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Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf

Schauspieler sind da!

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„Was ist denn das?“ fragte Schnipfelbauers Fritz, als er an einem Maitag so geschwind aus der Schule herauskam, wie er nie hineinlief. Das Herauskommen war dem Fritz nämlich das Angenehmste von der ganzen Schulgeschichte. Er riß seine Augen so weit auf, als müßten durchaus ein paar Suppenteller daraus werden. Nein, diese Überraschung!

„Was ist denn das?“ riefen nun auch alle Buben und Mädel, die nach Fritz aus der Schule kamen, und es gab an diesem Tage erstaunlich viele aufgerissene Augen und offene Münder in Oberheudorf.

Es war aber auch etwas sehr, sehr Seltsames, was da auf der Dorfstraße stand. Ein großer grüner Wagen war es, der Fenster hatte mit kleinen Gardinen daran, und vor dem Wagen standen etliche Damen und Herren, richtige Städter. Die sprachen mit dem Schulzen; der sah sehr wichtig drein und sagte endlich laut und vernehmlich, er hätte nichts dagegen.

„Wie in Niederheudorf zum Vogelschießen sieht es aus,“ sagte Heine Peterle bewundernd.

Schauspieler sind da
Schauspieler sind da

Aber ach, was waren alle Wunder des Niederheudorfer Vogelschießens, was waren Karussell, Pfefferkuchen, ja selbst das Kasperletheater gegen die Herrlichkeit, die jetzt in Oberheudorf ihren Einzug hielt! Schauspieler waren gekommen, es sollte in dem großen Saal des Wirtshauses „Zur himmelblauen Ente“ Theater gespielt werden. Kaspar auf dem Berge, der Wirt, war unendlich stolz; der Herr Schauspieldirektor hatte zu ihm gesagt, so einen wundervollen Wirtshausnamen hätte er noch nie gehört, überhaupt scheine ihm das Oberheudorfer Publikum sehr viel Interesse für die Kunst zu haben.

Das war nun wahr, wenigstens die Kinder standen unentwegt und starrten das Wirtshaus an, als hätten sie es noch nie gesehen. Und wenn einer der Schauspieler nur die Nasenspitze zur Türe hinaussteckte, gleich gab es ein fürchterliches Geschrei, die Buben und Mädel stießen und drängten, als wollten sie die „himmelblaue Ente“ umreißen.

Der Schulze hatte nichts gegen das geplante Spiel, und die Dorfleute freuten sich. Sie hatten gerade genug Zeit, in das Theater zu gehen, denn die Heuernte sollte erst in der nächsten Woche beginnen. Die Kinder aber fanden es über alle Maßen wundervoll, denn der Herr Theaterdirektor hatte gesagt, das Stück, das gespielt würde, sei für Erwachsene und für Kinder. Da wurden Sparbüchsen geleert, und mancher Bube oder manches Mädel, das in der nächsten Zeit Geburtstag hatte, wünschte sich das Eintrittsgeld im voraus als Geburtstagsgeschenk. Gab das einen Lärm und ein Geschrei unter den Kindern! Hatte eins die Erlaubnis erhalten, in das Theater zu gehen, dann schrie es die Neuigkeit die ganze Dorfstraße entlang. Von allen Buben aber war keiner aufgeregter als der dicke Friede und Heine Peterle. Die beiden vergaßen zuerst gänzlich, daß sie Schularbeiten zu machen hatten, ja sie vergaßen fast Essen und Trinken darüber, sie standen und bohrten beinahe Löcher in den grünen Wagen mit ihren Blicken.

