Front matter (continued 2)
Reading edition
Nun freute ich mich über die Maßen, daß ein so großer Künstler rote Haare schön fand und ich mich meines Geschmackes nicht zu schämen brauchte.
Bei näherer Betrachtung fand ich jedoch, daß das Bild nur einzelne wohlgelungene Partien aufwies, von recht mediokeren zuweilen unterbrochen. Ich fragte die Stiftsdame, ob sie bei ihrem so ausgesprochenen Talent nicht Lust gehabt hätte, sich bei einem Meister ausbilden zu lassen.
Sie lächelte und meinte dann: »So etwas ist in unserer Position doch nicht möglich.«
Erst nach ein paar Augenblicken wurde mir klar, was sie damit meinte, und ein tiefes Erstaunen erfaßte mich bei diesem neuen Erkennen. Also nicht nur bei den Bürgerlichen, deren Mittel beschränkt sind, ist das arme Talent gefährdet, auch bei den Adligen hat es keine Heimat, und zwar als eine nicht ebenbürtige Dreingabe. Nun denke ich nicht länger: O ihr glücklichen, durch Sparerei so wenig bedrückten Menschen, denen alles erreichbar ist – ihr habt auch euer Brett, und ein gehöriges. –
Aber ich merkte bald, unter den Tanzenden nahm der Übermut gar mächtig zu. Ein paar Gläser Punsch waren rasch hinuntergestürzt worden, die Gesichter glühten. Hermann tanzte ganz allein um sich selbst herum, mit den Armen Bewegungen machend, als befinde er sich im Freiburger Schwimmbädle. Therese mit Baron Wolfgang schwebte zwar immer noch schön und ruhig dahin, ohne jedes Echauffement, wie das ihre Art war, aber mein Catonle und Lotte mit ihren Tänzern, da ging's ein wenig allzu toll her für eine junge Frau mit Kindern und eine Witwe.
War ihnen alles in Vergessenheit geraten?
Oh, der schlimme Baron Otto. Einmal beim Tanzen hob er Caton hoch in die Höhe. Baron Albert machte es mit Lotte nach, was nicht so gut gelang. Herr von Schönau und seine Frau lachten Tränen. Die steifen alten Fingerle der Stiftsdame hackten immer rasender auf die Tasten ein. Herr des Himmels, lag da nicht Otto vor Caton auf den Knien und rief im höchsten Pathos: »Caton, ich habe dich immer geliebt, liebe auch mich!«
Und sie – o sie war zum Fressen – legte das Händlein auf die Brust und flötete mit nicht zu beschreibender Schalkhaftigkeit:
»Ritter, treue Schwesterliebe Widmet dir dies Herz. Fordere keine andere Liebe, Denn es macht mir Schmerz. –
Außerdem hab' ich zwei herzige Büble« – setzte sie auflachend hinzu.
»Auch noch zwei«, schrie Baron Otto.
Die Musik verstummte, und unter lautem Gelächter brachte uns die ganze Familie, jedes mit einem Leuchter, in unsre Schlafgemächer. Da hatten wir alle schon öfters genächtigt als Kinder mit unseren Eltern, und so fühlten wir uns gleich heimisch, indem sich jedes das Bett aussuchte, in dem es früher schon geschlafen hatte.
Am andern Morgen holten sie uns wieder ab zum Frühstück, und es entstand ein großes Lamento, als wir erklärten, gleich nachher unsre Wanderschaft fortsetzen zu wollen. Es kam uns freilich hart an, aber Vater hatte uns ans Herz gelegt, die Güte unsrer Gastgeber so wenig als möglich in Anspruch zu nehmen. Baron Otto bat sich aus, wenigstens unser Fuhrmann bis Säckingen sein zu dürfen, was wir mit unverstellter Wonne annahmen. Baronin von Schönau sagte beim Abschied zu Therese: »Frage doch deine Mutter, ob sie dich mir nicht überlassen könnte.«
Aber Therese schüttelte entschieden den Kopf: »Mutter braucht mich zu nötig.«
Die Fahrt war herrlich frisch. Wir hatten alle ein wenig Kopfweh vom Punsch. So waren wir nicht ausgelassen wie am Abend zuvor, aber angenehm heiter und gemütlich. Baron Otto sagte beim Abschied zu Caton: »Sagen Sie nur immer gleich jedem, daß Sie zwei Büble haben.« –
Wir kamen kurz vor Tisch in Säckingen, unserm Hauptziel, an. Ach, in unserer lieben Stiftsmühle, unsrer wohl sechsten Heimat auf dieser Erde, denn wo nicht überall haben wir eine Heimat durch herzensgute Menschen? Vaters Bruder, der Stiftsmüller, ist ebenso dick, als Vater schlank ist, und ebenso laut, als dieser leise ist. Mit dröhnender Stimme jammerte er uns während des ganzen Mittagessens von den alten österreichischen Zeiten vor, daß er halt an die dreißig Johr seinem Kaiser, dem Franzele, angehangen und halt den Franzele nit vergessen kann, aber au nit vergesse mag, wennschon der Herr Bruder, der Herr Kreisrat, ein badischer Beamter worde sei; der Kreisrat sei halt kei ordentlicher Säckinger mehr, sondern früh in die arg Welt naus komme, wo's die Leut' mit der Treu nit so ernst nehme. Aber in Säckingen, da halt' man am Alte bis zum letzte Schnapper und drum am Kaiser, am Franzele – der Großherzog könnt' jo eneweg der Provisor sein, da hätt' er, der Stiftsmüller, nit's geringste dagegen. Aber – und er legte den Finger an die Nase – der Kaiser isch der Öberscht.
Die Stiftsmüllerin, die mir wohl ansah, daß ich eine Einwendung machen wollte, gab mir einen kräftigen Tritt unter dem Tisch und flüsterte mir zu, während ihr Mann lautschnaufend den Braten tranchierte: »Loß en rede, loß en rede.«
Und der Stiftsmüller sprach weiter: »Ich sag jo nit, daß es der Großherzog nit nett macht, sei Regierung ischt nit übel, aber wenn's au der Franzele nit halb so nett g'macht hätt', der Franzele isch halt der Franzele, und zu Säckinge isch ein Denke, und wollt ihrs nit glaube, so goht zu dene alte Huzle, die üwrige Stiftsdame, do könne ihr was erlebe an Hüle und Zähneklappere nach de alte österreichische Zite, und drobe im Wald, die Wälder, die glaube 's noch hüt nit, daß sie nimmer zu Österreich g'höre, und sie glaube 's au in fufzig Johr noch nit.«
Und alle saßen wir still und schwiegen, lächelten nur ein wenig, wenn die alte Geschichte aufs Tapet kam, waren aber im Innern dem herzensguten Onkel nicht böse.
Ach, liebe Eltern, wie sind wir doch so glücklich und auch so dankbar für diese so wundervolle Reise. Güte, Wohlwollen, prachtvolle Ausflüge, deliziöse Gerichte, himmlische Betten – wo aufhören mit all dem Segen! Und was mir so wichtig ist – auch stille Stunden, die Möglichkeit, alles Erlebte an die Eltern zu berichten, damit sie sich mit uns freuen, und diese Briefe dann noch schnell in mein Tagebuch abzuschreiben. Oder mit Caton am Rhein entlang zu gehen, in vertrauten Gesprächen, dabei das Auge labend an den grünlich dahinziehenden Wogen. Ich schüttete ihr mein Herz aus, und für alles hatte sie ein lachendes Wort und schob, was mir schwierig dünkte, mit der Hand nur so weg, daß ich schließlich über meine eigenen Nöte lachen mußte.
Und ich will nie vergessen, was sie mir sagte: »Du und Therese, ihr seht manchmal Lotte so verwundert an, wenn sie ausgelassen ist. Soll sie ewig um Xaver trauern? Ich bin der Meinung, daß sie wieder heiraten soll.«
»Nach Xaver!« rief ich aus. »Ist das möglich?«
»Bei Lotte ja,« sagte Caton, »bei dir wär's nicht möglich. Aber Lotte braucht einen Halt, eine Pflicht. Unglücklichsein ist keine Lebensaufgabe. Sie soll nicht denken, wir halten sie zurück, sie soll denken, wir freuen uns, wenn sie einen neuen Wirkungskreis findet.«
Ich war ganz erstaunt. Hatte sie nicht recht?
»Wie kurzsichtig war ich!« rief ich aus.
Und Caton nickte: »Aus lauter Bravheit.«
Große Fahrt in Oberamtmann Eichroths Wagen nach Laufenburg, wo gerade Jahrmarkt war und wir Gelegenheit hatten, das bunteste Treiben von Menschen zu beobachten – Hauensteiner, Schweizer und sonst noch der ländlichen Trachten mehr. Wir hatten aber nur Zeit zu einem Frühstück. Unser Ziel war Waldshut. Dort winkten uns die Freunde der Eltern, Turbans und Holzmanns, schon aus den Fenstern entgegen. Therese, Lotte und Hermann wohnten bei den letzteren, Caton und ich im gastlichen Turbanshaus. Ach, welche Tage verlebten wir hier an Traulichkeit und wieder unnennbarem Entzücken im Beschauen der paradiesischen Aussicht – vom Rhein, den Dörfern und Bergen und weiterhin, jenseits des Ufers, der eisigen Jungfrau und des majestätischen Rigi.
Des Abends versammelte sich die Waldshuter Jugend bei Turbans; es wurden Gesellschaftsspiele gemacht, deklamiert, gesungen, und ich hatte nicht selten Gelegenheit, zwei Finger gegen Caton zu erheben, wenn die Hofmacherei ein wenig gar zu lebhaft wurde.
Herrn Turbans Güte und Unternehmungsgeist verdanken wir den schönsten, jedenfalls interessantesten Teil unserer Reise. Den herrlichen Rheinfall bei Schaffhausen durften wir sehen, gleichsam die Krone unserer Erlebnisse.
Auf dem Wege dahin beschauten wir die dortige Schmelze, einen tief in die Erde gegrabenen Feuerofen, aus dem eine gräßliche Brunst in allen möglichen Farben hoch und wild aufloderte. Unwillkürlich mußten wir an Schillers »Fridolin« denken.
Auf dem Fußpfade längs des Rheinufers, der uns zum Wasserfall bringen sollte, bildeten sich Brandungen, die von der Gewalt des Sturzes brausend gegen das Ufer schlugen. Noch ein paar Schritte, und der mächtige Rheinfall stürzte von seiner Höhe herab ins wirbelnd aufzischende Wasser. Wir bestiegen einen Kahn und glitten, gefährlich auf und nieder gewiegt, auf dunkelblauer Wogenflut dem tosenden Sturz immer näher – zaghaft und still, von heiligem Schauer durchbebt. Am jenseitigen Ufer, am waldigen Felsberg, auf dem das Schloß Laufen steht, landeten wir und fielen uns voll Dankbarkeit, einer so großen Gefahr entronnen zu sein, freudig in die Arme. Nur Hermann lachte und verbat sich jeden Kuß. Wir stiegen auf einem mit Geländer versehenen Fußpfade höher und höher, tief hineinschauend in das schäumende Wogenmeer, dessen urgewaltige Stimme jeden Laut ringsumher verschlang.
»Schöneres werden wir nie wieder sehen«, sagte Therese und weinte ein wenig.
Caton rief aus: »Oh, mein Männle, wärst du doch hier!«
Und Hermann erklärte: »Ich mach' einmal meine Hochzeitsreise hierher.«
Herr Turban nahm einen Wagen, und wir fuhren nach Schaffhausen. Die Stadt überstieg meine Erwartung an Größe und Schönheit. Ist sie auch im Vergleich zu Freiburg etwas düster, so geben ihr doch die hohen, meist mit Erkern versehenen Häuser ein großartiges, altehrwürdiges Ansehen.
So waren wir um vieles Erleben reicher geworden, wofür wir Gott nicht genug danken können. Der liebe gütige Herr Turban kutschierte uns nach einem schmerzlichen Abschied von Waldshut nach St. Blasien, über die hohen, dunkelbewaldeten Berge hinweg, an hoch und niedrig gelegenen Dörfern vorbei, schönen Tälern, Landhäusern und Bauernhütten.
In St. Blasien mieteten wir uns im Gasthaus ein. Herr Turban schied nach dem Mahle dankbeladen von uns, und ein anderer Kollege meines Vaters nahm uns in Empfang. Er führte uns zuerst in den herrlichen Tempel der ehemaligen Benediktiner-Abtei, einen unendlich großartigen Bau, so recht in die dunklen Wälder dieses Gebirges passend. Hierauf gingen wir zu dem äußerst galanten Herrn von Eichtal, dem Besitzer der Fabrik, die sich in dem weitläufigen, ein mächtiges Viereck bildenden Klostergebäude heimisch gemacht. Welches Getreibe in den unzähligen, unabsehbaren Sälen. Wie das durchsichtigste Spinnengewebe, einem Spitzenschleier ähnlich, löste sich die schneeige Baumwolle von der schlichtenden Karte und quoll wie Milchrahm in hohe blecherne Trichter. Gar schön sind die breiten Gänge, die gewundenen Treppen mit den kostbaren Eisengittern und die reiche Stuckatur am Plafond und oberhalb der Türen. Bei der Familie Eichtal beim Tee machten wir die Bekanntschaft der St. Blasier Honoratioren, und es entstand ein Gerisse, bei wem wir das Nachtmahl nehmen sollten. Man zog Hälmle, und ich war sehr froh, daß das Los den lieben Kollegen unseres Vaters traf. Wir waren recht müde und sehnten uns nach Ruhe.
Frühmorgens ging's mit dem Einspänner nach Menzenschwand, wo die eigentliche Fußreise wieder begann. Hermann, als Führer, führte uns, um den Weg abzuschneiden, über bahnlose Pfade, über Abdachungen mit Gestrüpp und gefällten Bäumen, so daß wir, darüber hinkletternd, rutschend und glitschend, fortwährend in Gefahr waren, Hals und Bein zu brechen. Hermann selber standen die Härle nach allen Seiten, die Reisemütze war in einen Abgrund gerutscht, denn der arme Kerl hatte bald Therese, bald Lotte vom Boden aufzulesen oder sie an glitschigen Stellen zu stützen und zu führen, wobei es Vorwürfe, daß er sie solchem Ungemach aussetze, nur so hagelte.
Nach fünfstündiger Strapaze machten wir in der Posthalde halt. Atemlos traten wir ins Wirtszimmer, verstaubt, echauffiert, die Hüte im Nacken, Lotte in Tränen vor Erschöpfung, Hermann ein wenig fluchend – und blieben bestürzt stehen vor einem gedeckten Tisch mit Flaschen voll gelben Weines.
»Für wen ist der Tisch gedeckt?« fragten wir die Wirtin.
Sie lächelte.
»Um Gottes willen, jetzt Freiburger,« rief Therese, »und wie sehen wir alle aus!«
»Ja, Freiburger«, tönte es aus dem offenen Nebenzimmer, und Vater und Mutter traten herfür und schlossen ihre schmutzigen Kindlein samt und sonders unter deren Jubelgeschrei in die Arme. Und fast gar erstickten wir die teuren Eltern mit der Wucht unseres unsagbaren Dankes.
