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Neid

Front matter (continued 2)

Reading edition

Zwar für gewöhnlich ging er nur ganz rasch durch das Zimmer hindurch, um an seine Acten zu kommen. Aber einmal kam es vor, da blieb er stehen und erkundigte sich, wie das Spiel wäre, und was es für Regeln hätte. Und weil nun, wie das gewöhnlich der Fall war, der Aeltere von den Beiden mehr Kiesel gefunden hatte und also mehr kaufen konnte als der Kleine, so sagte der Vater: »Das ist ja abgeschmackt; natürlich ist da der große Bengel dem Kleinen voraus.« Und dabei griff er ohne Weiteres in den einen Kasten, wo die Rosinen und Mandeln waren, und gab dem Kleinen eine Hand voll. Darauf machte der Kleine ein ganz langes Gesicht und sah sich ganz ängstlich nach dem Bruder um, als ob er es nicht annehmen wollte, weil er fühlte, daß das doch alles Spiel zerstörte. Dann aber, wie ihn der Vater unters Kinn faßte und sagte: »Na, was besinnst Du Dich denn, Hänschen« – denn in Wirklichkeit hieß der Schnudri Hans – da nahm er die Rosinen und Mandeln und fing an, davon zu essen. Dabei aber sah er sich immer wieder nach dem Bruder um. Und im Augenblick, als der Vater hinaus war, lief er auf den Bruder zu und legte ihm die Arme um den Hals und sagte ihm ganz hastig ins Ohr: »Das gilt ja nicht; das weiß ich ja; ich habe auch nur ganz wenig Rosinen gegessen und will Alles gleich wieder hinein thun.« Und damit lief er auch wirklich zu dem Kasten und that Alles wieder hinein, was ihm der Vater gegeben hatte. Alsdann so blieb er an dem Kasten stehen, ganz verschüchtert, als hätte er ein Unrecht begangen, und wie er den Bruder so mitten im Zimmer stehen sah und sah, daß der Bruder mit keinem Auge zu ihm hinsah, sondern immer nur an den Boden vor sich hin, da fragte er ganz kleinlaut: »Wollen wir denn jetzt nicht weiter spielen?« Darauf aber schüttelte der andere den Kopf und sagte: »Nein! Und ich will überhaupt gar nicht mehr spielen!«

Und wie der Kleine das hörte, wurde er ganz still, und dann mit einem Male fing er an zu weinen, bitterlich, und lief zu der Mutter hin und steckte den Kopf in ihren Schoß und sagte: »Ich kann doch nichts dafür! Ich kann doch nichts dafür!«

Und der Andere – der Andere – wenn er damals gewußt hätte, der Andere, was er jetzt weiß – daß er den Ton, mit dem es heraus kam, das: »Ich kann doch nichts dafür!« hören und wieder hören würde, ein Leben lang und auch jetzt noch, da er an die siebzig Jahre alt ist, in so mancher, mancher schlaflosen Nacht – dann würde er gekommen sein und weiter mit ihm gespielt haben und gesagt haben: »Nein, nein, Du kleine, Du feine, Du kluge Seele, Du bist nicht schuld, und ich will Dir nicht weh thun und Dir nicht noch mehr aufladen als Dir schon zu tragen gegeben ist.« Aber weil er das Alles damals nicht wußte, kam er nicht und spielte mit ihm nicht weiter. Und auch als die Mutter ihn rief und mit den traurigen Augen ansah und sagte: »Sei doch nicht so häßlich gegen Deinen kleinen Bruder; sieh doch, wie er sich grämt« – auch da kam er nicht, sondern schüttelte den Kopf und lief zur Stube hinaus. Wie ein Hund lief er hinaus, wie ein böser, verstockter. Denn es war ihm auch zu Muthe wie einem Hunde, der einen Fußtritt bekommen hat. Und das war das Wort, das er vorhin gehört hatte: »Natürlich ist da der große Bengel dem Kleinen voraus!« und der Ton, mit dem das Wort heraus gekommen war, der kalte, scheußliche Ton, der ihm jetzt auch noch immer wieder kommt, wenn er Nachts nicht schlafen kann, wie ein Splitter von zerhacktem Eis, mitten hinein ins Herz!

Neben dem »Kaufmannsspiel«, von dem ich gesagt habe, gab es aber noch andere: »Pascher und Grenzsoldat«, »Jagd« und »Post und Reise«, was der Schnudri sehr gern hatte, weil er dabei immer in einem kleinen Wagen gefahren wurde. Und an bestimmten Stellen, wo die »Post« an Hindernisse kam, schmiß der Wagen um; und weil das immer die nämlichen Stellen waren, wußte der Kleine schon vorher, wo er umgeschmissen werden würde, und fürchtete sich immer ein bißchen, aber er freute sich doch noch mehr und bereitete sich vor, und jedesmal gab es dann ein Gequietsche vor lauter Vergnügen.

Das schönste von allen Spielen aber war das »Matrosenspiel«, das konnten wir aber nicht alle Tage spielen, sondern immer nur, wenn der Wind wehte; und je mehr Wind, um so besser. Dann ging es in den Wald hinaus. In dem Walde stand eine alte, große Linde; und auf die kletterten wir hinauf. Die Linde, das war unser Schiff. Darum, wenn wir in die Nähe von dem Baume kamen, commandirte der Aeltere: »Alle Mann an Bord!« und dann krähte der Kleine hinter drein: »Alle Mann an Bord!« und lief, so schnell er laufen konnte, daß er an den Baum und hinauf kam. Aber das wurde ihm jedesmal etwas schwer. Denn obschon die Zweige der Linde ziemlich tief ansetzten, war es doch für den kleinen Jungen zu hoch; darum mußte ihm immer der Andere, der vorauf geklettert war und schon in der untersten Gabel stand, die Hand hinunter reichen, und an seiner Hand zog er sich dann hinauf. Alsdann so hieß es: »Matrosen in die Toppen!« und der Schnudri krähte wieder nach. Dann wurde weiter hinauf geklettert, und der Baum war jetzt unser Mast. Und wenn der Wind den Mastbaum packte und herüber beugte und hinüber, dann war das ein herrliches Vergnügen. Wenn die Aeste durch einander rauschten und aneinander schlugen, dann hieß es: »Die Taue knarren!« und: »Die Taue knarren!« wiederholte der Kleine. »Es ist ein mächtiger Sturm« – »es ist ein mächtiger Sturm.« Dann holten wir unsere Taschentücher hervor und faßten die Zipfel zusammen und hielten sie so, daß sich der Wind hinein setzte und sie aufbauschte wie kleine Segel. »Jetzt segeln wir!« sagte der Aeltere; »jetzt segeln wir!« sagte der Kleine. »Hü – wie das geht!« »Hü – wie das geht!«

Und wenn wir dann eine Zeit lang gesegelt waren, ging es noch einmal den Baum hinauf, immer höher, beinahe bis in die Spitze. Da war es am schönsten. Da zweigten sich mehrere Aeste nach rechts und links, so daß eine ziemlich große Gabel entstand. Und wenn wir uns dicht zu einander drängten, konnten wir beide in der Gabel sitzen. Das war die Cajüte. Und da setzten wir uns dann hinein, und der Kleine, weil er sich immer ein bißchen fürchtete, hielt sich mit seinem einen Arm an den Aesten, mit dem anderen schlang er sich um den Bruder, ganz eng, ganz eng. Und wenn er sich so an mich drückte, dann konnte ich sein Herz an meinem Leibe schlagen fühlen; das ging immer so rasch: puck, puck, puck; beinahe als wenn es flatterte wie ein kleiner Vogel, oder als wenn es das Pendel einer Uhr gewesen wäre, die zu rasch lief, zu rasch. Aber das Alles habe ich mir erst später gesagt, als die Uhr abgelaufen war und das Pendel stand. Damals gab ich nicht Acht darauf. Damals war ich ja selbst noch ein Kind, und daran, daß ein Kind sterben könnte, daran denkt ein gesundes Kind nicht. Wenn also nun die Beiden in ihrer Cajüte saßen und der Wind sie wiegte herüber – hinüber, herüber – hinüber, dann nach einem Weilchen fing der Schnudri an und fragte: »Wo fahren wir denn jetzt?« Denn er wußte, daß er so fragen mußte, weil das zum Spiel gehörte. Und dann sagte der Andere: »Jetzt fahren wir an Spitzbergen vorbei nach dem Nordpol« oder: »Jetzt fahren wir nach Ostindien.« Und jedesmal wußte der Schnudri, was er darauf zu sagen und zu thun hatte, und das that er auch immer wie am Schnürchen. Wenn es hieß: »Nach Spitzbergen!« dann fing er an zu schnattern, als wenn ihn fröre, und rief: »Na ja, darum wird es ja auch so kalt! Puh! Und da kommt ja schon ein Eisbär gelaufen! Den müssen wir schießen. Puff – da liegt er.« Dagegen, wenn es hieß, daß wir nach Indien führen, dann fing er an zu schnaufen wie vor Hitze: »Na ja,« sagte er dann, »da sehe ich ja schon die große Stadt Calcutta. Und da kommt ja auch schon der Großmogul. Guten Morgen, Herr Großmogul, wie haben Sie geschlafen?« Und jedesmal, wenn er den Großmogul begrüßte, war ihm das so komisch, daß er lachte, lachte, daß sein magerer, kleiner Körper an meinem Leibe schütterte. Und das Alles hatte sich der Aeltere ausgedacht. Immer fuhr er mit dem kleinen Bruder durch die weite Welt, immerfort erzählte er ihm, und Alles, was er erzählte, stand ihm immer ganz leibhaftig vor Augen. »Jetzt fahren wir durch den indischen Ocean,« hieß es; »der ist so blau, daß, wenn man die Hand hinein taucht, kommt sie wieder heraus, als wenn man sie in blaue Tinte gesteckt hätte. Der ist so tief – wohl zwanzigtausend Meilen tief. Und ganz, ganz unten ist es wunderschön. Da sind große Wiesen, aber die sind nicht grün wie die hier oben, sondern ganz blau. Und auf diesen Wiesen gehen die Meermänner spazieren und auf die Jagd. Und wie man hier oben nach Hirschen und Rehen jagt, so jagen sie da unten nach Fischen. Aber natürlich nicht mit Flinten; die würden ja im Wasser nicht losgehen, sondern mit Spießen. Und die Spieße sind ganz von Gold und haben Spitzen von lauter Diamanten. Und jetzt steigen wir aus,« hieß es weiter, »und jetzt sind wir in China. Da laufen die Chinesen herum, und die sind so gelb, daß ihre Köpfe aussehen wie Citronen, und die Augen darin sind so klein wie kleine, schwarze Rosinen. Jetzt kommen wir an die große Mauer. Und auf der großen Mauer da laufen immerfort die Wächter auf und ab und lassen Niemanden heraus und Niemanden hinein, wenn er nicht die Parole weiß. Und die Parole, die heißt: ›Plumpudding‹.«

Und jedesmal, wenn der Schnudri das hörte, wurde er ganz schwach vor Lachen und drückte seinen Kopf und sein Gesicht an den Bruder und stöhnte zuletzt, weil er nicht mehr lachen konnte: »Oh – oh – oh!«

»Und weil wir die Parole gewußt haben,« erzählte der Andere weiter, »sind wir durch die große Mauer durchgekommen, und jetzt sind wir in einem Wald, der ist so groß, daß er gar kein Ende hat; so groß wie ganz Asien. Und in dem Walde sind alle Thiere, die man sich nur denken kann: Löwen und Tiger, Hirsche und Rehe, Elephanten und Giraffen, und dann noch eines, das ist das merkwürdigste von allen, ein Thier, das es sonst gar nicht weiter giebt, das Einhorn.« Und jedesmal, wenn der Kleine von dem Einhorn hörte, machte er ganz große Augen und hörte ganz lautlos zu. Und der Andere beschrieb es ihm dann so genau, als hätte er es eben erst gesehen: »Das ist ein Thier ungefähr wie ein Pferd und ganz weiß. Aber nicht wie ein Schimmel so weiß, sondern viel weißer noch, wie es sich gar nicht beschreiben läßt. Auf der Stirn hat es ein Horn, aber nicht ein so krummes wie das Nashorn eins hat, sondern ganz grade und lang und so spitz wie eine Lanze. Von seinen vier Hufen ist der eine von Gold, der andere von Silber, der dritte ist so schwarz wie eine Steinkohle und der vierte wie einer von den blauen Steinen, wie Mama welche um den Hals trägt.« Unsere Mutter trug nämlich einen Halsschmuck von Amethysten.