Am Freitag waren die Schauspieler in Oberheudorf eingezogen, und am Sonntag sollte gespielt werden. Als die Kinder am Samstag wieder aus der Schule kamen und natürlich alle am Wirtshaus vorbeirannten, als sei das der einzig richtige Heimweg, da kam ihnen gerade der Herr Direktor entgegen. Der blieb stehen und schaute die Kinder so forschend an, als wäre er ein Schulrat und wollte prüfen, was sie gelernt hätten. Einigen war das Ansehen unheimlich, die liefen fort, etliche aber blieben stehen, darunter natürlich der dicke Friede und Heine Peterle. Und als hätte der Herr Direktor ihre allergeheimsten Wünsche erraten, so war es, er lächelte plötzlich und fragte sehr freundlich: „Wollt ihr beide mitspielen, ja?“

Heine Peterle, der sonst eigentlich nicht auf den Mund gefallen war, brachte kein Wort heraus, der dicke Friede aber schrie aufgeregt: „Ja!“ Es klang, als wollte er das Dorf in Feuersbrunst und Wassergefahr zusammenschreien. Der Herr Direktor trat vor Schreck einige Schritte zurück. Dann aber lächelte er doch wieder und sagte: „Na, dann kommt nur mit mir, ich will euch sagen, was ihr zu tun habt.“

An diesem Nachmittag sprachen die Oberheudorfer Buben und Mädel von nichts weiter als von Heine Peterles und des dicken Friedes Theaterspiel. Wenn sich einer der beiden Buben sehen ließ, und die rannten immer mit hochroten Gesichtern und ungeheuer wichtigen Mienen vor der „himmelblauen Ente“ auf und ab, liefen hinein und kamen heraus, dann stürzten gleich ein paar Buben und Mädel auf sie zu und schrieen: „Erzählt uns doch was! Seid ihr ein König? Was zieht ihr denn an? Müßt ihr ein Gedicht sagen?“

Aber die beiden neuen Schauspieler blieben stumm und taten, als wären sie bis an den Rand vollgestopft mit Geheimnissen. Sie lächelten nur gnädig, als wäre ohne sie in Oberheudorf eine Theatervorstellung nicht möglich. Von der Wichtigkeit ihrer Mitwirkung hatten sie beide auch ihre Eltern überzeugt; die hatten erst gar nicht ja sagen wollen, besonders den Müttern war es nicht recht. „Es ist und bleibt ein Unsinn,“ sagte Heine Peterles Mutter. „Wer weiß, was dabei für eine Dummheit herauskommt.“

Aber Muhme Rese meinte: „Unser Heine Peterle wird seine Sache schon machen. Wenn der Bengel nur sagen wollte, wen er eigentlich im Spiel vorstellt.“

„Dem ist sein Mund zugeklebt vor lauter Einbildung,“ sagte Heinrich lachend.

Damit tat der Knecht dem Buben bitteres Unrecht; sie hätten alle beide himmelgern etwas erzählt, wenn sie nur gewußt hätten, was. Sie hatten bloß dreimal über die Bühne gehen müssen, dann hatte der Direktor gesagt, sie sollten sich neben den einen Stuhl stellen, und hinzugefügt: „Haltet nur das Maul und macht keine dummen Gesichter, das ist die Hauptsache.“ Der dicke Friede sagte: „Es kommt noch.“ Was, verriet er nicht, aber Heine Peterle tröstete sich auch mit dem Wort: „Es kommt noch.“ Irgend etwas Wunderbares, Herrliches mußte doch geschehen. Der dicke Friede übte sich in dieser Erwartung schon allerlei Kasperlessprünge ein, vielleicht konnte er sie gebrauchen.

Am Sonnabend abend erzählte der Wirt, der Direktor und alle Schauspieler allen, die es hören wollten, und manche hörten dreimal zu, daß Grafens auch zur Vorstellung kommen würden. Der Herr Graf Dachhausen auf Schloß Friedheim, das etwa eine Stunde vom Dorf entfernt lag, hatte dem Direktor für sich, seine Familie und seine Gäste gleich acht Billets abgekauft. Dabei hatte er gesagt, er freue sich sehr auf die Vorstellung.