1832. Armes, unbeschreiblich bedauernswürdiges Polen! Wie anders ist es doch, menschliches Elend – unverschuldetes oder durch hohe Überzeugung sich zugezogenes – mitanzuschauen, als die treuste Schilderung solchen Unglücks. O wehmutsvolle schöne Zeit einer allgemeinen Begeisterung für große Taten, einer allgemeinen Vergessenheit des eigenen Selbst, eines allgemeinen Wohlwollens und Wohltuns!
Aber nicht nur mitweinen, auch mittun durften wir. Es mangelte den geflüchteten Polen die weiße Wäsche so gänzlich, daß sich Frau Hofrätin Welcker flugs der Sache annahm und einen Mädchenverein bildete. Innerhalb dreier Tage hatten wir sechs Dutzend Hemden, Unterbeinkleider, Taschentücher und Socken zustande gebracht. Die Ausgaben wurden von dem ebenfalls von Frau Welcker gegründeten Freiburger Polenkomitee bestritten.
Um die Beherbergung der edlen Polenjünglinge setzte es wahre Kämpfe ab. Therese und ich hatten den ganzen Tag zu tuscheln, denn wir führten nichts weniger im Schilde, als einen Polen zu beherbergen. Theresens Zimmer wurde dazu ausersehen, ihr Bett kam zu mir herüber. Der schönste Teppich, das beste Bett und frische Vorhänge – alles war bereit, den hohen Gast aufzunehmen. Und unser kühner Traum wurde zur Wahrheit.
Um elf Uhr in der Nacht klopfte Hermann an unsere Tür und rief:
»Steht auf, ich habe einen Polen!«
Wir flogen aus den Betten und warfen uns in die Kleider. Therese besorgte eine kleine Erfrischung, Hermann und ich führten den ersehnten Gast in sein mit Blumen geschmücktes Gemach und verließen ihn mit einem feurigen: »Polen hoch!«
Er heißt Zarembecki, ist Oberleutnant bei den Ulanen, hat blaue, geistvolle Augen und einen braunen Schnurrbart. Schön ist der ruhige Ernst seiner Gesichtszüge. Man hat gleich Vertrauen zu ihm.
Die Eltern, Therese und unsere jungen Leute begrüßten ihn erst beim Frühstück, welches durch die Erzählung Zarembeckis weit in den Morgen dauerte. Ganz hingerissen lauschten wir seinen ergreifenden Schilderungen, als die Türe aufflog und die Hofrätin hereindampfte, einen jungen Mann am Arm.
»Da schaut her,« rief sie, »ich hab' auch ein – Schreiber heißt er und kann Deutsch, un glei zum Kaffee hat er drei Töpfle Eingemachts vertilgt – aber 's macht nix – Pole hoch!«
»Hoch Deutschland!« schrie Schreiber – »und«, setzte er hinzu, »welch ein Bett – bis zum Plafond – ein Gebirge von einem Bett.« – »He,« fiel ihm die Hofrätin ins Wort, »wo soll ich denn die fünf Matratze von meine Nichtene sonst hintu als ins Fremdenbett.« – »Nur ein Turner vermag's zu ersteigen«, sagte Schreiber, »ich bin gottlob ein guter Turner.« Er öffnete die Türe, nahm vom Gang aus einen Anlauf und sauste mit einem großen Sprung über den Tisch. – »So geht's«, sagte er. – Wir lachten wie toll.
»Ich hab' der Allerlustigscht«, schrie die Hofrätin, »e herzige Kerle – für den gäb' ich alle meine Nichtene her.«
Schreiber küßte ihr die Hand, worauf die Hofrätin erklärte:
»D' Freiburger sind Stoffel – da beißt kei Maus der Fade ab. Pole hoch!«
Alsdann nannte uns Schreiber Kochana Siostra (liebe Schwester), und wir mußten ihn und Zarembecki Kochany Braciszek (lieber Bruder) nennen.
Noch im Laufe des Tages machten wir aus, daß ich Zarembecki in der deutschen Sprache Unterricht erteile und er mir in der polnischen.
Es kommt mir ganz merkwürdig vor, dieses plötzliche Aufleben nach einer Zeit, die mir so viel der Schmerzen und der Verluste gebracht – vor allem Marias Tod. Du himmlische Erscheinung in meinem Leben, du Heilige jetzt, wohl lebe ich weiter mit dir und spreche mit dir und teile dir mit, was mein Inneres bewegt, aber wie ich auch nach dir rufe und mich sehne, deine liebe Stimme ertönt mir niemals wieder auf Erden … – Dann kam der Abschied von Professor Schmidt. Sein neuer Aufenthalt ist Köln. Er sprach die Worte zu mir: »Soll ich mit dem Gedanken von Ihnen scheiden, daß ein Freigeist Ihr bester Freund ist?«
»Was wollen Sie von mir?« fragte ich.
»Daß Sie mit ihm brechen«, sprach er hart.
Ich schüttelte den Kopf: »So kann ich nicht sein.«
Er sah mich vorwurfsvoll an: »Also Sie brechen lieber mit mir, der ich das Heil Ihrer Seele will?«
Ich sagte: »Ich breche nicht mit Ihnen, und ich breche nicht mit Professor Monz …«
O dieser letzte Besuch – dieses so wenig herzliche Scheiden – Gott allein weiß, wie nah es mir gegangen ist –
Der Freundeskreis wird immer kleiner. Auch die beiden Malchen haben uns verlassen als glückliche, junge Frauen – um so fester schloß ich mich an Lenchen an.
Sie hat mir durch ihre Teilnahme, ihr heiteres Gemüt über die schwerste Enttäuschung meines Lebens hinweggeholfen. Es handelte sich um meine Gesundheit. Der Arzt meinte, eine Kur in Baden vermöchte mein Übel zu heben.
O diese blütenschwere Hoffnung, dieser Lichtpunkt, der sich vor mir auftat – daß mir war, als berührten meine Füße nicht den Boden, wenn ich Badens bezaubernde Umgebung durchschritt. –
Es sollte nicht sein. – Mein Aufenthalt in Baden brachte mir keine Besserung. Was wir so heiß ersehnt, ich und die Meinen, erfüllte sich nicht.
In jener Zeit tiefster Entmutigung und Herzenseinsamkeit las ich Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«. Das Buch hat mich außerordentlich gefesselt und erhoben. Es war ein Studium, ich kam nur schrittweise vorwärts und errang nur durch wieder und wieder Lesen das völlige Verständnis. Ich weiß nun und verstehe, warum Professor Schmidt nicht wollte, daß ich dieses Buch lese. Es ist wohl möglich, daß die Darlegung und Auseinandersetzung des physischen Organismus des Menschen nicht jedem Mädchen fromme, ein Wissen, das aber nicht in Anschlag zu bringen ist gegen das damit verbundene Eindringen in das Schöne, Wahre, Göttliche. Wenn er von der reinen Humanität, von der Unsterblichkeit und der engen Verbindung zwischen hier und jenseits spricht, so weiß ich nicht, was man Besseres soll lesen können. Diese so überzeugende Sprache befestigte und kräftigte mich mächtig. So hoch war die Empfindung, die mir dieses Buch mitteilte, daß sich meinem damals so gebeugten Gemüt mehr als je die Gnade Gottes offenbarte.
Maria hat mir die Werke ihres liebsten Dichters Jean Paul zum Andenken hinterlassen, und da ich jetzt etwas mehr freie Zeit habe als früher, so weiß ich mir nichts Schöneres, als mich in die reiche Welt dieses Dichters zu vertiefen.
Nach Anneles Hochzeit, die unsern Haushalt so ziemlich auf den Kopf stellte, sprach Mutter das erlösende Wort aus, daß wir ferner keine jungen Mädchen, sondern nur noch junge Leute aufnehmen wollten. So waren Therese und ich des ewigen Chaperonierens ledig, das so zeitraubend und wenig erquicklich für uns war. Hermann, unserm flotten Studenten, fällt jetzt die Aufgabe zu, sich unsrer jungen Leute anzunehmen.
Unter Stundengeben, Zeichnen, Übersetzen und Hausarbeit gingen meine Tage ohne innern Herzensanteil dahin – als Polens Schicksal sich wie ein Feuerbrand über unser kleines Freiburg verbreitete.
4. Juni. Als ich heute in eine Gesellschaft kam, in der Polen aufgeführt waren, wurde mir doch ein wenig verlegen zumute, angesichts der Unmenge von Stammblättchen, Ordensbändern und Rosenknospen, die nur so um die Jünglinge flogen, die dafür ihrer Haarlocken und Westenknöpfe beraubt wurden. Ich konnte nicht umhin, mehreren Polen zu Gemüt zu führen, daß nur ihre Tapferkeit und ihr Unglück sie auf diese Stufe der Verehrung stellten.
Aber leider gibt es Mädchen – oh, wie habe ich mich schon darüber geärgert – die den Enthusiasmus, den man für große Taten haben darf und soll, durch Unverstand und abgeschmackte Übertreibung herabziehen, ja, lächerlich machen.
»Fürchten Sie nicht,« sagte mir Zarembecki, »daß wir die allzu große Güte der Deutschen anders als ein unverdientes Glück auffaßten. Wir sind ja keine Sieger, wir sind ein armes, geschlagenes, nur noch als Trümmer weiterlebende Volk, der Willkür des russischen Wüterichs und unsrer eigenen Verzweiflung preisgeben.«
Unerforschlicher Gott, wie soll ich an deiner Barmherzigkeit nicht irr werden! Warum sendest du nicht ein furchtbares Gericht, das Ungerechtigkeit und unverdientes Glück, Tugend und unverschuldete Elend ausgleiche. Darf Rußland sein unheilbringendes Machtgebot hier ungestraft geltend machen? Und warum stehen nicht alle Völker gegen diese Übeltäter auf? O Menschheit, wie bist du so flau. –
Dir, vertrautes Tagebuch, darf ich solches sagen, weil du verschwiegener bist als ich selbst. Ach, kaum bin ich imstande, meine Ansichten für mich zu behalten, denn wie tadelt man es hart, wenn ein Frauenzimmer in solchen Dingen eine Ansicht haben will. Ich will es ja auch gar nicht, meine Unkenntnis in politischen Dingen verbietet mir's von selbst. Aber teilnehmen an der Brüder Wohl und Weh, das lasse ich mir nicht verbieten, mag die Welt sagen, was sie will.
10. Juni. Nun hab' ich auch Monz verloren. Ich habe Mutter nichts gesagt von meinem Erlebnis. Ach, ein vorwurfsvoller Blick hätte mich gewiß getroffen, wenn auch kein Vorwurf in Worten. Und die Ruhe, die jetzt in mir ist, wäre vielleicht in Reue und Schmerz verwandelt worden. Und diese Ruhe, ja, ich möchte sagen Heiterkeit, ist sie nicht ein Beweis, daß, was ich tat, das richtige war?
Die Meinen gingen zu einem Nachmittagskaffee, und ich blieb zu Hause, um mich von einer besonders schlechten Nacht zu erholen. Ich zeichnete, da klopfte es an die Türe, und auf mein Herein trat Monz über die Schwelle.
Er nahm Platz mit einem Gesicht, das einen sehr erregten, beinahe wütenden Eindruck machte.
»Ich halte es in diesem polentollen Nest nicht mehr aus,« sagte er, »oder gehören Sie am Ende auch zu den Narren, die Polen in den Himmel heben und am liebsten gleich gegen Rußland marschierten, um sich für das edle Volk hinzuopfern?« –
Er lachte unbändig. In mir kochte es.
»Wie ist es möglich,« preßte ich hervor, »sollten Sie kein Herz für dieses unglückselige Polen haben?«
»Nein, nein, nein,« unterbrach er mich, »ich will es nicht glauben und nicht dulden, daß auch Sie zu der unvernünftigen Horde gehören, die sich durch ihre Polenschwärmerei für alle Zeiten lächerlich macht.«
»Polens gerechte Sache«, fiel ich ihm ungestüm ins Wort, »ist die Sache aller menschlich empfindenden Herzen.«
Er legte wie beschwichtigend die Hand auf meinen Arm: »Ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen über Polen zu streiten, darüber können wir uns später auseinandersetzen. Jetzt drängt die Zeit. Ich reise morgen nach Stuttgart. Mein Wirken hier ist zu Ende. Es gibt kein Auskommen mehr zwischen mir und meinen Kollegen.«
Er schwieg, sah mich an, und ich fühlte, ahnte plötzlich, was jetzt kommen würde.
»Bevor ich gehe,« sagte er in leisem Tone, »möchte ich eine ernste Frage an Sie richten.«
Abermaliges Schweigen.
In diesem kurzen Augenblick übersah, überlegte und überdachte ich alles – der Eltern Aufatmen – die schwere Last, von der ich sie zu befreien vermochte – ich selber aber – da – ein rettender Gedanke. Du stellst ihn auf die Probe, und wenn er sie besteht – dann, ja dann –
»Sie sind erregt«, flüsterte er.
Und ich: »Immer nach solch einer Nacht.«
»Hatten Sie eine schlechte Nacht?« fragte er wie abwesend.
»Es ist mein Los, sehr oft schlechte Nächte zu haben durch – mein Leiden«, sagte ich.
»Sie haben ein Leiden?« fragte er.
»Wußten Sie das nicht?« gab ich ihm zur Antwort. »Ich leide an Asthma – nach Ausspruch der Ärzte ein unheilbares Leiden.«
»Wirklich unheilbar?«
Ich zögerte einen Augenblick, dann sagte ich: »Ja.«
»So.« – Er sah vor sich nieder, eine ganze Weile. Mir klopfte das Herz.
»Das tut mir leid«, sagte er aufblickend. »Ich danke Ihnen.«
Wir verabschiedeten uns mit einem Händedruck.
Ich konnte all die Tage Mutter nicht ansehen, ohne sie im stillen um Verzeihung zu bitten, denn hatte ich sie nicht eines großen Glückes beraubt? Aber konnte, durfte ich anders handeln? Und dann, so wie Monz ist, hätte ich nicht in ewiger Unmündigkeit neben ihm her wandeln und mich in allem seinem Urteil, seinen Ansichten fügen müssen? Kann man das ohne große Liebe?
O Nannele, danke Gott, er hat dich behütet!
15. Juni. Samstag wurde »Oberon« gegeben zu Ehren der Polen. Amalie von Berg hatte mich in ihre Loge eingeladen. Wir Mädchen saßen auf den vorderen Plätzen. Hinter Amalie Kozlowski, hinter mir Zarembecki. Der Eintritt der Polen wurde mit einem stürmischen »Vivat Polonia« begrüßt. Amalie hatte sich erhoben, sie schwenkte das Taschentuch, ihr wunderschönes Gesicht leuchtete vor Begeisterung. Sie zitterte, als sie sich niedersetzte. Kozlowski beugte sich zu ihr. Sein edles Gesicht war leichenblaß. Und ich fühlte – ja, es war eine Gewißheit in mir, hier flammten zwei Herzen zusammen in unaussprechlicher Liebe. Ach, und schon erkannte ich den Widerstand, der ihrer wartete, den mißbilligenden Blick aus ihres Bruders Augen, der in der Loge nebenan saß und seine, sich ganz ihrer Begeisterung hingebende Schwester etlichemal anrief. Aber sie hörte nichts.
