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Reise ins heilige Land

Reise ins heilige Land. (continued 2)

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Vom Öhlberge den Blick ringsum sendend, ist demselben wüstes, trauriges Land nach allen Seiten aufgethan. Hügel über Hügel geworfen scheinen ein Bild der Zerstörung. Im Norden ist Flachhöhe, über die aus 35° nordwestlich von hoher Felsspitze eine Moschee schaut, einst das Kirchlein Samuels und in frühester Zeit Silo, wo die Gemeinde des Herrn die Stifthütte aufrichtete und Josua das Loos warf zur Theilung des Landes. (Jos. XVIII.) Im Süden, nach Hebron hin, öffnet sich das Thal. Im Osten sieht man die breite Ebene von Jericho, den Jordan, und eine lange Strecke des todten Meeres, jenseits aber hohes, glattes, gleichförmiges, ausdruckloses Gebirge, Pisga in der Bibel genannt (V. Buch Mos. 34), von welchem herunter Moses das Land überblickte, das zu betreten ihm nicht gegeben war, und in das die Kinder Israel unter Josuas Führung zur Eroberung von Kanaan niederstiegen. Das Land zwischen Jerusalem und dem Jordan ist wie verbrannter Boden, aschenfarb und braun; nur in den Schluchten sind Feld, Feigen-, Mandel- und Öhlbäume, diese aber voll Kraft und Farbe. Die Entfernung vom Öhlberg zur Mündung des Jordans ins todte Meer ist sechs Stunden, kann aber in gerader Linie deren kaum drei betragen.

Ein Trupp Beduinen lag eben damals, jede Annäherung verbietend, in der Ebene von Jericho; dieß ließ uns einen Ritt an das Gestade des todten Meeres nicht ausführen.

Wir kamen durch das Dorf Bethphage, noch heute so genannt, und bis an den Brunnen, an welchem Christus mit den Aposteln auf dem Rückwege von Jericho auszuruhen pflegte; dann nach Bethania, wo man uns des Lazarus Grab zeigte, ein Gemach und eine Grotte, 26 Stufen tief in den Felsen gehauen, den Katholiken gehörig und zum Gottesdienste eingerichtet. In Abutiß, einem nahen Dorfe, wies man uns das Haus Magdalena's, und weiter östlich die Stelle, wo Christus die Büßerin traf. Alle Höhen im Osten des Öhlberges sind voll von Steinbrüchen, Grotten, Gräbern, tiefen und großen Brunnen und in den Felsen gehauenen Getreidebehältern.

Auf dem Rückwege zeigte man uns an der Südseite des Öhlberges die Stelle, wo sich Judas erhängt haben soll. —

Die Stellen, welche den christlichen Gläubigen in der Stadt insbesondere zur Verehrung empfohlen werden, sind außer den schon erwähnten das Haus des Zebedäus, nun eine griechische Kirche; das Haus Simon des Pharisäers, nun eine zerstörte Kirche an der Via dolorosa; nicht ferne davon das Kloster zur heil. Anna mit der Grotte der Empfängniß, nun eine Moschee; der Ort der Erscheinung des auferstandenen Heilandes den drei Marien; das Haus der Maria, Mutter des Johann Markus, wohin Petrus sich begab, nachdem er von dem Engel gerettet worden war, nun eine Kirche der Maroniten; der Kerker des heil. Petrus, nun eine verfallene Kirche und, nicht ferne davon, der Ort wo Abraham seinen fünf und zwanzigjährigen Sohn Isaak opfern wollte (Jos. Ant. I. 13), nun mitten in einer Wiese zwischen Ruinen, nicht ferne vom heiligen Grabe. Indische Feigen bewachsen die eingestürzten Wände, und Palmen wiegen ihre Kronen darüber.

Das griechische Kloster und Hospitium am Tempel zum heil. Grabe ist von Konstantin und Helena gestiftet. Zwei Kapellen sind darin, groß und reich und mit vielen Gemälden geziert. Von der Terrasse dieses Klosters gelangt man auf diejenige des Tempels selbst, von welcher ein anderer herrlicher Ausblick über die Stadt ist. Ich verweilte auf den Zinnen des Tempels in der Stunde des Sonnenuntergangs. Eine Farbe der Wehmuth war über das ganze Gemälde ausgegossen, nur in den Klagliedern Jeremias errathen und ausgesprochen! — Im fernsten Süd glänzte mir ein Streifen der arabischen Wüste entgegen, brennend in Gelb. Die Sandfelder Nubiens, schweigend und leblos, mit ihren schwarzen Felsmassen lebten in meiner Erinnerung auf, und es war mir als habe die Geschichte ein ähnliches Bahrtuch über den Boden gelegt, worauf ich stand.

In der Nacht kam Regen und Gewitter. Der Donner rollte über der Tochter Sions. — Am nächsten Morgen waren die Berge ringsum wie mit frischem Teppich des heitersten Grüns belegt.

Die Mauern der heutigen Stadt sind ein Werk Soleimans, des Sohnes Selims, aus dem Jahre 1543. Sie sind durchaus gut erhalten, besser als diejenigen irgend einer türkischen Stadt, Konstantinopel nicht ausgenommen, stark, aber unbewaffnet. Geht man durch das Thor der Pilger, von den Christen auch das Thor von Bethlehem, das Thor von Jaffa, von den Mohamedanern Bab-el-Kzalil (Thor des Erwählten) oder auch Bab-el-Khalil (Thor Abrahams) genannt, so hat man zur Linken die Schlucht zwischen dem Sion und dem Hügel des Blutackers, gerade vor sich aber die sanft aufsteigende Flachhöhe. Das Thor sieht nach NNW. Die Ummauerung nimmt links desselben die Richtung Süd und folgt durch 440 Schritte der Kante des Sion. Die Thürme und Mauern des Schlosses in der Stadt, die Burg Davids genannt, sehen über die erste Hälfte dieser Strecke, der ein Bollwerk vorgelegt ist, für 36 Geschütze nach vornen und 7 nach Süd eingerichtet. Die Schießscharten sind dermalen fast alle vermauert, und ein paar geringe Stücke bilden die Bewaffnung dieses neuesten Baues. Aus der Richtung von Süd wendet die Ummauerung nach Ost, zieht quer über die Fläche des Sion und erreicht nach 240 Schritten das Thor von Sion, Bab-el-Nebi-Dahud (Thor des Propheten David). Von dort senkt sich der Boden. Längs dem Abhange des Sion hinab zieht die Ummauerung noch 364 Schritte nach Ost, dann den Morija hinauf erst 100 Schritte NO., dann 140 ONO. und wieder 100 NO.; weiter längs der Kante des Morija abermals 300 Schritte Ost. Durch die Westseite des zweiten Thurmes dieser Strecke geht das Pförtchen Bab-el-Mograbi (Barbareskenpforte) d. i. die Porta sterquilinia, durch welche die Juden Christum nach der Gefangennehmung zu Pilatus führten. Die Ummauerung bricht rechtwinklich aufwärts, 80 Schritte, wo eine vermauerte Pforte steht, und der Weg aus dem Thale Josaphat, Silo gegenüber, heraufkommt. Hoch über die Mauer schauen Gebäude zur Moschee el-Sakhra gehörig. Längs der Kante des Morija, wo diese am höchsten und steilsten ist, zieht die Ummauerung Ost 200 Schritte; dann Nord 450 Schritte bis an die goldene Pforte (Bab-el-Darabie). Diese, ein römischer Bau, aus zwei Bogen korinthischer Ordnung bestehend, führt gerade auf den Platz el-Sakhra. Sie wird von den Türken vermauert gehalten, denn durch diese soll, der Sage zufolge, an einem Palmsonntage ein christlicher Eroberer einziehen. Von dort bis zum Thor des heil. Stephan (Bab-el-Sidi-Mariam, Thor der Jungfrau Maria) sind 250 Schritte Nord. Nun beginnt die Flachhöhe sanft sich zu heben. Nach 490 Schritten, abermals Nord, erreicht die Ummauerung die Nordostecke, der Thurm Tankreds genannt. Der Abfall, längs der Ostseite der Stadt hoch und steil, verschwindet nun, denn nahe an dieser Ecke nimmt das Thal Josaphat seinen Ursprung, dort auch der Kedron. Die Flachhöhe im Norden der Stadt hat da ihre Verbindung mit dem Öhlberge.

Die Nordseite der Ummauerung ist die eigentliche Angriffsseite. Sie bildet einen ausspringenden Winkel. Es zieht nämlich ein Theil derselben West, der andere Südwest 430 Schritte in der ersten Richtung, wovon zweihundert sanftaufsteigend, führen bis zum Pförtchen Herodes oder Ephraim, das durch den sechsten Thurm geht. Im Graben am dritten Thurm ist eine gedeckte Cisterne und ein Schöpfbrunnen daneben, dem ein Marmorsarg als Trog dient. Die Cisterne war, als ich sie sah, gefüllt.

Hinter dem Pförtchen senkt sich die Mauer durch 146 Schritte, und hebt sich dann wieder durch 170. Dort ruht sie auf Felsen, und nimmt dann die Richtung Südwest. Nach 180 Schritten trifft sie das Thor von Damaskus (Bab-el-Cham), auch das Säulenthor genannt (Bab-el-Hamond), das zierlichste aus allen, in der Einsenkung der Hügel liegend. Vor demselben an der Straße steht ein Brunnen. Von dort steigt die Ummauerung durch 500 Schritte wieder auf den Sion, springt 60 Schritte stumpfwinklich aus und hat in diesem Vorsprunge ein Wasserbecken vor sich. Dort zeigen sich auch auf wenige Schritte von den Mauern Reste der älteren oder römischen, Massen von Steinfülle mit schweren Quadern bekleidet. Nach 320 Schritten quer über die Höhe, mit vier Vorsprüngen, jeder zu 10 Schritten, erreicht man den anderen Winkel der Nordseite, der durch einen auf Felsen ruhenden Thurm zu 26 Schritten Breite gebildet wird. Dort endet der Graben, der vom Thore St. Stephan bis zu dieser Stelle der Ummauerung vorliegt, meist in den Felsen gehauen ist, bald 6 Fuß, bald 8 Fuß Tiefe und bis 24 Schritt Breite hat.

Nun geht die Mauer 60 Schritte tief ein, hält aber noch während 158 die Richtung S.N., worauf sie diejenige von S.S.O. nimmt und nach 300 Schritten das Thor von Bethlehem wieder erreicht.

Die Stadt hat demnach sieben Thore, und die Ummauerung in ihrer ganzen Entwicklung 5616 Schritte Länge. Vierzig Thürme und sechs und zwanzig Halbthürme oder Flanken brechen dieselbe. Davon fallen auf

die Nordseite 1816 Schritte, 15 Thürme, 17 Flanken

" Westseite 968 " 10 " 5 "

" Südseite 1618 " 9 " 2 "

" Ostseite 1214 " 6 " 2 "

Die Mauern sind von behauenen Steinen, mit Mörtel verbunden, hinlänglich dick, mit Deckungen, Stiegen und Auftritten versehen, im Durchschnitt 22 Lagen hoch, die Lage zu 28 Zoll. Die Zinnen halten zwei andere Lagen. Die ganze Höhe der Mauern beträgt also 56 Fuß. Am niedrigsten sind sie an der Südseite, wo sie zur Porta sterquilinia aufsteigen; am höchsten von dieser bis zum Südostwinkel. In dieser Strecke dienen die Reste älterer Mauern; es ruhen nämlich die zwei und zwanzig neuen Lagen auf fünf Lagen riesiger Werkstücke. Der Südostwinkel der letzten vierzehn Lagen, und der anderen zwei und zwanzig, und ist die mächtigste und zugleich, da der Berg ins Thal Josaphat abstürzt, die am wenigsten nahbare Stelle der Ummauerung. — Die Thürme haben durchaus Vierecke oder Rechtecke zur Grundfläche. Ihre Abstände unter sich sind ungleich. Die Breite derselben ist es auch, und wechselt von 6 bis 24 Schritten. Sie greifen von 4 bis 14 Schritte aus der Mauer vor. Die stärksten Thürme sind die beiden südlichen der Westseite; derjenige zwischen dem Südwestwinkel und dem Thore von Sion; der erste und dritte östlich von diesem Thore (jener ist fünf Schritte vorragend und 16 breit; dieser bildet den Winkel der Wendung aus Ost nach Nordost, hat 18 Schritte Breite und 8 und 9 Schritte Vorsprung); der Thurm Tankreds; der Thurm auf dem Felsvorsprung in der Nordseite, endlich derjenige welcher das westliche Ende dieser Seite bildet. Die Halbthürme (Flanken) greifen von der Breite eines Schrittes bis zu der von zehn vor. Die stärksten sind zu beiden Seiten des Nordwestwinkels.

Obgleich die Nordseite die eigentliche des Angriffes ist, so kann dieser doch mit Vortheil über die halbe Ost und Westseite ausgedehnt werden. Die Nordseite, als auf den Ausläufen der Flachhöhe geführt, ist beherrscht; ihr schwächster Punkt an der Pforte Ephraim.

