Dritter Teil Die Insel (continued 2)
Reading edition
„Du bist der Sklave der Insel Kililiki!“
„Woher weißt du das, liebes Vöglein Ewe?“
„Das weiß ich!“
„Aber so sag mir doch, wieso du das weißt, süßes Vöglein Ewe!“ bettelte Pirath sanft und wehmütig.
„Wenn du dein Blut fragst, so hörst du die Antwort!“ zwitscherte der Vogel.
„Ich frag mein Blut und höre nur, daß es mit giftigen Pfeilen in meine Schläfen und in meine Augen stößt. Bitte, bitte, mein innigstes Vöglein Ewe, so sag es mir doch, wieso ich der Sklave Kililikis bin.“
„So frag die Seeschwalbe!“ entgegnete der Vogel hartnäckig.
„Die Seeschwalbe schläft, und um sie aufzuwecken, müßte ich Wasser in meinem Eimer holen, und wenn ich zu dieser Verrichtung aufstehe, so fliegst du fort. So sag’s mir doch, du!“ machte Pirath unruhig.
„So frag dein Kanu, das dort unterm Blätterdach liegt!“ setzte der Vogel dem querköpfig entgegen.
Pirath wurde immer ungeduldiger. Es erregte ihn, daß er dies kleine Geschöpf nicht unter seinen Willen zwingen konnte. Er erwiderte barsch: „Das Kanu hat keinen Mund und kann nicht reden. Nun, mach keine Umstände und sprich, sonst ...“ Damit griff er listig, rasch und wütend durch die Nacht nach dem Vogel. Aber ein Blitz schlug auf, die Hand faßte ins Leere, der Vogel rief aus der Luft herab:
„So frag den dicken Weißen, den du nicht aus dem Steinbruch der Schlitzäugigen retten wolltest!“
Weil der Vogel mit diesen Worten sein tiefstes und erregtestes Innere getroffen hatte, sprang Pirath rasend auf und wollte nach dem frechen Vogel in die Luft springen. Aber da war es ihm, als öffnete er in seiner Villa zu Haus das Fenster im Schlafzimmer. Unten im Garten hatte eine Stimme gerufen: „Herr Pirath! Herr Pirath!“ Er hatte die Stimme seines Kutschers, der ein Schwabe war, erkannt und war rasch aufgestanden, im Schrecken des plötzlich gestörten Schlafes, das Blut noch voll schwerer Schlafwärme, und ans Fenster geeilt. Er legte sich über die Brüstung und rief der Gestalt, die unten im Dunkeln stand, zu:
„Was ist denn?“
Der Schwabe antwortete: „Adihö, Herr Pirath, mueß in ’n Krieg!“
Die Stimme im Dunkeln war schwer vom wilden Zwang einer mühsamen Gleichmütigkeit. Pirath wußte, daß starke Spannungen sich in einige große Völker geladen hatten. Er sagte bewegt und ergriffen: „Nun, nun, Franz, das ist nicht so schlimm, wirst schon wiederkommen.“ Aber Franz rief aus der Dunkelheit verhängnisvoll herauf: „Nein, nein, Herr Pirath, i komm’ nimmer z’ruck!“ Und er ging langsam und ein wenig torkelnd, wie betrunken davon.
Da legte sich Pirath wieder ins Bett. Neben ihm rekelte und mummelte sich eine kleine rosenhäutige Frau und versuchte an ihn anzuwachsen, wie ein Blutegel. Er stieß sie zurück. Er sagte ihr entsetzt und kalt:
„Ich werde dich einfach zuvor töten. Denn du wirst mir nur Leid bringen und mich hindern. Ich kenne dich. Du willst mir Kililiki nehmen.“
Aber sie begann zu erzählen. Sie wurde eine weißrassige neuzeitige Scheherazade, öffnete den kleinen roten Bogen ihres Mundes, und die Zähne perlten leuchtend, und dem Mund entfloß eine weite unaufhörliche Wendung aller Dinge, eine ganze Geschichte der Zeiten und Völker. Er sah des Weibes Blut in den Adern wie in einem Pumpwerk allmählich steigen. Es wurde Dampf. Die perligen Zähne hüpften wie Zylinder, und die schlanken greifenden Arme umtobten ihn, wie Kolben, die rastlos die zeugende Gebärde ausübten.
Was rosig und mummelig gewesen, ward ein dunkler Bergschoß, der vor Triebkräften schmetterte. Die ganze Schöpfung spannte sich an rasende Treibriemen und schleuderte sich zu einer wahnsinnigen Heftigkeit. Und
Er stritt gegen sie. Er legte seine Finger an ihre Kehle. Aber sie hob nur, ohne sich um seine Finger zu kümmern, den Arm über das Bett und über ihn, und siehe! — der Arm ward eine Brücke. Diese kam aus der Tiefe der verflossenen Zeiten als ein Weg, der wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers weit hinten am Ursprung handschmal aus einer Höhle am Himalaja begann und ihm entgegen in unbegrenzte Breite wuchs.
Der nackte Adam hielt auf ihm seine Schlange in der Hand und schlug mit ihr nach dem Apfel. Salomon ging hinterher, eitel gereckt, und trug auf einem Buch feierlich das Lamm Gottes. Sieben Siegel baumelten aus den Seiten der Schrift. Das Lamm Gottes war umdampft von den Phantasmagorien der Offenbarung des Heiligen Johannes. Die Mutter Maria schritt, das Gesicht hoch in den Himmel gebadet, umfunkelt vom ewigen Glanz ekstatischer Tränen und ewig gewölbten Leibes zwischen den Männern.
Und vom Weg trat Homer auf die Brücke und schrie in skandierten Versen die Helden aus dem Nebel hervor. Aber niemand kam. Er schrie und schrie, daß Peter wütender über die Scheherazade herfiel und schon ihre Kehle zwischen den Knöcheln zu spüren vermeinte. Aber das Mädchen öffnete nur den Mund, und da stand auf einmal Attila vor Homer und hob die Faust, um ihm den singenden Mund zu schließen. Der kleine Napoleon jedoch schlug ihm mit finsterer Gebärde den Arm weg.
Mitten in einem Spiel goldener Glocken und zwischen schwarzen Sklaven und hellhäutigen jungen Perserinnen lustwandelte der Kalif Harun und lächelte mit seinem duftenden Gesicht, wie eine tropische Frucht. Kung Fu Tse wand sich durch die Schreitenden, bis er neben dem Lamm Gottes ging, und zeichnete mit stummer Beredsamkeit in die dunstigen Ausflüsse der Apokalypse das Fötuszeichen des Jinjangs, während er selber zu ertönen begann, wie eine uralte, mit Zeichen umkränzte bronzene Faßglocke und zu tönen nimmer aufhörte.
Da kam rasch und ruhig Röntgen und durchleuchtete die apokalyptischen Dämpfe, und Harun der Kalife lächelte schärfer, Dürer verwirrte das Wirrsal seiner Zeichnung noch mehr, und Goethes Augen wuchsen, und seine Schmerzen schlugen ihm zu Mund, Nase und Ohren heraus. Homer piepste nur noch, und Dehmel sang an seiner Stelle in einem Garten, daß die schwarzen Nächte voller Rosen und rauchschwelender Schlote vor schwerem Sternenglanz schweißig zerfielen.
Die Brücke ging vom rechten Tigrisufer nach dem Kaiser-Wilhelm-Hafen am linken Elbufer gegenüber von Hamburg, wo die „Vaterland“ mit einer Stimme zur Abreise in die Welt rief, die alle Zeiten verschüttete.
