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Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Erstes Buch Die Ereignisse bis zum Eintreffen der Südwest-Afrikaner (continued 2)

Reading edition

Die Kolonne Otto warf eine ihr gegenüber verschanzte Postierung schnell zurück, und das Kommando begab sich nun links ausholend durch den Wald, wo zunächst eine und dann zwei weitere Kompagnien zu umfassendem Vorgehen gegen Jassini angesetzt wurden. Hierbei war es auffallend, daß wir auf nahe Entfernung, vielleicht 200 Meter nur, ein sehr wohlgezieltes Feuer erhielten, und erst viel später stellte sich heraus, daß der Feind in Jassini nicht nur einen schwachen Posten hatte, sondern daß hier vier indische Kompagnien in einem stark ausgebauten und vortrefflich gedeckten Fort eingenistet waren. Der hinter mir gehende Hauptmann von Hammerstein brach plötzlich zusammen: er hatte einen Schuß in den Unterleib erhalten. So nahe mir dies natürlich ging, mußte ich im Augenblick den Schwerverwundeten in ärztlicher Hand zurücklassen. Nach wenigen Tagen riß der Tod dieses ausgezeichneten Offiziers eine schwer auszufüllende Lücke in die Tätigkeit unseres Stabes.

Das Gefecht war sehr heftig geworden. Zwei unserer Kompagnien hatten, obgleich die beiden Kompagnieführer, die Oberleutnants Gerlich und Spalding gefallen waren, in glänzendem Sturmlauf die festen Pflanzungsgebäude von Jassini rasch genommen und sich nun unmittelbar vor der feindlichen Stellung eingenistet. Bald wurde das Eingreifen der feindlichen Hauptkräfte fühlbar. Aus nordöstlicher Richtung, von Wanga her, trafen starke feindliche Kolonnen ein und erschienen plötzlich dicht vor unseren an der Befestigung bei Jassini liegenden Kompagnien. Der Feind machte drei energische Angriffe an dieser Stelle und wurde jedesmal zurückgeworfen. Von Norden und Nordwesten her trafen gleichfalls feindliche Kolonnen ein. Gegen die westlichen hatte das Araberkorps seine Aufgabe schlecht erfüllt; schon am Tage vorher hatten mich viele der Araber bestürmt, sie doch zu entlassen. Als sie jetzt im dichten Versteck an der feindlichen Anmarschstraße den Gegner erwarten sollten, war ihnen die Spannung zu groß. Statt überraschend ein vernichtendes Feuer abzugeben, schossen sie blind in die Luft und rissen dann aus. Glücklicherweise trafen diese feindlichen Kolonnen dann aber auf Hauptmann Adlers beide Kompagnien und wurden blutig zurückgewiesen. Das ganze Gefecht hatte sich bis dahin als ein tatkräftiges Vorstürmen charakterisiert; auch die letzte Reserve, nämlich die Europäerkompagnie, war auf ihre dringende Bitte eingesetzt worden. Gegen Mittag war das Gefecht vor der starken feindlichen Befestigung an allen Stellen zum Stehen gekommen. Wir hatten tatsächlich keine Mittel, gegen diese Befestigungen etwas Ausreichendes zu unternehmen, und auch unsere Feldgeschütze, die wir aus 200 Meter in Stellung brachten, erzielten keinen durchschlagenden Erfolg. Die Hitze war unerträglich und wie bei Tanga löschte alles den Durst mit jungen Kokosfrüchten.

Ich selbst begab mich mit Leutnant Bleeck nun auf den rechten Flügel, um die Vorgänge bei der Kolonne des Majors Kepler zu erkunden; über die feindliche Befestigung hatte ich damals noch keine volle Klarheit gewonnen, und so gerieten wir auf dem Sande eines zur Zeit trockenen, ganz freien und übersichtlichen Creeks wiederum in ein sehr wohlgezieltes Feuer. Die Geschosse schlugen aus 500 Meter Entfernung dicht bei uns ein und konnten bei den deutlich sichtbaren Sandspritzern gut korrigiert werden. Der Sand war so tief und die Hitze derartig groß, daß man nur wenige Schritte laufen oder rasch gehen konnte. In der Hauptsache mußten wir langsam ungedeckt gehen und das lästige Feuer über uns ergehen lassen. Glücklicherweise tat uns dieses aber keinen ernsthaften Schaden, obgleich ein Schuß durch den Hut und einer durch den Arm, den ich erhielt, zeigten, daß es wenigstens gut gemeint war. Bei der Rückkehr vom rechten Flügel waren der Durst und die Erschöpfung so groß, daß zwischen einigen sonst nicht feindlich gesinnten Herren ernstliche Meinungsverschiedenheiten wegen einer Kokosnuß entstanden, obgleich in den massenhaft vorhandenen Bäumen weitere Nüsse unschwer zu erlangen waren.

Das Kommando hatte sich wieder an die Straße Totohowu-Jassini begeben. Auf dieser lag eine leichte Pflanzungsbahn, deren Wagen unausgesetzt Verwundete nach Totohowu fuhren, in dessen Europäergebäuden ein Lazarett eingerichtet war. Die Munition — der Askari trug etwa 150 Patronen — begann knapp zu werden, und die Mahnungen aus der Schützenlinie mehrten sich, daß sie sich nicht mehr halten könnte. Leichtverwundete, die verbunden waren, und ein Haufen Versprengter strömten beim Kommando zusammen, ganze Züge hatten sich total verlaufen oder aus anderen Gründen den ihnen zugewiesenen Platz verlassen. Alle diese Leute wurden gesammelt, von neuem eingeteilt und so wieder eine verwendungsfähige Reserve geschaffen. Die Munition der Maschinengewehrgurte war zum großen Teil aufgebraucht, und neue Munition rollte von Totohowu auf der Trollibahn heran. Die Gurtfüller der Maschinengewehre, an den Stämmen der Palmen befestigt, arbeiteten unausgesetzt. Es war klar, daß wir bereits erhebliche Verluste erlitten hatten. Mancher Wunsch wurde ausgesprochen, das Gefecht abzubrechen, da die Einnahme der feindlichen Befestigungen ja doch aussichtslos erschien. Wenn man aber bedachte, in welcher unangenehmen Lage der in seiner Befestigung eingeschlossene Feind war, der kein Wasser hatte und alle Tätigkeiten des täglichen Lebens dort verhältnismäßig eng zusammengedrängt in glühender Sonne und im feindlichen Feuer verrichten mußte, so schienen doch beim zähen Festhalten unsererseits Erfolge noch weiterhin erreichbar. Der Nachmittag und die Nacht vergingen in unausgesetztem Gefecht; wie immer in solchen kritischen Lagen tauchten alle möglichen Gerüchte auf. Die Besatzung der feindlichen Befestigungen sollte aus südafrikanischen Europäern, hervorragenden Scharfschützen, bestehen; einige wollten genau ihre Sprache verstanden haben. Und es war auch wirklich jetzt noch sehr schwer, sich ein klares Bild zu machen. Meine Ordonnanz, der Ombascha (Gefreite) Rajabu, war sofort zu näherer Erkundung bereit, kroch dicht an die feindliche Linie heran und fiel dort. Der Schwarze, an sich leicht erregbar, war es in dieser kritischen Lage bei Nacht doppelt, und ich mußte die Leute mehrfach ernstlich schelten, wenn sie blind in die Luft knallten.

In der Frühe des 19. Januar lebte das Feuer zu größter Heftigkeit wieder auf. Der Feind, auf allen Seiten eingeschlossen, machte einen mißglückten Ausfall und zeigte kurz darauf die weiße Fahne. Vier indische Kompagnien, mit europäischen Offizieren und Chargen, fielen in unsere Hand. Wir alle bemerkten den kriegerischen Stolz, mit dem unsere Askari auf den Feind blickten; ich habe nie gedacht, daß unsere Schwarzen so vornehm aussehen könnten.

Freund und Feind hatten sich in unangenehmer Lage befunden und waren der Erschöpfung ihrer Nervenkraft nahe. So pflegt es bei jedem ernsthaften Ringen zu sein — die Askari lernten aber jetzt, daß man das erste Mißbehagen bezwingen muß, um den zum Sieg erforderlichen letzten Vorsprung vor dem Feind zu gewinnen. Den Verlust des Feindes schätzte ich auf mindestens 700 Mann, die erbeuteten Papiere ergaben ein klares Bild über seine Stärke, die mehr als das Doppelte unserer eigenen betrug. Hiernach hatte der Führer der Truppe in Britisch-Ostafrika, General Tighe, der kurz vorher in Wanga gelandet war, mehr als 20 Kompagnien, die meistens im Fußmarsch aus der Richtung von Mombassa her die Küste entlang marschiert waren, in Jassini und Umgebung versammelt. Sie sollten weiter in Richtung auf Tanga vordrücken.

Der Abtransport der Verwundeten von Jassini in die Lazarette der Nordbahn ging in wenigen Tagen mit Hilfe der Automobile und der Rikschas, die zwischen dem Feldlazarett von Totohowu und Tanga verkehrten, glatt vor sich. Diese Rikschas, von einem Mann gezogene kleine federnde Karren (wie Dogcarts), die in Tanga die Rolle von Droschken spielten, waren von dem leitenden Sanitätsoffizier für Verwundetentransporte requiriert worden. Der Feind hatte sich in seine befestigten Lager nördlich der Landesgrenze zurückgezogen, auf die mir ein erneuter Angriff wenig Aussicht versprach. Ihm gegenüber wurde als Rückhalt für die sofort einsetzenden Unternehmungen der Patrouillen eine Abteilung von wenigen Kompagnien bei Jassini belassen; der Hauptteil der Truppen wurde wieder in die Gebiete des Kilimandjaro abtransportiert.

Der Marsch zu dem Einschiffungspunkt der Nordbahn führte die Truppen über die Pflanzung Amboni. Dort hatten die Bewohner von Tanga aus freien Stücken Verpflegung und Erfrischungen vorbereitet, und nach den ungeheuren Strapazen, die die Unternehmung von Jassini mit ihren andauernden Gewaltmärschen, ihrer aufreibenden Hitze und den Tag und Nacht währenden Gefechten mit sich gebracht hatte, belebte sich das schwefelhaltige Flüßchen Sigi schnell mit Hunderten von weißen und schwarzen badenden Gestalten. Alle Mühsal war vergessen und die Stimmung stieg aufs höchste, als gerade in diesem Augenblick nach längerer Pause wieder einmal ein Funkspruch aus der Heimat aufgenommen wurde. Er zeigte uns, daß die Meldung von den Gefechten bei Tanga soeben in Deutschland eingetroffen sein mußte und enthielt die Anerkennung Seiner Majestät für den dort errungenen Erfolg.

Siebenter Abschnitt Kleinkrieg und neue Zurüstungen

Später erbeutete Papiere erwiesen zahlenmäßig, daß der Feind Truppenverschiebungen vom Viktoriasee nach dem Kilimandjaro zu vornahm. Das Gefecht von Jassini entlastete also tatsächlich andere, weit entfernt gelegene Gebiete. Diese Beobachtung bestätigte den ursprünglichen Gedanken, daß das feste Anfassen des Feindes an einer Stelle zugleich die beste Sicherung auch des Restes des Schutzgebietes sei. Es war von untergeordneter Bedeutung, ob der Rest des Schutzgebietes auch lokal energisch verteidigt wurde. Trotzdem begrüßte ich es mit Freuden, daß der Gouverneur sich im Februar 1915 zu dem Befehl bewegen ließ, daß die Küstenplätze bei feindlicher Bedrohung zu verteidigen seien. Die bisherigen Erfolge hatten bewiesen, daß eine solche lokale Verteidigung auch gegen das Feuer der Schiffsgeschütze nicht aussichtslos war.

Unser mit neun Kompagnien ausgeführter Angriff hatte bei Jassini zwar zu einem vollen Erfolge geführt, aber er zeigte mir, daß so schwere Verluste, wie auch wir erlitten hatten, nur ausnahmsweise ertragen werden konnten. Wir mußten mit unseren Kräften haushalten, um eine lange Dauer des Krieges zu ertragen. Von den aktiven Offizieren waren Major Kepler, die Oberleutnants Spalding und Gerlich, die Leutnants Kaufmann und Erdmann gefallen, Hauptmann v. Hammerstein an seiner Wunde gestorben. Für den Verlust dieser Berufssoldaten — ungefähr ein Siebentel der im ganzen vorhandenen aktiven Offiziere — gab es keinen Ersatz.

Auch der Verbrauch von 200000 Patronen zeigte mir, daß ich mit den vorhandenen Mitteln höchstens noch drei derartige Gefechte führen konnte. Die Notwendigkeit, größere Schläge nur ganz ausnahmsweise, dafür aber in der Hauptsache Kleinkrieg zu führen, trat gebieterisch in den Vordergrund.

