Doctor Cäcilie.
Reading edition

I.

Hochwürdigste, gnädige Frau!
In tief trauriger Lage sehe ich keinen anderen Ausweg, als den, Sie mit diesen Zeilen zu belästigen. – Meine Frau ist nach einer, wie es leider den Anschein hat – vergeblichen – Krebsoperation einer sachgemäß geschulten Pflegerin dringend bedürftig.
Alle Bemühungen meines Hausarztes, hier eine geeignete Kraft ausfindig zu machen, sind von durchaus ungenügendem Ergebnisse gewesen.
Die Sterbende leidet furchtbar unter den ungeschickten Händen einer ungebildeten Wärterin. Es handelt sich vielleicht nur noch darum, ihr auf wenige Tage und Nächte die letzten Qualen der Krankheit leichter zu machen. Kein finanzielles Opfer würde mir zu groß sein, wenn ich mein geliebtes Weib in die sanften, weichen Hände einer treuen Schwester geben könnte. Ich werde den wohlthätigen Einrichtungen Ihrer Anstalt die Beweise meiner Dankbarkeit zuwenden; in diesem Augenblicke aber flehe ich Sie an, gnädigste Gräfin, helfen Sie mir, schicken Sie mir eine Diakonissin und senden Sie mir ein Telegramm, mit welchem Zuge die Ersehnte hier eintreffen wird.
Mit hochachtungsvollster Ergebenheit
Ihr gehorsamster
v. Möbius, Premierlieutenant.
Die Oberin des großen evangelischen Diakonissenhauses las diesen Brief nachdenklich durch. Auf ihrem energischen klugen Gesichte zeigte sich ein Ausdruck des lebhaftesten Bedauerns. Sie schob alle anderen Briefschaften, die noch der Erledigung warteten, vorläufig bei Seite und ging nach der Frauenstation für chirurgische Fälle. Die Stationsschwester war, wie immer, grade in diesem Saale sehr beschäftigt, verließ aber ihre Arbeit, um an eines der großen Saalfenster zu treten und dort mit ihrer Vorgesetzten zu sprechen.
Die Betten im Saale standen so weit von den Fenstern entfernt, daß die Kranken von der Unterhaltung der beiden Diakonissinnen nichts zu vernehmen vermochten.
»Was meinen Sie, Schwester Albertine,« begann die Gräfin, nachdem die Schwester den Brief des Lieutenants gelesen hatte, »wen könnten wir schicken?«
Die alte erfahrene Schwester schüttelte ganz bestimmt den Kopf. »Niemanden, Frau Oberin,« sagte sie ruhig. »Alle Betten im Hause sind belegt, ich habe schon drei Lehrschwestern eingestellt, um allen Anforderungen zu genügen. Wir können keine Schwester entbehren; im Gegentheil, ich will froh sein, wenn erst wieder Einsegnung gewesen ist, wir haben nicht genug Schwestern.«
»Das weiß ich, das wird auch vorläufig nicht anders werden. Von allen Seiten werde ich gebeten, junge Kräfte, die wir ausgebildet haben, an neue Anstalten abzugeben. Vierzig Schwestern sind in diesem Quartal von mir verlangt, und zwei Anmeldungen von jungen Mädchen, die sich ausbilden wollen, habe ich nur erhalten.«
Schwester Albertine seufzte tief auf. »Möchte doch der Herr die Herzen christlicher Jungfrauen erleuchten und segnen, daß sie in Schaaren herbeikommen, um in seinem Namen ihren armen Brüdern zu helfen.«
»Ich hatte gehofft, in der nächsten Zeit einige Freibetten einstellen zu können,« sagte die Oberin, »bedenken Sie, daß Frau von Möbius die Tochter eines sehr reichen Bankiers ist, wenn sich die Familie für unsere Anstalt interessirte, so wäre das doch sehr günstig.«
»Der Herr wird helfen, daß wir die Freibetten auch so einrichten können,« meinte Schwester Albertine. Die Oberin aber schien dieser Frage gegenüber doch einen praktischeren Standpunkt einzunehmen, wie die gute alte Schwester.
»Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein paar Tage, Schwester; ich schreibe nicht ab, ich schaffe Rath, schicken Sie mir Schwester Elisabeth in mein Arbeitszimmer,« entschied sie nach kurzem Nachdenken.
Die Schwester erlaubte sich keinen Widerspruch. Sie kehrte schweigend an ihre Arbeit zurück, und die Gräfin verließ straff aufgerichtet mit raschen Schritten den Saal.
Sie hielt noch immer den Brief des Herrn von Möbius in der Hand. Sie wollte seinen Wunsch erfüllen und suchte nach Mitteln, das möglich zu machen. In dem breiten Corridor vor ihrem Zimmer begegnete ihr einer von den Aerzten der Anstalt. Der junge Mann grüßte die vornehme Frau mit einer tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung.
Sie trat rasch auf ihn zu. »Es drängt mich, Ihnen meine Theilnahme an dem Tode Ihres Herrn Vaters auszusprechen, Herr Doctor Ehrhardt.« Sie reichte ihm freundlich die Hand.
Der Arzt berührte leicht mit seinen Lippen die volle weiße Hand, die sie ihm gab. »Frau Oberin sind sehr gütig,« sagte er etwas verlegen. »Mein armer Papa war sehr leidend in den letzten Jahren, er sehnte sich oft nach dem Tode, der ihn nun leicht und schmerzlos erlöst hat.«
»Er war lange leidend, so? Das war mir gar nicht bekannt. Wer hat ihn denn in seiner Krankheit gepflegt? Ihre Frau Mutter ist doch, so viel ich weiß, schon seit Jahren verstorben?«
»Allerdings, gnädigste Frau, ich habe aber eine Schwester, ein gesundes kräftiges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren. Die war durchaus zur Pflege meines Vaters geeignet.«
Die Gräfin wurde aufmerksam. »Ich habe nie von Ihrem Fräulein Schwester gehört, sie muß sehr zurückgezogen leben.«
»Sie hat eigenthümliche Neigungen und hält sich von ihren Altersgenossinnen fern. Wir Geschwister stehen jetzt allein in der Welt; ich werde wohl genöthigt sein, eine geeignete Stellung für meine Schwester zu suchen.«
»Das wird Ihnen schwer werden, lieber Doctor; das Angebot gebildeter Damen für häusliche Stellungen ist außerordentlich groß, während die Nachfrage sich mehr auf weniger gebildete Kräfte richtet, die bei den täglichen Arbeiten mit Hand anlegen.«
»Frau Oberin meinen, höhere Dienstboten werden gesucht, und Reisebegleiterinnen, Gesellschafterinnen und Gouvernanten bieten sich an.«
»Diese Thatsache ist doch nicht zu leugnen, es ist ein eigenes Kapitel der sozialen Frage, die Frauen- oder eigentlich Jungfrauenfrage. Hier bei uns aber ist diese Frage gelöst. Sie wissen ja, wie erheblich in unserem Berufe die Nachfrage das Angebot übersteigt. Bringen Sie Ihre Schwester zu mir, Herr Doctor, sie ist kräftig und gesund, wie Sie sagen, steht grade im richtigen Alter und hat sich bereits in häuslicher Krankenpflege bewährt. Das Mutterhaus sieht in jeder neu eintretenden Schwester eine liebe Tochter und heißt sie herzlich willkommen. Es ist ein weites Arbeitsfeld da, helfen Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.«
»Sie haben Recht, Frau Oberin, ich will mit meiner Schwester sprechen. Sie hat kein Vermögen, ist durchaus nicht hübsch, eine Versorgung durch die Ehe ist also nicht wahrscheinlich. Sie wird vielleicht Gott danken, wenn sie hier freundlich aufgenommen wird.«
»Dessen können Sie versichert sein, die Waise und die Schwester eines Arztes ist uns doppelt willkommen.«
Die Gräfin nickte dem jungen Manne wohlwollend zu und trat in ihr Zimmer. Doctor Ehrhardt sah lange hinter ihr her. Der Vorschlag der frommen Dame entsprach so ganz seinen Wünschen. Wenn doch seine Schwester ihr schroffes eigenwilliges Wesen lassen und einmal, nur ein einziges Mal, auf ihn hören, seinen Wünschen sich fügen wollte!
Nie hatte Cäcilie ein weibliches weiches Empfinden gezeigt, nie hatte sie nachzugeben gewußt. Alle Bekannten des Bruders hatten, durch ihr unweibliches Wesen abgestoßen, den Verkehr im Ehrhardt'schen Hause beschränkt, wo sie nur konnten; und doch wußte Otto, daß seine Schwester ein ernstes Streben verfolgte. Sie verachtete die oberflächliche Existenz vergnügungssüchtiger, kindlicher Mädchen. Sie sah, wie Eine dieser Mädchen nach der Anderen, alle ihre ehemaligen Schulgenossinnen sich verlobten und verheiratheten und hatte nur ein verächtliches Achselzucken für die Männer, die diese Wesen an ihre Seite zogen. Sie wollte mehr sein, etwas Anderes – etwas Höheres. Das konnte sie jetzt werden. – Es erschien dem Bruder nun auf einmal wahrscheinlich, daß sie mit Begeisterung auf den Vorschlag der Oberin eingehen würde. Man rief sie, man bedurfte ihrer, warum sollte sie zögern zu kommen!
Ganz erfüllt von seinem Wunsche und fast überzeugt von dessen Erfüllung eilte er nach Hause.
Ein Möbelwagen stand vor der Thür, und fremde Leute begegneten ihm im eigenen Heim. Es fiel ihm jetzt erst ein, daß heute früh die freiwillige Versteigerung von seines Vaters Nachlaß stattgefunden hatte.
Weder er noch seine Schwester waren in der Lage, eine Wohnung für all die Möbel, Betten, Bücher, Bilder u. s. w. zu miethen. Die Gegenstände, die so lange er denken konnte durch die ganze Kindheit der Geschwister Zeugen ihres Daseins gewesen waren, wurden heute in alle Winde zerstreut. Die Heimath war aufgelöst – freiwillig aufgegeben. Nun hieß es wandern, ein neues Heim erwerben, den Kampf mit dem Leben bestehen.
