Erster Teil Der Schicksalsschlag
Reading edition
Erstes Kapitel
Nach einer kräftigen Unterhaltung mit seinem ältern Bruder Hermann, mit dem zusammen Peter Pirath Besitzer der Fettwarenfabrik Jens Peter Pirath Nachfolger war, entschloß er sich, mit seiner Frau die Auseinandersetzung herbeizuführen. Er entschloß sich schwerblütig, so wie er war, und malte sich den Verlauf dann heftig und gewalttätig aus. Die Finanzen seines Haushalts und die allgemeine Moral forderten aber diese Tat. Davon hatte Hermann ihn überzeugt.
Peter Pirath fuhr aus der Fabrik gleich nach Haus und begab sich ins Wohnzimmer seiner Frau. Er hatte sich alles aufnotiert in zwei Reihen sauberer kleiner Zahlen. Er fürchtete die hitzige und sprunghafte Dialektik seiner Frau, die ihn schon öfter übertölpelt hatte, und wollte die beiden Reihen der Zahlen an der Hand haben wie ein festes Geländer. Ja, die Zahlen waren ein ganzes Gebälk, und sie konnte ihn nicht so nebensächlich drüber wegstürzen, wie es ihre Art war, Schwierigkeiten zu lösen.
Dann kam er ins Zimmer. Sie saß an einem riesenhaften Tisch und las. Sie blieb sitzen und hob den Kopf schief von unten herauf zu ihm hoch. Er war ein Riese.
Peter Pirath machte keine Einleitung. Er fühlte sich trotz des Gebälks der Zahlen auf seinem Blättchen nicht mehr ganz fest vor ihr. Sie saß da wie eine Katze, wild, sehnig gebogen, und in der Ruhe hatte ihr Leib seine Sprungkraft behalten. Die krausen schwarzen Härchen ringelten sich über ihre Stirn bis auf die großen grünen Augen herab. Peter Pirath sprang sie an mit seinen Zahlen. Er errichtete heftig das Plus und stürzte es gleich um mit dem Minus, und die Worte kollerten, schossen atemlos auf sie ein. Sie saß beobachtend da. Ihr Gesicht bewahrte den Ausdruck ruhender Spannung. Die Hunde witterten, daß etwas vorging, das ihrer Herrin nicht gut war. Der Terrier, der ein Tier von Gemüt war, fühlte sich geniert und drückte den Kopf weg von den beiden. Er schaute halb über die Tischplatte hinweg und lauerte halb zu dem sprechenden Mann hinüber, und während die Augen des Hundes unruhig und bekümmert wurden, sprang die Spannung in die dünnen eisernen Muskeln seiner Beine. Die Dogge hob heißblütig den Kopf und ging jähzornig davon, um in der Mitte des Zimmers — aus der Entfernung — den schweren Sprung sicherer zielen zu können, wenn ihre Hilfe notwendig werden sollte. Sie stand da, groß und dick, wie Pirath selber war. Ihre Lefzen flogen erregt hin und her und flossen aus. Sie wartete.
Aber die Teilnahme der Hunde an der Auseinandersetzung verstand Peter nicht. Seine Frau sah sie jedoch, und sie lachte, und als sie so lachte, da überfiel Peters Herz auf einmal die jämmerliche Nichtigkeit seiner Zifferchen gegenüber dieser Frau. Er brach ab. Er schaute sie an. Sie hatte eine Hand so ganz, ganz ruhig und schön auf den Kopf des Terriers gelegt und blickte mit glänzenden Augen aus ihrer Tiefe zu Peter in die Höhe.
Was ist alle Ordnung gegen dich, du ... Tiger! Du Tiger mit grünen Augen! Und eine ganze Fabrik voll Kopra und Fettpanscherei, Kessel und Bilanzen ... was für eine dumme Schweinerei gegen dich! Leg doch deine Hand so auf meinen Kopf wie auf den Kopf des Hundes! ... So etwa brannte es sie aus Peters Augen an. Aber seine schwerfällige Zunge fand nur ein paar stammelnde Worte, und sie sagte auf einmal ihn unterbrechend: „Ich versteh. Du willst mir zeigen, wie elend das Plus vom Minus zu Brei zerschlagen wird. Und es ist doch das Plus, dem wir so Schönes verdanken!“
Ihre Worte, die endlich kamen, hatten die Hunde in ihren Stellungen aufzucken gemacht. Sie spannten die Muskeln um einen Zug straffer ein. Sie standen da in ihrem unruhigen Hin und Her, wie ein angekurbelter Motor, der eingeschaltet werden will. Im Nu kann der Augenblick da sein, können die Zylinder losrasen.
Peter antwortete ihr, obschon sich in seinem Innern Herz und Kopf an den Haaren hatten, mit einer scherzhaften Wendung: „Ja, es ist eigentlich eine Ironie, wenn wir in einer Fettfabrik so wenig im Fett sitzen, daß du dir keinen englischen Stallmeister und keinen von Behrens
Die Frau stand straff auf. Die Hunde wiederholten rasch die aufzuckende Bewegung. Die Frau sagte: „Du hast recht, lieber Peter!“ Sie sagte das ganz ernst. Aber dieses milde Eingehen auf seine Vorstellungen war so wenig Gewohnheit, daß Pirath sich sagte: Schau, was für ein Märchen! Lieber Peter!? Sonst heiß’ ich bei solchen Gelegenheiten stets nur P. P. Was liest sie für ein Buch? ... Er schaute hin. Aber er sah das Titelblatt nicht. Eine wütende Stimmung erfaßte ihn auf einmal. Es begehrte etwas in ihm auf. Er kam sich vor, als läge er unterdrückt von dieser Frau zu ihren Füßen, er verglich sich mit der fetten fleischigen Dogge, die ihr so ergeben war und nichts für ihre Ergebenheit haben wollte. Aber er wollte etwas haben. Liebe und Zweifel tauchten in ihm wild durcheinander. Er wollte sie mehr haben. Er wollte sie ganz in sich tragen. Er war groß, breitbrüstig, und sein Herz war stark. Weshalb entzog sie sich ihm? Sollte er das jetzt einmal alles sagen? Sollte er fordern? Er stellte sich vor, wie lächerlich das Bild sei, wenn er seine breitknochige Riesenhaftigkeit vor dieses sehnige, krause kleine Weib niederwürfe. So wie die ekelhafte Dogge, die sich jetzt um ihre Füße zusammenkugelte!
Da entschied sich die andre Richtung seiner innern Erregung, und er sagte ihr mit fast harten und jähzornigen Worten: „Und ich bin auch etwas, liebe Ree! Ich bin nun einmal nicht so, daß ich à la Zigeuner ins Blaue bauen kann. Ich muß Fundament haben. Ich bin schwer.
Das fügte er aufflammend rasch hinein, und es war, als ob er hastig die zwei Worte, kaum daß sie gesprochen waren, wieder zurückschluckte.
„Und das hab ich nicht, wenn nicht unser Haushalt auf der ehrlichen Wirklichkeit unseres Einkommens steht.“
Er schwieg. Sie sagte heftig: „Die Hengste sollen heut mittag verkauft werden. Ich telephonier’ gleich dem Roßhändler!“
Peter sagte nichts mehr. Er küßte ihr die Hand, und das war für ihn in seiner schweren Erregung fast so viel, als ob er sie nächtlich umfange. Und er ging hinaus. Er wollte sich noch einmal umdrehen und Dank sagen. Aber er ließ es bleiben. Es war besser, den Festen ganz auszuspielen.
Die Dogge entschloß sich plötzlich ihn zu begleiten. Sie trat feindselig hinter ihm her und setzte sich, kaum daß er die Tür geschlossen hatte, auf die Türschwelle nieder zwischen ihn und das Zimmer der Herrin. Sie wollte sich überzeugen, ob er auch ginge. „Du sabberndes Aas!“
Peter telephonierte seinem Bruder Hermann. Der fragte: „Ah, Peter?! Schlacht geschlagen?“
Peter: „Und glänzend gewonnen!“
Hermann: „Du warst stets ein Optimist.“
Peter: „Du bist eingeladen auf vier Uhr. Verkauf der Hengste. Kündigung der von der Oxford-Universität erzognen Reitgerte. Behrens baut keinen Stall. Rodin wird sich einer höheren Aufgabe zuwenden können, als Pferdeköppe auf einen Freßtrog zu setzen.“
Hermann brummte zurück, daß er’s nicht glaube, und bei Peter schwoll zugleich das Bewußtsein seines Sieges wie auch die dunkle Erkenntnis, daß er nicht die Mauer hinter diesen grünen Augen ganz eingerammt, sondern daß sie nur wie in einer Magie, die er nicht erfaßte, sich vor ihm von selber geöffnet hatte. Er schämte sich drum ein wenig seiner großen Worte am Telephon, die ihm als der Sachlage unangemessen vorkamen, und er lenkte das Gespräch ab. Er sagte: „Jetzt mach’ ich mich dann
Hermann erwiderte: „Sag, laufen die dann so gewiß, wie heut mittag die Hengste verkauft werden?“
Peter lachte zurück: „Zweifler! Wichtigtuer! Nur du leistest etwas. Kamel! Götz von Berlichingen! Adieu! Schluß!“
Er hängte an, und in einer steigenden Laune nahm er die Zeichnungen aus dem Schrank. Mit Feuer wollte er sich an die Arbeit machen. „Ich umbaue mein Leben mit ihr!“ sagte er sich, blieb an diesem Wort hängen und dachte sich unter dem „ihr“ nicht mehr die Erfindung, sondern die grünäugige schwarze Ree, den Tiger. Er ließ sein Gedächtnis im Ohr den Klang ihrer Worte wiederholen. Waren sie ernst? Ihre Augen brannten ihn an. Lag kein andrer Sinn hinter diesen Blicken? Wirklich Einsicht und Verzicht? Er schob die Erinnerungen an alte Auftritte mit Ree ungeduldig zurück. Er wollte sich nicht gewiß drüber werden, daß ihr Blut ihm fremd war und er niemals gehört hatte, wie es klopfte. Die Stimmungen hingen in ihm wie die Fäden des Altweibersommers in der Luft, zart und fliegend. Die Energie seines Gemüts lenkte ihn aus Unmut und Zweifel allmählich hinaus. Er brannte sich über den kühlen geraden Strichen seiner Zeichnungen eine der Zigarren an, die sein Bruder „die Säulen“ nannte. Er genoß die fremdartige, am Gaumen schwebende Bitterkeit ihres Dufts weich und bewußt und dachte an ferne Sonne und ferne Inseln, an Ree und an seine Zentrifuge.