Und aus aller Mund sprach die süße giftige junge Scheherazade. Pirath wich mit seinen rasenden Händen
Denn die ganze Brücke voll Geschichte, Die aus des Paradieses Schoß die Zeiten überwölbte Und in der Zukunft fernem Dämmern niedersetzte, Hatte zum Schlußstein, Am Scheitel ihres Bogens, Wild zerquetscht, Piraths Herze eingefügt. Und über dieses Herz hinweg Wandelten jene Männer und Frauen der Zeiten. Auf einmal sprang der wüste Zahn des Raubtiers Aus der uralten Höhle, die von Anbeginn der Welt Zum Ende aller Zeiten sich nie schließt, Jach mitten in die Gruppen. Die Töpferscheibe mochte mit dem runden Kreise Ihrer Sonnenähnlichkeit, das steinern Beil, Dem Zahn des Raubtiers nachgebildet, Von Menschenhänden handhabt, in den Schoß Der Völker friedlichen Keim versenken ... Die Keule und der Bruder Morgenstern, Zweihand-Schwert, Büchse, Mitrailleusen halfen Dem Raubtierzahn. Die schwarzen Sklaven über die Hellhäutigkeit Der persischen Kalifenweiber her! Und Attila Blähte gespitzte Kiefern. Surrend übersang Dynamos den Homer, Unsichtbare Quellen überströmten aus den Spulen Die Melancholeia, und Goethe stand, Steinern, wie ein Roland, Aufs Schwert gestützt und schaute, litt, erlebte, rang Und überwand. Das Lämmlein Gottes blökte mild und hilflos. Sal’monis Herrlichkeit notzüchtete, Derweilen Adam spaltete den Apfel mit der Schlange. Der Jinjang grölte pustend wie ein Stahlwerk. Personen schwanden vor Begriffen, Aus Hirnen strebten Völker, Öffneten sich zur Zerstörung Und schlugen sich wie Pelikane, Zahn an Zahn, Ins Blut der eignen Brust.
Pirath erfaßte seine Warze überm Herzen, Sie war ein Quell geworden, dem das rote Blut entzischte, Und die schöne, zarte und heimtück’sche Scheherazade Öffnete darunter das Gewölbe ihres giftigen Mundes und fing Den roten Springquell schlürfend ein und grausam.
Da rasten Völker wie zerborstene Vulkane. Wie Wolkenbrüche patschten Kugeln durch die Heere. Granaten sprengten Lehm und Bein zusammen — Die Schöpfung riß — Und warfen Wald und Stadt zum Himmel. Und als sie wieder niederfielen, Fielen sie auf das arme Herz des Peter Pirath, Das den Schlußstein der erdgeistigen Brücke machte Und als Jahreszahl Plus und Minus Unendlichkeit
in seine Kammern eingegraben trug, weil es verflucht war von der giftigen Scheherazade. Da schlug er kurz mit dem Steinbeil Kililikis nach ihrem Schädel, so schön er auch war. Aber sie lachte nur und entfleuchte und war nicht mehr bei ihm, war nichts mehr als Lug, Stank und Nichts.
Da schwoll sein Herz vor märzlicher Schmerzhaftigkeit glückselig an. Das Chaos seines Blutes stampfte von den Heerscharen des Todes, das über die gewaltige Bergstraße marschierte und, von üppigen Hengsten umsprungen und umwiehert, im donnernden Lärm gottstarker Geschütze zu Tal zog. Es war schon vom Zwang des Kriegs befreit, aber noch unter seinem Schatten. Es hatte schon den Pflugsterz, die Feder, den Hammer, das Steuer in der Hand, aber noch das Gewehr auf dem Rücken, und wohlig zur Ader gelassen, in machtladender neuer Jugend sang es in den Takten der scharf hinmähenden alten und schwermütigen Kriegsmärsche:
Das war der Herbst von Neunzehnhundertvierzehn! Das war der Herbst, der unser ist! ...
Während noch das große Morden sein Blut durchraste, begann aber schon das neue, das grenzenlose Ernten und Befruchten. Die gerechten Scheuern flogen mit unendlicher Geilheit auf. Aus dem Schoß der Erde donnerte das Kreißen einer neuen Zeit herauf, die sich an Größe mit allen Entwicklungen der gewesenen Menschheit maß ...
Pirath lag die ganze Nacht in die blutende Qual eingeschlossen. Die Schwüle des Gewitters, das sich nicht entladen konnte, hielt ihn unter ihrem dampfigen Druck. Die wehen Fieber stöhnten durch sein Blut, und in stundenlangem Ringen erlitt er diese Vision, mit der sein
Als Pirath erwachte, lag er auf dem Boden neben dem Boot. Der Schweiß quoll ihm wie heiße Küglein aus allen Poren. Sein Blut rann ermattet durch den Körper. Sein Kopf war schwach, und den Muskeln fehlte jede Spannung. Er erhob sich schlaff und ging zum Meer hinab. Das Ringen der Nacht lag wie ein geheimnisvoller Spuk mächtig auf all seinen Sinnen. Er verstand nichts von dem, was ihm widerfahren war. Er badete sich den Schweiß weg, aber sein Körper behielt vom Salzbad einen schleimigen und hitzigen Belag.
Seeschwalbe und die Eingeborenen hatten ihn neben dem Boot liegen gesehen. Sie hatten ihn nicht angerührt, denn sie glaubten, er sei im Kampf gegen die Dämonen des Steinbruchs Mutter dorthin gelangt. Als er sich erhob und baden ging, kamen sie alle aus den Hütten hervor, in die sie sich versteckt hatten. Sie waren glückselig und gingen gleich in die Dörfer und erzählten, Regenbogen habe den Steinbruch Mutter besiegt, und kein Mensch brauche mehr zu sterben.
In Wirklichkeit war die Sterblichkeit in den Dörfern sehr gesunken, weil Pirath sich überall um Reinlichkeit und Krankenpflege bemühte. So schien in der nächsten Zeit, solange das Interesse am Besuch Piraths bei den Schlitzäugigen die Phantasien in Spannung hielt, weil niemand starb, die Macht Regenbogens wirklich dieses unglaubliche Ziel erreicht zu haben, und die Männer
Pirath verließ das überdachte Boot am Strand unterm großen Baum und bezog das hohe geräumige Haus, das auf Pfählen stand und dessen Dach- und Türbalken ausgeschnitzt und mit lebhaften Farben freudig belegt waren. Seeschwalbe ging in eine der niedern Hütten wohnen, die das Pfahlhaus umgaben. Sie wählte die Hütte, die die Männer ihres Dorfes gebaut hatten und die gleich links vom Eingang in den Hag, neben dem offenen Kochhaus lag.
Die andern Hütten blieben inzwischen noch leer. Die sechsfache Hochzeit wurde immer wieder verschoben, weil stets bald das eine, bald das andre Mädchen mit dem Tabu ihrer monatlichen Blutungen belegt war und keines Mannes Auge die Unwürdige sehen durfte.
Aber Seeschwalbes Leib stieg unversehens in heimlich treibender Fruchtbarkeit. Wie sie, bevor dies geschah, immer straff und gespannt, heftig schön war, wie ein polierter Bogen aus dunkelm Palmholz, so baute sie sich jetzt auf in einer schwerfällig mächtigen Fruchtbarkeit. Sie blieb oft im Schreiten zum Ausruhen stehen; von Sonne oder Schatten übergossen, erhob sie sich, steil im Kreuz aufgerichtet, um die Last des Leibes besser tragen zu können. Ihr Bauch war wie die Kugel einer neuen Erde. Ihre Brüste strotzten ausschweifend mit
Wenn Pirath dieses Stehenbleiben, diese ausschwellende, drangvolle Fruchtbarkeit sah, die sein Werk war, so erfüllten ihn mächtige Gedanken. Er war Vater einer beginnenden neuen Rasse, die sich Kililiki erobern mußte. Er wollte aus dem entstehenden Leben ein Geschlecht auferziehen, das sich auf ihn stützen und von ihm aus entwickeln sollte, das ohne Verbindung mit den vorwärtsdrängenden Völkern jenseits des Meeres einen unsichtbaren Anschluß an die Triebkraft des weißen Geistes finden sollte. Und wenn dann einst diese Insel entdeckt werde, so müßte sie sich in den Gang des Weltverkehrs ohne Mühe und Blut fruchtbar einordnen können; es dürfte ihr nicht so ergehen wie den schwarzen Inseln, auf denen er vor Kililiki gewesen war und auf denen die Eingeborenen an der ungestüm eindringenden Energie und Stetigkeit des weißen Geistes starben.
