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Novellen

DER UNGETAUFTE POPE.

S. (Stanislaus) Mierzinski translation

Erstes Kapitel.

Über die Vorfälle des Tages uns unterhaltend, saßen wir, eine größere Zahl guter Freunde und Genossen, beisammen, als einer nachstehende Zeitungsnotiz zu lesen begann:

„In einem Dorfe fand die Hochzeit der Tochter des Popen statt, wobei es sehr hoch herging und, wie üblich, recht viel getrunken wurde, so daß sich alle, ländlich, sittlich, nach dortiger Bauernart sehr gut unterhielten.

Unter den Gästen befand sich auch der Diakon, der sich als Freund und Liebhaber choreographischer Künste zeigte, weshalb er es unternahm, den Festtag mit „festlichen Reimen“ zu feiern und schließlich, um auch seinen Teil zur Unterhaltung der Gäste beizutragen, anfing, den „Trepak“[2] zu treten, wodurch alle Anwesenden in das höchste Entzücken gerieten.

Nur der Vikariatsvorstand (Kircheninspektor), welcher als Gast anwesend war, fand das Vorgehen des Diakons als mit der geistlichen Würde unvereinbar, höchst unzeitgemäß, und erstattete diensteifrig eine Anzeige an den Erzbischof.

Erzbischof Ignatius schrieb, nachdem er die Klage des Vikarius gelesen, unter dieselbe folgende Resolution:

Diakon N. den Trepak trat. Trepak hat aber nicht geklagt. Warum der Inspektor klagt? Sei er zu rufen und deswegen gefragt.

Die Sache endete damit, daß der Inspektor im Winter, etwa anderthalb hundert Werst zu fahren und nicht wenig Geld zu verausgaben hatte, um mit der Bemerkung nach Hause geschickt zu werden, „es wäre jedenfalls angezeigter gewesen, den Diakonus an Ort und Stelle sofort auf das unpassende und unanständige seiner Handlungsweise aufmerksam zu machen, statt Klage zu führen, wegen eines und dabei noch ausnahmsweise vorgekommenen Falles.“

Nach Beendigung der Vorlesung waren alle darüber einig, daß die Resolution des Erzbischofes nicht nur originell, sondern auch zeitgemäß war, doch einer unter uns, welcher besonders viel in Verbindung mit Geistlichen stand, und dem das Leben derselben, sowie viele auf dasselbe bezughabenden Anekdoten bekannt waren, meinte:

Wahr ist wahr, der Inspektor hatte keinen Grund gehabt zu klagen und Angeberei zu treiben wegen eines ausnahmsweise vorgekommenen Falles; aber ein Fall ist nicht gleich dem anderen, und das, was ich eben hörte, erinnert mich an einen anderen Fall, in welchem der Vikarius seinem Erzbischof eine viel schwierigere Aufgabe zu lösen gab, die jedoch der letztere zur Zufriedenheit aller Beteiligten, den Vikarius ausgenommen, löste.

Wir baten unseren Freund uns diesen Vorfall zu erzählen, wozu er sich bereit erklärte; er begann:

Die Geschichte, welche ich euerem Wunsche entsprechend erzählen werde, ereignete sich in den ersten Jahren der Regierung des Kaisers Nikolaus Pawlovič und endete knapp vor dem Tode desselben, also gerade zu einer Zeit, wo wir die größten Mißerfolge in der Krim zu überstehen hatten.

Die zu jener Zeit herrschenden politischen und militärischen Vorfälle hatten alles andere zurückgedrängt und so ging mancher Fall unbeachtet verloren, welcher unter anderen Verhältnissen allgemeines Interesse erregt hätte, aber einer von diesen bewahrt sich doch im Gedächtnisse einiger weniger Personen, vor deren Augen derselbe vor sich ging oder die an demselben direkt oder indirekt beteiligt waren.

Mancher dieser Vorfälle gehört bereits der Sage an.

Der Fall jedoch, den ich Euch erzählen werde, ist noch nicht aus dem Gedächtnisse einzelner Personen verschwunden, denn die meisten in dieser wahren Geschichte handelnden Personen leben noch heutigen Tages, und ihr werdet es deshalb für ganz richtig und angezeigt halten, wenn ich den Orten und Personen, außer der Hauptperson, erdachte Namen gebe.

Im allgemeinen will ich nur soviel sagen, daß diese Geschichte in Süd-Rußland, unter Klein-Russen, vor sich ging und der „ungetaufte Pope“ Sava, ein seelenherzensguter, allgemein beliebter, ja von seiner Gemeinde geradezu vergötterter Mann, noch heute frisch und heiter, wenn auch bereits hochbetagt, lebt und seinen Pfarrbezirk nicht nur zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, sondern auch seiner Pfarrkinder verwaltet.

Zweites Kapitel.

Also: — in einem der Dörfer im südlichen Rußland, welchem wir, meinetwegen, den Namen Paripsami beilegen wollen, lebte der reiche Kasak Zacharovič, mit dem Rufnamen Dukač.

Er war zur Zeit, als meine Erzählung beginnt, bereits nicht mehr jung, aber sehr reich, kinderlos, rauh und hartherzig.

Wucherer, im eigentlichen Sinne des Wortes, war er nicht, auch kein Schinder, wie man sie unter Altrussen oft findet, denn derartiges kam zu jener Zeit in Südrussland nicht vor, aber er war, was man so nennt, ein zänkischer, hochmütiger, grober, rücksichtsloser Mensch, den alle fürchteten, sich, sowie sie ihn sahen, bekreuzten, und ihm, wenn es tunlich war, aus dem Wege gingen, denn kamen sie demselben ungelegen, dann gab es böse Worte, ja nicht selten sogar Prügel.

Sein eigentlicher Name war den wenigsten im Dorfe bekannt, was ja überhaupt in Dörfern gar nicht so selten vorkommt, aber alle nannten ihn Dukač, wodurch alle seine unangenehmen Eigenschaften zum Ausdruck gelangten.

Dieser mehr oder weniger beleidigende Spitzname konnte auf eine Verweichlichung seines Charakters wenig Einfluß ausüben; im Gegenteil, er wurde dadurch noch mehr aufgeregt und ärgerlich und nicht selten in einen solchen Zustand von Aufregung gebracht, daß der sonst von der Natur aus ganz gescheite Mann, der sich auch sonst zu beherrschen verstand, alle Überlegung verlor und sich auf die Menschen wie ein wütender Wolf warf.

Kinder brauchten ihn wohl nur von weitem zu erblicken, als sie unter dem Rufe: „Der Dukač kommt, der Dukač kommt!“ auseinander liefen, wie die Sperlinge bei einem Schusse: gelang es dem Dukač aber eines der Kinder unverhofft zu erjagen, dann schlug er dasselbe mit seinem langen Stocke, ohne welchen kein richtiger Kasak sein Haus verläßt, recht derb und empfindlich; hatte er aber den Stock nicht gerade zur Hand, dann brach er einen Ast vom ersten besten Baume, der ihm zu vorerwähntem Zwecke diente.

Den Dukač fürchteten alle, nicht allein Kinder, sondern auch die Erwachsenen, weshalb ihm jedermann auswich und trachtete dem Dukač nicht begegnen zu müssen.

Das war ein Mensch, den niemand liebte, dem niemand gutes wünschte, weder ins Gesicht noch hinter seinem Rücken, denn alle waren darüber einig und davon überzeugt, der Himmel zögere nur den streitsüchtigen Kasaken zu strafen bis zur gelegenen Zeit, sie selbst aber wären alle bereit diese Strafe mit dem größten Vergnügen zu besorgen, aber gerade den Leuten wie zum Trotze, verfolgte geradezu das Glück den Dukač.

Es glückte alles, was er unternahm — es lief ihm so zu sagen alles in die Hände; die schon überhaupt zahlreichen Heerden seiner Schafe vermehrten sich wie die Heerden Labans unter Jakob, so daß die in der Nähe liegende Steppe bereits zu klein für sie sich erwies.

Die langgehörnten schweren Zugochsen Dukač’s vermehrten sich, wuchsen und zogen hundert neue, mit Getreide, Wolle und anderen Produkten und Waren beladene Wagen nach Moskau, Nešin, Odessa oder geradezu noch weiter in die Krim; die Bienenstöcke im Lindenwald, vor Wind und Wetter geschützt, zählten nach hunderten.

Mit einem Wort: der Reichtum des Dukač war nach den Begriffen und der Ansicht der dortigen Kasaken ein — — — unermeßlicher.

Aus welchem Grunde gab ihm das alles Gott?

Die Leute konnten sich dieses nicht erklären, sie wunderten sich, schüttelten mit den Köpfen und trösteten sich damit, daß all’ dieser Reichtum, all’ dieses Glück, dieser Überfluß dem Dukač nicht zum Vorteile gereiche, daß Gott den Dukač nur in Versuchung führe, damit dieser noch stolzer werde als er es bereits ist, um ihn dann ungeahnt, plötzlich von seiner Höhe herabzustürzen mit einem solchen Krach, daß derselbe weit und breit hörbar sein werde.

Ungeduldig bereits geworden, erwarteten diese guten Leute das schreckliche Gericht; aber die Jahre folgten eines nach dem anderen, ohne daß die Strafe Gottes zur Äußerung gekommen wäre.

Der Kasak wurde von Jahr zu Jahr reicher und reicher, hochmütiger, anmaßender, ja bösartiger, und es gab keine Anzeichen noch Hoffnung, daß seinem Übermut, seiner Rohheit ein Damm gesetzt werden würde.

Das beunruhigte nicht nur die nächsten Nachbaren Dukač’s, sondern auch die Gemeinde und die ganze Umgebung, und regte dieselbe auf, um so mehr, als man nicht sagen konnte, daß die Sünden des Vaters sich an den Kindern desselben rächen würden, denn Dukač war — — kinderlos.

Aber unerwartet zog sich die Dukačin von den Leuten zurück — sie zeigte sich wenig, wurde schüchtern und zurückhaltend — hörte auf sogar vor’s Haus zu gehen oder Besuche zu machen; — in nicht gar zu langer Zeit verbreitete sich das Gerücht und wurde weitergetragen, die Dukačin befände sich in jenem Zustande, den man bei den Frauen den interessanten zu nennen pflege.

Die guten Leute und Nachbaren erschraken geradezu über diese fast unglaublich scheinende Neuigkeit; die Zungen lösten sich jedoch bald, die durch fruchtlose Erwartung bereits ermüdete öffentliche Meinung fing an sich auf ein großes Ereignis vorzubereiten.

„Was wird das für ein Kind werden? — was wird das für ein Teufelskind sein? ... Es wäre besser, es ginge im Mutterleibe zu Grunde, ehe es das Licht der Welt erblickt!“

Solche und ähnliche Wünsche hegte die Gemeinde und Umgebung. Alle erwarteten mit Ungeduld die Zeit der Geburt, bis auch diese eintrat. In einer bitterböskalten Dezembernacht gebar unter dem Dache des großen Bauerhauses unter großen Schmerzen die Dukačin ein kleines Kindlein!

Das neugeborene Weltenkind war ein Knabe, keine tierähnliche Mißgeburt, wie es die guten Leute erwarteten und wünschten, sondern ein ganz reinliches Kindlein mit weißer weicher Haut, schwarzen Haaren und schönen, großen, blauen Augen.

Als die Hebamme Kerasivna diese Neuigkeit den vor dem Hause angesammelten Leuten mitteilte und eidlich bestätigte, der Neugeborene besäße weder Hörner am Kopfe noch einen Pferdefuß oder gar ein Schwänzchen, da fehlte es nicht viel und sie wäre durchgeprügelt worden; angespuckt hat man sie doch.

Und trotz alledem blieb der Knabe was er war, ein schönes Kind, und dabei außergewöhnlich ruhig: er atmete ganz leise, so daß es kaum bemerkbar war, als schämte er sich zu schreien.

Drittes Kapitel.

Als Gott dieses Knäblein dem Dukač schenkte, stand derselbe bereits nahe den Fünfzigen.

Bejahrten Leuten, namentlich solchen, welche über einen gewissen Wohlstand oder Reichtum verfügen, bereitet die Geburt eines Nachfolgers eine ganz besondere Freude.

Selbst Dukač freute sich sehr der Geburt seines Sohnes, aber seine Freude äußerte sich, wie es ja bei seinem rauhen Charakter nicht anders sein konnte, in eigener Art.

Vor allen anderen ließ er den bei ihm lebenden vermögenslosen Verwandten Agap zu sich rufen und teilte ihm mit, daß er von nun an sich keine Hoffnung machen dürfe, ihn — den Dukač — beerben zu können, um so mehr, als ihm Gott einen wirklichen Erben geschenkt habe; dann befahl er ihm so rasch wie möglich seinen Sonntagsstaat anzuziehen, die neue Mütze aufzusetzen und so, wie es Tag wird, den hier zu Besuch weilenden jungen Gerichtsbeamten und die Frau des Popen aufzusuchen und sie als Taufpaten für das neugeborene Kind einzuladen.

Agap war nicht mehr jung, nahezu an vierzig, furchtsam, er sah mehr einem Huhn mit beschädigtem Kopfe ähnlich, was davon herrührte, daß ihm ein großer Flecken Haare am Kopfe fehlte, wodurch eine lächerliche Kahlheit entstand; ein Zeichen von Dukačs starker Hand.

Agap verlor die Eltern noch im Kindesalter und wurde von Dukač angenommen; zu der Zeit war Agap ein aufgeweckter lebhafter, fast übermütig ausgelassener Knabe, der seinem Onkel nur Nutzen brachte, denn er konnte lesen und schreiben, was Dukač nicht konnte.

In den ersten Jahren pflegte Dukač den Agap mit Fuhren nach Odessa zu schicken.

Als Agap einmal von einer solchen Odessaer Reise zurückkehrte, die Abrechnung pflegte und in der Rechnung den Ankauf einer neuen Mütze auswies, da wurde Dukač darüber, daß Agap, ohne seine Einwilligung eingeholt zu haben, eine Ausgabe machte, so wild, daß er den Agap über Kopf und Nacken so heftig schlug, daß dieser sehr lange nicht nur Schmerzen litt, sondern auch seit dieser Zeit den Kopf nach einer Seite geneigt trug; die Mütze nahm Dukač dem Agap ab, hängte sie auf einen Nagel in der Stube auf, bis sie die Motten zerfraßen.

Der schiefhalsig gewordene Agap ging ein ganzes Jahr lang ohne Mütze herum; alle Leute lachten ihn deswegen aus.

Während des Verlaufes dieses Jahres weinte Agap sehr oft und sehr lange; er hatte Zeit genug darüber nachzudenken, wie er sich in der Folge in einem solchen Falle zu benehmen hätte.