Die Burg (auch der Thurm Pisani genannt) steht hart innerhalb dem Pilgerthore, und ist ein mit tiefem Graben umgebenes Rechteck zu zweihundert Schritt Breite und etwa sechzig Länge. Sie ragt mit zwei hohen Thürmen über die Stadtmauer zur Linken des Pilgerthores, weiset gegen Süd andere zwei von bedeutender Stärke, und eben so viele gegen Ost, zwischen welchen der Eingang ist. Diesem wurde kürzlich eine Batterie vorgelegt, um die Stadt bequemer im Zaume zu halten. Diese Burg ruht ohne Zweifel über derjenigen Davids, die ihrerseits auf der Burg der Jebusiter ruhte. »David aber gewann die Burg Sion, das ist Davids Stadt.« (Chron. III. 5) »David aber wohnte auf der Burg; darum heißt man sie Davids Stadt« (e. d. 7.). Die Stelle ist die beherrschende der Stadt. Eine Burg in ihr kann daher nicht anderswo, als an diese Stelle gesetzt worden seyn. Ein Beleg hiezu sind auch folgende Worte: »Und der Knabe auf der Warte hob seine Augen auf und schaute; und sieh, eine Menge Volkes kam auf dem Wege herbei, an der Seite des Berges« (II. Sam. 13). Von keinem Orte der Stadt überschaut man besser die Wege, so von der Flachhöhe nach der Stadt führen, als von derjenigen, wo die Burg noch heut zu Tage errichtet steht. Von ihren Zinnen liegen vor dem Blicke zwei Wasserbecken auch heute noch so nahe, daß man sich an dem Anblicke eines darin Badenden hinlänglich ergötzen kann, das eine in der Schlucht gegen Westen des Pilgerthores, das andere, innerhalb der Stadt, im Norden der Burg; das eine oder das andere nimmt man für das Becken, worin David, von den Zinnen der Burg herab, Bethseba, das Weib Urias des Hethithers belauschte.

Da zu den Zeiten Christi der Golgatha außerhalb den Mauern der Stadt lag, aus vielen Stellen der Bibel aber, und so auch aus der Natur des Bodens klar hervorgeht, daß im Osten, Süden und Westen und an der Nordostseite die Ummauerung der damaligen Stadt derjenigen der heutigen gleich kam, so ist nur die Strecke vom Pilgerthore bis zu demjenigen von Damaskus als vorgeschoben zu betrachten, und es ist wahrscheinlich, daß damals die Ummauerung von dem auf dem Felsvorsprunge stehenden Thurme der Nordseite längs dem Abfalle der Höhe Bethseda südlich zog, die Via dolorosa durchschnitt und den Morija hinaufstieg, dort aber sich mit einem vom Pilgerthore, östlich den Sion herabziehenden Theile der Ummauerung traf. Die Bibel deutet häufig auf eine doppelte Mauer; z. B. »Und er (Hiskiä) ward getrost und besserte die Mauern aus, wo sie lückig waren und machte Thürme darauf, und bauete draussen noch eine Mauer« — (II. Chron. XXXII. 5). »Darnach baute er (Manasse) die äußersten Mauern an der Stadt Davids von abendwärts an Gihon im Bach, und da man zum Fischthor eingeht, und umher am Ophel, und machte sie sehr hoch« (II. Chron. XXXIII. 14).

Diese Mauern wurden aber durch die Babylonier niedergerissen. Als Kyros den Juden die Rückkehr ins Vaterland gewährte, erlaubte er ihnen zwar den Tempel wieder aufzubauen; als sie aber, unter Artaxerxes (Arthasastha), auch die Mauern wieder herstellen wollten, verbot dieser König es zunächst (Esra. IV.), weßhalb auch Nehemia schreibt: »Und ich ritt zum Thalthor aus bei der Nacht, vor dem Drachenbrunnen und an das Mistthor; und that mir wehe daß die Mauern Jerusalems zerrissen waren, und die Thore mit Feuer verzehrt. Und ging hinüber zu dem Brunnenthor und zu des Königes Teich; und war da nicht Raum meinem Thier, daß es unter mir hatte gehen können« (II. 13. 14). Im folgenden Kapitel schildert Nehemia auf das genaueste den Zug der Ummauerung, wie unter seiner Leitung sie dennoch erbaut wurde. Der Bau, eigentlich gleichzeitig auf der ganzen Länge der Entwicklung geführt, fing am Schafthore an, ging von da nach dem Fischthor, wieder nach dem alten Thore, über die breite Mauer nach dem Thalthore, nach dem tausend Ellen davon entlegenen Mistthore, weiter nach dem Brunnenthor, und vorbei an der Quelle Siloe (Seloah) am Garten des Königes und an den Stufen, die von der Stadt Davids heruntergingen, an den Gräbern Davids, am Teich Asuja und an der Burg der Krieger bis an den Winkel am Rüsthause, der hinauf die Höhe zog und wovon ein Theil schon auf der Höhe selbst lag. Weiter machte die Ummauerung ein paar Winkel bis nach einem hohen Thurme, der vom Königshause heraussah, umschloß den Ophel (den ich für gleichbedeutend mit der Höhe Bethzeda halte), wo das Wasserthor stand, ging nach dem Roßthore und weiter nach dem Rathsthore bis an die Nordostecke, worauf sie das Schafthor wieder erreichte.

Aus dieser Folge ergibt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit folgende Bestimmung: das Schafthor ist (Joh. V.) das heute nach dem heil. Stephan genannte. In den Raum von diesem bis zum Südostwinkel der heutigen Stadt fielen das Fischerthor und das alte Thor. Der Südostwinkel selbst ist die breite Mauer. Durch die Südseite gingen das Thalthor, das Mistthor (Porta sterquilinia), das Brunnenthor. Der Garten des Königs lag zwischen den Quellen Siloe und Rogel; an dieser letztern, die Schlucht hinauf, führten die Stufen zur Stadt Davids, die also, im weiteren Sinne des Wortes, den ganzen auf dem Sion gelegenen Theil von Jerusalem in sich begriff. Die Gräber Davids, worunter nur dann die eigentlichen Königsgräber zu verstehen sind, wenn man die Bezeichnung: »die Stadt Davids,« so oft im obigen Sinne versteht, als die Bücher der Könige sagen, »und wurde begraben in der Stadt Davids,« waren sonach an der Stelle, die man heute noch dafür bezeichnet. — Der Teich, oder vielmehr das Becken Asuja ist das in der Schlucht vor der Westseite, oder das etwas südlicher liegende. Die Burg der Krieger bezeichnet insbesondere das Schloß oder die Stadt Davids im engeren Sinne. Das Rüsthaus muß am nordwestlichen Abhange des Morija gelegen haben. Das Königshaus ist eines der Nebengebäude des Tempels. Das Wasserthor fällt in die Thalung nach dem heutigen Thore von Damaskus; das Roß- und Rathsthor in die Nordseite.

Die Bibel nennt aber noch einige andere Thore: nämlich das Thor Ephraim und das Eckthor, vierhundert Ellen von einander abstehend (II. Könige, XIV. 13); das Kerkerthor (Nehem. XII. 39); das Ziegelthor (Jerem. XIX.); das Thor Benjamin (Jerem. XXXVIII. 7); das innere Thor (Hesek. VIII. 3).

Schon aus dem Umstande, daß Joas, König von Israel, die Stadt zwischen dem Thore Ephraim und dem Eckthore angriff, beweiset sich, daß dieselben höchst wahrscheinlich an der Nordseite sich befunden haben. Das erstgenannte als ein kleineres ist vielleicht erst in späteren Zeiten wieder erneut worden, und wahrscheinlich ein und dasselbe mit dem heute sogenannten. Das Eckthor scheint nahe am Thurme Tankreds gewesen zu seyn, der die Nordostecke der heutigen Stadt bildet und 430 Schritte vom Pförtchen Ephraim absteht. Das Kerkerthor scheint ein inneres gewesen zu seyn, oder im Winkel nach der Schädelstätte gelegen zu haben. Das Ziegelthor, als nach dem Thale Ben Himmon sehend, fällt in die Südseite, und ist wahrscheinlich eines und dasselbe mit dem Brunnenthore. Die beiden anderen scheinen gleichfalls innere Thore, und deuten auf Mauerabschnitte innerhalb der Stadt, wie man deren heut zu Tage noch in allen orientalischen ummauerten Städten sieht. —

Außerhalb der Stadt zwischen dem Thore von Damaskus und der Pforte Ephraim, auf einen Steinwurf vom Graben, hebt sich ein niederer felsiger Hügel. Darin befindet sich eine Grotte, deren Eingang der Stadt zugewendet und durch ein schmales Gärtchen und dessen Umfangmauer geschlossen ist. In dieser Grotte soll Jeremias seine herrlichen Klaglieder verfaßt haben, die, so wahr am heutigen Tage, mit den Worten beginnen:

»Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volkes war! Sie ist wie eine Wittwe. Sie, die eine Fürstin war unter den Heiden und eine Königin in den Ländern, sie muß nun dienen!«

Jetzt wohnt ein muselmännischer Heiliger in dieser Grotte und verkauft Grabstellen in ihr und im Gärtchen, so davor liegt. Der innere Raum der Grotte ist fast rund, zu zwei und vierzig Schritte Durchmesser, von zwei massiven Pfeilern getragen, in der Mitte etwa 30 Fuß hoch. Der Meißel hat der Natur nachgeholfen. Rundum an der Wand, 1-1/2 Fuß über dem Boden, laufen einige Zoll hohe Durchzüge im Stein, so daß man ringsum ein Seil ziehen könnte. An dem rechten Pfeiler haben die Muselmänner einen Gebetplatz.

Die Flachhöhe im Norden der Stadt, die auf eine Stunde Länge fast eben so viele Breite hat, ist ein Gemenge von Felsspitzen, die von zwei bis zwanzig Fuß über den Boden ragen, und zwischen denen Saaten und Öhlbäume stehen. Fast jede dieser Spitzen zeigt den Eingang in eine Todtenkammer, in die man bald ebenen Fußes geht, bald abwärts steigt. Die Eingänge sind jederzeit rechtwinkelig, manchmal mit einem Fries und Tympanen versehen, meist aber unverziert. So viele davon ich auch besah, ich konnte nirgends eine Inschrift entdecken.

Die Beschreibung zweier genügt, um die übrigen zu kennen. Nicht ferne von der Grotte Jeremiä ist eine Nische, fünfzehn Schritte breit und vierzig lang in den Felsen gehauen, in deren linker Wand ein nur wenige Fuß hoher, gewölbter Durchgang sich befindet. Durch diesen tritt man in einen Hof zu vierzig Fuß ins Gevierte, von geglätteten Felswänden umfangen. Durch die südliche Wand, siebzehn Schritte breit, ist der Eingang in ein Vorgemach, das sieben Schritte Tiefe hat. Das Fries über dem Eingange ist von feiner Meißelarbeit; es besteht zu oberst aus mehreren Leisten, dann folgt eine Reihe Triglyphen, die mit Blumenkränzen, Rosen, Trauben, Palmen- und Akanthuszweigen wechseln, und darunter eine Rinne mit Tropfen unter den Triglyphen und Zweigen; weiter ein schönes Band aus Weinblättern, Granatäpfeln, Blumengewinden und Pinienfrüchten, endlich der gewöhnliche Architrav. Diese Zierden sind hoch und schön ausgehauen; ihre Wahl und Anordnung erinnert an die Schilderung der Meißelarbeiten im Tempel des Salomon, so wie die Bücher der Könige sie geben. Das Vorgemach ist unverziert. Durch den Boden desselben, zur Linken, kriecht man in ein Loch, das bis 8 Fuß Länge und 2 Fuß Höhe haben mag, und kommt in ein Gemach zu 22 Fuß ins Gevierte. Dieses hat in der Hinterwand zwei Thore. Das linke führt in einen Saal, in welchem die Eingänge zu sechs Gemächern, jedes für zwei oder drei Leichenstellen, sich finden; das rechte in einen ähnlichen Saal, das außer den sechs Seitengemächern noch eines acht Stufen tief unter sich hat. Durch die rechte Seitenwand des ersten Gemaches kommt man in ein anderes zu 15 Fuß ins Gevierte und 10 Fuß hoch; aus diesem aber in zehn Seitenkammern.

Alle diese unterirdischen Gemächer sind in den Felsen gehauen, und gegen unsere Grüfte gehalten eben so wunderbare Werke, als die ägyptischen durch Pracht, Ausdehnung und Zierath solche gegen die jüdischen sind. Die Thore haben nur 2 Fuß 6 Zoll Breite und sind oben gerundet. Die Thüren liegen häufig darneben. Jede besteht aus einem einzigen starken, einfach verzierten Steinblocke. Jedes Gemach hat in der Mitte des Bodens eine Rinne, 8 Zoll breit und eben so tief; jeder Saal in der Mitte eine Vertiefung, so zwar, daß nur längs den Wänden der höhere Auftritt besteht. Sehr merkwürdig sind die Leichendeckel, die in einigen Kammern noch ganz, in andern in Trümmern zu sehen sind. Sie haben 7 Fuß Länge, aber nur 11 Zoll Breite und sind innen ausgehöhlt, außen aber mehr oder weniger fein mit Eichen- und Weinblättern, mit Blumen und Früchten verziert. Sie müssen unmittelbar auf den Leichen geruhet haben. In der Wand zur Seite der Schlummerstätte ist nicht selten eine kleine, seichte, dreieckige Nische, gerade groß genug, um eine Lampe zu fassen. Man sieht den oberen Winkel nicht selten noch geschwärzt.