Der leitende Gedanke, immer wieder gegen die Ugandabahn zu wirken, konnte aber wieder aufgenommen werden, da sich hier Unternehmungen mit größeren Truppenkörpern sowieso nicht ausführen ließen. Es galt, in mehrtägigen Märschen die weite, wasser- und menschenarme Steppe zu durchschreiten, die außer gelegentlichen Jagderträgnissen wenig an Verpflegung bot. Es war nötig, nicht nur Verpflegung, sondern auch Wasser mitzutragen. Schon hierdurch begrenzte sich die Stärke der marschierenden Abteilung. Es bedarf für solche Expedition durch verpflegungs- und wasserlose Gebiete viel Erfahrung der Truppe, wie sie im damaligen Stadium des Krieges noch nicht vorhanden sein konnte. Für den Durchmarsch durch diese Steppe war eine Kompagnie schon zu viel, und wenn sie dann nach mehrtägigem Marsch einen Punkt der Ugandabahn wirklich erreicht hätte, so hätte sie wieder umkehren müssen, weil der Verpflegungsnachschub nicht aufrechterhalten werden konnte. Diese Verhältnisse besserten sich mit der Zeit durch größere Schulung der Truppe und durch die allmählich wachsende Kenntnis des Geländes, welches zuerst im wesentlichen terra incognita war.

Es blieb also nichts anderes übrig, als den gewollten Zweck durch kleine Abteilungen, Patrouillen, zu erreichen. Auf diese Patrouillen wurde in der Folgezeit der allergrößte Wert gelegt. Vom Engare-Nairobi aus umritten kleinere Abteilungen von 8 bis 10 Mann, aus Europäern und Askari gemischt, die feindlichen Lager, die sich bis zum Longido vorgeschoben hatten, und legten sich an deren rückwärtige Verbindungen. Aus der Tangabeute standen Telephonapparate zur Verfügung, die sie an die englischen Telephonleitungen anschlossen; dort warteten sie dann ab, bis größere oder kleinere feindliche Abteilungen oder Ochsenwagentransporte vorbeizogen. Aus 30 Meter wurde der Feind dann aus dem Hinterhalte beschossen, Gefangene und Beute gemacht, und die Patrouille verschwand wieder in der endlosen Steppe. So wurden damals Gewehre, Munition und Kriegsbedarf aller Art erbeutet.

Eine dieser Patrouillen hatte am Erokberge beobachtet, daß der Feind seine Reittiere zur bestimmten Zeit zur Tränke trieb. Schnell machten sich zehn unserer Reiter auf und lagerten nach zweitägigem Ritt durch die Steppe in der Nähe des Feindes. Sechs Mann kehrten mit den Pferden zurück, die vier anderen nahmen jeder einen Sattel und schlichen sich auf wenige Schritte durch die feindlichen Posten bis in die Nähe der hinter dem Lager gelegenen Tränke. Ein englischer Soldat trieb die Herde, als ihm plötzlich zwei unserer Patrouillenreiter mit fertig gemachtem Gewehr und dem Zuruf: „Hands up!“ aus dem Busch gegenübertraten. Vor Erstaunen fiel ihm die Tonpfeife aus dem Munde. Sofort wurde an ihn die Frage gerichtet: „Wo sind die fehlenden vier Pferde?“ Unser gewissenhafter Patrouillenmann hatte nämlich beobachtet, daß die Herde nur aus 57 Stück bestand, während er gestern 61 gezählt hatte! Diese vier waren schonungsbedürftig und im Lager zurückgelassen worden. Schnell wurden das leitende Pferd der Herde und noch einige andere gesattelt, ausgesessen, und im Galopp ging es herum um das feindliche Lager, den deutschen Linien zu. Auch in dem gefangenen Engländer, der ohne Sattel, auf dem blanken Rückgrat des Pferdes diese „Safari“ nicht gerade bequem mitmachen mußte, regte sich der angeborene Sportsinn seiner Nation. Humorvoll rief er aus: „Ich möchte jetzt wirklich das Gesicht sehen, welches mein Captain macht“, und als die Tiere glücklich im deutschen Lager angekommen waren: „It was a damned good piece of work“ (Es war eine verteufelt gute Leistung).

Die so gemachte Beute, durch eine Anzahl auch sonst aufgetriebener Pferde und Maultiere verstärkt, gestattete die Aufstellung einer zweiten berittenen Kompagnie. Die Zusammensetzung der nunmehr vorhandenen zwei berittenen Kompagnien, aus Europäern und Askari gemischt, hat sich bewährt. Sie gab uns das geeignete Material, um die weiten, nördlich des Kilimandjaro belegenen Steppengebiete mit starken mehrtägigen Patrouillen abzustreifen, auch bis zur Ugandabahn und zur Magadbahn vorzudringen, Brücken zu zerstören, Bahnpostierungen zu überfallen, Minen am Bahnkörper anzubringen und überraschende Unternehmungen aller Art auf den Landverbindungslinien zwischen der Bahn und den feindlichen Lagern auszuführen. Auch für uns ging es dabei nicht ohne Verluste ab. Eine Patrouille hatte in der Nähe der Magadbahn einen glänzenden Feuerüberfall gegen zwei Inderkompagnien ausgeführt, dann aber ihre Reittiere, die im Versteck zurückgelassen worden waren, durch das feindliche Feuer verloren; den weiten, viertägigen Rückweg durch die Steppe mußte sie zu Fuß und ohne Verpflegung zurücklegen. Glücklicherweise fand sie in einem Massaikral Milch und etwas Vieh, später rettete sie dann ein erlegter Elefant vor dem Verhungern. Aber mit den Erfolgen regte sich auch die Unternehmungslust, und die Bitten, möglichst bald eine Patrouille gehen oder reiten zu dürfen, wurden zahlreich.

Einen anderen Charakter hatten die Patrouillen, die aus dem Kilimandjarogebiet mehr in östlicher Richtung vorgingen. Sie mußten sich zu Fuß tagelang durch dichten Busch hindurcharbeiten. Die Bahnzerstörungspatrouillen waren meist schwach: ein oder zwei Europäer, 2 bis 4 Askari, 5 bis 7 Träger. Sie mußten sich durch die feindlichen Sicherungen hindurchschleichen und wurden vielfach von eingeborenen Spähern verraten. Trotzdem erreichten sie ihr Ziel meist und waren manchmal über zwei Wochen unterwegs. Für so wenige Leute war ein geschossenes Stück Wild oder eine geringe Beute dann ein erheblicher Verpflegungsrückhalt. Trotzdem waren die Strapazen und der Durst in der brennenden Hitze so groß, daß mehrfach Leute verdurstet sind; auch Europäer haben Urin getrunken. Schlimm stand es, sobald einer krank oder verwundet war; es war dann oft trotz besten Willens nicht möglich, ihn zu transportieren. Das Tragen eines Schwerverwundeten von der Ugandabahn durch die ganze Steppe bis zu den deutschen Lagern, wie es vorgekommen ist, bedeutete daher eine ganz gewaltige Leistung. Das sahen auch die Farbigen ein, und es sind Fälle vorgekommen, wo ein verwundeter Askari im vollen Bewußtsein dessen, daß er rettungslos verloren und den zahlreich vorhandenen Löwen preisgegeben war, nicht klagte, wenn er verwundet im Busch liegengelassen werden mußte, sondern von sich aus Gewehr und Patronen den Kameraden mitgab, um wenigstens diese nicht verlorengehen zu lassen.

Mehr und mehr vervollkommnete sich dieses Patrouillenwesen. Die Vertrautheit mit der Steppe wuchs, und neben der Spreng- und Schleichpatrouille entwickelten sich die Kampfpatrouillen. Diese, 20 bis 30 Askari oder stärker, manchmal mit ein bis zwei Maschinengewehren ausgerüstet, zogen auf den Feind los und suchten ihm im Kampfe Verluste beizubringen. Im dichten Busch kam es hierbei zu so nahen und überraschenden Zusammenstößen, daß unsere Askari manchmal buchstäblich über den liegenden Feind hinweggesprungen und so von neuem in dessen Rücken gelangt sind. Der Einfluß dieser Unternehmungen auf die Selbständigkeit und den Tatendrang war bei Europäern und Farbigen so groß, daß sich schwer eine Truppe mit einem besseren soldatischen Geist finden dürfte. Freilich, manche Nachteile ließen sich nicht ausgleichen. Insbesondere konnten wir bei unserer Knappheit an Patronen keine so hohen Grade der Schießausbildung erreichen, um den Feind, wo wir ihn in ungünstige Lage gebracht hatten, wirklich aufzureiben.

Auch unsere Technik lag nicht müßig. Geschickte Feuerwerker und Waffenmeister konstruierten unausgesetzt im Verein mit den Ingenieuren der Fabriken geeignete Apparate für die Bahnsprengungen. Manche dieser Apparate zündeten, je nachdem sie eingestellt wurden, entweder sofort oder nachdem eine bestimmte Anzahl Achsen darüber gefahren war. Mit der zweitgenannten Einrichtung hofften wir die Lokomotiven zu zerstören, da die Engländer als Schutzmaßregel ein oder zwei mit Sand beladene Wagen vor den Maschinen laufen ließen. Als Sprengmaterial war Dynamit auf den Pflanzungen reichlich vorhanden, sehr viel wirksamer aber waren die bei Tanga erbeuteten Sprengpatronen.

Im April 1915 traf überraschend die Nachricht von der Ankunft eines Hilfsschiffes ein. Dieses wurde bei seiner Einfahrt in die Mansabucht nördlich Tanga von einem englischen Kreuzer gejagt, beschossen, und der Führer mußte es auf Strand setzen. Wenn es auch in den folgenden Wochen gelang, die für uns so wertvolle Ladung fast vollzählig zu bergen, so stellte sich leider heraus, daß die Patronen durch das Seewasser stark angegriffen waren. Pulver und Zündhütchen zersetzten sich mehr und mehr, und damit wuchs die Anzahl der Versager. Es blieb nichts anderes übrig, als die gesamte Munition auseinanderzunehmen, das Pulver zu reinigen und zum Teil neue Zündhütchen einzusetzen. Solche fanden sich, wenn auch von anderer Konstruktion, glücklicherweise im Schutzgebiet vor; aber monatelang waren in Moschi alle auftreibbaren Askari und Träger von morgens bis abends mit der Herstellung der Munition beschäftigt. Die von früher vorhandenen unbeschädigten Patronen wurden ausschließlich für die Maschinengewehre zurückbehalten, von der bearbeiteten Munition wurden diejenigen Patronen, die etwa 20% Versager hatten, für Gefechtszwecke, die mit höheren Versagerprozenten für Übungszwecke verwandt.

Die Ankunft des Hilfsschiffes rief eine gewaltige Begeisterung hervor, zeigte sie doch, daß tatsächlich noch eine Verbindung zwischen uns und der Heimat bestand. Alle lauschten gespannt den Erzählungen des Führers, Leutnant zur See Christiansen, als dieser nach Herstellung von seiner Verwundung bei mir in Neumoschi eintraf. Die gewaltigen Kämpfe in der Heimat, der Geist der Opferfreudigkeit, die unbegrenzte Unternehmungslust, von denen die Kriegshandlungen der deutschen Truppen getragen waren, fanden auch in unseren Herzen ein Echo. Viele von denen, die den Kopf hatten hängen lassen, richteten sich auf; hörten sie doch, daß das unerreichbar Scheinende geleistet werden kann, wenn ein entschlossener Wille dahinter steht.

Ein anderes Mittel, auf den Geist der Truppe zu wirken, war die Handhabung von Beförderungen. Allgemein konnten diese nur zum Unteroffizier und innerhalb der Unteroffizier-Dienstgrade ausgesprochen werden, während eine Beförderung zum Offizier, die in vielen Fällen ja wohlverdient gewesen wäre, meine Zuständigkeit überschritten hätte. Es wurde in den einzelnen Fällen sehr scharf abgewogen, ob auch eine wirkliche Leistung vorlag. So wurden unverdiente Beförderungen vermieden, die den Geist der Truppe verderben. Im großen und ganzen waren wir aber darauf angewiesen, die Pflege der moralischen Faktoren weniger durch Belohnungen als in anderer Richtung zu suchen. Kriegsorden kannten wir in natura so gut wie gar nicht. Nicht den persönlichen Ehrgeiz des einzelnen, sondern ein von Vaterlandsliebe diktiertes echtes Pflichtgefühl und eine mit der Zeit sich immer mehr verstärkende Kameradschaft mußten wir anrufen und rege halten. Vielleicht hat gerade der Umstand, daß dieser dauerhafte und reine Ansporn zum Handeln nicht durch andere Motive getrübt wurde, Europäern und Askari die Zähigkeit und Schwungkraft verliehen, welche die Schutztruppe bis zum Schluß ausgezeichnet haben.