Durch die rohe Behandlung seines Onkels ist Agap selbst stumpf geworden; die Leute rieten ihm seinen Verwandten zu betrügen, aber dieser Betrug müsse so politisch sein, daß er, Agap, eine Mütze hätte, ohne daß Dukač dahinter kommen könnte, in welcher Art und Weise er, Agap, sich das Geld zum Ankauf verschafft habe, dieses sei jedoch nur dann möglich, wenn er, Agap, das für die Mütze verausgabte Geld in kleinen Beträgen auf die anderen Ausgaben verteile.

Sodann müsse er, Agap, behufs Sicherung, für alle Fälle, sich Hals und Nacken recht dick mit Tuch umwickeln, sobald er mit seinem Onkel Dukač die Abrechnung pflegen wird, denn wenn ihn dann Dukač schlagen sollte, so wird er, Agap, wenigstens keine Schmerzen empfinden.

Agap hat sich diese und ähnliche Ratschläge recht wohl gemerkt und als ihn Onkel Dukač das nächste Jahr wiederum nach Nižnij[3] schickte, da kam Agap, der ohne Mütze vom Hause wegging, mit neuer Mütze zurück, die jedoch in der Rechnung nicht angeschrieben stand.

Dukač bemerkte gar nicht, daß Agap eine Mütze besitze, ja er belobte sogar seinen Neffen Agap und bemerkte, daß er diesesmal keine Ursache habe, ihn durchzuprügeln; die Angelegenheit wäre ganz friedlich verlaufen, wenn dem Agap der Teufel nicht geraten hätte dem Onkel zu zeigen, wie er „politisch“ sein und der Redlichkeit ein Schnippchen schlagen könne.

Vorerst jedoch betastete er vorsichtig Hals und Nacken, ob auch die Handtücher, die er vorsichtshalber umgewickelt hatte, fest säßen, und erst dann meinte Agap:

„Ah! Onkel! ... gut ... gut ... für nichts zu schlagen nötig! ... Redlichkeit gibt es doch auf der Welt.“

„Was für Redlichkeit?“

„Was für Redlichkeit? ... Schaut her, Onkel,“ und er tippte mit dem Finger auf das Papier, auf welchem die Rechnung geschrieben war, „gibt es hier eine Mütze?“

„Nein, ist nicht,“ gab Dukač zur Antwort.

„Und ist die Mütze drin,“ belobte sich Agap selbst und setze diese schief aufs Ohr.

Dukač sah auf und sagte:

„Wirklich eine schöne Mütze — geb’ sie doch ’mal her, ich will sie anprobieren.“

Er setzte die Mütze auf und ging zu dem Spiegelscherben, welcher in einen Holzspan eingeklemmt war, schüttelte seinen grauen Kopf und meinte:

„Gewiß, eine sehr schöne Mütze, die ich selbst tragen werde.“

„Sie steht Euch sehr gut zu Gesichte, Onkel.“

„Ja, wo hast Du, Lump, die Mütze gestohlen?“

„Was Euch nicht einfällt, Onkel, ich stehle nie,“ gab Agap zur Antwort, „Gott soll mich bewahren, ich, und stehlen!“

„Also, woher hast Du die Mütze?“

Agap meinte, gestohlen habe er sie nicht, aber durch Politik sei er in den Besitz derselben gekommen.

Dem Dukač erschien dies alles so außerordentlich lächerlich und unglaublich, daß er tatsächlich zu lachen anfing und meinte:

„Ist es Dir nicht schwer vorgekommen Politik zu treiben?“

„Weshalb?“

„Also red’, wie hast Du das angestellt?“

„Politisch.“

Dukač drohte dem Agap mit dem Finger; doch dieser blieb bei seiner Behauptung die Mütze politisch erworben zu haben.

„Welcher Teufel hat Dir eingeredet, politisch zu sein?“ frug Dukač weiter, „wie kann es möglich sein, daß ein so dummer Junge, wie Du es bist, in Nižnij Politik treiben kann?“

Doch Agap blieb fest bei seiner Behauptung stehen.

Dukač befahl schließlich dem Agap sich zu setzen und ihm haarklein zu erzählen, in welcher Art und Weise er Politik getrieben habe. Dukač selbst goß sich einen kleinen Topf Pflaumenbranntwein ein, brannte seine Pfeife an und richtete sich gemächlich zu längerem Zuhören ein.

Doch die Erzählung war kurz.

Agap las nochmals die sämtlichen Posten der Rechnung vor, und meinte dann:

„Gibt es hier eine Mütze?“

„Nein, nicht,“ gab Dukač zur Antwort.

„Und sie ist doch drin!“

Und nun beichtete er, wo und in welchen Posten und wie viel bei jedem zugerechnet worden ist, und dieses alles erzählte er mit einer solchen Offenheit und Freude, als er sicher war, daß ein Überfall seines Onkels ihm keine großen Schmerzen bereiten könne, denn sein Hals und Nacken waren ja mit vielen Lagen von Handtüchern dicht umwickelt; aber es ereignete sich etwas anderes, ganz unerwartetes, unerwünschtes, worauf Agap ganz unvorbereitet war.

Anstatt seinen Verwandten zu prügeln, meinte Dukač:

„Sieh’! sieh’! wirklich, Du bist sehr politisch vorgegangen und hast die Ausgabe für die Mütze so gut verheimlicht, daß es mir nicht wehe tuet, ich aber werde Dich eine andere Politik lehren,“ und aufspringend riß er dem Agap nicht nur eine Handvoll Haare vom Kopfe, sondern auch gleichzeitig das Stück Haut mit, so daß an dieser Stelle seit dieser Zeit auch keine Haare mehr gewachsen sind.

In dieser Weise endete das politische Spiel des Neffen mit dem Onkel, und als dieser Vorfall im Dorfe bekannt wurde, da wuchs das Ansehen des Dukač noch mehr, als man zu der Überzeugung kam, daß man dem Dukač weder durch List noch Gradheit beikommen oder ihn betrügen könne.

Viertes Kapitel.

Dukač blieb stets allen seinen Nachbaren fremd, er besuchte Niemanden und Niemand hatte den Wunsch mit ihm bekannt zu werden oder nähere Freundschaft zu schließen.

Dieses Verhältnis ließ Dukač kalt und völlig gleichgültig, es berührte ihn viel zu wenig, um sich darüber zu grämen.

Man muß sogar annehmen, daß ihm diese Absonderung sehr angenehm war, wenigstens hatte er, bei passender Gelegenheit, sich dahin geäußert, daß er, so lange er lebe, vor Niemandem sich gebeugt oder um etwas gebeten hätte und er hoffe, daß dies auch weiters der Fall sein werde.

Und weshalb sollte er Jemandes Wohlwollen suchen und wünschen?

Ochsen und anderen Gutes besaß er im Überflusse, und wenn ihn Gott dadurch strafen sollte, daß alle seine Ochsen verseuchen oder sein Haus abbrennen würde — so besaß er noch Land, Feld, Wiesen und Steppe — mehr als ihm nötig, die stets, wie es sich für einen tüchtigen Landwirt gebührt, in Ordnung gehalten und bearbeitet wurden, so daß sie, wenn nicht dieses, so doch die nächsten Jahre einen guten Ertrag geben würden, er war deshalb gegen alle Verluste gesichert.

Aber nicht genug daran, denn selbst dann, wenn sein Haus abbrennen, sein Vieh fallen, seine Felder nichts tragen sollten, so gab es im Walde eine Eiche, die dem Dukač nur allein bekannt war, unter deren Wurzeln, in der Erde vergraben ein nicht zu kleines Töpfchen sich befand, daß bis oben voll mit schönen gelben, großen runden Goldfüchsen gefüllt war, hinreichend genug, lange ein völlig sorgenloses Leben führen zu können.

Was waren ihm deshalb alle anderen Leute?

Um daß er deren Kinder aus der Taufe hebe?

Er selbst war kinderlos — oder sollte er seiner Frau zu Liebe Bekanntschaften und Freundschaften schließen, deshalb, weil sie ihm, nach Frauen Art, täglich die Frage stellte:

„Warum meiden uns die Leute? — warum ziehen sie sich von uns zurück und weichen uns aus? Warum tuen sie uns alles mißgönnen? — Glaubst Du nicht, daß es notwendig wäre, etwas zu tun, damit uns die Leute ein klein wenig entgegen und näher kommen?“

Doch ein richtiger Kasak nimmt auf derartige Äußerungen und Wünsche einer Frau gar keine Rücksicht und schenkt ihnen keine Beachtung.

Und so verlief ein Jahr nach dem anderen; Dukač lebte sorgenlos, ohne jede Unannehmlichkeit, ohne jedes Unglück oder einen jener unangenehmen Vorfälle, welche selbst die reichsten, unabhängigsten und stolzesten Menschen nicht selten zwingen, unwillkürlich die Hilfe oder Gefälligkeiten anderer Menschen in Anspruch nehmen zu müssen, sie sogar zu bitten, sich vor ihnen zu beugen, ja sogar zu demütigen.

Jetzt trat ein derartiger Zeitpunkt ein, denn Leute waren dem Dukač nötig, welche sein Kind aus der Taufe heben sollten.

Jedem anderen Menschen hätte ein derartiger Fall keine Schwierigkeiten bereitet. Dukač war aber stolz und es war ihm unbequem und unangenehm, selbst zu gehen und jemanden um die Gefälligkeit zu bitten, Pate bei seinem Sohne sein zu wollen.

Die Personen, welche Dukač nötig waren, zählten nicht zu den ersten besten im Dorfe, im Gegenteil es war dies die junge, putzsüchtige Frau des Dorfgeistlichen, welche sich Hüte stets aus Poltava verschrieb, und ein junger Gerichtsbeamte aus der Stadt, welcher gerade beim Diakon zu Gaste war.

Das waren unbestritten die ersten Personen, die Intelligenz im Dorfe, aber was zu befürchten war: daß diese Personen ablehnen, was dann?

Erst jetzt leuchtete dem Dukač ein, daß er übel daran getan habe, sich nicht nur mit dem Volke, sondern auch mit der Intelligenz zu verfeinden, und daß es noch nicht lange her ist, wo er mit Vater Jakob und dem Diakon auf dem Damm nicht gerade ein freundschaftliches Gespräch in gewählten Worten führte, als ihm diese, und er ihnen, nicht ausweichen wollten.

Und weder der Pop noch der Diakon vergaßen die Rücksichtslosigkeit und Grobheit des Dukač, namentlich jetzt, zu einer Zeit, wo sie dem stolzen Kasaken sehr nötig waren.

Dukač blieb nichts andres übrig, als in den saueren Apfel zu beißen.

Aber er stellte dies schlau an; um einer persönlichen Absage zu entgehen, ließ er die Frau des Popen und den Gerichtsbeamten durch seinen Verwandten einladen.

Und damit diese Einladung einen Erfolg hätte, versorgte er den Agap mit Geschenken, wie es im Dorfe bei solchen Gelegenheiten üblich zu sein pflegt.

Aus der alten Erbkiste holte er für die junge Frau des Popen einen breiten Kamm aus Elfenbein; für den Beamten ein Trinkglas mit eingeschliffenem Hahn und einer deutschen Inschrift.

Aber dieses alles hatte keinen Erfolg gehabt.

Sowohl die Frau des Popen als der Beamte lehnten die Ehre Paten zu stehen bei Dukačs Kind ab, und nahmen die Geschenke nicht an, ja sie lachten sogar Agap aus, indem sie meinten, warum sich Dukač gar so viel Mühe nehme sie gerade zu Paten haben zu wollen, jedenfalls deshalb, weil sich wohl niemand anderer gefunden habe das Kind eines Betrügers und Wucherers aus der Taufe heben zu wollen.

Und als Agap sich erkühnte die Frage zu stellen, ob es wohl angeht, daß ein Kind eine Woche lang ungetauft bleiben könnte, da prophezeite Vater Jakob, daß das Kind nicht bloß eine Woche, sondern sein Leben lang ungetauft bleiben wird.

Als der alte Dukač diesen Bericht zur Kenntnis nahm, da ballte er seine Rechte zu einer Faust, hielt sie dem Agap unter die Nase und beauftragte ihn dem Popen ein gleiches für seine Prophezeihung zu zeigen; und um den Agap rasch aus der Stube zu entfernen, packte er ihn beim Kragen und warf ihn einfach zur Tür hinaus.

Fünftes Kapitel.

Dieses Hinauswerfen betrachtete Agap als einen ziemlich guten Ausgang seiner schwierigen Mission, und um seinem Onkel nicht unter die Augen oder einfacher gesagt, unter die Hände zu geraten, ging er ins Wirtshaus, wo er alles ausführlich erzählte, was vorgefallen ist, so daß im Verlaufe einer halben Stunde alle Bewohner des Dorfes wußten und sich auch darüber freuten, Vater Jakob hätte aus den Büchern herausgelesen, der Sohn des Dukač bleibe sein Leben lang — ungetauft.

Und wenn nun Dukač seinen Stolz überwunden hätte, und wenn er demütigst bittend von einem Nachbaren zum anderen gegangen wäre, alle würden ihm abgesagt haben.

Davon war Dukač vollständig überzeugt, es war ihm klar, daß er sich im Zustande des Wolfes befinde, welcher es mit allen verdarb, so daß er sich vor niemanden sehen lassen dürfte, und er auf keine Hilfe rechnen konnte, wo sie ihm am nötigsten gewesen wäre.

Doch er beschloß auch ohne Vater Jakob und ohne seine Nachbaren fertig zu werden.

Zum Ärger des ganzen Dorfes und möglicherweise zum allergrößten der Dorfgeistlichkeit beschloß Dukač das Kind in der Nachbargemeinde Peregudi, welche acht Werst von Paripsami entfernt lag, taufen zu lassen, und um die Sache bald zu beenden, sollte die Taufe sofort vor sich gehen, denn morgen schon sollte allen bekannt sein, der alte Dukač lasse als echter Kasak nicht über sich lachen, verstehe keinen Spaß und werde auch ohne Hilfe der Dorfbewohner fertig.

Taufpaten hatte er bereits gefunden und zwar den Agap und die Hebamme Kerasivna, Personen, auf die niemand auch in Gedanken verfiel.

Über diese Wahl konnten sich manche wundern oder auch nicht, wie man es eben nahm, denn Dukač lud „arme Leute als Paten“, begegnende, zufällige, wie sie Gott schickt — und der Aberglaube behauptet.

Agap war tatsächlich der erste, den der alte Kasak nach der Geburt seines Sohnes sprach, und Kerasivna die erste, die das Kind ansah, als es zur Welt kam, denn sie versah die Dienste einer Hebamme.

