Front matter (continued 5)
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Weil Wunder immer auf das wunderbarste geschehen, so begab es sich, daß Klas gerade auf derselben Stelle, wo er einst versunken, aus dem Pfannkuchenberge wieder in diese Welt hineingefallen war. Das konnte nun doch nicht anders geschehen, als daß der Pfannkuchenberg sich umgekehrt hat, und daß die ganze Welt sich mit ihm umgekehrt hat. Eines von beiden mußte geschehen seyn, und weil es so war, deswegen heißt es ein Wunder; denn ein Wunder ist, was jeder Mensch wohl wissen aber doch kein Mensch begreifen kann. Kurz und gut, als Klas erwachte, lag er nicht in seinen weichen Betten sondern im grünen Grase und sah seine wohlbekannte Buche wieder und den hohen Berg, worauf er so oft die Rinder getrieben hatte, und den ganzen Wald und das Feld drunten, und die Dörfer und ihre Kirchthürme kamen ihm wieder wie alte Bekannte vor, jene fünf im Pfannkuchenberge verlebten Jahre aber waren ihm wie ein Traum, und es war ihm nicht anders, als sey nur eine Nacht vergangen zwischen dem Abend, wo seine Brüder und Gesellen von ihm liefen, und diesem Morgen, wo die Lerchen der Erde ihn wieder wach sangen. Es war aber ein sehr schöner Frühlingstag, als er sich durchgefressen hatte und wieder aus dem Berge fiel.
Klas lag nicht lange im Grase und gaffte, sondern er machte sich bald auf und lief geschwinde durch den Wald und über das Feld grad auf seines Vaters Haus zu. Und er fand, als er in die Stube trat, seine Ältern und Geschwister und den Valentin alle um den Tisch stehend, die eben die Hände zum Gebet gefaltet hatten; denn sie wollten frühstücken. So trat er unter sie. Er war aber sehr groß und schön, beinahe eines halben Kopfes höher als Peter, der auch kein kleiner Mann war, und er hatte schöne neue Kleider an. Und deswegen sahen sie alle auf und verneigten sich vor ihm, denn sie meinten, er sey ein Fremder. Er aber fiel Vater und Mutter und Schwestern und Brüdern um den Hals und herzte und küßte sie, und sagte: ich bin Klas und bin wieder aus dem Pfannkuchenberge gekommen; und auch den alten Valentin, seinen sehr lieben Freund, küßte er recht herzlich. Und sie erkannten ihn nun wieder an manchen Zeichen, und erstaunten sehr und freueten sich, daß er so groß und hübsch geworden.
Als nun aber das erste Erstaunen vorbei war, da wollten alle wissen, wie es ihm gegangen war in den fünf Jahren und drei Monaten, die er weg gewesen; und das ganze Dorf war herbeigelaufen, daß sie Klas Avenstaken sähen, und das erste Wort war immer: Nun lieber Klas, erzähle uns, wie ist es ergangen? und wie sieht es in dem Pfannkuchenberge aus? Er wußte ihnen aber nicht viel zu sagen, sondern es kam alles dunkel heraus wie Träume und Gespenstergeschichten; so daß einige ihn mit erschrockenen Augen anguckten, als sey es nicht geheuer mit ihm und als treiben schlimme Geister in ihm ihr Spiel, andere wohl hie und da flüsterten: der Klas lügt, er ist nicht in dem Pfannkuchenberge gewesen, er ist von seinen Ältern gelaufen und ist nun wiedergekommen, und der schlaue Schulze hat die ganze Geschichte erfunden, daß er seine Schlappe bemäntele. Die meisten indessen hatten Glauben zu dem Abentheuer und fanden recht großen Gefallen an der Erzählung, wie sein Zimmer mit Braten, Kuchen und Früchten tapeziert gewesen, und wie der Milchborn und Weinborn immer im Flusse gewesen: und das glaubten sie wohl, denn sie sahen seinen starken und schönen Gliedern und seinen rosenrothen Wangen und funkelnden Augen wohl an, daß er die Zeit nicht gehungert hatte. Seine Mutter aber war die erste, die ihn voll Ungeduld nach den Säcken mit goldenen Dukaten fragte und ob er keine mitgebracht habe? Als er nun antwortete, da müsse der Valentin sich in der Geschichte versprochen haben, denn von Gold und Silber habe er in dem Pfannkuchenberge auch kein Pröbchen gesehen, da kopfschüttelte sie und meinte, er habe die fünf Jahre eben so gut zu Hause bleiben und die Wirthschaft mehren und an ihrem Tische essen können: denn was helfe es ihm nun, daß er Fasanen und Waldschnepfen gegessen und den köstlichsten Wein geschlürft habe? ohne Geld, möge er sich nur nicht einbilden, daß ein Mensch König werden könne, was der einfältige Valentin ihm vorgefabelt habe. Denn Valentin bekam bei Gelegenheit immer sein Seitenhiebchen mit ab. Und soll ich nun die Wahrheit sagen, so lautet sie so: Die ersten Tage waren die Leute im Dorfe außer sich über Klas und stürmten Peters Haus fast, die ersten Wochen verwunderten sie sich sehr, die ersten Monate sprachen sie viel davon, und nach einem Jahre war die Geschichte von den meisten schon wieder vergessen. Die aber immer noch viel von der Geschichte sprachen, das waren die jungen Dirnen, denn ihnen gefiel Klas über alle Maaßen, und wo sie es sagen durften, riefen sie fast einstimmig: Klas Avenstaken ist doch der schönste Junge im Dorfe.
Klas war in seinem achtzehnten Jahre und fand sich wieder auf der Welt, wie er wohl wußte. Er machte sich rüstig an die Arbeit, denn dazu hatte er Sehnen und Knochen, und ging mit seinem Vater pflügen und säen, Steine brechen und Holz hauen, Gras und Korn mähen, und that all sein Werk still und bescheiden und schaffte so viel als drei andere. Und der Vater hatte ihn immer sehr lieb und auch der alte Valentin freute sich an ihm. Auch die Mutter freute sich seiner schönen Jugend und Gestalt, was Mütter und Weiber nicht lassen können, und schmunzelte oft, wenn die Nachbarinnen ihn wegen seiner Schöne lobten; aber im Ganzen war er ihr doch nicht zu Sinn und däuchte ihr zu still und zu einfältig und nicht so geschickt und anstellig, als ihre andern Kinder. Und wirklich viele Worte konnte Klas nicht machen, ja er war viel stiller geworden, denn er als Knabe gewesen; auch hatte er in den fünf Jahren, die er in dem Berge gesessen, gar nichts zugelernt sondern schier alles vergessen, was er aus der Schule mitgebracht hatte; so daß er nichts weiter wußte als sein einziges kurzes Gebetchen. Doch wußte die Greth mit Grunde nichts auf ihn zu sagen: er war gehorsam und demüthig in aller Arbeit, ging fleißig mit andern Christen zur Kirche und hielt alle heiligen Tage und Feste sittiglich und andächtiglich mit, und hatte bei jedermänniglich Liebe und ein gutes Gerücht. Das Einzige, was sie an ihm tadelte und mit Recht tadeln konnte, war, daß er abendlich und nächtlich viel außer dem Hause war. Denn das konnte er nicht lassen, besonders an Sonntagen und Festtagen. So wie die Sonne unterging, mußte er in Feld und Wald spazieren, und oft besuchte er dann auch den Berg, wo er sein Abentheuer gehabt hatte, und saß unter der grünen Buche und träumte die lustigsten Träume des Pfannkuchenberges noch einmal und kam gewöhnlich stummer und in sich gekehrter zu Hause, als er ausgegangen. Wenn Greth ihn nun darüber auch nicht schalt, so mußte es der Peter entgelten, wenn er den Klas lobte. Sie brummte dann wohl für sich hin: ja was ist denn dein Klas? was hat ihm die ganze Bergfahrt gefrommt, wovon man so viel Geschrei macht? Reicher ist er nicht geworden, klüger wahrhaftig auch nicht, unser Speck und Brod hätte ihn eben so stark machen können, und er hätte uns noch Geld dazu verdient. Er ist als der blöde und stumme Dickkopf wiedergekommen, als welcher er weglief. Dein Klas ist der Klas geblieben. Solche Reden mußte Peter oft hören und verschlucken, und grämte sich und durfte kein Wort dazu sagen. Doch in seinem Herzen däuchte es ihm alles anders, und er und Valentin ließen den Gedanken nicht fahren, der Klas müsse noch ein rechter Bidermann werden.
So waren wieder drittehalb Jahre vergangen und Klas war an Schenkeln und Schultern noch stärker und wo möglich noch schöner geworden, und füllte sein zwanzigstes Jahr. Da begab sich, was sich begeben sollte, damit er aus dem Bauerkittel herauskäme und zu den hohen Ehren gelangte, wozu Gott ihn hatte gebohren werden lassen.
Er war mit seinem Vater in den Wald gegangen Holz zu fällen. Sie hieben an zwei verschiedenen Seiten einige hundert Schritt von einander, so daß sie nur den Schall ihrer Äxte hören konnten und nichts weiter. So mogten sie wohl einige Stunden gearbeitet haben, als Klas mit Einem Male von der Stelle her, wo Peter hieb, ein klagendes Ächzen hörte. Er ließ seine Arbeit und lief sporenstreichs hin und sah, wie vier Männer in grünen Röcken seinem Vater die Hände auf den Rücken gebunden hatten und ihn mit Prügeln forttrieben. Da ergrimmte er, sprang hinzu, riß die Bande los, stieß die Männer weg und fragte sie, aus welcher Macht sie das thäten. Sie antworteten ihm, er komme in guter Stunde, und ihm werde bald dasselbe geschehen; denn sie beide seyen Holzdiebe und hauen nicht auf ihrem Grunde sondern es sey des gnädigen Herrn Wald. Es waren aber diese Viere Jäger des Grafen, dem das Land gehörte, doch war der Wald, wo Peter und Klas Holz fällten, nicht des Grafen eigener Wald sondern eine Almend des Dorfes Dümmelshusen. Und sie wortwechselten noch viel mit einander; als die Jäger sich aber unterstanden den Alten wieder zu binden und auch den Klas binden wollten, da kam der Zorn über ihn und er rief mit gewaltiger Stimme Grad dör! und hieb mit der Axt um sich, und hieb sie alle vier nieder, daß auch kein Lebenszeichen in ihnen blieb. Seinen Vater aber tröstete er des Schimpfes, und ging mit ihm zu Hause, wo er jedermann offen erzählte, was sich zwischen ihm und den Jägern des Grafen im Walde begeben hatte.
Es ward ihm und seinem Vater aber nicht so geglaubt, sondern es hieß, er habe die Jäger gewaltsam angegriffen und gefällt. Und der Graf sandte viele hundert Mann mit Spießen und Stangen nach Dümmelshusen, daß sie den Klas einfingen und ins Gefängniß führten. Und Klas entwich nicht, wiewohl er es gekonnt hätte, und weigerte und wehrte sich nicht, sondern ließ sich ruhig wegführen. Denn er sprach bei sich: Der Obrigkeit soll man gehorchen und unterthan seyn, und Gott wird Recht und Unschuld wohl ans Licht bringen.
Und als er in die Stadt kam, wo der Graf wohnte, nahmen sie ihn und legten ihm Hände und Füße in Eisen wie einem Missethäter und warfen ihn in ein dunkles Gefängniß, wo weder Sonne noch Mond hineinschien, und hielten ein strenges Gericht über ihn und verdammten ihn zum Tode, als der des Landes Frieden gebrochen und schweren Mord begangen hätte. Und alsbald ließ der Graf, der über den Tod seiner Jäger sehr erzürnt war, einen neuen Galgen bauen vor den Thoren der Stadt fünfzig Ellen hoch, woran Klas Avenstaken gehängt werden sollte. Und es waren viele tausend Menschen aus allen Enden herbeigelaufen den Tag, als er gehängt werden sollte; denn sein Gerücht war weit erschollen wegen seiner Stärke und Schönheit, auch hatten die Leute sich das Mährchen von dem Pfannkuchenberge wieder erzählt und es mit vielen neuen Wundern vermehrt.