Wenn Grafens kamen, durften die Oberheudorfer nicht fehlen, ja selbst von Niederheudorf kamen etliche Bauern hinauf, und der Wirt sagte stolz: „Es wird rappelvoll werden.“

Es wurde auch rappelvoll. Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung war der Saal besetzt, nur die Plätze für Grafens waren frei, und immer, wenn die Tür aufging, dachten alle: „Jetzt kommen sie!“ Endlich kamen sie auch, und der Wirt begleitete die vornehmen Gäste unter vielen Verbeugungen in den Saal hinein. Er verneigte sich rechts und verneigte sich links, und jedesmal, wenn ein Herr oder eine Dame sich setzen wollte, griff der Wirt in seiner Aufregung nach dem Stuhl, zog ihn weg und ließ den auch eine Verbeugung machen. Dabei hätte sich die Frau Gräfin beinahe auf die Erde gesetzt, im rechten Augenblick aber griff die Schnipfelbäuerin, die auf der zweiten Reihe saß, zu, und so setzte sich die Gräfin auf deren Schoß statt auf den Stuhl.

Die Gäste lachten, die Oberheudorfer lachten, zuletzt lachte der Wirt auch, obgleich er gar nicht recht wußte, warum. Er war heilfroh, als Grafens saßen, die waren es auch, und jeder im Saal dachte: „Nun kann es losgehen!“

Es war eine kleine Bühne aufgebaut worden. Ein roter Vorhang schloß den Raum gegen den Saal hin ab, und neugierig, gespannt starrten alle auf den roten Vorhang. Als der einmal ein bißchen wackelte, riefen ein paar Buben aus dem Hintergrund des Saales: „Nun geht es los!“

Es ging aber noch nicht los. Der Vorhang zitterte eine Weile, dann verhüllte er wieder ruhig die Bühne, und aus der Ecke, wo Buben und Mädel miteinander saßen, tönte ein klagendes Stimmlein: „Es dauert so lange!“

„Abwarten und dann Tee trinken,“ sagte Leberecht Sperling, der auch gekommen war, brummig. Aber da ging auch schon der Vorhang auseinander, und alles Warten hatte ein Ende. Das Stück begann.

Noch heute weiß niemand recht in Oberheudorf, was eigentlich gespielt worden ist. Auf dem Zettel, der draußen an dem Tor des Wirtshauses klebte, stand zwar „Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie von Friedrich von Schiller“. Das klang ja sehr verheißungsvoll, aber alle, die das Stück kannten, meinten, es wäre es eben nicht. Erstens war die Jungfrau kein Hirtenmädchen, sondern eine Prinzessin, dann waren die Franzosen keine Franzosen, sondern Deutsche, und dann dachten im ersten Akt alle Zuschauer, es würde vielleicht ein Lustspiel werden. Muhme Rese sagte, es würde vielleicht Genoveva gespielt, dies war nämlich das einzige Stück, das sie je gesehen hatte.

Die Hauptsache aber war, daß das Stück den Zuschauern gefiel, und das tat es. Besonders entzückt waren die Kinder; sie fanden alles wundervoll, nur waren sie enttäuscht, daß Heine Peterle und der dicke Friede nicht gleich von Anfang an auf der Bühne waren. Doch die ließen sich erst im zweiten Akt sehen. „Mit denen wird es ganz was Großartiges,“ sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies, neben der sie saß. „Nä, nä, mein Herze zittert vor Angst, wenn ich an unsern Heine Peterle denke. Wenn er's nur recht macht!“

Gemütlich war es just eben Heine Peterle nicht zumute. Der stand mit dem dicken Friede hinter der Bühne, und beide starrten ängstlich und ehrfurchtsvoll auf die Schauspieler, die hin und her gingen und so seltsam redeten. Die beiden Buben steckten in rosenroten Pagenanzügen, dazu hatten sie gelbe Mützen auf, und goldene Leuchter, die aber nur aus Blech waren, sollten sie tragen. Ganz wundervoll kamen sie sich vor. Der dicke Friede fand freilich seine Höslein, die er sonst trug, viel bequemer als die rosenroten, die waren so eng, daß er sich gar nicht zu rühren wagte. Und Heine Peterle sah auch schon krebsrot aus, so preßte und drückte ihn das Wämslein. Die Frau Direktor aber hatte beim Anziehen gesagt: „Ja, wer der Kunst dienen will, hat es nicht leicht. Für so ein Paar dicke Dorfbuben sind unsere Pagenanzüge auch freilich nicht gemacht!“

Im zweiten Akt sollten die beiden Pagen auf der Bühne erscheinen, sie sollten neben dem Königsthron stehen ganz still und feierlich, und je näher der Augenblick kam, daß sie hinausgehen sollten, desto bänglicher schlugen ihre Herzen. Heine Peterle trat schon immer von einem Bein auf das andere, und dem dicken Friede lief der Angstschweiß über das Gesicht, als stände der Bube unter einer Regenrinne.

