemals gelungenen gänzlichen Unterwerfung von Kanaan. Nur in so ferne das gelobte Land überhaupt das den Israeliten zwischen Jordan und Meer vermeinte des Herrn bedeutet, finden wir vor der Trennung des Reiches, auch die Bezeichnung Israel auf diese Ausdehnung beschränkt. (Ezechiel XLVII. 18.)
In Kanaan ist der phönizische Gleichlaut χνά zu finden. Nach Sanchoniatan gab dieser Χνά, der später Phönix geheißen haben soll, den Phönikern den Namen. (Euseb. praep. Evang. II.) Er ist der Kanaan, von welchem die Genesis spricht (X. 15), der Gründer von Sidon und selbst von Jerusalem als Stadt der Jebusiten, überhaupt der Urvater der Stämme, welche das schöne Kanaan bewohnten, die Welt in ältester Zeit durchschifften und im Vertilgungskriege gegen die Kinder Israel Jahrhunderte hindurch standen. Diese, mit dem Schwerte des Glaubens bewaffnet und in Ägypten zur Lehre erzogen, daß zwischen Religionen kein Verträgniß, kein Zusammenwohnen, sondern nur ein Kampf auf Leben und Tod erlaubt sey, brachen zahlreiche Städte der gebildeten Kananiter, scheiterten vor anderen und bewahrheiteten damals schon den oft wiederholten Satz der Geschichte, daß zuletzt das gebildete Volk dem rohen unterliegt.
Judäa bezeichnet eigentlich den von dem Tribus Juda bewohnten Landstrich. Später hieß der eine Theil des Reiches so; der andere, im Gegensatze, Israel. Daß die Bezeichnung Judäa auch für das ganze gelobte Land genommen wurde, geht aus II. Chronik IX. 11 hervor, so wie aus den Parallelstellen Matth. XIX. 1. und Mark. X. 1. Spätere brauchen sie häufig in diesem erweiterten Sinne, wie Josephus, Ptolemäus, Rutilius, Eusebius u. a. m., und Medaillen des Titus Vespasianus tragen die Umschrift: Judaea capta.
Wir Neueren bedienen uns am häufigsten der Bezeichnung Palästina, verstehen aber nicht selten nur das eigentliche Kanaan darunter. Die Bibel kennt das Wort nicht. Philo braucht dasselbe als syrischen Ursprunges in der erwähnten engeren Bedeutung (de Abrah.). Die alten Ausleger der Genesis nehmen es nicht selten im weiteren Sinne; so auch die Griechen und Römer. Medaillen Vespasians sagen gleichfalls: Palestina in potestatem P. R. redacta. Die älteren christlichen und arabischen Schriftsteller bedienen sich dieser Bezeichnung häufig. Unter Theodosius erscheint die Eintheilung in das erste, zweite und dritte Palästina. — Als Theil von Syrien betrachtet, wird es schon von Herodot (VII. 89) Palästina genannt, oder auch das syrische Palästina (I. 105), eine von Anderen oft gebrauchte Bezeichnung.
Die Bedrückungen, welche Abdallah, Pascha von Akka, Tripolis und Seida, gegen viele in Palästina wohnende und des Schutzes Sr. Majestät des Kaisers genießende Christen und Juden sich erlaubte, veranlaßten im März 1829 meine Sendung nach diesem Lande. Er hatte die Freizügigkeit von Ort zu Ort mit Fesseln belegt, den Handel willkürlich beschränkt, dem k. k. Konsul von Akka eine bedeutende Geldsumme abgezwungen, ihn und dessen Familie mit Schimpf und Gefahren bedroht, endlich sogar zur Flucht in die Hände aufrührerischer arabischer Stämme nach Nazareth genöthiget, die Flagge Sr. Majestät, vor bald tausend Jahren auf den Wällen von Akka gegründet, vom Konsulate herunter reißen lassen und jede Verbindung mit unseren Kauffahrern einzig auf seine Willkür gesetzt. Diese Übelstände auszugleichen war mein Auftrag.
Ich ging zu Ende März von Smyrna mit der k. k. Korvette Veloce unter Segel. Der Himmel war trüb und es stürmte heftig aus Süd und Südost. Ich hätte klüger gethan, zwischen den Inseln von Vurla oder auf den Untiefen von Smyrna den Wechsel des Windes abzuwarten; aber gewohnt an die See, gefiel mir besser, dieß im Freien und unter Segel zu thun. Am Abend des 31. März war ich in den Gewässern von Ipsara. Die See ging hohl und es hing furchtbar schwer und schwarz ringsum am Himmel. Dabei regnete es und warf zeitweise Schnee und Hagel, so daß wir, überdieß von den über Bord schlagenden Wellen fortwährend durchnäßt, ungemein an Kälte litten. Wir hatten noch die Wahl, nach Phokäa, einem geräumigen Hafen der asiatischen Küste, oder in die Straße zwischen dieser und der Insel Lesbos zu flüchten; aber beide Richtungen hätten uns weit vom Wege abgebracht. Wir sagten uns, daß unser Schiff gut sey und auch die schwärzeste Nacht zu Ende gehe, und beschlossen die See zu halten. Um Mitternacht sprang der Wind nach Südwest um, und ging in Stöße über. Die See begann zu stäuben und zu kochen; das Schiff, ohnedieß sehr zum Rollen geneigt, arbeitete schrecklich. Vieles Tauwerk riß und wurde nur mühsam ersetzt. Wir zogen nach und nach alle Segel ein bis auf die Marsen des Haupt- und des Fockmastes. Um 4 Uhr war die Wuth am höchsten. Es versuche keine Feder, die Kraft des Elements zu malen, das plötzlich, wie lebendig gewordenes Gebirge, sich hebt und einherschreitet! — Der Mensch kann in solcher Stunde nichts mehr thun, als in die Treue seiner Breter und in Gottes Gnade hoffen. — Bei den gewaltsamen Schwingungen der Masten, und dem Froste, der die Glieder lähmte, wurde unsere Mannschaft nur schwer der Marssegel Meister, an welchen wir das letzte Reff nehmen ließen. Wir versuchten noch, gegen Sturm und See, die Richtung Südwest zu erzwingen und hielten uns hart an beide, bis endlich der Tag anbrach. Eine graue Verheerung — ein Chaos, wo alle Atome im Aufruhr stehen, umgab uns; Himmel und See lagen fest auf einander. Indessen, man sah doch! und die Blitze, diese Mitverschworenen des Schreckens und des Todes, übergossen zwar noch unsere Wangen mit Gluth, hatten aber über unsere Augen die verwundende Macht größtentheils verloren.
Um 1/2-6 wurde es plötzlich lichthell im NNW. Aber es war kein tröstliches Licht, sondern jener weiße Leichenglanz wie an Sternen, die verlöschen. Es thürmte sich schnell über einander und stand aufgerichtet wie ein Riese da. Alle Blicke starrten darauf. Jetzt begann es sich zu neigen und zu bewegen, und Blitze zuckten von Zeit zu Zeit daraus. Noch hofften wir, der Ouragan und diese ungeheure Wassermasse, denn das war es, würden nach einer, uns nicht gefährlichen Richtung getrieben; und wir durften dieß hoffen, so lange der Sturm noch in SW. fest stand. Aber wer schildert die Angst, als wir den Wind matter werden und immer westlicher abfallen sahen, und nicht mehr zweifeln konnten, daß der Ouragan den Sturm übermeistere! Wir konnten unsere Kanonen gegen die herannahenden Wasserhosen nicht brauchen wegen dem entsetzlichen Schwanken des Schiffes, das nun, da der Wind todt geworden war, die See aber noch den Andrang aus SW. behielt, uns alle fast betäubt schlug. Es nahte und nahte immer schrecklicher — und zerplatzte und richtete sich ohne Unterlaß wirbelnd auf; — jetzt war es da, faßte uns am Steuerbord — riß dessen ganze Bekleidung ein — brach die Ketten und Gurten ab, an welchen der Anker außen am Bug hing, und warf diese Last nach innen ins Schiff, so daß sie das Verdeck durchschlug — brach eben so die schweren Taue durch, womit die Boote im Schiffe befestiget lagen — riß diese und eine Menge Gegenstände mit sich fort, — zerbrach den Matrosen, die sich nicht schützen konnten, Arm und Beine, — öffnete die festgeschlossenen Lucken der Kajüte und der Offiziersgemächer, — füllte diese Räume und das ganze Verdeck mit Wasser und legte das Schiff auf die Wellen, so daß das Steuer nicht mehr griff. In dieser entsetzlichen Noth hatte Jeder so viel mit sich zu thun, daß kaum Einer an den Tod dachte. Die Einen schwammen auf dem Verdecke und suchten sich an Seilen zu fangen; die anderen tauchten aus den Lucken empor; die dritten klammerten sich fester an die Gegenstände, die ihnen zur Rettung gedient hatten; eine Zahl war betäubt durch den Schlag und durch die Wunden, und wußte gar nicht, was geschah; einer der Offiziere, der Lieutenant Sandry, war über Bord geschleudert worden und hatte sich wunderbar an einem Stricke im Fluge gefangen. Ich hielt mich an den Arm des Steuers und dachte in mir: »also noch fünf oder sechs Sekunden, und wir sind versunken!« —
Durch ein Zusammentreffen von Glück und Besonnenheit wurde das Schiff gerettet. Die Veranlassung hiezu war eine natürliche, aber ich traue keinem Menschen auf dieser Erde die Kraft zu, in solchem Augenblicke dies Natürliche anders als durch Instinkt zu errathen. Die Wassermasse, die uns umgeworfen hatte, war aus NNW. gekommen; die See kam, wie oben gesagt, aus SW. und zwar mit der Geschwindigkeit von sechs bis sieben Meilen. So wie die Wassermasse gegen die See anstürzte, lehnte sich diese ihr entgegen auf und dieser Rückstoß richtete uns empor. In diesem Augenblicke, da das Steuer wieder griff, hatte der Steuermann die Besonnenheit, es herumzuwerfen, so daß das Schiff die See in Rücken bekam und alsogleich von ihr getrieben wurde. Nun schlugen wir alle, ohne Wink oder Befehl, sondern durch den richtigen Takt getrieben, die Kanonenpforten backbord ein, und machten dadurch möglich, daß das Verdeck sich entleere und das Schiff Athem bekomme. Wo sind wir? — wohin? waren die ersten Fragen, die wir mit heiterem Auge, in dessen Winkeln noch der Schrecken nachglänzte, einer dem andern stellten. Es fand sich aus der Berechnung, daß wir vom nächsten Hafen unter dem Winde, Sigri auf Lesbos, etwa fünfzig Meilen entfernt waren. Wir hatten keine Wahl und nahmen alsogleich die Richtung dahin.
In dem Zustande, in welchem wir uns befanden, nach allen Seiten der See geöffnet, mit zerbrochenen Raaen und Stängen, mit zerrissenem Tau- und Takelwerk, Kajüte und Offiziersgemächer noch voll von Wasser, hatte unsre Lage mitten in der stürmenden See genug, was zu anderer Zeit erschrecken konnte. Damals aber schien uns, die wir der größten Gefahr so wunderbar entgangen waren, die geringere keine mehr.
Beschäftigt in vollem Maße mit Ausbessern, Wehren und Pumpen langten wir gegen Mittag in der Gegend an, wo, nach unserer Berechnung, die Hafeneinfahrt nahe vor uns liegen mußte. Aber die Wolkendichte erlaubte durchaus nichts zu sehen. So hoch die Berge von Lesbos im Rücken von Sigri sind, es war doch nicht möglich, irgend ein Stück Umriß derselben oder auch nur einen Farbenunterschied in den Wolken zu unterscheiden, der dem geübten Auge des Seemanns so oft das einzige Zeichen eines nahen Hintergrundes von Bergen ist. Unsere Verlegenheit war nicht klein, da die Einfahrt enge, voll Untiefen und Klippen, und die Küste zur Seite gewissen Untergang bringend ist, auch wir nicht auf hellere Zeit warten konnten, weil die See uns vor sich her trieb und das Schiff nicht im Zustande war, gegen die See zu halten. Wir durchflogen nochmals eilig unsere Berechnungen, und da diese die Linie unseres Laufes genau auf die Hafeneinfahrt gerichtet wiesen, so fuhren wir in Gottes Namen im Dunkel darauf los, das Beste hoffend und das Schlimmere zu nehmen entschlossen. Und es war uns zum Heile! denn richtig erreichten wir die Einfahrt und konnten sie erst dann erkennen, nachdem wir schon darin waren. Ein allgemeiner Jubelruf erscholl aus allen Theilen unseres Schiffes.
Im Hafen lagen die k. k. Kriegsbrigg Montekukulli und mehrere Kauffahrer, die uns sogleich mit dem Nöthigen an frischen Lebensmitteln und Wein beisprangen, denn alle unsere Hühner und Lämmer waren ertrunken und der französische Wein verdorben. Sechs Tage lang baute unsere Mannschaft und die der übrigen Schiffe, um die Veloce wieder herzustellen. Da Vorrath an bearbeitetem Material nicht fehlte, so stand die Korvette bald wieder segelfertig da, und während man zu Smyrna, dem Berichte eines österreichischen Kauffahrers zufolge, der uns bald nach neun Uhr gekreuzt hatte, uns versunken glaubte, waren wir guten Muthes und am 6. April Abends bereits wieder unter Segel.
Das Wetter blieb uns durch mehrere Tage günstig. Leichter Nordwest trieb uns in der Nacht rasch an Scio vorüber. Am 7. umsegelten wir Nikaria an der Westseite und kamen hart an Pathmos, dessen breites Haupt die Stadt und das Kloster zum heil. Johannes krönen; am 9. sank bereits Rhodus unter den Gesichtskreis und die Schneegebirge der Karamanischen Küste, der Kragus und Antikragus, wohin die Alten die Fabel von der Chimäre verlegten, stiegen empor. Ein Meteor fuhr, bald nach Sonnenuntergang, von Nordwest nach West, ungeachtet des hellen Tages noch glänzend, ja blendend weiß, durch die Luft und zerstob in Sterne, wie eine Rakete, mit einem Lichte dieser ähnlich, aber viel stärker und größer. Am 11. umwölkte sich der Himmel von Neuem und der Wind ging wieder nach Süd. Castelrosso (Megiste oder Cisthene) und Kap Khelidonia (sacrum promontorium) zeigten sich des Morgens, von Schneegipfeln des Taurus überragt; Tags darauf wurde die See stark bewegt, und der Himmel trüber. Cypern blieb uns unsichtbar, so nahe wir auch daran vorbeistrichen. Abends konnten wir kaum mehr fünfzig Meilen von der syrischen Küste seyn — aber wir wagten nicht, uns in der Nacht ihr zu nähern, denn Niemand an Bord kannte dieselbe. Wir legten daher um und brachten die lange Nacht hin- und herfahrend zu.