Und das Alles sich auszudenken und zu erzählen, machte dem Anderen solches Vergnügen, daß er oft gar nicht aufhören konnte und es manchmal beinahe schon dunkel war, wenn sie von ihrem Baume herunter kletterten und alsdann – was hast Du, was kannst Du – machten, daß sie nach Hause kamen. Und mit dem Allen, was er gehört hatte, war der Kleine dann immer so voll geladen wie eine kleine Kanone, daß er es gar nicht aushielt, sondern losschießen mußte gegen irgend Jemanden. Das war dann gewöhnlich die Mutter. Auf die lief er mit ausgebreiteten Armen zu und prustete vor Lachen: »Mama, Mama, weißt Du, wie die Parole heißt, damit sie Einen durchlassen durch die große Mauer? ›Plumpudding! Plumpudding!‹«

Und weil die Mutter sich immer freute, wenn der Kleine vergnügt war, nahm sie ihn dann manchmal auf den Schoß und ließ sich noch mehr von ihm erzählen, und wenn sie dann hörte, was sich ihr Aeltester Alles ausgedacht hatte, schüttelte sie manchmal leise den Kopf und sah sich nach ihm um und lächelte. Das war dann jedesmal so merkwürdig anzusehen, halb traurig, halb freudig, aber Alles zusammen so sanft, so schön, so – so – Aber einmal wieder, als der Schnudri auf ihrem Schoße saß und ihr gerade erzählte, was er von dem Einhorn gehört hatte, da erschien der Vater auf der Schwelle von seinem Arbeitszimmer. Es hatte ihn Niemand kommen sehen, und erst als er plötzlich sagte: »Von wem hast Du denn all' das dumme Zeug?« da merkten wir, daß er da war.

Alsdann, wie der Kleine stumm wurde, wie er das immer wurde, wenn der Vater zu ihm sprach, faßte er ihn wieder unters Kinn und sagte: »Wer hat Dir denn das Alles erzählt, Hänschen?« Darauf drehte der Schnudri ganz ängstlich das Gesicht zu dem Bruder herum, und der Vater zuckte die Achseln, wie wenn er sagen wollte: »Na ja! – Das ist doch die Abgeschmacktheit in der Potenz,« sagte er darauf zu dem Anderen, »daß Du Deinem kleinen Bruder solchen Unsinn vorerzählst! Besser, als daß Du Dich mit Einhörnern und solchem Zeug abgiebst, wäre es, wenn Du Dich mit Deinen Rechnenaufgaben beschäftigtest. Deine Censur im Rechnen und Mathematik ist wieder einmal miserabel ausgefallen.«

Darin hatte er nun recht. Denn Mathematik, und was damit zusammenhing, wollte dem Jungen absolut nicht in den Kopf. Darum, als der Vater die Thür wieder hinter sich zugeworfen hatte, stand er wie vor den Kopf geschlagen da. Er schämte sich. Aber nicht darüber, daß er im Rechnen und Mathematik nichts taugte, sondern es war eine ganz andere Scham in ihm, eine viel tiefere, schlimmere. Wie ein heißes Feuer stieg sie in seinem Innern auf und ging ihm über den ganzen Leib, daß er feuerroth wurde von Kopf zu Füßen. Kein Feuer, das den Menschen erleuchtet, sondern im Gegentheil ein rauchiges, das Alles dunkel machte da drinnen. Und der Rauch, der sich damals in der Seele des Jungen entwickelte – wenn ich überlege – ganz hat er sich eigentlich nie wieder verzogen, bis heute, siebzig Jahre lang.

Denn das Schlimmste war, daß er eigentlich nicht sagen konnte, warum er sich schämte. Denn er war ja noch ein Kind. Zwar dem Kleinen gegenüber hieß er ja immer »der Große«. Aber er war noch nicht groß, war auch noch ein Kind.

Immer, wenn er dem kleinen Bruder erzählte von dem indischen Ocean, von dem großen Wald und dem Einhorn im Walde, war ihm das so gegenwärtig gewesen, daß er zuletzt gar nicht mehr fragte, ob es wahr sei oder nicht. Und weil das Alles so etwas ganz Anderes war als das, was er in der Schule zu lernen und zu arbeiten hatte, versteckte er es wie eine geheimnißvolle Sache, beinahe wie eine verbotene in sich. Nur dem kleinen Bruder erzählte er es, und dem band er es auf die Seele: »Du darfst Niemandem davon sagen, höchstens der Mama.«

Und nun war doch Alles an den Tag gekommen. Und im Augenblick, als es heraus kam, war auch gleich so hineingefahren worden. Alles war dummer Unsinn! Darum schämte er sich. Denn er war damals noch zu klein, um sich gegen den Verstand zur Wehr zu setzen, der ihm da gegenüber stand; er wußte damals noch nicht, daß gar nicht Alles Unsinn ist, was solch einem kalten, abstrakten Juristenverstande so erscheint.

Seine Erzählungen, das war ihm immer gewesen wie eine andere Welt, in der er sich vor seinem Vater versteckte und vor seinem Mathematiklehrer. Und nun war das Alles aufgedeckt und gab's kein Versteck mehr. Darum war der schwarze Rauch in ihm, von dem ich gesagt habe; und er grämte sich, grämte sich.

Zwar am nächsten Tage stieg er wieder mit dem kleinen Bruder auf den Baum, und als sie in der Cajüte saßen, wollte er wieder anfangen, zu erzählen. Im Augenblick aber, als er den Mund aufthat, war es ihm, als hörte er das von gestern: »Das ist ja die Abgeschmacktheit in der Potenz« – ganz deutlich, mit dem kalten, verächtlichen, gräßlichen Ton – und das Wort brach ihm vom Munde ab; er sah nichts mehr vom indischen Ocean und vom Wald und vom Einhorn, sondern nur noch die graue Schiefertafel zu Hause, wo er ein Exempel zu rechnen hatte. Und als der kleine Bruder ganz schüchtern fragte: »Fahren wir denn heute nicht?« sagte er kurz und wild: »Nein – kann nicht mehr,« und stieg vom Baum hinunter, der Kleine ganz stumm hinter drein, und ging mit ihm nach Hause und sprach auf dem ganzen Wege kein Wort, denn in seinem Herzen war die Verzweiflung.

Und an dem Allen – daß das Alles so gekommen war, das hatte ihm doch eigentlich der kleine Bruder angerichtet. Zwar, wenn er gerecht gewesen wäre, hätte er sich ja sagen müssen, daß der Kleine gar nicht schuld daran war. Der Mama hatte er es erzählt, und das hatte er ihm ja selbst erlaubt, und hatte nicht gemerkt, daß der Vater hinzugekommen war. Weil er sich vor Freude gar nicht zu lassen vermochte, hatte er Alles ausgeschwatzt, aus lauter Bewunderung. Das Alles hätte er sich sagen müssen, wenn er gerecht gewesen wäre. Aber er war nicht gerecht. Er hatte vom Vater das Temperament geerbt, das böse, heftige, während der Kleine sanft war, wie die Mutter. Darum wurde Alles stumm in ihm, was da zum Guten reden wollte, und nur der Groll blieb lebendig, der finstere, verstockte. Der kleine Bruder war doch an Allem schuld. Und von dem Tage an nistete sich in seinem Herzen etwas ein, etwas Schreckliches, so eine Art von Haß gegen den kleinen Bruder.

Eine Art von Haß, mit Neid vermischt. Denn was er schon lange dunkel gefühlt hatte, das wurde ihm nun immer deutlicher: daß der Kleine dem Vater lieber war als er. Vielleicht eben, weil der Vater in ihm das nämliche Temperament spürte, wie in sich selbst, das ihm wahrscheinlich böse Stunden bereitete, von denen er Niemandem etwas sagte; während der Kleine, wie ich schon gesagt habe, ganz das sanfte, liebe Temperament von der Mutter hatte. Auch in der Schule war der Kleine ganz anders als der Andere; ein viel besseres Lern-Kind; schrieb eine viel sauberere Handschrift, rechnete viel besser, ja sogar sehr gut; brachte auch immer sehr gute Censuren nach Hause. War mit seiner Kleidung viel ordentlicher, überhaupt in Allem viel gründlicher, so daß es eigentlich gar nicht zu verwundern war, daß der Vater ihn lieber mochte als den Andern.

Aber das ist eben das Leiden in den Kindern, daß sie keine Vernunftgründe haben, um ihrem Gefühle aufzuhelfen, wenn es verwundet wird. Und darum – wer ein Kind in seinem Gefühle verwundet, der begeht ein Verbrechen – ein – ein –

Und darum, weil der Junge fühlte, daß sein Vater häßlich gegen ihn war und lieblos, fing er an, seinen Vater zu hassen. Und in dem Vater auch den kleinen Bruder, den der Vater mehr liebte als ihn. Darum, wenn der Kleine mit ihm spazieren ging und mit ihm spielen wollte, sagte er bei sich: »So – also? Zu Hause bist du schon der Verzug und Hahn im Korbe, und nun bin ich Dir gut dazu, daß ich Dir auch noch zu Gefallen sein soll?« Und dann, wenn der kleine Bruder nach seiner Hand griff und sich daran hängen wollte, zog er die Hand zurück und gab sie ihm nicht. Wenn der Kleine mit den stummen Augen zu ihm aufsah, ob er ihn nicht wieder einmal »Schnudri« nennen würde, nannte er ihn »Hans«, und wenn er wartete und lauschte, ob sie nicht wieder einmal auf den Baum und in die Cajüte steigen und durch die Welt reisen würden, biß er die Zähne auf einander und spielte nicht und erzählte ihm nichts.

Und nun weiß ich nicht, ob der arme, kleine Junge sich dessen bewußt war, was in der Seele des Bruders vorging; aber das Eine weiß ich, daß er stiller wurde und trauriger von einem Tage zum andern. Er war ja krank, und solche kranken Kinder – das ist ja, als wenn sie schon vom jenseitigen Licht etwas in den Augen hätten, daß sie wie kleine Hellseher Dinge sehen, allen Erwachsenen verborgen. Wohl möglich darum, daß er wohl geahnt hat, was für ein Wurm an dem Herzen des Bruders fraß. Und wenn er es gefühlt hat, was muß sie dann gelitten haben, die arme, stumme Seele, die kleine! Da er doch fühlte, daß er nicht schuld war und nicht ändern konnte, nicht helfen!

Damals habe ich erfahren, daß die Seelen der Menschen einander ansehen können, ohne daß sie die Augen, mit einander sprechen können, ohne daß sie den Mund brauchen; habe erfahren, daß der Mensch für den Nebenmenschen ein Kraut ist, an dem er sich das Leben essen kann – oder den Tod.

Ja, es gibt solche Seelen, in deren Nähe wir aufblühen; und was man die großen Menschen nennt, sind eben solche, an deren Seele tausende aufblühen, während an dem gewöhnlichen Menschen nur eine oder ein paar. Und es giebt dagegen Seelen, von denen der eisige Frost zu uns herüberweht, so daß wir an ihnen verkommen und verwelken. Und so ist es damals gewesen, daß der kleine Junge verwelkt ist an der Seele seines Bruders, neben der er herging wie ein armer, kleiner Bettler, weil er sie brauchte, und die der Andere vor ihm zuschloß wie ein hartherziger Schuft!

Ich habe das Leben kennen gelernt seitdem und Dinge verstehen gelernt, die ich damals nicht verstand. Ich habe es mir wiederholt, tausend und tausendmal, daß er krank war, der Kleine, und gestorben sein würde so wie so. Aber in der schlaflosen Nacht, in der schrecklich geheimnißvollen Stunde, wo uns die Dinge gegenüber treten, so, wie sie sind, wo kein Tageslärm die Stimme des Gewissens übertönt, und kein Sonnenlicht das Nachtgesicht der Reue verdunkelt, da ist das Bewußtsein über mich hergefallen und hat zu mir gesprochen: »Es ist nicht wahr, was Du Dir einredest. Er ist verwelkt und verkommen an Deinem bösen, finstern, harten Herzen, Dein kleiner Bruder, Dein armer, weicher, kleiner Bruder!« Und daß er mir das später ins Gesicht gesagt hat, der Mann – er – der Eishacker – so wie er mir Alles sagte, ins Gesicht hinein, ohne alle Rücksicht, das hat einen Riß zwischen uns gemacht, über den ich nicht wieder hinweg gekommen bin, hat mir mein Leben vergiftet; denn das Leben eines Menschen ist vergiftet, der in Feindschaft seines Vaters gedenkt.

Als nun die Eltern merkten, daß der Kleine immer blässer wurde und immer elender, da natürlich schlossen sie ihn immer zärtlicher in ihr Herz. Und weil sie anfingen, sich um ihn zu sorgen, so forschten sie nach, woher es kommen möchte, daß es so bergab mit ihm ging. Aber zunächst bekamen sie es nicht heraus, denn der kleine Junge sagte nichts. Allen Gram, den ihm der Bruder bereitete, verschloß er in seinem stummen Herzen, und davon wurde das kranke, kleine Herz natürlich noch kränker. Er wollte den Bruder nicht verrathen. Immer, wenn der Vater so hart zu dem Anderen sprach, dann sah man, wie der Kleine darunter litt, weil er doch den Bruder so lieb hatte. Dann zuckte es ihm durch den ganzen kleinen Körper, und sein Gesicht wurde ganz lang und sah gar nicht mehr wie ein Kindergesicht aus, sondern wie das eines alten Menschen. Und das war jedesmal ein so jämmerlicher Anblick, daß die Mutter es gar nicht mehr mit ansehen konnte; und darum kam es vor, wenn der Vater so heftig, beinahe wüthend gegen den Anderen losfuhr, daß sie aufstand und sagte: »Aber Graumann« – denn das war merkwürdig, daß sie ihn nie beim Vornamen nannte –, »aber Graumann, denk doch an Hänschen! Sieh doch Hänschen an!« Und dann brach der Vater in seinem Strafgericht ab und nahm Hänschen unters Kinn und streichelte ihn und ging hinaus. Aber dem Anderen gönnte er darum doch kein gutes Wort, so daß alsdann die Mutter aufstand und den Kopf des Anderen in ihre Arme nahm und ihn küßte. Und dabei weinte sie – weinte, – denn sie fühlte, was sich da anspann zwischen Vater und Kind; daß das etwas Böses, etwas Schreckliches war. Und von da an wurde auch die Mutter immer stiller und immer trauriger.

