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DAS URTEIL SEINER EMINENZ.

S. (Stanislaus) Mierzinski translation

Erstes Kapitel.

Sehr jung, fast noch ein Kind, trat ich in den Staatsdienst und wurde in Kiev der Finanzdirektion zugeteilt, welcher Alexander Kirylovič Klučarev als leitender Direktor vorstand.

Klučarev war im wahren Sinne des Wortes ein „eifriger Beamter, ein Streber“ vom Scheitel bis zur Zehe, welcher von allen ihm Untergebenen nicht nur gefürchtet, sondern auch gehaßt wurde, sowohl in Kiev, wie auch in seinem früheren Dienstorte Žitomir; in Petersburg aber, wohin derselbe als Departements-Vorstand versetzt worden ist, empfand vor ihm Niemand Furcht, im Gegenteile, man gab diesem außergewöhnlich strengen, rücksichtslosen, trockenen Formalisten bald deutlich zu verstehen, daß man seiner Dienste nicht bedürfe, da ja auch andere, jüngere, eben dasselbe leisten können, wie er, Klučarev.

Er wurde in den Ruhestand versetzt, starb jedoch bald darauf, und es gab Niemanden, der ihm eine Träne nachgeweint hätte.

Klučarev stammte aus einer Popenfamilie und wurde in einem geistlichen Seminar erzogen und ausgebildet.

Er war außergewöhnlich kräftig gebaut, unermüdlich tätig, trocken und kurz im Verkehr, liebte in allem Genauigkeit und Pünktlichkeit und war — harten Herzens.

Es ist wahr, er liebte seinen Schoßhund mit den braunen hängenden Ohren, küßte denselben aufs Maul, konnte sehr besorgt und unruhig sein, wenn er meinte, daß sich derselbe unwohl fühle und vielleicht traurig aussehe; dann machte er eigenhändig diejenigen nötigen Operationen und Waschungen, die man dem Tierarzt oder sonst irgend einem Diener überläßt; aber ich habe selbst gesehen, wie in seinem Gesichte auch nicht eine Muskel zuckte, in seinen Augen auch nicht ein einziger Strahl des Mitgefühls sichtbar wurde, wenn er einen altgedienten Beamten mit zahlreicher Familie — oft ohne jeden Grund und Ursache — aus dem Dienste jagte oder ein jüdisches Kind unter die Soldaten aufnehmen und ihm das Haar schneiden ließ.

Das Einstellen jüdischer Kinder in den Militärdienst war eine höchst grausame gesetzliche Bestimmung.

Das Gesetz bestimmte, daß Kinder unter zwölf Jahren keine Aufnahme finden sollten; meistenteils wurden doch Kinder unter diesem Alter „dem äußeren Ansehen nach“ aufgenommen, und zwar mit Vorliebe, einmal litt ja der Dienst nicht darunter, dann zeigte es sich, daß je jünger die Kinder waren, sie sich desto leichter einlebten, ihre Eltern vergaßen und keine Schwierigkeiten beim darauffolgenden Taufen machten.

Diesen Umstand benutzten die Juden, welche die Kinder wie jede andere Ware lieferten; die kleinen Kinder wurden den Müttern aus den Armen gerissen oder geradezu in der Nacht aus dem Bett gestohlen, geraubt, in die kleinen Krakauer Britschken gesetzt und zur Stellung geschleppt.

Wie herzzerreißend, wie widerwärtig alles dieses war, ist schwer, ja geradezu gesagt, unmöglich zu beschreiben.

In allen jüdischen Städten, Städtchen und Dörfern erneuerte sich tatsächlich das Weinen in Rama: „Rachel weinte bitter um ihre Kinder und war trostlos.“

War das Gesetz, welches, Gott sei Dank! bereits aufgehoben ist, an und für sich selbst grausam, es wurde dasselbe für die jüdische Bevölkerung noch unerträglicher und drückender durch die Niederträchtigkeit und Gewissenlosigkeit eigener Stammesgenossen.

Dem Gesetze zufolge mußte eine gewisse bestimmte Zahl jüdischer Rekruten zur Stellung kommen, man war jedoch nie im Stande diese Zahl aufzustellen unter den gewöhnlichen Verhältnissen; die Rekrutierungen folgten sich viel zu rasch eine nach der anderen, weshalb jedesmal bei der Stellung mit außerordentlicher Strenge verfahren werden mußte, um keinen Ausfall eintreten zu lassen.

Es wurden deshalb stets mehr junge Leute eingestellt, als eigentlich bestimmt war, wobei stets die Bemerkung gemacht wurde, daß dieses Mehr bei der nächsten Stellung in Abrechnung komme; doch fand diese Zusicherung keine weitere Beachtung, wurde einfach — vergessen.

Angenommen, eingeschrieben und von der Hand weg!

Das eingestellte Kind wurde sofort einem Regimente zugeteilt, das sich weit, weit ab von dem Geburtsorte des Knaben in Garnison befand; die armen beklagenswerten Judeneltern wußten und erfuhren nie mehr, wo sich ihre Kinder befinden, oder wo man sie suchen könnte, die Kinder blieben für die Eltern verloren, waren für sie tot; außerdem wurden fast alle, ehe sie ihren Bestimmungsort erreichten, getauft.

Nicht wenige taufte man bereits in Kiev, wofür sich besonders die Gemahlin des damaligen General-Gouverneurs Fürstin Katharina Aleksejevna Vasilčikov geborene Fürstin Ščerbakov interessierte.

Die schreiendste Ungerechtigkeit bei diesem Rekrutierungsvorgange bestand darin, daß bei fast allen Geburtsscheine aus den Matriken der Rabbiner fehlten und daß das Alter, wie ich schon früher erwähnte, nur nach dem äußeren Ansehen, nach Abschätzung, bestimmt wurde, wobei Täuschungen und Irrtümer nicht ausgeschlossen waren.

Zumeist wurden „beschworene Aussagen“ vorgelegt von sechs oder zwölf Juden, welche unter Eid bestätigten, ihnen sei sehr genau bekannt, daß dieser oder jener Schmule, Mordechai oder Wolf bereits zwanzig Jahre alt sei; auf Grund solcher Dokumente wurden sieben- bis achtjährige Kinder für zwölf- bis vierzehnjährige ausgegeben.

Solcher Fälle gab es unendlich viele!

Ja, es kam nicht selten vor, daß das eine Dutzend Söhne Israels, angeworben von dem Lieferanten der lebenden Ware, schworen, Jakob sei zwölf Jahre alt; ein zweites, von den Eltern des Kindes gemietetes Dutzend ebenfalls unter Eid aussagten, Jakob zähle nicht mehr wie höchstens sieben Jahre.

Ja, ein und dasselbe Dutzend Juden schworen sogar sowohl zu Gunsten des Lieferanten wie gleichzeitig zu Gunsten der Eltern desselben Kindes.

Es bildete sich, geradezu gesagt, eine Zunft, ein Klüngel von „Schwörern“, bestehend aus dem Abschaum des jüdischen Proletariates und Pöbels, wie solche sehr eingehend und wahrheitsgetreu der zur katholischen Kirche übergetretene ehemalige Rabbiner Bravmann schilderte.

Es waren das Banden ehrloser, gewissensloser, demoralisierter Juden, die stets einen Haufen von mehreren Mann bildend, die Straßen unsicher machten, herumvagierten unter dem Vorwande nach „Arbeit“ zu suchen, d. h. Leute zu finden, welche einen falschen Eid, falsche Zeugenschaft oder ähnliches benötigten.

Und dort, wo es was zu beschwören gab, sei es beim Pristav oder dem Rabbiner, welche sehr leicht bestochen werden konnten, wurde ohne Furcht und ohne Zagen der Name Jehovas ungestraft angerufen, mit seinem Namen manche Untat, manche Lüge und Unrecht zugedeckt.

Dieser Mißbrauch mit dem Namen Gottes war allgemein bekannt, aber ... die einmal von formaler Seite nicht anfechtbare Angelegenheit konnte den Lauf der Sache nicht aufhalten.

Es hatte Niemand Zeit, Lust noch Mittel sich des Schwachen vor dem Stärkeren anzunehmen, ihm zu raten, ihn zu verteidigen oder das Urteil darüber zu fällen, ob das, was vorlag, auch tatsächlich wahr, recht oder falsch sei.

Ja, ich sage offen: ich spürte in mir keine Lust etwas zu tun, weil ich in diesem Meere von Tränen und Seufzern, in welchem ich meine jungen Jahre zu verleben gezwungen war, alles bessere Gefühl verlor.

Wenn sich dann und wann ein schwaches Zeichen von Mitgefühl in meinem Herzen regte, so wurde dieses Gefühl sofort unterdrückt durch die Erkenntnis, diesem gräßlichen, herzzerreißenden Jammer der weinenden Mütter und Väter nicht abhelfen zu können.

Die sich täglich, ja stündlich wiederholenden unbeschreiblichen Szenen des menschlichen Jammers machten keinen Eindruck mehr auch auf das feinstfühlige Herz.

Die Gewohnheit ist ein großes Ungeheuer!

Und wie es keine Regel ohne Ausnahme gibt, so erscheint vor meinem geistigen Auge eine solche Ausnahme, weshalb ich den Fall erzählen will, welcher meiner Ansicht nach einen weichen und warmen Strahl von Licht auf eine Persönlichkeit wirft, die sich besonders durch ihre Weichherzigkeit, Mildtätigkeit Religiosität von allen anderen hohen Kirchenfürsten der russischen Kirche abhob und zwar den Mitropoliten in Kiev Filaret Amfiteatrov.

Möglicherweise werdet ihr Euch darüber wundern, was gemeinschaftliches der Mitropolit mit der Rekrutierung jüdischer Kinder hätte? — Für gewöhnlich wäre dieses auch leicht der Fall, aber hier liegt ein Ausnahmsfall vor, und dann ist das, was ich Euch erzählen werde, so wunderbar, so merkwürdig und bietet soviel Interesse, daß ich annehmen kann, ihr werdet mir bis zum Ende dieser nicht langen, aber wahren Geschichte aufmerksame Hörer bleiben.

Zweites Kapitel.

Ohne Rücksicht darauf, daß ich noch sehr jung war, hat mich Klučarev der Stellungskommission zugeteilt, wobei keine große Gesetzkenntnis noch allgemeine Bildung, aber eine große Arbeitskraft nötig waren.

Von Früh bis Abends, solange es das Tageslicht erlaubte (bei Licht wurden die Stellungspflichtigen nicht untersucht) zog sich die Rekrutierung hin und es war absolut unmöglich während dieser Zeit das Gebäude auch nur für ganz kurze Zeit zu verlassen oder die Klagen und Proteste gegen die Vorführung entgegen zu nehmen, die vorgeführten Leute zu klassifizieren, Erläuterungen oder Aufklärungen zu geben und Urteile zu fällen.

War die Tagesarbeit beendet, dann mußte an die noch weit wichtigere, dringendere und viel Zeit in Anspruch nehmende Arbeit geschritten werden, welche darin bestand, die Schriften und Dokumente für den folgenden Tag vorzubereiten.

Nicht genug daran, es mußten eingelangte Klagen und Beschwerden durchgesehen, Rechnungen mit den Aufträgen kontrolliert, Anweisungen auf Montierungen, auf Geld für Provisionen gegeben werden, abgesehen von unzähligen Quittungen und Bestätigungen auf oft ganz minimale Beträge.

Im höchsten Grade widerwärtig war das Lesen der ganze Berge bildenden Denuntiationen, Zuträgereien und der nicht selten höchst verwickelten Beschwerdeschriften.

Das Kanzleipersonal bestand aus Beamten, welche aus den verschiedenen Abteilungen hierher abkommandiert, nichts weiter, als die mechanische Arbeit des Abschreibens zu besorgen hatten.

Der Hauptanteil an der ganzen Arbeit, welche eine gewisse Fassungs- und Beurteilungsgabe verlangte, fiel mir zu als dem bestellten — Kanzleivorstande.

Für gewöhnlich wurde auf diesen verantwortlichen, schweren und nervenerschütternden Posten stets eine Person bestimmt, welche bereits jahrelang im Dienste stand, aber Klučarev wählte, ich weiß nicht aus welchem Grunde und welcher Berechnung, gerade mich aus, der ich doch erst einige Monate diente und — 21 Jahre alt war.

Es ist leicht einzusetzen und zu begreifen, welche Mühe es mir machte ein derartiges Amt in Ordnung zu halten, besonders unter einem viel verlangenden, strengen, ja sogar harten, rücksichtslosen Vorgesetzten, wie es eben Klučarev war.

Sein Nachfolger, der seelen- und herzensgute N. M. Kobilin, welcher den Klučarev ablöste, bestätigte mich in meinem Amte.

Schon anderthalb Monate vor Anfang der Rekrutierung fing das hastige und eilige Arbeiten an, da die Rekrutierungsbezirke und deren Reihenfolge bestimmt werden mußten; die eigentliche Stellung nahm mehr Zeit weg als die Vorarbeiten zu derselben, und erst nach Beendigung derselben, der Abgabe des Schlußberichtes und der Rechnungslegung konnte ich ein wenig freier aufatmen.

Während dieser Zeit lebte ich eigentlich kein menschliches Dasein; hatte keinen Augenblick freie Zeit mit alleiniger Ausnahme von anderthalb Stunden zum Mittagessen und es blieben mir kaum vier Stunden zum Schlafen, die übrige Zeit verschlang der Dienst.

Es ist daher einleuchtend, daß bei einem solchen Leben wenig Zeit übrig geblieben ist, um sich für fremdes Leid interessieren zu können und mit fremden Leuten fremdes Leid zu beweinen. —

Zu jener Zeit an einem Tage, welcher mir nichts Angenehmes brachte, saß ich Abends hinter dem Schreibtisch in meiner Kanzlei und las die eingegangenen Aktenstücke, Beschwerden und Klagen.

Es waren ihrer keine geringe Zahl; fast alle enthielten eines und dasselbe: Klagen und Bitten, ja sie waren fast alle nach einer und derselben Schablone, fast mit denselben gleichen Worten verfaßt.

Mit einemmale fällt in meine Hand ein Blatt außergewöhnlich schlechten Papiers, zerknüllt, weshalb ich auf dasselbe aufmerksam wurde.

Von diesem Blatte Papier und dem, was auf demselben geschrieben stand, wehte eine so große Angst, Qual und Herzensleid, soviel Kummer und Sorge, daß man dasselbe nicht achtlos aus den Händen legen konnte.

Der Blick auf dieses Papier erinnerte an jene Bettler, bei welchen die Not und das Elend aus jedem Flicken, jedem Riß an den Kleidern, ja sogar aus den Augen blickt.

Obzwar ich — aufrichtig gesagt — den Klagen keine große Aufmerksamkeit für gewöhnlich zu schenken pflegte, fühlte ich hier eine nicht zu überwindende Notwendigkeit auf den Inhalt des Geschriebenen näher einzugehen und denselben aufmerksam durchzulesen; ich fand jedoch, daß dies fast unmöglich sei.

Vorerst war es schwierig zu bestimmen, in welcher Sprache das Bittgesuch eigentlich geschrieben sei; ja sogar die Buchstaben gehörten nicht einem und demselben Alphabet an.

Es standen hier russische und polnische Wörter in den betreffenden Schriftzeichen geschrieben nebeneinander, hie und da stand ein Wort, nicht selten sogar ganze Sätze in hebräischen Buchstaben unter den anderen.