Und als die Sonne des Morgens aufging, wo Klas als ein armer Sünder sterben sollte, ward er aus dem Stadtthore hinausgeführt, und trug seine schweren Ketten so leicht, als wären es Strohhalme gewesen, und schritt wohlgemuth und festen Angesichts daher; denn er hatte recht andächtig gebetet und tröstete sich Gottes, da er sich keiner schweren und freiwilligen Schuld bewußt war. Und der Jüngling däuchte den Leuten schöner als je und aller Augen flossen in Thränen über daß ein so schönes junges Blut sterben sollte; besonders aber jammerten die Weiber und Jungfrauen, deren Herz von Natur mitleidiger ist, und manche dachte wohl: könntest du ihn vom Galgen lösen, du nähmest ihn gleich zum Mann und schämtest dich nicht. Als aber Klas unter den Galgen geführt ward und die Priester mit dem Kreuze in der Hand um ihn her standen und zu ihm sprachen und geistliche Lieder sangen und die Henker die Leiter und Stricke zurecht machten, da ward das Weinen ein lautes Schluchzen und Heulen und Schreien rings um das Hochgericht. Unter andern war auch eine schöne junge Frau da, welche sich durch den Haufen gedrängt hatte und dem Klas grade gegenüber stand, so daß sie ihm ins Gesicht schauen konnte. Diese rief so laut, daß alle Leute es hörten und er es auch hören konnte: O thäte dieser doch nun den Schergen und Henkern, wie Simson den Philistern und zerbräche seine Bande! Und Klas fiel die Geschichte von Simson aus der Schule wieder ein, und er dachte: versuchen kannst du es wohl, ob es Gottes Wille wäre. Und er raffte seine Glieder zusammen und spannte seine Sehnen und rief voll Zorns Grad dör! und die eisernen Ketten sprangen, als wären es Rohrseile gewesen, und er stürmte durch die Henker und Schergen und durch alles Volk hin und warf links und rechts alles mit den mächtigen Fäusten nieder. Das Volk aber jauchzte und schrie: Grad dör, Klas! und Klas lief wie ein Hirsch, der mit seinen Beinen spielt, über das Feld hin in den Wald, und die ihm zu Fuß und zu Pferde nachjagten, konnten ihn nicht einholen. Die Henker aber, ergrimmt, daß sie so ihre Beute verloren hatten, griffen die schöne junge Frau, die den simsonischen Wunsch ausgesprochen hatte, und meinten, sie könnten sie nun hängen. Aber das Volk schrie laut dagegen und die Priester schalten sie, da die Frau es ja nur aus menschlicher Barmherzigkeit mit einem armen Sünder gesprochen habe, und der Graf, der auf das Getose und Getümmel wegen Klasens Flucht herbeigekommen war, befahl, daß sie die Frau wieder frei ließen; und so geschah es. Es war aber ein gewaltiges Jauchzen und Frohlocken unter allem Volke, daß Klas so entronnen war; denn daß sie ihn wieder fangen würden, glaubten sie nicht. Auch fingen ihn nicht wieder, die ihm nachgejagt waren; ich glaube auch nicht, daß sie besonders große Lust gehabt hatten, sich an ihn zu machen. Denn sie hatten gehört, wie er jenen vier Jägern gethan hatte, und sie hatten eben gesehen, was seine Knochen und Sehnen vermogten und wie Schergen und Henker und alles Volk, das ihm im Wege stand, unter seinen Fäusten hingestürzt waren. Auch in Dümmelshusen hörten sie bald, was unter dem Galgen geschehen war, und freueten sich; und die Altern und Geschwister richteten sich wieder auf aus dem Elende und der Schmach, und Peter faltete die Hände und betete: Gott du bist gerecht, Klas ist kein Mörder, er hat sich für mich und sich nur ungerechter Gewalt erwehrt.
Als Klas in den Wald gekommen war, wo keine offene Straßen waren, lief er nicht mehr sondern ging sachte und hörte seine Jäger und Verfolger ruhig um sich her tosen. Er hatte sich schon einen tüchtigen knotigen Ast von einer schmeidigen Eiche gebrochen und zurecht gemacht, und dachte: Laß sie nur kommen, zehen und zwanzig von ihnen thun mir's nicht, wenn Gott nicht wider mich ist. Sie lärmten und toseten und getümmelten aber gewaltig mit Hunden und Pferden durch den Wald, aber auf ihn stieß keiner; und er ging seines Weges fort, bis es Nacht ward. Da nahm er Herberge bei einem Köhler. So ging er noch einen Tag fort, da gelangte er auf das Blachfeld, das zwischen der Weser und Elbe hinstreicht bis ans Meer, und er dachte: hier mußt du dich mehr in Acht nehmen, weil sie in hellen Haufen hinter dich her setzen können. Daher schlug er abgelegene Wege ein durch Wälder und Sümpfe und kehrte meistens ein bei einsamen Leuten, bei Hirten, Köhlern und Müllern im Walde. Und als der fünfte Tag anbrach, da sah er zum ersten Mal in seinem Leben das Meer und erstaunte ob der Gewalt und Pracht und fiel auf sein Angesicht und betete und dankte Gott, daß er ihm bis dahin geholfen hatte. Das wußte er aber noch nicht, was das Meer aus ihm machen sollte.
Klas war an der Elbe angelangt in der Gegend, wo sie bald ins Meer fällt und sehr breit ist, und ging längs ihrem Strande hin auf Schiffe zu, die er in der Ferne liegen sah. Es war eben die Zeit der Ebbe und der Strand gar flach. Er wußte aber nichts von Ebbe und Fluth; denn was wissen die Leute, die in Berg und Wald wohnen, vom Meer? Und er war einige Stunden am Strome so in Gedanken fortgeschlendert und hatte nicht gemerkt, daß das Wasser zunahm. Es fing aber die Fluth wieder an und wuchs bald mit so jählicher Gewalt, daß er in einem Augenblick rings mit Wasser umflossen war, das ihm bis über den Gürtel stieg. Da lief er was er konnte den Schiffen zu, die nun nicht mehr fern waren, und stützte sich an einer langen Stange, die an ihm hinschwamm und die er ergriff. Aber das nächste Schiff, wozu er gelangte, lag auf der Tiefe, wohl zwanzig Schritt vom Lande. Und Klas nahm seine Stange und schwang sich daran empor und rief Grad dör! und schnellte sich fort und sprang plötzlich mitten auf das Schiff hinab. Die Leute aber, die unten im Raum waren, erschracken über den Knall, den seine Füße gaben, und kamen auf das Verdeck herauf; denn es hatte geknallt, als hätte das Gewitter eingeschlagen. Und sie erstaunten, als sie den großen und stattlichen Mann mit der Stange darauf stehen sahen, und fragten ihn, ob er komme, als Freund oder Feind als Heide oder Christ. Als er ihnen bejahet hatte, daß er beides als Freund und als Christ komme, so schüttelten sie ihm alle nach einander die Hand, und bald brachte ihm einer eine große Schale voll Meth und hieß ihn trinken; und er trank, und jeder von ihnen trank der Reihe nach auch. Und das sollte ein Zeichen des Friedens und der Brüderschaft seyn.
Es waren wohl fünfzig Männer auf dem Schiffe, starke großgliedrige Gesellen, von wildem und rauhem Ansehen. Klas hatte in seinem Lande dergleichen nie gesehen und hätte sie wohl für Räuber und Unchristen gehalten, wenn an dem Maste nicht das Zeichen des Kreuzes eingehauen und die Flagge nicht wie ein Kreuz ausgeschnitten gewesen wäre. Und sie waren allerdings Christen, aber Räuber waren sie auch. Das sagten sie ihm bald unverholen, nachdem er ihnen einen Theil seiner Geschichte erzählt hatte und durch welche simsonische Kühnheit er dem Galgen entlaufen war. Sie hatten ihn anfangs barsch angesehen, als ob sie ihm nicht traueten; aber die wilden Gesichter wurden immer freundlicher, je weiter er in seiner Erzählung vorschritt. Und als er geendigt hatte, trat derjenige unter ihnen zu ihm, der als der vornehmste aussah und in der That ihr Hauptmann war, schüttelte ihm die Hand, umhalste ihn und sprach: Willkommen Klas! solche Leute können wir brauchen, du sollst hinfort unser Stallbruder seyn auf Leben und Tod und Ehre und Beute mit uns theilen. Und der Hauptmann erzählte ihm, sie seyen friesische Männer von den Inseln und Küsten und leben meist vom Raube, den die See gebe und das Heidenland, aber Christen lassen sie unangetastet. Als Klas das Letzte hörte, schlug er getrost ein und ließ es sich gefallen mit ihnen zu ziehen, wiewohl sie ihm etwas greuliche Leute zu seyn däuchten.
Sie lagen noch wohl zehen Tage da vor Anker am Ufer des Stroms, weil der Wind aus Westen wehete, und Klas lernte sehr bald, wie man das Schiffsgeräth und Ruder und Segel handhaben muß, denn er war sehr gewandt. Er ward nun auch gewaffnet nach Seeräuberart; sie nannten sich aber nicht Seeräuber sondern Meerfahrer oder Wikinger. Bald stand Klas in voller Wagenrüstung wie ein Wikinger da. Er trug aber, wann er in voller Rüstung war, einen Kettenpanzer, einen eisernen Helm und einen runden Schild mit Buckeln, und führte in der Rechten eine scharfe Streitaxt und an der linken Seite ein kurzes breites Schwerdt; Speere aber zum Werfen und Stangen zum Schlagen und Stoßen lagen im Schiffe genug, die jeder auf seine Weise gebrauchen mogte, wann der Feind angriff. Auch hatte es mächtige Stahlbogen und Pfeile in Menge, und damit wußte Klas wohl umzugehen, weil er die letzten Jahre mit seinem Vater oft auf die Jagd ausgegangen war. Er spannte aber den stärksten Bogen so leicht, daß seine Gesellen erstaunten; denn selbst der Hauptmann, der unter ihnen für den stärksten galt, konnte ihn nur zuweilen aufziehen. Als er ihnen vollends den Sprung noch einmal machte, den er mit der Stange von dem Ufer auf das Schiff gethan hatte, da jauchzeten und frohlockten sie und meinten, dieser Kämpfer solle manchem Heiden noch wohl den Dampf* thun. ————————————— * Dampf: Fall, Sturz von dem Worte Dämpfen Niederschlagen. Schwed. dämpa: niederschlagen, dimpa: niederfallen. —————————————
Den zehnten Tag hatte der Sturm aus Westen abgewehet, und es blies ein frischer Südost auf, und sie hisseten die Segel und ließen das Schiff auf die blaue Tiefe laufen gegen Westen und steuerten gegen die Inseln der Heiden hin. Und es gab manchen heißen Kampf zur See und an den Küsten und manches Heidenschiff ward erstiegen und die Heiden wurden wie tolle Hunde erschlagen oder gefangen, und sie kamen mit reichem Gold und Silber heim und verkauften den Raub und die Gefangenen. Und Klas hatte sich schon einen Namen gemacht auf der See; denn wenn der Streit begann, rief er Grad dör! mit so gewaltiger Stimme, daß den Feinden sogleich der Muth entfiel und den Freunden wuchs und sie fast immer leichten Sieg gewannen. Und der Hauptmann, obgleich er dem Klas seine Stärke und seinen Kriegsruhm fast beneidete, hatte sich doch die Bitte der meisten seiner Leute gefallen lassen, daß sie auf dem Spiegel des Schiffes einen hohen Mann mit einer langen Stange machten, aus dessen Munde die goldenen Buchstaben Grad dör weheten. Und Graddör ward das berühmteste Schiff in der Nordsee und Ostsee und weithin in dem Nordwesten bei den Inseln der Heiden. Und es kamen die besten Kämpfer verließen ihre Schiffe und traten zu dem Hauptmann des Graddör über; und sechs Monate nach dem Tage wo Klas darauf gesprungen war, hatte er statt der fünfzig Kämpfer wohl über zweihundert, und wuchs an Ehre und Furcht und Reichthum, daß es nicht zu beschreiben ist.
Man kann nicht sagen, daß dieses wilde und unstäte Leben dem Klas sonderlich gefiel, aber er ließ es sich gefallen. Das frische Element des Meers und die kühnen Geister, die aus ihm brausen und wehen, behagten seiner Jugend wohl, und frische muthige Thaten erquickten ihm Seele und Leib, und Heiden bekämpfen und dämpfen däuchte ihm eben keine Sünde, zumal da sie als arge und blutdurstige Räuber die Inseln und Küsten der Christen überfielen und ausplünderten und die Menschen als Sklaven wegführten und in das fernste Elend verkauften, und da sie auch alle christliche Schiffe anfielen und verdarben, deren sie mächtig werden konnten. Er schien gegen solche in einem guten Streite zu streiten. Auch hat es nicht gar lange gewährt, so ist Klas Hauptmann des Schiffes Graddör geworden.
Sie waren im zweiten Jahr seiner Seefahrt aus Westen hinaufgesegelt hoch gegen Norden und landeten den vierzigsten Tag ihrer Fahrt nach manchem harten Strauß, den sie mit Feinden und Stürmen bestanden hatten, auf einer kleinen Heideninsel, die von einigen Hundert Menschen bewohnt war, welche in ärmlichen Hütten wohnten und, wie es schien, von den Seevögeln und Fischen lebten. Als sie ans Land stiegen, kamen diese ihnen friedlich und freundlich entgegen, trugen gebratene Fische in Schalen und hielten die Methkanne hin; Waffen aber trug kein einziger von ihnen. Da ließ der Hauptmann aufblasen zum Angriffe, und ermahnte die Kämpfer mit schallendem Gelächter, daß sie die Männer niederhauen und mit den Weibern thun mögten, wie sie gelüstete. Und sie rüsteten sich, jene Armen aber entflohen mit jammervollem Geheul zu ihren Hütten. Als nun die Männer dem Hauptmann gehorsam anlaufen wollten, da sprang Klas plötzlich vor, zückte seine Axt und rief Halt! Zugleich entblößte er sein Haupt vor dem Hauptmann und bat, ja flehete ihm, daß er so schwere Schuld nicht auf sich laden wolle und so heilloses und unchristliches Werk nicht üben lasse gegen wehrlose Männer und Weiber; denn wenn sie auch Heiden seyen und von dem lebendigen Gott und von dem Heilande und der Erlösung nichts wissen, so seyen die doch viel ärgere Heiden, die solches thun könnten. Der Hauptmann aber hörte ihn nicht an sondern ergrimmte und befahl den andern, daß sie Klas als einen Aufrührer fingen und bänden. Klas aber stämmte sich auf seine Streitaxt, sah zornig um sich und sprach: wer wagt's?—und sie standen und keiner wagte es. Da befahl der Hauptmann zum zweiten Male, und es entstand Gemurmel unter dem Volke, und einige schritten vor, als wollten sie an Klas Hände legen. Klas aber ward nun von seinem Zorn und von seiner Macht gefaßt und schrie Grad dör! und sprang mit seiner gezückten Axt auf den Hauptmann, der vergebens seine Wehr aufhob, und spaltete ihm den Kopf mitten durch, und rief: Der ist bezahlt und hat seinen verdienten Lohn; wer ein Christ ist, her zu mir! Und über die Hälfte der Männer traten zu ihm über, die andern aber ergrimmten um den erschlagenen Hauptmann und griffen zu den Waffen, als wollten sie seinen Tod rächen. Klas aber schrie abermal Grad dör! und sie standen wie vom Blitz in dem Boden festgeschlagen. Dann vermahnte er sie und die andern zum Frieden und belehrte sie, wie der Hauptmann Unmenschliches und Unchristliches befohlen habe, wie Christen geduldig, sanftmüthig und barmherzig seyn müssen und ihre Hände nicht mit unschuldigem Blut beflecken dürfen, und wenn es auch Heidenblut sey; denn Gott sey auch der Heiden Vater und Schöpfer. Und es liefen den eisernen Männern, als sie die Worte hörten, Thränen über die rauhen Wangen und sie sprachen: Der Hauptmann ist durch Gott gefallen und durch dich, und riefen alle einstimmig: Klas du sollst unser Hauptmann seyn! Und er ließ es sich gefallen und ward nun Hauptmann über zweihundert Männer.