Pirath arbeitete schon lange an der Fleischwerdung dieses Gedankens. Er begünstigte die Künstler und bemühte sich, ihren rein symbolischen Werken eine neue, stärkere und geistigere Geltung zu verschaffen. Die Häuser und Hütten hatten sich überall verschönt unter seinem Einfluß. Über die Bäche waren kleine Brücken gebaut worden, deren Geländer und Kappen in Schnitzereien ausgearbeitet waren. Die Menschen folgten diesem Eifer Regenbogens willig, denn er wandte sich ohne Vermittlung an ihre Phantasie. Die heimatliche Kunst des
Aber zugleich wo Pirath diesen Bedürfnissen des Herzens Nahrung gab, versuchte er auch, den Sinn für die Wirklichkeit, für die Dauer eines Lebens, für das Fortbestehen vergangener Zustände und Zeiten zu wecken. Er leitete Männer und Frauen an, regelrechte Palmenpflanzungen zu gründen. Er versprach ihnen einen späteren Lohn für die Arbeit der Gegenwart und bemühte sich ununterbrochen, die Phantasien vom Wert des zufälligen Augenblicks, dem sie sich weich und hinschmelzend stets ganz ergaben, abzulenken und alles Gegenwärtige in einen Zug zu bringen, der in die Zukunft strömte und irgendwo im Kommenden erst seine Ernten fand.
So versenkte er in die breiigen Massen, in denen die Einbildungskraft der Farbigen haltlos auseinander strömte, allmählich, wie eine ferne noch dunkel umbrandete Insel, den Anker des Gedankens.
Er wußte, daß es erfolglos sei, diesem Ziel die Männer und Frauen zuzuführen, und er ging sparsam mit seinen Kräften um. Er wandte sich nur an die Heranwachsenden, die noch weniger geformt waren; er schuf ihnen neue Werte, und er hatte Erfolg. Er hatte Erfolg, weil er zu gleicher Zeit, wo er mit stetiger Tatkraft die Werdenden auf seine Höhe heraufzog, auch sein eigenes Herz tief und weich sich in die Insel Kililiki eingraben ließ. In seiner unbegrenzten Vereinsamung verlor er ja den
Was aber an weißer Erziehung in ihm verharrte, genügte, um von Weile zu Weile seinem Gottestum bei den Eingeborenen einen neuen Anstrich zu geben und den Einfluß seiner Macht immer frisch zu halten.
Eine geheime Mithilfe seines Blutes kam ihm dabei zustatten. Pirath war von Stechmücken vergiftet worden. Das Chinin, das er im Boot gefunden hatte, war ausgegangen, und er war der Malaria wehrlos ausgeliefert. In regelmäßigen Abständen schwärmten die neuen Bruten aus seiner Milz auf. Sie stürzten sich über seine roten Blutkörperchen und durchrasten seine Adern mit wilden Schmerzen. Dann lag er stöhnend auf einer Matte zu Füßen seiner hohen Treppe, und die Eingeborenen hockten sich um ihn. Sie sahen, wie er von Weile zu Weile diesem sonderbaren heftigen Gebaren anheimfiel.
Da erfand einer der Priester, daß in diesen Zeiten seine Seele den Körper verließe und zum großen Geist einkehrte, um sich mit neuen Kräften zu laden. Darüber jammerte und zuckte der Leib und schrie nach der Seele.
Wenn sich dann allmählich das Fieber löste und die plagenden Schwärme gestillt zurückstarben, dann überkam Pirath die Erleichterung seines Blutes wie eine Erlösung. Sein Herz erschwoll unter einem Ansturm von tiefen glückhaften Vorstellungen. Die Welt umschlang ihn in ewiger Liebe, und sein Mund ließ Worte von süßer, seliger Verbrüderung ausströmen. Die Menschen waren wie ein einziges, liebesgetränktes Herz, gierig, sich Gutes und Liebes anzutun, vom Geist geschaffen, damit das
Eines Frühmorgens sagte Seeschwalbe: „Meine Zeit ist da! Ruf die Mutter und die Verwandten!“
Sie setzte sich stöhnend an ihre Tür und umfaßte fest und gewaltig den Hausbalken. Ihr Leib arbeitete wie ein Vulkan. Die Schmerzensstiche durchrissen sie wie Erdbeben. Aber sie gab keinen Laut von sich, und als Mutter und weibliche Verwandte kamen, lag ein kleiner Knabe vor ihr. Mit einem Muschelscherben durchschnitt die älteste Frau die Nabelschnur und tröpfelte den Saft einer Pflanze auf die Wunde. Andre Weiber wuschen den Knaben mit Bachwasser und brachten ihn Regenbogen hin, der der Sitte gemäß den Wohnhag verlassen und, mit dem König sprechend, die Vollendung des Ereignisses abgewartet hatte.
Das Knäblein, das man ihm brachte, war fast ganz weiß. Pirath hatte das nicht erwartet und erschrak ein wenig darüber. Aber er hatte nie den Neugeborenen einer schwarzen Frau gesehen und wußte nicht, daß die Kinder alle die gottgesegnete weiße Farbe zur Welt mitbringen. Es brauchte dann auch nur etliche Tage Sonne und Luft, um die Haut zur Farbe der Insel zurückzuführen. Aber der Knabe, der gleich mit Haufen von
Nach drei Tagen war Seeschwalbe wieder auf den Beinen, und die großen Geburtsfeste begannen das Ereignis zu feiern. Die sieben Dörfer kamen vor dem Hag des Vaters zusammen. Pirath stand an der Treppe zu seinem Haus und bemühte sich um den Knaben. Auf einmal erscholl ein wüster Lärm. Die Dörfer hatten sich unversehens in Männer und Weiber geteilt und waren aufeinander losgegangen. Sie warfen sich mit Erdklumpen, Steinen, Früchten, sie schlugen mit Bambusstöcken aufeinander ein. Sie lachten und quietschten dabei und gingen doch rasch in eine leidenschaftliche Wut gegeneinander über. Es war, als entlüde die Natur in den beiden Geschlechtern einen langher aufgestapelten Haß, und Pirath erinnerte sich auf einmal, in seinem Innersten aufgewühlt, an den Satz aus dem Schöpfungsbericht: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und ihr!“ Und die Schlange war nicht die Schlange, sondern war ein Sinnbild für das männliche Glied. Da legte er den Knaben nieder; von zwiespältigen, gereizten Gefühlen gepeinigt, warf er einen Blick voll mühseligen Hasses auf sein Weib und ihr Kind und mußte sich bezwingen, um nicht brutal mit in den Kampf einzugreifen und auf die Weiber loszuschlagen.
Aber der Kampf der Geschlechter hörte auf, wie er begonnen hatte, ohne Übergang; ohne Übergang, wie alles auf der Insel. Während die Männer und Weiber sich wieder glücklich krähend und meckernd vermischten
Dann war auf einmal eine Zeit da, in der die sechs Bräute Regenbogens alle gesund waren. Man eilte sich. Ohne weitere Umstände und Zeremonien bezogen die sechs jungen Mädchen eine jede ihre Hütte zu Füßen des Pfahlhauses. Nur die Sippe kam der Reihe nach zu Besuch, brachte Geschenke und nahm kostbarere Geschenke als Ausgleich mit zurück und aß Piraths Speisevorräte auf.