Die Bittschrift war etwa in der Art und Weise verfaßt, wie jene der Gogol’schen Kaufleute an den „Herrn Finanzew Chlestakov“; es fanden sich hier einzelne Wörter aus dem allerhöchsten Titel, der Name des Präsidenten, der Bart des General-Gouverneurs, Ober-Hochehrwürden und „Flügertorčakov“[4] und „wenn Gott errette“ — mit einem Worte, aus dem ganzen war zu ersehen, der Bittsteller klage bei allen weltlichen und geistlichen Gerichten der ganzen Welt, doch war die Bittschrift derartig verfaßt, daß man dieselbe, unter anderen Verhältnissen, als eine Scherz- oder Spotteingabe angesehen und einfach in den Papierkorb geworfen hätte.

Und dennoch blickte aus allem diesen soviel Elend, Kummer, Sorge, Herzensleid, Angst heraus, daß der Bittsteller einem leid tat.

Statt dieses Bittgesuch, wie es sich gebührt hätte, wegen Nichteinhaltung der vorgeschriebenen Form einfach in den Papierkorb zu werfen, unternahm ich nochmals den Versuch dasselbe aufmerksam zu lesen.

Der Unsinn in der Aufschrift war nichts im Vergleiche zum Unsinn im Texte, dafür wehte aus diesem Unsinn erkennbar ein Weheruf, ein Schrei der Verzweiflung.

In schwer begreiflichen Ausdrücken, aus welchen sich der Sinn äußerst schwierig herauslesen ließ, brachte Bittsteller folgendes zur Anzeige: Er sei Introligator, d. h. Buchbinder; sein Handwerk bringe es mit sich, sich mit verschiedenartigen Büchern beschäftigen zu müssen, in folge dessen habe er verschiedene Lehren und Weisheiten über Gott und Religion sich angeeignet.

Diese Aneignung, dieses Wissen habe ihn nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, sondern auch bei den „Kahal“ selbst in Ungnade und Mißkredit gebracht, weshalb letztere in einer Nacht in seine Hütte eindrangen, seinen zehnjährigen Sohn aus dem Bette rissen, ihn raubten, um ihn auf den Stellungsplatz nach Kiev zu bringen.

Der Introligator war tatsächlich von der Stellungspflicht befreit, sein Sohn besaß noch nicht das vorgeschriebene Alter; außerdem lag dem Bittgesuche eine eidlich abgegebene Aussage bei, in welcher bestätigt wurde, daß der vom „Kahal“ geraubte Knabe erst sieben Jahre alt sei.

Andererseits legte der „Kahal“ ebenfalls eine unter Eid abgegebene Aussage vor, in welcher der Knabe des Buchbinders als bereits zwölfjährig angegeben wurde.

Der Introligator fühlte augenscheinlich, daß die Wahrheit durch die Lüge erdrückt wird, daß er sich auf Erfolg in diesem ungleichen Kampfe keine Hoffnung machen könne, weshalb er in zu Herzen gehenden, ergreifenden Worten bat, wenigstens einen Tag noch zu warten, ehe man seinen Sohn zur Stellung vorführe, da er einen Ersatzmann, einen zwanzig Jahre alten Juden, an Stelle seines Knaben stellen werde; er schicke seine Bittschrift mittels Post voraus, fahre aber mit dem Ersatzmann nach.

Drittes Kapitel.

Nach der bei uns bestehenden Gepflogenheit bedeutete diese Eingabe gar nichts, um so mehr, als der Introligator mit seinem Ersatzmann noch gar nicht in Kiev war, während der Knabe sich bereits an Ort und Stelle befand und für morgen schon zur Stellung bestimmt war.

War derselbe gesund und kräftig gebaut, zeigte er sich dem äußeren Ansehen nach zwölfjährig, so war sein Schicksal besiegelt und klar: er wurde assentiert, geschoren und in ein Regiment, welches weit, weit im Norden vielleicht gar in Sibirien garnisoniert, gesteckt.

Deshalb legte ich die Bittschrift des Introligators, nachdem ich an derselben die nötige Bemerkung machte, bei Seite.

Mehr konnte ich nicht tun.

So verging in voller Tätigkeit eine Stunde, eine zweite, dritte; — mir ging der arme, belesene Introligator nicht aus dem Sinn.

Ich stellte mir vor: wie er morgen Früh hier anstürmt, sein Kind jedoch bereits als assentiert in der Kaserne findet, wohin man sehr leicht hinein-, schwer aber herausgelassen wird.

Mir tat der arme Jude mehr und mehr leid, denn seine Bittschrift zeigte trotz ihrer Eigentümlichkeit, daß der Buchbinder für die damalige Zeit eine ziemlich große allgemeine Bildung besitzen müsse, hinter welcher sich zwar die alte — doch stets neu bleibende — Geschichte von der Judenverfolgung offenbarte.

Man konnte daraus sehen, daß ein, von der Natur mit klarem Verstande begabter Mensch, der sich bemühte ein wenig sich zu bilden und seinen Gesichtskreis zu erweitern, ohne sich seinem Glauben zu entfremden oder ihn zu verleugnen, sobald er sich seine eigene Ansichten über den Geist der Gesetze mache und nicht nach dem Buchstaben desselben lebe, von den Stammesgenossen sofort zu den „gefährlichen Freigeistern“, den „Abtrünnigen, Neuerern“ gezählt und von den phariseischen Talmudisten zu Grunde gerichtet wird, die sich vornehmen ihn von der Erde verschwinden zu lassen.

Wäre der Introligator reich, würde er Schweinebraten und Würste essen, würde er vollständig vergessen, daß es überhaupt einen Jehova und dessen Gesetze gäbe, aber würde er die Kreise der Talmudisten und deren Lügenmoral nicht stören — so hätte dieses gar nichts zu bedeuten — man würde ihn in der Gemeinde nach wie vor dulden, möglicherweise ehren und verteidigen; aber da zeigt sich auf einmal etwas kleines, unbedeutendes, eine Art Geistesfreiheit, ein Freisinn, welchen die orthodoxe Judenschaft nicht dulden will, noch vertragen kann.

Achtzehn Jahrhunderte konnten an dieser Geschichte nichts ändern.

Einem oder dem andern kann es möglicherweise eigentümlich vorkommen, warum ich den Worten des Introligators eine solche Bedeutung beilege, der durch das ihn betroffene Unglück leicht den Glauben erwecken konnte, er werde seiner religiösen Ansichten wegen von den anderen Juden verfolgt.

Ich sehe dies ein; wenn dieser Fall zu jetziger Zeit sich ereignen würde, so möchte ich selbst einen derartigen Vorfall für sehr verdächtig halten und ansehen; aber zu jener Zeit, in welcher meine Geschichte ihren Anfang und ihr Ende nahm, war an so etwas, als „Freiheit des Geistes, oder der Meinungen“ gar nicht zu denken; darüber hatten sich damals selbst solche Leute keine Ansichten gemacht, welche in weit günstigeren und besseren Verhältnissen standen als der Jude, dessen Knaben man aus dem Bette raubte.

Dem Juden konnte es gar nicht in den Kopf kommen, mit Liberalismus und Freigeisterei glänzen zu wollen, da ihm diese mehr Schaden wie Nutzen bringen konnten, was doch seinen Berechnungen nicht entsprechen konnte.

Ich mußte deshalb aus den über Religion im Bittgesuche gebrauchten Worten und Sätzen den Schluß ziehen, daß dieselben tatsächlich wahrer und tiefer, überzeugungsvoller Religiosität entstammen und aus reinem Herzen kommen.

Ich wiederhole: mir tat der arme Jude leid!

Ich fasste den Gedanken, demselben, so weit es in meiner Macht stand und es meine Kräfte erlaubten, behilflich zu sein.

Ich nahm mir vor, noch spät Abends, nach beendigten täglichen Geschäften, im „Englischen Hof“, wo der zur Rekrutierung kommandierte Flügeladjutant wohnte, vorzufahren und ihn zu bitten, dem Juden seine Hilfe angedeihen zu lassen und die für morgen bestimmte Stellung auf übermorgen zu verschieben, wodurch ein Tag zu Gunsten des Juden gewonnen worden wäre.

Obzwar sich die zur Stellungskommission kommandierten Flügeladjutanten in die Anordnungen der Kommission nicht einzumischen pflegten, so wurden doch ihre Wünsche stets mehr oder weniger beachtet.

Meine Absicht kam jedoch nicht zur Ausführung, denn früher, ehe es dazu kam, hatte die unglückselige Angelegenheit eine solche Wendung genommen und wurde mit einemmale so schwierig, daß der Knabe nur durch ein Wunder gerettet und seinem Vater zurückgegeben werden konnte.

Und dieses Wunder ereignete sich, es fand statt!

Die scheinbar aufsteigenden Schwierigkeiten wurden auf eine einfache und leichte Art überwunden, Dank einem „Engel im Menschenkleide“, für welchen die Mehrzahl der Einwohnerschaft in Kiev den damaligen Mitropoliten Filaret hielt.

Er wurde in diese Judenangelegenheit ohne seinen Willen einbezogen und stürzte die ganze jüdische List und Falschheit sowie die ungerechte buchstäbliche Anwendung des Gesetzes um, einzig und allein durch das ebenso geistvolle wie menschenfreundliche „Urteil Seiner Eminenz“!

Viertes Kapitel.

Es war bereits nahe an Mitternacht, als mich ein ziemlich großes Geräusch und lautes Gerede in meiner Arbeit zu stören begann; es schien mir, als wenn in dem neben meinem Arbeitszimmer gelegenen Saale irgend ein heftiger Streit zwischen den dort befindlichen Beamten entstanden wäre.

Derartige Ungehörigkeiten waren nichts seltenes; ich als junger Anfänger in der Beamtenlaufbahn, obzwar Kanzleivorstand, genoß nicht jene Achtung und besaß nicht das Ansehen wie bereits älter gediente Leute; meine Untergebenen fürchteten mich nicht und schenkten mir auch wenig Beachtung und nahmen auf mich keine Rücksichten.

Was die Subordination anbelangt, so konnte man nach dieser Richtung hin mit den altgedienten, mit Medaillen, Schnallen oder dem Stanislaus-Orden dekorierten Titularräten besser auskommen, wie mit den jungen Beamten.

Obzwar mich, beziehungsweise meine Kenntnisse, die Altgedienten nicht gerade sehr hoch schätzten und mir keine große Achtung als einem noch nicht „flügge gewordenen Jungen“, welchen, ihrer Ansicht nach, der Präsident ihnen zum Ärger, ohne Rücksicht auf ihr Alter, Dienstzeit, Solidität auf den Hals hetzte, entgegenbrachten, so machten sie dennoch die ihnen zugewiesene Arbeit ohne Lärm und Geschrei, Zank und Hader fertig, während die Jungen ebenfalls ihre Aufgabe fertig brachten, wobei es jedoch nicht ohne Lärm abging.

Es kam fast täglich vor, daß sie einen oder den anderen der Titularräte hänselten und sich über ihn lustig machten.

Als fast tägliche Zielscheibe ihres Spottes und fauler Witze diente ein Titularrat Namens Gregor Ivanovič Salko, ein großer Sonderling, der seine erste Ausbildung von einem Diakon erhielt und seine Beamtenlaufbahn unter einem ehemaligen Diakon begann, worauf er außerordentlich stolz war.

Er war für das frühere Kanzleiregiment eingenommen und konnte sich mit Neuerungen nicht befreunden.

Er gab gewöhnlich ganz seltsame, originelle Ratschläge, welche sehr stark an des Diakons Weisheit erinnerten.

So z. B. erinnere ich mich, daß als ich einmal vor Müdigkeit und schlaflosen Nächten meine Augen kaum mehr offen halten konnte, er mir sagte:

„Machen Sie es so, wie es mich mein alter Diakon lehrte; nehmen Sie aus meiner Dose eine Prise Tabak, der wird ihre Augen öffnen und den Schlaf verjagen. — Zu jener Zeit, als noch wirklich Dienst gemacht wurde ... Sie waren noch lange nicht auf der Welt ... haben wir dieses Mittel stets alle benützt.“

Dieser und auch die anderen älteren Herren wurden von der übermütigen Jugend sehr oft geneckt und nicht selten aus ihrer Ruhe und Geduld gebracht, wobei mitunter aus dem Spaß großer Ernst wurde, der sehr oft bis zum Handgemenge überging.

Die Zeit, wo derartiges vorkommen konnte, ist noch nicht so ferne, aber scheint der jetzigen Nachfolge fast unglaublich.

Das Geräusch vernehmend, glaubte ich annehmen zu können, daß die Jugend wieder einmal einen der Titularräte hänsele und daß es schließlich zu einem kleinen Handgemenge gekommen, welches gewöhnlich zu allgemeiner Zufriedenheit unter heftigem, weit schallenden Lachausbruche endete.

Doch diesesmal schien etwas Außergewöhnliches vorgefallen zu sein, denn ich hörte, daß meine ganze „Bande“ auf einmal aus der Kanzlei verschwand; es wurde darin ganz stille.

Ich stand auf, um nachzusehen, was vorgehe.

Der große Saal war leer; Kerzen brannten auf den Tischen; nur in einer Ecke saß unbeweglich hinter seinem Tische, wie eine Mumie, der Senior meiner Titularräte, der Nestor der Kiever Kanzleien — Platon Ivanovič Dolinskij, welcher den Vladimirorden für fünfunddreißigjährige tadellose Dienstzeit besaß.

Dieser unser Senior war außergewöhnlich groß, mager, weißhaarig, ein Kleinrusse (Chochol), sehr unnahbar, sich für eine wichtige Persönlichkeit haltend.

Er stand nie ohne besondere Notwendigkeit oder Veranlassung von seinem Sitze auf, sprach mit Niemanden und wenn ja — dann nur um diesen auszuschimpfen, wobei er sich ausschließlich des Chochol-Dialektes bediente.

Sowie er mich erblickte, sah er über seine in Kupferdraht gefaßten Augengläser hinweg auf mich, zog seine Stirne kraus und fing an zu schelten:

„Wie kommt es, daß Sie nicht bemerken, was hier vorgeht? — Sie sehen, alle sind fortgelaufen, um einen ruppigen Juden in Augenschein zu nehmen. — Sie wollen Kanzleivorstand sein? Schämen Sie sich! — Gehen Sie doch hinaus auf den Korridor und jagen Sie alle hierher zu ihrer Arbeit.“

„Was für ein Jude hat sich hierher verirrt?“ frug ich.

„Der Teufel weiß, von wo er gekommen! Er ist noch immer hier und wälzt sich auf dem Korridor herum.“

Ich nahm den Leuchter von einem Tisch und ging in den Gang.

Hier in dem breiten, nur schwach beleuchteten Gange standen alle meine Beamten, einen dichten Kreis bildend, und betrachteten, einer dem anderen über die Achsel schauend, einen in der Mitte des Kreises stehenden Menschen, der mit verzweiflungsvoller, klagender Stimme im gemeinsten jüdischen Jargon sich hören ließ:

„Ai! wai! — Lassen sie mich, lassen sie ... Ui! ai, ai, ai, wai, lassen sie! ... Ai, lassen sie mich, ich habe keine Zeit, denn, dort — dort bei der Kirche ... lief er weg ... Ai! Herr Metropolit, Herr Metropolit ... ai, ai, wai, Herr Metropolit ... wann werdet ihr alter Mann ... ai, wai! ... wann werdet ihr an Gott glauben ... ai! ... was wird das werden! ... ai! lassen sie mich ... ai! ai!“

„Wohin sollen wir Dich, krätziger Jude, lassen?“ unterbrach der diensttuende Soldat Aleksejev den Jammernden.