Und es erschien bald, wie sie recht gethan hatten. Klas hatte das wilde und rohe Wesen, das bisher unter ihnen gegolten hatte, wohl nie geliebt noch selbst mitgemacht, aber er hatte es doch an den andern dulden müssen, wiewohl solche Gräuel von ihnen nie begangen waren, als der Hauptmann jetzt gegen die armen waffenlosen Menschen auf der Heideninsel befehlen wollte. Als er nun selbst Hauptmann geworden, führte er eine recht strenge christliche Zucht ein und stieß ohne Erbarmen alles von seinem Schiffe aus, was sich ihr nicht fügen wollte. Das war aber sein erstes Gesetz, daß ohne Gnade an dem Mastbaum baumeln mußte, wer einen unbewehrten Mann mit dem Eisen verletzte oder ein Weib vergewaltigte. Er fuhr aber noch immer gegen die Heiden, säuberte das Meer von ihren Raubschiffen und erlösete viele Christen aus der Gefangenschaft; auch hat er an vielen Orten, die sonst heidnisch waren, das heilige Kreuz als das Heil der Welt gepflanzt und durch seine Gerechtigkeit und Milde viele Heiden zum Christentum geführt. Und sein Name ist so gewachsen, daß die tapfersten Männer sich zu ihm gesellten und unter ihm auszogen und daß er im zweiten Jahre seiner Hauptmannschaft auf zwanzig Schiffen schon fünftausend Kämpfer hatte. Denn seine Redlichkeit und Gottesfurcht war groß und seine Tapferkeit gefürchtet und seine Stärke unüberwindlich; denn gegen den Hieb seiner Axt oder den Stoß seiner Stange hatte kein Schmied Schild und Panzer schmieden können.
Als nun das vierte Jahr seiner Seefahrt und das zweite Jahr seiner Hauptmannschaft war, hatte er eine Fahrt nach Island gemacht, war aber durch einen gewaltigen Nordwind zurückgetrieben und ward gegen die Ostküste einer großen Halbinsel verschlagen, welche Jütland heißet. Diese Halbinsel war zu jener Zeit halb heidnisch und halb christlich, und es hatte sich vor wenigen Monaten begeben, daß der Heidenkönig den Christenkönig geschlagen und erschlagen und alles Land überfahren hatte. Auch hatte er bald das Schloß des christlichen Königs und dessen Frau und Tochter, die darin waren, gewonnen. Die gefangene Königstochter war aber die schönste Prinzessin in allen Landen weit und breit. Diese wollte der Heidenkönig zwingen, daß sie sein Gemal werden und ihm das Königreich zubringen sollte, als habe er es mit gerechter Hand erworben. Und er dachte in seinem stolzen Sinn: sie wird thun und seyn wie andere Weiber und sich freuen, daß der Vornehmste bei ihr schlafen will und der König im Lande ihr Mann heißt. Aber sie that und war ganz anders, und weigerte sich standhaft, und da er nicht abließ und zuletzt hochmüthig dräuete, da schalt sie ihn einen wilden Wütherich und einen heidnischen Bluthund. Und er ergrimmte darüber so sehr, daß alle seine heißen Flammen plötzlich erkälteten, und er schwur, sie solle für die Schmach eines greulichen und quaalvollen Todes sterben. Und er ließ einen großen Scheiterhaufen aufthürmen auf offenem Felde unweit dem Schlosse, worin er die Prinzessin gefangen hatte; darauf sollte sie gleich einer gemeinen Missethäterin verbrannt werden.
Nun begab es sich durch Gottes Schickung, der dem Bösen nicht seinen Willen lassen wollte, daß Klas mit seinen meisten Schiffen aus Noth hier jenen Morgen grade landete, als die Hinrichtung der unglücklichen Prinzessin geschehen sollte. Die Menge Menschen, die um das Schloß und an dem Strande und auf dem Felde rings herum toseten und wimmelten, der Schimmer und das Geklirr von Wagen und der Schall von Trommeln und Pauken machten ihn aufmerksam, und er erkundigte sich bei einem der Umstehenden, der ein Christ war, nach der Ursache des Gewimmels und Getümmels der Menschen und der vielen Kriegsleute. Jener aber erzählte es ihm alles und wie die Prinzessin in einer halben Stunde werde herausgeführt und jämmerlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, und wie sie nicht zu erretten sey vor der heidnischen Wuth, denn der Heidenkönig habe mehr als zehentausend Kriegsleute bei sich, die sie zum Feuertode geleiten sollen. Und der Mann fing an bitterlich zu weinen, als er den Jammer auserzählt hatte.
Klas aber, als er alles so von ihm gehört hatte, ward blutroth vor Mitleid und Zorn, und sprach zu dem Manne: Das verhüte Gott und mein gutes Eisen, daß die Prinzessin sterbe! Und er schrie Grad dör! daß das Ufer rings wiederhallete und antwortete. Und seine Krieger verstanden den Schrei, und in einigen Augenblicken standen sie versammelt um ihn wohl dreitausend an der Zahl. Und er rief ihnen zu: Auf Gesellen! frisch mit dem Gotte der Christen! wir wollen die Prinzessin und die Christen von den schnöden Heiden erlösen. Sind ihrer zehentausend, so ist es euer Brauch, jeder wohl fünf auf sich zu nehmen. Frischauf denn! Gott sieht das Herz an und nicht die Menge. So sprach er und schallte noch einmal Grad dör! drein, und riß sie wie ein Blitz mit sich fort grade auf den Scheiterhaufen hin in dem Augenblicke, als die Prinzessin, mit Schwerdtern und Spießen umgeben, aus dem Thore herausgeführt ward. Und er ließ das Bluthorn blasen, und die Heiden trompeteten gegen, und der König hielt an ihrer Spitze und rief den Seinen zu: Frisch! Frisch! wie die See immer vom trockenen Lande zurückfließen muß, so werdet ihr diese elenden Seeräuber in ihr Element zurückspülen. Und sie trafen hart auf einander, aber Klas und Graddör waren den Heiden zu mächtig, und sie fielen vor ihm und seinen Wikingern, wie Haberstroh vor der Sichel fällt, wann es zu reif ist. Und als die andern Christen der Stadt und des Landes sahen, daß Klas die Oberhand bekam über die Heiden, da stürmten sie auch von allen Seiten auf sie; und in wenigen Stunden ward der Heidenkönig nebst allem seinem Volke erschlagen bis auf einige wenige, die durch die Geschwindigkeit ihrer Pferde mit der Prinzessin in das Schloß zurückgeflohen waren. Diese gaben wenige Stunden nach der Schlacht das Schloß und die Prinzessin auf um das Leben und den freien Abzug. Und Klas gestand es ihnen zu, weil ihrer so wenige waren, und ließ sie in Frieden abziehen.
Als Klas in das Schloß einzog, da war große Freude unter allem Christenvolke, daß Gott die Heiden so unter seiner Faust gedemüthigt und die Prinzessin vom Feuertode errettet hatte, und die alte Königin und die erlöste Prinzessin traten ihm an den Stufen des Schlosses entgegen und priesen sich glücklich, daß sie durch einen solchen Mann befreit worden. Denn durch den Schlachtruf Grad dör hatten sie sogleich vernommen, welch ein Mann für sie gestritten. Und sie nahmen ihn an die Hand und führten ihn die Stufen des Schlosses hinauf; er aber weigerte sich dessen und verneigte sich vor den königlichen Frauen tief bis zur Erde, wie es einem tapfern und ritterlichen Mann geziemt, und wollte hinter ihnen her treten. Sie aber wehrten ihm das, und die alte Königin sprach: wo ist eine Prinzessin in der Welt, die nicht die geehrteste wird, wenn ein solcher Mann und Held an ihrer Hand einher geht? Und er mußte ihnen wohl gehorchen und nebst seinen Helden sich am Mahle mit ihnen erquicken und in dem Schlosse und der Burg Herberge nehmen.
Die Königin hatte aber gleich bei sich bedacht, als sie Klas gesehen, und auch ihre Räthe hatten es ihr zugeflüstert: wo wäre ein Mann wie dieser, der das Christenthum hier emporbringen und das Heidenthum bändigen könnte? hat Gott uns diesen nicht wie ein Wunder durch den Sturm hergewehet und als den König und Retter des Volkes gezeigt? Und sie hatte sich viele süße Gedanken gemacht über ihre Tochter. Aber das verbarg sie noch in ihrem Herzen, und dachte: Gott wird es schon machen, wenn es gut ist. Und Gott machte es, damit erfüllet würde, was Valentin gesagt hatte: wer sich muthig durch den Pfannkuchenberg fresse, der werde einmal König werden.
Denn Klas war kaum einige Stunden in den Gemächern des Schlosses, so fühlte er sich in seinem ganzen Herzen wie umgekehrt, er fühlte, daß er ein Weib gesehen hatte, von welcher seine Augen nicht wanken konnten. Die Prinzessin war auch gewiß die Allerschönste, die zu ihrer Zeit auf der Welt lebte. Er fühlte das mit Wohlgefallen, daß ihm das Herz zitterte; aber er bedachte zugleich, daß er der Sohn eines Dorfschulzen und sie eine Königstochter war, und schlug sich bei diesem Gedanken vor die Stirn und rief: Klas, Klas, wo willst du hin in deiner Thorheit? hier hilft dir dein Grad dör zu nichts. Denn Klas war bei allen seinen großen Thaten immer seiner Jugend eingedenk geblieben und war immer herzlich demüthig und klein vor Gott, dem er allein alles beimaaß; von seiner eigenen Ritterlichkeit und Schönheit, die wohl die Herzen aller Weiber der Welt anlocken konnte, wußte er gar nichts. So brachte er, von den Reitzen der schönen Prinzessin geblendet und verwundet, eine schlaflose kranke Nacht zu, und weil sein Wunsch ihm eine Unmöglichkeit däuchte, so beschloß er mit dem frühen Morgen nebst seinen Gesellen wieder in die Schiffe zu gehen und seinen Kummer dem wilden Element des Wassers zur Heilung zu übergeben, wenn Liebesflammen nur durch Wasser gekühlt und gelöscht werden könnten.
Und als es kaum dämmerte und das Licht noch furchtsam durch die Vorhänge in die Zimmer guckte, rief er seine Männer auf, und es ward ein Laufen und Wimmeln im Schloßhofe, daß die Königin und die Prinzessin darob erwachten und mit Staunen und Schrecken vernahmen, daß Klas wieder auf seine Schiffe wolle. Und die alte Königin bedachte sich nicht lange, sie that, was sie thun mußte, kleidete sich eilends an, warf ihren königlichen Mantel um, und trat zu Klas ins Zimmer, zu welchem sie folgende Worte sprach:
Lieber Herr Klas, was ist das für eine Botschaft, die wir mit Schrecken hören? So willst du fort, und gönnst uns nicht einmal das bischen traurige Zeit, daß wir dir wenigstens mit Worten danken können? So willst du uns verlassen? du willst das heilige Kreuz, du willst das Christenthum, du willst die Christen hier wieder verlassen, und sie wieder auf des Schwerdtes Spitze stellen? das Fürstenkind willst du wieder verlassen, das du eben aus dem Feuer und Eisen der Heiden gerissen hast? Zwar liegt der Heidenkönig erschlagen und sein Heer speiset die Raben; aber viele Heiden wohnen noch um uns und über uns, und er hat der reisigen Söhne und Neffen genug, welche kommen werden und seinen Tod rächen, wann du weg bist. Unser König aber ist auch todt, unsre besten Männer liegen auch erschlagen, und wir haben keinen Sohn, keinen Bruder, keinen Bräutigam, die das Scepter und das Schwerdt führen können in der Gefahr. Hat der Wind Gottes dich denn nur hieher gewehet, um uns desto herrlicher und größer zu verderben? hat er dich nicht hergewehet, daß du diesen Christen ein Kriegsfürst und König gegen die Heiden, mir ein geliebter Sohn und der Prinzessin, meiner Tochter ein würdiger Gemal seyn sollst? Ja das hat er gewollt, und das will ich, darum bin ich so früh aufgestanden, darum komme ich, darum bitte ich.