Als diese Besuche vorbei waren, legte ein jedes der Weiber unter Piraths Leitung eine Pflanzung an, in der in genau gesonderten Feldern Taro und Jame, Bananen, Papayas gepflanzt wurden. Außerhalb des Hags wurde ein großer Schuppen errichtet, in dem die Schweine sich aufhielten. Pirath lehrte die Weiber die Arbeit zu teilen und Zeit zu sparen und erübrigte für die Palmenpflanzung, die am unbewohnten Westufer vor dem Dorf Vater entstand, einen Teil ihrer Arbeitszeit. Die Männer hatten sich begeistert und in zornigem Arbeitseifer über die Anlage gestürzt. Aber länger als für das Roden hatten Kraft und Lust nicht gehalten. Immerhin war das die schwerste Arbeit. Die Eingeborenen kannten freilich Methoden, durch Keile Holz zu sprengen, die die Arbeit weniger mühselig machte.
Aber im großen ganzen waren sie auf ihre Steinbeile angewiesen. Nur Pirath hatte das eiserne Beil aus dem
Pirath lebte als Erzeuger in die kommenden Jahre hinein. Er lebte zwischen den Frauen, fast unbewußt ihrer Gegenwart. Mit einem sonderbar fernen Anteil ging er zwischen diesen Geschöpfen, und von der einen zur andern führte ihn ein leicht zu erfüllendes Pflichtbewußtsein. Er war nur Erzeuger. Er ging fleißig von Hütte zu Hütte, als der große Gründer einer kommenden Rasse. Nie hatte er Schwierigkeiten mit den Frauen. Mit ihren Streitereien wagten sie sich nicht bis an ihn heran. Sie fürchteten seine stetige Strenge. Sie fügten sich alle von selbst unter die Herrschaft Seeschwalbes, die wie eine Prinzessin über Dienerinnen zwischen ihnen lebte und von Fruchtbarkeit und Glück strotzte.
Für Seeschwalbe allein wuchsen Gefühle von Zärtlichkeit und von innigem Zusammenhang in Piraths Herz. Ihr allein weihte er die Notwendigkeiten des Austausches von Gemüt zu Gemüt. Sie bewahrte ihre, oft plötzlich wie die Krallen einer Katze wild aufspringende, oft in süßer Trägheit dahindämmernde Grazie, und war er bei andern Frauen, so dachte Pirath sich zu ihr.
Die Frauen gebaren Jahr um Jahr. Eine starb. Das war Pirath nicht mehr, als ob er einen Tag dahinrauschen hörte. Sie wurde ersetzt. Andre wurden alt, häßlich und welk und traten von selber zurück. Im Laufe der Jahre wurde manche ausgewechselt.
Die Kinder erwuchsen. Der Vater nahm sich ihrer an, wie er auch die Kinder der Eingeborenen, die man bis dahin hatte frei herumlaufen lassen, in sein mildes aber stetiges überwachen und Erziehen genommen hatte. Die Ältesten gingen schon mit in die Pflanzung, in der die ersten Bäume Nüsse reifen ließen, und wurden mit leichten Arbeiten beschäftigt. Sie suchten die Käfer ab. Pirath erlebte an seinem Samen, daß er befähigter und anders war, und pflegte die Anlagen, in denen er sein Blut erkannte.
Aber zugleich, wo er so das Alte, was er aus dem weißen Erdteil herübergetragen hatte, so hoch in sich hielt und es in seiner Nachkommenschaft zur Blüte brachte, überstrickten ihn doch die Scharen der halbfarbigen Kinder, die aus seinen Weiberhütten quollen, wie ein Netz und verbanden ihn immer tiefer und enger der Muttererde Kililikis. Mit sachtem Verblassen schwand Europa stetig hin.
So stürzten zwischen Zeugen und Gebären, Festzeiten und sanften Alltagen, gemäßigt schreitender Arbeit und Sorglosigkeit die Jahre über ihn dahin und schienen sich nicht mehr um ihn zu kümmern als er um sie. Er maß die Zeit nicht. Er besaß rund um sich keinen Maßstab dafür, trotzdem die Alten starben, und die Kinder aufwuchsen; denn er war das oberste Gesetz für die Insel; so wie die Insel ihm, so war er sich selber gleichermaßen untertan; wie ein mächtiger Saft strotzte er durch das Leben der Insel; er sah seinen Weg nicht, er folgte ungestümem Drang, denn wenn er nachts bei den Frauen lag und, sich mit ihnen vermischend, immer tiefer der fremden Seele zusank, so blieb doch vor ihm das Letzte, die endgültige Besitznahme, wie der Horizont, der von dem drauflos rauschenden Dampfer zurückweicht. Aber das war seine dumpfe Kraft, daß er Gemüt und Instinkt über Kililiki herrschen ließ und nicht das Hirn, dem der Weg zu der schwarzen Seele doch verrammt geblieben wäre.
Einmal in dieser ungemessenen Zeit erscholl die Garamut, und Pirath, der sich nun auf ihre Sprache verstand, hörte heraus, daß sie die Männer nach dem Steinbruch Mutter rief; ein neuer Gott war dort fertig geworden. Er sah den König Möwenschnabel, dessen ursprünglich heftige Energie immer erschlaffender sich ihm unterbötig machte, mit einer unausgesprochen bleibenden Frage um ihn herumgehen. „Ö! Ö!“ machte Möwenschnabel und blies vor Pein die Lippen auf wie ein Seelöwe. Pirath verstand. Er selber war nicht mehr im Steinbruch gewesen. Sein Abenteuer mit dem
Das war Pirath gegenwärtig, als Möwenschnabel so unentschlossen um ihn ging. Einen Augenblick stieg es verführerisch durch das Blut des Schwarzen auf: ich nehm eine Keule und schlag ihn von hinten tot! Dann
Damit war der König nur halb befriedigt. Was sollte er sagen, wenn die Schlitzäugigen nach den jungen Leuten verlangten? Er drückte sich noch immer herum und wagte endlich seine Bedenken hervor: „Der König meint, die jungen Leute ...“ Aber Pirath schnitt ihm erregt das Wort ab und rief unwillig: „Regenbogen spricht: Die jungen Leute bleiben hier. Geh!“ Da ging Möwenschnabel und tröstete sich mit dem Bewußtsein der Übermacht, die Regenbogen gegen den Steinbruch Mutter besaß.
Alle Männer, die an Pirath vorbeigingen, um ihre Kanus ins Wasser zu setzen, sahen bedrückt und furchtsam aus. Pirath verfiel in eine wüste und harte Stimmung. Er wollte die Männer nicht aufhalten, aber es beleidigte ihn doch etwas daran, daß sie zum Steinbruch gingen. Der Steinbruch war sein Feind. Aber vielleicht war der dicke Weiße in den Jahren gestorben? Doch seine Erinnerung klebte im Kessel. Der Haß umstieg Pirath. Er warf den Davonrudernden, die alle gedrückt sich in die Kanus füllten, Spottreden nach, und als der König Möwenschnabel, üppiger geschmückt als die andern und das schwere Halsband aus Muschelringen über Schultern und Brust, das er alle fünf Jahre einmal trug, sein Kanu
Das war das Furchtbarste, was einem Kililikimann gesagt werden konnte. Denn die heftigste Scham und die entsetzlichste Angst hüteten die Leiberabgänge vor fremden Augen. Sie entstiegen dem innern Ort, an dem die Seele den Körper belebte und waren jeder Behexung aufs äußerste zugänglich. Alle Männer erschraken, als sie dies hörten, und der König blickte entsetzt unter sich. Er sah nichts, aber er glaubte. Ein finsterer Impuls schwoll in seinen Adern. Es war der Haß gegen den Unterdrücker Regenbogen, die Furcht vor dessen göttlicher Gewalt, die Liebe zu dessen Dasein auf Kililiki, die Grenzenlosigkeit zwischen Regenbogens Macht und der des Steinbruchs Mutter, dem sie entgegenfuhren, all der dumpfe Zwiespalt von Jahren. Regenbogen hatte etwas Neues gebracht, aber die alten dämonischen Säfte waren weiter durch Kililiki geflossen. Das alles ballte sich in ein rasendes Eins zusammen und durchwirbelte das Blut des Königs. Aber da in diesem Hirn Impuls und Tat keine genaue Abgrenzung kannten, genügte der dunkle Ansturm, um den König angstvoll niederzuducken und an einem geheimen Tabu Sühne und Sicherheit zu suchen.