Das Haus Peter Piraths lag am Stadtwald und war in ein Gartenstück hineingestellt, das nach hinten auf eine enge Nebenstraße stieß. Dort waren Stall und Schuppen, durch Garten, Sträucher, Bäume und ein umgittertes Höfchen vom Haus getrennt. Peter Pirath ging über den Gartenweg, und der gelbe Sand knirschte samtig unter seinen Schuhen. Er sah durchs Strauchwerk allerlei Bewegung im Hof des Stalls und ging etwas rascher. Er erkannte dann bald, daß dort seine Frau stand. Sie stand zwischen den beiden schwarzen Hengsten, die verkauft werden sollten. Peter blieb stehen, ein peinliches Gefühl ergriff ihn, und er wollte unbemerkt zurückgehen. Er stand an der Schwelle einer Laube, die hier den Weg am Gitter endigte. Das Gitter war mit spärlichem wilden Wein bezogen, und Peter sah das Bild seiner Frau und der Pferde durch ein Loch im grünen Teppich. Seine Frau hatte ihn nicht gesehen. Sie drehte ihm den Rücken. Der eine Hengst schaute durch das Gitter zu Peter herüber. Ree drückte ihren Kopf von unten an die rosa Schnauze des Tiers, und die großen Kugeln des Tierauges leuchteten auf einmal aus ihrem Haar heraus. Obgleich sie Peter so nah waren, daß er hätte hineinfahren können, wenn er mit dem Arm durchs Gitter gefaßt hätte, so lag doch etwas auf diesen beflorten Wölbungen, das so fremd und fern vom Menschen war ... Die Frau richtete ganz nah vor Peter und ohne ihn zu ahnen, ihren katzenhaften Leib an den Beinen des Hengstes entlang hinauf, und sich rückwärts dehnend, folgte die Biegung ihrer Glieder Hals und Kopf des Tieres. Ihr Gesicht heftete sich auf die hellen Nüstern,
Peter ging nicht. Er wollte schauen. Das war schön und schmerzhaft. Er ballte in trotziger Eifersucht die Fäuste und knirschte: „Nein, sie sollen verkauft ...“ Auf einmal hatte sich der dünne Frauenleib vom Tierkörper gelöst. Ein schwarzbekleideter Arm war mit einer weißen Hand in die Luft gefahren. Ein Knall und ein Blitz waren aus der Hand geflogen. Peter sah das leuchtende Gewölbe des Pferdeauges plötzlich zertrümmert. Der schwarze große Leib kam in Zuckungen. Die Beine wollten ihn entsetzt hochstemmen. Sie knickten zusammen, rutschten, das ganze Tier machte einen armseligen halben Sprung zur Seite, bei dem alle Glieder unregelmäßig durcheinanderflogen. Dann stürzte es jäh hin und streckte langsam die Beine starr in die Luft aus.
Die Frau hatte das Tier durchs Auge ins Gehirn geschossen.
Peter sprang wild aus der Laube auf die Gittertür zu. Sie war verschlossen, der Schlüssel weg. Er riß an ihr. Er sah zugleich, daß seine Frau auf das andre Pferd lossprang, nach dessen Kopf faßte. Wieder flog die weiße Hand hoch und der Knall und der Blitz und der Tierleib, der sich entsetzt gegen das Fallen wehrte und plötzlich willenlos umschlug und sich langsam auf den Rücken wälzte. Der englische Stallmeister lief aus dem Stall heraus und blieb plötzlich stehen. Ein andrer Mann lag wie ohnmächtig an der besonnten Mauer.
Peter schüttelte die Eisenstäbe der Gittertür. Seine Adern flogen vor Wut. Drinnen stand die dunkle Frau und rief ihm bleich zu:
„Es soll keiner mehr auf ihrem Rücken sitzen!“
Und Peter konnte sich von dem Rasen nicht befreien, in das ihn die furchtbare dumme Grausamkeit gestürzt hatte. Die Tat kam ihm so unerlaubt, so entwürdigend und menschenunmöglich vor, daß er nichts von dem verstand, was geschehn war. Er brüllte seiner Frau unverständliche und unzusammenhängende Worte zu und schließlich, er wußte selber nicht, was und nicht, weshalb gerade dieses Wort als letztes und lautestes: „Dirne!“
Dann drehte er sich weg. Der englische Stallmeister sprach auf die Frau ein. Der Pferdehändler stand verständnislos und betäubt an der Mauer. Peter eilte ins Haus, nahm seinen Hut und ging auf die Straße. Er durchlief einige Alleen des Parks und dachte an seinen Bruder. Er ging rasch auf dessen Haus zu, das auf der andern Seite an den Stadtwald stieß. Hermann war zu Haus. Peter erzählte. Der andre erbleichte. Er konnte nicht sprechen. Er lief auf und ab. Er schleuderte seine Zigarre an eine Wand, und die Funken stoben wild auseinander. Er heftete sich auf einmal an einen Stuhl an und schrie:
„So ein Rabenaas! So ein Schlächter! Was hast du ihr denn gesagt?“
„Dirne!“ antwortete Peter, und erst jetzt kam ihm das Wort wieder ins Bewußtsein.
„Was?“ fragte Hermann erschrocken und ungläubig.
„Ja, ich hab’s gesagt! Ich weiß nicht, wie und warum!“
Hermann sauste wieder hin und her. Er war gegen Peter klein und rund, und sein Körper hob sich wie eine federnde Kugel unter den lautlosen Schritten auf dem Filzboden. Schließlich sagte er heftig: „Es ist wurscht! Sie hat es verdient! Bedaure nur nicht, daß du es gesagt hast!“ Er raste wieder los, hin und her, hielt sich unvermittelt an einem Stuhl an und schrie Peter ins Gesicht: „So macht sie es auch einmal mit dir! In die Augen! Bums! Sie ist meschugge.“
Peter, der jetzt das Wort, das er seiner Frau zugerufen, in sich brennen spürte, fragte kleinlaut: „Was soll ich tun?“
„Scheiden!“ brüllte der kleine Dicke und fiel in den tiefen Stuhl hinein, als ob der Donner dieses Wortes ihn aus der Luft gefegt hätte. Aber dies schwere donnernde Wort hatte auch seine Aufregung gebrochen. Mit fast sanfter Stimme fuhr er nach einer Weile fort: „Es ist nie in unsrer Familie vorgekommen. Aber die Menschen, Begriffe, Zeiten wechseln ja. Und wer weiß, in welcher Form unsre Altvordern diesem scheinbar sittlichen Gesetz gefolgt sind? Was meinst du?“
Aber er wagte nicht, zu Peter hinzuschauen. Er war sich ganz ungewiß, was für eine Wirkung der Donnerschlag bei ihm vollbracht hatte. Er wollte vermitteln: „Was dreihundert Jahre als sittlich galt, braucht es heut nicht mehr zu tun. Wir beginnen ja menschlicher zu leben jetzt! Sozusagen!“
Er brannte sich eine Zigarre an und begann fast schon gemütlich seinen Faden weiter zu spinnen: „Man irrt, oder das Herz ist energischer als der Kopf. So heiratet
Aber da fuhr Peter ihm in die Worte. Er sagte kühl und fest, als ob er einen ruhigen Entschluß ausspräche: „Ich liebe Ree doch!“
Hermann hörte erstaunt, wie diese klaren selbstverständlichen Worte die zuversichtliche Malerei, an der gerade sein gutes Bruderherz arbeitete, mit einem Krach zerriß. Er sah zum erstenmal Peter an und sah ein Gesicht, das zugleich trotzig und niedergeschlagen war. Er war fast zehn Jahre älter als der Bruder und schon in den Vierzigern. Er war neben Peters Leben mit verliebten Augen einhergegangen. Seine Kümmernisse hatte er so stark gefühlt wie Peter selber, seine Erfolge mit Stolz begleitet. Aber er hatte in allen Vorstellungen etwas Kindliches um den Bruder gelassen, das ihm den Ernst, mit dem er seinen Teil des Geschäfts verwaltete, er war der Kaufmann, der Bruder war der Ingenieur, idyllisch umflorte. Für diese Äußerungen seines Temperaments fehlte ihm ja, da er unverheiratet war, sonst die Luft.