Die Königin sprach diese Worte so gewaltig, daß sie alle Worte todt machten, die Klas hätte antworten können. Er konnte nicht gehen; er konnte nicht sprechen, er konnte sich nur verneigen und erröthen und schweigen. Und dies that er auf seine Art, welche der Königin sehr gefiel; denn sie verstand, er werde mit den Schiffen nicht entfliehen, und also fuhr sie fort in ihrer Rede:
Du hast es beantwortet, wie ein Ritter und Mann antworten soll, wann eine Frau solches zu ihm spricht. Und nun will ich künftig auch nichts mehr hören von dir, daß du in einer Bauerhütte und wir in Königsschlössern gebohren sind. Siehe Gott hat an dir große Zeichen gewiesen, daß er auch die Kleinsten groß machen kann, so wie er, wenn er will, Leben und Kronen gebohrner Könige in den Staub legt; er hat dir solche Demuth und Tugend und Gewalt des Muthes und Glückes gegeben, daß du ein Mann heißest unter den besten Männern: dich hat die Ritterlichkeit Königen gleich gemacht und dein Grad dör! ist stärker als ein Heer. Und nun komm!
Und sie nahm ihn an der Hand, und er war ihr still und gehorsam wie ein kleines Kind und ließ sich von ihr führen, wohin sie wollte.
Und die Königin führte ihn in das Gemach ihrer Tochter der Prinzessin und legte die Hände der beiden zusammen und segnete sie ein. Und sie ließen es sich wohl gefallen, aber sprechen konnten sie kein Wort. Denn der Prinzessin war es nicht anderes gegangen als Klas; sobald sie ihn erblickt hatte, war es in ihr gewesen, als wollte es heraus klingen aus ihrer Brust: der ist der Mann, und kein anderer! Und wenn die Prinzessin die Allerschönste heißen konnte, so mogte Klas wohl mit eben dem Rechte der Allerschönste genannt werden.
Und Klas blieb nun und die Schiffe lagen vor Anker in der Bucht und kein Auge gab auf die Winde Acht. Sie waren alle auf das Land gerichtet, niemand dachte an Segel und Taue und Ruder, sondern die Männer schmückten Sporen und Waffenröcke für die Hochzeit. Diese ward in wenigen Wochen mit großer Herrlichkeit gefeiert, und die schöne Prinzessin nahm Klas Avenstaken zum Mann, der hinfort König Klas von Jütland hieß.
Und er wohnte manchen fröhlichen Tag und manche schöne Nacht mit der Prinzessin in dem Schlosse. Es lag das Schloß aber in Südjütland, wo jetzt die Stadt Schleßwig steht. Aber er vergaß sich in der Freude nicht in Lässigkeit, sondern rüstete sich eifrig zum Kriege gegen die Heiden, und sie rüsteten sich auch. Und es begann ein langer schwerer Kampf um die Herrschaft, bis sie endlich unterlagen und Klas König war über die ganze große Halbinsel und über die Inseln umher.
Und es war das Ende des zweiten Jahrs, nachdem er den Heidenkönig erschlagen und die Prinzessin sich vermählt hatte, als er alles Land der Heiden unter sich bezwungen hatte bis an die Elbe und das Kreuz des Heils als Panier seiner Herrschaft allenthalben aufgerichtet hatte für die bunten Götzen aus Stein und Holz—da stand Klas einmal diesseits am Ufer der Elbe, und es däuchte ihm, als sehe er jenseits in der Ferne die Stelle, wo er mit der Stange einst auf das Schiff gesprungen war; und es war wirklich die Stelle, und er erkannte sie an drei Bäumen wieder, die auf einer Anhöhe hoch über das Gestade ragten. Und sein wunderbarer Lebenslauf wandelte ihm hier in Gedanken vorüber, und in Demuth fiel er auf die Erde nieder und betete und dankte Gott, daß er ihn aus so vielen Gefahren errettet und auf eine so außerordentliche Weise zum König und Herrn über Länder und Völker gemacht hatte. Und er nannte die Stelle, wo er stand, Glückstadt und bauete dort ein Schloß; und das Schloß und die Stadt steht von seiner Zeit bis auf diesen Tag. Klas war jetzt sechsundzwanzig Jahre alt, und es war das sechste Jahr seit jenem Morgen, wo er dem Galgen entlaufen war, woran er so unschuldig hatte hangen sollen.
Und als er die Heiden bezwungen und das Land mit Schlössern und Burgen befriedet hatte, da dachte er in Sehnsucht und Liebe seiner alten Ältern und seiner Geschwister und Freunde, und säumte nicht lange, sondern trat die Reise an zu ihnen. Er nahm aber sein Gemal die Königin mit nebst tausend seiner Reisigen, damit er ein königliches Geleit hätte, So zog er über die Elbe gegen Süden. Und als sie vier Tage gezogen waren und der fünfte Tag anbrach und sie nicht mehr fern waren von seiner Heimath, da hieß er die Reisigen zurückbleiben und ritt mit seiner Königin voran und hatte nur einen Knappen bei sich. Und es war grade der Mittag des fünften Tages und die Glocke schlug zwölf, da ritten sie in Dümmelshusen ein und gradezu auf seines Vaters Haus. Sie ließen die Pferde aber im Dorfe laufen, was sie laufen konnten, damit die Leute, die sie sahen, sich nicht über sie besinnen noch es seinen Ältern verrathen konnten. Und als sie vor Peter Avenstakens Hause anlangten, sprang der König Klas rasch vom Pferde und rief lustig Grad dör! daß es durch das ganze Dorf erklang. Und Peter, der mit Frau und Kindern grade bei Tische saß, sprang heraus bei dem Worte und sah den Mann und die Frau mit den goldenen Kronen auf dem Kopfe. Er merkte aber sogleich, daß es sein Sohn war, und rief: Nun Gott sey Dank, daß du wieder da bist und ein König geworden! Wir haben schon davon gehört, sie haben es uns aber nicht glauben wollen, auch deine eigene Mutter hat es nicht glauben wollen; nur ich und Valentin haben es gleich geglaubt, denn wir beide wußten wohl, daß etwas Besonderes aus dir werden mußte. Und er rief in der Freude überlaut: Valentin! Valentin! komm doch heraus, daß du siehest, was aus unserm Klas geworden ist! Und Valentin kam und die Mutter und alle Geschwister kamen, und es war ein Herzen und Küssen, daß es kein Ende nehmen wollte. Und als der König und die Königin hineingegangen waren und sich an der Ältern Tisch gesetzt und mit ihnen gegessen und getrunken hatten in Demuth zu Gott und in Liebe zu ihnen, da übernahm den alten Peter die Freude und er wußte nicht, was er sprechen sollte, er sprach aber vor Freuden fast zu viel. Und da hat er der Greth in die Ohren geflüstert, und es ist wohl nicht recht gewesen in solchem Augenblicke: Nun Greth, ist mein Klas der Klas geblieben? hätte aus deinem Johannes wohl mehr werden können?
Und Klas ist manchen Tag und manche Woche bei seinen Altern geblieben und hat fröhlich mit ihnen gelebt, und hat sie und seine Geschwister und die Nachbarskinder reichlich beschenkt, den alten Valentin aber hat er mitgenommen und zu ihm gesprochen: Lieber Valentin, du sollst meinen Söhnen auch lustige und waidliche Geschichten erzählen, wie ein jeder tüchtiger Mensch mit Gottes Hülfe etwas werden kann, damit brave Männer und Helden aus ihnen werden. Und Valentin ist gern mit ihm gezogen, denn er bildete sich auf König Klas viel ein und dachte bei sich, er habe ihn eigentlich zum Könige gemacht. Auch seinen jüngsten Bruder hat der König mitgenommen und seine jüngste Schwester; und ist der Bruder ein Graf und die Schwester eine Gräfin geworden und leben noch viele vornehme Leute in der Welt, die von ihnen herstammen. Das hat er sich aber ausbedungen vor der Abreise, daß, wenn der Vater stürbe, ihm das Bauergut zufallen sollte, und hat es seinen Brüdern gleich um den zehnfachen Werth abgekauft. Und der Vater und die Brüder haben es ihm zugesagt und auch gehalten. Denn er sagte: Ich will einen meiner Söhne hinschicken, der soll ein Bauer werden und seine Kinder und Kindeskinder sollen Bauern bleiben; denn Bauern sind älter und halten länger aus als die Könige.
Und König Klas ist wieder heimgegangen in sein Reich und hat noch manches liebe Jahr glücklich mit seiner Königin gelebt und regiert und viele Söhne und Töchter mit ihr gezeugt, und haben viele große Könige und Königinnen aus seinem Blute nach ihm geherrscht. Aber doch ist das glorreiche Geschlecht von Klas Avenstaken nun schon lange ausgestorben und ein anderer Stamm herrscht in den Landen, die ihn einst als König verehrten. Aber seines Sohnes Konrad Geschlecht dauert noch bis diesen Tag. Dieser Konrad war sein jüngster Sohn. Den that er alsbald nach seiner Geburt auf das Land zu einem Bauer und ließ ihn bäuerlich leben und arbeiten und sandte ihn dann in das Land seiner Heimath in Westfalen nach Dümmelshusen, wo er ihn auf das Gut seines Vaters setzte. Und Konrad ist groß und stark geworden wie König Klas, aber nicht so mächtig und herrlich vor der Welt, sondern ist als Dorfschulze gestorben, was sein Großvater Peter auch gewesen. Und von diesem Konrad dem Königssohn stammen bis diesen Tag noch alle Avenstaken her, die als Bauern in Dümmelshusen und in der Gegend leben.
Prinzessin Svanvithe
Du hast wohl von der Sage gehört, daß hier bei Garz, wo jetzt der Wall über dem See ist, vor vielen tausend Jahren ein großes und schönes Heidenschloß gewesen ist mit herrlichen Häusern und Kirchen, worin sie ihre Götzen gehabt und angebetet haben. Dieses Schloß haben vor langer, langer Zeit die Christen eingenommen, alle Helden totgeschlagen und ihre Kirchen umgeworfen und die Götzen, die darin standen, mit Feuer verbrannt; und nun ist nichts mehr übrig von all der großen Herrlichkeit als der alte Wall und einige Leuschen, welche die Leute sich erzählen, besonders von dem Mann mit Helm und Panzer angetan, der auf dem weißen Schimmel oft über die Stadt und den See hinreitet. Einige, die ihn nächtlich gesehen haben, erzählen, es sei der alte König des Schlosses, und er habe eine güldene Krone auf. Das ist aber alles nichts. Daß es aber um Weihnachten und Johannis in der Nacht aus dem See klingt, als wenn Glocken in den Kirchen geläutet werden, das ist wahr, und viele Leute haben es gehört, und auch mein Vater. Das ist eine Kirche, die in den See versunken ist, andere sagen, es ist der alte Götzentempel. Das glaub' ich aber nicht; denn was sollten die Helden an christlichen Festtagen läuten? Aber das Klingen und Läuten im See ist dir gar nichts gegen das, was im Wall vorgeht, und davon will ich dir eine Geschichte erzählen. Da sitzt eine wunderschöne Prinzessin mit zu Felde geschlagenen Haaren und weinenden Augen und wartet auf den, der sie erlösen soll; und dies ist eine sehr traurige Geschichte.
In jener alten Zeit, als das Garzer Heidenschloß von den Christen belagert ward und die drinnen in großen Nöten waren, weil sie sehr gedrängt wurden, als schon manche Türme niedergeworfen waren und sie auch nicht recht mehr zu leben hatten und die armen Leute in der Stadt hin und wieder schon vor Hunger starben, da war drinnen ein alter, eisgrauer Mann, der Vater des Königs, der auf Rügen regierte. Dieser alte Mann war so alt, daß er nicht recht mehr hören und sehen konnte; aber es war doch seine Lust, unter dem Golde und unter den Edelsteinen und Diamanten zu kramen, welche er und seine Vorfahren im Reiche gesammelt hatten und welche tief unter der Erde in einem schönen, aus eitel Marmelsteinen und Kristallen gebauten Saale verwahrt wurden. Davon waren dort ganz große Haufen aufgeschüttet, viel größere als die Roggen- und Gerstenhaufen, die auf deines Vaters Kornboden aufgeschüttet sind. Als nun das Schloß zu Garz von den Christen in der Belagerung so geängstet ward und viele der tapfersten Männer und auch der König, des alten Mannes Sohn, in dem Streite auf den Wällen und vor den Toren der Stadt erschlagen waren, da wich der Alte nicht mehr aus der marmornen Kammer, sondern lag Tag und Nacht darin und hatte die Türen und Treppen, die dahin führten, dicht vermauern lassen; er aber wußte noch einen kleinen heimlichen Gang, der unter der Erde weglief, viele hundert Stufen tiefer als das Schloß, und jenseits des Sees einen Ausgang hatte, den kein Mensch wußte als er, und wo er hinausschlüpfen und sich draußen bei den Menschen Speise und Trank kaufen konnte. Als nun das Schloß von den Christen erobert und zerstört ward und die Männer und Frauen im Schlosse getötet und alle Häuser und Kirchen verbrannt wurden, daß kein Stein auf dem andern blieb, da fielen die Türme und Mauern übereinander, und die Türe der Goldkammer ward gar verschüttet; auch blieb kein Mensch lebendig, der wußte, wo der tote König seine Schätze gehabt hatte. Der alte König aber saß drunten bei seinen Haufen Goldes und hatte seinen heimlichen Gang offen und hat noch viele hundert Jahre gelebt, nachdem das Schloß zerstört war; denn sie sagen, die Menschen, welche sich zu sehr an Silber und Gold hängen, können vom Leben nicht erlöst werden und sterben nicht, wenn sie Gott auch noch so sehr um den Tod bitten. So lebte der alte, eisgraue Mann noch viele, viele Jahre und mußte sein Gold bewachen, bis er ganz dürr und trocken ward wie ein Totengerippe. Da ist er denn gestorben und auch zur Strafe verwandelt worden und muß nun als ein schwarzer magerer Hund unter den Goldhaufen liegen und sie bewachen, wenn einer kommt und den Schatz holen will. Des Nachts aber zwischen zwölf und ein Uhr, wann die Gespensterstunde ist, muß er noch immer rundgehen als ein altes graues Männlein mit einer schwarzen Pudelmütze auf dem Kopf und einem weißen Stock in der Hand. So haben die Leute ihn oft gesehen im Garzer Holze am Wege nach Poseritz; auch geht er zuweilen um den Kirchhof herum. Denn da sollen vor alters Heidengräber gewesen sein, und die Helden haben immer viel Silber und Gold mit sich in die Erde genommen. Das will er holen, darum schleicht er dort, kann es aber nicht kriegen, denn er darf die geweihte Erde nicht berühren. Das ist aber seine Strafe, daß er so rundlaufen muß, wann andere Leute in den Betten und Gräbern schlafen, weil er so geizig gewesen ist.
