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Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Erstes Buch Die Ereignisse bis zum Eintreffen der Südwest-Afrikaner

Reading edition

Illustration from Meine Erinnerungen aus Ostafrika

M.-G. Gruppe

Erster Abschnitt Vor Kriegsbeginn

Als ich im Januar 1914 in Daressalam landete, da ahnte ich kaum, welche Aufgabe an mich nach einigen Monaten herantreten würde. Aber seit einem Jahrzehnt hatte der Weltkrieg mehr als einmal so nahe gedroht, daß ich mir ernsthaft die Frage vorlegen mußte, ob die mir unterstellte Truppe in einem solchen Kriege überhaupt eine Rolle zu spielen berufen wäre und welches ihre Aufgabe sein könnte. Nach der Lage der Kolonie und der Stärke der vorhandenen Kräfte — die Friedenstruppe war nur wenig über 2000 Mann stark — konnte uns nur eine Nebenaufgabe zufallen. Ich wußte, daß das Schicksal der Kolonien, wie das jedes deutschen Besitzes, auf den europäischen Schlachtfeldern entschieden werden würde. Zu dieser Entscheidung mußte jeder Deutsche ohne Rücksicht darauf, wo er sich gerade befand, das Seinige beitragen. Auch in der Kolonie hatten wir die Pflicht, im Falle eines Weltkrieges für das Vaterland zu tun, was in unseren Kräften stand. Die Frage war, ob wir die Möglichkeit hatten, die große heimische Entscheidung von unserem Nebenkriegsschauplatze aus zu beeinflussen. Konnten wir mit unseren geringen Kräften erhebliche Teile des Feindes vom Eingreifen in Europa oder auf anderen, wichtigeren Kriegsschauplätzen abhalten oder den Feinden eine nennenswerte Einbuße an Personal oder Kriegsgerät zufügen? Ich habe damals diese Frage bejaht. Allerdings ist es nicht gelungen, alle Instanzen in solchem Maße hierfür zu gewinnen, daß sämtliche für einen Krieg wünschenswerte Vorbereitungen ausgeführt werden konnten.

Es war zu überlegen, daß sich feindliche Truppen nur dann fesseln lassen würden, wenn wir den Feind wirklich an einer für ihn empfindlichen Stelle angriffen oder zum mindesten bedrohten. Es war ferner zu bedenken, daß durch eine reine Verteidigungstaktik mit den vorhandenen Mitteln nicht einmal der Schutz der Kolonie zu erreichen war. Handelte es sich doch um eine Grenz- und Küstenlänge ungefähr so groß wie die von Deutschland. Von diesem Gesichtspunkt aus ergab sich die Notwendigkeit, die geringen vorhandenen Kräfte nicht zu lokaler Verteidigung zu zersplittern, sondern im Gegenteil zusammenzuhalten, den Feind an der Kehle zu packen und ihn dadurch zu zwingen, seine Kräfte zu seinem eigenen Schutz zu verwenden. Gelang es, diesen Gedanken auszuführen, so wurde damit zugleich aufs wirksamste unsere Küste und unsere unendlich lange Landesgrenze beschützt.

Legte man sich nun die Frage vor, wo ein für den Gegner so empfindlicher Punkt lag, daß er uns Aussicht auf einen erfolgreichen Angriff oder wenigstens auf ein Drohen mit einem solchen bot, so kam man von selbst auf die Grenze zwischen Deutsch- und Britisch-Ostafrika. Längs derselben führt, auf wenige Tagemärsche entfernt, die Lebensader des britischen Gebietes, die Uganda-Bahn, also ein Objekt, das bei seiner Länge von gut 700 Kilometer für den Feind außerordentlich schwer zu schützen war und deshalb bei wirksamer Bedrohung einen großen Teil seiner Truppen festlegte.

Meine im Januar 1914 angetretene erste Erkundungs- und Besichtigungsreise führte mich von Daressalam zu Schiff nach Tanga, von dort nach Usambara und weiter in die Gegend des Kilimandjaro und Meru-Berges. In Usambara fand ich in dem mir von der Kriegsschule her gut bekannten Freund, dem Hauptmann a. D. von Prince, einen begeisterten Anhänger des Gedankens, daß wir Ostafrikaner bei einem etwaigen Kriege gegen England nicht stillsitzen dürften, sondern mit zugreifen müßten, falls sich auch nur die Spur einer Aussicht ergab, dem Kriege in Europa Entlastung zu verschaffen. Er konnte mich zugleich darüber orientieren, daß in dem Gebiet von Usambara, am Kilimandjaro und am Meru-Berge freiwillige Schützenkorps in Bildung waren, die voraussichtlich bald fast alle waffenfähigen Deutschen dieser Nordgebiete umfassen würden. Bei der dort dichten Pflanzerbesiedlung war dies von großer Bedeutung. Wenn wir im Verlaufe des Krieges im ganzen etwa 3000 Europäer haben bei der Schutztruppe in Dienst stellen können, so lieferten gerade diese Gebiete der Usambarabahn den Hauptbestandteil. Allerdings war es schwer, eine haltbare militärische Organisation dieser Freiwilligenvereinigungen zu finden und den vielen guten Willen auch wirklich nutzbar zu machen. Immerhin wurde im großen und ganzen erreicht, daß alle, auch die nicht gesetzlich hierzu Verpflichteten, bereit waren, sich im Kriegsfalle der Schutztruppe zu unterstellen. Auch bei den Bezirksämtern fand ich großes Entgegenkommen, leider aber auch das berechtigte Bedenken, ob solche Freiwilligenorganisationen in einem Weltkrieg, der uns mit Sicherheit vollständig von der Heimat abschnitt und auf uns selbst stellte, die nötige Festigkeit haben würden. Schlecht sah es auch mit der Bewaffnung aus; wenn auch fast jeder Europäer eine brauchbare Pirschbüchse hatte, so war doch die Verschiedenartigkeit der Modelle und die entsprechende Schwierigkeit der Munitionsbeschaffung bisher nicht behoben worden. Anträge auf gleichmäßige militärische Bewaffnung dieser Schützenvereine waren noch in der Schwebe und blieben bis zum Ausbruch des Krieges unerledigt.

In Wilhelmstal traf ich eine schwarze Polizeiabteilung unter ihrem tüchtigen aus Dithmarschen stammenden Wachtmeister.

Während die eigentliche Schutztruppe dem Kommandeur unterstand, hingen die einzelnen Abteilungen der Polizeitruppen von den Verwaltungsinstanzen ab, und so hatte jeder Bezirksamtmann zum Zwecke der Steuererhebung und um seinen Befehlen die nötige Autorität zu geben, eine Truppe von etwa 100 bis 200 Mann. Es herrschte das Bestreben vor, diese Polizeitruppe immer mehr auf Kosten der Schutztruppe zu vergrößern. Neben der Schutztruppe war eine zweite, ebenso starke Truppe entstanden, die ihrer ganzen Natur nach eine Karikatur militärischen Wesens war und kaum etwas Besseres sein konnte. Der Bezirksamtmann, ein Zivilbeamter, verstand von militärischen Dingen häufig wenig und legte die Ausbildung und Führung seiner Polizei-Askari[1] in die Hand eines Polizeiwachtmeisters. Dieser arbeitete eifrig mit dem Pflichtgefühl eines alten Unteroffiziers; aber die Anleitung durch einen höheren militärischen Vorgesetzten wurde ihm selten zuteil, da der Polizei-Inspekteur, ein Offizier, jeden Bezirk nur ab und an bereisen konnte. Die Polizei-Askari verbummelten daher vielfach und entbehrten der straffen Zucht, die notwendig war, um sie für ihre Funktionen, die doch Zuverlässigkeit erforderten, geeignet zu erhalten. Bedauerlicherweise entzog die Polizei der Schutztruppe oft die alten schwarzen Chargen und damit die besten Elemente, welche dann bei der Polizei ihre guten militärischen Eigenschaften verloren. Im großen und ganzen war es so, daß zugunsten einer Polizeitruppe, aus der bei den gegebenen Grundlagen nie etwas Brauchbares werden konnte, die Schutztruppe in ihrer Qualität mehr und mehr verschlechtert wurde.

Von Neu-Moschi, dem Endpunkt der Usambarabahn, begab ich mich über Marangu, wo ein englischer Pflanzer wohnte, und wo ich den englischen Konsul King aus Daressalam traf, in die Gegend des Kilimandjaro und von da nach Aruscha. Mehrere deutsche Pflanzer, zum Teil ehemalige Offiziere, die ich während des Marsches auf ihren Besitzungen besuchte, bestätigten mir, daß auch die dortigen deutschen Ansiedler wertvolles militärisches Material wären.

Ich lernte die reizende Besitzung des Kapitänleutnants a. D. Niemeyer kennen, dessen Gattin uns mit vortrefflichem, selbstgezogenem Kaffee bewirtete. Später hat sie uns gelegentlich ein bißchen gestört; als ihr Mann nämlich im Kriege im Lager von Engare-Nairobi war, nordwestlich des Kilimandjaroberges, hatten wir ihr für ein Gespräch mit ihrem Gatten vorübergehend einen Telephonanschlußapparat geliehen. Unmittelbar darauf stockte der gesamte Fernsprechverkehr, und nach langem, langem Suchen kamen wir endlich dahinter, daß unsere anmutige Wirtin von früher den Apparat nicht wieder ausgeschaltet hatte und auch keine Absicht zeigte, dies zu tun.

Auf seiner in der Nähe gelegenen Pflanzung bot uns Korvettenkapitän a. D. Schoenfeld gastlich ein ausgezeichnetes Glas Moselwein in einem militärischen Kommandoton, der schon damals auf den energischen Führer hindeutete, welcher später die Rufijimündung so zähe gegen feindliche Überlegenheit verteidigte. Kurz vor Aruscha traf ich auf der Kaffeepflanzung meines alten Kadettenkameraden Freiherrn von Ledebur bei Tisch auch den liebenswürdigen alten Oberstleutnant a. D. Freiherrn von Bock. Wir unterhielten uns über die freiwilligen Schützenvereinigungen, die am Meru-Berge im Entstehen begriffen waren, und ich ahnte nicht, daß wenige Monate später der über sechzig Jahre alte Herr einer unserer zähesten Patrouillengänger am Ostrande des Kilimandjaro sein und oft mit seinen paar Leuten, zum großen Teil Rekruten, erfolgreich gegen mehrere feindliche Kompagnien fechten würde. Seine echte Ritterlichkeit und väterliche Fürsorge gewannen ihm bald die Herzen seiner schwarzen Kameraden in solchem Maße, daß er in ihren Augen der tapferste aller Deutschen war, und sie mit rührender Treue an ihm hingen.

In Aruscha fand zum ersten Male die Besichtigung einer Askarikompagnie statt. Der Geist und die Disziplin der schwarzen Truppe zeigten die treffliche Erziehung durch meinen Vorgänger, den Oberst Freiherrn von Schleinitz, aber die Ausbildung im Gefecht gegen einen modern bewaffneten Gegner war, den bisherigen Verwendungsgrundsätzen entsprechend, weniger gepflegt worden. Die Kompagnie war — wie der größte Teil der Askarikompagnien — noch mit dem alten rauchstarken Gewehr Modell 71 bewaffnet. Vielfach war die Ansicht vertreten, daß diese Bewaffnung für eine schwarze Truppe zweckmäßiger wäre als ein modernes rauchschwaches Gewehr. Die Truppe war bisher niemals gegen einen modern bewaffneten Gegner, sondern nur in Eingeborenenkämpfen verwandt worden, wo das größere Kaliber ein Vorteil ist, die Nachteile der Rauchentwicklung keine Rolle spielen. Nach Ausbruch des Krieges freilich lernten auch die begeistertesten Anhänger des Infanteriegewehrs Modell 71 um. Gegen einen rauchlos-modern bewaffneten Feind war nicht nur bei den weiten Entfernungen des Gefechts in der freien Ebene, sondern auch im Buschkrieg, wo die Schützen oft nur wenige Schritte voneinander entfernt sind, das Modell 71 unbedingt unterlegen. Der rauchlos schießende Schütze bleibt eben verborgen, während die Rauchwolke nicht nur dem scharfen Auge des eingeborenen Askaris, sondern auch dem an Bureauarbeit gewohnten Europäer den Feind schnell und sicher verrät. So bestand im Anfang des Krieges die größte Belohnung, die einem Askari zuteil werden konnte, darin, daß man ihm statt seines alten rauchstarken Gewehres ein modernes Beutegewehr gab.

Bei der Verteilung der Truppe in einzelnen Kompagnien über das Schutzgebiet hatte der Nachteil mit in Kauf genommen werden müssen, daß die Verwendung in großen Verbänden und die Schulung der älteren Offiziere im Führen derselben nicht geübt werden konnte. Es war klar, daß im Kriege die Bewegung und Gefechtsführung von Truppenkörpern über Kompagniestärke auf große Schwierigkeiten und Reibungen stoßen mußte. Entsprechend der nach meiner Auffassung doppelten Aufgabe der Truppe, sowohl gegen einen äußeren, modernen, wie gegen einen inneren, eingeborenen Feind zum Kampfe bereit zu sein, fiel die Gefechtsausbildung in zwei verschiedene Gebiete. Die Gefechtsübungen im Eingeborenenkriege lieferten hierbei ein Bild, welches von unseren europäischen Besichtigungen stark abwich. In Aruscha marschierte bei dieser Gelegenheit die Kompagnie durch dichten Busch, das Pori, und wurde nach Eingeborenenart auf dem Marsch überfallen. Der Feind wurde dargestellt durch Merukrieger, die im vollen Kriegsschmuck mit Lanzen und ihrem Kopfputz aus Straußenfedern sich versteckt hielten und dann auf wenige Schritte mit ihrem Kriegsgeheul die Safari, die Marschkolonne, überfielen. In einem solchen Nahkampfe, wie ihm 1891 die Zelewskische Expedition bei Iringa erlegen war, spielt sich die Entscheidung bei geringer Entfernung und in wenigen Minuten ab. Die Truppe ballt sich schnell um die Führer zusammen und geht dem Feind zu Leibe. Diesem ganzen Charakter des Eingeborenenkampfes entsprechend war eine sorgfältige und gründliche Schießausbildung der Askari im modernen Sinne bisher nicht notwendig gewesen. Sie stand daher auch auf einer ziemlich tiefen Stufe, und für den Soldaten dürfte es interessant sein, daß beim Schießen stehend-freihändig bei 200 Meter nach der Ringscheibe bei manchen Kompagnien kaum der Ring 3 im Durchschnitt erreicht wurde; nur ganz wenige Kompagnien brachten es auf etwas über Ring 5. Auch für eine gründliche Maschinengewehrausbildung war der Charakter des Eingeborenenkampfes kein ausreichender Antrieb. Erfreulicherweise fand ich bei allen Europäern der Truppe aber sehr bald vollstes Verständnis für die Wichtigkeit gerade dieser Waffe im modernen Gefecht. Trotz dieses nicht gerade hohen Ausbildungsgrades waren im Gefechtsschießen auch bei großen Entfernungen die Ergebnisse nicht unbefriedigend, und dem Askari kam hierbei sein scharfes Auge, mit dem er die Geschoßeinschläge beobachtete und dementsprechend seinen Haltepunkt verbesserte, in hohem Maße zustatten.

Die Reise führte mich weiter über die Mission Ufiome, wo der treffliche Pater Dürr saß, nach Kondoa-Irangi, Kilimatinde und zurück nach Daressalam. Der Eindruck dieser ersten Besichtigungsfahrt war der, daß militärisch noch vielerlei vorzubereiten war, wenn wir für den Fall eines Krieges der Engländer gegen uns ernsthaft gerüstet sein wollten. Leider gelang es nicht, die maßgebenden Stellen hierfür genügend zu erwärmen. Es herrschte die Meinung vor, daß wir mit England außerordentlich günstig ständen, und daß ein Krieg, wenn er überhaupt käme, in weiter Ferne läge. So kam es, daß, als der Krieg nun wirklich nach wenigen Monaten ausbrach, wir unvorbereitet waren.