Man nennt diese Grabhöhlen die Gräber der Könige. Welcher Könige? Die des Reiches Juda wurden großentheils in der Stadt Davids begraben (Könige XIV. XV. — II. Könige VIII. IX. XII. XIV. XV. XVI. XXI.); Ausnahme machten Manasse, Amon, Josias, die im Garten Usa begraben wurden. (II. Kön. XXI. II. Chron. XXXV.) Lag dieser auf der Flachhöhe, so kann die obige Bezeichnung allerdings eine richtige seyn, und würde sich dann auf die genannten Könige dieses Reiches anwenden lassen. Schon Joram und Joas waren nicht in den Gräbern der Könige beigesetzt worden (II. Chron. XXI. XXIV.), und von Usias sagt die Chronik: »und sie begruben ihn bei seinen Vätern im Felde bei dem Begräbnisse der Könige.« (XXVI. 23.) — Die Gräber der Makkabäer können diese nicht wohl seyn, da dieselben vom Meere aus sichtbar gewesen seyn sollen. Nicht unwahrscheinlich sind es die Gräber der Familie Herodes, die Josephus als im Norden der Stadt gelegen schildert. Mir schienen Anlage und Verzierung aus römischer Zeit, obwohl nicht durch römische Hand bewirkt. — Pausanias (VIII. 16) und Josephus (Ant. XX. 2) sprechen auch von bewunderungswürdigen Gräbern der Helena, Gemahlin des Monobazus, Königs von Adiabene, die im ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung lebte, sammt ihrem Sohne Itazes nach Jerusalem zog und dort die jüdische Religion annahm. Drei Pyramiden sollen über ihrer Grabstätte, drei Stadien weit von der Stadt, aufgerichtet worden seyn. Die Pyramiden bestehen nun freilich nicht mehr, was nichts für die Bezeichnung unserer oben beschriebenen Ruhestätten beweiset. Diese letzteren sind aber für eine weit größere Zahl von Leichen eingerichtet. Pausanias spricht von einer besondern Schließungsweise der Grabstätte dieser Königin, und der Mönch Bernardino von Gallipoli in seinem sonst verdienstlichen Trattato delle piante ed immagini de' sacri Edifizi di terra santa, Firenze 1620, erzählt bei Schilderung der Spelonche Regie von etwas ähnlichem. Ich habe davon nichts gesehen, und finde überhaupt seine Zeichnung dieser Gräber ganz und gar unpassend auf diejenigen, die man mir und Andern als die Gräber der Könige wies.

Eine Stunde weiter gegen Nord, wo sich die Flachhöhe, der Spitze des Kirchleins Samuels gegenüber, senkt, und ein Thal nach Osten ausläuft, sind die Gräber der Richter. Der Eingang ist mit Akanthus im Fries und Tympanum verziert; eben so die kleine Pforte, die aus dem fünf Schritte tiefen Atrium in ein Gemach, zu 29 Fuß 8 Zoll ins Gevierte, führt. In diesem sind in der linken Seitenwand, in zwei Reihen über einander, dreizehn Geschiebe, d. i. wagrechte Löcher, 16 Zoll breit, 26 Zoll hoch und 7 Fuß 6 Zoll tief, unten eben, oben gerundet und jedesmal vorne in ein vertieftes Rechteck eingefangen. In jedem Geschiebe war nur für eine Leiche Raum, und zwar ohne Sarg; man wickelte dieselbe wahrscheinlich in Leinen und gab Spezereien hinzu. (II. Chron. XVI. 14.) Die Eingangswand dieses Gemaches, das eben hoch genug ist, um darin stehen zu können, hat zur Linken ebenfalls ein solches Geschiebe, zur Rechten aber ein anderes Gemach und zwar eingesenkt. Durch die rechte Seitenwand kommt man in ein Gemach, das unten neun Geschiebe, oben aber eine breite Steinbank ringsum zeigt, als habe man da die Leichen erst umwickelt und bereitet, bevor man sie in ihre letzte Wohnung schob. Durch die Hinterwand gelangt man in ein Gemach mit zwölf Geschieben oben und neun unten, und durch eine Stiege links zuerst in eines zu drei und dann in ein anderes zu dreizehn Geschieben.

Ich halte diese Gräber für weit älter als die früher beschriebenen. Sie sind auf wenig Raum berechnet. Ähnliche gibt es auf der syrischen Küste, gegenüber der Insel Ruad (Aradus), bei Sidon und in der Nähe von Damaskus. (Maundrell, Voyage d'Alep à Jérus. 1525) Ich erinnere mich in keinem anderen Lande deren gesehen zu haben.

Nicht ferne von den Gräbern der Richter (mir unbekannt, warum man sie so heißt, denn die Bibel gibt nirgends einen Wink hievon) ist eine in den Felsen gehauene Cisterne. Eine genaue Untersuchung der Höhlen, Gräber, Nischen, Cisternen und anderen Behälter des weiten Feldes im Norden Jerusalems müßte eine lehrreiche Ausbeute geben.

Ich brachte den Abend dieses Tages mit einem seltsamen Manne zu, Joseph Wolff, Missionär in Jerusalem, und seiner Gemahlin Lady Georgiana Wolff, der bei einem ungeheuren Wissen und einem Muthe, der des edelsten Märtyrers würdig wäre, eine Menge von Narrheiten im Kopfe hatte; eine Vermählung, die man so häufig in ausgezeichneten Köpfen sieht, und die für die nahe Verwandtschaft des Wahnsinns mit dem Verstande zeugen. Er und seine Gemahlin weihten sich in Jerusalem der Judenbekehrung, und er hatte deßhalb eine freie Ausforderung an alle Schriftgelehrten dieses Volles ergehen lassen und war zu jeder Stunde bereit, Mann gegen Mann, den Kampf aufzunehmen. Er versicherte mich mündlich und schriftlich, daß, Daniel zufolge, in siebzehn Jahren alle Juden Christen seyn würden. Ohne die Bekehrung überhaupt in Zweifel zu ziehen, rieth ich ihm aus Freundschaft, die Frist der Prophezeiung wenigstens um hundert Jahre hinaus zu rücken. Ich glaube, daß man mir auch hierin nicht Unrecht geben, noch meine Absicht verkennen wird.

Der Vorsteher der katholischen Gemeinde in Jerusalem bewahrt als Bevollmächtigter des Papstes im heiligen Lande das Recht der Ertheilung des Ordens vom heiligen Grabe, der von Gottfried von Bouillon im J. 1099 gestiftet worden ist, und dessen Statuten mehrere Päpste, namentlich Benedikt XIV. erneuerten und festsetzten. Der Vorgang bei Aufnahme in diesen Orden, die auch mir zu Theil wurde, ist ob der geschichtlichen Erinnerungen und der Stelle, wo sie geschieht, ergreifend. Wir versammelten uns hiezu eines Morgens vor Sonnenaufgang am Allerheiligsten, und zogen sodann in die den Katholiken zugehörige Kapelle im Tempel. Alle versammelten Mönche und Brüder beteten laut. Dann setzte sich der Abt des heiligen Landes auf einen Thronsessel. Kniend vor demselben, spricht der Aufzunehmende den Schwur des Bundes in seine Hände. Ein Mönch gürtet dem Ritter sodann die Füße in seidene, goldverbrämte Kamaschen und schnallt die Spornen Gottfrieds von Bouillon demselben an. Diese sind aus Metall, ganz einfach, stark, 8 Zoll lang, wovon 5 auf die Spitze kommen, mit einem scharfen Stern, dessen Dornen 1 Zoll 4 Linien Länge haben. Das Schwert Gottfrieds, eine 30 Zoll lange, zweischneidige, flache Klinge mit 5 Zoll langem einfachen Kreuzgriff, dessen Querarme nach unten etwas eingekrümmt sind, in einer Lederscheide, Knopf und Beschläge aus Metall, wird entblößt in die Hand gegeben, darin umgürtet; endlich empfängt man um die Brust Gottfrieds Kreuz, aus Metall mit Granaten geziert, an langer, metallener Kette hängend. Zwischen jedem Abschnitte der Ceremonie finden Gebete Statt, und zwischen den beiden letzten der eigentliche Ritterschlag mit Gottfrieds Schwert auf Haupt und Achseln, worauf man von allen Brüdern und Mönchen umarmt wird und sie umarmt. Vormals geschah die Aufnahme in diesen Orden vor dem heiligen Grabe selbst, jetzt aber findet sie in der katholischen Kapelle bei verschlossenen Thüren Statt. — Während dieser Scene hörten wir Gepolter über uns. Was war es? — Pferdegetrappel; denn die Türken haben Stallungen gerade über dieser Kapelle.

Um der seltsamen, die Zeit der Stiftung malenden Privilegien und Pflichten willen, gebe ich in Folgendem das Diplom des Ordens, das mir überreicht wurde.

Fr. Thomas a Monte Asula,

Ordinis Minorum strictioris Observantiae S. P. N. Francisci, Provinciae Seraphicae Concionator, Sac. Theologiae Lector, Sini. Dni. Papae in Lateranensi Archi-Basilica jam Poenitentiarius, Sac. Congregationis de Propaganda fide Responsalis, Missionû. Aegypti, et Cypri Praefectus, in Partibus Orientis Commissarius Apostolicus, Sacri montis Syon, et SS. Sepulcri D. N. I. C. Guardianus, ac totius Terrae Sanctae cum plenitudine potestatis Custos, humilisque in Domino Servus.

Universis, et singulis Christi Fidelibus praesentes nostras Litteras inspecturis, vel legi audituris, salutem ab eo, qui est vera Salus.