Eines Tages aber, als der Kleine mit der Mutter allein war, muß ihm doch das Herz übergegangen sein, und er muß der Mutter erzählt haben, wie es zwischen ihm und dem Bruder stand. Und ob der Vater wieder dazu gekommen ist – ich weiß es nicht – aber soviel ist sicher, er hatte es auch erfahren. Und sobald er es erfahren hatte, muß ihm gleich die Wuth zu Kopfe gestiegen sein, denn mit einer Stimme, daß das ganze Haus erdröhnte, rief er den Anderen herein. Und wie der nun vor ihm stand und ihn nicht ansah, weil er ihn nicht mehr ansehen konnte, sondern den Kopf zur Erde senkte, da muß er sich jedenfalls gedacht haben, daß es ein böser, schlechter, verstockter Bube sei, mit dem man nicht anders sprechen dürfe, als mit äußerster Strenge. Und vielleicht, wenn er in dem Augenblicke sanft und freundlich zu ihm gesprochen und ihm vorgestellt hätte, wie unrecht das war, was er an dem kleinen Bruder that, vielleicht, daß dann Alles geschmolzen wäre, was sich in der verrauchten Seele zu verhärten angefangen hatte, daß Alles noch gut geworden wäre; aber statt dessen ging es gleich in einem Tone los, als wäre jedes Wort ein Peitschenhieb gewesen, der den Jungen zusammenhauen sollte. »Und jetzt auf der Stelle gehst Du mit Deinem kleinen Bruder! Und gehst ordentlich, langsam mit ihm spazieren! Und wenn Ihr nachher nach Hause kommt, erkundige ich mich. Und wenn Du's anders gemacht hast, sprechen wir uns anders!«

Und damit wies er uns hinaus. Und ich mußte den Schnudri an der Hand nehmen, und die kleine, magere Hand zitterte in der meinigen. Sie zitterte! Die Hand des Brüderchens zitterte in des Bruders Hand! Und der Bruder fühlte es, er sah die eingefallenen Wangen und die Augen darüber, mit dem hohlen Blick. Und in seinem Herzen war keine Mahnerstimme, die ihn warnte, vorsichtig zu sein mit dem gebrechlichen, kleinen Geschöpf, in seiner Seele kein Mitleid, kein Erbarmen, sondern nur Gefühl für das eigene Leid und die eigene Beschimpfung und die eigene Kränkung. Und jetzt hatte er es ja vor Augen, daß es der kleine Bruder gewesen war, der ihm das eingerührt hatte. Darum gewann der Teufel Macht über ihn, und in seiner verwilderten Seele stieg ein scheußlicher Gedanke auf: Rache! Er nahm den kleinen Wagen mit, den sie brauchten, wenn sie »Post und Reise« spielten, und sprach kein Wort, und der Kleine ging lautlos neben ihm her. Als sie ins Feld hinaus gekommen waren, sagte er: »Wir wollen Post und Reise spielen, setz' Dich ein«. Und obwohl man dem Kleinen ansah, daß er sich fürchtete, wirklich fürchtete, that er doch ganz gehorsam, was ihm der Andere befohlen hatte, und setzte sich still in das Wägelchen. Nur mit den Händen hielt er sich fest an den Seiten des Wagens, beinahe krampfhaft. Aber das hatte der Andere wohl bemerkt, die Canaille, und er dachte bei sich: »Das soll Dir doch nichts helfen«. Darauf nahm er die Deichsel des Wagens in die Hände und fing an zu laufen und den Wagen hinter sich her zu ziehen, immer schneller, immer toller, immer wilder. Und wie das so über Stock und Stein ging und gar nicht den gewohnten Weg, da fing der Kleine an zu merken, daß das gar kein Spiel mehr war wie früher, sondern ganz etwas Anderes; er fing an zu weinen und dann zu schreien, ganz laut, ganz kläglich. Aber der Andere that, als hörte er es nicht, und plötzlich an einer Stelle, wo der Kleine es sich nicht versah, mit einem Krach warf er den Wagen um, so daß der kleine Kerl hinausflog und mit Kopf und Gesicht auf die Erde schlug. Und so, mit dem Gesicht an der Erde, blieb er liegen, eine lange Zeit, eine merkwürdig lange Zeit, daß es fast unheimlich wurde. Und als er sich dann endlich aufrichtete, da hatte er eine dicke Beule an der Stirn. Denn an der Stelle, wo der Andere ihn umgeworfen hatte, lagen Steine, und auf einen davon war er mit der Stirn aufgeschlagen.

Als der Andere das sah, bekam er einen Schreck, und so niederträchtig er auch schon geworden war, so that ihm das Brüderchen in dem Augenblick doch leid. Darum wollte er ihm die Erde vom Gesicht abwischen und ihm gut zureden.

Aber inzwischen hatte sich der Kleine aufgesetzt und die Arme um die Beine geschlungen und den Kopf auf die Kniee gesenkt und schluchzte vor sich hin. Und wie der Bruder herantrat und ihn trösten wollte, schüttelte er den Kopf, als sollte er nicht kommen, sollte nicht kommen. Und wenn er in dem Augenblick aufgestanden wäre und dem Anderen eine Strafpredigt gehalten hätte wegen seiner Schändlichkeit, so wäre es nicht halb so schrecklich gewesen wie der kleine, stumme Kopf, der immer hin und her ging, hin und her, so traurig, als wären die Gedanken darin so trostlos gewesen, daß kein Mund sie aussprechen konnte. Darum blieb der Andere stehen, wo er stand, und getraute sich kein Wort zu sagen und wartete, bis daß der Kleine von selbst aufstand und anfing, nach Hause zu gehen. Und auf dem Nachhauseweg gingen sie neben einander her; der Kleine faßte nicht nach der Hand des Bruders, sah nicht zu ihm auf, und der Andere sah nicht zu ihm hin, und das Schweigen, das zwischen den Brüdern war, redete eine Sprache – eine Sprache –

Zu Hause natürlich wurde die Beule sogleich entdeckt, und es kam auch heraus, wie er zu der Beule gekommen war, und es dauerte nicht lange, so wußte auch der Vater, was geschehen war.

Und da zeigte es sich, wie das ist, wenn ein Mensch seine Leidenschaft immer hinunterschluckt, und die Leidenschaft eines Tages sich nicht mehr halten läßt, sondern herausbricht. Denn für gewöhnlich hatte er so kalte Augen und Züge wie von Stein. Aber an dem Tage, als er gehört hatte, was geschehen war, wurden die Augen – ganz gräßlich wurden sie, – die Glieder flogen ihm am Leibe, und wenn nicht in dem Augenblicke die Mutter dazwischen gefahren wäre – mit einem Schrei kam sie zwischen beide – so glaube ich, er hätte den Jungen am Halse genommen und erwürgt. Weil aber die Mutter dazwischen kam, blieb er stehen und wollte etwas sagen. Denn zuerst konnte er nicht sprechen, so furchtbar war die Aufregung in ihm und die Wuth. Und endlich sagte er: »Solch ein niederträchtiger Lümmel!« Und als der Junge das hörte und den Vater vor sich stehen sah und fühlte, wie der Vater ihn haßte, da kam etwas über ihn, – als wenn er verrückt geworden wäre in dem Augenblick – als wenn ein wildes Thier in seinem Leibe gesessen hätte und plötzlich heraus kam. Da vergaß er, daß der Mann ihm gegenüber sein Vater war, daß der Mann ein starker, erwachsener Mann war, der ihn mit einem Streich in Grund und Boden hätte schmettern können. Er hob beide Fäuste auf und ballte sie und stieß damit in die Luft nach dem Vater hin und schrie, – so laut er konnte, schrie er: »An dem Allen bist Du schuld! Du! Du! Ich habe eine Menge mit dem Schnudri gespielt. Und die Spiele haben ihm immer sehr gut gefallen. Und dann hast Du uns alle Spiele zu nichte gemacht. Und aus unserem Laden hast Du die Mandeln und Rosinen genommen. Und hast gesagt, ich wäre ein großer Bengel. Und hast sie an den Schnudri gegeben. Und was ich dem Schnudri erzählt habe von dem Einhorn in dem großen Walde, das wäre alles Unsinn, hast Du gesagt. Und darum kann ich ihm nichts mehr erzählen. Und weiß nicht mehr, was ich mit ihm spielen soll. Und daß das Alles so gekommen ist –«

In dem Augenblick aber stürzte sich die Mutter auf den Jungen. Wie eine Verzweifelte stürzte sie sich auf ihn und hielt ihm die Hände, beide weiche Hände, vor den Mund, – ja – es sind sechzig Jahre her, – und noch jetzt fühle ich, wie weich die Hände waren, die sie dem Jungen vor den Mund drückte. Und als der Junge die Hände an seinem Gesicht fühlte, fing er an zu weinen, zu heulen. Denn er fühlte, was er an dem kleinen Bruder gethan hatte, und fühlte, wie gräßlich das Alles war, daß er so sprach und schrie, und konnte sich doch nicht helfen, nicht helfen. Und als er so zu heulen anfing, drückte die Mutter seinen Kopf an sich, fest, als wenn sie ihn ersticken wollte mit seinem Weinen. Und ihren Shawl – denn es fror sie damals schon immer so, und darum trug sie auch in der Stube immer einen Shawl – ihren Shawl, den wickelte sie förmlich um dem Jungen seinen Kopf, als wenn sie ihn verstecken wollte. Vielleicht, weil es ihr graute, ihn anzusehen, vielleicht auch, weil sie ihn schützen wollte. Und zu dem Allen sprach sie kein Wort. Nur das Keuchen konnte ich hören, mit dem ihre Brust ging, als sie mich an sich drückte, so fest, so fest, so fest. Dann riß sie ihn fort, aus dem Zimmer hinaus. Als sie mit ihm auf den Flur gekommen war, ließ sie ihn los. Aber es war nicht, als wenn sie ihn freiwillig losließe, sondern die Arme fielen ihr herab, wie von selbst. Und auf dem Flur stand eine Bank. Auf die setzte sie sich. Aber es sah wieder nicht so aus, als ob sie sich freiwillig setzte, sondern als ob sie darauf niederfiele. Ihr Kopf fiel hinten über an die Wand. Sie machte beide Augen zu, ihr Gesicht wurde so blaß, als wenn gar kein Blut mehr darin gewesen wäre, und der Mund ging ihr halb auf, so daß sie aussah wie eine Todte. Als der Junge, der vor ihr stand und immer auf sie hinblickte, das sah, wollte er wieder anfangen zu schreien und zu heulen. Aber da that sie die Augen auf, riß sie auf, und die Augen waren so verstört, so verstört. Und wollte etwas sagen, konnte aber nicht sprechen, sondern winkte ihn heran. Und da kniete der Junge vor ihr nieder, zwischen ihren Knieen, und umfaßte ihre Kniee mit seinen beiden Armen. Und sie beugte sich auf seinen Kopf, legte die Hände auf seinen Kopf, faltete die Hände auf seinem Kopf. Auf die gefalteten Hände drückte sie das Gesicht. Und dann kam ihr das Weinen. Und so furchtbar weinte sie, so furchtbar, daß ihr ganzer Leib sich schüttelte und zuckte. Und während sie so weinte, sprach sie immer vor sich hin, sie murmelte nur, so daß der Junge nicht verstehen konnte, was sie sagte. Aber es klang, als wenn sie betete. Und sicherlich war es auch so; sicherlich hat sie in dem Augenblick gebetet für die Seele ihres Kindes, für die arme, verlorene Seele. Sicherlich hat sie vorausgesehen in dem Augenblick in die weite, weite Zukunft, in die Zeit, wo sie nicht mehr da sein würde, um ihm zu helfen, um die Einzige zu sein, die ihn noch liebte, und hat geahnt, was für eine Zeit das für ihn sein würde, was für ein Leben! Was für ein Leben!

Nachdem sie alsdann zu weinen aufgehört hatte, that sie die Hände vom Kopfe des Jungen und legte sie um sein Gesicht und zog seinen Kopf zu sich herauf, so daß sie ihm ins Ohr sprechen konnte, und dann sagte sie: »Weißt Du denn nicht mehr, was ich Dir gesagt habe? Daß Kindern, die nach ihren Eltern schlagen, die Hände aus dem Grabe wachsen? Wie konntest Du denn nur die Fäuste gegen den Papa erheben? Warum bist Du denn jetzt so? So häßlich und böse gegen Deinen kleinen Bruder? Siehst Du denn nicht, wie er sich grämt? Weil er Dich doch so lieb hat! Hänschen ist doch so schwach; also solltest Du doch doppelt gut zu ihm sein. Und statt dessen wirfst Du ihn mit dem Wagen um, so daß er sich Beulen an den Kopf schlägt. Weißt Du denn nicht, daß Du Deiner Mutter das Herz brichst, wenn Du so bist? Willst Du denn das? Hast Du denn Deine Mutter gar nicht ein bißchen lieb?«

Und indem sie so sprach, hielt sie den Kopf ihres Jungen an ihre weiche Brust gedrückt, ein so milder Hauch ging von ihr aus, von ihrem Kleide, ihrem Munde, ihrem ganzen Wesen, beinahe, wie ein Duft von Blumen, und doch noch anders, noch lieblicher, und indem der Junge die holde Luft athmete und ihre sanften, traurigen Worte hörte und daran dachte, wie er sie da eben hatte sitzen sehen, so blaß, beinahe als wenn sie todt gewesen wäre, und eine Ahnung ihm kam, daß das Alles, was er da umfaßt hielt, die Güte, die Liebe, die Mutter, daß ihm das Alles einmal verloren gehen könnte und er dann nichts mehr haben würde, nichts, da kam ihm die Reue, der Kummer, der Jammer, und all' der Neid, der sein Herz verbittert hatte, all' die Verstocktheit, die seine Seele verhärtet hatte, all' das Böse, Schlechte, Niederträchtige wurde noch einmal weich, und er wurde noch einmal wieder gut; denn von Haus aus war er nicht schlecht, war es nicht, – nur Fußtritte konnte er nicht vertragen. Darum, statt daß er vorhin geheult hatte, fing er jetzt an, bitterlich zu weinen, und küßte die Mutter ins Gesicht, immer wieder und noch einmal.