Grotecki hatte sich in Welckers Loge erhoben und hielt eine französische Anrede, worin er Deutschlands Freiheitseifer pries und diesen durch die Schilderung seines unglücklichen Vaterlandes noch höher entflammte. Er teilte mit, daß der polnische Feldherr Kosinski jeden Augenblick eintreffen könne, und er darauf brenne, Freiburg den Edelsten der polnischen Helden vorzustellen.
»Oh«, rief er aus, trat ein wenig zurück und wies auf Frau Welcker, die schlicht und bescheiden in der Ecke ihrer Loge saß, »wie soll ich sie nennen, diese Edelste der Frauen, unsre Vorsehung will ich sie nennen – unsern Kindern wollen wir ihren Namen verkünden, und unsre Kinder sollen ihn weiter segnen von Geschlecht zu Geschlecht – Madame Emma Welcker. Verwundete Polen liegen in ihrem Haus, die sie pflegt, wie nur eine Mutter pflegen kann. Unbemittelte polnische Studenten finden Unterstützung bei ihr, hilfreiche Güte. Wer hat an verschiedenen Stationen, wo unsere armen Emigranten haltmachen müssen, gastfreie Häuser ausfindig gemacht, die die Flüchtlinge in Empfang nehmen und wieder weiter befördern? Madame Emma Welcker. Und was tat sie für unsere armen verlassenen Kleinen? Eine Lotterie hat sie ins Leben gerufen zugunsten der verwaisten Polenkinder, eine Aufforderung an alle Stände Badens, teil an dieser Lotterie zu nehmen, zu der sie ein kostbares Korallenhalsband als Preis stiftete. O diese unermüdliche, edelste der Frauen – leitete sie nicht die Emigration verschiedener Kinder und Frauen aus Polen über Breslau und Dresden zu ihren verbannten Vätern und Gatten nach der Schweiz, nach Frankreich? Übervoll ist mein Herz von Dankbarkeit, Ehrfurcht und Liebe für diese hochherrliche Frau. Sie lebe – hoch lebe Madame Emma Welcker – Vivat Germania!«
Unsere Musensöhne schrien:
»Vivat Polonia!« – und stimmten Bundes- und Freiheitslieder an. Wir Frauen sangen mit, weinten und umarmten einander. Mitten in diesem Tumult ertönte der Ruf: Kosinski. –
Er erschien an der Rampe der Welckerschen Loge. Eine unbeschreibliche Begeisterung ging los. Er verneigte sich und grüßte mit der Hand, mit einer Würde, einem Anstand und auch wieder mit einer solchen Trauer, daß alles in Tränen ausbrach.
In diesem Augenblick erhob sich der Vorhang, ein Sänger trat vor und brachte einen von Professor Reichlin für die Polen gedichteten Gesang zum Vortrag.
In der nächsten Pause kam Grotecki in unsre Loge. Kozlowski stellte ihn mir vor:
»Graf Grotecki, Hauptmann bei den Ulanen.« (Auf seinen und Kozlowskis Kopf sind dreitausend Dukaten als Preis gesetzt.) Grotecki kann nicht Deutsch; wir sprachen Französisch. Er ist groß, schlank, von unbeschreiblicher Beweglichkeit, aus seinen Augen sprüht ein Feuer, dem der Blick kaum standzuhalten vermag. Er sprach so, als hätten wir uns schon unzählige Male gesprochen. Er sagte ungefähr: »Schon den ganzen Abend erfreute ich mich an der Leuchtkraft Ihres Wesens.«
Ich dachte an Mutters großen Spitzenkragen, an meine roten Haare.
Als lese er mir die Gedanken ab, lächele er mit einem lebhaften: »Nein, nein, nein, so ist's nicht gemeint, Äußerlichkeiten haben keinen Wert für mich. Es ist der Ausdruck. Ihre Seele spricht aus jedem Zug Ihres Gesichtes – die liebenswürdigste Seele« –
Meine Verlegenheit war grenzenlos. Ich besann mich auf eine abwehrende Antwort und sagte: »Das Theater ist sehr voll heute abend.«
Er lachte laut auf, erklärte jedoch im nächsten Augenblick, er werde sehr gesetzt sein, mein Blick hätte deutlicher gesprochen als meine Worte.
»Seien Sie mir nicht böse,« fuhr er zu sprechen fort, »wenn ich Sie durchaus vollkommen haben möchte, aber dieser Mund, so fein geformt, darf eine Sprache nicht anders als vollendet sprechen. Ihr Französisch ist grammatikalisch durchaus richtig, aber Ihre Aussprache ist die eines Menschen, der nie in Frankreich war.«
Ich vergaß meine Befangenheit: »Wie recht Sie haben – ich fühle das – ich habe manchmal schon an Straßburg gedacht.«
Er schüttelte Kopf und Hände: »Bewahre Sie der Himmel – Paris, Nancy, nichts anderes.«
Ich mußte lachen.
Die Musik unterbrach unsre Unterhaltung, der Vorhang ging in die Höhe, zugleich fiel mir ein, daß Zarembecki hinter mir saß – dieser Feinste, dieser Beste von allen, ja, das wußte ich, daß er das war – und ich hatte ihn ganz vergessen.
Es sind kaum vier Wochen, daß ich »Oberon« zum erstenmal sah. Ich rückte damals mein Stundengeld daran, um Therese und mir diesen Genuß zu ermöglichen, und glaubte wahrlich in meinem Leben nichts Schöneres gesehen und gehört zu haben. Damals hatt' ich halt noch keine Polen gesehen. Jetzt – immer wieder suchten meine Augen wider meinen Willen den bald in dieser, bald in jener Loge auftauchenden Grotecki im schlichten Flausüberrock, dem dunklen Schnurrbart und dem herrisch gebietenden Blick.
Nachher war zum Vorteil der Polen großer Ball im Kaufhaussaal, wozu alle Freigesinnten eingeladen waren. Mutter ging mit mir nach Haus. Vater nahm natürlich mit Therese und Hermann am Feste teil. Therese tanzte nur mit Polen. Hermann hatte die Weisung, sich auf Stammbuchblättchen, die ich ihm gegeben, die Namen wenigstens der interessantesten Polen aufschreiben zu lassen und von jedem einen Knopf zu erbitten.
Heute vor Tisch rückte eine Studentenschar durchs Schwabentor. Professor Reichlin, der Vater besuchte, ging mit uns auf den Altan, worauf die Studenten Professor Reichlin, als dem Dichter des Polenliedes, ein stürmisches Hoch brachten, das wir mit einem »Polen hoch!« erwiderten. Schnell wurden die Hüte aufgesetzt, und wir zogen hinter der jungen Männerwelt drein, die singend durch die Stadt marschierte, den polnischen Helden entgegen. Auf dem Marktplatz erfolgte das Zusammentreffen. Man hatte den Wagen die Pferde ausgespannt, die Studierenden zogen die polnischen Helden unter dem Zujauchzen der Volksmenge einher, vier Fahnen mit den polnischen Farben voraus.
Rotteck sprach, Welcker, zuletzt Grotecki. Die Begeisterung war unbeschreiblich.
Was ist es nur, was aus ihm sprüht? Überdenke ich mir die Worte, die er spricht, so kann ich nicht umhin, mir zu sagen – durch sie kann unmöglich dieser Taumel der Begeisterung entstehen, besonders wenn er ein paar unvollkommene deutsche Sätze stammelt. Es ist also die Seele, die uns hinreißt, die große Seele eines großen Unglücklichen.
Die Polen wurden von dem Offizierskorps zu einem Mittagsmahl in die »Stadt Wien« eingeladen. Wir baten Mutter, uns auf einen Kaffee auch dahin zu führen. Professor Reichlin bot sich als Begleiter an. Aber oh weh, alle Stuben waren schon mit Studenten angefüllt, die sangen und stritten und uns viel zu bezecht erschienen, als daß uns ihre Gesellschaft hätte zusagen können. So wollten wir wieder schweren Herzens heimzotteln, als Grotecki unserer ansichtig wurde, herbeieilte und uns, mir nichts, dir nichts, in den Speisesaal führte, wo sich sämtliche Offiziere und Polen uns begrüßend erhoben. Man brachte uns einen kleinen runden Tisch. Mutter bestellte Kaffee. Kaum saßen wir, erschien Amalie von Berg mit Kozlowski und nahm mit einem Lächeln bei uns Platz. Sie ist noch schöner geworden durch die grenzenlose Begeisterung, die ihren dunkelblauen Augen entstrahlt, während ihr feiner Mund, oft merkbar zitternd, die Kämpfe ihres Innern verrät. Um den Mann ihrer Liebe kämpft sie, von dem die Ihren nichts wissen wollen. Warum denn nicht, um Himmels willen, warum sollten diese beiden so wahrhaft schönen Menschen nicht zusammenkommen? Es ist ja nicht wie bei Therese – Oberleutnant K. hatte sich neben sie gesetzt, und ich mußte mir sagen: Diese müssen sich fügen, die Kraft fehlt ihnen, um über das Herkömmliche Herr zu werden. Aber bei jenen andern, bei Amalie von Berg und Kozlowski, ist Kraft und Leidenschaft genug, um der ganzen Welt entgegenzutreten.
Grotecki sprach. Er ließ die Frauen Badens leben, deren warme Teilnahme Balsam sei für die so schmählich besiegten Polen. »Ce sont nos funérailles et ce sont vos beaux coeurs qui les embellissent«, sagte er, sich gegen die anwesenden Frauen verneigend. Mit brechender Stimme schilderte er das erbarmungswürdige Geschick seiner Landsleute – auch sein eigenes – der Vater nach Sibirien geschleppt, Mutter und Schwestern in ihren Schlössern verbrannt oder herausgeschleppt – mißhandelt, niedergetreten. – Der Ton seiner Stimme war so ergreifend, daß selbst die Offiziere in Tränen schwammen, und sie und die Polen umarmten einander unter dem Rufe: »Polen hoch! Deutschland hoch!«
Wie durch einen Schleier sah ich Amalie von Berg aufstehen und das Lied anstimmen:
»Noch ist Polen nicht verloren.« –
Leidenschaftlich brauste der Gesang durch den Speisesaal. Die Studenten aus den Nebenzimmern eilten herbei und sangen mit. Auf der Straße sammelten sich die Leute, alle erregt, unter Tränen singend, immer von neuem:
»Noch ist Polen nicht verloren.« –
Ach, erst im Umgang mit diesen Helden kann man ganz ihre Größe schätzen, ihr Unglück erfassen.
Beim Gehen war plötzlich Grotecki an meiner Seite.
»Merken Sie nicht,« flüsterte er, »oh, Sie merken nichts – nur für Sie sprach ich – nur Ihnen habe ich mein jammervolles Geschick mitgeteilt. – Was liegt mir an all den andern.« –
Ich nahm Mutters Arm, ich hatte ein Gefühl, als trügen mich die Füße nicht mehr. Ich brachte beim Nachtmahl keinen Bissen hinunter und zog mich gleich auf mein Zimmer zurück.
Mutter kam. Ich dachte: wenn sie mich fragt, was mir sei – was soll – was kann ich ihr antworten?
Sie fragte nicht. Sie sagte nur: »Närrle, nimm nicht alles gar so ernst.« –
1. Juli. Wie lebhaft, wie hochinteressant geht es nun des Nachmittags zur Kaffeestunde bei uns zu. Ganz wie selbstverständlich, ohne daß wir sie eingeladen hätten, erschien eines Nachmittags Amalie von Berg und mit ihr Kozlowski. »Dürfen wir?« sagte sie zur Mutter und weiter nichts. Und Mutter schloß sie in die Arme. Nun sind sie immer da und können ungeniert miteinander reden in dem lauten Kreis – laut durch die Gegenwart der Hofrätin mit ihrem Schreiberle, wie sie den jungen Polen nennt, der nun statt meiner unter den Tisch zu schlüpfen und den Knäuel zu suchen hat.
Meine Aufgabe ist – ach, sie ist entsetzlich schwer – Zarembecki nicht merken lassen, wie sehr, sehr es mich zu Grotecki zieht. Gleich als er das erstemal in unser Haus kam, sozusagen auf den ersten Blick, entdeckte er meine kleinen Zeichnungen von Mutter und Caton über der Kommode. Er fragte, von wem sie seien.
»Von mir«, sagte ich.
»Sehen Sie denn nicht,« rief er aus, »mit allem Talent, dem größten Fleiß – nichts vermögen Sie zu erreichen ohne die Kenntnis des menschlichen Körpers.« – Er deutete mit der Hand bald hierhin, bald dorthin: »So sitzt kein Arm, – diese Schulter steht falsch, – sonst vieles sehr, sehr gut. – Ich habe eine Schwester –«
Er brach plötzlich ab: »Mein Gott, was wird ihr Schicksal sein?« – Tränen liefen über seine Wangen. Er ging. Unter der Türe traf mich sein Blick. Welch ein Blick!
Es gab mir einen Ruck – ich konnte nicht anders – ich wollte ihm nacheilen.
Da legte Zarembecki plötzlich die Hand auf meinen Arm: »Kochana Siostra haben mich vergessen, habe noch nicht gehabt Kaffee.« –
Ich führte ihn zum Tisch und bediente ihn. Ich konnte gar nicht genug tun, so dankbar war ich Zarembecki, daß er mich von einem unbesonnenen Schritt zurückgehalten. Ich nahm mir vor, auf meiner Hut zu sein, – mit aller Gewalt, aller Kraft.
Ich betete, betete mit aller Inbrunst, als ich im Bett lag. Einmal schluchzte ich so laut, daß Therese erwachte.
»Hast du geweint?« fragte sie.
»Geträumt«, gab ich zur Antwort.
»Ich auch,« sagte sie, »mir träumte von der weißen Pelerine des Fräuleins von Berg. Etwas abgetragene Kleider kann man mit solch hübschen weißen Pelerinen wieder ganz auffrischen. Hast du gesehen, sie trug am Halse statt einer Krause ein weißseidenes Krawättchen, mit einer Agraffe befestigt. Ich werde Fräulein von Berg um das Muster ihrer Pelerinen bitten. – Du, Nannele, ich schäme mich ein wenig über die laute Art der Hofrätin. Hast du nicht bemerkt, wie Grotecki lächelte? Ich glaube, daß er mokant ist und es sehr spießig bei uns findet.«
Ich wunderte mich über meine eigene Stimme. als ich antwortete: »Ich glaube es auch.«
Aber warum, warum, wenn ich so von ihm denke, kommen meine Gedanken nicht los von ihm? Es gab eine Zeit, da verstand ich die Prinzessin von Ahlden nicht, die Mann und Kinder, Ruh und Ehre hingab für ihre Liebe. In dieser Nacht wurde es mir klar, daß so etwas möglich ist. Ich erkannte das entsetzliche Unglück einer Leidenschaft, und ich sagte mir: Es gibt nur eines: Kampf oder Untergehen. Ich hätte nicht gedacht, daß so etwas mich ankommen könne, – mich. – Ich hielt mich für gefeit, – warum eigentlich? War das nicht Hochmut, und muß ich darum klaftertief in meiner eigenen Achtung sinken? Schande der Geschichte meines Herzens, wenn ich es nicht über mich bringe, jeder ferneren Begegnung mit Grotecki aus dem Wege zu gehen. Was will er von mir? Eine neue Eroberung, weiter nichts. Hermann sagte mir, Grotecki stehe im Rufe eines Don Juan …
Ich konnte nicht umhin, Caton eine lebhafte Beschreibung zu machen von unserer herrlichen Polenzeit und der tiefen Teilnahme, die Freiburg an Polens schwerem Schicksal nimmt. Ich legte einige Blätter der »Freisinnigen« bei, in der Rotteck, Welcker und Grotecki fulminante Artikel in die Welt sandten über Polens Unglück, seinen Edelmut und seine Freiheitsliebe.