Otto ging in das Arbeitszimmer des Vaters. Die wissenschaftlichen Bücher, soweit sie nicht veraltet waren, und die Instrumente des alten Medicinalrathes lagen dort noch umher, ungeordnet, aber zum Glück unberührt. Wie wenig Gefühl hatte doch Cäcilie gezeigt, daß sie diese Andenken an den Verstorbenen, die der Sohn zu behalten wünschte, nicht sorglich zusammengeräumt und eingepackt hatte. Er wollte seine Schwester jetzt aufsuchen, aber das bittere Wort über ihren Mangel an Pietät unterdrückte er gewaltsam. Es galt jetzt, alle ihre Gedanken auf das Ziel hinzulenken, dem er sie entgegenzuführen gedachte.
In einem öden ausgeräumten Zimmer, zwischen Koffern und Kisten fand er sie. Ueberall lag Packstroh, Heu, Papier und dicker Staub. Ein weibliches Wesen hätte in diesem Raume vor allen Dingen doch den Wunsch empfinden müssen, Ordnung und wenigstens etwas Sauberkeit herzustellen. Cäcilie Ehrhardt aber empfand davon nichts.
Die breite, knochige Gestalt des Mädchens saß auf einer Kiste, die Arme waren auf die Fensterbank aufgelehnt, ohne Rücksicht auf die schwarzen Aermel des einfachen Trauerkleides. Der Kopf mit dem kurzgeschnittenen Haar war über ein Buch gebeugt. Sie sah nicht auf, als der Bruder eintrat.
»Wenn Du Deine Lectüre unterbrechen kannst, Cäcilie, so möchte ich Dich bitten, über eine wichtige Frage mit mir zu sprechen.«
Sie legte die griechische Grammatik, in der sie gelesen hatte, aus der Hand. Ein kurzer fragender Blick traf ihn durch die funkelnden Gläser ihrer Brille.
»Ich habe Dir wenig Erfreuliches mitzutheilen,« sagte sie. »Die Versteigerung des alten Hausrathes hat fast nichts ergeben. Luxusgegenstände waren, wie Du weißt, nicht vorhanden. Der Auctionator wird uns morgen Rechnung ablegen.«
Er nickte schmerzlich. »Ich habe von der Versteigerung nichts erwartet, aber wir müssen doch den Ballast los sein. Den Luxus pietätvoller Erinnerung können wir uns noch nicht erlauben.«
»Winsele nicht,« sagte sie schroff, und stand auf.
Die Lippen in dem gelben Gesicht waren breit und aufgeworfen, ein finsterer Zug lag zwischen den schwarzen Augenbrauen, die Nase war kurz und gewöhnlich geformt; das ganze Gesicht wäre häßlich gewesen, ohne den Ausdruck hervorragender Klugheit, der es belebte.
»Dir wenigstens werde ich sicherlich nichts vorwinseln,« gab er zurück, »aber ich wollte mit Dir über meine Zukunft sprechen. Meine Existenz liegt augenblicklich in Deiner Hand.«
»Bitte, erkläre Dich deutlicher.«
»Ich bin schon dabei. Vater hat schon seit Jahren nicht mehr prakticirt. Von seinen Zinsen konnten wir nicht leben, wir haben das Kapital verbraucht. Wenn ich den Rest überschlage, die Ausgaben abziehe, die Auction hinzurechne, so denke ich, es wird uns ein baarer Rest von viertausend Mark bleiben.«
»Wenig genug, aber es muß reichen, wir müssen uns einrichten, wir müssen Beide damit auskommen, bis wir uns frei gearbeitet haben.«
Auf dem feinen hübschen Gesichte des jungen Mannes malte sich lebhaftes Staunen.
»Das scheinst Du Dir sehr einfach zu denken,« sagte er endlich. »Bitte höre aber wenigstens zu, was ich mir für Lebenspläne gemacht habe.«
Sie nickte und setzte sich wieder auf die Kiste. Die Füße streckte sie weit von sich und betrachtete augenscheinlich aufmerksam ihre großen derben Zugstiefel.
Er drehte beinahe verlegen an seinem Schnurrbarte. Ein Opfer wollte er von ihr fordern, – den eigensinnigen Kopf mit den männlich kurzen Haaren wollte er unter die weiblichste aller Trachten, unter die schlichte Haube der Diakonissin beugen. Er sah ängstlich auf die schwarzen kurzen Borsten herab. Endlich aber begann er zu sprechen.
»Ich kann nicht ewig am Diakonissenhause bleiben, das mußt Du einsehen, Cäcilie.«
»Sehe ich ein – weiter.«
»Ich bleibe dort, bis ich eine Volontairstelle bei einem Frauenarzt finde, ich will Specialist werden.«
»Auch gut – weiter.«
»Ich werde ungefähr zwei Jahre als Assistent arbeiten, dann will ich versuchen, mich selbständig zu machen. Zunächst muß ich dann auf Patienten warten, mir eine Praxis begründen. Habe ich die, so errichte ich eine Privatklinik, engagire dazu eine ehemalige Diakonissin und kann, wenn ich Glück habe, ein schönes Vermögen erwerben.«
»Das will ich Dir wünschen.« –
»Du sollst mehr thun, als es mir wünschen.«
»Ah – ich wäre begierig.«
»Ja, ich wollte dich bitten, mir dein Erbtheil zu überlassen. Als Volontair muß ich mich selbst erhalten. Sobald ich mich dann selbständig mache, habe ich zunächst auch keinen Verdienst. Auch eine Privatklinik kann ich nicht ganz ohne Vermögen übernehmen. Der ganze Nachlaß unseres Vaters aber würde genügen, mich über Wasser zu halten und mich bescheiden zu ernähren, bis meine Hoffnungen sich verwirklicht haben. Dann werde ich daran gehen zu sparen und dir das Doppelte von der Summe geben, die Du mir jetzt giebst.« –
»Und ich kann mich für die nächsten zwanzig Jahre als Stütze der Hausfrau vermiethen, mit der verlockenden Aussicht nach Ablauf dieser Zeit von meinem großmüthigen Bruder viertausend Mark zu erhalten, von deren Zinsen ich dann in meinen alten Tagen ein wahres Schlaraffenleben werde führen können – nicht wahr?«
Hämischer Spott entstellte ihren Mund, sie lachte bitter auf, ihre Wangen glühten, sie war empört über den naiven Egoismus des Bruders.
»Nein, Du sollst Dich nicht als Stütze der Hausfrau vermiethen; ich habe eine Versorgung für Dich, die Du nur anzunehmen brauchst, um mein Schicksal günstig und glücklich entscheiden zu können.«
»Ich will Deine Versorgung nicht. Nach dem Egoismus, den Du eben offenbart hast, verlange ich nicht nach dem Almosen eines männlichen Schutzes. Morgen theilen wir; ich gehe meinen Weg, und Du gehst Deinen, dabei bleibt's.«
»Cäcilie, ich komme niemals in die Höhe. Der ärztliche Beruf ist ein freies Gewerbe; der Concurrenzkampf ist rücksichtslos hart. Es ist ein Kampf um Leben und Brod. Erleichtere ihn mir, arbeite als Schwester an meiner Seite. Gieb mir die Mittel, deren ich bedarf, um mich durchzuringen. In fünf, sechs Jahren vielleicht schon rufe ich Dich zu mir und sorge für Dich.«
»Ich soll dann wohl Deine Köchin werden? Danke für die Ehre.«
»Cäcilie, die Frau Oberin hat mir heute gesagt, daß die Nachfrage nach jungen Diakonissinnen so außerordentlich groß ist. Sie hat mich direct aufgefordert, Dich ihr zuzuführen. Du hast ein gewisses medicinisches Interesse. Du eignest Dich zur Schwester. Geh hin, laß Dich ausbilden, und tritt dann auch in eine Frauenklinik ein. Lerne, arbeite, und sobald ich eine feste Stellung als Frauenarzt habe, komm zu mir, um mit mir zusammen eine Privatklinik zu gründen. Du weißt, ein Mann allein kann das nicht. Man ist auf eine weibliche Mitarbeiterin angewiesen, und eine geeignete Persönlichkeit ist nur mit den größten Geldopfern aufzutreiben. Sei meine Verbündete liebe Schwester, laß uns zusammen streben, zusammen erwerben.«
Er hielt ihr die Hand hin und sah sie bittend an.
»Du kommst Dir wohl noch sehr großmüthig vor in Deinem männlichen Egoismus,« spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden, soll mich ducken unter Bonzen und Pfaffen, soll Choräle singen und Fenster putzen? Jede grobe Arbeit thun, um Christi willen? Die Augen verdrehen, heucheln, dienen – ha, ha, ha, und alles das, damit ich später ausgebildet bin, wenn Du so weit bist, mich zu rufen! Du willst dann der leitende Arzt einer Anstalt sein, Anordnungen treffen, Befehle geben, und ich als dienende Schwester bin grade gut genug, um Dir – – zu gehorchen!« –
Er trat erschrocken zurück vor der Wuth, die er, ohne es zu wollen, zu diesem Ausbruch gebracht hatte.
»Warum willst Du denn nicht als Schwester ärztliche Anordnungen ausführen?« fragte er erstaunt. »Glaubst Du denn als Lehrerin, oder in sonst einem weiblichen Berufe freier und selbständiger handeln zu können?«
»Wer sagt Dir denn, daß ich einen sogenannten »weiblichen« Beruf wählen werde? Ist nicht der ärztliche Stand, wie Du selbst sagst, ein freies Gewerbe – steht er mir nicht ebenso gut offen, wie Dir?«
»Ich habe Dich für klüger gehalten, Cäcilie.«
Sie lachte laut auf. »Ja für klug genug, um blutiges Verbandzeug zu waschen, aber nicht für klug genug, um selbst das Messer zu führen. Das ist ja die geheiligte Tradition aller Männer. Zu Handlangerdiensten ist die Frau gerne willkommen, aber um sie als ebenbürtige Berufsgenossin anzusehen, dazu lassen die Herren sich so leicht nicht herab!«
Otto Ehrhardt versuchte es garnicht, seine Schwester von ihrer Ueberzeugung der vollen Gleichberechtigung der Geschlechter abzubringen. Sie hatte noch niemals ihre Ansicht untergeordnet, in dieser Lebensfrage würde sie es am wenigsten thun. Er appellierte deßhalb nur an ihren, wie er wußte, stark entwickelten praktischen Sinn.