Und weil sie eine so feine Seele war, eine so kluge, eine, wie ich gesagt habe, daß die Menschen daran aufblühen und warm und lebendig werden, so mochte sie wohl fühlen, daß es jetzt nicht gut gewesen wäre, wenn sie dem Jungen noch mehr zusetzte, sondern daß es am besten war, wie es jetzt war. Darum streichelte sie ihm das Haar und küßte ihn und sagte nur: »Und morgen, nicht wahr, gehst Du wieder wie früher mit Hänschen? Und spielst mit ihm? Und bist gut zu ihm? Bist wieder mein lieber Junge?«

Und darauf nickte der Junge, – Alles wollte er thun, Alles.

Und alsdann ging sie in die Stube zurück und kam dann wieder heraus und führte den Kleinen an der Hand mit sich. Dem Kleinen hatten sie inzwischen, der Beule wegen, den Kopf verbunden; und wie das kleine Gesicht unter dem weißen Verbande beinahe verschwand, sah das so jämmerlich aus, so jämmerlich, daß der Andere wieder zu weinen anfing. Aber da sagte die Mutter: »Hör' nur jetzt auf zu weinen; morgen ist Hänschens Kopf wieder heil, und dann ist Alles wieder gut. Nicht wahr, Hänschen?« Darauf hing sich der Kleine an ihr Kleid und sah zu der Mutter auf und dann auf den Bruder und dann wieder auf die Mutter und sagte: »Post und Reise will ich nicht wieder spielen.« Und die Mutter drückte ihn an sich, ganz vorsichtig, daß sie ihm nicht wehe that, und sagte: »Nein, nein, er wird etwas Anderes mit Dir spielen. Ihr habt ja noch eine Menge anderer Spiele. Aber jetzt gebt Euch die Hände, gebt Euch die Hände.«

Aber da sah es so aus, als wenn der Kleine sich fürchtete, und es zuckte ihm durch den Leib, wie es immer geschah, wenn der Vater zu ihm sprach, vor dem er sich auch immer fürchtete. Darum nahm die Mutter seine kleine Hand in ihre Hand und winkte den Bruder heran und sagte: »Komm her und gib Hänschen die Hand und sag ihm, Du wirst ihm nie wieder weh thun.« Und unter Stocken und Schluchzen nahm der die Hand des Brüderchens und sprach nach, wie die Mutter ihn geheißen.

Alsdann so setzte sie sich auf die Bank, auf der sie vorhin gesessen hatte; den Schnudri nahm sie auf ihren Schoß, und den Anderen winkte sie heran, daß er sich zu ihr setzen sollte, an ihre andere Seite. Mit dem rechten Arme hielt sie den Kleinen an sich, den linken hatte sie um den Anderen geschlungen, und so saßen die Dreie, und keines sprach ein Wort, so daß eine tiefe Stille entstand. Und weil es schon Nachmittag gewesen war, als das Alles geschah, und im Flur noch kein Licht angezündet war, so wurde es immer dunkler. Und wie die Mutter so zwischen den beiden Brüdern, ihren Kindern saß, mit dem Kopfe zurückgelehnt an die Wand, immer vor sich hin denkend – wer weiß, was sie da Alles gedacht haben mag –, da schimmerte ihr Gesicht durch das Dunkel ganz weiß, fast schneeweiß, so daß es dem Jungen, indem er zu ihr aufblickte so erschien, als säße da ein Engel zwischen ihnen, wie er sich immer vorgestellt hatte, daß die Engel aussehen müßten, schneeweiß von Kopf zu Füßen und im ganzen Gesicht. Und endlich, nach einer langen Zeit seufzte sie auf, und das klang, als wenn sie fort gewesen wäre, weit fort, und nun zurück käme. Dann richtete sie den Kopf von der Wand auf, legte die rechte Hand auf den Kopf des Kleinen, die linke auf des Anderen Haupt und drückte sie zueinander, daß ihre Stirnen sich berührten, ganz leise, damit es dem Kleinen nicht weh' that, und auf die beiden Köpfe drückte sie die Lippen, so daß sie beide zugleich berührte, und dann sprach sie, mit einer Stimme, die ganz anders klang als gewöhnlich, so wunderbar, so tief: »Meine Kinder, meine Kinder, denkt daran, was der Herr Christus gesagt hat, der so gut war und ohne Neid – Menschen müssen nicht neidisch sein auf einander, alle Menschen müssen sich lieben. Aber Geschwister noch mehr als alle Anderen, die müssen sich noch mehr lieben. Und wenn Geschwister sich nicht lieb haben, kommen sie in die Hölle.«

So sagte sie. Und der Ton, mit dem sie das sagte, der war so wunderbar, so feierlich, daß mir in dem Augenblick war, als spräche Gott selber vom Himmel herab, so daß ich das Wort nie wieder vergessen konnte, sondern es behalten habe, sechzig Jahre lang, ein Leben lang. Und in den sechzig Jahren habe ich erfahren, daß es die Wahrheit gewesen ist, was sie damals sprach, die Wahrheit! die Wahrheit!

Von da an gingen die beiden Brüder wieder mit einander spazieren, neben einander und Hand in Hand, so daß es aussah wie früher. Aber es war doch nicht mehr, wie es früher gewesen war. Denn obgleich Keiner es dem Anderen sagte, so war es doch so: sie fürchteten sich vor einander. Der Kleine – das merkte man ihm an und daran konnte man sehen, was für eine feine Seele in dem Kinde war – der Kleine zwar wollte den Anderen vergessen machen, was geschehen war, und hing sich an seine Hand und bemühte sich beinahe, Unterhaltung zu machen, wenn er den Bruder so stumm vor sich hingehen sah. Aber wenn der Andere eine plötzliche Bewegung machte oder ein heftiges Wort sprach, dann zuckte er unwillkürlich zusammen, durch den ganzen Leib, wie er es früher nie gethan hatte. Und das Alles sah der Andere, und er merkte daran, daß der Kleine sich zwang, und daß im Grunde seiner Seele das Mißtrauen saß. Und darum war es ihm, als ginge in dem kleinen Bruder sein böses Gewissen neben ihm her, und er getraute sich nicht mehr, die Spiele mit ihm zu spielen, die sie früher gespielt hatten, weil er immer dachte, daß das Brüderchen sich vor ihm fürchten würde. Und an das Erzählen, wie früher in der Cajüte, dachte er schon gar nicht mehr; denn auf seiner Seele lag es jetzt immer wie eine Centnerlast, wie ein Alb.

Und trotz alledem – wenn damals – denn die Seele eines Menschen, in der es so hergegangen ist, die ist ja wie ein umgestürzter Acker, wo es nur darauf ankommt, was hineingesät wird – wenn damals ein Säemann gekommen wäre, ein kluger, wahrhaft kluger, herzenskluger, und die Saat gestreut hätte, aus der das Heil für die Menschen aufgeht, einzig und allein, Vergebung, Vergebung, Vergebung, statt des tauben, todten Zeugs, was so schöne Schulmeister-Namen hat, Zucht und Ordnung, heilsame Strenge, und wie es heißt – es hätte damals – auch damals noch, Alles – aber –

Und die Gelegenheit war eigentlich so günstig.

Denn dieses Alles, was ich da gesagt habe, hatte sich im Winter zugetragen, nicht allzu lange vor Weihnachten. Und jetzt rückte die Weihnachtszeit heran. Weihnachten aber, das ist eine so wunderbare Zeit. Da werden die Menschen ein paar Tage lang besser. Kinder, die krank gewesen sind, werden gesund, und Kinder, die nicht mehr kindlich gefühlt haben, lernen wieder fühlen, daß sie schließlich doch Alles nur durch die Eltern haben. Denn in der Zeit werden ihnen die Eltern heilig, weil sie mit dem Weihnachtsmann sich unterhalten, der doch eigentlich Niemand anders ist als der liebe Gott.

Und so, als der heilige Abend heranrückte, ging es auch den beiden Kindern, den verstörten. Die Erwartung und die Freude ging in ihren Herzen auf, wie ein Licht; erst nur leise, dann aber immer heller, zuletzt wie ein brennender Lichterbaum, der da drinnen angezündet war, lange vor dem wirklichen. Und vor dem Freudenlichte ging aller Schatten, alles Dunkle aus ihren Seelen, das da hinein gekommen war, und es war, als ob sie sich in dem hellen Lichte wieder fänden, daß der Aeltere den Schnudri wieder erkannte, und der Schnudri den Anderen.

Statt hinauszulaufen ins Feld, gingen sie jetzt durch die Straßen der Stadt spazieren. In den Straßen war es ja jetzt viel schöner, als da draußen. Da waren die vielen Läden mit den herrlich erleuchteten Schaufenstern, und in den Schaufenstern all' die wundervollen Sachen. Namentlich die Spielwaarenläden. Vor denen blieben die Beiden schier stundenlang stehen, und Einer machte den Anderen auf die einzelnen Herrlichkeiten aufmerksam. Und in ihren Köpfen machten sie sich förmlich ein Verzeichniß, so daß sie am nächsten Tage immer genau wußten, was alles neu hinzu gekommen war.

Da kam auch dem Aelteren die Lust wieder, sich Geschichten auszudenken und sie dem kleinen Bruder zu erzählen. Wenn sie eine Eisenbahn im Schaufenster stehen sahen, setzte er sich mit dem Schnudri im Geiste hinein, und dann fuhren sie, fuhren immer durch ungeheuer lange Tunnels, wo es pechrabenschwarze Nacht drin war, so daß den Kleinen das Gruseln ankam und er sich an dem Bruder drückte. Oder durch alle Hauptstädte der Welt. Und wenn sie nach Paris kamen, fuhren sie gleich bei einem »ganz berühmten« Hotel vor, wo sie sich ein Mittagessen von mindestens zwanzig Gerichten auftischen ließen. Und wenn sie alsdann nach Haus gingen, sagte der Schnudri: »Jetzt sieh nur, was ich für einen dicken Bauch gekriegt habe; so colossal haben wir in Paris in dem berühmten Hotel zu Mittag gegessen.« Dabei zeigte er auf seinen Leib, und der kleine Leib war so mager, so mager – denn obschon der Kleine jetzt wieder ganz vergnügt geworden war, wollte es doch körperlich gar nicht wieder mit ihm werden, aber auch gar nicht.

Und eines Tages, als sie wieder an die Spielwaarenläden kamen und vor das Schaufenster traten, thaten beide zu gleicher Zeit einen Schrei, ja geradezu einen Schrei, obschon sie sich gleich darauf Mühe gaben, ihre Aufregung zu unterdrücken; so ungeheuer war die Wirkung von dem gewesen, was sie da im Schaufenster angekommen sahen: das war nämlich eine Kürassieruniform, Küraß, Helm und Säbel, und sogar noch eine Trompete dazu. Wie das so vor ihnen hing und flimmerte und blitzte, da wurden beide ganz lautlos und standen, und standen, und endlich, wie betäubt, gingen sie nach Haus.

Zu Hause aber – wie das die Art des Kleinen war – lief der Kleine gleich wieder mit ausgebreiteten Armen auf die Mutter zu: »Mama! – Mama!« – Und dann kletterte er ihr auf den Schoß und erzählte ihr ins Ohr, was sie da gesehen hatten von der Kürassieruniform. Und dabei zitterte er vor Aufregung am ganzen Leibe, so daß die Mutter ihn wieder an sich drücken mußte und »rege Dich nicht so auf, Hänschen,« sagte, – »rege Dich nicht so auf.«

Am nächsten Nachmittage aber gingen die Eltern zusammen in die Stadt. Und da zog der Kleine den Anderen in die Ecke der Stube und flüsterte ihm zu: »Paß auf, was ich Dir sage, sie gehen und kaufen den Kürassiergeneral!« Denn daß die Uniform nur für einen General sein könnte, das stand für den Kleinen fest.

Und von dem Augenblick an wurde die Kürassieruniform geradezu der einzige Gedanke in den Köpfen der Beiden, so daß sie sogar des Nachts davon träumten. Der Aeltere aber faßte den Plan zu einem großartigen Spiele, und als er es dem Schnudri erzählte, wurde der ganz Feuer und Flamme.