Es schien zwar etwas gewagt, die Kerasivna als Patin zu besitzen, sie besaß nicht den besten Ruf, denn sie galt für eine bekannte, ausgesprochene — Hexe — und daß sie ja eine echte wahre Hexe sei, davon waren nicht nur die Bewohner des Dorfes, sondern auch deren eigener Mann fest überzeugt, denn er widersprach dem Gerüchte nicht, noch verteidigte er seine Frau gegenüber solchen Anklagen.

Der Mann der Kerasivna, der Kasak Kerasenko, war ein energischer, sogar kühner Mann, der keine Furcht kannte, aber im höchsten Grade eifersüchtig war, und doch verschwand Energie, Kühnheit, Eifersucht unter dem Einflusse, welchen Kerasivna auf ihren Mann ausübte — er selbst wurde der ruhigste, stillste — Dummkopf, seiner Frau völlig untertan und nach ihrem Willen und Wunsche lebend, — wogegen sie sich der größten Freiheiten erfreute.

Kerasivna handelte mit Branntwein, Leinwand, mit verschiedenen Nahrungsmitteln, ja verkaufte sogar Heilmittel und Kräuter, aber das größte Einkommen zog sie aus ihrer Eigenschaft als Hebamme.

Sechstes Kapitel.

Wie ich schon sagte, im ganzen Dorfe und den Nachbargemeinden war Groß und Klein davon überzeugt, daß die Kerasivna eine Hexe sei, denn das wurde deutlich sichtbar aus einem eigentümlichen, ein wenig skandalösen Falle.

Solange Kerasivna noch nicht verheiratet war, da kannte sie jedermann als ein eigenwilliges, starrköpfiges Mädchen; sie wohnte in der Stadt und in ihrem Besitze befand sich ein Glas, in welchem ein kleines Teufelchen mit roten Hörnern und Zunge eingeschmolzen war.

Dieses Teufelchen erhielt die Kerasivna von einem adeligen Herrn aus Pokota, Rohačover Bezirkes, welcher solche in einer benachbarten Glashütte herstellte, zum Geschenke.

Kerasivna benützte das Glas zum Trinken und befand sich dabei sehr wohl.

Aber nicht genug daran, sie besaß den außergewöhnlich großen Mut den Kerasenko zu heiraten.

Das zu tun, vermochte nur ein Frauenzimmer, das selbst den Teufel nicht fürchtet, da es ja allgemein bekannt war, daß Kerasenko nicht nur durch seine Eifersucht, sondern auch durch seine Rohheit bereits zwei Frauen ins Grab brachte.

Als Kerasenko zum drittenmale heiraten wollte, da konnte er keine Frau finden, bis sich ihm diese verteufelte Kerasivna sogar selbst antrug, und ihn schließlich heiratete, jedoch nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß er ihr stets alles glauben müsse, was sie ihm sage.

Darauf ging Kerasenko ein, aber in Gedanken meinte er, die Christa wäre ein viel zu dummes Frauenzimmer, wenn sie meint, daß er ihr alles glauben solle!

„Warte nur, bis du nur meine Frau werdest, ich werde dir auch den Mann zeigen, nach dessen Pfeife du tanzen solltest!

Keinen Schritt lasse ich dich allein machen.“

Jede andere als Christa hätte schon im voraus gewußt, was nach der Hochzeit folgen werde, doch dieses flinke und auch sonst ganz gescheite Frauenzimmer verdummte gerade zu: sie äußerte gar keine Furcht vor diesem rohesten und eifersüchtigsten der Männer, sie heiratete ihn, aber sie wandelte in kurzer Zeit ihren Mann so, daß er aufhörte roh und eifersüchtig zu sein und die Christa nach ihrem Willen und Wollen leben ließ.

Daß eine solche Charakterumwandlung nur mittels Hexerei vor sich gehen konnte, daß dabei sogar der leibhaftige Teufel selbst mithelfen mußte, davon war jedermann überzeugt, namentlich sah die Pidnebesnaja, eine Nachbarin der Kerasivna, den Teufel in menschlicher Gestalt selbst, wahr und wahrhaftig.

Und dies war nicht lange nach der Hochzeit des Kerasenko mit der tapferen Christy.

Seit dieser Zeit sind zehn Jahre verflossen, aber Kerasenko sind noch alle Einzelheiten des Vorfalles bis ins Kleinste bekannt und unvergessen, so genau, als wenn diese Teufelei sich erst gestern zugetragen hätte.

Es war im Winter, vor Weihnachten, an einem Feiertage, an welchem selbst der eifersüchtigste aller Kasaken zu Hause nicht sitzen geblieben wäre.

Kerasenko pflegte sonst nicht auszugehen, erlaubte auch nicht, daß seine junge Frau weibliche oder männliche Besuche empfange oder sonstige Bekanntschaften schließe, aus welchem Anlasse bereits ein heftiger Streit unter den Jungvermählten entstand, im Verlaufe dessen Christy ihrem Manne zurief:

„Nachdem Du Dein gegebenes Wort im Frieden und Guten nicht halten willst, werde ich es Dir schon im Bösen heimzahlen.“

„Und was wohl könntest Du mir übles antun?“ meinte lachend Kerasenko.

„Dich tot machen und in Stücke hauen.“

„Und wenn ich Dich stets bewachen werde?“

„Dann werde ich Dich krank machen.“

„Ei! ei! Du willst mich krank machen? — Du kannst wohl hexen?“

„Das wirst Du schon erfahren, ob ich hexen kann oder nicht: — ich sage Dir einfach — ja, ich bin eine Hexe.“

„Schön!“

„Ich werde es Dir schon beweisen; den ganzen Tag kannst Du um mich sein, mich bewachen, nicht einen Augenblick allein lassen, ich werde Dich doch klein bekommen.“

Ja, sie bestimmte sogar die Zeit, zu welcher dieses alles geschehen solle.

„Keine drei Tage werden vorübergehen und alles, was ich Dir gesagt, wird sich ereignen.“

Der Kasak sitzt einen Tag zu Hause ohne sich zu rühren, auch den zweiten, der dritte Tag geht zu Ende; es wird Abends, und der Kasak ist der festen Ansicht und Meinung, daß die Frist nun abgelaufen ist; — es ist — denkt er — doch gar zu langweilig zu Hause zu sitzen ... die Schenke der Pidnebesnaja steht gerade vor meiner Nase und meine Augen können von dort aus ganz genau sehen, ob jemand in meine Hütte geht ... Ich setze mich dort zum Fenster und kann in aller Ruhe zwei, auch drei Viertel Wodky trinken ... und hören, was die anderen erzählen und was es neues in der Stadt gibt ... ja sogar tanzen kann ich ... lustig sein ...

Und er ging ... ging, setzte sich am Fenster so zurecht, daß er ganz genau sehen konnte, was vor, ja sogar in seinem Hause geschieht; er sah das Feuer am Kamin hell brennen, sah, wie seine Frau hin und her gehe und sich in der Wirtschaft beschäftige.

Wunderbar! — Kerasenko sitzt im Wirtshaus, trinkt und schaut unverwandt auf seine Hütte; Witwe Pidnebesnaja bemerkt seine Aufregung, ja sie fängt an ihn zu hänseln:

„Eh! Du ... so und so ... dummer Kasak ... was Du sehen willst, werdest Du in Deinem ganzen Leben nicht sehen!“

„Schon gut ... ich aber will weiter schauen!“

„Hier gibts nichts zu schauen ... denn je mehr man nach uns, Frauen, schaut, je mehr man uns hüten will, um so ärger wird es, und um so früher hilft uns der Teufel.“

„Red’ Du nur für Dich selbst ...“ gab der Kasak zur Antwort, „meine Frau will ich selbst so behüten, daß ihr auch kein Teufel wird helfen können.“

Da fingen nun die anderen Kasaken an mit den Köpfen zu schütteln.

„Kerasenko, Kerasenko! das ist nicht schön von Dir, daß Du so sprichst, nicht schön! ... entweder bist Du nicht getauft oder selbst ein Teufel, weil Du nicht mehr an den Teufel glaubst.“

Und die Anwesenden regten sich über Kerasenko und seine Reden so sehr auf, daß eine Stimme aus der Menge sich vernehmen ließ.

„Was sollen wir mit ihm tun? ... am besten wäre es ihm eine solche Lehre zu geben, daß er wieder rechtgläubig wird.“

Und es war nahe daran, daß sie ihm die Rechtgläubigkeit handgreiflich beigebracht hätten, woran sich sehr gerne ein ganz fremder Mann beteiligt hätte, in welchem Kerasenko jenen Adeligen aus Rogačev zu erkennen meinte, welcher seiner Frau das Teufelsglas schenkte, und wegen dessen, noch vor der Hochzeit, ein zweiter Vertrag geschlossen worden war, dahin lautend, daß von dem Fremden nie irgend eine Erwähnung gemacht werde.

Diesen Vertrag beschwor Kerasenko mit einem schrecklichen Eide dahin lautend, daß, wenn Kerasenko sich auch nur des Adeligen aus Rogačev erinnern sollte, er sofort dem Teufel verfallen wird, der ihn dann nicht mehr aus seinen Klauen frei läßt.

Kerasenko fiel dieser Schwur beim Anblick des Fremden ein.

Kerasenko ist aber bereits betrunken und er kann seinen Unmut darüber nicht unterdrücken, warum und weshalb gerade jetzt der Adelige aus Rogačev hier erscheine und was er überhaupt im Dorfe zu tun habe.

Kerasenko beeilte sich nach Hause zu gehen; aber dort angekommen, fand er sein Weib nicht in der Stube, was ihm höchst unerklärlich und unfaßbar erschien.

„Ich soll ihn vergessen, mich seiner nicht erinnern,“ dachte er, „das kommt mir gerade so vor, als wenn wir einen Vertrag geschlossen hätten zu vergessen, daß wir uns geheiratet haben ... warum und weswegen ist der Mann gerade jetzt hier ... was hat er hier im Dorfe zu tun ... warum und weswegen ist meine Frau nicht zu Hause?“

Und während dem Kerasenko solche und ähnliche Gedanken durch den Kopf flogen, schien es ihm, als wenn sich hinter der Tür zwei küssen würden.

Es wurde geradezu vom Schüttelfrost gepackt; er fing an aufmerksamer und schärfer zu horchen ... richtig ... er hört es ganz deutlich ... ein Kuß ... noch einer ... leises Wispern ... wieder ein Kuß ... und das alles gerade hinter der Tür, vor der er steht.

„Eh! tausend Teufel,“ sagt sich Kerasenko selbst, „entweder habe ich bei der Pidnebesinaja zu viel Branntwein getrunken und träume nun alles mögliche ... oder hat es mein Weib richtig herausbekommen, daß der Rogačever Adelige hier ist, und daß es ihm gelang mich zu verhexen ... Die Leute haben mich darauf aufmerksam gemacht, daß meine Frau eine Hexe sei ... doch ich glaubte dies nicht ... jetzt aber ... jetzt küssen sie sich wieder ... oh! ... oh! ... und wieder ... wieder ... Wartet doch nur, ich will euch schon ...“

Der Kasak glitt leise von der Bank, kroch zur Tür und sein Ohr dicht an die Türspalte legend, strengte er sich an zu hören, was hinter der Tür vorgeht: ... sie küssen sich ... daran läßt sich nicht zweifeln ... sie küssen sich ... wie sie mit den Lippen schnalzen ... ja sie reden ... so, jetzt spricht mein Weib ... und er hörte, wie sie laut sagte:

„Was? mein Mann, dieser Heide: den werde ich einfach aus dem Hause jagen und Dich zu mir nehmen.“

„Oho!“ dachte Kerasenko, „was bildet sich das Frauenzimmer ein, mich wegjagen und einen zweiten, fremden, ins Haus nehmen, an meine Stelle setzen ... Nu! das wollen wir ’mal abwarten, so leicht wird es doch nicht gehen können ...“

Er richtete sich plötzlich auf, stemmte sich mit aller Gewalt gegen die Tür, um solche aufzubrechen, obwohl es sich erwies, daß dieselbe gar nicht versperrt war; an der Türschwelle stand Kerasivna, sein Weib, so schön ... so ruhig wie stets vordem, nur mit ein klein wenig mehr geröteten Wangen — aber mit einemmale fing sie an zu schimpfen, wie es nur eine Kleinrussin zu Wege bringen kann.

Sie nannte ihren Mann einen Heiden, Säufer, Schwein, Hund und fügte noch andere derartige schöne Titulaturen bei; schließlich erinnerte sie ihn auf die von ihm geschworenen Eide und Verträge, nach denen er es sich gar nicht einfallen lassen darf, eifersüchtig zu sein, und um ihr den Beweis zu liefern, daß er seine Eide einzuhalten Willens sei, soll er ihr erlauben heute Abends die Spinnstube besuchen zu können, sollte er dies nicht tun, so wird sie etwas ausführen, woran er sein Leben lang denken wird.

Doch Kerasenko war ein gewiegter Junge.

Seine Frau in die Spinnstube zu schicken, jetzt, wo der Adelige aus Rogačev im Dorfe sich befindet — er hatte ihn doch mit eigenen Augen bei der Pidnebesinaja gesehen und vor wenigen Augenblicken mit eigenen Ohren gehört, wie seine Frau jemanden küßte und ihm versprach ihn in die Hütte zu nehmen ... — das schien ihm gar zu dumm.

„Nein, nein!“ sagte er, „da suche Dir nur einen anderen Dummkopf aus, nur nicht mich; es wird jedenfalls besser sein, ich sperre Dich ein und Du legst Dich schlafen ... das wird Dir zuträglicher sein und ich werde unterdessen über Deine Hexerei ruhig nachdenken können.“

Als Kerasivna diese Antwort vernahm, da wurde sie vor Zorn blaß, denn zum erstenmale nach ihrer Verheiratung sprach ihr Mann mit ihr in einem eigenartigen Tone und sofort wurde es ihr klar, daß in ihrem ehelichen Leben ein Wendepunkt eingetreten ist, welcher zu ihren Gunsten entscheiden müsse, wenn sie nicht alles, was sie bis jetzt mit viel Scharfsinn, Geschicklichkeit, Stetigkeit, Festigkeit und Erfindungsgabe gewonnen, für immer verlieren solle.

Sie richtete sich in ihrer vollen Größe auf, gab dem Kasaken einen Schlag ins Gesicht und wollte auf die Gasse herausspringen, aber der Kasak erriet ihre Absicht, machte einen Sprung, schlug ihr die Tür vor der Nase zu, legte die Kette und das Vorhängeschloß an und sperrte dieses zu, den Schlüssel ließ er in seine unendlich tiefe Tasche verschwinden.