Nun sah er dies gequälte, zwiespältige Gesicht, und er erschrak, daß er so unachtsam schon für sich und laut die Schwierigkeiten überwunden hatte. Aber das war ja wieder das eine, in dem er sich von Peter so stark verschieden spürte und das er an ihm nicht verstand: einer schweren Lage unterliegen und doch verliebt an ihr festhalten, ihr sozusagen treu bleiben!
Er sagte leise, den Zusammenhang dieser zwiespältigen Veranlagung ahnend: „In deiner frühen Jugend hast du ja heimlich Gedichte gemacht und mir immer Eichendorff vorlesen wollen.“
Da lächelte Peter ein wenig und antwortete: „Ja. Ich hab das wirklich vergessen gehabt. Wie hat sich das Ziel meines Berufs und meines Lebens von dem Ziel verschoben, dem man damals nachging! Es hing eigentlich überall an der Luft. Man las Dichter und schwelgte nur im Herzen ihre Zartheit aus, und zugleich ritten durch die Wünsche die tollsten und grausamsten Abenteuer. Ach, Hermann, und ist Eichendorff nicht mehr als Kopra, trotzdem die Kopra den Schein, das heißt den Erfolg für sich hat?“
Er schwieg einen Augenblick und sagte plötzlich wie erstaunt: „Jetzt kommt mir’s auf einmal so vor, als ob ich damals mehr so war, wie Ree ist. Sag, vielleicht ist sie nur so ein Kind, das auf Abenteuer aus ist, und in unserm Leben heut gibt es keine Abenteuer mehr. Nur noch Kokosfett und Bilanzen! ... Sie hat recht!“ fügte er heftig hinzu.
Hermann war ein wenig beleidigt. Er kämpfte die Lust nieder, zu sagen, daß solche Ansichten die Ketten bilden, die einen Mann unwürdig an solchen Geschöpfen festhalten, wie diese tolle schwarze Hexe mit den grünen Augen eins war, die fortwährend die Gesellschaft, in der sie lebten, in Atem und Schrecken hielt und seinen Bruder quälte. Aber er fühlte, wenn auch nur verwundert und widerstrebend, die Macht dieses Außergewöhnlichen, das Außerhalb-der-Gesellschaft dieser Frau, das
Er streichelte Peter über den Arm, und Peter wiederholte, wie in einem dumpfen Traum jetzt, gehetzt und weh: „Ich liebe sie ja!“
„Ja, ja!“ streichelte ihn Hermann.
„Sie ist so fremd, so sonderbar! Sie ist so eine dunkle Wolke aus einer andern Welt, und ihr Schatten kann nur wie ein Wunsch mich streifen. Und man kommt nie hinein. Und ich bin ihr zu schwerfällig. Ich reite nicht frei genug. Ich versteh ihre Bücher nicht genug. Ich finde Bilder und Kunstwerke schön, aber ich kann mich nicht in sie verlieben, wie Ree ... Ich kann nicht auf den Launen und Einfällen reiten und hab nur eine große breite Straße vor mir. Es ist furchtbar. Und es soll doch nicht anders sein. Es ist so, als ob sie mein Blut verwunschen macht.“
Hermann zerschmolz fast. Er hatte keine Frau gefunden, nicht weil er keine gesucht hätte. Aber weil er keine ehrlich und sicher hätte zu sich nehmen können. Er mißtraute allen, weil er an ihnen so stark den Zweck sah. Peter hatte ihm einmal im Scherz gesagt: „Bei deiner wählerischen Art wirst du einmal auf die Dümmste und Gefährlichste hineinfallen!“ Daran erinnerte sich
Da flüsterte Peter schmerzvoll verloren: „Du Grünäugige! Du Tigerin!“
Hermann rang mit seiner heißen Rührung, die wie ein Fluß in ihm anstieg. Es tat ihm so weh, wie er seinen Bruder, der sonst so gescheit und stark war, gegen diese hexenhafte winzige Weiblichkeit ankämpfen sah. Bruder, Bruder! flüsterte sein Herz. Sei doch lieb! Sei vernünftig! „Das Leben ist doch kein Träumen. Die Wirklichkeit muß erkämpft werden, Peter!“ sagte er laut. „Ich versteh, daß du sie nicht lassen kannst. Aber du mußt dich doch mit ihr einrichten. Anders als jetzt! Solche Sachen wie das Schießen heut, das ist Wahnsinn! Ich weiß: Fäuste nutzen nichts. Deine breiten Schultern und deine ein Meter neunzig imponieren ihr nicht. Mein Peterchen, sei lieb und denk nach. Vielleicht wollen wir zwei zusammen noch viel mehr mit aller Kraft und Zeit an unserm Unternehmen arbeiten. So eine Fabrik ist doch etwas, was sicher auf dem Erdboden steht. Da weiß man, daß diese Arbeit jenen Erfolg hat, daß sie wächst, wenn man hier im Kopf eine Anstrengung macht. Anders wie bei Menschen! Die schweben. Die sind Engel oder Teufel oder beides zumeist, und dann ist’s am ärgsten. Peterchen, nicht, wir wollen ganz fest zusammen
Auf einmal änderte er den Ton: „Es ist uns beiden etwas von dem überkommen, der der Familie den Namen gab. Weißt du, ich meine eine gewisse Sturmsicherheit, die in uns mehr oder weniger automatisch wirkt, wie bei Piraten, die gewöhnt sind, gegen den Sturm zu kämpfen. Hast du nie das Gefühl davon gehabt?“
Da antwortete Peter plötzlich ergriffen: „Um es zu sagen, es begleitet mich immer. Nur Ree ... Ich bin ihr nicht gewachsen und“ — er lachte — „das Familienoberhaupt der Piraths schneidet die Segel ab vor diesem Sturm.“
„Ich bin zwar kein Segler, aber ich glaub’, das rettet doch das Schiff?“
„Nicht immer.“
Die Brüder schieden voneinander. Die Unterredung konnte keine praktische Lösung ergeben. Aber der Atem zärtlichster Bruderfreundschaft, den Peter bei ihr empfangen, wärmte und sicherte ihn. Er ging nach Haus, und er dachte an nichts, was er dort unternehmen könnte. Er wollte den Zufall wirken lassen. Als er in sein Haus
Sie schaute über den Teppich, zog die Mundwinkel hoch, und alle Fältchen bildeten nun häßliche Winkelchen in dem frühalten Gesicht. Sie sagte schadenfroh und eingeweiht: „Die Gnädigste hat vorgezogen abzureisen!“
Peters Herz bekam einen Stich. Eine schmerzende Unsicherheit bemächtigte sich seiner. Er kämpfte sie im Zorn zurück. Er fragte heftig: „In was für einem Ton sprechen Sie mit mir, Hanne?“
Die Ältliche antwortete rasch und bissig: „So wie ich kann!“
Peter stand auf und trat auf sie zu. Er schrie sie an: „Und so, wie ich nicht will, Sie Gans! Sie haben bis morgen mittag das Haus zu verlassen. Der Johann wird Ihnen den Lohn ausbezahlen. Dort ist die Tür.“
„Sie haben Gans zu mir gesagt. Das ist eine Beleidigung!“
Aber Pirath rückte auf sie zu. „Dort ist die Tür!“ rief er noch einmal. Als die Jungfer draußen war, setzte Peter sich ins Sofa hinein, grub den Kopf in die Hände, wie zum Schutz gegen das, was um ihn war. Er sagte halblaut: „Sogar die Dienstboten bietet sie jetzt gegen mich auf.“
Die Ältliche verließ das Haus. Der englische Stallmeister kam mit seinen gefrorenen Manieren zu Peter und setzte ihm ein wenig von oben herab auseinander, daß es ihn inaktiv mache und in seinem Beruf schädige, wenn er drei Pferden, wie den noch vorhandenen, seine Dienste erweise. Er halte seinerseits nicht auf Erfüllung des Vertrags, den er mit Frau Pirath abgeschlossen habe, und er beabsichtige nach Empfang des fälligen Gehalts abzureisen.
Peter kam ihm entgegen und bot ihm den Gehalt bis zum Ende des Vertrags an. Aber die Reitgerte lächelte geringschätzend und sagte: „Oh no!“ Er ging. Nach einer ökonomischen Verbeugung.
Diese zwei unangenehmen Persönlichkeiten waren nun entfernt. Aber in ihrem Weggehen blieb, wie ein sonderbares Kielwasser, eine peinigende Vereinsamung um Peter Pirath. Er richtete es dann ein, daß er die Mahlzeiten bei seinem Bruder nahm, weil er über das leere, von Verlassenheit tönende Haus nicht recht Meister wurde. Er arbeitete stets in der Fabrik, immer an seiner Zentrifuge. Er hätte diese Arbeit schon abschließen können. Was er erreicht hatte, war ein neuer Wert. Aber einerseits fürchtete er, diese Arbeit zu beendigen und ganz allein zu sein, und andererseits, aber das hätte er ja nach Vollendung des ersten Modells selbständig und neu weitersuchen können, schwebte ihm etwas durch die Gedanken, das an der Maschine noch zu vollenden war. Er hatte einmal im Frühjahr in einer jungen Wiese gelegen, während Ree auf einem Schimmel plötzlich aus dem Wald sprengte und auf ihn zu galoppierte. Er dachte
Aber nachdem das Erstaunen, Erschrecken, Erwachen vorbei waren, überfiel ihn Ree mit einem wilden Gewoge von Zorn und Zärtlichkeit, Gutmütigkeit und Bosheit, und sein Gedächtnis verlor den Einfall vollkommen. Er grübelte jetzt ununterbrochen hinter ihm her. Ach, es war so weich und schmerzvoll genießerisch wie ein Dichten aus der Jugend, denn Ree kam mit den heißen schönen Augenblicken jener raschen und heftigen Bewegung von damals wieder in seine Vorstellungen, überstieg die Zentrifuge, wie eine Diana dunkel leuchtend, und führte ihn durch Gefilde, die mehr waren als diese Welt und Kopra.