Die Männer ruderten davon. Pirath sah, daß in den Kanus doch einige der jungen Leute saßen, denen er die Fahrt verboten hatte, und das steigerte seinen Zorn und Haß. Er geriet allmählich in eine Stimmung, an der er zu zerspringen drohte. Es war ihm, als zersprühten seine Nerven durch die Haut hindurch und als verlöre sein Körper den Halt. Jähzornig stieg er umher, warf
Als er sich entschloß, das Kanu ins Wasser zu schieben und aufs Meer hinauszurudern, sah er plötzlich zwei Kanus um die Ecke biegen. Die Kanus strebten mit aller Kraft der Ruder aufs Land zu. Sie flogen surrend über das ruhige Wasser. Da ließ er sein Kanu liegen und wartete auf die beiden andern. Kaum hatte der Bug den Sand berührt, so sprangen die Männer in der Hatz ans Land und liefen. Er hielt einen an. „Was ist?“ rief er ihm ins Gesicht. Und der andre fiel in die Knie und stammelnd und ohne Zusammenhang mit schreiender Stimme: „Großes Kanu, so groß wie Kililiki, und aus einem Kopf Rauch! Und weiße Männer eingedrungen in den Steinbruch ...“
Da verließ die Kraft Piraths Arme. Der Mann entriß sich ihm und stürzte wie ein Kasuar davon. Aber Piraths Herz war wie explodiert. Es war ihm beim ersten Wort klar, daß ein Dampfer den Norden der Insel angelaufen hatte, daß ihm ein Wiedersehen mit Europa bevorstand. Das Ereignis fiel über ihn her wie ein zusammenbrechender Steinbruch. Er war ihm nicht gewachsen. Seine flatternden Nerven verloren den letzten Halt. Seine Vorstellungen purzelten um. „Nun wird der Dicke gerettet!“ stammelte er vor sich hin, von jenem kindischen Wahn umfangen. Er war niedergefallen. Langsam
Er eilte in sein Haus, schaffte allerlei Lebensmittel zusammen, nahm den Revolver und schlich sich dann in seinem kranken Trotz, von der Unfaßbarkeit jener plötzlichen großen Nachricht in die Flucht gejagt, in den Wald hinein. Er hatte auf Jagden gegen Kasuare ein Tälchen entdeckt, in dem Felsen mitten in einem Teich von Grün weit über moosigen Boden sich auswölbten. Unter den Felsen war es wie in einem geschlossenen Haus. Dorthin wühlte er sich durch den Wald. Es war schon dunkel, als er ankam, und die Ermattung des Waldlaufens und die Wirkungen des unversehenen Ereignisses mähten ihn gleich aus dem Wachen. Aber sein Schlaf war wie ein zuckendes Von-Traum-zu-Traum-Flüchten. Jeden Augenblick wachte er halb auf, und der folgende, im Ungewissen beginnende und rasch zu grausamer Körperlichkeit steigende Traum riß ihn ein Stück weit durch einen entsetzlichen Schlaf, bis er gleich wieder aufschreckte. Eine dunstige Hitze sickerte aus seiner Haut. Als das Frühlicht durch die grüne Wand bis in die Höhle brach, lag Pirath stöhnend im Moos und wälzte sich unglückselig und schmerzgepeitscht im Fieber.
Die Forschungsgesellschaft
Im Norden ankerte die kleine Dampfjacht „Seepferd“. Sie war mit einer deutschen Forschungsgesellschaft hergekommen, die ausgezogen war, dem Stillen Ozean einmal gründlich auf die Eingeweide zu fühlen, und sie hatte bei monatelangen Kreuz- und Querzügen schließlich doch einmal auch Kililiki getroffen. Sie wären vorbeigedampft, denn ihre Arbeit war abgeschlossen. Aber diese Insel war nicht in ihre Karten eingetragen. So warfen sie Anker, und die jungen Mitglieder ruderten mit zwei Matrosen gleich ans Land. Sie sahen den Steg in dem Felsen, und sie kamen wie ein Gewitter, das auf einmal mitsamt Blitz, Donner und Wolken auf die Erde fällt, über die Versammlung im Steinbruch her.
Die Schlitzäugigen, die allerhand geheime Wege hatten, waren über diese zum größten Teil entwischt. Die Uferleute drückten sich ängstlich in die baumbestandene Ecke, in der sich der Hag des Dicken befand. Regenbogen hatte den jungen Leuten oft von jener ungeheuren Insel erzählt, die so groß war wie die blaue Matte über Kililiki und dem großen Wasser, und die Dörfer hatte, die doppelt so groß wie die ganze Insel waren, und in den Dörfern wohnten nur weiße Männer, Frauen und Kinder.
Die Alten hatten auch einiges von diesen Erzählungen aufgeschnappt, sie vermochten jedoch nicht recht zu glauben, daß die Erde noch mehr weiße Menschen trug als Regenbogen.
Die Männer aus den Dörfern aber verstanden nichts von dem, was geschehen war. Sie glaubten, der Dicke sei eine Sau, eine ulkige Mißgeburt, die schreien konnte wie ein Mensch, und weil sie sich dazu auch noch wie ein Mensch gebärden konnte, fanden sie ihn außerordentlich komisch, und sie begannen im Gebüsch und Hag allmählich immer lauter aufzumeckern. Das Gebaren der so drollig
In Möwenschnabel regte sich das Blut, das ihn zum König gemacht hatte. Er nahm all seinen Mut zusammen, denn er war nicht sicher, ob nicht wie damals, als Regenbogen gekommen war, plötzlich das große Donnern wieder über die Männer dreinführe. Er schlüpfte etwas aus dem Gebüsch heraus auf die Weißen zu und entblößte weit sein Gebiß, indem er freundlich und lauernd: „Ö! Ö!“ grüßte. Dann wartete er zugleich auf Donner und Tod und auf gutes Gelingen seines Unternehmens. Ein Mann trat auf ihn zu. Er sah aus wie Regenbogen und klopfte ihm versichernd auf die Schulter, und auf einmal wußte Möwenschnabel und wußten alle die nackten Männer im Gebüsch, daß all die Weißen nichts anders seien wie Regenbogen. Ein Individuum schwand, und ein Begriff trat an seine Stelle, so wie in diesen Urwaldphantasien Leben lebloses Ding und lebloses Ding Leben, eine Tat, eine Vorstellung, ein Mensch und aus einem Menschen oder einer Tat eine Vorstellung werden konnte. Sie wurden auf einmal ganz zutraulich. Sie wälzten sich aus dem Schutz des Hags heraus und tolpatschten, lachten und machten ihre freundlichsten „Ö! Ö!“ um die Weißen, wie junge spielerische Hunde. Sie redeten die Weißen an und glaubten verstanden zu werden und griffen nach ihren Armen und sagten immer: „Regenbogen! Regenbogen!“
„Lausch, verstehen Sie, was da auf einmal vorgegangen ist?“ fragte der Doktor Stein seinen Kameraden.
Der meinte nur: „So was haben wir nirgends erlebt ... Wer ist denn der weiße Dicke?“ fragte er plötzlich.