Die Engländer waren am Kilimandjaro nicht untätig. Vom Oldoroboberge, der 12 km östlich Taveta von einem deutschen Offiziersposten besetzt war, wurde am 29. 3. morgens ein Angriff durch zwei indische Kompagnien telephonisch gemeldet. Hauptmann Koehl und der österreichische Oberleutnant Frh. v. Unterrichter setzten sich von Taveta aus sofort in Marsch und griffen die beiden Kompagnien, die sich an den steilen Abhängen des Oldorobo festgebissen hatten, von beiden Seiten so scharf an, daß der fliehende Feind etwa 20 Mann liegen ließ, 1 Maschinengewehr und 70000 Patronen in unsere Hände fielen. Andere feindliche Unternehmungen führten am Tsavo entlang zum Nordost-Kilimandjaro; sie stützten sich auf das am Tsavo gelegene Msimalager, das stark befestigt und von mehreren Kompagnien besetzt war. Die am Nord-Ost-Kilimandjaro sich abspielenden Patrouillengefechte verliefen für uns durchweg günstig; auch die jungen Askari der 60 Mann starken Abteilung Rombo, die ihren Namen von einer am Ost-Kilimandjaro gelegenen Mission hatte, vertrauten ihrem Führer, dem über 60 Jahre alten Oberstleutnant von Bock, unbegrenzt. Ich erinnere mich, daß ein Verwundeter, der von ihm nach Neumoschi kam und mir eine Meldung machte, es ablehnte, sich ärztlich behandeln zu lassen, um keine Zeit zur Rückkehr zu seinem Führer zu verlieren. In mehreren Gefechten, manchmal gegen 2 feindliche Kompagnien, warfen diese jungen Leute den Feind zurück, und es ist bezeichnend, daß sich bei den Engländern die Sage um diese Kämpfe wob. Der britische Oberbefehlshaber beklagte sich brieflich bei mir, daß eine deutsche Frau an diesen Kämpfen teilnehme und Unmenschlichkeiten verübe, eine Vorstellung, die natürlich jeder Begründung entbehrte und mir lediglich zeigte, auf welchem Standpunkt der Nervosität man an feindlicher maßgebender Stelle angelangt war.

Trotz der großen Beute von Tanga war es klar, daß bei der voraussichtlich langen Dauer des Krieges die Vorräte unserer Kolonie sich aufbrauchen mußten. Die Farbigen in Neumoschi fingen auf einmal an, seidene Stoffe zu tragen: das war keineswegs ein Zeichen besonderen Luxus, sondern die Bestände der Inderläden an Baumwollkleidung gingen zu Ende. Wir mußten mit Ernst daran denken, selbst Neues zu schaffen, um das zahlreich vorhandene Rohmaterial zum Fertigfabrikat zu gestalten. Es hat sich nun ein eigenartiges, an die Schaffenskraft eines Robinson erinnerndes Leben entwickelt. Baumwollfelder gab es reichlich. Populäre Bücher wurden hervorgeholt, die über die vergessene Kunst der Handspinnerei und -weberei Auskunft gaben; von weißen und schwarzen Frauen wurde mit der Hand gesponnen; auf den Missionen und bei privaten Handwerkern wurden Spinnräder und Webstühle gebaut. Bald entstand so der erste brauchbare Baumwollstoff. Die von den verschiedenen Färbemitteln als besonders zweckmäßig ausprobierte Wurzel eines Baumes, Ndaa genannt, gab diesem Stoff eine braun-grünliche Farbe, die sich weder im Gras noch im Busch abhob und für die Uniform besonders zweckmäßig war. Der von den Pflanzern gewonnene Gummi wurde mit Schwefel vulkanisiert, und es gelang, eine brauchbare Bereifung für Automobile und Fahrräder herzustellen. Bei Morogoro war es einigen Pflanzern gelungen, aus Kokos ein dem Benzol ähnliches Antriebmittel, Trebol genannt, für die Motore der Automobile herzustellen. Wie in früheren Zeiten wurden Kerzen aus Unschlitt und Wachs im Haushalt und bei den Truppen angefertigt und Seife gekocht. Auch die zahlreichen in den Nordgebieten und längs der Tanganjika-Bahn gelegenen Fabriken der Pflanzungen wurden für Zwecke des Lebensunterhaltes umgestellt.

Besonders wichtig war die Herstellung von Schuhwerk. Rohmaterial lieferten die zahlreichen Vieh- und Wildhäute, Gerbstoff die Mangroven der Küste. Schon im Frieden hatten die Missionen gute Stiefel hergestellt; ihre Tätigkeit wurde jetzt weiter ausgebaut und auch die Truppe richtete größere Gerbereien und Werkstätten ein. Allerdings dauerte es einige Zeit, bis die Behörden den dringenden, unvermeidlichen Wünschen der Truppe in ausreichendem Maße nachkamen und insbesondere die für das Sohlenleder erforderlichen Büffelfelle zur Verfügung stellten. Der alte historische Kampf um die Kuhhaut ist so auch unter ostafrikanischen Verhältnissen mutatis mutandis wieder aufgelebt. Die ersten Stiefel, die in größerer Menge hergestellt wurden, entstanden bei Tanga. Wenn sie anfänglich in ihrer Form auch verbesserungsbedürftig waren, so schützten sie doch die Füße unserer weißen und schwarzen Soldaten bei ihren Märschen und Patrouillengängen in dem Dorngestrüpp des Pori. Bohren sich doch die zu Boden gefallenen Dornen beim Gehen immer wieder in den Fuß hinein. Alle die kleinen Anfänge, die in der Herstellung von Verpflegung auf den Pflanzungen schon im Frieden bestanden, wurden durch den Krieg und die Notwendigkeit, große Massen zu verpflegen, zu umfangreicherer Tätigkeit angespornt. Auf mehreren Farmen des Kilimandjaro wurden Butter und vortrefflicher Käse in großer Menge verfertigt, und die Schlachtbetriebe in der Gegend von Wilhelmstal konnten den Anforderungen an Wurst und sonstigen Räucherwaren kaum genügen.

Es war vorauszusehen, daß das für die Erhaltung der Gesundheit der Europäer so wichtige Chinin sich bald erschöpfen und sein Bedarf durch Beute allein nicht gedeckt werden würde. So war es von großer Bedeutung, daß es gelang, im Biologischen Institut Amani in Usambara aus der im Norden gewonnenen Chinarinde gute Chinintabletten herzustellen.

Der für den Verkehr von Ochsenwagen und Automobilen so wichtige Wegebau zwang zur Anlage stehender Brücken. Ingenieur Rentell, zur Truppe eingezogen, baute westlich Neumoschi über den reißenden Kikafustrom aus Stein und Beton eine Bogenbrücke mit mächtigem Pfeiler. Den Wassermassen hatte in den Regenperioden, also besonders im April, in dem wohl 20 m tiefen, steilen Bett keine Holzbrücke standgehalten.

Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, wie befruchtend der Krieg und seine Forderungen auf das gesamte wirtschaftliche Leben eingewirkt haben.

Auch an der Organisation der Truppe wurde eifrig weiter gearbeitet. Durch Abgabe der in den Schützenkompagnien zahlreich vorhandenen Europäer an die Askarikompagnien wurde deren Abgang an Europäern gedeckt; Askari wurden in die Schützenkompagnien eingestellt. So wurden Feld- und Schützenkompagnien in ihrem Bestande gleichartiger und im Laufe des Jahres 1915 einheitlich. In Muansa, Kigoma, Bismarckburg, Lindi, Langenburg und an anderen Orten hatten sich unter den verschiedensten Bezeichnungen kleinere Truppenverbände gebildet, von deren Bestehen das Kommando meist erst nach längerer Zeit Kenntnis erhielt. Auch diese Formationen wurden allmählich zu Kompagnien ausgebaut; so erhöhte sich im Laufe des Jahres 1915 nach und nach die Zahl der Feldkompagnien auf 30, der Schützenkompagnien auf 10, die anderer Verbände von Kompagniestärke auf etwa 20; im ganzen wurde so die Höchstzahl von 60 Kompagnien erreicht. Bei der begrenzten Zahl von geeigneten Europäern und zuverlässigen Askarichargen war es nicht angezeigt, die Zahl der Kompagnien noch weiter zu erhöhen; es wären dann nur Verbände ohne inneren Halt ins Leben getreten.

Illustration from Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Verpflegung bringende Weiber

⇒ GRÖSSERES BILD

Um trotzdem die Gesamtzahl der Streiter zu steigern, wurde der Etat der Kompagnien von 160 auf 200 Askari erhöht und den Kompagnien gestattet, über diesen Etat hinaus Askari einzustellen. Die Kompagnien bildeten ihre Rekruten zum Teil selbst aus. Die große Masse des Nachschubs an Askari kam aber aus den in den bevölkerten Gebieten von Tabora, Muansa und an der Nordbahn eingerichteten Rekrutendepots, die zugleich die lokale Sicherung und Ordnung aufrechterhielten. Bei der großen Zahl der neu aufgestellten Kompagnien war es für die Rekrutendepots aber nicht möglich, so viel Nachschub zu liefern, daß bei den Kompagnien durchweg der Etat von 200 Mann erreicht wurde. Die erreichte Höchstzahl der Truppe betrug Ende 1915 2998 Europäer und 11300 Askari, einschließlich Marinepersonal, Verwaltungsbehörden, Lazarette und Feldpost.

Wie notwendig alle diese kriegerischen Vorbereitungen waren, bewies die Ende Juni 1915 eintreffende Nachricht, daß aus Südafrika der General Botha mit 15000 Buren auf dem Kriegsschauplatz in Ostafrika eintreffen würde. Dieser Nachricht mußte von Anfang an große Wahrscheinlichkeit zugesprochen werden. Die lückenhaften Funksprüche und die wenigen Mitteilungen über die Vorgänge in der Außenwelt hatten erkennen lassen, daß die Verhältnisse in Südwest-Afrika für uns ungünstig standen, und daß die dort verwandten britischen Truppen wahrscheinlich in nächster Zeit anderweitig verfügbar werden würden.

Achter Abschnitt In Erwartung der großen Offensive. Energische Ausnutzung der noch zur Verfügung stehenden Zeit

Zunächst allerdings schien sich dieses erwartete Eingreifen der Südafrikaner nicht zu bestätigen; offenbar versuchte der Engländer uns ohne deren Mithilfe mit eigenen Kräften niederzuringen. Im Juli 1915 griff er die Kolonie an verschiedenen Stellen an. Östlich des Viktoriasees erschienen große von Engländern organisierte und geführte Masaibanden, angeblich viele Tausende, die in die viehreichen Gebiete der deutschen Wassukuma, östlich des Viktoriasees, einfielen. Im Punkte des Viehraubes verstanden die Wassukuma aber keinen Spaß, sondern leisteten unseren schwachen Posten jede Hilfe, schlugen die Massai, nahmen ihnen das geraubte Vieh wieder fort, und zum Zeichen, daß sie „wahr gesprochen“ hatten, legten sie 96 abgeschnittene Masaiköpfe vor unserer Polizeistation nieder.

Gegen den Hauptteil der Truppe im Kilimandjarogebiet ging der Feind mit erheblichen Kräften vor. Um einerseits eine wirksame Sicherung der Usambarabahn und ihrer reichen Pflanzungsgebiete durchzuführen und andererseits den Weg der Patrouillen zur Ugandabahn abzukürzen, war von Taveta aus eine Abteilung von 3 Kompagnien, bis Mbujuni, einen starken Tagesmarsch östlich Taveta, vorgeschoben worden. Einen weiteren Tagesmarsch östlich lag das gut besetzte und befestigte englische Lager Makatau, an der Hauptstraße, die von Moschi über Taveta, Mbujuni, Makatau, Bura nach Voi an der Ugandabahn führt. Dunkle Gerüchte hatten vermuten lassen, daß von Voi her eine neue größere Unternehmung in Richtung auf den Kilimandjaro zu erwarten stand.