Der darauf folgende Tag war fast ohne Licht; nur graue Helle lag über See und Himmel, und auf Entfernung weniger Meilen unterschied das Auge nicht mehr die eine von dem anderen. Wir steuerten küstenwärts, mit Vorsicht erst und dann mit verdoppelten Segeln. Erst um zwei Uhr Nachmittags sahen wir oder erriethen vielmehr einige Umrisse von Gebirgen, zweifelhafte und schwebende Linien durch die Regenwolken zitternd. Sie wurden deutlicher — zeigten sich langgestreckt, hoch, wenig abgezeichnet. Wir konnten, der Berechnung zufolge, nur den Berg Karmel vor uns haben, und er war es auch und neben ihm die Küste von Sur bis Cäsarea. Die Ruinen einer Stadt hoben sich aus den Wellen; südlicher stieg ein hoher Thurm hervor. Wir steuerten nach diesem und erkannten erst spät, daß wir Cäsarea selbst vor uns hatten. Wir wandten nach Nord, erreichten Kap Karmel; da hatte sich der Himmel eben aufgehellt, die Sonne trat wie zum Abschied am westlichen Horizonte hervor, und ihre feuchten, zitternden Strahlen vergoldeten die Mauern und Minarete von S. Jean d'Acre. Wir warfen die Anker auf der Rhede von Kaipha.
Dies kleine Städtchen liegt am Fuße des Karmel nahe am Südostwinkel der Bai. Die Araber nennen es Hipha, die Juden Kepha oder auch Hepha, die Griechen und Lateiner meist Kaipha oder Kaiphas. Es ist ein ins Viereck von etwa vierhundert Schritt Grundlinie, ummauerter Ort, der nach jeder Seite drei Thürme weiset. An drei tausend Seelen bewohnen denselben, meist Türken aus der Barbarei; ein Zehntheil der Bevölkerung mag katholisch seyn; es gibt auch einige Griechen dort und zehn Familien Juden. Die Griechen haben einen Papas, die Katholiken einen Mönch aus dem Kloster auf dem Karmel, das von Rom aus erhalten wird und seine armen Jünger bis Tripoli, Haleb, Basra und Bagdad und bis nach Indien sendet. Der Ort erzeugt etwas Öhl, Baumwolle und Getreide, und führt des letztern aus. Die Umgebungen sind kahl und traurig. Weiße, erstorbene Wellen decken das östliche Gestade; kahle Höhen steigen im Süden auf; nur selten belebt ein Öhlbaum oder eine Dattelpalme das Gestade. Auf dem Abhange des Karmel steht auf Entfernung eines Flintenschusses ein Zwinger, welcher die Stadt im Zaume halten soll, und dermalen unbesetzt ist. —
Scherif Ibn-Idris, in seiner Erdbeschreibung, nennt Kaipha den Hafen der Landschaft Tiberias, und rühmt denselben als selbst für größere Schiffe gut. Heut zu Tage ist überhaupt nur von einer Rhede dort zu sprechen, und diese so versandet, daß die Boote sich kaum auf fünfzig Schritte dem Gestade nähern können. Die Bai von S. Jean d'Acre und selbst die Rhede von Kaipha gehören unter die gefährlichsten Stellen, um Anker zu werfen. Zwar ist der Grund feiner Sand (wir lagen in 8-1/2 Faden) und hält; aber die Winde üben eine ungeheure Gewalt in diesem nach der Westseite ganz offenen Trichter, wie stundenbreite Dünen hinlänglich darthun. Im Südostwinkel der Bai, eine Viertelstunde von Kaipha, ist die Mündung eines Flüßchens, des Kischon oder Kilson der Bibel (1. Könige, XVIII. 40). Nahe daran sind ausgebreitete Grundfesten und Reste uralter Bauten, in unförmlichen Haufen über einander liegend und vom Sande verschüttet, vielleicht, was noch übrig von Kilson (Gem. Schabbath, 26. 1.) oder Porphyreon ist, die entweder nur andere Namen für Kaipha sind, oder demselben ganz nahe lagen. An diesem Gestade und an dieser Stelle hauptsächlich wurde der kostbare Purpur erzeugt, die Farbe der Herrschaft und des Reichthums.
Zwei Menschen unter denen, die ich in Kaipha sah und sprach, zeichneten sich in mein Gedächtniß ein, der Befehlshaber der Stadt und ein Mönch. Jener, ein Mann aus Algier, empfing mich im mittleren Thurme der Seeseite, von Rauch und allen seinen Soldaten umgeben, arm wie ein Bettler, stolz wie ein König, und freimüthig wie ein Held. Dieser diente mir emsig und in verständiger Demuth im Kleinsten wie im Größten. Er war aus Malta und lebte schon seit fünf und zwanzig Jahren in seinem Häuschen zu Kaipha, das, rings umplankt und verschlossen, sammt dem Gärtchen vor dessen Thüre nicht größer war, als einer der Säle unserer Palläste. Priester, Arzt und Handwerker zugleich, lagen Bibel und Missale, Kräuterbuch und Phiole, Kruzifix und Haue, Palmenzweig und Türkensäbel in friedlicher Unordnung über einander, die, wenn ich so sagen darf, ein Abbild seines Innern war.
Der Zufall wollte, daß eben als ich anlangte, Abdallah Pascha sich auf seinem Landhause bei Kaipha auf dem Berge Karmel befand. Mit dem Stolze der Unwissenheit und dem Dünkel von Macht, der nicht selten den ausgearteten Fürsten des Orients eigen ist, und zu dessen Steigerung das Benehmen von eingebornen Christen und von Franken nachdrücklich beiträgt, wies er meine erste Botschaft, das Verlangen ihn zu sprechen, mit den Worten zurück: er aber verlange das nicht. Mein Ziel im Auge, ließ ich mich durch diese Äußerung nicht abschrecken. Ich schrieb sie zum Theil dem Umstande zu, daß das englische Bombenschiff Infernal auf der Rhede lag, das von dem Pascha auf gleiche, und schlimmere Weise behandelt war, und zwar durch eigene Schuld; denn der Kapitän desselben, ein junger und mit dem Stande der Verhältnisse unbekannter Mann, hatte zu Alexandrien, von wo er kam, sich vom Vizekönige von Ägypten Empfehlungsbriefe an Abdallah-Pascha erbeten, und diese ihm ankündigen lassen. In eben diesem Zeitpunkte aber war das Mißtrauen des Pascha gegen seinen mächtigen Nachbar auf einen so hohen Grad gestiegen, daß Empfehlung von diesem jeden Fremden in seinen Augen verdächtig machte. Er ließ demnach den Infernal wissen, daß kein Mann desselben die Küste betreten dürfe. Als dieß doch versucht wurde, ließ er die Ausgeschifften mit Gewalt zurückweisen, und, als Folge hievon, dem Schiffe bedeuten, binnen vier und zwanzig Stunden die Rhede zu verlassen, widrigenfalls er es durch die Kanonen der Küste hiezu nöthigen würde.
Bei diesem Stande der Dinge, und da ich mit unserem nach Nazareth geflüchteten Konsul Rücksprache nehmen mußte, um mit voller Kenntniß gegen den Gewalthaber auftreten zu können, ließ ich demselben sagen: »Ich begriffe seine Weigerung, mich zu sehen, und wollte für den Augenblick auch gar nichts, als Pässe und sicheres Geleite nach Jerusalem und den heiligen Orten.« Gleichzeitig ließ ich dem Konsul zu wissen machen, mich ruhig in Nazareth zu erwarten.
Der Pascha antwortete freundlich: er gewähre mir gerne, was ich verlange. Noch an demselben Abende hatte ich Briefe von ihm an den Statthalter des Pascha von Damaskus in Jerusalem, und an die Befehlshaber der Truppen in Jaffa und Ramle, so wie Pferde und Geleite, und am nächsten Morgen setzte ich meine kleine Karawane in Bewegung.
Durch Olivengärten und über Felder ritten wir um das Kap Karmel (1/2 Stunde), einige alte Reste und in Felsen gehauene Gräber nahe am Gestade zur Rechten lassend; zur Linken weidete unter den Bäumen die herrliche Zucht arabischer Pferde des Pascha. Das Vorgebirge ist steil, und zum Theile nackt, mit wagrechten Lagerungen Kalkstein, in welchen Hornstein eingesprengt sich befindet. Dieß ist der Charakter des ganzen Gebirges dießseits des Jordan. Eine von Mönchen zum Theil aufgemauerte, zum Theil in den Felsen gehauene Stiege führt längs dem äußersten Abfall des Vorgebirges hinauf, vorüber an einem türkischen Kloster zum Landhause des Pascha und weiter zum Kloster der Karmeliten, das an der Stelle erbaut seyn soll, wo Elias dem Herrn den Altar errichtete, und die vierhundert und fünfzig Baalspfaffen, und die vierhundert Propheten des Hains dem Zorne des gläubigen Volkes preis gab. (1. Könige, XVIII.) Abdallah Pascha hatte dies Kloster in einem Anfalle von Laune zerstören lassen, stellte dasselbe aber eben damals, durch die Pforte hiezu vermocht, wieder her.
Um das Vorgebirge gekommen, hat man herrliche Ebene vor sich, die sich bis Ramle, und weiter bis Gaza ausdehnt, und an Reichthum und an Kraft des Bodens von keinem Lande, das ich gesehen, übertroffen wird. Wahrlich diese Strecke verdient das gelobte Land zu heißen! — Ihre Breite ist zunächst die einer halben Stunde. Das Getreide wogte wie Wellen der See, denn die Ebene am Karmel auf dieser Seite ist trefflich bebaut durch die Bewohner des türkischen Dorfes Tzöri, das aus einem Olivenwalde am Abhange blickt. Ich vermuthe, daß der Ort Karmel, wo Nabal, der Gatte Abigails, die später Gemahlin Davids wurde, seine reichen Besitzungen hatte (1. Samuel, XXV.), auf diese Seite des Gebirges zu setzen komme. Eusebius erwähnt eines Ortes Karmel, der zu seiner Zeit noch bestand (Prokop. Comm. 1. Könige), und den schon Plinius kannte, nach welchem der Ort vormals Ekbatana geheißen haben soll (V. 19); Hieronymus aber zweier Berge dieses Namens, wovon der eine der allgemein auch heute noch so genannte ist, der andere aber südlicher gelegen haben soll (Comm. zu Amos, 1.). Wahrscheinlich versteht er darunter die Fortsetzung des eigentlichen Karmel, des südlichsten Gebirgsvorsprunges in Syrien, welche die östliche, mit dem Segen des Himmels bedeckte Hügelwand ist, und als solche die Verbindung mit den Gebirgen von Samaria und Jerusalem macht. —
Von Tzöri führt ein Weg nach einem Brunnen am Gestade, der treffliches Wasser hat, und ein uralter Bau ist. So wie man diesen Weg kreuzt (1 Stunde), hat man niedere Felsenriffe zur Rechten, die sich nach und nach zu niederen Felshügeln erheben, und gleichlaufend dem Gestade, dieses von der großen Ebene scheiden. Diese Riffe und Hügel sind voll eingehauener Gräber und Wohnungen, und voll Steinbrüche. Ein Bach grub sich den Weg durch dieselben. Ist man über diesen gekommen (1-1/2 Stunde), so bemerkt man Reste eines Thurmes, römischen Baues, auf den Hügeln selbst und bald darauf eine Straße quer durch dieselben gehauen. Die Reste einer mächtigen Verrammlung aus Werkstücken weisen sich am Eingange in diesen Paß, der einst mit einem Thore geschlossen war. Man gelangt durch denselben an das Gestade. Dieses hat eine schmale Ebene vor sich. Da steht, aus niederem Vorsprunge in die See, der Ort Athlit, mit Mauern, Thürmen und römischen Trümmern, jetzt nur von wenigen, und zwar türkischen Familien bewohnt.
Nun behält man die Hügelkette zwischen sich und der großen Ebene, und folgt dem Gestade. Man findet an diesem Wege eine Menge alter Brunnen, und in den Felsgrund abgeteufter Kornmagazine, denen auf der Halbinsel Munychia ähnlich. Dieselben gleichen an Form den Amphoren und antiken Krügen, worin man Öhl, oder andere Flüssigkeiten bewahrte, und den Wasserkrügen der Araberinnen am Nil. Sie haben einen runden, verhältnißmäßig schmalen Hals von zwei bis vier Fuß Durchmesser, und bauchen sich dann bis auf vierzig und mehr Fuß aus.
Zwanzig Minuten Weges unter Athlit ist ein zweiter Durchschnitt in der Hügelkette, gleichfalls Werk von Menschenhand. Auch stehen Mauerreste dort. An diese Stelle dürfte eines der Städtchen zu setzen kommen, die Strabo, als zwischen dem Karmel und Cäsarea liegend anführt, nämlich Sykaminopolis, Bukolopolis, Krokodilopolis u. a. m. (p. 758). Drei Viertelstunden weiter fanden wir das Beduinendorf Surfent, wo wir, da es Abend war, bei den Aeltesten einsprachen. Diese, im Vorhofe der Moschee versammelt, wiesen uns Ungläubigen die Moschee selbst als Schlafgemach an, und gaben uns die Stelle an der Kibla. Wir machten dort Feuer an, bereiteten den Kaffeh, aßen Schinken, tranken Wein und schliefen mit einigen zwanzig Hirten gemeinschaftlich. Bei einem in Religionssachen lauen Volke wäre dies Beispiel der Duldung wenig zu rühmen; bei diesem aber ist es ein Sieg der Gerechtigkeit. Um ein Uhr nach Mitternacht standen die Hirten auf, wuschen sich, nahmen ihre Keulen zur Hand und gingen zu den Herden. Wir wurden weder durch Neugierde, noch Mißtrauen, noch durch Zudringlichkeit geplagt.