Die Reise war für mich, der ich neu nach Ostafrika gekommen war, nicht nur von militärischem Interesse gewesen. In Boma la Ngombe, einem Ort zwischen Moschi und Aruscha, war eine Menge alter Askari noch vom verstorbenen Oberstleutnant Johannes angesiedelt worden; sie trieben dort meistens Viehhandel und waren zu Wohlstand gekommen. Die Nachricht von meinem Eintreffen war mir vorausgeeilt, und die Leute erschienen vollzählig, um mich bei meiner Ankunft zu begrüßen. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß diese Loyalität nicht rein äußerlich war; die Leute erzählten mir begeistert von den Deutschen, unter denen sie früher gestanden hatten, und stellten auch nach Ausbruch des Krieges unaufgefordert und ohne den geringsten Druck eine große Summe Geldes zur Unterstützung der Truppe zur Verfügung. In der dortigen Gegend sah ich auch die ersten Massai, die im Gegensatz zur Mehrzahl der ostafrikanischen Stämme reine Hamiten sind und in einem besonderen Reservat leben. Erwähnt mag werden, daß Merker, der beste Kenner der Massai[2], in ihnen die Urjuden sieht. Sie haben in ausgesprochenem Maße die Eigenschaften des reinen Steppenbewohners. Gelegentlich führte mich einer dieser großen, schlanken und sehr schnellen Leute auf meinen Jagdausflügen; ihr Sehvermögen, sowie die Fähigkeit, Spuren zu lesen, ist erstaunlich. Daneben ist der Massai klug und, wenigstens dem Fremden gegenüber, außerordentlich verlogen. Er lebt in geschlossenen Dörfern aus Lehmhütten und zieht, wie alle Nomadenvölker, mit seinen Herden durch die Steppen. Zum Waffendienst bei der Truppe meldet er sich selten. Ackerbau treibt der Massai so gut wie gar nicht, während dieser bei den übrigen Stämmen die Hauptbeschäftigung ist und erst eine dichte Besiedlung ermöglicht. So ernähren die Bananengebiete am östlichen Abhange des Kilimandjaro eine eingeborene Wadschaggabevölkerung von rund 25000 Menschen, und diese Zahl könnte leicht weiter vergrößert werden. Der große Viehreichtum in der Gegend von Aruscha, in der Massaisteppe und bei Kondoa-Irangi zeigte mir, daß die Tsetsefliege, dieser Hauptfeind des afrikanischen Viehbestandes, dort verhältnismäßig selten ist. Vergleichsweise mag angegeben werden, daß der Rindviehbestand in dem einen Bezirk Aruscha größer geschätzt wird als derjenige in ganz Südwestafrika. Bei Kondoa-Irangi und bei Singidda waren die Leute von weit her gekommen und hatten sich zur Begrüßung am Wege aufgestellt. Kein Reisender, der diese Gebiete durchmißt, kann sich der Beobachtung entziehen, daß in dem fruchtbaren und hoch gelegenen Inneren Raum zur Ansiedlung von Hunderttausenden von Europäern ist.

Einen Eindruck, den ich erst später, während des Krieges, gewonnen habe, möchte ich hier einfügen. Wir sind manchmal durch fruchtbare Gebiete gezogen, die von den Eingeborenen ganz verlassen, bekannterweise aber noch ein Jahr vorher dicht besiedelt waren. Die Leute waren einfach fortgezogen, hatten sich in dem reichlich zur Verfügung stehenden, menschenleeren und fruchtbaren Lande anderswo niedergelassen und dort neue Äcker angelegt. Nutzt man das bebauungsfähige Gebiet wirklich aus, so könnte in dem bisher nur von rund 8 Millionen bewohnten Deutsch-Ostafrika wohl eine Bevölkerung ernährt werden, die hinter der Einwohnerzahl Deutschlands kaum zurücksteht. Ein in Mahenge während des Krieges gefangener Engländer äußerte, daß aus Ostafrika wohl ein zweites Indien zu machen wäre, und ich glaube, daß er mit dieser Auffassung recht hatte. Durch die Erfahrungen des Krieges bin ich in meiner Meinung bestärkt worden, daß viele wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten bestehen, die man vor dem Kriege kaum geahnt hat.

In Singidda sah ich eines der Gestüte des Landes. Als Zuchtmaterial befanden sich dort zwei Pferdehengste, keine Pferdestuten, einige Maskateselhengste und in der Hauptsache eingeborene Eselstuten. Über die Zuchtziele habe ich keine rechte Klarheit erlangen können; jedenfalls war es nicht gelungen, von den Pferdehengsten und Eselstuten Zuchtprodukte zu erzielen. Das Gebiet ist aber für Pferdezucht außerordentlich günstig, und der dort stationierende Regierungstierarzt Hoffmeister zeigte große Lust, sich in dieser Gegend als privater Farmer und Pferdezüchter niederzulassen. Ähnliche Gestüte befanden sich in Kilimatinde, Iringa und Ubena. Von Singidda nach Kilimatinde zog ich den Mpondifluß entlang; es wird den Jäger interessieren, zu hören, daß diese Gegend als dasjenige Gebiet in Ostafrika gilt, wo die besten Büffel stehen.

Schon einige Tage vorher hatte ich auf Büffel mit Erfolg gepirscht, doch war es mir nicht gelungen, einen starken Bullen zum Abschuß zu bringen, und so war ich, soweit es meine Zeit irgend zuließ, dem Büffel auf der Spur. Außer einem eingeborenen Jungen hatte ich als Spurenleser zwei ausgezeichnete Askari der Kondoakompagnie. Sobald ich nach Schluß eines Marsches in das Lager kam und vom Maultier stieg, fragte ich Kadunda, einen dieser Askari, der den Marsch zu Fuß mitgemacht hatte, ob er bereit sei zur Jagd. Er stimmte jedesmal mit größter Passion zu, und fort ging es auf der Fährte durch den Busch, der manchmal so dicht war, daß man unter den Zweigen kriechen mußte, um überhaupt vorwärts zu kommen. Solch eine Fährtenjagd durch dichten Busch und das übermannshohe Schilf, stundenlang in der prallen Sonne, ist für den an afrikanisches Klima zunächst nicht gewohnten Europäer eine außerordentliche Anstrengung. Der angeschossene Büffel gilt in Ostafrika als das gefährlichste Jagdtier; er nimmt oft schnell und mit großer Entschlossenheit an. Am Mpondi hatte einige Zeit vorher ein angeschossener Büffel einen Jäger so überraschend angegriffen, daß dieser zwar erfreulicherweise auf dessen Nacken zu sitzen kam, aber kaum sein Leben gerettet hätte, wenn ihm nicht im kritischen Moment sein Tropenhut heruntergefallen wäre. Das Untier attackierte nun diesen Hut, und der Schütze hatte Gelegenheit, ihm die tödliche Kugel aufs Blatt anzutragen. Aus dieser und ähnlichen Erzählungen wird man begreifen, daß die Spannung, wenn die Fährte, der man folgt, wärmer und wärmer wird, außerordentlich wächst und die Sinne sich schärfen. Aber obgleich ich den Büffel oft auf wenige Schritte neben mir atmen hörte, war das Dickicht so groß, daß ich nicht zum Schuß kam. Ich hatte die Erfüllung meines Wunsches schon aufgegeben und mit meiner Karawane den endgültigen Abmarsch angetreten, als wir morgens um 7 Uhr eine ganz frische Büffelfährte kreuzten. Der Wald war an dieser Stelle lichter, und die Führer zeigten Lust, der Fährte zu folgen. So ließen wir die Karawane weitermarschieren und bekamen nach vierstündiger anstrengender Pirsche den Büffel zu Gesicht. Als ich in einer Lichtung auf 100 Meter den Kolben hob, verbot Kabunda es und bestand darauf, daß wir den Büffel, der im ganz lichten Stangenholz an uns vorüberzog, bis auf dreißig Schritt anpirschten. Zum Glück durchschoß die Kugel die große Schlagader; der Büffel lag sofort, und etwaige weitere Stadien dieser Episode waren damit abgeschnitten. Wie es oft vorkommt, fanden wir auch hier eine steckengebliebene Kugel aus einem Eingeborenengewehr im Innern des Tieres bereits vor. Im übrigen bestand die Jagdbeute aus einer großen Anzahl Antilopen und Gazellen verschiedener Gattungen; Löwen haben wir oft gehört, aber nicht zu Gesicht bekommen.

Auf diesem Zuge durch das „Pori“ lernte ich zu meiner Verblüffung die Tatsache kennen, daß ein spurloses Verschwinden selbst im Inneren Afrikas nicht leicht ist. Ich war losgezogen, ohne zu hinterlassen, welchen Weg ich nehmen würde. Da erschien plötzlich während des Marsches mitten im Pori ein Eingeborener und brachte mir die Überseepost. Die gegenseitigen Mitteilungen der Eingeborenen geben einander eben Kunde von allem, was in ihrer Nähe vor sich geht. Zurufe, Feuerzeichen und die Signaltrommel dienen dazu, die Neuigkeiten auszutauschen und schnell zu verbreiten. Die unglaubliche Ausbreitungsfähigkeit der zahllosen Gerüchte, die ich späterhin kennenlernen sollte, ist zum großen Teil auf diese Mitteilsamkeit zurückzuführen.

Nach der Rückkehr nach Daressalam von der ersten Besichtigungsreise im März wurde sogleich die Umbewaffnung von drei weiteren Kompagnien — es waren bisher erst drei Kompagnien mit modernen Gewehren bewaffnet — in die Wege geleitet. Es wurde von größter Wichtigkeit, daß wenigstens diese Waffen, mit der dazugehörigen Munition, noch gerade rechtzeitig vor Ausbruch des Krieges im Schutzgebiet eintrafen.

Bei einer Besichtigungsreise im April nach Lindi, wo ich die dritte Feldkompagnie sah, hatte ich mir bei einem Fall in ein Steinloch Kniewasser zugezogen und konnte daher meine nächste große Reise erst Ende Mai antreten. Obgleich der öffentliche Verkehr der Zentralbahn erst bis Tabora freigegeben werden konnte, war der Bau doch so weit gediehen, daß ich bis Kigoma (am Tanganjika-See) mit der Bahn gelangte und so schon eine oberflächliche Kenntnis dieses wichtigen Verkehrsmittels gewann, das unsere Küste in unmittelbare Verbindung mit dem Tanganjika, seinen reichen angrenzenden Gebieten und weiter mit dem Stromsystem des Kongo brachte. In Kigoma war der Dampfer „Goetzen“ erst im Bau, und ich fuhr noch mit dem kleinen Dampfer „Hedwig v. Wißmann“ nach Bismarckburg. In Baudouinville, im Kongogebiet, machte ich einen kurzen Besuch bei dem dortigen Bischof der Weißen Väter, ohne eine Ahnung zu haben, wie bald man mit diesem Gebiet im Kriege sein sollte. Die wundervolle Kirche würde bei uns ein Schmuck für jede Stadt sein. Sie war von den Vätern selbst erbaut und im Innern mit reichen Schnitzereien versehen. Geräumige, prachtvolle Obstgärten umgeben die Station. Die Löwenplage muß dort sehr groß sein; die Väter erzählten mir, daß vor kurzem ein Löwe des Nachts über die Mauer in das Innere des Hofes gesetzt war und ein Rind geschlagen hatte. Unsere Aufnahme war sehr freundlich und ein Glas schönen Algier-Weines der Willkommgruß.

Auch in der Mission Mwasije, auf deutschem Gebiet, wo auch Weiße Väter, zum größten Teil Belgier, lebten, wurden wir gut aufgenommen. Während des Krieges erbeutete Korrespondenzen bewiesen aber, daß die französischen Missionare, die gleichfalls aus Stationen des Tanganjika-Gebietes leben, keineswegs nur das Christentum zu verbreiten suchten, sondern auch bewußt nationale Propaganda trieben. Ein Brief eines Missionars enthält einen Bezeichnungsunterschied zwischen einem „missionaire catholique“ und einem „missionaire français“; der letztere sei verpflichtet, neben dem Christentum auch französisch-nationale Propaganda zu treiben. Bekanntlich ist diese nationale Propaganda etwas, von der sich die deutschen Missionare im allgemeinen fernhielten.

Diese Missionen, die sich naturgemäß in den dicht bevölkerten gut angebauten Gegenden finden, haben auf die Erziehung der Eingeborenen einen außerordentlich großen Einfluß. Der Missionar ist meist der einzige dauernd ansässige Weiße, der Land und Leute gut kennenlernt und Vertrauen erwirbt. Recht verdient haben sich die Missionen durch die Einführung der europäischen Handwerke gemacht; Tischlereien, Schuhmachereien und Ziegeleien findet man überall eingerichtet.

Die weiteren Reisen zeigten mir, daß das so überaus fruchtbare Gebiet um Langenburg und Ssongea, wo sich viele Weizenfelder befinden und dessen dichte Besiedlung sich auf der Karte schon aus den zahlreich vorhandenen Missionen verrät, nur durch eine einzige Kompagnie geschützt war, zu der nicht einmal eine unmittelbare Drahtverbindung bestand. Wollte man Langenburg telegraphisch erreichen, so war dies von Daressalam nur über Südafrika auf der englischen Linie möglich. Die vorhandene heliographische Verbindung von Iringa bis Langenburg war ihrer Unzuverlässigkeit wegen kein ausreichender Ersatz. Erwähnt mag werden, daß in dem dortigen Gebiet die Eingeborenen nicht nur durch die Missionen und die deutsche Verwaltung zur Kulturarbeit herangezogen worden sind, sondern daß dort auch nennenswerte Eingeborenenindustrien alteinheimisch bestehen. Bei eisenhaltigem Boden begegnet man zahlreichen Schmieden, deren Blasebalg in ursprünglicher Weise aus Fellen und durchbohrten Ästen gebildet ist. Recht schön sind auch die Webearbeiten der Eingeborenen; Korbflechtereien gibt es hier wie fast überall im Schutzgebiet. Ihre Erzeugnisse sind geschmackvoll und so dicht, daß die Eingeborenen zum Trinken geflochtene Becher benutzen. Die großen Viehbestände einiger europäischer Farmer — es kommt hier besonders Mbejahof zwischen Nyassa- und Tanganjika-See in Betracht — litten bei den unentwickelten Verkehrsmitteln unter der Schwierigkeit des Absatzes.

Bei der Mission Mbosi lagerte ich, und der dortige Missionar Bachmann, ein langjähriger und ausgezeichneter Kenner von Land und Leuten, erzählte mir, daß ein auffallender Wechsel in den Köpfen der Eingeborenen vor sich ginge. Fremde Araber und Suaheli zeigten sich im Lande und erzählten den Leuten, daß die Deutschen nun bald fortgehen und die Engländer das Land in Besitz nehmen würden; das war im Juni 1914.

Die Weiterreise führte mich bei Iringa auch zu den Stätten, wo der große Häuptling Kwawa in der ersten Zeit den Deutschen getrotzt hatte, und bei Rugano konnten mir einzelne der zahlreich versammelten Eingeborenen ihre eigenen Beobachtungen von der Vernichtung der Zelewskischen Expedition an Ort und Stelle mitteilen.

Trotz des Bemühens, mich in den Umkreis meiner ostafrikanischen Obliegenheiten einzuarbeiten, galt ich bei alten Afrikanern als Neuling. Immerhin hatte mich meine Dienstlaufbahn in gewisser Art auf die mir vom Schicksal gestellte Aufgabe vorbereitet.

Es mag ungefähr zu der Zeit gewesen sein, als ich, ein früh aus der pommerschen Heimat verpflanzter Kadett, Cäsars Bellum Gallicum studierte, daß dem deutschen Vaterlande durch Bismarck seine ersten Kolonien geschenkt worden sind. Im Jahr 1899-1900 habe ich im Generalstab unsere eigenen wie viele ausländische Kolonien bearbeitet. Während der Chinawirren (1900-1901) lernte ich in Ostasien alle mit uns kämpfenden Truppenkontingente, besonders auch die Engländer, dienstlich wie kameradschaftlich kennen. Der Herero- und Hottentottenaufstand in Südwestafrika führte mich (1904-1906) in die Eigenart des Buschkriegs ein. Nicht nur mit Eingeborenen, sondern auch mit Buren machte ich damals im Stabe des Generals v. Trotha wie als selbstständiger Kompagnie- und Detachementsführer reiche persönliche Erfahrungen. Die ausgezeichneten Eigenschaften des seit Menschenaltern in der afrikanischen Steppe heimischen niederdeutschen Volksstammes gewannen mir Achtung ab. Daß das Burentum später entscheidend — und in gewissem Sinne tragisch — dabei mitwirken würde, den deutschen Teil Afrikas englisch zu machen, ahnte ich nicht.