»Die letzte Steuereinschätzung,« begann er langsam, »hat, wie Du vielleicht weißt, bei der größeren Hälfte aller Berliner Aerzte ein Berufseinkommen unter dreitausend Mark ergeben. Wenn die Aerzte noch ferner unter den äußeren Lebensbedingungen der höheren Stände weiter leben sollen, so darf dieses Einkommen nicht noch weiter heruntergedrückt werden; giebst Du das zu?«
Sie kaute an ihren Nägeln und sah, ohne zu antworten, zu ihm empor.
»Da Du schweigst, hoffe ich, daß Du mir zustimmst,« fuhr er fort. »Es bleibt mir also demnach nur noch zu sagen, daß dieser, schon jetzt mehr als überfüllte Beruf ruinirt wird, wenn noch die weibliche Concurrenz eintritt.«
»Für hiesige Verhältnisse mag das zutreffen, aber Berlin ist nicht die Welt, es giebt andere Städte,« sagte sie kurz.
»Die kleinste Stadt hat so viel Aerzte, daß jeder neue junge Concurrent Jahre lang ringen muß, bis er ein einigermaßen genügendes Einkommen hat. Sei klug Cäcilie, verschließe Dich nicht der Einsicht, daß grade dieser Beruf keinen neuen Zudrang von Arbeitskräften zu ertragen vermag. Vereinzelt mögen ja auch Frauen sich in diesem Fache durchringen, aber nur, wenn sie gegen die Möglichkeit des Mangels geschützt sind, nur wenn sie Vermögen besitzen.«
»Ich ringe mich durch – auch wenn ich keinen Pfennig hätte – ich fühle den Beruf in mir, ich weiß, daß ich hervorragen kann in dieser Wissenschaft, ich erreiche das Ziel!«
Er sah die Begeisterung, die ihr unschönes Gesicht bei diesen energischen Worten verklärte, aber er hatte kein Verständniß dafür. Er, für seine Person, empfand kein leidenschaftliches Interesse für seinen Beruf. Er hatte ihn ergriffen, weil es sein Vater wünschte und weil er eben auch keine andere lebhafte Neigung fühlte. Es lag ihm gänzlich fern, sich zu einer Größe darin aufschwingen zu wollen, ihm fehlte dazu der Eifer, wie auch die Begabung. Das einzige Ziel seiner Wünsche war eine sorglose behagliche Existenz, ein sicheres Auskommen – der glühende Ehrgeiz seiner Schwester war ihm unverständlich.
»O, hätte der Vater an mich gewendet, was er an Dich wandte – ich wäre mehr geworden, wie Du.«
Aus tiefstem Herzen kam ihr der Seufzer. Otto sah sie verwundert an. »Und ich?« fragte er. »Ich, der einzige Sohn des Medicinalrathes Ehrhardt, was hätte ich werden sollen?«
»Handlanger – das was ich jetzt werden soll. Ist denn der einzige Sohn eines Mannes besser, als desselben Mannes einzige Tochter? Ist es nicht denkbar, daß die Tochter für denselben Beruf begabter sein kann, wie der Sohn?«
Otto war durchaus nicht geneigt, auf diese Frage einzugehen. Das Vorrecht des Sohnes vor der Tochter schien ihm so selbverständlich, so fest stehend, daß er darüber kein Wort, keinen Gedanken verlor. War es je vorgekommen, daß in einer ihm bekannten Familie die Töchter von den Eltern besser für den Kampf ums Dasein ausgerüstet worden wären, als die Söhne – die Vertreter des starken Geschlechtes? Das war nie und nirgend gewesen, nie und nirgend würde es sein. –
»Mein Gott – ich verlange ja nicht, daß Du Diakonissin wirst,« meinte er ausweichend. »Es ist aber der einzige geachtete Frauenberuf, in welchem die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften übersteigt, außerdem bietet er eine Altersversorgung. Oder glaubst Du etwa, daß Du jemals geheirathet wirst?«
Sie lachte höhnisch auf. »Geheirathet? Das war wenigstens gut ausgedrückt, Otto. Nein lieber Bruder, ich bin häßlich, mein knochiger Körper wird niemals die sinnlichen Gefühle eines Mannes erregen. Niemand wird, um meine Reize zu besitzen, bereit sein, meinen Lebensunterhalt zu erwerben. Zum Glück sind meine Nerven aber auch nicht geschlechtlich erregbar – ich werde nicht geheirathet werden und – – ich werde nicht lieben.«
»Also – was hast Du denn eigentlich beschlossen?«
»Mich durchzuarbeiten. Ich werde Medicin studiren, werde mich auf die Augenheilkunde verlegen, werde in orientalischen Ländern meinen Wirkungskreis suchen und sicher – ganz sicher wird meine Kraft und meine Begeisterung mich dahin bringen, daß ich tausende und abertausende mittelmäßiger Männer, träger gewissenloser Aerzte überflügeln werde und weit hinter mir lassen werde. Ich dem Namen Ehrhardt in der wissenschaftlichen Welt Glanz und Ansehen schaffen – ich – aber niemals wird Dir das gelingen.«
»Und das alles mit der Hälfte eines väterlichen Erbes im Betrage von viertausend Mark?«
»Ich weiß nicht womit, aber ich will es, und was ich will, das führe ich durch. Ich werde entbehren und arbeiten, aber ich werde siegen.«
»Dann werde ich eben kein Specialist. Mein Gott, auf den Knieen werde ich Dich nicht anflehen, mir die Wege zu ebnen.«
Er ging wüthend hinaus. Sie blieb zurück mit einem glücklichen, stillen Lächeln. Aus ihren Augen strahlte das Genie, das sich immer Bahn bricht im Leben. – – Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!
II.
Cäcilie Ehrhardt war als Zwischendeckspassagier ausgewandert.
Freilich, eine fatale Woche. Sie, die sonst wenig Sinn für poetische Werke hatte, hielt sich in diesen zehn Tagen immer wieder das Shakespeare'sche Wort vor die Seele: »Die Stunde rollt auch durch den schwersten Tag.« Es wurde ihr Leitstern, beinahe ihr Halt dieses Wort: »Die Stunde rollt auch durch den schwersten Tag.«
Weiber und Kinder, die viel schwächer waren wie sie, ertrugen diese Ueberfahrt in diesem Raume. Sie glaubte wohl etwas Besseres zu sein wie diese, weil sie ein höheres Streben besaß, aber gerade deßhalb hielt sie sich auch für berufen zu zeigen, wie man Widerwärtigkeiten und Unbequemlichkeiten erträgt.
Die Mitreisenden schämten sich zu wimmern und zu jammern, dieser Frauengestalt gegenüber, die mit stiller Resignation fast heiter sich zwischen ihnen bewegte, zufrieden mit einem Winkel zum Ausruhen, mit einer Brodrinde zum Essen.
Schließlich landete man in der Heimath der Freiheit, und Cäcilie Ehrhardt bekam Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß auch in Amerika eine hübsche Tochter reicher Eltern glattere Wege vor sich sieht, als eine arme geistige oder körperliche Arbeiterin.
Sie that die nöthigen Schritte, um zum Studium zugelassen zu werden. Ein Beamter der Universität, ein ruhiger Geschäftsmann empfing sie.
»Ich halte es für meine Pflicht, Sie auf einige statistische Thatsachen aufmerksam zu machen, mein Fräulein,« begann er.
»Ich bitte darum, Mr. Schäffer.«
Er las ihr nun einen kürzlich veröffentlichten Bericht des Rectors der Genfer Universität vor, wonach von 215 Frauen, die Medicin studirten, nur 25 es bis zum practischen Arzte gebracht haben und auch von diesen nur wenige zu einer auskömmlichen Praxis.
»Was glauben Sie wohl, mein Fräulein,« fragte Herr Schäffer, »in welchem Abgrunde die übrigen 195 gescheitert sind?«
»In dem Abgrunde ihrer Mittelmäßigkeit,« antwortete sie kalt.
Ein prüfender Blick glitt über das breite, gelbe Gesicht des häßlichen Mädchens. Wäre Cäcilie hübsch gewesen, so hätte der fromme Mann jetzt vielleicht seinen Arm um sie gelegt und gesagt: »Laß doch gut sein, süße Krabbe, es giebt ja noch ganz andere Wege, um zu etwas zu kommen.«
Er rühmte sich mehrerer derartiger »Bekehrungen«. Aber Cäcilie Ehrhardt war nicht hübsch, durchaus nicht hübsch.
Ein paar kluge, graue Augen funkelten hinter schwach geschliffenen Brillengläsern. Höchst unangenehme, scharfe, forschende Augen. – Herr Schäffer fühlte gar keine Neigung, irgend eine Prüfung vor diesem Blick zu bestehen. In gleichgültigem Nachgeben kam er ihren Wünschen entgegen.
Den Befähigungsnachweis zum Besuche der Universität bestand sie glänzend, so ließ man sie zu – du lieber Gott, eine Ueberspannte, Emancipirte mehr als bisher. –
Mit einer Arbeiterin, die Tags über in einer Fabrik Cigarren wickelte, miethete sich die Studentin zusammen in einer Dachkammer ein. Die Mitbewohnerin war nur in der Nacht da, so störte sie wenig.
Cäcilie verlangte für sich das Recht, so lange, wie sie wollte, Abends Licht zu brennen. Da hatte die Andere nichts dagegen; sie ihrerseits verlangte gar nichts.