Mit einigen von ihren Schulkameraden – natürlich sollten das nur ihre besten Freunde sein, und sie wurden auch gleich namentlich alle festgestellt – wollten sie sich am ersten oder zweiten Feiertag, je nachdem das Wetter sein würde, zusammenthun zu einem Spiel »Pascher und Grenzsoldat«. Sobald der Kleine das gehört hatte, fing er vor Entzücken an, auf einem Beine herumzutanzen. »Famos! Und Du bist der General von den Grenzsoldaten.«

Das hatte sich der Andere im Stillen auch schon so gedacht; denn die Kürassieruniform war ja, wie es schien, nur einmal vorhanden, also konnte nur Einer von ihnen beiden sie bekommen. Aber der Schnudri war doch eigentlich zu schwach dafür und zu klein, während er sich im Geiste schon sah, wie er mit geschwungenem Säbel durchs Feld galoppirte und seine Soldaten gegen die Pascher anführte. Und dem Schnudri leuchtete das auch gleich so ein, daß ihm gar kein anderer Gedanke kam, zumal doch der Andere es wieder gewesen war, von dem der Gedanke zu dem famosen Spiele ausging. Darum war das Einzige, was er sagte, nur, daß er fragte: »Bei welcher Partei soll ich denn aber sein? Pascher oder Grenzsoldat?« Worauf der Andere erwiderte: »Natürlich bist Du auch Grenzsoldat, und ich gebe Dir die Trompete, und dann bist Du der Trompeter von den Grenzsoldaten und galoppirst immer neben dem General.« Und wie der Kleine das hörte, wurde er ganz taumelig vor Freude, und galoppirte durch das Zimmer, legte die hohle Hand an den Mund und machte »tütü! tütü!«, als wäre es schon die Trompete. Und obschon die Trompete doch eigentlich nur etwas Jämmerliches war im Vergleich zu der ganzen herrlichen Kürassieruniform, die der Andere bekommen sollte, war der kleine Junge doch ganz zufrieden damit, und es schien ihm bloß ganz natürlich, daß der Andere die ganze Herrlichkeit bekam, und es war kein Hintergedanke in ihm, keine Bitterkeit, sondern in dem kleinen Leibe war ein Gemüth größer, als das manches Erwachsenen, in dem armen, kranken Körper eine Seele, so schön, so gesund, so rein, und ohne die Krankheit, an der die Menschen kranken, ohne Neid. Ohne Neid! Ohne Neid!

Und so rückte nun der heilige Abend immer näher, und es waren bis zu ihm nur noch wenige Tage, und täglich standen die Beiden vor dem Kalender und zählten, wie viel Tage noch dazwischen waren. Und der Aeltere sagte zu dem Schnudri: »Siehst Du,« sagte er, »das sind jetzt die kürzesten Tage vom ganzen Jahr. Weißt Du, warum sie so kurz sind? Weil sie wissen, daß sie eigentlich ganz überflüssig sind und dem heiligen Abend bloß den Weg vertreten. Darum machen sie, daß sie so schnell aus der Welt kommen als nur möglich.« Und wie der Schnudri an den Späßen des Anderen immer ein großes Vergnügen empfand, so auch an diesem. Darum lief er schnurstracks wieder zu der Mutter und wollte sich ausschütten vor Lachen: »Mama, jetzt gib mal Acht, weißt Du, wer ich bin? Einer von den kürzesten Tagen. Siehst Du, die sind so kurz – ›guten Morgen‹ sagen sie und dann gleich darauf ›gute Nacht.‹« Und damit machte er der Mutter eine Verbeugung und gleich darauf noch eine und lief davon. Aber es war merkwürdig – die Mutter, die sonst immer so froh dreinschaute, wenn sie ihr Kerlchen vergnügt sah, blieb heute ganz ernst, beinah traurig. Ja, es sah beinah so aus, als ob sie verweinte Augen hätte, so daß ich immer bei mir denken mußte, sie hätte da still in ihrem Zimmer über ihrer Arbeit gesessen und vor sich hin geweint. Worüber denn nur? Und dann fiel es mir ein, daß heute Morgen, bevor der Vater auf das Gericht ging, da hatte ich Vater und Mutter so laut mit einander sprechen hören, beinah heftig, als wenn sie sich zankten. Als die Thür aufging, und der Vater heraustrat, hatte ich noch die letzten Worte der Mutter gehört: »Doch nur jetzt nicht! Nur jetzt nicht!« Aber der Vater hatte sich nicht mehr umgesehen, sondern mit dem Hut auf dem Kopf war er davon gegangen, zum Hause hinaus, den Kopf so gesenkt und die Augen in die Erde gebohrt, was immer ein Zeichen war, daß irgend etwas wieder »abgeschmackt« in der Welt war, daß es in dem Bergwerke da drinnen brannte, brannte, brannte. Und ich weiß nicht – aber von dem Augenblick an legte es sich dem Jungen auf das Herz – wie ein Vorgefühl, eine Ahnung, wie etwas Schweres, das ihm das Herz erdrückte, so daß er sich gar nicht mehr freuen konnte, wie er sich bisher gefreut hatte.

Dann endlich, wie nun der Tag gekommen, an dem Abends beschert werden sollte, weil da die Kinder in das Zimmer nicht hineindurften, wo aufgebaut wurde, drückten sich die Beiden im Hause herum; der Kleine immer am Schlüsselloch, um in die Weihnachtsstube hineinzugucken, der Andere aber still in irgend einer Ecke. Darauf, als die Mutter aus dem Zimmer heraustrat, und als sie merkte, daß der Schnudri durch das Schlüsselloch geguckt hatte, drohte sie ihm mit dem Finger und lächelte. Aber es war ein so schwaches Lächeln, gar kein recht freudiges, sondern als ob traurige Gedanken dahinter ständen. Und wie sie den Anderen so dahinten stehen sah, in der Ecke, blieb sie stehen, als überlegte sie etwas, und dann ging sie hin zu ihm, legte den Arm um ihn und ging mit ihm hinaus, in ein anderes Zimmer, wo sie mit ihm allein war. Da ging sie mit ihm auf und ab, sagte erst gar nichts, und endlich fing sie an, und man hörte, wie schwer es ihr wurde.

»Heut ist nun Weihnachten,« sagte sie, »und das, was ich Euch neulich gesagt habe, als ich mit Euch auf der Bank saß, nicht wahr, das hast Du behalten? Daran wirst Du denken? Nicht wahr? Und mein lieber Junge sein? Daß Menschen nicht neidisch sein sollen auf einander? Und Hänschen ist noch so schwach; ein krankes kleines Kind. Und so einem armen kranken Kinde dem thut man doch gern etwas besonders Gutes an. Und das begreifen die Anderen. Nicht wahr?« Dann schwieg sie. Und es war, als wenn sie eigentlich noch mehr hätte sagen wollen, als ob sie aber nicht recht gewußt hätte, ob sie es sagen sollte. Beinah als wenn sie sich davor fürchtete. Und weil der Junge auch nicht wußte, was er erwidern sollte, so gingen sie noch eine Weile stumm mit einander auf und ab. Und dann blieb sie stehen, nahm seinen Kopf zwischen beide Hände und küßte ihn auf den Kopf. Ganz schwer drückte sie die Lippen darauf, und es war ein so langer, langer Kuß – beinah, wie wenn man Jemand küßt, den man vor einer schweren Gefahr weiß, oder von dem man Abschied nimmt. Ja – wie wenn sie Abschied nähme – so war es. Denn während ihm sonst immer zu Muthe war, als küßte ihn das Leben selbst, wenn die Mutter ihn küßte, ging es heute wie ein kalter Strom von ihren Lippen durch ihn hin, vom Kopf bis zu den Füßen.

Und nun endlich, als es dunkel geworden war, kam die Mutter und kleidete die Beiden zur Bescherung an, in ihre Sonntagssachen. Der Vater war im Zimmer geblieben, und aus dem Zimmer erscholl jetzt eine Klingel, was so viel heißen wollte als: »Jetzt könnt Ihr kommen.« Und die Klingel, die tönte so kurz, so grell und gar nicht wie eine freundliche Einladung, sondern wie ein Befehl. Darauf nahm die Mutter die Beiden an der Hand, und so mit ihnen ging sie hinein.

Als wir eintraten, war das ganze Zimmer ein Meer von Glanz. Alle Lichter brannten. Aber vor dem strahlenden Baume stand es wie ein Schatten; das war der Vater in seinem langen, schwarzen Gehrock. Er war ja von Natur lang und groß, heute aber sah es aus, als wäre er noch länger gewesen als gewöhnlich. Die Mutter ließ die Hände ihrer Jungen los und ging auf die andere Seite des Zimmers hinüber, die Beiden aber blieben auf der Schwelle, weil sie sahen, daß der Vater zwischen ihnen und dem Baume stehen blieb. Er wollte ihnen zuvor noch einige Worte sagen, und das that er denn auch. »Bevor Ihr an Eure Tische tretet,« sagte er, »wünsche ich, daß Ihr Euch überlegt, was Weihnachten bedeutet. Weihnachten bedeutet das Ende eines Jahres, und wenn ein Jahr zu Ende geht, sollte sich ein Jeder Rechenschaft geben, wie er sich im Laufe des Jahres verhalten hat, ob er Anlaß zur Zufriedenheit gegeben hat oder zur Unzufriedenheit. Und ob das Erstere oder das Letztere der Fall gewesen ist, das wird ein Jeder an dem erkennen, was er am Weihnachtsabend geschenkt bekommt. Und darnach möge dann ein Jeder sich für das nächste Jahre einrichten und ernste, feste Entschlüsse fassen, damit, wenn im abgelaufenen Jahre nicht Alles so gewesen ist, wie es hätte sein sollen, dieses im nächsten Jahre anders und besser wird.« Und während er beim Beginn seiner Ansprache die Beiden angesehen hatte, als spräche er zu beiden gemeinsam, richtete er die letzten Worte ganz ausschließlich an den Aelteren, an den Großen. Und unter seinen Worten stand der Junge mit gesenktem Haupt; die Worte gingen über ihn hin wie ein eisiger Strom, und trotz der Wärme, die von dem brennenden Baume kam, fing er an zu zittern, wie im Frost. Denn hinter all' dem Licht und dem Glanz stieg ihm die Erinnerung wieder auf an all' die schrecklichen Dinge, die da gewesen waren, die da untergetaucht waren unter der Erwartung, der Freude, und die nun wiederkamen, wie etwas, was immer da sein würde, vor dem es kein Entrinnen gab.

»Und nun kommt heran,« sagte der Vater, und damit trat er auf die Seite.

Im Augenblick aber, als er zur Seite trat und die Aussicht auf den Baum frei machte, kam ein Jubelschrei, als ob das ganze Zimmer bersten sollte. Von dem Schnudri kam das her, und es war geradezu merkwürdig, daß der Kleine so viel Kraft in der Lunge hatte, um solch einen Laut von sich zu geben. Unter dem Weihnachtsbaume flimmerte, funkelte und blitzte es; das war der Kürassiergeneral, Küraß, Helm und Säbel; auch die Trompete fehlte nicht, und das Alles lag auf dem Kleinen seinem Tische. Solch ein Entzücken nun wie damals an dem kleinen Jungen habe ich mein ganzes Leben lang bei keinem Menschen gesehen. »Der Kürassiergeneral,« schrie er, »der Kürassiergeneral!« Dann galoppirte er rund um die Stube, flog auf den Vater zu und kletterte an dem hinauf, lief auf die Mutter zu, sprang ihr auf den Schoß und küßte sie, wie nicht gescheidt. Und von der Mutter zu dem Bruder, den er mit seiner Umarmung anlief, als wenn er ihn umreißen wollte. Er hatte eben gar nicht an die Möglichkeit gedacht, daß er die Uniform bekommen könnte, darum war seine Ueberraschung so ungeheuer groß; der Andere würde sie bekommen, so hatte er gedacht. Und der Andere hatte sie nicht bekommen. Auf dessen Tisch lagen ein paar Bücher, die er für die Schule brauchte; auch eine Reisebeschreibung, eine vernünftige, in der vom Einhorne nichts stand, dann noch einige nützliche Gegenstände – und weiter nichts. Von Spielsachen nichts.

Und vor dem Tische stand er nun, und das weiße Tischtuch, das von den paar Büchern kaum zugedeckt wurde, sah ihn an wie ein blasses, weißes, leeres Gesicht, in dem nur eins zu lesen war: Vorwurf, Vorwurf. Er konnte sich kaum entschließen, eins der Bücher zu berühren. Endlich that er es doch, weil er den Blick des Vaters auf sich gerichtet sah, weil er sich fürchtete und sich schämte. Denn die schreckliche Scham von damals war wieder in ihm; das rauchige Feuer, das Alles dunkel in ihm machte, dunkel. Und unterdessen sah er, wie der kleine Bruder schier närrisch vor Freude herumtanzte. Und da kam ihm ein ganz sonderbares Gefühl, – als gehörte er gar nicht mehr mit dem kleinen Bruder zusammen, als wären sie gar nicht Brüder mehr, als wäre der Kleine das Kind seiner Eltern, er aber nicht mehr, sondern als wäre er ganz fern von dem Allen hier, ganz wo anders, ganz da draußen, ganz allein. All' diese Gedanken, all' diese Vorstellungen, das ging ihm durch den Kopf, als wenn schwarze Flügel ihm um die Ohren schlugen. Darum fühlte er zunächst kaum einen Kummer, überhaupt nichts Bestimmtes, sondern nur eine dumpfe Betäubung.