Zu meinem Erstaunen schrieb mir Petersen statt Catons, es sei offenbar sehr notwendig, meine hohen Ideen von den Polen etwas herunterzustimmen, deren Edelmut in Norddeutschland weniger Eindruck mache, da man hier wisse, daß die Polen in Paris mit einem Haufen Franzosen gegen Philipp rebelliert hätten. Das weibliche Politisieren habe übrigens keinen Sinn, da die notwendige geschichtliche Grundlage fehle und nur subjektive Empfindungen aus dem Politisieren der Frauen redeten.
Ich anerkannte und dankte Petersen für seine gute Absicht, mich bessern zu wollen, entschuldigte mich aber nicht, sondern erklärte, ich könne teilnehmendes Aussprechen unserer Gefühle, treffe es den einzelnen oder das Allgemeine, nicht politisieren nennen. Bezüglich der Rebellion gegen Philipp führte ich an, daß das, was zwei oder auch zwanzig Polen verschuldet, nicht dem ganzen Polenvolke könne angerechnet werden. Alsdann packte mich, wie so oft, der Humor zur Unzeit, indem ich von diesem ernsten Thema einen Sprung in den plattesten, weiblich romantischen Stil machte, so auf Petersens Mahnung eingehend, daß wir Frauenzimmer das Barometer der Politik doch lieber unberührt lassen und uns nicht männliche Interessen anzueignen hätten.
Ich schrieb also ungefähr: »Im übrigen freue ich mich über das schöne Wetter, weil man spazierengehen kann und die Natur bewundern, die grünen Bäume, das bunte Obst und die flatternden Vögelein und murmelnden Quellen. Aber auch das Regenwetter hat sein Gutes, weil Äuglein und Füßlein dann ruhig bleiben müssen, damit die Nadel flinker geht, um Kleider, Wäsche und Strümpfe in gehöriger Ordnung zu halten. Sonst weiß ich jetzt nichts mehr, als daß der süperbe Sommer leider auch einmal zur Neige geht, worüber ich sehr traurig bin, denn wie sehr die Partien oft auch fatiguiren, so sind sie doch noch amüsierender als die langen Winterabende beim Unschlittlicht usw. usw.«
Mein sonst so großdenkender, edler Schwager faßte meinen Spott nicht humoristisch auf, so wie es gemeint war. Er glaubte, ich mache mich über ihn lustig, während ich ihm nur zeigen wollte, wie ein Frauenzimmer ohne höhere Interessen sich ausdrücken möchte.
Ach, wäre man nur nachsichtiger, so brauchte man gar nicht so vorsichtig zu sein!
Petersen, mich so falsch beurteilend, wählte ein zu starkes Mittel zu meiner Besserung – nicht an mich selbst, sondern gleichsam anklagend, wandte er sich an die Eltern, sie möchten die übermütige Amazone an die ihr zuerst zukommende Tugend der Bescheidenheit verweisen.
Ich weinte bitterlich, als Vater diesen Passus vorlas. Aber, o Glück, ich hatte beide Eltern auf meiner Seite, und Mutter erklärte, sie selber wolle die Sache mit Petersen in Ordnung bringen, denn wenn sie mit meiner Bescheidenheit zufrieden sei, so sei sie der Meinung, daß auch er es könne.
Immerhin, es hat mir wehe getan, von einem so schätzenswerten Mann wie Petersen verkannt und gekränkt zu werden. Ich konnte nicht umhin, Welcker, den ich bei Mohrs traf, mein Erstaunen mitzuteilen, wie wenig man in Norddeutschland unsere Anteilnahme an Polens Unglück verstehe.
»Das glaube ich,« sagte Welcker und lächelte sarkastisch.
»Aber«, rief ich aus, »müßten wir Deutsche denn nicht ein Herz und eine Seele sein?« Er nickte: »Was wollen wir denn andres.«
Den 3. Juli hatte trotz allem Abraten und Untersagen von oben ein kleines Freiheitsfest in St. Ottilien stattgefunden. Rotteck, Welcker und auch mein Vater waren nicht dabei. Er meinte, wir sollten auch zu Hause bleiben, aber Mutter hatte Amalie von Berg und noch anderen jungen Mädchen versprochen, sie zu chaperonieren. Ebenso hatte es sich Frau Welcker nicht nehmen lassen, dem Ausflug beizuwohnen. Sie ging voraus zwischen einem Schwarm von Polenjünglingen, die, wo sie auch immer erschien, nicht müde wurden, der gütigen Frau ihr Leid zu klagen. Ich hatte mir fest vorgenommen, Grotecki mit so viel Würde zu begegnen, daß er weder einen Handkuß noch eine Schmeichelei wagen würde. Aber als wir die Herren oben im Walde trafen, küßte er mir die Hand gleich zweimal, und aus meiner Würde wurde eine totale Verlegenheit. Ich nahm Lenchens Arm, an meiner anderen Seite schritt Zarembecki; so fühlte ich mich geborgen – wußte aber, ach, nur zu genau, daß Grotecki dicht hinter mir dreinging, nachdem er mir einen zornig-wütenden Blick zugeworfen hatte. – Auf dem ganzen Weg zur Wallfahrtskapelle wurden Freiheitslieder gesungen. Eine unbeschreibliche Erregung erfüllte aller Herzen. Ich mußte weinen, und Lenchen weinte mit mir. Aber dann mußten wir auch wieder lachen. Schreiber schleppte die Hofrätin neben uns her. – »O du mei' liebes Herrgöttle,« stöhnte sie, »isch des e' Schnauferei – aber 's macht nix – dafür keuch' ich gern der Berg 'nauf, daß mer so honett behandelt wird – in Freiburg kräht kei' Hahn nach de alte Weiber, aber sechs Pole springe, wenn ich mei' Knäuel falle laß' – Pole hoch! Die Freiburger sind Stoffel. –«
Die Kapelle der hl. Ottilie blieb unbesucht diesmal. Reden wurden gehalten, gesungen und wieder gesungen. Ich sah Amalie von Berg in einem himmelblauen Schaltuch da und dort unter den Männern auftauchen, einer Freiheitsgöttin gleich, leuchtend vor Begeisterung und Schönheit.
Der Redakteur der Freisinnigen Zeitung sprach von dem herrlichen Fest in Hambach, auf der uralten Kestenburg mit der prachtvollen Aussicht auf die Rheinebene – von Worms bis Straßburg – zwanzigtausend Menschen, auch Polen und Franzosen, lauschten hier den feurigen Reden Wirths, eines wahrhaft deutsch gesinnten Mannes, der in der deutschen Einheit das höchste Ziel seines Lebens erkannte.
Grotecki sprang auf die Rednerbühne. Mit aller Kraft, mit aller Leidenschaft eiferte er gegen Fürsten und Fürstendiener. Er sprach wie ein Gott. Mit der schwarzrotgoldenen Fahne sollte sich die polnische vereinen, um den russischen Barbaren gemeinsam zu vernichten, Rußland zu Fall zu bringen, seine schrankenlose Willkür, seinen unersättlichen Ehrgeiz zu brechen.
Er sprach und sprach. – Zu meinem Erstaunen blieb ich ungerührter als alle um mich her, die weinten und sich umarmten und sich wie Trunkene gebärdeten. Waren es jene mich so tief verletzenden Worte, die Monz sprach, und die mir plötzlich in den Sinn kamen – sein Auflachen, als er sagte: »Gehören Sie am Ende auch zu den Narren, die sich durch ihre Polenschwärmerei für alle Zeiten lächerlich machen?«
Ich sah Lenchen an, die mir am Arm hing.
»Du weinst auch nicht?« fragte ich.
»Ich wein' doch nicht, wenn du nicht weinst«, gab sie zur Antwort.
Ich mußte lachen – herzlich lachen.
Um uns her küßte sich alles. »Polen hoch! Deutschland hoch!« Der Tumult wurde mir fast zu arg – da, ein Schatten – ich schaute auf – Grotecki stand vor mir.
»Rache ist süß«, sagte er, und eh' ich mich's versah, preßte er mich an sich – und küßte mich.
Es war so, als drehte sich die Erde mit mir. Ich taumelte, ich hatte keinen Willen mehr. Ich kann es nicht beschreiben, Stimmen tönten an mein Ohr – ein polnisches Wort, heftig, schneidend – Zarembecki war's. Er nahm meinen Arm, Grotecki trat uns in den Weg, Worte flogen zwischen den beiden hin und her – ein Drohen – Aufflammen.
Ich raffte mich auf, ließ Zarembeckis Arm los und eilte zur Mutter.
Welch ein Heimweg zwischen Mutter und Lenchen – beide führend, mit zitternden Knien, nach Atem ringend, dem Weinen nahe und doch wieder voll Angst, mich zu verraten.
Und Lenchen, die erzählte:
»Denk' au, Nannele, der Schreiber, der Schlingel, kommt daher und gibt mir einen Kuß –, 's küßt sich ja alles, sagt er und will noch einmal anfange, da hat er aber e' Watsch 'kriegt, daß er au g'schrie hat.«
Sie lachte und schwätzte weiter. Und mir fiel's wie ein Vorwurf auf die Seele: Warum hast du's nicht auch so gemacht, warum hast du still gehalten?
Ach, so meiner selbst sicher war ich abgezogen, innerlich meiner Würde gewiß. Und was geschah? Fand ich Worte der Empörung, zwangen meine Blicke den Unverschämten einzuhalten?
Welch ein Heimweg.
Sie gingen vor uns her wie ein wandelnder Wald – fünfhundert Menschen. Alle trugen große Eichenäste, die sie im Triumphe schwangen. Auf den Schultern trugen sie Grotecki.
So ging's durch die Stadt. Welcker kam uns im Wagen entgegen. Seine Frau nahm neben ihm Platz. Die Studenten machten Spalier. Einige sprangen hinten auf den Wagen, in den auch Grotecki gestiegen war. Die jungen Männer hielten kreuzweis ihre Zweige über die Freiheitsmänner, von denen jeder eine Rede hielt.
Und wieder wehte das blaue Schleiertuch von Amalie von Berg inmitten der erregten Männerschar, und ihre Augen leuchteten, ihre Lippen sprachen – eine Priesterin der Begeisterung – so erschien sie mir.
Therese schlief längst, ich saß noch immer am Fenster und sah auf die stille Linde hinunter, über die der Vollmond sein bleiches Licht goß. Ich konnte nicht denken und hielt nur den Kopf. Erst als die Tränen kamen und ich weinen konnte, wurde mir ein wenig leichter.
Ich traute meinen Ohren nicht, als ich an der Türe ein Klopfen zu hören vermeinte. Es klopfte ein zweites Mal; als ich öffnete, kam Hermann herein, zitternd, mit zerwühlten Haaren. Er könne nicht schlafen, er habe versprochen, nichts zu sagen, aber er halte das Schweigen nicht aus – Zarembecki duelliere sich in der Frühe mit Grotecki. Sie seien im Tivoli hart aneinandergeraten dadurch, daß Zarembecki Grotecki vorwarf, er schade Polens Sache durch die Unwürdigkeit seines Betragens.
Hermann fügte hinzu: »Denke dir, er hat zwei jungen Mädchen den Kopf verdreht.«
Es war gottlob fast dunkel im Zimmer. –
Wir blieben die ganze Nacht am Fenster sitzen. Ich wickelte Hermann in ein Tuch; er fror vor Aufregung. Ein Schreiben von Zarembecki, das er mir zeigte, war ein Vermächtnis für uns. Hermann sollte seine Pistolen bekommen, eine prachtvolle russische Beute, Therese einen Orden, ich seinen Ring.
Schon um fünf des Morgens machte sich Hermann auf den Weg. Er hatte keine Ruhe. Ich auch nicht. Um sechs sollte das Duell stattfinden. Fiebernd vor Aufregung tat ich alle mögliche Hausarbeit, als Hermann strahlend vor Glück mit der Nachricht zurückkehrte: »Beide unversehrt.« Unter der Bedingung, daß Grotecki sofort abreise, hatten sie Frieden gemacht. Er ist schon unterwegs.
Ich bat die Mutter, mir zu erlauben, ein paar Tage auf unserem Landgütle zubringen zu dürfen.
O liebliche, so still verlebte Tage im heimeligen Waldasyl, abgeschlossen vom Geräusche des Stadtlebens, von all den seelenbeklemmenden Eindrücken, die dort auf mich gewartet hätten. Gibt es etwas, das unser Herz mehr beruhigen kann als so ein Bauernhaus, in dessen Hof die Hühner scharren, zuweilen ein Hahn kräht oder ein friedliche ›Muh‹ aus dem Stallfensterchen ertönt.
Seligkeit ist diese Stille, Balsam einem Gemüt, das nicht zu denken, nicht zu überlegen, nicht einmal zurückzublicken, sondern eben nur das Zunächstliegende ins Auge zu fassen vermag.
In der guten Stube der Bäuerin hatte ich mein Nachtquartier aufgeschlagen, ein wenig hart, zur Toilette mußte ich mir das Wasser aus dem nahen Brunnen holen. Exkursionen in den nahen Wald, – das eigenhändige Zubereiten meines kleinen Mahles aus Eiern und Milch, in die ich das harte Bauernbrot tunkte. Und endlich die Arbeit, das Aufsuchen von Motiven oder vielmehr das Auswählen, denn dieser kleine Erdenwinkel barg der lieblichen Bilder mehr als genug.
Am vierten Tag meiner Einsamkeit kam Hermann. Ich sah ihm entgegen, wie er den Waldweg einherschritt, ein gar herziger Student jetzt. Das Röckle am Stock, die Mütze im Nacken, seine braunen Augen lachten mir von weitem entgegen.
Gottlob und Dank, ich konnte auch wieder lachen!
Frische Butter hatte die Bäuerin eben im Fäßle. Ich konnte ihn herrlich bewirten.
Daß Amalie von Berg mit Kozlowski als Verlobte bei uns waren, war das erste, was mir Hermann mitteilte.
Dann: »O Nannele, denk' dir, Zarembecki hat mir zum Abschied einen prachtvollen russischen Säbel geschenkt.«
»So ist auch er gegangen?« fragte ich.