Nachdem Ree etwa eine Woche fort war, kam eines Tages ein Brief, auf dessen Adresse Peter erschrocken Rees Schrift erkannte. Birgst du Gutes? Birgst du Böses? fragte er und zögerte, das Kuwert aufzuschneiden. Er fühlte, als ob etwas wie eine primitive Fatalität aus dem milchig blauen großen Kuwert aufsteigen wollte.
Er schnitt auf, zuerst zurückhaltend, dann riß er hastig und mit schwachem Herzen den Brief hervor.
Paris, Juni. Hotel Royal. P. P.
Ich kann nicht weiter in Paris leben. Es scheint jetzt im Juni die Heizanlage fürs Rote Meer zu sein. Es ist eine riesenhafte Rôtisserie. Gestern bin ich auf einem Eisensessel angebacken, denk Dir. Aber nur mit einer Hälfte. Gott sei Dank! Deshalb muß ich aber mich nach San Sebastian erholen gehen. Dort soll es so kühl, im Schatten der Pyrenäen so leidenschaftlich, ergrübelnd warmkühl sein, wie ein Block von Rodin. Ich werde ins Meer hineinreiten, und die Brandung schlägt an die Brust des Hengstes und weicht aus. Wie ein Wunder! Wie das Meer vor den alten heiligen Juden! Denn ein Hengst ist ein Heiliger. Es wird mir einer hier gezeigt. Der hat Augen wie die Küste Palästinas, die wir ja einst zusammen sahen, blau wie Enzian, das ich angehaucht hätte. Und Beine wie ein Schwalbenflug. Er kostet nur 10000 Franken. Eigentlich für solch ein Geschöpf ein Hauch, ein Nichts, wenn man bedenkt, daß in Eurem Kessel jedesmal, für wieviel sagtest Du mir doch? Fett gepanscht wird. Die doppelte Summe, man muß ja von Geld leben, erbittet drum an den Lyonnais
Deine Dich verehrende Ree.
Peters Herz war erleichtert. Er dachte allerlei hin und her. Aber er war von Anfang an entschlossen, das Geld zu schicken. Schließlich schrieb er:
Liebe Ree!
Reite auf dem Hengst mit den palästina-blauen Augen wie eine Schwalbe fliegt. Das kannst Du ja. Das Gewünschte erwartet Dich an der genannten Stelle.
Dein Dich verehrender Peter Pirath.
Er war zufrieden mit dem kurzen Satz und zufrieden mit sich. Die Tat! Eine Tat, so klein wie diese, so anrüchig wie diese, hatte ihn losgespannt.
Der Dankbrief für die Sendung begann mit: Blonder Bär, schöner Tollpatsch! ... Eine Woche nach diesem kam wieder ein Brief. Der war ganz farblos. Das vierte Briefchen war kühl und endigte plump: Ree steigt an den Rändern der Pyrenäen. Die Sonne neigt sich auf sie nieder. Andern Leuten genügt es, in ihrem Fett zu sitzen und Dukaten zu legen. A chacun son mauvais goût!
Darauf kam drei Wochen lang überhaupt kein Lebenszeichen von Ree.
Zweites Kapitel
Am Ende dieser drei Wochen fuhr Hermann Pirath nach der „Teufelsheide“. Die Teufelsheide war eine weite Hochebene, die ringsum von Wald und von einsamen Waldgehöften eingefaßt war. Sie war sonst ganz verlassen. Der Geist des Volkes ließ allerlei überirdische Heimlichkeiten auf ihrer rauhen Fläche spielen, über die im Sommer niedrige Gewitter sich heftig entluden. Hin
Mitten in ihr lag ein sonderbarer kleiner Gasthof, der bei den Bauern in den Waldgehöften in einem zweifelhaften Ruf stand. Wovon mochte solch ein Gasthof wohl auch anders leben? Die Gegend war verwunschen, und außer Jagdgesellschaften schien niemand in der Welt die Heide zu kennen. Sie lag im Land wie ein Leberfleck. Ein Teufel hatte einst hier die Erde gesegnet, und die grüne Fruchtbarkeit war gewichen und das verdorrte Mal geblieben.
Hermann Pirath hatte auf ihr ein Stück Jagd gepachtet und ging zum erstenmal hin, weniger um zu schießen, als um zu schauen, was eigentlich droben los wäre. Er ließ sich von der Bahnstation die zwei Stunden Wegs bis zum ersten Bauerngehöft fahren. Der Wagen sollte dann auf ihn warten. Hermann besprach mit dem Bauern die Lage der Jagd, die das große Gebiet dieses und zweier Nachbarhöfe umfaßte, und ging allein weiter. Der Bauer rief ihm noch nach: „Passen Sie auf, es könnte Ihnen eine merkwürdige Schweinesache unter die Augen kommen.“ „Wieso? Was denn?“ rief Hermann zurück. — „No, es spukt wieder einmal. Das läßt der Gasthalter in der Heide nicht ausgehen.“
Hermann stieg in die pralle Sonne hinein und kümmerte sich nicht mehr um die Worte des Bauern. Das Heidekraut knisterte um seine Stiefel. Aus dem niederen spröden Wachstum um den Ausschreitenden stieg die Hitze hoch wie aus einer Kachel. Aber es war, als ob
Hermann gefiel dies alles. Sein Kopf erholte sich. Sein Herz wurde weit und warm. Er wischte sich den Schweiß aus dem dicken Nacken, blieb bald stehen, um einem Vogel nachzuschauen, der schwarz aus der Luft herniederglitzerte, und kaum daß ihn die Nähe der Heideerde empfangen hatte, schon in dem Geflecht und dem braunen, olivenen und heideroten starren Schaum des Bodens verschwunden war. Dann hielt er die Schritte an vor einer kleinen heftigen Gruppe im Sand. Eine Ameise massakrierte eine Wespe. Sie hatte das große Tier auf dem Rücken liegen. Sie hackte ihre kleinen Krampen von Beinchen in den gelbschwarz geringelten Leib und versuchte zugleich mit ihren Zangen um den dünnen Wirbel zu kommen, mit dem der Wespenkopf am Rumpf saß. Die Wespe bog ihren Leib krampfhaft auf, und ihr Stachel flog unglücklich aus und ein und aus, aber immer in die Luft. Die Ameise wirbelte auf dem Wespenleib herum, den Kopf tief unter den Kopf des Feindes gebohrt, langsam die Wespe enthauptend. Und auf einmal waren beide still. Auch die Ameise rührte sich nicht mehr.
So erlebte Hermann, wie der kleine Jäger den geflügelten und gefürchteten Tiger erlegte. Weshalb
Seine Sonnenfreude war gestört. Er wollte jetzt schießen. Er deckte sich in einer kleinen Gruppe von Föhren, stieß den Stock mit dem kleinen Sesselgriff in den Boden und schaute aus. Er hatte die Flinte aber noch nicht entsichert.
Da sah er in der Ferne etwas sich rasch über die Heide bewegen. Erst dachte er: ein Auto! Was konnte so schnell zwischen dem niederen Strauchwerk voran? Aber es gingen keine Wege in der Heide. Es kam auf ihn zu. Es war etwas Schwarzes und etwas Weißes, und das Weiße flatterte wie eine Flamme. Es waren Reiter. Sie kamen nun hinter kleine Föhrengruppen, verschwanden immer auf drei, vier Augenblicke, kamen von Baum- zu Baumgruppe immer wieder auf kurze Sekunden zum Vorschein. Hermann verlor ihr Bild nicht aus den Blicken. Er sah auf einmal, da ein größerer Zwischenraum zwischen den Bäumen und die Kavalkade schon näher gekommen war, daß auf dem einen Pferd eine Gestalt saß, die im Galoppieren ein großes helles Tuch von sich löste und auf einmal nackt und weiß auf dem schwarzen Pferd dahinflog. Schwarze Haare flatterten lang und wagrecht hinter ihr.
Hermann lachte sonderlich berührt. Die Sonne warf ihr Licht auf die nackte Reiterin, und die Hitze der Heide stieg wellend zwischen seinen Augen und ihr auf. Es war ihm komisch und doch märchenhaft. Er suchte,
Er rannte wie besessen, von rascher Wut gestoßen, hinter den Reitern her und rief: „Dirne! Dirne!“ Und hob mit zitternden Armen seine Flinte. Die Reiter waren ihn erst im letzten Augenblick gewahr worden. Die Frau trieb den Hengst an. Ein kleiner Schrei stieß schrill auf. Der Mann in der hellen Hose fuhr in die Tasche, drehte sich zurück und schlug mit der Hand von oben herab einen Knall durch die Luft, der rasch und dumpf verscholl, wie von der Sonnenbrut der Heide erstickt.