Von Surfent bis an das Städtchen Tentura ist eine halbe Stunde Weges. Es hat einen Sumpf vor sich, der ein ummauerter Teich gewesen zu seyn scheint. Auf dem äußersten Vorsprunge des Ufers steht eine hohe Warte, Bau aus Römerzeit. Viele andere römische Reste, und einen künstlichen, nun versandeten Hafen weiset der Ort.
Die Bibel kennt Tentura unter dem Namen Dor, als eine kananitische Stadt, die bei der Vertheilung des Landes der einen Hälfte des Stammes Manasse zur Besitznahme zugewiesen wurde. Die Kinder Israel konnten aber die Stadt nicht erobern, und machten erst späterhin die Kananiter darin sich zinsbar. (Josua, XVII. 11-13, Richter, I. 27.) — Unter Salomo wurde die vierte der zwölf Regionen des Reiches nach ihr benannt und Abinadab, der eine seiner Söhne, schlug darin den Sitz auf. (Jos. Ant. VIII. 2.) Polybius kennt sie als eine feste Stadt, welche in den Kriegen zwischen Ptolemäus und Antiochus dem letzteren widerstand. (V.) Josephus erwähnt ihrer an mehreren Orten, und Claudius Julus sagt, daß wegen des Reichthums des Gestades an Purpurmuscheln die Phöniker sich dort anbauten, den Hafen gründeten und die Stadt mit Mauern umgaben (Phön. III.). Die Griechen gefielen sich, einen Sohn Poseidons, Dorus, als Gründer zu nennen (Steph. Εξνιχά ad voc. Doros), was wenigstens den Ursprung der Stadt in urälteste Zeit setzt, und so die biblische Angabe bestätiget. Auf Kaisermünzen führt Dora häufig den Beinamen die heilige, und auch den der unverletzbaren und der selbstherrschenden (ΔΩΡ. ΙΕΡ. ΑCΤΑ. ΑΤΤΟ.). Nach Einführung des Christenthums wurde sie ein Bischofsitz; jetzt ist sie ein Haufen Trümmer, in welchem etwa zweyhundert Menschen herumkriechen. —
Von Dor am Sandgestade fortwandelnd, das fußtief mit den schönsten Muscheln bedeckt ist, kommt man über zwei Bäche und an die Ruinen einer römischen Brücke über einer dritten (1-1/2 Stunde), der wahrscheinlich der Flumen crocodilon des Plinius, oder auch der Krysorroas des Ptolemäus, oder endlich der Cana des Josua (XVII. 9.) ist; dann an gewaltige Ufermauern (1/2 St.), zum Theil von Bogen getragen, hoch und über eine Viertelstunde lang. Diese schließen sich an die Ruinen von Cäsarea, welche die flache Uferhöhe krönen.
Auf einer Küste von der Beschaffenheit, wie die syrische, gegen welche der tägliche Westwind die See aus weiter Ferne ungehindert heranführt, und die überdieß schon in ältester Zeit von einem Schiffahrt treibenden Volke bewohnt wurde, mußte jede Stelle, die Schutz den Schiffen bietet oder mit verhältnißmäßig geringeren Mühen und Kosten als eine andere dazu eingerichtet werden konnte, ein Vereinigungspunkt für den Fleiß werden, und zur Gründung einer Stadt einladen. Eine solche Stelle ist die von Cäsarea. Senkrecht auf die Uferlinie streckt sich ein Felsenriff etwa 400 Schritte weit in die See vor. Kleine Einbuchten sind demselben zur Seite. Diese konnten von den phönizischen Seeleuten wohl nicht übersehen werden, und schon in ältester Zeit mag zu äußerst auf dem Riffe eine Warte aufgerichtet worden seyn, dem Schiffer ein Zeichen bei Tag und Nacht. Dahin deutet auch der ältere Name von Cäsarea, der, nach Strabo, der Thurm des Strato hieß, was einen Ort voraussetzen macht, der sich um eine schon bestehende Warte angesiedelt hat, wie heut zu Tage in Ägypten um die Telegraphenthürme Orte sich bilden. Herodes erweiterte und verherrlichte die Stadt am Ende der 192. Olympiade, d. i. acht oder neun Jahre vor Christo, und nannte sie, Augustus zu Ehren, Cäsarea. (Jos. Antiq. XVI. 9.) Was dermalen an Trümmern sichtbar ist, geht nicht über diese Epoche hinauf.
Noch stehen die Mauern und Thore der Stadt. Der Reisende findet darin Herberge unter den Trümmern, und Brunnen für ihn und seine Rosse; aber kein Mensch bewohnt diese Stätte, die vielmehr eine geflohene ist, aus Furcht vor den Beduinen. Ich umging und maß die Mauern, bestieg und durchkroch die Reste. Hohes Gras und Blumen, dicht und bis an die Brust reichend, decken den ganzen Stadtraum. Sie fordern zur Vorsicht auf, wohin man den Fuß setze, damit man nicht in die Brunnen, Gewölbe und Löcher stürze, die von der grünen Hülle bedeckt sind. — Cäsarea ist ein Rechteck von 540 Schritten Länge von Süd nach Nord, und 350 Schritten Breite von Ost nach West. Die Ostseite hat zehn Thürme; die gegen Nord deren drei und eine Art Bollwerk am nordwestlichen Winkel; die See- oder Westseite zeigt dermalen ebenfalls nur drei, es nimmt aber der nördliche Hafen mehr als die Hälfte der Entwicklung dieser Seite ein; die Südseite hat vier Thürme. Von der Südwestecke greift der Felsenriff vor, der den abgesonderten Bau des Schlosses trägt, dem wieder an der äußersten Spitze ein Wartthurm vorliegt. Starke Dämme sind von dem Schlosse hinaus in die See gezogen. Zur Linken dem Riffe und somit dem Schlosse bleibt der südliche Hafen. Beide Häfen waren durch die Kunst bis auf 200 Schritte Durchmesser erweitert und mit Mauern gesichert worden. Die Landseiten haben einen Graben zu 36 Fuß Breite, mit gemauerter Gegenwand vor sich. Thürme und Mauern sind geböscht, was ich für späteren Zubau halte, wahrscheinlich aus den Zeiten der Kreuzzüge. Die Mauern haben von 20 bis 30 Fuß Höhe, 6 Fuß Dicke; die Thürme, ungleichen Abstandes unter sich, von 50 bis 90 Fuß Breite. Die Stadt scheint vier Thore gehabt zu haben. Zwei derselben bestehen noch. Die Thorangeln rollten in Marmorkugeln. Das Thor der Ostseite ist verfallen. Wir ritten darüber weg in die Stadt. Das vierte, das nach dem innern oder nördlichen Hafen geführt haben dürfte, ist sammt den Hafenmauern verschwunden. Vor der Nordseite ist eine Art Glacis angebracht, hinter welchem die hohe Gestademauer beginnt. Alle Mauern sind aus Werkstücken mit Mörtel gebunden.
Das Schloß, von der Stadt durch einen 125 Fuß langen und 25 Fuß breiten Weg, welcher das Gestade beider Häfen verbindet, geschieden, ist ein Viereck, aus dem ein hoher Thurm emporsteigt. Eine Menge Säulenschäfte grauen, auch einige rothen Granites, offenbar aus Ägypten herübergeschleppt, sind als Werkstücke benützt. Der Damm an der Nordseite des nördlichen Hafens, so wie derjenige, der vom Schlosse auf etwa 200 Schritte südwest in die See gezogen ist, und auf dessen äußerster Spitze die Warte steht, sind fast ausschließlich aus Trümmern weit älterer Bauten und hauptsächlich aus Granitsäulen zusammengesetzt. Am Fuße des Schlosses, nordwärts, schon im Wasser des nördlichen Hafens, liegt ein Fußgestell aus einem einzigen Blocke Syenit zu 6' 4" Breite und Länge und 3' 2" Höhe. Die Mauern nach dieser Seite sind ungeachtet ihrer beträchtlichen Dicke eingestürzt. Ich bestieg den Thurm im Schlosse, der vor sich eine Cisterne und einen tiefen Schacht hat. Zwei Gewölbe im Thurme sind noch erhalten. Die Thorleisten der Eingänge zu denselben sind von Köpfen schlechter Arbeit getragen. Von der Spitze des Thurmes überblickt man die ganze Stadt, und weithin See und Land. Das südlichste Vorgebirge, welches das Auge erreicht, bleibt in S. 20° W; Athlit aber N bei O.
Die Ruinen im Innern der Stadt sind große Massen aus Backsteinen, bieten aber wenig Merkwürdiges. Im Nordwestwinkel steht hart an der Mauer eine unterirdische Kirche; Reste anderer Kirchen erkennt man, darunter eine von schweren Mauern, vielleicht die Kathedrale dieses einstigen Sitzes eines Erzbischofes, der zwanzig Bischöfe unter sich hatte.
Nahe außerhalb dem südlichen Thore sieht man die Form des Stadiums. Die Bekleidung desselben ist verschwunden, doch liegen ein paar Granitsäulen darin. Auf einem Blocke las ich den Namen Fibianus Candidus. Weiter trifft man auf eine andere Umwallung, welche der Vorstadt am südlichen Hafen angehörte. Auch an diesem Hafen sind viele Mauerreste aus älteren Trümmern, und Dämme schützen nach beiden Seiten die Einfahrt.
In der Apostelgeschichte, so wie überhaupt in den ersten Jahrhunderten des Christenthums erscheint Cäsarea als eine mächtige Stadt. Dahin retteten die Gefährten den Apostel Paulus, und ließen ihn nach Tarsus einschiffen (IX. 30). Zu Cäsarea wohnte »Cornelius, ein Hauptmann von der Schaar die da hieß die Wälsche« (X. I), den Petrus taufte. Herodes hielt gerne seinen Hof in dieser Stadt. »Er zog von Judäa hinab gegen Cäsarea, und hielt allda sein Wesen, denn er gedachte wider die von Tyrus und Sidon zu kriegen. Die aber kamen einmüthiglich zu ihm und überredeten des Königs Kämmerer Blastum, und baten um Frieden, darum, weil ihre Länder sich nähren mußten von des Königs Lande. Aber auf einem bestimmten Tag that Herodes das königliche Kleid an, setzte sich auf den Richtstuhl und that eine Rede zu ihnen. Das Volk aber rief: das ist Gottes Stimme, und nicht eines Menschen. — Alsobald schlug ihn der Engel des Herrn, darum, daß er die Ehre nicht Gott gab, und ward gefressen von den Würmern, und gab den Geist auf«. (XII.)
Paulus, auf seinem Rückwege aus Griechenland und Kleinasien, zu Ptolemais, d. i. S. Jean d'Acre gelandet, zog von dort den Landweg nach Cäsarea, wo Philipp der Evangelist, »der einer der Sieben war« (XXI. 8) wohnte. In dessen Hause wurde dem Apostel die Gefangennehmung geweissagt, die ihn kurz darauf zu Jerusalem traf, und die ihn wieder zurück nach Cäsarea in die Hand des Landpflegers Felix brachte (XXIII.); dort wurde er von dem Hohenpriester und den Ältesten angeklagt, und mußte, obwohl nicht überwiesen, ja sogar im Herzen von diesem Römer freigesprochen, aus Gleichgültigkeit oder Unentschlossenheit desselben, zwei Jahre in der Haft bleiben (XXIV.), bis er durch seine Beredsamkeit von dem Könige Agrippa das Zeugnis der Unschuld, und, auf das Recht des römischen Bürgers sich berufend, von dem neuen Landpfleger Festus die Erlaubniß erhielt, vor den Kaiser nach Rom gebracht zu werden. (XXVI.)
Zu Vespasians Zeiten wurde Cäsarea als Kolonie betrachtet und Flavia Augusta Cäsarea genannt. Scherif Ebn-Idris und Abulfeda kennen sie als mächtigen und starken Platz. So erscheint sie auch in den Kreuzzügen. Wann sie verfiel und endlich ganz verlassen wurde, und zur Stätte wilder Thiere und Räuber herabkam, weiß ich nicht zu beantworten. Ruhig lagen wir vor der Halle des südlichen Thores; ein Türke aus Damaskus hatte sich zu uns gesellt; wir verzehrten gemeinschaftlich das Mittagbrot, und holten uns Wasser aus dem Brunnen innen am Thore. Es war dieß ein öffentlicher Brunnen gewesen; ein paar Steinbecken stehen noch daneben. Wie manches Jahrhundert hindurch mag er Wasser den Bewohnern der Stadt gegeben haben, die nun ein Feld von Blumen und Disteln ist! —
Nachdem wir drei Stunden längs dem Gestade durch Sand und Muscheln, welche die schönsten Farben in Gelb, Blau und Purpur spielten, weiter geritten waren, wandten wir links ins Land, erst über Heide (1/4 St.), dann über Fruchtboden, Hügel und Sumpfstrecken bis ans Dorf Mohallet (1/2 St.), das ich für das El-Mukhalid Buckinghams (Travels in Palestina, I. 217) und für das Mohaila des Relandus (Paläst. III.) halte. Dieser Ort, der einige Ruinen aus Römerzeit zeigt, ist nach meiner Ansicht auch einer und derselbe mit dem Moleahä der Notitia dignitatum Imperii Romani (Paris 1651. Sect. 21), indem diese die Cohors prima Flavia dahin verlegt, was auf die Nähe von Cäsarea deutet.
Wir ruheten dort unter einer Sykomore, die groß genug war, um mit ihren Zweigen uns und unsere Pferde gegen die Sonne zu schützen; wir waren aber unser Zwölf, denn es hatten sich auch ein Armenier aus Alexandria und ein Grieche aus Akka nebst Dienern an uns geschlossen. Mohallet liegt auf der Ostseite der Hügelscheide zwischen der See und der großen Ebene. Diese lag nun aufgethan vor uns mit ihrer Fülle von Getreide, mit ihren Öhl- und Johannisbrotbäumen, mit ihren zahllosen Herden von Rindern, Schafen und Pferden. Jenseits stieg das nackte Gebirge von Samaria empor und im NO. glänzte hoch im blauen Himmel eine riesige Schneemasse, der Antilibanon.
