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Neid

Front matter (continued 3)

Reading edition

Er nahm die Lampe auf, die auf dem Tische stand, und wandte sich nach dem Schlafzimmer. Als er bemerkte, daß dort bereits eine Lampe stand, setzte er jene wieder nieder. »Kommen Sie.« Er schritt mir voran; ich folgte ihm. Indem ich aufstand, fühlte ich, daß mir die Glieder so schwer geworden waren, daß ich Mühe hatte, mich zu erheben.

In dem Schlafzimmer, an der Wand, dem Bette gegenüber, war ein Vorhang von schwerem, dunkelgrünem Stoff. Es fiel mir ein, daß man mir von einem solchen erzählt hatte.

Der Vorhang war geschlossen. Er trat heran, und mit einem Griff schlug er ihn auseinander. Das Licht der Lampe, die unter dem Bilde der beiden Brüder stand, fiel auf die Stelle; an der Wand, im stillen Lichte leise blinkend, hingen die Stücke einer Kinderuniform, einer Kürassieruniform, ein kleiner Helm, ein Küraß, ein Säbel und eine verbogene Trompete, – wie so etwas ausgesehen hatte vor sechzig Jahren.

Keiner Bewegung fähig, wortlos stand ich da. Diese armen, kleinen Ueberbleibsel lang vergangener Zeit, diese Erinnerungszeichen an Dinge und Menschen, von denen auf Gottes weiter Welt nur ein Mensch noch, ein einziger, etwas wußte, – so hatte dieser Mensch sie festgehalten und bewahrt in seinem liebeverlangenden, liebeberaubten, tiefen, unglücklichen Herzen!

Zwischen der Lampe und dem Vorhang, mitten im Zimmer, stand ein Stuhl; auf diesen Stuhl hatte er sich gesetzt, beide Arme auf der Lehne, das Gesicht in die Arme gedrückt, so daß das graue Haupt gerade vor mir war. Eine unwillkürliche Regung erfaßte mich, ich beugte mich nieder und drückte die Lippen auf sein graues Haar. Er blickte nicht auf, er nickte nur, und es sah aus, als hätte er gesagt: »Ja, nicht wahr? Ja, nicht wahr?«

Als ich sah, daß er keine Bewegung machte, aufzustehen, und weil ich fühlte, daß er für heute nichts mehr zu sagen hatte, beugte ich mich zu seinem Ohr. »Lassen Sie mich jetzt gehen,« sagte ich, »aber wenn Sie erlauben, komme ich wieder!« Statt aller Antwort griff er nach meiner Hand, und seine Hand sagte, was sein Mund nicht aussprach: »Komm wieder! Laß mich nicht allein! Komm wieder!«

Geräuschlos verließ ich ihn. Ueber die dunkle Treppe tappte ich mich hinunter. Die Hausthür war geschlossen; ich mußte den Vater der Kinder, durch die ich heute die Bekanntschaft des alten Mannes gemacht hatte, herausklopfen, damit er mir aufschloß. Am Nachmittag war ich gekommen – als ich über die Brücke zur Stadt zurück ging, schlug es von den Thürmen Mitternacht. Tief, dumpf und schwer kam der Klang über das Wasser. Ich blieb stehen. An die Uhr mußte ich denken, von der er mir gesagt hatte, die unsichtbare, die in seiner Seele Schicksal, Schicksal, Schicksalsstunde geschlagen hatte. Ueber das Brückengeländer sah ich hinunter in den winterlichen Strom, auf dessen grauem Rücken die Eisschollen dahin rauschten. Von der Strömung getrieben, stürmten sie, wie ein angreifender Haufen, gegen das Ufer, auf dem die Häuser der Stadt lagen. Aber das Bollwerk stand fest; machtlos prallten sie dagegen, und zerschellend setzten sie ihren Lauf fort. Gegen die Elemente hat der Mensch Schutzwehr und Dämme gefunden – wer schützt den Menschen wider den Menschen? Wer schützt ihn gegen sich selbst? Der Stern, der in Jahrtausenden immer einmal aufgeht aus einem göttlichen Herzen, der heilige Stern, den wir Liebe und Vergebung nennen, wann endlich bleibt er am Himmel, um nicht wieder unterzugehen? Das Wort, das ich heute vernommen hatte, als letzten aus sechzig Jahren qualvoller Erfahrung gekelterten Lebensspruch, wann endlich wird es Gebot für jeden Einzelnen – »Fülle das Herz Deines Nebenmenschen mit Glück?«

Illustration from Neid

Dichtungen von

Ernst von Wildenbruch.

geh. M. Pf. geb. M. Pf.