Im Jahre 1906 wurde ich in Südwest verwundet. Dies führte mich nach Kapstadt, so daß ich auch die Kapkolonie oberflächlich kennenlernte. Auf der Rückreise streifte ich damals auch die spätere Stätte meines Wirkens, Deutsch-Ostafrika, zum erstenmal.

Meine spätere Stellung als Kommandeur des 2. Seebataillons in Wilhelmshaven gab mir Einblicke in das innere Leben unserer kräftig aufstrebenden Marine, die mit der deutschen Überseearbeit so eng zusammenhing. Ich nahm an Übungen und Fahrten auf großen und kleinen Schiffen, an Flottenmanövern und an einer Flottenreise nach Norwegen teil, wobei sich immer neue Seiten des allgemeinen wie des militärischen Lebens auftaten.

Auch bei der Rückkehr in die Armee gab mir der Wechsel zwischen Front- und Stabsdienst viele Anregungen und Gelegenheit zu Vergleichen. So war ich durch meine Entwicklung darauf geführt worden, mich rasch in neuen Verhältnissen zurechtzufinden. So dankbar ich für jede Erweiterung meines Gesichtsfeldes war, das Beste verdanke ich doch der heimischen Armee, bei der es mir unter der Anleitung vortrefflicher Kommandeure vergönnt war, den rechtverstandenen Geist militärischen Lebens und echter Disziplin kennenzulernen.

Zweiter Abschnitt Der Beginn des Krieges

Auf dem Weg über die Heliostation Kidodi auf Kilossa zu erhielt ich Anfang August 1914 durch Eilboten ein Telegramm des Gouverneurs, ich müsse sogleich nach Daressalam zurückkommen, und am nächsten Tage die Nachricht, daß Seine Majestät die Mobilmachung befohlen habe, der Kriegszustand sich aber nicht auf die Schutzgebiete bezöge. Ein Telegramm des Staatssekretärs des Reichskolonialamtes forderte zur Beruhigung der Ansiedler auf. Im Gegensatz hierzu nannte ein Funkspruch des Admiralstabes auch England als voraussichtlichen Gegner.

In Kilossa gelang es, einen Güterzug zu erreichen, und so traf ich am 3. August in Daressalam ein. Hier herrschte regste Tätigkeit; die Kriegserklärung hatte mitten in die Vorbereitungen zu einer großen Ausstellung hineingetroffen, zu deren Programm auch die feierliche Eröffnung der Tanganjika-Bahn gehören sollte; zahlreiche Deutsche waren zum Besuch in Daressalam eingetroffen und konnten nicht wieder abreisen. Zum Zweck der Vorbereitungen zur Ausstellung war auch Hauptmann von Hammerstein, Führer der 6. Feldkompagnie in Udjidji, dort eingetroffen, und es war sehr günstig, daß ich diesen tätigen Offizier, mit dem mich außer Gemeinsamkeit der Auffassung auch herzliche persönliche Beziehungen verbanden, sogleich für die Mobilmachung in Anspruch nehmen konnte.

Illustration from Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Askari auf der Rast

⇒ GRÖSSERES BILD

Die Frage, die sich sofort aufdrängte, war die, ob die Kolonie in dem sicher bevorstehenden Weltkriege, in den ja mit größter Wahrscheinlichkeit auch England eingreifen würde, neutral blieb oder nicht. Wie im Anfang bereits ausgeführt, hielt ich es für unsere militärische Aufgabe, feindliche, das heißt also englische Truppen zu fesseln, wenn es irgend möglich war. Dies war aber unausführbar, wenn wir neutral blieben. Es würde dann der Fall eintreten, daß wir, die wir die See nicht beherrschten, mit unserer im Augenblick zwar kleinen Truppe, hinter der aber eine über acht Millionen starke loyale, sehr tüchtige und zum Militärdienst geeignete Bevölkerung stand, untätig verbleiben müßten. Demgegenüber hätte England kein Interesse daran gehabt, aus Rücksicht auf uns auch nur einen einzigen Mann in Ostafrika zu verwenden. England hätte auch den letzten brauchbaren Askari, soweit nicht Rücksicht auf die englische eingeborene Bevölkerung dies beschränkte, zu anderen Kriegsschauplätzen, die wichtiger waren als der ostafrikanische, heranziehen können. Es hätte also für England zweifellos Vorteil gehabt, wenn irgend ein Abkommen uns zur Neutralität verurteilt hätte; das war aber nicht der Fall. Die Kongoakte, die sich auf die äquatorialen Gebiete bezieht, spricht nur davon, daß bei Konflikten von zwei der in Betracht kommenden Mächte eine dritte ihre guten Dienste zur Vermittlung anbieten könnte. Dies ist aber, soweit mir bekannt, von keiner Seite geschehen. Wir waren also nicht verpflichtet, unsere Operationen aus Rücksicht auf irgend ein Abkommen zurückzuhalten. Vom militärischen Standpunkt aus war es nicht für uns, sondern für England ein Nachteil, daß auch auf ostafrikanischem Boden Krieg geführt wurde. Der Umstand, daß wir nicht neutral zu bleiben brauchten, setzte uns in die Lage, mit unserer günstigen Küste dem deutschen Kreuzerkrieg im Indischen Ozean als Stützpunkt und Zuflucht zu dienen. Vor allem aber konnten wir mit unseren wenigen tausend Mann während der ganzen Dauer des Krieges eine gewaltig überlegene feindliche Truppenmacht fesseln.

Die Schutztruppe bestand bei Beginn des Krieges aus 216 Weißen (von denen ein Teil als beurlaubt abzurechnen ist) und 2540 Askari; ferner waren in der Polizeitruppe 45 Weiße, 2140 Askari; dazu kam später das Personal von der „Königsberg“ (die anfänglich ausgelaufen war) mit 322 Mann, und der „Möve“ mit 102 Mann. Im ganzen wurden im Verlauf des Krieges etwa 3000 Europäer zur Truppe eingezogen und etwa 11000 Askari.

In den angegebenen Zahlen ist auch alles enthalten, was nicht focht, wie Polizeischutz, Sanitätspersonal, Magazinbeamte usw. Wie viele Milliarden die versuchte Niederkämpfung unserer geringen Streitmacht gekostet hat, wird ja von englischer Seite wohl einmal selbst dargelegt werden. Dabei hätten wir den Krieg vermutlich noch Jahre lang fortsetzen können.

Für die feindlichen Stärken stehen mir authentische Angaben nicht zur Verfügung, und ich muß den englischen Offizieren und den Pressemeldungen, auf die ich mich berufe, die Verantwortung für die Richtigkeit überlassen. Nach diesen haben über 130 Generale gegen uns im Felde gestanden, die Gesamtstärke der feindlichen Soldaten betrug rund 300000; die Verluste an europäischen und indischen Toten 20000, an Pferden und Maultieren 140000. Diese Zahlen, besonders die Zahl der Generale, scheinen mir allerdings selbst etwas zu hoch gegriffen; ich kann deswegen nur wiederholen, daß sie aus englischer Quelle stammen. Jedenfalls sind es aber recht achtbare Verluste gewesen. Und unter Berücksichtigung des Umstandes, daß die Zahl der gefallenen und gestorbenen schwarzen Soldaten nicht bekannt gegeben ist, dürfte die Gesamtzahl der feindlichen Toten nicht unter 60000 Soldaten betragen. Der Gefechtskalender weist schon heute, obwohl die Nachrichten von Tafel und Wintgens noch fehlen, mindestens tausend Gefechte auf.

Recht interessant war es, in Daressalam in jenen Tagen der Spannung die Tätigkeit des englischen Konsuls King zu beobachten. Er war überall zu sehen, sei es im Offizierskasino zu einer Partie Bridge oder auf der Post, wo unsere Telegramme abgegeben wurden. Die später bei Tanga erbeuteten Dienstvorschriften des englischen Expeditionskorps, die zum großen Teil auf Kings Angaben beruhten, zeigten, wie rührig dieser Mann in der Zeit vor dem Krieg gewesen war und wie ausgezeichnet er über die inneren Verhältnisse unserer Kolonie Bescheid wußte. Seine Beurteilung der einschlägigen Verhältnisse ging so weit, daß er die Europäer verschiedener Gegenden in ihrem Kampfeswert gegeneinander abwog und denen von Daressalam wenig Neigung zum Kampf (stomach for fighting) zusprach. Wenn man ehrlich ist, muß man zugeben, daß es bei einem großen Teil der dortigen Deutschen (und auch der dortigen Behörden) tatsächlich einiger Zeit bedurft hat, bis sie von dem kriegerischen Geist ergriffen wurden, ohne den die Erfüllung unserer Aufgabe nun einmal nicht möglich war.

Recht schwierig war die Lage der von zahlreichen Europäern (dabei vielen Frauen und Kindern) bewohnten Küstenorte, die ja einer Beschießung durch englische Kriegsschiffe in jeder Minute ausgesetzt waren. Der Gouverneur vertrat den Standpunkt, daß eine solche Beschießung unter allen Umständen vermieden werden müßte. Gemäß einer Bestimmung, die allerdings den Fall eines äußeren Krieges nicht berücksichtigte, lag die oberste militärische Gewalt im Schutzgebiet in den Händen des Gouverneurs, und beim Aufhören der Verbindung mit der Heimat war es nicht möglich, hierin Wandel zu schaffen; ich mußte mich mit dieser vom militärischen Standpunkt sehr erheblichen Schwierigkeit abfinden und mit der Möglichkeit rechnen, daß bei genauer Ausführung der Anweisungen des Gouverneurs beispielsweise Daressalam und Tanga, also die Anfangspunkte unserer Eisenbahnen und die gegebenen Stützpunkte für feindliche Operationen, die von der Küste aus ins Innere gehen sollten, dem Feinde kampflos in die Hände fielen.

Nach meiner Auffassung konnten wir durch Bedrohung des Feindes in seinem eigenen Gebiete unsere Kolonie am besten schützen. Wir konnten ihn sehr wirksam an einer für ihn empfindlichen Stelle, der Ugandabahn, fassen, und unsere zahlreiche deutsche Ansiedlerbevölkerung des Gebietes unserer Nordbahn (Tanga-Moschi) stand hierzu gewissermaßen aufmarschiert. Aber der von mir schon früher für den Kriegsfall vorgeschlagenen Truppenversammlung im Norden am Kilimandjaro stimmte der Gouverneur nicht zu. Es mußten aber doch, um überhaupt handeln zu können, die über das ganze Gebiet zerstreuten Truppen zusammengerufen werden. Da dies in dem von mir gewünschten Gebiet des Kilimandjaro zunächst nicht erreichbar war, fand die Versammlung der Truppen notgedrungen einen Tagesmarsch westlich Daressalam, auf den Höhen von Pugu statt. Dort traf sich die Daressalamer Kompagnie mit den teils im Fußmarsch, teils mit der Bahn herangezogenen Kompagnien aus Kilimatinde, Tabora, Udjidji, Usumbura und Kissenji.

Die Polizei, welche nach den geringen für den Kriegsfall getroffenen Vorbereitungen sofort zur Schutztruppe treten sollte, wurde wenigstens zum Teil zur Verfügung gestellt, eine Anzahl gediente Askari eingezogen, und so wurden sogleich vier neue Kompagnien (die Kompagnien 15 bis 18) aufgestellt.

Der Beurlaubtenstand an Deutschen wurde nach Bedarf eingezogen und jede Kompagnie zu rund 16 Europäern, 160 Askari und 2 Maschinengewehren formiert.

An einigen Stellen stieß die Einberufung der Europäer zur Waffe auf Schwierigkeiten. Den Besatzungen einiger Schiffe der Ostafrikalinie, die im Hafen von Daressalam lagen, wurde auf ihre Anfrage vom Bahnhofskommandanten irrtümlicherweise geantwortet, daß für sie kein Platz in der Truppe sei. Auf Veranlassung des stellvertretenden Gouvernements wurde den Leuten dann ein Revers vorgelegt, nach dem sie sich schriftlich verpflichten sollten, im Kriege neutral zu bleiben. Nachträglich wurde den Mannschaften dieser Verstoß gegen die Wehrpflicht klar, und auch ihr gesundes Empfinden sträubte sich dagegen. Unter Darlegung der Verhältnisse wandten sie sich an mich, der ich von diesen Vorgängen keine Ahnung hatte; glücklicherweise konnte der geplante Akt noch rückgängig gemacht werden, da der Revers noch nicht in die Hände des Feindes gelangt war.

Die Trägerausstattung der Kompagnien schwankte und wird durchschnittlich ungefähr 250 betragen haben. Die im Hafen von Daressalam ungeschützt lagernden Bestände an Waffen, Munition und anderem Kriegsgerät wurden auf verschiedene Plätze des Inneren längs der Bahn verteilt, wo Depots eingerichtet wurden.

Die Ausbildung der Truppen wurde sogleich mit Schwung betrieben, und schon damals bewährte sich die von einem praktischen Kompagnieführer, dem Hauptmann Tafel, angeregte Unkenntlichmachung unserer Kopfbedeckungen durch Gras und Blätter. Es war natürlich die Frage, ob es gelingen würde, mit unseren Askari auch gegen moderne Truppen zu fechten; es wurde dies von manchem alten Landeskenner bestritten. Nach Beobachtungen, die ich während des Aufstandes in Südwestafrika 1904-1906 gemacht hatte, glaubte ich aber, daß auch in dem ostafrikanischen Schwarzen, der ja derselben großen Familie des Bantustammes angehört wie der Herero, Tapferkeit und militärische Tüchtigkeit geweckt werden könnten. Es war das gewiß ein Wagnis; aber dies vereinfachte sich dadurch wesentlich, daß uns gar nichts anderes zu tun übrig blieb.

Alle Organisationsfragen, die sonst im Frieden sorgfältig vorbereitet und durchdacht waren, mußten jetzt im Augenblick behandelt und entschieden werden. Hierzu gehörte die außerordentlich wichtige Regelung des Verpflegungswesens und des gesamten Nachschubs. Es kam darauf an, die großen, auch militärisch wichtigen Straßen in erster Linie zu berücksichtigen. Welche Straßen würden dies wohl sein?

Zunächst stellte sich heraus, wie nachteilig es war, daß zwischen dem Gebiet der Zentralbahn und der Usambarabahn keine Schienenverbindung bestand. Der Verkehr zwischen beiden hatte sich im Frieden zu Schiff von Daressalam nach Tanga abgespielt; jetzt war uns diese Möglichkeit unterbunden. Augenscheinlich war an die Wichtigkeit einer militärischen Benutzung der Bahnen nicht gedacht worden. Als Ersatz mußten wir eine Etappenstraße zwischen Morogoro und Korogwe an der Nordbahn ausbauen. Die zweite Straße führte westlich des Massai-Reservates entlang von Dodoma über Kondoa-Irangi, Ufiome nach Aruscha, und die dritte aus dem reichen Gebiet von Tabora, der Hauptstadt des Wanjamwesilandes, nach Muansa am Viktoriasee und damit in das Gebiet der auch vom Konsul King als wichtigsten unserer Stämme erkannten Wassukuma. Diese Verbindung war auch deshalb bedeutungsvoll, weil sie uns außer den reichen Viehbeständen die Reisernte vom Viktoriasee zuführte. Andere Linien verbanden Kilossa mit den reichen Gebieten von Mahenge, Iringa und sogar Langenburg, welches uns einen großen Teil des Bedarfs an Weizenmehl lieferte.

Nachdem die erste Organisation des Nachschubwesens im großen und ganzen hergestellt war, war es nicht möglich, dies auch weiterhin in seinen Einzelheiten vom Kommando aus zu leiten. Es mußte eine Persönlichkeit gefunden werden, die auf Grund ihrer militärischen Vergangenheit geeignet war, das Nachschubwesen nicht nur vom Standpunkt der Verwaltung aus, sondern auch den oft sehr drängenden militärischen Bedürfnissen entsprechend zu leiten und diesen anzupassen.