Am 14. Juli erschien eine feindliche Brigade unter General Malleson in der im allgemeinen lichten Dornbuschsteppe von Makatau. Das Feuer einer Feldbatterie, das sich gegen die Schützengräben unserer Askari richtete, war ziemlich wirkungslos, aber die feindliche Überlegenheit von 7 : 1 war doch so erheblich, daß unsere Lage kritisch wurde. Feindliche berittene Europäer umfaßten den linken Flügel der Unsrigen, und es ist das Verdienst des leider später gefallenen Oberleutnant d. Ldw. Steinhäuser, daß er mit der braven, aus den Gefechten in der Gegend des Longido bewährten 10. Feldkompagnie nicht wich, obgleich die Unsrigen seitwärts der Kompagnie zurückgingen. Gerade im kritischen Moment kam die Patrouille des gleichfalls später gefallenen Oberleutnants von Lewinsky, die auf den Gefechtslärm sogleich losmarschiert war, der gefährlichen feindlichen Umfassung in den Rücken und lähmte sie völlig. Die englischen Truppen, mit Europäern und Indern durchsetzte Askari, waren sehr brav in dem wenig Deckung bietenden Gelände gegen unsere Front vorgegangen. Das Scheitern der englischen Umfassung aber besiegelte ihre Niederlage. Auf dem Bahnhof in Moschi wurde ich von dem Fortgang des Gefechtes telephonisch genau unterrichtet und habe so aus der Entfernung alle Spannungen von dem zunächst ungünstigen Stande bis zum vollen Erfolge miterlebt.

Dieser und die erhebliche Beute steigerten die Unternehmungslust unserer Europäer und Askari von neuem. Gestützt auf die bisherigen Erfahrungen und die erlangte Gewandtheit folgte jetzt recht eigentlich die Zeit unausgesetzter Kampf- und Sprengpatrouillen. Ich glaube in der Zahl nicht zu hoch zu greifen, wenn ich annehme, daß mindestens 20 englische Eisenbahnzüge zerstört oder wenigstens erheblich beschädigt worden sind.

Aufgefundene Photographien und eigene Beobachtungen bestätigten die Vermutung, daß tatsächlich eine Bahn von Voi nach Makatau gebaut wurde, welche wegen ihrer guten Erreichbarkeit und ihrer Bedeutung ein wundervolles Objekt für unsere Patrouillen bot. Der Bau dieser Kriegsbahn bewies, daß ein Angriff mit großen Truppen, und zwar an dieser Stelle des Gebietes des Kilimandjaro, vorbereitet wurde. Das erwartete Eingreifen der Südafrikaner stand also bevor. Es galt, den Feind in dieser seiner Absicht zu bestärken, damit die Südafrikaner auch wirklich, und zwar in recht großer Zahl, kamen und von anderen, wichtigeren Kriegsschauplätzen ferngehalten wurden. Mit äußerster Anstrengung wurden deshalb die Unternehmungen gegen die Ugandabahn, die nach Lage der Verhältnisse auch jetzt noch im wesentlichen nur in Patrouillenunternehmungen, nur ausnahmsweise in Vorstößen ganzer Kompagnien bestehen konnten, betrieben.

Die nähere Bekanntschaft mit dem Steppengebiet zwischen Ugandabahn und deutsch-englischer Grenze hatte ergeben, daß von den verschiedenen aus der Ebene schroff aufsteigenden Gebirgsstöcken das Massiv des Kasigao wasserreich und leidlich besiedelt war. Bei der Entfernung von nur 20 bis 30 km von der Ugandabahn mußte der Kasigao einen günstig gelegenen Rückhalt für Patrouillenunternehmungen bilden. Schon die Patrouille des Oberleutnants Freiherrn Grote hatte einen Handstreich gegen das auf halber Höhe des Berges gelegene kleine englisch-indische Lager ausgeführt. Die Schützen der Patrouille Grote hatten das von einer Steinmauer umgebene Lager umstellt und schossen von dem überhöhenden Teil des Berges wirkungsvoll in das Lager hinein. Sehr bald zeigte der Feind die weiße Flagge, und ein englischer Offizier und einige 30 Inder ergaben sich. Einem Teil des Feindes war es gelungen, auf den Berg zu entkommen und unsere Patrouillen beim Abrücken zu beschießen. Hierbei traten für uns die einzigen Verluste ein, in einigen Verwundeten bestehend, unter ihnen ein deutscher Sanitätsunteroffizier. Auch durch das Feuer eines 6 cm-Geschützes war die feindliche Postierung am Kasigao gelegentlich überrascht worden.

Gegen Ende des Jahres 1915 wurde der Feind am Kasigao, der sein Lager inzwischen verlegt hatte, erneut angegriffen. Eine deutsche Kampfpatrouille hatte unter Oberleutnant von Ruckteschell die Nacht durch in 9 Stunden den steilen Berg erstiegen und war ziemlich erschöpft in der Nähe der feindlichen Verschanzung angelangt. Eine zweite, mit der Patrouille Ruckteschell gemeinsam handelnde Patrouille unter Oberleutnant Freiherrn Grote war infolge von Erkrankung und Erschöpfung dieses Offiziers etwas zurückgeblieben. Oberleutnant von Ruckteschell schickte eine zuverlässige alte farbige Charge zum Feinde und ließ ihn zur Übergabe auffordern. Er beobachtete, daß unser Askari beim Feinde sehr herzlich bewillkommnet wurde; er hatte dort unter den englischen Askari eine Anzahl guter Bekannter getroffen. Der Feind lehnte aber trotz aller Freundlichkeit die Übergabe ab. Für uns war die Lage infolge großer Erschöpfung und Mangels an Verpflegung kritisch. Wenn überhaupt etwas unternommen werden sollte, mußte sofort gehandelt werden. Glücklicherweise hielt der Feind in seinen Verschanzungen unserem Maschinengewehrfeuer und dem unmittelbar darauf ansetzenden Ansturm nicht stand, er wurde aufgerieben und ein großer Teil seiner fliehenden Leute zerschellte beim Herabstürzen von den steilen Felsen. Bei der Beute befand sich außer reichlicher Verpflegung auch Bekleidung und wertvolles Zeltgerät. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das unsere Askari uns Deutschen gegenüber empfanden und das durch die zahlreichen gemeinsamen Unternehmungen mächtig entwickelt wurde, führte bei dieser Gelegenheit zu einer eigenartigen Szene. Nach der nächtlichen Ersteigung des Kasigao, die über Felsklippen und Dorngestrüpp ging, bemerkte ein Askari, daß Oberleutnant v. Ruckteschell sich das Gesicht blutig gerissen hatte. Sogleich nahm er seinen Strumpf, den er wohl 6 Tage nicht gewechselt hatte, und wischte damit seinem „Bwana Oberleutnant“ das Gesicht ab. Dessen etwas erstaunter Frage kam er mit den Worten zuvor: „Das ist Kriegssitte, so etwas tut man nur seinen Freunden.“

Ich hatte mich, um mich selbst über die Verhältnisse an Ort und Stelle zu orientieren und die Unternehmungen gegen den Kasigao zu beschleunigen, mit der Bahn nach Same, von dort im Auto nach der Mission Gonja und dann mit dem Fahrrad oder zu Fuß in Richtung auf den Kasigao an die deutsche Grenze begeben, wo eine Kompagnie an einer Wasserstelle lagerte. Die Verbindung durch Heliograph und durch Boten von dort zum Kasigao funktionierte leidlich, und so konnte der am Kasigao errungene Vorteil festgehalten werden. Es wurden sofort Truppen nachgeschoben, so daß der Kasigao bis zum Eintreffen der Südafrikaner durch mehrere Kompagnien besetzt blieb. Der Nachschub dorthin gestaltete sich allerdings recht schwierig; das deutsche Grenzgebiet westlich des Kasigao war an sich zwar reich, konnte aber doch der Verpflegung einer so großen Truppenmasse, deren Kopfstärke mit Trägern etwa 1000 Mann betrug, auf die Dauer nicht genügen.

Ich fuhr dann mit dem Auto um die Süd-Pareberge herum auf einer seinerzeit im Frieden angelegten Kunststraße. Der Bau dieser Straße war mit Rücksicht auf die Kosten liegen gelassen worden, und die Haufen Kleinschlag lagen seit Jahren unbenutzt an der Seite des Weges. Die Wasserdurchlässe — in Röhren unter der Oberfläche der Straße bestehend — waren zum großen Teil gut brauchbar. Es bedurfte geringer Arbeit, um diese Straße für den Nachschub vermittels eines Lastautos in Stand zu setzen. Von der Nordbahn bei Buiko ging dieser mit Auto bis Gonja und von dort weiter zum Kasigao mit Trägern. Die Telephonleitung bis zur Grenze war bereits im Bau und wurde nach wenigen Tagen fertiggestellt.

Vom Kasigao aus vorgehende Patrouillen hatten dann mehrfache Zusammenstöße mit feindlichen Abteilungen und führten auch Störungen der Ugandabahn durch. Bei dem wild zerklüfteten und mit Dornbusch dicht bewachsenen Gelände waren indes die Bewegungsschwierigkeiten so groß, daß der Kasigao als Rückhalt für Patrouillenunternehmungen bis zum Eintreffen der Südafrikaner nicht voll zur Geltung gekommen war. Aber durch die stete Bedrohung der Bahn war der Feind wenigstens zu umfassenden Sicherungsmaßnahmen veranlaßt worden. Längs der Bahn waren breite Schutzstreifen freigeschlagen und nach außen durch dichte Dornverhaue abgesperrt worden. Dann waren alle paar Kilometer feste, mit Hindernissen versehene Blockhäuser oder Verschanzungen angelegt, von denen aus Wachen ständig den Bahnkörper absuchen mußten. Bereitschaften von Kompagniestärke und mehr wurden beweglich gehalten, um sofort, wenn von einer Stelle die Gefährdung des Bahnkörpers gemeldet wurde, mit Extrazug zum Schutz heranzufahren. Außerdem waren Sicherungsabteilungen nach uns zu vorgeschoben, von denen aus versucht wurde, unsere Patrouillen bei der Rückkehr von der Bahn abzuschneiden, sobald Späher oder auf den Höhen aufgestellte Beobachtungsposten Meldung erstatteten. Auf den Höhen südöstlich des Kasigao bis zur Küste hin und weiter in dem Ansiedlungsgebiet der Küste wurden gleichfalls englische Lager festgestellt. Auch gegen sie richteten sich die Unternehmungen unserer Patrouillen und Streifabteilungen. Immer wieder wurde versucht, den Feind zu schädigen, zu Schutzmaßregeln zu veranlassen und auf diese Weise seine Kräfte hier im Gebiet der Ugandabahn zu fesseln.

Waren so von der Küste aus bis Mbujuni (an der Straße Taveta-Voi) Stützpunkte für unsere Kampfpatrouillen geschaffen worden, so wurde auch weiter nördlich im gleichen Sinne gearbeitet. Das feindliche Lager bei Mzima, am oberen Tsavoflusse, und dessen am Tsavofluß entlangführende rückwärtige Verbindung waren andauernd Objekte für unsere Unternehmungen, auch mit größeren Abteilungen. Hauptmann Augar war bei einer solchen Unternehmung mit seiner 13. Kompagnie südwestlich des Mzima-Lagers im dichten Busch durch drei feindliche Europäer-Kompagnien des neu eingetroffenen 2. Rhodesischen Regiments überrascht worden. Der Feind kam von verschiedenen Seiten, doch fehlte ihm, im Buschkrieg noch wenig bewandert, die nötige Einheitlichkeit im Handeln. So glückte es unserer Askari-Kompagnie, erst einen Teil des Feindes zu werfen und dann schnell entschlossen auch den anderen Teil zu schlagen, der im Rücken erschienen war.

Auch weiter nördlich spielten sich für uns günstige Buschgefechte ab, in denen wir in Kompagniestärke auftraten und dem Feinde, der häufig überlegen war, empfindliche Verluste beibrachten. Nördlich des Engare Len hat besonders die aus Lindi herangezogene 3. Feldkompagnie recht energisch gearbeitet und ihre Kampfpatrouillen bis zur Ugandabahn vorgetrieben. Schon der Umstand, daß wir jetzt mitten in der verpflegungslosen und vielfach wasserarmen Steppe Streifzüge in Stärke von Kompagnien und mehr ausführen konnten, zeigt, daß die Truppe in dieser Art des Kleinkrieges gewaltige Fortschritte gemacht hatte. Der Europäer hatte gelernt, daß vieles, was für Reisen in tropischen Gebieten recht erwünscht ist, im Kriege auf Patrouillengängen eben fortfallen muß und daß man sich zur Not auch eine Weile mit einer einzigen Traglast behelfen kann.

Die Patrouillen mußten den verräterischen Lagerrauch vermeiden und nach Möglichkeit schon fertiges Essen mitnehmen. Mußte aber abgekocht werden, so war dies in den Morgen- und Abendstunden besonders gefährlich. Der Führer mußte sich dann ein dem Einblick entzogenes Versteck aussuchen und auf alle Fälle nach dem Abkochen den Lagerplatz wechseln, ehe er zur Ruhe überging. Ein voller hygienischer Schutz war bei den Strapazen einer Patrouille nicht möglich. Regelmäßig traten daher nach der Rückkehr eine Anzahl Malariafälle bei den Teilnehmern auf. Da aber der Patrouillendienst trotz ständiger Schädigung des Feindes verhältnismäßig wenig Leute erforderte, brauchte nur ein Teil der Kompagnien in vorderer Linie zu sein. Nach einigen Wochen wurde jede Kompagnie in gesund gelegene Ruhelager zurückgezogen. Europäer und Askari konnten sich von den enormen Strapazen erholen und in Ausbildung und Mannszucht befestigt werden.