Von Mohallet bis Dschelir sind 3-1/2 Stunden Weges über Hutweide, Sanddünen und Feld. Man kommt halbwegs über einen starken Bach, den Nahr-el-Kassab, und findet dann Sumpf. Die See bleibt auf eine Viertelstunde zur Rechten. Später entfernt man sich bis auf eine Stunde von derselben. Dschelir ist ein arabischen Dorf, zwischen und auf zwei Hügeln liegend. Die Einwohner empfingen uns mit Steinwürfen. Wir brachten die Nacht in einer schlechten Hütte zu. Am Meere liegt der Ort Eujejalie, vielleicht Apollonia (Jos. Antiq. XIII. 23), welchen die Peutingerische Tafel halbwegs zwischen Cäsarea und Joppe setzt. —
Eine Stunde vor Tagesanbruch verließen wir die ungastliche Herberge, ritten über Hügel in ein Thal nieder, das links nach der Ebene und rechts nach der See sich öffnet, und kamen darin über einen starken Bach, Nahr-el-Arsuff, wo eine Steinbrücke auf Resten einer älteren steht (1 Stunde). Trümmer von Gebäuden sind zur Seite, rechts aber auf den Hügeln die ärmlichen Hütten des türkischen Dorfes Schech-Said. Auf der jenseitigen Höhe fanden wir ein Beduinenlager (1/2 St.), aus schwarzen Zelten bestehend, die ins Viereck geordnet waren und die Herden umschlossen. Man grüßte uns freundlich und bot uns Milch. Eine weite Ebene zeigt sich im Süden dieser Höhe und in derselben der Thurm der Templer von Ramle, noch 3-1/2 Stunde entfernt. Die Ebene ist voll Ortschaften. Wir kamen durch Tschelebi, Jasur, Gebra, Hadelet und Agrab. Alle sind von dichtem Gehäge indischer Feigen umgeben, die hier stärker und höher sind, als ich sie irgendwo sah. Alles ist oder war Blatt an diesem Gewächse, das eine Art Zerrbild eines Baumes ist. Ein Blatt wächst aus dem andern, aus dem Rande des Blattes die Blüthe und weiter die Frucht; das untere Blatt verholzt sich dann, schmiegt sich an das nächste, das in gleichem Zustande sich befindet, und so wird ein Stamm daraus. —
Ramle, welches Einige irriger Weise für Rama in Ephraim halten, ist wahrscheinlich die Arimathäa der Schrift (Hieron. Epist. Paulae). — Wir stiegen im Kloster des heiligen Landes ab, ein geräumiges, mit hohen Mauern umschlossenes Gebäude, zur Herberge für die Pilger von Philipp dem Guten, Herzoge von Burgund, gestiftet. Zwei spanische Mönche des heil. Franziskus, Pater Thomas und Cyrillus Simeon, der eine aus Murcia, der andere aus Kastilien, empfingen uns dort gut und bewirtheten uns mit etwas Fischen, Brot und Gemüse. Die Kirche des Klosters soll an der Stelle des Hauses Josephs von Arimathäa stehen, der den Heiland begrub. Sie ist klein, faßt aber leicht die jetzige katholische Gemeinde von Ramle, die nur aus zwei Familien besteht. Das Kloster genießt unverbrüchlichen Schutzes von Seite des türkischen Gouverneurs der Stadt, an welchen es dafür jährlich die geringe Summe von 100 Piastern und ein Geschenk von 4 Ellen Tuch gibt.
Ramle ist ein höchst anmuthig liegendes, reich umgebenes Städtchen, welches dermalen über 800 griechische und etwa 2000 mohamedanische Einwohner hat. Die letzteren sind ziemlich wohlhabend, ob der Fruchtbarkeit des Bodens. Sie feierten an diesem Tage eben ein Fest, so daß die Flur um die Stadt, die Brunnen und Wasserbecken voll von Frauen und Gefolge waren. — Abulfeda behauptet den Ursprung dieser Stadt durch Soleiman, den Sohn Abdulmeleks, nach der Zerstörung von dem auf ein Paar Stunden entlegenen Lydda (Geog. Man.), und ein christlicher Schriftsteller, Sanutus (Secret. fid. cruc. p. 152) behauptet gleichfalls die Gründung von Ramle durch die Araber. Anna Comnena, in der Alexiade, schreibt Ramel (XI). Es wird diese Stadt häufig in den Schriftstellern jener Zeit mit Lydda verwechselt. Sie muß vordem eine weit größere Ausdehnung gehabt haben, da die Gärten ringsum Cisternen und Ruinen in Menge zeigen. Im Norden der Stadt findet man eine Cisterne zu vier und zwanzig Gewölben, vier zu sechs, die noch dient und für ein Werk der Kaiserin Helena gilt. Pater Simeon, der uns führte, wies uns auch ein Kapellchen am Abhange im Felde, nun in Ruinen, das die Stelle bezeichnen soll, wo Simson dreihundert Füchsen die Schwänze zusammenband, je zwei zu zweien, Bränder dazwischen gab und sie so in die Felder der Philistäer laufen ließ. (Richter XV.) Die Stelle ist gut gewählt, denn herrlich breitet sich unabsehbar die Flur hin, welche so lange der Neid der Kinder Israel und zu allen Zeiten eine reiche war. Wir besuchten die Kirche der Johanniter, die der heil. Helena und die der Templer, die nun sämmtlich in Moscheen verwandelt sind. Die letztere, ein großer Bau, ist eine Doppelkirche, denn unter der einen steht unterirdisch die andere. An die Kirche schlossen sich Hospitäler und Wohngebäude. Das Ganze bildet ein Viereck, in dessen nördlicher Seite der oben erwähnte, weit sichtbare, zierliche Thurm steht. Hundert acht und zwanzig Stufen zu 9" führen auf dessen Spitze, deren nordwestliche Kante vor wenigen Jahren der Blitz stark verletzte. Ich wartete auf der Spitze des Thurmes, bis die Sonne unterging, das schöne Land der Philistäer weithin überblickend.
Der Malem des Gouverneurs, ein Katholik, der mit seiner Familie nach Jerusalem wollte, trug sich an, mit uns gemeinsame Karawane zu bilden. Wir gaben dieß gerne zu, und machten uns Abends 9 Uhr bei herrlichem Mondenschein auf den Weg. Die Frau, die Töchter und Mägde des Malem reiseten in Tragkörben, je zwei und zwei auf einem Rosse. Da sich auch ein Paar Türken aus Ramle an uns geschlossen hatten, so war unsere Karawane zahlreich, und bestand aus Katholiken, Griechen, Armeniern und Mohamedanern, alle zur Pilgerschaft nach der einen und selben Stelle, dem heiligen Grabe, vereiniget! — Am Dorfe Kebab (3 Stunden) verließen wir die Ebene und traten zwischen Hügel. Dort blieb uns ein anderes Dorf auf einer Höhe zur Rechten, Ruinen einer Warte in sich, die im Halbdunkel der Nacht sich riesig ausnahmen (1 Stunde). Ich halte dieß für die Stelle von Nikopolis, die früher Emmaus hieß und nicht zu verwechseln ist mit dem Dorfe Emmaus, das nur drei Stunden (60 Stadien) von Jerusalem entfernt lag. (Luk. 24. 13.) Der Talmud bezeichnet die Lage von Nikopolis genau durch die Worte: »Von Bethkoron bis Emmaus ist das Land gebirgig, von Emmaus bis Lydda Feld, und von Lydda bis ans Meer Ebene.« Das Itinerarium Veteri Hierosolymitano setzt die Entfernung von Emmaus bis Jerusalem auf 22 Miliarien, und von Emmaus bis Lydda auf 10; was die Entfernung der erwähnten Orte von diesen beiden bekannten Punkten wirklich ist. Hieronymus (im Commentar zu Daniel, Kap. 12) sagt: daß bei Emmaus das Gebirge von Juda beginnt, was ganz mit der Lage dieses Ortes übereinstimmt. Auch sieht man einige Reste alter Mauern dort. Josephus aber führt an, daß Emmaus mit Thürmen und Mauern umgeben war. (Antiq. XIII. 1.) Keine Stelle auf dem Wege von Jerusalem bis Lydda oder bis Ramle ladet so sehr zur Anlage eines Vorwerkes, eines festen Punktes ein, und als solcher erscheint Nikopolis in mehreren Kriegen der alten Zeit.
In einem bebauten aber engen Thale ruhten wir, und stiegen dann die steilen und felsigen Berge von Judäa hinauf, deren Rücken wir nach fünf Stunden Weges auf mühsamen und gefährlichen Pfaden erreichten. Hart unter demselben, an der Ostseite, liegt der Ort Errit-el-Enneb, mit netten und geräumigen Häusern aus Stein, welche Terrassen und mehrere Stockwerke haben. Er wird von Arabern bewohnt, die uns freundlich entgegen kamen. Dort steht auch eine verlassene Kirche der Templer, ein ehrwürdiger Bau, aus drei Schiffen bestehend, jedes zu sechs Pfeiler; nun Salzmagazin und Viehhürde. Auch andere Reste des Mittelalters bemerkt man dort. Die nächste Bergspitze krönt der Ort Suba, eine der folgenden Kaßr. Man reitet unter dieser weg (50 Min.), steigt einen steilen Pfad hinab und erreicht, ganz im Thale (35 Min.), Ruinen von Kirchen und Hospitien starken Baues. Daran rauscht ein Bach vorbei, über den eine Steinbrücke führt; am Abhange liegt das Dorf Kolonia, der Sitz eines arabischen Häuptlings, Bogooz. Das Gebirge rings ist unwirthbaren Anblickes; die weißen wagrechten Lagerungen des Gesteins scheiden Terrasse von Terrasse; aber diese sind wohlbepflanzt und gesegnet. Nach anderthalb Stunden erreichten wir die nächste Höhe und ritten über wüstes Steinfeld langsam fort. Da trat im Osten mehr und mehr hohes Gebirge hervor, einfach, langgestreckt, und begränzte den Gesichtskreis nach dieser Richtung; es war das Gebirge jenseits des todten Meeres. Im Westen hoben sich Hügel, steinig und nackt; aber die Schluchten wiesen lebendiges Grün, hochummauerte Klöster, Kirchlein und Moscheen. Vor uns stieg, olivenbekränzt, eine Höhe empor, mit Kirchengebäuden zu oberst, es war der Öhlberg. Bald darauf, quer über die Flachhöhe gezogen, erblickten wir hohe Thürme und Mauern, mächtige Kuppelgebäude und schlanke Minarete, alles von der Farbe des Felsens und wie daraus gehauen; Khodeß! rief der Führer der Karawane. Jerusalem! riefen wir alle — und sie war es; die heilige Stadt stand vor uns! —
Wir ritten durch das Pilgerthor früh 9 Uhr, und stiegen im Kloster der Terra Santa ab, diesem großen Hospitium aller abendländischen Pilger, das von einigen vierzig Franziskaner-Mönchen servirt wird, dermalen durchaus Spanier und Italiener. Unter den Fremden fanden wir zwei Kapläne der französischen Truppen der Morea, einen Irländer, mehrere Italiener u. s. w. Der Vorsteher des Klosters und überhaupt des kirchlichen Kreises des heil. Landes, welcher den Rang eines insulirten Abtes hat, war in der Kirche zum heil. Grabe eingeschlossen, wo er während der Charwoche zu bleiben pflegt. Der Prokurator wies uns einstweilen Zimmer an, und die Mönche waren auf das Freundlichste beeifert, uns gefällig zu seyn.
Dieses Kloster enthält die Kirche zum heil. Erlöser, und ist ein Bau mancher Jahrhunderte, ein Labyrinth von Gängen, Stiegen, Gemächern, Höfen, Gärten und Terrassen, von hohen Mauern umfangen und an die nördlichen Stadtmauern zwischen die Thore von Damaskus und Betlehem gelehnt.
Bevor ich irgend einen Gang unternahm, bestieg ich die höchste Terrasse des Klosters und besah das große Bild der Stadt. Sie deckt den Ausgang der Flachhöhe, die von Nord nach Süd sanft sich senket, eben wo dieselbe in mehrere Füße sich theilet, in vier nämlich; davon fallen zwei nach dem Thale Josaphat ab, das nahe am Nordostwinkel der Stadt seinen Ursprung nimmt und diese vom Öhlberg und weiter vom Berg der Verunreinigung (Mons offensionis, I. Könige 11) scheidet. Der dritte Fuß trägt das Südwestviertel und fällt im Süden gleichfalls nach Josaphat, im Westen aber nach einem aus der Flachhöhe in der Richtung südwest auslaufenden Thale ab; nach diesem auch der vierte, oder nordwestliche. Im Ganzen geht die allen gemeine Hauptrichtung der Neigung Ost und Südost. Wo in der Mitte der Stadt die vier Hügel sich mit sanfter Vertiefung finden, hebt sich ein fünfter, kleiner, felsiger, wie die Flachhöhe selbst solcher mehrere hat; dieser ist der Golgatha, und dort ragt mit zwei gewaltigen Kuppeln die Kirche den heiligen Grabes empor. Der nordwestliche Hügel ist der höchste, und trägt die Burg; der südwestliche, außerhalb der Mauern, die Gebäude, welche über den Gräbern der Könige David und Salomon errichtet sind; der südöstliche oder niedrigste die Moschee an der Stelle des Tempels Salomons. Die Stadt weiset ein Gedränge hoher Gebäude, alle mit Terrassen gedeckt, zwischen denen die Minarete, Kuppeln und Dattelpalmen, majestätische Gruppen bildend, emporragen. Der Öhlberg zur Linken, d. i. im Osten, nur durch das schmale Thal getrennt, ist höher als die Hügel der Stadt, und begränzet somit die Aussicht. Nach Süden und Westen strecken sich felsige Höhen, hier höher, dort niedriger, hin. Die allgemeine Farbe der Landschaft ist die graue. Grüne Feldstreifen durchziehen sie. Feierliche Ruhe herrscht in diesem Bilde, die demselben einen vereinenden und unvergleichbaren Ausdruck gibt. Jerusalem und dessen Umgebung sind keiner anderen Stadt und keiner anderen Gegend ähnlich. Man kann nicht auf dieser Stelle stehen, die, geschichtlich betrachtet, die Mutter einer der größten Weltumwandlungen ist, ohne daß tiefer Ernst das Gemüth überkomme und es in die Farbe der Landschaft selbst kleide.