Generalmajor z. D. Wahle, der zum Besuch seines Sohnes und der Daressalamer Ausstellung zufällig am 2. August eingetroffen war, stellte sich sofort der Truppe zur Verfügung und übernahm auf meine Bitte die Etappenleitung. Seine Aufgabe war deshalb besonders schwierig, weil da, wo keine Eisenbahnen waren, im wesentlichen nur die eingeborenen Träger benutzt werden konnten. Mir stehen über die Zahlen der für die Zwecke der Truppe in Anspruch genommenen Träger keine Angaben zur Verfügung. Es ist auch sehr schwer, diese Zahlen irgend wie festzulegen. Es gehörten Leute dazu, die nur die Lasten von einem Ort zum andern trugen, ehe sie der ständige Träger übernahm, aber ich übertreibe sicherlich nicht, wenn ich sage, daß im ganzen Hunderttausende von Trägern für die Truppe tätig gewesen sind, die doch auch alle verpflegt und ärztlich versorgt werden mußten.

Von den vielen anderen Schwierigkeiten mag noch eine von besonderer Art erwähnt werden. Das Friedensleben der Europäer in tropischen Kolonien hatte sie aus gesundheitlichen Rücksichten an einen gewissen Komfort gewöhnt. Europäische Verpflegung kann man in Ostafrika, wenn man auf Safari (Reise) ist, im allgemeinen nicht kaufen; nur wenige Europäer hatten es gelernt, von den Früchten, welche der Farbige oder die Natur lieferten, zu leben. Unterkunftsmöglichkeiten gibt es selten. Gegen die Moskitos muß man aber geschützt sein. So reiste der weiße Beamte oder Militär kaum mit weniger als 11 Trägern, die außer seinem Zelt, Feldbett und Kleidung auch eine erhebliche Menge an Verpflegung trugen. So hohe Trägerzahlen waren aber für eine Truppe, die beweglich sein sollte, eine Unmöglichkeit. Eine weitere Schwierigkeit ergab sich daraus, daß fast jeder Askari einen Boy hatte. An solchen Desturis (Sitten) zu rütteln, ist bei den naiven Leuten, die durch die Denkungsweise des Islam noch besonders im Festhalten an ihrer alten Überlieferung bestärkt werden, und die außerdem einen großen Stolz und viel Eitelkeit besitzen, besonders schwierig. Es war im einzelnen Falle für den Kompagnieführer nicht immer leicht, hier einen Mittelweg zu finden.

In dem Tropenkriege, der uns bevorstand, spielte die ärztliche Versorgung eine Hauptrolle. Der Eingeborene ist im allgemeinen gegen Malaria in hohem Maße immunisiert, und es kommt selten vor, daß ein Askari daran wirklich erkrankt; manche Stämme aber, die in hochgelegenen, malariafreien Gegenden wohnen, wie beispielsweise die Wadschagga am Kilimandjaro, die deshalb nicht von Jugend auf immunisiert sind, leiden stark an Malaria, sobald sie in die Ebene herunterkommen. Für jeden Europäer wurde von den Abendstunden bis in den Morgen hinein gegen die Malariamücke (Anopheles) streng auf mechanischen Schutz durch ein Moskitonetz gehalten. Ich habe viele Monate am Boden geschlafen, und das Moskitonetz hat mich auch da in hohem Grade geschützt: allerdings habe ich doch zehnmal die Malaria gehabt; denn im Felde ist es nicht immer möglich, die Schutzmaßregeln so anzuwenden, wie es vom gesundheitlichen Standpunkt aus erwünscht ist. Um möglichst jede Kompagnie mit einem Arzt versehen zu können, war es uns hochwillkommen, daß eine stattliche Anzahl Sanitätsoffiziere sich zum Studium und zur Bekämpfung der Schlafkrankheit am Tanganjika und in den südlichen Gebieten, am Rovuma, befand.

Der Betrieb, den diese ganze Tätigkeit der Mobilmachung mit sich brachte, hielt auch den Eingeborenen am Telephon zu Pugu Tag und Nacht in Atem, und es war erstaunlich, mit welcher Gewandtheit hier und anderswo der Eingeborene seinen Apparat bediente. Seine große Begabung für Technik hat uns die wertvollsten Dienste geleistet. Reibungen gab es natürlich unendlich viele. Es kam in den ersten Tagen vor, daß Vieh, das aus der Gegend nördlich von Tabora nach Daressalam zur Versorgung der dortigen Zivilbevölkerung geschafft wurde, anderm Vieh begegnete, das gleichzeitig in entgegengesetzter Richtung für Truppenzwecke ging. Ich spüre es noch heute einigermaßen in den Gliedern, wie auf Station Pugu ein solcher, mit schönstem Ausstellungsvieh beladener Zug mit voller Fahrt in einen anderen, worin ich mich befand, hineinfuhr und in dem zur Bearbeitung der Mobilmachung notwendigen Personal beinahe eine recht fühlbare Verminderung angerichtet hätte.

Unser Sammelplatz Pugu liegt etwa 20 Kilometer landeinwärts von Daressalam. Hier war unser Lager am Anstieg der Puguberge. Der Wald ist außerordentlich dicht und das Land mit Eingeborenen- und auch Europäerpflanzungen stark besiedelt. Trotz der etwas erhöhten Lage befindet sich Pugu durchaus in der heißen Küstenzone, und obgleich wir im August noch in der kühlen Jahreszeit standen, war die Temperatur doch so, wie wir sie mit dem Ausdruck „tropisch“ bezeichnen: es ist die drückende, etwas feuchte Hitze, die für den Europäer größere Märsche sehr anstrengend macht.

Wir hatten in jener Zeit für die Europäer noch Zelte und für jeden ein Feldbett mit dem unvermeidlichen Moskitonetz, so daß in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten bestanden. Für Krankheitsfälle wurde in der nahen Pflanzung Wichmann ein vorläufiges Feldlazarett eingerichtet. Unsere Pferde hatten nicht übermäßig zu leiden. Aber doch erkrankten alle unsere Tiere nach und nach an Tsetse. Den Schutz, den wir in Daressalam den Tieren durch einen Tsetse-sicheren Stall gegeben hatten, der mit Drahtgitter in Art der Fliegenfenster versehen war, konnten wir hier im Feldlager ihnen nicht mehr verschaffen.

Dritter Abschnitt Die ersten Kämpfe

So waren wir im Feldlager Pugu in voller Tätigkeit, als am 8. August vormittags von Daressalam her schweres Artilleriefeuer ertönte. Nach bald eingehenden Meldungen stammte es von zwei englischen kleinen Kreuzern „Astraea“ und „Pegasus“, die den Funkenturm zum Ziel nahmen. Dieser Turm lag an so exponierter Stelle, weil die Lage an der Küste eine weitere Reichweite in das Meer hinaus ermöglichte; der Turm in Daressalam war wichtig für uns, weil die im Bau befindliche Groß-Station in Tabora noch nicht fertiggestellt war, und die zwei kleineren Stationen von Muansa und Bukoba nur lokalen Wert hatten. Der Turm wurde von den Engländern nicht getroffen, sondern durch uns selbst in etwas zu großer Besorgnis, daß er dem Feinde in die Hände fallen könnte, gesprengt. Nach kurzer Zeit brachte ein Beobachtungsoffizier die Meldung, daß bei Kondutschi, einen Tagesmarsch nördlich Daressalam, der Feind anscheinend eine Landung vorbereite. Bei der Gestaltung der Küste war eine solche nicht unwahrscheinlich. Ich ordnete deshalb sogleich den Abmarsch der vorhandenen sieben Askari-Kompagnien[3] an, um die günstige Chance, den Feind dort bei einer Landung zu überraschen, auszunutzen.

Noch ehe der Abmarsch angetreten war, sprach ich auf der Station Pugu den Gouverneur Dr. Schnee im Eisenbahnzuge bei seiner Durchfahrt nach Morogoro. Er zeigte sich von den Feindseligkeiten der Engländer ganz überrascht und sehr einverstanden mit meiner Absicht, den Feind bei Kondutschi anzugreifen. Auf dem Wege dahin begegnete ich zwei Herren des Daressalamer Gouvernements, die mir ein Schreiben vorzeigten, das Verhandlungen betreffs der Übergabe Daressalams an die Engländer enthielt. Da mir der Gouverneur hiervon nichts mitgeteilt hatte, ich außerdem ziemlich eilig war, sah ich nur flüchtig hinein. Ich kam nicht auf den Gedanken, daß es sich hier um Abmachungen handeln könnte, die der Gouverneur gebilligt hätte. Als aber die Truppe in der Nacht auf einem Berge 16 Kilometer nördlich Daressalam angelangt war, und wir am nächsten Morgen den Hafen und die davorliegenden englischen Kreuzer übersahen, stellte sich heraus, daß die Meldung von einem Landungsversuch in Kondutschi ein Irrtum gewesen war. Wir stellten fest, daß die englischen Schiffe nach Land zu verkehrt hatten, und es schien mir jetzt doch wahrscheinlich, daß Verhandlungen mit dem Feinde stattfänden. Ich marschierte nun auf die Stadt vor; da ich befürchten mußte, daß es in der Eile des Augenblicks vielleicht zu nachteiligen Abmachungen in Daressalam kommen könnte, schickte ich den Hauptmann Tafel hinein. Dieser sollte mitteilen, daß ich die vollziehende Gewalt übernähme und daß Verhandlungen mit dem Feinde ausschließlich durch mich zu gehen hätten. Erst durch Hauptmann Tafel erfuhr ich, daß tatsächlich auf Anordnung des Gouverneurs Übergabeverhandlungen geführt worden waren. Mein Eingreifen in diese wurde vom Gouverneur nicht gebilligt, bei dem ja laut einer allerdings auf ganz andere Verhältnisse zugeschnittenen Schutztruppenbestimmung die oberste militärische Gewalt ruhte.

Praktisch hatte dies für den Augenblick keine Folgen. Nur einige englische Marinemannschaften waren an Land gewesen und bereits wieder an Bord gegangen. Für den Soldaten war es aber nicht erhebend, daß hier unter den Augen einer tausend Mann starken guten Truppe ein Abkommen geschlossen war, das uns in Daressalam jede feindliche Handlung untersagte, während sich der Feind hierzu nicht verpflichtete, und daß wir von einem in militärischer Hinsicht so wichtigen Schritte überhaupt keine Kenntnis erhalten hatten.

Die „Königsberg“ war bereits vor mehreren Tagen aus dem Hafen von Daressalam ausgelaufen, und das im Hafen liegende Vermessungsschiff „Möve“ war am 8. August von ihrem Kommandanten gesprengt worden. Dies bedeutete für uns an Land einen wertvollen militärischen Zuwachs, da der Kommandant der „Möve“, Korvettenkapitän Zimmer, nunmehr unter meinen Befehl trat. Oberleutnant z. S. Horn fuhr sofort mit einigen Matrosen nach Kigoma und bemannte und armierte den kleinen Dampfer „Hedwig von Wißmann“. Er jagte auf dem Tanganjika den belgischen Dampfer „Delcommune“, den er nach einigen Tagen überraschte und zusammenschoß, und sicherte uns hierdurch die außerordentlich wichtige Beherrschung des Tanganjika-Sees. Die schnelle Verschiebung von Truppen, die an der Zentralbahn standen, auf Bismarckburg oder auf Usumbura zu war von der ungestörten Transportmöglichkeit auf dem Tanganjika durchaus abhängig und hat im späteren Verlauf der Operationen eine Rolle gespielt.

Im Norden des Schutzgebietes war die in Aruscha stehende 1. Kompagnie durch die in schnellem Marsche von Kondoa heranrückende 13. Kompagnie und eine aus Polizeiaskari in Moschi gebildete Kompagnie verstärkt worden. Auch ein großer Teil der Europäer der Nordbezirke hatte sich zu einer Abteilung unter dem Hauptmann von Prince zusammengetan. Diese Truppen standen in der Hauptsache in der Gegend von Moschi. Das östlich vorgelagerte, auf englischem Gebiet liegende Taveta war vom Feinde besetzt; es kam darauf an, diesen wichtigen Punkt, dessen Besitz für den Feind ein wertvolles Ausfalltor gegen unsere europäischen Siedlungsgebiete des Nordens bedeutete, schnell zu nehmen. Es bedurfte geraumer Zeit, bis es gelang, die Truppen hierzu in Bewegung zu setzen. Viele glaubten, daß wir auf Grund der Kongoakte verpflichtet seien, neutral zu bleiben, und hatten zu den Anweisungen des neuen Kommandeurs wenig Vertrauen; erst am 15. August wurde endlich das schwach besetzte Taveta genommen.

Der Verlauf des Gefechts bewies, daß die Truppe zu gemeinsamem, einheitlichem Handeln in dem unübersichtlichen Buschgelände noch sehr der Weiterbildung bedurfte. Den Befehl übernahm hier im Norden Hauptmann Kraut, der sich zufälligerweise im nordöstlichen Grenzgebiet zu Grenzregulierungen aufhielt. In den nächsten Tagen gelang es, auch den Inhaber der obersten militärischen Gewalt dazu zu bewegen, der Verschiebung der Hauptstreitkräfte zur Nordbahn zuzustimmen.

Diese an sich einfache Verschiebung erforderte unter den damaligen Verhältnissen erhebliche Vorbereitungen. Es waren wenige Deutsche zu finden, welche das ganze Gebiet zwischen der Strecke Daressalam-Morogoro einerseits und Tanga-Mombo andererseits so gut kannten, daß sie zuverlässige Angaben über Wege und Verpflegungsverhältnisse machen konnten. Es war notwendig, Erkundungsoffiziere auszusenden und so eine Anzahl brauchbare Verpflegungsstraßen festzulegen. Die Ergebnisse dieser Erkundungen konnten aber nicht alle abgewartet werden; die Märsche mußten beginnen. Das Gebiet war nach europäischen Begriffen dünn besiedelt, und bei dem vorhandenen Kartenmaterial waren die Verpflegungs- und Wasserverhältnisse nur unter dem Gesichtspunkt vermerkt worden, ob sie als Höchstgrenze für eine Kompagnie ausreichend wären. Man konnte daher ohne Vorbereitungen nicht gut viel mehr als eine Kompagnie ohne Tiefenstaffelung auf eine Straße setzen; die Geübtheit und Gewandtheit im Beschaffen von Verpflegung, wie die Truppe sie gegen Ende des Krieges besaß, war damals noch nicht vorhanden. Es kam im großen und ganzen darauf hinaus, daß der Marsch und die Verpflegung einer Kompagnie unter dortigen Verhältnissen ungefähr dieselben Rücksichten verlangte, welche unter deutschen Verhältnissen eine Division erfordert. Bei dieser Verschiebung war mit der Gefahr zu rechnen, die darin bestand, daß die Kompagnien längere Zeit für Befehle nicht erreichbar waren. Die einzige telegraphische Verbindung von der Zentralbahn nach dem Norden lief unmittelbar längs der Küste und konnte jederzeit unterbrochen werden, wenn der Feind es beabsichtigte.

Die Gewandtheit, mit der Postdirektor Rothe und Sekretär Krüger auf die Wünsche der Truppe eingingen, sogleich den Bau der neuen Drahtlinie Morogoro-Handeni-Korogwe in Angriff nahmen und sich hierbei von der sonst in den Tropen üblichen Solidität unter dem Druck der Verhältnisse vorübergehend frei machten, ermöglichte den Bau der Strecke in wenigen Wochen. Wegen der Zerstörung durch Termiten werden im Frieden grundsätzlich eiserne Telegraphenpfosten gesetzt, die wegen der gerade in hiesiger Gegend zahlreichen Giraffen sehr hoch und mit sehr starkem Leitungsdraht versehen sein müssen. Der zunächst notgedrungen nur behelfsmäßige Bau und das Legen von Kabeln hatten unausgesetzte Störungen und Reparaturen zur Folge.