Gegen Ende des Jahres 1915 war die Wasserarmut im Lager von Mbujuni so groß und der Verpflegungsnachschub so schwierig geworden, daß nur eine Postierung dort belassen, die Abteilung selbst aber weiter nach Westen in die Gegend des Oldoroboberges zurückgezogen wurde. Das feindliche Lager von Makatau wuchs inzwischen immer mehr an. Ein lebhafter Zugverkehr herrschte dorthin, und man sah deutlich, wie für die Weiterführung des Bahnbaues eine große Schneise in westlicher Richtung geschlagen wurde. Zwar hatten unsere Kampfpatrouillen hier häufig Gelegenheit, dem Feinde bei seinen Arbeiten und bei der Sicherung derselben Verluste beizufügen, aber der Bahnbau schritt doch immer weiter nach Westen vorwärts.

Die Möglichkeit war zu erwägen, daß das Gebiet der Nordbahn bald in die Hände des Feindes fallen könnte. Es mußte also Vorsorge getroffen werden, die Truppenbestände der Nordbahnbezirke rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Das hatte, soweit Schienenwege zur Verfügung standen, keine Schwierigkeit. Der Weitertransport über Land aber erforderte große Vorbereitungen. In Neumoschi und in Mombo lagerten zum großen Teil unsere Bestände an Munition, Bekleidung und Sanitätsmaterial. Es war vorauszusehen, daß die Fabrikanlagen oder Teile derselben über Land nicht würden abtransportiert werden können; sie mußten deshalb so lange wie möglich an Ort und Stelle ausgenutzt und in Betrieb gehalten werden. Den feindlichen Angriff im Norden vorausgesetzt, ergab sich die Richtung unseres Abtransportes im allgemeinen in südlicher Richtung, und nicht nur die Vorbereitungen, sondern auch die Transporte selber mußten ohne Zeitversäumnis, also schon im August 1915, begonnen werden.

In umsichtiger Weise beschaffte daher der Linienkommandant, Leutnant a. D. Kroeber, von den Pflanzungen Feldbahnmaterial und baute bei einer Tagesleistung von etwa 2 km von Mombo aus eine Feldbahnstrecke nach Handeni. Die Trollis wurden ebenfalls von Pflanzungen aufgekauft und nach reiflicher Überlegung dem Handbetrieb der Vorzug vor dem Lokomotivbetrieb gegeben. So gelangten die Bestände aus dem Norden vollzählig und rechtzeitig auf Schienen bis Handeni. Dort setzte, von der Benutzung einiger weniger Wagen abgesehen, in der Hauptsache Trägertransport bis Kimamba an der Zentralbahn ein. Zurückhaltung in den Transporten war jedoch geboten, weil ich trotz aller sichtbaren Vorbereitungen eines feindlichen Angriffs gegen das Kilimandjarogebiet doch mit der Möglichkeit rechnete, daß die Hauptkräfte des Feindes oder wenigstens erhebliche Teile desselben nicht am Kilimandjaro, sondern in der Gegend von Bagamojo-Daressalam eingesetzt werden würden.

Ende 1915 drängte nun der Feind mit seiner Eisenbahnhaubitze immer weiter nach Westen vor, ihm gegenüber verstärkte Major Kraut mit drei Kompagnien und zwei leichten Geschützen seine Stellung auf dem Oldoroboberge. Dieser Berg erhebt sich 12 km östlich Taveta an der Hauptstraße aus der flachen Dornsteppe und beherrscht das Gelände in weitem Umkreise. Seine teilweise in den Fels eingehauenen Verschanzungen mit zahlreichen Scheinanlagen hatten einen fast uneinnehmbaren Stützpunkt geschaffen. Der Nachteil der Stellung lag in dem absoluten Wassermangel. Ein zur Truppe eingezogener Pflanzer, Leutnant d. R. Graf Matuschka, hatte als Kundiger mit der Wünschelrute zwar bei Taveta in der Erschließung vortrefflicher Brunnen Erfolge gehabt, aber am Oldorobo wurde kein Wasser erschlossen, obgleich an den von ihm bezeichneten Stellen über 30 m tief gegraben wurde. Das Wasser mußte daher von Taveta her in kleinen Eselwagen zum Oldorobo gefahren werden und wurde dort in Fässern gesammelt. Dieser Wassertransport war eine außerordentliche Belastung unserer Transportmittel. Merkwürdigerweise kam der Feind nicht darauf, ihn zu stören und dadurch den Oldorobo für uns unhaltbar zu machen. Statt dessen schob er sich, gestützt auf seinen Bahnbau, bis auf 5 km von Osten her an den Berg heran und baute dort stark befestigte Lager. Es war nicht gelungen, ihn daran zu hindern, da wegen Wasser- und Transportschwierigkeiten stärkere Truppenmassen sich nur vorübergehend von Taveta entfernen konnten. Der Feind selbst deckte seinen Wasserbedarf vermittels einer langen Leitung, die von den Quellen der Buraberge ausging. Die Zerstörung des feindlichen Wasserreservoirs durch die Patrouillen des Leutnants d. R. v. Stietencron brachte dem Gegner nur vorübergehende Verlegenheit.

Um diese Zeit zeigten sich auch die ersten Landflugzeuge des Feindes und bewarfen unsere Stellungen am Oldorobo und bei Taveta, später auch Neumoschi selbst mit Bomben. Am 27. Januar 1916 wurde einer dieser Flieger, der vom Oldorobo zurückkehrte, mit Erfolg von unserer vorgeschobenen Infanterie beschossen und stürzte ab. Die Engländer hatten den Eingeborenen mitteilen lassen, daß dies Flugzeug ein neuer „Mungu“ (Gott) wäre; dadurch, daß dieser neue Mungu nun aber abgeschossen und von uns erbeutet wurde, trug er eher zur Hebung als zur Schädigung des deutschen Ansehens bei.

Neunter Abschnitt Die Nebenkriegsschauplätze. Kleinkrieg zu Wasser und zu Lande bis zur Jahreswende 1915–16

Bei der Verwendung der Hauptkräfte der Truppe im Gebiete der Nordbahn durften die anderen Teile der Kolonie nicht gänzlich entblößt werden. Es war notwendig, im Innern des Landes unbedingt Herr über die Eingeborenen zu bleiben, um den gesteigerten Anforderungen der Trägergestellung, des Anbaues, der Lieferungen und der Arbeiten aller Art nötigenfalls Nachdruck geben zu können. So blieb die 12. Kompagnie in Mahenge und die 2. Kompagnie in Iringa. Beide haben neben ihren sonstigen Aufgaben zugleich als größere Rekrutendepots fungiert, welche zur Auffüllung der in der Front entstandenen Lücken dienten und gleichzeitig Neuaufstellungen ermöglichten.

Die weit entfernten und drahtlich nicht erreichbaren Abteilungsführer an den Grenzen waren richtigerweise bestrebt, dem Feinde zuvorzukommen und ihn auf seinem eigenen Gebiete anzugreifen. Bei dem Mangel an Verbindungen deutscherseits zerfielen diese Kämpfe in eine Reihe von Einzelunternehmungen, die von einander unabhängig waren. Anders beim Feinde; offensichtlich war dieser bestrebt, seine Hauptkampfhandlungen mit den an anderen Stellen der Grenze stattfindenden Nebenunternehmungen in Einklang zu bringen.

Im Oktober 1914, also vor den Gefechten von Tanga, meldete Kapitän Zimmer aus Kigoma, daß an der belgischen Grenze etwa 2000 Mann ständen; Hauptmann Braunschweig aus Muansa, daß am Viktoriasee bei Kisumu gleichfalls ein stärkerer Gegner, bei Kisii etwa 2 Kompagnien sowie weitere Truppen bei Karungu versammelt seien. Nach anderen, von einander unabhängigen Eingeborenenaussagen sind indische Truppen im Oktober in Mombasa gelandet und sodann weiter in Richtung Voi abtransportiert worden. Im Bezirke Bukoba drangen englische Truppen über den Kagera vor, und die Nebenstelle Umbulu meldete den Einmarsch feindlicher Truppen in das Ssonjogebiet. Offenbar waren dies Vorbereitungen für Unternehmungen, die im Einklang mit dem großen, Anfang November 1914 auf Tanga einsetzenden Angriff stehen sollten.

Bei der Unzulänglichkeit der Verkehrsmittel der Kolonie war es nicht möglich, gegen diese verschiedenen, längs der Grenze aufmarschierten feindlichen Abteilungen schnell unsere Hauptkräfte abwechselnd gegen die eine, dann gegen eine andere einzusetzen. Wir mußten daher an dem Hauptgedanken unserer Kriegführung festhalten, vom Gebiete der Nordbahn aus den dort gegenüberstehenden Feind kräftig anzufassen und auf diese Weise mittelbar auch die anderen Stellen, an denen Krieg geführt wurde, zu entlasten. Notgedrungen mußten aber diese Nebenstellen gelegentlich verstärkt werden.

So waren September 1914 von Iringa und Ubena aus die Hauptleute Falkenstein und Aumann mit Teilen der 2. Kompagnie in den Bezirk Langenburg gerückt. März 1915 wurde die 26. Feldkompagnie von Daressalam über Tabora nach Muansa geschoben. Im April 1915 veranlaßten die Truppenansammlungen des Feindes im Maradreieck (östlich des Viktoriasees) und bei Bismarckburg weitere zeitraubende Truppenverschiebungen aus Daressalam über Muansa zum Maradreieck, sowie über Kigoma nach Bismarckburg; letztere wurden auf dem Tanganjikasee durch den langsam fortschreitenden Bau des in Kigoma liegenden Dampfers „Goetzen“ noch besonders verzögert.

Zunächst richteten sich die feindlichen Angriffe hauptsächlich auf die Küste.

Unser kleiner Kreuzer „Königsberg“ war zu Anfang des Krieges aus dem Hafen von Daressalam ausgelaufen und hatte am 20. September 1914 bei Zanzibar den englischen Kreuzer „Pegasus“ überrascht und zusammengeschossen. Darauf waren mehrere große feindliche Kreuzer eingetroffen, die eifrig nach der „Königsberg“ suchten. Am 19. Oktober fuhr eine Pinaß bei Lindi zu dem im Lukuledifluß versteckten Dampfer „Präsident“ der Ostafrika-Linie. Die in Lindi aufgestellte Schutzgebietswehr und Ersatzkompagnie war unter Hauptmann Augar gerade zur Abwehr einer bei Mikindani vermuteten Landung abwesend, so daß gegen die Pinaß nichts unternommen werden konnte.

Erst am 29. Juli 1915 sprengten mehrere Walfischfänger, die den Lukuledi aufwärts fuhren, den dort liegenden Dampfer „Präsident“.

Unser kleiner Kreuzer „Königsberg“ hatte sich nach erfolgreichen Kreuzfahrten im Indischen Ozean in der Rufidjimündung versteckt. Sein Aufenthalt war aber dem Feinde bekannt geworden. Der Fluß bildet hier ein weit verzweigtes und sehr unübersichtliches Delta, dessen Inseln mit dichtestem Busch bewachsen sind. Die Ausgänge der einzelnen Wasserarme wurden von der Abteilung „Delta“, einer aus Marinemannschaften, eingezogenen Europäern und Askari gebildeten Schutztruppenabteilung von etwa 150 Gewehren, einigen leichten Geschützen und einigen Maschinengewehren unter dem Korvettenkapitän Schoenfeld verteidigt. Die vielfachen Versuche des Feindes, mit leichten Fahrzeugen in die Flußmündung hineinzufahren, wurden stets mit erheblichen Verlusten für ihn abgewiesen. Der „Adjutant“, ein kleiner Dampfer, den die Engländer als gute Prise genommen und armiert hatten, war ihnen bei dieser Gelegenheit wieder abgenommen worden und diente uns fortan als Hilfskriegsschiff auf dem Tanganjikasee. Auch einige englische Flugzeuge waren an der Rufidjimündung zu Schaden gekommen. Ein Sperrschiff, welches die Engländer in der nördlichsten der Rufidjimündungen versenkt hatten, hatte seinen Zweck, das Fahrwasser zu sperren, nicht erfüllt. Den mehrfachen Beschießungen mit Schiffsgeschützen, gegen die er an sich machtlos war, war Kapitän Schoenfeld durch geschickte Anlage seiner Stellungen und rechtzeitige Veränderung derselben begegnet. Anfang Juli 1915 hatten die Engländer zwei flachgehende, mit schweren Geschützen besetzte Kanonenboote zum Rufidji herangebracht. Am 6. Juli erfolgte der erste Angriff von 4 Kreuzern, 10 anderen armierten Schiffen, 2 Flußkanonenbooten. Die feindlichen Schiffe beschossen unter Fliegerbeobachtung die „Königsberg“, die im Fluß vor Anker lag. Der Angriff wurde abgeschlagen; aber bei seiner Wiederholung am 11. Juli hatte die „Königsberg“ schwer zu leiden. Die Bedienungsmannschaften der Geschütze wurden außer Gefecht gesetzt. Der schwer verwundete Kommandant ließ die Verschlüsse der Geschütze über Bord werfen und das Schiff sprengen. Der an sich schmerzliche Verlust der „Königsberg“ hatte wenigstens für den Kampf an Land das Gute, daß das gesamte Personal und das wertvolle Material nunmehr der Schutztruppe zur Verfügung standen.