Die Bibel erwähnt zum ersten Male Jerusalems im I. Buche Mosis 14. Kap. 18. V. — Damals hieß sie Salem, d. i. Friede! Man nimmt an, daß sie von Melchisedech, der in der angezeigten Stelle als Herr derselben genannt wird, im J. 2023 gegründet worden sey. Damals umfaßte sie die Hügel Morija und Akka. Fünfzig Jahre darauf eroberten die Jebusäer die Stadt und bauten eine Burg auf dem Hügel Sion. Sie nannten die Burg nach ihrem Stammherrn Jebusi, Kanaans des Sohnes Hams, des Sohnes Noahs Sohn (I. Mos. 10) Jebus. So wurde aus Burg und Stadt Jebus-Salem, und später mittelst einer in den morgenländischen Sprachen häufigen Verwechslung mancher Mitlaute, Jerusalem. — Josua, in seinem Verheerungskriege von Kanaan eroberte Salem; aber erst David verjagte die Jebusäer aus der Burg. Er setzte sich in derselben fest und nannte sie nach sich. Er erst durfte singen: »Zu Salem ist Gottes Gezelt und seine Wohnung auf Sion.« (Ps. 76.) Salomon verherrlichte die Königsstadt; aber fünf Jahre nach dessen Tode zog der Ägypterkönig Schischak (der Sesonchis des Manetho und der Scheschonk der königlichen Ringe des Tempels von Karnack u. s. w.; siehe meine Erinnerungen aus Ägypten II. p. 85) gegen Roboam und plünderte ganz Judäa und auch Jerusalem, »und nahm die Schätze aus dem Hause des Herrn und aus dem Hause des Königes, und alles, was zu nehmen war, und die goldenen Schilde, so Salomon hatte machen lassen.« (II. Chronik 12. Könige 14.) Hundert fünfzig Jahre nach Salomon eroberte Joas, König von Israel, Stadt und Burg, und plünderte beide. (II. Könige 14.) Der Kampf zwischen Assyrien und Ägypten, der siebenzig Jahre später ausbrach, führte Sancherib vor Jerusalem (II. Könige 18, 19. II. Chronik. 32), warf die Stadt und ihren König Josias unter die Waffen des Pharaonen Neko (Jerem. 46. II. Könige 23. II. Chronik 35. 36), und endlich unter diejenigen des Babyloniers Nebukadnezar, der die Mauern brach und ganz Juda in Gefangenschaft schleppte. (II. Könige 24. 25. II. Chronik 36.)
Siebenzig Jahre nach diesem schweren Gerichte des Himmels, da Cyrus Herr in Asien geworden war und den Juden die Heimath wieder eröffnet hatte, bauten Zerubabel, Esra und Nehemia Stadt und Tempel wieder auf. (Esra. Nehem.) Jerusalem diente den Persern, bis diese den Mazedoniern erlagen. Alexander ging im J. 3573 durch die Stadt. Philadelphus beschenkte den Tempel. Antiochus Epiphanes eroberte und plünderte Jerusalem; die Makkabäer errangen ihr die Freiheit. Pompejus unterwarf sie den Römern; Crassus beraubte den Tempel; die Parther plünderten sie. Herodes schwang sich zum abhängigen Herrscher auf; er und sein Geschlecht gaben Jerusalem ein Nachbild von Glanz und Leben; aber Judäa, als römische Provinz, lehnte sich auf, und Titus der Gütige vollbrachte die gänzliche Zerstörung der Stadt. Vom 14. April bis 1. Juli, Jahr 71 nach Christo, wurden aus einem einzigen Thore 115,880 Leichen aus der Stadt getragen; im Ganzen gingen in Jerusalem 1,100,000 Menschen, im Lande aber 238,460 Männer während dieser Schreckenszeit zu Grunde; 99,200 wurden gefangen und zu dreißig für einen Denar verkauft. (Josephus de bello Jud. VI. 16. VII. 17.)
Hadrian warf über den Haufen, was bis zu seiner Zeit aufs Neue gebaut war; baute darauf selbst und zwar nach der Ausdehnung, die noch besteht. Jerusalem hieß nun Aelia Capitolina. Der neue Name brachte den alten fast in Vergessenheit (Euseb. de martyr. Palaestinae XI.), weßhalb auch die arabischen Schriftsteller sie häufig nur unter dem Namen Aelia kennen. Als solche wurde sie, im J. 613, von Kosroes, dem Perser, erobert, wobei 90,000 Christen in die Hände der Juden fielen. Vierzehn Jahre darauf trug Kaiser Heraklius das Kreuz wieder hin. Aber schon im J. 636 fiel sie in die Hände der Bekenner Mohammeds; Omar eroberte sie nach viermonatlicher Belagerung und wurde darin ermordet. Nach vielem Elend und Jammer, nach mancher Belagerung und Einnahme in den Kämpfen zwischen den Geschlechtern der Kaliphen, kam sie zuletzt in die Hände der Fatimiten, denen sie die Kreuzfahrer (Freitag, 15. Juli 1099, 3 Uhr Nachmittags) abnahmen. Nun folgten sich dort neun Könige aus fränkischen Rittergeschlechtern, Gottfried v. Bouillon, Balduin I., Balduin II., Foulques d'Anjou, Balduin III., Amaury, Balduin IV., Balduin V. und Guido Lusignan, der Jerusalem im J. 1188 an Salaheddin verlor. Für jeden Kopf verlangte der Sarazene zehn byzantinische Goldstücke Lösegeld; er schätzte also den Menschen zu höherem Preise als Titus der Gütige. 14,000 Christen fielen aus Mangel dieser Summe in Sklaverei. Die Kirche zum heiligen Grabe wurde von den Syrern freigekauft; die übrigen Kirchen wurden in Moscheen umgewandelt. Im J. 1242 lieferte der Emir Saleh-Ismail von Damaskus, da er gegen den Sultan von Ägypten, Nehimeddin, zu Felde lag, Jerusalem in die Hände der Lateiner. Der Ägypter eroberte die unglückliche Stadt noch in demselben Jahre, und vertilgte alle Bewohner darin. Im J. 1291 wurden die Lateiner ganz aus Palästina vertrieben, und die Krone, die seit Salaheddin (trotz dem, daß Kaiser Friedrich II. mit dem Sultan Jerusalem getheilt, und auf dem heiligen Grabe die Krönung empfangen hatte) wenig mehr als ein Titel war, kam als solcher an das Haus Sizilien.
Seit der Eroberung Ägyptens durch Selim I., Jahr 1716, wohnt Ruhe in der von dem Verhängnisse schwerer als irgend eine andere getroffenen Stadt. Jetzt ist sie dem Pascha von Damaskus untergeordnet und wird durch einen Statthalter desselben regiert. Sie zählt 21,000 Einwohner, darunter 8000 Mohammedaner, 3000 Griechen, 5000 Juden, 4000 Armenier und bei 1000 Katholiken und Maroniten. Ihr heutiger arabischer Name ist Khodeß; dieser ist auch wahrscheinlich ihr ältester bei den Arabern. Herodot nennt sie Kadytos (II. 159. III. 5.)
Der erste Weg, den ich durch die Stadt machte, war derjenige quer durch dieselbe von Nord nach Süd bis ans Thor von Sion und vor dasselbe. Dort, außerhalb den Mauern, bietet die Flachhöhe einen fast ebenen Platz von 200 Schritten Breite und 500 Schritten Länge. Ich denke, daß dahin Millo zu setzen komme. (Chron. 12. II. Chron. 32) Darauf steht zunächst außer dem Thore eine Kirche der Armenier, welche man das Haus des Hohenpriesters Kaiphas nennt (Matth. 26), ein schlechter Bau, etwa ein Paar Jahrhunderte alt. Weiter ist eine Moschee und daran ein Hospital; diese waren einst Kirche und Kloster, den Mönchen zum h. Franziskus von Donna Sanzia, Gemahlin des Königs Robert von Sizilien, im J. 1336 erbaut, und stehen auf der Stelle, wo man das Grab Davids und Salomons wissen will und lange verehrte. (Nehemias III.) Die Bibel sagt jedoch, daß beide in der Burg Davids begraben wurden. (Könige II. XI.) Vergleichstellen aus Jeremias (XXVI. XXXVI.) lassen vermuthen, daß unter dem Hause Davids und der Burg Davids verschiedene Orte verstanden wurden. Auf derselben Stelle soll auch das Haus Obed Edoms, des Gathithers, gestanden haben, wo die Arche des Herrn drei Monate hindurch beigesetzt blieb, bevor sie in Davids Burg gebracht wurde. (II. Sam. 6.) In der neuen Kirche wird diese Stelle verehrt als diejenige, wo Christus das letzte Osterfest hielt, das Abendmahl einsetzte, den Aposteln nach der Auferstehung erschien und den heiligen Geist über sie sandte; wo er Thomas die Finger in seine Wundmale legen hieß und sprach: »selig sind die, die nicht sehen und doch glauben;« wo er den Jüngern sagte: »gehet hinaus und prediget der ganzen Welt!« wo ferner die erste Kirche erhöht, der erste Bischof von Jerusalem, St. Jakob der kleinere, geweiht und durch St. Petrus das erste Konzilium gehalten wurde. In den Umfangmauern der Moschee zeigt man einige ältere Mauerreste, und sagt sie dem Hause angehörig, worin die Mutter des Heilands verschied. Auf dem freien Raume neben den erwähnten Gebäuden sind die Grabstätten der Christen, durch in den Boden gelegte Steine geschieden nach den verschiedenen Sekten, und eifersüchtig bewacht. — Ich besah noch Kirche und Kloster zum heil. Jakob, das schönste und reichste aller christlichen Hospitien in Jerusalem, einst den Katholiken gehörig, aber von diesen den Armeniern in der nicht erfüllten Hoffnung einer Kirchenvereinigung abgetreten. Die Wände der Kirche sind bekleidet mit in vergoldete Rahmen eingelegten Bildern; der Boden, aus feinem geglätteten Marmor, ist mit köstlichen Teppichen belegt; Kanzel und Thüren sind aus Schildkröte und Perlenmutter-Reichthum und Kunst zieren vorzüglich die kleine Kapelle, über der Stelle erbaut, wo der heilige Jakob enthauptet wurde, und die als ein vorzügliches Heiligthum verehret wird. Die Pilgerherberge ist geräumig und mit allem Nöthigen für Mann und Roß reichlich versehen. Es herrscht eine wohlthätige Reinlichkeit in allen Theilen dieses armenischen Hospitiums. — Von den weitläufigen Terrassen genießet man eines herrlichen Ueberblickes der Stadt, denn dies Gebäude krönt den südwestlichen Hügel, den ich für den Akka halte, während der nordwestliche oder höchste am wahrscheinlichsten der vielbesungene Sion ist. Morija, welcher den Tempel trug, und Bezetha sind die beiden östlichen. Mit ganzer Sicherheit läßt sich eigentlich nur Morija bestimmen, denn noch weiset er das geebnete Feld, vier Stadien ins Gevierte, worauf (Jos. d. bell. VI. 6) der Tempel stand. Da die vier Hügel Abfälle einer und derselben Höhe sind, so ist häufig Sion der allen gemeinsame Name, und noch häufiger wurden unter dieser Bezeichnung die beiden westlichen, Sion und Akka, begriffen.
Am Ostersonntage, früh 3 Uhr, also vor Anbruch des Tages, führten uns die Mönche in die Kirche zum heiligen Grabe; ein ehrwürdiger, mächtiger Bau; eine Welt, in welcher besonders zur Nachtzeit und bei dem Scheine von tausend Lichtern und Lampen, das Auge des Pilgers erst spät sich zurecht findet. Der erste Anblick schlägt mit Verwunderung und Ehrfurcht. Die Größe und Höhe der Mittelhalle, der Tempel im Tempel, die Gänge und Kirchen, die Stiegen und Höhlen; die verschiedenen Völkerschaften, welche zugleich den Gottesdienst üben; das Wohnen, Kaufen und Verkaufen in den Zwischenhallen; die Frömmigkeit, womit Christ und Mohammedaner vor demselben Grabe sich beugen, machen diesen Tempel zum Mittelpunkte der Welt. Er ist bei Tag und Nacht besucht und niemals leer. Die Marken der Zeit sind da ohne Kraft.
Am Eingange sah ich eine Zahl reich gekleideter Türken in einer Nische zur Linken auf Teppichen ruhn und die Pfeife schmauchen. Diese sind die Zöllner und Wächter des Tempels. Sie nehmen jedem Raja beim Eintritt vier Piaster d. i. einige zwanzig Kreuzer ab. Franken sind frei, außer sie wollen sich die heilige Grabstelle, das Allerheiligste, zu Stunden, wo es geschlossen zu seyn pflegt, öffnen lassen, in welchem Falle sie ein beliebiges Trinkgeld geben. Während alle Sekten des Christenthums wie Strahlen in diesem einen Mittelpunkte sich vereinigen, tragen sie ihren Haß und Neid bis auf diese heilige Stelle mit sich, und schlagen sich da mit ihren Ketten. Die eine verspottet und verfolgt die andere, und sucht ihr ein Stückchen Raum oder ein paar Lampen abzudrängen. Die Türken, mit unstörbarer Ruhe und Würde, halten die Ordnung aufrecht und gebieten jeder Sekte Achtung für die Rechte und Gebräuche der übrigen. Sie schreiten vor den Priestern bei den heiligen Umgängen einher, öffnen das Gedränge des Volkes jetzt für Katholiken, jetzt für Griechen, jetzt für Armenier, jetzt für Kopten u. s. w., für jede Sekte nach ihrer Reihe und Weise. Ohne die Türken führen an dem ersten Festtage die Christen sich einander in die Haare, und machten den Tempel zur Mördergrube. Das ist die Wahrheit; ich weiß wohl, daß sie eben keine erfreuliche oder ehrenvolle für uns ist. —
Ich besah alle Heiligthümer, und blieb eine halbe Stunde im Allerheiligsten. Dann wohnte ich dem österlichen Hochamte und dem dreimaligen Umgange nach Weise aller Pilger, mit brennender Wachsfackel in der Hand, bei, und besah zuletzt noch die Ceremonien der Griechen und Armenier, welche das Palmenfest, zuerst jene, dann diese, mit Amt und Umgängen feierten. Es war eine große Menschenmenge im Tempel. Ein Theil des ärmeren Volkes schläft und wohnt darin während der Festzeit. Das Geschrei des Marktes dringt aus den Hallen. Die Orgel der Katholiken, die Cymbeln und Metallplatten der Griechen und Armenier, die Gesänge der Priester und Gläubigen, das Geschwätz der Müßigen, die Ordnungsrufe der Türken dringen in und durch einander. Manche der sonderbarsten Gebräuche uralter Verbreitung im Orient, unserer viel zu verdorbenen Einbildung nicht faßlich, sind da herrschend. Wahrlich, es ist eine Welt, und rührend der Zusammenfluß der Völker und majestätisch die Nacht darin.