Dann waren die Reiter verschwunden.
Hermann stand allein mitten in der Sonne. Es fror ihn. Er schaute die Läufe seines Gewehrs entlang, die du hast auf mich geschossen! Zuhälterart! Auf mich geschossen?! Du Flibustier! ...“
Hermann ging geradeaus rasch zum Bauernhof zurück und trug nur einen Gedanken in sich, den Wut und Rachegefühl, Bruderliebe und Empörung in Flammen einhüllten und fest schmiedeten. Mit diesem Gedanken wollte er vor seinen Bruder hintreten und ihm sagen: „Das hat sie gemacht! Das hab ich gesehen! Jetzt ist dir das Handeln leicht.“ Und während er sich das sagte, dachte er an das Erbteil, das ihnen vom Namengeber der Familie überkommen war. Er fühlte sich des Bruders sicher, so wie von ihm der mit Staunen gemischte feindselige Bann, den jenes Frauenzimmer auf ihn ausübte, gewichen war. Er war schadenfroh, der kleine dicke Hermann. Auch für sich selber nahm er klare Erleichterung aus dem furchtbaren Begebnis. Während der Fahrt zur Stadt wuchs in ihm das repräsentative Bewußtsein des Familienältesten. Jetzt wollte er befehlen.
Dann trat er in Peters Haus, wo er den Bruder vorfand, mit Unmut, Sicherheit und diesem Bewußtsein
Als er geendigt hatte, merkte man Peter kaum einen Eindruck an. Er schwieg noch eine Weile und fragte dann kühl: „Ein Irrtum ist natürlich ausgeschlossen?“
„Natürlich,“ antwortete Hermann hitzig, „sonst wär ich nicht hergekommen.“
„Tja,“ machte Peter nach einer kleinen Weile, „dann muß ich als Erstes den Betreffenden fordern. Du sagst, du hast ihn erkannt?“
„Du wirst ihn nicht fordern!“ entgegnete Hermann.
„So? Weshalb nicht?“
„Weil er ein Lumpenkerl, ein weltbekannter Landstreicher ist. Du findest kein Ehrengericht, das diese Forderung behandelt, und keinen Menschen, der dir Zeuge sein will.“
„Wer ist es denn?“ fragte Peter hitzig lauernd.
„Der Friseur Larisch!“
Peter legte den Kopf in die Hände, um nachzudenken, wer der Friseur Larisch war. Auf einmal richtete er sich auf. Er war blaß und sagte, von Abscheu geschüttelt: „Pfui!“
Er erinnerte sich nun, daß dieser Larisch einmal Lakai am Hof der nahen Residenz war. Gerüchte brachten ihn in Zusammenhang mit einer Prinzessin, die aus der Residenz verschwand, zur gleichen Zeit, da Larisch den
Diese Gestalt war Peter nun auf einmal lebendig, mager, gepflegt und doch wie beschleimt. Er sagte erschüttert zu Hermann: „Das ist Ree?“ und schüttelte den Kopf. Dann fügte er hinzu: „Jetzt ist der Entschluß natürlich nicht schwer!“
Hermann drängte ihn, die Angelegenheit gleich durchzubesprechen, und wollte so viel davon auf sich nehmen, als es die Lage erlaubte. Hermann begab sich dann gleich zum Rechtsanwalt.
Peter war allein und stand mitten im Zimmer, als der Bruder gegangen war. Es war ihm, als stünde er in einem zusammengebrochenen Haus und als ob alles in seinem Kopf und an seinem Körper dumpf von den Schlägen der über ihn gestürzten Balken sei. Er hatte nur die eine klare Erkenntnis, daß er gern niederfiele und sich auf dem Boden winden und schreien und weinen
So fand ihn sein Bruder, der sich zurückbeeilt hatte. Er nahm ihn mit. Sie fuhren in einem Auto durch den Stadtwald und wollten im Parkgasthaus essen. Aber wie Peter die vielen Menschen dort sah, bat er: „Fahren wir doch lieber zu dir! Die Menschen tun mir nichts. Aber ich kann nicht freundlich grüßen, wenn Bekannte vorübergehen, und mich nicht mit fremden Leuten in höfliche Gespräche einlassen. Es ist mir, als wenn heut so etwas wie ein fataler Familientag sei und als ob einige Ahnen und einige zukünftige Piraths dabei seien. Die Familie Pirath setzt sich in großer Versammlung mit der Entsetzlichkeit: Leben auseinander.“
Die beiden Brüder saßen dann rauchend den Abend über beisammen. Sie tranken und sprachen, und wie eine graue steinerne Säule stand das Ereignis des Tages mitten zwischen ihnen, sah stumpf schweigend ihrem Tun zu und drohte auf sie niederzustürzen. Dieses Beisammensein bestand aus vielen Anläufen zu einer intimen und sicheren Gemütlichkeit, die bei beiden aber wie ein Fluß in einer Grotte stets erschrocken verliefen, sobald sie die graue Säule gewahr wurden. Sie sprachen fast nur über Familie, erzählten sich von den einzelnen toten und lebendigen Mitgliedern, und Hermann brachte den Stammbaum und die Aufzeichnungen, an denen er seit jungen Jahren arbeitete. Sie verfolgten die Zweige zurück zu den Ästlein, die Ästlein zu den Ästen, die Äste in den Stamm, in dem in einer Doppelscheibe der Name jenes Jens Pirath stand, der noch an der Küste gewohnt und von Schiffahrt gelebt hatte.
„Da hast du den Piraten!“ sagte Hermann. „Ein Glück, daß die Familie ins Mittelland kam und dieser Ursprung sich verwischt hat. Mit dem Namen in einer Hafenstadt hätten wir ein feines Ansehen.“
In der späten Nacht gingen die Brüder auseinander. Das dumpfe unsichere Gefühl hatte sich bei Peter in diesem harmlosen und gesprächigen Beisammensein heimlich verlaufen. Er wunderte sich, daß es so leicht in ihm war, nur kalt. „Eis! Eis!“ sagte er laut in sein einsames Zimmer hinein, aus dem er ohne Zorn das Bild Rees entfernte. Die Eiszeit naht wieder. Seinen Schicksalsschlag in dieser Form auszudenken schien ihm primitiv groß und grausam. Er dachte an alte vorgermanische
Aber in den Tagen, die kamen, schlichen sich die Erinnerungen an die schillernde, kostbare, vielgestaltige Ree an ihn heran ... Das Eis konnte schmelzen, und in schwelgendem Schmerz dachte er sich allerlei Möglichkeiten aus, wie sein Leben mit Ree anders hätte laufen können. Ich war zu tölpelhaft für sie, zu einseitig auf die beiden Beine gestellt. Sie war ein erotisches Tier. Es konnte graziös und leicht wie eine Libelle zwischen den Porzellanfigürchen tänzeln, und auf einmal packte es eine Laune und warf das ganze Porzellan durcheinander ... Denn das Tier war so schön und kostbar, daß die Sorge, die man um das schundige Porzellan hatte, bestraft werden mußte.
Niemals kam aber auch nur der Schatten eines Gedankens, das Leben mit ihr wieder aufzunehmen, zu verzeihen und noch einmal zu versuchen. Es kamen Briefe von ihr. Er gab sie ungeöffnet Hermann, und Hermann gab sie dem Rechtsanwalt weiter, ohne sie zu lesen. Der Anwalt sagte Hermann, die Briefe seien alle sehr persönlich und enthielten keine Tatsachen außer der Bitte um Geld. Sie seien im übrigen so gehalten, als ob die Dame nie einen Friseur Larisch gekannt hätte und nie mit ihm im Heidegasthof gewohnt und nackt über die Heide geritten sei. Der Anwalt besprach auch nur mit Hermann die Form, in der der Prozeß geführt werden sollte. Peter erfuhr nur das Wichtigste. Er überließ den beiden alles. Er bat nicht einmal um Schonung für den andern Teil. Er sagte darüber zu Hermann: „Jeder
Ree blieb in ihm. Sie blieb in ihm nicht wie ein Erlebnis. Seit jenem Tag, an dem ihm Hermann die Begegnung in der Heide erzählt hatte, war alles Körperliche seines Zusammenhangs mit Ree aus ihm gewichen. Sie durchschwebte ihn wie eine Stimmung. Es gibt Träume, aus denen man erwacht, ohne lange Zeit sich von ihnen befreien zu können. Sie wehen mit in die ersten Stunden unsres Tags hinein, vergiften die Wirklichkeit dieser Stunden mit einem süßen Nachduft des träumend Erlebten. Einen Hauch von einer unmöglichen, von Schwere und Hemmung befreiten Welt schicken sie über uns, einen Hauch nur, einen verwünschenden Odem. Den Fluch einer unwirklichen Stimmung werfen sie über den Beginn unsrer Tagesarbeit.
So wie etwas schwül und süß Erträumtes, dessen Atem vor dem lichten körperlichen Tag nicht weichen wollte, lebte Ree weiter neben und in Peter.