Ex gestorum monumentis tenemus invictissimos Heroes Carolum Magnum Imperatorem semper Augustum, Ludovicum VI. Philippum sapientem, Sanctum Ludovicum IX. Philippum Hispaniarum Regem, aliosque multos reipublicae Christianae magnanimos Reges, et Principes, Dei honoris, et Catholicae fidei nedum Zelatores, verum etiam strenuissimos defensores, sese, bonaque sua Deo immortali sponte obligasse, et noviter emancipasse, fortissimosque diversis temporibus Equites sub quibusdam regulis creasse; ad hunc finem dumtaxat, ut nefariis infedelibus devictis, sanctam Jerosolymorum Urbem, ac resurgentis Domini sepulcrum libere custodire, et pro viribus defendere valerent. Et tunc, aura secunda Equestris hujusmodi effloruit dignitas, cum inter Christianorum Principum, contra infedeles multos, demandatas expeditiones, praeclarus, Dux Godefridus de Bullion memoria dignus, anno à Partu Virgineo 1099; in sanctae Civitatis expugnatione copioso trecentorum millium, cruce signatorum militum, ab Urbano II. Pontifice Maximo comparato exercitu, ultra trecentorum millia hostium, favente Deo devicit. Capta Jerosolyma, unanimi omnium voto praelaudatus Godefridus in Jerosolymorum Regem solemniter proclamatus est. Quo in munere, nulla interposita mora, ardenti (quo flagrabat) animo, Christi Domini Mausoleum in curam sibi recepit. Utque rite custodiretur, sacrum Ordinem ejusdem SS. Sepulcri Equitum sub ssmis. legibus instaurare et instituere, non est sane dedignatus: ac proinde plurimos illustrissimos, ac nobilissimos viros, resurgentis Domini sepulcri continuo creavit Equites; cosque rubeis crucibus in scuto argenteo insculptis armavit, et decoravit: Decernens in posterum, ut eas vestibus appositas, tum in bello, cum Regum in aulis, nec non quorumcumque fidelium coetibus pro gentilitio stemmate deferre tenerentur. Unde, Christianissimi Reges, ut erectores, ita et rectores hujus sacri Ordinis fuere. Sicque, fulcimento tali munitus, quondam Equitum Ordo auspicato florescebat. Sed proh dolor! capta iterum ab infidelibus Jerosolyma anno 1187, habenas Ecclesiasticas Urbano III. moderante, et cunctis ab Asia pulsis Catholicis, ss. Equestris Ordo pene sopitus, et extinctus remansit. Unde merito facta est quasi vidua Domina gentium, et ex omnibus charis ejus, quis amplius non erat ei solatium praebiturus. In moestitudine tamen positam, ubi Domino placuit, consolatus est eam, stimulando animum devotissimi Roberti utriusque Siciliae Regis, ut ab Aegypti Sultano, ssmae. Redemptionis Loca pro viribus compararet. Quod quidem Laudatus Princeps (Clemente V. Piscatoris vices gerente) non sine difficultate, ac sumptibus, pro nostri seraphici Patriarchae S. Francisci Assisiatis, humilibus filiis obtinuit; atque eis in persacrato monte Syon, ubi fuerunt miracula tanta patrata, et in praegrandi, ac praeomnibus sanctiore, Resurrectionis Domini Basilica commorandi facultas fuerit dilargita. Quo circa SS. D. Alexander Papa VI. anno 1496. ad innovandam non solum perantiqui Instituti praelaudati Ordinis Equestris jam fere abolitam memoriam, imo etiam ad augendam erga Christi sepulerum fidelium pietatem, et religionem, eorumque animos, pro SS. Locorum recuperatione vehementer excitandos, persacrati montis Syon, ac SS. sepulcri D. N. I. C. Guardiano, ejusque Vicario generali (hoc est totius Terrae Sanctae Praesidi) eorumque successoribus pro tempore existentibus, hujusmodi Equites SS. sepulcri, ut olim, creare, armare, et instituere misericorditer indulsit. Posthac, Leo X. die 4. Februarii 1616; Pius IV. die 1. August 1561; Alexander VII. die 3. Augusti 1565; Benedictus XIII. die 3. Martii 1727. idem concessere, et laudavere. Ultimo autem Benedictus, eo nomine, Pontifex XIV. dum pro gubernio Terrae Sanctae, statuta et Constitutiones approbavit, praefatam gratiam creandi Equites SS. sepulcri, per suos Antecessores superibus Terrae sanctae respective impertitam, speciali favore confirmavit per Bullam incipientem: In supremo militantis Ecclesiae: datam Romae 7. Januarii 1746. Pontificatus vero sui sono sexto. Quod ita sane a praedecessoribus nostris hucusque exequutum est, ut dehinc Equites permulti fuerint creati, et in praesentiarum creentur. In quorum numerum: Illmûs. Dnûs. Antonius Prokesch, ex nobili familia Austriaca, S. M. I. R. A. in Exercitu Dux, et diversorum Ordinum Eques. etc. supra dicti Ordinis Equestris SS. sepulcri Laureari, et splendoribus insigniri maximopere expostulavit. Nos igitur piis ejus precibus inclinati (solerti indagatione circa ea quae Catholicae fidei puritatem spectant, prius facta, et diligenti inquisitione super hisque ex antiquissimis Legibus in vero Christi Equite requirebantur, jam habita) Praefatum Illmûm. Dmûm. Antonium etc. in omnibus idoneum, ac tanto honore dignum reperimus. Emisso itaque (ut moris est) voto perse ipsum, Nos, Apostolica qua in hac parte peculiariter fungimur, autoritate, Eum SS. sepulcri D. N. S. C. Equitem armavimus, creavimus, insignivimus, et condecoravimus; nec non torquem auream de more solemni, cum pendenti cruce ad collum ejusdem, proprio Loco SS. sepulcri imposuimus die 23. mensis Aprilis anni 1829. Adque per praesentes à Nobis condecoratum, insignitum, creatum, et armatum, nominamus, declaramus, et publicamus, cum singulari potestate stemmata hujusmodi deferendi assiduo, tum publice, cum private, et iisdem pro Insignibus, utendi; nec non omnibus, privilegiis, indultis, gratiis, exemptionibus, et praerogativis, quibus caeteri ejusdem Equestris Ordinis Equites gaudent, vel in posterum gaudebunt, perfruendi. In quorum omnium et singulorum fidem hoc Diploma, manu nostra subscriptum, ac pendente sigillo majori Resurrectionis Dominicae munitum, expedire decrevimus. Vale, Deusque suum, pro defensione et exaltatione sanctorum Locorum, tibi praestet auxilium.

Privilegia, Equitibus SS. sepulcri, à Pontificibus, Imperatoribus, et regibus concessa. 1. Equites SS. sepulcri praecedere debent reliquos alios cujuscumque Ordinis, seu Militiae: exceptis illis Velleris aurei vulgo: del Toison d'Oro, nuncupatis. 2. Possunt legitimare eos, qui ex legitimo Matrimonio non sunt nati; baptismale nomen mutare: arma seu stemmata concedere, et Notarios creare. 3. Bona Ecclesiastica, pro tuenda fide Christi, licet sint uxorati, possunt tenere absque Ecclesiae praejudicio. 4. Ubique locorum sunt exempti ab omnibus gabellis, et tributis tam vini, quam cerevisiae et aliorum. 5. Tempore belli sunt exempti â vigiliis, et â militum hospitio. 6. Si corpus patibulo appensum in via repererint, educto gladio de vagina possunt praecidere laqueum, et ut sepulturae mandetur imperare.

Obligationes. Ad quas tenentur Equites SS. sepulcri ex juramento et voto professionis eorum. 1. Equites SS. sepulcri, data opportunitate, debent quotidie audire Missam. 2. Cum opus fuerit, bona temporalia, et vitam exponere tenentur, dum bellum universale contra infideles paratur, et in propria venire persona, aut mittere idoneam. 3. Sunt obligati sanctam Dei Ecclesiam, ejusque Ministros ab eorum persecutoribus defendere, ac pro viribus ab iisdem liberare. 4. Debent injusta bella, turpia stipendia, et lucra, hastiludia, duellum, et caetera hujusmodi (nisi causa militaris exercitii) vitare. 5. Debent inter Christi fedeles pacem, et concordiam procurare, Rempublicam exornare, cultum Divinum promovere, opera pietatis exercere, verbo et exemplo monita salutis cunctis praebere, ac sese tanto honore dignos demonstrare.

Fr. Thomas a Monte Asula Terrae Sanctae Custos.

De mandato Rmi in Christo Patris. F. Coelestinus ab Aunano Terrae Sanctae Secretarius.

(L. S.)

Der Weg nach Bethlehem führt vom Pilgerthor nach der Höhe des bösen Rathes, wo die Hohenpriester die Verdammung Christi beschlossen haben sollen. Es stehen die Ruinen einer Kirche dort und eine Moschee daneben. Das Feld ringsum ist baumlos und felsig; es hat eine halbe Stunde Durchmesser. Auf dem Hügel zur Rechten gewahrt man die Reste eines Thurmes, fast zum Steinhaufen umwandelt. Man nennt die Stelle den Thurm Simeons des Alten. Schön zeigt sich das griechische Kloster S. Elias, in der Einsattlung zweier sanfter Höhen aus dichtem Öhlwald mit hohen Mauern ragend, rechts aber das Dorf Atamon, auch das Dorf Simeons des Alten genannt, und weiter im Thale Bethsafafa. Ein Paar hundert Schritte vor dem Kloster S. Elias (drei Viertelstunden von Jerusalem) steht ein alter, mit mächtigen Blöcken umgebener Brunnen; er wird als derjenige verehrt, woraus der Stern den drei Weisen emporstieg. Am Wege, der Klosterpforte gegenüber, findet man einen Öhlbaum, um welchen, nach morgenländischer Sitte, eine Betstelle gebaut ist; daran zeigt man im Felsboden eine Aushöhlung, worin der Prophet geruht haben soll. Bethlehem wird von dort aus sichtbar. Es ist nicht viel über eine halbe Stunde entlegen und nimmt sich auf dem kahlen Hintergrunde felsiger Höhen stattlich aus. Alle tiefen und alle wagrechten Räume zwischen den Felsschichten der Höhen sind trefflich bebaut; die Erde ist röthlich, das Gestein Marmor. Auf dem Wege dahin, eine Viertelstunde weiter, sind einige Reste alter Umfangsmauern aus trocken gefügten Blöcken, die ein Paar Fuß über den Boden ragen. Dort soll Rama gestanden haben, dessen Jeremias mit den von dem Evangelisten Matthäus wiederholten Worten erwähnt: »Und horch! bitteres Schluchzen und Klagegeheul auf Rama. Rachel weinet über ihre Kinder.« (XXXI. 15.) Auf wenige Schritte zur Rechten von den Ruinen zeigt man einen Mauersarg, 11 Fuß lang und 4 Fuß breit, unförmliches und offenbar türkisches Werk; auch von einer kleinen Moschee umfangen. Juden und Türken wallfahrten fleißig an diese Stelle, die sie das Grab Rachels nennen. Zahlreiche Aufschriften zeugen davon. Darneben ist eine Cisterne. Gräber der Muselmänner umgeben dieß Heiligthum, das allerdings die durch Überlieferung bekannt gebliebene Stelle bezeichnen kann. Das erste Buch Moses sagt: »Also starb Rachel und ward begraben an dem Wege gen Ephrath, die nun heißt Bethlehem.« (XXXV. 19.) Ferner Samuel: »Wenn du jetzt von mir gehst, so wirst du zween Männer finden bei dem Grabe Rachels, in der Gränze Benjamin, zu Zelzah.« (X. 2.) Diese Angaben beweisen einmal, daß das Grab Rachels ein in den frühen Jahrhunderten bekannter Gegenstand war, und dann, daß es in der Gränze des Gebietes von dem Stamme Benjamin und auf dem Wege von Jerusalem nach Bethlehem lag. Es hieße sonach gewaltsam die Wahrscheinlichkeit von sich stoßen, wollte man nicht annehmen, daß nach und nach die Merkzeichen der Stelle zwar wechselten, diese aber eine bekannte blieb, und die heut zu Tage dafür angegebene ist. Eben die Einerleiheit dieses Punktes mit dem von der Schrift dafür gehaltenen berechtigt zur Voraussetzung, daß der daran stoßende Ort derjenige ist, den Jeremias Rama nennt, und der vielleicht in früherer Zeit Zelzah hieß. Mehrere Orte tragen den Namen Rama, wie wir aus Jos. XVIII., Richter XIX., Samuel XIX. XXII. XXVIII., Könige XV. u. s. w. ersehen. Er wurde von den Griechen auch mit ΰψηλήν, Höhe, Hochfeld, übersetzt, eine Bezeichnung, die sich trefflich aus die Örtlichkeit der Ruinen am Grabe Rachels anwenden läßt.

Rechts von diesem Grabe aus dem Berge liegt das Dorf Bethisallah, das von Griechen bewohnt und reich an Wein und Öhl ist. Auch ein Wasserbecken, länglichrund, zu hundert Schritt größeren Durchmessers, natürlich gebildet, jetzt ein Garten, findet man zwischen Rama und Bethlehem, links aber am Abhange einen Wasserzug, der bis vor Kurzem noch Jerusalem diente, jetzt aber unterbrochen ist; vielleicht die Quelle Gihon. (II. Chron. 32.)

Bethlehem, welches schon das erste Buch Moses nennt (XXXV. 19), und die auch im alten Testamente mit einem heiligen Glanze umgeben war durch die Geschichte der Moabitin Ruth, so würdig besungen in unseren Tagen durch eine unserer edelsten Frauen; Bethlehem, welche Israel einen Richter gegeben hatte (Richt. XII. 8) und den königlichen Sänger David (1. Sam. XVI.), und von der ein Prophet weißsagend sang: »du, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll er kommen, der in Israel Herr sey, und welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist« (Mich. V. 1): Bethlehem krönet die Einsattlung zwischen zwei Hügeln und den einen dieser Hügel selbst; während das Kloster und die Kirche über der Geburtstätte Christi, einer stattlichen Burg gleich, auf dem anderen liegen. Das Thal, das dort den Ursprung nimmt, ist reizend durch trefflichen Anbau und durch die Fülle an Mandel-, Öhl- und Feigenbäumen. Vieles Volk war im Freien und grüßte uns mit einem buon giorno. Da es gut bewaffnet war, kühn auftrat und reiche Kleider trug, so hielt ich es für muselmännisches. Es bestand aber aus Christen, denn diese haben in Bethlehem das Recht, Waffen zu tragen. Es wohnen über 1000 Katholiken, an 1000 Griechen, 30 armenische und 40 türkische Familien in Bethlehem. Die ersten spielen den Meister. Sie tödteten vor Kurzem dem Pascha vier Soldaten von dreißig, die er dort hielt, und verjagten die übrigen.

Man führte uns am Kloster vorüber und hinter demselben auf die freie Höhe. Dort verehrt man die Grotte, in welcher die h. Jungfrau, kurz vor ihrer Flucht nach Ägypten, das Christuskind vor Herodes verborgen haben soll. Zwölf Stufen führen zu einem Altare hinab, vor dem drei Lampen brennen. Die Wände sind roh, das Gestein ist Kreide. Die Gläubigen sagen, einige Tropfen von der Milch der h. Jungfrau habe demselben die weiße Farbe gegeben. Darum glauben die Frauen auch, es erleichtere, als Pulver genommen, die Geburtschmerzen. Der Eingang dieser Grotte sieht nach Nord.