Aber das war nur Schein. Schon nach wenigen Tagen brachte Henriette Abends einen Kameraden mit aus der Fabrik, und Beide profitirten von der Studirlampe der Anderen.
Was das für ein Lachen und Kichern, für ein Küssen und Liebkosen war – gräßlich – Cäcilie Ehrhardt wußte sich nicht anders zu helfen, als einen Ofenschirm neben sich zu stellen und sich so zu isoliren.
Das zärtliche Liebespaar aber sah mit innigem Mitleid auf die einsam Arbeitende hin.
Schließlich ließ Charley sich durch sein gutes Herz hinreißen, ihr ein höchst eigenthümliches Anerbieten zu machen.
Mit Henriette im Arm stellte er sich neben Cäciliens schützende Schirmwand und trug ihr stockend und zagend vor, in seiner Fabrik da wäre ein Werkführer, der wäre Wittwer, hätte auch ein paar Kinder, aber doch wohl ein ganz annehmbarer Mann, der eine brave, fleißige Frau gerne nehmen würde. Nun könne sie, Fräulein Ehrhardt, ja am Ende keinen verliebten Jüngling beanspruchen, wäre vielleicht auch schon ein bischen darüber hinaus, aber doch – sozusagen –
Cäcilie begriff. Einen Mann – aus Gnade und Barmherzigkeit bot man ihr, der Tüchtigen, Häßlichen, einen Mann an, der nicht Liebesgetändel suchte, sondern der eine thätige Frau brauchte!
Die erste, vielleicht im Leben die einzige Möglichkeit für sie, den Beruf der Frau als Gattin und Mutter zu finden! –
Die gesellschaftliche Zumuthung, daß man ihr, der Tochter des Medicinalrathes Erhardt anbot, einen Fabrikaufseher zu heirathen, die verletzte sie nicht. Was mochten die Liebesleute dem guten Manne von ihr vorphantasirt haben! Aber sie fühlte den Beruf zur Gattin und Mutter nicht in sich. – Es ist doch auch nicht jeder Mann geeignet, Vaterpflichten zu übernehmen, und nicht jedes Weib für Mutterpflichten geschaffen.
Sehr kurz, sehr kalt lehnte sie ab, auf's Innigste bedauert von dem jungen Paare, das nichts Anderes kannte, als seine Liebe.
Ihr Leben war aber furchtbar hart auf diese Weise, denn in den ersten beiden Jahren ihres Studiums machte das Arbeitspensum, das sie zu erledigen hatte, es ihr unmöglich, sich irgend einen Erwerb zu suchen.
Sie mußte leben wie eine Arbeiterin, schlechter wie eine solche, wenn sie zum Ziele kommen wollte.
Henriette und Charley amüsirten sich Sonntags, aßen und tranken wie Kinder, die plötzlich Geld bekommen haben und nicht wissen, wo sie es lassen sollen. Sie sprachen täglich von ihrer Hochzeit und heiratheten nie.
Cäcilie lebte Sonntags nicht besser wie Werktags und nahm nichts von dem an, was die Anderen ihr anboten.
Die arme Person!
Was das Leben wohl für einen Werth haben soll, wenn man es garnicht genießt! –
So philosophirte das Liebespaar; Cäcilie aber arbeitete weiter allein, immer allein.
An keinen Menschen in Deutschland hatte sie geschrieben, keiner an sie.
Sie war wie todt für die Welt.
In Universitätskreisen hatte sie auch keinen Anschluß gefunden, keinen gesucht.
Die jungen Studenten amüsirten sich wie Kinder über die paar häßlichen Mädchen, die mit wahrem »Biereifer« die Vorträge nachstenographirten, um sie zu Hause auszuarbeiten. Cäcilie war von diesen die eifrigste. Sie versäumte keine Vorlesung – sie arbeitete immer, immer.
Arbeiten und darben! Für die Blüthe einer Jungfrau ist das nicht grade günstig.
Mädchen blühen auf wie Maienrosen, tändeln, lachen und finden ihre letzte Entfaltung, ihr süßestes Geben erst in dem Verkehr mit dem Manne, in dem Widerstreben und Hinneigen seiner Werbung gegenüber und dann im Gewähren.
Bete und arbeite! Keusche Mädchen blühen auf wie Lilien, dienen dem Nächsten und geben sich in süßer Schwärmerei ihrer Gottheit.
Cäcilie achtete die Gottheit, soweit ihr deren Cultus vernünftig und zweckmäßig erschien. Sie achtete auch den Mann, wenn sie ihn streben, arbeiten, nützen sah, aber sie dachte nicht daran, sich selbst zu geben, weder Gott noch den Menschen.
Wer hätte denn wohl auch den Wunsch gehabt, sie zu besitzen!
Sie sah nichts vor sich, als die Nothwendigkeit, Andere bei Seite zu schieben, um für sich selbst Platz zu gewinnen.
In der Ferne, in gar nicht allzuweiter Ferne sah sie die Möglichkeit, daß sie einmal nicht mehr arbeiten würde, um zu leben, sondern um zu nützen. Nicht sich selbst – Andern, das war ihre Religion und ihre Liebe. Das richtete sie auf, wenn sie in schwachen Stunden sich fragte: Wozu? – wozu dieser Kampf, diese Arbeit, dieses Entbehren? –
Sie hörte auf, ein Weib zu sein und konnte doch kein Mann werden. Ein unhaltbares trostloses Wesen! Aeußerlich wenigstens, innerlich blieb sie jungfräulich keusch, nur vielleicht ein wenig zu herb. –
Sie sah Andere neben sich untergehn. Mit derselben Gluth, wie sie, hatten sie angefangen, aber sie hatten nicht dieselbe Ausdauer gehabt.
Ein Mann drängt sich in die Gedankenwelt, in das Innenleben des Mädchens. – Ein kurzes Widerstreben, ein kurzes Gewähren und dann die Erkenntniß! –
Die Erkenntniß war, wo sie auch hinblicken mochte immer das Ende des Genusses.
Nach der Erkenntniß kam, wie bei dem ersten Menschenpaare, der ewige Fluch: Mit Schmerzen sollst Du ihm Kinder gebären. –
Viele junge Studentinnen mußten die Universität verlassen. Sie versanken in einem Abgrund, dessen Tiefe dem guten Herrn Schäffer so räthselhaft schien.
Andere verirrten sich in die Politik. »Gleichheit, Gleichheit« – was sollen wir darben, wenn Andere genießen dürfen?
Anstatt eine vernünftige, mit logischer Folgerichtigkeit und Nothwendigkeit sich vollziehende gesellschaftliche Umwälzung abzuwarten, stürmten und drängten sie dem Anarchismus entgegen.
Sie vergaßen, daß sie doch selbst persönlich danach strebten, die Zugehörigkeit zu einem Stande zu erlangen, der seinerseits den privilegirten höheren, den sogenannten »besseren Ständen« sich zurechnete.
Sie gingen unter – der geheimnißvolle, unergründliche Abgrund nahm sie auf.
Die Reihen lichteten sich, dem Ziel strebten nur noch Wenige entgegen, aber Cäcilie Ehrhardt war unter ihnen.
Einmal fühlte sie sich krank. Der vom Vaterhause her an bessere Kost gewöhnte Körper versagte, als ihm bei dauernder geistiger Anspannung, bei nie unterbrochener Arbeit stets nur solche Speisen zugeführt wurden, die zu einer geeigneten Ernährung nicht ausreichend waren.
Cäcilie empfand nach und nach einen kaum zu überwindenden Widerwillen gegen die billigen groben Nahrungsmittel, zu denen sie sich zwang, so lange sie von dem Gelde leben mußte, das sie nach Amerika mitgebracht hatte.
Mit eiserner Willenskraft überwand sie diese Abneigung, berechnete genau, wieviel Eiweiß, wieviel Zucker, Stickstoff etc. ihr Körper täglich bedürfe, wog das Betreffende ab und schluckte es widerstrebend hinunter.
Ihre Magennerven lieferten ihr bald den Beweis, daß der menschliche Körper keine chemische Retorte ist.
Todtelend, fiebernd blieb sie eines Tages auf dem harten schmalen Bette in ihrer Dachkammer liegen, und die gute Henriette stand händeringend dabei.
Ohne sich die Sache wissenschaftlich erklären zu können, fühlte die Arbeiterin heraus, daß ihr »Fräulein« sich wohl erholen würde, wenn sie sich einmal erlaubte, gut zu leben.
Sie holte ein ordentliches Stück Braten aus einem benachbarten Restaurant und besorgte auch Wein.
Cäcilie konnte nicht widerstehn, mit der Gier des Verhungernden griff sie nach den Nahrungsmitteln, deren Genuß sie an das Elternhaus, an die Heimath erinnerte.
Und dann, als sie zum ersten Male seit langer langer Zeit mit Behagen, fast mit Genuß gegessen hatte, regte sich in ihr auch das Gemüth – die Nerven, wie sie meinte.
Sie gedachte des fernen Bruders, ihrer Einsamkeit und Verlassenheit. – Liebe – es gab überhaupt nichts, was sie an Liebe hätte gemahnen mögen. Weinend, seit ihrer Kinderzeit zum ersten Mal weinend, sank das starke Mädchen zurück auf das dürftige Bett.
Henriette kniete neben ihr nieder und betete, daß doch das Fräulein, das immer so gut war und sie niemals störte, vor Krankheit und Elend bewahrt bleiben möchte.
Krankheit – für den sorglos lebenden Menschen ist das oft ein Segen. – Die Ruhe, zu der der Körper gezwungen ist, leitet den Geist zu innerer Einkehr und stiller Vertiefung. Ein süßes weiches, von leichter Traurigkeit überhauchtes Erinnern an diese Periode des Lebens, bleibt oft von einer Krankheit zurück.