Hermann und der Rechtsanwalt betrieben den Prozeß. Ree widerstrebte. Der Anwalt versuchte, die Scheidung auf eine für Ree schonende Weise durchzuführen. Aber Ree biß um sich wie ein toller Köter, wenn man ihr davon sprach. Sie wollte auf alle Weise nichts von Scheidung wissen. Sie sagte bei einem Besuch in der Anwaltsstube:
„Weshalb stellen Sie sich zwischen diesen gutmütigen Tollpatsch und mich? Der Mann war doch froh an mir. Er wollte mich doch so, wie ich bin.“
Der Anwalt entgegnete: „Es liegt mir fern, mich auf irgendeine Art in Ihre und Ihres Manns Gefühle einzumischen. Was ich von Ihnen verlange, verlange ich nur im Auftrag von Herrn Peter Pirath.“
„Von Herrn Hermann Pirath!“ rief Ree aufgeregt hinein.
„Bitte, Gnädigste, hier ist das von Herrn Peter Pirath gezeichnete Schriftstück, das mir Vollmacht gibt.“
„Das ist ein Wisch. Man bläst drüber.“
„Ihre Gegenpartei tut das jedoch nicht. Darf ich höflichst ersuchen, daß mir die Gnädigste ihren Rechtsvertreter bezeichnet. Es dürfte Ihnen doch angenehmer sein, und allerlei Peinliches bliebe Ihnen erspart, wenn Gnädigste nur mittelbar mit dem Gegner verkehrte.“
„Ich brauche keinen Rechtsvertreter. Wozu?“
„Den Grund nannte ich Ihnen schon.“
„Er ist nicht stichhaltig.“
„Er dürfte es aber bald werden.“
„Wann?“
„Wenn wir gezwungen werden, zum Äußersten zu greifen, um unsern Zweck zu erreichen.“
„Was ist das?“
„Die Wahrheit, gnädige Frau!“
„Welche Wahrheit? So was gibt’s nicht. Wahrheit ist, daß ich mit meinem Mann zusammen leben will. Welche Wahrheit?“
„Die Gründe, weshalb Herr Peter Pirath diesen Willen der Gnädigsten nicht teilt — das ist diese Wahrheit.“
„Sie ist schäbig.“
„Aber ein Gesetzesparagraph.“
„Also mit dem Gesetz will man auf mich schießen.“
„Nur wenn die Gnädigste sich nicht anders ergibt. Herr Peter Pirath sieht sich dann in der Tat dazu gezwungen. Sonst möchten wir das Prinzip in die Angelegenheit bringen: Je menschlicher, desto lieber.“
„Wie heißt Ihr Gesetz?“
Der Anwalt ergriff einen dicken Band, schlug ihn an einer mit einem Kuwert bezeichneten Stelle auf und reichte ihn Ree hin.
„Die Gnädigste ziehen vielleicht vor, sich mit eignen Augen von der Stärke unsrer Position zu überzeugen.“
Ree nahm das Buch. Ein Duft strömte auf einmal in ihre Nase, der ihr vertraut erschien. Er peinigte sie. Sie untersuchte rasch ihre Umgebung, hob das Kuwert aus dem Buch und schnellte zurück. Das war der Brief, den sie gestern abend ihrem Mann geschrieben hatte. Er war ungeöffnet. Sie schlug ihre erzürnten grünen Augen gegen den Anwalt. Der alte gepflegte Herr saß ruhig in seinem Stuhl und empfing die zornigen Blicke mit einem Gesicht, das nur aufmerksam wartete.
„Was ist das? Wie kommt mein Brief hierhin? Ungeöffnet? Man unterschlägt meinem Mann meine Briefe.“
„Nicht im geringsten!“ entgegnete der Rechtsanwalt kühl.
Das war ein Schlag für Ree. Sie fand den Zusammenhang nicht gleich und fragte: „Liest mein Mann denn meine Briefe nicht?“
„Er übergibt sie seinem Anwalt in dem Zustand, in dem Sie diesen Brief sehen. Der Anwalt liest sie und vergißt sie sofort. Den Anwalt, Gnädigste, müssen Sie
Aber Ree stieg empor. Sie schnellte wie ein Puma aus dem Sessel. Sie schrie mit einer spitzen Stimme: „Das nennen Sie je menschlicher, um so lieber? Sie unterschlagen meine Briefe. Sie zerschneiden die Möglichkeiten eines versöhnlichen Ausgangs. Sie mittelbarer Scherge! Sie unmittelbare Perücke! ...“
Der Anwalt stand auf, verbeugte sich und ging elegant zur Tür. Er öffnete sie mit einer gemessenen Gebärde, die in seiner Art, sich zu benehmen, nur ein ganz klein wenig auffällig war, nur ganz diskret eine Andeutung gab, und schritt, ohne sich noch einmal umzudrehen, hindurch. Er ließ die Tür hinter sich offen und verschwand im Flur. Ree stand beschämt, enttäuscht und zornig mitten im Zimmer und schaute ihm nach. Dann lachte sie wild auf. Sie riß Handschuhe und Tasche an sich und verließ das Haus. Draußen kreuzte eine Bekannte ihren Weg, die Frau eines Bankdirektors, die viel bei Piraths verkehrt hatte. Die Frau Direktor verzog ihr Gesicht zu einem wie fünf Kilometer entfernten Lächeln, nickte mit dem Kopf an Ree vorbei und grüßte, wohin? wen? zu einem Fenster hinauf oder in die Elektrische hinein, die gerade vorbeisauste, oder den Milchmann oder den Pudel, der an einem Tor ein Bein hob? ... Ree erkannte sofort, wes
Ree rief ein Auto. Sie fuhr davon und sagte sich: „Grünäugige Ree, du bist auch eine Gans! Dieser alte Herr an dem mit Eichenlaub umschnitzten Schreibtisch ist ein Genießer. Ein Eleganter. Ree, du Gänslein, du hättest erst schmeicheln sollen und dann die Krallen herauslassen ... Das hast du ungeschickt gemacht. Eine schlechte Note. Elende Menschenkennerin. Ist man dazu eine Frau?“
Den peinlichen Schluß, daß sie sozusagen vor die Tür gesetzt wurde, vergaß sie aber bald. Ree lebte in die Luft hinein. Aber da bekam sie einen Einfall. Den pflegte sie nun wie ein Kind seine liebste Puppe. Sie flog den ganzen Tag darüber nieder und badete sich drin wie eine Biene im Blumenstaub, sog seinen Honig ein und konnte kaum die Dunkelheit erwarten.
Peter hatte den Abend bei seinem Bruder verbracht. Sie waren zuvor beim Anwalt gewesen und hatten dort von Rees Besuch gehört. Der Anwalt hatte um Verhaltungsmaßregeln gebeten. Peter antwortete: „Ich überlass’ Ihnen vollkommen die Entscheidung. Ich sagte meinem Bruder schon: Ich blas’ niemandes Suppe kalt.“
Der Anwalt meinte: „Dann müssen wir den Gasthalter und die Bauern aus der Heide kommen lassen.“
Peter zuckte nur mit den Schultern. Aber eine heimliche Raserei stieg in ihm auf. Als sie gingen, sagte er seinem Bruder: „Wenn das doch nicht wäre! Man sollte meinen, es ist genug, wenn man so etwas erlebt und überlebt.“
Hermann antwortete ihm: „Du kommst nicht dran vorbei, armer Peter. Das ist die Anwendung der Welt auf deine Privatangelegenheiten. Das nennt sich Gesellschaft und Staat.“
Peter fühlte sich von einem sonderbaren Zustand niedergedrückt. Sein Dasein wurde ihm wie unwirklich. Schein war Wirklichkeit, Wirklichkeit war Schein. Es war ihm, als ob nun sein Leben auf zwei weiße Scheiben geschrieben wäre. Auf der einen stand wie ein Träumen die Möglichkeit eingeschrieben, wie sich sein Leben weiter entwickelt hätte, wenn der Friseur Larisch nicht gekommen wäre, wenn Ree nicht Ree wäre. Die andre Scheibe umzirkelte die qualvolle Gewißheit des Raubes, den jener Tag in der Heide an ihm begangen, und das schmerzhaft reduzierte Gebiet der Zukunft, die vor ihm stand. Und bald fuhr eine Scheibe hoch und verdeckte die andre. Und bald rasselte sie wieder ab, und die andre stand steil und allein hoch. So tänzelten die beiden Scheiben auf und ab. Daß Peter Ree ganz aufgab, stand unverrückbar klar und kalt in seinem Blut, so kalt und scharf wie die Firsten von Eisbergen in blauem Himmel. Aber doch flog es hinten am Horizont fortwährend trübend und bewegt auf. Die sonst so abgemessenen Bewegungen
Er kam an diesem Abend zwiespältig gehetzt um neun Uhr nach Hause. Die Dunkelheit hatte schon eingesetzt. Er sah keinen der Hausangestellten im Flur und ging gleich zu seinem Zimmer. Der Gewohnheit nach griff er, kaum daß er die Tür geöffnet hatte, nach dem elektrischen Knopf. Aber da sah er, daß die Lampe überm Schreibtisch schon brannte. Er trat erstaunt ins Zimmer. In einer Ecke erhob sich etwas und kam auf ihn zu. Es kam heran, dunkel und mit immer wieder aufgehobenen Bewegungen, fast lautlos und nur von einem weichen Knistern begleitet. Ein Wohlgeruch, der ihn erschreckt an etwas erinnerte, umzog ihn rasch. Er griff sich ans Herz. Ree stand im Schein der Lampe ohne Hut. Die schwarzen Löckchen kringelten sich wie Moos über die Stirn hernieder, und die großen grünen Augen leuchteten.