Der weiße Dicke lag in der Sonne auf dem Boden und streckte die Beine und Arme weg. Er war tot. Er war tot wie ein Tier. Ein Herzschlag hatte ihn erlöst. Doktor Stein, der Arzt war, bückte sich zu ihm nieder und versuchte lange, durch die Fettbehänge dem Herzen nahe zu kommen. Es schlug nicht mehr. Er sah sich den Toten an und bemerkte seinen Kameraden: „Als ob er gestopft worden wäre, wie eine Mastgans. Welches Geheimnis ist diese Insel? Kneifen Sie mich mal in die Nase, Lausch, ob ich wirklich lebendig und bei Sinnen hier stehe ...“
Lausch kniff ihn. Stein sagte: „Ja!“ Dann zeigte er Möwenschnabel auf den Toten. Möwenschnabel erschrak und machte eine Bewegung, die heißen sollte: „Ich weiß nicht, hab ihn nie gesehen.“ Auch die andern Schwarzen schienen nichts von ihm gewußt zu haben. Sie lachten nur, denn sie glaubten noch immer, der weiße Körper sei eine Mißgeburt von einem Schwein. Stein sagte den Matrosen, sie möchten eine Grube graben und den Toten hineinlegen.
„Was machen wir jetzt?“ fragte er Lausch und die beiden andern. „Was meint ihr, wenn wir an Bord zurückkehrten, Papa Wiltingen berichteten und ihm nahelegten, mit diesen Männern in deren Dörfer zu gehen. In diesem Loch können sie doch nicht wohnen ...“
Dabei drehte er sich herum und blieb auf einmal mit offenem Mund, erschrocken und wie geschlagen, stehen. Lausch folgte den Bewegungen Doktor Steins, und es geschah ihm plötzlich dasselbe. Der Biologe Doktor Hardt, der zu dem dicken Toten niedergebeugt kniete, sah, daß
Er fand zuerst die Besinnung vor der fürchterlichen Gewaltigkeit dieser plötzlichen erdenschwarzen Hünen aus Granit, und er sprach das Wort: „Osterinsel!“
„Ja, aber viel älter, viel mehr Urwald und ... furchtbar, furchtbar!“ rief Lausch. Auch Stein sagte: „Ganz anders!“
Er zeigte Möwenschnabel und den Schwarzen die Bilder. Sie wichen erschrocken zurück. Sie versuchten die Weißen mitzuziehen. Sie waren sich nicht gewiß, wie die entsetzlichen Seelenfänger dort die Berührung mit den Weißen auffaßten. Einer der Europäer sagte: „Sie scheinen sich davor zu fürchten. Sie wollen uns weghaben. Kommt! Wir können ja morgen wiederkommen.“
Sie gingen, von den Männern umschwärmt. Die Kililikier zogen ihre Kanus unter den Bäumen heraus, die Weißen ruderten zur Jacht und erzählten dem Professor von Wiltingen, dem Leiter der Expedition, was sie erlebt und gesehen, und baten ihn, den Anker zu lichten und zu den Eingebornen zu fahren. Die Kanus hielten sich in gemessener Entfernung. Der Anker rasselte hoch, und auf einmal begann das Schiff sich in Bewegung zu setzen. Da scholl, wie eine Gewehrsalve, das Lachen aus den Kanus auf. Das Schiff fuhr ohne Ruder und ohne Segel. Hat man das je auf Kililiki gesehen? Ohne Ruder und ohne
Als sie ein paar Schritte hinter Möwenschnabel her den Strand hinaufgegangen waren, kroch Seeschwalbe plötzlich aus dem Ufer. Ihre Augen funkelten vor gieriger Freude, sie hob die Arme hoch, sie wußte, wer gekommen war und sagte rasch hintereinander die sechs deutschen Worte, die sie von Pirath spielerisch gelernt hatte: „Peter, Deutschland, weiß, schwarz, Kinder, gebären!“ ... Die Europäer lachten, und Seeschwalbe entblößte mit tausend Gefühlen des Glücks, das sie wie ein wilder ungestümer Vogelschwarm überfiel, die großen schönen Zähne und sagte: „Regenbogen!“ und zeigte auf ihren Hag. Sie sprang voraus. Die Europäer kümmerten sich nun nicht mehr um den lächelnden, stammelnden Möwenschnabel, sondern folgten ihr.
Sie rief ununterbrochen ins Haus hinauf: „Regenbogen! Regenbogen!“ Aber Regenbogen kam nicht. Sie wußte nicht, daß er sich geflüchtet hatte. Da eilte sie vor den Europäern die Treppe hinauf. Die Weißen folgten. Seeschwalbe trat enttäuscht wieder aus dem Haus und hob die Matte vor der Tür hoch, damit die Weißen hineingehen konnten. Sie standen in dem dunkeln, leeren Raum und wußten nicht, was geschehen sollte. Da holte Seeschwalbe das Eisenbeil, den Kompaß, das Taschenmesser,
Er trat zu Seeschwalbe, legte mild seine Hand auf ihre Schulter und fragte mit eindrucksvollen Bewegungen, wo der Besitzer dieser Gegenstände sei. Seeschwalbe verstand die Frage und wollte den Weißen mitteilen, sie sei erschrocken, daß er nicht hier sei, und wisse nicht, wo er sich befände. Bevor sie aber diese Antwort geben konnte, erblickte sie auf einmal in dem halbdunkeln Raum in einer Ecke den König Möwenschnabel. Ihr Blick fiel zufällig unmittelbar in dessen Augen, und da sah sie etwas Gefährliches darin stehen. Sie fühlte in der raschen dumpfen Erkenntnis ihres Herzens, daß hinter diesen selbstvergessenen Augen etwas vorging, das auf Regenbogen zielte. Sie antwortete den Deutschen nicht mehr. Sie setzte zwischen ihnen hindurch, fiel über die Stiege hinab und sauste in den Wald hinein, zuerst ohne Richtung und nur heiß und angstvoll der Absicht folgend, Regenbogen zu suchen. Etwas, was Angst, Dankbarkeit, Hundetreue, Liebe, die ersten dämmernden Lichter von Gewissen war, hetzte sie so in den Wald hinein. Sie preßte sich hastig, bebend und stammelnd durchs Dickicht. Sie lief im Zickzack hin und her. Da fand sie auf einmal an einem geknickten Ast einen Faden hängen. Der Faden war von Regenbogen. Kein Mann auf der Insel besaß solches Gewebe. Sie rief und folgte hastig einer Spur im Gebüsch. Es wurde dunkel und finster. Sie schnitt sich rasch
Sie fand die Höhle. Sie stürzte zu ihm, der im Moos lag und im Fieber redete und stöhnte. Sie nahm seinen Arm und strich mit ihrer Hand unermüdlich und beruhigend drüber hinauf. Das Fieber war in der Auflösung begriffen. Piraths Hände drückten Seeschwalbe an sich. Er war glücklich, in seiner qualvollen Einsamkeit und Krankheit des Leibes und der Seele dieses Geschöpfes Teilnahme zu empfinden. Langsam schlief er dann ein, von der Ermattung bewältigt. Seeschwalbe aber wachte und horchte in den Wald hinaus. Es war ihr in ihrem aufgestachelten und besorgten Argwohn, als könnte sie ihr Gehör und ihre Nerven wie Pfeile in den Wald hineinwerfen. Und auf einmal nach Stunden, da die Dämmerung schon grün vor der Höhle im Wald aufleuchtete, da trafen ihre lauernden Vorhuten ein Geräusch, da empfand sie, daß sich etwas näherte.