Er meinte nun ruhig:

„So, jetzt ist Dein Weg angewiesen, vom Ofen zur Tür und zurück ...“

Durch diesen unerwarteten und unerwünschten Vorfall überrascht, wurde die Kerasivna so wütend, daß selbst Kerasenko darüber erschrak.

Christa stand ziemlich lange an einer und derselben Stelle, mitten in der Stube, sie zitterte wie im Fieber, wandte sich hin und her wie eine Schlange, ihre Hände schlossen sich krampfhaft, sie drohte mit ihnen dem Kasaken, in ihrem Gesichte zuckte es heftig, weiße und rote Flecken wurden abwechselnd sichtbar, ihre Augen erweiterten sich, glühten auf, wurden blutrot!

Da fing der Kasak sich doch zu fürchten an und rief:

„Daß Dich, Du verfluchte Hexe! ...“

Unerwartet blies sie die Kerze aus, stampfte heftig mit dem Fuß und zischte:

„So! ... jetzt sollst Du aber die Hexe kennen lernen!“

Mit einem Sprung, wie eine Katze, war sie oben auf dem Ofen, öffnete die Kamintür und schrie in den Schornstein hinein mit einer ganz eigenartigen Stimme:

„Uhu! — huhuhu! — Komm! erdrossele das Schwein!“

Siebentes Kapitel.

Durch diesen Vorfall, sowie durch die Kühnheit, Unerschrockenheit, Mut, ja Hartnäckigkeit und Eigensinn seiner Frau wurde der Kasak so überrascht, daß er sein Weib, von der er jetzt überzeugt war, daß sie eine Hexe sei, ergriff, in die Höhe hob, ins Bett trug, sie dort niederlegte, selbst sich neben ihr niederlassend.

Zum allergrößten Erstaunen des Mannes leistete Christy keinen Widerstand — im Gegenteil, sie blieb vollständig ruhig wie ein kleines Kind, ja, was noch merkwürdiger war, sie schimpfte gar nicht.

Dieser Zustand seines Weibes war dem Kasaken sogar sehr genehm und erwünscht; mit der einen Hand, den Schlüssel in der Hosentasche festhaltend, hielt er mit der zweiten den Hemdärmel seiner Frau fest und — schlief ein.

Lange dauerte jedoch dieser glückselige Zustand nicht, denn kaum daß er in den Schlaf verfiel und überhaupt ganz und gar vergaß, was vorgefallen ist, ja sogar, daß er lebe, da spürte er plötzlich einen schmerzhaften Rippenstoß.

„Was soll das?“ fing der Kasak an zu denken, aber schon folgte ein zweiter, noch stärkerer Stoß, worauf er brummend meinte:

„Warum tust Du mich stoßen?“

„Warum? Hörst Du denn nicht, was auf dem Hofe vorgeht?“

„Und was geht dort vor?“

„So höre doch!“

Kerasenko hob den Kopf ein wenig in die Höhe und hörte ein fürchterliches Grunzen.

„Ehe! es scheint, als wenn ein Fremder auf dem Hofe wäre.“

„Das kann schon möglich sein! Lass’ mich schnell heraus, damit ich nachsehen kann, was dort geschieht, und ob das Tor geschlossen ist.“

„Dich soll ich gehen lassen? Hm ... hm ...“

„Nu, so gib doch rasch den Schlüssel her, sonst stehlen sie uns noch das Schwein und wir bleiben auf die Feiertage ohne Fleisch und Fett ... Alle guten Leute werden Wurst und Speck essen und wir werden bloß zusehen ... Oh! oh! oh! ... so höre doch, es kommt mir gerade so vor, als wenn sie das Schwein schon aus dem Stalle ziehen würden ... wie mir das arme Tier leid tut ... das arme Schwein ... wie es grunzt ... Nu, so laß mich doch rasch heraus, damit ich den Dieben das Schwein abjagen kann ...“

„Nu, ja! Dich werde ich wohl nicht schicken ... Wer hat es je gesehen, daß sich ein Weib mit solchen Dingen befaßt hätte ... ein Schwein den Dieben abjagen?“ antwortete der Kasak, „es wird wohl besser sein, ich stehe auf und schaue selbst nach, was vorgeht.“

Und obzwar er nicht gerade viel Lust verspürte, die warme Stube mit dem kalten Hofe zu vertauschen, so ermunterte er sich doch, um so mehr, als es ihm schwer fiel, ein Schwein zu verlieren.

Er stand also auf, zog den langen Rock an und verließ die Stube.

Jetzt aber geschah etwas, was er nicht vorbedacht hatte und was unzweifelhaft bewies, daß sein Weib, die Christy, eine wirkliche, wahre und wahrhaftige Hexe sei; von dieser Zeit an fürchteten sie alle, das Dorf und die Umgebung; es hütete sich jeder sie im eigenen Hause zu empfangen, um so weniger sie zur Taufpatin zu nehmen, wie dies Dukač sich vornahm zu tun.

Achtes Kapitel.

Leise und vorsichtig schlich sich Kerasenko zum Stall, in welchem das beunruhigte Schwein fürchterlich grunzte und schrie, rasch riß er die Tür auf, aber plötzlich fiel, in der undurchdringlichen Finsternis der Nacht, etwas, ein einer Wagenplache ähnliches, aber dabei weiches Stück Leinwand über seinen Kopf, wobei er gleichzeitig einen so derben Stoß in den Rücken erhielt, daß er zu Boden fiel und sich nur äußerst schwierig von dem ihn bedeckenden Zeug befreien konnte.

Nachdem er sich von seinem Schrecken und der Überraschung etwas beruhigt und sich davon überzeugt hatte, daß das Schwein auf seiner gewohnten Stelle liege, schloß er den Stall fester als gewöhnlich und kehrte zur Hütte zurück.

Nun ereignete sich etwas ganz ungewöhnliches und unerwartetes: die Stubentür war fest zugesperrt.

Kerasenko drehte an der Klinke hin und her ... wirklich zugesperrt.

Was ist das für eine Teufelei?

Er klopft ... er trommelt mit der Faust auf die Tür ... alles umsonst ... er schreit ...

„Weib! ... Christy! ... mach’ doch auf ... mach’ schnell auf ...“

Doch die Kerasivna gibt keinen Laut von sich.

„Daß Dich, Du Hexe ... was ist Dir denn eingefallen, die Tür zuzusperren und einzuschlafen! ... Christy ... so höre doch ... ei! ... Weib! ... mach’ auf ...“

Aber Christy tat nichts dergleichen; es schien, als wenn das ganze Haus eingefroren wäre; sogar das Schwein ist still geworden und schlief.

„Das ist eine schöne Geschichte,“ meinte Kerasenko, „merkwürdig, wie sie so fest einschlafen konnte! — Es bleibt mir nichts anderes übrig, als unter dem Hoftor unterzukriechen und von der Straße aus auf das Fenster zu klopfen, das wird sie wohl hören.“

Gesagt, getan! — Kerasenko kroch unter das Hoftor, gelangte an die Straße, ging zum Fenster, mit der Absicht an dasselbe zu klopfen; aber was mußte er hören? Sein Weib spricht:

„Schlaf, Mann, schlaf! — hör’ doch nicht darauf, was da draußen vor sich geht, lasse sie doch klopfen — es scheint mir aber, als wenn jemand am Boden herum gehen würde.“

Kerasenko fing an zu klopfen, mit den Fäusten auf dem Fensterrahmen herum zu trommeln und zu schreien:

„Mach’ auf, sage ich, mach’ sofort auf, oder ich schlage das Fenster ein ...“

Aber jetzt wurde auch Christy wild und schrie:

„Wer untersteht sich denn zu so später Stunde ehrliche Leute zu beunruhigen.“

„Ich, Dein Mann.“

„Wer, mein Mann?“

„Ja, ich, Dein Mann, der Kerasenko.“

„Geh’ nur, geh’, mein Mann ist zu Hause und liegt bereits lange im Bette.“

„Was?“ dachte Kerasenko, „wie ist es möglich, daß ich im Bette schlafe und auch auf der Gasse bin, träume ich dies alles oder ist es Wirklichkeit?“

Er fing von neuem an zu klopfen und zu schreien:

„Christy ... ach! ... Christy ... so mach’ doch auf ... um Gottes willen, mach’ auf ...“

Er klopft und schreit längere Zeit bereits, ohne etwas erreicht zu haben, er mag klopfen und schreien so viel er will, drinnen, in der Stube, bleibt alles ruhig, endlich läßt sich Christy wiederum vernehmen:

„Willst Du endlich mit dem Klopfen aufhören — ich habe schon einmal gesagt, mein Mann ist zu Hause und schläft ...“

„Das träumt Dir wohl, Christy.“

„Eh! ... danke für einen solchen Traum ... na, so ’was! — Ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen, und auch nicht so dumm, um nicht das zu wissen, was ich sehe ... Nein! ... das muß ich schon besser wissen als Du, den ich weder sehe noch kenne, während ich meinen Mann im Bette liegen sehe ... ich bekreuzige ihn ... so Herr Jesus ... so, und nun küsse ich ihn ... so, hast es gehört ... jetzt nochmals ... dabei ist bei uns recht warm und gemütlich ... Du aber, Lüderjahn, schau, daß Du weiter kommst nach Hause, zu Deinem Weibe ... uns aber lasse in Ruhe und störe uns nicht ... Geh’ mit Gott ... Gute Nacht ... so und nun belästige uns nicht mehr ...“

„Tfu! ... Du ... tausend Teufel ... was ist denn das? ... na, das ist eine schöne Geschichte ...“ dachte Kerasenko ..., „bin ich vielleicht an eine andere Hütte in der Finsternis geraten? ... aber ich irre mich doch nicht ... das ist ja doch meine Hütte.“

Er ging auf die andere Seite der Straße, und fing vom Brunnen ab die Hütten zu zählen an.

„Erste ... zweite ... dritte ... fünfte ... siebente ... neunte ... und die zehnte ist doch die meine.“

Er geht wieder zum Fenster, klopft wieder an und schreit ... und es wiederholt sich dieselbe Geschichte wie vordem; die Frauenstimme wiederholt dasselbe wie vorher, jetzt aber bereits im ärgerlichen Tone und meint:

„Schau, daß Du weiterkommst! ich sagte schon einmal, mein Mann liegt im Bett.“

Die Stimme ist unzweifelhaft jene der Christy.

„Und wenn Dein Mann im Bette liegt, warum spricht er nicht?“

„Warum soll er auch noch reden, nachdem ich genug geredet habe?“

„Aber ich will mit eigenen Ohren hören, ob das seine Stimme ist und ob überhaupt jemand bei Dir ist.“

„Gewiß ist er hier ... denn wir küssen uns ... hörst Du? ...“

„Tfu! ... Der Teufel soll sie holen ... es ist wahr ... sie küssen sich ... mir wollen sie einreden, ich sei nicht ich! ... wollen mich bloß wegschicken ... Aber, wartet nur, so dumm bin ich nicht ... jetzt werde ich gehen, Nachbaren holen, damit sie Zeugnis abgeben, ob das meine Hütte ist oder nicht, und ob ich der Kerasenko, der Mann der Christy sei oder jemand anderer ...“

„Ich sage Dir nochmals“ — ließ sich die Stimme aus dem Inneren der Hütte vernehmen — „geh’ nach Hause und beunruhige uns nicht ... Lass’ uns in Ruh’ ... wir haben uns genug geküßt, liegen im warmen Bett und fühlen uns behaglich und wohl ... andere Leute gehen uns überhaupt gar nichts an ...“

Und eine männliche Stimme ergänzt die Rede der Christy.

„Wir haben uns genug geküßt und liegen friedlich im Bette ... Du draußen kannst zum Teufel gehen ...“

Nun war Kerasenko davon überzeugt, daß jemand anderer bei der Christy sei, und er entschloß sich die Nachbaren zu wecken und herbei zu holen.

Neuntes Kapitel.

Ob es kurz oder lange dauerte, ehe er die Nachbaren geweckt und vor seine Hütte geführt hatte, darüber spricht die Überlieferung nichts, wohl aber, daß es endlich Kerasenko gelang, etwa zwanzig Kasaken, gefolgt von ihren neugierigen Frauen, vor seine Hütte zu bringen.

Auf alles Klopfen, Reden, Schreien hatte die Kerasivna nur eine einzige Antwort, dahin lautend, daß sie wohl alle träumen, denn ihr Mann sei zu Hause, liege im Bette, und damit sie ihnen dieses beweise, küsse sie nochmals ihren Mann so laut, daß es alle hören könnten.

Alle Kasaken und ihre Weiber waren davon überzeugt, daß alles das, was im Inneren der Hütte vor sich gehe, wirklich wahr sei, denn die Küsse waren natürlich, und es ließ sich ja auch eine männliche Stimme vernehmen, wenn auch nicht sehr deutlich, doch so, daß dieselbe von der Kerasivna für die ihres Mannes ausgegeben wurde.

Und die Stimme kam immer näher und näher zum Fenster, und am Fenster stehen bleibend rief sie so, daß alle erschrocken zurückfuhren.

„Was wollt Ihr, Dummköpfe? ... Geister sehen? ... Ich bin zu Hause, liege ruhig im Bett, aber der, der Euch hierher geführt, das ist ein böser Geist! — Gebt ihm doch lieber jeder von Euch einen Puff, damit er zusammenstürze ...“

Die Kasaken bekreuzten sich und der dem Kerasenko am nächsten stehende, gab ihm einen recht tüchtigen Schlag ins Genick, sprang aber sofort weit ab vom Kerasenko.

Diesem Beispiele folgten nun auch die anderen, so daß in sehr kurzer Zeit Kerasenko so schmerzlich geschlagen wurde, daß er auf der Schwelle seiner eigenen Hütte zusammenstürzte und liegen blieb im Schnee und Frost, während darinnen, in seinem Bett, ein zweiter sich es recht behaglich machte.

Und um seinen Schmerz und Kummer zu mildern, setzte sich Kerasenko in der Nähe seiner Hütte auf einen Schneehaufen und — weinte bitterlich, was eigentlich einem Kasaken nicht ansteht; sein geistiger und körperlicher Zustand, verschlimmerte sich, als er hören mußte, wie da drinnen geküßt wird.

Zum Glück für jeden Menschen nehmen alle geistigen und physischen Schmerzen und Qualen ein Ende und so auch die des Kerasenko ... er schlief ein und es träumte ihm: sein Weib sei gekommen, habe ihn aufgehoben und in sein, ihm wohlbekanntes, behaglich durchgewärmtes Bett gelegt ... und in der Tat, als er erwachte, fand er sich dort, wo ihm träumte, in seinem Bette, in seiner Hütte, nicht weit vom Ofen ... er sah, wie Christy sich am Kamin beschäftige, hin und her gehe, und einen großen Käseklotz bereite.