Inzwischen eingegangene Meldungen vom Vorgehen kleinerer feindlicher Abteilungen bei Jassini, zwei Tagemärsche nördlich Tanga, bestärkten mich in dem Glauben, daß der Feind in dortiger Gegend eine Landung vorhatte und dann schnell in das Innere längs der Nordbahn vordringen würde. So waren die einzelnen Kompagnien von verschiedenen Punkten der Bahnstrecke Daressalam-Mpapua abmarschiert und in der Hauptsache konzentrisch auf Handeni, einige Teile gegen andere Punkte der Strecke Tanga-Korogwe unterwegs, als ich in Pugu am 23. August nachmittags von Oberleutnant von Chappuis, der mit der 17. Feldkompagnie gerade bei Bagamojo lagerte, telephonisch angerufen wurde. Er meldete mir, daß ein kleiner englischer Kreuzer vor Bagamojo läge und den dortigen Leiter der Zivilverwaltung aufgefordert hätte, die Telegraphenstation zu zerstören; widrigenfalls würde er den Ort beschießen. Ich gab an Hauptmann von Chappuis Befehl, sogleich die vollziehende Gewalt zu übernehmen und eine Landung des Feindes mit der Waffe zu verhindern. Ein Boot des Kriegsschiffes, das unter Parlamentärflagge an Land anlegen wollte, wurde daher abgewiesen, und die Folge war eine Beschießung des Ortes. Der Kompagnie und den Eingeborenen machte diese großen Spaß, da sie so gut wie ohne jedes Treffergebnis verlief.

Das Kommando begab sich Ende August mit der Bahn nach Kimamba bei Morogoro. Unterwegs wünschte mir General Wahle, der von Morogoro aus das Etappenwesen leitete, alles Gute für das entscheidende Gefecht, das wir in Gegend Handeni erwarteten und zu dem auch sein Sohn unterwegs war. Dann reiste das Kommando mit Hilfe zweier requirierter Automobile weiter auf Handeni zu. Nach 30 Kilometer Fahrt mußte dieses Transportmittel aufgegeben werden, da der angeordnete Ausbau der Straße noch nicht genügend vorgeschritten war. Hauptmann von Hammerstein und ich fuhren auf Fahrrädern weiter und überholten nach und nach die marschierenden Kompagnien. Die vermutete Landung des Feindes bestätigte sich nicht, und wir trafen Anfang September in Korogwe ein. In Tanga war inzwischen ein englischer Kreuzer erschienen und hatte dort liegende Leichter abgeschleppt.

Es galt nun das Verpflegungs- und Nachschubwesen der Truppe im Norden zu organisieren. Der bisherige Feldintendant Hauptmann d. L. Schmid war wegen Krankheit ausgefallen, und es war schwer, eine geeignete Persönlichkeit zu finden. Glücklicherweise bot sich eine solche in dem Hauptmann d. L. Feilke, dem langjährigen erfahrenen Leiter der Prinz-Albrecht-Plantagen in Usambara, der sich in der Gegend von Tanga aufhielt, wo er sich der Truppe zur Verfügung gestellt hatte. Früher Adjutant des 8. Jägerbataillons, vereinigte dieser 52jährige welterfahrene und geschickte Offizier aufs glücklichste die für den schweren Posten eines Intendanten erwünschte militärische Vorbildung und wirtschaftliche Begabung. Er kam sofort, und wir beide fuhren nach Neumoschi. Dort traf ich den Hauptmann Kraut. Auf dem Kilimandjaro war der Kleinkrieg durch Anlage von Verpflegungsdepots vorbereitet worden, unsere Patrouillen gingen über Taveta hinaus in der Richtung auf die britische Ugandabahn vor, und es war schon zu zahlreichen kleinen Zusammenstößen gekommen. Die nötige Erfahrung für Fernpatrouillen, wie sie in späterer Zeit so erfolgreich zu Bahnzerstörungen führten, besaß aber die Truppe zur damaligen Zeit noch nicht. Die ersten Patrouillengänger waren halb verschmachtet an der Ugandabahn angelangt und gefangengenommen worden. Ich begab mich von Neumoschi aus zum Himolager, wo Hauptmann von Prince in befestigter Stellung stand. Er begleitete mich nach Taveta, das von einem vorgeschobenen Offiziersposten besetzt war. An Ort und Stelle konnten wir nun die Verlegung des Gros der Nordtruppe nach Taveta besprechen. Die dortige, sehr zahlreiche Eingeborenenbevölkerung schenkte den von der Truppe eingesetzten Verwaltungseuropäern durchaus ihr Vertrauen; die Leute verkauften ihre Erzeugnisse weiter auf dem Markt, und das Verhältnis war ein recht befriedigendes.

Schon bei Ausbruch des Krieges war an vielen Stellen die Befürchtung vor Eingeborenenaufständen aufgetaucht. An der Zentralbahn entstanden wilde Gerüchte über eine Erhebung der Wahehe — es ist dies der kriegerische Stamm, der in der Gegend von Iringa so lange der deutschen Besitzergreifung getrotzt hatte —, und am Kilimandjaro wurde ein Aufstand der Wadschagga befürchtet. Die große Anzahl der schwarzen Arbeiter auf den europäischen Siedlungen der Nordgebiete wurde aus Verpflegungsgründen ebenfalls von den Behörden für unzuverlässig gehalten. Diese Befürchtungen haben sich aber sämtlich nicht bestätigt. Später hat mir ein sehr intelligenter gefangener belgischer Askari geradezu gesagt: „Du weißt ja, die Eingeborenen halten immer zu dem, der der Stärkere ist“, und ein englischer Massai äußerte unumwunden: „Uns ist es gleichgültig, ob die Engländer oder die Deutschen unsere Herren sind.“

Erst später, nach dem Eindringen des Feindes, bildete der Eingeborene eine wesentliche Gefahr für uns; dann war sie allerdings sehr groß. Der Eingeborene hat ein feines Gefühl dafür, wann die wirkliche Macht von der einen Hand in die andere übergeht.

Nach kurzer Rückkehr nach Korogwe rückte das Kommando dann nach Neumoschi und bald darauf nach Taveta. Drei der an der Nordbahn eingetroffenen Kompagnien der Zentralbahn wurden bei Tanga vereinigt, die übrigen fünf in das Gebiet des Kilimandjaro befördert. Bei Daressalam blieb zunächst nur Hauptmann von Kornatzki mit der neu formierten 18. Feldkompagnie.

In der nächsten Zeit kam es zu Unternehmungen verschiedener fliegender Kolonnen von Kompagniestärke, deren Zweck es war, die feindlichen Abteilungen, die nach vorliegenden Meldungen die Wasserstellen des angrenzenden englischen Gebietes besetzt hielten, zu vertreiben, ihnen Verluste beizubringen und dadurch den Weg für unsere Patrouillenunternehmungen gegen die Uganda- und Magadbahn frei zu machen. So war Ende September Hauptmann Schulz mit seiner Kompagnie vom Kilimandjaro aus den Tsavofluß abwärts marschiert, bis zur Ugandabahn vorgedrungen und dort auf einen mehrere Kompagnien starken Gegner gestoßen, der sich wahrscheinlich mit Hilfe der Bahn gesammelt hatte. Nördlich des Kilimandjaro hatte Hauptmann Tafel mit seiner Kompagnie und einer fünfzig Mann starken Europäerabteilung eine englische Reiterkolonne verfolgt, war aber dann von dieser im dichten Busch in seinem Lager am Engitoberge angegriffen worden. Es war das erste ernsthaftere Gefecht unserer Askari hier im Norden. Obgleich der Feind aus englischen und burischen Farmern, also guten Reitern und Schützen, bestand, die mit dem Leben in der Steppe vertraut waren, gingen unsere Askari ihm mit aufgepflanztem Seitengewehr so energisch zu Leibe, daß von dem 80 Europäer starken Gegner ungefähr 20 tot liegen blieben, sein Gesamtverlust also auf mindestens die Hälfte seiner Kopfzahl zu schätzen war.

In gleicher Weise wie am Kilimandjaro führten auch die Unternehmungen des Hauptmann Baumstark, der die drei bei Tanga versammelten Kompagnien befehligte, zu Gefechten im Grenzgebiet zwischen Jassin und Mombassa. Der Zweck aller dieser Unternehmungen war zugleich, über das in Frage kommende Operationsgebiet die allernotwendigste Klarheit zu schaffen, da diese Strecken im Frieden nicht erkundet und uns auch in bezug auf Wasser- und Anbauverhältnisse unbekannt waren. Nach und nach wurde so ein anschauliches Bild über Land und Leute geschaffen. Das englische Grenzgebiet war längs der Küste gut besiedelt und reich angebaut. Weiter im Innern hat es den Charakter der trockenen Dornsteppe mit teilweise dichtem Busch. Aus der Steppe erheben sich eine Anzahl von Gebirgszügen, die mehrfach in felsigen Massiven schroff aufsteigen. Die Truppen waren in mehreren befestigten Lagern östlich des Kilimandjaro untergebracht, das Kommando aber wegen der Schwierigkeit der Verbindung von Taveta wieder nach Moschi zurückgekehrt.

Die Drahtverbindung zwischen Moschi und Taveta konnte der später eintreffende Feldpostdirektor auf meine Frage nur als „niedlich“ bezeichnen. Die Isolatoren waren abgeschlagene Flaschenhälse, die auf Stangen oder an Baumzweigen befestigt waren; der Draht war von den Einzäunungen der Pflanzungen entnommen. Die Störungen waren aber doch so erheblich, daß der große Nachrichten- und Meldeverkehr des Kommandos mit dieser Leitung auf die Dauer nicht hatte bewältigt werden können.

Unser Verkehr mit der Außenwelt war seit Kriegsbeginn so gut wie abgeschnitten; zwar nahmen wir anfangs die Funksprüche von Kamina, dann unter günstigen Witterungsverhältnissen gelegentlich die Funksprüche von Nauen auf; aber sonst waren wir bezüglich neuer Nachrichten auf das Auffangen feindlicher Funksprüche und darauf angewiesen, feindliche Post oder sonstige Papiere in unsere Hand zu bringen.

Vierter Abschnitt Die Novemberkämpfe bei Tanga

Erbeutete englische Zeitungen berichteten, daß Deutschland den Verlust seiner geliebten Kolonien, seiner „Küchlein“, so besonders schmerzlich empfinden würde und daß Deutsch-Ostafrika der „wertvollste Happen“ sei. Erbeutete Post sprach von der demnächstigen Ankunft eines indischen Expeditionskorps von 10000 Mann, und da ich sowieso aus allgemeinen Erwägungen heraus schon immer mit einer feindlichen Landung größeren Stiles in der Gegend von Tanga gerechnet hatte, reiste ich Ende Oktober dorthin, fuhr mit meinem mitgenommenen Auto die Gegend ab und besprach mich an Ort und Stelle mit Hauptmann Adler, dem Führer der 17. Kompagnie, sowie dem Bezirksamtmann Auracher. Erfreulicherweise trat dieser meiner Auffassung bei, daß bei einer ernsthaften Bedrohung Tangas vor allem einheitliches Handeln notwendig sei, und ich versicherte ihm, daß ich selbstverständlich für alle hieraus hervorgehenden Konsequenzen die Verantwortung übernähme. Dies war besonders deshalb von Bedeutung, weil nach den gegebenen Anweisungen des Gouverneurs eine Beschießung von Tanga unter allen Umständen vermieden werden sollte. Die Ansichten darüber, was im gegebenen Fall zu tun oder zu lassen sei, konnten also sehr verschieden sein.

Wenige Tage nach meiner Rückkehr nach Neumoschi, am 2. November, wurde von Tanga aus gedrahtet, daß 14 feindliche Transportschiffe und 2 Kreuzer vor Tanga erschienen seien. Diese verlangten die bedingungslose Übergabe der Stadt; die Verhandlungen darüber zogen sich in die Länge, da Bezirksamtmann Auracher, der an Bord gegangen war, darauf aufmerksam machte, daß er besondere Weisung einzuholen habe, und das angedrohte Bombardement durch die Bemerkung verhinderte, daß Tanga ein offener und unverteidigter Ort sei. Hauptmann Baumstark, der mit zwei Kompagnien nördlich Tanga im Grenzgebiet war, wurde sofort auf Tanga in Marsch gesetzt. Ebenso wurden aus der Gegend von Taveta und vom Kilimandjaro die beiden Europäerkompagnien und die Askarikompagnien im Eilmarsch nach Neumoschi herangeholt. Zwei Lastautos, die zum Verpflegungstransport auf der Strecke Neumoschi-Taveta dienten, taten bei dieser Truppenverschiebung wertvolle Dienste. Meine Absicht, alle verfügbaren Truppen gegen die zweifellos in Tanga bevorstehende Landung mit größter Schnelligkeit dort zu sammeln, war trotz der den Truppen zugemuteten, starken Märsche nur durchführbar, wenn die Nordbahn ihre Leistungsfähigkeit auf das Äußerste anspannte, und das war bei den wenigen Lokomotiven — es waren nur acht — viel verlangt. Die etwa 300 Kilometer lange Strecke ist eine Schmalspurbahn, auf der im voll ausgelasteten Zuge von 24 bis 32 Achsen nur eine Kompagnie mit vollem Gepäck oder zwei Kompagnien ohne Gepäck und ohne Träger befördert werden konnten. Nur dem Entgegenkommen aller mit diesen Transporten beschäftigten Personen — ich nenne besonders den als Leutnant zur Truppe eingezogenen Eisenbahnkommissar Kröber und den Betriebsdirektor Kühlwein —, die die Züge bei Tanga bis auf das Gefechtsfeld und in das Feuer hinein vorführten, ist es zu danken, daß diese Transporte überhaupt ausgeführt werden konnten. Noch am 2. November wurden die gerade in Neumoschi anwesenden Truppenteile, anderthalb Kompagnien, mit der Bahn abtransportiert, am 3. morgens das Kommando mit einer weiteren Kompagnie; drei andere Kompagnien folgten später. Ebenso wurden alle kleineren Formationen des Bahnschutzes nach Tanga herangezogen. Die Stimmung der abfahrenden Truppen war glänzend; dies mag jedoch weniger darauf zurückzuführen sein, daß der Askari sich über den Ernst der Lage klar war, als vielmehr darauf, daß für ihn eine Eisenbahnfahrt unter allen Umständen ein großes Vergnügen bedeutete.

Illustration from Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Bogenschütze

⇒ GRÖSSERES BILD

Das Kommando traf am 3. November abends in Korogwe ein. Ich begab mich zu dem dort eingerichteten Lazarett und sprach die aus dem Gefecht von Tanga am 3. November zurückgekommenen Verwundeten. Einer derselben, Oberleutnant d. L. Merensky, berichtete mir, daß am 2. November bei Tanga Posten- und Patrouillengefechte in der Gegend von Ras Kasone stattgefunden hatten und daß am 3. November ein anscheinend mehrere tausend Mann starker Feind, der bei Ras Kasone gelandet war, die 17. Kompagnie östlich von Tanga angegriffen hatte. Diese, durch die Europäer und Polizeiaskari aus Tanga unter dem Oberleutnant Auracher verstärkt, hatte dem Angriff standgehalten, bis die ersten von Neumoschi eintreffenden anderthalb Kompagnien eingriffen, sofort gegen die linke Flanke des Feindes vorstürmten und ihn zurückwarfen. Oberleutnant Merensky hatte den Eindruck, daß der Feind vollständig geschlagen und die Wiederholung eines Angriffes unwahrscheinlich wäre. Die während der Eisenbahnfahrt stückweise eintreffenden Telegramme hatten mir ein klares Bild der Lage nicht geben können, als das Kommando am 4. November um 3 Uhr morgens 6 Kilometer westlich von Tanga die Bahn verließ und dort den Hauptmann Baumstark antraf.

Dieser hatte die Lage anders beurteilt und glaubte bei der großen Überlegenheit des Feindes, daß bei einem erneuten Angriff Tanga nicht zu halten sei. Er hatte deshalb seine von Norden kommenden zwei Kompagnien und die Teile, die am 3. November bei Tanga im Gefecht gestanden hatten, am Abend dieses Tages 6 Kilometer westlich von Tanga gesammelt und in der Stadt selbst nur Patrouillen belassen. Ob Tanga frei oder vom Feinde besetzt war, darüber herrschte keine Klarheit. Starke Offizierspatrouillen wurden sofort über Tanga hinaus auf Ras Kasone zu vorgetrieben. Glücklicherweise hatte das Kommando einige Fahrräder mitgebracht, und so konnte ich, um schnell Aufklärung durch persönlichen Augenschein zu schaffen, sogleich mit Hauptmann von Hammerstein und dem kriegsfreiwilligen Dr. Lessel zum Bahnhof Tanga hinein vorfahren. Von der hier angetroffenen vorgeschobenen Postierung der 6. Feldkompagnie konnte ich auch nichts Näheres über den Feind erfahren und fuhr weiter durch die leeren Straßen der Stadt vor. Die Stadt war vollständig verlassen, und die weißen Europäerhäuser leuchteten in den Straßen, durch die wir fuhren, im klarsten Mondschein. So erreichten wir den Hafen am jenseitigen Stadtrande; Tanga war also frei vom Feinde. 400 Meter vor uns lagen hell erleuchtet die Transportschiffe, auf denen großer Lärm herrschte: es war kein Zweifel, daß die Landung unmittelbar bevorstand. Ich bedauerte sehr, daß unsere Artillerie — wir hatten nämlich auch zwei Geschütze C/73 — noch nicht zur Stelle war. Hier, im hellen Mondschein, auf so nahe Entfernung, hätte sie trotz der Anwesenheit der feindlichen Kreuzer vernichtend wirken können.