„Dorthin ... Gewalt ... ich weiß nicht, wohin ... wer an Gott glaubt ... Lassen sie mich ... Oh! ich armer unglücklicher Jude ... Was macht es ihnen für ein Vergnügen mich zu quälen ... mich zu ängstigen ... ich bin so genug bereits abgeplagt und abgehetzt ... um Gotteswillen, lassen sie mich ...“

„Wohin führt Dich der Teufel, zu wem willst Du denn hin? ... wohin willst Du?“

„Ai! ... lassen sie mich bloß ... ich gehe ... bei Gott! ich gehe ... doch weiß ich nicht, wohin ich gehe ... mir ist nötig zum Herrn Metropoliten selbst ...“

„Ach! Du dummer Jude, Du! sitzt denn ein solcher Herr hier!“ räsonierte der Soldat.

„Ach! ... wo ... wo ... ich weiß nicht, wo der Herr Metropolit sitzt, wo bei ihm anzuklopfen ... Mir ist er sehr nötig, mir ist er gewaltig nötig!“ schrie verzweiflungsvoll und dabei sich krümmend der Jude.

„Wenig ist dir ’was nötig; glaubst Du, Du krätziger Jude, daß sie Dich beim Mitropoliten vorlassen?“

Der Jude heulte noch mehr auf.

„Ach! ... mir ist der Metropolit nötig ... mich ... mich lassen sie nicht zum Metropoliten ... Verfallen, verloren ist mein Kind, mein armes, unglückliches Kind!“

Er ließ plötzlich einen so herzbrechend traurig-wehmütigen Klagelaut ertönen, daß alle plötzlich stumm zurückwichen. Der Soldat drückte ihm mit der Hand den Mund zu, aber der Jude befreite sein Gesicht von derselben und fing von neuem in der üblichen jüdischen Synagogenvibration zu flehen an:

„Oi Jeschu! Jeschu Hanozri! Sie wollen dich betrügen ... nehme nicht den Laidak, den Mischiginer, den Lumpen ... Oi, Jeschu, zu was ist Dir ein solcher Heide ...“

Sowie ich hörte, daß der Jude den Namen unseres Heilandes anrufe, zerteilte ich mit der Hand den vor mir stehenden Haufen.

Vor mir sah ich eine Gruppe, welche mich lebhaft an jene mit dem Teufel des Rafael’schen Gemäldes „Verklärung Christi“, allgemein bekannt durch den Jordan’schen Stich, erinnerte.

Ein nicht mehr junger Jude, jedoch unbestimmbaren Alters, ganz naß, in angefrorenen Lumpen, aber mit vom Schweiße feuchtem Gesicht, mit an die Stirne angeklebten schwarzen Haaren, unstet rollenden Augen, in welchen Schreck, hoffnungslose Verzweiflung, Schmerz, neben unbegrenzter leidenschaftlicher Liebe und Selbstentsagung, die keine Grenzen kennt, zu lesen waren.

Am Kragen seines zerlumpten Rockes und an den Armen wurde er von zwei kräftigen Soldaten gehalten, unter deren Händen er sich krampfhaft wand, sich bald wie ein Igel zusammenziehend oder gleich einer Schlange sich windend, doch immer sich bemühend, sich frei zu machen von den ihn festhaltenden Eisenfäusten der Soldaten.

Dieser Ausbruch der fürchterlichen Verzweiflung, das stätig sich wiederholende „wer an Gott glaubt“, das ich einige Minuten vorher in der Bittschrift las, schienen mir in einigem Zusammenhange zu stehen.

Mir kam in den Sinn, ob ich nicht den Introligator vor mir zu stehen habe?

Aber wie konnte derselbe so rasch hinter seiner Bittschrift nachkommen und nicht erfroren sein in diesem schauderhaft zerlumpten leichten Röckchen; und schließlich, was wünschte er? was ist ihm nötig, daß er in seiner verzweiflungsvollen Art ohne Unterlaß den Mitropoliten und Jehoschua Hanozri anruft?

Vielleicht hat er den Verstand verloren?

Um dem häßlichen Auftritte ein Ende zu machen, gab ich den Soldaten mit der Hand ein Zeichen und bemerkte: „Laßt ihn los!“

Kaum hatten diese ihre Hände von ihm zurückgezogen, als der „närrische Jude“ einen Sprung nach vorwärts machte, wie eine Katze, welche in einem dunklen Schranke eingesperrt, plötzlich, durch Aufmachen der Türe, freigelassen wird.

Die Beamten, einige lachend, andere erschrocken, stoben auseinander, gleich Erbsen, welche man aus einem Sacke auf die Erde schüttet; während der Jude wie ein junges Zicklein herumsprang.

Er lief von einer Tür zur anderen, wollte in ein verschlossenes Zimmer eindringen, das zu einer anderen Abteilung gehörte, und alles dieses tat er unter Wehklagen, Heulen, Seufzen, Schreien ai! ai! und alles mit einer solchen Geschwindigkeit, daß man ihm gar nicht folgen konnte.

Wie er in unsere Abteilung gelangen und sich in einem Winkel verstecken konnte, war fast unbegreiflich.

Man sah ihn nicht, doch hörte man sein unregelmäßiges heftiges schweres Atmen, das Klappern seiner Zähne; ihn selbst sah man nicht; es schien, als wenn ihn die Erde verschlungen hätte; er zittert, klappert, atmet unter dem Boden, wie der Schatten Hamlets.

Fünftes Kapitel.

Einige Minuten später entdeckte ich ihn; er saß zusammengekauert auf dem Boden unter meinem Tisch; klammerte sich fest mit den Händen an den Fuß desselben und zwischen den Zähnen hielt er den Rand des roten Tuches, mit welchem derselbe bedeckt war, fest.

Er fühlte sich jedenfalls so sicher hier, wie im Schoße Abrahams.

Er war entschlossen unter allen Umständen hier zu bleiben, und er hätte sich gewiß lieber seine halberfrorenen Finger abhauen lassen, ehe er den Tischfuß, den dieselben umklammerten, freigegeben hätte.

Der Soldat mühte sich ab ihn unter dem Tische wegzuziehen, umsonst: der große schwere Tisch zitterte und wurde gehoben, aber der Jude ließ nicht nach und war nicht wegzubringen, wobei er ohne Unterlaß schrie und klagte.

Mir war dieses alles höchst widerwärtig und ich befahl schließlich den Juden in Ruhe zu lassen, schickte jedoch nach einem Arzte, dessen Hilfe sich indes als unnötig erwies.

Sowie Ruhe eingetreten und ich mich mit ihm allein im Zimmer befand, wurde der Jude still, fing an sich zu rühren und seine Taschen durchzusuchen; eine Minute später schlich er sich langsam, wie ein Wolf im Käfig, zu meinem Tische und legte auf denselben einen Stoß von Papieren, eingewickelt in starkes weiches Umschlagpapier, das von einer, abscheulich nach Nelken riechenden eiterartigen Flüssigkeit durchtränkt war.

Ich muß zu meinem Leidwesen eingestehen, daß ich mich ekelte, diese Papiere in die Hand zu nehmen und sie aufzumachen.

Dieselben enthielten, wie es sich später ergab, nichts anderes als Verträge, welche der Introligator für Rechnung seines Sohnes gemacht hat.

Sohin blieb kein Zweifel übrig, daß dieser Mann Niemand anderer sei, als jener Jude, dessen Bittschrift noch einige Stunden vorher ein so großes Interesse bei mir erregte, daß ich sogar entschlossen war, für denselben einzutreten.

Wir waren uns also bereits näher bekannt.

Ich schickte den Juden nicht weg, sondern ließ ihn ruhig in der Stube sitzen in einer Lage, die ihm die bequemste schien und die er sich selbst gewählt hatte; mit gewohntem Blick überlas ich schnell die übelriechenden Papiere und fand, daß sie alle formgemäß in Ordnung seien, so daß der gemietete Ersatzmann, ein zweiundzwanzig Jahre alter Jude, an Stelle seines Sohnes ohne Anstand zur Stellung zugelassen werden kann, um so eher, als der bedungene Betrag von ein hundert Rubel demselben bereits voll und ganz zugezählt worden war.

Alle Dokumente waren in Ordnung; worin bestand dann das Unglück dieses Menschen? weswegen diese fürchterliche, qualvolle Aufregung, Angst und Verzweiflung, welche ihn fast zum Wahnsinn brachte?

Doch die Not war da, sie war fürchterlich, nicht abwehrbar; der Introligator begriff sie in ihrer ganzen verhängnisvollen Bedeutung.

Der vom Introligator angeworbene Ersatzmann war ein junger, noch nicht großjähriger Jude — gesetzmäßig konnten nur großjährige angeworben werden — aber ein sehr großer Spitzbube.

Er führte mit dem armen Stammesgenossen eine ganz niederträchtig listige, jedoch den Introligator zu Grunde richtende Geschichte auf, so genau berechnet und auf den Buchstaben des Gesetzes aufgebaut, daß gegen dieselbe in formeller Hinsicht nichts gemacht werden konnte.

Weder mir noch dem Introligator kam es in den Sinn eine Persönlichkeit für diese Angelegenheit zu interessieren, welche in der Lage gewesen wäre, durch einen Machtspruch den gordischen Knoten dieser Geschichte durchzuhauen.

Auch ist es mir nicht eingefallen, mich an jene wahrhaft fromme, herzensgute Persönlichkeit zu wenden, welche einen Rechtsspruch fällen konnte, „nicht von dieser Welt“ — eine Entscheidung, nach welcher den weltlichen Richtern nichts anderes übrig blieb, als nur das Urteil des barmherzigen Richters in Ausführung zu bringen, welches derselbe fällte behufs Beseitigung jener jüdischen ränkevollen Ungerechtigkeit, die sanktioniert werden sollte durch den Übertritt zum katholischen Glauben.

Sechstes Kapitel.

Nach dem Gesetze konnte ein stellungspflichtiger Jude nur wieder durch einen Juden ersetzt werden; Christen waren in diesen Fällen völlig ausgeschlossen.

Dadurch erklärt es sich, daß es außerordentlich schwierig war einen Juden als Ersatzmann zu finden, ja es war fast ausgeschlossen, daß sich überhaupt ein Jude zu diesem Zwecke selbst angeboten hätte.

Liebten die Rechtgläubigen den Soldatenstand nicht und trachteten sie, den Dienst nicht ableisten zu müssen, so lief überhaupt der Jude demselben aus dem Wege und durch gute Worte oder einfaches Mieten lockte man ihn schon überhaupt gar nicht.

Im übrigen waren die Vorteile, welche der angeworbene Jude für die ihm angebotene Summe von drei bis vier hundert Rubel gewann, gar zu unbedeutend, da jedes Jüdchen, wenn es von Natur aus nicht gar zu stiefmütterlich behandelt ist, einen solchen Betrag leicht und ohne jede Gefahr und große Mühe auf leichtere Art erwerben kann.

Und die von der Natur stiefmütterlich behandelten eigneten sich überhaupt zum Militärdienst nicht.

Derjenige, welcher einen Ersatzmann suchte, konnte denselben nur in jenen Sphären finden, und unter Leuten, welche heimatlos waren, einen liederlichen Lebenswandel führten und durch ihre Aufnahme beim Militär einer schweren Strafe entgehen wollten.

Derartige Leute fanden sich unter den Juden äußerst selten, sie waren geradezu — weiße Raben.

Dem Introligator gelang es jedoch — zu seinem Glück, oder besser sei es gesagt, Unglück — einen solchen „weißen Raben“, eine Seltenheit zu finden.

Was war das für ein Mensch?

Es war dies in seiner Art ein großer traditioneller jüdischer Geschäftsmacher, welcher im Mietsvertrage die Angelegenheit so zu drehen verstand, daß er nicht nur seinen Nächsten — die ihn mietenden Juden — vollständig zu Grunde richtete, sondern auch den Glauben profanierte und dem Gesetze selbst eine Nase drehte.

Und was die Angelegenheit noch interessanter machte war, daß er dieses alles unter den Augen und Mithilfe einer hochstehenden Persönlichkeit durchführen und eine neue, bis dahin nicht bekannte, aber außerordentlich günstige Art, sich über den katholischen Glauben und das Gesetz lustig zu machen, einführen wollte.

Dieser Lump war ein Damenschneider-Gehilfe des Meisters Davidek, welcher zu jener Zeit für Kiev das war, was Worth für Paris, ein Schneider für die „elegante Welt“.

Wegen Ungehörigkeiten jagte Davidek den Gesellen davon und die Polizei wies ihn aus.

Ohne Beschäftigung strolchte und bettelte der Geselle aus einer Stadt der „goldenen Ukraina“ in die andere, fiel schließlich in die Hände des Introligators zu jener Zeit, als dieser den heftigsten Kampf um sein geraubtes Kind kämpfte; der Vertrag wurde beschlossen, nicht aber einfach geschlossen, wie dies bei getauften Leuten der Fall zu sein pflegt, sondern mit in voraus berechneter böser Absicht, mit Hintergedanken, welche jedoch der Schneider solange für sich geheim hielt, bis sich ihm Gelegenheit bot offen zu handeln.

Das Nichteinhalten derartiger Verträge, war nichts seltenes, da diese gewöhnlich ohne Mitwirkung der Gerichte errichtet, deshalb meistenteils Formfehler besaßen, die im vorkommenden Falle das Dokument ungültig machten — derartige Umgehung der Gesetze lag im Blute der Juden, welche ohne sie nicht leben konnten.

Der Introligator, welcher sich in höchster Aufregung befand, um so mehr als die Angelegenheit keinen Aufschub erlaubte, sondern ein rasches Handeln forderte, mußte in alle Forderungen seines Mietlings einwilligen.

Er verkaufte sofort um zwei hundert Rubel sein Häuschen mit allem Zubehör und für drei hundert Rubel verpflichtete er sich bei einem reichen Juden jahrelang zu arbeiten.

Mit einem Wort, er war gebunden an Händen und Füßen, nach allen Seiten hin, während der angeworbene Schneider drei hundert Rubel in die Hand ausgezahlt erhielt, ohne einen Gegendienst geleistet zu haben.

In aller Eile wurden die nötigen Dokumente aufgeschrieben und der Introligator schickte mittels Post jenes Bittgesuch ab, dessen ich bereits früher erwähnte; er selbst folgte mit dem angeworbenen Manne und den übrigen Dokumenten nach.

Nun aber brach erst das Unglück über den Mieter herein.

Nur bis zur Unterschrift und Annahme des Geldes konnte es der Angeworbene kommen lassen, weiter gehen konnte und durfte er nicht, wenn er seine Freiheit bewahren wollte; er durfte deshalb seine Karten nicht aufdecken.

In der unmittelbarsten Nähe von Kiev verschwand er plötzlich aus der jüdischen Herberge.

Als der Jude bis zu dieser Stelle in seiner Erzählung kam, da heulte er auf und verlor fast völlig die Sprache, so daß er nur mit schwerer Anstrengung das Ende der Geschichte erzählen konnte.