»Alle fast«, sagte Hermann. »Es sei gegen ihre Ehre, Freiburgs Gastfreundschaft noch länger in Anspruch zu nehmen. Sie sprachen von Frankreich, wo sie sich eine Existenz zu gründen hoffen. Halb Freiburg gab den scheidenden Helden das Geleite. Männer und Frauen weinten laut. Nur einige besonders unbemittelte Polenjünglinge sind zurückgeblieben. Frau Welcker hat nicht geruht, bis die Stadt versprach, ihnen Brot und Arbeit zu geben.«
Ich fragte, ob Amalie von Berg mit Kozlowski Freiburg verlasse, und freute mich, als mir Hermann mitteilte, daß er als Bibliothekar bei der Universität angestellt werde.
Die Eltern und Geschwister holten mich heim.
»Jetzt bist du wieder mei' alt's Nannele«, sagte Mutter, nahm meinen Arm, und wir schritten hinter den andern drein.
Nun wird sie mich wohl fragen, was mir war, dachte ich voll Angst.
Aber Mutter sagte nur: »Kommsch grad' recht zur große Wäsch'.«
Unendliche Freude gewährte mir ein Brief Petersens. Er tat mir Abbitte. Er sei zu hart und scharf gewesen, ein echter Nordländer, wie wir ihn zu nennen pflegten. Was er tun solle, um auch den letzten Rest meines Grollens gegen ihn zu tilgen.
So und nicht anders konnte er sprechen. Ich wußte es wohl, denn von herrlichen Menschen erwartet man nie zu viel Herrliches.
Tief berührt mich ein Gerede, das über Monz im Umschwang ist. Man wirft ihm vor, der ehemals so laute Freiheitsprediger sei ein Jüstemilieuaner geworden und lasse sich vom König von Württemberg für fürstenknechtige Dienste bezahlen. Ich wollte es nicht glauben und fragte bei ihm brieflich an, was es mit diesem Gerede auf sich habe. Er antwortete mir, daß er allerdings die Stelle eines Bibliothekars in Stuttgart bekleidet. Seine letzte Zeit in Freiburg habe seinen Glauben an wahre Freundschaft und vernünftige Menschen geschwächt. Da er sich gegen die Polen aussprach, seien ihm seine früheren Freunde ausgewichen, als schmälere sein Umgang an ihrer Ehre, sogar ich sei ihm kalt höflich begegnet. Er hoffe, sich in Württemberg ein Heim zu gründen, und schloß mit dem Wunsch, ich möchte ihm meine Freundschaft nicht entziehen.
Mit dem Brief kam der erste Band seiner gesammelten Gedichte. Eines darin ist an mich: »Anna Villinger – das weibliche Zartgefühl« betitelt.
Ein sehr minderwertiges, kühles Gedicht, während das auf den Tod von Maria von Verleb schön und warm empfunden ist. Er vergleicht sie mit der heiligen Cäcilia. Und wie er sie geliebt, zeigt ein Vers:
»Mein Traum entschwand, gefolgt von stummen Klagen; Schon war dein inn'rer Morgen aufgegangen, Ein andres Bild hielt deines fest gefangen, Da ehrt' ich dich im Freund – und im Entsagen –«
Und wenn er mein »weibliches Zartgefühl« auch nicht schön besang, so ist es doch wahrlich zu preisen, denn mir ward ahnungsvoll inne, daß eine Vernunftehe von beiden Seiten zu viel der Vernunft für eine Ehe gewesen wäre.
Es wundert mich, ob grausame Tyrannen oder Weltverfinsterer mehr zu verantworten haben?
Es sollen künftig keine öffentlichen Predigten mehr im Seminarium stattfinden, weil die Alumnen als künftige Landpfarrer der aufgeklärten Musterpredigten der Professoren nicht bedürften.
O ihr armen, verkürzten Jünglinge! Wohl mag mancher unter euch Gedankenfülle und Rednertalent besitzen, aber die Kunst, diese Gedanken zu formen, daß sie Eingang finden ins menschliche Herz, die ist euch genommen, da man euch das Vorbild entzogen. Denn wenn irgendwo die Form nötig ist, so ist es in der Rede. Diese Neuerung hat mich auf das bitterste betrübt, denn auch wir sind verkürzt, denen diese Predigten geistvoller Professoren bisher ein wahres Seelenfest waren.
Armes Freiburg, was hast du verschuldet, daß du wie ein zweites Sodom und Gomorra büßen sollst? Ist es ein Verbrechen, daß du eine Anzahl Redlichdenkender, den großen, herrlichen Rotteck, Welcker, Reichlin in dir bergest? Die Volksvertreter, so geehrt und geliebt von uns allen, sind entlassen. Die »Freisinnige Zeitung« ist aufgehoben. Die Aristokraten triumphieren. Die Machthaber verkünden ja nun ihre zehntausend Gebote: Du sollst nicht schreiben, nicht sprechen, nicht singen und so fort. Der Todesengel der Freiheit posaunet es durch die Länder, daß die Volksstimme – Gottesstimme – verstumme. Die Stadt verliert das Regiment. Man spricht auch von einem möglichen Verlust des Hofgerichts, der Wegnahme des Bistums. Was soll aus uns werden, beraubt von allem, was uns bisher Anregung und Bereicherung gab. Ja, ich weine auch der Militärmusik nach, deren muntere Klänge mir die Seele erfrischten wie den Körper das kaltklare Wasser.
5. Nov. Die Stille jetzt in Freiburg!
»Mer isch wie e begossener Pudel«, sagte die Hofrätin.
Es will mir jedoch scheinen, daß, wenn sie da ist, Mutter und sie sich trotz aller Zeitereignisse so gut wie gar nicht verändert haben.
Aber es kommt mir vor, als hätten Therese und ich uns verändert. Sie zu ihrem Vorteil, denn sie ist entschieden heiterer, in ihrem Wesen gleichmäßiger seit der Versetzung des zum Hauptmann avancierten K. Dieses sich immer wieder Begegnen reißt die Wunden einer doch hoffnungslosen Liebe stets von neuem auf. So ist es Therese offenbar viel leichter geworden, ferner dem Tanzen zu entsagen, als sie sich's vorgestellt. Davon gesprochen hat sie nicht, eine große Schweigerin, die sie ist, im Gegensatz zu mir, die nur im Aussprechen Labsal findet. Therese sprach sich im Tanzen aus. Ich glaube, im Dahinschweben fühlte sie sich aller Pflichten und Besorgnisse ledig. Sie vergaß sogar eins ihrer Hauptkümmernisse – wenn Caton lange nicht geschrieben. Denn wenn ich mich auch darob kränken und recht sehr ärgern kann, so verloren und unglücklich sein, wie Therese über das Ausbleiben von Catons Nachrichten ist, das kann ich nicht. Weiß ich doch aus Erfahrung, daß, wenn wir eben auf dem Punkt angekommen sind, Petersens samt und sonders am Rande des Grabes zu vermuten, kommt da nicht plötzlich ein kreuzfideler Brief Catons mit einer köstlichen Beschreibung aller möglichen Feste? So ist eben nun einmal unser Catonele.
Ich habe viele Schüler angenommen für Nachhilfestunden im Deutschen, auch für französische Stunden. Aber ich gebe diese nicht mehr mit dem alten guten Gewissen, seit ich das Französisch der Polen gehört. Wie aber nach Frankreich kommen? Das ist die Frage, die jetzt Tag und Nacht mit mir umgeht. Mein Leben und alles, was ich tu und lasse, kommt mir jetzt so passabel vor – ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich, sonst so vom Zeitgeiz besessen, eile jetzt mit Weile, und wie ein Traum kommt es mir vor, daß ich einst mit edlen, leidenschaftlichen Menschen geglüht und geweint. –
Grotecki, du Rätsel meines Lebens! Von andern kann ich deinen Namen noch nicht aussprechen hören. Aber denken kann ich jetzt an ihn und ihn zu verstehen suchen – und mich selber auch. Was war das? O Himmel, wenn ich einen Menschen fragen könnte, was das war! Wie es nur möglich ist, wenn man sich anders für ein rechtliches Geschöpf gehalten, plötzlich für einen Augenblick seiner selbst nicht mehr mächtig zu sein. Unwürdig, ja unwürdig war dieser Zustand, einer reinen Seele unwürdig.
Grotecki, du hast mich mit deinem zügellosen Beginnen nicht gewonnen, sondern verloren, du hast mich vor mir selber erniedrigt. Ich schäme mich, so lang ich lebe vor Zarembecki. Ich bete zu Gott, daß er mich ferner bewahre. Es war nichts Gutes. Das habe ich gefühlt in aller Verwirrung.
Arme Prinzessin von Ahlden, kam auch dir eines Tages die Einsicht, erwachtest auch du aus dem Rausche deiner Leidenschaft? Du großer Gott, wenn dir das geschah! Nach deinen Kindern hast du verlangt und durftest sie nicht wieder sehen. Ein Menschenleben lang mußtest du in Einsamkeit büßen für ein Gefühl, das wie eine fremde Gewalt den Menschen überfällt und ihn bezwingt. Habe ich den Arm zurückgestoßen, der mich umfing? –
Arme Prinzessin von Ahlden … Wär' ich anders gewesen, als du es damals warst! –
Grotecki war ein Mensch, der mit einem Blick alles übersah. Ich lernte durch ihn, was mir fehlt.
Ich habe Mutter gegenüber ein paar Worte fallen lassen von der Notwendigkeit, daß ich mir die richtige Aussprache in Frankreich holen müsse. Sie schlug die Hände zusammen.
»Kind, Nannele, du, in Frankreich allein!«
Ich sagte ihr: »Bedenken Sie eines, Mutter, ich darf mit einem guten Französisch ganz andere Ansprüche machen.«
»Willst du wirklich?« fragte sie unter Tränen.
»Muß es nicht sein,« sagte ich, »und ist mein Beruf nicht eine längst ausgemachte Sache?«
»Nannele, wenn du gesund wärst!«
»Ich habe Mut, das ist noch mehr. Und, Mutter, denken Sie, wenn ich's erreichen könnte, daß Sie sich um Theresens und um mein Los nicht mehr zu grämen brauchten.« –
Sie nahm sich zusammen, versuchte zu lächeln und ging.
Aber der Anfang ist gemacht.
Ich schrieb an de Ber in Nancy.
Eine Insel hat sich in Freiburg gebildet, wo alle die, welche einst von Freiheit träumten und um das Los der armen Polen litten, sich wieder finden, einander kennend, vom Vergangenen schweigend, ihre Seelen aber neuen Interessen öffnend.
Es ist im Hause von Amalie von Berg, der Madame Kozlowska. Ich staune die beiden herrlichen Menschen wie höhere Sterbliche an.
Die Frage kommt mir wohl zuweilen: Warum haben die einen alles und die andern nichts? Hätte sie nicht genug an Schönheit und Liebe? Aber auch die Kunst ist ihr Eigentum. Bilder, die ich nicht genug anstaunen kann, zieren die Wände ihres Gemaches, in dem sie, eine vollendete Weltdame, ihre Gäste empfängt und bewirtet. Sehr oft trägt sie das polnische Nationalkostüm und hat sich selbst konterfeit in der pelzverbrämten Tschapka, ein Bild, das alle Herzen in Brand stecken könnte, wenn sie nicht einzig und allein nach der Liebe ihres Kozlowski verlangte. Und er, dieser königliche Mann, hält er in uns nicht das Andenken aufrecht an das ritterliche, dem Schönheitssinn so wohlgefällige Benehmen der edlen Polenjünglinge? Wie hätte doch der Umgang mit diesen eine Bildungsschule werden können für einen großen Teil unserer jungen Männer, die man leider so oft eines ungehobelten Benehmens zeihen muß, wenn auch nicht selten ihr Wissen ein erfreuliches ist. Ich spreche von unserer Jugend, nicht von der älteren Generation mit ihren etwas altväterlichen, so rührend chevaleresken Manieren. Vor allen dem edlen, feingesinnten Rotteck, der mir vorbildlich bleiben wird, so lang ich lebe.
Ich sehe es für ein ganz besonderes Glück an, ihn und Welcker an Kozlowskis Empfangstag zu treffen. Die beiden Herren sind immer gleich frisch und voll der Pläne. Eine gemeinsame Arbeit, die Herausgabe des »Staats-Lexikons«, beschäftigt sie bis hinein in die Geselligkeit, und ich kann gar nicht nahe genug bei ihnen sitzen, um ihren oft ungeheuer sarkastischen Reden und Gegenreden zu lauschen. Wenn ich die Regierung wär', wahrlich, diese Köpfe hätte ich mir für den Staat erhalten. Aber wie Schiller sagt:
»Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen« –
Amalie Kozlowska hat mir den Vorschlag gemacht, bei ihr zu malen; es würde ihr Freude machen, ihre Erfahrung meinen Arbeiten angedeihen zu lassen.
Oh, ich verstehe, sie allein ahnt wohl, was sonst außer Zarembecki niemand geahnt. Nun will sie wohl, so glücklich jetzt, ein wenig von dem Zuviel, das ihr zuteil geworden, an eine weniger Glückliche abgeben.
Ich dankte ihr.
3. Januar 1835. So wäre es nun entschieden. Im April nehme ich einen einjährigen Aufenthalt in Nancy bei den Eltern de Bers. Es soll mir dort jede Möglichkeit gewährt werden, mich im Französischen zu vervollkommnen. Seine Stiefgeschwister, ein Mädchen von vierzehn und ein Knabe von dreizehn Jahren, sind meiner Erziehung anvertraut.
Mir ist seltsam befreit zumute, da ich nun weiß, der Stein ist ins Rollen gekommen. Ja, ich bin heiter und versuche, den Meinen, deren Herz schon jetzt ob des Abschieds blutet, mit gutem Beispiel voranzugehen. Wir sind eifrig mit meiner Aussteuer beschäftigt, Therese und ich. Die gute Mutter will mir alle Wäsche neu mitgeben, damit mich in der Fremde keine Flickerei belästige und an meiner Aufgabe hindere. Also wird drauflosgeschneidert, -genäht und -gestickt, und ein Ballen schönster Hausmacherleinen muß dran glauben. Großes Kopfzerbrechen verursachen die Kleider. Das gute Blaue, meint Mutter, könne für die Werktage dienen, für den Sonntag riet sie zu einem schwarzen. Dafür reichte mein Stundengeld prächtig aus. Für etwaige Gesellschaften bot mir Therese eines ihrer weißen Mullkleider an, das sie mir mit schwarzen Samtschleifen gar hübsch ausgarnierte. Hut und Mantel lassen vielleicht zu wünschen übrig, aber das macht nichts. Mutter beglückte mich mit ihrem seidenen Schal für die kühlen Sommerabende, und ein Peterle für gewöhnlich machte mir Therese aus einem alten Mantel zurecht. Immer wieder brachten sie etwas aus ihren Schränken herbei, das ich haben sollte, und ich mußte mich ernstlich wehren, daß sie sich nicht völlig beraubten. Wie weh mir innerlich ist, soll den Lieben erspart bleiben. Will's durchbrechen im Herzen, mache ich einen Weg durch unsre lieben Gäßle, schau alles mit ganz neuen Augen an, möchte weinen vor Schmerz, von all dem Gewohnten zu scheiden, wenn nicht ein Gefühl brennender Neugier, die Frage: Zukunft, was wirst du mir bringen? mich auch wieder beglückte.