Wir fuhren dann weiter auf Ras Kasone zu, ließen im deutschen Gouvernementshospital unsere Räder stehen und gingen zu Fuß an den Strand, an dem dicht vor uns ein englischer Kreuzer lag. Auf unserem Rückweg wurden wir am Hospital anscheinend von einem indischen Posten — wir konnten die Sprache nicht verstehen — angerufen, sahen aber nichts. Wir setzten uns auf die Räder und fuhren zurück. Der Tag begann zu grauen, und linker Hand von uns hörten wir die ersten Schüsse fallen. Es war dies die Offizierspatrouille des Leutnant Bergmann der 6. Feldkompagnie, die westlich Ras Kasone auf feindliche Patrouillen gestoßen war. Einer meiner Radfahrer brachte nun an Hauptmann Baumstark den Befehl, sogleich mit allen Truppen auf Bahnhof Tanga anzutreten. Für die Art, wie ich das sicher bevorstehende Gefecht zu führen gedachte, war die Beschaffenheit des Geländes mit ausschlaggebend. Im Norden boten die Häuser der am Hafen gelegenen Europäerstadt Schutz gegen Sicht und daher auch gegen das Artilleriefeuer der nahe gelegenen Kreuzer. Umgeben war die Stadt von ununterbrochenen Kokospalmen- und Kautschukpflanzungen, die sich fast bis Ras Kasone ausdehnten und in die außer der Eingeborenenstadt auch einige Anpflanzungen von Eingeborenen eingestreut waren. Unterholz war nur an wenigen Stellen vorhanden und das Gelände durchaus flach. Es war wahrscheinlich, daß der Feind, mochte er nun bei Ras Kasone allein oder gleichzeitig an mehreren Stellen, zum Beispiel auch bei Mwambani, landen, einen Druck gegen unseren südlichen, also rechten Flügel ausüben würde. Auch für uns war hier südlich von Tanga die Aussicht auf größere Bewegungsfreiheit durch die Beschaffenheit des Geländes gegeben. Ich beschloß, den sicher zu erwartenden feindlichen Angriff am Ostrande von Tanga anzunehmen und starke Reserven hinter unserem rechten Flügel zum Gegenstoß gegen die feindliche Flanke zu staffeln.

Bei den verschiedenen Aufgaben galt es die Eigenart der Truppenteile zu berücksichtigen. In der damaligen Zeit hatte jede Kompagnie noch nach der Art ihrer Zusammensetzung und dem Standpunkte ihrer Ausbildung ihr besonderes Gepräge. Die gute 6. Feldkompagnie, die im Frieden in Udjidji auch mit Maschinengewehren eine sorgfältige Ausbildung im Schießen erhalten hatte, wurde beauftragt, in einer breiten Front den Ostrand von Tanga zu besetzen. Rechts rückwärts von dieser, außerhalb Tanga, wurde das Bataillon Baumstark, bestehend aus der aus Polizei gebildeten 16. und 17. Feldkompagnie sowie kleineren, zu einer Kompagnie zusammengezogenen Formationen, gestaffelt. Rechts rückwärts hiervon, an der Telegraphenstraße Tanga-Pangani, blieben drei gute Kompagnien, nämlich die aus Europäern bestehende 7. und 8. Schützenkompagnie mit ihren drei Maschinengewehren sowie die 13. Feldkompagnie mit ihren vier Maschinengewehren, zu meiner Verfügung. Das Kommando selbst blieb zunächst an der Straße Tanga-Pangani und schloß sich an die dortige Drahtleitung an. Die 4. und 9. Feldkompagnie sowie die zwei Geschütze C/73 (Batterie Hauptmann Hering) waren noch im Anrollen und die Zeit ihres Eintreffens ungewiß. So verblieb die Lage im wesentlichen bis zum Nachmittag. In der heißen Sonne der Küstenzone litten wir nicht wenig unter Durst, stillten ihn aber durch das Wasser der jungen Kokosfrüchte. Auch sonstige Getränke gab es damals noch in Tanga; wir hatten noch Wein und Selterswasser. Sogar warme Würstchen wurden den Truppen vom Schlächtermeister Grabow gebracht.

Die Vorgänge bei den feindlichen Schiffen wurden dauernd scharf beobachtet. Man sah jedes Boot, das von ihnen abstieß, und dessen Besatzung. Ich schätzte die Summe der bis zum Mittag gelandeten Feinde auf 6000. Aber auch bei dieser noch zu niedrigen Schätzung des Feindes mußte ich mir die Frage vorlegen, ob ich es wagen durfte, mit meinen tausend Gewehren einen entscheidenden Kampf aufzunehmen. Ich habe die Frage aus verschiedenen Gründen bejaht. Es war zu wichtig, den Feind an einem Festsetzen bei Tanga zu hindern. Wir würden ihm sonst die beste Basis für Unternehmungen gegen die Nordbezirke überlassen; bei seinem Vordringen würde er in der Nordbahn ein glänzendes Hilfsmittel für seinen Nachschub haben, und immer neue Truppen und Kampfmittel könnten bequem und überraschend heran- und vorgeführt werden. Dann war aber mit Sicherheit zu erwarten, daß das Gebiet der Nordbahn für uns unhaltbar würde, und unsere bisherige so erfolgreiche Art der Kriegführung mußte aufgegeben werden. Gegen diese gewichtigen sachlichen Gründe mußten enge Bedenken, wie der Befehl des Gouverneurs, die Beschießung von Tanga unter allen Umständen zu vermeiden, zurücktreten.

Einige Umstände sprachen auch zu unseren Gunsten. Einmal war mir persönlich von früher her, aus Ostasien, die Schwerfälligkeit englischer Truppenbewegungen und englischer Gefechtsführung bekannt, und es war sicher, daß diese Schwierigkeiten in dem sehr gedeckten und dem Feinde unmittelbar nach seiner Landung ganz unbekannten Gelände ins Unendliche wachsen würden. Die geringste Störung der Ordnung mußte weitgehende Folgen nach sich ziehen. Ich hatte Aussicht, mit meiner Truppe, deren Europäer die Gegend von Tanga gut kannten und deren Askari im Busch zu Hause waren, die Schwächen des Feindes durch geschicktes und schnelles Manövrieren auszunutzen.

Freilich, wenn die Sache unglücklich ablief, war es schlimm. Schon bisher war die Art meiner aktiven Kriegführung mißbilligt worden. Kam hierzu noch eine große Niederlage im Gefecht, so war es mit dem Vertrauen der Truppe wahrscheinlich endgültig vorbei; und mit Sicherheit würden mir auch von vorgesetzter Stelle aus unüberwindbare Schwierigkeiten in der Kommandoführung bereitet worden sein. Mein Entschluß war nicht leicht, und seine in der kriegerischen Lage begründete Schwere wurde dadurch noch in unnötiger Weise vergrößert, daß die Bestimmungen dem eigentlich verantwortlichen Führer nicht die genügende Freiheit einräumten. Aber es half nichts: es mußte alles an alles gesetzt werden.

Noch am Vormittag gab ich an Hauptmann von Prince persönlich den Befehl, mit seinen zwei Europäerkompagnien nach Tanga hineinzurücken, um bei einem Angriff gegen die am Ostrande des Ortes liegende Askarikompagnie schnell und ohne Befehl eingreifen zu können. Schon fing ich an zu zweifeln, ob der Feind am 4. November überhaupt noch angreifen würde, als um 3 Uhr nachmittags ein Askari in seiner einfachen und strammen Art die Meldung machte: „Adui tajari.“ (Der Feind ist bereit.) Das kurze Wort werde ich niemals vergessen. Im nächsten Moment ging gleichzeitig das Gewehrfeuer auf der ganzen Front los, und man konnte auf den raschen Verlauf des Gefechts mit seinem Hin- und Herwogen nur aus der Richtung des Knalles der Schüsse Schlüsse ziehen. Man hörte, daß das Feuer sich vom Ostrande Tangas her in die Stadt hineinzog: hier war also die 6. Kompagnie zurückgeworfen worden. Bis dicht an den Bahnhof und in die Stadt hinein war der Feind mit zwanzigfacher Übermacht vorgedrungen. Hauptmann von Prince war mit seinen beiden Europäerkompagnien sofort vorgestürmt und hatte die zurückgehenden braven Askari augenblicklich zum Stehen und Wiedervorgehen gebracht. Das britische, nur aus Europäern, langgedienten Mannschaften, bestehende North Lancashire-Regiment, 800 Mann stark, wurde mit schweren Verlusten zurückgeworfen, und auch der zwischen diesem Regiment und dem Strande vorgehenden indischen Brigade (Kaschmir-Schützen) wurden die von ihr genommenen Häuser in hartnäckigem Straßenkampf entrissen. Aber auch südlich von Tanga hatte Hauptmann Baumstark seine Kompagnien an der Front eingesetzt, und nach etwa einstündigem Gefecht beobachtete ich, wie hier die Askari durch die Palmen bis an die Straße Tanga-Pangani zurückgingen. Die Europäer des Kommandos liefen sofort hin und brachten die Leute zum Stehen. Ich sehe noch heute den temperamentvollen und zähen Hauptmann v. Hammerstein vor mir, wie er voller Empörung einem zurückgehenden Askari eine leere Flasche an den Kopf warf. Es waren ja schließlich zum großen Teil junge, gerade erst aufgestellte Kompagnien, die hier fochten und durch das starke feindliche Feuer verblüfft waren. Aber als wir Europäer uns vor sie hinstellten und sie auslachten, kamen sie schnell wieder zu sich und sahen, daß eben nicht jede Kugel traf. Aber im ganzen war der Druck, der gegen unsere Front ausgeübt wurde, doch so stark, daß ich glaubte, mit dem Herbeiführen der Entscheidung nicht länger warten und zum Gegenstoß ansetzen zu müssen. Hierzu stand allerdings nur eine einzige Kompagnie zur Verfügung, aber es war die gute 13. Feldkompagnie. Die 4. Kompagnie, deren Ankunft ich von Minute zu Minute sehnsüchtigst erwartete, war noch nicht eingetroffen.

Das bisherige Gefecht hatte gezeigt, daß der Feind sich mit seiner in der Flanke ungesicherten Front nicht weiter nach Süden ausdehnte, als der rechte Flügel unserer Front reichte. Hier also mußte ihn der Gegenstoß vernichtend treffen, und jedem Teilnehmer wird der Moment unvergeßlich sein, als hier die Maschinengewehre der 13. Kompagnie mit ihrem Dauerfeuer einsetzten und den sofortigen Umschwung des Gefechts herbeiführten. Die ganze Front raffte sich auf und stürzte sich mit jubelndem Hurra vorwärts. Inzwischen war auch die 4. Kompagnie eingetroffen; wenn sie infolge eines Mißverständnisses auch nicht noch weiter über die 13. ausholend eingesetzt wurde, sondern sich zwischen dieser und unserer Front einschob, so kam sie doch noch vor Dunkelheit zum wirksamen Eingreifen. In wilder Flucht floh der Feind in dicken Klumpen davon, und unsere Maschinengewehre, aus Front und Flanke konzentrisch auf ihn wirkend, mähten ganze Kompagnien Mann für Mann nieder. Mehrere Askari kamen freudig strahlend heran, über dem Rücken mehrere erbeutete englische Gewehre und an jeder Faust einen gefangenen Inder. Die Handfesseln aber, die wir bei diesen vorfanden, zum Gebrauch an deutschen Gefangenen, wandte niemand von uns ihnen gegenüber an.

Man stelle sich diesen Augenblick vor: im dichten Walde, alle Truppenteile, vielfach sogar Freund und Feind durcheinander gemischt, die verschiedensten Sprachen durcheinander geschrien, und dazu die rasch hereinbrechende tropische Dunkelheit, und man wird verstehen, daß die von mir angesetzte Verfolgung gänzlich mißglückte. Ich hatte mich auf dem rechten Flügel befunden und schnell die zunächst erreichbaren Teile in der Richtung auf Ras Kasone zu energischem Nachdrängen angesetzt. Dann hatte ich mich auf den linken Flügel begeben. Dort fand ich von unseren Leuten fast nichts vor; erst nach längerer Zeit hörte ich in der Nacht Schritte von den Nagelstiefeln einer Askariabteilung. Ich war froh, endlich eine Truppe zu haben, wurde aber etwas enttäuscht, als es eine Abteilung des rechten Flügels unter Leutnant Langen war, die die Richtung auf Ras Kasone verfehlt hatte und so auf unseren linken Flügel geriet. Aber nicht genug mit diesen Reibungen. Auf unerklärliche Weise glaubte die Truppe auf einen Kommandobefehl wieder in das alte Lager westlich von Tanga abrücken zu sollen. Erst im Laufe der Nacht gewann ich am Bahnhof in Tanga Klarheit darüber, daß fast alle Kompagnien dahin abmarschiert waren. Sie erhielten selbstverständlich Befehl zu sofortiger Rückkehr. Leider war hierdurch aber doch eine solche Verzögerung eingetreten, daß es nicht möglich war, die Geschütze der nachträglich eingetroffenen Batterie Hering noch in der Nacht bei Mondschein gegen die Schiffe in Wirkung zu bringen.

Erst am Morgen des 5. November trafen die Truppen, deren starke Erschöpfung ja begreiflich war, wieder in Tanga ein und besetzten im wesentlichen wieder die Stellung des vorigen Tages. Jetzt mit allen Kräften gegen die feindliche Einschiffung bei Ras Kasone vorzurücken war nicht angebracht, da die dortige Gegend ganz übersichtlich war und von den beiden in unmittelbarer Nähe liegenden Kreuzern beherrscht wurde. Aber den starken Patrouillen und einzelnen Kompagnien, welche zur Störung des Feindes auf Ras Kasone vorgingen, gelang es doch, einzelne Abteilungen des Feindes, einige seiner Boote und auch das Deck des am Hospital liegenden Kreuzers überraschend unter Maschinengewehrfeuer zu nehmen. Im Laufe des Tages verstärkte sich der Eindruck immer mehr, daß die Niederlage des Feindes gewaltig gewesen war. Zwar wurden die Verluste in ihrem vollen Umfange zunächst nicht bekannt, aber die vielen Stellen, wo Hunderte und wieder Hunderte von gefallenen Feinden sich häuften, sowie der Verwesungsgeruch, der unter der Einwirkung der tropischen Sonne auf der ganzen Gegend lag, gaben uns einen Anhalt. Wir schätzten den Verlust sehr vorsichtig auf etwa 800 Tote, ich glaube aber, daß diese Zahl viel zu niedrig ist. Ein höherer englischer Offizier, der genau über Einzelheiten unterrichtet war, hat mir später gelegentlich eines Gefechts, dessen englische Verluste er auf 1500 Mann angab, gesagt, daß die Verluste bei Tanga ganz erheblich größer gewesen seien. Ich halte sie jetzt mit 2000 Mann noch für zu niedrig geschätzt. Größer noch war die moralische Einbuße des Feindes. Er fing beinahe an, an Geister und Spuk zu glauben; noch nach Jahren wurde ich von englischen Offizieren danach gefragt, ob wir bei Tanga dressierte Bienen verwandt hätten, aber ich kann jetzt wohl verraten, daß bei uns, bei einer Kompagnie, im entscheidenden Moment alle Maschinengewehre durch diese „dressierten Bienen“ außer Gefecht gesetzt wurden, wir also unter dieser Art der Dressur genau so gelitten haben wie die Engländer.