Nun begab es sich lange nach diesen Tagen, daß in Bergen ein König von Rügen wohnte, der hatte eine wunderschöne Tochter, die hieß Svanvithe; und sie war die schönste Prinzessin weit und breit, und es kamen Könige und Fürsten und Prinzen aus allen Landen, die um die schöne Prinzessin warben. Und der König, ihr Herr Vater, wußte sich kaum zu lassen vor allen den Freiern und hatte zuletzt nicht Häuser genug, daß er die Fremden beherbergte, noch Ställe, wohin sie und ihre Knappen und Staller ihre Pferde zögen; auch gebrach es fast an Hafer im Lande und Raum für alle die Kutscher und Diener, die mit ihnen kamen, und war Rügen so voll von Menschen, als es nie gewesen seit jenen Tagen. Und der König wäre froh gewesen, wenn die Prinzessin sich einen Mann genommen hätte und die übrigen Freier weggereist wären. Das läßt sich aber bei den Königen nicht so leicht machen als bei andern Leuten, und muß da alles mit vieler Zierlichkeit und Langsamkeit hergehen. Die Prinzessin, nachdem sie wohl ein ganzes halbes Jahr in ihrer einsamen Kammer geblieben war und keinen Menschen gesehen, auch kein Sterbenswort gesagt hatte, fand endlich einen Prinzen, der ihr wohl gefiel, und den sie gern zum Mann haben wollte, und der Prinz gefiel auch dem alten Könige, daß er ihn gern als Eidam wollte. Und sie hatten einander Ringe geschenkt, und war große Freude im ganzen Lande, daß die schöne Svanvithe Hochzeit halten sollte, und hatten alle Schneider und Schuster die Fülle zu tun, die schönen Kleider und Schuhe zu machen, die zur Hochzeit getragen werden sollten. Der verlobte Prinz aber und Svanvithens Bräutigam hieß Herr Peter von Dänemarken und war ein über die Maßen feiner und stattlicher Mann, daß seinesgleichen wenige gesehen wurden.
Da, als alles in lieblicher Hoffnung und Liebe grünete und blühete und die ganze Insel in Freuden stand und nur noch ein paar Tage bis zur Hochzeit waren, kam der Teufel und säete sein Unkraut aus, und die Luft ward in Traurigkeit verwandelt. Es war nämlich allda an des Königs Hofe auch ein Prinz aus Polen, ein hinterlistiger und schlechter Herr, sonst schön und ritterlich an Gestalt und Gebärde. Dieser hatte manches Jahr um die Prinzessin gefreit und sie geplagt Tag und Nacht; sie hatte aber immer nein gesagt, denn sie mochte ihn nicht leiden. Als dieser polnische Prinz nun sah, daß es wirklich eine Hochzeit werden sollte und daß Herr Peter von Dänemarken zum Treuliebsten der schönen Svanvithe erkoren war, sann er in seinem bösen Herzen auf arge Tücke und wußte es durch seine Künste so zu stellen, daß der König und alle Menschen glaubten, Svanvithe sei keine züchtige Prinzessin und habe manche Nächte bei dem polnischen Prinzen geschlafen. Das glaubte auch Herr Peter und reiste plötzlich weg; und der polnische Prinz war zuerst weggereist, und alle Könige und Prinzen reisten weg. Und das Schloß des Königs in Bergen stand wüst und leer da, und alle Freude war mit weggezogen und alle Geiger und Pfeifer und alles Saitenspiel, die sich auf Turniere und Feste gerüstet hatten. Und die Schande der armen Prinzessin klang über das ganze Land; ja in Schweden und Dänemark und Polen hörten sie es, wie die Hochzeit sich zerschlagen hatte. Sie aber war gewiß unschuldig und rein wie ein Kind, das aus dem Mutterleibe kommt, und war es nichts als die greuliche Bosheit des verruchten polnischen Prinzen, den sie als Freier verschmäht hatte.
So ging es der armen Svanvithe, und der König, ihr Vater, war einige Tage nach diesen Geschichten wie von Sinnen und wußte nicht von sich, und ihm war so zumute, daß er sich hätte ein Leid antun können von wegen seiner Tochter und von wegen des Schimpfes, den sie auf das ganze königliche Haus gebracht hatte. Und als er sich besann und wieder zu sich kam und die ganze Schande bedachte, worein er geraten war durch seine Tochter, da ergrimmte er in seinem Herzen, und er ließ die schöne Svanvithe holen und schlug sie hart und zerraufte ihr Haar und stieß sie dann von sich und befahl seinen Dienern, daß sie sie hinausführten in ein verborgenes Gemach, daß seine Augen sie nimmer wiedersähen. Darauf ließ er in einen mit dichten Mauern eingeschlossenen und mit dunklen Bäumen beschatteten Garten hinter seinem Schlosse einen düstern Turm bauen, wo weder Sonne noch Mond hineinschien, da sperrte er die Prinzessin ein. Der Turm, den er hatte bauen lassen, war aber fest und dicht und hatte nur ein einziges kleines Loch in der Türe, wodurch ein wenig Licht hineinfiel und wodurch der Prinzessin die Speise gereicht ward. Es war auch weder Bett noch Tisch oder Bank in dem traurigen Gefängnis; auf harter Erde mußte die liegen, die sonst auf Sammet und Seiden geschlafen hatte, und barfuß mußte die gehen, die sonst in goldenen Schuhen geprangt hatte. Und Svanvithe hätte sterben müssen vor Jammer, wenn sie nicht gewußt hätte, daß sie unschuldig war, und wenn sie nicht zu Gott hätte beten können. Sie aber war ein sehr junges Kind, als sie eingesperrt ward, erst sechzehn Jahre alt, schön wie eine Rose und schlank und weiß wie eine Lilie, und die Menschen, die sie liebhatten, nannten sie nicht anders als des Königs Lilienstengelein. Und dieses süße Lilienstengelein sollte so jämmerlich verwelken in der kalten und einsamen Finsternis.
Und sie hatte wohl drei Jahre so gesessen zwischen den kalten Steinen, und auch der alte König war nicht mehr froh gewesen seit jenem Tage, als der polnische Prinz sie in die große Schande gebracht hatte, sondern sein Kopf war schneeweiß geworden vor Gram wie der Kopf einer Taube; aber vor den Leuten gebärdete er sich stolz und aufgerichtet und tat, als wenn seine Tochter tot und lange begraben wäre. Sie aber saß von der Welt ungewußt in ihrem Elende und tröstete sich allein Gottes und dachte, daß er ihre Unschuld wohl einmal an den Tag bringen würde. Weil sie aber in ihren einsamen Trauerstunden Zeit genug hatte, hin und her zu denken, so fiel ihr die Sache ein von dem Königsschatze unter dem Garzer Walle, die sie in ihrer Kindheit oft gehört hatte, und sie gedachte damit ihre Unschuld, und daß der polnische Prinz sie unter einem falschen Schein schändlich belogen hatte, sonnenklar zu beweisen. Und als darauf ihr Wächter kam und ihr die Speise durch das Loch reichte, sprach sie zu ihm: "Lieber Wächter, gehe zu dem Könige, meinem und deinem Herrn, und sage ihm, daß seine arme einzige Tochter ihn nur noch ein einziges Mal zu sehen und zu sprechen wünscht in ihrem Leben und daß er ihr diese letzte Gunst nicht versagen mag."
Und der Wächter sagte ja und lief und dachte bei sich: "Wenn der alte König ihre Bitte nur erhört!" Denn es jammerte ihn die arme Prinzessin unaussprechlich, und sie jammerte alle Menschen; denn sie war immer freundlich gewesen gegen jedermann, auch hatten die meisten von Anfang an geglaubt, daß sie fälschlich verklagt war und daß der polnische Prinz einen argen Lügenschein auf sie gebracht hatte; denn sie hatte sich immer aller Zucht und Jungfräulichkeit beflissen vor jedermann.
Und als ihr Wächter vor den König trat und ihm die Bitte der Prinzessin anbrachte, da war der alte Herr sehr zornig und schalt ihn und drohete ihm, ihn selbst in den Turm zu werfen, wenn er den Namen der Prinzessin vor ihm je wieder über seine Lippen laufen lasse. Und der erschrockene Wächter ging weg. Der König aber legte sich hin und schlief ein. Da soll er einen wunderbaren Traum gehabt haben, den kein Mensch zu deuten verstanden hat, und er ist früh erwacht und sehr unruhig gewesen und hat viel an seine Tochter denken müssen, bis er zuletzt befohlen hat, daß man sie aus dem Turm heraufbrächte und vor ihn führte.
Als Svanvithe nun vor den König trat, war sie bleich und mager, auch waren ihre Kleider und Schuhe schon abgerissen, und sie stand fast nackt und barfuß da und sah einer Bettlertochter ähnlicher als einer Königstochter. Und der alte König ist bei ihrem Anblick blaß geworden vor Jammer wie der Kalk an der Wand, aber sonst hat er sich nichts merken lassen. Und Svanvithe hat sich vor ihm verneigt und also zu ihm gesprochen:
"Mein König und Herr! Ich erscheine nur als eine arme Sünderin vor dir, als eine, die an der göttlichen Gnade und an dem Lichte des Himmels kein Recht mehr haben soll. Also hast du mich von deinem Angesicht verstoßen und von allem Lebendigen weggesperrt. Ich beteure aber vor dir und vor Gott, daß ich unschuldig leide und daß der polnische Prinz aus eitel Tücke und Arglist all den schlimmen Schein auf mich gebracht hat. Und nun hat Gott, der sich mein erbarmen will, mir einen Gedanken ins Herz gegeben, wodurch ich meine unbefleckte Jungfrauschaft beweisen und dich und mich und dein ganzes Reich zu Reichtum und Ehren bringen kann. Du weißt, es geht die Sage, unter dem alten Schloßwalle zu Garz, wo unsere heidnischen Ahnen weiland gewohnt haben, liege ein reicher Schatz vergraben. Diese Sage, die mir in meiner Kindheit oft erzählt ist, meldet ferner, dieser Schatz könne nur von einer Prinzessin gehoben werden, die von jenen alten Königen herstamme und noch eine reine Jungfrau sei: wenn nämlich diese den Mut habe, in der Johannisnacht zwischen zwölf und ein Uhr nackt und einsam diesen Wall zu ersteigen und darauf rückwärts so lange hin und her zu treten, bis es ihr gelinge, die Stelle zu treffen, wo die Tore und Treppen verschüttet sind, die zu der Schatzkammer hinabführen. Sobald sie diese mit ihren Füßen berühre, werde es sich unter ihr öffnen, und sie werde sanft heruntersinken mitten in das Gold und könne sich von den Herrlichkeiten dann auslesen, was sie wolle, und bei Sonnenaufgang wieder herausgehen. Was sie aber nicht tragen könne, werde der alte Geist, der den Schatz bewacht, nebst seinen Gehilfen nachtragen. Hierauf habe ich nun meine Hoffnung eines neuen Glückes gestellt, ob es mir etwa aufblühen wolle; laß mich denn, Herr König, mit Gott diese Probe machen. Ich bin ja doch einer Toten gleich, und ob ich hier begraben bin oder dort begraben werde, kann dir einerlei sein."
