Vorbemerkungen zum zweiten Bande.
Reading edition
Die Novelle »Ewe« von Ernst Wichert ist mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus Ernst Wicherts Gesammelten Werken Band 16 (Littauische Geschichten) (Dresden — Leipzig: Carl Reißner, 2. Auflage 1900).
»Lorenheinrich« von Heinrich Sohnrey ist von dem Verfasser und der Verlagsbuchhandlung gütigst zur Verfügung gestellt aus »Im grünen Klee — im weißen Schnee« (Berlin: Martin Warneck, 1. bis 5. Tausend 1903).
Der Abdruck von Wilhelm von Polenz' »Zittelgusts Anna« erfolgte mit freundlicher Einwilligung der Erben des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung aus »Luginsland« (Berlin: F. Fontane & Co., 2. Auflage 1901).
»Simerls guter Tag« ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung entnommen aus Rudolf Greinz' Tiroler Geschichtenband »Über Berg und Tal« (Stuttgart — Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt, 1899).

Ernst Wichert: Ewe.

Ernst Wichert wurde am 11. März 1831 in Insterburg in Ostpreußen als Sohn eines Justizbeamten geboren. Er verlebte den größten Teil seiner Jugend in Königsberg, wohin der Vater versetzt wurde; dort erhielt der Knabe seinen ersten Unterricht, dort besuchte er das Gymnasium und später die Universität, dort brachte er auch den größten Teil seines Lebens als Richter zu. Nur vorübergehend war er in Memel und in dem littauischen Marktflecken Prokuls tätig, und erst 1888 siedelte er als Kammergerichtsrat nach Berlin über, wo er am 21. Januar 1902 starb.
Die dichterische Tätigkeit Wicherts umfaßte Roman und Novelle, Lustspiel und Drama. Die Lustspiele »Ein Schritt vom Wege« und »Der Narr des Glücks« sind über viele deutsche Bühnen gegangen. Seine Stärke liegt aber zweifellos in der Schilderung heimatlicher Verhältnisse der Gegenwart oder Vergangenheit in Novelle und Roman; hier entwickelt er eine besondere Kraft der Anschaulichkeit, der psychologischen Vertiefung, des kulturgeschichtlichen und sozialen Verständnisses. Schildert er in dem dreibändigen Roman »Heinrich von Plauen« den beginnenden Verfall des deutschen Ordens zu Anfang des 15. Jahrhunderts — oder in »Tilemann vom Wege« den Verzweiflungskampf des Ordens gegen die Städte des Weichsellandes — oder in dem großangelegten, wieder dreibändigen Roman »Der große Kurfürst in Preußen« die schmerzvollen Umbildungen seiner Heimat in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts — immer stellt er uns ein lebendiges und meisterhaft ausgeführtes Bild jener Zeiten und ihrer Menschen vor Augen.
Unter seinen Novellen sind fraglos die »Littauischen Geschichten« die bedeutendsten. Wichert hatte in den Jahren 1860-63 als Richter in dem Marktflecken Prokuls reiche Gelegenheit, die Eigentümlichkeiten des littauischen Stammvolks kennen zu lernen. Die romantischen Verhältnisse, das Urwüchsige dieses vor den Deutschen immer mehr verschwindenden Volkes zogen ihn an, der Mangel an Rechtsbewußtsein, die Häufigkeit von Scheinverträgen und Zeugenbestechungen, Meineiden und Giftmorden beschäftigten lebhaft sein Interesse. So schrieb er aus der genauen Kenntnis dieses zu Grunde gehenden Volkstums Dorfgeschichten von einer psychologischen Gewalt und Stärke, daß sie uns bis ins Innerste ergreifen; und das trotz der größten äußeren Schlichtheit — denn Wichert erzählt, als ob er ein Protokoll für das Gericht schriebe. So sind uns die Menschen einfacher Verhältnisse selten näher gebracht worden, und wenn in diesen kraftvollen Gemälden noch etwas besonders unsere Teilnahme fesselt, so ist es — wie in der monumentalen Erzählung »Ewe« — die Charakterstärke, der Opfermut, die Treue, die Tatkraft seiner Frauengestalten.
Hamburg.
Dr. Ernst Schultze.