Bei dem Armen stellt sich das Bild ganz anders dar. Die Krankheit ist ein Dämon, der dem Kämpfer die Waffe aus der Hand nimmt und ihn wehrlos niederstreckt. Krank werden heißt untergehn. – Der machtvoll vorwärts Strebende wird gezwungen, demüthigendes Almosen zu empfangen; die Ersparnisse werden verzehrt; die darauf begründeten Zukunftshoffnungen sind abgeschnitten. Niemand kann es dem erkrankten Armen ersparen, die Seinigen darben und, wenn es lange dauert, untergehn zu sehen.
Cäcilie sah sich am Rande desselben Abgrundes, über den sie einst so unnachsichtlich hart geurtheilt hatte. Wenn eine Krankheit den Rest ihres Besitzes verzehrte, so war sie verloren.
Sie machte sich das klar und in unbestimmter Hoffnung auf irgend einen Erwerb fing sie an, besser zu leben.
Es mußte sein; mit unsäglicher Bitterkeit wurde ihr hier an diesem untergeordneten Punkte die Grenze der menschlichen Willenskraft klar.
Sie erreichte es, nicht krank zu werden. Nur einen Tag lag sie in dem ärmlichen Bette, von der Gefährtin, die sofort ihre Fabrikarbeit aussetzte, mit Liebe gepflegt. Es war, als ob ein Keulenschlag sie niedergeworfen hätte. Sie konnte den Kopf nicht aufheben, nicht lesen, nicht arbeiten, nicht denken, nicht einmal schlafen. Nur liegen und ausruhn.
»Du sollst den Feiertag heiligen!«
Dieser eine Krankheitstag war für sie wie ein Feiertag, ein von der Natur ihr aufgezwungener Tag der Ruhe.
Sie wollte keinen Sonntag, keine Erholung als nöthig anerkennen. Jetzt mußte sie lernen, daß der Durchschnittsmensch neben der Arbeit auch die Erholung haben muß, wenn er nicht zu Grunde gehn soll.
Es war ein Ruhetag, ein einziger ganz vollkommener Feiertag, ohne Arbeit, ohne Denken, ohne Kampf.
Am folgenden Tage raffte sie sich mit Gewalt wieder auf und arbeitete weiter.
Sie bestand ihr erstes ärztliches Examen mit Auszeichnung.
Aber es lag noch ein Studienjahr vor ihr, das ihr schwer werden mußte, weil ihre Mittel beinah zu Ende waren.
Man hatte an der Universität ihr heißes ernstes Ringen erkannt. Nach und nach, zögernd und unwillig fingen die Professoren an, in ihr eine der wenigen »Gleichberechtigten«, eine Ausnahmenatur zu erkennen.
Es gelang ihr, bei einem sehr gesuchten Frauenarzte täglich einige Stunden Beschäftigung zu finden.
Das war der erste Erwerb. Vorläufig aber erlaubte sie sich noch nicht, daraufhin ihre Lebensweise zu ändern, denn sie hatte noch ein Examen vor sich und wünschte sich speciell in der Augenheilkunde auszubilden.
Aber sie fühlte doch nun Boden unter ihren Füßen.
Nach und nach lernte sie auch die praktischen Seiten des so heiß erstrebten Berufes und zugleich die socialen Unterschiede im Leben, über die sie noch wenig nachgedacht hatte, kennen.
Der Augenarzt, bei dem sie ab und zu schon selbst operiren durfte, theilte ihr eines Tages in großer Aufregung mit, daß er wahrscheinlich am folgenden Tage die Ehre haben würde, die Tochter eines der Eisenbahnkönige des Landes zu operiren.
Auf ihre Frage nach der Krankheit der Dame erfuhr Cäcilie, daß es sich um einen leichten Fall einseitigen Schielens handelte.
Sie begriff nun nicht recht, was ihrem Vorgesetzten da für ein hervorragendes Vertrauen geschenkt werde, sie meinte sogar, das könnte jeder nahezu ausgebildete Anfänger ausführen, aber sie sollte über die Wichtigkeit dieses Falles bald eines Besseren belehrt werden.
Als sie in Begleitung ihres Chefs in das Haus des Milliardärs trat, wurden sie zunächst von einer Nonne empfangen, die zur Pflege der zu operirenden Dame engagirt war. Dann führte man die beiden Aerzte zu der Kranken, die auf einem Ruhebette liegend, von ihrer ganzen Familie umgeben war. Der Chef des Hauses sprach in einigen bewegten Worten dem Arzte und seiner – »Gehülfin« – wie er Cäcilie nannte aus, wie er mit vollem Vertrauen Leben und Gesundheit seines Kindes in ihre Hand lege. Dann wurde von der Kranken ein allseitiger Abschied genommen, als sollte sie zum Schaffot geführt werden, und endlich blieb sie mit den beiden Aerzten, einer Dienerin und der Nonne allein.
Als dann der Schönheitsfehler des Auges thatsächlich korrigirt wurde, bemerkte Cäcilie mit Erstaunen, daß, so lange wie die Narkose dauerte, die Hände ihres Vorgesetzten eiskalt waren, während sein Puls vor innerer Aufregung jagte. Dabei war's doch fast nichts.
Allerdings erhielt der Augenarzt später für die gelungene Operation ein kleines Vermögen, und auch Cäciliens Assistenz wurde so gut bezahlt, daß sie endlich ihren innigsten Wunsch erfüllen und ein Zimmer für sich allein miethen konnte.
Sie stieg damit eine sociale Stufe höher in ihren eigenen Augen. Von allem, was das Leben ihr auferlegte, erschien es ihr am schwersten niemals allein sein zu können. Sie, die innerlich so ganz einsam in sich selbst gefestigt dastand, litt unter der Nothwendigkeit ihr intimstes persönliches Dasein vor fremden Augen führen zu müssen.
Das Geld des Eisenbahnkönigs verschaffte ihr ein Heim, ein trauliches warmes Stübchen, eine eigene Lampe, ein eigenes Bett.
Mit ihrer bisherigen Lage verglichen, empfand sie diese selbsterworbene Bequemlichkeit, die ihren Berufsgenossen selbstverständlich erschien, fast wie Luxus.
Aber der Luxus der Reichen, den sie selbst jetzt zum ersten Male in der Nähe sah, machte gleichfalls einen tiefen Eindruck auf ihren scharf beobachtenden, stets nach Erkenntniß strebenden Geist.
Sie begleitete nach der Operation ihren Chef noch einige Male zu der Reconvalescentin. Die große Zahl wenig beschäftigter Dienstboten, die sie in diesem Hause bemerkte, erfüllte sie stets von neuem mit Erstaunen.
Sie hielt es für unrecht und unwürdig, die Kräfte einer Anzahl Menschen zu miethen, zu bezahlen und dann brach liegen zu lassen. Mochte dieser reiche Mann sein Geld verschwenden, sie sah ein, daß der Umsatz des Geldes jeder Zeit berechtigt ist, aber sie hielt es für einen unberechtigten Eingriff in die Rechte Anderer, daß hier Menschenkräfte und Arbeitszeit verloren ging; sie sah darin einen moralischen Defect, der als bleibender Nachtheil diese vielen Müßiggänger zur Faulheit und zu unberechtigten Ansprüchen erzog. Die künstlerisch reiche Ausstattung des Hauses gewährte ihr dagegen eine unbefangene Freude. Sie empfand es angenehm, die harmonischen Farbenwirkungen reicher Decorationsstoffe zu betrachten. Der Aufenthalt in diesen bequemen Räumen, die weichen Teppiche, die Bilder, die Bronzen, diese ganze Umgebung schien ihr geeignet, das menschliche Glück zu vervollkommnen.
Trotzdem hätte sie mit der, in ihrer Behandlung befindlichen Tochter dieses Hauses nicht tauschen mögen.
Diese junge Dame kannte keine Arbeit, kein Streben, das Glück des schwer errungenen Erfolges war ihr fremd.
Nichts war um sie her als eine, nach Cäciliens Begriffen todte Pracht, ein Luxus, der keinem Bedürfnisse diente, der entbehrlich war, manchem Temperament vielleicht sogar lästig.
Diese Empfindung, daß eine Anzahl Menschen nur darauf warteten einen Befehl auszuführen, einem Wunsche nachzukommen legten in Cäciliens Augen der Kranken beinah die Verpflichtung auf, die Leute zu beschäftigen.
Diese fortwährenden Besuche und Erkundigungen nach dem Befinden, dieses Studium der Speisen und Getränke, um zu ermitteln, was im gegebenen Falle am zuträglichsten sein würde, befremdeten sie, die gewohnt war das Essen als eine menschliche Unvollkommenheit der man leider genügen müsse, zu betrachten. Eingeengt oder gar schüchtern aber fühlte sich das ruhige, kalt denkende Mädchen auch der größten Pracht und dem ausgesuchtesten Raffinement gegenüber nicht.
Der Luxus der Reichen wurde ihr ein Gegenstand des Studiums, weiter nichts. –
Neid oder Verlangen, für sich das zu besitzen, was die Anderen genossen, war ihrer Seele fremd. Sie war überzeugt, daß sie sich noch nicht in einem Stadium bleibender Verhältnisse, sondern in einer Uebergangszeit befinde. Sie wußte ja, was sie gelernt hatte, und zweifelte nicht daran, daß auch für sie der Tag kommen werde, an dem sie ihrem Werthe nach situirt sein würde.
Andrerseits sah sie den Jammer und die Noth derjenigen, die nicht das leisteten und wußten, was sie sich in bitteren Kämpfen errungen hatte.
Sie sah die geistig Armen in ihrem mühseligen Kampfe um das nackte Leben, sie beobachtete mit voller Klarheit das berechtigte Streben der denkenden unter den Armen.
Nach einem furchtbaren Fabrikbrande wurden mehrere an den Augen Verletzte in die Klinik, an der Cäcilie arbeitete, eingeliefert. Das Auge eines Mannes war von einem stürzenden Balken durchbohrt. Zerfetzt, entzündet, von Ruß und Qualm beschmutzt, hing es nur noch zuckend an wenigen Muskeln.
Cäcilie Ehrhardt, die als Volontairärztin sich schon eine ziemlich selbständige Stellung errungen hatte, griff nach der Chloroformflasche, um den Verletzten zu betäuben, ehe sie sein Auge berührte.