Sie hatte die Gebärde, als wolle sie noch mehr sagen; aber bei diesen Worten stockte sie und konnte nicht mehr, sondern schluchzete und weinte bitterlich. Der König aber winkte dem Wächter leise zu, der sie hereingeführt hatte, und alsbald kamen Frauen und Dienerinnen herbei und trugen sie hinaus von dem Könige weg in ein Seitengemach. Und nicht lange, so ward der Wächter wieder zu dem Könige gerufen, und er brachte ihr Speise und Trank, daß sie sich stärkte und erquickte, und zugleich die Botschaft, daß der König ihr die gebetene mitternächtliche Fahrt erlaube. Bald trugen Dienerinnen ihr ein Bad herein nebst zierlichen Kleidern, daß sie sich bedecken konnte, denn sie war fast nackend. Und sie lebte nun wieder in Freuden, obgleich sie ganz einsam saß und gegen niemand den Mund auftat—auch den Dienern und Dienerinnen war das Sprechen zu ihr verboten, sie wußten auch nicht, wer sie war, noch wie sie in das Schloß gekommen, denn von denen, die sie kannten, ward niemand zu ihr gelassen denn allein der Wächter, der ihr immer die Speise gebracht hatte im Turme. Und ihre Schöne fing wieder an aufzublühen, wie blaß und elend sie auch aus dem Turm gekommen war; und alle, die sie sahen, entsetzten sich über ihre Huld und Lieblichkeit, und sie deuchte ihnen fast einem Engel gleich, der vom Himmel in das Schloß gekommen sei.
Und als vierzig Tage vergangen waren und der Tag vor Johannis da war, da ging sie zu dem Könige, ihrem Vater, ins Gemach und sagte ihm Lebewohl. Und der alte Herr neigte noch einmal wieder seinen weißen Kopf über sie und weinte sehr, und sie sank vor ihm hin und umfaßte seine Knie und weinte noch mehr. Und darauf ging sie hinaus und verkleidete sich so, daß niemand sie für eine Prinzessin gehalten hätte, und trat ihre Reise an. Die Reise war aber nicht weit von Bergen nach Garz, und sie ging in der Tracht eines Reiterbuben einher. Und in der Nacht, als es vom Garzer Kirchturm zwölf geschlagen hatte, betrat sie einsam den Wall, tat ihre Kleider von sich, also daß sie da stand, wie Gott sie erschaffen hatte, und nahm eine Johannisrute in die Hand, womit sie hinter sich schlug. Und so tappte sie stumm und rücklings fort, wie es geschehen mußte. Und nicht lange war sie geschritten, so tat sich die Erde unter ihren Füßen auf, und sie fiel sanft hinunter, und es war ihr, als würde sie in einem Traum hinabgewiegt; und sie fiel hinab in ein gar großes und schönes und von tausend Lichtern und Lampen erleuchtetes Gemach, dessen Wände von Marmor und diamantenen Spiegeln blitzten und dessen Boden ganz mit Gold und Silber und Edelsteinen beschüttet war, daß man kaum darauf gehen konnte. Sie aber sank so weich auf einen Goldhaufen herab, daß es ihr gar nicht weh tat. Und sie besah sich alle die blitzende Herrlichkeit in dem weiten Saale, wo die Schätze und Kostbarkeiten ihrer Ahnherren von vielen Jahrhunderten gesammelt und aufgehängt waren; und da sah sie in der hintersten Ecke in einem goldenen Lehnstuhl das kleine graue Männchen sitzen, das ihr freundlich zunickte, als wolle es mit der Urenkelin sprechen. Sie aber sprach kein Wort zu ihm, sondern winkte ihm nur leise mit der Hand. Und auf ihren Wink hob der Geist sich hinweg und verschwand, und statt seiner kam eine lange Schar prächtig gekleideter Diener und Dienerinnen, welche sich in stummer Ehrfurcht hinter sie stellten, als erwarteten sie, was die Herrin befehlen würde. Svanvithe aber säumte nicht lange, bedenkend, wie kurz die Mittsommersnacht ist, und sie nahm die Fülle der Edelsteine und Diamanten und winkte den Dienern und Dienerinnen hinter ihr, daß sie ebenso täten; auch diese füllten Hände und Taschen und Zipfel und Geren der Kleider mit Gold und edlen Steinen und kostbaren Geschirren. Und noch ein Wink, und die lange Reihe wandelte, und die Prinzessin schritt voran der Treppe zu, als wenn sie herausgehen wollte; jene aber folgten ihr. Und schon hatte sie viele Stufen vollendet und sah schon das dämmernde Morgenlicht und hörte schon den Lerchengesang und den Hahnenkrei, die den Tag verkündeten—da ward es ihr bange, ob die Diener und Dienerinnen ihr auch nachträten mit den Schätzen. Und sie sah sich um, und was erblickte sie? Sie sah den kleinen grauen Mann sich plötzlich in einen großen schwarzen Hund verwandeln, der mit, feurigem Rachen und funkelnden Augen gegen sie hinaufsprang. Und sie entsetzte sich sehr und rief: "Oh Herr je!" Und als sie das Wort ausgeschrien hatte, da schlug die Tür über ihr mit lautem Knalle zu, und die Treppe versank, und die Diener und Dienerinnen verschwanden, und alle Lichter des Saales erloschen, und sie war wieder unten am Boden und konnte nicht heraus. Der alte König aber, da sie nicht wiederkam, grämte sich sehr; denn er dachte, sie sei entweder umgekommen bei dem Hinabsteigen zu dem Schatze durch die Tücke der bösen Geister, die unter der Erde ihre Gewalt haben, oder sie habe sich der Sache überhaupt nicht unterstanden und laufe nun wie eine arme, verlassene Streunerin durch die Welt. Und er lebte nur noch wenige Wochen nach ihrem Verschwinden; dann starb er und ward begraben.
Der Prinzessin Svanvithe war dieses Unglück aber geschehen, weil sie sich umgesehen hatte, als sie weggehen wollte, und weil sie gesprochen hatte. Denn über die Unterirdischen hat man keine Gewalt, wenn man sich umsieht oder spricht, sondern es gerät dann fast immer unglücklich, wovon man viele Beispiele und Geschichten weiß.
Und es waren viele Jahre vergangen, vielleicht hundert Jahre und mehr, und alle die Menschen waren gestorben und begraben, welche zu der Zeit des alten Königs und der schönen Svanvithe gelebt hatten, und schon ward hie und da von ihnen erzählt wie von einem alten, alten, längst verschollenen Märchen; da hörte man hin und wieder, die Prinzessin lebe noch und sitze unter dem Garzer Wall in der Schatzkammer und müsse nun mit dem alten, grauen Urgroßvater die Schätze hüten helfen. Und kein Mensch weiß zu sagen, wie dies hier oben bekannt geworden ist. Vielleicht hat der kleine graue Mann, der zuzeiten rundgeht, es einem verraten, oder es hat es auch einer der hellsichtigen Menschen gesehen, die an hohen Festtagen in besonderen Stunden geboren sind und die das Gras und das Gold in der Erde wachsen sehen und mit ihren Augen durch die dicksten Berge und Mauern dringen können. Und es war viel erschollen von der Geschichte und von dem wundersamen Versinken der Prinzessin unter die Erde, und daß sie in der dunkeln Kammer sitze und noch lebe und einmal erlöst werden solle. Sie kann aber, sagen sie, erlöst werden, wenn einer es wagt, auf dieselbe Weise, wie sie einst in der Johannisnacht getan hat, in die verbotene Schatzkammer hinabzufallen. Dieser muß sich dann dreimal vor ihr verneigen, ihr einen Kuß geben, sie an die Hand fassen und sie still herausführen; denn kein Wort darf er beileibe nicht sprechen. Wer sie herausbringt, der wird mit ihr in Herrlichkeit und in Freuden leben und so viele Schätze haben, daß er sich ein Königreich kaufen kann. Darin wird er dann fünfzig Jahre als König auf dem Throne sitzen und sie als seine Königin neben ihm, und werden gar liebliche Kinder zeugen; der kleine graue Spuk wird dann aber auf immer verschwinden, wann sie ihm die Schätze weggehoben haben. Nun hat es wohl so kühne und verwegene Prinzen und schöne Knaben gegeben, die mit der Johannisrute in der Hand zu ihr hinabgekommen sind; aber sie haben es immer in etwas versehen, und die Prinzessin ist noch nicht erlöst. Ja, wenn das ein so leichtes Ding wäre, wieviele würden Lust haben, eine so schöne Prinzessin zu freien und Könige zu werden! Die Leute erzählen aber, der greuliche schwarze Hund ist an allem schuld; keiner hat es mit ihm aushalten können, sondern wenn sie ihn sehen, so müssen sie aufschreien, und dann schlägt die Türe zu, und die Treppe versinkt, und alles ist wieder vorbei.
So sitzt denn die arme Svanvithe da in aller ihrer Unschuld und muß da unten frieren und das kalte Gold hüten, und Gott weiß, wann sie erlöst werden wird. Sie sitzt da über Goldhaufen gebeugt; ihr langes Haar hängt ihr über die Schultern herab, und sie weint unaufhörlich. Schon sitzen sechs junge Gesellen um sie herum, die auch mithüten müssen. Das sind die, denen die Erlösung nicht gelungen ist. Wem es aber gelingt, der heiratet die Prinzessin und bekommt den ganzen Schatz und befreit zugleich die andern armen Gefangenen. Sie sagen, der letzte ist vor zwanzig Jahren darin versunken, ein Schuhmachergesell, der Jochim Fritz hieß. Das war ein junges, schönes Blut und ging immer viel auf dem Wall spazieren. Der ist mit einem Male verschwunden, und keiner hat gewußt, wo er gestoben und geflogen war, und seine Eltern und Freunde haben ihn in der ganzen Welt suchen lassen, aber nicht gefunden! Er mag nun auch wohl dasitzen bei den andern.
Rattenkönig Birlibi
Ich will die Geschichte erzählen von dem Rattenkönig Birlibi, eine Geschichte, die mir Balzer Tievs aus Preseke oft erzählt hat nebst vielen andern Geschichten. Balzer war ein Knecht, der auf meines Vaters Hofe diente, als ich acht, neun Jahre alt war, ein Mensch von schalkischen Einfällen, der viele Geschichten und Märchen wußte. Die Geschichte von dem Rattenkönig Birlibi lautet also:
In dem stralsundischen Dorfe Altenkamp, welches zwischen Garz und Putbus seitwärts am Strande liegt, hat vormals ein reicher Bauer gelebt, der hieß Hans Burwitz. Das war ein ordentlicher, kluger Mann, dem alles, was er angriff, geriet, und der im ganzen Dorfe die beste Wehr hatte. Er hatte sechzehn Kühe, vierzig Schafe, acht Pferde und zwei Füllen auf dem Stalle und in den Koppeln, glatt wie die Aale und von so guter Zucht, daß seine Füllen auf dem Berger Pferdemarkt immer zu acht bis zehn Pistolen das Stück bezahlt wurden. Dazu hatte er sechs hübsche Kinder, Söhne und Töchter, und es ging ihm so wohl, daß die Leute ihn wohl den reichen Bauer zu Altenkamp zu nennen pflegten. Dieser Mann ist durch nächtliche Gänge im Walde um all sein Vermögen gekommen.
Hans Burwitz war auch ein starker Jäger, besonders hatte er eine treffliche Witterung auf Füchse und Marder und war deswegen oft des Nachts im Walde, wo er seine Eisen gelegt hatte und auf den Fang lauerte. Da hat er im Dunkeln und im Zwielichte der Dämmerung und des Mondscheins manche Dinge gesehen und gehört, die er nicht wiedererzählen mochte, wie denn im Walde des Nachts viel Wunderliches und Absonderliches vorgeht; aber die Geschichte von dem Rattenkönig Birlibi hat man von ihm erfahren. Hans Burwitz hatte in seiner Kindheit oft von einem Rattenkönig erzählen hören, der eine goldene Krone auf dem Kopfe trage und über alle Wiesel, Hamster, Ratten, Mäuse und anderes dergleichen Springinsfeldisches und leichtes Gesindel herrsche und ein gewaltiger Waldkönig sei; aber er hatte nie daran glauben wollen. Manches liebe Jahr war er auch im Walde auf Fuchs- und Marderfang und Vogelstellerei rundgegangen und hatte vom Rattenkönig auch nicht das mindeste weder gesehen noch gehört. Da mochte der Rattenkönig aber wohl in einer anderen Gegend sein Wesen getrieben haben. Denn er hat viele Schlösser in allen Ländern unter den Bergen und zieht beinahe jedes Jahr auf ein anderes Schloß, wo er sich mit seinen Hofherren und Hofdamen erlustigt. Denn er lebt wie ein sehr vornehmer Herr, und der Großmogul und König von Frankreich kann keine bessere Tage haben, und die Königin von Antiochien hat sie nicht gehabt, die ihr Vermögen in Herzen von Paradiesvögeln und Gehirnen von Nachtigallen aufgefressen hat. Und das glaube nur nicht, daß dieser Rattenkönig und seine Freunde Nüsse und Weizenkörner und Milch je an ihren Schnabel bringen; nein, Zucker und Marzipan ist ihr tägliches Essen, und süßer Wein ist ihr Getränk, und leben besser als König Salomon und Feldhauptmann Holofernes.
Nun ging Hans Burwitz wieder einmal nach Mitternacht in den Wald und war auf der Fuchslauer. Da hörte er aus der Ferne ein vielstimmiges und kreischendes Getöse, und immer klang mit heller Stimme heraus: Birlibi! Birlibi! Birlibi! Da erinnerte er sich des Märchens vom Rattenkönig Birlibi, das er oft gehört hatte, und er dachte: "Willst mal hingehen und zusehen, was es ist!" Denn er war ein beherzter Mann, der auch in der stockfinstersten Nacht keine Furcht kannte. Und er war schon auf dem Sprunge zu gehen, da bedachte er das Sprichwort: "Bleib weg, wo du nichts zu tun hast, so behältst du deine Nase"; aber das Birlibi tönte ihm nach, solange er im Walde war. Und die andere Nacht und die dritte Nacht war es wieder ebenso. Er aber ließ sich nichts anfechten und sprach: "Laß den Teufel und sein Gesindel ihr tolles Wesen treiben, wie sie wollen! Sie können dem nichts tun, der sich nicht mit ihnen abgibt." Wollte Gott, Hans hätte es immer so gehalten! Aber die vierte Nacht hat es ihn übermächtigt, und er ist wirklich in die bösen Stricke geraten.