Korvettenkapitän a. D. Schoenfeld, der an der Rufidjimündung an Land den Befehl hatte, machte sich dann sofort mit großer Umsicht daran, die über Bord geworfenen Geschützteile wieder heraufzuholen. Unter seiner Leitung wurden die 10 Geschütze der „Königsberg“ vollzählig geborgen und wieder feuerbereit gemacht; 5 fanden Aufstellung in Daressalam, je 2 in Tanga und Kogoma und 1 in Muansa. Für den Transport konnte Schoenfeld einige für schwere Lasten gebaute Fahrzeuge verwenden, die sich auf einer nahen Pflanzung vorfanden. Die Geschütze haben in ihren gegen Sicht gedeckten Stellungen an Land vortreffliche Dienste geleistet, und meines Wissens ist bei dieser Art der Verwendung trotz der zahlreichen Beschießungen durch feindliche Schiffe nicht ein einziges beschädigt worden.

Am 26. September 1915 wurde der Dampfer „Wami“ nachts aus dem Rufidji nach Daressalam gebracht.

Ende August kamen mehrere Boote mit Mannschaften vom Dampfer „Ziethen“ aus Mozambique in Lindi an, um in die Truppe einzutreten.

Auf Mafia landeten am 10. Januar 1915 etwa 300 Mann indischer und schwarzer Truppen mit Maschinengewehren. Unsere aus 3 Europäern, 15 Askari und 11 Rekruten bestehende Polizeitruppe leistete 6 Stunden tapferen Widerstand, ergab sich dann aber nach Verlust ihres schwer verwundeten Führers, des Leutnants d. Res. Schiller, der von einem Mangobaum aus ein wohlgezieltes Feuer auf den Feind unterhalten hatte. Die Engländer hielten Mafia durch einige hundert Mann besetzt und richteten auch auf den kleineren Inseln in der Umgebung Beobachtungsposten ein.

Anscheinend von hier aus wurden auch die Eingeborenen aufgereizt. In der Nacht vom 29. zum 30. Juli 1915 wurde bei Kisidju eine Dhau mit derartigen Flugblättern gefangen.

Die Ereignisse bei Daressalam, wo am 22. Oktober 1914 der Kommandant eines englischen Kreuzers sich durch keinerlei Abkommen für gebunden erklärte, sind bereits besprochen.

Ein für Zwecke der Ausstellung vor Kriegsbeginn in Daressalam eingetroffenes Flugzeug wurde bei Ausbruch der Feindseligkeiten in den Dienst der Truppe gestellt, am 15. November aber bei Daressalam durch einen Unglücksfall zerstört. Oberleutnant Henneberger fand hierbei den Tod.

Bei Tanga war es nach den großen Gefechten vom November 1914 ruhig gewesen. Am 13. März 1915 war ein Schiff auf einem Riff festgekommen, bei Springflut aber wieder frei geworden. Mit der Bergung von 200 Tonnen Kohlen, die das Schiff über Bord geworfen hatte, wurde sofort begonnen.

Mehrere Reihen selbst konstruierter Minen, mit Zündung von Land aus, haben sich nicht bewährt, und es stellte sich später heraus, daß sie unbrauchbar geworden waren.

Beschießungen der Küstenplätze fanden dauernd statt.

Am 20. März beschoß ein Kriegsschiff Lindi, als seine Forderung, die dortigen Truppen sollten sich ergeben, abgelehnt wurde. Ebenso wurde am 1. April 1915 die Gegend südlich Pangani beschossen, ferner am 12. April die Insel Kwale, in der Nacht vom 23. zum 24. April das Rufidjidelta.

Am 15. August 1915 erschienen vor Tanga „Hyazinth“ und 4 Wachtboote. Unsere zwei 6 cm-Geschütze wurden schnell von ihrem Ruhelager Gombezi nach Tanga transportiert und griffen gemeinsam mit einem leichten Geschütz aus Tanga am 19. August wirksam ein, als „Hyazinth“, 2 Kanonenboote und 6 Walfischfänger erneut erschienen, den Dampfer „Markgraf“ zerstörten und Tanga beschossen. Ein Kanonenboot erhielt 2 Treffer, die Walfischfänger, von denen der eine mit Schlagseite abfuhr, vier Treffer.

Im Ssonjogebiet, zwischen Kilimandjaro und Viktoriasee, hatten sich im Laufe der Monate mehrfach feindliche Patrouillen gezeigt, und die Eingeborenen schienen aufsässig werden zu wollen. Feldwebel Bast, der mit einer Patrouille dorthin entsandt wurde, fiel infolge Verrats der Ssonjoleute am 17. November 1914 in einen Hinterhalt und fand hierbei mit 5 Askari den Tod. Durch eine Strafexpedition des zur Truppe eingezogenen Bezirksamtmannes von Aruscha, Leutnants d. R. Kaempfe, wurden die Ssonjoleute wieder zur Ordnung gebracht.

Erst im Juli 1915 kam es in dieser Gegend wieder zu Patrouillengefechten; bei einem derselben fielen 22 feindliche bewaffnete Eingeborene. Ende September und Anfang Oktober 1915 machte dann die Patrouille des Oberleutnants Büchsel einen mehrwöchigen Ritt durch Ssonjo in das englische Gebiet, ohne auf den Feind zu stoßen, da ein englischer Posten, der offenbar gewarnt worden war, ausgewichen war.

Am Viktoriasee standen die 7. Kompagnie in Bukoba und die 14. Kompagnie in Muansa mit einander in funkentelegraphischer Verbindung. Die Herrschaft auf dem See war unbestritten in englischer Hand, da der Feind hier mindestens über 7 große Dampfer verfügte. Trotzdem aber konnten unser kleiner Dampfer „Muansa“ sowie auch andere kleinere Fahrzeuge sich große Bewegungsfreiheit bewahren. Während nun der Resident von Bukoba, Major a. D. von Stuemer, die Grenze mit seiner Polizei und mit Hilfskriegern der befreundeten Sultane deckte, war Hauptmann Bock von Wülfingen mit dem Hauptteil der 7. Kompagnie von Bukoba nach Muansa gerückt. Von dort aus marschierte er Anfang September 1914 mit einem aus Teilen der 7. und 14. Kompagnie sowie Wassukumarekruten und Hilfskriegern gemischten Detachement am Ostufer des Viktoriasees nach Norden gegen die Ugandabahn vor. Am 12. September warf er jenseits der Grenze bei Kisii eine feindliche Abteilung zurück, zog dann aber auf die Meldung vom Anmarsch weiterer feindlicher Streitkräfte nach dem Süden ab. Die Grenze östlich des Viktoriasees wurde dann nur durch schwächere Abteilungen verteidigt.

Die Kriegsführung am Viktoriasee war für uns recht schwierig; stets bestand die Gefahr, daß der Feind bei Muansa oder an einem anderen Orte des Südufers landete, Usukuma in die Hand bekam und die historische Hauptstadt des Landes, Tabora, bedrohte. Blieben unsere Truppen in der Gegend von Muansa, so waren aber die Gebiete um Bukoba und infolgedessen auch Ruanda bedroht. Am meisten Aussicht am Viktoriasee versprach noch eine aktive Kriegführung unter einheitlicher Leitung. Aber auch die Durchführung dieser Absicht war nicht ganz leicht, da der hierfür in erster Linie in Betracht kommende Major von Stuemer durch seine Tätigkeit als Resident an den Bezirk Bukoba gefesselt wurde, während doch Muansa gerade das wichtigere war.

Ende Oktober 1914 war der Versuch, einen Teil der Truppen von Muansa auf Booten wieder nach Bukoba zu transportieren, durch das Erscheinen armierter englischer Schiffe bei Muansa gescheitert. Anscheinend hatte der Feind unseren funkentelegraphischen Verkehr entziffert und daraufhin seine Gegenmaßregeln getroffen. Die zur Unterstützung Bukobas am 31. Oktober 1914 auf Dampfer „Muansa“ von Muansa mit 2 Schleppern und 10 Dhaus abgehende Expedition von 570 Gewehren, 2 Geschützen und 4 Maschinengewehren wurde am gleichen Morgen durch plötzlich auftretende feindliche Dampfer zerstreut, aber bald wieder ohne Verluste in Muansa gesammelt. Ein englischer Landungsversuch bei Kajense nördlich Muansa wurde am gleichen Tage verhindert, der englische Dampfer „Sybil“ nach einigen Tagen bei Majita gestrandet gefunden und zerstört.

Am 20. November warf Abteilung Stuemer nördlich Bukoba die in das deutsche Gebiet eingedrungenen englischen Truppen in zwölfstündigem Gefecht zurück und schlug sie erneut, als sie den Kagerafluß überschritten hatten, bei Kifumbiro. Am 5. Dezember 1914 haben die Engländer Schirati, am 6. Dezember Bukoba ohne Erfolg von See aus beschossen.

Kleinere Patrouillengefechte fanden östlich und westlich des Viktoriasees dauernd statt. Einen größeren Schlag versuchte der Feind am 8. Januar 1915, wo er mit 6 Geschützen und mit Maschinengewehren von See aus Schirati beschoß und 2 indische Kompagnien und eine größere Anzahl berittener Europäer landete. Oberleutnant von Haxthausen mit seinen 22 Gewehren war nach 3-1/2stündigem Gefecht vor der Übermacht ausgewichen. Der Feind verstärkte sich dann in den nächsten Tagen auf 300 Europäer, 700 Inder. Am 17. Januar schlug Haxthausen dann 70 Europäer, 150 Askari mit 2 Maschinengewehren an der Grenze, und am 30. Januar räumte der Feind Schirati wieder und schiffte sich nach Karungu ein. Ich glaube, daß dieser Abzug eine Folge der schweren Niederlage war, die der Feind inzwischen, am 18. Januar, bei Jassini erlitten hatte. Er hielt es für geboten, seine Truppen wieder an die Ugandabahn zu schneller Verfügung heranzuziehen.

Westlich des Sees überfiel Hauptmann von Bock nördlich Kifumbiro einen 40 Mann starken feindlichen Posten und jagte ihn mit einem Verlust von 17 Gefallenen zurück.

Englische Schiffe hatten am 1. März 1915 den Dampfer „Muansa“ an der Rugesidurchfahrt angegriffen. „Muansa“ war leck geworden und fuhr dicht an Land auf. Ein Abschleppungsversuch durch den Feind wurde durch unser Feuer verhindert, so daß es glückte, am nächsten Tage den Dampfer zu bergen und nach Muansa in Sicherheit zu bringen, wo er repariert wurde. Bei der Schwierigkeit der Truppenverschiebungen zu Wasser zwischen Muansa und Bukoba war weiterhin eine gemeinsame Befehlsführung unzweckmäßig; die Befehlsführer beider Bezirke wurden deshalb unmittelbar dem Kommando unterstellt.

Landungsversuche der Engländer wurden am 4. März in der Moribucht, am 7. März bei Ukerewe, am 9. März bei Musoma von unseren Posten abgeschlagen. Bei Schirati fanden zu gleicher Zeit mehrere Patrouillengefechte statt, bei denen der Führer, Oberleutnant Recke, fiel und unsere Patrouillen zerstreut wurden. Am 9. März schlug Oberleutnant von Haxthausen mit 100 Europäern und Askari am Maikaberg einen vierfach überlegenen Feind; nach einem feindlichen Verlust von 17 gefallenen Weißen und einer größeren Anzahl Askari zog der Gegner ab. Bei uns waren ein Europäer und 10 Askari gefallen, 2 Europäer, 25 Askari verwundet, ein Europäer verwundet gefangengenommen worden. Außer der bereits erwähnten 26. Feldkompagnie wurde Muansa durch 100 Askari aus dem Bezirk Bukoba verstärkt, die am 6. April dort eintrafen.