Während der Zeit, als der Introligator über den Ankauf von Lebensmitteln handelte, was überhaupt nur wenige Minuten in Anspruch nahm, verlor er den angeworbenen Ersatzmann aus dem Gesichte, während dem lief der Schneider zu dem gegenüber der Herberge wohnenden Balagul,[5] mietete, ohne zu handeln, einen Viererzug junger, leichter Pferde und und fuhr mit aller Geschwindigkeit nach Kiev um — sich taufen zu lassen.

Ein fürchterlicherer Schlag konnte den Introligator nicht treffen, als das Verschwinden des angeworbenen Schneiders, denn durch dessen Flucht wurden nicht allein seine Hoffnung, sondern auch seine Pläne zerstört; er war bestohlen, betrogen, und wie man zu sagen pflegt, ihm wurde die Gurgel ohne Messer durchgeschnitten.

Sein Kind ging ihm verloren, ebenso wie ihm sein geringes Hab und Gut verloren gegangen, denn schon die Äußerung des Wunsches sich taufen zu lassen, hob alle mit dem Introligator abgeschlossenen Verträge auf; der Schneider wurde seiner übernommenen Verpflichtung, sich an Stelle des Knaben anwerben zu lassen los und ledig; der Wunsch sich taufen zu lassen, setzte jeden Juden, so auch den Schneider, unter den besonderen Schutz orthodoxer Gesetze.

Es war mir klar, daß in dieser Angelegenheit jeder Versuch einer Einmischung vollständig aussichtslos ist; ich konnte sehr leicht den grenzlosen Schmerz und die Qualen des Erzählers dieser traurigen Geschichte begreifen, aber ich sah auch weiter ein, daß hier, wer es auch sein mag, keine Hilfe bringen und keine Änderung zu Gunsten des Juden hervorzurufen vermag.

In dieser Angelegenheit gab es noch andere Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden und zu entfernen, welche nur jener begreifen konnte, der den höheren gesellschaftlichen Kreisen nicht ganz ferne stand.

Der Introligator teilte mir weinend mit — wobei er seinen Lapserdack[6] zerriß — daß er den Schneider lange in „Weißkirchen“ gesucht habe.

In Begleitung von verschiedenen Mischurisamen eine jüdische Herberge nach der anderen nach seinem Flüchtling absuchend, wobei ihm absichtlich falsche Angaben gemacht wurden, verlor er unnütz in dieser Weise einen ganzen Tag.

Erst als der Introligator Kiev erreichte, verfiel er auf die mit dem Fuchsschwanze weggefegte Wolfspur des Chabar, welcher gemütlich hinter den Klostermauern saß und sich zur Taufe vorbereitete.

Es lag klar zu Tage, der Spitzbube hatte die Absicht seinen Kontrahenten ungestraft zu betrügen und zu Grunde zu richten, das Mittel zur Erreichung des Zweckes sollte die Taufe sein.

Um dem Schneider gegenüber den Beweis zu führen, daß durch den Übertritt zum Katholizismus der Taufakt der Kirche nur mißbraucht und profaniert werde, dafür hatte man keine Beweise an der Hand.

Außerdem war Recht und Gesetz an der Seite dieses „Katechumen“, der noch weiter unterstützt wurde durch mächtige Personen, welche zu jener Zeit mehr galten als das Gesetz selbst.

Der schlaue Jude, welcher ein Jahr lang bei dem Kiever Wirt arbeitete, eignete sich einige Kenntnisse über den Einfluß und die Schwächen einiger hochgestellten Personen in Kiev an, welche in Folge ihrer amtlichen oder gesellschaftlichen Stellung große Macht besaßen.

Eine solche mächtige und einflußreiche Persönlichkeit war die Gemahlin des damaligen General-Gouverneurs Fürsten Hilarion Hilarionovič Vasilčikov, Fürstin Katharina Aleksejevna (geborene Fürstin Ščerbakov), derer ich bereits früher erwähnte.

Sie war zu jener Zeit für die Ausbreitung des Christentums so sehr eingenommen daß sie sich viele Mühe gab, dasselbe durch den Übertritt Andersgläubiger zu mehren.

Wie es aber in der Mehrzahl derartiger Fälle, Vorsätze und Einrichtungen vorzukommen pflegt, namentlich wenn sie von Damen der hohen Aristokratie und sonstigen Damen der eleganten Welt begonnen und poussiert werden, ist das Resultat ein außerordentlich klägliches; es fehlt an dem nötigen Ernst, praktischer Erfahrung, andauernder Tätigkeit, ohne welche alle derartigen Unternehmungen stets mehr Schaden als Nutzen bringen.

Es ist dies etwas Verhängnisvolles, eine Art Ironie des Schicksals!

Die Religiosität der Fürstin äußerte sich in anderer Weise als bei den jetzt lebenden Damen der höheren Gesellschaftskreise, welche den inneren Glauben nach außen sichtbar machen wollen ohne viel Opfer, Einschränkung und sonstige Änderungen ihrer Gewohnheiten bringen zu müssen; die Religiosität der Fürstin Katharina Aleksejevna war anderer Art, sie war kennbar an ihren Taten, so daß eigentlich der Verfasser des sehr lehrreichen und interessanten Buches „Versuch über Einkommen und Eigentum unserer Klöster“ jedenfalls verpflichtet gewesen wäre, der Fürstin, als Förderin des Wohlstandes der Klöster und ihrer Vermehrung, die erste Stelle anzuweisen.

Es ist Tatsache, daß die Fürstin Vasilčikov mehr Klöster errichtet und gegründet hat als die Fürstin Anna Aleksejevna Orlov und andere adelige Damen.

So gründete sie unter anderen ein sehr bekanntes Kloster in der Nähe von Kiev, welches, Dank der Freigebigkeit und Sorge der Fürstin, über sechsunddreißig Werst Land außer sonstigen Renten verfügt, worüber jedoch in dem Buche von Rostislav, dessen ich vorerwähnte, nichts zu finden ist.

Aber schon früher, vor der Zeit, ehe sich die Fürstin mit der Errichtung neuer Klöster zu beschäftigen anfing, namentlich noch vor der Rekonstruierung des Klosters des „alten Jonii“, machte sie sich in Kiev als große Philanthropin bekannt.

Unter ihrem Protektorate wurden Wohltätigkeits-Bälle, Soiréen, Theater, Maskeraden, Concerte u. dgl. mehr oder minder angenehme Unternehmungen veranstaltet; nach dieser Richtung hin entwickelte sie einen außergewöhnlichen Eifer, dem man jetziger Zeit nicht solche Bedeutung mehr zuschreibt als dies ehemals der Fall war.

Gleichzeitig mit dem Streben, Sorge, Not und Elend aus den Einkünften der verschiedenen Lustbarkeiten und Unterhaltungen zu lindern, bemühte sich auch die Frau Fürstin um Sittenverbesserung und Verbreitung des Christentums.

Im letzteren Falle war die Fürstin, wie ich anzunehmen guten Grund habe, origineller und kühner, unternehmender, als der übrige gesamte hohe Adel in Petersburg, weil sie in Folge der Stellung ihres Gemahls, als General-Gouverneur, schon an und für sich ein gewisses Ansehen und Macht besaß, vor welchem sich sehr viele beugten, ja sogar sich fürchteten, die meisten aber verfolgten das Gebaren „ihrer Fürstin“ sehr aufmerksam, hatten aber oft Ursache über das Treiben derselben und ihres Anhanges den Kopf zu schütteln.

Nach dem Coelibat, welches zur Zeit des Bibikov’schen Regimentes im General-Gouvernements Hause herrschte, war der Einfluß einer Frau, welche sich nach keiner Richtung hin etwas zu versagen brauchte, ein ganz bedeutender, namentlich unterwarfen sich demselben fast alle Damen der höheren Stände.

In der ersten Zeit besaß alles einen Anschein und Anstrich von Frische und Lebhaftigkeit, es schien, daß dadurch wirklich etwas nutzbringendes erzielt wird, doch diese Ansicht dauerte nicht lange, und man fing alles dieses von anderer Seite zu betrachten an und darüber sich zu äußern.

Die Fürstin selbst aber war so sehr von der Nützlichkeit und Wohltätigkeit ihrer Mission überzeugt, daß sie sogar, um die Leute sittlich zu bessern, die Bewohnerinnen der „Zufluchtstätte der heiligen Maria Magdalena zur Bekehrung gefallener Mädchen“ an Soldaten — verheiratete.

Dadurch sollte diesen Frauenzimmern die Rückkehr zum unmoralischen Lebenswandel abgeschnitten werden.

Die Fürstin nahm tätigen Anteil an dem Zustandekommen derartiger Ehen und interessierte sich sehr für dieselben; die Bräute wurden von ihr so reichlich ausgestattet, daß eine solche Heirat auf Soldaten eine besonders große Anziehungskraft besaß, und sie sich beeilten eine „Magdalenerin“ zu ehelichen.

Ein solches Mädchen erhielt nicht nur für ihre Verhältnisse reichlich Kleider und Wäsche, sondern auch ein hundert Rubeln, welches letztere für den Soldaten mehr Wert hatte, als die Rückkehr auf die Bahnen der Tugend seiner Braut und nachmaligen Frau.

Hatten die Neuvermählten die Fürstin durch ihre Hochzeit erfreut, teilten sie sich gewöhnlich um das erhaltene Heiratsgut, dann schieden sie in Frieden und Einigkeit von einander und jeder ging danach seines eigenen Weges.

Darüber kursierten in Kiev verschiedene höchst pikante Anekdoten.

Die „Hunde“ suchten ihre früheren Hütten auf, die Sittenlosigkeit und Liederlichkeit wurde jedoch nicht mehr aus eigenem freien Willen ausgeübt, sondern im Einverständnis und mit Bewilligung des ehelichen Gemahles.

Es sind Fälle vorgekommen, daß der Soldat sofort nach der Trauung, noch vor dem Hochzeitsmahle, seine junge Frau dem Brautführer verkaufte.

Als Brautführer figurierten nicht selten „hochgeborene Herren“ und zwar aus dem Grunde, um von der Fürstin „gesehen“ zu werden.

Man konnte eigentlich dem in dieser Art und Weise verheirateten Soldaten es nicht übel nehmen, daß er seiner angetrauten Gattin los und ledig zu werden trachtete.

Was sollte dem Soldaten eine Frau, welche zu arbeiten nicht verstand und zu hungern nicht gewohnt war?

Gewöhnlich heiratete der Soldat eine „Magdalenerin“ geradezu auf Befehl seiner Vorgesetzten, namentlich dann, wenn es der Frau Fürstin beliebte, wieder einmal eine „Magdalenen-Hochzeit“ in Szene zu setzen; der dazu bestimmte Soldat unterwarf sich ohne Murren, stillschweigend und in sein Schicksal ergeben diesem Wunsche.

Man konnte es deshalb nicht dem Soldaten verargen, wenn er sich sofort von einem Weibe lossagte, welches gewohnt war auf den Knien eines reichen Offiziers sitzend, „Butterbrot zu essen und süßen Wein zu trinken“, diese aber wählte wiederum einen Weg, welcher ihr am besten gefiel, ein Leben, welches sie früher schon führte und wo sie am leichtesten und raschesten jene Summe Geldes verdienen konnte, welche sie vertragsmäßig ihrem Manne zu entrichten hatte dafür, daß er ihr die Bewilligung gab, so und dort zu leben, wo sie wollte.

Das waren die Resultate der Sittenverbesserungs-Spielerei; schließlich fand man auch dieses langweilig und abgeschmackt und bekümmerte sich nicht weiter um dieselbe.

Etwas länger dauerte die Proselytenmacherei behufs Bekehrung der Juden zum Christentum, obzwar auch hier verschiedene Seltsamkeiten unterliefen.

Den Eifer der Fürstin nutzte am meisten der Auswurf der jüdischen Gesellschaft aus, charakterlose, böse und bösartige, nach jeder Richtung hin verdorbene, verderbte Leute, Diebe und ähnliches Gesindel, welches sich taufen ließ, um manche Missetat, von ihnen angestellt, dadurch zu decken und in Vergessenheit zu bringen.

Leute, welche unter ihren eigenen Stammesgenossen keinen Schutz mehr fanden, waren so demoralisiert, daß sie eine Religion wechselten, wie man einen Rock zu wechseln pflegt.

Zu diesen Leuten gehörte auch der von dem Introligator angeworbene Ersatzmann, der sich ebenfalls die von anderen angewendete Praxis zu eigen machte, die Fürstin dadurch auszubeuten, daß er sich zur Taufe meldete; einmal getauft, konnte ihm Niemand mehr etwas anhaben, selbst dann nicht, wenn er früher schon — als Jude — in irgendeiner Weise das Gesetz überschritten und verletzt hätte.

Diese Ansicht hatte ihre volle Berechtigung.

Man war zu jener Zeit allgemein (und nicht allein unter den Juden, sondern unter den Rechtgläubigen und der „hohen“ Gesellschaft in Kiev) davon überzeugt, daß nicht das geschieht, was der Fürst befiehlt, sondern das, was die Fürstin wünscht.

Siebentes Kapitel.

Der jüdische Schneidergeselle, welcher sich anwerben ließ, um Soldat zu werden, war ziemlich gut über die in Kiev herrschenden Verhältnisse unterrichtet.

Diese Kenntnis wollte er nicht nur für seine eigenen Zwecke ausnützen, sondern auch dabei gleichzeitig den Introligator ungestraft zu Grunde richten.

Sein Plan war vorzüglich ausgedacht.

Während der Introligator die bekannte Bittschrift verfasste, in welcher er bat, mit der Einstellung seines Sohnes solange warten zu wollen, bis er mit dem Ersatzmanne ankomme, schrieb der Schneider einen herzbrechenden Klagebrief an die in Kiev allgemein bekannte Baronesse B., welche — nach außen hin — eine außergewöhnliche Frömmigkeit zur Schau trug.

Der listige Jude schilderte in lebhaften Farben, wie er von seinen Stammesgenossen verfolgt werde, was er leiden müsse, daß seine Geduld bereits erschöpft sei und er sich entschloß unter die Soldaten zu gehen; wie er aber plötzlich erleuchtet wurde, wie ihm jene Wohltaten, welche nur hochgeborene Christen auszuüben pflegen, namentlich jenen, die sich entschlossen haben, den wahren Weg des Christentums zu wandeln in Erinnerung gekommen seien; er habe deshalb beschlossen, sich — taufen zu lassen.

Er rechnete weiter, daß, wenn es ihm gelingt dem Introligator noch vor seiner Ankunft in Kiev zu entlaufen, er bei seiner Ankunft dort Gönner finden wird, die ihn vor dem Verfolger schützen werden dadurch, daß sie ihm einen Aufenthalt in irgend einem Kloster vermitteln, so lange, bis er die heilige Taufe empfangen habe.

Sollte ihm sein Fluchtplan nicht gelingen, so hatte er schon auch nach dieser Richtung hin Vorkehrungen getroffen, indem er in dem Briefe die Baronesse bat, ihn schützen zu wollen, und dahin ihm behilflich zu sein, daß er so rasch wie tunlich getauft werde und so Aufnahme finde in der christlichen Gemeinschaft, nach welcher er sich so sehr sehne.