Und wie er so stand und gar nicht wußte, was er mit sich anfangen sollte, fühlte er, wie sich von hinten zwei Arme um ihn legten, das waren die Arme der Mutter, und wie sich ein Gesicht an sein Gesicht schob, das war wieder die Mutter, und sie flüsterte ihm ins Ohr, so leise, als ob Niemand außer ihm es hören sollte: »Du bist mein lieber Junge – das weißt Du – nicht wahr?« Aber er regte kein Glied, er konnte nicht, denn zum ersten Mal im Leben war ihm auch die Mutter fremd geworden, und nichts war in ihm als eine Angst und ein kaltes Grausen. Darum, als die Mutter ihm weiter sagte: »Komm mit mir, der Vater erwartet, daß Du Dich bedankst,« setzte er keinen Widerstand entgegen, sondern ließ sich führen, ganz willenlos, ganz mechanisch – ja – mechanisch – denn heute noch fühle ich, wie das war, als er die paar Schritte da hinüberging zu dem langen, schwarzen Mann in dem langen, schwarzen Rock. Wie wenn Einem die Füße eingeschlafen sind, so daß man sie gar nicht fühlt, sondern immer denkt, sie müßten unten Einem abbrechen wie Stücke Holz, so war das.

Der Vater hatte sich in den Armstuhl gesetzt und die Zeitung vorgenommen. Als nun die Mutter mit dem Jungen zu ihm herantrat, ließ er die Augen nicht von der Zeitung, drehte sich auch nicht herum, sondern sagte nur: »Nun?« Darauf sagte die Mutter für mich: »Er will sich bedanken.« Der Vater las in seiner Zeitung weiter und zuckte mit den Achseln, und das sah so aus, als wollte er sagen: »Das glaube ein Anderer.« Alsdann, nach einiger Zeit ließ er die Zeitung sinken, wandte sich herum und sagte: »Daß Du im Rechnen kein Held bist, brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen. Trotzdem, was ein Defizit ist, das wirst Du doch wohl wissen? Und dann wird es Dir auch klar sein, daß dieses Jahr mit einem gehörigen Defizit abschließt. Laß Dir das jetzt als eine heilsame Lehre dienen für das kommende Jahr und sorge dafür, daß das nächste Jahr besser abschließt.« Und nachdem er das gesagt hatte, nahm er seine Zeitung wieder auf und fing an, weiter zu lesen. Der Junge aber, als er hörte, daß der Vater nicht weiter sprach, richtete das Haupt auf, das er bis dahin gesenkt gehabt hatte, und als er sah, daß der Vater ihn nicht mehr ansah, sah er ihn von der Seite an, und da war es ihm, als ob es nie auf Erden ein menschliches Wesen geben würde, vor dem er solches Entsetzen empfände wie vor dem Manne, der da saß, und der sein Vater war. Darum, ganz still ging er in eine Ecke, hinter dem Baume, und setzte sich dort hin und sah auf den Lichterbaum und in der Stube umher und auf die Menschen da vorn, und es kam ihm vor, als wäre das eine ganz andere Stube als früher, als wären das Menschen, die er gar nicht kannte, und als wäre das Alles, was er erlebte, ein gräßlicher, gräßlicher Traum.

Von seiner Ecke aus sah er dann, wie die Eltern dem Schnudri den Küraß anlegten, den Säbel umschnallten und den Helm aufsetzten. Aber der Körper des kleinen Jungen war viel zu mager und dürftig für die Sachen, so daß sie ihm alle nicht paßten. Der Helm rutschte ihm beinahe über das kleine Gesicht, der Küraß und das Säbelkoppel waren zu weit; die Sachen waren eben auf einen größeren Jungen berechnet. Und als er sah, daß der Kleine ein betrübtes Gesicht machte, freute er sich. Den Kummer des kleinen Bruder zu sehen, das war an dem heiligen Abend seine Weihnachtsfreude.

Aber die Mutter wußte der Sache abzuhelfen. Sie holte rasch ein paar alte Zeitungen herbei, stopfte davon einen Ballen in den Helm, ein paar Ballen unter den Küraß, dann holte sie einen Hammer und einen runden Nagel und schlug damit noch ein paar Löcher in den Riemen des Säbelkoppels und als nun die Sachen dem Schnudri wieder anprobirt wurden, saß Alles wie angegossen, und der kleine Kerl stand mitten im Zimmer und strahlte vor Wonne und Vergnügen, daß sein Gesicht fast noch heller glänzte als der Küraß, in dem die Lichter spiegelten. Und wie er da stand – unterm Weihnachtsbaum – so froh, so glücklich, ohne eine Ahnung, daß Jemand es ihm mißgönnen könnte, weil er selbst von Neid nichts wußte, so sehe ich ihn stehen, immer noch, heute noch, nach sechzig Jahren noch, den Kleinen, das Brüderchen, dem er seine Freude nicht gönnte, – seine unschuldige Freude, die auch seine letzte sein sollte – in seinem armen, kleinen unschuldigen Leben – der Andere – die Canaille, der Satan, der Hund!

Und bis dahin war der Kleine so von der eigenen Freude erfüllt gewesen, daß er noch an gar nichts Anderes hatte denken können. Erst nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte, fiel ihm der Bruder wieder ein, und er ging an dessen Tisch, um zu sehen, was der Schönes bekommen hatte. Und als er vor dem Tische stand und sah, wie traurig der aussah, wurde er ganz still, und sein Gesicht wieder ganz alt, und über den Tisch hin blickte er in die Ecke, hinter dem Baume, wo er den Anderen sitzen sah. Da wurde er ganz rathlos; das konnte man an seinem Gesichte wahrnehmen. Es fiel ihm ein, was zwischen ihm und dem Bruder verabredet worden war, daß sie mit den Schulkameraden »Pascher und Grenzer« spielen wollten, und daß der Andere der General hatte sein sollen – und nun war es so gekommen, und das Alles war doch nicht mehr möglich.

Was sollte denn nun werden? Er wußte sich keinen Rath. Er grämte sich für den Bruder – das sah man ihm an. Daneben aber konnte er doch die Freude nicht unterdrücken, daß er die Uniform bekommen hatte – das sah man ihm auch an. Und plötzlich, weil er den Drang fühlte, irgend etwas zu thun, trat er hinter den Baum, zu dem Bruder, und ohne ein Wort zu sagen, bot er ihm die Trompete an, die er in Händen trug. Die wollte er ihm schenken; so hatte er doch etwas. Und nun war das ja von dem Kleinen so gut gemeint, wie nur möglich, aber es kam zur unrechten Zeit. Denn dem Anderen, der auch daran gedacht hatte, wie er als General den Kleinen zu seinem Trompeter hatte machen wollen, und der schon zu den Schulkameraden geprahlt hatte, wie er morgen als Kürassiergeneral erscheinen würde, kam es vor wie eine furchtbare Beschimpfung, daß er nun vorlieb nehmen sollte mit dem elenden Ding da, der Trompete. Wie ein Almosen erschien es ihm, das der Kleine, der Alles bekommen hatte, ihm hinwarf, wie einem Bettler. Darum, als der kleine Bruder ihm die Trompete hinhielt, riß er sie ihm aus der Hand, – wie ein böser Affe riß er sie ihm aus der Hand. In seinem Herzen war eine Wuth, ein Haß und ein Neid – mit beiden Händen packte er die Trompete, um sie zu zerbrechen, und weil er sie nicht zerbrechen konnte, verbog er sie, so daß sie einen Knick bekam und nicht mehr zu gebrauchen war. Das Alles geschah ganz lautlos, so daß die Eltern nichts davon hörten und sahen. Nur der kleine Bruder sah es, und der wurde leichenblaß, als er es sah, und wollte aufschreien. In dem Augenblick aber kam dem Anderen das Bewußtsein, was er gethan hatte, und die erbärmliche Angst vor dem Manne im langen, schwarzen Rock, und unwillkürlich sah er hinüber, wo der saß, ob der auch nichts gesehen hätte. Und als der kleine Bruder den Blick gewahrte, schluckte er den Schrei hinunter, den er hatte thun wollen. – Solch ein Kind war das! Solch eine Seele war in dem kleinen Kind! Schluckte den Schrei hinunter, schluckte Alles hinunter, Schreck, Kummer, Jammer und blieb ganz still, ganz lautlos, und nahm die verbogene Trompete rasch wieder an sich und stopfte sie irgendwohin, versteckte sie, daß Niemand sie finden, Niemand sehen sollte, was der Andere gethan hatte, Niemand den Bruder strafen sollte! Nur sprechen konnte er an dem Abend mit dem Bruder nicht mehr, kein Wort, kein Wort. Mit dem Bruder nicht mehr, und überhaupt mit Niemand mehr, sondern er wurde ganz still; lachte nicht mehr und freute sich nicht mehr, und so blaß, wie er in dem Augenblick geworden war, als der Andere ihm die Trompete verbog, so blieb er den ganzen Abend. Nur von Zeit zu Zeit sah er nach der Ecke hin, wo der Bruder war, und immer, wenn er es that, war eine Angst in seinen Augen, eine Angst –

Und, wie gesagt, das blieb den ganzen Abend so, ja, es wurde eigentlich immer schlimmer. Wie ein armes, kleines Thier, das den Raubvogel über seinem Kopfe sieht, oder irgend etwas Schreckliches wittert, das nach ihm blinzelt, so war es mit dem Kinde, so daß er am ganzen Leibe zitterte, als die Mutter ihm sagte: »Jetzt, Hänschen, denk' ich, gehen wir zu Bett!« Und als sie ihm den Helm abnahm und den Küraß und den Säbel, fing er plötzlich an, lautlos zu weinen. Lautlos, wie solche kranke Kinder weinen. Und als die Mutter ihn an sich drückte und fragte: »Warum weinst Du denn, Hänschen?« sagte er: »Aber morgen gehört sie mir doch wieder?« Darauf lächelte die Mutter, und als sie fühlte, wie er zitterte, setzte sie sich und nahm ihn auf den Schoß: »Wem soll sie denn sonst gehören? Freilich doch gehört sie Dir. Meinst Du denn, es wird Jemand kommen, sie Dir wegnehmen?« Und so etwas Aehnliches war es gewiß, was er meinte; aber er sagte es nicht, sondern drückte seinen kleinen Kopf an die Mutter, und allmählich hörte er auf, zu weinen.

In der Nacht aber – die Brüder schliefen nämlich in einem und demselben Zimmer, und für gewöhnlich schliefen sie ein, sobald sie sich hingelegt hatten – in dieser Nacht aber konnte der Andere nicht einschlafen, weil ihn die bösen Gedanken wach hielten. Und wie er so wach dalag, merkte er, daß auch der Kleine nicht schlief, sondern es war, als wenn er immerfort lauschte und horchte. Als wenn er immerfort in Angst gewesen wäre, daß plötzlich etwas Schreckliches geschehen würde, daß Jemand kommen und ihm seine Uniform wegnehmen würde, so war es. Und als es ganz tief in der Nacht und im Hause Alles ganz still war, da muß in dem Weihnachtszimmer irgend eine Thür aufgestanden und zugeklappt, oder irgend etwas gefallen sein, – es kam von dem Weihnachtszimmer ein Geräusch.

Im Augenblick also, wie das Geräusch kam, war der Kleine in seinem Bette auf und aus dem Bette heraus, und so, wie er war, im Hemd und ohne Schuh und Strümpfe, lief er aus dem Schlafzimmer hinaus, auf den dunklen, kalten Flur hinaus und in das Weihnachtszimmer hinüber. Gleich darauf kam er dann wieder, und wie er ging, klipperte und klapperte etwas, und da war es der Helm, der Küraß, der Säbel, die ganze Kürassieruniform, die er mit sich schleppte und die er auf sein Bett legte und zu sich unter die Decke nahm, als wenn er gemeint hätte, daß er anders nicht sicher gewesen wäre und doch Jemand kommen und sie ihm fortnehmen würde.

Und dieses Alles machte er so leise, als er nur konnte. Kaum einen Laut gab er von sich. Nur als er wieder in sein Bette kroch, konnte man hören, wie es ihn schauderte und fror, daß ihm die Zähne im Munde klapperten. Und dieses Alles hörte der Andere, und weil das Laternenlicht von der Straße ins Zimmer schien, konnte er es auch sehen. Und auch er gab keinen Laut von sich. Unter seiner Decke lag er zusammengeringelt wie ein böses Thier, und Alles, was er dachte, war nur, daß es kindisch war, was der Kleine that, kindisch und lächerlich. Und wenn er voraus hätte sehen können in die Zukunft, so würde er gewußt haben, daß einmal eine Zeit kommen würde, wo er sein halbes Leben dafür hingegeben hätte, wenn er in der Nacht aufgestanden wäre und dem kleinen Bruder gesagt hätte: »Fürchte Dich nicht! Ich will Dir Deine Sachen nicht nehmen. Und wenn Du Dich vor mir nicht zu fürchten brauchst, brauchst Du es vor keinem Anderen. Denn alle Anderen gönnen Dir ja Deine Freude.« Aber er kam nicht und sagte nichts, sondern in seinem Herzen war nur der giftige Neid, als er sah, wie der Kleine das Alles zu sich ins Bett nahm, wonach er verlangt hatte, weil es dem Kleinen gehörte und nicht ihm, dem Anderen.