Sie sagte: „Du bist ein Bär!“ und lächelte und wartete.
Er trank einen süßen verfluchten Augenblick, als ob alles verwischt und versunken sei. Aber gleich durchfror ihn wieder die Wirklichkeit. Er drehte sich um und ging rasch davon. Er stürzte auf die Straße hinaus. Ein Auto kam. Er stieg hinein und fuhr davon, stöhnte und grollte. Er murmelte ein über das andere Mal: „Friseur Larisch! Friseur Larisch!“
Schließlich ließ er das Auto zu Hermann fahren. Hermann hatte das dicke schöne Mädchen bei sich, mit dem er gesundheits- und freudenhalber einen außerordentlich geregelten Umgang pflegte. Diese Frau war
Am nächsten Morgen wurde ins Haus Peters telephoniert. Das Dienstmädchen antwortete, die Frau sei über Nacht geblieben und habe scheinbar angekleidet auf dem Sofa geschlafen. Sie sei jetzt im Zimmer des Herrn und warte auf ihn. Das Mädchen richtete den Auftrag aus. Ree befahl ihr: „Telephonieren Sie mir um ein Auto!“ Sie schrieb auf einen Zettel: „Ich wartete hier nicht auf Deinen Bruder. Mit dem bin ich nicht verheiratet. Sondern auf Dich! Dein Rechtsanwalt ist mir ‚mittelbar‘ genug. Es bedarf nicht noch Deines Bruders, und wenn Du Dich fürchtest, allein mit mir zusammenzukommen, so gibt das mir die sichersten Versprechen. Du bist ein Bär. Ich bin Dir nicht bös. Ich wohne im ‚Schwanen‘ in H. Ree.“
Diesen Zettel fand Hermann, der kurzatmig vor Aufregung und Empörung angekommen war. Peter wurde herbeitelephoniert. Das Mädchen erhielt den Auftrag,
Das Begebnis stachelte Peter aus seiner zwiespältigen Dumpfheit auf. Er schrieb dem Anwalt, er bitte ihn, mit aller Energie seine Sache durchzusetzen und das Unvermeidliche zu tun.
Nun hatte eine Frau Regierungsrat Ree am Morgen das Haus verlassen sehen. Die Frau Regierungsrat war erstaunt und bekam einen heftigen Stoß, als ob ein bewährtes Axiom wieder einmal hinfällig geworden wäre. Am ganz frühen Morgen, wohlverstanden! Sie grüßte infolgedessen Ree außerordentlich freundlich. Ree antwortete kaum und sagte nur für sich zu der andern hinüber: „Keine Aufregung, meine Liebe. Es ist nur ein Irrtum!“ Aber die Regierungsrätin lief sofort zu ihrer Freundin, der Bankiersfrau von gestern, um zu erzählen. Die fand sich wie vor den Kopf gestoßen. Geht denn plötzlich die hochbürgerliche Ordnung kopfunten! fragte es dunkel in ihr. Sie wurde sich selber unsicher und unterdrückte die Worte, die ihr auf der Zungenspitze brannten und die also beginnen sollten: „Ja, denk dir, was mir gestern widerfuhr mit dieser Person, dieser ... Person ...“ Aber die Bankiersfrau hatte ein gutes Herz, dessen weitsichtige Unvoreingenommenheit sie gern preisen hörte. Sie sagte: „Weißt du, liebe Karoline, wer weiß, was das böse Maul unserer Stadt da wieder angerichtet hat?“
Die andre meinte erfahren: „Man kann nie vorsichtig genug sein.“
Und das war festgefügte Bürgermoral. O, edle Regierungsrätin! Stütze der Zeitläufte!
Drittes Kapitel
In den Kreisen, die Piraths nahe gestanden hatten, sprach sich zwischen dem Stelldichein um zwölf Uhr im Cafépavillon am Ring und den Vier-Uhr-Besuchen die neue Wendung in den nächsten Tagen herum. Hatten die Piraths sich wirklich wiedergefunden? Aber die Bankiersfrau, die auch ein wenig intellektuell war und gern Schauspieler und Sänger des Stadttheaters einlud, warf eine neue Ansicht über das Unklare der Lage in die Gesellschaft. Zwischen den Piraths sei etwas Unsauberes, sagte sie, und sie prägte dafür ein Wort, an dem sich alle aufregten: „etwas Perverses!“ Darüber ging nun die Unterhaltung. Die Damen hatten Ree ja einiges heimzuzahlen. Sie war das wilde Tier ihrer Gesellschaft gewesen, unzuverlässig wie eine Katze, man hatte nie auf sie zählen können. Sie verdarb oft in verschlagenster Weise die schönsten Pläne. Bei ihr konnte man über den Nächsten sich überhaupt nicht erleichtern, denn sie war imstande und antwortete sofort: „Das sag ich der Betreffenden zurück,“ ging zu ihr und tat es. So unzuverlässig war sie. Aber Ree hatte diese Gesellschaft doch durch ihre ungebändigte Eigenart zu einem gruselnden und angstvollen Staunen gezwungen, und für dies Gefühl, das ihrer saftlosen Alltäglichkeit gegen den Strich ging
Da kamen die ersten Zeugen aus der Heide.
Der Schreiber des Rechtsanwalts las die Notizen seines Herrn. Er zeigte seinem Kollegen vom Justizrat das Protokoll. Der Schreiber erzählte dem Justizrat. Den Justizrat verknüpften heimlich bemunkelte Bande mit der Bankiersfrau. Die Regierungsrätin, der Cafépavillon, die Vier-Uhr-Tees ... die Stadt! Die ganze Stadt nahm nun die Angelegenheit des Ehepaars Pirath ins Maul. Es war ein Schmaus. Sie schmatzte damit. Der Saft rann wie an den Lefzen der widerwärtigen Dogge. Man kaute familien-, berufsweise. Die Männer gingen öfter ins Wirtshaus. Die Frauen trafen sich jetzt dreimal täglich und schickten gleich die Kinder hinaus. Dazwischen telephonierten sie sich ununterbrochen an. Der Plebejer deutete mit verächtlichen Mundwinkeln hinauf. Die Freunde des Hauses grunzten sich an vor Neid auf den Friseur Larisch. Das Revolverblättchen arbeitete, und Schenkwirt, Kontorist, Arzt und Kaufmann, Fabrikant und Richter schoben es sich vieldeutig aufschmunzelnd hin und gruben die Bärte gleich in den Bierkrug. Denn das Blättchen lasen sie nur am Stammtisch.
Peter bekam Schmähbriefe. Sie waren geifernd unflätig. Die Phantasie verborgner Schmutzkerle fing Feuer am Schicksal eines Nächsten und dem Ehebruch seiner Frau mit dem unsauberen Abenteurer. Um den Prozeß stieg eine schleimende, brodelnde Geilheit in der alten, mittelgroßen Stadt auf, in der jeder sich bis ins zehnte Glied
Zufälle, böser Sinn und der geschärfte Argwohn des Verfolgten trugen Peter rasch diese Entwicklung zu. Er fühlte sich immer unsicherer werden, und als er einmal den Beweis von der Einmischung eines Angestellten der Fabrik herausfand, wurde er rasend wie ein Riese. Er stürmte zwischen den Schreibtischen auf den Betreffenden zu, hob ihn von seinem Stuhl und rief: „Ist dieser Prozeß denn wie eine schmutzige Dirne abends im Stadtwald? Kann denn jeder da unter die Röcke greifen?“ Er machte sich über den Dreckskerl her, als ob er ihn zu Quetschfleisch verarbeiten wollte. Hermann kam herangekugelt, und ihm und den älteren Herren gelang es, den Rasenden zu entfernen.
Von Männern, denen er zugetan war, weil er sie für Rechtschaffene und Bedeutsame hielt, hörte er, daß sie sein Unglück zu gesellschaftlichem Spiel ausmünzten. Er wollte sie fordern, wollte schlagen, schießen, töten — sich mit den Muskeln wehren. Hermann hatte die Erledigung solcher Angelegenheiten auf sein Teil genommen. Er saß auf der Ehre seines Bruders wie ein hitziger Wachhund. Aber sprang er jemandem an die Kehle, so aalte sich der beleidigt davon, tat diskret mitfühlend, und Hermann hatte umsonst gebellt. Die Brüder wurden allmählich zu lächerlichen Persönlichkeiten. Alle feste Form schien sich um diese Angelegenheit und um Peter aufzulösen. Er sah, wie die Auflehnung seines Rechtlichkeitsgefühls und wie alle gerechte Raserei seiner Persönlichkeit gegen den bösen Bann um ihn in lächerliche,
„Die Stadt ist mir unerträglich geworden!“ sagte er zu Hermann. „Sie haßt mich und ich hasse sie.“
Hermann stak in seiner Stadt wie ein alter Wurzelstock, dickköpfig verknorrt und dumm-selbstverständlich. Er verstand das nicht. Er lachte und antwortete: „Du wirst überschwenglich wie die Frau Pastor von Sankt Nikodemus, alter Peter. Laß nur mal alles vorbei sein! Dann werden die Nerven wieder ruhig. Wer soll dich denn hassen? Einige verzerren sich die Mundwinkel! Nicht deinetwegen, sondern wegen deiner Gegenpartei. Man will heimzahlen, da der Löwe ins Krepieren gekommen ist. Das ist lächerlich und gemein. Gewiß! Man kann auch später da mal revidieren ...“
„Nein, nicht einzelne Menschen,“ warf Peter dazwischen, „die Stadt mein ich, die Straßen, die Plätze, die Häuser, die Gasthöfe, die Elektrischen, die Menschenmassen ... die ganze Stadt. Ich trau mich nicht mehr hinein. Sie hat ein Fastnachtsmaul auf gegen mich.“
Hermann schaute ihn erschrocken an.