Der Jude bat weiter die Frau Fürstin Katharina Aleksejevna mit seinem Wunsche bekannt zu machen, auf deren religiösen Eifer er alle seine Hoffnungen baue.

Dieser Brief gab der Baronin Vorwand bei vielen gewichtigen und einflußreichen Persönlichkeiten vorzusprechen, wobei sie Gelegenheit fand ihre Religiosität und ihren Eifer für die Ausbreitung des Christentums ins hellste Licht bringen zu können und leuchten zu lassen; namentlich fand sie bei der Fürstin sofort die tatkräftigste Unterstützung und die Erlaubnis in diesem Falle im Namen der Fürstin bei allen jenen Personen dasjenige zu erwirken, was sich als nötig erweist.

Dieser Auftrag bezog sich hauptsächlich auf jene, denen die Fürstin keine Befehle erteilen konnte; diejenigen, welchen sie befehlen konnte, kamen gar nicht in Betracht.

Mit einem Wort, ehe der Tag zu Ende ging, hatte die Baronin alles, was ihr zum Schutze des Juden nötig erschien, vorbereitet, so daß derselbe nach seiner Ankunft in Kiev es nur nötig fand, bei dieser oder jener Person, welche von dessen Ankunft und Plänen unterrichtet war, vorzusprechen, um — geschützt und gerettet zu sein.

Besseres konnte sich der Jude auch gar nicht wünschen; außerdem haben auch andere Umstände zu seinen Gunsten gewirkt, daß er nicht nur den ersten, sondern auch den zweiten Teil seines Programmes in Ausführung bringen konnte, d. h. es gelang ihm, seinem Kontrahenten entlaufen zu können, während dieser einen Tag durch nutzloses Suchen und Nachfragen in den berüchtigten jüdischen Herbergen Weißkirchens verlor, in diesem nach Berdičev größten, von Juden bevölkerten Orte mit seinen zahlreichen berüchtigten und gefürchteten Jüdenschenken.

Ehe der durch furchtbare Schicksalsschläge zerschmetterte und fast sinnlos gewordene Introligator in Kiev ankommen konnte, in einer Stadt, wo er zu seinem Unglück überhaupt niemanden kannte und auch nicht wußte, an wen er sich wenden sollte und könnte, saß sein Flüchtling, geschützt von hochgestellten Persönlichkeiten, hinter Klostermauern, ließ sich schmackhaft zubereiteten Fisch schmecken und ruhte in der warmen Zelle eines Mönches von der während seiner Flucht erlebten Aufregung aus.

Dieser Mönch war beauftragt, den Juden in so kurzer Zeit als möglich zur Taufe vorzubereiten.

Der Introligator, welcher mir unter Weinen und Wehklagen diese ganz eigentümliche Geschichte erzählte, teilte mir auch mit, wie er es erfuhr, wo sich der Lump gegenwärtig aufhalte.

Er erzählte, wie viele Groschen und wo er sowohl an geistliche wie weltliche Personen gezahlt habe, wie er in einer aufgelassenen Lehmgrube bald ertrunken und in einer Ziegelei fast verbrannt wäre, wie er auf eine unerklärbare Art und Weise in eine Klosterbäckerei geriet; er erzählte dies alles lebhaft, plastisch und doch bei allem dem gleichzeitig außerordentlich rührend und gleichzeitig lächerlich; man war sich überhaupt darüber nicht klar, sollte man über seine Erzählung lachen oder weinen.

Während dieser Zeit, als der Introligator, vor meinem Tische stehend, seine Geschichte erzählte, dabei weinte, ächzte, seinen zerlumpten Rock zerriß, fühlte weder ich noch irgend einer von meinen Beamten Lust über den Juden zu lachen oder sich über denselben lustig zu machen.

Wir alle — bei unserer unglückseligen Angewohnheit und Abhärtung gegen ähnliche Ausbrüche von Gram, Klage und Marter — waren, wie es schien, völlig niedergeschmettert durch den Ausbruch des grenzenlosen Leidens und Schmerzes des Juden, welcher tatsächlich blutigen Schweiß bei diesem Armen hervorrief.

Ja, diese schlechtriechende Flüssigkeit, mit welcher die vor mir liegenden Papiere durchfeuchtet waren, war nichts anderes als der „blutige Schweiß“, welchen ich in meinem Leben nur ein einzigesmal, und zwar nur in diesem Falle mit eigenen Augen zu sehen Gelegenheit hatte.

In dem Maße, als dieser lebend nicht erfrorene und lebend nicht verbrannte Jude in der Stubenwärme auftaute, schien seine Stirne mit den an diese angefrorenen Haaren, seine krampfhaft zusammengeballten Hände, seine unter dem Lapserdack offen liegende Brust — wie mit feinen Wunden bedeckt, aus welchen eine rote Feuchtigkeit austrat, wie jene ersten Tropfen der Flüssigkeit von roten Beeren, welche man beim Auspressen aus den Poren eines Leinwandstückchens heraustreten sieht.

Doch die feinen rosigen Tropfen auf der Menschenhaut zu sehen, war fürchterlich!

Wer niemals Gelegenheit gehabt „blutigen Schweiß“ zu sehen und derer dürfte es gewiß außergewöhnlich viel geben, um so mehr, als die Möglichkeit des Vorkommens eines solchen Schweißes geleugnet und in Abrede gestellt wird — diesen allen kann ich sagen, daß ich selbst, mit eigenen Augen solchen blutigen Schweiß tatsächlich gesehen, und daß dieser Anblick unbeschreiblich fürchterlich ist.

Diese rötlichen, moosbeerensaftfarbigen Tröpfchen und Flecke an der Brust dieses Juden stehen noch heutigen Tages unverwischbar, deutlich und klar vor meinen Augen, und mir kommt es vor, als wenn ich durch dieselben das offene Herz dieses zermarterten Mannes gesehen hätte — das Herz eines Vaters, welches für sein eigenes Blut, seinen Sohn, die größten Qualen und Marter aushält, nur um diesen, seinen Sohn, retten zu können.

Ich behaupte nochmals, das, was ich gesehen, war fürchterlich!

Die üppigen blonden Haare der letzten Königin Schottlands, gebleicht in der kurzen Spanne Zeit, in welcher die „Gentlemen“ die letzte Toilette derselben machten und sie an den Richtblock banden, diese Minuten der Angst der unglücklichen Königin konnten für diese nicht schrecklicher sein, als jene Stunden eines Vaters, der seinen Sohn retten kann und dabei blutigen Schweiß schwitzte.

Unwillkürlich erinnerte ich mich des blutigen Schweißes jenes großen Lehrers, welcher für die Sünden unserer Väter und für unsere eigenen sein Blut auf dem Kreuze vergoß und mein eigenes Blut flutete in vollem aufgeregtem Strome vom Herzen durch die sämtlichen Gefäße meines Körpers, es rief in meinen Ohren ein so heftiges Sausen und Brausen hervor, wie ich solches weder vor noch nach je empfunden habe.

Alle meine Gedanken, all’ mein Fühlen erlitt geradezu etwas ungewöhnliches, eigenartiges, noch nie dagewesenes, neben dem traurigen, schmerzlichen, drückenden gab es zu gleicher Zeit etwas angenehmes, liebliches.

Es schien mir, als wenn ich keinen gewöhnlichen Menschen, sondern ein blutiges historisches Symbol vor mir sehen würde.

Aufrichtig gestanden, ich war zu jener Zeit nicht ganz fremd einem gewissen Mystizismus, den ich auch jetzt nicht in Abrede stelle, da ich mir (die Herren Theologen um Verzeihung bittend) den Glauben ohne Mystizismus nicht vorstellen kann.

Unter dem Eindrucke des eben Erlebten und auch geradezu unter Einwirkung des sich stärker fühlbar machenden Mystizismus fing sich etwas eigenartiges, etwas geheimnisvolles, unbegreifliches in meinem Kopf und Herzen zu regen, etwas, was mit meiner gegenwärtigen Beschäftigung sich gar nicht in Einklang bringen ließ.

Die Geschichte, in welcher sich das Böse mit dem Guten, das Tragische der väterlichen Liebe und Sorge um seinen Sohn, sein liebes Kind und religiöse Fragen durch- und zwischeneinander mischten; die rohe Einrichtung in dem großen, halb dunklen, schlecht beleuchteten Saale, dessen Wände Meere von Tränen über für immer verloren gegangene Kinder gesehen haben; diese zwei Kerzen, welche das durch seelische Qualen, Angst und Sorge schmerzlich und krampfhaft verzerrte Gesicht des altbiblischen semitischen Individuums beleuchteten; dieser Ruf nach: „Jeschu! Jeschu Hanozri!“ — nach seinem Sohne — „oh! gibt ihn mir, meinen Sohn, zurück“ — „gebet ihn mir!“ — ...: alles dieses erschütterte tief meine Seele und entriß mich geradezu der Gegenwart und der Wirklichkeit!

Ich empfand ein ganz unbestimmtes, eigentümliches Gefühl, eigenartige Gedanken durchschwirrten meinen Kopf, in gleicher Weise, wie solche Bischof Theofan mit großer Meisterschaft in seinen Briefen über „das geistige Leben“ beschrieben hat.

Von jetzt ab hat das Herz Übergewicht gefunden über den Verstand.

Er tat es mir an, dieser verzweifelnde Vater, mit dem blutigen Schweiße und dem offenen Herzen — ein Mensch aus jenem Stamme, der auf sich nahm das Blut jenes großen Erlösers, dessen Namen „Jeschu!“ er in seiner Angst anrief und den er um Rettung aus dieser schweren Lage bat! ... wer kann es erklären, welche geheimnisvolle Kraft ihn dazu trieb den „Hanozri“ um Hilfe in der Not zu bitten?

Meine überspannten Nerven arbeiteten so, daß es mir schien, in diesen dem Staate gehörenden Räumen gehe etwas vor, was gegen den Staat gerichtet ist.

Hörte vielleicht Er die Klagerufe eines Vaters nach seinem Sohne und des Sohnes nach dem Vater? — Sah’ Er bereits das zerrissene Herz des aufgeregten Juden? — geht Er ihm bereits schon mit ausgebreiteten Händen entgegen, um ihn in diese zu schließen und ihm Hoffnung, Trost und Erlösung zu bringen? —

Darüber vergaß ich dem armen Juden den einzigen zum gewünschten Ziele führenden Rat zu geben, sich und seinen Sohn — taufen zu lassen!

Und in der Tat! wer und was hinderte ihn dieses zu tun, um so mehr, als er, der Vater „Jeschu Hanozri“ zur Hilfe rief, in diesem Augenblicke auch dem Erlöser näher stand, als jener Aussätzige, jener Lump, welcher sich vornahm über die Religion durch die Taufe sich lustig zu machen, sie zu profanieren und solche in den Augen seiner Stammesgenossen lächerlich zu machen.

Was würde daraus entstanden sein, wenn der Jude meine Gedanken erkannt und in Ausführung gebracht hätte?

Ein ungewöhnlicher, noch nie dagewesener Fall in der administrativen Gerichtspraxis, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach den Anstoß zur gründlichen Revision des bestehenden Gesetzes Anlaß gegeben hätte.

Einen anderen Ausweg zu seiner und seines Sohnes Rettung sah ich nicht ...

Aber ich vergaß Den, ohne dessen Willen kein Haar fällt vom Kopfe eines Menschen, ich vergaß Jenen, dessen Macht größer ist und herrlicher als jene sämtlicher Herrscher der Welt, die sich vor Ihm beugen müssen.

Mir ist gar nicht eingefallen, daran zu denken, daß dieser Jude, welcher den Namen „Hanozri“ so angstvoll und aus voller Seele anrief, diesen Namen beschimpfen und das Geheimnisvolle des heiligen Taufaktes lächerlich finden könnte, wie sich sein Ersatzmann zu tun vornahm.

Alles dieses und vieles andere durchschwirrte mein Kopf, um aufzutreten und auch sofort zu verschwinden.

Es wurde mir im Kopfe so schwer, es drückte wie Blei auf mein Gehirn; meine Gedanken wollten nicht in Weite fliegen, sondern sie trachteten, ähnlich einem naßgewordenen Vogel, sich unter dichtes Gebüsch und tiefen Schatten zu verbergen — ich sprach kein Wort — und tat wohl daran!

Möglicherweise wäre mein Rat nicht an die richtige Stelle zur richtigen Zeit gerichtet gewesen und ich wäre dadurch der Möglichkeit beraubt worden, einen Vorfall sehen und miterleben zu können, welcher die Machtlosigkeit der Menschen und die Erscheinung der göttlichen Vorsehung zu deutlicher, sichtbaren Äußerung brachte.

Achtes Kapitel.

Nicht mein Herz, aber mein Verstand riet mir zu schweigen und nicht selbst tätig einzugreifen in eine Sache, welche nur der Herr des Lebens regeln und zum glücklichen Ausgang führen konnte.

Ebenso war es nicht meine Sache zum Leben rufen zu wollen einen Stamm, den das Schicksal niedergeschmettert hatte.

Wie das Glied dieses Stammes zum neuen Leben erweckt wurde ... das geschah später ... viel später, und unter Verhältnissen, die niemand vorhersehen konnte zu jener Zeit, von welcher ich jetzt erzählen werde.

Instinktiv fühlte ich, daß das, worüber wir uns so sehr aufregten, ein gutes Ende nehmen werde.

Mein Verstand lispelte mir zu nur ruhig zu sein, sich nicht aufzuregen über etwas, dessen Ausgang im voraus bestimmt ist; denn was geschehen soll und werde, sei voraus bereits bestimmt, weshalb ich nichts unternehmen soll, damit das Bestimmte nicht gestört werde und erfolge.

Vor allem sei Ruhe! — Ruhe! — nötig!

Um diese Ruhe zu erzielen, welche durch fortgesetztes Weinen, Seufzen, Wehklagen, Heulen des Juden gestört wurde, zu finden, stand ich, ohne ein Wort zu sprechen, auf, ging in den Vorsaal, zog meinen Pelz an und fuhr nach Hause, ohne mich um den Juden weiter zu kümmern.

Dieser mein Entschluß dürfte manchem ganz unbegreiflich vorkommen — möglicherweise wollte ich dem Schauspiele entgehen, das sich meine Beamten früher oder später mit dem Juden erlauben werden — doch dem war nicht so.

Warum ich in dieser Art vorging, ist mir selbst unbegreiflich und kann ich es mir auch heutigen Tages nicht erklären, aber mein Herz und auch mein Verstand sagten, daß dieses das beste sei, was ich tun könne.

Wie heute sehe ich noch in meinem Gedächtnisse jene klare frostige Mitternacht mit dem hoch am Himmel das schöne Kiev beleuchtenden Vollmond.

Zu jener Zeit war Kiev eine patriarchalische Stadt, denn „Chateau des Fleurs“ und andere Lokale ähnlichen Genres tauchten erst zu jener Zeit auf, als Anenkov das Palais des General-Gouvernements bewohnte.

Zu der Zeit, als ich vom Amte nach Hause fuhr, war bereits Ruhe und Stille eingetreten in Kiev; sie schliefen bereits, die Einwohner dieser großen historisch merkwürdigen Stadt; von hohem Turme des Klosters vernahm man die in langen Zwischenräumen zum Frühgottesdienste einladenden Glockenlaute.