Ich will mich nicht in eine Kritik der heiligen Stellen einlassen. Der Glaube thut hierin das Meiste, und einige Klafter zur Rechten oder Linken thun nichts. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die Nachweisung der heiligen Stellen von den ersten Christen ihren Kindern überliefert wurde; ja es ist unwahrscheinlich, daß, während die Christen in Asien und Europa Kirchen baueten, sie nicht die durch ihren Meister und Heiland merkwürdig gewordenen Stellen gekannt haben sollen, welche die Zeitgenossen Christi kennen mußten. Sechs und vierzig Jahre nach der Zerstörung der Stadt durch Titus erhielten die Gläubigen von Kaiser Hadrian die Erlaubniß, über dem Grabe Christi ein Gotteshaus zu errichten (Epit. Bell. Sacror.). Bis Hadrian war aber seit Jakob, welcher im Jahre 35 nach Christi zum ersten Bischof von Jerusalem gesalbt worden war, eine ununterbrochene Reihe von Bischöfen. Dieß und die natürliche Voraussetzung, daß man seit erster Zeit die Gebete lieber auf geweihten als anderen Stellen gehalten habe, bürgen für die Treue der Ueberlieferung. Konstantin baute eine Basilika über dem heiligen Grabe. Hieronymus, der sich im Jahre 385 nach Bethlehem zurück zog, gibt eine Schilderung der heiligen Stellen, welche die Einerleiheit der zu seiner Zeit und der heute dafür angesehenen darthut; Eusebius und Cyrillus deßgleichen, und Gregor von Nissa eifert gegen den Mißbrauch der Pilgerschaften, denn damals schon kamen Pilger aus allen Weltgegenden dahin. Die Basilika Konstantins, von Kosroes zerstört, wurde von Heraklius wieder hergestellt. Omar ließ den Christen dies Gotteshaus. Hakem verwüstete es zum Theile (J. 1009). Die lateinischen Könige stellten es her und erweiterten es, um die Schädelstätte, Golgatha, wovon das Grab nur fünfzig Klafter entfernt liegt, mit einzuschließen. Wir wissen, daß erst Hadrian den Golgatha mit in die Stadt zog. Nichts natürlicher als daß das Grab Josephs von Arimathäa sich in dessen Nähe befand. Tausende ähnlicher Gräber sind rings um Jerusalem, und kaum eine Felsspitze ragt dort über den Boden, in die nicht ein Grab oder der Eingang zu einem solchen gehauen wäre. Familiengräber im Fels seines Ackers oder seines Gartens waren seit ältester Zeit in diesem Lande üblich. Joseph von Arimathäa hatte aber seinen Garten am Golgatha.
Der Tempel, den die lateinischen Könige hinterließen, hatte 120° Länge, 70° Breite und drei Kuppeln, wovon die über dem heiligen Grabe zu 30 Klafter Durchmesser. Balken von Cedern des Libanons bildeten die Decke. — Dieser Tempel verbrannte vor wenigen Jahren. Die Katholiken geben den Griechen Schuld, den Brand angelegt zu haben. Wahr ist, daß diese zur Zeit, als das Unglück geschah, die Kapitale und Materialien zum Bau des heutigen Tempels bereit liegen hatten, und seit sie denselben ausführten, die Katholiken aus vielen ihrer Vorrechte verdrängten.
Der heutige Tempel ist von der Ausdehnung des früheren. Innerhalb dem Umfange desselben, nach Art des Allerheiligsten in den meisten Tempeln der alten Welt, steht als ein für sich geschlossenes Haus das Allerheiligste dieses Tempels, nämlich das Grab Christi. Die Pforte sieht nach Ost und hat 4' Höhe und 2' 4" Breite. Vor derselben sind zwei große Kandelaber aus Silber aufgerichtet, und an den Seiten zwei Marmorbänke angebracht; über der Pforte aber, in Marmor gehauen, sieht man die drei Marien, den Erzengel Gabriel und den auferstehenden Heiland. Durch diese Pforte tritt man in das erste, ganz mit Marmor ausgelegte, von zwölf Säulen an den Wänden gestützte Gemach, das des Engels genannt, weil darin, auf Fußgestelle von Marmor und in Marmor gefaßt, das Stück Kalkstein bewahrt wird, an welches, wie man glaubt, von dem Engel, der zu Marien sprach, der Schlußstein des Grabes gelehnt worden war. »Und der Engel des Herrn kam vorm Himmel herab und wälzte den Stein von der Thür und setzte sich darauf; Und seine Gestalt war wie der Blitz und sein Kleid weiß wie der Schnee.« (Matthäi, 28).
Das zweite Gemach, 5' 11" lang, 5' 10" breit, 3' 7" hoch, ist das Grab des Heilandes, eine in das Leben des Felsens gehauene, mit Marmor ausgelegte Grotte. Ueber dem Eingange ist dieselbe Darstellung wie über dem ersten, aber statt der drei Marien, Magdalena, Jakobi und Salome, deren die Evangelien des Markus und Lukas im letzten Kapitel erwähnen, erscheinen hier nur die ersten beiden, wie bei Matthäus zu lesen. — Zur Rechten, im Eingange selbst, zeigt man den gespaltenen Schlußstein, in der Grotte aber die Grabstelle, wo aus einem Steinblocke von 2' 4" Höhe, 5' 11" Länge und 2' 10" Breite der Leichnam, mit dem Haupte nach Abend gewendet, lag. Eine Marmorplatte deckt diesen Block und dient als Altar bei Lesung der Messe. Den Hintergrund schmücken ein katholisches und ein griechisches Bild. Vier und vierzig Lampen brennen darin, fünfzehn aber im Vorgemache. Drei Löcher sind in der Decke angebracht, um den Dampf hinaus zu lassen; über der Decke steht eine Art Thurm morgenländischen Styles. Im Vorgemache zwischen der zweiten und dritten Säule zu beiden Seiten des Einganges, sind länglichrunde Löcher durch die Wand geschlagen, durch welche am Charsamstage der im heil. Grabe eingeschlossene griechische und armenische Bischof das heilige Feuer den Gläubigen reichen. Die einen behaupten und die anderen glauben nämlich, der heilige Geist steige an diesem Tage vom Himmel, und zünde die Kerzen an. Diese Szene ist die feierlichste des Jahres. Der türkische Gouverneur mit seinem ganzen Hofstaate wohnet derselben in der Gallerie der Katholiken bei (wobei die Mönche des heil. Franziskus ihm Erfrischungen reichen müssen), und auf seinen Wink geschieht das Wunder. Das Volk reißt sich um das Glück, ein Kerzchen am heiligen Feuer anzuzünden, und jeder trägt es in seine Herberge, sorgsam bemüht, daß es nicht verlösche. Es gibt Beispiele, daß Gläubige es von Jerusalem bis Konstantinopel gebracht haben. Reste uralter, längst verschwundener Religionen leben als Erbstücke in den heutigen fort. —
Ueber das Allerheiligste wölbt sich die große Kuppel des Domes. Eine runde Halle umgibt dasselbe, die von achtzehn Pfeilern getragen wird. Die Pfeiler haben 5' 10" Breite und 4' Abstand unter sich, mit Ausnahme der beiden Paare in West und Ost, wovon die ersten 4' 6", die anderen aber, von dreifacher Breite der übrigen, 20' Raum zwischen sich haben. Auf den Pfeilern ruhen zwei Stockwerke von Bogengängen, worin jeder Sekte ihr besonderer Gebetplatz angewiesen ist. Im Osten des heiligen Grabes zwischen den beiden breiten Pfeilern hindurch tritt man in die Kirche der Griechen, die geräumigste und reichste derjenigen, welche die Mittelhalle umgeben. Sie ist mit Gold, Bildwerken, Marmor und Lampen geschmückt, und über sie wölbt sich die zweite Kuppel, zu deren geschlossener Krone von außen eine Stiege hinaufläuft. Die mittlere allein ist mit Blei gedeckt und oben wie die Rotonda geöffnet. Den Mittelstein ihrer Kirche sehen die Griechen als den Mittelpunkt der Erde an. Was Wunder, betrachtet sich doch jeder Mensch als den Mittelpunkt der Schöpfung; und warum sollte er es nicht? — Im Norden des heil. Grabes, zwischen dem zweiten und dritten Pfeiler hindurch, geht man in eine Vorhalle, worin die Orgel der Katholiken aufgerichtet steht, und kommt dann in die Kirche derselben. An diese ist ein Hospitium angebaut, für die Mönche, welche den Dienst im heiligen Grabe haben. Aus Mangel an Geld ist dieses sehr verfallen, und der Regen bricht durch. Das obere Stockwerk gehört den Türken, die gerade über der katholischen Kirche Pferdeställe haben, denn ob der Neigung des Berges ist der Eingang in dies Stockwerk von der einen Seite ebenen Schrittes.
Aus der Vorhalle der Katholiken geht man in ihre Sakristei, und über Stiegen in den ihnen zugewiesenen Theil der Bogengänge. In dieser Vorhalle wird die Stelle verehrt, wo Magdalena den auferstandenen Heiland für den Gärtner des Ortes nahm, und er ihr zurief: »Weib, was weinest du?« (Joh. 20).
An der Nordseite, gleichlaufend mit der Außenwand der griechischen Kirche, ziehen zwei Gallerien hin; die erste ist diejenige, wo heut zu Tage Markt gehalten wird für das Volk, so im Tempel nachtet und wohnet. Getreide, Grünzeug, Speisen aller Art werden da mit dem üblichen Geschrei verkauft und gekauft. Die andere Gallerie hat an ihrem östlichen Ende eine Grotte, 7' lang und 6' breit, die man das Gefängniß Christi zu nennen pflegt, als den Ort, wo er vor der Kreuzigung, bis alles zu dieser Handlung bereit gelegt war, gehalten und verhöhnt worden seyn soll. Im Osten, hinter der griechischen Kirche läuft ein Bogengang, an dem mehrere Kapellen zur Linken angebaut sind, und zwar zuerst ein Altar der Armenier; dann Pforte und Aufgang ins griechische Kloster, welches an den Tempel gebaut ist; weiter die Kapelle zur Erinnerung an die Stelle, wo um die Kleider Christi gewürfelt wurde, »auf daß erfüllet würde die Schrift, die da sagt: sie haben meine Kleider unter sich getheilet und haben über meinen Rock das Loos geworfen« (Joh. 19. 24); weiter eine Stiege zu acht und zwanzig Stufen, welche in eine Grotte hinabführt. Dort ist die jetzt den Armeniern gehörige Kapelle der heil. Helena, von vier Säulen getragen, und der Sitz, wo sie während der Kreuzauffindung betete. Dreizehn Stufen tiefer gelangt man in die Grotte der Kreuzauffindung. Am oberen Ende der Stiege steht die Schimpfsäule, 2' hoch und 1' Durchmesser, auf welcher Christus verspottet und gekrönt wurde. Nachdem man abermals an einer Pforte, die zum griechischen Kloster führt, vorüber gekommen ist, steigt man über zwanzig Stufen auf die Schädelstätte, welche gerade Raum für eine Kapelle und Vorhalle hat. Die nördliche Hälfte der Kapelle enthält die Stelle der Kreuzigung. Da, wo man voraussetzt, daß Christus auf das liegende Kreuz geheftet wurde, ist eine Marmorplatte ausgebreitet. Die südliche Hälfte zeigt das Loch, worin das Kreuz aufgerichtet stand. Der Gekreuzigte sah abendwärts, als wenn sein letzter Hauch den Sieg vorzüglich nach dieser Richtung tragen sollte! — Das Kreuz des guten Sünders war also an der Nordseite. Der Vorplatz bezeichnet die Stelle, wo Maria weinte, und wo neben ihr stand der geliebte Jünger des Herrn. »Weib, siehe, das ist dein Sohn!« und Du: »Siehe, das ist deine Mutter!« (Joh. 19). Unter der Kapelle zeigt man eine Grotte und darin die Spaltung des Felsens. »Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriß von oben bis unten, und die Erde erbebte, und die Felsen spalteten sich, und die Gräber thaten sich auf.« (Matth. 27). In dieser Spalte, so glaubt das Volk, wurde damals das Haupt Adams gefunden; denn auf dem Golgatha soll er Gott dem Schöpfer sein letztes Opfer gebracht haben. So knüpft die Sage die beiden Epochen der Gründung und der Erlösung des Menschengeschlechtes an eine und dieselbe Stelle der Erde. Dort waren bis zum letzten Brande auch die Ruhestätten Gottfrieds von Bouillon und Balduins; diesen gegenüber aber die vier anderer lateinischer Könige. Die Male bestehen noch, sind aber in der Mauer verborgen.
Neben dem Golgatha ist der Eingang in den Tempel und der Stein der Salbung, eine Platte aus dem Marmor des Sion, roth und gelbweiß, 7' 9" lang und 1' 11" breit. Dort knieen die Gläubigen aller Sekten zuerst und küssen mit Andacht den Stein. Neben dem Tempeleingang westlich folgt eine Halle, aus welcher die Stiege nach dem armenischen Theile der oberen Bogengänge führt. Aus dieser Halle tritt man zur Rechten zwischen dem zweiten und dritten Pfeiler in die große Mittelhalle, und hat den Kreisgang um die griechische Kirche vollendet. Alle Heiligthümer, mit Ausnahme des Grabes, fallen sonach in die östliche Hälfte des Tempels. Zwischen den Pfeilern der Haupt- und Mittelhalle sind kleine Gemächer angebracht, welche die Priester zu bewohnen pflegen.