Mit einem Wort — es ging alles vor sich, genau so, wie es täglich sich wiederholt, nichts auffallendes, außergewöhnliches; vom Schwein und dem Gespenst auch keine Silbe Erwähnung.

Der Kasak frug nicht und machte auch von dem, was in der verhängnisvollen Nacht vorgefallen war, keine Erwähnung.

Von der Zeit an lebte der Kasak mit seinem Weibe friedlich, ließ sie schalten und walten wie sie wollte, wobei sein häusliches Glück und Wohlstand keinen Schaden litten, im Gegenteil, ihre Vermögensverhältnisse besserten sich augenscheinlich von Tag zu Tag.

Dagegen verlor seit jener Nacht die Kerasivna vollständig in der öffentlichen Meinung; es stand für alle fest, klar und deutlich, daß sie eine — Hexe sei.

Die gescheite Kerasivna widersprach diesem nicht, denn sie gewann dadurch Übergewicht über die anderen; alle fürchteten sie und ehrten sie doch, alle kamen zu ihr um sich mit ihr zu beraten, und brachten ihr dafür zum Danke die eine ein Schock Eier, die andere Speck, die dritte, vierte ... sonst etwas taugliches oder nützliches für die Wirtschaft.

Zehntes Kapitel.

Selbstverständlich war die Kerasivna dem Dukač sehr wohl bekannt, er war aber ein zu gescheiter Mann, um daran zu glauben, daß Christy eine Hexe sei, im Gegenteil er fand, daß sie eine gescheite, erfahrene Frau sei, mit der man sich beraten kann.

Und da Dukač ein ebenfalls unbeliebter Mann war, so schlossen sich diese beiden in Freundschaft aneinander.

Man erzählte sich zwar im Dorfe, man hätte den Dukač mit der Christy unter der alten Weide stehen gesehen, die in den Zaun eingeflochten war, welcher die Gärten des Dukač von jenem der Kerasivna trennte.

Andere behaupteten sogar, es bestehe ein sehr intimes Verhältnis zwischen beiden — doch das alles war bloßes Gerede und Klatscherei, wie solches, hauptsächlich in den Dörfern, so oft vorzukommen pflegt.

Die Sache verhielt sich einfach so, daß Dukač und Kerasivna, deren Reputation eine und dieselbe war, sich näher an einander schlossen als an die anderen Nachbaren, daß so oft sie sich begegneten, sie stets Gelegenheit fanden, ihre Ansichten über dieses und jenes auszutauschen.

Jetzt erinnerte sich Dukač der Kerasivna, namentlich als die Einladung an die Intelligenz im Dorfe zu seinem Mißvergnügen ausfiel und ließ dieselbe holen, um sich mit ihr zu beraten.

Dukač erzählte ihr genau den Fall und die ihm dadurch angetane Beleidigung.

Kerasivna hörte dies ruhig an, dachte ein wenig nach, warf plötzlich den Kopf in die Höhe und sagte gerade zu:

„Wie denn, Herr Dukač, wenn Sie mich zur Patin nehmen möchten?“

„Dich? ... zur Gevatterin haben?“ ... wiederholte Dukač.

„Ja, mich ... oder glauben Sie auch daran, wie die anderen, ich sei eine Hexe?“

„Hm ... ja wohl, so sagen es alle, Du wärest eine Hexe, aber ich sehe keine Hörner auf Deinem Kopf, noch einen Pferdefuß.“

„Und das werden Sie auch niemals sehen.“

„Hm ... Gevatterin ... ja, was werden die Leute dazu sagen?“

„Was für Leute? ... sie wollen ja auf euer Haus gar nicht spucken, wie so erst in dasselbe gehen.“

„Das ist wahr ... aber, was wird meine Frau dazu sagen? ... Siehst Du, die ist ebenso wie die übrigen fest davon überzeugt, Du wärest eine Hexe.“

„Und Sie fürchten sich wohl vor Ihrer Frau?“

„Ich? ... fürchten ... so dumm bin ich nicht wie Dein Mann ... ich fürchte mich vor Weibern nie ... überhaupt vor Niemanden ... aber sag’ aufrichtig ... bist Du wirklich keine Hexe?“

„Eh! Herr Dukač ... schaue ich denn gar so darnach aus? ... übrigens, laden Sie zum Paten, wen Sie wollen.“

„Hm! ... so warte ein wenig, ärgere Dich nicht gleich ... gut, also sei Du die Patin ... aber glaubst Du, daß Dich der Pope in Peregudi als Patin zuläßt?“

„Und weshalb sollte er nicht?“

„Weiß Gott ... er ist so sehr gelehrt ... fängt stets mit der Bibel an ... er kann sagen: gehört nicht in meinen Pfarrbezirk.“

„Seien Sie ohne Sorgen ... das wird er nicht sagen ... obzwar er ein sehr studierter Herr ist, muß er doch das tun, was seine Frau will ... Er beruft sich stets auf die Bibel, muß aber schließlich doch alles tun, was alle Männer tuen ... der Frau folgen ... Ich kenne ihn sehr wohl, und war schon einigemal in seiner Gesellschaft ... Einmal nahm er sich vor keinen Branntwein zu trinken und berief sich auf die Bibel, wo es stehen soll: trinkt euch mit Wein nicht voll, denn das ist Sünde ... ich aber antwortete ihm: wenn es auch Sünde sei Branntwein zu trinken, so trinken sie doch ein Gläschen, und er ... trank.“

„Hat er wirklich getrunken?“

„Gewiß ... getrunken.“

„Nun gut ... schau jedoch, daß er sich nicht früher betrinkt und unser kleines Kind nicht beschädigt und ihn nicht etwa auf die Namen Ivan oder Nikolaus tauft.“

„Das soll er wohl bleiben lassen, ein christliches Kind Nikolai zu taufen ... Weiß ich denn nicht, daß dies ein Moskauer Name ist.“

„So ist’s ... Nikolai ist ein Moskauer.“

Es stellte sich jedoch ein Hindernis ein, nämlich: Kerasivna besaß keinen so großen und warmen Pelz, um das Kind nach Peregudi fahren zu können und der Tag war frostig, bitterkalt ... es herrschte geradezu eine „barbarische Kälte“; dafür besaß die Dukačin einen prächtigen Pelz mit blauem Tuche benäht.

Dukač holte denselben aus dem Hause und gab ihn der Kerasivna, ohne ein Wort zu sprechen.

„Jetzt,“ meinte er, „zieh rasch den Pelz an, oder besser, behalte ihn für immer, doch mach’, daß das Kind bald nach Peregudi kommt, damit die Leute nicht sagen, des Dukač Kind sei schon drei Tage ungetauft.“

Kerasivna sträubte sich zwar im Anfang gegen das Geschenk, doch gab sie bald nach.

Sie wendete die mit Hasenfellen ausgefütterten Ärmel recht weit heraus, zog den großen Kragen hoch über den Kopf hinaus, und das ganze Dorf sah ihr neidisch nach, als sie in dem mit einem paar starker Pferde bespannten Schlitten neben Agap sitzend, durch das Dorf auf der Straße nach Peregudi, zum Popen Jeremij, fuhr.

Alle waren davon überzeugt, daß Agap und Kerasivna bei der Abfahrt nüchtern waren.

Es ist richtig, zwischen den Knieen des Agap, welcher die Pferde lenkte, lag ein nicht geradezu kleines rundes Fäßchen mit Pflaumenbranntwein; doch dasselbe war gewiß für den Popen bestimmt.

Das Kind lag unter dem großen und breiten Pelz, gut eingewickelt, warm, obwohl alle, ohne Ausnahme, davon überzeugt waren, es wird sich bei der Taufe des Kindes etwas Schreckliches ereignen.

Alle waren der Überzeugung, Gott lasse es nicht zu, daß der Sohn eines so großen Sünders und schlechten Menschen, wie es Dukač ist, getauft werde, schon deshalb nicht, weil als Patin eine — Hexe fungiere.

Was wäre das für ein Glaube, wo so etwas vorkommen könnte; Gott ist gerecht, er kann etwas derartiges nicht dulden, nicht zulassen.

Dieser Ansicht und dieses Glaubens war die Mutter des Kindes; sie weinte bittere Tränen über den Eigensinn ihres eigenen Mannes, welcher seinem einzigen, lange erwünschten und ersehnten Kinde und Erben eine anerkannte Hexe als Patin auswählte.

Unter solchen Verhältnissen fand die Abfahrt der Kerasivna, des Agap und des kleinen Sohnes des Dukač statt.

Dieses alles, was ich eben erzählte, ereignete sich zwei Tage vor Nikolai, im Wintermonat Dezember, um zehn Uhr Vormittag; das Wetter war rauh, frostig, der Wind wehte von der Moskauer Seite und verstärkte sich gerade zu jener Zeit, als Agap, Kerasivna und das Kind wegfuhren, und es hatte den Anschein, als wenn aus demselben ein richtiger Sturm herauswachsen würde.

Tatsächlich fing der Himmel an sich mit bleigrauen schweren Wolken zu überziehen; der Wind wirbelte den gefrorenen Schnee auf und gleichzeitig fing es an stark zu schneien.

Alle Leute, welche dem Kinde des Dukač alles böse wünschten, bekreuzten sich beim Anblick des sich bildenden Wetters andächtig und waren ganz zufrieden, denn es zeigte sich deutlich und sichtbar, daß Gott an ihrer Seite stehe.

Elftes Kapitel.

Wie ruhig und gelassen sonst Dukač zu sein pflegte, heute empfand er eine gewisse Unruhe, Vorahnung oder ähnliches, denn er war doch nicht vollends befreit von dem herrschenden Aberglauben, und er fing an sich zu fürchten.

Bei dem Sturm, der sich immer mehr und mehr steigerte, konnte es vorkommen, daß etwas Ungeahntes, Unangenehmes, Unerwartetes sich ereignen könne; es konnten ja doch der Pate mit der Patin und dem Kinde in dem eingetretenen Schneesturme, der sich plötzlich erhob, sich verirren, was böse Folgen nach sich ziehen konnte; und der Schneesturm fing an zu wüten gerade zu jener Zeit, als der Schlitten in die Talschlucht einbog, die gegen Peregudi führte.

Dazu war es ihm noch unangenehmer die Vorwürfe seiner Frau hören zu müssen; aus dem Munde eines Weibes, die stets alle Launen ihres Mannes still, ohne Murren hinnahm, ihm geradezu sklavisch diente, und deren Lippen stets geschlossen waren, es war ihm unangenehm hören zu müssen, als ihm seine Frau sagte:

„Auf unsere alten Tage und zu unserer Freude hat uns Gott ein Kind geschenkt und Du hast Dir vorgenommen, es zu töten.“

„Was sagst Du,“ antwortete Dukač, „ich hätte das Kind getötet?“

„Ja wohl, deshalb, weil Du es der Hexe anvertraut hast. — Wo hat man je gehört, daß ein Kasak sein Kind einer Hexe anvertraut, damit es diese taufen lasse?“

„Sicher und gewiß wird sie es taufen lassen.“

„Noch niemals ist etwas derartiges vorgefallen und wird auch nicht vorfallen, Gott wird es nicht zulassen, daß eine so ausgesprochene Hexe ein Kind aus der Taufe hebe.“

„Ja, wer sagte es Dir, daß die Kerasivna überhaupt eine Hexe sei?“

„Alle sagen es.“

„Blech, was die Leute reden; es hat doch Niemand von ihnen Hörner am Kopfe der Kerasivna noch den Pferdefuß bei ihr gesehen.“

„Hörner auf ihrem Kopfe hat wohl Niemand gesehen, aber gesehen haben sie es alle, wie sie ihren Mann verhexte.“

„Warum sollte sie nicht einen solchen Dummkopf verhexen?“

„Der Pidnebesinaja hat sie alle ihre Kunden, welche bei ihr früher Brot kauften, verhext, so daß sie kein Brot mehr bei ihr kaufen.“

„Das ist leicht erklärlich; die Pidnebesinaja schläft den Schlaf der Gerechten, versäumt die Zeit, arbeitet den Teig dann nicht ordentlich durch, wie es sich gebührt, deshalb ist ihr Brot schlechter, als das der Kerasivna.“

„Mit Euch, Männern, wird man nie fertig ... Du kannst fragen, wen Du willst, alle werden Dir sagen, daß die Kerasivna eine Hexe sei.“

„Warum brauche ich andere zu fragen, ich selbst bin ebenso gut ein Mensch und Mann wie die anderen.“

„So Du bist auch ein Mensch, vielleicht ein guter Mensch?“

„So ... ich bin also kein guter Mensch?“

„Natürlich nicht.“

„Und wer redete Dir das ein?“

„Und wer sagte euch je, ihr wäret ein guter Mensch?“

„Und wer sagte mir, ich wäre ein schlechter Mensch?“

„Habt ihr, so lange ihr lebet, Jemanden je etwas gutes erwiesen?“

„Und wem hätte ich gutes erweisen sollen?“

„Wem immer ...“

„Das ist schon wahr,“ meinte Dukač in Gedanken, „gutes habe ich Niemanden je getan, aber weshalb?“ ... und um mit seinem Weibe das unangenehme Gespräch nicht fortsetzen zu müssen, sagte er:

„Das würde mir noch fehlen mich mit Dir, Du dummes Weib, in weitere Gespräche und in einen Streit einzulassen.“

Sprach’s, drehte sich um, ging zur Wand, nahm die seiner Zeit dem Agap abgenommene Mütze vom Hacken, setzte sie auf und verließ das Haus.

Zwölftes Kapitel.

Jedenfalls mußte den Dukač etwas sehr bedrücken, ihn sehr unruhig machen, wenn er es in einem solchen Sturm, einem so wilden Schneetreiben zwei Stunden lang außer dem Hause aushalten konnte.

Der schon früher heftige Sturm wuchs zu einem Orkan an, der Schnee fiel in großen Flocken so dicht, daß man kaum atmen noch weniger sehen konnte.

Wenn das Wetter schon so böse war zwischen Gebäuden, wie mußte es erst in der Steppe wüten, wo dasselbe kein Hindernis fand!

War in der Steppe ein erwachsener, kaltblütiger, erfahrener Mann in einem solchen Wetter völlig dem Verderben und Untergange geweiht, was sollte dann aus dem Kinde, der Patin und Agap werden?