Mein kleines, durch langes Stehen in dieser frostigen Nacht hart mitgenommenes Pferdchen, lief so rasch, daß der kleine Kutscher Mathias, Leibeigener von meinem Gute im Orlover Gouvernement, dasselbe kaum zu zügeln vermochte.

An der Straßenbiegung beim „Kaisergarten“ huschte auf einmal etwas an uns vorüber — ein Mensch und doch kein Mensch, Hund und doch kein Hund oder ein ähnliches Tier — worüber mein etwas scheues Pferdchen erschrak und auf die Seite sprang, daß sowohl ich wie mein Kutscher nahe daran waren, aus dem Schlitten herausgeschleudert zu werden.

Dieses etwas verfolgte uns den ganzen Weg, bald huschte es vor, bald hinter dem Schlitten, bald verschwand es im Schatten oder sprang und lief vollbeleuchtet vom Monde neben uns; plötzlich läuft es bei einer Biegung über die im vollen Mondeslichte hell erleuchtete Straße, so nahe an dem Pferde vorüber, daß dieses wiederum scheute und uns bald aus dem Schlitten geworfen hätte.

Ich konnte mir nicht erklären wer? oder was? dieses etwas sei, nur sah ich, daß dasselbe auch hier sei, als das Pferdchen vor meiner Wohnung stehen blieb ...

Was war dieses etwas?

Das war wieder er, mein Introligator, mit denselben krampfhaft verzerrten Gesichtszügen, demselben deutlich sichtbaren blutigen Schweiß auf der offenen Brust ... ihn fror es nicht, das Herz brannte und wärmte ihn!

Er weinte und jammerte nicht; aber er verließ mich auch keinen Augenblick, gleich meinem Schatten hing er sich an meine Fersen; er lief nicht weniger rasch als mein Pferdchen.

Wohin mit ihm? ...

Wegjagen? ... das wäre zu grausam; ihn in die Wohnung lassen? ... wohin soll das führen? ... was soll daraus werden? ...

Ich sagte schon früher, daß ich für ihn nichts tun konnte; er wurde mir bloß lästig ... und dabei — zu meiner Schande sei es gesagt — ich ekelte mich vor ihm ... er roch so höchst widerlich nach diesem blutigen Schweiße!

Ich konnte mich weder zu dem einen noch zu dem anderen entschließen ... und er — mir immer nach, gleich dem eigenen Schatten ... immer nach ... ging ich ins andere Zimmer, er hinter mir ...

Jedenfalls war ihm von der Vorsehung der Weg vorgeschrieben, und ich beschloß, um diese Kreise nicht zu stören, ihn mit Tee warm zu machen und dann in der Küche schlafen zu lassen.

Ehe ich jedoch meinem Diener die nötigen Befehle geben konnte, meldete mir derselbe, daß Andrej Ivanovič Drukart da gewesen sei und einen Brief zurückgelassen habe.

Drukart war Beamter für besondere Aufträge, dem Fürsten Vasilčikov zugeteilt; eine allgemein beliebte und hochgeschätzte, sehr tätige und beim General-Gouverneur sehr einflußreiche Persönlichkeit.

Außerhalb seiner Tätigkeit als Beamter, war Drukart ein vorzüglicher Vorleser und ein großer dramatischer Künstler.

Ich habe nie Jemanden gesehen und gehört, der so meisterhaft Hamlet oder den Polizeimeister in Gogols Revisor gelesen oder gespielt hätte wie Drukart, nicht einmal der zu jener Zeit in diesen Rollen so sehr berühmte Sosnickij konnte sich mit Drukart messen.

Dank seinem Talente führte der nun verstorbene Drukart nicht nur die Aufträge des Fürsten, sondern nicht selten auch jene der Fürstin aus.

Gerade zu jener Zeit brauchte die Fürstin Geld zu irgend einem wohltätigen Zwecke und beauftragte deshalb den Drukart eine Wohltätigkeits-Vorstellung im Stadttheater zu arrangieren.

Auch ich war, wie es alle sagten, kein schlechter Vorleser und Schauspieler, weshalb ich bei allen derartigen Fällen mit in Rechnung gezogen wurde.

Drukart schrieb, daß, da ich sowie der zu jener Zeit in Kiev lebende Rechtsanwalt Jurov ziemlich gleich groß und uns auch sonst äußerlich ähnlich seien, wir beide in dem zur Aufführung kommenden „Revisor“ die Rollen des Dobčinskij und Bobčinskij übernehmen müßten.

Bei meiner damaligen geistigen und körperlichen Abgespanntheit und Müdigkeit, sowie sonstiger Nervosität, bedeutete diese Mitteilung geradezu einen Überfall.

Ich warf mißmutig das Schreiben meines Freundes auf den Tisch und beschloß anderen Tages so zeitlich wie möglich Drukart aufzusuchen und ihm klar zu machen, daß ich durchaus nicht entschlossen sei, seinem Wunsche zu entsprechen.

Während ich nun über diese Angelegenheit nachdachte und Tee trank, erinnerte ich mich plötzlich an den unglücklichen Juden, und war sehr erstaunt, ihn nicht zu sehen.

Und er, der Arme, schlief zusammengekauert wie ein Igel auf einem zwischen der Türe und einem Kasten liegenden Ziegenfelle, welches als Schlafstelle meinem Jagdhunde diente.

Sie lagen friedlich nebeneinander, der Mensch und der Hund, etwas bösartiger Natur, der überhaupt Juden nicht leiden konnte, so friedlich, als ob der Hund instinktmäßig begriffen hätte, daß er in diesem Augenblicke eine Ausnahme machen müsse, denn der, welcher neben ihm liegt, sucht Zuflucht und trage das größte Herzleid, welches nur ein Menschenherz zu ertragen im Stande ist, weshalb es nicht angeht, ihn zu verjagen oder zu stören in lange nicht gehabter und ihm doch so sehr nötiger Ruhe.

Ich war zufrieden mit dem Juden und dem Hund und ließ beide ungestört das Lager teilen; ich selbst suchte mein Bett auf, abgespannt von den Eindrücken der letzten Stunden, deren es unbarmherzig viele gab: Ich sah im Traume den gemieteten Ersatzmann, die Judenschenke in Weißkirchen, das Kloster, den Metropoliten, ich hörte das Jammern und Klagen des Juden, den Namen „Jeschu“, sah den ruhigen, bedächtigen Fürsten und die eigenwillige Fürstin mit ihrer allzu gewaltigen Bedeutung; meinen Zwillingsbruder Jurov, Bobčinskij, Dobčinskij Drukart; die Unmöglichkeit diesem allem zu entlaufen; dann auf einmal ... stilles traumhaftes Erinnern an meine alte Kindsfrau, die Bulgarin Marina, welche von allen — ich weiß nicht warum — nur die Türkin genannt wurde — alles dieses jagte sich in mehr oder minder deutlichen Szenen in meinem Kopfe und Schlafe herum.

Ich sah — im Traume — meine alte liebe Marina über mein Bett geneigt, sie richtete ihr altes rotes Kopftuch und leise höre ich sie mein Lieblingslied: „Schlaf, Kindchen, schlaf ... Christus tritt heran und stellt die Hüter bei“ ... singen.

Und stellt euch vor, alles dieses kam zur gelegenen Zeit!

Dieser bunte verworrene Haufe, im Traume anscheinend unzusammenhängend und doch im Zusammenhange stehend — in allem diesen Chaos fanden sich alle unumgänglich nötigen Elemente um einen feierlichen Zufall gruppiert, aus welchem unerwartet und ungeahnt, kaum glaubwürdig etwas erwuchs, was mit dem Namen „Wunder“ bezeichnet zu werden verdient.

Ich und der Introligator schliefen uns aus wie Soldaten vor einer ungleichen und gefährlichen Schlacht, vor welcher sich jeder berechnende und abwägende Mensch zurückgezogen hätte, da der Sieg mehr wie aussichtslos erschien.

Neuntes Kapitel.

Der andere Morgen, welcher weiser sein sollte als der gestrige Abend, ist zur gewohnten Zeit, wie von der Natur vorgeschrieben, eingetroffen, licht und hell, würdig eines großen, merkwürdigen Vorfalles.

Es war dies einer jener prachtvollen Morgen, wie man sie nur in der Ukraina findet; an solchen Tagen äußert die Sonne mit wunderbarer, im Norden völlig unbekannter Kraft ihre Macht über den Frost, mag derselbe noch so heftig sein.

In der Nacht friert es; gegen Früh nimmt die Kälte noch zu; der Tag droht rauh zu werden; mit einemmale nimmt die aufsteigende Sonne ihre Rechte in Anspruch: der Himmel glüht in rosigen Tönen; die Luft wird weich; der Schnee auf den Dächern und den von der Sonne beleuchteten Stellen der Plätze und Gassen schmilzt unter der Gewalt der wärmenden Sonnenstrahlen.

Das Ganze erinnert an einen im Anblick wechselnden Stoff, gewebt aus einem hellen und einem dunklen Faden.

Zu derselben Zeit, als die Schattenseite der Gassen und Gäßchen mit Eis und Schnee bedeckt ist, taut die von der Sonne beschienene Seite auf, die Dächer glänzen und dampfen von der entweichenden Feuchtigkeit; hell klingen die von den Dächern fallenden Tropfen auf die Erde, wo sie wiederum sofort fest werden und gefrieren.

Und die Spatzen, diese Vagabunden der Vogelwelt, hurtig, lebhaft, gewandt, leidenschaftlich, stets bereit und aufgelegt zum Streit und Hader, wie zum ausgelassensten Spiele und zur Ausführung allerlei Unsinnes und Schabernacks, erscheinen plötzlich in solcher Menge auf den von der Sonne beschienenen Stellen, daß man darüber staunt und nicht zu enträtseln vermag, von wo dieselben gekommen sein mögen.

Noch gestern waren sie nicht da, waren nicht bemerkbar und heute beleben sie die warme Luft wie ein Mückenschwarm.

Sie erfüllen die Luft mit ihrem lustigen, durchdringenden Gezwitscher, sie fliegen hin und her, jagen einander von den Ästen der bereiften Bäume und überschütten die unterhalb gehenden Menschen mit silberglänzendem, schimmernden winterlichen Putz.

Wo nur ein schneefreies, von der Sonne beschienenes Plätzchen sichtbar wird, ist auch er da, der Haufe der kleinen, schreienden, lärmenden Vagabunden, aber die größte Menge derselben ist stets dort, wo es eine besonders von der Sonne beleuchtete und deshalb warme Stelle gibt, hoch oben auf den Kirchentürmen oder den Dächern der höchsten Häuser, denn dort glänzt und glitzert alles vom Sonnenstrahl.

An solchen Stellen findet man eine ganze internationale Gesellschaft aller Art von Vögeln; auf den Karnisen machen sich die Tauben im süßen far niente breit und putzen ihr Federkleid; hin und her gehen die schwatzhaften Staare und zwischen ihnen die hin und her springenden und fliegenden Spatzen.

Mit einem Wort, überall, in der ganzen Natur lebt jetzt alles auf; Mensch und Tier werden lebendiger, lebenslustiger, freudiger, beweglicher unter dem Einflusse der wärmenden Sonnenstrahlen; alles atmet leichter auf und freut sich des Augenblickes und des Lebens.

Josef Hall sagt ganz richtig: die Welt ist ein wunderbares Ding, eine Sache, der menschlichen Seele nahestehend; in ihr nimmt alles neues Leben an und wir selbst verändern uns in ihr selbst zum Besseren.

Die warmen Sonnenstrahlen beleuchten und erwärmen die Körper, als wenn sie die Rauhheiten der Seele wegschmelzen wollten, sie geben dem Geiste eine größere Klarheit und jene Wärme dem Herzen, welche die Menschen zur Ausübung des Guten tauglicher und bereitwilliger macht.

Der Geist des Menschen wird erleuchtet, er fürchtet sich nicht mehr vor der Dunkelheit, der Finsternis, der Kälte des Herzens, er selbst ist bereitwillig zu erwärmen, zu erleuchten, den noch im kühlen, dämmerigen Schatten wandelnden Bruder ...

Solche bezaubernd schöne, warme Tage, welche ungeahnt die winterliche Kälte verjagen, habe ich außer in der Ukraina und namentlich in Kiev, nirgends gefunden.

Nördlicher, an der Oka, und in dem schwarzerdigen Keile des russischen Reiches pflegt das Frühjahr erst um jene Zeit einzutreten, zu welcher die russische Kirche das Fest Mariä Verkündigung feiert, — aber dieses Frühjahr ist doch etwas anderes, als das Frühjahr der Ukraina.

Es ist diese Erscheinung geradezu gesagt eine Kaprice der Natur, ein mutwilliges Spiel, ein atmosphärischer Scherz mit der Erde, etwas Phänomenales — und die Erde freut sich, lächelt zu alle dem, denn unter deren Bewohnern herrscht dann bloß Frieden und Freundschaft! — —

Aufgestanden an einem solchen prachtvollen Morgen, hatte ich mich vor allem bei meinem Diener nach dem Juden erkundigt und erfuhr zu meinem größten Erstaunen, daß derselbe bereits meine Wohnung verlassen habe.

Er sei, als es noch ziemlich dunkel war, aufgestanden, habe sich leise nach der Küche, wo mein Diener den Samovar herrichtete, getappt, dort ein Glas heißes Wasser getrunken und dazu ein Stückchen Zucker, den er in seiner Tasche fand, gegessen; dann sei er weggelaufen ... Wohin? ... darüber konnte mir der Diener keine Auskunft geben, und auf meine weitere Frage, in welcher Stimmung sich der Jude befand, erhielt ich zur Antwort:

„Ruhiger, doch hatte er immer etwas leise vor sich gebrummt und gesummt wie eine Drohne.“

Nach dem Frühstück fuhr ich, um keine Zeit zu verlieren, zu Drukart, welcher zu jener Zeit in dem niedrigen Entresol wohnte, das über dem Tore der Kanzlei des General-Gouverneurs liegt.

Ich nahm mir vor, dem Drukart von der Angelegenheit des Introligators nichts mitzuteilen, da ich der Ansicht war, daß alles, was in dieser Sache vorgenommen wird, zu nichts führen werde, um so mehr, als ich überzeugt war, daß Andreas Ivanovič, trotz seiner großen Herzensgüte, aber außerordentlicher Vorsichtigkeit in allem seinen Tun und Lassen, sich kaum entschließen dürfte, in dieser ihm völlig fremden Angelegenheit etwas zu unternehmen.

Zu meiner Schande sei es gesagt, ich habe überhaupt gänzlich des Juden vergessen, als ich vom Hause wegfuhr und dachte nur an mich selbst.

Doch das Geschick hat es übernommen, diese meine egoistische Zerstreutheit und Vergeßlichkeit richtig zu stellen und dasjenige in Ausführung zu bringen, woran ich vor allem anderen hätte denken und dessen ich mich vorzugsweise hätte annehmen sollen.

Zehntes Kapitel.

Ich mußte durch jene Gasse Kievs fahren, welche von dem Stadt- oder sogenannten Kaisergarten zum Hause des General-Gouverneurs führt.

An einer Stelle stand ein altes, stark verfallenes Haus, welches einem Grafen Branicki gehörte.

Das Haus war niedrig, sehr lang, glich mehr einem großen Fabriksgebäude als einem Palais, und so an den Straßenabhang gebaut, daß die eine Seite des Hauses fast die Erde berührte, während die andere, weil in der Horizontalen gelegen, sehr hoch war und das Ansehen eines Walles hatte mit einem, etwa einem Karnis ähnlichen Aufputze.