Der Zugang des Klosters ist mit breiten Steinen gepflastert, mit Brunnen und Aufsätzen begleitet, breit und ansehnlich. Kloster und Kirche sind es nicht minder, aber in Verfall, und wenn nicht Hülfe kommt, bald in Ruinen. Die Armenier haben die Oberhand in diesem Gotteshause, das erst vor wenigen Monaten von der katholischen Gemeinde verlassen werden mußte, weil dieselbe eine Geldforderung des Pascha nicht befriedigen konnte oder wollte. Die Kirche hat Kreuzform, ist aber am Vereinigungsorte des Stieles mit den Armen vermauert. Acht und vierzig Säulen, zu zwölf in der Reihe, tragen das Schiff; sie sind aus weißem Marmor, 18 Fuß hoch, haben 2-1/2 Fuß Durchmesser, 9-1/2 Fuß Abstand unter sich und eine Art korinthischer Knäufe von schlechter Arbeit. Die Querbalken und das Dach sind aus Cedernholz, sagt man; mir schien es von Cypressen. Die Wände waren mit Mosaik belegt, von der man Reste sieht, und auch mit Marmor, wovon der größere Theil von den Türken genommen und zu der großen Moschee in Jerusalem verwendet wurde.

Der dermalen benützte Theil der Kirche ist der obere des Kreuzes. Über der Mitte steht ein Altar der drei Könige und der Geburt, und ist der eigentliche Hauptaltar. Die Griechen haben einen Flügel daran; der andere Flügel und der Mittelaltar gehören den Armeniern. Die Katholiken dürfen dort gar nicht Messe lesen. Der vormals für sie bestimmt gewesene Eingang in die Kirche ist nun vermauert. Über dem Hochaltar sind die geheimnißvollen Grotten der Geburt und der Krippe. Zwei Stiegen führen hinab zur Rechten und Linken, jede zu sechzehn Stufen; die eine gehört den Griechen, die andere den Armeniern. Die Länge der Grotte der Geburt ist 37 Fuß 6 Zoll von Osten nach Westen; die Breite 11 Fuß 9 Zoll, die Höhe 9 Fuß. Die Geburtsstelle liegt an der östlichen Wand und fällt in eine gerundete Nische. Im Boden derselben, mit feinem Marmor belegt, ist ein flammender Stern aus Silber, der eine Kreisplatte grünlichen Marmors zu etwa 4 Zoll Durchmesser umgibt. Im Saum um diese Platte stehen die Worte: Hic de virgine Maria Jesus Christus natus est. Vierzehn Lampen brennen in der Nische, die, so wie die ganze Grotte, mit Seidenstoffen behängt und reich geziert ist. Wenige Schritte davon, in der südlichen Eintiefung, zeigt man auf der einen Seite den Stein der Krippe, auf der andern die Stelle, wo die drei Weisen ihre Geschenke niederlegten und anbeteten. Jener steht in ähnlicher Nische; ein Stern aus weißem Marmor umschließt eine Porphyrplatte; fünf Lampen brennen darüber. Ein Bild der Geburt Christi, von Jacopo Palma, schmückt den Hintergrund. Auf dem Altar der drei Könige ist ein Bild von demselben Meister, welches die Anbetung darstellt. Dieser Altar ruht auf dem Steine, wo die Jungfrau sitzend die drei Könige empfangen haben soll.

Der den Katholiken erlaubte Eingang in das Heiligthum, worin sie neunzehn, die Griechen siebzehn und die Armenier zehn Lampen halten, geht westwärts durch einen unterirdischen Gang. In diesem findet man zuerst den Altar Josephs, dann denjenigen der unschuldigen Kinder, unter welchem mit eisernem Gitter verschlossene Grotte die Gebeine der Gemordeten enthalten soll. Von dort kommt man in die zur Kapelle umwandelte Grotte des h. Hieronymus, worin er gewohnt und die Bibel übersetzt hat; nahe daran ist sein Grab, und auch dasjenige des h. Eusebius und der hh. Paula und Eustochia. Über jedem Altar steht ein Bild. Wirklich rührend im Ausdruck ist dasjenige der beiden Frauen, dieser Sprossen aus dem Geschlechte der Gracchen und Scipionen. Beide, Mutter und Tochter, schlummern den Schlaf des Todes; die Verwandtschaft und eine leise Wehmuth wohnen in ihren Zügen. Sie ruhen auf goldverbrämten Kissen aus rothem Sammt, die Mutter im schwarzen Pilgerkleide, die Tochter mit gelösten Haaren von Rosen durchflochten, den gekreuzigten Heiland in der Rechten gegen die linke Brust gelehnt, die noch unter der zarten Tunika zu beben scheint. Ein Paar Engelchen schweben darüber, und einer derselben reicht die Krone.

Von dort sind drei und zwanzig Stufen hinauf in die katholische Kirche, die klein, aber reich an Schmuck und Bildern ist; besonders ist das Bild der Geburt Christi in der hinter dem Hochaltare befindlichen Sakristei sehenswerth. Um der Bevölkerung zu genügen, mußte der Altar der Thüre gegenüber aufgerichtet werden, damit der Kreuzgang des Klosters die Frommen fassen könne.

Die Katholiken haben dermalen nur einen Wärter, der zugleich Schullehrer ist, und der katholischen Bevölkerung die paar italienischen Worte vorsagt, womit sie die Reisenden zu begrüßen pflegt. Doch fand ich einige maronitische Priester vom Libanon dort, welche einstweilen Seelsorge üben, stille Leute, höchst ruhigen Ausdruckes, ernst und einfach. Mit diesen nahm ich gemeinschaftlich das Mahl. Es war mir als säße ich mit Abraham zu Tische. —

Kloster und Kirche sind von der h. Helena erbaut und von christlichen Fürsten erneuert worden. Aber schon in der ersten Zeit hatten die Gläubigen ein Gebethaus über der Krippe des Heilandes. Hadrian stellte eine Statue des Adonis dort auf. Die heil. Helena warf diese nieder. Von der Terrasse des Klosters blickt man weit über stilles, felsiges, in Schluchten und auf Abhängen mit lebendigem Grün bedecktes Land. Wir hatten das Kloster

St. Elias in N. 10° O.

Bethlehem in W.

Arabisches Gebirge von NO. bis SSO.

den Weg nach dem Kloster Saba O. bis N.

die Grotte der Hirten S. 75° O.

die Grotte der heil. Jungfrau S. 32° O.

Lukas erwähnt der Grotte der Hirten (II. 8). Ich weiß nicht ob es eine und dieselbe mit der Höhle Adullam ist, die in den Kriegen Davids bekannt wurde. (II. Sam. XXIII.)

Ich kaufte in Bethlehem eine Zahl Heiligenbilder, Madonnen und Kreuze aus Holz oder Perlenmutter geschnitzt, oder mit solchen eingelegt, mit Mühe und Fleiß, aber ohne alle Kunstübung gemacht von den Bewohnern der Stadt; auch ein paar schöne Trinkschalen von den Arabern aus Wadi Musa, aus Stein des todten Meeres geschnitzt und mit Sprüchen des Korans versehen.

Am Engwege im Norden von Bethlehem wies man mir die Stelle, wo das Haus Davids gestanden haben soll (Sam. XVI. XVII. XX.). Von dort ritt ich zum Grabe Rachels und dann westwärts nach Bethsafafa (1/2 St.). Tausend Schritte vor diesem Orte sieht man eine tiefe Cisterne, zur Linken aber, auf einer Höhe, Schörafat. In der Ebene steht eine riesige Terebynthe, darunter die heil. Jungfrau auf ihrer Flucht nach Ägypten geruht haben soll. Auf den jenseitigen Höhen reitet man durch Rosengärten (wozu hier der Grund förmlich bereitet und bebaut wird, denn Rosenwasser und Rosenöhl sind Erwerbzeuge), durch Wein und Öhlpflanzungen und über einige Felder hinauf zum Dorfe Mälha (1/2 St.), das gleich den beiden erstgenannten nur von Muselmännern bewohnt ist; dann auf der Höhe fort, drei Tumuli zur Linken lassend, und hinab durch Terebynthen und Reben ins Dorf St. Johann (3/4. St.), das reizend liegt von wohlbebauten Hügeln umbreitet. Das Kloster daselbst wird von vierzehn spanischen Mönchen bewohnt, und ist das schönste katholische im heiligen Lande. Die Kirche, ganz mit Marmor ausgelegt, hat innen sieben und dreißig Schritte Länge, vier und zwanzig Breite, vier Pfeiler und Kreuzform. Durch ein vergoldetes Gitter steigt man zur Linken in die Grotte der Geburt Johannis hinab, mit weißem und schwarzem Marmor ausgetäfelt, mit Seidenstoffen und Goldfransen behangen. Im Hintergrunde ist die Nische, wo ein Stern aus weißem Marmor die Stelle umschließt: hic praecursor Domini natus est. Fünf Basreliefs in weißem Marmor decken die Wände dieser Nische. Das erste stellt die Heimsuchuug, das andere die Niederkunft, das dritte die Predigt in der Wüste, das vierte die Taufe Christi, das fünfte die Enthauptung vor. Die Arbeit daran ist mittelmäßig und geziert. In der schwarzen Marmordecke darüber ist ein Lamm aus weißem Marmor eingefügt, und darüber lieset man die Worte: Ecce agnus Dei. Über der Nische ist ein reicher Altar mit dem Bilde des Täufers. Die Kirche selbst hat sieben Altäre, eine Orgel, mehrere Gemälde von Werth, darunter einen Johannes in der Wüste, von Murillo, und eine schöne Heimsuchung in der Kapelle zur Rechten. Dort zeigt man auch einen Stein, worauf Johannes in der Wüste öfters gesessen haben soll.

Von der Höhe des Klosters fand ich

Cassr N. 25° W.

Colonia N. 10° O.

Johannis Grotte in der Wüste W.

das Haus der Heimsuchung S. 60° W.

den Berg der Makkabäer NO.

die Straße nach Bethlehem OSO.

den Berg Obed-Edoms[B] O.

Das Thal von St. Johann nach Colonia ist breit und baumreich. Es wird für das Terebynthenthal gehalten, worin David den Goliath erschlug. — Der Weg nach der Wüste des heil. Johannes führt zunächst am Hause der Heimsuchung vorüber, d. i. an den Ruinen eines Klosters, auf der Stelle erbaut, wo die Mutter des Vorläufers Christi gewohnt haben soll. In einer Grotte daran soll die heil. Jungfrau dieselbe begrüßet und die schönen Worte gesprochen haben, die Lukas im ersten Kapitel aufführt. Von dort nach der Wüste ist nicht über eine Stunde Weges. Das Wort Wüste ist unrichtig von der Öde gebraucht, in welche man tritt, und wo abermals eine Grotte zwischen Felsen und Bergen, verehrt wird als der Ort, wo Johannes gewohnt und geprediget hatte.

Wir ritten nach St. Johann zurück und nahmen weiter den Weg nach Jerusalem. Dieser führt längs dem Berge der Makkabäer hinauf, so genannt, weil dort ihre Gräber seyn sollen, hält sich dann auf der Flachhöhe, kreuzt ein Wiesthal, welches das Thal der Beduinen heißt, und kommt nach einer Stunde von St. Johann an das hochumthürmte griechische Kloster zum heil. Kreuze, das, ganz einsam, an der Stelle steht, die man als diejenige, wo der Baum zum Kreuze Christi gehauen wurde, verehrt.

Nach einer halben Stunde von diesem Kloster erreichten wir die Stadt. Vor dem Pilgerthore steht eine große Terebynthe, und nicht ferne davon sieht man ein großes Wasserbecken, offenbar uralten Ursprunges und höchst wahrscheinlich dasjenige, dessen das zweite Buch der Könige (XVIII. 17.) und Jesaias (VII. 3. — XXXVI. 2.) erwähnen. Die Örtlichkeit und die Bezeichnung »der obere Teich« sind hier entscheidend, und die letztere beweiset für das Alter auch des unteren Bends, dessen weiter oben erwähnt wurde. — Dort ist die Flachhöhe mit den weißen Todtenmalen der Türken besäet. Es war ein rührender Anblick; eine Menge Frauen beschäftigt zu sehen, an diesen Malen zu beten oder sie mit Rosen zu bestreuen.

Mir ließ die heilige Stadt, da ich von ihr schied, einen mächtigen, aber wehmuthvollen Eindruck zurück. Die Vergänglichkeit dessen, was so bedeutend war, ist eine große Lehre. Mein Leben unter Ruinen und selbst in Trümmer zerfallen, fühlt die Verwandtschaft im Schicksal mit diesen Resten.

Du bist nun verlassen, hochgepriesene Tochter Sions! Der Sänger wünschet dir: »Es müsse Friede seyn in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen!« (Psalm. 122.) Aber richtig frägt der Prophet: »Wer will sich denn deiner erbarmen, Jerusalem? Wer wird denn hingehen und Dir Frieden erwerben?« — (Jerem. XV. 5.)