Darauf nun, am nächsten Tage, was der erste Weihnachtsfeiertag war, kamen die Schulkameraden, mit denen sie sich verabredet hatten, daß sie zusammen »Pascher und Grenzer« spielen wollten. Der Schnudri hatte seine Kürassieruniform angelegt, denn es machte ihn doch ungeheuer stolz, sich so zeigen zu können. Für den Anderen aber, als er sah, wie die Jungen sich erstaunten, als sie den Kleinen mit der Uniform sahen und nicht ihn, für den war das ein fürchterlicher Augenblick. Sie fragten ihn ja nicht geradezu, aber er las es doch in ihren Augen: »Warum hast denn Du sie nicht gekriegt?« Erklären konnte er ja nichts; dazu hätte er Dinge erklären müssen, die er selbst kaum verstand. Darum, wie nun ein allgemeines, verlegenes Schweigen entstand, ging ihm wieder die Scham über den Leib, vom Kopf bis zu Füßen, daß er blutroth wurde. Ihm war, als wenn man ihn mit der Faust auf den Kopf geschlagen hätte, so daß er den Kopf gar nicht erheben konnte. Und so zogen sie denn ins Feld hinaus und waren alle ganz still.

Als sie hinausgekommen waren, blieben sie alle stehen, als wenn sie sich berathen wollten, aber Niemand wußte etwas zu sagen. Alle sahen auf die beiden Brüder, namentlich den Aelteren, was der sagen würde, weil er es doch immer war, der bei den Spielen Alles angab; aber weil der nichts sagte, sagte auch kein Anderer etwas.

Endlich fragte Einer: »Aber, wer soll denn nun General sein?« Darauf zeigte der Aeltere auf den Kleinen und sagte: »Na, wer? – Da steht er ja.« Das sagte er aber nicht in gutem Sinne, sondern aus Bosheit, weil es ihm wie ein Hohn vorkam, daß der Kleine der Anführer sein sollte und weil er wußte, daß die Anderen es auch so aufnehmen würden. Und so war es auch. Denn der Schnudri war ja beinah der kleinste und schwächste von Allen. Darum erschien es den übrigen Jungen wie eine Beleidigung, daß er sie kommandiren sollte. Und außerdem erschien es ihnen überhaupt ungerecht, daß er solch eine schöne Uniform bekommen sollte. Denn unter den Jungen war es eine allgemeine Ansicht, daß der Kleine ein verzogenes Muttersöhnchen wäre, weil sie doch nicht wußten, daß er krank war. Oder, wenn sie es gewußt hätten, würden sie vermuthlich doch keine Rücksicht darauf genommen haben. Denn darin sind ja die Jungen wie die Thiere in einer Herde; wird ein Stück krank, so gehört es nicht mehr zu ihnen. Aber Rücksicht darauf nehmen – das giebt es nicht.

Darum, als der Andere gesagt hatte: »Da steht er ja«, wurde ein allgemeines Gemurmel unter den Jungen, und der Eine, der vorhin gefragt hatte, sagte: »Na, das wäre mir auch ein schöner General.« Und wie er das gesagt hatte, wurde aus dem Gemurre ein allgemeines Gejohle, und der Kleine stand ganz verdonnert mitten unter den Anderen, weil er merkte, daß sie alle gegen ihn waren, und weil er doch auch fühlte, daß er zu schwach war, um sie anzuführen. Und wie er so dastand und den Kopf hängen ließ, trat Einer auf ihn zu und sagte: »Weißt Du, was Du thun solltest? Deine Uniform solltest Du ausziehen, und sie Deinem Bruder geben; denn für den paßt sie doch viel besser als wie für Dich.« Darauf stimmten alle die Uebrigen mit »ja! ja!« dem bei. Der Kleine aber verzog das Gesicht, als wenn er zu weinen anfangen wollte, und drückte die Hände über der Brust zusammen, wie um seinen Küraß fest zu halten, weil er doch um alle Welt die schöne Uniform nicht hergeben wollte. Der Andere aber, wie er gehört hatte, was für ein Vorschlag gemacht worden war, und daß der Schnudri die Uniform hergeben sollte für ihn – mit einem Mal kam ihm ein Gedanke, und er sagte: »Jetzt will ich Euch sagen, was wir spielen wollen: Rebellion! Der Hans also ist der General, und wir Anderen sind die Soldaten. Und die Soldaten also machen Rebellion gegen den General. Und der General will ihnen entwischen, und die Soldaten verfolgen ihn. Und dazu kriegt er zwanzig Schritte Vorsprung. Und wenn er bis da oben auf den Berg rauf kommt« – in der Mitte der Ebene war nämlich ein Hügel – »dann hat er gewonnen. Wenn er aber vorher eingeholt wird, dann haben die Soldaten gewonnen, und dann wird dem General seine Uniform weggenommen.«

Das war denn ein Vorschlag, der sofort zündete. »Ein famoses Spiel! Ein famoses Spiel!« Feuer und Flamme waren sie gleich alle mit einander. Aber Höllenfeuer war es, und von dem Teufel angezündet, der einstmals dem Kain zugeflüstert hatte: »Schlage deinen Bruder Abel todt.« Wenn er hinauf kam bis auf den Berg, dann sollte ihm seine Uniform gehören dürfen – jawohl – aber sie wußten, daß er nicht hinaufkommen würde, daß sie ihn vorher einholen und berauben und vergewaltigen würden, den armen, schwachen, kleinen Kerl.

Ein Spiel nannten sie das, – und es war kein Spiel, sondern etwas Ernsthaftes, Furchtbares, Gräßliches, ein Stück Menschenniedertracht, die sich einen unschuldigen Mantel umhing, wie sie das immer thut, weil sie sich schämt und fürchtet vor dem Gottesauge dadrinnen in der Seele; Neid, höllischer, verdammter, verfluchter Neid, der sich Spiel nannte, während er in Wirklichkeit die Jungen, so, wie sie waren, in Wölfe verwandelte, in habgierige Bestien. Und daß so etwas vorging, daß er plötzlich umgeben und umringt war wie von Wölfen, das muß er gefühlt haben, der kleine Junge; das sah man seinem Gesicht an, wie er umhersah, so kläglich, wie er nach seinem Bruder sah, seinem großen Bruder, ob ihm der nicht zu Hülfe kommen würde. Aber der – von dem ging ja die ganze Geschichte aus; und in dessen Seele war jetzt wahr und wahrhaftig der Teufel los, daß er nichts Anderes mehr denken konnte, als daß die Uniform, nach der er sich so rasend gesehnt hatte, ihm nun für einige Zeit wenigstens doch gehören würde, doch!

Darum sah man dem Kleinen an, wie ihm die Sache unheimlich wurde, und wie er dicht am Weinen war, und wie er am liebsten gar nicht mitgespielt hätte, sondern fortgegangen und weit davon gewesen wäre, weit davon. Aber das Alles war nun nicht möglich, und die Jungen würden ihn auch gar nicht davon gelassen haben. Sondern sie sagten ihm: »Hier, wo wir jetzt sind, bleibst Du also stehen. Wir gehen jetzt zwanzig Schritt zurück. Dann wird gezählt eins – zwei – drei – und bei drei fängst Du an zu laufen, nach dem Berge hin, und wir hinterher.« Und damit so ging der ganze Haufe von ihm fort, zurück, und indem sie gingen, zählten sie laut ihre Schritte, bis daß sie zwanzig gezählt hatten; und alsdann so machten sie wieder Kehrt, und Einer zählte ganz laut eins – zwei – drei. Und im Augenblick, als das »Drei« heraus kam, fing die ganze Meute an zu laufen, zu laufen – und Jeder schrie, so laut er schreien konnte: »Fangt den General! Fangt den General!« Und wenn in dem Augenblick ein Erwachsener vorübergegangen wäre und es mit angesehen hätte, dann, in der Art, wie die Erwachsenen über die Kinder denken, würde er wahrscheinlich gesagt haben: »Sieh' Einer, wie die munteren Jungen sich amüsiren«, – und nicht geahnt würde er haben, daß das, was er für ein Vergnügen hielt, in Wahrheit ein Wettlauf war um Leben und Tod. Ja! Um Leben und Tod! Denn wie er die Meute losbrechen sah, fing auch der Kleine zu laufen an, so schnell die kleinen Beine vermochten. Aber gleich bei den ersten Schritten muß er gefühlt haben, daß es eine verlorene Sache war, daß sie ihn einholen würden. Wie er das Geschrei hinter sich hörte, muß es ihm gewesen sein als käme eine Indianerhorde hinter ihm drein, die ihm die Kopfhaut abziehen würde, so daß ihn die Todesangst ergriff und die Verzweiflung. Darum gleich nach den ersten Schritten fing er an zu schreien, ganz gellend, ganz kreischend. Was es war, konnte man nicht verstehen, aber es klang, als wenn er »nein! nein! nein!« schrie. Sie sollten ihm das nicht thun, sollten nicht so gegen ihn sein. Aber natürlich hörte Keiner darauf, sondern die Hetzjagd ging weiter. Der Helm flog ihm vom Kopfe. Wie er zur Erde rollte, waren gleich drei, vier darüber her, aber der Andere stieß sie alle fort; Keiner außer ihm sollte den Helm haben und die Uniform. Er setzte sich den Helm auf; und dann mit einem »Hussah« weiter und wie ein wildes Thier hinter dem Kleinen her. Denn wie ein toller Hund, so war er gerade, der nichts mehr von Allem weiß, was er früher gescheut und geliebt hat, sondern nach Allem schnappt und beißt. Die Uniform! die Uniform! Das war das Einzige, was er noch denken konnte und fühlen. Wie eine Fackel, die ihm der Teufel vor die Augen hielt, so war das. Und darauf, wie der Kleine die Schritte immer näher hinter sich hörte und das keuchende Laufen und die Stimmen, die schon ganz heiser geworden waren von dem rauhen Geschrei, blieb er plötzlich stehen, lief nicht weiter, blieb stehen, gab Alles verloren, warf sich zur Erde, ganz platt, streckte beide Arme von sich und drückte das Gesicht in das feuchte, graue, kalte Wintergras. In dem Augenblick waren sie über ihn her, und allen voran der Andere, der Bruder über den Bruder.

Die Schnallen, mit denen der Küraß an den Schultern des Kleinen fest gemacht war, schnallte er auf. Das Säbelkoppel, das der Kleine um den Leib hatte, schnallte er ihm ab. Alles rack – rack – rack. Alles mit ein paar Griffen. Alles so rasch, obschon ihm die Hände vor Leidenschaft flogen, wie ein Räuber, der Jemanden überfallen hat und ausplündert. Und dann eben so rasch den Küraß an die eigenen Schultern, das Säbelkoppel um den eigenen Leib. Und dann den Säbel herausgerissen. Und »hurrah« – jetzt war er der General! Und »hurrah«, jetzt hatten sie einen Anführer, wie es sich gehörte. Jetzt konnten sie spielen. Jetzt wollten sie spielen, »Pascher und Grenzsoldat«, gehörig, so daß man sich am Kragen kriegte und raufte und prügelte; denn sie waren Alle wild geworden, wild, wild. Zwar der Kleine lag noch immer an der Erde, die Arme ausgestreckt, das Gesicht ins Gras gedrückt, und schluchzte und wimmerte, daß der kleine Körper gegen den Erdboden stieß. Aber – ach was – das Muttersöhnchen! Es war ihm ja gar nichts geschehen. Er würde sich schon beruhigen und, wenn er sich ausgeheult, aufstehen und nachkommen. Alles war doch ein Spiel; und Spaß muß doch Jeder verstehen. Darum jetzt nur fort von hier und vorwärts, daß wir zum Spiel kommen! Fort – denn ob es den Anderen so ging, wie ihm, daß sie eine Art Grauen fühlten, als sie den Kleinen nicht aufstehen sahen – ich weiß es nicht – aber wahrscheinlich war es so. Wahrscheinlich war es so, daß sie fühlten, sie hätten da etwas gethan, was sie lieber nicht hätten thun sollen, nicht hätten thun sollen.

Und so wurde denn nun losgespielt, so wild und toll und wüthig wie nur möglich. Eine Stunde lang, und noch eine, und immer weiter. Und endlich kam dann eine Pause, und in der Pause ein Umhersehen, ein Hälserecken, ein Fragen von Einem zum Anderen – war denn der Kleine nicht nachgekommen? Nein – der Kleine war nicht nachgekommen. Also in einem Hui ging es nach der Stelle zurück, wo vorhin, – aber die Stelle war leer. Er war nicht mehr da – war fort – wo denn hin? Und darauf, als nach all' dem Lärm und Geschrei eine Stille eintrat, eine ganz lautlose, allgemeine, kam Einer damit heraus – er glaubte – er hätte gesehen, wie der Kleine ganz allein übers Feld gegangen wäre – nach der Stadt zu – nach Hause zu. – Und da mit einem Mal – wie wenn Jemand in einem wüsten Rausch gewesen ist und plötzlich zur Besinnung kommt – so ging es dem Betreffenden, so war ihm zu Muthe. »Nach der Stadt zu wäre er gegangen?« – »Ja! – Als ob er eins getrunken gehabt hätte – ganz taumelig – und die Hände am Kopf.«

Wie ein eiskalter Strom ging es dem Jungen über den Leib und sauste und brauste ihm in den Ohren. Keinen Laut konnte er hervorbringen. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Ohne ein Wort zu sprechen, knöpfte er sich den Küraß ab, und den Säbel ab, nahm den Helm vom Kopf. Nichts vom Spiel mehr; das Spiel war ihm verleidet. Die Uniform, nach der er so wüthend verlangt hatte, sie war ihm verleidet. Am liebsten hätte er sie von sich geworfen, fort. Aber das ging doch nicht; es war doch dem Kleinen sein Eigenthum. Also mußte er sie dem Kleinen wieder bringen, nach Haus. Und indem er das dachte – nach Haus – war ihm, als wenn eine Hand in seiner Brust gewesen wäre, mit langen, eisernen Fingern, die sich um sein Herz legten und sein Herz zusammendrückten, langsam wie eine Schraube.