Diese genaue Beschreibung ist unbedingt nötig, um das folgende verstehen zu können.

Graf Branicki wohnte in dem Hause nicht, auch Niemand von seinen Angehörigen oder Verwandten.

Es kann möglich sein, daß ein Teil des Hauses eingerichtet war um bei Bedarf benützt werden zu können, aber bekannt war, daß in einem Flügel der Bevollmächtige des Grafen Branicki wohne, ein Pole, selbstverständlich ein „Herr“, welchem ein außergewöhnlich großer Hund gehörte.

Dieser Hund besaß ein eigenartig getigertes Fell und liebte es an warmen Tagen sich an jenem Teile des Hauses zu sonnen, welcher an dem steilen Abhange lag; möglicherweise, war es die tatsächlich prachtvolle Aussicht auf die Umgebung, welche man von hier genoß, die ihn zu diesem veranlasste.

Die meisten Stadtbewohner kannten diesen Beobachter und hüteten sich ihn in seinen Betrachtungen zu stören; sie wichen ihm vorsichtig aus und zogen es vor, die gegenüber liegende Seite der Gasse aufzusuchen; ein Fremder jedoch, der mit der Lage und Bauart des Hauses nicht bekannt war, der ging gewöhnlich nichts böses ahnend ruhig seinen Weg an dem Hause vorüber, bis er zu seinem großen Schrecken und Überraschung erkannte, daß gerade über seinem Kopf ein groß mächtiger Hund liege; mehr oder weniger freundliche Worte an die Adresse des Eigentümers des Hundes waren das Endresultat dieser nichts weniger als erwünschten Begegnung. — —

An jenem von mir bereits beschriebenen Tage sonnte sich der Hund wieder an seiner Lieblingsstelle und freute sich wahrscheinlich nicht nur der schönen Aussicht, die sich ihm bot, sondern auch und möglicherweise hauptsächlich der Sonnenstrahlen, welche sein Fell wärmten.

Ich kannte den Hund, nahm deshalb keine Rücksicht auf dessen Gegenwart; auf der gegenüberliegenden Seite der Gasse sah ich Drukart gehen, verließ deshalb rasch den Schlitten, um mit ihm zu sprechen und ihm jene Schwierigkeiten klar zu machen, die sich meiner Teilnahme an der projektierten Theatervorstellung entgegenstellen.

Andreas Ivanovič war an diesem Tage außergewöhnlich gut gelaunt, ja fast ausgelassen lustig, und meinte, daß sein gegenwärtiger, wohliger Zustand die Folge des prachtvollen Wetters sei, das ihn im Herzen erhelle.

„Ich,“ sprach er, „eile eine Untersuchung zu Ende zu führen. Ich habe mir einen Mörder zum Verhöre vorführen lassen, frug ihn über die verschiedenen Gründe, Ursachen, Vorfälle aus, dabei rasierte ich mich ruhig; ich frug ihn scherzweise, weshalb er soviele Menschen umgebracht und mich nicht, da wir ja allein in der Stube seien; da gab er mir zur Antwort, daß er es selbst nicht wisse, aber er hätte auch sonst an einem so herrlichen Tage wie heute seine Hände mit Blut nicht besudelt.“

Während wir in unserem Gespräch, fortfuhren, entstand plötzlich ein fürchterliches Geschrei: „Ai! wai! ... Karkadil! ...“ und in demselben Augenblick sprang zwischen uns wieder er ... mein Introligator, der sich um uns herumdrehte.

Von wo er gekommen, wohin er wollte, wie er am Wege unter das „Karkadil“ geriet, wußte ich damals nicht, aber sein Ansehen, seine Furcht, machte ihn noch bemitleidenswerter, noch lächerlicher, wie Tags vorher.

Trotz der großen Ehrfurcht, welche die Juden vor den Beamten zu haben pflegen, kroch er vor Schrecken und Angst unter den alten abgetragenen Pelz des Drukart, welcher diesen Pelz — als aus Schuppenbären — Flicken zusammengeflickt zu nennen pflegte und wand sich in diesem so hin und her, als wenn er „Katze und Maus“ spielen würde.

Wir fingen beide hell laut zu lachen an, während der Jude, sich hin und her drehend, ohne Unterlaß schrie: „Das Karkadil, das Karkadil!“ und erschrockene wie furchtsame Blicke auf den Hund warf, der sich jedoch nicht stören ließ, ruhig auf seinem Platze liegen blieb und auf uns herunter blickte.

Den Juden zu beruhigen gelang uns nicht, aber dieser Vorfall gab mir Gelegenheit dem Drukart die Geschichte dieses unglücklichen Menschen mitzuteilen.

Ich wiederhole nochmals: Drukart war ein herzensguter, weich- und feinfühlender Mensch, was vielen jedoch nicht einleuchten wollte und unmöglich erschien, weil er „rote Haare“ besaß, von deren Besitzer man zu sagen pflegt „Gott bewahre“, was ebenso beweisend ist als der Glaube, daß Rasiermesser in weißer Einfassung schärfer seien als solche in schwarzer; aber in den meisten solchen Fällen hilft alles Reden und Überzeugen gegen derartigen Unsinn — nichts!

Drukart war heute besonders gut aufgelegt und froher Laune und so kam es, daß meine Erzählung auf ihn einen günstigen Eindruck machte, und er sich für den Juden zu interessieren begann.

Über seine sonstige Art sich in fremde Angelegenheiten nicht einzumischen, blieb diesesmal das Herz Sieger, er bemitleidete den Juden und sagte leise:

„Wie nichtswürdig und gemein wurde dieses ‚Karkadil‘ betrogen.“

„Gewiß,“ gab ich zur Antwort, „eine solche Lumperei und Nichtswürdigkeit ist noch nicht dagewesen; doch läßt sich in der Sache nichts machen und dem Mann kann nicht geholfen werden.“

Drukart zog seine mächtige Stirne in Falten und meinte:

„Versuchen wir es!“

„Ja, was ließe sich tun?“

„Versuchen wir es! ... Komm mit, Du ‚Karkadil‘.“

Den Introligator zum Mitgehen zu bewegen, war nicht nötig, denn er verließ uns auch nicht einen Augenblick; er lief immer vor uns, sich stets nach uns scheu umsehend in der Angst, ob das „Karkadil“ nicht nachlaufe und ihn zu verschlingen drohe, wovor er große Angst zu haben schien; ich weiß nicht, ob er sich um sein Leben oder um das Leben seines Sohnes, welches in diesem Falle unzweifelhaft verloren war, fürchtete.

Man sagt: „Wie die Leute sich zeigen während eines Schreckens, das sind oder waren sie auch tatsächlich im Leben“ — sei dem nun wie es wolle, in dem Augenblicke, als die Gewohnheiten eines Menschen eine plötzliche Änderung durch Schrecken erfahren, zeigen sie ihre wahre Natur!

Nach diesem zu urteilen, müßte man annehmen, daß der Jude mehr um sein eigenes Leben besorgt war, als um das seines Sohnes; aber so lange wir nicht die Eigenschaft besitzen, mit eigenen geistigen Augen das Innere unserer Mitmenschen durchdringen und beobachten zu können, müssen wir derartige Annahmen als irrig, nichts beweisend und nichts Positives bringend ansehen. —

Andreas Ivanovič beschloß den Fürsten Hilarion Hilarionovič für den Juden zu interessieren — ein Plan, welcher meiner Ansicht nach weder Nutzen noch Schaden dem Juden bringen konnte, so daß ich mich für diesen nicht erwärmen konnte.

Elftes Kapitel.

Der Fürst war von Natur aus ein guter und edler Mensch, sehr phlegmatischen und schläfrigen Charakters, mit nur wenig Energie, die er auch dort selten zu zeigen pflegte, wo sie am notwendigsten gewesen wäre.

Doch Drukart kannte den Charakter des Fürsten besser wie wir alle anderen.

„Glauben Sie ja nicht,“ meinte er, „der Fürst besäße wenig Charakter- und Willensstärke; er ist ein sehr lieber, herzensguter Mensch, nur muß man ihm stets die Sache, um die es sich handelt, klar und deutlich vorstellen. — Er ist zwar weder Falke noch Adler, das ist gewiß, mit seinen Augen bringt er auch nicht gleich alles in Brand und schlägt auch niemanden mit seinen Flügeln tot; aber was er einmal sich in den Kopf genommen, was sich in seinem Hirn und Herzen festgesetzt, das spinnt er von hier aus weiter und sein ‚guter Junge‘ äußert sich dann bald.“

Hier muß ich die Bemerkung machen, aus welchem Grunde man diesem Fürsten, dem gütigsten unter den guten und dem mildesten unter den milden, den Beinamen „guter Junge“ gab.

Der Fürst war hochgewachsen und besaß ein imponierendes Auftreten.

Die hervorragendste Eigenschaft seines Charakters war seine Herzensgüte, die sich jedoch mehr passiv als aktiv äußerte.

Es schien, als wünsche und wolle er, daß es allen gut gehe, nur war er sich darüber nicht klar, in welcher Art und Weise er dieses erreichen könnte und deshalb überließ er alles dem — Zufall.

Sein Gesicht zeigte die ruhige Zufriedenheit eines guten Gewissens, es war unbeweglich und diese Unbeweglichkeit der Gesichtszüge blieb auch dann unverändert, wenn er böse wurde oder ihn etwas bewegte, oder wenn er sich über etwas aufregte, in letzteren Fällen bemerkte man an ihm eine eigentümliche Erscheinung, seine Oberlippe und sein Schnurrbart gerieten in eine zitternde krampfhafte Bewegung.

Diesen Zustand nannte seine Umgebung und seine Bekannten — „den guten Jungen“ — da er sich dann zeige, wenn der Fürst am meisten erregt ist; dieser „gute Junge“ enthob den Fürsten vom vielen Reden und unnötigen Gesten.

Der Fürst sprach wenig, langsam, in abgerissenen kurzen Sätzen, mitunter lakonisch, sarkastisch.

In seinen Reden fehlte zumeist der Schluß; der Aufbau seiner Sätze war ganz eigenartig.

Sie erinnerten in ihrer Anlage und Bildung an die Gespräche des Unbekannten in Dickens’ „Der Pickwickier-Klub“, den originellen Begleiter des jungen, zartfühlenden Tormein, der, wie bekannt, etwa in dieser Weise sich ausdrückte:

„Es geschah ... fünf Kinder ... Mutter ... hohe Person ... stets aß die Häringe ... Vergaß ... drei ... Kinder ... schauen ... sie ohne Kopf ... verwaist ... sehr leid.“

Um die eigentümliche Ausdrucksweise des Fürsten zu verstehen, dazu gehörte ein großes Anpassungsvermögen und langjähriges Zusammenleben mit dem Fürsten und auch mußte man seine Gewohnheiten kennen; es war außerordentlich schwierig den mündlichen Auseinandersetzungen und Weisungen zu folgen, da er, wie schon erwähnt, den Schluß gewöhnlich nicht sagte.

Doch aus dem Charakter des Heroen in Dickens’ Romane konnte man schließen, daß, obzwar er in kurzen abgebrochenen Sätzen und Wörtern seine Ansicht zum Ausdruck brachte, er jedenfalls rasch redete, aber unser herzensguter Fürst hatte es nie eilig, er redete sehr langsam, mit großen Zwischenpausen, so daß der „gute Junge“ stets Zeit hatte, wenn es sich notwendig zeigte, unter seiner Nase in seinem flotten Schnurrbarte sich festsetzen zu können.

Sprach der Fürst russisch, so pflegte er, wie es sich einem hohen Herrn des neunzehnten Jahrhundertes gebührte, ein nichts sagendes, gewöhnliches Wort einzufügen — ob am rechten oder unrechten Orte, blieb sich gleich; man findet diese Eigentümlichkeit dann nur noch unter dem Volke.

Dieses Wort, welches der Fürst einzuschalten pflegte, war: „scheint es“.

Auf diesem „scheint es“ blieb oft die ganze Resolution stecken und jedermann zog aus diesem „scheint es“ den Schluß, daß seine Angelegenheit nicht schlecht stehe.

Dieses „scheint es“ gleicht jenem abgerissenen Akkord in der Oper: „Die Makabäer“ — welcher mehr andeutet, als eine große Schlußkadenz nach allen Regeln der Kunst komponiert.

„Machen Sie ... scheint es ...“ sprach der Fürst, mit der Hand leicht winkend; seine Umgebung begriff ihn und alle wußten, was getan werden sollte; es kam alles schön heraus, deshalb, weil alle wußten und kannten, was der Fürst dachte und wollte.

In der Mehrzahl der Fälle endete alles sehr günstig und zu aller Zufriedenheit; ich aber konnte es mir trotz alledem nicht vorstellen, wie diese Angelegenheit einen günstigen Abschluß finden könnte.

Gegen den Introligator und für seinen Schädiger sprach das Gesetz, für den letzteren auch noch die Fürstin — deren Einfluß, Ansehen, Bedeutung zum Leidwesen größer waren als die des Fürsten; das war unbestreitbar.

Was konnte man dem fürstlichen „scheint es“ gegenüberstellen und wie es begreifen?

Bekanntlich muß man, wenn man etwas erreichen will, sich erst darüber klar sein, was man zu erreichen wünscht und auf welchem Wege man dies erreichen könnte, und erst dann schreitet man zur Ausführung des gefaßten Planes.

Aber weder Drukart noch ich haben uns irgend einen Plan gemacht, wie wir vorzugehen willens wären, um etwas günstiges für unseren Juden zu erreichen.

In uns beiden war nur der Wunsch — zu helfen, rasch zu helfen; und einer von uns meinte, daß es nur notwendig sei, den Fürsten milde zu stimmen, ihn für die Angelegenheit des Introligators zu interessieren, das übrige werde sich dann von selbst ergeben.

Drukart war von dem guten Ausgange gleich von Anfang an überzeugt, ich aber zweifelte sehr daran; dafür hatte ich später Gelegenheit gehabt ausrufen zu dürfen: Selig sind die Gläubigen, denn deren wird das Himmelreich.

Zwölftes Kapitel.

Indem ich meinen armen bedauernswerten Juden dem Schutze und der Vormundschaft meines Freundes befahl, begab ich mich auf meinen Dienstposten, um meine tägliche Aufgabe fertig zu bringen.

Es dürfte wohl nicht überflüssig sein zu bemerken, daß unter den in dieser wahren Geschichte erwähnten handelnden Personen es keine gab, welche sich indifferent gegen den Glauben und Religion (den Juden vielleicht ausgenommen) verhalten hätte.

Was den Fürsten Hilarion Hilarionovič anbelangt, so kannte ich zwar dessen religiöse Anschauungen nicht, mußte aber annehmen, daß er ebenso rechtgläubig war, wie alle übrigen russischen Beamten es zu sein pflegen — möglicherweise sogar mehr als die anderen.

Die große, einfache, warme Seele suchte Halt und Stütze an der Nationalkirche, welche für den Russen die allein seligmachende ist, und die er in aller ihrer ursprünglichen Reinheit zu erhalten sucht.

Drukart war ein geborener Russe, ein Litauer und außerordentlich religiös; für ihn bedeutete die rechtgläubige Kirche nicht nur den Glauben, sondern auch das geistige Zeichen der russischen Nationalität.