Vormals theilte man die christlichen Besitzer des heil. Grabes in acht Völkerschaften, die Lateiner, die Griechen, die Abyssinier, die Kopten, die Armenier, die Nestorianer, die Maroniten und die Gregorianer. Jetzt bestehen dort nur mehr die ersten beiden, dann die vierte und fünfte. Die Griechen haben die oberste Hand und sind die Wärter des heiligen Grabes, was bis zum letzten Brande die Lateiner gewesen sind. Beide theilen unter sich den Golgatha, und die Griechen überlassen für den Charfreitag Abend ihren Theil (die Stelle der Kreuzerhöhung) den Lateinern. Diese besitzen allein eine Orgel, halten Lampen im Allerheiligsten und auf dem Salbungsteine (den sie an die Griechen verloren) und lesen die Messe, bevor die Griechen sie lesen dürfen. Dafür halten diese in der lateinischen Kirche Lampen. Die Gregorianer verloren an die Griechen das Gefängniß Christi und die Stelle der Kreuzerhöhung; die Abyssinier an die Armenier die Schimpfsäule; die Nestorianer an die Lateiner die Kapelle der Magdalena. Die Armenier besitzen die Kapelle der heil. Helena und die der Vertheilung der Kleider. Die Kopten haben eine kleine Kapelle außen an die Westseite des Allerheiligsten gelehnt, und sind die ärmsten und ruhigsten aus allen. Die großen Messen werden auf einem Tragaltare vor dem Eingange ins Gemach des Engels gelesen. Ist die Reihe hiezu an den Katholiken, so wird nur die rechte Hälfte der Kerzen auf dem Altare angezündet; so bei den Griechen nur die linke. — Der Neid und der Haß knien, wie Teufel neben der Unschuld, hier neben der Andacht und singen mit im Chor der Frommen.
Der erste Ritt, den ich außerhalb der Stadt machte, ging durch das Pilgerthor in das südwestliche Thal. Dieses, einerseits von dem Sion, anderseits von den Höhen eingefangen, worüber der Weg nach Bethlehem führt, ist enge und felsig. Man findet ein Bend darin, hundert Schritte breit und vierhundert lang;[A] offenbar ein uralter, neben dieser Königsstadt unerläßlicher und später oft erneuerter Bau, dessen, wenn ich recht verstehe, das zweite Buch der Chroniken erwähnt als eines Werkes des Königes Hiskias, des Zeitgenossen Sancheribs des Assyrers. (XXXII. 30 und zur Erläuterung Gihons, XXXIII. 14.) Die heute das Bend umgebenden Mauern sind sarazenisches Werk.
Die Thalwand zur Rechten zeigt viele Felsengräber, meist für Familien eingerichtet und bald aus einem, bald aus mehreren Gemächern bestehend, an Arbeit roh. Eine dieser Höhlen verehrt man als diejenige, worin die Jünger nach der Gefangennehmung Christi sich geborgen haben sollen. Sie ward von den Griechen behauen, bemalt und in ein Kirchlein umwandelt, auch am Eingange verziert, und ist ein Grab, wie die anderen, mit mehreren Kammern. Nahe daran ist eine andere Grabhöhle, in die ich durch ein enges Loch mich einschob. Sie besteht aus einer gewölbt ausgehauenen Halle zu 14 Fuß ins Gevierte und aus sechs Gemächern, zwei zu jeder Seite. Jedes Gemach hat zwei oder drei Felsenbänke, worauf die Leichname in Tücher gehüllt gelegt worden sind. In einem der hinteren Gemächer ist auch ein Schacht, wie in ägyptischen Gräbern; in anderen gehen Gebein- und Moderhöhlen in den Fels ein; alle diese Gemächer sind noch jetzt voll von Gebeinen. Über einer Grabhöhle las ich ....ΤΗC ΑΓΙΑC....CΙΩΝ. Sonst fand ich nirgend Aufschriften. — Höher am Abhange ist eine breite, tiefe, in zwei Theile getheilte und mit einem mächtigen Vorbau aus christlicher Zeit versehene Grotte, worin bis vor kurzem noch die Armenier zu begraben pflegten. Die Stelle wird der Blutacker genannt, Hakeldama, den Judas um das Blutgeld erwarb (Apostelgesch. I. 19), oder den die Hohenpriester, nachdem der Verräther ihnen die Silberlinge zurückgeworfen und sich erhenkt hatte, zum Begräbniß der Pilger um dieses Geld erkauften. »Und wird derselbe Acker der Blutacker genannt bis auf den heutigen Tag.« (Matth. 27)
Die Schlucht wendet östlich und führt in das Thal Josaphat, das hier nicht über hundert Schritte Breite hat. Auch dieses schließt, gerade unter der Vereinigung der beiden Thäler, ein Bend, vielleicht das Becken Asuja, dessen Nehemias (III. 16) erwähnt. Man findet eine tiefe Cisterne dort und eine nun verlassene Moschee. Jene wird der Brunnen Marias genannt. Das Thal läuft nach Süden aus und erweitert sich dort. Die Meinung, daß im Thale Josaphat das Gericht des Herrn werde gehalten werden, gründet sich auf die Stelle des Propheten Joel:
»Die Heiden werden sich aufmachen und herauf kommen zum Thal Josaphat: denn daselbst will ich sitzen, zu richten alle Heiden um und um.«..
»Schlaget die Sichel an, denn die Ernte ist reif; kommt herab, denn die Kelter ist voll, und die Kelter läuft über, denn ihre Bosheit ist groß.«
»Es werden Haufen Volkes seyn im Thale des Urtheils, denn des Herrn Tag ist nahe im Thale des Urtheils.«
»Sonne und Mond werden verfinstert und die Sterne ihren Schein versagen;«
»Und der Herr wird aus Sion brüllen und aus Jerusalem seine Stimme schallen lassen, daß Himmel und Erde beben. Aber der Herr wird seinem Volke eine Zuflucht seyn, und eine Feste den Kindern Israel.« (III. 17-21).
Die Auslegung, welche diese Stelle und eine andere desselben Propheten bei den Juden fanden, mußte in den Jahrhunderten, wo die Religion in voller Frische Herz und Einbildung der Christen beschäftigte, auch bei diesen Glück machen. Übrigens ist des Thales Josaphat in keinem anderen Theile der Bibel gedacht.
Steigt man dies Thal von dem Bend aufwärts, so hat man zur Rechten den Berg der Verunreinigung und dann den Öhlberg; zur Linken den Sion und den Morija. Der erste trägt seinen Nahmen von der Abgötterei, die darauf getrieben wurde; »da erhöhte Salomo einen Altar Chamos, dem Gräuel der Moabiter, auf dem Berge, der vor Jerusalem liegt, und Molech, dem Gräuel der Ammoniter« (Könige, XI. 7.) Aber Josia reinigte den Gottesdienst; »auch die Tempel, die vor Jerusalem waren, zur Rechten am Berge Mashith, welche Salomo, der König Israels, gebaut hatte Asthoreth, dem Gräuel von Sidon, und Chamos, dem Gräuel von Moab, und Milkon, dem Gräuel der Kinder Ammon, verunreinigte der König; und zerbrach die Säulen und rottete aus die Haine und füllete ihre Stätte mit Menschenknochen« (II. Könige, XXIII.)
In der schmalen Schlucht zwischen dem Sion und Morija, zur Linken des Pfades, wo ein mächtiger Felsblock sich thürmet, findet man die Quelle Rogel. Sie fließt in ein schönes antikes Becken, und wird aus diesem durch in den Felsen gehauene Kanäle weitet geführt. Unter dem Becken ist ein nun unbenutztes Bend. Wohlthuendes Grün ziert diese Schlucht und ihren Ausgang ins Thal Josaphat, dessen Wände kahl und schon im April ausgebrannt erschienen, und kaum hie und da einen Öhlbaum nährten. Der Quelle Rogel erwähnt schon das Buch Josua (XVIII. 16) als eines der Punkte, welche die Gränze des Gebietes Benjamin bestimmten. Das zweite Buch Samuels zeigt uns Jonathan und Achimaaz an dieser Quelle stehend, »und eine Magd ging hin und sagte ihnen, was Absolom zum Angriffe gegen seinen Vater eingeleitet hatte.« (XVII.) Das erste Buch der Könige nennt auch den Felsen an der Quelle Rogel: »Und da Adonia Schafe und Rinder und gemästetes Vieh opferte an dem Felsen Soheleth, der neben der Quelle Rogel steht, lud er alle seine Brüder, des Königes Söhne und alle Männer Juda, des Königes Knechte; aber den Propheten Nathan und Benaja, und die Helden und Salomo, seinen Bruder, lud er nicht.« — (I. 9. 10.)
Wie geklebt an die Wand des Berges zur Rechten, der Quelle gegenüber, höchst malerisch zwischen Grabeingängen und Todtenmalen, liegt das Dorf Silo oder Siloa, das noch an 30 Häuser hat; nicht zu verwechseln mit Silo, der Wohnung des Herrn. (Psalm 78. 60.)
Zur Linken, unten am Kedron, fließt die mit dem Orte gleichbenannte Quelle Siloa, wie die frühere so auch diese in ein antikes Becken. Da eben türkische Frauen darin sich badeten, so stieg ich nicht in dieß Becken hinab. An der Quelle, die Nehemias das Becken Seloah nennt, war einst ein Garten der Könige. (III. 15.) Jesaias schreibt Siloha (VIII. 6); eben so Johannes, da er die Heilung des Blindgebornen erzählt, den Christus an dieser Stelle sich waschen hieß (9.)
Hoch schauen die Mauern der Stadt vom Berge Morija ins Thal des Kedron. Dessen Bette ist tief eingeschnitten, enge; dessen Ufer sind ohne Baum. Ich fand diesen vielbesungenen Gießbach, dessen die Bücher Samuels, der Könige und der Chroniken oft erwähnen, ohne Wasser. Er zieht zwischen Gräbern hin, denn der östliche Abfall des Morija ist mit türkischen, der westliche des Öhlberges und des Berges der Verunreinigung mit jüdischen Malen bedeckt. Seit ältester Zeit scheint dieser Raum Grabstätten gewidmet zu seyn. Drei Male ziehen vor Allen den Blick auf sich. Das erste wird das Grab Josaphats, das zweite das des Zacharias, das dritte das des Absolom genannt. Alle drei sind antik, gemischten römisch-morgenländischen Geschmacks und mächtiger Ausführung. Das Grab Josaphats ist ein aus dem Leben des Felsens gehauenes Tempelchen zu 21 Fuß ins Gevierte und etwa 30 Fuß hoch. Zwei Säulen und zwei Halbsäulen, die sich an Pfeiler schließen, jonischer Ordnung, schmücken jede Seite. Auf dem Gesimse läuft ringsum ein Aufsatz aus Akanthusblättern, etwa 3 Fuß hoch, der mich an das Fries des Portikus von Esne in Oberägypten erinnerte. Dann folgt als Schluß nach oben eine vierseitige Pyramide, etwa 12 Fuß hoch. Der Eingang ist verschüttet oder unter der dermaligen Oberfläche. Die Arbeit an diesem Male ist reich, aber nicht rein. Das ganze Tempelchen steht in einer aus dem Felsen gehauenen Nische, jetzt sorgsam mit Gräbern belegt.
Durch die nördliche Wand dieser Nische ist ein Gang in den Felsen gebrochen, der in das Grab des Zacharias führt. Dieses besteht aus einer Folge von Gemächern, unverziert und roh. Das Atrium ist von drei Säulen getragen. Alles aus dem Felsen gehauen.
Das Grab Absoloms, des Sohnes Davids, steht etwas höher und gleich demjenigen Josaphats in einer Felsnische. Es ist ein Tempelchen zu 24 Fuß ins Gevierte, dessen untere Hälfte, die Zelle, außen mit zwei ganzen und zwei halben Säulen, die sich an Eckpfeiler lehnen, auf jeder Seite geschmückt und aus dem Felsen gehauen ist. Der Architrav hat als Zierrath Triglyphen und dorische Rosen und Tropfen. Die Säulen aber sind jonischer Ordnung. Das Tempelchen ragt etwa 18 Fuß über den Boden bis zum Aufsatz über dem Architrave. Daraus ruht ein anderer Aufsatz aus zwei Vierecken, das obere schmäler, beide aus mächtigen Werkstücken und mit besonderem Fries geziert. Aus dem zweiten steigt als Zierde ein Spitzdach, das sich nach oben wie eine Blume aufschließt und wahrscheinlich mit Akanthus endete. Es gleicht dem obern Theile des Males des Lysikrates zu Athen. Was gebaut an diesem Male Absoloms ist, mag 20 Fuß Höhe haben. An der Hinterwand der Felsnische sieht man ein Tympanon, und darunter blickt ein verschütteter Eingang hervor. Auch das Grab Absoloms ist innen verschüttet, doch kann man zu oberst hineinkriechen. Was man da von den Wänden sieht, ist unverziert.
Es versteht sich, daß diese Male nicht aus der Zeit ihrer Namen seyn können. Josaphat ward im Grabe seiner Väter beigesetzt (Könige XXII. 51.); über Zacharias weiß ich nichts zu sagen; für ein besonderes Mal Absoloms spricht zwar entschieden folgende Stelle:
»Absolom aber hatte sich ein Mal aufgerichtet, da er noch lebte; das stehet im Königgrunde. Denn er sprach: ich habe keinen Sohn, darum soll dieß meines Namens Gedächtniß seyn; und hieß das Mal nach seinem Namen und heißt auch bis auf den heutigen Tag: Absoloms Stätte« (II. Sam. XVIII. 18.)
Diese Stelle erklärt, nach meiner Ansicht, wohl, warum man dem Male, das heut zu Tage das Grab Absoloms heißt, diesen Namen gab; nicht aber beweiset sie, daß der Name richtig gegeben wurde. Die Bauart spricht klar darüber ab.