Jerusalem, als Wiege des Christenthums betrachtet, ist zweifelsohne ein trauriger, christliche Fürsten schmähender Anblick. Falsch ist, was Chateaubriand und andere Frömmler sagen, daß die Türken das heilige Grab mit Feuer und Schwert zerstören wollen. Wer hätte sie daran gehindert, würden sie es gewollt haben? — Im Gegentheile sind sie es, die erhalten. Was zerstöret, ist der Teufel des Neides zwischen den christlichen Sekten und die Versagung der kleinen Almosen, die zur Erhaltung der Bauten und Menschen unerläßlich sind. Der Tribut der katholischen Mönche an die Pforte ist nur 7000 Piaster, aber die Pascha und Statthalter wollen Geschenke, und die arabischen Häuptlinge der Umgegend, wie z. B. Bogooz, verkaufen ihren Schutz und das freie Geleite theuer. Dermalen hat das Kloster zum heil. Erlöser über anderthalb Millionen Piaster Schulden; aber es sind auch seit Jahren keine Zuschüsse aus Europa gekommen. Die Worte der Apostel (Röm. XV. — Korinth. XVI. — II. Korinth. IX.) sind längst verschollen.

Die katholische Gemeinde und ein englischer Reisender, John Porter, mit dem ich in freundschaftlicher Verbindung stand, gaben mir das Geleite bis zur Stelle im Norden des Pilgerthores, wo die Karawane, mit der ich nach Ramle zurückging, zusammen wartete. Eine Stunde, nachdem wir aufgebrochen waren, ritten wir unter Colonia weg. Die Straße war voll von Weibern und Kindern, die nach der Stadt gemalte Eier und Esswaaren zu Markte trugen. Wir tränkten unsere Pferde an einem Brunnen, 1/4 Stunde vor Errit-el-Enneb, und hielten unter den Feigenbäumen dieses Dorfes an. Es gehört so wie die meisten der Umgegend dem oben genannten Araberhäuptling. Die Bewohner eilten herbei und setzten sich freundlich zu uns, ein schönes, kräftiges Geschlecht, gelenkigen schlanken Baues und tiefdunkelen Auges. Sobald wir die Höhe hinter dem Dorfe erstiegen hatten, wies sich hellglänzend im West das Sandgestade von Jaffa, und hinter demselben die dunkle See. Nach anderthalb Stunden waren wir, den Felsensteig herunter, im Thal. Die schroffen Wände dienten großen Ziegenherden zur Weide, feinbehaarte Thiere, schwarz, mit rothgelber Zeichnung an Füßen, Bauch und Stirne, mit zurückgekrümmten roth bestrichenen Hörnern. Die Hirten waren mit Flinten und Keulen bewaffnet.

Im engen Thal, am Fuße der Höhen, stehen die Ruinen einer Kirche, die seit lange zerstört seyn muß, da aus dem Schutte große Terebinthen sich heben. Eine halbe Stunde weiter öffnet sich das Thal und beginnt der Anbau. Bald erreicht man zwei große, tiefe, aufgemauerte Brunnen und tritt dann in die Ebene, die ein Bild des gesegnetesten Landes der Erde gibt. Auf den Höhen sind hie und da Ruinen von Kirchen, Moscheen und Heiligengräber.

Ramle, von der Ostseite gesehen, trägt ganz besonders das morgenländische Kleid. Ruinen, Kuppelgebäude, Minarets, hohe Palmen, die über die weißen Terrassen der Häuser schauen; ein Vordergrund voll mächtiger Fülle an Gesträuchen und Bäumen; Grabwälder mit blinkenden Malen, Brunnen und Wasserbecken zur Seite, und über das Ganze ein wolkenloser aber blaßblauer Himmel gewölbt!

Wir stiegen im Kloster ab. Von der Terrasse desselben bleibt die Schlucht des Gebirges von Judäa, durch welche der Weg nach Jerusalem führt, in Ost. Strabo sagt, man behaupte von Joppe nach Jerusalem zu sehen (p. 759). Van Egmont berichtigt diesen Irrthum (Travels I. 297), Pockock bringt denselben wieder auf. (Descript. of the East. II. 3.) Die Wahrheit ist, daß man von Joppe nicht einmal bis Ramle sieht. Von Jerusalem, das am östlichen Abfall des Gebirges von Judäa liegt, und westwärts auf mehrere Stunden Breite den Rücken desselben als Scheidewand hat, ist es geradezu unmöglich die westliche See zu sehen. Wenn Josephus (de bello Jud. IV. 3.) erzählt, vom Thurme Psephina zu Jerusalem reichten die Blicke bis ans Meer, so ist dieß eine Übertreibung. Übrigens kann man ganz gut das Roth des Brandes am Himmel gesehen haben, als Judas Jamnia verbrannte (II. Makk. XII. 9). Man sieht von Jerusalem auch nicht das todte Meer, denn die Gegend ist nur nach Süd etwas geöffnet.

Gefoltert durch eine unzählige Menge von Mücken, die mich um die gehoffte Ruhe gebracht hatten, verließ ich Ramle, um nach Nazareth zu reisen. Der Weg führt nördlich durch die herrliche Ebene zwischen Feldern bis an das Dorf Hudieh (2-1/2 St.). Hinter diesem beginnt Hutweide und dauert durch drei Viertelstunden Weges, dann ist abermals bebaute Flur, bis zum Dorfe Mir (3/4 St.), das auf einem Hügelchen liegt. An der Straße stehen zwei Kreise von Sidirbäumen[C] zum Behufe der Reisenden. Während wir dort ruhten, kam ein Zug Jauchzender aus dem Dorfe. Männer eröffneten denselben, spielten auf Cymbeln und Hirtenflöten, sangen und schossen ihre Gewehre ab. Ihnen folgte ein schwer beladenes Kameel, worauf zwei Mädchen saßen. Dann kamen Weiber, die zum Theile weinten und heulten. Es war eine Brautabholung aus dem nahen Städtchen Lydda (Apost. Gesch. IX), welches die Römer Diospolis hießen, und das, wie so manches andere, heut zu Tage wieder den alten Namen trägt.

Eine Viertelstunde weiter steht ein Beduinendörfchen. Das Volk war um einen Araber versammelt, der für einige Para einen grauen großen Affen tanzen ließ. Unsere Ankunft zog die Aufmerksamkeit der Menge auf uns, und der Affe blieb verlassen, bis wir vorüber waren. An der Nordseite des Dörfchens fließt ein starker Bach, das größte Wasser zwischen Ramle und Nazareth, worüber eine Steinbrücke von sechs Bogen führt. Unter jedem Bogen sind zwei Mühlen angebracht. Diese zwölf Mühlen werden diejenigen von Jaffa genannt. Rechts auf eine halbe Stunde, in der Ebene, liegt das Schloß Raß-el-Eyn. Der Bach kommt an diesem vorüber aus dem Gebirge im Osten.

Eine Stunde weiter ritten wir durch den Ort Dör-Adeß, und, mit Abstand von einer halben Stunde von einem Punkte zum andern, über wellenförmigen bebauten Grund, durch das Dörfchen Kaffr-Suba, an einer einsamen Moschee, an einer zweiten und an Karentsauüh vorüber, das eine zerstörte Feste mit Ruinen einer Kirche ist, und etwas zur Rechten auf einer schwachen Höhe liegt. Dort ist auch ein Brunnen, der erste seit den Mühlen. Reisende aus Baalbeck und Damask hatten ihre Gezelte daran aufgeschlagen.

Anderthalb Stunden weiter ist Kahun, ein ummauerter Ort mitten in der Ebene auf einem Hügel. In solchen Nestern, hinter Mauern von etwa 15 Fuß Höhe, trotzen die arabischen Häuptlinge den Statthaltern des Sultans. Kahun, nebst einigen Orten im Gebirge von Napluß, standen eben damals im Aufruhr gegen den Pascha von Damask. Ich zählte, von Karentsauüh aus, sechzehn Orte am Gebirge oder auf demselben, jedes ummauert und einer Feste gleich, meist die Spitzen der Berge, so wie die Hügel der Ebene suchend, ein Umstand, der hinlänglich den fortdauernden Kriegzustand dieses Landes beurkundet. Unter dem Thore von Kahun wurden wir angehalten und mußten den Aga der Stadt abwarten, der seit früh Morgens auswärts war. Große Herden von Rindern zogen ein, denn die Sonne war im Untergehen; vieles Volt kehrte von den Feldern heim, wo wir es pflügen und ernten gesehen hatten; Mägde und Frauen gingen und kamen von dem Brunnen unten am Hügel, den länglich-runden irdenen Krug auf dem Kopfe. Die Tracht der arabischen Weiber ist hier dieselbe wie in Ägypten, ein blaues Hemde, und um den Kopf ein rothes Tuch gewunden, das längs dem Rücken hinabhängt.

Endlich kam der Aga. Er ritt ein gutes Roß, führte eine lange Lanze und war von einigen Soldaten begleitet. Er empfing uns sehr freundlich, ließ in der Burg ein großes Gemach für uns ausräumen, ein Mahl aus Fleisch und Reis bereiten, und leistete uns, bis dieß gebracht wurde, Gesellschaft. Er plauderte viel über die Weltangelegenheiten, und beklagte sich bitter über den Vizekönig Mohammed-Ali, den er als einen heimlichen Christen und Verräther am Sultan schilderte. Auch zwei Seeleute aus Tanger, Durchreisende wie wir, setzten sich zu uns, und zechten ganz wacker, sobald sie mit uns allein waren.

Drei Stunden nördlich von Kahun nimmt man die Richtung gegen Nordost und Ost durch die niederen Waldhügel, welche zwischen dem Karmel und dem Gebirge von Samaria die Verbindung bilden. Die Thäler sind bebaut und die sanften Höhen mit Wallnußbäumen bedeckt. Von Stunde zu Stunde trifft man Ruinen von Kirchlein, aber von Kahun bis auf den Rücken dieser Höhen keinen Tropfen Wasser. Dort (5-1/2 St.) ist eine schlechte Tränke, bald darauf ein frisches Bächlein, vielleicht der Bach Kedumim der Schrift (Richter. V. 21.). Im Schatten der Bäume, die dessen Ufer bekleiden, ließen wir die Gluth des Mittags vorüber gehen. Ein Türke aus Damaskus schloß sich an uns. Dann stiegen wir rasch in die Ebene von Esdrelon hinab, die acht Stunden lang und halb so breit, im Süden vom Gebirge von Samaria, im Westen vom Karmel, im Norden von den Höhen von Nazareth, im Osten von den Bergen Thabor und Hermon umschlossen ist, zwischen diesen beiden aber eine Verbindung mit der Ebene des Jordan hat. Sie ist bebaut, wird aber auch von Sümpfen und dem tief eingeschnittenen Kischon durchzogen. Wir irrten, um den Weg durch die Moräste zu finden, wagend und rathlos umher, bis ein Beduine uns die richtige Furt zeigte, erreichten nach drei Stunden die nördlichen Höhen, und nach andern zwei, am Dorfe Jaffa vorüberkommend, das in einem kahlen Bergkessel hochgelegene Städtchen Nazareth.

Da empfing uns in morgenländischer Tracht, aber mit dreieckigem Hute, dem Zeichen seiner Würde, der Vizekonsul Sr. Majestät zu Akka, Antonio Catafago, und führte uns in das Kloster ein, wo Gemächer für uns bereit waren. Abends aßen wir bei ihm, und fanden uns von seiner liebenswürdigen Familie umgeben, welche unter den Christen die reichste der syrischen Küste ist. Er und seine Frau sind italienischen Ursprunges; aber in Aleppo geboren. Wie ein Patriarch saß er inmitten von Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen und Schnüren. Die Frau des einen Sohnes, auf dem Libanon geboren, war kaum dreizehn Jahre alt, und doch schon über ein Jahr verheirathet. Diamanten, Perlen und Goldstücke glänzten an der reichen türkischen Tracht dieser Frauen und Mädchen; ich glaube, daß jede fünfzigtausend Piaster Werth an solchen auf sich trug. Sie sprachen nur die Landessprache, d. i. die arabische, waren heiter und freundlich, von angenehmen Gesichtformen, mit tiefen schwarzen Augen, sehr weiß und rein an Farbe, und hatten die Augenlieder schwarz bemalt.

Im Kloster fand ich zwölf Mönche, deren Vorsteher, Pater Filkuka, ein Mährer, war, vormals Pfarrer zu Großmeferich. Seine Freude, einen halben Landsmann zu finden, war nicht gering, und er bot sein Bestes auf, um uns freundlich zu bewirthen. Das Kloster ist geräumig, gleicht einer Festung, hat Mauern und verschiedene Höfe, und eine schöne Kirche, als deren Heiligthum die unter dem Hochaltare befindliche Grotte der unbefleckten Empfängniß betrachtet wird. Diese ist auf die Weise der Heiligthümer in Jerusalem und Bethlehem mit Seide und Marmor reich ausgeziert. Eine Granitsäule hängt ganz seltsam in der Decke der Grotte, und war lange, und ist noch der Gegenstand der Verehrung der Wundergläubigen. Hinter dieser Grotte werden andere, als Wohnort der heil. Jungfrau, gezeigt, wobei man die Plätze angibt wo sie ruhte, kochte u. s. w. Auch besuchen die Pilger mit Andacht die Werkstätte Josephs, nun eine katholische Kapelle; das Haus des Heilandes, worin durch einen Felsblock ein natürlicher länglich-runder Tisch gebildet ist, an dem er oft mit seinen Zwölfen gesessen haben soll; die Synagoge, wo er zu lesen und zu lehren pflegte, nun eine griechische Kirche; endlich den Abhang, eine Viertelstunde vor der Stadt, wo ihn die Nazarener herabstürzen wollten (Luk. VI.). Alle diese heiligen Stellen finden wir in den Schriftstellern vom sechsten Jahrhundert bis zu unseren Tagen häufig geschildert. Die älteren sprechen aber auch von schönen Kirchen, welche die Kaiserin Helena dort errichtet hatte. Diese sind in Trümmern, und durch kleinere ersetzt.