Keiner von Allen dachte mehr ans Spielen; Keiner sprach ein Wort. Wie eine Herde von stummen Thieren zogen sie nach der Stadt zurück. Es war ein grauer, nebeliger Wintertag. Kein Strahl von Sonne, auch keine Ahnung davon. Wie sie nun in die Nähe der Stadt kamen und die Stadt vor ihnen lag und der graue Himmel über den Dächern, den Ziegeldächern, auf denen die rothen Ziegel ganz rostbraun aussahen vor Alter, so daß Alles in einander verschwamm, so öde, so grau in grau – wie er das Alles sah – da war es ihm – da überkam es ihn – als wenn da etwas Todtes vor ihm läge – wie ein todtes Gesicht, das er früher gekannt, das ihm zugenickt und gelächelt hatte, und das nun gestorben war und die Augen auf ihn richtete, erloschene, in denen nie wieder Licht sein würde, nie wieder. Und nicht wie ein Gesicht nur – wie ein großer, stummer, todter Leib, so sah es aus, daß er denken mußte, so müßte es aussehen, wenn die Mutter vor Einem läge, kalt, stumm und todt. So war ihm zu Muth; und so stark fühlte er das, so furchtbar, daß er nicht weiter gehen konnte, sondern stehen bleiben mußte. Und dabei schlugen der Küraß und der Helm und der Säbel, die er in den Händen trug, an einander, und gaben einen leisen Klang, beinah wie eine ferne, ferne Glocke. Und da war es ihm, als wäre irgendwo, wo er sie nicht sehen konnte, eine Uhr, eine große Uhr, und als schlüge die Glocke in der Uhr mit einem Tone, wie er nie einen gehört, so tief, so dumpf, so schwer. Und heute, da sechzig Jahre um sind seit dem Augenblick, weiß ich, wo die Uhr war, die er damals nicht sehen konnte – in seiner Seele – und was die Uhr damals schlug: Schicksal, Schicksal, Schicksalstunde.

Eine solche Angst war in ihm, solch' ein Grauen, daß er am liebsten gar nicht in die Stadt zurück und nach Hause gegangen wäre, sondern in die Welt, irgend wohin – vielleicht noch lieber in den See, in das kalte Wasser hinunter und den Tod. Ja – so war ihm, so war ihm zu Muthe. Aber die Sachen des Kleinen, die ihm in den Händen wie Blei lagen, weil er sie dem Kleinen genommen hatte, geraubt, gestohlen, er mußte sie doch zurück bringen an den Kleinen. Darum mit den Anderen ging er in die Stadt, und als sie in die Stadt gekommen waren, wandte er sich in der Richtung, wo das Haus der Eltern lag. Als er aber an die Straße kam und das Haus von ferne sah, packte ihn das Grausen wieder so, daß er nicht darauf zu gehen konnte, sondern umkehrte und in eine Nebenstraße ging und aus der in eine andere und wieder in eine andere, immerfort, die ganze Stadt entlang, wie sinnlos, wie betäubt, wie ein verwildertes Thier, das vom Hofe gelaufen ist und sich nicht wieder zurück getraut. Essen und Trinken – Hunger und Durst – danach fragte er nicht, daran dachte er nicht, davon wußte er nichts. Erst als es dunkler und immer dunkler, zuletzt fast ganz dunkel wurde, und weil er doch nicht auf der Straße bleiben konnte in der Nacht, und weil er so müde geworden war, daß er kaum mehr gehen konnte, sondern beinahe hingefallen wäre und liegen geblieben auf dem Pflaster, schlich er nach Hause, ganz langsam, leise, ganz leise. Und nun hatte er sich vorgestellt, wenn er in die Nähe von dem Hause käme, dann würde darin ein Lärmen und Toben sein, und bis auf die Straße hinaus würde er die Stimme hören, vor der er sich so fürchtete, die Stimme des Vaters, die mit dem Tone, den er kannte, mit dem schrecklichen Tone durch das ganze Haus donnerte: »Wo steckt der Bengel? Wo bleibt er?« Und als er nun an das Haus heran kam, lag das Haus so dunkel, so still, und kein Laut war rings herum zu hören, kein Laut. Eigentlich hätte ihm das ja lieb sein müssen – aber dennoch war es ihm nicht lieb, sondern – er wußte selbst kaum, warum – unheimlich, unheimlich.

Also klinkte er die Hausthür auf, ganz vorsichtig, ganz leise, und dann auf den Fußspitzen, wie ein Verbrecher schlüpfte er hinein. Und im Hause war Alles dunkel, und so, wie es draußen gewesen war, so war es drinnen, ganz still Alles, daß man keinen Laut hörte, fast todtenstill.

Kein Mensch war zu sehen, nicht der Vater, nicht die Mutter und der Kleine erst recht nicht. Darum tappte er sich über den Flur nach dem Zimmer hin, wo er mit dem kleinen Bruder zusammen schlief; da wollte er hinein, ins Bett und sich verstecken. Im Augenblick aber, als er die Thür ergreifen wollte, kam ein Lichtschein, und den Gang herauf, der nach der Küche führte, kam Jemand, und die da kam, das war die alte Köchin. Sie hatte ein Licht in der Hand, und weil sie gehört haben mochte, daß Jemand da herum schlich, blieb sie stehen und hielt die Hand vor das Licht, damit sie erkennen konnte, wer es war – und wie sie da stand und das Licht ihre Stirn beleuchtete, die so alt und voll Runzeln und Falten war, das sehe ich noch, daß ich es malen könnte, so genau. Darauf, als sie erkannt hatte, wer es war, ließ sie die Hand herab und sagte – und auch das, wie sie sprach, höre ich heute noch ganz deutlich und genau – und sagte – kein Vorwurf war in dem Ton, wie sie sprach, nicht einmal ein Erstaunen, sondern nur etwas so Schweres, als wenn sich die Worte aus ihrem Munde heraus schleppten – und sagte: »Wo bist denn Du gewesen? Weißt Du denn nicht, was hier geschehen ist? Und daß Hänschen im Sterben liegt?«

So sagte sie, und als sie so gesagt hatte, war dem Jungen, als würde ihm ein Nagel, ein ganz langer Nagel vom Kopf herunter durch den ganzen Leib geschlagen und nagelte ihn am Fußboden fest. Und was man den kalten Schweiß nennt, damals in der Stunde habe ich das kennen gelernt.

Darauf, wie ein Rasender wollte er auf und in die Stube der Eltern hinein, aber da faßte ihn die alte Köchin am Arm und sagte, und diesmal sprach sie ganz hastig, ganz flüsternd, ganz angstvoll: »Nein, nein, da darfst Du nicht hinein, Vater und Mutter sind ja da bei ihm drin, und Niemand darf hinein.« Und dann, wie der Junge am Thürpfosten lehnte, selber so starr und steif wie ein Stück Holz, machte sie die Thür zu dem Zimmer auf, wo die Brüder schliefen und leuchtete hinein und sagte: »Geh Du nur jetzt und leg Dich zu Bett, da ist nun nichts mehr zu machen.«

Und als sie so hinein leuchtete und er hinein trat in das Zimmer, da sah er, daß das Bett, in dem der Kleine sonst lag, nicht mehr da war, und an der Stelle, wo es gestanden hatte, war ein leerer Fleck. Und was damals in dem Zimmer war, das ist seitdem in seinem Herzen geworden, ein leerer Fleck. Ein leerer Fleck! Sechzig Jahre sind hingegangen seitdem, und der leere Fleck ist geblieben, nichts hat ihn ausgefüllt; nur ein Schattengesicht, das mich ansieht mit traurigen Augen, an dem kein Leib mehr ist, kein Leben, das mich ansieht in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann!

Dann bewegt es die Lippen, dann hör' ich's: »Kann nicht mehr spielen mit Dir, nicht mehr sitzen mit Dir in der Cajüte und den Arm um Dich schlingen und zuhören, wenn Du erzählst von dem großen Wald und dem Einhorn und den Thieren darin. Nie mehr – nie mehr – –«

Die Erzählung brach ab.

Aus der Ecke hinter mir, von wo die Erzählung gekommen war, kam es hervor; mit schwerem Schritt kam der alte Graumann hervor. Auf einen Stuhl fiel er nieder; auf den Tisch daran ich saß, warf er die Arme, auf die Arme fiel sein graues Haupt. »O Bruder! O Brüderchen! O armer, kleiner Bruder!«

Ein Stöhnen durchschütterte ihn. Wie ein alter Baum sah er aus, den Sturmwind schüttelt, als wenn er ihn brechen wollte.

»Und am nächsten Tage« – aber er vollendete den Satz nicht. Vom Stuhl, auf den er niedergesunken war, sprang er auf. »Aber das kann ich nicht erzählen! Kann ich nicht erzählen!« Im Zimmer stürmte er auf und ab. »Wie er an der Thür stand, an der Thür des Zimmers, wo sie ihn hinein getragen hatten, den Kleinen, in seinem Bett. Wie er hinein wollte und nicht hinein konnte, weil die Thür von innen verriegelt war. Wie er an der Thür klinkte und hinein wollte, mit Gewalt. Bis daß wieder die alte Köchin kam und ihn am Arme nahm und zurückzog und sagte: ›Mach doch keinen solchen Lärm. Es darf ja kein lautes Wort gesprochen werden im Haus.‹ Wie er dann stehen blieb auf dem Flur, immer die Augen auf der Thüre und sein Schluchzen verschluckte und seine Thränen, daß ihm ein Geschmack im Munde wurde und in der Kehle, als wenn er Gift hinunter würgte. Und wie die alte Köchin immer wieder kam und versuchte, ihn von der Stelle fortzubringen und wie er nicht fortzubringen war, sondern auf den Küraß zeigte und den Helm und den Säbel, die er den ganzen Tag nicht aus den Händen ließ, und sagte: ›Ich muß ihm doch seine Sachen wieder bringen, seine Sachen wieder bringen.‹ Worauf dann die Alte sagte: ›Ach laß doch die Sachen; was soll er denn damit? Er weiß ja von nichts mehr etwas.‹ Worauf es ihm erst ganz klar wurde, wie es um den kleinen Bruder stand, und daß er ihn vielleicht nie wieder sehen würde. Und so kam es auch. So geschah es auch. Aber das Alles kann ich nicht mehr erzählen! Was ich keinem Menschen erzählt habe, das habe ich Ihnen erzählt. Aber das kann ich nicht, das können Sie nicht verlangen! Sechzig Jahre lang hat das Alles begraben gelegen da drinnen in mir. Sprechen muß der Mensch. Nicht nur zu sich selbst; wenn er immer nur zu sich selbst spricht, das macht verrückt. Sprechen muß der Mensch zu einem anderen Menschen. Sechzig Jahre lang habe ich keinen gefunden, – Sie sind ein weicher Mensch, ein guter Mensch, ein feiner Mensch, – zu Ihnen habe ich gesprochen. Darum habe ich das Grab aufgebrochen, worin die alten Geschichten liegen, die schrecklichen Geschichten. Nun sind sie wieder wach geworden, die Todten wieder lebendig geworden. Nun ist es wieder da, und ich wieder drin, mitten drin, in der Hölle! In der Hölle! Und das Wort ist wieder da – hier in meinen Ohren – das gräßliche, das er nachher mir gesagt hat, der Mann von Stein, der Mann von Eis – ›Daran, daß Dein kleiner Bruder gestorben ist, daran – bist –‹, und der Schrei ist wieder da, mit dem die Mutter sich dem Manne entgegen warf, als er das sagte – mit einem Gesicht – wie ich es nie an ihr gesehen – so verzerrt, so – so – gar nicht mehr das Gesicht meiner Mutter, meiner sanften, süßen Mutter – wie sie den Arm gegen ihn ausstreckte, ganz lang: ›Es ist nicht Dein Kind nur, sondern meines auch! Und meinem Kinde das Leben vergiften – das sollst Du nicht! das darfst Du nicht! das – das –‹, und wie sie dann – krach – zur Erde fiel, ganz starr, ganz weiß, wie mit einem Schlage, bevor Jemand sie aufzufangen vermochte, – das Alles erzähle ich Ihnen nicht, erzähle ich nicht. Wie soll ein Mensch das erzählen, ein Mensch von Fleisch und Blut, – wie kann er das? Aber zeigen will ich Ihnen – kommen Sie mit –, Ihnen, dem ich Alles gesagt, Ihnen will ich zeigen, was kein Mensch gesehen, – kommen Sie mit.«

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