Dukač begriff das alles klar und deutlich; seine Gedanken flogen im Kopfe herum und verwirrten sich, denn ihm waren aus eigener Erfahrung alle Schrecknisse eines Schneewehens in der Steppe bekannt; er mühte sich deshalb nicht aus Vergnügen den Schnee, welchen der Sturm an die Zäune der Gärten in hohen Halden anwehte, durchzutreten, im Gegenteil, ihn jagte die Ungeduld, die Ungewißheit, Sorge und Angst dem Schlitten mit dessen Insassen entgegenzugehen, oder wenigstens zu sehen, daß sie zurückkehren.

Schließlich blieb Dukač am Damme stehen, der sich hinter dem Dorfe erhob; ihn bemerkte hier Niemand, konnte ihn deshalb auch Niemand belästigen; er sah nichts vor sich als nur fabelhafte Gestalten, die ihm seine aufgeregte Fantasie vorgaukelte.

Auch dieses Stehen, dieses Harren ist ihm schließlich langweilig geworden, er schrie vor Zorn, Angst, Wut, Ungeduld hell auf, befreite seine Füße aus dem Schnee, in den er versunken, und kehrte nach Hause zurück.

Dämmerung ist während dieser Zeit eingetreten, und man konnte fast gar nichts in ganz kleiner Entfernung vor sich sehen und erkennen; er konnte deshalb gar nicht rasch ausschreiten, mußte oft stehen bleiben, verlor nicht selten den Weg, verirrte sich, und mußte erst den richtigen Weg suchen; schließlich stieß er auf etwas hartes, das sich bei näherer Untersuchung als ein Kreuz erwies — ein sehr hohes Kreuz aus Holz, wie man solche in Süd-Rußland, namentlich an Kreuzwegen, sehr oft findet.

„Eh!“ dachte er, „ich glaube, ich bin viel zu weit vom Dorfe weggekommen und muß wohl umkehren“ — er richtete deshalb seine Schritte nach einer anderen Richtung, aber nach drei bis vier Schritten, die er gemacht, stieß er wieder auf etwas hartes, wieder auf ein Kreuz.

Der Kasak blieb einen Augenblick stehen, atmete tief auf, und nachdem er sich wiederum etwas erholt, schlug er eine entgegengesetzte Richtung ein, aber auch hier stieß er auf Kreuze, und nur auf Kreuze.

„Geht hier etwas vor oder bewege ich mich um das Kreuz herum?“ — und er fing an mit den Händen herumzutasten, welche immer und immer wieder nichts als Kreuze und wieder Kreuze betasteten.

„Aha! jetzt ist mir klar, wo ich mich befinde ... das ist der Kirchhof, wohin ich mich verirrte ... richtig ... dort sehe ich das Licht aus des Popen Hause ... Der Teufelskerl, wollte nicht zugeben, daß sein Weib die Patin meines Kindes werde ... auch gut ... nicht nötig ... doch das Haus des Totengräbers müßte ja auch nicht weit sein.“

Und der Dukač unternahm es das Haus zu suchen, wobei er unverhofft in ein Loch fiel, in dem sich etwas hartes befand, auf das er mit dem Kopfe anstieß so heftig, daß er ziemlich lange ohne Besinnung liegen blieb.

Als er wieder zu sich kam, da sah er über sich einen wolkenlosen, mit hellflimmernden Sternen besäten Himmel und es herrschte völlige Windstille.

Dukač wußte nicht im ersten Augenblicke, wohin er gefallen; er mühte sich fast eine Stunde lang mit Händen und Füßen arbeitend ab, um aus der Grube herauszukommen, welche sich später als ein Grab erwies.

Endlich gelang es dem Dukač das Dorf und seine Hütte zu erreichen; was ihn aber am meisten wunderte, war, daß weder bei seinen Nachbaren noch in seinem Hause Licht brannte, daß alles finster war; es mußte deshalb schon spät sein, wenn schon alle schlafen gegangen sind.

Wenn aber Agap und die Kerasivna mit dem Kinde noch nicht zurückgekehrt wären?

Es gab ihm einen ordentlichen Stich unterm Herzen, als dieser Gedanke sein Gehirn durchzuckte, ein eigenes Gefühl, Angst, überfiel ihn, so daß er mit unsicherer Hand, nur zagend, die Stubentüre öffnete.

In der Stube selbst war es ziemlich dunkel, nur aus der einen Ecke derselben ließ sich ein leises Weinen und Schluchzen vernehmen.

Die Dukačin weinte.

Der Kasak begriff es, warum sein Weib weint; doch er konnte es nur schwer übers Herz bringen zu fragen:

„Ist es denn möglich, daß sie noch nicht ...“

„Ja, die Hexe ißt jetzt mein Kind auf ...“ unterbrach die Dukačin ihren Mann.

„Für so dumm hätte ich Dich doch nie gehalten“ — schnitt mit diesen Worten Dukač die weitere Rede seiner Frau ab.

„Ihr hab’t mich so dumm gemacht ... und wenn ich auch dumm wäre, ich hätte mein Kind doch nie einer Hexe anvertraut.“

„So versinke Du selbst mit Deiner Hexe ... ich hätte das Genick brechen können, als ich in das Grab fiel.“

„Ah! ... in ein Grab seid ihr gefallen ... daran ist sie auch schuld ... Ihr könnet gehen und lieber gleich jemanden totschlagen ...“

„Wen soll ich totschlagen ... was plapperst Du? ...“

„Wenigstens einen Hammel ... denn nicht umsonst seid ihr in ein Grab gefallen ... ihr werdet bald sterben und selbst im Grabe liegen ... Ja, Gott gebe es ... was sollen wir noch weiter unter Menschen leben, die über uns nichts anderes reden können, als daß wir unser einziges Kind einer Hexe geschenkt haben.“

In diesem Tone redete die Dukačin weiter; er selbst dachte an nichts anderes als daran, wo sich Agap zur Zeit befinden möge? wohin derselbe geraten?

Gelang es ihm früher nach Peregudi zu kommen, ehe das Schneewehen und der Sturm losging, dann warteten sie wohl das Ende desselben dort ab, in diesem Falle konnten sie von dort erst abfahren, sobald sich der Sturm gelegt und der Himmel aufgeheitert hatte; aber deswegen konnten sie doch zu dieser Zeit zu Hause sein; vorausgesetzt, Agap hätte nicht zuviel des Guten dort genossen.

Dieser Gedanke schien dem Dukač annehmbar zu sein, er beeilte sich denselben seinem Weibe mitzuteilen, welche jedoch noch stärker zu seufzen und zu weinen anfing.

„Was ist da anzunehmen: wir werden unser Kind nie mehr sehen; gefressen hat sie es, diese Hexe, die Kerasivna; sie selber hat das Unwetter heraufgehext, um mit ihm besser über Berg und Tal fliegen und dort sein Blut aussaugen zu können.“

Durch solche Reden brachte sie ihren Mann so auf, daß er sie vorerst auszankte, später sogar beschimpfte, dann mit der einen Hand die Mütze vom Nagel reißend, mit der zweiten das Gewehr nehmend, eilte er aus dem Hause mit dem Vorsatze einen Hasen zu schießen, ihn dann in das Grab zu werfen, aus welchem er vor wenigen Stunden mit schwerer Mühe herauskroch.

Die Dukačin saß zu Hause auf der Ofenbank und weinte bitterlich!

Vierzehntes Kapitel.

Der verbitterte, gekränkte und durch den ungewöhnlichen Vorfall im höchsten Grade aufgereizte Mann wußte tatsächlich nicht, was er tun, wohin er sich wenden solle; er schritt maschinenmäßig durchs Dorf, auf die Scheunen zu, wohin die Hasen zu kommen pflegten, um sich das Futter zu suchen; er erreichte die Heuschober, setzte sich auf einen derselben und verfiel in Gedanken.

Böse Ahnungen quälten ihn, Kummer und Schmerz erfüllten sein Herz und unangenehme Erinnerungen wurden in seinen Gedanken wach.

Unangenehm waren die Worte seines Weibes; aber er mußte zugestehen, daß sie zum größten Teile im Rechte sei und wahr gesprochen habe.

Es ist wahr, so lange er sich zu erinnern weiß, hat er nie Jemandem etwas gutes erwiesen, wohl aber vielen Leides zugefügt; und dieser seiner vielen Sünden wegen leidet nun sein einziges, lang ersehntes und erwartetes Kind; er selbst fällt in ein Grab, was nach dem Aberglauben des Volkes ein großes Unglück bedeutet.

Morgen werden alle davon wissen und das ganze Dorf, in welchem er auch nicht einen einzigen Freund besitzt, wird davon reden.

Es kann möglich sein, das Kind wird gefunden und gesund heimgebracht; aber die Nacht ist lang, und damit er sich nicht langweile und ängstige, will er einem Hasen auflauern, ihn schießen, dann in das Grab werfen, wodurch die bösen Vorhersagungen abgewendet werden.

Dukač seufzte tief auf; er schaute, ob sich nicht von einer Seite ein Hase blicken lasse.

Das war auch der Fall; der Hase wartete geradezu auf ihn, wie Abraham auf den Bock; beim letzten Schober, dort an dem mit Schnee verwehten Zaun saß der Langohr.

Er äugte augenscheinlich in die Gegend hinaus und stand in einer für den Schuß äußerst günstigen Position.

Dukač war ein erfahrener alter Jäger; in seiner Jägerlaufbahn stießen ihm verschiedene Jagdabenteuer und verschiedenes außergewöhnliche zu, aber eine solche außerordentlich günstige Schußstellung ist ihm doch noch nie vorgekommen, und um die Gelegenheit nicht fahren zu lassen, zögerte er nicht lange, legte das Gewehr an die Backe, zielte, feuerte ...

Der Schuß fiel, aber gleich darauf wurde ein eigentümlicher Klagelaut hörbar.

Dukač nahm darauf keine Rücksicht, auch blieb ihm nicht die Zeit darüber nachzudenken, da er sich beeilen mußte den brennenden Papierpfropfen mit Füßen niederzutreten.

Während er dieses tat, bemerkte er zu seinem größten Erstaunen, daß der Hase, dem er schon einige Schritte näher gekommen, seine Stellung gar nicht ändere.

Dem Dukač wurde unheimlich und ängstlich zu Mute; er mußte annehmen, der Teufel treibe sein Spiel mit ihm; oder wäre es vielleicht der Teufel selbst in Hasengestalt?

Dukač machte einen Schneeballen und warf ihn auf den Hasen.

Der Ballen traf das Ziel, zerstob, aber der Hase rührt sich nicht ... in der Luft hört man nur leises Ächzen.

„Was ist das für eine Teufelei? was geht hier vor?“ dachte Dukač, bekreuzte sich und näherte sich vorsichtig jenem Gegenstande, den er für einen Hasen gehalten hatte; aber wie wurde er enttäuscht, als er an Stelle des Hasens nur eine alte Pelzmütze auf dem Schnee liegend fand.

Dukač beugte sich nieder, um die Mütze aufzuheben, blickte jedoch in das vom Sternenlicht schwach beleuchtete blasse Gesicht seines Verwandten Agap, das mit einer dunklen klebrigen, eigentümlich riechenden Flüssigkeit bedeckt war.

Es war Blut! — — —

Dukač erschrak, warf das Gewehr weit von sich fort, lief ins Dorf, weckte Leute auf — und erzählte allen, was er gesehen und getan, er beichtete vor der ganzen Gemeinde und schloß seine Rede mit den Worten: „Gott ist gerecht, er straft mich — geht — schaufelt sie aus dem Schnee heraus, mich aber bindet und überliefert dem Gerichte.“

Die Bitte des Dukač wurde erfüllt; ihn banden sie und bewachten in einer fremden Stube; draußen aber, hinter den Scheunen, da schaufelten sie den Agap, die Kerasivna und das Kind aus dem Schnee heraus.

Fünfzehntes Kapitel.

Unter einer Schneewehe, welche den Schlitten vollständig zudeckte, fand man den schwer verwundeten Agap, die fast erfrorene Kerasivna, an deren Brust, unter dem Pelze völlig unbeschädigt, das Kind ruhig schlief.

Die Pferde standen bis über den Bauch im Schnee, die Köpfe über den Zaun hängend.

Sowie man sie vom Schnee befreite, zogen sie freiwillig an und fuhren den Schlitten mit der erstarrten Patin, dem schwerverwundeten Agap und dem schlafenden Kinde auf ihren Bauernhof.

Die Dukačin wußte nicht, was sie machen solle, weinen vor Freude über die Rettung ihres Kindes, oder vor Schmerz über das Unglück ihres Mannes.

Das Kind in die Hand nehmend, bemerkte sie um dessen Hals ein Kreuzchen an einer Kette, worüber sie aus Freude wiederum zu weinen begann, da sie davon überzeugt war, daß dasselbe tatsächlich getauft sei; sie hob dasselbe vor dem heiligen Bilde hoch auf und rief mit freudiger Stimme und heißem, innigen Entzücken:

„Herr! dafür, daß Du mein Kind von dem Tode errettet, ihn in Deine Gemeinde und unter Dein Kreuz aufgenommen, werde ich Deine Güte und Gnade solange ich lebe nie vergessen, ihn aber werde ich erziehen zu Deinem Diener, damit er verkündige Dein Wort und mehre Dein Reich, Deinen Glauben!“

So wurde ein Gelöbnis geleistet, welches den Grundstein meiner wahren Geschichte bildet, denn in dem, was ich Euch bis jetzt erzählte, fandet ihr nichts, was auf den „ungetauften Popen“ Bezug hätte, und dennoch ist derselbe bereits in der Geschichte vorhanden, jedoch so versteckt, wie Agaps Mütze in der Rechnung, sie war hier, aber darinnen stand sie nicht.

Doch ich fahre fort Euch mit der Geschichte bekannt zu machen.

Das Kind blieb gesund, mit den nicht gerade sehr gescheiten Mitteln, welche die Weiber an der Kerasivna probierten, wurde dieselbe zum Bewußtsein gebracht; sie war jedoch so leidend, daß sie das, was um sie vorging, nicht zu bemerken schien, sondern nur stets ein und dasselbe wiederholte:

„Das Kind ist auf den Namen Sava getauft.“

Das genügte vollkommen und alle waren damit zufrieden und einverstanden, selbst der alte Dukač, den man davon unterrichtete, nickte zustimmend und sagte:

„Den Popen in Peregudi saget von mir besten Dank, daß er den Knaben nicht unglücklich machte und ihn nicht Nikolai taufte.“

Als sich die Kerasivna erholte, erzählte sie: „Der Pope von Peregudi hätte das Kind auf den Namen Nikolaus taufen wollen, was, wie er sagte, in der heiligen Schrift vorgeschrieben stehe, sie hätte jedoch dagegen protestiert und mit ihm lange gestritten, wobei sie ihm schließlich sagte: Gott mit Dir und Deiner Bibel, Väterchen! später hätte er klein wenig beigegeben, und schließlich auf den Namen Sava das Kind getauft, nachdem sie ihm deutlich und klar bewies, das Kind eines Kasaken könne nie auf den Namen Nikolaus getauft werden.“

„Du bist in der Tat eine echte rechte Kasakin,“ sagte der Dukač und befahl ihr eine Kuh zum Geschenk zu geben, er versprach ihr noch, sobald er wiederum nach Hause zurückkehre, sich ihr noch anderweitig dankbar zu bezeugen; vergessen werde er die Dienste, die sie ihm erwiesen, nie.