„Und ich bin hier unfruchtbar geworden!“ fuhr Peter heftig fort.
„No, no,“ besänftigte Hermann. „Alter Peter ... in einer solchen Lage nicht arbeiten können! Wer könnte es!? Aber das geht vorbei.“
„Es ist mir, wenn ich mich zur Arbeit niedersetzen will, als kniffe ich feig aus, als desertierte ich vor ... vor den Gedanken ... vor Ree ... vor unserm ... vor dem Prozeß, vor dem Friseur Larisch!“ schrie er auf.
„Auskneifen! Halt, Peter!“ schnaufte Hermann hinein, auf einmal wie eine Kröte aufhopsend, „eine Reise, eine kleine Erholungsreise ...“ Er lachte glücklich.
„Ach nein,“ machte Peter unlustig.
Die Brüder schieden voneinander. Peter, da jetzt die Dämmerung begann, erging sich ein wenig im Stadtwald. Das war ihm zur Gewohnheit geworden. Tagsüber zeigte er sich nicht draußen. Er dachte an den Vorschlag Hermanns und fragte sich, mehr wie im Spiel: „Und wohin ginge eine solche Reise? Wenn ich eine Reise machen wollte?“ Der Reihe nach erschien: Norderney, Heyst, das Berner Oberland, Tirol, der Engadin ... und er sagte sich: „An einem dieser Orte treffe ich gewiß Ree ... und den Friseur Larisch.“
Da lachte es vor ihm im dämmernden Weg, und eine wohlbekannte Stimme sagte: „Der fliehende Bär! Er fürchtet das Leopardenkätzchen!“ Zugleich fühlte Peter einen kleinen Arm heftig in den seinen schlüpfen und wie ein lebendiges Tier drin hüpfen, und die Stimme fuhr fort: „Jetzt entkommst du mir nicht. Ich muß dich doch haben! Wenn du meine Briefe nicht liest, so zwingst du mich, dir aufzulauern. Du mußt doch wissen, daß ich nicht ohne dich sein will! Du bist ein riesenhaftes Bärenfell. Ich muß es haben! Drauf spielen. Lieb’ es ja!“
Das sprudelte Ree heraus, und Peter, dem das Herz aus dem Leib gesprungen war, fing an eiliger zu gehen, wollte sich von dem Arm befreien und stotterte verwirrt und erschrocken: „Nein! Nein!“ Er fand kein andres Wort, und als sie ihn nicht ließ, sagte er noch einmal bös
„Tollpatsch!“ lachte sie ihm wütend nach.
„Ich will reisen!“ sagte Peter noch im Laufen. „Ich muß reisen.“ Und der Schatten in den Sträuchern stak voll von der drohenden, kleinen, spitzen Stimme. Er eilte sich, in die große beleuchtete Allee zu kommen. Ein leerer Einspänner kam. Er fuhr in ihm nach Hause. „Ich will reisen!“ flüsterte er sich ununterbrochen zu. Er telephonierte an Hermann:
„Ich hab’s mir überlegt mit der Reise.“
Hermann antwortete beglückt: „Ich komm’ gleich zu dir. Das müssen wir zusammen besprechen. Auf gleich!“
Hermann fragte und kam: „Also wohin?“
Peter antwortete aufs Geratewohl: „Ach, so zwei Wochen an den Traunsee! ...“
Da erboste sich Hermann: „Na, denn doch gleich an den Tümpel im Stadtpark. Peter! Nach Sizilien! Nach Norwegen! Nach Spanien!“
Peter zögerte. Seine Phantasie war aufs Verzichten eingerichtet in dieser Zeit. Doch schwerfällig folgten seine Wünsche den Lockungen. Komm ich so weit herum, so entferne ich mich denselben Weg von meiner Bürde, sagte er sich. Er ging auf Hermanns Einreden ein. Aber es war schwer, so rasch ein Ziel zu finden. Er verschob es auf morgen.
Am nächsten Tag in der Frühe ließ er sich Prospekte vom Norddeutschen Lloyd und von der Hapag kommen. Dasselbe tat Hermann auch für sich. Peter suchte
Hermann blätterte hitzig in dem Büchlein und sah, wie alles zusammenlag, so nach Neapel, Sizilien ... Algier ... nur ein Sprung Kairo ... dort die Pyramiden! An den Pyramiden blieb Hermann hängen. Das war weit, groß, fremd. Das war etwas für Peter.
Er klingelte ihn an: „Weißt du, wohin du reisen sollst, Peter? Zu den Pyramiden mußt du!“
„Gerade bin ich dort angekommen!“ lachte Peter zurück.
„Bitte was? Wie?“
„Im Prospekt des Norddeutschen Lloyd.“
„Ja, ich auch dort,“ sagte Hermann.
Also vorläufig reiste Peter zu den Pyramiden.
Die Brüder aßen zusammen, und nach Tisch schauten sie sich den kleinen illustrierten Prospekt noch weiter an. Sie reisten drin bis Kairo. Aber auf der Seite, wo Kairo stand, war ein Bildchen, auf dem Palmen sich elegant über einen Strand neigten. Die Palmen hatten Zusammenhang mit J. P. Pirath Söhne und mit der Zentrifuge. Hermann las heimlich rasch die Verbindungen ab.
„Schau mal, Peter, da auf Zeylon wachsen Palmen. Auf ihnen ruhen Pirath Söhne. Du müßtest doch eigentlich ... Wir haben ja einen Vertrauensmann dort, den Konsul Janssen ...!“ Und während er so sprach, wuchs ein Einfall heißblütig in Hermann auf. „Janssen ist Pflanzungsverwalter im Innern Zeylons, und ha! siehst du! das ist was! Du würzest die Erholungsreise durch die anregende Pikanterie eines kleinen Stippbesuchs. Du
Hermann war auf einmal wild erregt. Sein Kopf glühte. Er goß sich einen Kognak ein und stülpte die Schale mit einem Zug in den Mund. Er hüpfte zwischen den Sesseln herum. „Weißt du, was ich jetzt mache?“ rief er. „Ich spiele das Milchmädchen in der Fabel ...“ Er ging herum und tat so, als balancierte er einen Topf voll Milch auf seinem borstigen Schädel. „Aber sieh, der Topf fällt nicht, wie beim Dichter. Wir Kaufleute sind eben die Wirklichkeit, mein Lieber! Peter, du kontrollierst, wie wir uns stehen, wenn wir auf den Zwischenhändler verzichten können ... Wenn wir dann eigne Pflanzungen anlegen. Verdammt! Auf den Einfall kam ich nie, weil ich dachte, weiter als bis in die Schweiz führe kein Zug. Es ist uns Großes verloren gegangen in all den Jahren.“
Die zwei Köpfe arbeiteten über dem Prospektbuch ineinander hinein. Der aufgepeitschte Geschäftsgeist Hermanns trieb erregt die Phantasie Peters. Der Geist strebte ins Wachsende, ins Größere, die Phantasie tobte nun auf einmal wild in der Welt herum und jappte nach einer andern Luft. In der Südsee machten die ungleichen Brüder halt.
„Man weiß zu wenig von dieser Gegend, als daß dort nichts zu machen wäre!“ rief Hermann.
Peter scherzte: „Und wenn das Blut unsres von dir so gefürchteten Ahns Jens aus Emden drunten wieder ausschlüge ...“
„Ach was!“ versicherte Hermann, der diese Rede in seiner Hitzigkeit für ernst nahm, „unsre Zeit hat keine
Peters Weltreise war also beschlossen. Peter band sich an keine Zeit. Eilig beförderte er die Vorbereitungen. Es kam ein Skandal mitten hinein. Der Friseur Larisch erhängte sich im Garten des „Schwanen“ in H. vor Rees Fenster. Sie hatte nichts mehr von ihm wissen wollen. Aber diese furchtbare Wendung konnte den Stein nicht mehr aufhalten, der so mächtig im Rollen war. Denn auch bei Peter, der das große, vom Bruder ausgedachte Werk zuerst nur egoistisch zur eignen Befreiung dienstbar machen wollte, hatte der Gedanke gezündet.
So warf jener Schicksalsschlag das ewige Rad einen Schwung fester bei den Piraths herum. Der Geist der Entwicklung hienieden gab einen guten Faustschlag hinein und knirschte vor Genugtuung mit seinen grimmigen Zähnen. Pirath Söhne schnappten einen Sprung höher
Aus verflossenem Herzblut schossen Triebe einer neuen Energie. Alte Weltweisheit!
Der Räuber und Friseur Larisch blieb zeitlich: eine taube Ähre, deren Wertlosigkeit bei der Ernte herauskam und vernichtet wurde. Und Ree! Ach ja, und das heftige, schöne, ehebrecherische Tigerlein Ree? Verabschieden wir sie. Sie hat ihre göttliche Mission erfüllt: einen Flibustier aus der Gesellschaft gemerzt und einen wertvollen Mannescharakter auf einen neuen und fruchtbaren Acker gebracht.