Besonders schwer wird mir der Abschied von Lenchen werden, denn nächst den Meinen wird sie mich am meisten vermissen.
Hermann hat noch nie so viele Dummheiten gemacht, aber ich weiß, es geschieht, um uns allen über den Gedanken an den Abschied wegzuhelfen. Er hat die Flegeljahre, die nicht immer lieblich waren, glücklich überstanden, und ich bin stolz auf unsern bildhübschen Akademiker, den die jungen Mädchen im Kasino den Lord nennen, weil er wirklich ein ausgezeichnetes Benehmen hat. Ich hab's ihm auch nicht wenig eingeschustert.
2. März 1835. Große Ereignisse bringen uns über unsre eigene Persönlichkeit weg. Denn ist es nicht ein großes, unbegreifliches Ereignis, wenn ein schönes, uns unerreichbares Glück plötzlich jäh vor unsern Augen zusammenbricht? Unerforschlicher Gott! Auch mit zuckendem Herzen, verständnislos müssen wir das Haupt beugen. Amalie von Berg – Amalie Kozlowska ist nicht mehr.
Es hat mich hineingetrieben in ihr schönes, von ihr so geliebtes Heim. Es war still am Haus. Ich ging die Treppe hinauf. Es traf mich ein Lichtschein, dem ich beklommenen Herzens entgegenging. War es nicht unbescheiden, dieses Eindringen, konnte nicht jeden Augenblick jemand kommen und mich aus dem Hause weisen? Aber der Augenblick auf der Schwelle ihres Totenzimmers war mir wie ein Geschenk, das mir eine heilige Erinnerung fürs ganze Leben bleiben soll.
Da lag die Schönheit im Sarge, von einem Schleier umhüllt, der nur die obere Hälfte ihres Gesichtes frei ließ. Wie aus Marmor war diese klare Stirn gemeißelt, das geschlossene Augenpaar, die feinen Linien der Wangen. In ihrem Arm unter dem Schleier lag ein kleines Köpfchen an ihrer Brust, so klein und zart, daß man's kaum entdeckte.
Über dem Sarg an der Wand – ich mußte mein Herz mit beiden Händen halten – denn ach, da hing das lebensfrohe, strahlende Bild Amaliens – ihr Selbstporträt in der Tschapka.
Ein leises Stöhnen brachte mich zu mir selber. Das dunkle Etwas auf dem weißen Totenkleid waren Kozlowskis Hände. Zur andern Seite des Sarges kniete er, ein völlig gebrochener Mann, bleich wie die Tote selber – die Augen geschlossen.
Wie wechselt doch Freud und Leid im Leben! Wenn ich Hochzeit machte, könnten mir nicht lieblichere und schönere Geschenke zuteil werden. Ich bin beschämt und beglückt. Diese Liebe, diese Teilnahme hebt uns alle wie mit Samthänden über Schmerz und Trennungsweh weg. Wir bestaunen die köstliche Vervollkommnung meiner Aussteuer, immer wieder freuen und umarmen wir uns. Lenchen hat mir einen Spitzenkragen gestickt, wie ihn eine Königin nicht schöner hat. Ridiküls sind's ein halbes Dutzend. Die Hofrätin schenkte mir eine sechsreihige Granatkette mit silbernem Schlößchen. Von Caton kam ein Marie-Antoinette-Fichu mit echten Spitzen – kurz, es ist nicht zum Aufzählen. Ich werde den größeren Koffer nehmen müssen.
Auf dem Wege meiner Abschiede und Dankvisiten traf ich bei der Hofrätin Karoline im Klostergewand – jetzt Frau Martina. Es sind Jahre, daß wir uns nicht gesprochen. Gesehen habe ich sie wohl zuweilen im Klostergarten, aber wir gingen uns aus dem Weg. Nun kam mir alles Vergangene kindisch vor, und ich ging herzlich auf die ehemalige Mitschülerin zu. Sie erhob sich nicht, sondern gab mir mit einer gewissen Gönnermiene die Hand.
»Du tust mir recht leid, Nannele,« sagte sie, »daß du in die böse Welt hinausgestoßen wirst.«
»Ich gehe von selber,« gab ich zur Antwort, »niemand stößt mich hinaus.«
»Eben die Verhältnisse,« meinte Frau Martina in mitleidigem Ton, »ich werde für dich beten.«
Ich dankte ihr, und dann war's ganz nett. Wir sprachen von den alten Schulzeiten, und Frau Martina gab sogar zu, daß ich sie in allen Fächern überflügelt habe.
Ein paar Damen erschienen, begrüßten sie vor mir und erwiesen ihr als Klosterfrau mehr Aufmerksamkeit als mir. Sie war ganz glücklich, strahlte, drückte mir die Hand, nannte mich ihre beste Freundin und nahm den rührendsten Abschied von mir.
Hierauf erhob sie sich, und da ich auch gehen wollte, ließ ich der Klosterfrau den Vortritt. Erhobenen Hauptes schritt sie an mir vorbei, stolperte über die Stufe und flog mit wehendem Schleier auf den Gang hinaus.
Da haben wir aber so gelacht und waren wieder Kinder und sind so voneinander geschieden.
Herr von Verleb wird sich verheiraten.
Es heißt, daß es auf eine glückliche Ehe schließen lasse, wenn der Mann nach dem Tode der Gattin sich bald wieder vermähle, weil ihm das Leben ohne sorgende Gefährtin nicht mehr möglich sei.
Du, liebe Caton, hast mir einmal ein beherzigendes Wort gesagt: »Unglücklich sein, ist keine Lebensaufgabe«. Also will ich das Gefühl überwinden, das mich bei dem Gedanken überkommt: Eine andere wird Marias schönes Heim bewohnen.
Ich bin froh und danke Gott, daß ich fort sein werde, wenn Verleb mit seiner Braut Visite macht.
Nun kurz vor meinem Weggehen wird Therese krank. Entsetzlich überkommt es mich: Wie kann ich denn gehen? Wer soll Mutter beistehen, wenn sie ihrer Stütze beraubt ist? Dieser Kampf ist noch das ärgste: Soll ich, darf ich gehen? Oder müßte ich bleiben? … Es geht besser. Therese muß nur noch zu Bett bleiben, um ihren Katarrh nicht der rauhen Märzluft auszusetzen. Nun ist es Mutter, die mich von allen Zweifeln, ob ich gehen oder bleiben solle, heilt. »Närrle,« hat sie gesagt, »wann denkst du ans Packen?« –
Wie doch Mutter das Aufrichten versteht! Wir sitzen an Theresens Bett und besprechen ganz heiter alles Nötige für die bevorstehende Reise. Lenchen kommt auch dazu. Wer kommt nicht? Man sollte meinen, es wäre eine Prinzessin krank, die täglich große Cour hält, wo sie alle Stadtbegebenheiten und Staatsangelegenheiten erfährt. Der großherzogliche Leibarzt fühlt ihr täglich den Puls, Hermann hat sie als Vorleser anzustellen geruht, wobei er noch gratis die Stelle eines Hofnarren übernahm. Ich bin als Nachtwächterin nicht eben hervorragend zu loben, da ich Therese stets meine Dienste anbiete, wenn sie schläft, während ich fest schlafe, wenn sie meiner Hilfe bedürfte.
30. März. Es will mir fast scheinen, als habe Theresens Krankheit eigens kommen müssen, um uns allen den Abschied zu erleichtern. Eine neue Sorge hatte unsere, auf einen Punkt gerichteten Gedanken plötzlich in Anspruch genommen, und nun wir jene los sind, legt sich's wie ein Gefühl der Dankbarkeit auf das kommende Weh.
Ich bin auf unserm lieben heimeligen Friedhof gewesen, wo da und dort auf den Gräbern schon Schneeglöckle und Aurikele sich hervorwagen. Zwei Kränze hatte ich geflochten für zwei teure Gräber – Maria von Verleb steht auf dem einen Kreuz. Auf dem andern, nahe bei der Kapelle: Amalie Kozlowska.
Aus dem Glanze ihres Daseins, beneidet von so vielen, waren sie abgerufen worden. – Und ich, die ich voll liebender Bescheidenheit die beiden Gottbegnadeten angestaunt, ich bin noch da, ich stehe an ihrem Grab, genieße das Licht der Sonne, sehe das junge Grün der Bäume sprossen und höre der Vögel Jubeltöne durch den stillen Friedhof schallen. – Mein Gott, der Du mir das schöne Leben noch ließest, wie danke ich Dir! –
Dinglingen, den 3. April 1835.
Unschätzbarste Eltern!
's ist eins, meine Gedanken sind doch bei Euch, warum soll ich sie Euch nicht sagen dürfen, da ich sie bekanntlich einmal nicht bei mir behalten kann. Noch dazu, da mir das Herbeischaffen des Schreibgerätes gar keine Umstände macht. Ich schreibe in einem abgelegenen Tanzsaal des Postgebäudes, mit einem Schreibepulver, in das ich die Feder nur ein einziges Mal zu tunken brauche, um einen noch längeren Brief zu schreiben, als dieser ausfallen wird, denn in einer halben Stunde geht die Post weiter. So wisset denn, Gott hat gleich wieder so viel Komisches auf meinen Lebensweg geschüttelt, daß es dem Abschiedsweh zur Unmöglichkeit wurde, mich zu übermannen, und ich wollte nur, Ihr hättet nach einer Stunde unsrer Trennung so herzlich lachen können wie ich über meine possierliche Reisegesellschaft im gelben, alterswackeligen Postwagen.
Die Insassen bestehen aus einer impertinenten Marquisin, die kein Deutsch kann, einem überaffektirten Tanz-, Fecht- und Schulmeister, der fortwährend mit seinen feinen Tanzschuhen, die aber zerrissene Sohlen haben, kokettiert, und einem jungen Blut von einem Bürschlein, das von Freiburg bis Dinglingen von einem Lachkrampf in den andern verfiel. Ich selbst hätte am liebsten mitgehalten, wenn ich mir nicht ganz ernstlich gesagt hätte: Nannele, jetzt ist's aus mit dem »dummen Mädele sein«; du hast jetzt als Muster der Vernünftigkeit, als kommende Erzieherin in die Fremde zu segeln, also muckse nicht. –
Und so machte ich Ihnen, geliebte Eltern, alle Ehre, indem ich die Impertinenzen der Marquisin nicht mit gleichem, sondern mit einer geradezu hoffähigen Artigkeit erwiderte, im Innern mich so auf mein künftiges Mundhalten einübend, das mir bislang meistens nicht gelungen ist.
Den armen Fecht- und Tanzmeister mit seinem vor Höflichkeit grinsenden Gesicht nannte die Marquisin den maigre et pauvre homme, und da er sich den Anschein gab, Französisch zu verstehen, nickte er nach jedem Satz, den die Marquisin sprach, auf das höflichste: »Oui, madame«, auch als die Marquisin meinte, er sei gewiß mit seiner roten Krawatte ein durchgegangener Sträfling. Ich nahm ihn lebhaft in Schutz, indem ich die böse Sieben auf seine ehrlichen Augen aufmerksam machte. Sie meinte lächelnd, ob ich etwa verliebt in ihn sei. Meine Antwort wäre vielleicht etwas derb ausgefallen, wenn das junge Kerlchen in seiner Ecke nicht durch einen neuen, ganz besonders lebhaften Lachanfall unsre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte.
»Imbécile,« herrschte ihn die Marquisin an, »haben Sie gehört, imbécile!«
»He nei,« preßte er erstaunt hervor, »Baptist Will heiß i.«
»Was sagt er?« stieß mich die Marquisin an. Aber ich lachte so, daß ich nur stoßweise hervorbrachte, der Bursche habe geglaubt, sie nenne ihn beim Namen.
»Ist auch sein Name – imbécile« – »Baptist Will«, beharrte er.
Sie zog einen halben Kipfel aus der Tasche und zeigte ihn dem Bürschlein mit den Worten:
»Den hättest du bekommen, wenn du kein solcher Imbécile wärst« – und aß ihn selber auf.
Alsdann lehnte sie sich in ihre Ecke zurück und schloß die Augen.
Ich benützte meine Freiheit, indem ich dem Fecht- und Tanzlehrer das kleine Fläschle Wein anbot, das mir Therese ins Ridikül spediert hatte. Das Bürschle bekam einen ganzen Kipfel.
»Sie hät eso e Bart«, flüsterte er mir zu.
Der maigre et pauvre homme trank das Fläschle in einem Zug, versteckte es dann aber schnell in seinem Rockärmel, denn die Marquisin schlug die Augen auf.
»Er ist ein Dieb!« rief sie aus. »Ich sah etwas in seinem Ärmel verschwinden.«
»Oui madame«, sagte er, ehrerbietig an seinen Hut greifend.
»Und dieser Imbécile, was ißt er da, hat er mir etwas aus meine Ridikül genommen?«
Ich klärte sie über ihren Irrtum auf, indem ich ihr versicherte, daß sie sich in einer absolut ehrlichen Gesellschaft befinde.
»Ah,« fiel sie über mich her, »Sie halten zu diesen Menschen gegen mich!«
Jetzt kochte es in mir.
»Es sind ja meine Landsleute«, gab ich zur Antwort.
»Bah«, machte sie, »ich habe in Freiburg Ihre Landsleute kennen gelernt; es ist ein wildes Land, und seine Bewohner sind Wilde. Nur Baden-Baden ist ein Paradies, und nur die Königin Hortense und die Großherzogin sind gens de qualité – warum? Weil sie nicht aus diesem barbarischen Lande stammen, in dem der Adel ein Französisch spricht, das für das Ohr einer Französin horrible ist. Überhaupt, außer Frankreich, einem Stückchen von Italien und Baden-Baden ist die ganze Welt abominable.«
»Sehen Sie, diese Wilden«, unterbrach sie sich, als wir viehtreibenden Landsleuten begegneten.
»Tragen bei Ihnen, Madame, die Viehtreiber Glacéhandschuhe?« fragte ich und nahm, da sie nicht gleich eine Antwort bereit hatte, ein Buch aus dem Ridikül.
Nun rückte sie hin und her, stellte immerzu Fragen an den armen Fecht- und Tanzlehrer, schrie das junge Kerlchen an, das aber friedlich wie in seinem Bett schlief, und ließ endlich, nur um mich vom Lesen abzubringen, den ganzen Inhalt ihres Ridiküls auf den Boden fallen. Der Fecht- und Tanzmeister war glücklich, ihr alles aufheben zu dürfen. Ich rührte mich nicht.
In Dinglingen machten wir Mittag. Ich bestellte mir Suppe und ein Stückchen Kalbfleisch.
Die Marquisin rümpfte die Nase:
»Echt deutsch, sich schon um Mittag den Magen zu füllen« – und bestellte sich Eier.
Mir gegenüber am Tisch saß der Tanzlehrer.
»Ach,« flüsterte er mir zu, indem er sich durch die Haare fuhr, »das Geld ist mir ausgegangen.«
»Hat er Ihnen eine Liebeserklärung gemacht?« fragte die Marquisin.
Ich sagte ja und bestellte beim Kellner Suppe und Rindfleisch für den pauvre et maigre homme.