Mit diesem Unglücksfalle endete die Taufe des Kindes; darauf folgte das Begräbnis des Agap und eine lange, lange Trauerzeit.

Denn Agap ist nicht mehr zum Bewußtsein gekommen, trotz aller Eis- und Schneeumschläge konnte die durch eine starke Ladung mit grobem Schrott erzeugte Wunde am Kopfe nicht geheilt werden, und gegen Abend des anderen Tages hauchte der Unglückliche seine Seele aus. Denselben Abend brachten drei mit großen dicken Stöcken bewaffnete Dorfinsassen den Dukač in die Stadt und übergaben ihn dem Gerichtsprokuror, welcher ihn gleich einem Verbrecher in das Gefängnis überführen ließ.

Den Agap beerdigte man; der Dukač befand sich in der Untersuchungshaft, das Kind wuchs zur Freude seiner Mutter, doch die Kerasivna, obzwar sie nicht zu Bette lag, kränkelte und was noch auffallender war, sie änderte vollständig ihren Charakter — es war nicht mehr jene Christy, jene energische, eigenwillige Kerasivna; im Gegenteil, sie wurde still, nachgiebig, schwermütig, fast einsilbig; sie zankte nie mehr mit ihrem Manne, noch mit den Nachbaren, so daß Kerasenko es sich gar nicht zu enträtseln vermochte, was denn eigentlich mit seiner Frau vorgefallen sei.

Sein Leben, sonst so stark beeinflußt von dem Starrsinn und Eigenwillen und der Herrschsucht seines Weibes, verlief jetzt auffallend still und ruhig: er hörte kein böses Wort mehr von seiner Frau, keinen Widerspruch, keine Vorwürfe, es gab keine Szenen mehr weder bei Tag noch bei Nacht, auch der Rogačever Adelige verschwand unbekannt wohin, so daß Kerasenko gar nicht wußte, wie er sich über sein häusliches Glück freuen und gegen wen und wodurch er diese Freude äußern könnte.

Diese merkwürdige Charakteränderung der Kerasivna bildete lange Zeit das Tagesgespräch im Orte und wurde von allen Frauen nach allen Seiten besprochen, ja selbst ihre größten Feindinnen, die Marktweiber, denen sie früher empfindliche und starke Konkurrenz bereitete, sind darüber einig geworden, daß die Kerasivna eine brave Frau sei.

Und wenn sie ihr jetzt nicht einen, sondern sogar zwei Käufer von ihrem Stand, auf welchem sie Kuchen und Brot verkaufte, weglockten, so ließ sie es ruhig geschehen, ohne jede Äußerung, während sie früher alle Teufel auf ihren Hals gehetzt hätte.

Was den Rogačever Adeligen anbelangt, so erzählte man sich, er wäre zweimal in Paripsami gewesen, doch die Kerasivna weigerte sich mit ihm zu sprechen.

Selbst ihre größte Feindin und Konkurrentin, die Pidnebesnaja, erzählte und wollte es sogar beeiden, sie hätte mit eigenen Ohren gehört, daß als einmal der Rogačever Adelige an den Stand der Kerasivna trat, um Kuchen zu kaufen, die Christy zu ihm sagte:

„Geh’ weg von mir, damit Dich meine Augen nie mehr sehen, für Dich ist bei mir nichts zu haben, weder zum Kaufen noch zum Schenken.“

Und als er sie frug, was vorgefallen sei? da gab sie ihm zur Antwort:

„Ein großes Geheimnis liegt schwer auf meiner Seele und drückt mich und macht mich unglücklich.“

Nicht allein an der Kerasivna, auch am alten Dukač machte sich eine Änderung des Charakters auffallend bemerkbar.

Nach der Gewohnheit der so sehr von allen Seiten gelobten „alten Zeit“ zog sich die Untersuchungshaft des Dukač drei Jahre lang, während welcher Zeit man ihn unter dem Verdachte des vorbedachten Mordes an seinem Verwandten Agap in Haft behielt; aber nicht genug daran, er konnte sogar von seiner Gemeinde nach Sibirien geschickt werden.

Die unglückselige Angelegenheit endete im allgemeinen noch ganz günstig für Dukač; die Gemeinde erklärte, sie sei einverstanden, daß er wieder im Orte lebe, sobald er die ihm von Gerichtswegen zugesprochene Kirchenstrafe in einem Kloster abgebüßt habe.

Die fürchterlichste und erniedrigendste Strafe für Dukač war die Erlaubnis der Dorfinsassen, daß er wieder im Orte leben könne, denn diese Erlaubnis war geradezu eine Gefälligkeit, eine Gnade, erteilt von Leuten, welche Dukač in früherer Zeit völlig übersah und — verachtete.

Fünf Jahre waren verflossen seit der Zeit, als das Kind getauft und Agap begraben wurde; Dukač büßte die Kirchenstrafe ab und kam aus dem Kloster heim, völlig verändert, äußerlich und innerlich, gealtert über die Jahre hinaus.

Er blieb jedoch nicht lange im eigenen Heim, sondern kehrte in jenes Kloster zurück, in welchem er Buße getan, nahm jedoch den nicht zu kleinen Topf mit Goldfüchsen gefüllt, die lange, lange Jahre vergraben waren, mit zu dem Zwecke, daß für dessen Inhalt Gebete abgehalten werden für drei lebende und tote Seelen.

Wer diese drei lebenden und toten Seelen sein sollten, war selbst dem alten Dukač nicht ganz klar, aber Kerasivna meinte, er — Dukač — habe durch seinen fürchterlichen Charakter, seinen Hochmut und Eigensinn nicht allein den Agap getötet, sondern noch zwei andere Seelen zu Grunde gerichtet, und zwar Seelen, die nur Gott und ihr — Kerasivna — bekannt seien, die sie aber, so lange sie lebe, Niemandem verraten werde.

So blieb auch dieses ein Rätsel, das selbst die Goldfüchse des Topfes nicht zu lösen vermochten.

Das Kind, mit dessen Erscheinen auf die Welt so großartige Umwälzungen und Vorfälle verknüpft waren, wuchs indessen gesund heran.

Von der Mutter, einer einfachen, frommen, herzensguten, zartfühlenden Frau erzogen, freute es sich dieser Güte und Liebe, welche sie ihm täglich, ja stündlich entgegenbrachte.

Ich erinnere daran, daß als die Dukačin das Kind wieder in ihren Händen haben und an ihre Brust drücken konnte, sie ein Gelübde tat, den Knaben dem Dienste Gottes zu widmen, ihn also zum Geistlichen erziehen zu lassen.

Derartige Gelübde und Opferungen waren und sind auch heutigen Tages nichts seltenes unter den Kleinrussen und werden strengstens eingehalten, besonders wenn die Kinder selbst keinen Widerstand leisten, was in den seltensten Fällen vorzukommen pflegt, denn schon von ihrer Jugend an erhalten sie nach der Richtung hin entsprechende Erziehung.

Hat das Kind ein gewisses Alter erreicht und wurde es in dem Geiste und dem Charakter des gemachten Gelübdes erzogen, so bildet das Gelöbnis für das Kind kein Opfer, sondern es hat sich selbst in die Überzeugung eingelebt, daß dieses Gelöbnis der Eltern ausgeführt werden müsse, wozu auch das anerzogene Gefühl des Gehorsams gegen seine Eltern viel beiträgt, und das nur dort zu finden ist, wo wahrer Glaube und Liebe zu Gott noch vorhanden ist und herrscht.

Sava Dukač wurde von seiner Mutter in dem wahren Glauben und Liebe zu Gott erzogen, und schon als Kind stand in ihm fest, und war er sich darüber klar und bewußt, daß das Gelöbnis seiner Mutter erfüllt werden müsse.

Zart und schwach an Körper, besaß Sava große Geistesgaben und namentlich was Gottesfurcht und Religiosität anbelangt, da unterschied er sich vorteilhaft von allen seinen Altersgenossen.

Er nahm nie Vogelnester aus, erdrosselte nie junge Katzen oder warf junge Hunde ins Wasser, damit sie ersaufen, er warf nie nach Kröten Steine oder suchte sie mit Stöcken totzuschlagen, im Gegenteil, er war und blieb stets der Beschützer und Behüter lebender Wesen, ob sie der Tier- oder Vogelwelt angehörten.

Jedes Wort seiner Mutter war ein Befehl für ihn — schon deshalb, weil diese stets auch seinem zartfühlenden, liebevollen Herzen entsprachen.

Gott zu lieben war für ihn nicht nur Vergnügen, sondern ein Bedürfnis; er liebte Gott in allem, was ihn umgab; er liebte Ihn aus sich selbst, denn alles, was er um sich sah, machte ihm deutlich und begreiflich, daß Gott bei Jedermann einkehrt, der Ihn liebt und sich in dessen Herzen seine Hütte baut.

Die Erziehung des Kindes war eine religiöse: seine Mutter war eine fromme, gottesfürchtige und Gott liebende Frau; sein Vater lebte sogar im Kloster; warum und weswegen, darüber war er sich nicht im Klaren.

Aus hie und da fallenden Andeutungen bildete er sich eine Art Schlußfolgerung, daß bei seiner Geburt etwas außergewöhnliches vorgefallen sein mußte, wodurch das ganze Leben im Hause eine Änderung erfuhr — — doch dieses alles war für ihn etwas unerklärliches, sagenhaftes, mystisches.

So wuchs denn Sava unter dem Schutze Gottes und seiner frommen Mutter und war davon überzeugt, daß ihn niemand abwendig machen könne von der Erfüllung des von seiner Mutter gemachten Gelöbnisses.

Acht Jahre alt geworden, wurde er dem Bruder der Pidnebesnaja zur weiteren Erziehung anvertraut.

Ochrim Pidnebesnij lebte in Paripsami in einem Hinterstübchen im Hause seiner Schwester, welche eine Schenke hielt; doch er hatte nichts gemeinschaftliches mit diesem Unternehmen.

Er selbst führte ein eigenartiges Leben.

Siebzehntes Kapitel.

Ochrim Pidnebesnij gehörte zu jenem neuen, sehr interessanten Typus jener Kleinrussen, welcher in dem ersten Viertel des neunzehnten Jahrhundertes in hinter dem Dneper gelegenen Ortschaften aufzutreten begann, doch gegenwärtig einen starken Einfluß auf die religiöse Richtung der dort lebenden Bevölkerung besitzt.

Es ist merkwürdig, daß alle jene, welche sich mit dem Studium der Eigentümlichkeiten und der Sitten der Völker beschäftigen und sonst die unbedeutendsten Kleinlichkeiten für wichtig halten, es vollends unterließen sich mit den Kleinrussen zu beschäftigen und es überhaupt vollständig übersahen, daß unter denselben eine nicht zu unterschätzende religiöse Strömung sich rege.

Die dort lebenden Russen fanden ein Bedürfnis in sich ihre Religiosität in anderer Art ausdrücken und offenbaren zu müssen.

Es ist hier weder der Ort noch bin ich unterrichtet genug, um es zu erklären, warum die Kleinrussen veranlaßt worden sind, ihre religiösen Ansichten durch andere zu ersetzen, ich kann nur soviel sagen, daß die Führer dieser Strömung sogenannte Einsiedler waren, Leute, welche in ihren Hütten eine kleine Stube oder gar nur eine Ecke in der großen allgemeinen Stube für sich reservierten, diese peinlich rein hielten und in dieser ebenso äußerlich wie innerlich und geistig rein lebten.

Sie zogen sich von ihren Angehörigen oder Nachbaren nicht zurück, ebenso entfremdeten sie sich oder wichen sie anderen nicht aus, nein — sie arbeiteten nach wie vor mit den anderen zusammen, verkehrten mit ihnen, dienten als Muster von Arbeitsamkeit, Häuslichkeit, guter Sitte für alle anderen, sie sprachen sehr gerne über Religion, aber immer und überall hatte ihr Tun und Lassen etwas Puritanisches in sich.

Sie schätzten die Intelligenz und Bildung sehr hoch; jeder von ihnen konnte lesen und schreiben, und diese Kenntnis wurde hauptsächlich dazu benützt, sich mit den Evangelien und dem neuen Testamente bekannt zu machen.

Sie lasen die heiligen Bücher mit religiösem Eifer und zogen daraus den Schluß, daß der wahre Glaube in aller seiner Reinheit und Vollkommenheit nur im neuen Testamente zum Ausdruck komme, und daß alles andere, Überlieferungen und ähnliches sei, dem die Geistlichkeit ebensoviel Kraft beimißt wie dem neuen Testamente, und daß diese Überlieferungen nichts anderes als Unglauben bedeuten.

Man erzählt sich, diese Ansichten wären ihnen durch deutsche Kolonisten beigebracht worden; doch wer immer daran Schuld tragen mag, eines bleibt sicher und gewiß, daß daraus die Sekte „der Stundisten“ hervorging und herauswuchs.

Kasak Ochrim, ein unverheirateter Bruder der Pidnebesnaja, gehörte ebenfalls zu den Stundisten; ohne Lehrer und ohne Anleitung lernte er lesen und schreiben und hielt es für seine Pflicht andere lesen und schreiben zu lehren.

Er unterrichtete jedermann, der ihn darum ansprach, stets umsonst, denn er war davon fest überzeugt, daß er belohnt sein wird von Jenem, der befahl zu lernen und zu lehren.

Dieses Unterrichten ging im Winter regelmäßiger vor sich wie im Sommer, ganz schwach während der Erntezeit, im Herbst fanden sich schon mehr Schüler ein, deren Zahl sich in den Wintermonaten mehr und mehr steigerte, um gegen das Frühjahr und den Sommer schwächer und schwächer zu werden.

Den Kindern gab Ochrim Unterricht am Tage, die anderen, Erwachsenen, unterrichtete er Abends in seiner Stube, wobei die Weiber ihre Spinnräder schnurren ließen.