Nazareth hat dermalen an 5000 Einwohner, darunter 1200 Christen; gute und bequeme Gebäude längs dem östlichen Abhange hinaufgebaut; vor sich, im Osten, einige Gärten und Felder; im Süden das Thal, das in die Ebene von Esdrelon ausläuft. Es behauptet sich in einer Art von Unabhängigkeit vom Pascha von Akka, zu dessen Gebiet es gehört. Die Christen haben auch da das Recht, Waffen zu tragen. Die arabischen Häuptlinge der Umgegend wohnen gerne darin, und betrachten es als einen Ort der Begegnung und Besprechung unter sich. Catafago und die Seinigen besitzen schöne Landhäuser daselbst. Gastfreund der Häuptlinge aus dem Gebirge von Napluß, flüchtete er hieher seine Familie, da diese von dem genannten Pascha im Sommer 1828 bedroht und aus Akka vertrieben worden war. Die Häuptlinge selbst trugen ihm Geld und Leute an, und unter ihrem Schutze war er sicher gegen die Gewalt des Statthalters.

Von Nazareth nach dem Jordan ist nicht über fünf Stunden Weges. Gleich außer dem Städtchen findet man den schönen Brunnen, der nach der heil. Jungfrau benannt wird. Man reitet längs den östlichen Höhen fort, auf diesen das Dörfchen Eyn-Mechel zur Linken, in der Ebene zur Rechten aber den Ort Dabura lassend, den Einige für das Städtchen Debora des Buches der Richter nehmen. Diese Annahme ist irrig, denn in diesem Buche heißt es: »Und sie wohnete unter den Palmen Debora zwischen Rama und Bethel, auf dem Gebirge Ephraim« (IV. 6.) Dabura scheint vielmehr das Dabrath des Josua (XIX. 12. XXI. 28.), welches Eusebius als Dabira kennt.

Hart an Dabura, das zwei Stunden von Nazareth entlegen ist, steigt der Thabor frei aus der Ebene, wie ein breiter Kegel empor. Dieser berühmte Berg, eine der Denksäulen im Gebiete der Religionen, ist eigentlich eine Fortsetzung der Höhen von Nazareth. Er fällt nach allen Seiten gleich steil ab. Eichen, wilde Pistazienbäume und dichtes Gesträuch decken dessen Rücken. Man braucht eine starke Stunde, um den Gipfel zu erreichen, weßhalb auch Jeremias in seiner Prophezeiung gegen Ägypten von dem »Schlächter aus Mitternacht,« der es besiegen wird, sagt: »Er wird daher ziehen, so hoch, wie der Berg Thabor unter den Bergen, und wie der Karmel am Meer!« (XLVI. 18.) Der Gipfel hat etwa eine halbe Stunde Umfang, ist geebnet und von Resten einer Umwallung, durch die an der Westseite ein Bogenthor (Bab-el Hauwa, die Windpforte) führt, umschlossen. Grundfesten und Cisternen deuten auf uralte Benützung dieser unvergleichbaren Stelle, von wo das Auge alles Land zwischen dem Karmel am Meere, den Schneegipfeln des Libanon und Antilibanon, den Gebirgen von Damaskus, des Landes Hauran und des steinigen Arabiens umfaßt. Schon zu den Zeiten der Einwanderung der Israeliten wird einer Stadt Thabor gedacht, die an die Priesterkaste gegeben wurde (Chron. VII. 77). »Wie waren die Männer,« fragte Gideon, die gefangenen Midianiter-Fürsten Sebah und Zalmuna, »die ihr erwürgtet zu Thabor?« — diese antworteten: »Sie waren wie du, und ein jeglicher schön, wie eines Königes Kind.« Er aber sprach: »Es sind meine Brüder, meiner Mutter Söhne gewesen. So wahr der Herr lebt, wo ihr sie hättet leben lassen, so wollte ich euch nicht tödten.« Und er tödtete sie. (Richt. VIII.) — Polyb (lib. V.) kennet Thabor unter dem Namens Atabyrium, worin der ursprüngliche Laut nicht verkennbar ist, und dem selbst derjenige des heutigen Dabura nahe liegt. Man könnte also auch Dabura und Atabyrium für einen und denselben Ort halten; aber Polyb sagt ausdrücklich, daß die genannte Stadt auf der Spitze eines fünfzehn Stadien hohen Berges lag, was wohl auf Thabor, nicht aber auf das in der Ebene liegende Dabura sich anwenden läßt. Josephus nennt den Berg selbst ορος Ιταβΰριον (Ant. V. 23.) und die oben liegende und ummauerte Stadt auch Αταβΰριον. — Adamnanus, ein Schriftsteller des siebenten Jahrhunderts (lib. II. de loc. sanct.) spricht von einem geräumigen Kloster auf dem Gipfel des Thabor und von Grotten, welche die Mönche daselbst bewohnten. In einer dieser Grotten wird noch von den Katholiken Gottesdienst gehalten, und zwar am Peterstage; nicht ferne davon auch von den Griechen, aber am Tage von Maria Geburt; beide betrachten die Stelle als diejenige der Verklärung.

Das mittelländische, oder wie die Israeliten es nannten, das große Meer und der See von Tiberias breiten dem Auge des auf dem Gipfel des Thabor Stehenden ihren glänzenden Spiegel hin. Die Berge von Samaria, diejenigen von Gilboa liegen nahe vor dem Blicke; am nächsten der Hermon, an Gestalt und Höhe dem Thabor gleich, aber auf breiterer Grundlage ruhend und mit einer weit sichtbaren Moschee gekrönt. »Mitternacht und Mittag hast du geschaffen; Thabor und Hermon jauchzen in deinem Namens« (Psalm. 89). — Am Fuße des letztern zeigt sich Naim, wo Christus den Sohn der Wittwe erweckte (Luk. VII. 11.), und Endor, so bekannt durch das Weib, das dem Könige Saul, am Vorabende seiner letzten Schlacht gegen die Philistäer, den Schatten Samuels herauf rief, der ihm die furchtbaren Worte sagte: »Morgen wirst du mit deinen Söhnen bei mir seyn!« (Sam. XXVIII.) — Auch die beiden Dörfchen erblickt man, wo in unseren Tagen die Franzosen die Schlacht am Thabor schlugen. Weit ausgebreitet aber liegt in ihrer ganzen Länge die Ebene von Esdrelon vor dem Blicke, wahrlich vom Himmel zum Schlachtfeld gebildet! — Vor meinem Geiste stiegen die alten Bilder empor, die neunhundert eisernen Wagen des Sissera, sein Kampf, seine Niederlage gegen die Männer der Stämme Naphtali und Sebulon, von dem begeisterten Weibe Debora geführt!

»Sebulons Volk wagte seine Seele in den Tod! Naphtali auch, in der Höhe des Feldes.«

»Die Könige kamen und stritten« ...

»Der Bach Kischon wälzte sie, der Bach Kedumim. Tritt, meine Seele, auf die Starken!«

»Da rasselten der Pferde Füße vor dem Zagen ihrer mächtigen Reiter ...«

»Gesegnet sey unter den Weibern Jael, das Weib Hebers des Keniters; gesegnet sey sie in der Hütte unter den Weibern!«

»Zu ihren Füßen krümmte sich Sissera, fiel nieder und legte sich, und krümmte sich, und fiel wieder zu ihren Füßen; und wie er sich krümmte, so lag er verderbet.«

»Die Mutter Sisseras sah zum Fenster hinaus, und heulete durchs Gitter: Warum verziehet sein Wagen, daß er nicht kommt? — Wie bleiben die Räder seiner Wagen so dahinten?...«

»Also müssen umkommen, Herr, alle deine Feinde! die dich aber lieb haben, müssen seyn, wie die Sonne aufgehet in ihrer Macht!« (Richt. V.)

Eine starke Stunde nordöstlich vom Thabor, am Fuße der Höhen von Nazareth, stehen zwei verlassene viereckige Kastelle. Die Stelle heißt Suchel-khan, oder auch der Khan von Dschäbel Tor. Wir fanden ein großes Treiben von Menschen dort, weil eben Montag war, und an diesem Tage dort Markt zwischen den Bewohnern von Nazareth und Tiberias und den Beduinen zu seyn pflegt. Diese bringen Pferde, Rinder, Schafe; jene Kleiderstoffe, Werkzeuge, Eßwaaren und Stuten, um sie bespringen zu lassen. Reihen gelegter Steine bezeichnen die den verschiedenen Waaren zugewiesenen Plätze, und Kauf und Verkauf gehen in voller Ruhe und Sicherheit vor sich. Ich trieb mich, ohne im mindesten belästiget zu werden, unter diesem Volke herum. Die Beduinen waren aus den Stämmen Anasi (aus der Wüste), Beni-Sohor (am Jordan), Szefech (am Thabor) und aus turkomannischen Horden. Diese Beduinen sind durchaus Hirten, und gehören nicht in die Klasse jener rein-arabischen Wanderhorden, die man in der Syrte, in Ägypten, in Nubien und im eigentlichen Arabien findet.

Die beiden Kastelle scheinen byzantischer Anlage und sarazenischen Zubaues. Sie liegen in Trümmern. — Von der Höhe des oberen hat man einen Ausblick in die Ebene des Jordan, wo sich der Ort Kokeb, 38° südöstlich, wie ein Vorgebirge krönend zeigt. Da wir uns östlich hielten, so hatten wir noch sanfte Höhen zu überschreiten, aus denen die Dörfchen Kuffre-Käne und Sahruni (1 Stunde) liegen. Das erste wird für das Städtchen Kana gehalten, wo Christus das Wasser in Wein verwandelte. Nachdem man eine von allen Seiten umschlossene Ebene, an deren Nordseite der Mons Christi oder Mons beatudinis (im Arabischen Kerun-Hottein), wo die Fünftausend gespeiset wurden, sich hebt, durchritten, und den Rücken der nächsten Hügelscheide erreicht hat, liegt zur Linken der See von Tiberias, ein riesiger Spiegel, der die Schneegipfel des Antilibanon und die finsteren Gebirgswände von Bethulia widerstrahlt, herrlich vor den Blicken; vor sich und zur Rechten aber zeigt sich, farblos und tief eingesenkt, die breite Flur des Jordan, dessen schimmernder Streif von dort, wo er aus dem See tritt, bis weit hinab gegen Süden wie das belebte Auge eines erstarrten Körpers dem Schauenden entgegenblitzt. Etwa tausend Schritte unter dem Ausflusse stehen eilf Steinbogen im Flusse, Trümmer einer Brücke. Dort erreichten wir, nach zwei Stunden Weges von Saruhni, den heiligen Fluß, in welchem noch heut zu Tage Christen, Muselmänner und Juden mit gleicher Andacht sich baden.

Es herrscht ein wunderbarer Geist der Stille und Verlassenheit in diesen Gefilden. Obwohl am Ufer und in der Ebene lange Strecken mit Tabak, Dura und Getreide bepflanzt sind; obwohl am südlichen Gestade des See's das Dörfchen Schannag sich zeigt, so ist es doch, als wohne kein menschliches Wesen auf dieser berühmten Flur. Sie ist eine abgeräumte Bühne; ihre Könige und Helden, ihre Entzückungen und Gräuel, ihre Jubelgesänge und ihre Thränen sind nicht mehr; Schweigen sitzt wie eine Mutter über der Vergangenheit und hüllet die Wundmale ihres Kindes ein.

Das Thal des Jordans trägt im Arabischen den Namen El-Ghor. Es wird an der Ostseite von steilen, nackten, wenig gezeichneten Gebirgen begleitet. Der Jordan, in vielen Windungen, hält sich meist an der Westseite. Hadrian Relandus (Palaestina Illustrata I. 4) gibt demselben 1200 Stadien Länge, was wenigstens um die Hälfte zu viel ist. Im Norden bildet der See von Tiberias, den die Bücher Moses das Meer von Kinnereth nennen, im Süden das todte Meer dessen Gränzen. Jericho in der südlichen Hälfte, und Scythopolis, die Betschean oder Betsan der Schrift, in der nördlichen, waren die vorzüglichsten Städte derselben. Ich halte die letztere für die heutige Kokeb.

Das Wasser des See's Tiberias ist klar. Keine einzige Barke belebte den weiten Spiegel, in den hoch herab, in Nordnordost, der Dschäbel El-Hesch, die Südspitze des Antilibanon, niedersah. Die Breite von El-Ghor mag da zwei Stunden betragen.