Als uns die Marquisin speisen sah, gelüstete sie alles, und sie tauchte in alle Schüsseln, versuchte, schnitt ein Gesicht und versuchte wieder.
Sie hätte wahrlich eine Ohrfeige verdient, so impertinent ungezogen benahm sie sich.
Nun kam aber der Hauptspaß – sie mußte über die Hälfte mehr als ich bezahlen.
Der Wirt sagte: »Sie hät jo von allem g'hat, und der Kellner hat springe müsse für zehne.«
Als sie ihm mit einem empörten »Worüm?« die Rechnung hinwies, verneigte er sich und sagte: »Dorüm«.
Fortsetzung in Offenburg, aber auch während der ganzen Fahrt, liebe Eltern, wird Ihr Nannele bei Ihnen sein.
Offenburg.
Die Marquisin befliß sich bei der weiteren Reise einer absoluten Höflichkeit. Sie bot mir sogar von ihren Pfefferminztäfele an. Ich nahm eines und dankte höflich. Diese Höflichkeit steckte die neuen Insassen der Post an, so daß eine Frau, die schnarchte, immer wieder von ihrem Gegenüber geweckt wurde mit dem Bemerken: »Lent doch euer Muusik«. –
Wie unerquicklich wäre diese Reise ausgefallen, hätte ich der Marquisin gegenüber meinem Ärger Luft gemacht und sie mit Sottisen bombardiert, wie sie verdient hätte. Nun hatte ich Genuß an ihrem schönen Französisch, sie tätschelte mir wiederholt die Schulter, und ich wurde ob der Ehre, die mir widerfuhr, von sämtlichen Insassen der Post angestaunt.
Der Fecht- und Tanzmeister hatte seinen Sitz auf dem Deck des Postwagens genommen, nachdem er mir gesagt, die französische Sprache sei ihm auf die Dauer zu anstrengend.
»Ich bin«, setzte er hinzu, »jetzt in einer traurigen Lage, aber sobald ich eine Stelle habe, werde ich in Freiburg bei Ihren Eltern meine Schuld entrichten.«
Wie anständig, nicht? Eigentlich sind alle Menschen besser, als man voraussetzt, vielleicht auch die Marquisin – wer weiß.
Wir kamen gegen sieben Uhr in Offenburg an. Als wir an der Post ausstiegen, fragte mich die Marquisin, ob ich ein besonderes Zimmer haben wolle.
»O ja«, sagte ich, denn ich war wirklich zu müde, um ihr bis in die Nacht hinein zu huldigen.
Als Abend- und Nachtessen nahm ich Kaffee, und ein bescheidener Knabe von Kellner bediente mich in meinem kleinen Zimmerchen, in dem ich jetzt schreibe.
Da morgen Sonntag ist, fährt die Post erst um neun Uhr, so daß ich genügend Zeit haben werde, einer hl. Messe beizuwohnen, das Städtle anzusehen und noch einen Morgengruß an die lieben Eltern zu schicken. Gute Nacht denn.
Noch eine gute Stunde bis zur Abfahrt der Post. Wie höchst interessant ist doch das Reisen! Möchten Sie doch, meine ungemein lieben Eltern, sich keinen Augenblick um Ihr Nannele sorgen, denn wenn mir auch das Heimweh nicht geschenkt ist, so bin ich von der Vielseitigkeit meiner Erlebnisse doch so in Anspruch genommen, daß ich weit davon entfernt bin, die Flügel hängen zu lassen.
Also ich wandelte höchst einsam durch die sonntagsstille Hauptstraße der Stadt Offenburg, mich bemühend, Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Der helle Klang einer Glocke lockte mich in eine schmale Seitengasse, so daß ich plötzlich am Ende derselben vor einem klosterähnlichen Gebäude mit einer Kirche stand. Eine Frau, die mit ihrem Gebetbuch des Wegs kam, sagte mir, das alte ehemalige Franziskanerkloster sei jetzt das Mädcheninstitut der congrégation Notre-Dame. Soeben fange die heilige Messe an.
Ich schritt durch das uralte Eingangsportal in die halbdunkle Kirche und nahm meinen Platz vor dem Altargemälde der Himmelfahrt Marias. Ein paar Stufen führen zum Chor, das hell und licht erglänzte durch die vielen Kerzen am Altar, wo die heilige Messe zelebriert wurde.
In den Bänken knieten die Schülerinnen, rechts und links in den Chorstühlen die Klosterfrauen. Ein rührendes Bild für mich, die ich einst so gern mich der Schar der Gottgeweihten einverleibt hätte! Nun führt mich der Weg hinaus in die Fremde, wo ich es nicht so gut haben werde wie diese von der Welt abgeschlossenen Frauen, die sich, aller Sorgen ledig, der Erziehung ihrer Zöglinge hingeben können.
Denken Sie nicht, liebe Eltern, daß diese Betrachtung etwa aus einem ängstlichen Herzen kommt. Im Gegenteil! Als ich unter dem Gesang der Klosterkinder in den hellen Tag hinausschritt, war ich äußerst begierig auf das neue Stück Welt, das sich vor mir auftun sollte.
Straßburg.
Groß war die Freude der Marquisin, als wir elsässischen Boden unter den Füßen hatten. Es stieg gleich ein Bauer ein, ein alter Mann, der einen fürchterlichen Knaster rauchte. Das hätte sich einer jenseits der Grenze erlauben sollen!
Sofort redete sie den Elsässer mit einem Schwall von Liebenswürdigkeiten an, dabei mit beiden Händen gestikulierend, vor Glück, endlich einen compatriote anzutreffen.
Der alte Bauer maß sie mit zusammengekniffenen Augen.
»He,« stieß er mich an, »was babbelet's au, des old Fegnascht – isch 'm vielleicht 's Raache nit racht?«
Er sah wütend nach der Marquisin hin.
Ich beeilte mich, ihm zu sagen, daß die Dame eine Französin sei und gehofft habe, mit ihm Französisch sprechen zu können.
»I rad kei Französisch, i rad Dütsch«, brummte er neben seiner Pfeife heraus.
»Was sagt er – was reden Sie mit diesem Mann?« drängte die Marquisin. »Wie können Sie überhaupt Deutsch mit ihm reden? Er wird Sie nicht verstehen.«
»Ich fürchte, er versteht nicht Französisch«, sagte ich, meine Heiterkeit durchaus nicht verbergend.
Nun fuhr sie auf: »Nicht möglich – unmöglich – monsieur,« fiel sie über den Mann her, und ihre Empörung ergoß sich wie ein Wasserfall über den Ahnungslosen.
Jetzt erhob auch er sich, nahm die Pfeife aus dem Mund, spuckte und traktierte die Marquisin mit einer Auswahl von Schimpfwörtern, wie ich sie nie in meinem Leben gehört. –
Sie wurde still und fragte nicht einmal: »Was hat er gesagt?«
Avricourt.
Soeben Abschied genommen von der Marquisin. Sollte man's glauben, sie umarmte mich, weinte und umarmte mich wieder. Sie sagte mir, daß sie mich gleich beim ersten Blick zu den gens de qualité gezählt habe, trotzdem ich sehr unmodern sei und einen Hut habe wie eine Vogelscheuche. Aber in Nancy würde man mich modernisieren; in Nancy, dem petit Paris, könne man so etwas gar nicht sehen.
»Und noch eins, ma chère,« rief sie mir beim Gehen zu, »nehmen Sie sich vor den Franzosen in acht!«
Sie legte den Finger auf den Mund und schlug lachend die Augen zum Himmel, warf mir eine Kußhand zu, und gleich darauf hörte ich sie mit einem Mann, der sich ihres Gepäcks – man sage drei Koffer – bemächtigt hatte, laut schelten und streiten.
Nancy, 8. April.
Meine geliebten Eltern!
Nun hier, nun angekommen, Gott sei Dank!
De Ber holte mich an der Post ab mit der Chaise. Ich fand ihn sehr verändert, nicht zu seinem Vorteil. Weder von seinem Übermut noch von dem einstigen Respekt für die Lehrerin ist noch etwas vorhanden. Seine familiäre, nachlässige Art widerstrebte mir. Er brachte mich in sein elterliches Haus, verabschiedete sich und überließ mich der Sorge eines hübschen jungen Dienstmädchens, das mich artig, aber mit seltsam lächelndem Blick auf mein Zimmer führte und mein Gepäck heraufkommen ließ.
Ich möchte Toilette machen, sagte sie, um sechs Uhr sei das Diner. Ich will nicht unterschlagen, daß mir das Herz pochte bei dem Gedanken meines ersten Erscheinen in der Familie. Aber der Anblick meines sehr netten, mit dem reizendsten Kattun ausgarnierten Zimmers machte andrerseits den angenehmsten Eindruck auf mein für alles Schöne so empfängliche Herz. Ich mußte sogar lachen: nicht weniger als drei Spiegel, einen ganz großen, in dem man sich vom Kopf bis zu den Füßen sieht, und zwei kleinere. Einige Kupferstiche aus »Paul et Virginie« hängen an den Wänden, und auf dem Waschtisch stehen so viele Büchslein und Glasschalen, daß ich Landkonfektle neugierig davorstand, unfähig deren Zweck zu erraten.
Daß ich Toilette machen sollte, verursachte mir nicht wenig Kopfzerbrechen. Um alles in der Welt wollte ich mich nicht allzu schön machen – (oh, ich Dummerle) um nicht gleich beim ersten Erscheinen den Eindruck von Unbescheidenheit zu erwecken. Andrerseits wollte ich der Würde meiner neuen Stellung nicht Abbruch tun, indem ich zu wenig Wert auf mein Äußeres legte, sintemalen das Sprichwort sagt: Kleider machen Leute.
Ich wählte also das neue, schwarze Kleid – fast mit etwas Gewissensbissen, da es doch Werktag war, und wählte den zweithübschesten Spitzenkragen – nicht den von Lenchen, der wäre mir viel zu pompös erschienen.
Die Familie befand sich im Salon, als ich mit Aufgebot meiner ganzen Energie versuchte, nicht allzu schüchtern einzutreten.
Aber die Dame des Hauses empfing mich mit so großer Liebenswürdigkeit und sprach so lebhaft auf mich ein, daß ich gar keine Zeit fand, mich zu genieren.
Wie mir die Reise bekommen – wie ich mich befinde – ob mir der Kopf nicht weh tue – ob mich die Glieder nicht schmerzen. – »Sehen Sie hier Marie, Ihre kleine Schülerin, und dies ist Paul – keine Grimassen, Paul. Sorge, daß du das Deutsche so gut wie dein Bruder lernst. Unser ältester Sohn Justin hat sehr profitiert bei Ihnen. Monsieur ist sehr zufrieden mit Justin – das Geschäft beansprucht Sprachkenntnisse. Ein großes Exportgeschäft, wissen Sie, Mademoiselle. Unser ältester Sohn besorgt die englische und deutsche Korrespondenz. Ich wäre glücklich, wenn Paul bei Ihnen so profitierte, daß ich ihn nicht fortschicken müßte. Er ist ein wenig enfant gâté. Was Justin von der deutschen Kost erzählt, würde Paul kaum zusagen. Ich meine, die deutsche Kost im allgemeinen. Es ist ja alles Gewohnheitssache.«
Da saß noch ein junger Mann, der mir vorgestellt wurde.
Cousin Sormont.
Und dann ging die Tür auf, und eine große stattliche Frau trat über die Schwelle, von den Kindern mit Handküssen begrüßt: Grand'maman.
Auch hier wurde meine Begrüßung durch die lebhafte Gegenrede der alten Dame erstickt.
De Ber kam mit seiner jungen Frau. Dann Monsieur.
Man setzte sich zu Tisch. Hier endlich fand ich Zeit, mich ein wenig in dem Kreis umzusehen, in dem ich fortan leben soll. Man ließ mich völlig in Ruhe, sprach unausgesetzt, und ich machte sehr bald die Bemerkung, daß die Ankunft einer neuen Gouvernante kein Ereignis im Hause war. Nur die kleine Marie sah manchmal mit einem etwas bedenklichen Blick nach mir hin. Ein blasses Kind, mit nichtssagenden Augen, das faul ißt und die Hälfte auf dem Teller liegen läßt. Paul verschlingt.
»Esse nicht wie ein Ogre«, mahnte seine Mutter.
Sie sprach fast unausgesetzt. Monsieur nickte zuweilen zerstreut mit dem Kopf. De Ber machte einen abwesenden, übellaunigen Eindruck, seine Frau einen bedrückt schüchternen. Grand'maman allein mutete behaglich an. Sie hatte einen Zipfel ihrer Serviette in den Ausschnitt ihres Kleides gesteckt und gab sich ganz dem Genuß des Diners hin. Es war aber auch danach! Ich schämte mich fast ein wenig unserer Schweinebraten mit Sauerkraut und Leberknöpfle. Andererseits glaube ich, daß unseren Männern, die soviel größer und starkknochiger sind, die so kleinen, feinen Platten nicht genügt hätten wie den Herren an diesem Tisch, die schmal und mager, kaum von mittlerer Größe sind. Jede Speise wurde lebhaft kritisiert.
Nach Tisch sagten die Kinder gute Nacht. Als ich ihnen folgen wollte, hielt mich Madame zurück, man nähme den Kaffee im kleinen Salon bei Großmama, die Bonne sorge für die Kinder.
Der kleine Salon ist zugleich das Schlafzimmer der Großmama. Man saß um einen runden Tisch. Die Herren wurden plötzlich sehr lebhaft. Bei der Schnelligkeit ihres Sprechens und den mir noch neuen Redewendungen verstand ich oft nichts, merkte aber bald – es war besser, sehr oft nichts zu verstehen. Großmama und Madame amüsierten sich köstlich, und es schien keinen Eindruck zu machen, daß ich nicht auch lachte. Bei dieser Gelegenheit merkte ich, daß ich von nun an niemand mehr bin. Nicht leicht für jemand, der vielleicht im eigenen Nestle eine allzu große Rolle gespielt. Aber die liebe Mutter darf sich darum nicht grämen, denn ihr Nannele hat ja die Gabe, allem eine komische Seite abzugewinnen, so auch diesem Abend mit seinem unerquicklichen Anfang. – Die Herren rauchten und griffen zur Zeitung. Grand'maman hatte ihr drittes Täßchen Kaffee geschlürft und begann:
»Wir haben einen großen Bekanntenkreis, Mademoiselle. Da ist vor allem Monsieur Simon, Industrieller. Ein Mann wie in einem Roman. Man kann sich nicht genug vor ihm in acht nehmen. Er hat nie eine Frau kennen gelernt, die sich nicht sofort in ihn verliebt hätte. Seine Laufbahn ist die denkbar interessanteste. Sein Vater war der Sohn eines député. Seine Mutter – mein Gott, was war sie doch für eine Geborene? Ich habe ihren Neffen gekannt. Er hat zu gleicher Zeit mit mir geheiratet; ein großer charmeur. Seine Frau war die Nichte eines entfernten Verwandten unsres Hauses, dessen Großmutter – mein Gott, wie war doch ihr Name? Ihren Mann, denken Sie, nannte ganz Nancy den schönen Antoine – O oui.« –
Da sie einen Augenblick schwieg, fragte ich: »Und Herr Simon, Madame?«
Ich erschrak über den Effekt, den meine Frage hervorbrachte. Die Herren sahen von ihren Zeitungen auf und lachten, die junge Frau de Ber wurde rot, und Madame hustete und machte sich an ihrem Armband zu schaffen, während Grand'maman mich erstaunt fragte: »Wollte ich denn etwas von Monsieur Simon erzählen?«
»Aber Grand'maman, das hast du ja getan,« gab ihr Madame im liebenswürdigsten Ton zur Antwort, »Mademoiselle meinte nur, sie habe nicht recht verstanden. Mademoiselle ist des Französischen noch nicht mächtig.«
Das war mein erster Abend in der Fremde. Ich kann nur sagen, daß ich ein Bett habe wie eine Prinzessin und mich trotz der ermüdenden Reise heute frisch und wohl fühle.