Es ist der Walpurgisabend gewesen, und seine Frau hat ihn gebeten, er möge diese Nacht nur nicht in den Wald gehen, denn es sei nicht geheuer, und alle Hexenmeister und Wettermacherinnen seien auf den Beinen, die können ihm was antun; denn in dieser Nacht, die das ganze höllische Heer loslasse, sei schon mancher Christenmensch zu Schaden gekommen. Aber er hat sie ausgelacht und hat es eine weibische Furcht genannt und ist seines gewöhnlichen Weges in den Wald gegangen, als die andern zu Bett waren. Da ist ihm aber der König Birlibi zu mächtig geworden. Anfangs war es diese Nacht im Walde eben wie die vorigen Nächte, es tosete und lärmte von fern, und das Birlibi klang hell darunter; und was über seinem Kopfe durch die Wipfel der Bäume schwirrte und pfiff und rauschte, das kümmerte Burwitz nicht viel, denn an Hexerei glaubte er gar nicht und sagte, es seien nur Nachtgeister, wovor dem Menschen graue, weil er sie nicht kenne, und allerlei Blendwerke und Gaukeleien der Finsternis, die dem nichts tun können, der keinen Glauben daran habe. Aber als es nun Mitternacht ward und die Glocke zwölf geschlagen hatte, da kam ein ganz anderes Birlibi aus dem Walde hervor, daß Hansen die Haare auf dem Kopfe kribbelten und sauseten und er davonlaufen wollte. Aber die waren ihm zu geschwind, und er war bald mitten unter dem Haufen und konnte nicht mehr heraus.
Denn als es zwölf geschlagen hatte, tönte der ganze Wald mit einem Male wie von Trommeln und Pauken und Pfeifen und Trompeten, und es war so hell darin, als ob er plötzlich von vielen tausend Lampen und Kerzen erleuchtet worden wäre. Es war aber diese Nacht das große Hauptfest des Rattenkönigs, und alle seine Untertanen und Leute und Mannen und Vasallen waren zur Feier desselben aufgeboten. Und es schienen alle Bäume zu sausen und alle Büsche zu pfeifen und alle Felsen und Steine zu springen und zu tanzen, so daß Hansen entsetzlich bange ward; aber als er weglaufen wollte, verrannten ihm so viele Tiere den Weg, daß er nicht durchkommen konnte und sich ergeben mußte, stehenzubleiben, wo er war. Es waren da die Füchse und die Marder und die Iltisse und Wiesel und Siebenschläfer und Murmeltiere und Hamster und Ratten und Mäuse in so zahlloser Menge, daß es schien, sie waren aus der ganzen Welt zu diesem Feste zusammengetrommelt. Sie liefen und sprangen und hüpften und tanzten durcheinander, als ob sie toll waren; sie standen aber alle auf den Hinterfüßen, und mit den Vorderfüßen trugen sie grüne Zweige aus Maien und jubelten und toseten und heulten und kreischten und pfiffen jeder auf seine Weise. Kurz, es war das ganze leichte Diebsgesindel der Nacht beisammen und machten gar ein scheußliches Geläute und Gebimmel und Getümmel durcheinander. In den Lüften ging es ebenso wild als auf der Erde; da flogen die Eulen und Krähen und Käuze und Uhus und Fledermäuse und Mistkäfer bunt durcheinander und verkündigten mit ihren gellenden und kreischenden Kehlen und mit ihren summenden und schwirrenden Flügeln die Freude des hohen Tages.
Als Hans erschrocken und erstaunt sich mitten in dem Gewimmel und Geschwirr und Getöse befand und nicht wußte, wo aus noch ein, siehe, da leuchtete es mit einem Male heller auf, und nun sangen viele tausend Stimmen zugleich, daß es in fürchterlich grauslicher Feierlichkeit durch den Walde schallte und Hansen das Herz im Leibe bebte:
Macht auf! Macht auf! Macht auf die Pforten! Und wallet her von allen Orten! Geladen seid ihr allzugleich; Der König ziehet durch sein Reich. Ich bin der große Rattenkönig. Komm her zu mir, hast du zu wenig! Von Gold und Silber ist mein Haus, Das Geld mess' ich mit Scheffeln aus.
So klang es im feierlichen und langsamen Gesange fort, und dann schallten immer wieder einzelne kreischende und gellende Stimmen mit widerlichem Laute darunter Birlibi! Birlibi! und die ganze Menge rief Birlibi! nach, daß es durch den Wald schallte. Und es war der Rattenkönig, welcher einhergezogen kam. Er war ungeheuer groß wie ein Mastochs und saß auf einem goldenen Wagen und hatte eine goldene Krone auf dem Haupte und hielt ein goldenes Zepter in der Hand, und neben ihm saß seine Königin und hatte auch eine goldene Krone auf und war so fett, daß sie glänzte; und sie hatten ihre langen kahlen Schwänze hinter sich zusammengeschlungen und spielten damit, denn ihnen war sehr wohlig zumute. Und diese Schwänze waren das Allerscheußlichste, was man da sah; aber der König und die Königin waren auch scheußlich genug. Und der Wagen, worin sie saßen, ward von sechs magern Wölfen gezogen, die mit den Zähnen fletschten, und zwei lange Kater standen als Heiducken hinten auf und hielten brennende Fackeln und miauten entsetzlich. Dem Rattenkönig und der Rattenkönigin war aber vor ihnen nicht bange; sie schienen hier zu gewaltige Herren und Könige über alle zu sein. Es gingen auch zwölf geschwinde Trommelschläger dem Wagen voran und trommelten. Das waren Hasen; die müssen die Trommel schlagen und andern Mut machen, weil sie selbst keinen haben.
Hansen war schon bange genug gewesen; jetzt aber, als er den Rattenkönig und die Rattenkönigin und die Wölfe und Kater und Hasen so miteinander sah, da schauderte ihm die Haut auf dem ganzen Leibe, und sein sonst so tapferes Herz wollte fast verzagen, und er sprach bei sich: "Hier mag der Henker länger bleiben, wo alles so wider die Natur geht! Ich habe auch wohl von Wundern gelesen und gehört; aber sie gingen doch immer etwas natürlich zu. Daß dies aber buntes Teufelsspiel ist und teuflisches Pack, sieht man wohl. Wer nur heraus wäre!"
Und Hans machte noch einen Versuch, sich heraus zu drängen; aber der Zug brauste immer frisch fort durch den Wald, und Hans mußte mit. So ging es, bis sie an eine äußerste Ecke des Waldes kamen. Da war ein offenes Feld und hielten viele hundert Wagen, die mit Speck und Fleisch und Korn und Nüssen und anderen Eßwaren beladen waren. Einen jeden Wagen fuhr ein Bauer mit seinen Pferden, und die Bauern trugen die Säcke Korn und das Speck und die Schinken und Mettwürste und was sie sonst geladen, hinab in den Wald, und als sie Hans Burwitz stehen sahen, riefen sie ihm zu: "Komm! Hilf auch tragen!" Und Hans ging hin und lud mit ab und trug mit ihnen; er war aber so verwirrt, daß er nicht wußte, was er tat. Es deuchte ihm aber in dem Zwielichte, als sehe er unter den Bauern bekannte Gesichter, und unter andern den Schulzen aus Krakvitz und den Schmied aus Casnevitz; er ließ sich aber nichts merken, und jene taten auch wie unbekannte Leute. Mit den Bauern aber hatte es die Bewandnis: sie hatten sich dem Rattenkönig und seinem Anhange zum Dienst ergeben und mußten ihnen in der Walpurgisnacht, wo des Rattenkönigs großes Fest steht, immer den Raub zu dem Walde fahren, den Rattenkönigs Untertanen einzeln aus allen Orten der Welt zusammengemaust und zusammengestohlen hatten. Und Hans kam nun auch ganz unschuldig dazu und wußte nicht wie. Sowie die Säcke und das andere in den Wald getragen wurden, war das wilde Diebsgesindel darüber her, und es ging Grips! Graps! und Rips! Raps! hast du mir nicht gesehen, und jeder griff zu und schleppte sein Teil fort, so daß ihrer immer weniger wurden. Der König aber hielt noch da in seinem hohen und prächtigen Wagen, und es tanzeten und toseten und lärmten noch einige um ihn. Als aber alle Wagen abgeladen waren, da kamen wohl hundert große Ratten und gossen Gold aus Scheffeln auf das Feld und auf den Weg und sangen dazu:
Hände her! Mützen her! Wer will mehr? Wer will mehr? Lustig! Lustig! Heut geht's toll, Lustig! Händ' und Mützen voll!
Und die Bauern fielen wie die hungrigen Raben über das ausgeschüttete Gold her und griffelten und graffelten und drängten und stießen sich, und jeder raffte so viel auf von dem roten Raube, als er habhaft werden konnte, und Hans war auch nicht faul und griff rüstig mit zu. Und als sie in bester Arbeit waren wie Tauben, worunter man Erbsen geworfen, siehe, da krähete der Morgenhahn, wo das heidnische und höllische Reich auf der Erde keine Macht mehr hat—und in einem hui war alles verschwunden, als wäre es nur ein Traum gewesen, und Hans stand ganz allein da am Walde. Und der Morgen brach an, und er ging mit schwerem Herzen nach Hause. Er hatte aber auch schwere Taschen und schönes rotes Gold darin; das schüttete er nicht aus. Seine Frau war ganz ängstlich geworden, daß er so spät zu Hause kam, und sie erschrak, als sie ihn so bleich und verstört sah, und fragte ihn allerlei. Er aber fertigte sie nach seiner Gewohnheit mit Scherz ab und sagte ihr nicht ein Sterbenswörtchen von dem, was er gesehen und gehört hatte.
Hans zählte sein Gold (es war ein hübsches Häuflein Dukaten), legte es in den Kasten und ging die ersten Monate nach diesem Abenteuer nicht in den Wald. Er hatte ein heimliches Grauen davor. Dann vergaß er, wie es dem Menschen geht, die Walpurgisnacht und ihr schauerliches und greuliches Getümmel allmählich und ging nach wie vor im Mond- und Sternenschein auf seinen Fuchs- und Marderfang. Von dem Rattenkönig und seinem Birlibi sah und hörte er nichts mehr und dachte zuletzt selten daran. Aber als es gegen den Frühling ging, veränderte sich alles; er hörte zuweilen um die Mitternacht wieder das Birlibi klingen, daß seine mattesten Haare auf dem Kopfe ihm lebendig wurden, und lief dann zwar immer geschwinde aus dem Walde, hatte aber dabei doch seine heimlichen Gedanken auf die Walpurgisnacht; und weil das, was die Menschen bei Tage denken, ihnen bei Nacht im Traume wiederkommt und allerlei spielt und spiegelt und gaukelt, so blieb auch der Rattenkönig mit seiner Nachtgaukelei nicht aus, und Hans träumte oft, als stehe der Rattenkönig vor seiner Türe und klopfe an; und er machte ihm dann auf und sah ihn leibhaftig, wie er damals in dem Wagen gesessen, und er war nun ganz von lauterem Golde und auch nicht so häßlich, als er ihm damals vorgekommen, und Rattenkönig sang ihm mit der allersüßesten Stimme, von der man nicht glauben wollte, daß eine Rattenkehle sie haben könnte, den Vers vor:
Ich bin der große Rattenkönig. Komm her zu mir, hast du zu wenig! Von Gold und Silber ist mein Haus, Das Geld mess' ich mit Scheffeln aus.
Und dann kam er dicht zu ihm heran und flüsterte ihm ins Ohr: "Du kommst doch wieder zur Walpurgisnacht, Hans Burwitz, und hilfst Säcke tragen und holst dir deine Taschen voll Dukaten?" Zwar hatte Hans, wann er aus solchen Träumen erwachte, neben der Freude über das Gold immer ein Grauen, und er sprach dann wohl: "Warte nur, Prinz Birlibi, ich komme dir nicht zu deinem Feste!" Aber es ging ihm, wie es andern Leuten auch gegangen ist, und das alte Sprichwort sollte an ihm auch wahr werden: Wen der Teufel erst an einem Faden hat, den führt er auch wohl bald am Strick. Genug, je näher die Walpurgisnacht kam, desto mehr wuchs in Hans die Gier, auch dabei zu sein. Doch nahm er sich fest vor, dem Bösen diesmal nicht den Willen zu tun, und ging den Walpurgisabend auch glücklich mit seiner Frau zu Bett. Aber er konnte nicht einschlafen; die Wagen mit den Säcken und die Bauern und die großen Ratten, die das Gold aus Scheffeln auf den Boden schütteten, fielen ihm immer wieder ein, und er konnte es nicht länger aushalten im Bette, er mußte aufstehen und sich von der Frau fortschleichen und in den finstern Wald laufen. Und da hat er diese zweite Nacht ebenso wieder erlebt als das erstemal. Er hatte sich ein Säckchen mitgenommen für das Gold und hatte auch viel reichlicher eingesammelt als das vorige Jahr.