Anfang April wurden auch einige Punkte der Ostküste von See aus beschossen, gleichzeitig machten Masai einen Einfall östlich des Sees, töteten einen Missionar und mehrere Eingeborene und raubten Vieh. Mitte April rückte Hauptmann Braunschweig von Muansa mit 110 Europäern, 430 Askari, 2 Maschinengewehren und 2 Geschützen zum Maradreieck ab und verstärkte Oberleutnant von Haxthausen. In Muansa blieben über 500 Gewehre zurück.

Am 4. Mai wurden einem englischen Dampfer in der Marabucht 3 Treffer durch ein Geschütz C/73 beigebracht und hierdurch anscheinend eine Truppenlandung verhindert. Am 12. Mai wurden bei Majita 300 Mann gelandet, fuhren aber schon am 18. Juni wieder ab und schleppten das Wrack der „Sybil“ mit sich. Auch das Maradreieck hatte der 900 Mann starke Feind am 20. Mai wieder geräumt und sich jenseits der Grenze auf mehreren Bergen verschanzt. Beschießungen der Küste fanden in jener Zeit des öfteren statt.

Major von Stuemer hielt seit Anfang Dezember 1914 eine weit ausgedehnte Stellung am Kagera besetzt. Allmählich wurde der auf etwa 300 Mann geschätzte Feind reger. Es schien, als ob er Übersetzmaterial für den Kagera vorbereitete, seine Schiffe zeigten sich häufiger in der Sangobucht.

An der Grenze von Schirati wurde in der Nacht vom 4. zum 5. Juni 1915 der Posten Becker, 10 Askari stark, durch 10 Europäer und 50 Inder vom 98. Regiment umzingelt. In das Gefecht griff auch ein armierter Dampfer ein. Der Feind wurde aber geschlagen und verlor 2 Europäer und 5 Askari an Toten.

Es mag hier erwähnt werden, daß die feindlichen bewaffneten Späher sich auch an der Schiratigrenze der Giftpfeile bedienten.

Am 21. Juni griffen die Engländer mit 800 Europäern, 400 Askari, 300 Indern, 3 Geschützen und 8 Maschinengewehren, die durch das Feuer der armierten Dampfer verstärkt wurden, Bukoba an. Unsere wenig über 200 Gewehre starke Besatzung räumte den Ort nach zweitägigem Kampfe. Der Feind plünderte ihn, zerstörte den Funkenturm und fuhr am 24. Juni in Richtung auf Kissumu wieder ab. Er hatte schwere Verluste erlitten. Nach seiner Angabe waren 10 Europäer gefallen, 22 verwundet. Deutscherseits war aber beobachtet worden, daß ein Dampfer mit 150 Toten und Verwundeten abgefahren war. Auf unserer Seite waren 2 Europäer, 5 Askari, 7 Hilfskrieger gefallen, 4 Europäer, 30 Farbige verwundet, das Geschütz verloren gegangen.

Von den Ereignissen der folgenden Zeit ist zu erwähnen, daß Bukoba am 18. Juli 1915 ohne Erfolg beschossen wurde. In Mpororo ging ein größerer Häuptling zu den Engländern über. In Muansa traf am 12. September eins der 10,5 cm-„Königsberg“-Geschütze ein; dort waren aus Wassukumaleuten mit der Zeit 5 Kompagnien neugebildet worden.

Es machte den Eindruck, daß der Feind sich gegenüber Bukoba hinhaltend verhielt und Truppenverschiebungen von dort nach Kissenji vornahm. Am 29. Oktober wurde ein englischer Angriff durch etwa 100 Gewehre, mit Maschinengewehren, Geschütz und einem Minenwerfer gegen unsere Kagerastellung mit anscheinend großen Verlusten für den Feind abgewiesen. Auch am 4. und 5. Dezember blieben englische Angriffe am unteren Kagera erfolglos. Mehrere feindliche Abteilungen drangen in die Landschaft Karagwe ein. Den Befehl in Bukoba übernahm Ende 1915 Hauptmann Gudovius, bisher Bezirksamtmann in Pangani, dem die neu zusammengestellte 7. Reservekompagnie als Verstärkung für Bukoba folgte.

In Ruanda führten die durchgreifenden Maßnahmen des dortigen Residenten, des Hauptmanns Wintgens, zu guten Erfolgen. Er überraschte am 24. September 1914 die Insel Idschwi im Kiwusee und nahm den dortigen belgischen Posten mit seinem Stahlboot gefangen. Ein anderes Stahlboot hatte Oberleutnant z. S. Wunderlich, der mit einigen Mannschaften der „Möwe“ zum Kiwusee gerückt war, auf einem requirierten Motorboot gleichfalls genommen. Am 4. Oktober warf Wintgens nördlich Kissenji mit seinen Polizeiaskari, Hilfskriegern und einigen Leuten der „Möwe“ 4 belgische Kompagnien mit schweren Verlusten für den Feind zurück. Nach weiteren kleineren Zusammenstößen brachte Hauptmann Wintgens dann der belgischen Überlegenheit von 1700 Mann und 6 Geschützen am 20. und 30. November 1914 sowie am 2. Dezember nördlich Kissenji eine Teilniederlage bei. Am Tschahafisee warf er eine englische Postierung zurück. Ein Engländer, 20 Askari fielen, auf unserer Seite fielen 2 Askari, ein Europäer wurde schwer verwundet.

Bei Kissenji und an der Grenze fanden dann im Februar 1915 wieder mehrere kleine Zusammenstöße statt. Am 28. Mai wies Leutnant Lang mit seiner kleinen Besatzung in Kissenji den Angriff von 700 Belgiern mit 2 Maschinengewehren ab. Der Feind hatte dabei schwere Verluste, bei uns fiel ein Europäer.

Illustration from Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Kilimandjaro

⇒ GRÖSSERES BILD

Im Juni 1915 sollen in der Gegend des Kiwusees über 2000 belgische Askari mit 9 Geschützen und 500 englische Askari zusammengezogen gewesen sein; die Reise des belgischen Oberbefehlshabers Tombeur zum Kiwu spricht für die Wahrscheinlichkeit dieser Nachricht. Am 21. Juni wurde ein Angriff von 900 Belgiern mit 2 Maschinengewehren und 2 Geschützen auf Kissenji abgeschlagen. In einem Nachtangriff von 400 Belgiern am 5. Juli auf Kissenji hatte der Feind starke Verluste. Am 3. August wurde Kissenji wirkungslos mit Geschützen und Maschinengewehren beschossen. Infolge der drückenden feindlichen Übermacht wurde die 26. Feldkompagnie von Muansa nach Kissenji verlegt.

Unmittelbar nach Eintreffen der 26. Kompagnie bei Kissenji am 31. August schlug Hauptmann Wintgens die belgischen Vorposten, von denen 10 Askari fielen. Am 2. September nahm er eine von 150 Askari mit 3 Geschützen und einem Maschinengewehr besetzte Stellung im Sturm. Im Laufe der folgenden Wochen fanden täglich kleinere Zusammenstöße statt. Am 3. Oktober wurde der Angriff von 250 Askari mit einem Maschinengewehr bei Kissenji abgeschlagen, wobei 14 Mann Verluste beim Feinde beobachtet wurden. Es wurde dann, vielleicht infolge des Gefechtes bei Luwungi am 27. September, der Abmarsch stärkerer feindlicher Truppen nach Süden festgestellt.

Am 22. Oktober wurde wieder ein belgischer Vorposten von 300 Askari mit 2 Geschützen und 2 Maschinengewehren überrumpelt, wobei der Feind 10 Askari an Toten verlor. Am 26. November warfen die Abteilung Ruanda und ein Zug der von Bukoba eingetroffenen 7. Kompagnie, im ganzen 320 Gewehre, 4 Maschinengewehre und ein 3,7 cm-Geschütz den 200 Mann starken Feind aus einer befestigten Stellung, wobei er 2 Europäer und 70 Askari an Toten, 5 Askari an Gefangenen und viele Verwundete verlor. Bei uns fielen ein Europäer und 3 Askari, verwundet wurden 4 Europäer, 5 Askari, ein Hilfskrieger. Am 21. Dezember griff der Feind mit 1000 Askari, 2 Maschinengewehren, 8 Geschützen, darunter 4 modernen 7 cm-Haubitzen erneut Kissenji an. Er ließ 21 gefallene Askari liegen, 6 wurden verwundet gefangengenommen, zahlreiche Verwundete abtransportiert. Unsere 350 Gewehre, 4 Maschinengewehre, 2 Geschütze starke Truppe verlor 3 Askari an Toten, einen Europäer und einen Askari als Schwerverwundete.

Am 12. Januar 1916 überfiel Hauptmann Wintgens nördlich Kissenji eine belgische Kolonne, wobei 11 belgische Askari fielen. Am 27. Januar wies Hauptmann Klinghardt mit 3 Kompagnien einen Angriff von 2000 belgischen Askari mit Handgranaten und 12 Geschützen gegen die Kissenjistellung mit schweren Verlusten für den Feind ab.

Auch das Gebiet des Russissi war reich an Zusammenstößen. Am 10. und 13. Oktober hatten bei Changugu, am 21. und 22. Oktober bei Chiwietoke, am 24. Oktober bei Kadjagga erfolgreiche kleine Gefechte zwischen deutschen Patrouillen mit Kongotruppen stattgefunden.

Am 12. Januar 1915 griff Hauptmann Schimmer ein belgisches Lager bei Luwungi an, der beabsichtigte Überfall glückte aber nicht. Hauptmann Schimmer und 3 Askari fielen, 5 wurden verwundet.

Am 16., 17. und 20. März 1915 fanden dann kleinere Patrouillengefechte statt, und am 20. Mai wurde ein belgischer Posten überfallen. So gab es dauernd kleine Zusammenstöße, auch während des Juni und Juli. Im August schien der Feind seine Kräfte dort zu verstärken. Den Befehl am Russissi erhielt jetzt Hauptmann Schulz; unsere dort befindlichen Streitkräfte bestanden nunmehr aus 4 Feldkompagnien, einem Teil der Besatzung der „Möwe“ und der etwa kompagniestarken Abteilung Urundi. Ferner befanden sich 2 leichte Geschütze dort. Am 27. September wurden bei einem Angriff des Hauptmanns Schulz auf Luwungi 4 Europäer, 54 Askari als tot festgestellt, außerdem 71 Askari als getroffen gezählt. Die Verluste beliefen sich also, auch im Einklange mit späteren Eingeborenenaussagen, auf etwa 200. Bei uns fielen 4 Europäer, 20 Askari; 9 Europäer, 34 Askari wurden verwundet.

Bei den Gelände- und Stärkeverhältnissen am Russissi kam es dort nicht zu dem von uns angestrebten Waffenerfolge. Es blieben dort deshalb nur die Abteilung Urundi und eine Feldkompagnie; 2 Kompagnien rückten am 18. und 19. Dezember 1915 zu Hauptmann Wintgens nach Ruanda, 3 zur Mittellandbahn ab.

Am 19. Oktober hatte der Feind bei einem Zusammenstoß mit der 14. Reservekompagnie trotz doppelter Überlegenheit 20 Askari verloren; bei uns fielen 3 Askari, 12 wurden verwundet. Trotz des nahen, nach glaubwürdigen Eingeborenenaussagen 2000 Askari starken belgischen Hauptlagers war es angängig, unsere Truppen am Russissi zugunsten anderer Stellen zu vermindern, da beiderseits die Bedingung für eine Offensive nicht günstig zu sein schien. Am Russissi blieb Major von Langenn mit der Abteilung Urundi und der 14. Reservekompagnie.

Auf dem Tanganjikasee hatte Kapitän Zimmer zu Beginn des Krieges etwa 100 Mann der „Möwe“ und in Usumbura etwa 100 Askari gesammelt; außerdem verfügte er über einige in Kigoma eingezogene Europäer und noch etwa 100 Askari der Posten von Urundi und aus Ruanda (Wintgens), im ganzen also über etwa 400 Gewehre.

Oberleutnant zur See Horn von der „Möwe“ hatte am 22. August 1914 mit dem kleinen armierten Dampfer „Hedwig von Wißmann“ ein erfolgreiches Gefecht gegen den belgischen Dampfer „Delcommune“. Es stellte sich aber später heraus, daß „Delcommune“ nicht völlig unbrauchbar geworden war. Der Kommandant der „Möwe“, Korvettenkapitän Zimmer, war nach Vernichtung seines im August 1914 gesprengten Schiffes mit seiner Mannschaft nach Kigoma gefahren. Der Dampfer „Kingani“, der von Daressalam mit der Bahn gleichfalls dorthin transportiert worden war, sowie verschiedene kleinere Fahrzeuge auf dem Tanganjikasee wurden dann armiert und durch Korvettenkapitän Zimmer in Dienst gestellt. Auch setzte er ein 9 cm-Schiffsgeschütz auf ein Floß und beschoß eine Anzahl der belgischen Küstenstationen. Kigoma selbst befestigte er stark und baute es zu einem Stützpunkt für die Seekriegführung auf dem Tanganjikasee aus.