Da wurde ihr das Medicament weggenommen und eine ärgerliche Stimme sagte: »Na Fräulein, Sie glauben wohl, das kostet gar nichts.« –
Sie begriff erst jetzt die Situation. Ihr Kranker war kein Arbeiter, für den natürlich jede Hülfeleistung bezahlt worden wäre, sondern ein unbekannter Strolch, der sich aus Neugierde der Brandstätte genähert hatte.
Und wie litt dieser Mensch! – Es war kaum anzusehen. –
Da wurde in ihr der Entschluß fest, groß, berühmt und reich zu werden, um den Aermsten und Elendesten in ihrer Noth helfen zu können.
Die Liebe blieb ihr fern in jeder Gestalt. Als sie die erste zögernde Anerkennung ihrer operativen Geschicklichkeit, die erste staunende Bewunderung ihrer sicheren Diagnose erfuhr, wurde ihr die rücksichtsvollste Achtung der Männer zu Theil. Sie hätte vielleicht jetzt noch einmal Gelegenheit finden können zu heirathen, so wie im Anfange ihrer Laufbahn, als der Cigarrenarbeiter für seinen Kameraden um sie warb.
Aber sie dachte gar nicht an diese Möglichkeit. Die Männer waren ihr so uninteressant, so gleichgültig. – Die Collegen interessirten sie wohl als solche, aber nicht als Männer, keinen Gedanken hatte sie dafür übrig.
So erwarb sie sich nach und nach einen geachteten Namen und ein weit über ihre Bedürfnisse hinaus gehendes Einkommen.
Ob sie glücklich dabei war oder nicht, wußte niemand zu sagen, denn niemals sprach sie von sich selbst, sie hatte überhaupt gar keine Privatangelegenheiten.
III.
Otto Ehrhardt hatte bald nach Cäciliens Abreise das Diakonissenhaus, an dem er angestellt war, verlassen.
Er bildete sich ein, die Oberin hätte die ihm vorgesetzten Aerzte gegen ihn eingenommen, aus Empfindlichkeit darüber, daß er ihrer Aufforderung nicht nachgekommen war und ihr seine Schwester Cäcilie nicht zugeführt hatte.
In Wirklichkeit lag der Gräfin eine solche kleinliche Uebelnehmerei fern. Sie dachte gar nicht mehr an Cäcilie Ehrhardt, die sie niemals gesehen hatte, aber sie behandelte Otto geringschätzig, weil es ihrem scharfen erfahrenen Blicke nicht entging, daß der junge Mann für seinen Beruf nicht begabt war und auch kein intensives Streben besaß.
Er witterte überall Intriguen, nahm es furchtbar übel, wenn bei einer wichtigen Operation ein jüngerer Assistent herangezogen wurde und versäumte dann aus Empfindlichkeit, wenigstens zuzusehen, um sich zu belehren. Eine gewisse natürliche Trägheit hinderte ihn, seine Studien fortzusetzen und sich den täglichen Fortschritten seiner Wissenschaft anzuschließen.
So suchte ihn niemand zu halten, als er ging. Er miethete sich zwei hübsche Zimmer, annoncirte in den Zeitungen und verdiente am Ende so viel in seinen Sprechstunden, wie seine Garderobe ihn kostete. Mehr aber nicht.
Keine einzige angesehene und zahlungsfähige Familie kam auf den Gedanken, ihn zum Hausarzt zu wählen. Er fing schließlich an, die Zeitungen durchzusuchen nach Annoncen, in denen Aerzte gesucht wurden, denen eine bestimmte Einnahme von vornherein zugesagt wurde. Er meldete sich überall, bekam auch oft Antwort, stets aber wünschte man – gewissermaßen als Zeugniß – ein empfehlendes Schreiben seiner früheren Vorgesetzten. Schließlich bemühte er sich um ein solches, aber es fiel so kühl und nichtssagend aus, daß es ihm wenig half.
Mehr und mehr schmolz die kleine Summe zusammen, die ihn erhielt. Er sagte sich, daß die Berliner Wohnung ein zu großer Luxus für ihn sei, und ins Blaue hinein fuhr er nach einer kleinen Stadt, miethete sich im Hotel ein und annoncirte in der Zeitung.
Es kamen arme Leute zu ihm und wollten Medicin kaufen; man hielt ihn nach diesem Vorgehen nicht für einen richtigen Arzt, sondern für einen Verkäufer irgend welcher Geheimmittel. Die Aerzte in der Stadt, denen er seine Visite machte, erwiderten den Besuch nicht. Er fühlte, daß er nach diesem Anfang im Orte unmöglich sei. Nach acht Tagen kam kein Mensch mehr zu ihm.
Kurz entschlossen setzte er sich ins Eisenbahncoupee und fuhr nach dem Rhein. In einer mittleren Stadt miethete er eine Wohnung, meldete sich ordnungsmäßig auf der Polizei an und annoncirte dann erst in der Zeitung. Man erwiderte seine Besuche. Ab und zu holte man ihn zu einem Kranken.
Hätte er diesen Weg doch gleich eingeschlagen, als er noch zweitausend Mark besaß! Bis die verbraucht waren, hätte er sich hier durchgearbeitet. Schon jetzt, nach zwei Monaten verdiente er etwas, aber ach, das väterliche Erbe war verbraucht, er stand vor dem Nichts.
Manchmal bezahlte man ihm eine Bemühung in der Sprechstunde oder einen Besuch, dann konnte er für einige Tage sein Mittagessen bezahlen, und der Wirth borgte wieder weiter. Jede kleine Einnahme legte er bei Seite, um am Anfang des Monats die Miethe entrichten zu können. Als dann aber der Zahlungstag kam, hatte er nur die Hälfte der erforderlichen Summe.
Der Hauswirth war gutmüthig, er versprach zu warten, er erbot sich sogar, seinen Miether bei seinen Bekannten zu empfehlen.
Wirklich brachte diese Empfehlung ihm Nutzen, er wurde zu einer schweren Entbindung gerufen, bei der außer ihm noch ein anderer Arzt zugegen war.
Drei Tage später war die Wöchnerin todt, das neugeborene Kind folgte ihr nach, und kein Mensch in der Stadt schob die Schuld auf den einheimischen Hausarzt der Familie, sondern jeder sah darin einen Beweis der Untüchtigkeit des unglücklichen Fremden.
Der arme Ehrhardt konnte im Grunde genommen garnichts dafür. Eine Reihe unglücklicher Zufälle war zusammengetroffen; sein Hauswirth aber, außer sich darüber, daß er einen solchen Mann empfohlen hatte, kündigte seinem Miether zum nächsten Termin.
Leerer und leerer wurde das Wartezimmer während der Sprechzeit. Ehrhardt verkaufte seine Uhr, um seine Miethe bezahlen zu können, als er auszog.
Seinen Wohnungswechsel zeigte er in der Zeitung an und seinen Mittagstisch suchte er in der Nähe der neuen Wohnung. Der Restaurateur, bei dem er früher gegessen hatte, borgte nicht mehr.
Wenn er doch jetzt in Berlin gewesen wäre, er hätte vielleicht in ein Hospital eintreten können, oder bei einem Professor. Wenigstens hätte er doch einige Bekannte gehabt, die ihm vielleicht etwas geborgt hätten, aber hier kannte er niemanden, alle Thüren blieben für ihn verschlossen.
Es wurde Winter. Die Wirthin, bei der er jetzt wohnte, verlangte Vorschuß für Kohlen, sonst weigerte sie sich, sein Zimmer zu heizen. Er konnte doch seine Kranken nicht im Kalten empfangen und untersuchen; so verkaufte er denn, was er entbehren konnte an Wäsche und Kleidungsstücken, und bezahlte Miethe und Kohlen.
Ein Arbeiter, dem er einen Armbruch behandelt hatte, war ihm noch die Bezahlung schuldig. Er ging hin, fand den Mann im Bette und in der Behandlung eines anderen Arztes. Er hatte seinen Arm zu früh wieder gebraucht, die üblen Folgen davon aber schob er auf Doctor Ehrhardts falsche Behandlung, und die Frau wies diesem schimpfend die Thür.
Wenn er etwas haben wolle, sollte er sie nur verklagen, der Doctor Brauer, den man jetzt hätte, der würde schon bezeugen, wie viel Schaden die Fehler der ersten ärztlichen Behandlung ihrem Manne gethan hätten.
Ehrhardt war nicht in der Stimmung, irgend einen Menschen zu verklagen. Er lebte jetzt von der Hand in den Mund. Sein einziger Wunsch war, daß er früh in der Sprechstunde eine Mark einnähme, um mit der Hälfte davon sein Essen zu bezahlen und die andere in seine Wohnungskasse zu legen.
Im Januar bekam er einen Steuerzettel, er sollte angeben, wie viel die Ausübung seines Berufes einbrächte, um nach Maaßgabe dieser Schätzung zu den gesetzlichen Abgaben herangezogen zu werden.
Zuweilen dachte er an seine Schwester Cäcilie. Das freie Gewerbe, bei dessen Ausübung er beinah verhungerte, hatte sie so unwiderstehlich angezogen und gereizt. Sie sah in der Zulassung zu dieser Thätigkeit ein geistiges Ideal. Wie fern war doch für ihn die Wirklichkeit von diesen phantastischen Mädchenträumen geblieben. Aber Cäcilie war ein Weib, wenn sie in Noth kam, so blieb ihr noch immer der Beruf einer Pflegerin, der ihr jede Stunde ein sicheres Brod geben konnte – er dagegen, er konnte doch nicht hingehen und Arbeiter werden.
Er beneidete die Bergleute, die er früh nach ihren Schächten gehen sah. Sie hatten alle ihr sicheres Auskommen. Keiner hatte eine geringere Einnahme als drei Mark jeden Tag.