Nun deuchte ihm, habe er des Goldes genug, und er tat einen hohen Schwur, er wolle sich nimmer wieder in die Versuchung geben und auch nie wieder in den Wald gehen. Und er hat den Schwur gehalten und sich selbst überwunden, daß er nicht in den Wald gegangen ist und keine Walpurgisnacht wieder mitgehalten hat, so oft ihm auch noch von dem Birlibi und dem goldenen Rattenkönige geträumt hat. Er hat das aber nicht in seinem Herzen sitzen lassen, sondern hat es mit eifrigem Gebet wieder ausgetrieben und den Bösen endlich müd, gemacht, daß er von ihm gewichen ist. So war manches Jahr vergangen, und Hans hieß ein sehr reicher Mann. Er hatte sich für seine Dukaten Dörfer und Güter gekauft und war ein Herr geworden. Es munkelte auch unter den Leuten, es gehe nicht mit rechten Dingen zu mit seinem Reichtum; aber keiner konnte ihm das beweisen. Aber endlich ist der Beweis gekommen.
Der Böse lauerte auf den armen Mann, an dem er schon einige Macht gewonnen hatte. Er war ergrimmt auf ihn, weil er von seinen hohen Festen in der Walpurgisnacht ganz ausblieb, und als Hans einmal wieder mit sündlicher Lüsternheit an das Goldsammeln gedacht und darüber das Abendgebet vergessen, auch einige unchristliche Flüche über eine Kleinigkeit getan hatte, hat er mit seinem Gesindel hervorbrechen können, und Hans hat nun gelernt, was das goldene Spielwerk des Königs Birlibi eigentlich auf sich habe. Seit dieser Zeit hat Hans weder Stern noch Glück mehr in seiner Wirtschaft gehabt. Wieviel er sich auch abmattete, er konnte nichts mehr vor sich bringen, sondern es ging von Tage zu Tage mehr rückwärts. Seine ärgsten Feinde aber waren die Mäuse, die ihm im Felde und in den Scheunen das Korn auffraßen, die Wiesel, Ratten und Marder, die ihm die Hühner, Enten und Tauben abschlachteten, die Füchse und Wölfe, die seine Lämmer, Schafe, Füllen und Kälber holten. Kurz, das Gesindel hat es so arg gemacht, daß Hans in wenigen Jahren um Güter und Höfe, um Pferde und Rinder, um Schafe und Kälber gekommen ist und zuletzt nicht ein einziges Huhn mehr hat sein nennen können. Er hat als ein armer Mann mit dem Stock in der Hand nebst Weib und Kindern von Haus und Hof gehen und sich auf seinen alten Tagen als Tagelöhner ernähren müssen.
Da hat er oft die Geschichte erzählt, wie er zu dem Reichtum gekommen und aus dem Bauern ein Edelmann geworden ist, und hat Gott gedankt, daß er Ratten und Mäuse als seine Bekehrer geschickt und ihn so arm gemacht hat. "Denn sonst", hat der arme Mann gesagt, "Wäre ich wohl nicht in den Himmel gekommen, und der Teufel hätte seine Macht an mir behalten, und ich hätte dort jenseits endlich auch nach des Rattenkönigs Pfeife tanzen müssen." Das hat er auch dabei erzählt, daß solches Gold, das man auf eine so wundersame und heimliche Weise gewinne, doch keinen Segen in sich habe; denn ihm sei bei allen seinen Schätzen doch nie so wohl ums Herz gewesen als nachher in der bittersten Armut; ja, er sei ein elenderer Mann gewesen, da er als Junker mit Sechsen gefahren, als nachher, da er oft froh gewesen, wenn er des Abends nur Salz und Kartoffeln gehabt habe.
Rotkehlchen und Kohlmeischen.
Rotkehlchen und Kohlmeischen waren einst ein paar hübsche Dirnen, Töchter einer alten frommen Wittwe, die sich vom Spinnen, Nähen und Waschen und von anderer Arbeit knapp aber doch ehrlich ernährte. Sie hatte nur diese beiden Kinder, von welchen die älteste Grethchen und die jüngste Kathrinchen hieß. Sie hielt, wie sauer es ihr auch ward, die Kinder immer nett und reinlich in Kleidung und schickte sie fleißig zu Kirche und Schule, und als sie größer wurden, unterwies sie sie in allerlei künstlicher Arbeit mit der Scheere und Nadel und hielt sie still in ihrem Kämmerlein in aller Ehrbarkeit und Tugend. Und Grethchen und Kathrinchen gediehen, daß es eine Freude war, und wurden eben so hübsch und fein, als sie fleißig und ehrbar waren; so daß alle Menschen ihre Lust an ihnen hatten und die Nachbarn sie ihren Töchtern als rechte Muster zeigten und lobten. Die Wittwe starb und die beiden Schwestern blieben in ihrem Häuschen und lebten, wie sie mit der Mutter bisher gethan, von ihrer Hände Arbeit. Aber es blieb nicht lange mehr so still in dem Häuschen, als es sonst gewesen war. Die Falken und Habichte, welche auf schönes junges Blut lauren, merkten, daß die Hüterin weg war, welche die Täubchen sonst bewacht hatte, und es fanden sich häufig lose junge Gesellen ein, welche die Mädchen zu Tänzen und Gelagen und zu Spaziergängen auf die Dörfer verlocken wollten. Die beiden Schwestern wehrten sich einige Wochen tapfer, aber endlich ließen sie sich bewegen und gingen mit und dachten, es kann doch wohl keine Sünde seyn, was so viele Frauen und Mädchen thun, die niemand unehrlich nennt. Zuerst kam es ihnen bei diesen Tänzen doch zu wild vor und sie sahen nicht einmal lange zu sondern gingen früh weg und waren vor Sonnenuntergang wieder zu Hause und ließen sich nicht bis in die Nacht hinein halten, wieviel die, welche sie mitgenommen hatten, auch locken mogten. Das zweite und dritte Mal tanzten sie schon mit, gingen aber bei Tage heim, und mit etwas schwerem Herzen, und nahmen sich deswegen vor, den nächsten Sonntag zu Hause zu bleiben. Aber das Worthalten war schwer, denn die jungen Gesellen kamen immer wieder und baten zu schön. Das vierte und fünfte Mal blieben sie schon bis nach Sonnenuntergang, und das sechste und siebente Mal hatte die Glocke zwölf geschlagen, als sie heim kamen, und sie mußten ihre Wirthin herauspochen, daß sie ihnen die Thüre aufschlösse, und als die alte Frau sie ermahnte und sie ihrer seligen Mutter erinnerte, lachten sie schon und sprachen: Ach! die Mutter und ihr! wann die Mäuse keine Zähne mehr haben, schelten sie auf die Nußknacker; ihr werdet auch getanzt haben, als ihr jung waret.
Die Mädchen waren zu Hause noch immer sehr fleißig, auch hatten sie noch nichts Unehrbares gethan noch gelitten, aber die Thüre zum Bösen war geöffnet, und Leichtsinn und Leichtfertigkeit nahmen von Tage zu Tage zu, und nun ward auch schon mancher kostbare Wochentag mit Nichtsthun und Herumprangen vertändelt und verquändelt, den sie sonst auf nützliche Arbeit verwendet hatten. Auch in ihrem Kämmerchen mußte alles anders werden; die Vögel waren lustig und bunt geworden, es mußte alles blankere und zierlichere Federn anziehen: neue Tische, neue Stühle, neue Vorhänge, feinere Kleider und Schuhe. Aber mit dem alten Hausrath schien auch der mütterliche Segen, der bisher sichtbar auf den Kindern geruht hatte, aus dem Hause gezogen zu seyn. So schlich sich das Unglück mit dem Leichtsinn ein; erst hielt sie der Böse nur an einem dünnen seidenen Fädchen, zuletzt hat er sie mit einem dicken Kabeltau der Sünde umflochten und sie haben die Schwere und den Schmutz desselben gar nicht mehr gefühlt.
Grethchen und Kathrinchen hatten immer viele schöne Arbeit und kostbare Zeuge unter Händen, woraus sie Schmuck und Kleider stickten und näheten. Sie gebrauchten jetzt mehr Geld als sonst, sie fingen allmälig an zu mausen, ach! sie stahlen zuletzt. Einmal hatten sie einen bunten seidenen Rock gestohlen, der in einem Nachbarhause am Fenster hing, und an einen herumziehenden Juden verkauft. Ein armer Schneidergesell, bei welchem man viele bunte Lappen und Streifen Zeug gefunden, die er auch wohl gemaust haben mogte, war darüber angeklagt, gerichtet und gehängt worden. Er hing und baumelte an dem lichten Galgen. Eines Abends spät kamen die beiden Dirnen mit andern Gesellen und Gesellinnen von einem Dorftanze zurück und der Weg ging an dem Galgen vorbei. Da rief einer aus der Schaar, ein leichtfertiger Gesell: Fritz Schneiderlein! Fritz Schneiderlein! wie theuer wird dir dein bunter Rock! Kaum aber hatte er das Wort gesprochen, so schlug die Sünde wie ein Blitz in die beiden Dirnen, die schuld waren an des armen Schneiders Tod. Sie stürzten beide wie todt zur Erde hin, und die andern, die es sahen, liefen voll Schrecken weg, als hätten ihnen alle Galgenvögel schon in dem Nacken gesessen. Sie haben die Geschichte in der Stadt erzählt, und die Leute sind hingegangen, aber die beiden Dirnen haben sie nimmer gefunden.
Und wie hätten sie sie finden sollen? Sie waren in Vögel verwandelt und müssen nun in der weiten Welt herumfliegen. Grethchen ist ein Rothkehlchen geworden und Kathrinchen ein Kohlmeischen; denn Grethchen trug immer ein rothes seidenes Tuch um den Hals und Kathrinchen ein gelbes. So müssen sie nun als kleine Vögel in den Wäldern rundfliegen und Hunger und Durst leiden, Hitze und Kälte aushalten und vor Sperbern und Falken, vor Schlangen und Ottern, vor Jägern und wilden Buben zittern. Das hatte ihre Mutter wohl nicht gedacht, als sie so sittig und fein mit ihr in dem Kämmerlein saßen und stickten und webten und näheren und Abends und Morgens bei dein Zubettgehen und Aufstehen mit heller Stimme geistliche Lieder sangen. Aber die armen Kinder sind zuerst verlockt dann verführt und so endlich in schwere Sünden gefallen, und haben kaum gewußt, wie sie dazu gekommen sind: so leise und sanft hat der Leichtsinn sie seinen Schlangenblumenweg geführt. Daß diese kleinen Vögel einst Menschen gewesen, ist ganz natürlich, und man kann es auch daraus sehen, daß sie immer um die Häuser der Menschen fliegen, auch oft durch die offenen Fenster in die Zimmer kommen und sich da fangen lassen, auch daß sie im Walde, so wie sich nur Menschen da sehen lassen, sogleich um sie herumflattern und herumzwitschern. Sie haben auch die alte Unart im Vogelkleide noch nicht abgelegt und können das Mausen nicht lassen sondern sind noch immer Erzdiebe, und wo nur etwas Buntes und Neues und Schimmerndes ausgehängt wird, da fliegen und schnappen sie darnach, und werden daher keine Vögel leichter in Fallen und Schlingen gefangen als diese beiden, und müssen Grethchens und Kathrinchens gefederte Urenkel es noch entgelten, daß sie einst zuviel auf Kirmisse und Tänze gegangen und den bunten Rock gestohlen haben, worum der Schneider hangen mußte. Die Menschen jammert es sehr, wann sie Rothkehlchen und Kohlmeischen in den Schlingen hangen sehen, und sie rufen wohl: ach! die armen niedlichen Vögelein! Denn sie sind wirklich sehr niedlich und hübsch, und waren einst auch niedliche und hübsche Dirnen, ehe sie von bösen Buben verführt wurden, und lebten als fromme einfältige Kinder und meinten und wußten nichts Arges.
Aus dieser Geschichte lernt man, daß es wohl wahr ist, was weise Leute sagen, daß mancher einen bunten Rock trägt, worin ihm nicht wohl ist, und daß manche bunte Röcke tragen, wozu sie nicht gut gekommen sind.
Schipper Gau un sin Puk
Ji hewt woll oftermals hürt, wo veele Hexerei un Töwerei mit Katten, Zegenböcken, Heimken un Schorfpoggen drewen ward un wo de olde Fiend sick darachter steckt un den armen verbiesterden Minschen in de Höll herin spelt. Äwerst dat gifft so veelerlei Töwerei, datt et nich to denken noch uttospreken is, un wer schullt't glöwen, datt de Düwel listig nog is, in Müggen un Käwer ja in den allerminsten Worm sick herintomaken, wenn de vörblendte Minsch nah sinen Dingen lüstern is un nah dem Düstern un Vörborgnen snappt? Denn wer hängen will, seggt dat Sprickwurt, de kan woll dör eenen Spennenfaden to Doode kamen. As ick in miner Jugend in minen Wanderjahren ut minem Vaterlande Holsteen nah Rotterdam up Arbeit kamen was, hew ick mennige snurrige Ding davon sehn un hürt; denn de Schippers hebben veelen sodhanen Awerglowen un mennigerhand heemliche Künste. Ick mag't äwerst nich all nahseggen; doch will ick ju eens vörtellen, wat hier bi uns eenem Mann ut Barth edder vam Dars in Prerow begegnet is un wovon alle Lüde to seggen wüßten, as ick noch een junger Gesell was.