Auf dem zweiten Pfeiler der Ruinen der Brücke, bis zu dem ich das Wasser des Jordan durchwatet hatte, sitzend und das Reisemahl verzehrend, wurde mir ein malerisches Schauspiel zu Theil. Es zogen nämlich, aus dem Hauran zurückkehrend, Karawanen von mehreren hundert Kameelen durch die Ebene einher und über den Jordan nach Tiberias hinauf. Fünf bis sechshundert Reiter und Fußgänger begleiteten dieselben als Bedeckung. Es war die Sendung, die der Pascha von Akka jährlich auf die Pilgerstraße machen muß, die von Damaskus durch das Hauran nach Bosra und weiter über Wadi-Musa nach Mekka zieht. Ein beträchtlicher Theil der Truppenkraft des Pascha ist zum sicheren Geleite der Lebensmittel verwendet, welche zu Mezarib (Astaroth) niedergelegt zu werden pflegen. Die Dehlis sahen mich und die Meinigen nicht ohne Verwunderung auf dem Pfeiler im Jordan thronen; keiner aus ihnen gab uns aber auch nur ein böses Wörtchen. Sie gingen durch die Furt nahe unter der Brücke, wo der Fluß an achtzig Schritte Breite hatte, und in seiner größten Tiefe dem Fußgeher bis an die Brust reichte.

Das Wasser des Jordans ist leicht und angenehm. Ich sah viele Fische darin. Die Ufer sind dicht mit Rosenlorbeern und Bäumen besetzt. Nachdem ich mich gebadet und eine Flasche aus dem Flusse und eine aus dem See gefüllt hatte, ritt ich nach Nazareth zurück.

Der arabische Name des Jordan ist Scheriet-el-Kebir; der des Berges Thabor: Dschäbel Tor; der der Ebene Esdrelen: Merdji Ibn Aamer.

Am Morgen meiner Rückreise nach Akka war ich noch werkthätiger Zeuge eines christlichen Geschäftes zu Nazareth. Der Pater Vitus Filkuka bat mich, der Bekehrung eines Juden beizuwohnen. Es war ein armer Schneiderjunge aus Baireuth, weiß Gott wie nach dem Orient gerathen, und ihm von der Gemeinde zu Kairo zu diesem wohlthätigen Zwecke zugesendet. Die Abschwörung der Ketzerei und Aufnahme in den Schooß der christlichen Kirche geschah feierlich vor dem Hochaltare, wobei mein Landsmann eine deutsche Predigt hielt, die außer dem Aufzunehmenden und mir Niemand verstand, aber alle mit Erbauung anhörten. Ich hielt dem Jungen eine andere in derselben Sprache, wobei er in Thränen zerfloß, und das ganze Auditorium gerührt wurde.

Von Nazareth nach Kaipha führt der Weg über die Einsattlung im Norden des Städtchens und jenseits in ein reichbewässertes Thal, durch das ein Bach fließt, der ein Paar Mühlen treibt (1-1/2 St.). Dann reitet man über waldige Hügel. Von der Stelle, wo man die Bai von S. Jean d'Acre zuerst erblickt, liegt das Kirchlein auf der Höhe von Nazareth 43° südöstlich; S. Jean d'Acre 30° nordwestlich; das Vorgebirge des Karmel 75° nordwestlich; die höchste Spitze der Gebirge von Samaria südlich.

Am Ausgange der Waldhügel findet man das christliche Dorf Schfamer (2 St.), groß und mit einem Schlosse versehen, mit tiefen und guten Brunnen und vielen in Felsen gehauenen Getreidemagazinen. Durch ein baumreiches Thal steigt man in die Ebene nieder, erreicht die breiten Dünen des Gestades (2 St.), geht über den Kischon und folgt der See bis Kaipha (1-1/2 St.). Vor unseren Augen schoß ein Soldat des Pascha in der Ebene eine Gazelle; auch viele Hasen trieben wir auf. In Kaipha feierten die Bewohner eben die Bestätigung Abdallah's in den Paschaliken von Akka, Seida und Tripolis, eine Förmlichkeit, die alle Jahre Statt hat. Der Sultan ist nur dem Namen nach Herr in diesem Lande. Auf der Rhede von Kaipha lag mein Schiff; ich betrat es mit freudigem Gefühle, als wäre es ein Stück meiner Heimath.

Vorbereitet durch diese Reise und Carafago mit mir führend, ruderte ich am Morgen darauf in einem Boote des Veloce nach S. Jean d'Acre, das ich nach anderthalb Stunden erreichte. Man machte an dem Thore Anstand uns einzulassen, und wir mußten über eine Stunde auf die Erlaubniß hiezu warten. Man bewirthete uns jedoch einstweilen mit Kaffeh und Pfeife. Endlich wurde uns zugestanden, in des Konsuls Haus zu gehen. Von dort aus ließ ich dem Pascha wissen: ich wäre gekommen, um ihn zu sprechen. Er, auf einem seiner Landhäuser eine halbe Stunde im Norden der Stadt befindlich, wies mich an seinen Kiaja. Da ich über diesen Vortheilhaftes hörte, so ging ich zu ihm, und fand einen jungen schönen Mann, aus dem Kaukasus geboren, und Freund des Pascha. Es gelang mir, ihn zu bestimmen, an den Pascha zu schreiben, um diesen über die Besorgnisse der Eitelkeit zu beruhigen, die mir die Seele seines Widerstandes zu seyn schienen. Dieser Schritt führte zum Ziele. Während der Nacht, die ich im Konsulate zubrachte, erschien ein Offizier des Pascha mit der Botschaft: Abdallah sey, um mich zu sehen, in die Stadt zurückgekehrt und erwarte mich in der ersten Stunde nach Sonnenaufgang. Viele Offiziere kamen mich abzuholen. Ich fand längs der Straße des Pallastes die Soldaten in Reihe gestellt, und eben so im Pallaste selbst den ganzen Schwarm der Hausbedienten bis an die Thüre des Saales, in welchem der Empfang Statt haben sollte. Ich erwartete einen finsteren Mann zu sehen, aus dessen Augen die Flecken des Blutes nicht wegzutilgen wären, die er von Händen und Kleidern waschen konnte. Ich fand auf dem Divan sitzend in einer der Ecken dieses heiteren, sonnenhellen Gemaches, durch dessen Fenster See und Land in weiter Verbreitung sich zeigten, einen freundlichen Mann, nicht über drei und dreißig Jahr alt, etwas von Blattern bezeichnet, in einfachem, doch höchst reichem Kleide, einen Barbareskenmantel um sich, vorne durch diamantene Schließen gehalten, einen herrlichen Handschar im Gürtel von Diamanten strotzend, Blumen aus Schooß und Divan. So wie ich mich gesetzt hatte, reichte er mir einen Rosenstrauß. Er sprach mit Milde, Glanz und Feinheit über die Weltangelegenheiten, über die europäischen Fürsten, über den Sultan. Nach und nach leitete ich das Gespräch aus Catafago, und gewann ihn so sehr, daß er das Geschehene beklagte, die genommene Geldsumme zurückstellte, die Wiedereinsetzung des Konsulats und die feierliche Erhöhung der Flagge für den nächsten Morgen versprach und in alle übrigen Forderungen einging, die ich ihm unter dem Kleide von Wünschen vorbrachte. So sehr hängt im Orient jedes Geschäft an der Form, und auch das schwierigste gelingt, wenn diese nicht verletzt wird. Das Mißtrauen in die Europäer ist zu groß, als daß diese durch schriftliche Unterhandlung leicht zum Ziele kommen; aber im mündlichen Zusammenseyn, in Beobachtung der landesüblichen Ruhe, Heiterkeit und Schonung ist mit Niemanden leichter ein Geschäft glücklich zu Ende zu bringen, als mit dem Morgenländer, da, mit sehr seltener Ausnahme, die Grundlage seines Charakters die Wahrhaftigkeit ist.

Kaum waren wir zurück im Konsulate, so kam die Musik des Pascha; dann zu Besuch und Glückwunsch für Catafago nach und nach die ganze Stadt. Der Greis weinte vor Freuden, und Boten eilten nach Nazareth, um seine Familie für den nächsten Morgen auf die Spitzen des Gebirges zu bescheiden, damit sie am Kanonendonner sich ergetzen könnte.

Ich besah die Stadt. Sie ist ein Viereck von nicht viel über 500 Schritte Grundlinie, auf zwei Seiten von der See bespült. Die Mauern waren zur Zeit Buonapartes einfach; jetzt ist auf den Landseiten eine zweite Mauer vorgelegt. Das Landthor geht durch die Ostseite nahe am Gestade. Diese Seite hat drei, die Nordseite vier bastionirte Thürme. Die Courtinen an jener sind für drei, an dieser für vier Geschütze eingerichtet. Der Graben ist breit und tief. Die Festung ist mehr als irgend eine der levantischen Küste in Ordnung. Abdallah baute hinter der Mitte der Nordseite einen hohen, festen Thurm, welcher die Citadelle bildet. Fast alle Gebäude im Innern der Stadt sind von hohen Mauern eingeschlossen, was den Sturm auf dieselbe ungemein schwierig und gefährlich machen muß.

Außen, nach Nord und Ost, ist Wellengrund und Ebene. Einige Landhäuser beleben dieselbe, und im Nord gewährt eine Wasserleitung, mit vielen Bogen von einem Hügel zum andern gezogen, einen malerischen Anblick. Suterazi, d. i. Wasserhebpfeiler, bringen das Wasser nach der Stadt. Im Osten sieht man viele Grundfesten und sonstige Spuren des alten Ptolemais; im Inneren viele Granit- und Marmorschäfte, aus Cäsarea und Askalon herbeigebracht. Jene dehnen sich auf eine halbe Stunde längs dem Gestade und bis an die Mündung des Belus aus, dieses in der alten Zeit so geschätzten Flüßchens, wo das erste Glas erzeugt worden war. — Die Türken erstürmten Ptolemais, nach langer Belagerung, am 19. Mai 1291, und zerstörten die Stadt vom Grunde aus. Ein mächtiges Kaufhaus, eine ansehnliche Moschee und viele starke Privatgebäude scheinen zum Theil noch aus jener Zeit herüber zu leben; so auch die Ruinen der einstigen Kathedrale zum heil. Andreas, das Kloster der Hospitaliter, der Pallast des Großmeisters und die Reste eines Nonnenklosters, von welchem die Sage geht, daß, am Tage der Erstürmung der Stadt die frommen Frauen durch einmüthigen Entschluß sich die Nase abschnitten und das Gesicht verwundeten, um durch diese Entstellung die Gier der Sieger zurückzuschrecken. Dieß war ihnen auch gelungen, und sie fanden nur den Tod unter den Säbeln der Feinde.

Das Wasserthor geht nach dem Hafen, der klein, eng und ganz offen ist. Kriegsschiffe können nur auf der Rhede ankern. Auch diese ist sehr gefährlich wegen der Gewalt der Westwinde, welche die täglichen und das Heil des Landes sind. Die Hafenmauer ist eingestürzt, so daß das Schloß an der Spitze derselben nun abgesondert steht.

Akka hat dermalen 10,000 Einwohner, darunter 2000 Christen, wovon fast drei Viertheile Katholiken sind. Der Pascha hat das Monopol des Handels eingeführt, kauft das Getreide zu geringem Preise und sendet es nach den europäischen und andern Plätzen. Er war vor wenigen Jahren in offenem Krieg gegen die Pforte, die ihn vergeblich durch Derwisch-Pascha belagern ließ. Mehmed-Ali verglich ihn mit der Pforte. Seit aber dieser starke Nachbar den Besitz von Syrien für sich selbst angesprochen hat, ist die Eifersucht Abdallah's gegen denselben aufs Äußerste gebracht. Er war es, der eben als ich dort mich befand, den Marsch von 12,000 Mann geregelter ägyptischer Truppen, die Mehmed-Ali zu dem gegen die Russen stehenden Heere des Sultans senden wollte, in der festen Überzeugung hintertrieb, daß diese Truppen, einmal in Syrien angelangt, dies Land nicht wieder verlassen würden.

Am 1. Mai mit Sonnenaufgang war ich mit der Veloce vor Akka. Die österreichische Flagge, auf diesen Wällen gegründet, wurde, wie es verabredet war, in diesem Augenblicke auf dem Konsulate gehißt. Ich gab den kaiserlichen Gruß von ein und zwanzig Kanonenschüssen, den die Festung mit dem Abfeuern alles ihres Geschützes beantwortete. Die Haustruppen des Pascha, an 2000 Mann, standen dabei auf den Wällen, und kriegerische Musik tönte bis zu uns herab. Alles Voll der Stadt und der Umgegend war in Bewegung.

Nachdem die Feierlichkeit vorüber war, dankte ich der Festung mit der gleichen Zahl Kanonenschüsse, und sie gab mir den Gruß, Schuß für Schuß, zurück. Dann ließ ich die Segel in den Wind brassen, fuhr längs der Küste von Tyrus und Sidon langsam hinauf, und ging nach Cypern.

Wien.

Gedruckt und im Verlage bey Carl Gerold.

1831.

Illustration from Reise ins heilige Land: Im Jahr 1829

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