Er hatte dagegen momentan nichts. Wohl sagte er sich, daß es mit der Zeit wieder anders und besser werden würde; nach und nach würde er bekannt werden und eine Stellung erringen, genau so wie alle seine Collegen am Ort. Er mußte nur warten – aber er konnte nicht warten. Man muß doch leben, während man wartet, und er hatte nichts, wovon er hätte leben können.
Die Redaction einer medicinischen Zeitschrift schickte ihm eine Abonnementseinladung und ein Probeheft ihres Blattes. Mechanisch las er es durch. Unter den Notizen am Schluß fand er die Nachricht, daß Dr. Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende junge Aerztin, nach mehreren glänzend ausgeführten Operationen an der großen Augen-Klinik der Universität Boston mit festem Gehalt als Assistentin angestellt sei.
Das Blatt fügte noch hinzu, daß diese Anstellung der Dame Zeit genug lasse, ihre schon jetzt bedeutende Privatpraxis ausüben zu können.
Cäcilie! Also wirklich, sie hatte sich durchgearbeitet und hatte studirt mit derselben Summe, die ihm zugefallen war, als seine Studien vollendet waren und er sich nur noch eine Praxis zu suchen brauchte.
War es nicht eigentlich eine Schmach, daß er sich jetzt hinsetzte, um an sie zu schreiben und sie um Unterstützung zu bitten?
Zum Teufel auch, daran war er doch nicht schuld! Cäcilie wußte ja auch, daß in Deutschland der Beruf überfüllt war. Sie sollte ihm Reisegeld schicken, vielleicht fand sich auch für ihn in Amerika noch ein Wirkungskreis, der nur auf ihn harrte.
Rasch entschlossen schrieb er den Brief, gar nicht sehr sentimental, eher mit einem bitteren Humor gewürzt und schickte ihn ab.
Er überlegte, daß bis zum Eintreffen der Antwort aus Amerika mindestens drei Wochen vergehen würden, selbst wenn die Schwester sofort antwortete und sofort half.
Drei Wochen – wie sollte er leben, wie sollte er drei Wochen noch warten! Er besaß nichts mehr, es gab keinen Ausweg mehr als den, sich an die öffentliche Wohlthätigkeit zu wenden. Es gab doch Kassen, die dazu da waren, einen vollständig verarmten Menschen vor dem Hungertode zu schützen.
Mechanisch griff er noch einmal nach dem Zeitungsblatt, das die Notiz über Cäcilie enthielt. Ihr ging es also gut, nach deutschen Begriffen vielleicht glänzend und er – er wollte jetzt betteln.
Er sagte das Wort ganz laut vor sich hin, um sich an den Klang zu gewöhnen: – »Betteln, betteln.« –
Ein letzter innerer Kampf tobte durch seine Seele. Der ganze Hochmuth seines Wesens, die ganzen Prinzipien seiner Erziehung empörten sich in ihm, aber die Ueberlegung siegte, es blieb ihm nichts anderes übrig – – doch – eine Rettung – fast wäre er im Gebet niedergesunken vor Dankbarkeit und Freude über diesen Gedanken.
Er brauchte nicht zu betteln, noch nicht. – Es war ja doch möglich, daß ein College ihm auf diese Zeitungsnotiz hin eine kleine Summe leihen würde, wenn er nachwies, daß er sich um Unterstützung an die zahlungsfähige Schwester gewendet hatte.
Beinah leichten Herzens ging er aus, um diese Hilfe zu suchen.
Bald darauf stand er vor dem städtischen Kreisphysikus und trug diesem sein Anliegen vor.
Der ältere College war ein wohlwollender Mann, der in auskömmlichen Verhältnissen lebte. Er hatte aber zahlreiche Kinder, so daß er von seinen Einnahmen nichts übrig hatte. Grade in der letzten Zeit hatte er allerlei unvorhergesehene Ausgaben gehabt und so gern wie er der Noth des jungen Mannes abgeholfen hätte, sah er sich doch dazu nicht im Stande.
Es war ein entsetzlich peinlicher Augenblick für den Bittenden, das kühle ablehnende Achselzucken hinnehmen zu müssen, mit dem der vorsichtige Familienvater es ablehnte, sein Geld auf eine so unsichere Chance wie diese amerikanische Unterstützung hin, auszuleihen.
Als Otto Ehrhardt wieder auf der Straße stand, ohne einen Pfennig erhalten zu haben, sagte er, fast ohne es zu wissen, wieder das furchtbare Wort vor sich hin: »Betteln – betteln« –
Dann ging er weiter. Er suchte jetzt einen unverheiratheten Arzt auf, der gleichfalls für bequem situirt galt. Als er sein Anliegen vorgetragen hatte, lachte der etwas cynisch angelegte Junggeselle laut auf.
»Was – auf einen weiblichen Concurrenten hin soll ich Ihnen Kredit geben?«
»Wie denn nun, wenn Fräulein Doctor Cäcilie als echtes Weib es vorzieht, ihre Honorare in Toiletten und Brillanten anzulegen? Glauben Sie denn wirklich, bester Ehrhardt, daß diese europamüde junge Dame sich für Geld und gute Worte einen Bruder zu ihrem Schutze verschreiben wird, der« – –
»Sie kann doch ihren Bruder nicht verhungern lassen« –
Fast schluchzend unterbrach der Unglückliche die lebhafte Rede des als Weiberfeind bekannten Collegen. Er wußte ja ganz genau, daß Dr. Brauer die weiblichen Aerzte als Halbverrückte verachtete – aber darauf kam es doch in diesem Augenblicke nicht an, wenn er nur gab – gab – –
Ganz verblüfft starrte Brauer seinen Besuch an. »Aber, Herr College – verhungern, was für ein Ausdruck, wahrhaftig« –
Er lachte gezwungen, aber es wurde ihm äußerst unbehaglich, als er den verzweifelten Ausdruck in dem bleichen Gesichte des Anderen sah.
»Wenn ich noch einen Groschen hätte, so würde ich nicht« – er stockte, und dann mit grellem Lachen, auf einmal stieß er das Wort aus. »Betteln,« er schrie es förmlich dem Arzte in die Ohren: »betteln, betteln«; es war ihm wie eine Erleichterung in seiner Folterqual, als er es selbst hörte, dieses harte, entsetzliche Wort. –
Er – bettelte.
Dr. Brauer war außerordentlich unangenehm berührt. Eigentlich hatte er dem Collegen sagen wollen, was schon der Kreisphysikus gesagt hatte, daß man etwas für ihn thun werde, ihm Beschäftigung verschaffen, sich erkundigen, über die Sache sprechen, aber jetzt – der Mensch machte ihm ja eine Scene, er bettelte ihn an, da war alles collegiale Entgegenkommen unmöglich – und wie er aussah, wie ein Irrsinniger, man konnte ihn vielleicht gar nicht beschäftigen. – Dr. Brauer empfand nur noch den lebhaften Wunsch, den lästigen Besucher los zu werden.
»Nun, ich will Ihnen wünschen, daß Ihr Fräulein Schwester Sie aus der Verlegenheit rettet, in der Sie sich befinden,« sagte er. Dann schloß er sein Pult auf, nahm Geld heraus und drückte Ehrhardt zwei Goldstücke in die Hand.
Ohne danken zu können, wie ein Betrunkener taumelte der Beschenkte aus dem Zimmer. Er fühlte, daß Thränen ihm heiß in die Augen traten, Brust und Hals waren ihm wie zugeschnürt. Erst auf der Straße fand er seine Besinnung wieder. In seiner krampfhaft geschlossenen Hand befand sich ja Geld, nun konnte er warten – auf Rettung, auf Erlösung warten.
Er war in der nächsten Zeit nicht im Stande, sich mit irgend etwas zu beschäftigen. Er wartete nur, zählte täglich, stündlich, wie viel Geld er noch hatte, berechnete, wie weit es noch reichen würde und wartete im Uebrigen mit unermüdlicher Geduld.
Es war doch ganz unmöglich, daß die auf Cäcilie gesetzte Hoffnung ihn täuschen sollte. Er erinnerte sich an die gemeinsam mit der Schwester verlebte Kindheit im Elternhause. Gutmüthig war Cäcilie nie gewesen, aber sie hatte ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl. Wer ganz elend und hülflos war, dem strebte sie zu helfen, ohne auf die Schuldfrage des Unglücklichen einzugehn.
Nun erfuhr sie, daß er ganz arm, ganz elend war. Nach seinem Verschulden würde sie sich vielleicht später erkundigen, aber zunächst würde sie helfen. Immer fester redete er sich das ein, immer gewisser rechnete er darauf.
So verging die Zeit, und das Darlehn des Dr. Brauer schmolz zusammen.
Schließlich erkannte der Wartende, daß er, selbst wenn er nur noch von Brod lebte, doch höchstens noch fünf Tage warten könne.
Auf der Post kannten ihn schon alle Beamten. In Zwischenräumen von wenigen Stunden kam er täglich mehrmals, um zu fragen, ob kein Brief für ihn da sei.
Er klammerte sich an die letzte Hoffnung des Lebens, er wollte nicht untergehn.
Und dann kam der Tag, an dem die letzte Brodrinde verzehrt, der letzte Pfennig verausgabt war. Er hatte mehrmals an Cäcilie geschrieben, sie hätte längst antworten können, wenn sie seine Briefe erhalten hätte.
Aus der Zeitungsnotiz, die ihm Kunde von der Schwester gebracht hatte, ging nur sehr ungenau deren Adresse hervor. Er hatte bei der Redaction angefragt, man hatte ihm Auskunft versprochen, aber diese Auskunft war noch nicht eingetroffen. Und jetzt war das Ende da, er stand vor dem Nichts. –
In dumpfer Verzweiflung saß er in seinem Sprechzimmer und wartete auf den Postboten. Auf Patienten zu warten, hatte er längst aufgegeben.
Es war aus mit ihm, er mußte es fassen, wenn er auch das Leben liebte, sich mit der ganzen Kraft seiner Jugend an das Leben zu klammern suchte, es war doch aus, da war nichts mehr zu machen.
Aber hier, in der unbehaglichen kalten Stube konnte er nicht bleiben. Er wollte sein Ende suchen, aber doch nicht hier.