Doch bei Oheim Ochrim wurden keine weltlichen Lieder gesungen und leeres Geschwätze und Klatsch geführt; die Mädchen spannen ihren Lein, Hanf oder Wolle, Ochrim selbst — nachdem er auf den Tisch einen Teller mit Honig und eine Schüssel mit Nüssen gestellt, um seine Gäste zu bewirten — bat ihm zu gestatten, ihnen etwas von unserem Erlöser, Jesus Christus, erzählen zu dürfen.

Gewöhnlich war man mit seinem Antrage einverstanden und Ochrim erquickte durch seine Erzählungen die Seelen der Anwesenden geistig und durch Honig und Nüsse leiblich, so daß alle mit diesen Zusammenkünften völlig zufrieden waren und in keine andere Hütte zum Spinnabend gehen wollten als zu Ochrim.

Diese halb weltlichen, halb geistlichen Zusammenkünfte fanden später auch ohne Honig und Nüsse statt.

An den Spinnabenden bei Ochrim fanden auch andere Annäherungen statt, die gewöhnlich mit einer Heirat endeten, was nicht wenig zu Gunsten von Ochrims Abenden sprach.

Alle jungen Paare, welche sich bei Ochrim fanden, führten nach ihrer Heirat stets ein ruhiges, glückliches Leben.

Wahrscheinlich lag die Ursache darin, daß sich die jungen Leute in einer friedlichen und friedfertigen Atmosphäre und unter dem Einflusse einer religiösen Strömung und nicht im Sturme von Leidenschaften, wo das heiße Blut und nicht das Herz und der Verstand leitend auftreten, kennen lernten und sich näher traten.

So wuchs Pidnebesnijs Ruf als gottesfürchtiger und frommer Mann von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde.

Zu Ochrim kam niemand, um gerichtet zu werden, weil er niemanden richtete, aber alle kamen um zu lernen, und Ochrim lehrte die Liebe zu Christus, dem Erlöser!

Siebzehntes Kapitel.

Solcher Leute, wie Ochrim, gab es zu jener Zeit in Kleinrussland mehrere, alle lebten ohne viel von sich reden zu machen, sie blieben unbekannt der sogenannten Intelligenz, aber waren sehr geachtet und verehrt von den Bauern und Kasaken.

Es mußte aber ein viertel Jahrhundert verstreichen, ehe man zu der Überzeugung gelangte, daß unter den Augen der Lebenden, unbeachtet, eine große nach Tausenden zählende Sekte erstanden ist, die wir unter dem Namen Stundisten kennen.

Ich selbst habe einen der Gründer dieser Sekte persönlich gekannt; es war ein herzensguter, gegen jeden freundlicher, zuvorkommender Junggeselle — Kasak.

Wie die Mehrzahl seiner Glaubensgenossen lernte er mit Überwindung vieler Schwierigkeiten das Lesen und Schreiben, und lehrte sodann die Knaben und Mädchen der Gemeinde und Umgebung.

Wie Ochrim, so auch mein Bekannter lehrte bereits erwachsene Mädchen Lesen und Schreiben, erzählte ihnen an den Spinnabenden die Lebensgeschichte Jesu, seine Lehren und seine Leiden, wobei die Weiber spannen oder nähten.

Seine Redeweise war die denkbar einfachste, gänzlich ohne jede Dogmatik und theologische Findigkeiten; seine Reden hatten hauptsächlich den Zweck, die Menschen im Sinne der Lehren des Christentums zu erziehen.

Mein Bekannter — Prediger Kasak — lebte jedoch auf dem linken Ufer des Dneper, in einem Orte, wo es, außer ihm, keine weiteren Stundisten gab.

Übrigens bestand zur Zeit meiner Erzählung weder hüben noch drüben des Dnester eine regelrechte Organisation des Stundismus.

Achtzehntes Kapitel.

Wie ich schon früher erwähnte, wurde der kleine Sava Dukač dem Ochrim Pidnebesnij übergeben, damit ihn dieser lesen und schreiben lehre; dieser erkannte die rasche Auffassungsgabe und die tiefe Religiosität des Knaben und übertrug auf ihn seine volle warme Seele.

Sava zahlte seinem Lehrer mit gleicher Münze und so entwickelte sich zwischen ihnen ein Verhältnis und ein Bund, so zart und doch so stark, daß, als der alte Dukač den Knaben nach dem Kloster, in dem er selbst lebte, bringen ließ, um ihn, dem gemachten Gelöbnisse der Mutter gemäß, dem Dienste der Kirche zu weihen, dieser dort schwermütig wurde, Heimweh nach der Mutter und Ochrim bekam und zu kränkeln anfing.

Dieses Heimweh, dieses Unwohlsein steigerte sich so, daß Sava, der überhaupt zart gebaut war, diesem erlag, bettlägerig wurde und gewiß gestorben wäre, wenn nicht Ochrim sich beeilt hätte, ihn zu besuchen.

Er begriff und erriet die Krankheit des Knaben und nach Paripsami zurückgekehrt, wußte er es der Dukačin klar zu machen, daß das Gott gemachte Gelöbnis nicht darin bestehe, Kindermord zu treiben; er riet ihr, den Knaben aus dem Kloster zu nehmen, ihn dort nicht quälen zu lassen und aus ihm kein „lebendiges“ Opfer zu machen.

Ochrim wies ihr einen, den Kleinrussen nicht gänzlich unbekannten Weg behufs Ausführung und Ableistung des Gelöbnisses; er riet ihr den Knaben in einer geistlichen Lehranstalt, einem Seminar, studieren zu lassen, damit derselbe ein Dorfgeistlicher, ein Pope werde, welcher den Armen und Elenden seiner Gemeinde viel gutes erweisen könne.

Die Dukačin ließ sich von den Ausführungen des Ochrim überzeugen und der kleine Sava wurde aus dem Kloster abgeholt und dem Seminar übergeben.

Dieses Vorgehen der Dukačin haben alle gebilligt, nur die Kerasivna nicht, in welcher sich überhaupt ein Geist des Widerspruches breit machte, sobald es sich um irgend eine Angelegenheit ihres Patenkindes handelte.

Man war sich darüber nicht völlig klar, ob sie denselben liebe oder hasse.

Ihr eigentümliches Verhalten gegenüber ihrem Täufling äußerte sich vom Tage seiner Geburt, namentlich dann, wenn das Kind in die Kirche gebracht wurde, um das heilige Abendmahl zu empfangen.

Bei einer solchen Gelegenheit schrie die Kerasivna in der Kirche mit lauter Stimme:

„Was tut ihr denn! ... nicht nötig ... trägt ihn nicht ... es ist ein solches Kind, daß man zum heiligen Abendmahl nicht zulassen kann ...“

Die Leute beachteten jedoch ihr Geschrei nicht ... deshalb wurde sie grün und gelb vor Wut und Galle, lachte hell auf und bat:

„Laßt mich rasch heraus, daß meine Augen nicht sehen, wie Christi Blut einem unwürdigen Geschöpfe gegeben wird.“

Gefragt, weswegen sie sich so aufrege, gab sie zur Antwort:

„Mir ist gar so schwer ums Herz!“

Daraus zogen die Leute den Schluß, daß von dem Augenblicke an, als sie ihr Leben zum besseren änderte und zu hexen aufhörte, der Teufel dennoch ein kleines Kämmerchen in ihrem Herzen bewohne, in welchem er sich in Gesellschaft mit noch kleineren Teufelchen recht behaglich einnistete, die die Kerasivna stets beunruhigen und namentlich sie gegen den kleinen Sava aufregen, damit sie ihren Täufling nicht liebe.

Und tatsächlich haben die Teufel die Kerasivna so aufgeregt, daß sie, als der Sava ins Kloster gebracht werden sollte, drei Werst dem Schlitten nachlief, ohne Unterlaß schreiend:

„Fahrt ihn nicht ins Kloster ... dort gehört er nicht hin ... er ist nicht dazu bestimmt ... ihr fahrt euere Seele in die Hölle ... ihr nehmet eine große Sünde auf Euch ...“

Selbstverständlich nahm Niemand Rücksicht auf ihr Schreien, Schelten, Schimpfen, ja man achtete gar nicht darauf und vergaß bald diesen eigentümlichen, unerklärlichen Vorfall; als aber der kleine Sava aus dem Kloster zurückgeholt worden ist, und in jene Schule, welche ihn zum Geistlichen, Popen oder Mönch hätte ausbilden sollen, gebracht wurde, da fing erst das Elend mit der Kerasivna an; sie wurde dadurch so aufgeregt, daß sie sogar einen leichten Schlaganfall erlitt und lange Zeit nicht sprechen konnte, die Sprache gewann sie erst dann, als Sava bereits längere Zeit im geistlichen Seminar sich befand, wieder.

Bei der Aufnahme des Sava ereignete sich auch etwas eigentümliches ... es fehlte nämlich der Matrikelauszug, der Taufschein, welcher nicht beigebracht werden konnte, denn trotz allem Suchen und Nachforschen konnte die Eintragung, wann das Kind in Peregudi getauft worden sei, im Kirchenbuche nicht gefunden werden.

Doch dieses Fehlen von Taufscheinen, welches bei Aufnahme in die Stadt- und Dorfschulen ein großes Hindernis bietet, besitzt für die Kirchenschulen und Seminarien keine oder nur geringe Bedeutung, denn den Leitern dieser Schulen ist sehr wohl bekannt, daß die Popen nicht selten sogar ihre eigenen Kinder in die Matrikelbücher einzuschreiben vergessen.

Denn nach der Taufe pflegt man während des Schmauses recht brav zu trinken, so daß schließlich die Hände zittern und nicht im Stande sind ein Glas, geschweige denn eine Feder zu halten, man verschiebt deshalb die Eintragung auf den anderen Tag, an dem sich jedoch das wiederholt, was sich gestern ereignete, denn es muß der Rest aller trinkbaren Flüssigkeiten vertilgt werden, daraus resultiert am dritten Tage ein so schwerer Kopf, daß es dem Besitzer desselben absolut unmöglich ist, sich an etwas zu erinnern, was an den vorhergehenden zwei Tagen vor sich gegangen ist — und so vergehen einige Tage, ehe der Kopf sich aufhellt; während dieser Zeit ist auch die Eintragung — vergessen.

Da solche Fälle nicht zu den Seltenheiten gehören, betrachtete man auch diesen Fall als solchen und ließ selben gerade sein.

Der Vikarius schimpfte zwar und nannte den Popen von Peregudi einen Säufer, nahm aber den kleinen Sava, auf Grundlage der ihm vom dortigen Geistlichen mitgegebenen Ausweise über Kirchenbesuch und namentlich besonders schönen Bemerkungen über dessen Religiosität und Aufführung auf.

So nahm die ganze Angelegenheit ein Ende zu allseitiger Zufriedenheit.

Sava lernte gut, beendete die Schule und das Seminar und wurde dazu bestimmt auf die Akademie geschickt zu werden, als er für alle unerwartet die Bitte aussprach, ihn als einfachen Dorfgeistlichen wirken zu lassen.

Während der Zeit, als Sava die Schule besuchte starb der alte Dukač im Kloster; seine Mutter jedoch lebte nach wie vor in Paripsami und es traf sich ganz eigenartig, daß gerade zur Zeit, als Sava seine Ausbildung beendete, der alte Pope in seinem Geburtsorte starb.

Sava bewarb sich um diese Stelle und erhielt sie auch.

Über diese unerwartete Nachricht war das ganze Dorf höchlichst erfreut, nur die Kerasivna allein, die stark gealtert erschien, hätte über diese Neuigkeit fast den Verstand verloren.

Sowie man ihr mitteilte, ihr Täufling, der Sava, werde Seelsorger von Paripsami, seinem Geburtsorte, da zerriß sie ihr Kleid, schlug sich heftig auf die Brust, fiel auf einen Haufen von Streu und Reisig und rief:

„Oh! Erde! Erde! tue dich auf und verschlinge uns beide!“

Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, stand sie auf, bekreuzte sich mehrmals und begab sich nach Hause.

Eine Stunde später sah man die Kerasivna, in schwarzem Kleide mit einem großen Stock in der Hand mit langen Schritten auf der Straße in der Richtung nach der Gouvernementsstadt eilen, wo der Sava in seiner Stellung als Dorfgeistlicher eingeweiht werden mußte.

Leute, welche der Kerasivna auf der Straße begegneten, waren nicht wenig darüber erstaunt, die Kerasivna so raschen Schrittes der Stadt zueilen zu sehen; sie ruhte nirgends aus, setzte sich am Wege nicht nieder, brummte ohne Unterlaß etwas leise vor sich hin und sah im allgemeinen so aus, als wenn sie zum Tode geführt werden würde: sie betrachtete nur den Himmel und bewegte ihre Lippen, was die Begegnenden dahin auslegten, daß sie bete.

Auch diesmal blieb ihr Flehen und Bitten unerhört; alle ihre Gebete halfen nichts!

Obzwar sie genau zu jenem Akte in die Kirche kam, als der Diakonus, welcher den Neophyten einkleidete, das in der Kirche angesammelte Volk frug, ob Jemand gegen die Einweihung irgend eine Einsprache zu erheben habe, und sie zu schreien anfing — „ich will nicht! ich will nicht!“ — so hatte ihr Protest nicht nur keine Beachtung gefunden und Sava wurde zum Geistlichen eingeweiht, sondern sie selbst wurde aus der Kirche vom Volke selbst hinausgedrängt und der außerhalb der Kirche stehenden Polizei übergeben.

Das Ende ihrer schnellen Reise bestand in zehn Tagen Arrest, während welchen sie nicht nur die sämtliche schmutzige Wäsche des Polizeikommissärs rein waschen, sondern noch außerdem zwei Faß Kraut einstampfen mußte.

Die Kerasivna glaubte aber immer noch nicht daran, daß Sava tatsächlich zum Geistlichen, Popen, eingeweiht worden wäre, als sie aber die volle Wahrheit erfuhr, da fiel sie auf die Knie und rutschte auf diesen den ganzen Weg aus der Gouvernementsstadt bis zu ihrer Hütte, eine Strecke von achtzig Werst, um den Sava, ihren Täufling, bereits in voller Tätigkeit als Popen in seinem Geburtsorte zu finden.

Neunzehntes Kapitel.

Wie ich bereits erwähnte, waren die Einwohner von Paripsami ganz glücklich darüber einen Popen zu besitzen, der im Orte geboren worden war, den Sohn eines Kasaken, weshalb Sava bei seinem Einzug mit großem Enthusiasmus empfangen worden ist.

Dazu hatte nicht wenig beigetragen, daß Savas Mutter noch lebte, und der Pope selbst seine Mutter liebte, hochachtete, ehrte und schätzte und daß er sofort nach seiner Ankunft nach seiner Patin, der Kerasivna, frug und sie zu sehen und zu begrüßen wünschte.

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