„Ich reiß aus,“ ächzte Friede einmal, und Heine Peterle seufzte tief. Ach, so schwer hatte er sich das Theaterspielen doch nicht vorgestellt. „Wenn's doch erst vorbei wäre!“ murmelte er.

„Jetzt kommt!“ rief in ihr Seufzen, Stöhnen und heimliches Klagen hinein der Direktor und zog die Buben etwas unsanft auf die Bühne hinaus. Der Vorhang war noch geschlossen, aus dem Zuschauerraum tönte wie ein Brausen das Stimmengewirr. Friede seufzte laut, Heine Peterle leise, seufzen taten beide, und beide hörten vor Angst und Aufregung kaum, daß der Herr Direktor, der als König auf einem Thronsessel saß, sie ermahnte: „Steht still, zappelt nicht immer hin und her!“ und dann: „Donnerwetter, Jungens, macht nicht so schrecklich dumme Gesichter!“

Die Mahnung war kaum verklungen, da schrillte eine Klingel, und schnurr ging der Vorhang auf.

„Da sind sie, nä, seht doch, seht doch!“ brüllten im Zuschauerraum etliche Buben und Mädel.

„Ach wie fein!“ quiekte Annchen Amsee.

„Nä, unser Heine Peterle, da ist er, da ist er!“ schrie Muhme Rese. Sie vergaß ganz, daß so vornehme Gäste anwesend waren, stand auf und winkte mit ihrem Taschentuch. „Guten Tag, Heine Peterle, nä, was siehst du fein aus!“ Muhme Lenelies zog die Aufgeregte rechts am Rock, Heine Peterles Mutter links, und endlich setzte sich Muhme Rese, während alle im Saal laut lachten.

Heine Peterle hatte gar nichts gehört. Den Buben da oben auf der Bühne war es zumute, als wären sie auf einmal in einem fremden Lande. Wie die Schauspieler nur redeten! Ein Mann, der mit einem Schwert immer an einen Schild schlug, schrie plötzlich den Herrn Direktor so an, daß Heine Peterle vor Schreck seinen Leuchter ganz schief hielt.

„Halte das Licht doch nicht so schief,“ brummte ihn ein Ritter an, „du bekleckst mir ja mein Wams.“

Erschrocken drehte Heine Peterle sein Licht nach der andern Seite und hielt es gerade einem andern Ritter unter die Nase, der eben auch etwas sagen wollte. „Kruzitürken,“ schimpfte der, „Bengel, du brennst mich ja an!“

Schwapp, fuhr Heine Peterle wieder mit seinem Leuchter herum, und pardauz, kollerte die Wachskerze auf den Boden, löschte aus und rollte bis an die Brüstung vor.

„Heine Peterle hat sein Licht verloren!“ tönten von unten ein paar Stimmen herauf.

„Da liegt's, da liegt's!“ riefen Schnipfelbauers Fritz und Annchen Amsee eifrig.

Heine Peterle blieb ganz verdattert stehen, aber Friede sprang diensteifrig zu, rannte dem Licht nach, bückte sich und –

O Jammer und Graus! Mitten hinein in des Königs bewegliche Klage um sein Land und der Königin sanftes Trösten klang ein scharfes Reißen.

Unwillkürlich hielt der König betroffen in seiner Rede inne, und aus der Kinderecke des Zuschauerraumes gellte es: „Friede, deine Hosen sind geplatzt. Friede, Friede, nä, Friede, deine Hosen!“

In das Rufen mischte sich Lachen, von der ersten Reihe kam es, da wo die vornehmen Gäste saßen, und bald lachten alle Zuschauer, dröhnend, herzhaft, lachten so, daß die Schauspieler nicht weitersprechen konnten, weil ihre Stimmen in dem Lärm verhallten. „Zieht den Vorhang zu!“ stöhnte der Direktor auf seinem Königsthron, und schnurr verschloß der rote Vorhang die Bühne, und Friede mit den geplatzten Hosen war den lachenden Blicken entrückt.