Der Feind fühlte sich vollständig geschlagen und war es auch tatsächlich. In wilder Auflösung waren seine Truppen geflohen, Hals über Kopf in die Leichter gestürzt. Die Möglichkeit eines erneuten Kampfes wurde überhaupt nicht erwogen. Aus Gefangenenaussagen und aufgefundenen offiziellen englischen Schriftstücken ging hervor, daß das gesamte englisch-indische Expeditionskorps, 8000 Mann stark, von unserer wenig über 1000 Mann starken Truppe so vernichtend geschlagen worden war. Erst am Abend wurde uns die Größe dieses Sieges vollständig klar, als ein englischer Parlamentäroffizier, Hauptmann Meinertshagen, erschien und mit dem von mir entsandten Hauptmann von Hammerstein über Auslieferung von Verwundeten verhandelte. Hauptmann von Hammerstein begab sich in das Hospital, das mit schwerverwundeten englischen Offizieren angefüllt war, und genehmigte in meinem Namen, daß diese auf ihr Ehrenwort, in diesem Kriege nicht mehr gegen uns kämpfen zu wollen, von den Engländern abgeholt werden durften.

Die Beute an Waffen gestattete, mehr als 3 Kompagnien modern zu bewaffnen, die 16 erbeuteten Maschinengewehre waren uns hierbei besonders willkommen. Der Geist der Truppe und das Vertrauen in die Führer hatte sich mächtig gehoben, und mit einem Schlage war auch ich von einem großen Teil der Schwierigkeiten befreit, die sich als hemmende Gewichte an die Führung hingen. Das dauernde Feuer der Schiffsgeschütze, das in dem ganz unübersichtlichen Gelände wirkungslos gewesen war, hatte in den Augen unserer braven Schwarzen seine Furchtbarkeit verloren. Die Materialbeute war erheblich; außer den 600000 Patronen hatte der Feind sein gesamtes Telephongerät und so viele Bekleidung und Ausrüstung liegen lassen, daß wir auf mindestens ein Jahr unseren eigenen Ansprüchen, besonders an warmen Mänteln und wollenen Decken, genügen konnten. Die eigenen Verluste, so schmerzlich auch an sich, waren an Zahl doch gering. Etwa 16 Europäer, unter ihnen auch der treffliche Hauptmann von Prince, und 48 Askari und Maschinengewehrträger waren gefallen. Die Europäer wurden in einem würdigen Kriegergrab unter dem Schatten eines prachtvollen Bujubaumes bestattet, wo eine einfache Gedenktafel ihre Namen verzeichnet. Die Ausräumung des Gefechtsfeldes und die Bestattung der Toten erforderte mehrere Tage angestrengtester Arbeit für die ganze Truppe; die Straßen waren buchstäblich besät mit Gefallenen und Schwerverwundeten. In unbekannter Sprache flehten sie um Hilfe, die ihnen trotz besten Willens nicht immer gleich gewährt werden konnte.

Auf unserem innerhalb von Tanga gelegenen Hauptverbandplatze hatte unser männliches und weibliches Pflegepersonal im Feuer auch der schweren Schiffsgeschütze Freund und Feind gewissenhaft versorgt. Noch am Abend des 4. November hatte ich die Verwundeten aufgesucht. Ich ahnte nicht, daß der Leutnant Schottstaedt, der hier mit schwerem Brustschuß auf einem Stuhle saß, nur noch wenige Minuten zu leben hatte. Der englische Leutnant Cook, vom 101. indischen Grenadier-Regiment, lag mit schwerem Beinschuß da. Die Verwundung dieses frischen jungen Offiziers, der im Brennpunkt des Gefechts auf dem indischen linken Flügel in unsere Hände gefallen war, vermochte seine heitere Stimmung nicht zu beeinträchtigen. Mit dem Hauptteil der anderen Verwundeten wurde er im Feldlazarett Korogwe von unserem besten Chirurgen, dem Stabsarzt Dr. Müller, dreiviertel Jahr lang behandelt. Er ging bereits wieder umher, als ein unglücklicher Fall auf der Treppe leider zu tödlichem Ausgange führte.

Die Gefechtstage von Tanga stellten zum erstenmal erhebliche Ansprüche an die Verwundetenfürsorge. Zu diesem Zweck waren in Korogwe sowie an verschiedenen anderen Orten der Nordbahn Lazarette eingerichtet worden, zu denen die Kranken mit der Bahn ohne Umladen transportiert werden konnten. Für den Transport waren besondere dauernde Lazaretteinrichtungen nicht getroffen worden, und es hat auch niemals Schwierigkeiten gemacht, das Erforderliche zu improvisieren.

Trotz der zweifellosen Niederlage bei Tanga war es doch wahrscheinlich, daß die britische Zähigkeit diese Entscheidung nicht als eine endgültige hinnehmen würde. Auch nach seiner Niederlage war der Feind uns um ein Mehrfaches numerisch überlegen und ein Landungsversuch an anderer Stelle nicht unwahrscheinlich. Eine Fahrt zu Rad am 6. November in nördlicher Richtung, an die Mansabucht, überzeugte mich aber, daß die feindlichen Schiffe hier offenbar nur zum Zweck der Pflege ihrer Verwundeten und Beisetzung ihrer Toten eingelaufen waren und keine Landung beabsichtigten. Die Schiffe fuhren dann auch bald in der Richtung auf Zanzibar ab.

Interessant war mir dann ein kurzer Besuch in unserem Regierungshospital bei Ras Kasone, das inzwischen von den auf Ehrenwort entlassenen englischen Verwundeten geräumt worden war. Es lagen hier unter anderen zwei am 3. November bei Tanga sowie andere in einem früheren Gefecht verwundete deutsche Offiziere, die die Vorgänge während des Hauptkampftages am 4. November hinter der englischen Front vom Lazarett aus hatten beobachten können. Mit größter Spannung hatten sie die Landung bei Ras Kasone und den Vormarsch gegen Tanga verfolgt, hatten dann am Nachmittag das entscheidende Einsetzen unseres Maschinengewehrfeuers und die Beschießung durch die feindlichen Schiffsgeschütze gehört, sowie dicht am Hospital die wilde Flucht des Feindes gesehen. Die zahlreich in der Nähe des Lazarettes einschlagenden Geschosse hatten erfreulicherweise keinen Schaden verursacht. Am 5. November, ganz früh, hatten sie plötzlich wieder Geschützfeuer vernommen, und zwar von Tanga her; sie hatten erkannt, daß es deutsche Geschütze sein müßten. Es waren dies unsere zwei Kanonen C/73, denen es zwar nicht mehr gelungen war, in der Nacht bei Mondschein die englischen Transportschiffe aufs Korn zu nehmen, die aber wenigstens nach Tagesanbruch noch einige erfolgreiche Treffer anbringen konnten. Ein längeres Wirkungsschießen war leider nicht möglich, da die Rauchentwicklung den Standpunkt der Geschütze sofort verriet und das Feuer der Schiffsgeschütze auf sich zog.

Inzwischen war es klar geworden, daß der Angriff des Feindes bei Tanga keine einzelne Unternehmung, sondern im größeren Rahmen gleichzeitig mit anderen gedacht war. Nordwestlich des Kilimandjaro, am Longidoberg, den Hauptmann Kraut mit 3 Askarikompagnien und einer berittenen Europäerkompagnie besetzt hatte, erschienen im Morgennebel des 3. November überraschend englische Truppen. Gerade als am Longido heliographisch der Befehl eintraf, Hauptmann Kraut solle nach Moschi abrücken, schlugen die ersten Geschosse ein. Der etwa tausend Mann starke Feind hatte den in der freien Steppe gelegenen mächtigen Longidoberg an mehreren Stellen unter der Führung von Massais erstiegen, die unseren Posten zuriefen: „Wir sind Leute vom Hauptmann Kraut.“ Aber unseren sich rasch entwickelnden drei Feldkompagnien gelang es, die Teile des Feindes im felsigen Gelände zu umfassen und rasch zurückzuwerfen. Eine feindliche berittene Europäerabteilung, die in der Steppe am Fuße des Berges sichtbar wurde und diesen anscheinend von Süden her ersteigen oder auf unsere Verbindung wirken wollte, wurde unter wirksames Feuer genommen und schnell zurückgetrieben.

Wahrscheinlich im Zusammenhange mit diesen Ereignissen im Gebiete der Nordbahn standen feindliche Unternehmungen am Viktoriasee. Ende Oktober waren zahlreiche Wagandakrieger von Norden in den Bezirk Bukoba eingedrungen. Zur Unterstützung ging am 31. Oktober eine Truppe von 670 Gewehren, 4 MG., 2 Geschützen von Muanza auf dem kleinen Dampfer „Muanza“ mit 2 Schleppern und 10 Dhaus (Booten) ab. Kurz nach dem Auslaufen wurde dieser Transport durch bemannte englische Dampfer angegriffen, gelangte aber unbeschädigt nach Muanza zurück. Ein englischer Landungsversuch bei Kajense, nördlich Muanza, scheiterte an dem Feuer unserer Posten.

Es lag also Anfang November ein an mehreren Stellen großzügig angelegter konzentrischer Angriff gegen unsere Kolonie vor. Sein Scheitern erweckte in jedem die Erwartung, daß wir uns würden halten können, so lange die Heimat hielt. Die lückenhaften Nachrichten aber, die wir von dort auffangen konnten, flößten uns Zuversicht ein. Wir hatten zwar zur Zeit des Gefechts bei Tanga den Namen Hindenburgs noch nicht gehört, wußten aber auch nichts von dem Rückschlag an der Marne und standen noch unter dem erhebenden Eindruck des siegreichen Vormarsches nach Frankreich.

Fünfter Abschnitt In der Erwartung weiterer Ereignisse

Schon mit Rücksicht auf die Bedrohung des Kilimandjarogebietes schien es mir angezeigt nach dem entscheidenden Erfolg von Tanga, der sowieso nicht weiter ausgebeutet werden konnte, die Truppen schnell wieder in die Gegend von Neumoschi abzutransportieren. Der Jubel der Ansiedler der Nordgebiete, die ja den Hauptteil der bei Tanga fechtenden Europäer gestellt hatten, war unbeschreiblich. Blumengeschmückt fuhr der erste Zug, der die Europäerkompagnie trug, wieder in Neumoschi ein. Ich selbst hatte bei Tanga noch ausreichend zu tun und folgte erst nach einigen Tagen zum Bahnhof in Neumoschi, wo das Kommando seine geschäftliche Tätigkeit wieder aufnahm. Bei der Knappheit des Personals konnten wir es uns nicht leisten, für die verschiedenen Funktionen auch immer verschiedene Persönlichkeiten zu haben. Wie der Offizier des Kommandos gelegentlich als Schütze oder Radfahrer einspringen mußte, so mußte auch der Intendant ordonnanzieren, der Schreiber im Gefecht mitschießen und als Gefechtsordonnanz tätig sein. Es war eine große Erleichterung des Dienstbetriebes, daß wir in dem europäisch ausgebauten Bahnhofsgebäude von Neumoschi eine Lokalität besaßen, wo wir trotz großer Engigkeit innerhalb des Stabes die meisten Sachen schnell im mündlichen Verkehr erledigen konnten. Wir verfügten über gute Telephon- und Telegraphenanlagen und lagen zentral in dem Netz von Fernsprechverbindungen und Wegen, die wir uns in beiden Richtungen sowohl auf Tanga, Taveta, Ost-Kilimandjaro, West-Kilimandjaro zum Longido, wie auch nach Aruscha geschaffen oder, soweit sie vorhanden waren, vervollkommnet hatten. Es gab Wochen, wo sich unser Dienstbetrieb fast wie im Frieden abspielte, allerdings bei gesteigerter Arbeitsleistung. Aber obgleich fast niemand innerhalb des Kommandos für sein Ressort vorgebildet oder vorbereitet war, so vollzog sich das Zusammenarbeiten doch harmonisch und erfolgreich. Es wurde vom besten Geist, von der Liebe zur Sache und kameradschaftlichem Zusammenhalten getragen.

Ich selbst begab mich im Auto — wir hatten uns nämlich auch bis zum Longido hin eine Autostraße gebaut — nach dem zwischen Longido und Kilimandjaro gelegenen Engare-Nairobi (kalter Fluß), einem Flüßchen, das vom Nordabhange des Kilimandjaro die Steppe in nordwestlicher Richtung durchzieht. Dort saßen eine Anzahl Burenfamilien auf ihren Farmen. Die Abteilung Kraut hatte ihr Lager dorthin verlegt, da der Verpflegungsnachschub bis zum Longido hin bei zweitägigem Marsch durch die Steppe nicht geschützt werden konnte und deshalb allzu gefährdet war. Ich überzeugte mich, daß auch hier, nördlich des Kilimandjaro, zur Zeit keine Gelegenheit zu Unternehmungen war und kehrte nach Neumoschi zurück. Der Weg von Neumoschi, wo ein großer Teil des Verpflegungsnachschubes aus Usambara und den weiter südlich gelegenen Gebieten per Bahn gesammelt wurde, beträgt bis Taveta 50 Kilometer. Wenn wir auch nur wenige Kraftfahrzeuge, nämlich 3 Personenwagen und 3 Lastautos im ganzen, zur Verfügung hatten, so bedeutete das für unsere Verhältnisse doch etwas Wesentliches. Die Drei-Tons-Wagen konnten auf der gut ausgebauten Straße bei trockenem Wetter bequem in einem Tage hin und zurück gefahren werden. Da Träger für dieselbe Strecke hin und zurück mindestens vier Tage brauchten, ergab die Berechnung, daß ein Auto so viel leistete wie 600 Träger, die außerdem selbst Verpflegung beanspruchten.

Dem später von den Engländern vertretenen Grundsatz, den Lastentransport von den Schultern der Träger und der Tiere zu nehmen und mit Automobilen zu bewerkstelligen, muß umsomehr beigetreten werden, als Menschen und Tiere unter den tropischen Erkrankungen in hohem Maße litten, während Mücken gegen Automobile ja machtlos sind. Wir konnten aber diesen klaren Vorteil nicht ausnutzen, weil wir eben nur wenige Kraftwagen hatten. Immer wieder mußten wir auch in dieser für den Nachschub ruhigen und geregelten Periode des Krieges auf Träger zurückgreifen. Noch heute sehe ich die Freude des damaligen Intendanten, als eine Trägerkarawane von 600 Wassukuma von Muanza her in Neumoschi anlangte; sie brachte vom Viktoriasee über Kondoa-Irangi bis zum Kilimandjaro Reis, der hier dringend benötigt wurde. Wenn man berücksichtigt, daß der Träger für diesen mindestens 30 Tage erfordernden Marsch täglich ein Kilogramm Verpflegung selbst braucht und höchstens 25 Kilogramm trägt, so müssen die Märsche schon sehr überlegt eingerichtet werden und durch besiedelte und verpflegungsreiche Gebiete führen, wenn überhaupt solche Transporte von Wert sein sollen. Wenn trotz dieser Nachteile der Trägertransport in großem Umfange in Anspruch genommen werden mußte, so zeigt dies die Schwierigkeit des Nachschubes und der Verpflegung, die wir in Kauf nehmen mußten.

Der Intendant Hauptmann Feilke verstand es aber auch meisterhaft mit den Leuten umzugehen und für sie zu sorgen. Die Träger fühlten sich gut aufgehoben, und das Wort „Kommando“, das sich einzelne als Eigennamen beilegten, gewann an Verbreitung. Mir persönlich gaben die paar Kraftwagen die Möglichkeit zu zahlreichen Geländeerkundungen und Besichtigungen von Truppen. Nach Taveta, wohin ein Teil der Truppen aus Tanga zurückkehrte, konnte ich von Neumoschi in zwei Stunden fahren; es hätte dies sonst vier Tage gedauert; später bin ich an einem Tage von Neumoschi aus zum Engare-Nairobi und westlich um den ganzen Meruberg nach Neumoschi zurück gefahren, eine Reise, die mit Trägern wohl nicht unter zehn Tagen zu machen war.

Der Erfolg von Tanga wirkte belebend auf die Entschlossenheit der ganzen Kolonie zum Widerstande.