Höher hinauf am Kedron, am Fuße des Öhlbergs, zeigt man den Garten Gethsemane, ein mit trockener Haltmauer umfangenes Grasplätzchen, in welchem acht uralte Öhlbaume stehen. Man glaubt, daß sie aus der Zeit Christi sind, was durch die Versicherung des Josephus, daß Titus während der Belagerung alle Bäume auf hundert Stadien in die Runde niederhauen ließ (Bell. Jud. VII. 15), zweifelhaft wird. Indessen im Jahre der Eroberung Jerusalems durch die Muselmänner bestanden diese Bäume schon, denn sie zahlen nur acht Medinen; zu einer Medine aber wurde damals jeder Öhlbaum besteuert. Der Nachwuchs seit der Eroberung zahlt die Hälfte der Ernte. — Diese Stelle, mit welchem Auge man sie ansehen mag, ist eine derjenigen, deren Geschichte unwiderstehlich die Seele mit Rührung durchdringet. Welcher Held auf der Bühne des öffentlichen Lebens hat nicht eine Stätte Gethsemane, wo unter der Last des Neides und Hasses der Feinde, unter den Leiden des Undanks, der Schwäche und des Leichtsinns der Freunde, wo unter den Vorgefühlen der schweren Opfer und Prüfungen, wozu jedes edle Streben der Menschen verdammet, seine Seele trauert und zagt, betrübt bis in den Tod, und sein Herz fleht, daß, so es möglich sey, die Stunde vorübergehe! In solchen Augenblicken überzählt man die Wenigen, die wahrhaft an Einem hängen, und spricht im Geiste zu ihnen: »Bleibet hier und wachet mit mir!« Aber ach, auch von diesen, wie gering ist die Zahl derer, die eine Stunde mit ihm wachen! »Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.« (Matth. 26.)
Die Stelle, wo Christus betete: »Vater, überhebe mich dieses Kelches! aber dein Wille geschehe, nicht der meine,« lag vom Garten auf Entfernung eines Steinwurfs. (Luk. 22.) Man weiset eine Grotte an Gethsemane als diese Stelle, und die Katholiken haben dieselbe zum Gottesdienste eingerichtet. Nahe daran ist auch die schöne, in eine Felsnische eingesenkte Kirche über dem Grabe der heil. Jungfrau, des heil. Joseph, der heil. Anna und des heil. Joachim. Man steigt über fünfzig Stufen in diese Kirche hinab, die nun ausschließend den Griechen gehört. Von allen Sekten hochverehrt, hatten auch alle eine Betstelle darin, und selbst die Türken ein frommes Plätzchen, an dem sie gerne der tiefen Andacht sich hingaben, mit welcher sie überhaupt Jerusalem betrachten. Ihnen ist sie die heilige Stadt, uns ein Mährchen von ehemals. Was aber bei uns die wirkliche Geschichte des Tages ist, das sagen die Worte des Evangelisten: »Und alsbald trat er zu Jesu und sprach: Gegrüßet seyst Du, und küssete ihn ...« (Matth. 26.)
Gethsemane und der Abhang des Morija war von einer unzähligen Menge türkischer Frauen und Mädchen besetzt. Auf allen Straßen kamen türkische Pilger unter Gesängen, lautem Gebet und vorgetragenen Fahnen und wurden von den Frauen mit dem Entgegenwerfen von Rosen und Palmzweigen empfangen. Gegen uns Christen hob manche schöne Hand einen Stein auf. Auch die Muselmänner haben zu unserer Osterzeit heilige Feste zu Jerusalem, und zwar durch acht volle Tage. Aus Ägypten, Arabien und Damaskus strömen sie nach der heiligen Stadt, wie wir aus den Ländern im Abend.
Bei Gethsemane führt eine Steinbrücke über den Kedron. Daran steht eine tiefe Cisterne. Steigt man nach der Stadt hinauf, so kömmt man an der Stelle vorüber, wo der heil. Stephan gesteiniget wurde (Apostelg. VII.), und dann nach dem Thore, das nach ihm heißt. Darauf sind vier Löwen eingehauen. Durch dasselbe gelangt, hat man zur Rechten ein Wasserbecken, 150 Fuß lang und 40 Fuß breit, mit aufgemauerten Wänden, ein Bau aus Byzantinerzeit, denke ich, nun als Garten benützt. Die Priester halten es für das Stagnum Salomonis, für die Piscina probatica oder des Becken Bethesda, dessen Wasser man zu den Zeiten Christi eine heilende Kraft zuschrieb. (Joh. V.).
Nicht ferne vom Thore St. Stephans weiset man das Haus des Pilatus, ein großes Gebäude neuerer Zeit über den Ruinen eines älteren. Dort beginnt die Via dolorosa, eine der Hauptstraßen der dermaligen Stadt, wo die Leidensstationen durch liegende Säulenschäfte, ursprünglich von der Kaiserin Helena gesetzt, angegeben sind. Dem Hause des Pilatus gegenüber ist das Gewölbe der Geißelung. Ruinen einer Kirche stehen an derjenigen Stelle, wo (nach Bonifazius und Anselmus) die heil. Jungfrau dem Sohne auf seinem letzten Wege begegnete und in Ohnmacht sank, hundert zwanzig Schritte vom Hause des Pilatus. Fünfzig Schritte weiter wendet die Straße aus West nach Süd. An dieser Ecke soll Simon von Kyrene das Kreuz übernommen haben. (Luk. XXIII. 26.) Nahe daran ist die Stelle, wo Christus sich wendete zu den nachfolgenden Frauen und ihnen zurief: »Weinet nicht über mich, ihr Töchter Jerusalems! weinet über euch und eure Kinder!« (Luk. XXIII. 28.) Gerade vor sich hat man das Haus des bösen Reichen, den die Juden Nabal nennen, und an dessen Schwelle Lazarus lag. (Luk. XVI.) Nach Kurzem wendet die Straße wieder nach Westen und hundert zwanzig Schritte von der ersten Wendung zeigt man das Haus der Veronika. Nach anderen hundert Schritten aber ist der Aufgang zum Golgatha, der jetzt durch eine Mühle führt. Von dieser Stelle ist diejenige der Kreuzigung noch zweihundert Schritte entlegen, also beträgt die ganze Länge der Via dolorosa fünfhundert und neunzig Schritte.
Der höchste Berg in der nächsten Umgebung von Jerusalem ist der Öhlberg. Am Osterdienstage, mit frühem Morgen, bestieg ich denselben auf dem Wege, der an Gethsemane vorüberführt. Die Lage dieses Berges im Osten der Stadt, durch das Thal des Kedron geschieden von ihr, ist aus alten und neuen Schriftstellern bekannt; ebenso, daß er schon in ältester Zeit wie heut zu Tage vorzüglich mit Öhlbäumen bekleidet war.
Auf der halben Höhe des Abhanges wies man mir einen Fels als die Stelle, wo Christus über den Untergang der Stadt weinte.
»Und als er nahe hinzu kam, sah er die Stadt an und weinte über sie.«
»Und sprach: Wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen.«
»Denn es wird die Zeit über dich kommen, daß deine Feinde werden um dich und deine Kinder eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an allen Orten ängstigen.«
»Und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen; darum, daß du nicht erkannt hast die Zeit, da du heimgesucht bist.« (Luk. XIX.)
Diese Stelle soll auch dieselbe seyn, wo Titus sein Zelt aufschlug. Und wirklich ist aus diesem Standpunkte der Blick über die Stadt, die sich sanft geneigt entgegenbreitet, völlig. Von hier aus besah ich mit meinem Glase die Moschee el-Sakhra, die von Omar auf dem Platze des Tempels Salomons erbaut wurde. Die Kreuzfahrer machten eine Kirche daraus. Saladin stellte die Moschee her. Sie nimmt das ganze südöstliche Viertel der heutigen Stadt ein und krönet die Flachhöhe Morija. Auf dem mit Marmor belegten Platze erhebt sich ein Fußgestell, 200 Schritte lang, 150 breit und acht Stufen hoch. Darauf ruht ein achteckiger Tempel, über den eine Kuppel sich wölbt mit Blei gedeckt. Diese endet in eine Spitze, die den Halbmond trägt. Die Fenster des Tempels, acht an der Zahl, sind so hoch als die Wände. Die Hauptfarbe ist die grüne; der Bau leicht und fein. Um den Platz läuft eine Rasenstelle, und diese ist von zwölf Portiken zu zwei und drei Bogen aus weißem Marmor umgeben. Den weiteren Umfang bilden ansehnliche Gebäude, die zur Moschee gehören. Der Rasenplatz mag 500 Schritte Länge und 460 Breite haben.
So viel von außen. Kein Ungläubiger darf durch die Portiken treten; er setzt sich dem Tode aus. Ein Englander wagte kurz vor meiner Ankunft dreimal in den Tempel zu gehen, und wurde, trotz der Verkleidung, beim dritten Male erkannt. Halbtodt geschlagen rettete ihn die Wache des Gouverneurs, und die Mönche zum heil. Erlöser kauften ihn von diesem für 3000 Piaster los. Das Innere dieser Moschee, wo man den Stein zeigt, von welchem Mohammed sich auf zum Himmel schwang, ist mit Mosaik geziert. Sechzehn Marmorsäulen tragen das erste Stockwerk und eben so viele die Kuppel. Nach jeder Weltgegend sieht eine Pforte, wie dieß schon im alten Tempel der Fall war. (Hesekiel XL.) Sechs Marmor- oder Porphyrsäulen stützen dieselbe.
Ich kann hier nicht umhin zu bemerken, daß die Schilderung, welche die Bücher der Könige und der Chroniken von dem Salomonischen Tempel machen, auf eine den ägyptischen Tempeln sehr ähnliche Bauart weisen. Ägypten war auch zu Salomons Zeit das Musterland der Kunst für den ihm verbündeten Nachbarstaat. Es ist auch wahrscheinlich, daß Salomo, so wie er tyrischer und sidonischer Werkleute zum Behauen des Holzes und der Steine und tyrischer Künstler zu den Arbeiten in Erz, Gold und Elfenbein sich bediente (Könige V. VI.), ägyptische Meister zu Rathe gezogen habe, da er ja selbst die Tochter eines Pharaonen zur Gemahlin hatte und ihr das Wohnhaus am Tempel erbaute. (VII. 8. IX. 24.) Die Pracht und der Reichthum dieses Tempels können nur demjenigen unglaublich scheinen, der die ägyptischen Tempel nicht sah. Diese, in ihrer Zerstörung, beurkunden genug die ungeheure Kraft der Religion in jener Zeit, und den Umfang des Aufwandes, der für sie gemacht wurde. Ließe die Herrlichkeit Ägyptens nicht auf die Entwicklung der Kunst in dem nächsten Nachbarlande gegen Osten schließen; die Schilderung selbst, die wir in der Bibel davon lesen, wäre Beweises genug. Daß diese Kunstbildung nicht erst von den Juden nach Palästina gebracht, sondern von ihnen dort vorgefunden wurde, geht aus vielen Stellen hervor. Aus den Städten Hadad-Esers und aus denen seiner übrigen Nachbaren nahm David eine große Menge von silbernen, goldenen und ehernen Gefäßen (Chron. XIX.) und die reiche Tyrus, deren Schiffe dem Könige Salomo dienten, war damals bereits auf einer Höhe der Entwicklung, die Jerusalem ein glänzendes Muster gab. (Könige V.) Wo aber kamen die ungeheuren Schätze hin, die im Tempel verwendet und aufgehäuft waren, die hunderttausend Centner Goldes und die tausendmal tausend Centner Silbers? (Chron. XXIII. 14.) Die Tempel von Ägypten und die Stellen der Bibel antworten darauf, die von der Eroberung Jerusalems durch den Pharaonen Schischak (Könige XXIV.), von dem Heereszuge des Königs von Syrien Hasael (II. Könige XII.), von der Plünderung durch Joas, König von Israel (II. Könige XIV.), von den Brandschatzungen Sancheribs, Königs von Assyrien (II. Könige XVIII.) und des Pharaonen Neko (II. Könige XXIII.), endlich von der Vernichtung des Reiches durch den Babylonier Nebukadnezar (II. Könige XXIV. XXV.) sprechen.
»Meister,« sagte einer der Jünger zu dem Herrn, da sie aus dem Tempel gingen, »welche Steine, welch ein Bau!« — Und Jesus antwortete: »Ja, staune an diesem mächtigen Bau, und doch, kein Stein wird da über dem andern bleiben und keiner seyn, der nicht zerbrochen werde!« — Und so ist es auch gegangen.
Aber zurück zu unserer Wanderung auf dem Öhlberge. Von der Stelle der Beschauung kam ich zu einigen Grotten, welche man die Gräber der Propheten nennt, dann zu einer Cisterne zu zwölf Bogen. An dieser sollen die Apostel das Glaubensbekenntniß verfaßt haben. Nahe daran, wo die Trümmer einer Kapelle stehen, wird der Platz verehrt, wo Christus das Gebet des Herrn lehrte, und dreißig Schritte weiter, an einem Öhlbaume, derjenige, wo er das Weltgericht verkündete (Matth. 24. 25. Mark. 13). Aus der Spitze endlich steht die Moschee (einst Kirche) der Himmelfahrt. Ein kleines, achteckiges, nacktes Gebäude umschließt einen Stein, worin man den Abdruck eines linken Fußes sieht, der im Begriffe des Aufschwunges ist. Das Haupt des Entschwebenden muß nach Norden sehend gedacht werden.
Auf dieser Höhe war seit ältester Zeit ein Gebetplatz. »David aber ging den Öhlberg hinan und weinete und sein Haupt war verhüllet und er ging barfuß ... und da David auf die Höhe kam, wo man Gott pflegte anzubeten« u. s. w. (II. Sam. XV.) Die Stelle, weithin die Gegend beherrschend, drang sich selbst zum Gottesdienste auf. Darum ist auch treffend das Bild Hesekiels: »Und die Herrlichkeit des Herrn erhob sich aus der Stadt und stellete sich auf den Berg, der ihr gegen Morgen liegt.« (XI. 23.) Eben so schön ist dasjenige in Zacharias. XIV.