Ich selbst wuchs in einer Familie auf, in welcher der Vater ausgebreitete theologische Kenntnisse besaß und die Mutter gottesfürchtig war.

Ich erhielt den Religionsunterricht von einem weit und breit bekannten Priester und Lehrer, dem Jefim Andrejevič Ostromislenskij, dem ich auch jetzt noch, als alter Mann, das beste Angedenken bewahre und für dessen Lehren dankbar bin.

In den Kreisen, in denen ich mich in Kiev bewegte, gab es keine Freigeister; ich blieb deshalb derselbe, der ich früher war und wie man mich lehrte; ich dachte über den Glauben wie mein Vater, meine gute Mutter und mein bester Lehrer.

Kurz sei es gesagt, niemandem konnte ein Vorwurf gemacht werden, daß wir unseren Glauben, zu dem wir unserer Geburt, unserer Erziehung, ja der vollen Überzeugung nach gehörten, nicht verleugnen oder mißachten, jedenfalls hätte keiner von uns es unternommen, jemandem von einem Übertritt zu unserem Glauben abzuraten, wenn dieser den Wunsch demselben anzugehören geäußert hätte und dennoch verbanden wir uns alle dazu, es zu verhindern, daß jemand unserer Kirche beitrete, der den Wunsch geäußert hat, dies tun zu wollen; wir alle taten es in vollem Bewußtsein und aller Ruhe, weil wir uns dessen bewußt waren, daß wir dafür belobt werden von einer Person, deren Autorität in dieser Angelegenheit unfehlbar war.

Ich will nun erzählen von einer Person, welche vor uns übrigen die großen Vorzüge hatte, daß sie nicht nur durch ihr Alter, ihre Erfahrungen, Kenntnisse, Stellung, sondern auch durch ihre Religiosität, Mut und Überzeugung uns weit überragte.

Dreizehntes Kapitel.

Das, was weiter geschah, kann ich nicht aus eigener Anschauung mitteilen, sondern nach Worten und Angaben eines Augenzeugen.

Dank Drukarts Einfluß wurde der Jude im Empfangzimmer des General-Gouverneurs so aufgestellt, daß ihn der Fürst beim Eintritt sofort bemerken mußte.

„Was? ... wer? ... was ist das für ein Mensch ... warum weint er ... fragen ...“ wendete sich der Fürst an Drukart, welcher diesesmal beim Empfange dem Fürsten assistieren mußte.

Drukart nahm die Bittschrift aus der Hand des Juden und schaute pro forma in dieselbe, da er in der Angelegenheit bereits vordem eingehend unterrichtet war.

Aus derselben hätte Drukart nichts herauslesen können, da diese einfache Angelegenheit in der weitschweifigen Beschreibung aller seiner Gefühle, Leiden, Ängsten, Verfolgungen, Elemente, Karkadil und allem möglichen unnötigen Zeuge verloren ging.

Es blieb also Drukart nichts anderes übrig, als die Bittschrift einfach zusammenzufalten und dem Fürsten den Fall in wenigen Worten mitzuteilen.

Drukart tat es in wenigen warmen, schönen, zum Herzen gehenden Worten, so daß der Fürst gerührt wurde, seine Augenbrauen zogen sich in die Höhe, die Stirne wurde kraus, der „gute Junge“ machte sich auf seinem Platze im Barte bemerkbar und rührte sich.

„Was ist das ... scheint mir ... Lumperei ...“ äußerte sich der Fürst, „das ... so ... kann nicht zugelassen werden.“

Drukart wies auf das Gesetz hin.

Der Fürst wurde mürrisch, aufgeregt, der „gute Junge“ war im Begriffe zu verschwinden, verließ aber seinen Posten nicht.

„Ja ... Gesetz ... scheint es ... nicht sein ...“

Drukart gab keine Antwort — der Fürst setzte seinen Empfang fort, nahm Bittschriften entgegen — der Jude heulte und wimmerte und hörte nur für einen Augenblick auf, wenn derselbe durch allgemeines: Tss! zum Stillschweigen aufgefordert wurde, erhob jedoch nach einigen Augenblicken wiederum sein Geschrei, dabei auf- und abschnellend, wie eine auf einer Gummischnur aufgehängte Puppe.

Dieses schien dem Fürsten zu Herzen zu gehen.

„Befehlen ... scheint es ... still sein ... hinausführen ...“ sagte er im Tone, als wenn er sich stark ärgern würde; seine Umgebung jedoch, die ihn sehr wohl kannte, wußte, daß dies kein Ärger sei, sondern ein Deckmantel für das in ihm aufsteigende Mitgefühl.

Die Reaktion in seinem Inneren war eingetreten, obzwar er befahl ... still sein ... hinausführen ..., dieser Befehl war mehr als das Zeichen des Verdrusses, als des Ärgers, da er augenblicklich nicht wußte, wie er diese Angelegenheit behandeln soll.

Es war bekannt, daß in solchen Fällen der Fürst solange unruhig blieb, bis er das Richtige gefunden hat, was ihm die Möglichkeit bot, dieser Sache den gewünschten Ausgang und Erfolg zu geben; dies war auch hier anzunehmen und man war überzeugt, daß sich der Fürst eine Zeitlang mit der Angelegenheit des Juden in Gedanken beschäftigen wird und zwar solange, bis er das Richtige herausfindet.

Diese Annahme bestätigte sich wirklich.

Kaum daß den eingeschüchterten und still gewordenen Juden zwei Gendarmen unter den Arm nahmen und hinausführen wollten, rührte sich auch der „gute Junge“ im Barte und der Fürst meinte:

„Ruhig ... sagen sie ... das ... nicht nötig ...“

Auf was sich dieses „nicht nötig“ bezog, blieb unklar, aber begreiflich: den Juden haben die Gendarmen zwar aus dem Zimmer hinausgeführt, doch nicht aus dem Hause gejagt, sondern am Korridor stehen gelassen, wo sich derselbe auf den Fußboden setzte und fortfuhr krampfhaft nach allen Richtungen zu zucken, als wenn ihn jemand an einer inneren Gummischnur gezogen hätte.

Der Fürst beeilte sich den Empfang rasch zu beenden; während der ganzen Zeit war derselbe unruhig, unzufrieden, ärgerlich.

Nachdem alle Bittsteller den Saal verlassen hatten, ging der Fürst nicht in sein Arbeitszimmer, sondern in ein kleines Kabinet, welches rechts vom Eingange lag auf den Hof hinaus führende Fenster hatte und in welchem er jene zu empfangen pflegte, mit welchen derselbe längere private oder sekrete Besprechungen zu machen hatte und in welches er sich stets zurückzuziehen pflegte, sobald er allein sein wollte.

„Traurig ...“ sagte der Fürst, als Drukart in das Kabinet trat.

„Sehr traurig, Excellenz ...“ gab derselbe zur Antwort in seiner ruhigen Art und Weise, welche ihn nie verließ und wodurch er sich vor allen anderen auszeichnete.

„Tfu! ... was für ein Lump ... ein ganz gemeiner Spitzbube ...“

„Gewiß, ein Lump ...“ war die Antwort eines Mannes, welcher begriff, auf was sich alles dieses bezieht und daß darunter der gemietete Ersatzmann des Juden gemeint ist, der den Wunsch äußerte sich taufen zu lassen.

„Im Gesetze ... scheint es ... nichts?“

„Nein, dort gibt es keine Angabe ... wieviel Zeit vergehen muß, ehe der betreffende getauft werden kann ...“

„Nahm Geld ... Lump ... Es ist ... scheint es ... was für ... Glaube!“

„Glaube, nur Vorwand.“

„Einleuchtend ... nur ich ... nichts ... scheint es ... kann tun ... gehen Sie ...“

Der Fürst entließ den Drukart in augenscheinlich höchst unangenehmen quälenden Gedanken; doch hatte Drukart das Vorzimmer noch nicht erreicht, als der Fürst das gefunden hatte, was ihm als das richtige schien und die Türe aufreißend, rief er mit fast nach Freude klingender Stimme:

„Ah! Ah! Drukart!“

Dieser kehrte sich um.

„Jetzt ... diesen ... wie er ... also: den Juden nehmen ... in Schlitten ... fahren ... mit ihm ... sofort ... gerade ... zum Mitropoliten ... Er ... guter Alter ... soll schauen ... alles erzählen ... von mir Empfehlung ... sagen ... Leid ... nichts tun kann ... Gesetz ... ausführlich ... Sie verstehen ...“

„Vollkommen!“

„Ja ... kann nicht ... möchte ... scheint es ... sehr gerne ... kann nicht ... er, sehr gut ... verstehen Sie ...“

„Ja wohl, Excellenz!“

„Also ... überlasse ... mische mich nicht ... aber ... ich bitte ... weil ... wenn ihm ebenfalls leid ... sowie er meint ... kann sein ... bitten Sie ... berichten ...“

Der Fürst beendete seine Rede in weit lebhafterem Tempo, als dies sonst der Fall zu sein pflegte, machte eine entschiedene Bewegung mit der Hand, drehte sich um und ging dann mit hellerem, freudigerem Gesichtsausdruck in seine Privaträume, doch nicht, etwa um der Fürstin die Geschichte des Juden zu erzählen, sondern um auszuruhen.

Der vom Fürsten mit diesem Auftrage bestimmte Beamte fuhr mit dem Juden zur Residenz des Mitropoliten, welche im Kloster sich befindet; mir aber schickte er durch einen Kurier ein Stückchen zusammengefaltetes Papier, auf welchem in eiligen Schriftzügen geschrieben stand: „Die Stellung sofort unterbrechen — wir fahren zum Mitropoliten.“

Vierzehntes Kapitel.

Auf zwei bis drei Stunden die Rekrutierung zu unterbrechen, bot keine Schwierigkeit, auch war dies weder auffallend noch unmöglich; ich tat es; doch welchen Erfolg dieses haben soll, war mir unerklärlich.

Unsere geistliche Hierarchie, „unsere geistlichen Herren“ oder Leute „geistlichen Standes“, wie sie der verstorbene Kiever Mitropolit Eugen Volchovnikov in seinem vorzüglichen encyklopädischen Sammelwerke nennt, ist zum großen Unglück für sie der Gesellschaft und dem Volke von ihrer besseren Seite wenig bekannt, die Intelligenz steht ihr vollständig fremd gegenüber.

Nur während der Ausübung der kirchlichen Funktionen sichtbar, treten sie sofort nach Beendigung derselben in den Schatten und Hintergrund zurück; ihre außerdienstliche Tätigkeit, ihr privates Leben ist niemandem bekannt, sie bewegen sich fast ausschließlich in ihrem geschlossenen Kreise, stets unter ihres gleichen und entfernen sich dadurch dem wirklichen Leben.

Selbst wenn ein hervorragender geistlicher Fürst, ein Mitropolit, Erzbischof oder Bischof stirbt, pflegt sein Nekrolog nichts anderes zu enthalten als die Angaben seines Geburtsjahres und seiner dienstlichen Qualifikationsliste; eine recht traurige Zusammensetzung in oft noch traurigerem Stile geschrieben.

Kein Wort über seine Ausbildung, seine Kenntnisse, sein geistiges und weltliches Wirken, nichts über seinen Charakter, Geist, seine Ansichten, Gedanken, es wird nichts erwähnt über sein Wesen, sein Wirken, sondern nur gewöhnliche landläufige Phrasen, oft in unlogischer, ungrammatikalischer Zusammenstellung vorgebracht.

Um wie viel sind uns in dieser Beziehung hin die Katholiken und Protestanten voraus; schon während der Lebenszeit sind dieselben mit den Eigenschaften ihres Priesters, der ihnen ja nicht fremd, weil mit ihnen verkehrend, völlig vertraut, und alles, was dieser getan, gedacht, erzielt, alles findet man gesammelt in Werken, die jedermann zugänglich sind und für die sich nicht nur die Intelligenz, sondern auch das Volk interessiert.

Uns ist alles derartige unbekannt.

Es kann möglich sein, daß man absichtlich, aus Berechnung alles derartige unterläßt — darüber will ich weder streiten noch mich für oder gegen aussprechen.

Es scheint, man wünsche es, daß der Schäfer sich nicht unter die Schafe mische, weil man annimmt, daß dieses weder Vorteil noch Nutzen der Kirche bringen würde.

Der Priester soll das Volk nur mit dem Leben, Leiden, den Lehren unseres Heilandes Jesus Christus bekannt machen, alles übrige soll ihm ein Buch mit sieben Siegeln sein; das Volk soll mit der höheren Hierarchie in keine geistige noch weltliche Berührung kommen, sie soll demselben unnahbar, unerreichbar, fremd sein und bleiben, doch würden diese hohen Kirchenfürsten und ihre Untergebenen größere Wohltäter des Volkes werden, wenn sie demselben näher treten, Anteil nehmen würden an dessen Wohl und Wehe.

Ein geistlicher Schriftsteller äußerte sich über die Scheidung des geistlichen Standes von dem weltlichen, vom Volke und der Intelligenz dahin, daß die wenigsten Personen der niederen Geistlichkeit in der Lage sind, logisch und zusammenhängend zu sprechen und zu schreiben.

Ich stimme dem vollkommen zu und kann es nur beklagen; man findet außerordentlich wenige Personen geistlichen Standes, welche sich literarisch beschäftigen würden; das ist ein großes Hindernis für die gegenseitige Annäherung und bedeutet einen großen Verlust für beide Teile.

Diese Abschweifung, zur Sache eigentlich nicht gehörig, bedauere ich nicht gemacht zu haben, auch darf sie nicht in dem Sinne gedeutet werden, als würde ich durch dieselbe das ergänzen wollen, was später geschah und zwar zur richtigen Zeit und im richtigen Augenblicke.

Auch sonst fällt mir gar nicht in den Sinn, noch habe ich Lust Beweise für das von mir Gesagte zu erbringen.

Ich habe überhaupt in der Erzählung fortzufahren, kann jedoch nicht unterlassen, einiges Charakteristische aus dem Leben des an dem günstigen Ausfall der Geschichte beteiligten Mitropoliten Filaret Amfiteatrov mitzuteilen, wodurch seine Leutseligkeit und Herzensgüte mehr zum Ausdruck kommt.

Fünfzehntes Kapitel.

Der Mitropolit war mehr oder weniger mein Landsmann, denn er war ebenfalls im Orlover Gouvernement geboren.

Schon als Kind hörte ich vieles von dessen Gutherzigkeit und Menschenliebe erzählen.

Ebenso waren mir die verschiedenen Verfolgungen bekannt, denen er ausgesetzt war, ehe er den hohen Posten eines Mitropoliten erreichte.

Es ist schade, daß sich niemand findet, das Leben dieses seltenen Mannes einem speziellen Studium zu unterwerfen, dasselbe würde ein höchst interessantes Buch über den Charakter und Tätigkeit vieler hochstehender, zu jener Zeit lebenden Personen und über die Zeit selbst ergeben.

In den verschiedenen Geschichten, welche noch heutigen Tages unter dem Volke verstreut sind und nacherzählt werden, wird der Mitropolit Filaret als ein bescheidener, sanfter, geduldiger, friedfertiger, einfacher Mensch und Priester geschildert — von seiner sonstigen Tätigkeit wird jedoch keine Erwähnung getan.

Notes in this chapter

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