Der Astronom. Erzählung. 7. Aufl. 2,– 3,–

Das edle Blut. Eine Erzählung. Neue Ausgabe mit Zeichnungen von Carl Röhling. 59. Tausend. Kart. M. 1,50 2,20

Claudia's Garten. Eine Legende. Neue Ausgabe mit Zeichnungen von Carl Röhling. 13. Aufl. Kart. M. 1,50 2,20

Die Danaide. Eine Erzählung. Neue Ausgabe mit Zeichnungen von Herm. Vogel. Kart. M. 1,50 2,20

Francesca von Rimini. Erzählung. 2. Aufl. 2,– 3,–

Unter der Geißel. Erzählung. 6. Tausend. Kart. M. 2,20 3,–

Kinderthränen. Zwei Erzählungen. (Der Letzte. – Die Landpartie.) 18. Aufl. 2,– 3,–

Lachendes Land. Humoresken und Anderes. 13. vermehrte Auflage der »Humoresken« 4,– 5,–

Eifernde Liebe. Roman. 13. Tausend 4,– 5,–

Lieder und Balladen. 7. Aufl. 4,– 5,–

Der Meister von Tanagra. Eine Künstlergeschichte aus Alt-Hellas. 9. Aufl. 2,– 3,–

Novellen. (Francesca von Rimini. – Vor den Schranken. – Brunhild.) 7. Aufl. 4,– 5,–

Neue Novellen. (Das Riechbüchschen. – Die Danaide. – Die heilige Frau. – Das Wunder.) 9. vermehrte Aufl. 4,– 5,–

Sedan. Ein Heldenlied in drei Gesängen. 3. Aufl. 1,– 2,–

Vice-Mama. Eine Erzählung. 9. Tausend. Kart. 3 M. 3,60

Vionville. Ein Heldenlied in drei Gesängen. 4. Aufl. 1,– 2,–

Tiefe Wasser. Fünf Erzählungen. 6. Aufl. 4,– 5,–

Der Zauberer Cyprianus. Eine Legende. 4. Aufl. 3,– 4,–

Dramen von

Ernst von Wildenbruch.

geh. M. Pf. geb. M. Pf.

Der Fürst von Verona. Trauerspiel 2,– 3,–

Das neue Gebot. Schauspiel. 6. Aufl. 2,– 3,–

Der Generalfeldoberst. Trauerspiel. Neue Ausgabe 2,– 3,–

Gewitternacht. Tragödie 2,– 3,–

Harold. Trauerspiel. 7. Aufl. 2,– 3,–

Die Haubenlerche. Schauspiel. 3. Aufl. 2,– 3,–

Heinrich und Heinrichs Geschlecht. Tragödie. 12. Aufl. 3,– 4,–

Der neue Herr. Schauspiel. 4. Aufl. 2,– 3,–

Die Herrin ihrer Hand. Schauspiel 2,– 3,–

Der Junge von Hennersdorf. Volksstück 2,– 3,–

Jungfer Immergrün. Volksstück 1,– –

Die Karolinger. Trauerspiel. 18. Aufl. 2,– 3,–

König Laurin. Tragödie 2,– 3,–

Das heilige Lachen. Märchenschwank. 2. Aufl. 2,– 3,–

Christoph Marlow. Trauerspiel. 2. Aufl. 2,– 3,–

Meister Balzer. Schauspiel 2,– 3,–

Der Menonit. Trauerspiel. 5. Aufl. 3,– 4,–

Die Quitzows. Schauspiel. Neue Ausgabe mit Zeichnungen von Hugo L. Braune. 18. Aufl. 2,– 3,–

Die Tochter des Erasmus. Schauspiel. 5. Aufl. 2,– 3,–

Väter und Söhne. Schauspiel. 4. Aufl. 2,– 3,–

Willehalm. Dramatische Legende 2,– 3,–

Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Fremdsprachige Abschnitte, die abweichend in Antiqua gesetzt wurden, sind in der Transkription in kursiver Schrift dargestellt.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen:

Seite 14:

"Ä" zu "Ae" vereinheitlicht

(so eine Art von Aehnlichkeit mit dem älteren)

Seite 18:

"Ä" zu "Ae" vereinheitlicht

(Ein Schaukelpferd oder so etwas Aehnliches)

Seite 29:

"«" angefügt

(»Gut nennen Sie das?«)

Seite 39:

"sie" geändert in "Sie"

(Da werden Sie gesehen haben)

Seite 41:

"eineinander" geändert in "einander"

(›Kinder, liebet einander‹)

Seite 42:

"überfluthtete" geändert in "überfluthete"

(Der vorüberfließende Strom überfluthete das flache Gelände)

Seite 44:

"iu" geändert in "in"

(die beiden Anführer griffen in den Schnee)

Seite 45:

"nnd" geändert in "und"

(ein Schneeballkampf entstand, und es dauerte nicht lange)

Seite 69:

"«" verschoben

(»Schmeckt es Kinder?« fragte er.)

Seite 99:

"sonstgar" geändert in "sonst gar"

(ein Thier, das es sonst gar nicht weiter giebt)

Seite 102:

"«" angefügt

(ist wieder einmal miserabel ausgefallen.«)

Seite 118:

"uud" geändert in "und"

(daß er so sprach und schrie, und konnte sich doch nicht helfen)

Seite 123:

"«" verschoben

(»Post und Reise will ich nicht wieder spielen.«)

Seite 124:

"dreie" geändert in "Dreie"

(so saßen die Dreie, und keines sprach ein Wort)

Seite 144:

"," eingefügt

(eine ganz andere Stube als früher, als wären das Menschen)

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