Sie weckte Regenbogen leise und sagte ihm: „Möwenschnabel will dich töten. Wach auf, Regenbogen! Seeschwalbe ist dein Vogel, der gewacht hat, wie die Fregattvögel überm großen Wasser den Sturm aufrufen.“
Als Möwenschnabel hinter den Weißen in Regenbogens Haus eingeschlichen war und gesehen hatte, daß Regenbogen nicht darin war und daß Seeschwalbe sich erschrocken über seine Abwesenheit zeigte, da durchfuhr ihn plötzlich ein großer Einfall. Sein Inneres sagte ihm: „König Möwenschnabel, laß deinen Bauch zu dir sprechen: Der Regenbogen ist vor den Weißen geflohen. Sie sind
Sobald die Weißen dann zum Schiff zurückruderten, nahm er die Keule und schlug sich in den Wald. Er suchte. Dann kam die Finsternis, und er ging zurück in sein Haus. Aber mit der ersten Dämmerung brach er wieder auf. Bald fand er Spuren. Er folgte ihnen, verlor sie wieder, aber der Drang zu morden stand mit brutaler Sicherheit in ihm und schärfte seine Sinne. Nach und nach fand er den Weg von Regenbogens Flucht und sah den Felsen schon durch die Bäume durchdringen. Da faßte er seine Keule fest in die Faust und drückte sich hitzig durch die Sträucher durch. Auf einmal hörte unter den Felsen das Gestrüpp auf. Möwenschnabel sah einige Schritte vor sich Regenbogen auf dem Boden sitzen, und vor ihm stand Seeschwalbe. Die beiden erwarteten den König. Regenbogen erhob sich vorsichtig und langsam. Der König trat vor. Er meckerte laut seinen Gruß: „Ö! Ö!“ Er rief ihn halb spöttisch, halb von Haß zerbissen, mit Genugtuung und Gier; er schob Seeschwalbe, die vortrat, ohne weiteres auf die Seite und machte harmlos tuend eine Bewegung mit seiner Keule. Er lachte. Aber Piraths Revolver war rascher, und die Kugel traf mitten in das lachende Gesicht. Möwenschnabel stürzte vornüber. Er lachte im Tod. Seine Finger umkrampften den Griff der Keule wie einen Knollen. Alles lag in diesem, im Tod lebendig bleibenden Griff, was unter der spitzen Wölbung des durchlöcherten Schädels gelebt hatte. Die
Pirath trat über die Leiche hinweg, Seeschwalbe umging sie, erschauernd und zufrieden. Sie brachen sich in geradem Weg durch den Wald zum Dorf Vater durch. Seeschwalbe ging vor, und Pirath hatte ihre kleine zuckende Hand in seiner Faust. Pirath schien es ohne Überlegung klar geworden zu sein, wohin er wollte. Er schritt wie eine Katastrophe Europa zu. Ein krasser und brutaler Schmerz saß starr in seinem Herzen. Es war kein Kampf in diesem Herzen. Aber die Selbstverständlichkeit dessen, dem er sich näherte, war von derselben einfach rohen Größe und Geradheit wie alles Lebendige der Insel Kililiki. Europa stand vor ihm wie ein Zwang, der einmal vor langen Zeitwenden, in einer Urzeit, unausrottbar in ihn eingesät worden war. Jetzt gedieh er und war ein Urwald in ihm, und dieser erste große Schritt zurück zu dem Einst trug all die überströmend und haltlos aufpflügende Wehmut in sich, die stets die geheimnisvoll in die Tiefe weisende Begleiterin aller großen Taten des Herzens wird.
So schritt Pirath hinter Seeschwalbe durch den Wald. Er wußte, daß zum letztenmal die widerstrebenden und zähen Wogen des Urgestrüpps seine nackten Flanken umpreßten, und er malte mit einer spitzen Angst im Leib die weißen Gesichter vor sich, die drunten am Strand auf ihn warteten.
Aber als die beiden an ihren Hag kamen, saß das ganze Dorf drin und auch das Nachbardorf und viele, viele
„Wo sind sie?“ fragte Pirath, der sich mit Gewalt auf seine Leiter durchstieß.
„Im Norden!“ riefen alle.
Dann ging Pirath in sein Haus, suchte ein weißes Brett und nahm eine angebrannte Kokosnußschale. Mit ihr schrieb er auf das weiße Brett: „Bitte um Kleider!“ Er sagte Seeschwalbe, sie solle gleich im Kanu zu den Weißen fahren und das Brett abgeben.
Nach einigen Stunden war Seeschwalbe wieder zurück. Sie hatte ein Paket, das in Papier gewickelt war. Die Männer und Frauen lagen noch alle im Hag und rundum und stürzten auf Seeschwalbe los. Aber sie rang sich durch, das Paket in den hochgestreckten Armen haltend. Die Männer griffen nach dem Bündel, dessen Hülle ihnen unbekannt war. Sie regten sich auf. Seeschwalbe mußte alle Kraft und List anwenden, um sich durchzuarbeiten. Sie entwischte und stürzte auf den Hag zu. Die Männer sprangen bös hinterdrein. Sie flog die Treppe hinauf, die mannshoch war, und rief Regenbogen, und zugleich, als sie oben war und Pirath in die Tür kam, wollten die ersten Männer die Leiter heraufsetzen. Das Erscheinen Regenbogens kühlte ihren Ansturm etwas. Die Leiter war nur breit genug für einen Mann.
Pirath rief streng: „Geht!“
Aber sie gingen nicht, sondern die Vordersten begannen langsam die Leiter zu ersteigen. Pirath rief noch einmal: „Regenbogen spricht zu euch also: Ihr geht gleich aus
Dann sagte Pirath zu Seeschwalbe: „Ich sprech’ zu dir, du liebe, treue Seeschwalbe: Regenbogen wird jetzt ein andrer werden und muß die Insel verlassen.“
Kaum hatte er das gesagt, so fuhr Seeschwalbe zu Boden und begann händeringend zu stöhnen. Ein kurzer Gedanke durchflog Pirath, ob er Seeschwalbe mit sich nehmen könnte. Aber er wußte gleich, daß er sie nicht aus dem Boden reißen dürfte, und daß drüben in Europa nichts aus ihr werden könnte. Er fuhr fort:
„Du wirst die Königin über Kililiki sein und auf die Kinder aufpassen und die Männer und Frauen zur Arbeit in den Pflanzungen anhalten. Und wenn ich einmal zurückkomme, so wirst du Rechenschaft ablegen. Ich weiß, du wirst mir gute Rechenschaft ablegen, denn du bist ein starkes und kluges Weib. Du darfst nicht stöhnen und weinen. Eine Königin stöhnt nicht. Sie herrscht und ordnet. So spricht Regenbogen zu dir und du gehst jetzt in deine Hütte und wartest.“
Seeschwalbe war aufgestanden, und ihre Augen durchleuchtete der mädchenhafte Glanz einer neuen Zeit, die sie unter den Worten Regenbogens dämmernd in sich aufsteigen sah. Sie ging stolz in ihre Hütte und setzte sich in den Sand. Und ihre Kinder setzten sich um sie. Es waren fünf Knaben und zwei Mädchen, und sie waren von schönem großen Wuchs, von heller Haut und reinen Augen. Und Seeschwalbe sprach zu ihnen: „Euer Vater Regenbogen geht in sein Land und kommt zurück. Eure Mutter ist nun Königin von Kililiki. Möwenschnabel liegt erschlagen im Wald; denn er war bös. Aber aus dem Innern eurer Mutter kommt das Gute, weil der Gott Regenbogen sie befruchtet und gesegnet hat. Der ewige Geist will, daß wir Palmen pflanzen, die später reifen und unsern Kindeskindern eine Arbeit hinterlassen und eine neue Arbeit anzeigen. So spricht eure Mutter, die Seeschwalbe, zu euch, die jetzt Königin auf Kililiki ist.“
Pirath öffnete das Paket und fand einen Zettel drin. Darauf stand: „Wir kommen am Nachmittag. Von Wiltingen.“ Er zog die Kleider an, die das Paket enthielt. Es war ein blauer Leinenanzug. Strümpfe, ein Hemd und Schuhe. Er zog Stück für Stück an in einer gespannten Feierlichkeit, langsam, wichtig und schwerfällig, und ein Glanz erstand um ihn, der voll Seligkeit war. Er berauschte sich an der heiligen Handlung des Anziehens, mit der er sich Europa, Deutschland, der Mutter wiedergab.