Jemand wollte schelten, aber der Direktor sagte seufzend: „Laßt nur die Buben, sie fangen sonst noch an zu heulen, und ein paar Pagen müssen wir doch haben!“

Viel fehlte auch nicht, und Friede und Heine Peterle hätten geheult; es zuckte ihnen schon bedenklich um die Mundwinkel, und beiden war die Bühne nachgerade recht unheimlich geworden. Friede hielt krampfhaft seine Höslein zusammen, und Heine Peterle starrte hilflos auf sein Licht, das noch immer am Boden lag, und das er nicht zu holen wagte.

Was tun? Weitergespielt mußte werden, die Pagen wurden gebraucht, aber einen Pagen mit geplatzten Hosen und einen, dem sie vielleicht noch platzten, konnte man doch nicht an einem Königshofe brauchen. Die Frau Direktorin war es, die in dieser Not Rat wußte. Sie holte geschwind ein Paar grasgrüne Schärpen herbei, band jedem Buben eine um und steckte breit und voll eine Schleife über die geplatzte Naht. „Nun sieht es niemand,“ sagte sie befriedigt, „nun steht nur hübsch still und bückt euch nicht.“

Der Vorhang ging wieder auf. Steif und unbeweglich, die Leuchter kerzengerade in den Händen, so standen die beiden Pagen rechts und links vorm Königsthron und ein lautes „Ah!“ der Bewunderung ertönte ob der Pracht der grünseidenen Schärpen.

„Man sieht's gar nicht,“ flüsterte Annchen Amsee halblaut, und Waldbauers Mariandel sagte begeistert: „Nun sehen sie aber noch feiner aus!“

Der Akt ging nun ohne Zwischenfall zu Ende. Alles war sehr rührend und schön, und alle waren zufrieden. Die Zuschauer waren es und die Schauspieler, weil es eben die Zuschauer waren. Und der Wirt war zufrieden, weil er sah, wie Grafens lachten und vergnügt dreinsahen. Am allervergnügtesten aber waren die beiden Buben oben auf der Bühne, sie meinten, sie wären bei der Aufführung eben doch die Hauptsache.

Beim nächsten Akt hatten Heine Peterle und Friede dreimal über die Bühne zu rennen. „Ihr müßt sehr aufgeregt und ängstlich tun,“ hatte der Direktor zu ihnen gesagt. Und die beiden befolgten seine Worte so getreulich, daß unten im Saal Muhme Rese sehr ängstlich zu Muhme Lenelies sagte: „Was haben denn nur die beiden, sind sie denn närrisch geworden? Nä, nä, die machen noch 'ne Dummheit, und der Friede denkt auch gar nicht an seine Hosen!“

„Die haben was verloren,“ behauptete Schulzens Jakob, und seine Schwester Röse sagte ängstlich: „Sie werden noch alles umrennen!“

Aber die Buben rannten nichts um, die Hosen platzten nicht weiter, und der Direktor sagte freundlich: „Das habt ihr brav gemacht!“

Der nächste Akt sollte einen feierlichen Krönungszug bringen, und weil die Schauspielergruppe nur klein war, mußten alle immer rund um die Bühne herum, dicht an der Rampe entlang gehen und zur einen Türe hinaus- und zur andern hineinspazieren, es sollte aussehen, als ob viele, viele Menschen über die Bühne gingen. Draußen auf einem Tisch lagen allerlei Mützen und Hüte, einmal setzten sich die Schauspieler welche auf, das nächste Mal kamen sie ohne Kopfbedeckung über die Bühne. Sie taten dies, damit man denken sollte, es wären immer andere Leute. Auch Heine Peterle und Friede setzten ihre Mützen einmal ab. Als sie wieder an dem Tisch vorbei kamen, lagen aber obenauf allerlei andere Hüte. „Unsere Mützen!“ rief Friede suchend. „Schnell, schnell, nehmt ein paar andere!“ sagte ein Schauspieler hinter ihnen ungeduldig, und die Buben ergriffen rasch, was gerade dalag. Heine Peterle erwischte dabei einen großen Federhut, der ihm, als er ihn aufsetzte, fix auf die Nase rutschte.