Der Diener trägt die Briefe des Hauses um acht Uhr auf die Post. Ich hoffe, die Länge des meinen rechtfertigt das teure Porto.
Sie können also, teuerste Eltern, ganz ruhig über mein Los sein. Es fehlt hier sogar nicht an einer Hofrätin, wie Ihr aus der Beschreibung der Grand'maman erseht.
Und so nehme ich denn Abschied von Ihnen und den geliebten Geschwistern, mit der Bitte, unsrer Caton meinen Brief zu schicken, nachdem ihn auch Lenchen und die anderen Kamerädle gelesen haben.
Ihr dankbarste Nannele.
… bei Nancy, 27. Juni 1835.
Meine liebe Caton!
Deine Zeilen haben mir so wohl getan. Du, die mich so kennt wie niemand, hast wohl bemerkt, was alles in meinem Brief an die Eltern ungeschrieben geblieben ist. Aber leidet Mutter nicht schon genug durch mein Fortgehen, hätte ich ihr durch das Geständnis meines großen Heimwehs das Herz noch schwerer machen sollen? Ich werde also den Eltern alles nur im besten Lichte hinstellen und nur zu Dir von den Schattenseiten meines Exils sprechen. Es wird das für mich eine große Seelenerleichterung sein, in dem Bewußtsein, daß Dein Herz, so weich es ist, doch auch die nötige Kraft und Stärke besitzt, über Ungemach nicht zu verzweifeln. Und noch eins, Caton, mache es Dir zur heiligen Aufgabe jetzt, so oft als möglich an die Eltern zu schreiben. Sie brauchen Trost, da ihnen die Trennung von einem zweiten Kind nicht wenig schwer fällt.
Wir sind seit dem 1. Juni auf dem Lande in der Nähe von Nancy, ungefähr eine Fahrt von drei Stunden bis hin. Es ist ein schönes, großes Landhaus mit hohen Fenstern und großen Räumen. Ich residiere im Reiche der Mansarden, die nicht schräg sind wie bei uns, sondern genau so grad' wie die Zimmer der unteren Stockwerke, nur etwas niedriger. Meine beiden Sorgenkinder, Marie und Paul, haben ihre Zimmer rechts und links von mir. De Ber und seine junge Frau bewohnen die übrigen Mansardenräume.
Also die Sorgenkinder. Ob Marie etwas denkt oder nichts denkt, ob sie eine Vorliebe für etwas hat oder nicht – es ist kein Klugwerden aus ihr. Ich bin an ihre Schritte geheftet von morgens bis abends. Wenn mich Madame nur einen Augenblick allein sieht, sofort fragt sie vorwurfsvoll: »Wo ist Marie?« Nach ihrer Ansicht kommen kleine Mädchen, wenn sie sich selbst überlassen sind, auf unnütze Gedanken. Ich sprach mich einmal über Maries mir so ganz unbegreifliche Teilnahmlosigkeit aus. Madame lachte.
»Meine Tochter ist genau so, wie ich war. Man wird sie jung verheiraten, und ihre Teilnahmlosigkeit wird sich in das Gegenteil verwandeln.«
Ich fragte: »Glauben Sie, daß alle jungen Frauen glücklich sind?«
Madame zuckte die Achsel: »Man muß sich zu helfen wissen.«
Meine Augen wurden plötzlich sehend, ich weiß nicht, wie's zuging, und so sah ich, wie sie sich zu helfen wissen. Madame macht Ausfahrten mit dem Cousin, von denen sie immer ganz besonders animiert zurückkehrt.
De Bers Gleichgültigkeit gegen seine junge Frau wurde mir durch den Besuch eines jungen Ehepaares aus der Nachbarschaft klar. Madame Lejeune war kaum im Salon erschienen, als de Ber im Handumdrehen zu dem jungen, übersprudelnden Menschen wurde, wie ich ihn in Freiburg gekannt. Und nun weiß ich auch, warum seine junge Frau immer so traurig ist bei seinen tagelangen Ausritten, und warum Monsieur, Madame und Grand'maman immer ein wenig ärgerlich auf die junge blasse Frau zu sprechen sind, die es offenbar nicht versteht, sich zu helfen. Es scheint das hier eine Schande zu sein, denn Grand'maman erklärte neulich: »Eine Frau muß eroberungsfähig bleiben bis in ihr höchstes Alter, sonst ist sie ein überflüssiges Wesen, wenn sie nicht mehr begehrt wird.« –
Und Grand'maman macht sich schön, hat wundervolle, schwarze Haare, und ihre Wangen schwimmen in Milch und Blut.
Das ist der Kreis, in dem ich lebe, und ich muß hinzufügen, daß die Liebenswürdigkeit, mit der ich behandelt werde, nichts zu wünschen übrig läßt. – Und doch, welche Kluft zwischen ihnen und mir – daß ich doch auch jung bin und möglicherweise einer Anlehnung, einer Aussprache bedürfte – wem fiele das ein. Aber ich glaube, sie selber brauchen das nicht. Sie sind immer heiter und zufrieden, wenn sie sich nur amüsieren. Und es scheint, von Gewissensbissen wissen sie gar nichts, sondern gehen ruhig mit ihren schuldbeladenen Herzen in die Kirche. Ob sie beten? Die schöne, alte Franziskanerkirche mit ihren zahlreichen Grabmonumenten und Statuen, dem viel zu buntfarbigen Altar und der viel zu heiteren Kirchenmusik – ich selber habe es hier noch nie zu einem herzinnigen Gebet gebracht. Die elegante Welt rauscht während des ganzen Gottesdienstes die Bankreihen entlang. Man nickt sich zu, man lacht und flüstert. Ach, Caton, weißt Du noch unser Plätzle im Münster, wie wir da einmal abends vor dem Muttergottesaltar knieten, halb im Dunkeln, während die Abendsonne durch die dunkelrote Rosette glühte und das ganze Schiff des Münsters durchflutete. –
So fromm wie damals war mir hier noch nie zumute. Ja, manchmal erschrecke ich und komme mir selber anders vor in dieser andern Welt.
Von der Kirche ging's dann immer auf die Pepiniere, eine prachtvolle Promenade – denke Dir's Freiburger Nannele inmitten dieser Großstadtmenschen, von deren Eleganz man daheim sich nichts träumen läßt. Dazu diese herrliche Stadt mit ihren prachtvollen Gebäuden, Schlössern, Standbildern und dem monumentalen Toreingang von der Altstadt in die Neustadt. Tief bewegt hat mich die Grabstätte von Stanislaus Leszczynski, dem Exkönig von Polen, und seiner Gemahlin Marie Leszczynska in der Bon-Secours-Kapelle.
Ich habe sie öfters besucht, der armen Polenjünglinge gedenkend, deren so geliebte Heimat jetzt unter dem russischen Joch seufzt.
Ach, im Halbdunkel dieser kleinen Kapelle kam mir das Erleben jener Zeit wieder so recht zum Bewußtsein. Wie schön war jenes hochgespannte Empfinden, jene tiefe Ergriffenheit für fremdes Leid, das zu lindern uns als die heiligste Aufgabe erschien. Oh, ich gebe diese Erinnerung nicht her, nicht um alles in der Welt!
Was ich damals erlebt, hat mich gereift, ich habe an Einsicht gewonnen, bin der Enge meiner Anschauungen entwachsen und kann unterscheiden. Hätte ich das können, wenn mir das Herz nicht in Schmerz und Demut geblutet hätte? Wäre ich nicht mit dummen, unerfahrenen Kinderaugen in diese neue Welt getreten, unfähig, deren Leere und Oberflächlichkeit zu durchschauen? O Caton, ich habe einmal so groß und heiß empfinden müssen, um für alle Zeiten gefeit zu sein. Wenn ich auch einsehe jetzt, daß Dein Mann recht hatte und diese romantisch veranlagten, so wenig praktischen Polen nicht imstande sind, ihr Land vor dem Untergang zu retten, so wie es Preußen 1813 getan. – Aber ich schäme mich meiner Vaterstadt nicht und ihrer damaligen etwas weltfremden Teilnahme für Polens erschütterndes Schicksal. Ist es uns doch in der edelsten Gestalt näher getreten, und ich kann jener heimatlosen Helden nur mit der innigsten Teilnahme gedenken. – Durch Lenchen habe ich erfahren, daß nur noch wenige Polen in Freiburg zurückgeblieben sind. Zwei von ihnen haben eine Anstellung in der Kunzerischen Zichorienfabrik gefunden. Darunter Schreiber. Durch ihn hat Lenchen von dem Schicksal jener erfahren, mit denen wir einst verkehrten. Zarembecki, der edelste von allen, schlägt sich in Paris ärmlich durch mit Unterrichtgeben in der polnischen Sprache. Grotecki ist wegen einer Frau im Duell gefallen. Feldherr Kosinski ist verschollen. Von Kozlowski, Amaliens Gatten, weiß man nur, daß er sich aus Schmerz über den Tod seiner Frau in ein Kapuzinerkloster in Polen zurückgezogen hat.
Was mir unsäglich leid tut – Frau Welcker, diese so edelmütige Frau, die alles daransetzt, um der Polen Los zu lindern, was hat sie erfahren müssen! Welckers Bruder in Bonn kam dahinter, daß in Dresden einige Gauner sich die Güte der Polenfreunde zunutze machten und diesen Geld abzuschwindeln verstanden. Die Ernüchterung nach dem Überschwange soll groß sein.
20. Juli. Du siehst, Schwesterle, eine lange Pause, aber mein Leben auf dem Lande ist ganz anders angestrengt als in der Stadt. Dort ging Paul ins College, und Marie wurde von ihren Tanten häufig zum Spazierenfahren oder in Kindervisiten abgeholt. Es fiel also manches freie Stündle für mich ab, das ich dazu benütze, Briefe zu schreiben oder mir Nancy anzusehen. Eine Gouvernante ist ja kein junges Mädchen, dem man hier nicht gestattet, ohne Begleitung auch nur über die Straße zu gehen. Nun, ich mache in meiner Circasienne mit dem, wie die Marquisin sagte, abscheulichen Hut einen offenbar so solid unerfreulichen Eindruck, daß ich bis jetzt nicht den Schimmer eines Abenteuers zu berichten hätte. So habe ich von Nancy in kurzer Zeit mehr gesehen, als vielleicht meine Hausdamen von ihrer Heimatstadt überhaupt wissen. Die Altstadt im Norden mit ihren unregelmäßigen Baulichkeiten und engen Gäßle tat mir's besonders an, wegen gewisser Ähnlichkeit mit Freiburg, das ich eben nicht eine Stunde des Tages vergessen kann. Überhaupt Heimweh! Ich mußte manchmal irgend etwas Kleinstädtisches tun, nur um wieder einmal das eigentliche Nannele zu sein – z. B. ich stahl mich mit meinen zerrissenen Schuhen im Ridikül heimlich zum Haus hinaus und suchte mir einen Schuhmacher. Davon hatt' ich einen ganz besonderen Profit. Der Schuhmacher war nämlich nicht zu Hause, nur die Frau, und die bediente mich. Auch andre Leute zugleich mit mir, und ich machte die Entdeckung, daß sie die Sache genau so gut wie ihr Mann verstand, immer wußte, wo es fehlte, hier trennte, dort einem Lehrjungen den Fehler wies – kurzum ein ganzer Schuhmacher ist. Dies machte mir Lust, daß ich's mich aus purer Neugier ein paar Groschen kosten ließ, um bald einen Bleistift, bald sonst eine Kleinigkeit zu kaufen, und immer hatte ich Gelegenheit, mich der Tüchtigkeit der Frauen des Bürgerstandes zu freuen.
Ich denke manchmal – in Stunden des Heimwehs – daß ich möglicherweise nicht mehr nach Nancy zurückkehre, um früher als vor einem Jahr – Gott, Caton, ich darf es nicht ausdenken. Was ich gewollt – eine gute Aussprache – habe ich ja schon erreicht. Es wird mir täglich gesagt – wozu also länger bleiben? Ich bin manchmal geradezu krank vor Sehnsucht nach Mutter. Ich glaube, ich müßte in einem Strom von Tränen aufgehen, wenn einer darherkäme und ein wahrhaftiges Deutsch spräche.
Es gibt Stunden, Caton, da zanke ich mich ernstlich, denn ich habe es ja doch sehr gut, besonders da mein Leiden, seit wir auf dem Lande sind, mich kaum mehr in der Nacht belästigt. Also was will ich denn? Was können die Kinder dafür, daß ich mir in meinem Eifer lauter Idealkinder vorgestellt habe, die mich unendlich lieb hätten und die ich zu wahren Vollkommenheiten heranbilde. Ojele, Nannele, ich muß froh sein, wenn wir's nur einigermaßen miteinander aushalten, und ich bin für jedes Lächeln dankbar, das gelegentlich in dem gleichgültigen Gesichtchen der kleinen Marie auftaucht. Sie ist wenigstens gehorsam – freilich aus keinem anderen Grund, als weil sie zu faul ist, irgend etwas zu wollen. Mit Paul dagegen lebe ich in einem unausgesetzten heißen Kampf um meine Übermacht, in dem ich nur dann siege, wenn ich den querköpfigen Bengel wie einen Erwachsenen behandle, Monsieur zu ihm sage und mich unbeschreiblich wundere, wenn er sich wie ein ungezogenes Kind beträgt. Da bekommt er plötzlich Rückgrat, macht ein ernsthaftes Gesicht und geruht so von oben herab nachzugeben. Aber ich hab das Bürschle trotzdem gern, denn wir können gelegentlich recht herzlich miteinander lachen, und es ist merkwürdig, wie Lachen verbindet. Bei Marie setzt dieses befreiende Mittel nie ein. Aber sie bekommt allmählich etwas Farbe und Appetit, veranlaßt durch unsern einstündigen Spaziergang vor Tisch. Madame ist die Liebenswürdigkeit selbst, seit Marie gut aussieht. Denn – gut aussehen und sich amüsieren ist die erste Lebensbedingung in diesem Hause. Daß man sich das erstere durch Bewegung in frischer Luft leicht verschaffen kann, wird jedoch nicht eingesehen, sondern man glaubt das Äußerste an Bewegung getan zu haben, wenn man ein wenig im Garten herumtrippelt. Im übrigen wird gefahren.