Am 26. November gelang es in Morogoro dem Chef des Etappenwesens, Generalmajor Wahle, die Einwilligung des Gouverneurs zu erlangen, daß Daressalam im Falle eines Angriffes verteidigt werden sollte. Es war ein Glück, daß diese Einwilligung noch eben rechtzeitig erfolgte. Schon am 28. November erschienen zwei Kriegsschiffe, ein Transportschiff und ein Schlepper vor Daressalam, und verlangten eine Besichtigung unserer im Hafen liegenden Schiffe. Hier lag unter anderem die zum Lazarettschiff eingerichtete „Tabora“ der Deutsch-Ostafrikalinie. Da die Engländer schon bei einer früheren Gelegenheit erklärt hatten, daß sie sich an kein über Daressalam getroffenes Abkommen gebunden erachteten, so hätte es jedesmal erneuter Konzessionen bedurft, wenn man einer angedrohten Beschießung entgehen wollte. Es war also eine Schraube ohne Ende geschaffen. Ich drahtete nun, daß die verlangte Einfahrt einer englischen Pinasse in den Hafen mit Waffengewalt zu verhindern sei. Leider war diese Pinassenfahrt aber entgegen meiner Auffassung von der deutschen Behörde zugestanden worden, und der zur Zeit in Daressalam anwesende älteste Offizier fühlte sich hierdurch gebunden. Als nun aber die Engländer statt mit der einen zugestandenen Pinasse mit mehreren kleineren Fahrzeugen einfuhren, auf der „Tabora“ Zerstörungen vornahmen und sogar Personal dieses Schiffes gefangen fortnahmen, wurde das Unzweckmäßige unserer bisherigen Zugeständnisse allen bis dahin Zweifelnden doch zu augenscheinlich. Hauptmann von Kornatzky kam noch gerade rechtzeitig genug, um die kleinen englischen Fahrzeuge, als sie beim Auslaufen die schmale nördliche Hafeneinfahrt durchfuhren, wirksam unter Maschinengewehrfeuer zu nehmen. Hierbei wurde leider auch einer der deutschen Gefangenen verwundet. Die Abwehrmaßnahmen waren eben nicht rechtzeitig getroffen worden. Es ist dies ein kleines Beispiel dafür, wie gefährlich und schließlich auch unvorteilhaft es ist, wenn im Kriege der militärische Führer immer wieder in seinen Entschlüssen und in der Ausführung seiner nun einmal unvermeidlichen Handlungen beeinträchtigt wird.

Übrigens richtete die nun folgende Beschießung von Daressalam keinen nennenswerten Schaden an, denn daß ein paar Häuser dabei beschädigt wurden, kann man ernsthaft als solchen nicht rechnen.

In den Zeiten relativer Seßhaftigkeit, die wir in Neumoschi hatten, war auch die wirtschaftliche Seite des Lebens angenehm. Die Europäer, zum großen Teil den Siedlerkreisen der Nordgebiete angehörend, beschafften sich den Hauptanteil ihrer Verpflegung selbst. Reis, Weizenmehl, Bananen, Ananas, europäisches Obst, Kaffee und Kartoffeln strömte reichlich von den Pflanzungen her an die Truppe. Zucker beschafften die zahlreichen Fabriken, und Salz wurde in der Hauptsache von der an der Zentralbahn zwischen Tabora und dem Tanganjika gelegenen Saline Gottorp geliefert. Viele Pflanzungen stellten ihren Betrieb ganz auf die Truppenverpflegungen ein, und bei den reichlich vorhandenen Arbeitskräften machte dieser Wechsel im Anbau keinerlei Schwierigkeiten.

Aber auch der Nachschub mußte angespannt werden. Die von Kimamba zur Nordbahn, nach Mombo und Korogwe führende große Etappenstraße wurde immer weiter ausgebaut, um den Transport der aus dem Gebiet der Tanganjikabahn und weiter aus dem Süden stammenden Erzeugnisse nach dem Norden zu bewältigen. Mindestens 8000 Träger waren allein auf dieser Strecke dauernd in Tätigkeit. Es stellte sich bald als praktisch heraus, die Trägerkarawanen die etwa 300 km lange Strecke nicht durchgehen zu lassen, sondern die Träger auf einzelne Etappen zu verteilen. Hier war es dann möglich, sie stationär unterzubringen und auch in gesundheitlicher Beziehung zu überwachen. Hygieniker bereisten die Strecke und taten das Menschenmögliche für die Gesundheit der Träger im Kampfe besonders gegen Ruhr und Typhus. So entstanden an dieser stark in Anspruch genommenen Etappenstraße auf Tagesmarschentfernungen dauernde Trägerlager, in denen die Leute in zunächst provisorischen, später gut ausgebauten Hütten untergebracht waren. Die Lagerdisziplin war streng geregelt. Um auch für die zahlreich durchreisenden Europäer zu sorgen, wurden für diese kleine Häuser mit Betonfußboden angelegt; der einzelne hatte hier die Möglichkeit, sich aus den Beständen der Etappe zu verpflegen, ohne, wie es sonst bei afrikanischen Reisen üblich ist, den gesamten Verpflegungsvorrat auf lange Zeit mitschleppen zu müssen. Die Arbeit an dieser Etappenstraße war Gegenstand dauernder Aufmerksamkeit, Europäer und Farbige mußten die Zusammenarbeit so großer Menschenmassen erst lernen und begriffen die Wichtigkeit von Ordnung und Disziplin für das Funktionieren des Nachschubes und für die Gesundheit aller Beteiligten.

Auf dem Bahnhof von Neumoschi arbeiteten Telegraph und Telephon andauernd, Tag und Nacht. Bei der Improvisierung der gesamten Organisation konnten Reibungen nicht völlig ausbleiben. Alle Angehörigen des Kommandos waren außerordentlich belastet. Aber es boten sich auch Lichtblicke während der angestrengten Arbeit. Die materielle Versorgung der Europäer hier im Norden kam auch uns im Kommando zugute. Durch zahlreiche Zusendungen von Privatleuten wurden wir geradezu verwöhnt. Wenn einer von uns die Nordbahn entlang fuhr, an der es im Frieden selbst für Geld und gute Worte schwer war, sich etwas Verpflegung zu beschaffen, so sorgte jetzt fast an jeder Station jemand für uns. Ich erinnere mich an einen Fall, wo der aus der Gegend nördlich des Erokberges von anstrengenden Patrouillen recht ausgehungert zurückgekehrte Oberleutnant Freiherr v. Schroetter beim Kommando in Neumoschi eintraf. Nachdem er von 7 bis 11 Uhr nach Durchschnittsbegriffen reichlich verpflegt worden war, bat er schüchtern, ihm doch noch einmal Abendbrot zu geben. Am nächsten Morgen trat er einen vierzehntägigen Urlaub zu seiner in Usambara gelegenen Pflanzung an, um sich zu erholen und nach dem Rechten zu sehen. Nach dem Frühstück gaben wir ihm Kaffee, Brot, Butter und Fleisch in den Zug mit und hatten die verschiedenen Bahnstationen angewiesen, sich dieses gänzlich verhungerten Patrouillenmannes anzunehmen. So wurde ihm nach einer halben Stunde in Kahe von der dortigen Bahnhofswache von neuem Frühstück gereicht, in Lembeni hatte die reizende Frau des dortigen Bahnhofskommandanten ihm einen Kuchen gebacken und in Same versorgte ihn der Führer des dortigen Rekrutendepots, Feldwebel Reinhardt. In Makanja brachte ihm der Wachthabende, Pflanzer Barry aus der Umgegend, selbstbereitete Schokolade und Ochsenherzen — es ist dies eine etwa melonengroße Frucht —, in Buiko hatte der gastliche Betriebsdirektor der Nordbahn, Kühlwein, der uns so oft bei unserer Durchreise erfrischt hat, ihm ein solennes Essen vorbereitet. In Mombo, wo der Nachschub der Usambaraberge zusammenströmte und wo wir in der Hauptsache unsere Truppenwerkstätten eingerichtet hatten, erwartete unsern Schützling Oberdeckoffizier Meyer mit einem nahrhaften Vesperbrot. Da aber erhielten wir das Telegramm: „Bitte nichts weiteres bestellen. Ich kann nicht mehr.“

Illustration from Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Affenbrotbaum

⇒ GRÖSSERES BILD

So viel verständnisvoller Scherz für die Stimmung eines ausgehungerten Leutnants in dieser andauernden Bewirtung liegt, so zeigt sie besser als theoretische Auseinandersetzungen das innige Zusammenarbeiten aller Teile der Bevölkerung der Nordbezirke mit der Truppe und das Bestreben, uns jeden Wunsch an den Augen abzulesen. Dieses Zusammenhalten ist geblieben, solange die Truppe im Norden war.

Wenn der Dienst es irgend gestattete, sorgten wir für Abwechslung und Erholung. Oft haben wir uns in der Umgebung von Neumoschi des Sonntags zu fröhlicher Treibjagd zusammengefunden. Träger und Askari hatten bald ihre Rolle als Treiber begriffen und trieben in musterhafter Ordnung durch den dichtesten Busch uns das Wild zu, das sie mit lautem: „Huju, huju“, auf deutsch: „Da ist er“, ankündigten. Die Strecke dürfte, was Vielseitigkeit anbetrifft, auf europäischen Jagden bisher nirgends erreicht worden sein: Hasen, verschiedene Zwergantilopen, Perlhühner und verschiedene Verwandte des Rebhuhnes, Enten, Buschböcke, Wasserböcke, Luchse, verschiedene Arten Wildschweine, kleine Kudus, Schakale und eine Menge anderes Wild kamen vor. Ich entsinne mich, daß einmal zu meiner Überraschung auf 15 Schritt lautlos ein Löwe vor mir erschien. Leider hatte ich die Flinte in der Hand, und ehe ich die auf meinen Knien liegende Büchse in Anschlag bringen konnte, war er ebenso lautlos verschwunden. Die Jagd gab in dem wildreichen Gebiet des Kilimandjaro, mehr aber noch östlich von Taveta, einen willkommenen Zuschuß zu unserer Fleischversorgung. Im wesentlichen beruhte diese aber auf den Viehbeständen, die aus den Gebieten des Kilimandjaro und Meru von den Massai, aber auch von weit her aus den Gebieten des Viktoriasees für die Truppe nutzbar gemacht wurden.

Sechster Abschnitt Weitere schwere Kämpfe im Nordosten

Als wir in der Missionskirche von Neumoschi und später in unserer Messe im Bahnhof das Weihnachtsfest 1914 feierten, begannen sich die militärischen Ereignisse nördlich von Tanga so weit zuzuspitzen, daß ein entscheidendes Eingreifen dort wahrscheinlich wurde. Unsere Patrouillen, welche dort auf britischem Gebiet standen, waren in den letzten Tagen des Dezember allmählich zurückgedrängt worden und hatten sich südlich von Jassini auf deutschem Gebiet gesammelt. Es waren hier 2 Kompagnien und ein aus etwa 200 Arabern gebildetes Korps vereinigt. Der Feind hatte sich augenscheinlich verstärkt und die Gebäude der deutschen Pflanzung Jassini besetzt.

Es machte den Eindruck, als ob er durch allmähliches Vorrücken längs der Küste auf Tanga vordringen und das von ihm besetzte Gebiet durch ein Blockhaussystem sichern wollte. Um die Verhältnisse an Ort und Stelle zu erkunden, fuhr ich mit Hauptmann von Hammerstein Mitte Januar nach Tanga und dann im Automobil auf der soeben fertiggestellten neuen Straße, die 60 km längs der Küste nach Norden in das Lager des Hauptmanns Adler bei Mwumoni führte. Eine Erkundung, auf der mich der durch zahlreiche erfolgreiche Patrouillengänge in der dortigen Gegend besonders geeignete Leutnant d. R. Bleeck führte, zeigte, daß das Gelände um Jassini herum in der Hauptsache aus einer meilenlangen Kokospflanzung der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft bestand, in die Sisal, eine mit spitzen Stacheln versehene Agavenart, hineingebaut war. Dieser Sisal, der ein dichtes Unterholz in den Stangen der Kokospalmen bildete, war an vielen Stellen mit seinen stachligen Blättern so ineinander gewachsen, daß man sich nur hindurch zwängen konnte, wenn man eine Menge recht unangenehmer Stiche erduldete. Eine Schwierigkeit ist es ja immer, in solchem ganz unbekannten Gelände, ohne die Grundlage einer Karte, nur auf die Meldungen der Patrouillen hin die Anlage für ein Gefecht zu treffen. Hier konnte diese Schwierigkeit dadurch behoben werden, daß der zur Truppe eingezogene langjährige Assistent der Pflanzung, Lt. d. R. Schaefer, genaue Angaben machen konnte. Es wurde eine leidlich zutreffende Skizze angefertigt und mit Kriegsnamen versehen. Im großen und ganzen schien es so, daß es sich bei Jassini um einen vorgeschobenen Posten handelte, und daß die Hauptmacht der feindlichen Truppen weiter nördlich sich in befestigten Lagern befand. Es war anzunehmen, daß ein Angriff auf den vorgeschobenen Posten bei Jassini die Teile des feindlichen Gros aus ihren Lagern herauslocken und zum Kampfe im freien Felde veranlassen würde. Mein Plan war, diese Möglichkeit auszunutzen. Um gegen den aus seinen Sammelpunkten zur Unterstützung herbeieilenden Feind unter günstigen taktischen Bedingungen zu fechten, beabsichtigte ich, meine Truppen an seinen voraussichtlichen Anmarschwegen so bereit zu halten, daß er seinerseits gegen sie anlaufen mußte.

Die Beschaffung der Verpflegung hatte in der dicht besiedelten Gegend keine Schwierigkeiten, und von den zahlreichen Europäerpflanzungen konnten die erforderlichen Träger gestellt werden. Es brauchten also beim Hertransport der von Moschi telegraphisch herbeibefohlenen Kompagnien nur die Maschinengewehr- und die Munitionsträger mitzukommen, eine wesentliche Erleichterung für den Eisenbahntransport. Dieser spielte sich bei der erprobten Umsicht des Linienkommandanten, Leutnant d. Ldw. a. D. Kroeber, und dem Verständnis und dem Feuereifer, mit dem das gesamte Bahnpersonal die unvermeidlichen Anstrengungen glatt ertrug, schnell und ohne Reibung ab.

Am 16. Januar waren die von Moschi kommenden Kompagnien einige Kilometer westlich von Tanga ausgeladen und sogleich in Richtung auf Jassini in Marsch gesetzt worden, ebenso die Truppen aus Tanga, wo zum unmittelbaren Schutz nur eine Kompagnie zurückblieb. Am 17. Januar abends waren die Streitkräfte, im ganzen neun Kompagnien mit zwei Geschützen, 11 Kilometer südlich Jassini bei der Pflanzung Totohowu versammelt, und der Befehl zum Angriff wurde für den nächsten Morgen gegeben. Major Kepler wurde mit zwei Kompagnien rechts umfassend, Hauptmann Adler mit zwei weiteren Kompagnien links umfassend gegen das Dorf Jassini angesetzt. Nordwestlich, an der von Semanja kommenden Straße, wurde das Araberkorps aufgestellt, Hauptmann Otto mit der neunten Kompagnie ging frontal auf der Hauptstraße gegen Jassini vor; ihm folgte unmittelbar das Kommando und dahinter das Gros, aus der Europäerkompagnie, drei Askarikompagnien und zwei Geschützen bestehend. Die Märsche waren so angesetzt, daß beim ersten Tagesgrauen der Angriff gleichzeitig gegen Jassini zu erfolgen hatte und alle Kolonnen sich durch energisches Vorgehen gegenseitig entlasten sollten. Noch vor Anbruch des Tageslichtes fielen die ersten Schüsse bei der Kolonne Kepler, wenige Minuten später begann das Feuer auch vor uns bei der Kolonne Otto und wurde dann allgemein. Es war nicht möglich, sich ohne jede Übersicht in dem endlosen Palmenwald auch nur ein annäherndes Bild zu machen von dem, was eigentlich los war. Wir waren aber bereits so dicht an der feindlichen Stellung von Jassini, daß der Feind überrascht schien, trotz seines ausgezeichneten Kundschafterdienstes. Diese Vermutung hat sich später wenigstens teilweise bestätigt. Von unserer schnellen Konzentration südlich Jassini und dem unmittelbar darauf erfolgenden Angriff mit so starken Truppen hatte der Feind tatsächlich keine Ahnung gehabt.

Notes in this chapter

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