„Seht doch den Heine Peterle an, was der für einen Hut hat!“ ertönten unten gleich wieder etliche Kinderstimmen.

Daß man seinen Hut bewunderte, schmeichelte Heine Peterle zwar sehr, aber wenn er nur etwas hätte sehen können! Der Hut war ihm über die Augen gerutscht, er wollte ihn zurückschieben, und dabei stolperte er.

„Bengel, du fällst ja hinunter,“ flüsterte ihm ein Schauspieler erschrocken zu.

Es war schon zu spät: Heine Peterles linkes Bein schwebte bereits in der Luft; der Bube war an die Rampe gekommen, er schwankte, rutschte, und fallend griff er nach einem Halt. Dabei packte er einen Ritter am Bein, der verlor auch das Gleichgewicht; auch er griff unwillkürlich nach etwas und erwischte die Schleppe einer Hofdame. Der dicke Friede wollte seinen Kameraden halten, auch er wurde mitgezogen, und mit einem wahren Donnergepolter sausten alle vier über die Rampe und plumpsten in den Zuschauerraum hinab, Grafens gerade vor die Füße.

Ein wahrer Höllenlärm erhob sich. Oben auf der Bühne stockte der Festzug, unten schrieen, heulten und lachten alle durcheinander. Der Wirt und der Schulze kamen herbei, die Gestürzten aufzurichten. Heine Peterle heulte, seine Mutter und Muhme Rese, die nicht gleich zu ihm gelangen konnten, jammerten laut. Friede ächzte und hielt krampfhaft seine Höslein fest, die nun völlig geplatzt waren, und seine Mutter stieg über zwei Stuhlreihen hinweg, um ihren Buben zu trösten.

Aus der Kinderecke kam klägliches Schreien und angstvolles Fragen. Ein paar Mädel weinten, ein paar Buben lachten, und oben auf der Bühne sagte der Direktor grimmig: „Kruzitürken nochmal, sind das ein paar dämliche Bengel!“

Und dann saß Heine Peterle auf einmal auf dem Schoß der Frau Gräfin und Friede auf dem einer andern Dame, und die beiden Damen trösteten die Buben, steckten ihnen Schokolade in den Mund und sagten, eigentlich hätten sie ihre Sache doch sehr gut gemacht.

Da versiegten die Tränen der beiden, ganz stolz und wichtig schauten sie sich um. Man saß doch nicht alle Tage auf dem Schoß einer Frau Gräfin und aß wunderfeine Schokolade. Potztausend, war das fein! Weh getan hatten sie sich nicht weiter, ein paar blaue Flecke und Schrammen rechnet ein echter Oberheudorfer Bube nicht erst, auch die Schauspieler hatten sich nichts gebrochen, und so konnte das Spiel weitergehen. Die Buben waren dazu bereit, aber der Direktor sagte, jetzt brauchte er keine Pagen mehr, sie sollten lieber unten bleiben.

So kamen denn die beiden nach einem Weilchen in ihren eigenen Sonntagshöslein in den Zuschauerraum hinab und schauten sich den Schluß des Stückes an. Ohne Unfall ging es nun zu Ende, aber Heine Peterle und Friede und Muhme Rese und noch manch andere sagten: „Die Pagen hätten bis zuletzt oben bleiben müssen, dann wäre es viel lustiger gewesen.“

Die Oberheudorfer meinen nämlich, in einem richtigen Trauerspiel müsse man herzhaft lachen können.

Noch heute aber sagen die Oberheudorfer Kinder bei jedem Theaterspiel: „Damals war es fein, als Heine Peterle und Friede mit Theater spielten!“

Heine Peterle und Friede
Heine Peterle und Friede
Illustration from Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen
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