Die eine halbe Kompagnie starke Abteilung Bismarckburg warf im Verein mit den armierten kleinen Dampfern „Hedwig von Wißmann“ und „Kingani“ am 20. November 1914 in der Bucht westlich Bismarckburg eine belgische Kompagnie zurück, erbeutete vier 11 mm-Maschinengewehre sowie 150 km Telegraphendraht, der für die im militärischen Interesse dringend notwendige Verlängerung der Linie Kilossa-Iringa auf Neu-Langenburg zu verwandt wurde.

Anfang Oktober hatten Versuche, den bei Baraka auf der Kongoseite liegenden belgischen Dampfer „Delcommune“ vollends zu zerstören, nicht zum Erfolg geführt. Seit der nochmaligen Beschießung am 23. Oktober sah Kapitän Zimmer „Delcommune“ als erledigt an. Die Besatzung von „Hedwig von Wißmann“ überraschte am 27. Februar 1915 einen belgischen Posten bei Tembwe und erbeutete dessen Maschinengewehr. Ein belgischer Offizier und 10 Askari fielen, ein schwer verwundeter belgischer Offizier und ein Engländer wurden gefangen. Bei uns fiel ein Askari, ein Europäer wurde tödlich, ein Askari schwer verwundet.

Im März 1915 nahmen die Belgier in Ubwari, dessen Bewohner sich deutsch-freundlich gezeigt hatten, Massenverhaftungen vor und hängten eine Anzahl Leute auf.

Nach aufgefangenen Funksprüchen sind im Juni auf dem Tanganjika mehrere belgische Walfischboote fertiggestellt gewesen; an einem neuen belgischen Dampfer, dem „Baron Dhanis“, wurde gearbeitet. Deutscherseits wurde am 9. Juni 1915 Dampfer „Goetzen“ fertiggestellt und von der Truppe übernommen. Er hat bei den Truppenverschiebungen auf dem Tanganjika wertvolle Dienste geleistet. Bei Bismarckburg war die dortige Polizeitruppe unter dem tüchtigen Verwalter des Bezirks, Lt. d. Res. Haun, zur Schutztruppe übergetreten. Es kam zu kleineren Scharmützeln auf feindlichem Gebiet, und auch hier gelang es, den Feind im wesentlichen fernzuhalten.

Erst Anfang Februar 1915 rückten mehrere hundert feindliche Askari in Abercorn ein, und Teile derselben drangen bis in die Gegend der Mission Mwasye vor, zogen dann aber wieder ab.

Mitte März wurde dann die Truppe unter Lt. d. Res. Haun am Kitoberge durch eine englisch-belgische Abteilung im Lager überfallen. Lt. Haun geriet schwer verwundet in Gefangenschaft und mehrere Askari fielen. Oberleutnant Aumann wurde mit einer Abteilung, die später als Kompagnie formiert wurde, von Hauptmann Falkenstein, dem Führer der 5. Feldkompagnie (Langenburg), abgezweigt und deckte in der Gegend von Mbozi die deutsche Grenze. Dort waren im Februar 1915 mehrfach mehrere hundert Mann starke Abteilungen in deutsches Gebiet eingedrungen; Ende März wurden in Karonga Europäer in unbekannter Zahl, in Fife und in anderen Orten der Grenze etwa 800 Mann gemeldet. Der Feind schien also einen Angriff vorzubereiten. Er streifte bis in die Gegend von Itaka vor, und Anfang April wurde Kituta am Südende des Tanganjikasees als von den Belgiern verschanzt gemeldet. Major von Langenn, der nach Wiederherstellung von seiner schweren Verwundung — er hatte ein Auge verloren — am Russissi tätig war, wurde mit der Führung der Operationen in dem ihm bekannten Gebiet Bismarckburg-Langenburg betraut. Außer seiner früheren 5. Feldkompagnie, die bei Ipyana und in der Gegend von Mbozi stand, wurden ihm hierzu die etwa kompagniestarke Abteilung Bismarckburg und drei Kompagnien unterstellt, die von Kigoma und Daressalam herangezogen wurden. Während des Seetransportes nach Bismarckburg fanden östlich dieses Ortes einige erfolgreiche Zusammenstöße unserer Patrouillen gegen 50 bis 250 Mann starke feindliche Streifabteilungen statt.

Major von Langenn hatte am 7. Mai 1915 4 Kompagnien bei Mwasye versammelt, eine gegenüberstehende belgische Abteilung ging zurück. Am 23. Mai warf Patrouille Oberleutnant von Debschitz eine belgische Kompagnie zurück, von der 2 Europäer, 6 Askari fielen. Am 24. Mai erging Befehl an Langenn, mit 3 Kompagnien nach Neu-Langenburg gegen den dort als bevorstehend gemeldeten Angriff abzurücken. Den Befehl in Gegend Bismarckburg übernahm General Wahle. Dieser traf am 6. Juni in Kigoma ein und sammelte bei Bismarckburg die als 29. Feldkompagnie formierte Abteilung Bismarckburg und die von Daressalam herangezogene 24. Feldkompagnie und halbe Europäerkompagnie.

Am 28. Juni griff General Wahle mit 2½ Kompagnien die Farm Jericho an, brach aber das Gefecht ab, als er erkannte, daß die feste Stellung ohne Artillerie nicht zu nehmen sei. Bei uns fielen 3 Europäer, 4 Askari, verwundet wurden 2 Europäer, 22 Askari. General Wahle wurde durch 2 Kompagnien von Langenburg her verstärkt.

Seit dem 25. Juli 1915 belagerte General Wahle mit 4 Kompagnien und 2 Geschützen C/73 den bei Jericho stark befestigten Gegner. Von Abercorn aus unternommene Entsatzversuche wurden abgeschlagen, am 2. August 1915 aber die Belagerung aufgehoben, da mit der vorhandenen Artillerie eine Wirkung nicht zu erzielen war. General Wahle fuhr mit 3 Kompagnien zurück nach Daressalam. Die 29. Kompagnie blieb bei Jericho, die 2 Geschütze in Kigoma.

Am 19. Juni war durch „Goetzen“ der bei Kituta auf Strand liegende Dampfer „Cecil Rhodes“ abgeschleppt und versenkt worden.

Während des September und Oktober kam es nun zu dauernden Patrouillengefechten an der Grenze von Bismarckburg; bei Abercorn drangen wieder belgische Verstärkungen ein. Am 3. Dezember wurde bemerkt, daß die Befestigungen von Jericho verlassen und geschleift waren. Ein neues, nordöstlich Abercorn erbautes Fort beschoß Oberleutnant Franken am 6. Dezember mit 100 Gewehren und einem Maschinengewehr und brachte dem Feinde dabei anscheinend Verluste bei.

Die englische Marineexpedition, deren Anmarsch über Bukama-Elisabethville seit langem beobachtet wurde, hatte am 22. Oktober 1915 die Lukugabahn erreicht. Die aufgefangenen Notizen, daß für die Deutschen eine Überraschung auf dem Tanganjika vorbereitet würde, brachten mich auf den Gedanken, daß wir hier mit besonders konstruierten kleinen Fahrzeugen, die vielleicht mit Torpedos ausgerüstet wären, zu rechnen haben würden. Es handelte sich also um eine sehr ernst zu nehmende Gefährdung unserer Herrschaft auf dem Tanganjika, die auf unsere gesamte Kriegführung von ausschlaggebendem Einfluß sein konnte. Die gleichzeitig mit diesen Vorbereitungen stattfindenden feindlichen Truppenverschiebungen in der Richtung auf den Kiwusee und auf Abercorn zu bewiesen, daß Hand in Hand eine beabsichtigte Landoffensive gehen sollte. Um hierbei den Feind möglichst noch während seiner Versammlung zu schlagen, griff Hauptmann Schulz am 27. September 1915 bei Luwungi die Belgier an und brachte ihnen schwere Verluste bei.

Der Dampfer „Kingani“ überfiel in der Nacht vom 28. Oktober eine belgische Telegraphenbaukolonne und machte einige Beute. In der Lukugamündung wurde ein fahrender Eisenbahnzug festgestellt. „Kingani“ kehrte von einer Erkundungsfahrt zur Lukugamündung nicht zurück und war nach einem belgischen Funkspruch vom 31. Dezember verlorengegangen. Vier Europäer, acht Farbige sollen tot, der Rest gefangen sein. Augenscheinlich war der günstige Zeitpunkt, die feindlichen Vorbereitungen zur Herrschaft auf dem Tanganjika zu stören, verstrichen.

Am 9. Februar 1916 wurde dann noch einer unserer armierten Dampfer durch den Feind genommen.

Auf dem Nyassasee war der deutsche Dampfer „Hermann von Wißmann“, der vom Ausbruch des Krieges nichts wußte, am 13. August 1914 von dem englischen Regierungsdampfer „Gwendolin“ überrascht und fortgenommen worden.

Hauptmann von Langenn war mit seiner in Massoko bei Neu-Langenburg stehenden 5. Feldkompagnie am 9. September 1914 gegen die englische Station Karonga vorgegangen. Beim Kampfe gegen die in fester Stellung befindlichen Engländer wurde Hauptmann von Langenn selbst schwer verwundet. Die beiden Kompagnieoffiziere gerieten, gleichfalls schwer verwundet, in englische Gefangenschaft. Die deutschen Unteroffiziere und die Askari schlugen sich sehr brav, mußten aber doch einsehen, daß sie gegen die Schanzen des Feindes nichts ausrichten konnten und brachen deshalb das aussichtslose Gefecht ab. Über 20 Askari waren gefallen, mehrere Maschinengewehre und leichte Geschütze verlorengegangen. Aus Iringa und Ubena trafen nun umgehend Verstärkungen der 2. Kompagnie ein; auch mehrere hundert Wahehehilfskrieger wurden aufgeboten. Nach und nach stellte sich heraus, daß der Feind auch starke Verluste erlitten hatte. Er hütete sich vor größeren Unternehmungen gegen den Bezirk Langenburg, so daß dieses fruchtbare, für uns so wichtige Verpflegungsgebiet uns anderthalb Jahre lang erhalten blieb.

Später rückte unsere 5. Kompagnie bei Langenburg mit ihrem Hauptteil wieder näher an die Grenze zur Mission Ipyana vor. Am 2. November 1915 fand am Lusirafluß ein Vorpostengefecht statt und dem Dampfer „Gwendolin“ auf dem Nyassasee wurden einige Geschütztreffer beigebracht.

Anfang Dezember 1914 fanden nördlich Karonga, am Ssongwefluß, Patrouillenzusammenstöße statt. Oberarzt Dr. Gothein, der Anfang Mai 1915 aus englischer Gefangenschaft zurückgeliefert worden war, erzählte, daß in dem ersten Gefecht bei Karonga, am 9. September 1914, der Feind an Toten 6 Europäer und 50 Askari, an Schwerverwundeten 7 Europäer und über 50 Askari verloren hatte. Die Engländer unterhielten eine rege Spionage, besonders durch den „Wali“, einen eingeborenen Verwaltungsbeamten am Ssongwe.

An der Grenze kam es im Mai 1915 zu einigen für uns günstigen Überfällen. Die Regenzeit verzögerte sich, so daß der südliche Teil des Bezirkes Langenburg bis Ende Juni gegen einen Angriff als geschützt gelten konnte.

Im Juni 1915, als Major von Langenn mit seinen Verstärkungen eingetroffen war, kam es entgegen der Erwartung zu keinen größeren Gefechten. Die Zeit wurde benutzt, um auf englischem Gebiet einen Telegraphen ab- und auf deutschem Gebiet in Richtung auf Ubena wieder aufzubauen. Auch im August bewahrheitete sich die Nachricht von einem geplanten feindlichen Angriff nicht. Am 8. Oktober erst trafen stärkere feindliche Truppen, Europäer und Askari, in Fife ein. Auch an dieser Grenze kam es zu zahlreichen kleinen Scharmützeln. Gegen Ende des Jahres wurde das Eintreffen neuer Verstärkungen auch bei Ikawa festgestellt. Hauptmann Aumann wies am 23. Dezember 1915 dort den Überfall einer feindlichen Abteilung von etwa 60 Europäern und zwei Maschinengewehren ab.

Am Njassasee kam es nur zu unbedeutenden Zusammenstößen. Am 30. Mai landeten die Engländer bei Sphinx-Hafen 30 Europäer, 200 Askari mit zwei Geschützen und zwei Maschinengewehren. Sie erlitten durch unsere 13 Gewehre und ein Maschinengewehr anscheinend über 20 Mann Verluste und fuhren nach Zerstörung des Wracks des „Hermann von Wißmann“ ab.

Illustration from Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Askarikopf

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