Als er angezogen war, wartete er, ohne das Haus zu verlassen. Er saß ruhig mitten im Raum und dachte in bebenden Wonnen an seinen Bruder, an die Vaterstadt,
Da erhob Pirath sich langsam und ging hinaus. Er sah den Haufen der Menschen am Strand und bemerkte dann auch den kleinen schönen Dampfer, und er stieg die Leiter hinab und er ging zum Meer. Die Männer und Frauen, an denen er vorbeiging, erschraken auf einmal, als sie ihn sahen, und wollten fliehen. Aber ein Weib rief: „Es ist Regenbogen!“ Da hielten sie an und schauten ihn ungläubig und unsicher an. Was war mit ihm vorgegangen? Wo war seine göttliche weiße Haut? Was hing an seinen Gliedern? ...
Er stellte sich vor sie, das Gesicht zum Meer hin, die Augen an das weiße Schiff gebannt, das ein wenig traumhaft seine kleinen Manöver in dem blauen Wasser verrichtete, und harrte. Er sah, wie die Jolle niederging, wie Leute in weißen Anzügen hineinstiegen; ihre Haut leuchtete ein wenig, und er biß die Zähne aufeinander, furchtbar von diesem Neuen und Unerhörten gepackt, das ihn nun aus dem Leben der einsamen Insel Kililiki zurücknehmen sollte.
Aus der Jolle stieg zuerst der alte Professor von Wiltingen heraus. Er kam, groß, breit und gutmütig, wie er war, mit seinem langen grauen Bart auf Pirath zu und, nicht wissend, mit wem er es zu tun hatte, reichte er ihm ernst und stumm die Hand. Die jüngeren Herren
Als die Männer oben waren, schweigsam sich im Raum umhersetzten und Pirath noch immer kein rechtes Wort fand, brach der Herr von Wiltingen das Schweigen und fragte mit seiner milden Freundlichkeit: „Herr Pirath, gehen Sie mit uns nach Europa zurück?“
Und da löste sich auf einmal an dieser einfachen und selbstverständlichen Frage die verknollte Erstarrung, die jene kühle scheinbare Sicherheit in Piraths Herzen vollbracht hatte. Pirath, der auf einem Holz saß, hob seine Augen noch zu dem Frager hoch, aber gleich fuhr er in
Die Männer ließen ihn gewähren. Als er sich beruhigt, trat der alte Herr von Wiltingen zu ihm und legte seine Hand auf seine Schulter. Pirath sagte, seiner wieder ganz sicher: „Verzeihen Sie mir den Anfall. Ich muß so viel hier zurücklassen.“
„Wie lange waren Sie hier?“ fragte Herr von Wiltingen, und alle lauschten gespannt auf die Antwort.
„Ich weiß es nicht. Die Jahre sind über mich hergestürzt. Nennen Sie mir das Datum, das Sie heute schreiben.“
„Morgen ist Weihnachten neunzehnhundertachtundzwanzig.“
Da erschrak Pirath. Er stammelte: „Dann sind’s fünfzehn Jahre. Das hab ich nicht gedacht. Dann bin ich ja ein alter Mann. Dann bin ich ja schon über fünfzig.“
„Donnerwetter!“ entfiel es dem Professor. „Und Sie sehen aus wie Mitte dreißig.“
Dann lachte der alte Herr: „Die Hose ist etwas kurz, die wir Ihnen geschickt haben.“ Jetzt erst bemerkten die jüngeren Männer und auch Pirath, daß die Hose ihm kaum über die Mitte der Waden reichte. Sie grölten
Pirath sagte: „Wie Sie wünschen. Bitte lassen Sie mich noch eine Stunde auf der Insel. Ich muß mit den Leuten sprechen, und das geht besser, wenn Sie fort sind. Ich will auch einiges hier aus dem Haus einpacken und mitnehmen.“
Die vier Männer gingen. Pirath begleitete sie zur Jolle und wartete, bis sie auf dem Schiff waren. Dann sagte er zu den Scharen von Männern und Frauen, die sich am Ufer drückten: „Ihr Leute, kommt in meinen Hag. Regenbogen muß zu euch sprechen!“
Alles stürzte hin, und Pirath erstieg die Leiter zu seinem Hause und sprach von oben:
„Es spricht Regenbogen zu den Männern und Frauen Kililikis so:
Regenbogen muß von euch gehen. Seine weiße Insel hat ihn gerufen. Er fährt mit dem großen weißen Kanu zu seiner Mutter. Er läßt euch allein. Unter euch wohnte ein Mann, der war bös und falsch wie eine Schlange. Deshalb hat Regenbogen ihn von euch fortgenommen. Das war euer König Möwenschnabel. Er liegt im Wald, und seine Seele ist aus seinem Leib fort. Aber fürchtet euch nicht. Sie tut euch nichts Böses. Regenbogen hat sie gebannt. Es spricht nun Regenbogen zu euch, daß die Seeschwalbe eure Königin sein soll. In sie ist das Tabu übergegangen, und ihr müßt ihr gehorchen. Regenbogen hat euch oft erzählt, daß ihr weiterlebt
Er stieg hinab und ging durch die Menschen durch. Die waren erst erstaunt und betreten, und dann, wie Regenbogen sie durchschritten hatte, da ging seine Rede wie eine süße Verzweiflung in ihnen auf. Sie waren glücklich an den Jahren, die der weiße Gott unter ihnen verbracht hatte, und waren verzweifelt, daß er sie verließ. Sie warfen sich auf den Boden, und ihr Weinen und Heulen, ihre Rufe und ihr Gestöhn folgten ihm, bis sein Kanu an dem weißen großen Schiff anlegte und er über die schwankende Treppe ins Innere verschwand. Seeschwalbe aber lag im Sand ihrer Hütte und drückte ihre Kinder an sich. Kein Laut drang aus ihren aufeinander
Pirath kam nicht mehr ans Land zurück. Er sagte den Forschern, er habe schon Abschied genommen. Da meinte der Professor, dann könnten sie abdampfen. Der Zweck, den ihr Unternehmen verfolgte, sei ja schon vor dem Besuch auf Kililiki erreicht gewesen.
Das kleine weiße „Seepferd“ dampfte im späten Nachmittag ab. Pirath stand auf Deck und schaute heimlich zu, wie Kililiki ins Meer und in die Ferne versank. Nach dem Abendessen erzählte er bis in die tiefe Nacht hinein, gepackt von den Erinnerungen und dem hingegeben, was er wiedergewinnen sollte, seine Erlebnisse. Als er geendigt hatte, sah er, daß seine Zuhörer aufgeregt und ergriffen waren von dem Weg, den sein Leben genommen hatte. Da änderten auch in seinem Inneren seine Erlebnisse das Gesicht. Sie waren ihm bis dahin selbstverständlich vorgekommen. Nun legte er einen Maßstab an, den die Welt ihm hinhielt. Er war melancholisch. Es war ihm, als ob ein Riß in seinem Leben wäre, und nur die Aussicht, das verlorene Europa wiederzugewinnen, stand wie ein tröstendes Heim in seiner Richtung. Als er seine Erzählung beendet hatte, schaute Professor von Wiltingen ihn innig an und sagte: „Das ist das größte und sonderbarste Menschenschicksal, das mir unter den vielen, die ich mitansehen durfte, begegnet ist. Der neue deutsche Robinson.“