Ein Verlangen nach frischer Luft, nach der weiten freien Natur erfüllte ihn plötzlich. So erhob er sich, setzte seinen Hut auf und ging hinaus. Er besaß schon lange keinen Ueberzieher mehr, und dabei war es empfindlich kalt. So schritt er rasch vorwärts aus der Stadt hinaus, immer weiter ins Freie. Die starke Bewegung machte ihn warm. Er ging durch einen vom Rauhfrost glitzernden Forst. Es war eine Stille unter den weißen Bäumen, wie tief in der Nacht. Die Sonne schimmerte und sprühte in all den feenhaften Gebilden, die den Wald erfüllten. Da hing ein Spinnennetz zwischen den Zweigen; wie aus leuchtenden Seidenfäden schien es gestickt, mit Brillantstaub bestreut. Alle Contouren waren gröber als sonst und dadurch erst voll erkennbar in der wunderbaren Schönheit ihrer Linien. Und keiner Linie konnte man folgen; das Funkeln und Leuchten der weißen glitzernden Crystalle that den Augen weh, verwirrte und blendete wie die nackte Schönheit eines menschlichen Leibes.
Als es dunkel wurde, kehrte er langsam zurück in die Stadt. Der lange Spaziergang in der frischen Winterluft hatte ihn hungrig gemacht, der kurze Tag ging zu Ende, man zündete in den Straßen die Laternen an. Ehrhardt erinnerte sich, daß er heute überhaupt noch nichts gegessen hatte. Er besaß kein Geld mehr, zum ersten Male stand er vor dem Hunger.
Er hatte nichts mehr, was er versetzen, was er entbehren konnte. Nichts – – er besann sich, doch, ein weiches seidenes Halstuch. Er hielt darauf, weil er sehr empfindlich gegen Wind war, aber der Hunger fiel ihn an wie ein Fieber. Er war ja doch ein Bettler, wozu brauchte er da noch einen Luxusgegenstand, ein Stück, das geradezu elegant war!
Rasch entschlossen trat er in einen kleinen Laden und verkaufte für zwei Mark das Tuch, welches das Sechsfache gekostet hatte.
Nun hätte er essen können; aber wie er aus dem engen heißen Laden des Althändlers herauskam, traf ein scharfer Windstoß seinen Nacken, dem das warme Tuch fehlte, so daß die Kälte ihn durchschauerte bis ins Mark.
Einige Arbeiter kamen sichtlich heiter mit tief gerötheten Gesichtern aus einem Keller, an dem er vorbeiging. Heiße mit Spiritusgeruch erfüllte Luft strömte aus der Thür, die sie hinter sich schlossen.
Ein Schüttelfrost, der die Glieder des Arztes erfaßte, zwang ihn, in die Destillation einzutreten. Man gab ihm ein Glas Schnaps, so groß wie er es noch nie getrunken hatte; es war dabei so lächerlich billig, daß er sich versucht fühlte, ein Trinkgeld zu geben; aber er sah noch rechtzeitig, daß niemand das that und unterließ es.
Der Schnaps erwärmte ihn und beseitigte das Gefühl des Hungers. Er überlegte, daß er ja nun das Geld, mit dem er seinen Hunger hatte stillen wollen, anderweitig verwenden könnte. Rasch entschlossen trat er in eine Apotheke und kaufte ein Medicament.
Es blieben ihm noch einige kleine Münzen, die er krampfhaft in der Hand hielt.
Halb bewußtlos kehrte er in die Destille zurück und forderte noch einmal Schnaps. Er trank, bis der letzte Groschen, den er in der Hand hielt, vertrunken war.
Dann besaß er noch Klarheit genug, um sich zu sagen, daß er, ohne die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken, nach seiner Wohnung gelangen müßte.
Er ging scheinbar energisch und sicher geradeaus.
Zuweilen hatte er aber das Gefühl, als weiche der Boden unter seinen Füßen zurück, so daß er in tiefe Löcher treten müßte. Dann hielt er sich ängstlich an der Mauer fest, wartete einen Augenblick und hastete weiter.
Die Vorübergehenden sahen sich zuweilen nach ihm um, dann empfand er etwas wie Furcht und strebte weiter.
So gelangte er schließlich in seine Wohnung. An der Schwelle seines dürftigen Zimmers empfing ihn seine Wirthin, die Wittwe Lorbeer.
»Morgen ist der Erste, Herr Doctor. Da man von Ihnen doch wohl keine Miethe mehr bekommen wird, so habe ich die Wohnung an einen anderen Herrn vermiethet, das wollte ich Ihnen nur sagen, Herr Doctor.«
Otto Ehrhardt lachte. »So, so! Sie haben schon wieder vermiethet? Nun, das freut mich,« sagte er.
Die Frau starrte ihn ganz entsetzt an. »Herr Du meines Lebens, nun betrinkt sich der Mensch wohl noch gar,« zeterte sie. »Morgen Mittag um zwölf muß die Stube geräumt sein, ich will anständige Miether haben. Mit Leuten, die sich betrinken, habe ich nichts zu thun, das merken Sie sich.«
Er steckte die Hände in die Taschen und stellte sich behaglich lachend vor das erboste Weib. »Ja, sehn Sie mal Lorbeerchen, das ist nun so ne Sache,« begann er – »so gewissermaßen ein Wettlauf« – »Schlafen Sie Ihren Rausch aus und dann packen Sie sich,« schrie die Wittwe.
Der grelle Ton, der Anblick des Zimmers, in dem er alle Qualen des hoffnungslosen Wartens durchlebt hatte, ernüchterten ihn plötzlich.
»Ich bin nicht betrunken,« sagte er leise.
Die Frau sah ihn mißtrauisch an und schwieg.
»Also, wie Sie wollen, ich zieh' morgen aus, wenn Sie Unkosten davon haben sollten, so wenden Sie sich an meine Schwester, das wollte ich Ihnen noch sagen.«
Die Wirthsfrau wurde aufmerksam.
»Ach, die Frau Schwester will wohl etwas für Sie thun, Herr Doctor? Warum haben Sie mir denn nicht gesagt, daß Sie noch Verwandte haben?«
»Hier ist die Adresse meiner Schwester.«
Er reichte der Frau ein Blatt Papier und sank müde auf einen Stuhl.
»Ich kann's nicht lesen ohne Brille, aber sagen Sie mir doch, wo Ihre Schwester lebt – und was ist denn der Herr Schwager, wenn man fragen darf?«
Er achtete nicht auf die Fragen der Frau. Mit halbgeschlossenen Augen lehnte er sich hintenüber und sprach leise und eintönig vor sich hin.
»Der Vater stirbt, und die Kinder müssen den Kampf mit dem Leben aufnehmen. Beide haben die gleichen, dürftigen Mittel, womit sie durchkommen sollen. Der Mann hat einen Vorsprung, einen bedeutenden Vorsprung.
Der Kampf beginnt – aber die Kraft und den Muth und die Ausdauer hat das Weib. Der Vorsprung nützt dem Manne nichts – sie überholt ihn doch.
Sie siegt – sie siegt, sie erreicht das Ziel. Als ein Bettler sinkt ihr der Bruder zu Füßen und fleht um Erbarmen. Sie aber, die Schwester, das siegreiche, emancipirte Mannweib, stößt den Flehenden von sich. Er stürzt, und über seine Leiche schreitet die – – die Concurrentin, Fräulein Doctor Cäcilie Erhardt.«
Er schwieg. Frau Lorbeer aber war felsenfest überzeugt, daß ihr Zimmerherr trotz seiner gegentheiligen Behauptung betrunken sei.
Das, was er da erzählt hatte, war doch keine vernünftige Auskunft über eine, möglicherweise zahlungsfähige Verwandtschaft.
Kopfschüttelnd verließ die Vermietherin das Zimmer. Es gereichte ihr aber zur großen Beruhigung, daß sie bald darauf hörte, wie Otto Ehrhardt zu Bett ging. Ein Blick auf die Thürritze überzeugte sie auch, daß er das Licht ausgelöscht hatte.
Am anderen Morgen wunderte sie sich durchaus nicht, daß er bis in den hellen Tag hinein schlief. Sie wußte ja, daß er am Abend vorher ein Glas über den Durst getrunken hatte.
Gegen Mittag erschien der Geldbriefträger und verlangte Herrn Dr. Erhardt zu sprechen.
Die Lorbeer entschloß sich nun, ihren Miether zu wecken. Alles Klopfen und Pochen an der Thür war jedoch vergeblich. Zweifelnd sahen die Frau und der Beamte sich an.
»Was meinen Sie, Lorbeern, das Zimmerschloß ist nicht viel werth?«
»In Gottes Namen, drücken Sie's ein, er hat mir ja gesagt, daß seine Schwester die Kosten bezahlt, wenn was nöthig sein sollte,« sagte die Frau.
»Na, dann wird das wohl die Schwester sein, die das Geld schickt,« meinte der Briefbote, »seh'n Sie mal, das kommt hier nämlich aus Amerika, vierhundert Mark – was sagen Sie dazu, Lorbeern?«
»Schnell, brechen Sie die Thür auf, ich weiß, wie nöthig er es braucht, wird das eine Freude sein!«
Mit einem einzigen Druck sprengte der Briefträger den schwachen Thürriegel.
Frau Lorbeer stürzte auf das Bett ihres Zimmerherrn los, fuhr aber mit einem gellenden Aufschrei zurück.
Bläulich geschwollen und entstellt lag da eine Leiche, die alle Spuren einer Vergiftung aufwies. –
Die an den Todten adressirte Geldsumme wurde von den Collegen desselben zur Beerdigung verwendet. Als Absenderin auf dem Postabschnitt aber lasen die Herren einen Namen, der ihnen bis dahin unbekannt geblieben war. Nur Doctor Brauer wußte eine Erklärung darüber zu geben. Der Name lautete: »Doctor Cäcilie Erhardt. Boston – Amerika.«
Ende!
Druck von A. Klarbaum, Berlin SO. 26.